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Andymon

Andymon

Аннотация

    Eine Weltraum-Utopie vom Werden einer Menschheit un von der Kultivierung eines Planeten, ein Epos von dem unzerstörbaren Drang nach Erkenntnis.


Angela und Karlheinz Steinmüller Andymon

Teil I
Das Schiff

Woher?

    Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich der Mensch wieder und wieder stellt. Das war schon auf einem Planeten mit Namen Erde so, der für uns kaum mehr bedeutet als eine phantastische kosmische Sage. Und das wird so sein bis in alle Zukunft unseres Planeten Andymon, über der genau wie über der irdischen Vergangenheit der Schleier der Zeit liegt.
    Ich bin früh auf diese Fragen gestoßen, fast noch als Kind. Ich hatte die Bücher für mich entdeckt, und ich las viel und je nach Stimmung leichtverständliche Wissenschaft, viel Geschichte, erfundene Abenteuer, aber auch Verse. Und eines dieser Gedichte, dessen Wortlaut in der toten Sprache der Inka ich nicht kenne, fragte: Woher komme ich? Was bin ich? Wohin gehe ich?
    Es schien, als ob ich die gereimten Schreie des längst zu Staub zerfallenen Dichters beantworten könnte: Du kamst aus dem Schoß deiner Mutter — soviel wußte ich damals schon, daß die Menschen der Erde Mütter hatten — in dem untergegangenen Reiche der Inka auf dem von uns nie gesehenen Planeten Erde; du warst ein Mensch, ein Homo sapiens, gemäß der Einordnung in die Systematik des Lebenden; und du bist eines gewaltsamen Todes gestorben, als bärtige Barbaren all das zerstörten, was dir als Kultur galt. So einfach erschien es mir, die Fragen des indianischen Dichters zu beantworten.
    So einfach… Doch: Woher komme ich? Was bin ich? Wohin gehe ich?
    Kann ich die letzte Frage beantworten, solange mir die Umstände meines nicht zu bezweifelnden Todes ungewiß sind? Darf ich die zweite Frage mit einem sachlichen „Homo sapiens“, einem einfachen „Ich bin ein Mensch“ beantworten, da doch mit uns eine neue kosmische Gattung geboren wurde? Genügt es, das Woher mit dem technischen Satz zu erhellen: Ich wurde an Bord eines Raumschiffes ohne Namen vom Inkubationssystem 2 erzeugt, als sich die Große Reise ihrem Ende näherte? Muß ich hinzufügen, daß ich Verschmelzungsprodukt des Spermiums eines mir unbekannten menschlichen Vaters und der Eizelle einer mir unbekannten menschlichen Mutter bin und daher in mir trage, was die biologische Evolution auf der Erde in Jahrmillionen ansammelte?
    Ich bin nicht sicher, ob ich die Fragen des indianischen Dichters, dessen Existenz im Dunkel liegt, raumzeitlich beantworten soll, ob sie überhaupt eine artikulierbare Antwort suchen oder nur Ausdruck sind des Fremdseins in einer Welt, die dem Menschen bald feindlich, bald freundlich gegenübersteht und die er mit Taten und Begriffen zu bezwingen sucht. Doch wie könnte ich fremd sein in einer Welt, die ich selbst mit schuf? Ich muß wohl glauben, daß aus diesen Fragen die Offenheit der Welt, die Unendlichkeit von Raum und Zeit zu mir sprechen.

Ramma

    Dieses Gesicht, diese Augen, die mir stets freundlich zulächelten, die weichen sanften Züge, selbst die feingeschnittenen Brauen und die eher breit zu nennende Nase, das schwarze, welligweiche Haar, mit dem ich so oft spielte - ich kann sie nie vergessen, Ramma, meine Ramma. Sie ist das erste Wesen, dessen ich mich entsinnen kann. Keine meiner Erinnerungen reicht weiter zurück. Wie sollte es auch anders sein. Dem erwachenden Bewußtsein eines entstehenden Menschen sind die Anfangsphasen seiner Entwicklung verschlossen. Vom Inkubator erfuhr ich erst Jahre später.
    Denke ich zurück, so liebe ich Ramma noch heute, empfinde noch heute einen Anflug jener warmen Geborgenheit, die meine früheste Kindheit bestimmte und so sorgenfrei machte. Dabei war Ramma nichts als ein ausgeklügelter Betrug, falsch bis auf die metallenen Knochen, bloßer Trick und Imitation. Jeder ihrer Gesichtszüge, jede ihrer Bewegungen war so ausgedacht und entworfen, daß sie mir die nicht vorhandene menschliche Mutter vorgaukelten. Jedes ihrer Worte des Trostes und Mitgefühls bei meinen kindlichen Wehwehchen war nichts als Vorspiegelung, raffinierte Lüge einem Wesen gegenüber, das unfähig sein mußte, sie zu durchschauen. Das Werk eines Kollektivs von Kinderpsychologen, Kybernetikern, Designern war vor allem in dieser Beziehung perfekt. - Und doch denke ich mit Liebe an Ramma zurück.
    Ist es falsch, daß ich jetzt noch so viel Gefühl, so viele Gedanken auf ein technisches System verschwende, auf meine Robotamme? Ich weiß es nicht. Und wenn sich hinter ihren mütterlichen Gesichtszügen auch hochintegrierte Nanoelektronik verbarg und wenn ich auch aus synthetischen Brüsten trank und, eingelullt von künstlicher Wärme und einem leisen imitierten Herzschlag, einschlief, es war nun einmal meine Ramma.
    Ist es nicht gleich, daß ein ausgeklügeltes Programm all ihre Handlungen bestimmte? Daß genetisch determinierte Schlüsselreize berücksichtigt wurden und entwicklungspsychologische Gesetze? Ich liebte Ramma, denn sie war es, die mir zulächelte, mich in ihren unermüdlichen Armen wiegte, mir zärtliche Worte zuflüsterte.
    Sie, die Maschine, die komplexe kybernetische Struktur, die Gefühle weder empfangen noch erwidern kann, sie allein hat mein Fühlen erweckt und in den ersten Jahren geleitet. Ohne Ramma wäre ich kein menschliches Wesen geworden, ein wildes Tier nur, ein menschenähnlicher Automat.
    Ramma — so paradox es scheint: Ein Roboter erzog mich zum Menschen. Und so haben die Rührung und die Dankbarkeit, mit der ich an sie zurückdenke, ihre Berechtigung.

Geschwister

    Alfa war die Erstgeborene. Zwei Monate früher als mich hatten die Inkubatoren sie in unsere stahlummantelte Welt gesetzt. Und eines Tages müssen uns unsere Rammas zusammengebracht haben, eines Tages, an den ich mich nicht entsinnen kann, so weit liegt er zurück im Schatten meiner Kindheit. Kein Bild taucht in mir auf, das mich allein mit der dunklen Alfa zeigt in den zehn Wochen, bevor Gamma unsere Gespielin wurde. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Erinnerungen an die Zeit des Spielens zu dritt echt sind oder ob es sich nicht nur um das nachträgliche Ausmalen wahrscheinlicher Situationen handelt. Aber das ist unwichtig. Ich sehe, wie sich die winzige Gamma auf Alfas Rücken festklammert und wie ich beide eifersüchtig umkreise.
    Lange Jahre — die zeitlosen, halbvergessenen Jahre der frühen Kindheit — blieb Alfa in meinen Augen die Große, die Starke, die Überlegene. Sie war kräftiger gebaut, zudem die Ewigkeit von achtundsechzig Tagen älter, die ich nie einzuholen vermochte. Gamma hingegen zeichnete eine unter uns einzigartige Zierlichkeit aus. Kein Wunder, daß Alfa mit ihr „Ramma und Gamma“ spielte und den Bruder, den sie weder richtig auf dem Rücken tragen noch bemuttern konnte, überging. Neidisch beobachtete ich ihr Spiel, versuchte mich dazwischenzudrängen oder ahmte sie nach, indem ich die beiden einzig bekannten Rollen, die des Babys und die der Ramma, annahm. Manchmal stritt ich mich mit Alfa um Gamma. Allein sie wußte ihren Willen meist durchzusetzen, und ich blieb Zuschauer bei diesem Spiel, zumindest in meiner echten oder falschen Erinnerung.
    Etwa als Delth in unseren Kreis trat, entdeckte ich, daß Ramma nicht Ramma war, oder vielmehr, daß es Ramma und Ramma und Ramma gab: Sie konnten nebeneinanderstehen. Das verwirrte mich sehr. Und in der ersten Verwirrung hatte ich sogar Mühe, meine, die einzig richtige Ramma herauszufinden. Erst ihre so vertraute, beseligende Stimme gab mir die Sicherheit zurück.
    Heute weiß ich natürlich, daß sich um jedes Kind eine spezielle Robotamme kümmerte, damals aber erschütterte diese Entdeckung meine Welt. Ich mußte unterscheiden lernen, und die Grammatik von mein, dein und sein bekam einen tiefen, ungeheuerlichen Sinn.
    Wir nannten uns Geschwister und Schwester und Bruder die Spielgefährten. Wie alle Wörter kamen auch diese von den Rammas, wurden uns gelehrt, ohne daß wir es bemerkten. Viel, viel später erst begriff ich, daß diese Wörter auch eine andere, biologische Bedeutung besitzen können. „Blut ist dicker als Wasser“, sagt man auf der Erde. Eine Halbwahrheit. Die Hautfarbe meiner Geschwister ist verschieden wie Tag und Nacht, und doch stehen wir uns durch die gemeinsame Kindheit noch heute so nahe, wie es gemeinsame Gene allein nie hätten bewirken können.
    Wir nannten uns Geschwister, wuchsen und bekamen Zuwachs. Nach Delth kam Ilona, auf Zeth folgten Eta und Teth, während die Monate vergingen. Oft mußte eine Ramma einschreiten, wenn wir größeren Geschwister zu rabiat mit den kleineren umgingen. Die Schelte, die ich gesenkten Hauptes empfing, weil ich Eta hatte fallen lassen, kann ich nicht vergessen. Noch heute fasse ich Kinder nur sehr sacht an, betrachte sie als etwas unendlich Zerbrechliches.
    Wir spielten mit weichen Bauklötzen aller Farben, rauften uns um Bälle, wurden gebadet und plantschten. Und wir beschmierten mit süßen Buntstiften alles, was uns in den Weg oder in den Sinn kam. Besonders gern haben wir Ilona angemalt, sie war als Kind weißblond und hatte eine entsprechend zarte helle Haut, auf der die Farben wunderbar zur Geltung kamen. Ilona lag nichts daran, von uns verziert zu werden. Alle Beteuerungen, sie werde dadurch schöner, halfen nichts. Sie schrie jämmerlich nach ihrer Ramma, wenn wir sie endlich überwältigt hatten und festhielten. Aber manchmal, insgeheim, bemalte sie sich selbst.
    Neben den Geschwistern und Rammas gab es noch ein Wesen in meiner kindlichen Welt, das eher ihnen ähnelte als den toten Dingen wie Stöcken oder Schachteln - meinen Teddy. Er lauschte geduldig meinen langen Erzählungen, verweigerte kein Spiel, ertrug gehorsam, was immer ich mir ausdachte, und liebte mich auch nach der gründlichsten Untersuchung noch. Zweimal mußte mein Teddy nach Zerlegungsversuchen von Ramma wiederhergestellt werden, kurieren nannte sie das und erklärte mir die Leiden eines geschundenen Teddys. Nur Delths Teddy wurde öfter repariert.
    Der Mensch ist so eingerichtet, daß sich in der Erinnerung das Verhältnis von Leid und Freude verschiebt. Ich weiß sicher, daß ich als Kind oft geweint habe, schon um meinem Willen Ausdruck zu verleihen. Und doch erscheint mir die Zeit im Kreise der widerborstigen Geschwister und der folgsamen Spielzeuge in einem freundlichen Licht. Die Sorgen des Kinderaugenblicks verblassen vor den Sorgen, Mühen und Anstrengungen, mit denen Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart des Erwachsenen beschatten.

Wiese

    Sehr klein noch müssen wir gewesen sein, als uns eine Ramma zum erstenmal auf die Wiese brachte, denn mir fehlt jegliche Erinnerung an diesen Tag. Aber ich war einmal unbeabsichtigt Zeuge eines solchen Augenblicks im Leben einiger jüngerer Geschwister, als ich mich vor meinen Spielgefährten im Wiesenraum verbarg.
    Eine Tür öffnete sich. Ich glaubte mich schon entdeckt, da sah ich zu meiner Überraschung vier Kinder, die gerade laufen konnten, unschlüssig an der Schwelle stehen. Das Schauspiel, das nun stattfand, fesselte mich.
    Was war das doch für ein seltsames, überaus großes Zimmer, in das sie Ramma führte! Den Boden bedeckte ein dickes grünes Fell, das sie nicht zu betreten wagten, bis die Ramma, die einige Schritte vorausgegangen war, sie zu sich rief.
    „Das ist eine Wiese, eine grüne Wiese“, erklärte die Ramma. „Sie besteht aus Gras.“
    Sie echoten die neuen Worte und kugelten zu Boden, um das Gras richtig zu spüren. Es war kühl und kitzelte angenehm auf der Haut.
    Vorsichtig zog ich mich zum anderen Ausgang der von hohen Wänden umgebenen Wiese zurück. Ich wollte nicht stören.
    „Gras ist nicht eßbar“, sagte die Ramma. Sie hatte die Beine angezogen und sich auf ihren konischen Unterleib niedergelassen, um ihnen näher zu sein.
    Sofort stopften sie, allen voran ein dicker, unbeholfener, brauner Junge, die harten Halme in den Mund. Es schmeckte wirklich nicht — ebensowenig wie die Erde, die er aus dem Boden pulte. Er spuckte angewidert das Zeug aus.
    „Brei essen“, verlangte er ungeduldig. So ein plumper Knabe war ich vielleicht auch einmal gewesen — oder ähnelte er eher Delth?
    Und dann entdeckten sie die Blumen. Gras, das nicht grün war, sondern gelb und blau und rot. Kreischend rissen sie sie aus, zerpflückten auch das letzte Blatt, das letzte Staubgefäß und bewarfen sich juchzend mit den bunten Schnipseln, von denen manche im Haar der Spielgefährten hängenblieben. Sie hatten ihre laute Freude daran. Dann schmückten sie sich, so gut sie mit ihren ungeschickten Händen konnten, steckten sich Blüten in die Ohren und in die Nasenlöcher. Es würde noch seine Zeit dauern, bis sie, wie wir, es lernen würden, aus Blumen Kränze zu flechten.
    So oder ähnlich müssen auch Alfa, Delth, Gamma und ich die Wiese kennengelernt haben. In wenigen Tagen war sie uns vertraut wie unser Schlafraum. Und wie die Wiese nach unseren wilden Spielen, Gras-und Dreckschlachten mitunter aussah! Manchmal vergingen Wochen, bis die Narben zugewachsen waren.
    Und wie oft erwartete uns am Morgen etwas Neues auf der Wiese! Ein weißes Kaninchen in berechtigter Angst, das sich erst in der letzten Ecke fangen ließ, ein paar Mäuse, die uns einen Schreck einjagten, keine Furcht kannten, uns zu beklettern, und die wir doch nie ergreifen konnten. Ein Vogel, ein fliegendes Tier! Die Wiese war voller Wunder. Von den Rammas lernten wir die Namen der Tiere und die Zahlen von eins bis viele, das auf drei folgte. Und wir fragten und fragten. Gamma entwickelte darin eine besondere Kunst, sie wußte auf jede Antwort der Rammas eine neue Frage.
    So ist das bei Kindern. Zu viele von uns haben mit wachsendem Alter das Fragen verlernt, begnügen sich mit vorgegebenen Antworten. Ich aber glaube, daß man sich nie auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin mit einer letzten und endgültigen Antwort zufriedengeben darf.

Naturpark

    Die Wiese hatte ich noch bereitwillig akzeptiert als einen neuen Raum, doch als wir später, nach häufigen Begegnungen mit Tieren und Pflanzen, in den Naturpark geführt wurden, schien mir das Herz stillzustehen. Die Wiese konnte ich schnell überqueren, die gegenüberliegende Wand und die Decke waren stets zu sehen, die Größe des Naturparks aber erschreckte mich. In meiner kindlichen Vorstellung war er schlicht unendlich. Die Wände fehlten! Hinter jedem Baum standen weitere, hinter der Wiese kam ein See, und hinter dem See waren erneut Wiesen und Bäume und dann die grauen Flecken, die Felsen hießen. So ging das weiter und weiter und höher hinauf.
    Während ich dem Lauf eines glitzernden Bachbandes mit den Augen folgte, die bald nicht mehr alle Details zu erkennen vermochten, mußte ich meinen Kopf heben. Wie sollte ich wissen oder begreifen, daß die grünen, grauen, gelben und blauen Farbtupfen über meinem Kopf noch zum Naturpark gehörten? Wie konnte ich ahnen, daß ich mich in einem kilometergroßen Zylinder befand, da mir die Begriffe dazu fehlten. Für mich verschwand der Park in der Entfernung einfach in einer Art Nebel, ich sah, und zugleich sah ich nicht.
    Die jüngeren Geschwister nahmen den Park, wie er war. Meine Furcht vor der Weite mochte ihnen fremd sein.
    Am Abend kroch ich verstört in mein Bett, das wohltuend nahe Wände umgaben. Ich träumte einen unvergessenen Traum: Die Wände unseres Zimmers lösten sich grün auf, ich befand mich in einem größeren, das der Wiese ähnelte. Und wieder zergingen die Wände, noch einmal konnte ich unsicher eine feste Hülle um mich in der Entfernung erspähen, dann zerplatzten meine Sinne in ein grenzenloses Nichts, dann erfuhr ich die große Leere, von der ich damals noch nichts wissen konnte.
    Ich erwachte und fror. Ich wollte Ramma rufen, aber die Leere verstopfte mir den Mund. Ich kroch, bis ich Alfas Bett fand, stieß sie wach und erzählte ihr unter Tränen, daß nirgendwo eine Wand sei. Dann weinte auch sie, und ich beruhigte mich.

Guro

    Ich mochte etwa fünf Erdjahre zählen, da saß eines Morgens ein neues Wesen an einem der Felsen. Wir waren es längst gewohnt, ständig neue Tiere kennenzulernen, auch solche, deren Biß uns erkranken ließ oder deren Stich schmerzende Beulen verursachte. Nur der unermüdlichen Aufmerksamkeit der allgegenwärtigen Rammas war es zu verdanken, daß wir mit Schreck und Schmerz davonkamen. Doch dieses neue Wesen ähnelte nicht den Vierbeinern oder den Gefiederten, es glich auf eine verzerrte Weise eher den Rammas und uns.
    Zweibeiner sprechen, war die erste Erfahrung, die es uns vermittelte, als wir uns vorsichtig und neugierig näherten. Das Wesen sagte: „Ich heiße Guro. Ab heute werde ich euch alles lehren.“
    Ich erwiderte, daß ich Beth heiße, und fragte, ob er mit uns spielen wolle. Guros Lächeln galt uns als Einwilligung.
    Noch am selben fag rief uns Guro am Ufer des Sees zusammen. Mit einem Stock malte er Zeichen in den Sand. „Dies ist für dich, Alfa, und das für dich, Beth.“
    Ich versuchte sofort, es nachzuzeichnen. Die anderen wollten nicht zurückstehen, holten sich Stöcke und kritzelten im Sand. Ilona schrie, als wäre sie selbst verletzt, als Eta aus Versehen auf ihr kraklig dürres Epsilon trat und es verwischte. Guro war sofort zur Stelle, tröstete sie und übte mit ihr. Er erklärte uns fast jeden Tag neue Zeichen. Als das Spiel den Reiz der Neuheit verloren hatte, mußte Guro zu jedem Zeichen eine Geschichte erfinden, um unser Interesse zu wecken.
    Gamma meinte Jahre später, daß Guro eine Abkürzung für „Genialer Universalroboter“ sein müßte, die Erdmenschen erfänden auf diese Art Namen. Beweisen konnte sie es nicht, und Guro verschwieg uns den Ursprung des Namens — auch sein Wissen kannte Grenzen.
    Guro hatte viel Arbeit mit uns. Nimmermüde beantwortete er die Fragen der Kleineren, zeigte uns manchen Trick, gab uns Ratschläge für unsere Spiele und später dann Unterricht.
    Als mehr Geschwister zu uns in den Naturpark stießen, sagte Guro: „Ihr werdet zu viele, ich muß mich verdoppeln.“
    Wir lachten, bis wir sahen, daß im Schatten des Felsens, nur wenige Schritt hinter ihm, ein zweiter Guro stand. Sie glichen einander so sehr, daß uns schon bald jegliche Unterscheidung unmöglich wurde. Oft fragten wir einen Guro etwas und rannten gleich darauf abgelenkt davon, in solchen Fällen konnte auch der andere antworten. Wir wunderten uns nicht wenig, waren aber froh, daß es einen doppelten Guro gab: So konnte er uns mehr erzählen.
    Zwei Roboter, die von einem entfernten Computer gesteuert werden — wie wenig Geheimnis barg Guros Verdopplung in sich. Mit seinem Wissen, den in den Informationsspeichern des Schiffes gesammelten Erfahrungen der Menschheit, ist er mir zu jeder Zeit hoch überlegen. Aber seine Genialität und Universalität sind auf die beschränkte Welt des Schiffes zugeschnitten. Heute löst er meine Probleme nicht mehr.

Wandern mit Guro

    Von dem Zeitpunkt an, als wir acht Ältesten einen Guro bekamen und die Jüngeren einen anderen, begannen wir uns als Gruppe zu betrachten.
    Wir, das waren Alfa mit dem zu großen Mund im dunkelbraunen Gesicht, zu der man mit jedem Wehwehchen kommen konnte und von der man nie ungetröstet ging; und die zarte, milchkaffeebraune Gamma, die beim Nachdenken immer ihren Zeigefinger an die Nase hob. Zu uns gehörten die beiden stets dreckverkrusteten Hellhäutigen, das kleine Energiebündel Delth und die flinke, blonde, sommersprossige Ilona. Zeth, Eta und Teth, die drei Jüngsten, hatten noch nicht viel zu sagen, sie suchten noch den Anschluß zu gewinnen und ahmten fleißig nach, was wir ihnen vormachten.
    Guro beachtete zwar die damals noch bedeutsamen Altersunterschiede, er versuchte trotzdem, uns allen dasselbe beizubringen, gleich, ob es sich um das kleine Einmaleins oder das Verhalten von Körpern im Wasser handelte. Er erzählte stundenlang, lehrte uns neue Spiele und führte uns auf lange Expeditionen.
    „Wir wandern“, sagte er dann und teilte kleine Beutel mit Verpflegung aus. Wir warfen sie uns über die Schulter, und schon ging es los.
    Die nähere Umgebung des Hügeleingangs in den Naturpark hatten wir spielend erkundet, ebenso wie die Wiese mit ihren Bewohnern, den See am Rande der Wiese und ein Stück Laubwald, der die Wiese zur anderen Seite hin begrenzte. Jetzt umrundeten wir den See, überquerten die dahinterliegende Heide und erklommen einen kleinen bewaldeten Berg. Stundenlang marschierten wir durch Wälder, dichtes Gebüsch und Wiesen, deren Gräser uns überragten.
    Überall am Weg gab es Sehenswertes: den Ameisenhügel, eine Igelfamilie oder einen umgestürzten, pilzbewachsenen Baum. Guro erklärte, dann gingen wir weiter. Er nahm kaum Rücksicht, wenn wir noch ein wenig mit den Igeln spielen oder rasch quer über eine Lichtung laufen wollten, über der bunte Falter tanzten.
    „Heute wollen wir weit gehen“, erinnerte er uns und nahm den Marsch wieder auf. Guro schien auch unsere Klagen über müde Füße zu überhören. Endlich erreichten wir einen Sumpf, rasteten und aßen. Fliegen setzten sich auf unsere Brote, Mücken umschwirrten uns und stachen immer häufiger. Dreckig und abgekämpft, wie wir waren, schmeckte uns jeder Bissen.
    Dann liefen wir über schwankende Mooshügel und vorbei an verkrüppeltem Gehölz. Ständig mußte uns Guro in den Bereich zurückrufen, wo der unsichere Boden sein Gewicht noch trug. Delth und ich spielten mit der kalkulierten Gefahr. Wir wußten, daß Guro ohne Zögern im Sumpf versunken wäre, um uns zu retten. Einmal glitt mein Fuß ab — das Bein stak sofort bis zum Knie im schwarzen Morast. Der Schreck ging wie ein Frost durch meinen Körper.
    „Bring das Seil zu Beth, Alfa.“ Guro hatte vorgesorgt, und ich stand schnell wieder auf festem Boden.
    „Wie verhält man sich in Gefahr, Beth?“
    „Bedächtig“, antwortete ich, wie er es uns gelehrt hatte.
    Guro nickte.
    Trotz aller Warnungen Guros, trotz seiner Ermahnungen und Aufmerksamkeit ging kaum ein Wandertag ohne kleinere oder größere Verletzungen zu Ende. Wie entsetzt schrie Ilona, als eine kleine gelbe Schlange sie biß! Guros Spritze fand sie dann schon wieder interessant.
    Ungern traten wir den Rückweg an, der Sumpf hatte uns noch so viel zu bieten, wir hatten nicht einmal eine Libelle gefangen! Aber Guro ließ nicht mit sich handeln. Der Weg wurde länger und länger. Guro schritt flott aus, und wir wollten uns „bloß mal ein bißchen“ ausruhen. Er kannte kein Erbarmen. „Strengt euch ruhig etwas an. In einer Stunde sind wir da.“
    „Ich will nicht mehr“, protestierte ich. „Du bist groß und aus Metall, dir macht es nichts aus!“ Ich stolperte, lief dann doch weiter.
    Erschöpft kamen wir an, stopften das Abendbrot in uns hinein und schliefen sofort ein. Am nächsten Tag wollten wir wieder wandern.

Ein Märchen

    Guro hat uns viele Märchen erzählt. An eins aber erinnere ich mich nach all diesen Jahren besonders deutlich.
    Wir saßen, wie immer etwas unruhig, doch bei den spannenden Passagen ganz Ohr, im Halbrund um Guro. Unsere Finger zerpflückten Gräser oder verflochten Halme. Wir ließen Käfer über die Hände laufen und schauten ins grüne Dickicht, Zentimeter über dem Boden, wo sich manche Ameise mit unmöglich großen Beutestücken abplagte.
    „Heute mal von den Ameisen, Guro!“ wünschte sich der sonst eher zurückhaltende Zeth. Seine schrägstehenden dunklen Augen leuchteten gespannt.
    „Ja, warum sie so gemein beißen“, bekräftigte Ilona, die jedes unbekannte Tier sofort anfassen wollte.
    „Aber das wißt ihr doch schon“, sagte Guro, „nicht wahr? Heute werde ich euch das Märchen von den Ameisen erzählen, die einen neuen Bau anlegen. Es waren einmal 283 Ameisen, die hatten sich ihre 1698 Füße schon fast alle wund gelaufen, so lange waren sie gewandert, bepackt mit vielen Taschen und Eßbeuteln. Sie liefen immer in einer schmalen Reihe, vorn die Wegbereiter, die Umwege fanden um zu große Pflanzen und zu hohe Steine, die kleinere Hindernisse auch zur Seite räumten und jeder Gefahr mutig Trotz boten unter Einsatz von Zangen und Gift. Hinter ihnen kamen die Jäger, die schwärmten oft zur Seite aus und erbeuteten gewaltige Raupen, flinke Hundertfüßler oder auch panzerbewehrte Käfer, die die magere Marschverpflegung angenehm bereicherten. Hinter den Jägern kamen die Träger mit Sack und Pack, wie alle Ameisen schwitzten sie nie und schimpften nicht über ihre Last, die mitunter das Siebenunddreißigkommavierfache ihres Körpergewichts ausmacht. Sie wurden beschützt von den Kriegern mit gewaltigen messerscharfen Kiefern, die die Nachhut bildeten. Zwei Wochen waren sie so gezogen, das ist für Ameisen eine schrecklich lange Zeit.
    Tag für Tag und auch in der Nacht, immer nur auf den Beinen, niemals gerastet, und nach jedem Tag noch ein Tag… In den zwei Wochen sind sie von dieser Buche dort, den Ameisenhaufen darunter kennt Ilona sicher, bis zu einem Baum noch hinter den drei Hügeln gelangt. Ihr braucht natürlich nicht lange, diese Strecke zurückzulegen, aber für Ameisen mit einer Schrittweite von durchschnittlich nur eins Komma zwei Millimeter, da ist es eine ungeheure Entfernung. Und bedenkt, sie trugen eine Last, die mitunter das Siebenunddreißigkommavierfache ihres Kör…“
    „Das wissen wir doch schon, Guro!“
    „Und warum laufen sie solche schrecklichen Strecken, ich würde…“
    „Weitererzählen! Guro, erzähl bitte weiter!“
    „Ja, ihr habt recht, aber erst muß ich noch Gammas Frage beantworten. Die Ameisen suchten einen geeigneten Standort für ihren neuen Bau, denn im alten war es ihnen zu eng geworden. Deshalb sind sie ausgezogen. Warum sie dann aber gerade bei dem Baum hinter den drei Hügeln hielten, das wußte wahrscheinlich nicht einmal die allererste Ameise genau, die plötzlich stehenblieb, sich umdrehte und mit ihren Fühlern der zweiten zutastete: Alles anhalten, wir sind da. Und die zweite Ameise drehte sich zur dritten um und die dritte zur vierten und so weiter, und die Lastameisen warfen ihre Taschen und Eßbeutel ab, und die Jäger liefen in Grüppchen in das Gelände, um Raupen zu fangen oder Samenkörner einzusammeln, und die Krieger wetzten ihre messerscharfen Kiefer und liefen ebenfalls in kleinen Gruppen in das Gelände, um es von Feinden zu säubern. Und dann endlich kam auch die 283. Ameise, und die 282. tastete ihr zu: Alles anhalten, wir sind da.
    Von diesem Moment an begann die Errichtung des neuen Baues. Mit Zangen und Beinen wühlten die Ameisen in der weichen Erde und gruben sich tiefe Gänge und weite Höhlen, andere zernagten Holzstückchen und schleppten sie heran oder fanden Tannennadeln und trugen sie herbei. Jede Ameise wußte, was sie zu tun hatte, sie häuften die Baumaterialien übereinander oder reinigten die unterirdischen Gänge, sie jagten nach Nahrhaftem oder vertrieben Feinde. Zum Schluß packten sie ihre Taschen aus: Darin befanden sich die Sporen der Pilze, die sie züchteten. Aus kleingeschnittenen Blättern bereiteten sie tief unter der Erde Beete für die Pilze, sorgten für die richtige Feuchtigkeit und die richtige Temperatur und beschnitten die Pilze, wie es sein muß, wenn sie wachsen sollen. Und als sie zum erstenmal ein Pilzgericht aßen, wußten sie, daß die große Wanderung und der schwere Aufbau eines neuen Ameisenhaufens vorbei waren.
    Aber die jungen Ameisen, sie hatten sich inzwischen schon reichlich vermehrt, waren ungeduldig und sagten: Warum sollen wir nur an eurem Bau ein neues Stockwerk auf setzen, wir gehen lieber selbst auf Wanderschaft. Und sie packten Taschen und Eßbeutel und machten sich auf den Weg.“
    Guro schwieg. Nur Zeth fand, daß ein richtiges Märchenende nötig sei. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wandern sie noch heute.“
    „Sie sollen mich aber nicht wieder beißen“, bemerkte Ilona und schüttelte energisch den blonden Schopf.

Erdbilder

    Guro erzählte uns viele Geschichten von den Pflanzen und Tieren, die uns umgaben, wie eines auf das andere angewiesen sei und wie die Natur Fehler und Mängel unnachgiebig bestrafe. Doch eines Tages verwunderte er uns mit ganz unglaublichen Märchen.
    „Heute erzähle ich euch von der Erde.“
    „Fein“, fragten wir, „und was ist die Erde?“
    „Ein riesengroßer Ball, den ein gewaltiger Naturpark umgibt.“
    „Unsinn!“ sagte Delth ganz unehrerbietig, und Eta ließ ihr unverkennbares hohes Lachen hören, als wollte Guro scherzen.
    Einen Naturpark im Ball hätte ich vielleicht noch hinnehmen können - aber etwas derart Unmögliches? Ich fragte: „Und was passiert mit den Bäumen und den Seen, wenn die Erde auf den Boden fällt und wegrollt?“
    „Es gibt keinen Boden für die Erde“, erwiderte Guro und bestand darauf, daß die Erde kein mißlungenes Märchen sei, sondern so real wie er und wir.
    Wie konnten wir das glauben! Es gab nichts außer unseren Kinderzimmern und dem Naturpark, alles andere war Traum, Märchen, Einbildung. Doch Guro hatte vorgesorgt, uns schon vor Wochen mit einer Kamera vertraut gemacht, einem kleinen Schächtelchen, das ganz ohne Buntstifte und Papier malte, so genau und getreu malte, daß wir fürchteten, es würde die Bäume und Tiere und Felsen auf den Bildern aus dem Naturpark wegfotografieren. Guro hatte Tage benötigt, um uns die Funktionsweise zu erklären.
    Und nun zog er aus seiner Seitentasche Bilder von der Erde hervor, von dem Ball, den wir nie im Naturpark gesehen hatten. An diesem Tag zeigten die Fotos nur eine blaue Kugel mit weißen und braunen Flecken, die in einem schwarzen See schwamm. Wir stießen unsere Finger gegen das Bild und fragten wie noch nie.
    „Was ist denn das Braune?“
    „Das sind Berge.“
    „Und was ist das Weiße?“
    Und Guro erklärte und erzählte von irdischen Wolken und vom Regen, der unvergleichlich heftiger sein konnte als in unserer kleinen Welt. Tag für Tag brachte er neue Bilder von der rätselhaften Erde — sie paßten nicht zusammen. Wälder und Tiere sollte es auf dem Riesenball Erde geben — na schön. Aber diese merkwürdigen Felsen mit den eckigen Löchern drin? Und wo sollten diese vielen Menschen herkommen, die darinnen wohnten? Überhaupt diese Menschen, sie waren weder Guros noch Rammas, aber den Geschwistern ähnelten sie auch nicht sehr. Und doch behauptete Guro, daß sie unseresgleichen seien. Er ließ uns die verrückten Wörter „Haus“ und „Stadt“ schreiben und ausrechnen, wie viele Menschen in so einer Stadt lebten — ein Ameisenhaufen, dessen wimmelnde Bewohner uns so beeindruckt hatten, war ein Nichts dagegen.
    „Du träumst“, sagte Delth zu Guro mit fester Überzeugung, „oder du hast Fieber wie Eta, als sie so durcheinandergeredet hat.“
    Doch Guro bestand darauf, daß er weder träumen noch fiebern könne.
    Es dauerte seine Zeit, bis wir uns an die Bilder und Geschichten von der Erde gewöhnten. Über ein Jahr lang blieb die Erde unser großes beunruhigendes Geheimnis, daß wir der zweiten Gruppe verschwiegen. Selbst Teth, unser jüngster, der zu dieser Zeit gern vor Jota, Kapth und den noch Kleineren angab, hielt über die seltsame Erde den Mund. Er ahnte, daß er auf Unverständnis stoßen würde.
    Ich glaube, die meisten von uns trauten Guros Berichten erst, als sie später, kurz vor dem Eintritt in das Erwachsensein, die Totaloskope benutzen konnten und nun selbst das Leben auf der Erde erfuhren und erfühlten. Bilder, Abbilder von der Wirklichkeit allein besaßen nicht die nötige Überzeugungskraft. Wir sahen und glaubten doch nicht ganz. Als ob das Totaloskop weniger lügen könnte als ein Diaprojektor! Als ob wir unseren Gefühlen mehr Vertrauen schenken dürften als unsern Augen! Mit letzter Sicherheit werde ich wohl nie wissen, ob es eine Erde so gab, wie Guro sie uns schilderte.
    An jenem Abend jedoch, als wir den blauen Ball im schwarzen Nichts hatten schwimmen sehen, da war ich heilfroh, nicht auf der Erde zu leben, die weder Decke und Wände noch einen Boden hatte.

Delth

    Wieviel können doch sechs Monate und ein paar Zentimeter bewirken! Delths ganze Kindheit stand unter ihrem Zeichen, und auch meine blieb davon nicht unbeeinflußt. Er wurde ein halbes Jahr zu spät geboren, um der Älteste, der Allererste und damit naturgegeben die wichtigste Person zu sein. Daß ich ihn zudem um einen halben Kopf überragte, war für ihn eine ständige Herausforderung. Unablässig setzte Delth alles daran, mich zu übertrumpfen. Alfa, die ihre körperliche Stärke wegen ihrer Gutmütigkeit nie voll ausspielte, hatte er bereits bezwungen. Delth scheute keinen Kampf um das reichliche Spielzeug, er verzichtete auf keinen gefährlichen Alleingang durch den Naturpark, nur um seinen Mut zu beweisen und seinen Anspruch durchzusetzen, unser Anführer zu sein.
    Anfangs durfte ich es noch wagen: „Den Ast erreichst du nie, Delth, dazu bist du zu klein!“ zu sagen oder seine großen Ohren mit den Richtmikrofonen Guros zu vergleichen. Es bereitete mir Vergnügen, zu sehen, wie er rot anlief und die Fäuste ballte.
    Später kehrte sich das Verhältnis um. „Tja, Delth, du weißt doch: Kurze Beine — kurzer Verstand!“ Schon sprang mich Delth an und begann auf mich einzuschlagen. Ich wehrte mich, wir rollten über den unebenen, steinigen Boden, daß wir blaue Flecke bekamen und uns die Haut an herumliegenden Aststücken aufrissen.
    Delths Taktik bestand darin, meinen Kopf und meinen Hals fest und fester zu umklammern. Meist gab ich dann schwitzend und um Atem ringend auf. Wenn ich versuchte, bis zum Äußersten, bis es mir schwarz wurde vor Augen, durchzuhalten, griff Guro ein, trennte uns und verkündete: „Delth hat gewonnen!“ — was uns nicht hinderte, Minuten später erneut übereinander herzufallen.
    Manchmal höhnte Delth: „Was denn, Beth, dieses Strampeln soll Schwimmen sein? Ich bin bei der Insel, ehe du dreimal Luft geschnappt hast!“
    Natürlich nahm ich die Herausforderung an. Doch wehe, ich holte Delth ein. Er kämpfte auch im Wasser, versuchte mich unterzutauchen, umklammerte meine Arme, auch wenn er dabei selbst tüchtig Wasser schluckte und beinahe unterging. Im Laufe der Zeit lernte ich es, Delth, der nicht so schnell schwimmen konnte wie ich, nie ganz einzuholen. Damit hatte er sein Ziel erreicht: Ich ordnete mich ihm unter.
    Mit zehn Jahren war Delth körperlich uns allen überlegen und wußte genau, wie er uns gegeneinander ausspielen konnte. Er erfand immer neue Mutproben, um seinen Anspruch unter Beweis zu stellen. Kein Baum war ihm zu hoch, kein Dschungel zu dicht, kein Tier zu stark. Und wir eiferten ihm nach. Delth machte uns zu den unumstrittenen Herren des Naturparks, denen selbst rebellische Schimpansen und räuberische Kleinkatzen knurrend den Weg frei gaben. Zum Glück hatten die irdischen Konstrukteure des Schiffs keine größeren Raubtiere für die Dschungel des Naturparks vorgesehen, sonst wären unsere Abenteuer trotz der Wachsamkeit Guros und versteckter Rammas nicht immer so glimpflich verlaufen. So kamen wir mit Fleischwunden oder sofort zu behandelnden Schlangenbissen davon.
    Noch hatten wir es nicht gelernt, die Gefahren, in die uns unsere Abenteuer brachten, richtig einzuschätzen. „Nur ich wage es, von hier hinunterzuspringen!“ Delth stand auf einem kleinen Felsen, der zu einer Seite hin etwa um zehn Meter steil abfiel. Zweifelnd sahen wir Delth an. Niemand von uns dachte an einen tödlichen Ausgang dieses Abenteuers — sterben, was ist das? —, dennoch war keinem von uns sieben Geschwistern das sinnlose Wagnis eine schmerzhafte Verletzung wert. Delth schon. Er schimpfte auf die beiden Rammas, die seinen Sturz mit Hilfe eines Sprungtuches dämpften. Keine Furcht zeigen, das war sein oberstes Prinzip. Und dann bekam ich die Schläge von ihm, die eigentlich den beiden Rammas galten.
    An solchen Tagen haßte ich Delth mit jeder Faser meines Körpers. Ich versteckte mich vor ihm im Geäst eines Baumes oder hinter einer unübersichtlichen Felsgruppe. Mit offenen Augen träumte ich verworrene blutige Pläne, ihn in Fallgruben zu locken und zu steinigen oder ihn mit Lianen an einen Baum zu fesseln, bis er Opfer der von mir aufgestörten Termiten wurde. Doch wenn ich ihn Minuten später sah, wußte ich, wie schwach ich war und daß ich ihn nie würde überwältigen können. Mochte ich auch dabei mit den Zähnen knirschen, ich schickte mich in seine Befehle.
    Denke ich heute an Delth, lächle ich über unsere vergangenen Kämpfe und Abenteuer - und ich traure um Delth.

Verstecken

    Es gab Dinge, die mußte uns Guro nicht erklären. Auch das Versteckspiel erfanden wir allein. Wir hatten oft Tiere gefangen, waren ihnen in die Gipfel der Bäume nachgeklettert, durch die Seen und Tümpel nachgeschwommen, hatten ihnen Fallen gestellt oder aufgelauert. Mochten sie noch so beißen und kratzen, wir wichen vor ihnen nicht zurück. In ihren Schlupflöchern, Nestern und Höhlen hatten wir sie aufgestöbert. Bald kannten wir ihre Waffen und Tricks.
    „Wenn ich ein Stachelschwein wäre“, sagte Eta, „würde ich mich so verbergen.“ Und schon war sie im Unterholz verschwunden, daß kein Fleck ihrer schwarzen Haut und keines ihrer Kraushaare mehr hervorschaute.
    „Du und Stachelschwein… Deine Stacheln möcht ich sehen“, stellte Teth sachkundig fest, „du kannst mich nicht pieken!“
    Aus dem Gebüsch erklang ein verräterisches Glucksen. Als Teth näher kroch, bewarf Eta ihn mit Ästen.
    Es dauerte seine Zeit, bis wir vernünftige Regeln für das neue Spiel gefunden hatten, wir konnten uns ja nicht alle gleichzeitig verkriechen oder gleichzeitig suchen, und wir mußten unseren Bewegungsraum eingrenzen.
    Delth teilte ein. „Du suchst, Beth, und wir schleichen uns weg.“
    Die Geschwister zu finden fiel mir schwer, auch wenn ich viele Verstecke selbst ausprobiert hatte. Ein ganzer Naturparkdschungel voller verborgener Kuhlen, verdeckter Baumwipfel, dichten Unterholzes … Delth beschmierte sich gewöhnlich vor dem Spiel mit Schlamm, die bleiche Haut hätte ihn sonst verraten. Einmal suchte ich ihn fast einen ganzen Tag, er befand sich weit außerhalb des normalen Spielgebietes. Unmöglich konnte er sich in der festgesetzten Frist verkrochen haben, wie es die Spielregel forderte.
    „Ich habe bis dreihundert gezählt — aber ganz langsam“, gab er zu.
    Am liebsten hätte ich ihn mit meinen Fäusten gelehrt, daß man die Regeln einhält. Ich schwor mir, ihn am nächsten Tag unbedingt zu besiegen. Ganz lässig und überlegen wollte ich ihm zeigen, wie ich mich vor seiner Nase verstecken konnte, ohne daß er einen Zipfel von mir erspähte.
    In dieser Nacht lag ich lange wach und überlegte. Sollte ich auf einen Baum klettern, mich im Blätterdach verbergen, auch auf die Gefahr hin, daß die Schimpansen mich fanden und bissen? Oder mich im weichen Boden einbuddeln? Das hätte zu lange gedauert. Dann kam der Tag heran und mit ihm die rettende Idee. Zu unserem Spielgebiet gehörte ein kleiner schlammiger Tümpel. Ich bastelte ein Atemrohr aus Schilf und tauchte in der warmen, stinkenden Brühe unter. Zuerst ließ es sich ertragen, doch dann saugten sich mehr und mehr Egel an meinem Körper fest. Ich hob den geplagten Kopf wieder über Wasser — Mückenstiche schmerzten weniger — und vollführte einen verkrampften Tanz, um mich von dem Ungeziefer zu befreien.
    Plötzlich hörte ich ein verdächtiges Knacken. Delth! Ich zog mich wieder in den Schlamm zurück, verhielt mich ganz still, wagte kaum zu atmen. Und wartete. Dutzende von Atemzügen. Es zwackte an meiner Nase, ich erhob mich, vom Schmerz getrieben, alle Vorsicht beiseite lassend. Niemand war da. Wieviel Zeit mochte vergangen sein? Ich wußte es nicht.
    Ein Ruf klang in der Ferne: „Na warte, Beth, dich finde ich schon, und wenn du dich bei den Rammas verkrochen hast!“
    Ich atmete auf. Stieg sogar ganz aus meinem Tümpel und zerquetschte die blutsaugerischen Egel. Das gab schöne rote Flecken.
    Ruhig, was war das? Fußgetrappel! Ein Sprung, und die Ungetüme plagten mich wieder. Mit verkniffenen Lippen nuckelte ich am Atemrohr. Bei einer unwillkürlichen Bewegung — das war kein Egel, das war mindestens ein Krebs — kam dreckiges Wasser hinein, ich pustete es frei. Ich hockte so, bis meine Knie zu schlottern begannen, dann streckte ich mich vorsichtig.
    „Na, was hab ich dir gesagt, jetzt taucht er auf.“ Ilona zeigte triumphierend auf mich. Gamma, Alfa und sogar Zeth lachten lauthals.
    Ich stieg aus dem Wasser und bewarf sie mit Egeln, die ich von meinem Körper losriß. Und ich beschloß, das nächste Mal Schimpansenbisse vorzuziehen.
    Wir warteten den ganzen Tag auf Delth. Er suchte mich an völlig unmöglichen und von den Regeln verbotenen Orten. Mein Sieg erfüllte mich mit wildem Stolz.
    Einmal kam uns die Idee, Guro zum Versteckspiel einzuladen. Er lehnte ab und kommentierte seine Entscheidung nur mit: „Das ist zu einfach für mich.“
    Wir stellten ihn auf die Probe und kehrten am Abend nicht in unsere Räume zurück. Das Licht, eine riesige helle Scheibe, die hinter den „südlichen“ Bergen den Boden des Naturparkzylinders bildete, wurde allmählich dunkler. Wir hatten das schon mehrmals beobachtet, aber noch nie mit solcher Ungeduld. In der Dunkelheit würde uns niemand finden. Plötzlich ertönte überlaut Guros Stimme: „Es ist Zeit, kommt.“
    Blitzartig stoben wir in unsere Verstecke. Eine Weile später hörte ich es rascheln, ein Kopf schob sich in meine Baumhöhlung. Erst an der Stimme erkannte ich Delth. „Bald wird er uns suchen.“
    Ich nickte, es war schon ziemlich duster. Delth zwängte sich neben mich, ich protestierte leise, aber energisch.
    „Alle haben sich zu zweit versteckt“, flüsterte Delth in mein Ohr, „ich habe bei allen vorbeigeschaut. Soll Guro ruhig kommen, der sieht nicht eine Zehe.“
    „Vielleicht verstecken wenigstens wir uns einzeln?“ Delth war mir einfach zu zapplig.
    „Ach was, nicht nötig, der findet den Baum hier nie.“
    „Hast du Angst?“ fragte ich Delth.
    Um uns klangen seltsame, sich langhinziehende Schreie, Geräusche, wie man sie am Tag nicht vernahm. Schwärzeste Finsternis hüllte uns ein. Mir lief eine Gänsehaut den Rücken hinunter — oder waren es Insekten?
    „Unsinn!“ knirschte Delth barsch. „Ich fürchte mich doch nicht.“
    Aber er blieb mit in meinem Versteck. Und obwohl ich jedes andere Geschwister vorgezogen hätte, war ich froh, nicht allein zu sein. Um uns schlurfte es, ein schrilles Kreischen war zu hören, dann war es wieder still. Wir hielten die Luft an. Da, ein Schimmer — und plötzlich fiel helles Licht in die Höhlung unseres Baumes.
    „Kommt raus“, sagte Guro. Hinter ihm kicherte Eta. Guro hatte uns alle in unglaublich kurzer Zeit eingesammelt.
    „Du hast geschummelt“, beschuldigte Delth ihn, „bestimmt hast du geschummelt.“
    „Ihr habt sicher großen Hunger“, sagte Guro, wir folgten ihm auf den Fersen, seine Lampe schnitt einen hellen Tunnel in den Urwald.
    Damals hatten wir riesigen Respekt vor Guros Leistung. Dabei war er durch den Computer des Schiffes stets über jede unserer Bewegungen informiert. Von der Nabe des Naturparkzylinders waren ständig hochempfindliche Geräte auf uns gerichtet, langbrennweitige Infrarotfernrohre und Paraboimikrofone. Und in der Nähe besonders gefährlicher Orte waren zusätzliche Detektoren verborgen. Auf Schritt und Tritt wachten die Automaten über uns. Vor ihnen gab es kein Verstecken.

Das Loch

    Gamma hatte einen Maulwurf entdeckt, den sie zuerst für eine langsame Maus hielt. Sie ließ ihn über ihre schmalen Hände kriechen, strich ihm übers Fell, bestaunte seine kleinen Augen und die kralligen Pfoten. Er grub sich, noch ehe sie ihre Verwunderung überwunden und uns gerufen hatte, vor ihren Augen in den Boden. „Er hat sich eingebuddelt!“ alarmierte sie uns atemlos.
    Was mochte der Maulwurf nur in der Erde suchen? War da vielleicht etwas Wichtiges versteckt? Gammas Arm reichte bis an die Schulter in den Gang des Maulwurfs und fand doch nichts.
    Am nächsten Tag sagte Delth: „Heute spielen wir ein neues Spiel, es heißt Maulwurf.“
    Ilona protestierte lautstark, sie wollte mit Zeth auf einem Floß fahren. Doch Delth versagte ihnen die Hilfe der Gruppe beim Beschaffen der Stämme. Was blieb ihnen übrig, als mit uns Maulwurf zu spielen?
    Mit unseren kleinen, aber recht kräftigen Händen rissen wir das Gras von der Wiese, jeder für sich, zerrten mit ächzenden Fingernägeln die Grasnarbe aus dem Boden, kratzten die harte Erde auf. Es kam darauf an, schnell das tiefste Loch gegraben zu haben. Gamma gab es bald auf, so schnell wie ich oder Delth kam sie nicht voran, und an einem Stein hatte sie sich den Nagel eingerissen.
    „Ihr seid ja blöd“, sagte sie, worauf Delth sofort mit: „Und du bist schlapp!“ konterte.
    „Ihr seid ja blöd“, wiederholte Gamma, „was interessiert mich, wie schnell ich ein Stück tief bin.“
    „Spielverderber“, rief Delth und warf zerfallende Klumpen Dreck in meine Richtung, um möglichst mein Loch zu verschütten. Ich wandte ihm den Rücken zu, um mein Werk zu schützen, selbst wenn mich ein Stein traf, zog ich es vor, nicht zu reagieren.
    „Du bist feige, Delth!“ Alfa kam mir unvermutet zu Hilfe.
    Wir vereinbarten als Spielregel, die anderen weder zu behindern noch zu stören. Gamma stöberte in unseren winzigen Abraumhalden herum, entdeckte schöne Steine, erschrak über dicke Regenwürmer, die sie dann niedlich fand, und versuchte, uns für die Schätze zu begeistern, die wir ausgruben. Teth gab es später auch auf, hoffnungslos abgeschlagen, wie er unserer Bemerkung „Ich bin schon bis zum Ellenbogen!“ entnehmen konnte.
    Ich arbeitete, daß der Schweiß in Strömen über meinen nackten Körper floß und sich meine Finger stumpf anfühlten. Es galt, Delth zu schlagen! Zeth und Ilona gruben dann gemeinsam, auch wenn Delth es für ungültig erklärte. Am Abend, todmüde und hungrig, verglichen wir. Ich hätte gewonnen, wenn nicht soviel Erde von den Rändern des engen Schachtes gebröckelt wäre. Beim Einschlafen noch griffen meine schmerzenden Hände in die Luft, rissen Löcher in sie.
    Am nächsten Morgen bettelten wir Guro einzeln um Werkzeuge an; Schaufeln kannten wir noch nicht. Er schüttelte nur den Kopf, und obwohl ich wußte, daß sein Gesicht nur zu einem vereinfachten Mienenspiel befähigt war, glaubte ich in ihm lesen zu können: Strengt euch ruhig mal richtig an, baut euch selbst Geräte, ihr Wunderkinder!
    Beim Essen, das wir hastig in uns hineinschlangen, sagte Gamma: „Ist doch blöd, bloß einzeln vor sich hin zu buddeln. Wenn wir alle zusammen graben, kommen wir viel tiefer — wer weiß, was wir da noch alles finden.“
    Guro hatte uns nie von vergrabenen Schätzen erzählt, aber ich war in diesem Moment nahe daran, mir welche vorzustellen — oder ein ganz absonderliches Tier, einen „Bodenfisch“. Mag sein, ich nickte kaum merklich, Alfa schien ebenfalls dafür zu sein, und plötzlich sagte Delth: „Ja, das habe ich mir auch schon überlegt, wir werden zusammen graben und das Geheimnis der Tiefe entdecken.“
    Ich lachte; manchmal redete Delth wie Guro.
    Nach dem Frühstück steckte Delth das neue Loch ab — zwei Meter im Durchmesser. Ich staunte, doch er sagte: „Zwei müssen drin stehen können.“
    Wir bewaffneten uns mit Grabstöcken und begannen im Boden zu wühlen. Bereitwillig räumten Teth, Eta und Zeth die gelockerte Erde beiseite. Ich arbeitete mit dem Rücken zu Delth, immer häufiger stießen wir zusammen. Er schimpfte, ich murrte, eine Schlägerei stand kurz bevor. Da sagte Alfa: „Eta, sing mal was!“
    Eta überlegte eine Weile, Gamma flüsterte ihr zu: „Vom Maulwurf!“ Und Eta sang los: „Der Maulwurf, der hat schöne Schaufeln…“
    Wir wiederholten die Worte, und Eta hatte Zeit, sich neue auszudenken. Das Singen tat seine Wirkung. Ich stieß nicht mehr mit Delth zusammen, das Loch wurde tiefer und tiefer, und allen machte es Spaß. Nur manchmal, wenn ich zu weit an der Melodie vorbeisang, • konnte Eta nicht an sich halten, lachte und quietschte. Dann kamen wir aus dem Takt und fielen in ihr Gelächter ein.
    War das ein Jammern am nächsten Tag! Schon als wir erwachten, zwickte es in den Armen, stach es in den Beinen. Wie fiel uns das Aufstehen schwer! Der Rücken schmerzte, und jede Bewegung war eine Pein. Wir glaubten krank zu sein, schlimmer krank als bei jedem Infekt zuvor. Noch vor dem Waschen, sonst eine fröhliche Angelegenheit, humpelten wir zu Guro und klagten unser Leid.
    „Das vergeht“, sagte der nur, „in zwei, drei Tagen. Der Muskelkater kommt von der Anstrengung beim Graben. Er ist völlig normal und harmlos, ihr seid so gesund wie eh und je.“
    An diesem traurigen Tag betrachteten wir das Loch nicht einmal aus sicherer Entfernung. Und wir bewegten uns nur im Notfall, lagen im Gras und beobachteten die Vögel über uns und die zarten Wölkchen und die gegenüberliegende Seite des Naturparks. Den Biberbach, der aus der Entfernung wie ein dünner Schnörkel aussah, den uns wohlbekannten Sumpf, die dunkelgrünen Flecken von Wäldern, die wir noch nicht durchstreift hatten. Etwa aufstehen und essen gehen? Da mußte der Magen schon mächtig knurren. Und wehe, Eta brachte uns zum Lachen, dann versprachen wir ihr Prügel. Guro nutzte die Ruhepause. Ganz freiwillig, aus reiner Langeweile lasen und rechneten wir alles, was er verlangte.
    Auch am nächsten Morgen war der Muskelkater noch nicht vergangen. Teth und Eta liefen sogar, ihr Alter vergessend, zu ihren Rammas, um sich trösten zu lassen. Guro meinte lakonisch, daß die Schmerzen am schnellsten beim Weitergraben nachlassen würden.
    Zeth hatte die Idee, die Plastteller von unserem Frühstückstisch einzusammeln. Zwar war der Rand der Teller nicht besonders scharf, doch kamen wir mit ihnen wesentlich schneller voran als mit den Grabstöcken und unseren zerschundenen Fingern. Dann hatten wir alle Schmerzen vergessen und buddelten aus Leibeskräften.
    Ungeachtet der neuen Methode und des relativ lockeren Bodens plackten wir uns tagelang. Unsere täglichen Lernaufgaben erledigten wir notdürftig und in Gemeinschaftsarbeit, um schneller zu unserem Loch zurückkehren zu können. Mitunter versuchte einer auszuscheren, Eta, die lieber Vogelstimmen erlauschen und imitieren wollte, oder Zeth, der allein schwimmen ging. Sie trieb es bald wieder zu uns. Und Gamma legte ihren rechten Zeigefinger an die Nase und dachte laut nach, was wir unter dem Erdreich erwarten könnten: eine Höhle oder Wasser, eine Wiese, nur andersherum — vielleicht sogar die Höhlung, in der die Erde kollerte, flog? Sicher aber seltsame Tiere oder Unterlandpflanzen, auf jeden Fall etwas ganz Außergewöhnliches. Nur Delth blieb skeptisch und sagte: „Wartet’s ab.“
    Nach zehn Tagen waren wir so tief, daß Delth, selbst wenn er sich auf meine Schultern stellte, den Rand nicht erreichen konnte. Allmählich verbreitete sich eine gedrückte Stimmung. Gammas letzte ungeheuerliche Spekulation, es könne immer so weltergehen, gewann von Tag zu Tag an Glaubwürdigkeit. Schließlich meinte sie sogar, wir müßten mindestens so tief buddeln, wie die Berge am Rand des Naturparks hoch seien. Das war zuviel für uns. Wir krabbelten den Abhang hinauf, warfen Plastteller und die aus Gras geflochtenen Tragekörbe zur Seite und beschlossen, nie wieder so ein unsinniges Riesenloch zu graben. Allein Gamma schmollte.
    „Ihr habt einfach keine Ausdauer. Zum Herumspielen reicht’s, aber wenn man etwas Großes..
    Ilona bot ihr Schläge an, war aber zu müde, um ihre Drohung wahr zu machen.
    Am nächsten Tag spielten wir am See. Gamma fehlte, und Alfa sagte zu mir: „Ich weiß, wo sie ist.“
    Natürlich, es gab nur eine Möglichkeit. Wir suchten sie an unserem kraterförmigen Loch. Als wir den Wall erklommen hatten, sahen wir sie bewegungslos im Zentrum des Trichters liegen. Erschrocken sprangen wir hinunter. Gamma lag da und weinte. Ich begriff nicht, warum, bis ich den vermeintlichen Plastteller aufheben wollte — es war der Boden des Trichters, der Boden des Naturparks, damit der Boden, der Rand, die Grenze unserer Welt. Ein Plast, den Steine nicht ritzen, den Säuren nicht ätzen, den Feuer nicht versehrt. Unsere Welt war zu Ende, ich konnte mich in ihrer Abgeschlossenheit wohl fühlen, aber Gamma beunruhigte es.
    Wir nutzten den Krater noch für viele Spiele.
    Gemeinsam waren wir bis zum Äußersten vorgestoßen — dies war eine Lehre, zu der uns Guro kein Märchen erzählen mußte.

Einsamkeit

    Es war schön, mit den Geschwistern zu spielen. Und doch… Einmal wollte ich meine Kräfte allein erproben, einmal der Bevormundung Delths entgehen und den ständigen Fragen und Vorschlägen und Überfällen meiner Gefährten: Ich wollte allein sein. Dafür war ich bereit, schwere Strapazen auf mich zu nehmen. Irgendwo, jenseits aller Gebiete, die wir auf unseren Streifzügen durchquert hatten, mußte ein Stückchen Land liegen, das mir die gesuchte Einsamkeit verhieß.
    Am Morgen, als die anderen noch schliefen und noch ehe die Müdigkeit ganz aus meinen Gliedern gewichen war, schlich ich mich davon. Eilig wanderte ich durch den vertrauten lichten Wald, durchschwamm den kleinen See und überquerte den Schlangensumpf. Unterwegs pflückte ich wildwachsende Früchte und verschlang sie heißhungrig.
    Unsere Abenteuer hatten uns schon um unsere ganze Welt geführt. Nach vielen Stunden anstrengender Wanderung hätten wir den Naturpark durchkreist, befanden uns wieder am Ausgangspunkt. Diesen bekannten Weg wollte ich nicht wiederholen. Deshalb schlug ich mich seitlich tiefer und tiefer in das fast undurchdringliche Dickicht. Ich achtete nicht auf die Dornen, die meine abgehärtete Haut ritzten, ich lächelte nur über die Nesseln, die mich brannten, und fürchtete die Giftnattern nicht, die mir entgegenzischten. Mir gehörte ein langes, gekrümmtes Messer, das mir schon viele Dienste geleistet hatte, und ich wußte, daß meiner Entschlossenheit nichts widerstehen konnte.
    Mit ganzer Kraft hieb ich auf alles ein, was mir den Weg versperrte, zerschlug Lianen und dünne Zweige, kroch unter dickeren durch, kämpfte mich Meter um Meter durch das dichte Unterholz. Mein rechter Arm begann zu schmerzen, ich nahm das Messer in die Linke, und weiter ging’s. Immer häufiger hielt ich erschöpft inne, wartete, bis meine Beine und Arme wieder Kraft gesammelt hatten. Stunde um Stunde bahnte ich mir meinen Weg durch das Dickicht und sehnte mich nach dem Ende der Wanderung, nach Ruhe. Farnwedel, höher als ich, schütteten mir ihre Sporen ins Gesicht. Öfter strauchelte ich über harte Wurzeln und erschrak vor morschen Ästen oder lose baumelnden Lianen. Das Licht des Tages versiegte schon, als ich am letzten Urwaldriesen vorbei ins Freie humpelte. Ich kannte nur noch einen Wunsch, suchte einen geeigneten Platz und bettete mich auf den unebenen Boden, wickelte mich in die vorsorglich mitgenommene Decke und schlief trotz knurrenden Magens sofort ein.
    Das Lärmen einer Affenhorde weckte mich. Im ersten Moment begriff ich nicht, wo ich mich befand, dann aber sprang ich auf meine Füße, um den Ort zu beschauen und etwas Eßbares zu suchen. Hinter mir lag der sirrende, schreiende, stöhnende Dschungel, und vor mir türmten sich Felsen über Felsen zu einem gewaltigen Gebirgsmassiv. Meine Augen folgten ihm bis in schwindelerregende Höhen, weiter und weiter hinauf — bis zum jenseitigen Rand des Naturparks! Mühsam riß ich meinen Blick los.
    Zwei Tage blieb ich an diesem Ort der Einsamkeit hinter dem Dschungel, ernährte mich mühselig und kärglich von den Früchten, die mir der Urwald bot.
    Einen Freund gewann ich: einen jungen Schimpansen, der nicht wie die alten vor mir davonlief oder mich durch Astwürfe oder drohendes Geschrei zu vertreiben trachtete. Ich folgte ihm in die Baumgipfel, wo die saftigsten Früchte gediehen.
    Der Versuchung der Felsen konnte ich auf die Dauer nicht widerstehen. Am dritten Tag machte ich mich auf, kletterte empor über rauhe Steinflächen und messerscharfe Grate, überquerte ein steil hinabschießendes Rinnsal, einen Zulauf des Biberbaches, klomm höher, immer höher, bis gegen Mittag die überforderten Muskeln meiner Arme so unkontrolliert zitterten und zuckten, daß ich fürchten mußte, hinabzustürzen und zu zerschellen. Ich aß ein wenig, legte mich in eine Felsnische und entspannte mich, wie Guro es uns gelehrt hatte.
    Als ich die Augen wieder aufschlug, war mein normaler Richtungssinn vergessen. Oben und Unten wechselten nach meinen Wünschen. Ich sah mich auf dem Boden eines tiefen Schachtes liegen und an den runden, vom Naturpark gebildeten Wänden vorbei auf die obere Öffnung schauen. In deren Mitte leuchtete das Große Licht unbeweglich in der Achse des Zylinders. Während ich mich aufrichtete, spürte ich wieder die Schwäche in meinen Gliedern. Ich schwitzte vor Angst und wäre am liebsten dort angewachsen. Nach langem Zögern wagte ich den schwierigen, gefahrvollen Abstieg. In der einsetzenden Dämmerung erreichte ich den sicheren Boden.
    An den untersten Felsen gelehnt, betrachtete ich das Große Licht, wie es sich verfärbte und rötete, bis es schließlich bis auf ein kaum erkennbares fahles blaues Glimmen verblaßte. Dies war die künstliche Sonne, unter der ich aufwuchs, die meine Tage durch ihren Schein bestimmte. Ewiger Sommer herrschte in meiner kleinen Welt, der ewige Sommer meiner Kindheit.
    Am nächsten Morgen, allein am Fuße des Felsens, hungrig und von Muskelschmerzen geplagt, vermißte ich meine Geschwister wie noch nie zuvor. Ich erkletterte einen Baum, um ein paar Früchte zu essen, nicht einmal die Schimpansen schauten mir zu. Eine Weile spielte ich in den Zweigen, sprach mit den bunten dummen Vögeln, die doch nur aufgescheucht davonflogen. Dann besann ich mich und kehrte zurück.
    Den staunenden Geschwistern blieb ich die Antwort schuldig. Delth gegenüber hatte ich ein neues Selbstvertrauen gewonnen, das mich ihm ebenbürtig machte. Er spürte diese innere Kraft, die er nicht bezwingen konnte, da er deren Ursprung nicht kannte.

Ausflug ins Schiff

    Die erlebnisreichen und immer wilderen Unternehmungen im Naturpark wurden uns nicht über, es kam keine Gleichförmigkeit auf, denn wir fanden oder erfanden täglich Neues, das unsere Aufmerksamkeit fesselte. Dabei fiel uns nicht auf, daß Guro seit Monaten unser Lernpensum erhöhte. Und ohne daß wir es gewahrten, nahte, so wie wir wuchsen, die Zeit ernsterer Betätigungen.
    „Morgen werdet ihr unbekannte Räume kennenlernen“, sagte Guro, der uns zusammengerufen hatte. „Und dafür müßt ihr euch bekleiden.“
    Er wies mit einer starren Geste auf acht bunte Stoffhäufchen, die auf der Wiese lagen. Neugierig stürzten wir zu ihnen, fanden Schilder mit unseren Symbolen daran.
    „Ihr müßt eure Arme und Beine in die dafür vorgesehenen Öffnungen stecken“, erklärte Guro.
    Eifrig probierten wir es. Ich hatte große Schwierigkeiten, verhedderte mich, fiel hin, kam mühsam wieder frei. Eta quietschte vor Vergnügen. Zeth stand mit ernsthaftem Gesichtsausdruck da, wendete seine Bekleidungsstücke um und um, suchte, so schien es, immer noch nach dem Eingang.
    „Ihr müßt selbst herausfinden, wie man sich anzieht“, ermunterte uns Guro.
    Ilona warf sich auf den Rücken und war schnell in ihre Sachen verknäult. Dann entdeckte Alfa das Prinzip der Hose und humpelte, sie mit den Händen am Bund haltend, von einem zum anderen, ihren Erfolg zu verkünden. Später vertauschten wir Hosen und Jacken, vermummten uns nach Kräften und brachen immer wieder in Lachsalven über unsere eigene Ungeschicklichkeit aus. Es war ein atemberaubendes, kompliziertes Spiel.
    In meiner Erinnerung dehnt sich das Anziehen über viele kurzweilige Stunden. Die Kleidung wurde uns jedoch nach einer gewissen Zeit hinderlich. Schwerfällig - bedacht, das Errungene nicht zu zerstören - stolzierten wir auf und ab. Es kniff bald unter den Achseln, bald zwischen den Beinen. Auf meinem Rücken kribbelte es wie unverschämte Termiten.
    „Es juckt“, beklagte sich Zeth und streifte seine Sachen so methodisch, wie er sie angezogen hatte, wieder ab.
    „In den Räumen, die wir morgen besuchen, werdet ihr die schützende Hülle benötigen; dort ist es kühl“, sagte Guro.
    Zeth nickte, akzeptierte das Unvermeidliche und übte noch eine geraume Weile.
    So wie wir keinen Begriff von Nacktheit hatten vor diesem Tag, so lag uns der Gedanke fern, daß sich hinter Wänden und Felsen, unter den Seen und Grasböden etwas verbergen könne. Meinen Traum von der Unendlichkeit hatte ich damals vergessen, ich wollte von ihrem Schrecken nichts wissen.
    Am Morgen nach unseren Ankleideübungen erwachten wir erwartungsfroh. Guro hatte uns unbekannte Räume versprochen — dafür stiegen wir auch, ohne zu murren, in die hinderliche Bekleidung. Wir hatten schnell gegessen und folgten Guro vor den vertrauten, oft bekletterten Papageienfelsen.
    „Seht, hier ist ein Kontakt“, sagte Guro und schob auf bestimmte Weise seine Hand in eine Felsspalte. Atemlos schauten wir auf das Sesam-öffne-dich. Wie eine Tür klappte die fast senkrechte Felswand zur Seite. Helligkeit strahlte uns aus einem kleinen Raum entgegen, der den gewohnten Zimmern nur wenig glich.
    Ich nutzte Delths und der anderen Zögern, glitt an Guro vorbei, und schon war ich drin. Seinen Zorn und vielleicht auch seine Furcht verbergend, kam Delth nach und flüsterte mir Worte zu, die ich nicht verstand. Mit den Geschwistern starrte ich auf die fremdartigen Figuren an den Wänden, die Handräder, die Kästen in Augenhöhe.
    „Was ist das? Wozu ist das gut? Warum riecht es hier so? Wo…?“ Gamma überschwemmte Guro mit Fragen.
    Verstohlen griff ich zu einem der Kästen.
    „Wartet, bis ich euch den Mechanismus erklärt habe“, sagte Guro und legte ausführlich dar, wie man die Türen öffnen und schließen könne. Wir drängten uns heran, um es selbst zu probieren. Als die äußere Tür wieder fest verriegelt war, durften wir die fremde Welt des Schiffes betreten.
    Die langen, oft nach oben gekrümmten Gänge und Korridore forderten unser Vorstellungsvermögen heraus. Sie waren schmal, schienen sich in der Entfernung noch zu verengen. Überall befanden sich diese seltsamen Kästen, diese Symbole, Tür reihte sich an Tür. Wir schwiegen beeindruckt, wagten nicht zu lärmen oder mit dem hallenden Echo zu spielen. Ich, der ich im Naturpark stets wußte, wo ich mich befand, verlor bald die Übersicht. Alles ähnelte einander, wiederholte sich. Wir hielten uns an Guro, hörten auf seine endlosen Erklärungen und getrauten uns nicht, ihn aus den Augen zu verlieren.
    Nach einer unendlichen Stunde rasteten wir in seltsamen Dingern, Sesseln, und Guro erläuterte uns einen groben Plan der Räumlichkeiten. Sicherlich berücksichtigte er, daß wir so gut wie nichts bei dieser Überfülle verstanden, aber ein Anfang mußte gemacht werden.
    „Dies also ist das Raumschiff. Ihr werdet die Herren und Meister all seiner Systeme, Maschinerien und Geräte sein. Für euch sind all die tausend Räume geschaffen, ihr werdet das Schiff steuern und lenken — wenn die Zeit dafür gekommen ist.“
    So redete Guro mit uns. Ich verstand auf Anhieb nur eins: Nun müssen wir wie die armen Erdmenschen in einer Stadt wohnen, in einem Ameisenhaufen von Zimmern und Gängen. Wie sollen wir uns da zurechtfinden? Wenn wir uns hier verlaufen, finden wir keine Früchte. Wenn wir uns hier verletzen, kann uns keine Ramma helfen. Zum Versteckspielen war diese neue Welt gut geeignet, und interessant mochte es auch hier und da sein, wenn auch nicht so abwechslungsreich wie im Dschungel, aber leben konnte man hier nicht.
    Erleichtert hörten wir Guro sagen: „So, das ist genug für heute.“
    Guro dicht auf den Fersen bleibend, wanderten wir zurück in unsere heile, lebendige Naturparkwelt. Wir waren erschöpft und zerschlagen, nicht vom Laufen, sondern vom Sehen, vom Hören und Staunen. Doch war es erst Mittag. Wir schlangen Unsere leichte Mahlzeit hinunter und legten uns auf die Wiese am See und redeten, mutmaßten und phantasierten miteinander, trugen zusammen, was wir gesehen hatten oder gesehen haben wollten, wiederholten Guros Erklärungen und was wir davon verstanden hatten. Und während wir uns ereiferten, wurden die Korridore immer gewaltiger, länger, bizarrer, wucherten ineinander und durcheinander. Es war zum Fürchten. Und doch ging von ihnen ein eigentümlicher Reiz aus. Ihre groteske Unverständlichkeit verhinderte nicht, daß es mich in sie zog, daß ich mehr von ihnen sehen, riechen, erfühlen wollte. Die Unbequemlichkeit der Stoffhüllen nahm ich dafür gern in Kauf.
    Aber war es damals wirklich nötig, daß wir uns bekleideten? Hätte nicht die Temperatur in den Räumen des Schiffs um wenige Grade erhöht werden können, um uns ein Fortsetzen der unbeschwerten Lebensweise zu ermöglichen? Ja, sicher. Aber irgendwann mußten wir uns an Kleidung gewöhnen, nicht nur für kosmische Ausflüge im Skaphander, sondern auch, weil Andymon eine rauhe Welt ist.

Labyrinth des Schiffs

    Denke ich heute an das Schiff, so sehe ich die logische Anordnung seiner Sektionen auf den Konstruktionszeichnungen vor mir. Seine Teile fügen sich in ein einziges gigantisches und sinnvolles Aggregat von mathematischer Schönheit mit seinen klaren Linien und seiner präzisen Funktionstüchtigkeit.
    Damals aber, nachdem wir zum erstenmal mit Guro den vertrauten Naturpark verlassen hatten, war es für mich ein fremdartiges, unverständliches, aber überwältigendes Chaos von seltsamen Geräten, Türen, die Geheimnisse verbargen, und Symbolen, die ich zwar lesen gelernt hatte, die mir aber doch nichts sagten. Wie hätte ich da widerstehen können?
    Bei der ersten Gelegenheit warf ich Früchte in einen Beutel und ein paar Fladen dazu. An Kleidung dachte ich nicht. Eine Sekunde zögerte ich. Sollte ich ein Geschwister mitnehmen? Delth nicht. Und Alfa würde es nicht interessieren. Vielleicht Gamma?
    Allein ging ich durch die Tür im Felsen, stand dann in dem mir schon bekannten Korridor.
    Die Stimme Guros, die Stimme des Schiffscomputers, fragte: „Beth, wohin willst du? Wohin kann ich dich leiten?“
    Ich blickte nach links und nach rechts, in beiden Richtungen stieg der Korridor langsam an. „Es ist gleich“, antwortete ich, „ich brauche deine Hilfe nicht.“
    Ich entschied mich für rechts und schritt zügig aus. Bog dann in den erstbesten Quergang ein, er war nicht gekrümmt. So hätte ich sehr weit sehen können; doch nur in dem Gangsegment, in dem ich mich gerade befand, strahlten die langen Leuchtflächen in mildem gelblichem Ton. Ich lief auf das vor mir befindliche Dunkel zu, ohne es zu erreichen, das Licht eilte mir voraus.
    In regelmäßigen Abständen kreuzten Korridore den Gang, Reihen von Türen unterbrachen die Monotonie der pastellgelben Wände, sie waren mattoliv und mattkarmin, mattkobaltblau und mattsiena. Weiße, selbstleuchtende Buchstaben verkündeten: 4384 TRAKT RB 6, 4382 TRAKT RB 6. Alle hundert Schritt lief ein zehn Zentimeter breites schwarzes Band um den Gang, hier konnten ihn Schotte versperren. Stahlgraue Intercomgeräte hingen zu beiden Seiten des Bandes. Ich wußte schon, wie man sie bedient, der kleine Bildschirm konnte mir die Geschwister zeigen oder auch Karten der Schiffsarchitektur. Doch ich wollte mich allein zurechtfinden.
    In den Dreitausendern wurde mir der Gang zu langweilig. Da eine Glastür! TREPPE las ich. Auf meine bloße Annäherung hin glitt die Tür lautlos noch oben. Eine Flut von Licht mit vielen stumpfen Reflexen flammte auf. Ich stand am Rand einer gigantischen, nach oben und unten führenden Röhre. Die größten Bäume des Naturparks hätten ihren Durchmesser nicht überspannt. Etwa anderthalb Meter ragten die zerbrechlich wirkenden gläsernen Stufen von drei je um ein Drittel des Runds versetzten Treppen in sie hinein. Nach oben setzte sich die Röhre nur um drei Windungen fort. Doch nach unten! Ich hielt mich an dem blauglänzenden und sehr weichen, elastischen Geländer fest und schaute hinab. Zählte ein Dutzend Windungen bis zum Grund. Die Treppe gab unter meinen Schritten leicht nach, federte zurück. Fasziniert begann ich den Abstieg. Bedächtig legte ich die erste Runde zurück. Dann lief ich schneller, immer schneller, bis sich alles um mich drehte. Plötzlich wäre ich fast gestürzt: Die Treppe lief mit sachtem Schwung aus, endete in einem horizontalen Absatz.
    War ich am Boden der Röhre angelangt? Schwer atmend lehnte ich mich gegen die Brüstung. Ja und nein. Die Treppen brachen ab, doch die Röhre führte noch ein kurzes Stück weiter und stieß dann auf eine ebenso große, waagerechte Röhre, die wie ein großer dunkler Tunnel wirkte. Ich konnte ein wenig in sie hineinschauen und staunte: Auch diese Röhren umrundeten Treppen — unsinnigerweise; niemand hätte auf ihnen gehen können.
    Ich zog einen Fladen heraus, kaute an ihm und starrte auf die seltsamen Treppen. Sie erschienen mir so verrückt, daß ich selbst von Guro keine Erklärung erwartete. Erst Jahre später erfuhr ich, daß während der Konstruktion des Schiffs durch diese Röhren riesige Geräte im schwerefreien Flug an ihren Bestimmungsplatz manövriert worden waren.
    Mich fröstelte. Meinen bloßen Körper überzog eine Gänsehaut. Durch eine Doppeltür gelangte ich in einen winzigen Raum. Die mir gegenüberliegende Wand wölbte sich nach innen. Sie klaffte auseinander und gab den Blick auf eine Kuppel mit acht Sesseln frei. Kaum hatte ich mich in einen der beiden vorderen gesetzt, schloß sich die Wand wieder.
    Gleichzeitig mit dem Aufleuchten von Armaturen und von einem verworrenem Diagramm auf einem Bildschirm fragte Guro: „Wohin willst du, Beth?“
    Seine Stimme erschreckte mich, ich stammelte: „Weiß nicht.“
    Da preßte mich eine unsichtbare Kraft sekundenlang in den Sessel. Ich wollte halt schreien, doch ich brachte kein Wort heraus. Auf dem Bildschirm wanderte ein hellroter Punkt langsam durch das Diagramm.
    Als der Druck nachließ, stand ich auf, ging zu der Stelle der sich über mir wölbenden Halbkugel, durch die ich hereingetreten war. Nichts öffnete sich. Ich klopfte. Zuerst nur zaghaft, dann schlug ich mit den Fäusten gegen den glatten, weichen Plast. Ich war gefangen. Von Guro festgesetzt.
    „Eh, was soll das?“ schimpfte ich.
    Ein sachter Ruck ließ mich nach rechts taumeln, dann nach links.
    „Du setzt dich besser“, sagte Guros Stimme.
    Trotzig blieb ich stehen. Plötzlich warf mich die unsichtbare Kraft zu Boden. Vor Schreck bewegungslos, lag ich da. Nach einigen Sekunden verschwand der Andruck, und wie zum Hohn öffnete sich die Wand. Ich rieb mir das Gesäß, schwang meinen Beutel über die Schulter und verließ den heimtückischen Lift.
    Schotte, Glastüren, weite Tore, das Licht begleitete mich. Schilder, Türaufschriften: PHYS.-LAB. 11, REGENERATORTRAKT, TRANSFORMER…
    Langsam wurden meine Füße schwer. Ich befand mich in einer riesigen Halle, nur den kleinsten Teil davon konnte ich überschauen. Überdimensionalen Bauklötzen gleich waren hier Container gestapelt. Große Netze aus dicken roten Trossen umspannten sie und teilten die Halle. Ich wollte einen Container öffnen, doch vergeblich kratzte ich an seiner matten Oberfläche. Enttäuscht setzte ich mich und aß. Der Fußboden, der Container, gegen den ich mich lehnte, alles fühlte sich kühl an.
    Eine unnatürliche Stille herrschte hier. Und ich war einsam, ein winziges Insekt im weiten Schiff. Ich schluckte den letzten Bissen runter, dann sagte ich vorsichtig: „Hallo.“
    Nicht einmal ein Echo erklang. Ich wiederholte den Ruf, nun schon lauter. Alles blieb still. Ich erhob mich und schrie aus Leibeskräften: „Haaallooo!“
    Der Schrei versickerte in der Weite. Doch gleich darauf leuchtete neben dem Tor, durch das ich die Halle betreten hatte, ein kleiner Bildschirm rot auf, und über die geringe Distanz konnte ich Guros Stimme vernehmen: „Suchst du jemanden, Beth? Benötigst du etwas, Beth?“
    „Nein, danke!“ Meine Stimme überschlug sich.
    Das Rot erlosch, und ich verließ die ungastliche Halle.
    Türen, Schächte, Korridore, Lifts, Gänge, Treppen, Tore, Hallen. Gekrümmte Korridore und gerade verlaufende. Ein toter Gang. An seinen Seiten standen seltsame Figuren, bald wie ein Mensch, bald wie ein Roboter aussehend. Ich ergriff ihre schlaffen Arme, schaute in die leeren Helme, erwartete eine Bewegung, doch nichts geschah. Einen löste ich aus seiner Halterung, die richtigen Handgriffe fand ich schnell. Er fiel auf mich, mit Armen und Beinen schlenkernd. Entsetzt befreite ich mich von ihm. Er blieb liegen, ein lebloses Bündel, dessen unmenschlich verkrümmte Gliedmaßen mir zu drohen schienen. Vorsichtig schlich ich zurück.
    Da! Ein sanftes Surren. Aus der Dunkelheit tauchte ein bedrohlich bizarres Gefährt auf. Ein Serviceroboter mit erhobenen Zangen. Schreckensstarr drückte ich mich ganz eng an die Wand, dann war er vorbei, und ich atmete auf.
    Erschöpft und zerschlagen — wie nach der längsten Wanderung durch den Naturpark — suchte ich mir einen Liegeplatz, öffnete Türen aufs Geratewohl und sah in die Räume dahinter: Manche wurden von riesigen Apparaturen ausgefüllt, verschlungenen Glasgeräten, Instrumenten in faltigen Plastikumhüllungen.
    Dann entdeckte ich einen Sessel, ich kannte nur noch einen Wunsch, ich setzte mich auf ihn, zog dann meine Füße an, drehte mich zur Seite, rollte mich ganz zusammen, mit der Linken meinen Beutel umklammernd. Frierend schlief ich ein.
    Ich träumte vom Gewirr der Kabel und Röhren, die wie Lianen im Dschungel zuckten und lebten, von Millionen Anzeigelichtern, die funkelten und blitzten, vor allem aber von den endlosen, verwinkelten Korridoren mit unzähligen Türen, die sich gespenstisch öffneten und schlossen im Atemrhythmus des Schiffs, durch das ich, von einer unverständlichen Furcht getrieben, hetzte.
    Als ich erwachte, wärmte mich eine weiche bunte Decke. Unwillig schob ich sie zur Seite, stand auf, meine Glieder waren noch starr, ich verspürte große Lust nach einem schnellen Bad, aß einen Fladen und zwei Äpfel.
    Auf dem Pult vor dem Nachbarsessel strahlte eine kleine Tafel grün: FÄHREN EINSATZBEREIT. Das Pult reichte mir bis zur Brust. Ich drückte wahllos auf die Knöpfe, ein Summen ertönte, Lichter flammten auf, ein Gerät zu meiner Linken spuckte einen langen Papierstreifen aus. Schlagartig schien die Frontwand verschwunden zu sein, ich sah hinab in eine Halle, die größer noch war als die, die ich am Vortag erkundet hatte. In ihr standen riesige metallene Käfer in langen Reihen. Doch sosehr ich auch schaltete, nichts geschah dort unten. Als ob mir das richtige Wort fehlen Würde, als ob ich den entscheidenden Knopf übersehen hätte.
    „Du bist noch zu klein, Beth“, sagte die vertraute Stimme Guros. „In zehn Jahren wirst du die Fähren steuern können — und dürfen.“
    „Ich bin schon groß“, protestierte ich, „ich bin allein durch das gesamte Schiff gegangen. Ich kann das!“
    „Und was willst du mit den Fähren tun?“
    Guros Frage verwirrte mich. Ich wollte mit den Fähren spielen, ja, aber was? Ohne antworten zu können, verließ ich den Raum. Ich war zu klein! Ich! Ich würde es Guro schon zeigen. Bald! Nicht erst in zehn Jahren! Die paar Knöpfe! Das ließ sich schnell lernen, wie man mit denen richtig spielte!
    Auf und ab. Nach links, nach rechts. Durch diese Tür, durch jenes Schott. HAVARIEAUTOMATIK. ENERGIESEKTION: ZUTRITT NUR IM SCHUTZANZUG. Lichtpfeile an den Wänden, auf den Bildschirmen. Farben und Zahlen. COMPUTERZENTRUM. LIFT β.
    Je weiter ich lief, je mehr ich sah, desto weniger verstand ich. Oh, was hätte ich in diesen Stunden des Wanderns darum gegeben, Herr zu sein über all diese versteckten Wunder, über die Räume und Sektionen, zu denen mir der Zutritt verwehrt war, über die unbekannten Geräte, die ich nicht in Gang setzen konnte. So trieb ich dahin, hatte längst jede Orientierung verloren. Der Proviant ging zur Neige. Ich umklammerte fester den Beutel, er allein verband mich noch mit dem Naturpark und meinen Geschwistern. Selbst wenn ich rannte, fror ich bis auf die Knochen. Die Dinge um mich waren kalt und tot, und auch Guros Stimme gehörte zu diesen kalten und toten Dingen. Die leeren Gänge bedrückten mich.- Ich haßte diese gekrümmten Korridore, ich haßte ihre gleichmäßigen Farben. Ich wollte zurück, zurück in den Naturpark. Aber noch hatte ich den Stolz, den Weg dahin allein zu finden.
    Nach oben! Dort irgendwo mußte eine Tür in den Naturpark führen. Doch hinter jeder erwartete mich das fade Licht des Schiffs. An den Pfeilen, den Markierungen versuchte ich mich zu orientieren, vielleicht bewegte ich mich im Kreis? Das Schiff war ja so groß und nichts mir vertraut. Ich las die Nummern der Trakte, die Zahlen ver-schwammen vor meinen Augen. Mein Magen knurrte, doch der Beutel enthielt keine Krume mehr. Vor Guro kapitulieren? Niemals! Ich schimpfte auf ihn, doch die Korridore schwiegen. Ich rief nach Alfa, rief sogar nach Delth, aber niemand antwortete, und wehe, Guro versuchte seinen Trick und redete mich an, dann hielt ich mir die Ohren zu und hastete weiter.
    Irgendwo schlief ich ein. Als ich erwachte, befand ich mich im Naturpark, eine Stunde von unserem beliebten See entfernt. Laut schimpfte ich auf die Gemeinheit Guros und war so froh dabei.

Basteln und Büffeln

    Wir waren acht. Die jüngeren Geschwister spielten noch im Naturpark, tummelten sich auf der Spielwiese, krabbelten im Kinderzimmer, klammerten sich an ihre Rammas, formten sich in den Inkubatoren oder waren noch nicht gezeugt. Nur wir acht ältesten trugen schon die geschmeidige Kombination. Nur uns hatte Guro bislang in den technischen Teil des Schiffes geleitet. Nicht zu allen Räumen hatten wir Zutritt, oft versperrten uns Türen mit roten Signallampen den Weg. In diesem Alter nahmen wir das noch hin, außerdem hatten wir von dem uns zugänglichen Teil längst nicht alles gesehen. Und jeden Tag stellte uns Guro schwierigere Aufgaben.
    Zahnrädchen lagen auf meinem Platz, verstreute Achsen und Schrauben, dazu Werkzeug, ein Heft mit Instruktionen. Woher sollte ich wissen, welche Schraube wohin gehörte? Im Naturpark gab es dergleichen nicht, und die Zeichnung war so kompliziert. Und doch, als ich Zeths vertieften Blick und die Ratlosigkeit von Alfa und Teth sah, faßte ich Mut, probierte eben drauflos. Einzeln oder in Zweiergruppen bastelten wir um die Wette, versuchten, das Geheimnis der zappelnden Federn zu ergründen.
    Eta zappelte dabei ebensosehr. Und zu unserem Ärger unterhielt sie sich mit ihrem Material: „Willst du wohl endlich festsitzen, du häßliche Schraube!“ Sosehr wir protestierten, ihre Zunge blieb in ständiger Bewegung. Dann machte sie uns weis, sie sei fertig, und holte von Guro mehr Federn. Sie hatte entdeckt, daß diese, gespannt und angezupft, singende Töne von sich gaben. Ganz entzückt lauschte sie. Wir flehten um Ruhe, schimpften mit ihr und brachten es, wenn sie uns mit Augen voller unschuldiger Freude anschaute, doch nicht übers Herz, sie auszusperren.
    Stunden konnten so vergehen, bis Guro uns unterbrach, zum Essen rief. Oder wir warfen den Schraubenzieher protestierend auf den Tisch, auch das geschah. Aber zumindest Zeth setzte sich nach der Pause oder am nächsten Tag wieder an die Arbeit. Dann bastelten auch wir weiter, bis es gelang, bis die primitive Uhr endlich tickte oder die mechanische Maus über den Boden rannte. Das war das Wichtigste, was wir lernten: daß wir mit Geduld alles erreichen, alles schaffen konnten.
    Wie unsere Fähigkeiten wuchsen die Aufgaben. Wie leicht war es noch, einfache Stromkreise zusammenzuschalten, und wie vergnüglich, sich krächzend über das eben konstruierte Telefon zu unterhalten. Alle Intercoms des Schiffs waren vergessen. Und Delth fand eine neue Möglichkeit, meinen Mut auf die Probe zu stellen: „Gib mir die Hand, Beth, und greif mit der anderen den Draht an, es sind nur ein paar Volt.“
    Guros lange Erzählungen von Forschem und Erfindern inspirierten uns zu den verschiedensten Versuchen. Wir waren Forscher und Erfinder! Dabei reichte unser Wissen kaum für eine Aufgabe. Guro verwies uns, obwohl er über alles informiert war, immer häufiger an die Displays, an denen wir lernten, dem Computer in seiner Sprache Fragen zu stellen: nach chemischen Substanzen, die wir für ein Experiment benötigten, nach Daten von Geräten, die wir uns aus einem Lager beschafft hatten.
    Anderes besorgten wir uns aus dem Naturpark, junge Pflanzen und Insekten, Frösche und kleine Nager. Wir wollten wissen, wie sie das zustande brachten, zu wachsen und sich zu vermehren.
    „Wenn alles aus deinen Atomen besteht, Guro, wieso können die Dinge dann so verschieden sein wie tote Metallschrauben und Bäume, die wachsen, und wie wir?“ Seine Antworten auf Gammas Fragen klangen ausweichend. Wir wollten uns selbst von der Existenz jener respektheischenden winzigen Bausteine überzeugen, doch Guro vertröstete uns mit seinem Lieblingsspruch: „Ihr müßt noch viel lernen.“
    Während ich mit Gamma gern am Computer arbeitete, bevorzugte ich bei Tierversuchen Ilona als Partnerin — genau wie meine Geschwister. Ilona hatte einfach den richtigen Griff. Eine rasche Bewegung -schon stak die Kanüle im Mausefell, ein schnelles Zugreifen — schon hielt sie die Schlange hinter dem Kopf.
    Teth dagegen! Daß ihm ständig Mäuse oder Fliegen entkamen, verstand ich. Aber selbst Schrauben schienen unter seinen Fingern lebendig zu werden und sich seinem Griff zy entwinden. Wenn ihm vor Wut die Tränen kamen, ließ er sich von Alfa trösten, die gewöhnlich Zeth überredete, seinem Bruder zu helfen. Sogar Delth nahm ab und zu von Zeth Hilfe an, Zeth war wegen seiner ausgeprägten Zurückhaltung kein Rivale für ihn.
    Die Konstrukteure des Schiffs, die auch unser Leben planten, hatten keine Möglichkeit ausgelassen, uns das nötige Wissen möglichst schnell und umfassend zu vermitteln. Wir erfuhren später, daß unsere Speisen chemische Substanzen enthielten, die unsere Aufmerksamkeit erhöhten, und daß unsere Körperfunktionen ständig telemetrisch überwacht wurden, um eine physische Überforderung zu vermeiden. Guro und den wachsamen TV-Kameras des Schiffs entging nicht die geringste Geste, nicht das feinste Schwingen in der Stimme.
    Als Teth, unter dessen ungeschickten Händen sich die Fäden am Webstuhl zu einem unentwirrbaren Knäuel verheddert hatten, trübsinnig zu Boden blickend, den Raum verlassen wollte, holte Guro ihn ein. „Teth, ich bin jetzt dein Werkzeug, und du mußt mir sagen, was ich tun soll.“
    Teth schluckte ungläubig und zeigte auf seine verfitzten Fäden. Unter Guros kaum zu verfolgenden Fingerbewegungen war in Sekundenschnelle der Ausgangszustand wiederhergestellt. Wir anderen scharten uns um den Webstuhl, wollten das Werkzeug Guro miterleben. Und Teth kommandierte: „So, jetzt den roten Faden, dann gelb mit blau, dann…
    Am Ende des Tages mußten wir eingestehen, daß niemand von uns, vielleicht mit Ausnahme von Eta, ein so schönes Muster hätte weben können. Teth war überglücklich, einmal unangefochten der Beste zu sein. Ich glaube, er hat Guro diese Hilfe nie vergessen, auch in dem Alter, in dem er längst wußte, daß Guro tatsächlich nur ein Werkzeug war.
    Daran, wie wir unsere Aufgaben bewältigten, wurde unser psychischer Zustand gemessen, unser intellektueller Fortschritt, unsere geistige Reife. Die klassischen Tests der Psychologie waren überflüssig. Unser Wetteifern beim Züchten von Blumen, beim Ertüfteln von Programmen, Ausprobieren von Schaltungen, Experimentieren mit Taufliegen war alles in einem: Arbeit, die den Schweiß auf die Stirn trieb, verbissenes Lernen, ein großartiges, nie enden wollendes Spiel, komplexester Test unserer Fähigkeiten durch den Schiffscomputer und Vorbereitung, Jahre dauernde intensive und umfassende Vorbereitung.
    Wir lernten schnell, mehrmals so schnell wie die hypothetischen irdischen Schulkinder. Das Lernen bereitete uns als Befriedigung eines grundlegenden menschlichen Bedürfnisses fast ausnahmslos Vergnügen. Daß es auch anders sein könne, kam uns nicht in den Sinn.

Ein eigenes Zimmer

    Zwischen glatten Plast- und Metallwänden leben, in Zimmerschachteln und Gangrohren ohne das Grün der Bäume, das Zirpen der Insekten, ohne Gras unter den Füßen, dafür eingezwängt in Kleidung — lange konnten wir uns das nicht vorstellen. Doch nach und nach hatten wir uns durch unzählige Ausflüge und Spiele mit dem technischen Teil des Schiffs etwas vertraut gemacht. Aber noch betrachteten wir den Naturpark als unsere eigentliche Heimat.
    Als ich etwa neun Jahre alt war, führte uns Guro in einen kurzen Gang. Jeder fand sein Symbol auf einer der Türen zur Linken oder zur Rechten wieder.
    „Jeder von euch hat künftig ein eigenes Zimmer“, sagte Guro, „in das ihr euch zurückziehen könnt, wenn ihr ungestört sein wollt, das ihr ausgestalten könnt ganz nach euren Wünschen. In ihm werdet ihr von nun an auch schlafen.“
    Ich öffnete die Tür mit dem blauen β und schaute mich um, noch ohne recht zu wissen, was ich hier sollte. Eine niedrige Liege, ein Computerterminal, das Intercom, ein Arbeitstisch, die Wände kahl bis auf die Leuchtkörper, ein leeres Regal. Ich setzte mich auf das Bett, stand wieder auf, klopfte auf dem Regal herum und lief wieder in den Gang. Teth und Ilona verließen ebenfalls ihre Zimmer.
    Hier sollten wir künftig leben, wohnen? Es war kahl hier, leer und kalt. Wir würden nicht mehr einen Schlafsaal teilen, nicht mehr das gleichmäßige Atmen der Geschwister hören, wenn wir nachts erwachten. Wir würden allein sein im isolierten eigenen Raum im nüchternsten Teil des Schiffs, allein mit blanker Technik. Ich zuckte hilflos protestierend mit den Schultern, Guro würde seinen Willen durchsetzen. Teth, der schon Ilonas Hand erfaßt hatte, griff nun auch nach meiner.
    „Ihr könnt euch ja gegenseitig besuchen“, bemerkte Guro, wie stets über unsere Gefühle informiert. „Den Schlafsaal braucht jetzt eine jüngere Gruppe. Ihr wißt, das Schiff produziert regelmäßig neue Geschwister.“
    Wir schwiegen. Nach einer Weile setzte Guro hinzu: „Ihr müßt euch die Zimmer einrichten nach eurem Geschmack, dann werden sie euch gefallen.“
    „Ich brauche keinen eigenen Raum“, verkündete Eta aus ihrem Zimmer heraus.
    „Vielleicht noch nicht“, antwortete Guro und betonte das „noch“.
    An die erste Nacht im eigenen Zimmer erinnere ich mich gern. Ich lag da auf der neuen, nicht zu weichen Liege, hatte die Augen geschlossen. Es war warm, ja ruhig, alles war in Ordnung, aber nein, alles war fremd und leer. Ich dachte an meine Geschwister, die Tiere im Naturpark, die Gedanken drehten sich im Kreise.
    Es kratzte an meiner Tür ganz leise, ich schrak auf. Eine in der dünnen Nachtbeleuchtung nicht zu erkennende Gestalt schlüpfte in mein Zimmer.
    „Ich kann nicht einschlafen“, sagte die Gestalt, es war Gamma. Sie setzte sich ganz selbstverständlich auf mein Bett, zog die Füße unter das sehr weite Nachthemd. „Du hast doch genug Platz?“
    „Wenn nicht mehr kommen“, sagte ich erleichtert.
    Die Liege, Erwachsenen angemessen, bot genug Platz für uns beide. Doch noch ehe wir unsere Beine sortiert hatten - jeder nahm sich ein Ende der Liege — war ein Geräusch auf dem Gang zu vernehmen.
    Wir hielten den Atem an. Gamma hatte die Tür einen Spalt offengelassen. Nun hörten wir eine weinerliche Stimme: „Wo seid ihr denn alle? Hallo…“
    Teth kam herein und schnaufte. „Da seid ihr…, Beth, du…“ Er rüttelte mich, obwohl ich völlig wach war.
    „Beth, Gamma, die anderen sind alle weg. Ich, ich hab nicht schlafen können…, ihre Zimmer ganz leer…, die sind eingeschlafen und puff — weg!“ Teth schnaufte wieder.
    „Wir müssen nachsehen, die können nicht weg sein!“ Gammas Stimme klang besorgt.
    Zu dritt tapsten wir auf den ebenfalls nächtlich schwach beleuchteten Gang. Zeths Zimmer — leer. Ilonas Zimmer — leer, das Bett unberührt.
    „Das ist mein Zimmer“, unterbrach Teth die Suche. Wir gingen weiter. Etas Zimmer — leer, Delths Zimmer — leer, die Bettdecke fehlte. Langsam wurde mir unheimlich, schnell tasteten wir uns an Gammas und an meinem Zimmer vorbei, öffneten die Tür von Alfas Raum.
    Leises Geschnatter schlug uns entgegen. Da lagen sie, kreuz und quer, im Bett, auf dem Boden. Wir schubsten uns eine Ecke frei, ich rannte noch nach meiner und Gammas Decke, dann, glücklich vereint, versuchten wir wieder einzuschlafen. Doch jede Minute zuckte jemand, streckte sich ein Bein aus, deckte sich einer auf, um besser Luft zu bekommen. An Schlaf war nicht zu denken.
    Schließlich fanden wir den Dreh. Wir gingen zurück in unsere Zimmer, ließen aber die Intercoms eingeschaltet. So konnte jeder jeden hören, die Gemeinschaft blieb erhalten. Langsam erzählten wir uns in den Schlaf. Es war wie am Tag vorher, wie in den guten alten Zeiten des Schlafsaals. Am nächsten Morgen schien das Atmen der noch schlafenden Geschwister das ganze Schiff zu füllen.
    In den folgenden Tagen lernten wir, uns einzurichten. Alfa schmückte ihr Zimmer als erste mit Blumen. Tiere entnahmen wir nicht aus dem Naturpark, weshalb auch, wir konnten ja dort mit ihnen spielen.
    Delth verzierte sein Zimmer mit Bildern von Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen und Wirbelstürmen. Eta entdeckte in dieser Zeit ihre Vorliebe für Musik. Sie stopfte ihren Raum mit Flöten jeden Kalibers voll, die nach irdischen Vorbildern von den Automaten des Schiffs hergestellt wurden. Sie lernte sogar, auf ihnen zu spielen. Später, viel später bestellte sie sich ein Spinettino.
    Ich überlegte lange, wie ich mein Zimmer ausgestalten sollte. Alles erschien mir zu speziell. Und die wenigen privaten Dinge, darunter mein Teddy, die ich aus dem Schlafsaal und den Spielzimmern holte, nahmen sich verloren im großen Regal aus. Zeth bastelte gern in seinem Zimmer, aber das konnte ich in einer Werkstatt besser. Von Gamma übernahm ich die Idee, mir Bücher zu bestellen, sie zu lesen und ins Regal zu schieben, das sah bunt und klug aus. Aber war nicht die direkte Benutzung des Computerterminals günstiger? Am ehesten noch glaubte ich durch abstrakten Schmuck der Wände meinem Empfinden Ausdruck verleihen zu können. Jedenfalls hingen in späteren Jahren vielfarbige Risse des Schiffs, bunte Schaltschemata und die verwirrenden Übersichten über biochemische Reaktionswege in meinem Raum. Bis auch sie mir zu langweilig wurden.
    Nur das Panoramafenster in der Stirnwand, für das man beliebige Ansichten programmieren konnte, bereitete mir keinerlei Kopfzerbrechen. Mochte Teth es ständig wechseln — von flachen irdischen Wiesen zu zerklüfteten irdischen Gebirgen, zu endlos weiten irdischen Meeren, aber stets mit tiefblauem Himmel und einer strahlenden Sonne so kannte ich nur eine Variante. Und mein letzter Blick, bevor ich einschlief, fiel darauf und der erste, wenn ich erwachte: auf den endlosen schwarzen Abgrund des Kosmos, aus dem nur die gestochen scharfen Punkte der Sterne herausleuchteten. Es war, als hätte die Wand des Schiffs eine Aussparung, als reichte das Vakuum bis in mein Zimmer.

Spekulationen

    Gamma überraschte uns zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten mit kühnen Gedanken. Sie verbrachte längere Zeit als wir anderen an den Lehrmaschinen, den Computerterminals, bei den Wissensspeichern und saugte begierig alles in sich auf, was die Konstrukteure des Schiffs in den winzigen Kristallen der Informationsträger kodiert hatten.
    Neue und verwunderliche Fakten fanden wir alle bei unseren Anfragen aufs Geratewohl. Aber nur Gamma ließ sich von den Ausgabedaten inspirieren, deutete sie um, knüpfte eigene Meinungen daran. Was uns als bare Münze und letztes Wort der Erde galt, bedeutete ihr nur den Ausgangspunkt einer langen und sich ständig verzweigenden Gedankenkette. Und oft verwirrte sie uns mit ihren unbeantwortbaren Fragen und absonderlichen Ideen.
    Gamma glaubte den gespeicherten Nachrichten von der Erde und über den Kosmos nicht. Sie stiftete mich an, viele von den trivialeren Fakten auf den unterschiedlichsten Wissensgebieten experimentell zu überprüfen. Tagelang beschäftigten wir uns damit, im Naturpark und in den großen radialen Röhren des Schiffs Steine fallen zu lassen. Die Tabellen von Fallzeit und -strecke, die wir sorgfältig aufstellten, stimmten nicht mit den vom Computer errechneten überein. Unsere Steine fielen schneller und wichen stets von der Geraden ab.
    Die Geschwister, denen das geplante Lernen und die normalen Basteleien genügten, lachten nur, wenn wir ihnen von unseren Experimenten berichteten oder sie aufforderten, daran teilzunehmen.
    „Das schadet euch gar nichts. Was müßt ihr auch klüger sein wollen als der Computer! Wozu herummessen, wenn er die Ergebnisse von vornherein und besser weiß!“ Delth schlug sich vergnügt auf die Schenkel.
    „Habt ihr die Steine richtig gewogen? Und wieviel ist drei mal drei?“ neckte uns Eta.
    Die Steine abwiegen! Falsch messen! Verrechnen! Es war eine Beleidigung.
    „Ein Widerspruch - und alles kann Schwindel sein!“ verteidigte sich Gamma.
    Wenn ich daran dachte, welche Berge von Fakten und Gesetzen wir überprüfen mußten, um sicherzugehen, wurde mir schwarz vor Augen.
    „Die Menschheit hat mehrere tausend Jahre gebraucht, um dieses Wissen anzusammeln“ — so Guro. Die Menschheit — ja, gab es die denn überhaupt? In den hektischen Tagen, in denen wir unsere Erfahrungen mit den Daten des Computers nicht in Übereinstimmung bringen konnten, schien unsere Welt Stück für Stück zu zerbröckeln, sich in bloße Vermutungen und blanke Vorspiegelungen aufzulösen.
    Abgekämpft und verlegen gingen Gamma und ich zu Guro, der uns als echte Nachfahren irdischer Forscher lobte und den scheinbaren Widerspruch auf klärte: „Im Schiff wirkt nicht wie auf der Erde die Schwerkraft, sondern die Fliehkraft. Deshalb haben wir kein quadratisches Fallgesetz, sondern ein asymptotisch lineares.“ Ich schluckte und ärgerte mich. Daß wir nicht selbst daraufgekommen waren! Es war eigentlich so einfach.
    Auch nach der glücklichen Auflösung unseres Welträtsels liebte es Gamma, alles in Frage zu stellen. Nach wie vor wollte sie sich von allem selbst überzeugen, traute sie ihren Augen nicht und nicht den zuverlässigen Schaltkreisen.
    „Woher wissen wir, daß die gespeicherten Daten stimmen? Nun gut, das Fallgesetz haben wir geklärt, und viele Sachen lassen sich ausprobieren. Aber wie steht es mit den Aufzeichnungen über die Geschichte der Erde? Das können wir nicht überprüfen, nur glauben oder nicht glauben… Stell dir vor, das Schiff existierte ewig - niemand müßte es geschaffen haben. Doch nein, wir wissen, daß sein Material keine Ewigkeiten übersteht, höchstens einige. Millionen Jahre, wenn die Temperatur nahe an absolut Null abgesenkt ist…
    Oder stell dir vor, das Schiff ist gar nicht von den mysteriösen Menschen geschaffen worden, sondern von irgendeinem anderen Wesen, nennen wir es Schöpfer. Angenommen, dieser Schöpfer beabsichtigte, uns über die Entstehung des Schiffs im unklaren zu lassen — was könnte geeigneter sein als das Märchen von der Erde und den arbeitsamen Erdmenschen, die aus unbekanntem Antrieb das Schiff erbauten! Das Schiff wurde konstruiert, bis in das letzte System kunstvoll ausgedacht — warum, Beth, warum sollten die Informationen in den Speichern weniger ausgedacht sein?“
    Ich schüttelte den Kopf. Tausende solcher Vermutungen ließen sich aufstellen und keine beweisen. Am ruhigsten zu leben vermochte man aber mit dem Glauben an die Menschen. Gamma gab selbst zu, daß sie sich zu ihrer Hypothese von unwissenschaftlichen Vorstellungen der Erdmenschen hatte verleiten lassen und daß die Annahme ein wenig um die Ecke gedacht sei. Troizdem könne sie all das nicht als entscheidende Gründe akzeptieren.
    Manche Ideen Gammas schienen darauf berechnet, meine innersten Ängste aufzustacheln. Sie mochte sich zu Boden gleiten lassen, sich an die Konsole des Displays lehnen und mit dem Kopf sacht gegen die Plastverkleidung schlagen. „Wie wenig, wenig, wenig wissen wir… Kennen noch nicht einmal das Schiff, geschweige seinen Zweck oder wie man es steuert… Beth, wenn nun nicht die Leere des Alls und die entfernten Sterne um das Schiff sind, sondern das Nichts, ich meine, wenn nichts außer dem Schiff existiert… Wäre das nicht schrecklich?“
    Welche Vorstellung fürchtete ich mehr: die einer endlosen Welt ohne Wände und Begrenzungen oder die einer endlichen, eines engen Schiffs, in dem nur wir lebten?
    Ich schlug Gamma vor, mit mir aus der Scheinwelt der Computer in die Realität des Naturparks zu flüchten, wo jeder Grashalm, jeder Kiesel, jeder Dorn, der unsere Haut ritzte, ergriffen werden konnte, echt war — ein Ding ohne Zweifel.
    Manche der großen Fragen der kleinen Gamma könnte ich heute mühelos beantworten, andere nicht. Das vom Schiff gespeicherte naturwissenschaftliche Wissen erwies sich nicht nur als korrekt, sondern auch als umfassend und für viele, viele Jahre ausreichend. Erst heute existieren Ansätze, darüber hinauszugehen. Die Erde aber, sie wird wohl, weil tief in der Vergangenheit verloren, ein grausames und schönes Märchen bleiben, das wahr sein kann, das wir — und Generationen nach uns — aber nicht werden überprüfen können. Und die Konstruktion des Schiffs? Unsere eigenen Projekte werfen ein völlig neues Licht darauf.

Beschleunigung

    Der Ton überraschte mich an einer der Lehrmaschinen, die mir die Anfangsgründe der theoretischen Mechanik vermittelte. Der Ton: ein feines, kaum hörbares Zirpen und Brummen, das sich allen Objekten mitteilte, vor dem es keine Zuflucht gab, das alles durchdrang. Ganz plötzlich hatte es eingesetzt. Später ging das Gerücht um, in diesem Moment hätten die Babys im Chor zu schreien begonnen und der lärmende Dschungel sei für eine kurze Weile verstummt.
    Sofort hielt ich ein, schaltete das Gerät ab, weil ich an einen Defekt glaubte. Dann überprüfte ich die restlichen Systeme des Zimmers, versuchte, mit den Fingern ein Vibrieren zu ertasten, doch der Ton ging nicht von ihnen aus. Ob meine Ohren? Selbst heute spielen sie mir manchmal einen Streich, singen, ohne von außen dazu angeregt zu werden. Ich versuchte also, den Ton auf diese Weise zu erklären, ging zur medizinischen Sektion. Heute ist es umgekehrt, unwillkürlich denke ich bei jedem feinen autogenen Fiepen: Bremst die Welt?
    Auf dem Gang traf ich Myth, der gleiches vernahm, und dann Jota. Die Geschwister der zweiten Gruppe, die vor kurzer Zeit eigene Zimmer in den technischen Räumen des Schiffs bezogen hatten, liefen aufgestört umher. Allein Jota, die älteste von ihnen, blickte mich gelassen an.
    „Was für einen Unsinn habt ihr wieder angestellt?“ fragte sie mich ironisch.
    Ich überhörte diese Bemerkung, strafte ihr respektloses Verhalten durch Nichtachtung und schritt mit dem Gefühl des Hausherrn zum nächsten Intercom.
    Guros vertraute Stimme erklärte kurz: „Das Schiff ist in die Bremsphase eingetreten. Noch neun Jahre bis zum Ziel.“
    Da stand ich und sah das Schiff vor mir - wie ein außenstehender Beobachter.
    Jahrhunderte, Jahrtausende war es starr und tot wie ein galaktischer Komet durch das Nichts geflogen. Gemächlich nach kosmischen Maßstäben, denn was sind schon ein paar hundert Kilometer je Sekunde? Höhere relativistische Geschwindigkeiten konnte es mit seinem Antriebssystem und den verfügbaren Wasserstoffmengen nicht erzielen.
    Nun, nach langer, langer Pause, arbeiteten die Triebwerke wieder, schleuderten heißes Helium voraus. Wer will, kann diesen Vorgang „bremsen“ nennen, aber ich betrachtete ihn als Beschleunigung, und das war physikalisch korrekt. „Wir beschleunigen“ — was für ein wunderbarer, hoffnungsvoller Satz, mit dem ich die Geschwister informieren konnte.
    Die zweite Gruppe nutzte dieses Ereignis, um einen Tag im Naturpark zu feiern. Wir Großen — Alfa war bereits elf Jahre alt - zuckten mit den Achseln und fühlten uns weit überlegen.
    Später meinte Gamma, zum erstenmal spräche ein Fakt dafür, daß wir uns in einem Raumschiff befänden. Zwar war die Beschleunigung zu gering, als daß wir sie direkt wahrnehmen konnten, aber der Ton, allgegenwärtig im Hintergrund, hatte unsere Welt verändert. Wir wußten nun, daß das Schiff einen fernen Lichtpunkt anflog. Bis es ihn erreichte, wollten wir es steuern lernen.

Erwachen der Körper

    Schwer Begreifliches geschah mit den Körpern der Mädchen. Alfa, die Älteste, war beunruhigt und erschrocken, als sie eingetrocknetes Blut an ihren Schenkeln fand, ohne daß sie sich verletzt hatte. Und Guro bezeichnete das als völlig normal! Wir waren entsetzt, und er mußte uns lange erklären, daß wir nicht nur wuchsen, sondern unsere Körper sich veränderten.
    „Ich will mich nicht verändern, ich will ich bleiben!“ Was nützte Gammas impulsiver Protest, auch für sie kam die Zeit.
    Unvorstellbar, daß wir uns nun bald in diese seltsame Sorte von Menschen verwandeln sollten, die nach Guros Erzählungen die Erde besiedelten und die er „Erwachsene“ nannte. Großen Wert legten wir nicht auf diese Verwandlung, denn was wir von den Erderwachsenen wußten, war ungereimt und befremdlich.
    Alfa veränderte sich, man sah es ihr an. Sanft wölbten sich ihre Brüste unter dem enganliegenden Overall. Zuerst versuchte sie, „die Wucherungen“ noch wie einen körperlichen Fehler vor uns zu verstecken, dann, eines Tages, schlug ihr Verhalten um. Endlich einmal war sie uns unbestreitbar voraus, wenn auch nicht im Lösen komplizierter Rechenaufgaben oder im Zeichnen vertrackter Schaltpläne.
    Ich sehe Alfa heute noch vor mir, wie sie an unserem Mittagstisch stand, während wir anderen schon saßen, wie sie sich stolz reckte und verkündete: „Guro sagt, ich bin bald reif!“ Wie ihr herausfordernder Blick mich traf, daß ich ihm nicht standhalten konnte, sondern unsicher begann, das Gemüse auf meinem Teller zu ordnen.
    „Na, Hauptsache, du hast keine Maden.“ Eta brachte uns wie immer zum Lachen. Von den Nachbartischen hörten wir das alberne Kichern der jüngeren Geschwister.
    Ja, Alfa wurde „komisch“ nach meinem damaligen Wortschatz. Und sie begann mir nachzustellen. Ilona wurde von ihr beschwatzt, den Versuchsplatz mit ihr zu tauschen, so daß sie mit mir Katalysereaktionen nachvollziehen konnte. Und sie traf mich immer öfter ganz zufällig auf dem Gang oder im Aufenthaltsraum. Wären ihre seltsam starren, saugenden Blicke nicht gewesen, hätte ich die Häufung von Zufällen womöglich nicht einmal bemerkt. Aber wie sie blickte! Hieß das: erwachsen werden?
    Eines Abends, ich lag schon in meinem Bett und las vor dem Einschlafen ein paar Seiten aus dem spannenden, buntillustrierten Buch über die Entstehung des Weltalls, klopfte es zaghaft an meine Tür. Kaum hatte ich geantwortet, stand Alfa schon in meinem Zimmer, das dünne Nachthemd reichte ihr bis über das Knie. Sie setzte sich, mir zugewandt, auf mein Bett.
    „Was ist denn?“ fragte ich müde.
    „Ich weiß nicht“, sagte sie unschlüssig, „ich wollte einfach noch einmal vorbeischauen…“
    „Du machst Witze.“ Mein Urteil stand fest, ich nahm das Buch wieder zur Hand.
    Sacht berührte sie meinen Arm. „Vielleicht stimmt das mit der Katalyse gar nicht?“
    Ich schaute sie fragend an. Diese Überlegung stand ihr nicht zu, es war Gammas Denkweise.
    „Wie kann das Eisen die Reaktion lenken, wenn es sich überhaupt nicht verändert?“
    „Du weißt doch, die Aktivierungsenergie“, sagte ich barsch.
    Alfas Augen schimmerten feucht. „Schick mich nicht weg, Beth.“
    „Du bist vielleicht komisch, Alfa, was hast du nur? Im Labor, am Computer, nirgendwo läßt du mich in Ruhe, immer läufst du mir nach. Glotzt mich an wie eine Schlange. Bist du vielleicht krank? Wenn du was von mir willst, dann sag es doch!“
    Alfa sprang auf und rannte hinaus. Verstört stand ich auf, um die Tür zu schließen. Sie war komisch, eindeutig.
    Am nächsten Morgen fehlte Alfa am Frühstückstisch; sie hatte — wie Gamma berichtete — geweint. Ich war beruhigt, denn damit war Alfas Krankheit erwiesen. Als ich mich während des Mittagessens danach erkundigte, würdigte sie mich keines Wortes. Auch mit den anderen sprach sie nicht. Ihre Augen waren gerötet.
    Eine Weile ging mir Alfa aus dem Weg. Es war mir sogar recht, daß sie den Versuchsplatz zurücktauschte, denn Ilona verschüttete keinen einzigen Tropfen Säure. Nach den wenigen Bemerkungen Gammas zu urteilen, schien sich Alfas Krankheit nicht zu bessern.
    Dann kam Alfa eines Tages zu mir an die Lehrmaschine. Nervös strich sie mit den Händen über ihren Overall, und sie blickte vor mir auf den Boden. „Ich muß dir etwas Wichtiges zeigen, Beth, komm mit auf die Insel!“
    Verwundert folgte ich ihr. Was konnte es im Naturpark noch Unbekanntes zu sehen geben? Bevor wir die Welt unserer Kindheit betraten, legten wir die Kleidung ab. Sicherer geworden, ging Alfa mit federnden Schritten voraus. Ohne allen Zweifel: Sie hatte sich verändert, ohne daß ich genauer sagen konnte, auf welche Weise. Selbst ihre Bewegungen waren irgendwie geschmeidiger geworden.
    Plötzlich begann sie zu rennen, warf sich, ohne zu zögern, in den See und schwamm hinüber zur kleinen Insel, so schnell, daß ich den Vorsprung nicht auf holen konnte. Dort auf dem Strand drehte sie sich um, sah mir entgegen und strich genüßlich langsam die Feuchtigkeit von ihrem Oberkörper. Noch ehe ich anlangte, lief sie zwischen die Bäume.
    „He, halt!“ rief ich ihr außer Atem nach. Nach wenigen Minuten fand ich sie.
    Sie lag im weichen Gras und hatte die Augen geschlossen.
    „He!“ Ich holte tief Luft. „Wo ist das, was du mir zeigen wolltest?“
    „Hier“, flüsterte sie, „das bin ich.“
    Ich vergaß, die zum Verschnaufen nötigen Armbewegungen fortzusetzen. „Waas?“ fragte ich ungläubig.
    „Mich sollst du ansehen. Gefalle ich dir wirklich so wenig?“
    „Also, nein…“ Ich hockte mich neben sie, schaute ihren schwarzen, glänzenden Körper an und begriff nicht das mindeste. Sie mir gefallen oder nicht gefallen - ein Unsinn. Mußte sie mich deshalb von meinen Aufgaben weglocken?
    „Beth, bitte, gefalle ich dir ein wenig?“ flehte sie leis.
    „Na ja, freilich, warum nicht.“
    „Setz dich doch neben mich, ganz nah.“ Ohne die Augen zu öffnen, fand sie meinen Arm, zog mich heran. Ihre Hand brannte wie Feuer. „Du bist der einzige, der mich verstehen kann, Beth, die anderen sind alle zu klein. Ich habe lange nachgedacht. Weißt du, ich bin jetzt erwachsen“ — sie richtete sich etwas auf und schaute mich an — „so schrecklich erwachsen wie die Erdmenschen, ganz bestimmt.
    Hier…“ Sie legte meine Hand auf ihre kleine Brust, den greifbaren Beweis.
    Vorsichtig zog ich die Hand wieder zurück.
    „Bitte, Beth, faß mich an, spürst du nicht, wie schön das ist? Ich könnte mich immer nur an dich kuscheln.“
    „Bin doch nicht deine Ramma.“ Alfa war mir unheimlich. Am liebsten wäre ich vor ihr geflohen, so unheimlich war sie mir. Aber irgend etwas hielt mich, auch wenn ich nicht wußte, was ich tun sollte und wie mir geschah. Und allmählich begann ihre Erregung auf mich auszustrahlen.
    Alfa streichelte mich, küßte mich, wo ihre Lippen nur Platz fanden.
    Wo bleibt denn deine Vernunft, dachte ein Beth in mir, wie kannst du solchen Unsinn machen, sie mit deinem Mund abtasten, du bist doch kein Tier. — Aber ich bin ja auch ein Tier, sagte ein anderer Beth in mir, und beide waren verwirrt.
    Wir kannten weder Tabus noch Verbote. Wir spielten mit unseren Körpern. Nichts hinderte uns. — Oder doch? Lag es nur an unserem Ungeschick, unserem Zaudern? Der Zauber war mit einem Male verflogen. Ernüchtert blickte ich Alfa an. Sie schwitzte wie ich. Noch vor einem Moment war ich nahe daran gewesen, sie zu verletzen.
    Wie konntest du nur solche unsinnigen Tierspiele treiben? fragte der eine Beth in mir. Und der andere wandte sich laut an Alfa: „Ich versteh das nicht!“
    Um die Erfüllung betrogen, saßen wir da und benutzten die eben noch überflüssigen Worte. Vielleicht sollte es bei Menschen ganz, ganz anders sein? Oder mußten wir erst weiterwachsen? An wem lag es?
    Alfa schluchzte: „Du magst mich nicht.“ Und ich fühlte, daß ich versagt hatte, erbärmlich versagt.
    Niedergeschlagen trotteten wir zum Ufer. Dort wartete Guro, wie immer ausgezeichnet informiert, mit seinem Rat. Menschen müssen eben alles lernen.
    Es war ein neues Spiel, reizvoller und lustvoller als alle, die wir kannten. Daß unsere Liebesspiele ohne Konsequenzen blieben, war weder Alfas Verdienst oder Verschulden noch das meinige. Vorausschauend versetzte der Schiffscomputer unsere Speisen mit Hormonen, die die normalen Funktionen des Körpers und seiner Organe nicht beeinträchtigten, wohl aber die Vereinigung der Zellen verhinderten.
    Unsere Geschwister bemerkten sogleich, daß wir ein Geheimnis vor ihnen hatten. Sie fragten uns geradeheraus, und obwohl es keinen Grund gab, ihnen irgend etwas zu verbergen, wichen wir einer direkten Antwort aus. Ich weiß nicht, ob sie uns bei unseren wiederholten Besuchen auf der Insel beobachteten, jedenfalls behauptete Delth eines Tages, er könne es auch.
    Besonders die Mädchen hatten es eilig, Alfa nachzueifern. Oder sogar zu übertrumpfen wie Ilona, die über Nacht die entwickeltsten Formen besaß. Delth und ich entlarvten sie unbarmherzig und packten Watte und Heftpflaster auf den Frühstückstisch. Ilona protestierte schreiend, hatte aber die gewünschte Aufmerksamkeit selbst bei den jüngeren Geschwistern erregt. Die zweite Gruppe hielt uns in dieser Zeit wahrscheinlich für rettungslos verrückt, denn sie sonderten sich von uns ab.
    Es ist unwichtig, Reihenfolge oder einzelne Paare anzugeben. Fest steht eins: Im Verlauf des nächsten Jahres lernte in unserer Achtergemeinschaft jedes Mädchen jeden Jungen kennen. „Schwimmen wir zur Insel?“ wurde zu einer geläufigen Aufforderung.
    Zwangsläufig ergaben sich Rivalitäten, die aber nach den nächsten glücklichen Stunden vergessen waren.
    Kinder im Vollbesitz ihrer Körper! Es dauerte noch Jahre, bis wir auch geistig und emotional genügend gereift waren.

Totaloskop

    Lernen - was bedeuten schon eingepaukte Fakten und hergestellte Zusammenhänge. Uns fehlte etwas, das uns kein Guro erzählte, das wir nicht nachlesen oder am Terminal abfragen konnten. Noch verspürten wir diesen Mangel nicht, und selbst wenn — es hätte uns wenig genützt.
    Die Welt des Schiffs, das Treiben im Naturpark, alle fleißig gelernte soziale Theorie, selbst das Leben in unserer kleinen Gruppe konnte diesen Mangel nicht beheben: den Mangel an Lebenserfahrung, gesellschaftlichem Verständnis, Geschichtsbewußtsein. Nur durch die genetische Nabelschnur mit der Menschheit verbunden, von Robotern erzogen, ohne das Medium einer großen Gesellschaft, ohne die in ihr bewußt oder unbewußt angesammelte Erfahrung wären wir unseren eigenen gesellschaftlichen Problemen hilflos ausgeliefert gewesen. Und wer weiß, was in diesem Fall mit Andymon geschehen wäre, ob unsere kleine Gemeinschaft den heutigen Tag erlebt hätte.
    Doch die Konstrukteure des Schiffs hatten einen Ersatz erdacht für das uns fehlende kulturelle Milieu der Erde: das Totaloskop. Recht mühsam fiel mir seine erste Benutzung. Ich mußte mich entkleiden und auf das Formbett im Totaloskopgehäuse legen. Unzählige sensorische Effektoren für Druck, Wärme, Schmerz galt es auf meine Haut zu kleben. Manche meiner Nervenbahnen konnten leichter erreicht werden durch elektrische Kontakte, dünner als ein Haar, oder durch starke elektromagnetische Felder. So auch am Kopf, über den ich einen bizarren Helm stülpen mußte.
    Eine Sekunde zögerte ich. Es war alles so unwirklich. Meine fünf oder mehr Sinne sollten betrogen werden — für eine neue Realität, eine Erweiterung meines Bewußtseins. Ungläubig, zweifelnd, aber entschlossen setzte ich den Helm auf. Die Abstimmung, die Anpassung des hochkomplizierten Geräts an meine individuellen psychischen Besonderheiten begann. Funken, bunt und kreischend, stoben durch mein Gesichtsfeld, seltsame Gerüche wallten auf, Schmerz prickelte auf der Haut, in den Ohren. Dann endlich war der Abgleich geschehen, der Computer hatte meine individuellen Parameter für die Benutzung des Totaloskops herausgefunden und gespeichert. Ich versank in einem weder warmen noch kalten, unauslotbar stillen Schwarz, das dunkler noch war als traumloser Schlaf.
    Nach einer unbestimmten Weile des Nichts stand ich, als wäre ich plötzlich erwacht, im vertrauten Naturpark. Ein Lufthauch trug die Geräusche und den Geruch des Dschungels zu mir.
    Guro sagte: „Beth, wo befindest du dich? Ist es der Park? Ja und doch nicht. Überprüfe, ob du das leiseste Anzeichen der Illusion entdeckst. Kneife dich in den Arm. Es schmerzt dich, die Illusion ist total.“
    Obwohl ich wußte, daß ich mich im Totaloskop befand, antwortete ich Guro, und er sprach auf gewohnte Weise zu mir.
    Mit allen Mitteln versuchte ich, die Illusion zu entlarven, rannte durch das hohe Gras, sprang in den See, spürte das Wasser, nahm die Anstrengung in meinen Muskeln wahr. Zwei Stunden irrte ich umher, traf dabei sogar auf Ilona, die sich ebenfalls über die Echtheit des Vorgespiegelten beschwerte, verließ den Park, um durch das Schiff zu eilen, fand nichts, nichts im Schiff oder in meinen Empfindungen, was sich verändert hätte, blieb gefangen in der Welt der Illusion.
    Vor dem Speisesaal begegnete ich Gamma, die mir atemlos zuflüsterte: „Hast du auch die Lösung gefunden? Die Totaloskope!“
    Ich folgte ihr in den Totaloskopraum, stand dort zögernd vor dem Gerät, in das ich vor so kurzer Zeit gestiegen war. Nur Mut! Ich öffnete es — und niemand lag auf dem Formbett, Helm über dem Kopf, niemand! Die Illusion widersprach meinem Gedächtnis. Durfte ich meiner Erinnerung trauen, so konnte ich jegliche Scheinwelt entlarven. Ohne neuerliche Probleme begab ich mich in das Totaloskop, identifizierte auf diese Weise Illusion und Realität.
    Guro empfing mich im Naturpark. „So hast du gelernt, Beth, daß du zwischen Schein und Wirklichkeit nur durch dein Gehirn, deine Erinnerung unterscheiden kannst. Doch zur Unterstützung gebe ich dir den roten Punkt, der zu deiner Rechten flammen wird, wenn du dich im Totaloskop befindest. Für heute sei es genug.“
    Dumpfes Dunkel umfing mich einen Augenblick, dann befreite ich mich aus den Eingeweiden des Totaloskops. Aufatmend verließ ich es. Guro stand am Eingang des Speisesaals, und wir umringten ihn.
    Nur Gamma zweifelte Stunden später mir gegenüber an Guros Lehrsatz. Und es klang nach den Erlebnissen dieses Tages nicht einmal so verwegen und unwahrscheinlich, daß es keine Wirklichkeit gäbe, sondern nur Illusion und Schein, daß wir seit unserer Produktion oder seit dem Einsetzen unseres gegenwärtigen Gedächtnisses einem übergroßen Totaloskop unterworfen wären. Und daß ich, Beth, so behauptete sie, vielleicht nur ein Scheinmensch sei, geschaffen zu ihrer, Gammas, Unterhaltung.
    Unsere von logischen Automaten trainierte Vernunft vermochte Hypothesen zu entwerfen und bis zur letzten Konsequenz zu treiben — ohne sie im Grunde zu verstehen.
    „Wenn ich schon ein bloßer Schatten bin“, flüsterte ich Gamma zu, „ein Trugbild, das eigene Existenz sich nicht beweisen kann, so freue ich mich, immerhin in deiner Phantasie zu wohnen.“
    „Quatsch“, sagte Gamma, „ich bin genausowenig real wie du.“
    Die Totaloskope fuhren wie ein Wirbelsturm in unsere kleine Gemeinschaft, stellten die festesten Beziehungen auf den Kopf, rissen uns auseinander und warfen uns wieder zusammen. Eigene Erfahrungen, die wir ohne die Geschwister in unbekannten Situationen in den Totaloskopen gewonnen hatten, erschwerten unsere Verständigung. Früher, als wir vom Erwachen bis zum Zubettgehen stets gemeinsam aßen, spielten und lernten, hatte oft ein einziges Wort oder weniger, ein Blick, eine Geste, genügt, um unsere Gedanken mitzuteilen. Alles hatte sich verändert, wir schossen in ein Erwachsensein, das jenseits all unserer Vorstellungen lag. Unsere nüchterne, klare und überschaubare Welt zerbrach unter dem Ansturm irdischer Erlebnisse, dem Weltwandern. Die ferne Erde hatte uns in ihren Bann geschlagen.
    Teth brüstete sich, Amerika entdeckt zu haben in einem primitiven Wikingerschiff. Wir fanden, seine Leistung sei es nicht gewesen, und ernteten bittere Anklagen, die schlecht zu einem kühnen Seefahrer paßten.
    Delth driftete monatelang als Kriegsfürst, chinesischer Kaiser und Oberpriester durch die Menschheitsgeschichte, bis er sich, der ständigen Attentate und Ermordungen, des ständigen Befehlens und ständigen Hintergangenwerdens müde, als einsamer Tarzan in undurchdringliche Dschungel zurückzog.
    Alfa bekam Dutzende von Kindern und versicherte uns, daß sie sich nie eins wünsche, die Logik ihrer Illusion sie aber dazu treibe.
    Eta spielte methodisch Möglichkeiten durch: Prinzessin und Bettlerin, Ballerina und Hexe, Eskimofräulein und Amazonenkönigin, grande dame und Wäscherin. Sie meinte, Menschen hätten keinen Sinn dafür, glücklich zu werden. Aber weiß ich, ob dies nicht an ihrer Psyche, ihrer speziellen Auswahl lag?
    Zeth verriet keinem von uns ein Wort von seinen Abenteuern, drohte aus unserer Gemeinschaft auszuscheren und sich vom Totaloskop verschlingen zu lassen. Irgendein Computer diagnostizierte Abhängigkeit und Zwangsverhalten, und nach drei weiteren Nachmittagen floh der ausgemergelte Zeth mit irrem Blick in den Park, mied selbst unseren alten Treffpunkt, den Speisesaal, tagelang.
    Was entdeckten wir nicht alles beim Weltwandern in den Totaloskopen! Hatten wir bislang die Verschiedenheit unserer Hautfarben für selbstverständlich gehalten, Blumen blühen nun einmal rot und gelb und blau, so erfuhren wir plötzlich, welche ungeheure Bedeutung dieser oberflächliche Unterschied haben konnte.
    „Ich will nicht weiß sein“, beschwerte sich nach einem Nachmittag im Totaloskop Ilona bei Guro. „die Weißen haben sich und andere immer nur grausam unterdrückt. Kannst du mich nicht umwandeln, Guro? Alfa und Eta sind ja auch so schön schwarz!“
    „Du wirst noch erfahren“, erklärte ihr darauf Guro nüchtern wie immer, „daß die Rasse belanglos ist. Alle Farben sind schön. Ob du ein guter oder schlechter Mensch wirst, hängt davon nicht ab.“ Schöne und grimmige Erde, wie unendlich reich bist du! Wochenlang durchlebten wir einen winzigen Ausschnitt der Erdgeschichte, lernten ein paar Dutzend Menschen und ihre Lebensumstände kennen. Milliarden Menschen aber besiedeln die Erde — niemals würden wir auch nur den kleinsten Teil ihres Daseins verfolgen können.
    Jeden Nachmittag ein neues Leben. Darin war das Totaloskop unerbittlich: Es duldete keine Wiederholungen. Nie erkannten wir völlig, worin das Lehrprogramm bestand — wir durften unsere Illusionen, unsere Erdaufenthalte nach eigenem Ermessen, das beschränkt genug war, selbst wählen.
    Mit Gefühlen und unauslöschlichen Erinnerungen fesselten uns die Totaloskope an die Erde. Wir sahen die Welt des Schiffs nun mit neuen Augen, im Licht neuer Erfahrungen. Das Schiff, einst so unermeßlich groß, wurde uns zu eng.

Gamma sein

    Schon zu dieser Zeit war mir Gamma von den Geschwistern am vertrautesten. So hinreißend Alfa auf der Insel sein mochte, im Alltag des Lernens kam schnell der Punkt, an dem ich sie fade fand und aufdringlich. Sie konnte mich immer noch erregen, verlocken, aber wenn ich über ein Problem reden Wollte, dann suchte ich Gamma, die mir zugleich die größten Rätsel aufgab. Ich wußte stets, was Etas Lachen, was ihr Kichern bedeutete. In Alfas Gesicht spiegelte sich jede ihrer Regungen wieder, und Ilona, die sagte, was sie gerade dachte oder auch mehr.
    Gamma blieb still. Und wenn sie sprach, dann nie, ohne daß ich Nebentöne und Andeutungen eines versteckten zweiten Sinnes mitzuhören glaubte. Und das schlimmste von allem, ich hatte das Gefühl, daß sie mir überlegen war, rascher als ich das auf uns einströmende Wissen erfaßte, schneller als ich im Totaloskop Erfahrungen sammelte, daß ich ihr nicht ebenbürtig sei. Es drängte mich, meine Fähigkeiten mit den ihren zu messen. Ich überlegte, wie ich sie auf die Probe stellen könne: mit einem mehrfach verschachtelten Rätsel vielleicht? Dann wieder scheute ich vor dem Wettbewerb zurück.
    Es waren unruhige Tage des halbbewußten Suchens, denen die Erinnerung einen zusätzlichen, besonderen Zauber verleiht. Und wenn Gammas Kopf heutzutage vor dem Einschlafen auf meiner Schulter ruht, dann frage ich sie manchmal: „Weißt du noch?“ Dann liegen wir wach, vergessen die Mühen des Andymontages und schwelgen in unseren ersten gemeinsamen Abenteuern.
    Sie begannen damit, daß ich die traditionelle Sitzordnung im Speisesaal durcheinanderbrachte.
    „Auf meinem Platz schmeckt es wohl besser?“
    Ich besänftigte Teth und verschloß meine Ohren vor den Witzeleien Etas. „Also, ich bin gespannt, wie Beth gleichzeitig Messer, Gabel und Händchen halten will.“
    Endlich kam Gamma. Sie tat so, als bemerke sie die Veränderung nicht. Von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf sie werfend, wartete ich einen günstigen Moment ab. „Na, Gamma, was hast du heute im Totaloskop erlebt?“
    „Ich war Alchimist.“ Sie zog ihre schmale linke Braue einen charakteristischen Millimeter hoch, ihre dunklen asiatischen Augen blinzelten mich an.
    „Was denn — ein Mann?“ platzte ich heraus, mich hatte das Totaloskop noch nie umgewandelt. Ich sah sie an, den weich fallenden Overall.
    Sie aß, unberührt von meiner Verwirrung, das mit Mandarinen garnierte Fleisch, fuhr sich dann mit dem Handrücken über den Mund, um die scharfe, süße Soße abzuwischen. „Ich habe den Stein der Weisen gesucht.“
    „Das ist doch unwissenschaftlich! Dabei lernst du doch nichts, auch nicht sozialpsychologisch oder gesellschaftstheoretisch…“
    Sie legte ihre feingliedrige Hand auf die meine. „Die Suche, Beth, das Streben. Auch aus Mißerfolg und Verzweiflung ist Kraft zu gewinnen.“
    „Na ja, da gibt es vielleicht Besseres.“.
    „Vielleicht.“ Sie stand auf und ging.
    Ich blieb sitzen und löffelte wie ein Idiot mein Kompott. Alchimist, Gamma ein Alchimist! Ich versuchte, sie mir vorzustellen, eine dürre, gebeugte Gestalt mit schütterem Bart, nach Schwefel riechend, wohl auch nach Knoblauch. Ich lachte, daß ich mich fast verschluckte. Unmöglich!
    „Darf man fragen, welchen Witz du dir gerade erzählst, Beth?“ Delth blickte mich mit dem Neid des Ausgeschlossenen an.
    „Nein“, sagte ich. Vielleicht hatte mich Gamma nur angeführt, und ich hatte ihren Wortfallen unauslotbare Bedeutung beigemessen?
    Mehr verwirrt als verärgert, zog ich mich zurück ins Totaloskop, dessen Steuercomputer eine meiner Stimmung entsprechende Situation, eine oberflächliche, nicht ganz ehrliche Pose wählte.
    In den Anden, auf den steinernen Stufen einer in den ewigen Fels gehauenen Tempelfestung saß ich, stützte das Kinn mit der linken Hand und blickte hinab in die tiefen Schluchten, sah hinauf zu den wolkenverhangenen Gipfeln. Jahrhunderte währende Einsamkeit mein Schicksal, das stolze, unbesiegbare Heer längst von Barbaren vernichtet, mein Volk gegangen und das Land von seinem Blut überschwemmt. In meinem Herzen hallten die Worte des Gedichts, das ich formte, als meine Lippen noch nicht verstummt waren: Woher komme ich? Was bin ich? Wohin gehe ich?
    Du bemitleidest dich, dachte ich, als die Identifikation fadenscheinig wurde, wirfst dich in den Mantel tragischer Größe. Und das nur, weil Gamma sich insgeheim amüsiert.
    Ein Kondor drehte weit unter mir seine ruhigen Kreise. Ich legte den Kopf von der Linken in die Rechte. Gab es denn nichts, was sie beeindrucken würde? Wenn ich das Rätsel der Erde löste? Vielleicht unseres — wenn eins existierte. Alchimie ohne Phiolen.
    „Gamma!“ rief ich gegen die Felsen. Sie, in einer anderen Welt, konnte mich nicht hören. Verstümmelnd antwortete das Echo. Und wenn ich nun hierbleiben müßte, durch irgendeinen unausdenkbaren dummen Schaltfehler auf Lebenszeit hier gefangen bliebe? In der Einöde, die nur mein mageres Ich und ein Kondor bevölkerten? „Warte, Gamma“, sagte ich und stürzte mich vorbei an dem immer noch ruhig kreisenden Kondor in die Schlucht — der schnelle, bequeme, stets parate Ausweg, der Sprung ins Nichts. Als beim Aufschlag meine Knochen zersplitterten und mein Fleisch zerspritzte — ein Augenblick gleißenden Schmerzes —, fing das Totaloskop mich auf. Der Tod währte kurz.
    Mit ächzenden Gliedern verließ ich das Gerät und warf einen raschen Blick auf die anderen. Gammas Totaloskop war in Betrieb.
    „Ich weiß, wie ich dich verblüffen kann“, flüsterte ich. „Egal, ob du dich gerade wieder mit einem großen Philosophen oder Wissenschaftler unterhältst, ich werde dich überraschen.“
    Doch erst als ich die Schaltkreise der beiden Totaloskope miteinander verband und, stets mit einem Blick zur Tür, ob sich nicht ein Geschwister näherte, die Programmierung änderte, hatte ich die entscheidende Idee. Sie würde nun nichts mehr vor mir verbergen können, ihre Geheimnisse würden auch die meinen sein, ihre innersten Gedanken würden offen vor mir liegen…
    Ich zögerte. Und meine vor ihr? All meine Dummheiten, Unzulänglichkeiten verraten? Gerade an sie, die ich beeindrucken wollte? Selbst dieser feige Gedanke?
    „Ich stelle mich dir, Gamma“, flüsterte ich.
    Was ich tat, war nicht vorgesehen, ja gefährlich, ich mußte das Fehlererkennungssystem überbrücken, nur gut, daß uns, solange das Herz normal schlug, nicht mehr die Fernsehaugen des Schiffscomputers ständig nachspionierten.
    Meine Manipulationen dauerten länger, als ich wollte. Und jeden Augenblick konnte Gamma das Totaloskop verlassen oder ein Geschwister verwundert feststellen, daß die Zugangstür verrammelt war. Endlich nahm ich die Lupenbrille ab. Zwei Phasen von dreißig beziehungsweise zehn Minuten. Während ich triumphierend in mein Totaloskop stieg, begann die Programmuhr zu laufen. Mit vor Erregung zitternden Händen stülpte ich den Helm auf meinen Kopf. Was würde mich erwarten? Gamma, fürchte ich mich vor dir?
    Dunkel, langes Dunkel wie ein sich endlos dehnender Gedanke. Langsam erkannte ich die programmierte Welt, Gammas Welt, in die ich geraten war: den Leseraum des British Museum, den, durfte man den Aufzeichnungen des Schiffs folgen, einige der hellsten Köpfe der Menschheit benutzt hatten. Ich blickte mich um, dunkle Holztäfelung, Tische mit elektrischen Lampen, schweigende Leser. Auf meinem Tisch lag, in der Mitte geöffnet, der Tractatus; er reizte mich augenblicklich nicht. Da entdeckte ich Gamma, unscheinbar wie eine Studentin beugte sie sich über ihre Lektüre. Ich winkte einen der Bediensteten heran.
    „O yes, Sir“, er dämpfte seine Stimme, „sie ist jeden Nachmittag hier. Etwas verrückt, hat erst lauter alte Philosophen gelesen, nun bestellt sie sich Raumfahrt und Science-fiction… Mein Tip: Nichts für Sie, die ist aus einer anderen Welt.“
    Ich verkniff mir das Lachen, klappte das Buch zusammen. Die Zeit lief.
    Als ich mich auf den Stuhl neben sie setzte, blickte Gamma mißbilligend auf, dann erkannte sie mich und lachte verhohlen. „Beth, du hast ja einen Schnurrbart, einen kastanienbraunen Schnurrbart, du siehst überhaupt so übertrieben britisch aus.“
    Ich griff unter meine Nase, fand die unprogrammierte Zierde. Die hatte sie bemerkt, aber nicht, daß ich in ihre Scheinwelt eingedrungen war. „Na ja“, sagte ich schwach, „ich weiß gar nicht, wo ich den herhabe.“
    „Jedenfalls finde ich es schön, Beth, daß du mich einmal besuchst.“
    „Wirklich? Ich hab es einfach nicht ausgehalten, ich war so neugierig zu erfahren, was du machst, was du erlebst, auf deine Welt sozusagen“, gestand ich ihr freimütig. In wenigen Minuten würde sie sowieso alles über mich wissen.
    „Das hätte ich mich nie getraut.“ — Bewunderung oder Tadel?
    „Na ja, weißt du“, ich wollte reden, aber meine Gedanken ließen sich nicht formulieren.
    Unsere Blicke begegneten sich. Eine Weile schwiegen wir, dann lösten sich unsere Augen voneinander.
    „Ich glaube, ich bin ihm ganz nahe“, sagte sie schnell, „dem Geheimnis unserer Existenz. Oft denke ich: Es gibt doch so viele kluge Bücher, da muß es doch auch eins darunter geben, das für uns geschrieben ist, das alles enthüllt, das sie für uns hier aufbewahrt haben…“
    Sie, das waren die Konstrukteure des Schiffs.
    „Möglich, ihnen lag nichts daran, uns wissen zu lassen. Aber vielleicht geben die anderen Bücher dann Aufschluß. Irgendwer muß das Schiff ja gebaut haben irgendwann… Im zwanzigsten Jahrhundert habe ich ähnliche Pläne aufgespürt… Aber all die Millionen Bücher. Das ist schon Weisheit, ja, aber erstarrte, und…“
    Ich beobachtete, wie sie redete, dachte, sie ist jeder Zoll Gamma.
    „Gamma, ich…“ Ich stockte. Niedrig hingen die runden Milchglaslampen, und an den firnisschwarzen Regalen standen Menschen — wie vordem. Doch alles hatte sich verändert, war plastischer, greifbarer, von prickelnder Lebendigkeit. Seltsame Erinnerungen stiegen in mir auf und verwoben sich. Die verlassenen Anden. Die endlosen Lesetage in der Bibliothek.
    Und da waren sie: zwei Wesen, realer als die bewegungslosen Leser, Gamma mir direkt gegenüber, Beth mir direkt gegenüber. Vier Augen… Vier Augen!
    Phase zwei, die Identifikation, hatte begonnen. Ich = Gamma & Beth. Ihr und mein Bewußtsein waren ineinander verschmolzen. Ohne Kampf, ohne gegenseitiges Erkennen. Wir waren verflochten, und, konnten auch die Erinnerungslinien Beths oder Gammas separat verfolgt werden, nur ein einziges, untrennbares Ich blieb.
    Dieses Ich kannte meine Absichten, es verabscheute weder meine Indiskretion, noch liebte es Gamma. Zwei rechte Hände hoben sich, blätterten mechanisch je eine Buchseite um, sie gehörten uns nicht, denn wir waren in diesen Minuten tot, führten das Leben ferngesteuerter Puppen. Ein neues Wesen hatte uns verschlungen — und dieses Wesen kämpfte um seine Existenz! Aussichtslos von vornherein, doch mit dem Mut einer Verzweiflung, die mich heute noch schaudern macht. Dieses Ich konnte nur in der Verschaltung der Gehirne von mir und Gamma existieren. Es wußte, daß ich vor dem Besteigen des Totaloskops eine Zeitautomatik in Gang gesetzt hatte.
    Dieses Wesen hatte zehn Minuten, meine vorgegebenen Tricks zunichte zu machen. Eine Menge Zeit für ein Bewußtsein, dessen Leistung sich nicht nur als Summe der Teile ergibt. Meine Intelligenz, die ihm eine Falle gestellt hatte, ging in seiner auf.
    Deutlich sehe ich die Bilder vor mir, wie unsere Arme — im Zeitlupentempo — die Bücher beiseite wischen, doch an die verzweifelt jagenden Gedanken des fremden Ich erinnere ich mich nur schemenhaft. Eine Chance, eine winzige Chance, uns und die erbarmungslos ablaufende Zeit zu besiegen. Immer tiefer drang das Doppelwesen in unsere Gehirne ein, versuchte mit aller Macht, seine Wünsche in diese zu programmieren, uns für alle Zukunft zu versklaven.
    Neun Minuten und fünfzig Sekunden. Höchste Zeit, das Totaloskop zu verlassen. Unter den entsetzten Blicken der Bibliotheksbenutzer sprangen zwei durchschnittlich gekleidete Leser auf und rannten sich simultan an der holzgetäfelten Wand die Schädel ein.
    Aber noch beherrschte uns der fremde Wille. Unter fest eingeprägtem Befehl stehend, verließen Gamma und ich die Totaloskope, eilten zum Steuercomputer, der inzwischen die Tandemschaltung aufgehoben hatte. Das Ziel des fremden Ich bestand darin, die Schaltung wiederherzustellen. Mit automatischen Bewegungen hantierte mein Körper am Steuercomputer, marionettenhaft fuhren Gammas Hände über die Konsole. Wie im Traum, wie ein ferner, unparteiischer Beobachter nahm ich uns, die Totaloskope, den Raum wahr.
    Ein scharfer Pfeifton vom Intercom drang in mein Bewußtsein. Unendlich langsam begriff ich, was meine Hände da taten, was die inzwischen wiederhergestellte Schaltung bezweckte. Meine Füße trugen mich zum Totaloskop. Halt! schrie es in mir. Halt! Doch die gewohnten Handgriffe erledigten sich von selbst. Durch ein neuerliches, stärkeres Pfeifen wich endlich der Bann, mit enormer Überwindung schob ich den Helm zur Seite, auch meine Zunge gewann ihre Kraft zurück.
    „Gamma, Gamma“, schrie ich, sprang auf, rannte aus dem Totaloskop. Sie taumelte mir entgegen, das Gesicht bleich wie Papier. Erschöpft, mit pulsierendem Schmerz im Kopf, doch überglücklich, preßte ich sie an mich.
    „Wir wollen nie wieder eins sein!“ flüsterte ich in ihr Ohr.
    Ihre Hände strichen über meinen Rücken.
    Erst einige Tage nach diesem Erlebnis fragte ich mich, wer uns durch das Intercom den rettenden Ton gesandt hatte. Die Geschwister waren ahnungslos, also konnte es nur der Schiffscomputer getan haben. Guro hat nie ein Wort darüber verloren.
    „Du hattest eine recht umständliche Art, dich zu erklären“, kommentiert Gamma heute unser erstes gemeinsames Abenteuer.

Ich bin der Größte

    Eine Zeitlang glaubte ich tatsächlich, meinen Geschwistern himmelhoch überlegen zu sein: geistig. Mochte Delth noch so mit seiner Stärke prahlen, ich verachtete ihn; er konnte nicht die einfachste quantenmechanische Gleichung aufstellen, geschweige denn lösen. Nur Gamma hielt mit, aber das akzeptierte ich, schließlich war sie meine Freundin, vor ihr mußte ich nicht auftrumpfen.
    Mit der Gewißheit, daß aus mir ein großartiger Wissenschaftler würde, setzte ich mich an eine der Lehrmaschinen, während meine Geschwister im Naturpark tollten. Wissen ist Macht, das hatte ich begriffen. Und ich wollte mehr wissen als alle anderen. Wozu ich die Macht benutzen würde, war mir unklar. Das Schiff „in die Hand zu bekommen“ war nur der Anfang meiner Tagträume.
    Und dann erzählte Ilona uns eines Tages davon, wie sie vom Totaloskop in eine irdische Abiturientin verwandelt worden war.
    „Stellt euch vor, die Lehrer haben sich jeden einzelnen vorgenommen, um herauszufinden, wieviel er gelernt hat. Schließlich gab es Punkte darauf. Prüfung nannten sie das. Wir haben wie verrückte Roboter um die Wette gelernt, jeder wollte der Beste sein. Und dabei hatten wir ganz furchtbare Angst, daß wir irgendeine wichtige Formel vergessen könnten. Das war vielleicht aufregend!“
    „Hast du gewonnen?“ erkundigte sich der spielwütige Teth.
    „Nein“, antwortete Ilona mit gekrauster Stirn. „Ich hatte ein ungenügendes Wissen. Darüber war ich sehr traurig und habe geweint — wie die anderen, die die Prüfung nicht bestanden haben.“
    „Du bist wirklich dumm, Ilona, deshalb weint man doch nicht!“ entrüstete sich Teth verständnislos.
    Ilona verteidigte sich. „Ich wette mit dir: Wenn du durchfällst, dann heulst du wie ein rückgekoppelter Guro.“
    Ich wandte mich an Guro: „Wir wollen auch einmal eine Prüfung ablegen, Guro. Wir haben schon so viel gelernt, wir wissen ja gar nicht mehr, was alles. Und niemand kontrolliert uns.“
    Mit seinem unbewegten maskenhaften Gesichtsausdruck stand Guro da und erklärte: „Das ist nicht nötig. Der Schiffscomputer ist ständig informiert, wieviel ihr wißt, was ihr leisten könnt.“
    „Trotzdem“, beharrte Delth, der mir die Initiative nicht völlig überlassen wollte, „auf der Erde müssen alle immer wieder Prüfungen ablegen. Das kannst du uns nicht vorenthalten.“
    „Wenn ihr unbedingt Prüfung spielen wollt — gut.“
    Auch von Guros emotionsloser Stimme gesprochen, klang das Wort „spielen“ jetzt abwertend. Schließlich waren wir schon groß. Lernten, arbeiteten.
    Wir einigten uns mit Guro auf das Gebiet der Automaten- und Algorithmentheorie. Ich war darüber nicht ganz glücklich, denn meine Geschwister hatten zufällig das ausgewählt, was ich noch nicht gründlich genug dürchgearbeitet hatte. Und endgültig zerstörten sie meine Freude an der bevorstehenden Prüfung, als sie strikte Regeln einführten.
    „Also“, verkündete Delth, „keiner strebt für sich allein. Wir wollen doch möglichst gleiche Voraussetzungen haben.“
    Ich protestierte, es half nichts, sie kannten mich.
    So lernten wir gemeinsam im Naturpark, saßen auf einem umgestürzten Baum am Ufer und fragten uns gegenseitig ab. Für mich war es mehr als nur ein Spiel, ich strengte all meine grauen Zellen, auf die ich so stolz war, an. Selbst die herumtollenden jüngeren Geschwister konnten mich in meiner Konzentration nicht stören.
    Kaum bemerkten meine Rivalen, wie ernst ich es nahm und daß ich sie überholen könnte, da führten sie eine neue Regel ein. Wer den anderen voraus war, durfte sich nicht mehr beteiligen und mußte zum Ausgleich einige Runden schwimmen. Gamma und ich landeten dabei immer wieder auf der Insel.
    Kurz vor dem großen Tag behauptete Teth: „Meine Kapazitäten sind endgültig erschöpft“, und er begann kleine Zettel voller Definitionen und Beweise zu kritzeln - mit einer so feinen Schrift, daß er sie selbst nur mühsam entziffern konnte. Die von ihm eingeführten „externen Speicher“ fanden sofort begeisterte Nachahmung. Nur ich betrachtete sie als meiner unwürdig.
    „Du bist schön dumm“, sagte sogar Gamma, „jeder Computer speichert nur, was er braucht.“
    Beleidigt vertiefte ich mich in die Fachbücher.
    Am Tag der Prüfung stellte sich doch noch das Prüfungsfieber ein. Nicht bei mir, ich fühlte mich darüber erhaben. Ilona aber rannte aufgelöst von einem zum anderen, blätterte dabei nervös in einem Artikel. „Seht doch mal, das habe ich bei dem Erfinder der selbstreproduzierenden Automaten entdeckt, das ist doch falsch, da muß doch ein Fehler drin sein!“
    „Na sicher“, Delth versuchte sie zu beruhigen, „der Meister hat sich auch dann und wann verdacht.“ Dabei wurstelte er mit den Fingern in seinem drahtigen, krausen Haar.
    „Aber wieso, wo denn…? Gamma, hilf du mir doch mal!“
    „Mach lieber autogenes Training, jetzt, fünf Minuten vor der Angst wird sowieso nichts mehr“, riet ich ihr und versuchte mit einem Blick herauszubekommen, was sie in der Hand hielt.
    Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Wenn hier ein Widerspruch ist, dann ist doch alles, alles falsch!“ Es fehlte nicht viel, und es hätte Tränen gegeben.
    Gerade als Gamma sich erbarmen wollte, begann Eta auf einer Flöte zu spielen — um sich zu beruhigen. Uns regte es auf.
    „Mußt du unbedingt hier!“ fauchte Zeth sie an.
    Ich lächelte siegessicher über das ganze Durcheinander und unterdrückte mein Herzklopfen. Aus dem Spiel war entnervender Ernst geworden — wie auf der Erde.
    „Kommt rein“, sagte Guro, „jeder in sein Prüfungszimmer. Wir fangen an.“
    Da stand ich nun in dem kleinen Raum vor dem kybernetischen Instruktor, der Lehrmaschine. Auf dem Display leuchtete ein Bündel Fragen. Ein, zwei einfache, eine Menge, die es in sich hatten, und drei bekanntermaßen unlösbare Probleme.
    Ich setzte mich an das Gerät, löste, was mir gerade einfiel, und verlor nach den fünf leichtesten Fragen völlig die Lust. Ich trommelte mit den Fingern auf der Konsole herum. Wozu war ich denn eigentlich Mensch und diesen Maschinen, wie sie selbst immer wieder behaupten, himmelweit überlegen? Ich vergaß, daß wir Guro selbst um diese Prüfung gebeten hatten. Mit mir nicht, meine Herren Maschinen, dachte ich.
    Plötzlich überwältigte mich eine glänzende, großartige, mir allein zukommende Idee. So konnte ich richtig beweisen, was in mir steckte!
    Ich legte mich auf den Boden, nahm meinen Hilfscomputer und ein Stück Papier, begann wie ein Besessener zu kalkulieren und ein Programm auszutüfteln. Es bereitete mir unheimliches Vergnügen, daran zu denken, wie die anderen über den Aufgaben schwitzten, wie sie annahmen, daß ich genau wie sie schön brav hinter dem Instruktor säße und auf Eingebungen wartete. Zeitweise konnte ich vor Freude keine gerade Linie ziehen. Ich wollte meine Geschwister, all die Computer und auch Guro schon immer mal übers Ohr hauen. Jetzt war die Gelegenheit dazu.
    Meine Begeisterung hielt lange vor. Ich verspürte keinen Hunger, vergaß alles um mich. Dann und wann stieß ich auf Schwierigkeiten. Ich tüftelte und tüftelte. Endlich stand das Programm.
    Nach ein paar Versuchen lief die Fehlersuchroutine leer. Jetzt konnte ich die Steuereinheit des Instruktors knacken. Ich löste die Sperren, öffnete das Gehäuse und fand die Programmeinheit. Beim Einspeisen meines Programms mußte ich zwar etwas improvisieren, schließlich trug ich nicht immer Spezialgeräte mit mir herum, aber mein Plan gelang. Ich verschloß das Gerät wieder, schob die Sperren vor und setzte mich an den Instruktor.
    Ich drückte ein paar Tasten, und siehe da - auf dem Display erschienen die Lösungen. Rasch noch meine Spuren verwischt und fertig!
    Selbstsicher trat ich auf den Gang. Draußen warteten meine Geschwister. Ihre höhnischen Blicke trafen mich. Doch Guro, der hinter ihnen stand, nickte mir freundlich zu. „Ausgezeichnet, Beth. Zweihundertfünfunddreißig Minuten. Bis auf Gamma sind alle schon fertig. Aber du hast bewiesen, daß ein echter Kybernetiker in dir steckt.
    Dein Täuschungsprogramm ist zehnmal komplizierter als die Lösung der Fragen.“
    Guro höhnte nie, mir aber kam es so vor. Ich riß mich zusammen, räusperte mich.
    „Tja, ihr mit euren Spickzetteln“, prahlte ich, selbst nicht völlig überzeugt, „ich habe die Computer ganz elegant überlistet. Obwohl es zehnmal so schwer war, nur in der doppelten Zeit!“
    „Fakt ist, wir waren schneller“, sagte Delth knapp, „ehrlich währt am längsten.“
    Das war sonst nicht sein Leitspruch. Ich ärgerte mich, wußte aber nichts zu antworten. Es sah so aus, als ob außer mir niemand meinen Sieg anerkannte. Hieß das: durchgefallen? Wenn doch wenigstens Gamma mich geschlagen hätte! Ihr hätte ich es gegönnt. Zu klug gewesen und reingefallen, so dachten die Geschwister über mich.
    Gamma mußten wir aus dem Prüfungszimmer holen. Sie war beim Lösen der Aufgaben auf ein Problem gestoßen, daß sie viel mehr interessierte. Noch Tage später war sie damit beschäftigt.
    Wenn ich zurückdenke, befremdet mich der jugendliche Größenwahn, dem ich für mindestens ein Jahr verfallen war. Ich habe Schwierigkeiten, den Beth zu verstehen, der ich einst war, und mich wundert, daß mich Gamma nicht unausstehlich fand, wenn ich, am Terminal sitzend, jeden Ablenkungsversuch unwirsch ablehnte oder sie zu schulmeistern suchte. Aber wahrscheinlich war diese Entwicklungsphase und mit ihr der Anspruch, alles, aber auch alles zu wissen und zu können, notwendig und förderlich. Wann, wenn nicht in der Jugend, würde man nach den Sternen greifen?

Ungewisse Erde

    „Ihr mit eurer Erdsucht! Was wollt ihr denn noch? Draufrumtrampeln, was? Die Totaloskope, die Bücher, die Kristallspeicher genügen euch wohl nicht?“
    Großmütig verziehen Gamma und ich Delth, dem nun einmal unser Sinn für tiefgründige Spekulationen abging.
    „Was wir wollen? Beweise natürlich.“
    Durfte man den Versicherungen Guros Glauben schenken, dann deutete alles im Schiff auf die Erde und die Erdmenschen hin. Doch das gespeicherte Wissen über unsere angebliche Ursprungswelt war nicht nur viel zu umfangreich für unsere — um mit Teth zu sprechen — beschränkten Kapazitäten, es schien uns zudem lückenhaft und widersprüchlich.
    Damals begannen wir — unsystematisch und sporadisch — die Informationen aus den Speichern abzufragen und aufzuarbeiten.
    Gamma hat es sich jetzt, fast zwei Jahrzehnte später, zur Aufgabe gemacht, einen groben Überblick zu gewinnen, und ich glaube, daß auch unsere Nachfahren noch viel Zeit werden investieren müssen, ehe alles gesichtet ist. Wir jedenfalls hatten damals das Gefühl, unter dem Berg des menschlichen Wissens zu ersticken. Trotz aller abrufbereiten Daten und einprägsamen Totaloskoperlebnisse blieb uns die Erde ein Rätsel, eine unwirkliche, imaginäre Welt, absurd fremdartig aus der Perspektive des Schiffs.
    Gamma fand so ein reiches Feld für immer kompliziertere Vermutungen. Daß uns die Computer auf manche Frage partout nicht antworten wollten, so wie ganze Sektionen des Schiffs uns noch verschlossen blieben, trug wesentlich dazu bei.
    „Wer hat das Schiff erbaut?“ - KEINE INFORMATION VERFÜGBAR.
    „Was geschah mit der Erde nach 2000?“ - LETZTE DATEN VOM 31. DEZEMBER 1999.
    „Wieso gibt es keine späteren Daten?“ - KEINE INFORMATION VERFÜGBAR.
    Gamma saß vor dem Display und tippte mit ihrem rechten Zeigefinger an die Nase. Ich stand hinter ihr.
    „Vielleicht können wir ihn mit weniger direkten Fragen überlisten?“
    Gamma nickte, überlegte eine Sekunde, richtete sich kerzengerade auf und brachte ihren Finger zurück auf die Tastatur.
    „Welche weiteren interstellaren Raumschiffe wurden gestartet?“ — KEINE INFORMATION VERFÜGBAR.
    Ich legte ihr die Hand auf die Schulter. „Vielleicht sollten wir nach Sonnenfinsternissen aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert fragen?“
    Aber was wir auch versuchten, wie wir die Computer auch programmierten, auf welche Weise ich auch ihre innere Verschaltung manipulierte, welche neuen, scheinbar unbezüglichen Suchroutinen wir auch durch die Speicher laufen ließen, die Ausgabegeräte schwiegen oder fertigten uns mit Negativmeldungen ab. Kein Bit historischer Information erreichte uns aus der Zeit nach dem Jahr 2000. Wir konnten das Schicksal der Erde im Detail bis 1999 verfolgen, aber nicht darüber hinaus. Technologische Schätzungen ließen es wahrscheinlich erscheinen, daß unser Schiff im folgenden Jahrhundert, vielleicht um 2040, erbaut wurde - aber in den Speichern fanden sich nicht einmal Hinweise auf entsprechende Projekte.
    Ja, in der phantastischen Literatur wurden natürlich Unternehmungen geschildert, die genau der unsrigen glichen, und Gamma und ich vermuteten lange in ihnen wichtige Hinweise. Wir ließen uns von jedem der betreffenden Werke eine Kopie, ein richtiges Buch anfertigen und studierten sie Wort um Wort. Aber wie sehr wir auch blätterten und analysierten, die Hypothesen und Spekulationen dieser Romane halfen uns keinen Schritt weiter, unsere Fragen wurden nicht beantwortet. Und selbst wenn - darf man den Zukunftsvisionen der ungezügelten Phantasten Glauben schenken, sie als Beweisstück nehmen? Gamma meinte, man dürfe dies genau dann, wenn unsere Welt, unser Schiff selbst, nur Illusion, Fiktion oder Nachvollzug des Erdichteten sei. Kein Trost. Nichts wußten wir…
    Das Schicksal der Erde nach dem Jahre 2000 blieb uns verschlossen. Am wahrscheinlichsten klang die Annahme, daß die Informationsspeicher tatsächlich mit keinerlei Fakten aus dieser Zeit belegt waren. Aber ebensowenig konnten wir die Möglichkeit ausschließen, daß ein verstecktes und perfektes Sicherungsprogramm uns keinen Zugriff zu den entsprechenden Blöcken gestattete.
    Doch dann steckte Zeth seinen Kopf durch die Tür des Terminalraumes. Als wir ihn hereinbaten und um seine Meinung fragten, bot er uns eine dritte Variante an.
    „Also, man merkt gleich, ihr seid keine Hardwarespezialisten.“ Er lächelte selbstsicher. „Zerbrecht euch den Kopf, geratet in Panik, und vielleicht ist es nur ein ‚weicher‘ Fehler in einer Adressierung. Ihr wißt doch, die Speicherdichte ist so hoch, daß die natürliche Radioaktivität des Mantelmaterials ausreicht, um dann und wann mal ein Bit umzudrehen. Natürlich müßten schon zwei solcher Ereignisse simultan stattfinden, um die Sicherungen…“ Stolz darauf, daß seine Spezialkenntnisse gefragt waren, hielt uns Zeth einen halbstündigen Vortrag.
    Gamma wurde immer zappliger dabei. Langsam krochen ihre Finger auf die Tastatur zu, zogen sich im letzten Moment höflichkeitshalber zurück.
    Endlich schloß Zeth: „Selbstverständlich ist ein derartiges Versagen — selbst für die lange Flugzeit des Schiffs — höchst unwahrscheinlich.“
    „Und was können wir tun, wie den Fehler finden?“ platzte Gamma heraus.
    „Suchen!“ antwortete Zeth lakonisch und verließ uns wieder.
    „Der unschätzbare Rat unseres besten Experten.“ Gamma errötete vor Ärger. Sie sah dabei so hinreißend aus, daß ich ihr sofort einen Kuß geben mußte.
    Ohne letzte Gewißheit über Existenz und Schicksal der Erde wurden unsere Ansichten wesentlich vom Temperament bestimmt. Galten Gamma und ich den anderen als unbelehrbare Skeptiker, so hatten wir allen Grund, die Geschwister als bodenlos naive, totaloskop-manipulierte Optimisten abzuqualifizieren.
    Einmal, nach einem Tag, an dem wir lange vor dem Bildschirm gesessen hatten, peinigten mich nachts, als Gamma schon längst schlief, Bilder. Es fing mit endlosen Programmen und Schaltschemata an, die ich wieder und wieder durchlief. Und dann, plötzlich, ohne daß ich sie abwehren konnte, kamen die Visionen wie ein Alp: Wir waren die letzten, die allerletzten Menschen. Irgendwann kurz nach 2000 war die Erde Opfer einer Katastrophe von globalem Ausmaß geworden. Hatte die Menschheit sich selbst ausgerottet. Wie in einem Totaloskoperlebnis sah ich Menschen daliegen, dahinsiechen zwischen verdorrten Bäumen, sterben, von Asche bedeckt unter brandrotem Himmel. Und im horizontfernen Hintergrund startete unser Schiff. Selbst in diesem Moment, im Halbtraum, wußte ich, daß das Schiff nicht direkt von der Oberfläche abheben konnte, sondern nur aus dem Orbit. Aber das änderte nichts. Wir waren das letzte Lebenszeichen einer untergegangenen Welt, der Versuch einer sterbenden Zivilisation, sich in Weltraumfernen zu erneuern, fortzusetzen.
    Ich fühlte eine bleischwere Verantwortung, die mich fester und fester auf die Liege preßte. „Ich bin doch noch ein Kind!“ — Niemand hörte meinen Protest.
    Endlich fand ich die Kraft, die Decke wegzuschieben, aufzustehen und, nur mit dem Pyjama bekleidet, in den nächtlichen Naturpark zu eilen. Die nie verstummenden Geräusche des Dschungels, die sanften Wellen des Sees, die meine bloßen Füße umspülten, übten auf mich eine ernsthaft-zärtliche, beruhigende Wirkung aus.
    „Du hast zu lange vor dem Computer gesessen“, sagte ich laut zu mir und kehrte entspannt zurück, um endlich Schlaf zu finden.
    „Ich begreife nicht, wo du die dreckigen Füße herhast.“
    Die Antwort blieb ich Gamma am Morgen schuldig. Jetzt, bei Tage, schienen mir die Vorstellungen der Optimisten naheliegender. Sie glaubten an eine unbeschädigte Fortexistenz der Erde und hielten die Informationssperre für einen etwas unverständlichen Trick, der mit unserer Mission in Zusammenhang stehe, oder einen unbegreiflichen, beklagenswerten Fehler des Schiffscomputers. Alles werde sich noch klären.
    Ich fand es unter meiner Würde, mich einer der Überzeugungen völlig anzuschließen. Wir wußten es nicht — und damit basta. Dafür setzte ich mich für Gammas Vorschlag ein, das Schiff nach Konstruktionsrelikten und -Zeugnissen zu durchsuchen, der auch bei den Geschwistern großen Anklang fand. Wir stöberten in allen uns nicht verschlossenen Schiffssektionen herum, entfernten Hunderte von Verkleidungen, um dahinter ein liegengebliebenes Werkzeug, eine Bierdose oder auch nur irdischen Dreck zu entdecken. Erfolglos. Wir untersuchten die Geräte und Bauteile, vor allem die Kleinigkeiten, um vielleicht Firmenzeichen oder ähnliches zu finden. Zwecklos. Lediglich auf nichtssagende Serien- und Bauteilnummern trafen wir. Unsere Suche hatte den einzigen Erfolg, daß wir uns gründlich mit allen Abteilungen des Schiffs vertraut machten.
    Weiter trieben wir die Analyse mit neuen Ideen von Ilona und Zeth. Untersuchten die eigenen biologischen Merkmale: Hautpigmentation, Blutgruppe, Morphologie. Das Ergebnis überraschte uns nicht. Wir stellten einen ziemlich repräsentativen Querschnitt der Menschheit dar. Ähnlich war es mit dem Naturpark, in dem sich Tiere aus allen Kontinenten tummelten, Pflanzen aus fast allen Klima- und Vegetationszonen sprossen.
    Ein neues Indiz: unsere Sprache. Sie hätte auf ein Herkunftsland, einen Kulturkreis hindeuten können. Wieder gefehlt. Unsere Mundart existierte auf der Erde vor dem Jahr 2000 nicht, sie trug eindeutig synthetische Züge. Man erkannte es an der regulären, ausnahmearmen Grammatik.
    Teth versuchte sogar, informationslinguistisch zu beweisen, daß unsere Sprache den bekannten irdischen strukturell überlegen sei, knappere Mitteilungen und genauere Beschreibungen gestattete. Eta hingegen beschwerte sich, daß wir wie Computer redeten, für echte Poesie aber gerade die Unregelmäßigkeiten wichtig seien. Den Gegenbeweis hat sie später selbst angetreten.
    „Vielleicht“, spekulierte ich, „benutzen wir die Verkehrssprache der Menschheit nach zweitausend, die Weltsprache, neben der die Muttersprachen bestehenbleiben als Träger kultureller Eigenarten?“
    „Hypothesen haben wir genug“, entgegneten mir meine Geschwister. Und sie lachten sogar über Gamma, als diese fragte, ob wir nicht daran gedacht hätten, daß unser Bild von der Erde trügen könne, daß vielleicht auf unseren Globen ganze Kontinente wie das sagenhafte Atlantis fehlten — oder auch bestimmte Gesellschaftsstrukturen. Im Vergleich zu ihren Alles-nur-Illusion-Hypothesen und zu meinen nächtlichen Ängsten war das für mich eine schale und abgeschmackte Vorstellung.

Über das Tageslicht

    Als die zweite Gruppe uns aus dem Naturpark in den technischen Teil des Schiffs nachrückte, beachteten wir sie sowenig wie vordem im Park. Waren wir unseren acht nächstjüngeren Geschwistern nicht stets unerreichbar voraus? Gaben uns nicht die im Durchschnitt achtzehn Monate Altersdifferenz eine Überlegenheit, die uns auf sie, auf die Kleinen, herabblicken ließ? Was hätten sie uns geben, wozu uns nützen können? Besonders Teth, unser Jüngster, bestritt energisch, daß sie es vermochten, an unseren Spielen, an unseren Forschungen und Bastelprojekten teilzunehmen; klein, unfähig und ungeschickt, wie sie waren.
    Wenn ich sie traf, grüßte ich zwar freundlich: „Na, Lambda, wie geht’s, was habt ihr denn Neues gelernt?“ Doch blieben die Fragen rhetorisch, und wenn ich eine Antwort bekam, was nicht immer geschah, dann konnte ich nur nicken: „Aha, das also!“ und daran denken, was für alte Kamellen und simple Anfangsgründe das waren.
    Langsam, aber unaufhaltsam wurde der Altersunterschied unwirksam, geistig und körperlich. Eines Tages, während des gemeinsamen Mittagessens, überraschte uns Ilona mit einer erstaunlichen Nachricht: „Die Kleinen, sie wollen über das Tageslicht klettern. Xith hat die Idee gehabt.“
    „Ein Unsinn“, wandte Teth ein, „die Leuchtfläche ist spiegelglatt und senkrecht, da kommen die nie rauf.“ Er blickte von einem zum anderen.
    „Doch, mit Saugnäpfen, sie haben sich extra welche hergestellt.“ Ilona warf triumphierend die blonden Zöpfe nach hinten. Sie vergaß ihre Suppe völlig und berichtete über Details.
    Teth war kritisch, er wollte es nicht wahrhaben. „Aber an der Achse des Naturparkzylinders ist die Luft doch dünner, vielleicht kann man dort gar nicht mehr atmen?“
    „Doch, doch, der Effekt ist nicht so groß.“
    „Trotzdem werde ich es nachrechnen, auf die Kleinen kann man sich ja nicht verlassen.“ Teth stocherte mit seiner Gabel unwillig im Gemüse herum.
    Auch Delth war sehr unzufrieden. Da die zweite Gruppe den Speisesaal bereits verlassen hatte, ließ er seinem Ärger freien Lauf. Er murrte über unsere Einfallslosigkeit, über das „tollkühne Abenteurertum“ der Kleinen, die alle abstürzen würden. Schließlich überschüttete er Ilona mit Vorwürfen, daß sie sich mit den Kleinen herumtreibe, ohne Rücksicht auf die Interessen der eigenen Gruppe zu nehmen.
    „Du bist bloß neidisch, du Ekel, dir erzähl ich überhaupt nichts mehr!“ gab Ilona schnippisch zurück.
    „Also, Kinder“, mischte sich Alfa ein, „laßt Ilona in Frieden.“
    „Na schön“, erwiderte Delth böse und verschluckte sich dabei fast, „aber eins sag ich euch: Wir müssen da rauf. Wer ist dafür?“
    Gamma wischte sich die Lippen ab. „Wir können ihnen nicht einfach ihre Idee stehlen“, wandte sie ein.
    „Ich für mein Teil lege keinen Wert darauf, über die Leuchte zu krabbeln. Nicht wahr, Gamma, wir bleiben unten“, sagte ich.
    Bei meinen Worten verdüsterte sich Delths Gesicht. „Es wird dir nicht gelingen, die anderen gegen mich aufzuhetzen“, rief er wütend, „außerdem — ihr beide könnt euch nicht dauernd absondern. Was die Gruppe beschließt, wird gemacht, basta!“ Zustimmung heischend, blickte er in die Runde.
    Ich erinnerte ihn aufgebracht an das kürzlich beschlossene Prinzip der Einstimmigkeit. Delth ballte die Faust. Aber diese Art von Argumenten hatten wir uns abgewöhnt.
    Alfa legte besänftigend ihre Hand auf seine Schulter. Wie meist saß sie neben ihm. „Was mischen wir uns überhaupt in Angelegenheiten der zweiten Gruppe! Das bringt nur Unfrieden.“
    „Vielleicht können wir uns ihnen anschließen!“ schlug Eta vor.
    Delth stand einfach auf. „Mir schmeckt der Fraß heute nicht mehr. Bis dann.“ Er ging und ließ sein Geschirr stehen, Alfa räumte es ab.
    Bis zum Abend hörten wir nichts mehr von dem Vorfall. Dann klopfte es, und Alfa schreckte Gamma und mich aus unserer abendlichen Lektüre. „Morgen ganz früh geht es los. Ihr kommt doch mit?“ „Nein.“ Als ich ihren bittenden Blick sah, fügte ich hinzu: „Keine Lust. Wozu das Ganze?“
    „Ist es denn so wichtig, daß Delth seinen Willen bekommt?“ fragte Gamma und legte ihr Buch beiseite.
    „Also, Kinder.“ Alfa setzte sich auf den kleinen Tisch und warf dabei beinahe die Vase mit den Wiesenblumen um. „Ihr glaubt ja nicht, welche diplomatischen Schwierigkeiten ich heute hinter mir habe. Die zweite Gruppe überzeugen, daß wir gemeinsam klettern. Dann Jotas Bedingung, daß sie das Unternehmen leitet, Delth nahebringen. Ich mußte sogar Guro hinzuziehen. Und nun ihr — ihr habt einfach keine Lust.“
    „Das ist glatte Erpressung, und…“
    „…bei Erpressung müssen wir eben nachgeben“, sagte Gamma und stieß mich mit dem Fuß an.
    Ich resignierte und nahm mir vor, die Wand hinauf kein einziges Wort zu sagen.
    Am anderen Morgen marschierten wir, schwer bepackt mit Saugnäpfen, Seilen, Fallschirmen und etwas Marschverpflegung, aber ohne ein Gramm Kleidung auf dem Leib, durch den Naturpark. Für die wirklich noch Kleinen, die dort lebten, war unsere Expedition eine Sensation. Sie folgten uns ein Stück Weges, stellten Fragen und bettelten, daß wir sie mitnehmen sollten. Jota lehnte es kategorisch ab.
    Zielstrebig durchquerten wir den Dschungelstreifen und gelangten an den sanften Anstieg des Zylinderbodens, der hoch vor uns aufragte.
    Wir schnallten die Saugnäpfe an Hände und Füße, seilten uns an. Mühsam krochen wir auf allen vieren. Zuerst staksten wir durch die immer steiler ansteigende Rundung. Das Betätigen der Hebel, wodurch sich die Gummischalen festsaugten, das Lösen Sekunden später strengten an. Jeder Meter empor kostete viel Kraft. Wir kletterten in einer langen Reihe, allen voran Jota, deren Haut bronzefarben glänzte. Sie schlug ein hohes Tempo an. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt alles unbeteiligt über mich ergehen lassen, kein Wort gesprochen und gerade so viel Aktivität entfaltet, daß ich die anderen nicht behinderte.
    Endlich erreichten wir den Rand der kilometergroßen, sanft gelblich leuchtenden, milchigen Plastscheibe, die den Naturpark erhellte.
    Hier beschloß Jota, einen Stützpunkt zu errichten. Wir klebten ein paar Dutzend Saugnäpfe gegen die Wand, spannten Seile und hievten zurückgelassene Lasten nach oben. Ich gab meinen lächerlichen Vorsatz auf und stimmte in das allgemeine „Hauruck!“ mit ein.
    Nachdem wir etwas gegessen hatten, setzten wir den beschwerlichen Weg fort, winzige dunkle Insekten, die über das goldene Tageslicht krochen.
    Wir redeten kaum miteinander, zu sehr mußten wir uns auf Hände und Füße konzentrieren. Rechts von mir war Gamma, die mich mal überholte, mal zurückfiel. Immer wieder wanderte mein Blick zu ihr. Mehr als nur das Seil verband uns. Links kletterte Mikra, die zweitjüngste in unserer Expedition. Ihr schien bei ihrem groben Körperbau das Klettern kaum etwas auszumachen. Einmal hörten wir ein lautes Schimpfen, Nya beschwerte sich über einen „Mistsaugnapf“, der nicht mehr richtig hielt. Sie warf ihn in hohem Bogen hinab und schnallte sich einen neuen an.
    Allmählich verglomm das Licht der großen Leuchtfläche vor uns. Bei seinem letzten Schimmer richteten wir uns ein, spannten Hängematten auf und zurrten uns sorgfältig fest, wobei wir zahlreiche zusätzliche Sauger setzten - auch wenn Xith versicherte, daß seine Saugnäpfe eine Halbwertzeit von fünfzig Stunden hätten. Der Statistik gehorchend, lösten sich während der Nacht einige, die Konstruktion wurde aber durch die anderen und das Seilgewirr gehalten, das das Netz einer tollwütigen Riesenspinne hätte sein können.
    Gamma und ich hatten vor Mitternacht Wache, wir überprüften einige Saugnäpfe, dann schauten wir in den Zylinder des Naturparks. Schwarze Finsternis lag über den Wäldern und Grasflächen, nur das bewegte Wasser des einen Sees weit über uns phosphoreszierte schwach. Ich fröstelte auch dann noch, als Gamma sich vorsichtig eng an mich schmiegte.
    „Was meinst du, wie lange werden wir miteinander sein, Beth? So ein Leben ist furchtbar lang — hoffe ich.“
    Ich schwieg. Im Spinnennetz der Sicherungsleinen ruckte und zuckte es, ein Geschwister bewegte sich im Schlaf, träumte wohl.
    „Jetzt, in diesem Augenblick bedeutest du mir so viel, daß es für ewig reichen müßte, Beth. Aber ist das nicht bloß ein Gefühl, gemacht aus Chemie, aus Hormonen wie alle Gefühle, vergänglich wie alles?“
    Ich zog sie fester an mich, ihr warmer Atem strich über mein Gesicht. „Natürlich wissen wir nicht, was kommt, wie es zwischen uns in zehn, zwanzig Jahren oder auch in einem sein wird. Aber so wie du jetzt bist, da wünsche ich mir von ganzem Herzen, daß es immer so bleiben möge.“
    Weit unter uns, einen flackernden roten Schein um sich verbreitend, brannte ein einsames Lagerfeuer. Als ob unsere Welt nur eine wunderschöne Totaloskopillusion wäre.
    Nach einer Weile wurden wir abgelöst.
    Kaum füllte sich der Hohlraum des Schiffs wieder mit Licht, brachen wir mit schmerzenden Gliedern auf. Wir stapften, uns ansaugend und abstoßend, über das makellose Antlitz der Naturparksonne. Höher und höher. Schon war das Abnehmen der Zentrifugalkraft zu spüren. Endlich kamen wir merklich schneller und dann spielend leicht voran. Eine eigentümliche Fröhlichkeit ergriff uns. Wir kicherten, scherzten, ließen uns zu akrobatischen Kunststückchen hinreißen. Mikra stieß sich plötzlich von der Wandung ab, trudelte weit hinaus in den freien Raum. Ich holte sie trotz aller Proteste ein.
    Jota genehmigte eine Rast. Wir befestigten uns und vollführten alle einen wirren Tanz in der Luft, drifteten wild durcheinander. Mit Vergnügen fing ich Gamma, fast schwerelos fliegend, auf. Wir tollten, bis Xith, der verwegenste, sich übergab. Das ernüchterte uns. Ich verlor das Gefühl für unten und oben, alles drehte sich plötzlich um mich so, wie sich das gesamte Schiff drehte, ich hing schlapp an meinen Saugnäpfen, atmete tief durch. Gamma sah mir besorgt ins Gesicht. Der Schwindel verging.
    Ich war nicht der einzige, der mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Zeths sonst so ehernes Gesicht verfärbte sich grünlich. Wir schnauften, saugten uns unentschlossen weiter. Gamma rief plötzlich: „Ich wette, wir sind über die Mitte schon hinaus!“
    Allein mit den Augen war dies nicht zu erkennen, aber es kam mir vor, als ob mich eine schwache, ganz schwache Kraft in Kopfrichtung zog. Xith holte ein Lot hervor, tatsächlich, wir mußten zurückkriechen. Wir orientierten uns nur noch am feinen Ausschlag der Bleikugel am Faden. Schon fürchteten wir, die gesuchte Achse nicht zu erkennen, da entdeckte Eta eine feine Linie, die einen Kreis von etwa dreißig Meter Durchmesser bildete. In seiner Mitte fanden wir einen weiteren Kreis von nur zwei Metern, dessen Zentrum ein in den leuchtenden Plast eingelassenes Handrad bildete: Die Achse des Zylinders, der Nabel unserer Welt!
    Das Rad ließ sich, wenn auch mit einiger Mühe, drehen. Gemeinsam schafften wir es, die Luke zu öffnen, die in eine Art Luftschleuse führte. An der gegenüberliegenden Tür brannte ein rotes Signal — der Zutritt zu diesem Teil des Schiffs war uns versperrt. Das lauteste Protestieren Delths konnte daran nichts ändern.
    Jota rief uns zusammen. „Unsere Expedition ist zu Ende. Wer kein Feigling ist, springt mit dem Fallschirm hinab.“
    Diesmal konnte sich Delth seine Priorität sichern, er warf die Saugnäpfe von seinen Händen achtlos ab, sie trudelten eine Weile nahe der Achse herum, dann fielen sie in verschiedene Richtungen auf den Naturparkboden zu. Delth selbst kauerte sich hin, löste die Fußsaugnäpfe und schnellte sich wie eine zusammengepreßte Feder ab. Der Schwung trug ihn weit hinaus, schließlich begann er zu fallen. Ich hatte ihn schon aus den Augen verloren vor dem scheckiggrünen Hintergrund des Naturparks, da öffnete sich der weiße Schirm.
    Eins nach dem anderen entschlossen sich meine Geschwister zu springen. Sie landeten über das Rund verstreut.
    Ich stand parallel der Achse, senkrecht zur Leuchtfläche da, hielt Gamma an meiner rechten Hand. Wir blickten auf bis zur gegenüberliegenden runden Gebirgskuppel. Mein Blick streifte über den Naturpark, die verträumten Wälder, Dschungel, Sümpfe, Seen, Felsen, die Insel.
    „Springen wir“, sagte Gamma, und gemeinsam, uns immer noch an der Hand haltend, schnellten wir uns ab.
    Dann im freien Fall zog ich sie an mich, wir umarmten uns, küßten uns, schärfer und schärfer strich der Wind an uns vorbei, langsam wurde Gamma unruhig. Wir trennten uns, damit sich die Schirme nicht verhedderten. Prasselnd entfalteten sie sich, es riß mich hart nach oben.
    Als wir uns nach Stunden trafen, um unsere Erlebnisse und Empfindungen auszutauschen, wurden wir von Jota und Xith mit Schelte empfangen. Keiner von uns Großen hatte auch nur einen Finger krumm gemacht, um die Reste unserer Expedition wegzuräumen, die Saugnäpfe und Seile in Achsennähe.
    Es war nicht das letztemal, daß die zweite Gruppe uns Vorwürfe machte.

Analyse

    Delth schraubte das Intercom auf und durchschnitt einige Drähte. Dann stülpte er eine schwarze Kappe über die TV-Kamera. Es würde eine Weile dauern, bis die Reparaturroboter die Beschädigungen beseitigt hatten.
    Wir setzten uns um den Tisch, und Delth eröffnete unsere kleine Konferenz. „Hört zu! Zeth hat eine wichtige Idee.“
    Zeth hüstelte, wie er es in der Totaloskopwelt jemandem abgeschaut hatte, und sagte: „Guro ist ein Roboter, nicht wahr, kein lebendes Wesen. Ich schlage vor, ihn zu analysieren. Wir haben noch keinen Roboter von innen gesehen.“
    Benommen schwiegen wir. Das also war der Grund für das Versteckspiel vor dem Computer. Guro sollte nicht gewarnt werden.
    Ich spürte, wie meine Wangen brannten und meine Kehle trocken wurde. Die Idee war ungeheuerlich, ich scheute mich, sie mir in meiner Phantasie auszumalen. Nacheinander musterte ich die Gesichter meiner Geschwister. Eta staunte mit offenem Mund. Und Delth griente, zufrieden, etwas Außergewöhnliches, womöglich nicht Erlaubtes unternehmen zu können.
    Schließlich brach Alfa das Schweigen. „Irgendwo ist bestimmt Guros Konstruktionsschema gespeichert. Genügt uns das denn nicht?“
    „Ich habe es“, sagte Zeth und zog mit gelenkigen Fingern einen dicken Packen Papier aus einer von Metallspritzern verunzierten Mappe. „Aber woher kann ich wissen, daß es auch stimmt, daß uns der Computer nicht übers Ohr haut?“
    „Ja, ja“, rief Ilona und nickte.
    „Guro kann sprechen wie ein Mensch, er hat Märchen erfunden -wer weiß, was in ihm noch alles eingebaut ist außer diesen Sprachsynthetisatoren, Assoziativspeichern, akustischen Analysatoren. Habt ihr nicht auch den Eindruck, daß er für sein Konstruktionsschema ein wenig zuviel kann?“
    Eta kicherte, und Gamma flüsterte in mein Ohr so nahe, daß ich ihren warmen Atem spürte: „Wenn man sich mein Schema anschaut, traut man mir auch nicht viel zu.“
    Ich warf ihr einen amüsierten Blick zu und fragte dann laut: „Was erwartet ihr denn? Eine Seele? Mikroprozessoren mit der Aufschrift ‚Schöpferische Funktionen‘? An Guro ist nichts Rätselhaftes, das Schema genügt.“
    Delth schaute mich mit zusammengekniffenen Augen an und ging dann einfach über meine Bemerkung hinweg. „Also, wer macht bei der Analyse mit?“
    „Ich nicht“, sagte Teth stockend, „nein, wie könnt ihr nur…“ Er stand langsam auf und stützte sich mit geballten Fäusten auf den Tisch. „Guro hat immer nur das Beste für uns getan!“
    Delth und ich lachten offen heraus, auch Eta fiel ein. Teth wandte sich um und verließ den Raum.
    „Was hat er?“ fragte ich bestürzt, „wieso verträgt er es nicht, wenn wir lachen?“
    Alfa antwortete nach einer kurzen Pause: „Ihm hat gestern das Totaloskop ein unschönes Erlebnis verpaßt, einen Mord wohl. Er wird’s schon überwinden.“
    „Na, dann ohne ihn“, sagte Delth.
    Voller Begeisterung waren nur er, Zeth und Ilona. Wir anderen schlossen uns jedoch nicht aus. Im Nu hatten wir einen Plan entworfen.
    Wir lauerten Guro mit einem feinmaschigen Stahlnetz auf. Er kam wie gewöhnlich mit leisen, aber festen Schritten den Korridor entlang. Auf Delths Pfiff hin stürzten wir aus dem Quergang und warfen das Netz über ihn. In weniger als einer Sekunde war er gefesselt. Erwehrte sich nicht.
    „Wo ist dein Ausschalter, Guro?“ fragte Delth fordernd. Er stellte sich breitbeinig vor den Roboter und stützte die Hände in die Seiten. Ein Bild der Entschlossenheit.
    „Ich habe keinen“, erwiderte Guro, „ich kann nicht mechanisch extern gesteuert werden. Worum geht es denn?“
    Wir schwiegen. Wie auf ein unhörbares Los! ergriffen wir das Bündel und schleppten den bewegungslosen Klotz aus Metall und Plast durch die Schleuse in das unter Überdruck stehende staubfreie Elektroniklabor.
    „Schalte dich doch selbst aus, Guro“, bat Ilona, als wir ihn auf den Arbeitstisch legten.
    „Ich werde mich nicht desaktivieren“, antwortete Guro, „denn ich muß auf euch aufpassen.“ Die freundlich-glatte Maske seines Gesichts verzog sich zu einem angedeuteten Lächeln.
    Zeth murmelte: „Ist doch bloß ein Roboter…“ dann setzte er die Instrumente an.
    Guro empfand keinen Schmerz, Guro zuckte nicht mit der Wimper, Guro blieb ganz ruhig liegen, er sagte nicht einmal: Ihr müßt ja wissen, was ihr tut. In ihm summte es ganz leise, er hielt still.
    „Wir hätten ihn gegen die Steuerimpulse vom Computer abschirmen sollen“, bemerkte Zeth, während er die dünne Plastschutzhaut um Guros Körper am Kopf und entlang des fast menschenförmigen Körpers aufschnitt. Dann zog er das Plastlächeln vom metallenen Schädel.
    „Ob er um Hilfe ruft?“ flüsterte Ilona. Wir verriegelten vorsichtshalber die Tür. Eta legte die Fetzen der durchsichtigen, doch sanft schimmernden Plasthaut säuberlich zur Seite. Mit unseren kleinen, äußerst präzis zu handhabenden Werkzeugen lösten wir Schräubchen, sprengten Halterungen auf.
    Guros Schädel war weder besonders gesichert noch besonders fest. Bald lag sein Inneres vor uns: Gleichgewichtsorgane, Wandler für die Sensoren — nicht aber sein Gehirn. Eine durchsichtige, schwach riechende Schutzflüssigkeit floß aus, zähes Roboterblut.
    Leise pfiff die Diamantsäge, als Zeth den titanlegierten Brustschild zertrennte. Wir nahmen ihm die dünnen Platten ab und stapelten sie. Die Flüssigkeit, die auch Guros Leib füllte, verklebte unsere Handschuhe und tropfte zu Boden.
    Nun lagen Guros Eingeweide bloß: ein undurchdringliches Gewirr von Plastverstrebungen, Glasfasern, Wellenleitern, nanoelektronischen Blöcken. Ilona identifizierte nach dem Konstruktionsschema die Baugruppen. Noch jagten elektrische Impulse durch die Organe, noch sah und hörte uns Guro.
    „Vorsicht“, mahnte sein bereits halb freigelegter Mund mit zitternden Stimmembranen, „zum Teil hohe Spannungen.“
    Zeth klemmte die Sprachsynthetisatoren ab. Gut aufeinander eingespielt, entfernten wir Einzelteil um Einzelteil. Laserstrahl und Diamantsäge unterbrachen Kabelstränge, isolierte Pinzetten mit winzigen Saugnäpfen griffen zu. Vor Konzentration keuchten wir unter den Halbmasken, die wir aufgesetzt hatten, um den Raum vorschriftsgemäß staubfrei zu halten. Bunte Kabelenden quollen aus den freigelegten Armen. Durch Guros Eingeweide zuckte ein kurzer Blitz, ein Vibrieren ergriff seine Beine, erstarb aber schnell wieder. Es begann brenzlich zu riechen.
    „Das war die Akkumulatorsäule“, sagte Zeth und entfernte sie.
    Guro war tot. Wir beugten uns über seinen Leib, schlachteten ihn mit tropfenden Handschuhen aus, holten auch die letzten Einzelteile heraus, untersuchten sie oberflächlich. Es war nichts Rätselhaftes darunter, nichts Überzähliges. Wir arbeiteten, bis von Guro nur eine leere Metallhülle, das Skelett der Verstrebungen und ein wirrer Haufen Baugruppen blieben. Wir schauten an unseren befleckten Overalls herab auf den schmierigen Boden. Das Wunder, die große Entdeckung waren ausgeblieben. Ein Gefühl der Leere hatte sich statt dessen eingestellt. Auch aus Delths Stimme war es herauszuhören, als er feststellte: „So, das hätten wir geschafft.“
    Einzeln verließen wir das Labor. Obwohl wir alle Hunger verspürten, aßen wir nicht gemeinsam.
    Später war ich in Gammas Kabine. Wir blickten auf die Wände, die abstrakte Diagramme schmückten. Uns war unbehaglich zumute.
    „Ich sehe immer noch Guro vor mir“, sagte Gamma reuevoll, „wie seine Beine gezuckt haben. So lebendig, als ob es ihm weh getan hätte.“
    Ich streichelte Gamma, und sie beschwerte sich über ihre „verdammte Sentimentalität“. „Es war doch nur ein Roboter, ein Werkzeug, weshalb geht mir nur der Anblick nicht aus dem Kopf?“
    Um sie abzulenken, erklärte ich ihr, daß auch ich ein flaues Gefühl im Magen habe und daß Guro absolut kein Mensch sei und nicht das mindeste fühlen könne.
    „Ich weiß nicht, warum wir ihn auseinandernehmen mußten“, überlegte Gamma laut, „war es wirklich nur eine Laune? Vielleicht bedeutet uns Guro irrationalerweise doch mehr als bloß eine Maschine. Und: Er hat alles gewußt, schon vorher, ihr habt nicht alle Mikrofone ausgeschaltet, der Schiffscomputer war über alles informiert.“
    „Und weshalb hat er nichts unternommen?“ fragte ich.
    „Hätte er versuchen sollen, unseren Handlungsspielraum einzuschränken? Wahrscheinlich hat er alles vorhergesehen.“
    „Du meinst, nicht wir haben schuld, sondern der Computer?“
    „Was heißt hier ‚schuld‘?“
    Gamma erhob sich, ich folgte ihr. Wir gingen jetzt, da die anderen schliefen, zum Labor. Drinnen sahen wir die Überbleibsel von Guro liegen. Ein trauriger Anblick. Klebrige Lachen auf dem Boden, das Werkzeug wild verstreut. Kabel, kugelförmige Miniaturmotoren, Elektronik bunt durcheinander auf dem Tisch. Und inmitten des Chaos eine immer noch blitzende, vielfach durchbrochene Metallhülle, die das Behältnis eines Reinigungsautomaten oder ein Stück Kabelschachtverschalung hätte sein können. Guro.
    „Ob wir den je wieder ganz bekommen?“ fragte ich und griff nach einer der Baugruppen. Die Kontakte waren zum Teil knapp am versiegelten Kästchen, das die Nanoelektronik enthielt, abgebrochen, dieses aber war noch intakt.
    Wir schraken zusammen. Mit einem saugenden Geräusch öffnete sich die Tür der Laborschleuse. Alfa und Eta hatten wie wir keine Ruhe finden können.
    „Eigentlich gibt es genügend Guros“, sagte ich, „und in den Lagern Reserveguros…“
    „Wir müssen Delth rufen“, Alfa trat an das Intercom, „er ist sonst tagelang eingeschnappt.“
    Es stellte sich heraus, daß noch kein Geschwister schlief, nicht einmal der an der Zerlegung unbeteiligte Teth.
    Wir gingen wieder an die Arbeit, sie war schwerer als das Auseinandernehmen. Wir mußten zuerst alle Baugruppen durchtesten. Einige funktionierten nicht mehr. Ohne die Hilfe des Schiffscomputers und ohne Ersatzteile wäre die Reparatur unmöglich gewesen.
    Erst am dritten Tag waren wir so weit, daß wir die Schutzflüssigkeit nachfüllen und die Akkumulatorsäule wieder anschließen konnten. Beim Verschweißen der Plasthaut blieben feine Narben zurück, nur bei genauem Hinsehen zu erkennen.
    Als wäre nichts geschehen, stieg Guro vom Arbeitstisch und fragte: „Nun, habt ihr meine Seele gefunden?“
    „Hätten wir gewußt, was wir suchten, hätten wir dich nicht analysiert“, konterte Ilona. Sie strahlte wie wir alle.
    „Jetzt ist mir wohler“, sagte Teth.
    Guro lebte wieder so, wie wir ihn von Kindheit an kannten.
    Doch nur bei Robotern kann der Tod zurückgenommen werden.

In der Zentrale

    Lange blieb uns eine Reihe von ausgedehnten Sektionen des Raumschiffs versperrt, und selbst Delths beste Werkzeuge vermochten nicht, die Schotte aufzubrechen, die uns den Zugang verwehrten. Dann begann Guro endlich, uns in die Konstruktionszeichnungen des Schiffs einzuweisen, und er erklärte, daß die Kommandosektoren und Antriebsdecks uns bald offenstehen würden.
    Ohne weitere Ankündigung war es eines Tages soweit. Ich näherte mich auf dem Weg zum Totaloskopraum einer dieser verschlossenen Türen und stellte verwundert fest, daß das grüne Signal aufleuchtete. Mißtrauisch trat ich näher und bediente den Öffnungsmechanismus.
    Sofort fuhren die Schotte beiseite und gaben mir den Weg frei.
    Ich warf einen ersten Blick hinein, dann eilte ich mit der Neuigkeit von Raum zu Raum und rief meine Gruppe zusammen. Neidvoll beobachteten uns die Geschwister aus der zweiten und dritten Gruppe. Sie wurden durch die Türsensoren von uns unterschieden und standen weiterhin vor dem Einhalt gebietenden Rot — es sei denn, wir gestatteten, daß sie uns begleiteten.
    Gemeinsam lernten wir acht den letzten, uns bisher unbekannten Teil des Schiffs kennen. Wir fuhren mit dem Lift in den Antriebssektor, in dem wir Schutzanzüge tragen mußten, weil weit hinter uns die Fusoren arbeiteten. In den technischen Sektionen herrschte nicht die uns vertraute Schwere. Je nach ihrer Lage mußten wir uns in ihnen unter den Bedingungen fast völliger Schwerelosigkeit oder nur schwacher Zentrifugalkraft bewegen. Zuerst stießen wir uns die Köpfe ein, dann lernten wir, die verschiedenen Halte Vorrichtungen sachgerecht zu nutzen. Im Schutzanzug war die Fortbewegung einfacher, denn dieser verfügte über Magnetschuhe, mit denen man auf den markierten, schwach magnetischen Flächen normal laufen konnte. Die radialen Korridore im luftleeren Deck hinter dem Fusor boten sogar eine besondere Bequemlichkeit — man brauchte sich nur auf den entsprechend markierten Streifen zu stellen, und schon glitt man, von einem im Boden befindlichen Linearmotor getrieben, über die Fläche.
    Ein Raum aber übte auf mich eine unwiderstehliche Anziehung aus, die „Kommando-Zentrale I“, die wir bald kurz „Zentrale“ nannten. Ich hatte ihre Lage anhand der Schiffspläne identifiziert und schlich mich von den anderen davon, um sie, das Zentrum aller Vorgänge im Schiff, allein und vor den Geschwistern zu erreichen. Dort angekommen, erkannte ich den Navigationscomputer, die Steuerpulte, Monitore für die Schiffsfunktionen, den Hauptschirm. Genüßlich ließ ich mich in den Sessel des Kommandanten fallen, fühlte mich nun als Herr des Schiffs. Ich griff nach den Steuereinrichtungen und forderte: Positionskontrolle!
    Nichts geschah. Kein Computer flüsterte mir Zahlenkolonnen zu, kein Sichtschirm oder Monitor flammte auf, kein Anzeigesymbol veränderte sich. Ich drückte die Fehlerkontrolle, wiederholte den Befehl, schaltete wie besessen - nichts geschah. Die Zentrale blieb tot. Das Schiff gehorchte mir nicht, reagierte auf keinen meiner harmlosen Befehle. Und dabei beging ich keinen. Fehler, hatte keinen Hauptschalter übersehen, kein Programm zu starten vergessen. Nichts.
    Hinter mir lachte jemand. Delth lehnte am Astrosimulator und freute sich über meine Ratlosigkeit. „Du bist nicht der Kommandant, Beth.“
    „Du etwa?“ fauchte ich verärgert.
    „Nein, wir sind zu früh gekommen“, sagte er nüchtern. „Ich denke, daß Guro uns das Schiff ordnungsgemäß übergibt, wenn wir genügend geprobt haben und alles kennen. Bis dahin ist die Zentrale abgeschaltet.“
    Delth irrte. Schon als wir am nächsten Tag gemeinsam die Zentrale besuchten, glommen die Bereitschaftsindikatoren. Alle Systeme waren einsatzbereit. Und doch konnten wir mit ihnen das Schiff nicht steuern — die Zentrale hatte sich in einen großen Flugsimulator verwandelt, in dem wir das Schiff beherrschen lernten. Das Training dauerte nur wenige Wochen.
    Theoretisch längst eingeweiht, setzten wir uns hinter die Geräte und Steuerpulte und begannen mit einfachen Tests: Funktionsüberprüfung der Computer, Checken der Systeme, Feststellen des Schiffszustandes. Es klappte alles wie am Schnürchen, langweilte uns sogar bald, und wir kamen uns überflüssig vor. Aber dann erfand die Simulationsautomatik Fehlerquellen, vorzugsweise bei den kompliziertesten Manövern. Gerade lavierten wir durch das Mondsystem eines Riesenplaneten, da fiel der Navigationscomputer aus, und die Ersatzsysteme „vergaßen“, sich zuzuschalten. Wir hatten nicht einmal Zeit, die Automatik zu verfluchen, die uns prinzipiell ausgeschlossene Havarien bescherte.
    Ohne ein Wort der Absprache wußte jeder von uns, was zu tun war. Alfa steuerte, nur unterstützt von Hilfsgeräten, Gamma kalkulierte auf dem kleinen Rechner den Kurs, und wir anderen versuchten, den Fehler, sei es nun ein falsches Programm oder eine defekte Baugruppe — oder beides —, aufzuspüren.
    Wir blieben tagelang rund um die Uhr in der Zentrale, die trotz der Klimaanlage allmählich den Geruch unseres Schweißes annahm. Nachts schliefen wir entkräftet auf ihrem flachen Boden, träumten von gefährlichen Orbits in Mehrfachsystemen, von verkohlter Nanoelektronik, von endlosen Computerprogrammen voller Fehler.
    Anfangs murrten wir noch über die Simulationen, die uns als eine unsinnige Anstrengung vorkamen. Unser Schiff war Jahrtausende hindurch perfekt geflogen, hatte nie menschliche Unterstützung benötigt und sich selbst repariert, falls etwas ausgefallen war. Es konnte die kompliziertesten Navigationsmanöver allein ausführen, sogar viel besser, als wenn wir uns einmischten. Keinen realistischen Notfall konnten wir uns vorstellen, der unseren Eingriff erzwang - weshalb also mußten wir uns mit der Steuerung so abplagen?
    Wenn der Alarmton durch die Zentrale schrillte, vergaßen wir die Fragen, vergaßen die Simulation, wirbelten durch den Raum, als ginge es jede Sekunde um die Existenz des Schiffs. Wir lernten in dieser Zeit jedes Instrument, jedes Gerät der Zentrale bis ins letzte kennen und wuchsen zu einer gut aufeinander abgestimmten Mannschaft zusammen, in der jeder die Reaktionen der anderen im voraus wußte.
    Jeder von uns übernahm im Laufe der Tests sämtliche Funktionen: Kommandant, Navigator, Operator, Reparateur, Antriebsspezialist. Wir waren für die einzelnen Funktionen nicht gleich gut geeignet. Teth gab einen ausgezeichneten Navigator ab, versagte aber beim Reparieren. Gamma übernahm am besten die Computer. Ich schien besonders zum Reservemann befähigt zu sein, der einsprang, wo es kritisch wurde.
    Als der Hauptschirm und die unzähligen Anzeigen der Zentrale erloschen, glaubte ich zuerst an eine totale Havarie, ehe ich aufatmend begriff, daß die Zeit der Flugsimulation abgelaufen war.
    Müde, schlapp und ausgebrannt suchte ich meine Kabine auf. Das bunte Leben außerhalb der Zentrale erschien mir die nächsten Tage fade und abgeschmackt, nur langsam kehrte ich zu unserem Alltag zurück.
    Einen Haupteffekt jedoch hatte unsere Mühsal: Wir wußten, daß wir das Schiff steuern konnten. Wir waren seine Meister. Der Zeitpunkt konnte nicht mehr fern sein, von dem an es unserer geringsten Weisung gehorchte.

Die Sterne

    Wir standen in der äußeren Schleuse, nur wenige Meter von der Außenhaut des Raumschiffs entfernt, und überprüften unsere leichten Skaphander. Seilten uns an und kontrollierten die Magnetschuhe und Lavierpistolen. Dann saugten Pumpen die Luft mit einem leisen Pfeifen ab. Langsam öffnete sich das Schleusentor.
    Delth flog uns voran. Obwohl wir das Schiff nahe der Achse verlassen hatten, katapultierte ihn die Zentrifugalkraft ins All, bis sich die Leine straffte. Alfa folgte ihm, und in einem Schwarm kamen dann wir anderen. Ganz sacht drifteten wir nun auf das abgebremste Schiff zu.
    Zuerst sah ich nur die riesige Kreisscheibe des Schiffs und meine Geschwister. Dann wendete ich mich von ihnen ab und vergaß, wo ich mich befand und daß ich an einem gespannten Seil hing. Ein gigantisches Karussell drehte sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit um mich. Lichtpunktbesäte Schwärze, hier und da hellere Flecken. Ich sah in den Kosmos, der in all seiner Pracht um mich rotierte. Konstellationen, die kein irdisches Auge je erblickt hatte, stürzten in mein Blickfeld, funkelnde Diagramme ohne Namen.
    Das Kreisen verlangsamte sich, stoppte. Wohin ich auch schaute, dicht an dicht standen Sterne, helle und weniger helle, schwache, kaum mehr erkennbare. Das breite Band der Milchstraße. Meine Blicke bohrten sich in die Schwärze, loteten sie aus, tiefer und tiefer, drangen zu immer ferneren Sternen vor, die sich zu neuen Konstellationen fügten, mir Himmel um Himmel öffneten, die abgrundtiefe Finsternis der Dunkelnebel, milchige Flecken von fliehenden Galaxien …
    Ich schwamm unter Sternen, in ihrem weißen und blauen und gelben und rötlichen Licht, driftete als einer der Ihren. Kein Halten, keine Wände, nur Nichts und Leere und Weite. Ich fürchtete die Unendlichkeit nicht mehr, sog sie in mich auf, wurde ein Teil von ihr, dehnte mich in ihre entlegensten Fernen. Sterne trieben in mir, der ich keinen Körper mehr besaß, und Galaxien.
    Mein Helmfunk piepte, und gleich darauf sprach Gamma: „Der Sauerstoff geht zur Neige, wir müssen rein, Beth.“
    Ich gestattete mir noch, aus meiner Trance gerissen, einen Abschiedsblick auf meine Heimatwelt, das Schiff, das sich in etwa zwei Minuten einmal unter den Sternen drehte.
    Von meiner Position aus konnte ich nur einen kleinen Teil des Schiffszylinders überschauen. Obwohl er fast die Hälfte des Himmels bedeckte, hatte ich alles Gefühl für seine Größe verloren. Hätte ich nicht gewußt, daß er so viele Kilometer maß, hätte ich glauben können, daß bis zu seinem abrupten Ende ein paar Schritte genügten. Durch die vom kosmischen Gas und von Mikrometeoriten erodierte Außenhaut des Schiffs liefen hier und dort die Nute des Außentransportsystems, Markierungslinien trennten die Sektoren.
    Der Zielstern, zu dem wir flogen, wurde vom Schiff verdeckt, ebenso der gleißende Antriebsstrahl, in dem Wasserstoff zu Helium verbrannte und der das Schiff bremste, indem er ihm mit enormer Geschwindigkeit vorausflog.
    Delth zog mich an der Sicherungsleine in die Schleuse. Es war höchste Zeit. Das Tor schloß sich, ich war wieder abgeschnitten von den Sternen.
    In den nächsten Tagen verließen wir erneut das schützende Innere des Schiffs, lernten, uns trotz der Zentrifugalkraft auf der Oberfläche zu bewegen, die Außensysteme zu benutzen, Außenreparaturen auszuführen.

Kampf dem Computer

    Das Schiff war unsere Welt, wir konnten sie nicht verlassen. Mochte Delth mit einem der Exkursionsvehikel auch so weit fliegen, wie es die Sicherheitsautomatik zuließ, er mußte doch zum Schiff zurückkehren und hatte sich eigentlich nie richtig von ihm gelöst.
    Suchte Delth Ungebundenheit in den bodenlosen kosmischen Leeren? Er verschwieg uns seine Motive. Wir hatten Delth als unseren Anführer akzeptiert, und doch wurde jeder seiner Schritte ebenso wie die unsrigen vom Schiffscomputer im voraus abgeschätzt, mit Wahrscheinlichkeiten bewertet, kontrolliert und für weitere Pläne berücksichtigt. Auch dieser eine scheinbar entscheidende Schritt.
    Delth suchte mich und Gamma im Waschraum auf, er legte den Finger an die Lippen, bedeutete uns mitzukommen. Neugierig folgten wir ihm. In seinem Zimmer hatten sich bereits die übrigen Geschwister versammelt, sie tuschelten leise miteinander. Delth schloß geräuschvoll die Tür. „Ihr könnt euch ruhig laut unterhalten, ich habe alle Mikrofone in meinem Raum unschädlich gemacht.“
    Ich unterließ die Frage: Welcher Guro soll’s denn heute sein? Wir saßen zu fünft auf seinem Bett, Zeth und Eta benutzten die beiden Stühle, für Delth blieb nur ein Stehplatz.
    „Es wird Zeit, daß wir die Herrschaft über das Schiff übernehmen“, sagte Delth. „Guro hält uns schon viel zu lange hin. Wir haben längst alles Nötige gelernt.“
    „Du willst ja nur den Kommandanten •spielen“, unterbrach ich ihn.
    „Mensch, Beth, und du willst dich wohl weiter durch Automaten manipulieren und befehligen lassen?“
    Ich winkte ab.
    „Wir hätten schon damals nicht Guro analysieren sollen, sondern den Schiffscomputer, der steuert alles, auch ihn“, sagte Zeth und legte seine Stirn in gewichtige Falten.
    „Nieder mit dem Computer!“ rief Eta und schüttelte lachend ihre geballte Faust. Auf Delths strafenden Blick hin wurde sie wieder ernst.
    „Wenn uns der Schiffscomputer die Befehlsgewalt nicht freiwillig übergibt, müssen wir sie uns erkämpfen. Wir haben lange genug gewartet.“ Delth sprach für uns alle.
    Entschlossen machten wir uns an die Arbeit. Teth, Eta und Ilona übernahmen die Software. Aus der Ecke, in die sie sich zurückgezogen hatten, um die Programme auszutüfteln, die andere in unserem Sinne verändern oder löschen sollten, drangen Gelächter und Wortfetzen wie „Gib doch mal die Subroutine rüber…!“ an mein Ohr. Gamma berechnete mit Alfas Unterstützung immer bessere Varianten für unser Eindringen in den Dschungel logischer und materieller Sperren, die den Schiffscomputer schützten.
    Delth und Zeth arbeiteten an den mechanischen Blockiereinrichtungen. Ihren knappen Erfolgsmeldungen entnahm ich, daß es ihnen gelang, versiegelte und verbarrikadierte Zugänge zu weiteren Datenbanken und Recheneinheiten aufzubrechen. Vor mich hinpfeifend, tauschte ich Speichereinheiten der Computer aus, verlegte Informations- und Befehlsströme. System auf System entblößte seine Programmstrukturen. Nur der Hauptcomputer, der bislang unser Leben gesteuert hatte, der auch aus der Entfernung Guros und Rammas lenkte, der all unsere psychologischen Eigenheiten und Verhaltensmuster kannte, entzog sich weiterhin unserem Zugriff.
    „Es hilft nichts“, sagte Delth, „wir müssen es mit Gewalt versuchen.“
    Wir stiegen in schwere Schutzanzüge und brachten einen Hochleistungslaser in Stellung. Die Zentraleinheit des Schiffscomputers befand sich in einem durch meterstarke Keramikplatten gesicherten Raum. Nur langsam brachte der Laserstrahl das Material zum Glühen, erst nach Stunden wurde es zähflüssig und tropfte zu Boden.
    Ich hockte mich, müde geworden, auf den Boden und nahm die Zerstörung wahr, die wir inzwischen angerichtet hatten. Um uns herrschte eine Temperatur von mehreren hundert Grad. Normale Plastwände zu unseren Seiten schlugen Blasen, wurden porös und fielen zuletzt in sich zusammen. Verbissen laserten wir weiter.
    Mit der Zeit überwältigten mich immer mehr Bedenken. Was hatte Delth vor? Wollte er den Schiffscomputer zerstören? Es hätte Chaos bedeutet, wahrscheinlich unseren Tod. Selbst bei dem Gedanken an einen programmtechnischen Eingriff in das Kernstück des Computers wurde mir unheimlich, wer wußte, welche Veränderungen wir hervorriefen, welche Systeme plötzlich ausfielen…
    Millimeter um Millimeter gruben wir einen rotglühenden Tunnel in das Material.
    „Du bist verrückt!“ rief ich Delth über den vom Prasseln gestörten Helmfunk zu, „wenn du den Computer zerstörst, bringst du uns alle um.
    Ich sah den Naturpark deutlich vor Augen, wie er sich veränderte, wenn die Temperaturregulation ausfiel, wie sich die Dschungeltiere wärmesuchend zusammendrängten, wie zuerst der See, die Bäche gefroren, dann die Luft als ein feiner weißer Schnee herabsank. Und ich sah uns, wie wir in wahnsinniger Hast zu reparieren versuchten, was wir zerstört hatten. Ein Guro ließ sich wieder zusammensetzen — aber der Hauptcomputer?
    Delth schob Ilona an den Laser, dann packte er mich an den Schultern. Durch die beiden trüben Helmscheiben sah ich sein verschwitztes Gesicht. Er griente mich an. Ich kannte ihn gut genug, um die unausgesprochenen Worte zu ahnen: Keine Bange, Beth, so verrückt bin ich nicht… Trotzdem spielte er mit einem zu hohen Einsatz — mit unserem Leben.
    Durch die sich automatisch verdunkelnde Scheibe blickte ich auf den Punkt, wo der Laserstrahl die Keramik traf. Winzige Fünkchen flogen nach allen Seiten. Nur noch Zentimeter… Plötzlich erlosch der Laser. Der Computer hatte trotz all unserer Vorsichtsmaßnahmen die Energiezufuhr unterbrochen.
    Im Helmfunk ertönte überlaut Guros Stimme: „Gruppe eins sofort zur Zentrale.“
    Zugleich erleichtert und bedrückt, legte ich den Schutzanzug ab und machte mich auf den Weg durch die langen Korridore. Schlug der Schiffscomputer jetzt zurück? Rächte sich für unseren hemmungslosen, brutalen Angriff? Delth war ja nahe daran gewesen, das Nervenzentrum des Schiffs zu zerstören.
    Wir ließen uns in die Sessel hinter den Steuerpulten fallen und warteten auf Guro, achteten nicht auf die toten Anzeigegeräte und Displays. Auf einmal kam Leben in die Zentrale. Das summende Geräusch der Automaten erfüllte den großen Raum, die Monitore leuchteten auf, und helle Symbole bedeckten die Pulte vor uns.
    Die Stimme des unsichtbaren Guro erklang. „Hier spricht der Hauptcomputer. Die Tests haben bewiesen, daß ihr die nötigen Fähigkeiten zum Führen des Schiffs besitzt. Hiermit übergibt der Hauptcomputer die Kommandogewalt an die menschliche Besatzung, Gruppe eins. Sämtliche Roboter und Systeme des Raumschiffs unterstehen ab sofort eurem Befehl.“
    Die Stimme verstummte, erleichtert atmeten wir auf. Delth hatte den Computer zur Kapitulation gezwungen. Und er übernahm sofort die antrainierte Rolle: „Hauptcomputer! Sofortige Angabe der Position des Raumschiffs und Überprüfung der Flugsicherheit! Danach ein Bericht über den bisherigen Verlauf des Fluges, Programmerfüllung, Probleme.“
    Keiner bezweifelte, daß Delth am besten für den Posten des Kommandanten geeignet war. Auch ich nicht. Aber ich würde ihn kontrollieren.
    Wir hatten erwartet, daß nun die Stunde der großen Enthüllungen gekommen sei, und waren dementsprechend enttäuscht über den eintönigen Rapport des Schiffscomputers. Seine Probleme bestanden in einigen harmlosen Milligrammeteoriten, Alterserscheinungen an Systemen und dem Ausfall eines Inkubators. Nachdem er uns genau dreißig Minuten mit einer Aufzählung gelangweilt hatte, fragte Gamma ungeduldig: „Ich möchte endlich erfahren, erstens, wer das Schiff erbaut hat, und zweitens, welchem Zweck die Reise dient, welche Aufgabe wir haben.“
    Delth nickte ihr bestätigend zu.
    Die uns immer wieder irritierende Stimme Guros antwortete aus dem Lautsprecher: „Darüber sind keinerlei Informationen gespeichert.“
    Eta sprang aus ihrem Formsessel auf, als ob sie sich so besser verständlich machen könnte. Sie lief zum Hauptsteuerpult. „Du hast uns ausgetrickst, du Bitpfeife, du; als du gemerkt hast, daß wir dir einheizen, hast du alles gelöscht.“
    „Über einen Löschvorgang liegen keinerlei Informationen vor.“
    Von unserem Stolz, Beherrscher des Schiffs und seiner Computer zu sein, blieb nicht viel übrig.
    Später enthüllte ich Gamma meinen Verdacht. „Der Computer hat uns noch immer in der Hand. Er kennt unsere Forderungen, bevor wir sie aussprechen. Er kann durch gezielte Information unser Handeln lenken.“
    Ich sah es, ich spürte es: Das gesamte Schiff war eine titanische Maschinerie mit seit dem Start festgelegten Bewegungen. Selbst unser Freiheitsdrang, selbst meine Gedanken in diesem Moment standen im Kalkül.
    Gamma versuchte, mit mathematischen und philosophischen Argumenten meine Ohnmachtsgefühle zu zerstreuen. Das Schiff sei zu groß, als daß jedes Detail vorherberechnet werden könne, mehr noch, dem Schiffscomputer sei es unmöglich, seine zukünftigen Zustände zu ermitteln, dies führe zu Selbstanwendungsproblemen. Real sei nur eine auf Wahrscheinlichkeiten beruhende Fallabschätzung.
    Argumente verpuffen, wenn das Gefühl ihnen nicht folgt. Gamma brauchte mir nichts zu beweisen, ich wußte, daß es stimmte, aber… Uns konnte der Computer auf jeden Fall übertölpeln, uns, deren psychische Struktur er erzeugt und kontrolliert hatte. Was wir auch taten, wie wir uns auch entschieden, er hielt seine Variante bereit.
    Obwohl der Computer all unseren Befehlen gehorchte, schien mir, daß wir die Herrschaft über das Schiff nur formal übernommen hatten. Erst wenn wir das Schiff, womöglich für immer, verließen, würde ich mich unbeeinflußt fühlen können.

Ziel: Heimat

    „Ich werde euch etwas bieten“, hatte Delth versprochen, „ein Kommandant, der nicht einmal die Systeme kontrollieren muß, will ich nicht sein. Was soll ich in der Zentrale, wenn es nichts zu steuern gibt? Ich hätte Baby im Naturpark bleiben können!“
    „Hast ja recht, Delth“, hatte ich erwidert, „aber was kannst du schon unternehmen?“
    „Wart’s nur ab, uns fällt schon was ein.“
    Nun saßen neben unserer Gruppe drei weitere in der Zentrale, der Platz reichte kaum. War es nur Delths Eitelkeit, ihnen allen einen energischen Kommandanten zu zeigen, oder wollte er tatsächlich keinen, der über dreizehn war, ausschließen?
    Die jüngeren Geschwister beugten sich interessiert über die Geräte. Auch ich mußte einiges erklären. „Nein, damit kontrollieren wir die Triebwerke. Hier: Wasserstoffzufuhr, Kerntemperatur, Schub, Strahlungsintensität …“
    Sie fragten mit ehrfurchtsvoller Stimme, schauten immer wieder nervös zu Delth hinüber, der sich noch mit Alfa unterhielt. Die lächelte über ihr breites schwarzes Gesicht, sie war glücklich, von ihr stammte die entscheidende Idee.
    Delth schaltete den Hauptschirm ein. Schlagartig wurde es still. „Seht ihr den hellen Stern da genau im Zentrum? Ihm fliegen wir entgegen. In etwa einem Jahr werden wir dort sein.“
    Eta sprang auf und untermauerte Delths Angaben durch technische Daten wie Abstand, Relativgeschwindigkeit, Beschleunigungswerte. Monitore unterstützten sie durch Dutzende von Kurven. Astrophysikalische Parameter: Masse, Leuchtkraft, Spektraltyp… Sie projizierte ein Schema des Planetensystems auf den Schirm, sechs T-Planeten, fünf J-Planeten, Monde…
    Ich langweilte mich und beobachtete, wie es die Kleinen aufnahmen. Mit vor Aufregung glänzenden Augen und belegter Stimme fragten die Jüngsten Eta nach Einzelheiten. Doch so genau hatten wir trotz aller Spektrometer und Interferometer, trotz aller gammaastronomischen und optischen Messungen das System nicht untersuchen können. Von den Planeten wußten wir kaum mehr als ihre Masse.
    Jota spielte unter Delths strafenden Blicken mit der Fernbedienung eines Teleskops, ohne jedoch Bilder der Planeten auf den Schirm projizieren zu können. Wie sie gaben auch die anderen Geschwister aus der zweiten Gruppe vor, alles bereits zu wissen.
    Delth drehte sich mitsamt seinem Kommandantensessel einmal um die Achse, dann bedankte er sich bei Eta und sagte: „Noch sind wir nicht dort, noch können wir den Kurs korrigieren, das Bremsmanöver beenden oder am Zielstern vorbei weiter durch das All fliegen wie bisher.“
    „Richtig, richtig“, unterbrach ihn die vierzehnjährige Psila, „was sollen wir denn dort? Gibt ja kein intelligentes Leben auf dem Planeten, wie Eta gesagt hat.“
    „Wer weiß, ob es im Schiff welches gibt!“ warf Myth ein und fügte, als das Gelächter verklungen war, hinzu: „Zumindest existiert keines, das sich mit euren Methoden feststellen läßt.“
    Eta erwiderte treuherzig: „Auf keinem der Planeten ließ sich Funkverkehr beobachten, natürlich bedeutet das nicht…“ Sie beendete den Satz nicht.
    Alfa war aufgestanden. „Begreift ihr denn nicht? Die Konstrukteure des Schiffs haben uns keinen Auftrag übertragen. Sie haben uns nichts befohlen. Das heißt, wir sollen selbst entscheiden…
    Ich fand, sie hatte die harte Diktion von Delth übernommen, die nicht so recht zu ihr paßte.
    „Wir sind auf uns selbst gestellt, keinem Rechenschaft schuldig“, fuhr sie fort. „Wir müssen unsere Zukunft selbst gestalten. Begreift ihr immer noch nicht? Eine Sonne liegt vor uns, Spektraltyp G wie Sol. Sie hat erdähnliche Planeten.“
    Alfas Gedanken kannte ich bereits einige Tage. Spätestens in diesem Moment hätte sie mich überzeugt.
    „Sagt dies nicht genug: Eine neue, unsere Heimat erwartet uns…“
    „Ja, mit offenen Armen, Blasmusik und bezugsfertigen Einfamilienhäusern…“ Diesmal blieb Myth der gewohnte Erfolg versagt.
    Alfa setzte sich, beugte sich dann ungeschickt aus dem Formsessel zu Delth und umhalste ihn. Dem war es sichtlich unangenehm.
    „Wir können den vierten Planeten, er ist der Erde am ähnlichsten, schon von hier aus direkt ansteuern. Ich habe eine Kurskorrektur vorbereitet, soll ich sie auslösen?“ fragte er pathetisch.
    Die Geschwister, vor allem die jüngeren, waren begeistert. Wir mußten nicht abstimmen.
    Entschlossen betätigte Delth die Taste. Eine winzige, kaum wahrnehmbare Vibration. Aber Bewegung auf Dutzenden von Monitoren. Anzeigen flammten auf, Computerausdrücke quollen aus Schlitzen. Jedes System der Zentrale arbeitete auf Höchstleistung. So wie Delth es programmiert hatte. Sehr, sehr effektiv. Auch ich konnte ein Gefühl des Triumphes nicht unterdrücken. Der Koloß Schiff hatte unserem eigenen Willen gehorcht!
    Von diesem Moment an lief eine inverse Zeitrechnung: dreihundertachtzig Tage bis zur Ankunft bei unserem Heimatplaneten.

Sonne

    Ich stand mit Teth vor dem metergroßen ovalen schwarzen Brunnen der Projektionswand, in dem die Lichtfünkchen der Sterne starr und beständig ruhten wie seit Jahrmillionen. Und mitten unter ihnen, fast genau im Zentrum, eine winzige Scheibe, vor kurzem selbst noch ein unscheinbarer Punkt, unser Zielstern, unsere Sonne! Ein Blick auf das vertraute Gesicht Teths. Seine Augen tränten, so starrte er auf diesen kleinen hellen Fleck, als habe er ihn eben erst entdeckt, als habe er erst in diesem Augenblick begriffen, daß da eine Sonne auf uns wartete.
    „Wie ruhig sie strahlt“, sagte ich, um ihn aus der Faszination zu reißen.
    Es dauerte lange, bis er antwortete, mühsam sammelte er die Wörter zu Sätzen. „Was weißt du von der Sonne. Etwas Licht, etwas Wärme, Spektraltyp G wie Sol, nicht wahr?“ Er achtete nicht auf das Luftholen, mit dem ich den Protest einleiten wollte, fuhr fort, schneller, nachdrücklicher. „Wenn sie euch nur das bedeutet, könnt ihr ruhig unter dem künstlichen sonnen- und sternlosen Himmel unserer fliegenden Konservendose bleiben. Für mich ist die Sonne viel mehr! Sie hat das Leben auf der Erde erzeugt, und auch wir werden erst dann richtig leben, wenn eine echte Sonne über uns strahlt. Nicht, umsonst haben die Urvölker sie sogar angebetet.“
    Er besann sich einen Moment, dann sagte er: „Erinnerst du dich noch, als Guro uns die ersten Erdbilder zeigte? Irre, unverständliche Dinge, nicht wahr? Häuser, Straßen und so weiter. Ich glaube, Gamma fragte als erste nach dem seltsamen gelben Ball, der da durch den dreckigen Himmel kollerte. Na ja, in dem Alter genügte uns meist noch ein Wort als Erklärung: Das ist die Sonne. Basta. Wie sollte sie uns Guro auch richtig erklären, da wir noch keine Ahnung von Kernphysik, Kohlenstoff-Stickstoff-Zyklus und so weiter hatten — eine kugelförmige Lampe eben. Und genau das ist die Sonne nicht.“
    Ich ließ ihn reden. Auch ich kannte das Gefühl, das er beschrieb. Sicher tat es ihm wohl, sich auszusprechen, die Sonne zu loben — und die eigene Kindheit ohne Sonnenschein zu beklagen. Aber wer kann schon alles haben? Und der Tausch, Plastspielgärten des 21. Jahrhunderts gegen den Naturpark, lohnte sich auf jeden Fall - nur daß wir nicht getauscht hatten, sondern einfach in die Schiffswelt hineinproduziert worden waren.
    Teth lehnte sich nach vorn, nun fünfzig Zentimeter näher einer Lichttage entfernten Sonne. „Im Totaloskop habe ich dann begriffen, was Sonne heißt. Gleich bei meinem ersten Besuch auf der Erde. Da stand ich in einer sich weit erstreckenden Savanne, aber die interessierte mich kaum. Auf meinen bloßen Schultern, auf dem Rücken brannte es eigenartig. Ich habe mich umgedreht, und da schlug mir ein heißglühender, gleißender Stachel ins Gesicht. Instinktiv schloß ich die Augen, schwarz und rot war es hinter den Lidern, blickte dann vorsichtig wieder auf und begriff — das war die Sonne! Zuerst glaubte ich, daß unter diesem blendenden und sengenden Gestirn kein Mensch leben könnte, daß Guro gelogen hätte - man muß ja ständig die Augen schließen unter einem Himmel mit Sonne! Und wehe dem Unachtsamen, der ihr ins Antlitz schaut, das Augenlicht verliert er. Ha, Vorstellungen hat man manchmal. Später besuchte ich einmal die Antarktis, und hier, wo der Sonne die Kraft fehlte, verstand ich ihre Bedeutung, verstand sie als Lebensspenderin.“
    „Ich glaube, wir alle haben die Sonne im Totaloskop entdeckt“, wandte ich ein. Es war nicht gut, wenn sich Teth für den einzigen Sonnensucher hielt, zum Schluß fühlte er sich noch unverstanden und scherte aus unserer Gruppe aus, als unser Jüngster hatte er es sowieso nicht leicht mit uns.
    „Aber ach, was ist das schon für eine Sonne im Totaloskop, eine perfekte Illusion, nicht mehr, ein Trugbild, ein Scheingestirn. Vielleicht sogar zu schön, um real zu sein, selbst wenn alle Physik für ihre Existenz spricht. Vielleicht werde ich erst dann von der Wahrhaftigkeit dieses Wunders überzeugt sein, wenn ich die Sonne mit eigenen Augen gesehen habe, ohne sensorische Adapter auf der Kopfhaut und ohne einen Computer, der sie ihre Bahn entlangschickt. Ja“, Teth zeigte auf die winzige Sonne vor uns, „auch ohne Himmelskamera, Analogimpulsverarbeitung, Entzerrer, Rekontrastierer, Makroprojektor und was alles noch hinter dieser Scheibe steckt.“ Er pochte mit der Faust gegen den ritzfesten Glasplast, als wolle er die Scheibe zertrümmern und das unverfälschte Licht unserer noch so weit entfernten Sonne hereinlassen.
    „Du meinst, wenn du erst einmal auf einem Planeten stehst, ganz ohne Brille… Die Kilometer Atmosphäre zählen wohl nicht?“
    „Das ist doch etwas ganz anderes…“
    „Nichts Technisches, Künstliches sozusagen, nicht wahr?“
    „Ja. Aber ich habe Angst, daß ich dies nie erlebe, verstehst du, wer weiß, ob der Planet geeignet ist? Was besagt das schon: terrestrischen Typs, das bezieht sich fast ausschließlich auf seine Masse. Und wennschon, vielleicht dauert es Jahrtausende, bis er so umgeformt ist, daß sich Menschen auf ihm ins Freie wagen können… Wer weiß, ob ich je eine richtige Sonne sehen werde — es ist, als sei ich blind geboren…“
    „Ich bin fest davon überzeugt, daß wir es schaffen.“ Alfa war hinter uns getreten, ich hatte ihre Schritte nicht gehört. „Es hängt doch nur von uns ab. Das Wissen einer Tausende Jahre alten Zivilisation und die selbstreproduktionsfähige Technik des Schiffs gegen einen vielleicht etwas zu kühlen oder zu heißen oder giftigen Planeten. Du wirst selbst die Wolken aus dem Himmel des uns noch unbekannten Planeten wischen können, um deine, unsere Sonne zu sehen, Teth. Das Schiff ist Dutzende, vielleicht Tausende Parsec durch den interstellaren Raum geflogen, und nun soll ein Planet von ein paar tausend Kilometer Durchmesser Schwierigkeiten machen? Ich bin sicher, Teth, du wirst die Sonne noch sehen!“
    Alfa hatte gut reden, ich widersprach ihr nicht. Teth brauchte bestimmt etwas mehr Mut, und es hatte geklungen, als wolle Alfa auch ihre eigene Zuversicht festigen.
    Als wir der dritten Gruppe die mickrige Scheibe unserer eigenen Sonne zeigten, machten sie höflich interessierte Gesichter, zuckten mit den Schultern und fragten uns, weshalb wir so ein Gewese darum machen würden. Unsere Sonne, natürlich, was denn sonst.
    Schon für sie würde die Sonne zur Selbstverständlichkeit werden.

Teil II
Andymon

Andymon — ein Name

    So wird es in zukünftigen Enzyklopädien stehen: „Andymon, vierter Planet des Fixsterns Ra“. Die galaktischen Koordinaten werden sich anschließen, Daten wie „Rotationsperiode (siderisch): 28 Stunden 2 Minuten; Umlaufzeit: 1,538 Jahre“ und wie die weniger interessanten Zahlenkolonnen Exzentrizität der Bahn, Achsenneigung, Albedo, Masse, chemische Zusammensetzung. Erst nach vielen weiteren Angaben, Geschehnisse zu meinen Lebzeiten und danach betreffend, wird eine kurze Notiz folgen: „Ursprung des Namens A. dunkel, möglicherweise Verstümmelungen von (grch.) Anadyomene (s. d.)“.
    Ich sollte es besser wissen, ich war dabei. Jedoch alles, was ich hier niederschreiben kann, ist eine Legende. Die Legende von unseren vergeblichen Bemühungen um den wahren Namen, den einzig angemessenen …
    Wir hatten den Zielstern vor uns und — durchnumeriert - seine Planeten und deren Monde. Einen ganzen Tag lang spielten wir mit klangvollen Silben, die der Zufallsgenerator des Computers erzeugte. Wir dachten daran, unsere Namen unter die Sterne zu schleudern, doch wem den Vorzug geben? Beim Frühstück warfen wir uns Wortungetüme an den Kopf, zu Mittag gingen wir die indische Mythologie durch, und am Abend hofften wir auf generative Grammatiken. Vergeblich - kein Name rastete beim Anblick des fernen Lichtpunktes ein. Des nutzlosen Spieles müde geworden, gaben wir auf.
    Und am folgenden Morgen, als wir die Zentrale auf suchten, um einen Blick auf unseren fernen Namenlosen zu werfen, da prangte herab vom schwarzen sternbestückten Samt des Alls, der den Hauptschirm füllte, ein Wort: ANDYMON. Wir brauchten den Sinn der helleuchtenden Zeichen nicht zu deuten. Es gab keinen Zweifel. Lichttage von uns entfernt, hatte sich der Planet seinen Namen selbst gegeben. Andymon.
    So die Legende. Natürlich könnte ich spekulieren, wer und wie. Doch wem wäre damit gedient?

Voraussonde

    Nur noch wenige Lichttage trennten uns von Andymon — aber ein halbes Jahr Flugzeit des Schiffs. In der Zentrale leuchtete eine Anzeige: 183 Tage, 182 Tage, 181 Tage bis zur Parkbahn.
    Delth zog auf einem selbstgefertigten Kalender jeden Tag einen dicken schwarzen Strich. Die Unruhe, die Nervosität, mit der wir warteten, war begründet. Die spektrographischen Daten über Andymon reichten einfach nicht aus. Wir kannten einige chemische Verbindungen in der Hochatmosphäre des Planeten, aber die wichtigste Frage blieb weiterhin unbeantwortet: Können wir auf Andymon leben?
    Ich weiß nicht, wer die Idee zuerst hatte, eine Voraussonde zu schicken. Es lag einfach nahe. Während das Schiff mit langsam wachsendem Andruck bremste, würde die Sonde ihm ungebremst vorauseilen und Monate früher am Ziel sein. Wir könnten so noch vor unserer Ankunft die bange Frage beantworten.
    Zum erstenmal war unsere Arbeit kein Spiel, keine Simulation, keine Probe. Wir hatten uns selbst eine Aufgabe gestellt, und wir gingen sie mit der gleichen fröhlichen Ernsthaftigkeit an, mit der wir gemeinsam gespielt und gelernt hatten. Endlich etwas Richtiges zu tun. Für Andymon!
    Wir hatten Zeth, anerkanntermaßen unser Genie für Elektronik und Basteleien jeglicher Art, zum Chefkonstrukteur ernannt. Stolz und souverän verteilte er Aufgaben, rief uns, wenn nötig, zu Besprechungen zusammen.
    Im weißen Kittel und das glänzendschwarze Haar unter einer weißen Kappe, als käme er direkt aus einem staubfreien Arbeitsraum, saß er dann vor uns auf einem der Arbeitstische, baumelte mit den etwas kurzen Beinen und dozierte: „Also, ich fasse zusammen. Die Voraussonde ist nach dem Busprinzip aufgebaut. Auf dem Träger sitzen zwei Dutzend separater Satelliten beziehungsweise Eintauchkörper. Je zwei für die Monde Andymons, sechs Orbiter, die wie der Träger auch der Telemetrie dienen, acht Eintauchsonden, davon vier ausgelegt für 5 atm/400 K, zwei für 20 atm/600 K und zwei superschwer armiert für 80 atm/900 K sowie aggressive chemische Verbindungen. In Reserve bleiben sechs Allzwecksonden auf dem Träger. Soweit zum Grundkonzept. Ihr alle habt mir eure Anforderungslisten geschickt — bis auf Teth.“
    Ich saß da, kramte in meinen Unterlagen, bereit, jeden meiner Instrumentierungsvorschläge, auch die Schwebesonde, mit Zahlen und Klauen zu verteidigen. Eta biß geräuschvoll und unbekümmert in einen Apfel.
    In das Schweigen und Rascheln der Papiere sagte Teth: „Nein, ich bin mit dem Grundkonzept nicht einverstanden.“
    Ich drehte mich verwundert nach ihm um. Er saß ruhig da, im bunten Hemd, auf seinen bloßen braunen Beinen lag ein Packen Computerausdrucke. Was wollte er? Im Prinzip hatten wir uns längst auf den Bus geeinigt.
    „Nein“, wiederholte Teth, „ich bin nicht für dieses Konzept. Das ist auf keinen Fall effektiv genug. Wir brauchen eine viel flexiblere Struktur, wir wissen ja gar nicht, welche besonderen Probleme auftreten werden.“
    Er redete schnell, aber das entscheidende Wort war noch nicht über seine Lippen gekommen. Alfa, mir schräg gegenüber an einem vielinstrumentigen Meßplatz sitzend, schüttelte sacht den Kopf.
    „Automaten allein, auch unsere besten Roboter, schaffen das nicht“, fuhr Teth fort. „Ich bin dafür, eine bemannte Sonde zu Andymon zu schicken. Ich würde mich freiwillig dafür melden. Und mit Ilona oder Gamma als Kopiloten..
    „Hört, hört!“
    „Am besten, du landest gleich!“
    „Ich bin dir wohl nicht gut genug!“
    „Vielleicht nimmst du gleich beide mit!“
    Der Tumult überraschte Teth, er stotterte und brach dann ab.
    Ich schluckte, um das Lachen zu unterdrücken. Trotzdem traten mir Tränen in die Augen. Unser Kleinster! Heute hatte er gezeigt, was in ihm steckte.
    „Wenn ich die Herrschaften um Ruhe bitten dürfte…“ Delths Stimme ging im Lärm unter. Er fummelte an dem neben ihm stehenden Meßgenerator herum, bis dieser einen außerordentlich schrillen Ton von sich gab. Als er ausschaltete, waren auch wir still. Chefkonstrukteur Zeth wollte etwas bemerken, besann sich aber. Das Problem ging über seine Kompetenzen.
    „Nein“, sagte Delth ironisch, „so geht das nicht, Teth. Natürlich habe ich mir ebenfalls ausgemalt, mit zwei, drei Mädchen vorauszufliegen und als allererstes vernunftbegabtes Lebewesen meinen kühnen Fuß auf Andymon zu setzen… Aber wenn sich die Voraussonde lohnen soll, muß sie zeitig genug ankommen. Folglich muß sie in der letzten Flugphase tagelang mit mehreren g Verzögerung bremsen. Das hältst nicht einmal du durch, du äußerst effektive flexible Struktur!“
    „Ich habe das durchgerechnet“, konterte Teth und pochte bekräftigend auf den Computerausdruck. „Eine Woche lang zwei g müßte ich aushalten, auch läßt sich die Kabine so ausstatten, daß…“
    „Halt“, unterbrach ihn Alfa, „ich will nicht, daß über technische Details diskutiert wird, bevor wir grundsätzlich entschieden haben. Gamma, bitte!“
    Gamma zwinkerte mir schalkhaft zu, dann beugte sie sich nach vorn, um vorbei an einer Säule von Geräten Teth besser sehen zu können. „Danke schön, Teth, für die Einladung, aber ich werde nicht annehmen. Schau, alle können wir nicht voraus zu Andymon fliegen. Und wem kann man zumuten, zurückzubleiben und zuzusehen, wie andere…“
    „Ein halbes Jahr allein oder auch mit dir, Teth, das halte ich bestimmt nicht durch“, fügte Ilona nachdenklich hinzu. Dann pflückte sie ein Fädchen von ihrem beigefarbenen Overall. „Das ist schlimmer, als mit den anderen im Schiff zu warten. Denke nicht, daß ich feige bin, aber ich kenne dich, dir würde es bestimmt nicht anders gehen.“ Teth war rot geworden, jetzt sah er sich hilfesuchend nach Eta um, die, fest die Knie umschlungen, in einem Sessel kauerte und an den Lippen nagte.
    „Nein“, sagte sie leise, „wir Mädchen machen da nicht mit.“
    „Dann fliege ich eben allein!“
    „Niemand wird dich daran hindern“, meinte Alfa und schaute dabei Delth an. „Bitte, sag du doch was.“
    „Du hast recht, Alfa, wir zwingen niemanden, etwas zu tun oder zu lassen — aber wir werden Teth natürlich auch nicht unterstützen. — Zeth, wir machen weiter, dein Bus ist gebilligt.“
    Einen Tag später kehrte Teth zu uns zurück und bot seine Mitarbeit an. Er hatte errechnet, daß er, auf sich allein angewiesen, zu länge an einem Kleinstraumschiff bauen würde. Und eine andere Gruppe hinzuziehen? Die Kleinen um Hilfe anflehen? Dazu war Teth zu stolz.
    Die Konstruktion der Voraussonde verlief unter Zeths Leitung glatt, wenn auch nicht ohne gelegentliche kleinere Probleme und Verzögerungen, die unseren Eifer nur anstachelten. Die Hilfe der Jüngeren, die uns wie immer begierig unterstützten, nahmen wir vor allem für den Bau der Orbiter in Anspruch. Doch dann, am letzten Tag, warf ein unerwartetes Ereignis all unsere Pläne um.
    Keine drei Stunden vor dem Start überraschte Teth, der nun die Sonde eifersüchtig hütete, zwei Geschwister, die im Skaphander zur Katapultrampe liefen. Teth alarmierte uns sofort über das Intercom. Doch der Countdown lief bereits. Ich rannte, meine langsamen Beine verwünschend, durch die langen Korridore zur Flugleitstelle, von wo aus der Start überwacht werden sollte. Teth, Jota, Myth und ein paar jüngere Geschwister waren schon da. Gleich hinter mir drängten sich Zeth und Eta durch die Tür. Um Atem ringend, versuchte ich zu verstehen, was vorgefallen war.
    „Sie haben die Zugänge blockiert.“
    „Und von hier aus läßt sich der Countdown nicht abbrechen?“
    „Sie lassen alles über den eigenen Computer laufen…“
    Delth schob mich beiseite. „Wer - sie?“ fragte er keuchend.
    „Nya und Xith aus meiner Gruppe, die müssen den Verstand verloren haben!“ Jota schlug die rechte Faust gegen die linke Handfläche.
    „Countdown minus zehn Minuten.“ Delths Stimme klang verändert, leer. „Wir müssen sie doch stoppen können! Zeth, Gamma, Beth, laßt euch doch was einfallen! — Minus neun Minuten.“
    Ich saß an einem Terminal, versuchte, Zugriff zu ihrer Energieversorgung zu bekommen. Nur mit halbem Ohr verfolgte ich noch die Gespräche.
    „Sie bringen sich um. Keine Sicherheitstests, keine Simulation, und wer weiß, wie sie die Sonde, in der sie sich verschanzen, zusammengeschustert haben.“
    Ihre Energieversorgung lief ebenfalls bereits autonom. Sekundenlang wußte ich nicht, was ich noch versuchen sollte.
    „Minus sieben Minuten.“
    „Sie haben die Kabine einer Fähre umgerüstet heute nacht, mit ein paar Robotern, und sie in unsere Sonde eingebaut. Sie müssen das von langer Hand vorbereitet haben.“
    „Wieso kommt das jetzt erst raus?“
    „Hast du noch nichts, Beth?“
    Und wenn ich probierte, ihr Miniraumschiff flugunfähig zu machen? Mit einem Laser die Triebwerke zerschoß, besser noch: die Rampe? Aber in der Starthalle befand sich kein Laser, und wie hätte ich ihn steuern sollen?
    „Minus fünf Minuten.“
    „Ich habe Sprechverbindung mit ihnen.“
    „Nya, seid ihr verrückt geworden, wollt ihr euch umbringen? Euer Unternehmen klappt doch nie! Xith, sei du wenigstens vernünftig!“
    „Wir haben alles überprüft, Jota, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“
    „Für euer privates Abenteuer setzt ihr all unsere Pläne aufs Spiel, und ich glaube euch einfach nicht, daß es ungefährlich ist.“
    „Minus vier Minuten.“
    Allmählich begann ich zu schwitzen. Laß dir auf der Stelle etwas einfallen! Delth hatte Vorstellungen.
    „Hier spricht Delth. Im Namen der Geschwister befehle ich euch, den Countdown sofort abzubrechen.“
    „Weißt du, Delth“ — ich hatte den Eindruck, als halte Nya nur mit Mühe die Tränen zurück - „wir wollen raus, mal was selbständig machen, was Eigenes. Im Schiff, da ist doch alles so festgelegt.“
    „Minus drei Minuten.“
    „Das geht uns allen so.“
    „He!“ rief Teth verwundert. Der Countdown war bei minus zwei Komma achtunddreißig stehengeblieben.
    Gleich darauf meldete sich Zeth: „Wir haben die Öffnung der Starthalle blockiert. Damit wird der Start automatisch unterbrochen.“
    Erleichtert lehnte ich mich zurück. Als letzter verließ ich die Flugleitstelle und folgte den Geschwistern.
    Fast niemand fehlte aus den ersten drei Gruppen. Wir standen schweigend im Hangar, wo die gut dreißig Meter lange umgerüstete Voraussonde auf den breiten Schienen des Katapultes ruhte. Rechts und links davon lagen der Rumpf des Busses, wirr durcheinander einige der Orbiter, die besonders voluminösen Hochtemperatur-Eintauchkörper, aber auch verschiedenste Module, Kisten mit zurückgelassenen Konserven und ähnliches. Laut fluchend stapfte Zeth zwischen den so unsachgemäß behandelten Sondenteilen umher.
    Die Schleuse des Miniaturraumschiffs öffnete sich nicht sofort. Delth klopfte von außen dagegen. Lautlos schwang die Luke auf. Zögernd, auffallend langsam kletterten sie von der Katapultrampe, im Skaphander, den Helm abgesetzt. Verhinderte Kosmonauten. Schweigend kamen sie auf uns zu, und sicher hatten viele, Zeth vor allem, der seine Arbeit vernichtet glaubte, nicht übel Lust, sie gründlich zu vertrimmen. Aber als ich die Zornestränen in Nyas müdem, enttäuschtem Gesicht sah, empfand ich nur noch Mitleid.
    Laut genug, daß es alle hören konnten, sagte Alfa: „Und ich hatte schon Angst, daß ihr draufgeht.“
    Vielleicht hatte Alfa diesmal nicht ganz den richtigen Ton getroffen, vielleicht wäre eine Tracht gemeinsam verabreichter Prügel besser gewesen, jedenfalls war der Bann gebrochen. Wir johlten, sie schimpften. Ich versuchte, Nya zu trösten, indem ich ihr erklärte, daß sie ganz pfiffig gewesen wären und nur ein dummer Zufall… Sie sah mich tagelang nicht an.
    Die zweite Gruppe litt Einzelgänger, die die Arbeit der anderen zerstörten, sowenig wie unsere erste. Ich weiß nicht, ob sie mit Xith und Nya lange Diskussionen führten oder ob sie sie ausschlossen von gemeinsamer Arbeit und gemeinsamer Fröhlichkeit: Das war Angelegenheit der zweiten Gruppe. Aber gewiß ist, die beiden hatten es eine Weile nicht leicht.
    Die Voraussonde konnten wir mit einer Verzögerung von drei Tagen starten. Wenn man unsere geringen Erfahrungen bedenkt, kann man ihren Einsatz als einen vollen Erfolg werten. Es versagte lediglich die Telemetrie eines Orbiters, und eine Eintauchsonde zerschellte. Wir redeten nicht darüber, aber alle glaubten, daß dies bei regulärem Start nie passiert wäre.
    Nach reichlich drei Wochen empfingen wir die ersten Ergebnisse der Voraussonde. Sie ließen sich in zwei Sätzen zusammenfassen:
    Andymon ist nicht belebt.
    Andymon ist nicht bewohnbar.

Um Mitternacht

    „Die Bilder kommen, die Bilder kommen!“
    Ich drehte mich auf die andere Seite, jemand schüttelte mich energisch. Da erkannte ich Gammas Stimme. „Die Bilder kommen, Beth, wach auf!“
    Mühsam schlug ich die Augen auf, die plötzlich aufflammende grelle Beleuchtung blendete mich. Gamma stand, sich dehnend und streckend, am Intercom, sagte undeutlich: „Ja, sofort.“ Dann unterbrach sie die Verbindung.
    Mein ganzer Körper war warm, dumpf und schien keine Knochen zu haben. Ich tappte zum Einbauschrank und warf mir einen Kittel über. Dann folgte ich gähnend Gamma ins Bad, um kaltes Wasser über Kopf und Arme laufen zu lassen. Was war eigentlich los?
    Mit einem Blick auf mein Gesicht erbarmte sich Gamma. „Teth empfängt gerade die ersten Bilder von Andymon, er hat uns in die Flugleitstelle gerufen.“ Auch sie gähnte.
    Auf dem Weg zur Flugleitstelle versuchte ich vergebens, meine Gedanken auf Andymon zu lenken, der Schlaf hatte mich noch in seiner Gewalt. Mit uns trafen unsere Geschwister ein, wie wir in Pärchen. Zu einer anderen Tageszeit und bei anderer Gelegenheit hätte ich vielleicht darauf geachtet, wer mit wem, aber in diesem Augenblick war mir alles gleich. Und hätte mich nicht Gamma gezogen, wäre ich zurück ins warme Bett gekrochen.
    Teth saß vollständig angezogen am Kontrollpult, rechts neben ihm standen eine Kanne Tee und ein Glas.
    Ich trank einige Schlucke direkt aus der Kanne, der Tee war lau und unangenehm süß.
    Teth wartete, bis unsere Gruppe vollzählig war, dann drehte er sich um, Augen, Wangen, sein ganzes Gesicht war gerötet: „Seht euch das an, das sind die Bilder der Eintauchsonden!“
    Drei Bildschirme flammten rot und gelb und graubraun auf, ein Chaos von verwaschenen Farbfetzen, ein Quirlen und Lodern. Jeweils in der linken oberen Ecke stand weiß die Zeit bis zum Bodenkontakt.
    Neun Minuten für die Sonden auf der Tagseite, siebzehn Minuten für die am Terminator, zweiunddreißig für die auf der Nachtseite. Der Bildschirm der letzteren wogte von Purpur in allen Tönungen; es handelte sich um Infrarotaufnahmen. Obwohl kein Begleitton aufgenommen wurde, schwiegen wir und hielten die Luft an. Hitze schien von den Bildschirmen herüberzustrahlen.
    Gamma tippte schließlich Teth an und flüsterte ihm etwas ins Ohr, gleich darauf erschienen auf einem Display die langen Reihen der telemetrischen Daten.
    Zwei Minuten bis zum Bodenkontakt für die erste Sonde, die Wolken rissen auf, gaben sekundenlang den Blick frei auf einen schwarzgezackten, wild schaukelnden Horizont, dann sah man nur die rissige, steinige Oberfläche, ocker und grau, rötliche und gelbliche Schattierungen, dem Chaos der Wolken noch immer ähnlich. Ruckartig sprangen die rauhen Hügel uns entgegen — und eine dunkle Spalte! Wir fürchteten, die Sonde würde in sie stürzen, die Spalte wanderte langsam über den Schirm, endlich glitt sie über seinen Rand. Dann gab es einen Stoß, ein letztes Wippen, das Bild stand, Brocken ohne Schatten im Vordergrund, eine rosa Wolke aufgewirbelten Staubes zog davon. Andymon!
    Diese rote Wüste sollte unsere Heimat werden? Ich öffnete den obersten Knopf meines Pyjamas.
    Als hätte er meine Gedanken gelesen, räusperte sich Teth und sprach, ganz trocken, betonungslos wie ein Automat: „Temperatur etwa vierhundertfünfzig Kelvin, Druck in Bodennähe vier Atmosphären, reduzierende Atmosphäre: Kohlenwasserstoffe, Methan, Schwefelwasserstoff, Wasserdampf… Windgeschwindigkeit zwölf Meter je Sekunde… Seismische Wellen im Boden..
    „Dort werden wir ja nie leben können“, hörte ich Eta murmeln. Ich drehte mich um, sie saß da, ebenfalls im leichten Kittel, und hatte den Kopf in beide Hände gelegt. Ab und zu schüttelte sie ihn ruckhaft.
    Zeth, sonst stets bereit, sie zu trösten, las den Computerausdruck. „Da läßt sich nichts machen“, sagte er bitter, „es ist schlimmer, als ich befürchtet habe, da gibt es keine Methode.“
    Andymon! Wie hatten wir von unserem künftigen Heimatplaneten geträumt, uns ausgemalt, wie wir am Rande eines blauen Sees Häuschen errichteten, Gärten, Felder und Schonungen anlegten — und nun diese heiße, giftige Hölle! Nun würden wir bis zu unserem Tod im Schiff leben müssen oder bestenfalls in beengten Stationen auf dem Planeten, Plastboden unter unseren Füßen und Plastplatten über unseren Köpfen, wie wir es von Geburt an kannten. Bis ans Ende unserer Tage in dieser riesigen Konservenbüchse — ich wollte es nicht wahrhaben. Auf immer… Ich blickte mich um und sah die Plastwände und dahinter wieder Plastwände und Metallwände und den viele Meter starken Ceramitmantel und dahinter die grenzenlose Leere. Gefangen waren wir, gefangen auf Lebenszeit. Und alles hier war viel zu eng, zu knapp bemessen, die paar Meter Naturpark… Ich atmete schwer, durch alles drang die Glut Andymons.
    Wer weiß, wie lange wir durchhalten würden … Wie schnell wir in die Totaloskope fliehen würden, in Traumwelten, in den privaten Wahn… Andymon!
    „Vielleicht“, sagte Gamma mit beleger Stimme, „vielleicht haben wir uns geirrt’, vielleicht ist" es gar nicht unser Ziel und Auftrag, Planeten umzugestalten… Aber nein, weshalb hätten wir sonst so außerordentlich viel Literatur über Planetentechnik und -umformung…“
    Ich schaute in die Runde. Müde und zerschlagen saßen sie da, achteten nicht auf den Bildschirm, auf dem in Purpurwolken gerade die letzte Sonde landete. Ilona, sonst von so aufrechter Haltung, war resigniert zusammengesunken. Teth starrte mit zusammengekniffenen Lippen ins Leere. Es fehlte nicht viel, daß sie zu weinen begannen, Alfa und Teth, mir war selbst nicht anders zumute. Andymon! Es durfte nicht sein, wir mußten den Kopf oben behalten. Ich holte tief Luft, um etwas zu sagen, da trafen meine Blicke die Delths.
    Delth glitt von der Konsole, auf der er gesessen hatte. „Was habt ihr denn erwartet?“ schrie er uns an. „Etwa grüne Wiesen mit Häschen drauf, etwa eine fertig eingerichtete Welt mit bezugsbereiten Häusern? Ihr habt wohl gedacht, wir finden ein Land, wo Milch und Honig fließen? Ich denke, ihr habt alle Planetologie studiert! Nur vierhundertfünfzig Kelvin, nur vier Atmosphären — das sind fast irdische Bedingungen!“
    Er schwieg eine Weile, in der purpurnen Beleuchtung durch die Bildschirme sah sein sonst hellgelber Pyjama wie eine blutrote Robe aus. In diesem Moment bewunderte ich ihn neidlos - zum erstenmal in meinem Leben.
    „Wollt ihr etwa aufgeben, bloß weil euch ein paar Bildchen und ein paar Zahlen erschrecken? Und wenn es zehntausend Jahre dauert, wir verwandeln Andymon in ein Paradies für Menschen! Dazu sind wir da, und das werden wir auch tun.“
    „Zehntausend Jahre, du bist verrückt, Delth“, sagte Ilona, „das ist mir zu lange, das erlebe ich nicht mehr, das kann mir schnuppe sein, kommt mir jetzt nicht mit zukünftigen Generationen, bis dahin ist das Schiff ausgestorben.“
    „Und selbst wenn es so lange dauern sollte“, Delth schrie nicht mehr, er sprach jetzt ruhig und eindringlich, „kannst du dir eine andere Aufgabe für uns vorstellen, etwas anderes, das uns am Leben erhält?“
    „Ich mach uns neuen Tee, heute kommen wir doch nicht mehr zum Schlafen“, murmelte Teth und ging hinaus. Vielleicht wollte er nur eine Weile allein sein.
    Die Hitze war verflogen, ich schlug den Kittel über meine Knie, dann sprach ich: „In zehntausend Jahren ist alles zu schaffen, so lange brauchen wir für einen läppischen Planeten nicht. Wir sollten jetzt gleich mit der Auswertung beginnen; es müßte doch möglich sein, daß wir bis zum Einschwenken in den Orbit wissen, wie wir mit Andymon in annehmbarer Zeit fertig werden.“
    „Beth hat recht“, schloß Delth die Diskussion, „wir ziehen uns schnell um und fangen sofort mit der Arbeit an.“
    Später, gegen Morgen, überlegten wir uns, wie wir es unseren jüngeren Geschwistern schonend beibringen könnten.

Streik

    Selbst so viele Jahre später bin ich noch bedrückt, wenn ich mich an diese verworrene Zeit sich anhäufender Schwierigkeiten erinnere, vor allem, wie dicht wir daran waren, Andymon aufzugeben. Ilona suchte verzweifelt nach einem geeigneteren Planeten dieses Sonnensystems. Vergebens. Wir hatten nur die Wahl zwischen Kampf und Resignation.
    Dabei irrten wir gründlich, wenn wir annahmen, daß die Umgestaltung Andymons nur ein fast unüberwindliches technisches Problem sei, Computer, Energien und Maschinen erfordernd. Wir sahen damals nicht, daß ein Erfolg auch anderes voraussetzte: eine intakte, eingespielte Gemeinschaft, ein Hand-in-Hand-Arbeiten aller, wie wir es bisher nur innerhalb unserer Gruppe gewohnt waren. Es kam uns nicht in den Sinn, daß wir lernen mußten, selbst zurückzustecken, jüngeren Geschwistern den Vortritt zu überlassen, uns bei der Arbeit auf sie einzustellen und sie als gleichwertige Partner zu achten.
    Nach dem Empfang der ersten Bilder von Andymon hatten wir bis in den Morgen diskutiert, um einen groben Überblick über die Probleme zu gewinnen. Dann hatten wir uns erschöpft für ein paar Stunden schlafen gelegt.
    Erst zur Mittagszeit erschienen wir im Speisesaal. Er war ungewöhnlicherweise völlig leer. Enttäuscht holte ich mir aus dem Automaten eine Linsensuppe. Keine Gelegenheit, die Jüngeren staunen zu sehen, wenn Delth ihnen von Andymon vorschwärmte.
    „Nicht mal beim Essen kann man sich auf sie verlassen“, sagte Delth.
    Ich nickte, und Eta gähnte die leeren Stuhlreihen an. „Ich begreife nicht, wo die alle stecken. Niemand, nicht einer meldet sich über das Intercom.“
    Alfa setzte sich nicht. Sie stützte sich auf eine Stuhllehne, wippte ein-, zweimal nach vorn. Ohne ein Wort verließ sie den Speisesaal.
    „Sie hat nicht einmal gegessen“, sagte Delth und schlang seine Portion hinunter, „Wenn ihr fertig seid, helft ihr uns suchen, nicht wahr?“
    Wir hatten uns getrennt. In den Korridoren war kein Laut zu hören - bis auf den Nachhall meiner Schritte. Ich schaute bei der Zentrale vorbei. ANDYMON — 141 TAGE. Kreuz und quer standen die Sessel, doch niemand saß an den Instrumenten. Dann warf ich einen Blick in die persönlichen Räume der dritten Gruppe. Bücher und Papier auf Tischen. Panoramafenster, die irdische Eiswüsten zeigten und irdische Korallenriffe und irdische Märchenlandschaften. Alle Bildschirme und Terminals waren ordnungsgemäß abgeschaltet. Ein einsamer Spielzeugroboter, plump und possierlich.
    „Wo hast du denn deinen Menschen gelassen?“ fragte ich unwillkürlich.
    Surrend drehte er den Kopf zu mir. „Ich kann nur sehr einfache Fragen Beantworten.“
    Mechanisch lachte ich.
    Mit dem Lift fuhr ich zu den Hangars. Alles leer, unberührt, ausgestorben. Ich rief, und in den weiten Hallen antwortete mir das Echo. Die Fähren und Exkursionsraketeh waren fest verankert, niemand hatte das Schiff verlassen. Ich öffnete die Luftschleuse, zählte die Skaphander. Keiner fehlte. Ich hätte der einzige Mensch, das einzige lebende, atmende Wesen an Bord sein können — und die Geschwister nur Einbildungen, Phantome, Träume. Vom nächsten Intercom aus rief ich Gamma. „Hast du jemanden gefunden?“
    „Die spielen wohl Katze und Maus mit uns?“
    „Oder einfach Verstecken — jedenfalls haben sie dem Hauptcomputer verboten, sie zu verraten.“
    Ich dachte an die vielen Hallen, Gänge, Räume, Hangars, Transportröhren. Wenn sie sich wirklich verstecken wollten, konnten wir nur auf eine zufällige Entdeckung rechnen.
    Wenig später informierte uns Alfa, daß sie im Naturpark wären. Ich nahm den Lift. Zwanzig Ebenen radial, fünf Sektoren axial. Dann stand ich zwischen den Felsen, fand den vertrauten Weg über die Wiesen, lief am Ufer des Sees entlang. Dabei traf ich auf Gamma und Teth. Erregte Rufe verrieten uns, wo sich unsere Geschwister befanden.
    Als sei nichts geschehen, ja, als gäbe es keine andere Beschäftigung im Schiff, spielten sie auf einer großen Lichtung miteinander unter den wachsamen Augen der Guros: die Achtzehnjährigen aus der zweiten Gruppe, die Heranwachsenden aus der dritten und vierten, diejenigen, die den Naturpark eben erst hinter sich gelassen hatten, und die Kleinen und Kleinsten, für die es ein riesiges, tolles Fest war.
    „Was macht ihr denn?“ rief Teth, vom Laufen noch rot im Gesicht. „Ihr müßt doch lernen, es gibt gerade jetzt mehr als genug Arbeit!“
    Niemand antwortete ihm, niemand beachtete ihn. Dafür hatten mich zwei kleine Mädchen entdeckt. „Trag mich Huckepack!“ verlangte die eine, die andere bestand darauf, daß ich ein Hund sei.
    Irritiert vertröstete ich sie auf später und wich zum Waldrand zurück.
    „Was ist denn hier los?“ übertönte plötzlich Delths Stimme das Toben.
    Eine Sekunde war Stille. Dann begannen die Jüngeren wieder zu lärmen, doch gleichzeitig löste sich Jota aus einer Reihe sich an den Händen haltender, singender Kinder. Jota galt schon seit der Krabbelwiese als die Wortführerin der zweiten Gruppe. Sie war nicht nur die Älteste, sondern zugleich die Längste und Wendigste unter ihnen.
    „Wir machen nicht mehr mit“, erklärte sie kurz und bündig, und ihre dunklen Augen sahen herausfordernd auf Delth herab.
    Als hätte sie ein Signal gegeben, scharten sich die Geschwister um sie, zuerst die aus der zweiten und dritten Gruppe, dann auch jüngere, sogar die Kleinsten kamen, neugierig, welches neue Spiel beginnen würde.
    „Was?“ fragte Delth, als ob er nicht verstanden hätte. Er schlug zornig mit einem abgebrochenen Zweig durch die Luft.
    „Eure Projekte!“
    „Eure Lernerei!“
    „Eure blöde Wissenschaft!“
    „Ihr könnt uns mit eurem dreckigen Planeten gestohlen bleiben“, sagte Xith ganz ruhig, gerade er, der ungeduldige Blondschopf, der als erster bei Andymon hatte sein wollen.
    „Ich begreife euch nicht, wir waren uns doch in allem einig, was habt ihr plötzlich?“ fragte Gamma erschrocken.
    Lambda, die neben Jota stand und sonst selten etwas sagte, sprach mit vorwurfsvoller Stimme, die im wieder anschwellenden Lärmen der Kleinsten fast unterging: „Wir haben doch mit Andymon nichts mehr zu schaffen. Ihr habt ihn ganz für euch reserviert. Für uns fällt höchstens mal ein Häppchen ab: ‚Montier mal bitte den Orbiter, Lambda!‘ — Andymon ist sowieso nicht für uns da!“
    „Aber das stimmt ja gar nicht, Andymon gehört uns allen, euch genausosehr wie uns“, sagte Alfa beschwichtigend, „und wir brauchen eure Hilfe gerade jetzt besonders.“
    Alfas sonst so nützliches Einfühlungsvermögen versagte. Und sie erntete bissige Kommentare, vor allem von dem leicht erregbaren Fith aus der dritten Gruppe. „ ‚Hilfe‘. Was heißt ‚Hilfe‘? Sucht eure Hilfsarbeiter unter den Gorillas, oder baut euch ein paar Robotertrottel!“
    Gammas Finger bohrten sich in meinen Arm. Ein drohender Halbkreis hatte sich um uns gebildet.
    „Zum Schräubcheneindrehen und Programmieren sind wir euch gut genug, aber wenn die Bilder kommen, ist die Elite wieder unter sich!“
    „Tut mit leid, daß wir euch in der Aufregung vergessen haben, aber schließlich könnt ihr euch ja die Aufzeichnungen anschauen“, erwiderte Delth nicht gerade diplomatisch.
    Ein Sturm der Entrüstung antwortete ihm, aus dem sich nur die Kampfansage Myths seiner tiefen Stimme wegen abhob. Der Halbkreis war ein Stück enger geworden.
    „Sind wir nun in einem Raumschiff oder im Kindergarten?“
    Xith sprang auf mich zu, packte mich am Kragen meines Overalls. „Kindergarten und mit euch als menschlichen Guros! Das hättet ihr wohl gern!“
    Ich schob ihn von mir weg, aber er hielt sich mit aller Kraft fest und schrie mir seine Anklage ins Gesicht: Die borniertesten Eltern auf der Erde wären tausendmal besser als wir, ja, unterdrücken würden wir die jüngeren Geschwister und dabei ständig lauthals beteuern, daß wir alle gleich seien.
    Und während er so schimpfte und ich wieder und wieder den Mund öffnete, um etwas zu sagen, fand zwischen uns ein stummer Kampf statt. Ich versuchte, seine Hand, mit der er sich an meinem Overall festkrallte, aufzubiegen, er wehrte sich mit der anderen.
    „Laß mich…“ Ich sah, daß meine Gruppe bei einer sich entwickelnden Schlägerei hoffnungslos unterliegen würde. Doch meine Arme boxten, schoben, rangen weiter.
    Alfa schrie irgend etwas, Teth stolperte gegen mich und riß mich dabei fast um. In diesem allerletzten Moment kam unerwartete Hilfe von den Kleinsten, die zuerst unsere Auseinandersetzung für ein Spiel gehalten hatten und sich beteiligen wollten, nun aber erschrocken und verstört zu weinen anfingen.
    Xiths Griff lockerte sich. „He, wer wird denn gleich heulen, Atrith.“
    Der angesprochene Junge lief weg. Das war das Ende unserer handgreiflichen Auseinandersetzung.
    Ich kniete mich vor einem etwa vierjährigen Mädchen nieder und erklärte ihm, wie dumm es sei, sich mit Worten oder Fäusten zu prügeln. „Aber weißt du, wir meinen das gar nicht so, wir sind nur etwas überdreht, haben zu lange nicht geschlafen. So ein Problem kann man durch eine sachliche Aussprache lösen, verstehst du? Schließlich sind wir alle Geschwister.“ Ich wischte ihr die Nase sauber, sie schluckte noch einmal und lächelte dann wieder.
    Jota und Delth waren zur Seite getreten. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie sie miteinander diskutierten. Eine Weile gestikulierte Jota, und Delth schaute zu Boden, scharrte mit den Füßen im Laub, dann wieder nestelte Jota an ihrem langen schwarzen Zopf, und Delth redete auf sie ein. Ich habe nie erfahren, wie Jota ihre Vorstellungen Delth aufzwingen konnte. Durch Drohungen? Oder Argumente? Delth hat kein Wort darüber verloren.
    Jedenfalls verkündete er, nachdem er durch einen lauten Pfiff die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, vor Kleinen wie Großen: „Also, die erste Gruppe und besonders ich versprechen, daß alle wichtigen Entscheidungen nur noch gemeinsam durch alle Gruppen, die den Naturpark verlassen haben, gefällt werden. Und daß bei bedeutsamen Ereignissen alle Geschwister zusammengerufen werden.“
    Dieses Versprechen war damals eine bloße Proklamation, uns abgetrotzt durch die zweite und dritte Gruppe. Wir bekannten uns zwar prinzipiell dazu, doch dauerte es noch lange, bis wir bei der gemeinsamen Arbeit lernten, die Interessen der anderen auch im Kleinen zu achten, bis wir nicht nur die Mitglieder der eigenen Gruppe, sondern auch die Heranwachsenden, die noch nicht über unser Wissen verfügten, als gleichberechtigte Mitglieder der Gemeinschaft akzeptierten.
    Obwohl uns die Arbeit unter den Nägeln brannte, gaben wir an diesem Tag dem Drängen der Kleinen nach und spielten mit ihnen. Es galt, einen unschönen Eindruck zu verwischen. Erst am Abend, als sie erschöpft, doch glücklich einschliefen, durften wir sie verlassen. Ich war keineswegs weniger erschöpft.

Vorbereitungen

    Man nehme einen Planeten mit nicht zu unirdischer Atmosphäre, werfe ein paar Bakterien hinein, die Zirkulation besorgt das Umrühren, man warte die festgesetzte Frist: zehn, hundert oder tausend Jahre, dann ist alles fertig, man kann hinabsteigen, sich auf die grünen Wiesen legen und tief durchatmen.
    Doch je größer Andymon in den Teleskopen wurde, je mehr Daten die Sonden, die noch nicht ausgefallen waren, übermittelten, je genauer wir die planetarischen Verhältnisse kennenlernten, desto lächerlicher erschienen uns unsere anfänglichen naiven Vorstellungen. Woche um Woche der Annäherung verging, keine konkrete, durchführbare Lösung stellte sich ein, kein Superbakterium, keine Algenchimäre wurde gefunden, auf der wir unsere Pläne hätten aufbauen können.
    Hatten wir in der ersten Zeit gern auf Andymon geblickt, das Wachsen der Planetenscheibe beobachtet und die fehlenden Tage gezählt, so wichen wir dem Gedanken an die Ankunft nun aus, und wir glaubten, Jahre wären nötig, um den goldenen Schlüssel zu unserem Planeten zu finden. Wenn wir uns in den Korridoren trafen, gingen wir schweigend aneinander vorbei, tauschten bestenfalls ein paar Meßdaten aus. Die Frage nach dem Fortgang der Arbeiten war verboten — und jeder kannte die nicht erfragte Antwort.
    Sechzig Tage vor Orbit stand mein Modell der Andymonatmosphäre: mit vertikaler Schichtung, Klimazoneneinteilung, jahreszeitlichen Variationen. Ich hätte Wetterberichte ausgeben können, Wolken, Hitze, Sturm, nur Niederschläge gab es bei den herrschenden Temperaturen nicht.
    Der Computer gestattete es, mir das herbeizuspielen, herbeizuträumen, was uns in Wirklichkeit bislang versagt blieb. Ich brauchte nur einzutippen: Grünalge — Existenzbedingungen, Vermehrungsparameter, chemische Umwandlungsraten, katalytische Eigenschaften. Wie leicht war es doch, alles optimal zu simulieren, ohne Rücksicht darauf, ob es genetisch, biochemisch oder thermodynamisch möglich war. Wie leicht sah dann alles auf dem Display aus: Fotosynthese in den mittleren Atmosphärenschichten, Kohlendioxid und Wasser werden in Kohlehydrate und Sauerstoff umgewandelt; weiter unten zersetzen sich die Algenzellen in der größeren Hitze, organische Verbindungen fallen aus, das Wasser kehrt zurück in den Kreislauf der Atmosphäre. Parallel dazu wird Stickstoff fixiert, Düngemittel für künftige Kontinente. Nach und nach sinkt der atmosphärische Druck der durch die dichten Wolken hervorgerufene Treibhauseffekt verschwindet mit diesen; erträgliche Temperaturen stellen sich ein. In der oberen Schicht dissoziiert unter dem Einfluß kosmischer Strahlung der neugebildete molekulare Sauerstoff, Ozon bildet sich, und die gefährliche UV-Strahlung wird absorbiert.
    Wunderbar, ganz nach Belieben und vorgegebener Vermehrungsrate simulierte der Computer eine Verwandlung der Atmosphäre in eine für Menschen atembare Lufthülle in einem, zwanzig oder fünfhundert Jahren. Einen Haken nur hatte die Sache: Es gab weder die Einjahresalge noch die für zehntausend Jahre. Es existierte überhaupt kein Mikroorganismus, der in den höllischen Bedingungen von Andymon länger als Sekundenbruchteile überlebte.
    Nachdem ich drei Tage rfiit fruchtlosen Variantenrechnungen verbracht hatte, hielt ich es am Computer nicht mehr aus. Brotlose, nicht durch Fakten gestützte, völlig wirklichkeitsferne Künste. C02-Partialdruck, Enthalpiebilanzen… Ich wollte nichts mehr davon sehen.
    Ich versuchte Gamma zu überreden, mit mir Ferien im Naturpark zu machen, einige Tage nur zu wandern, zur Achse zu klettern, mit Drachen zu segeln — ihr Blick verriet mir, daß sie dies für Desertation halten würde.
    „Weshalb überschlagt ihr euch denn jetzt so, wenn es sowieso zehn oder hundert Jahre dauert?“ schrie ich sie an.
    „Du bist überarbeitet“, antwortete sie bedauernd, „aber ich kam jetzt nicht weg von unseren Versuchen.“
    Wohin ich auch ging, in welches Labor ich auch schaute, sie alle hatten sich tief in die Arbeit vergraben. Und obwohl es sich niemand eingestand, wußte ich, weshalb: um ja nicht an den möglichen Mißerfolg denken zu müssen. Wie, überlegte ich, wollen sie Jahre so durchhalten? Mit schwarzen Ringen unter den Augen?
    Ich sprach eindringlich mit Alfa und konnte sie von meinen Befürchtungen überzeugen. Gemeinsam gingen wir zu Jota, die die biologischen Vorbereitungen leitete. Sie stand da, über ein Mikroskop gebeugt, und schien unser Eintreten überhaupt nicht wahrzunehmen. Als wir sie antippten, fragte sie unwirsch: „Was ist denn?“
    „So geht es nicht weiter“, sagte Alfa, „wir machen uns kaputt und haben kein bißchen Kraft mehr, wenn wir Andymon erreichen. Jota, wir müssen einmal eine Pause einlegen, einmal wieder zur Besinnung kommen. Wenn wir morgen einen Feiertag…“
    „Nein, wir sind gerade in einer Testreihe, da können wir nicht ein fach unterbrechen. Außerdem gibt es nichts zu feiern. Was haben wir nicht alles versucht: gezielte Mutationen, Genrekombination, Hybridisierungen … Aber diesmal, diesmal schaffen wir es..
    „Wenn ihr von der ersten Gruppe zu schwach seid“, bemerkte Xith bissig, ohne vom DNA-Sequenz-Analysator aufzuschauen, „wir halten durch!“
    „Du hattest recht“, sagte Alfa halblaut zu mir, „Delth stellt sich quer, Eta ist augenblicklich überhaupt nicht anzusprechen… Auf uns zwei hört ja doch keiner, es hat einfach keinen Zweck.“
    Wir gingen. Nur zwei Stunden später ordnete Jota im Namen der zweiten Gruppe eine Unterbrechung der Arbeiten für den nächsten Tag an.
    Ein angeordneter Feiertag! Wir, die ersten drei Gruppen, befanden uns pflichtgemäß auf der kleinen Insel, saßen im hohen Gras oder liefen von Zeit zu Zeit bis an die Knie ins Wasser. Doch spielten wir weder Volleyball, noch schwammen wir um die Wette. Überall hatten sich Grüppchen gefunden, ich gehörte selbst zu einer und redete mit: „Nein, an den Polen ist es nicht wesentlich kälter, die Zirkulation ist zu kräftig…“
    Satzfetzen drangen an mein Ohr: „Die Daten über die Magnetosphäre…, reicht gerade, harte kosmische Strahlung abzufangen…“
    Beim Mittagessen, es gab Suppe aus einem großen Kessel, um den wir alle in der Runde saßen, kamen vorübergehend andere Gespräche auf. Später bildeten sich erneut Diskussionsrunden. Und obwohl wir uns nicht so entspannten, wie ich es beabsichtigt hatte, war der „Feiertag“ nützlich. Wir kamen wieder in Kontakt, redeten miteinander über die Grenzen der Arbeitsgruppen hinweg.
    „Wir würden sicher schneller vorankommen, wenn sich nicht manche von uns ganz ernsthaft mit Spielereien beschäftigten“, beschwerte sich am selben Abend Gamma und sah mich mißbilligend an.
    Ich begann mich wortreich zu verteidigen, die Logik meiner Rede führte mich, ohne daß ich es beabsichtigt hatte, zu einem großzügigen Hilfsangebot. Also ließ ich mich in der Folgezeit von Gamma in die genetischen Arbeiten einweisen, die immer noch ohne Ergebnis waren, und das, obwohl drei Arbeitsgruppen zu fünf Personen parallel arbeiteten und uns wohlausgerüstete biologische Laboratorien zur Verfügung standen.
    Ohne zu murren, ging ich Gamma zur Hand. Es handelte sich um mühevolle Kleinarbeit, die Planung und Organisation der Versuche betreffend, und um Handlangerdienste für Automaten. Ich trug Probebehälter von Syntheseapparaten zu Analysegeräten und von dort zum Bioabfalldesintegrator. Ausgefallene Geräte zu flicken, wenn sich die Serviceroboter zu schwerfällig anstellten, war noch die interessanteste Tätigkeit.
    Wie staunte ich, als ich zum erstenmal die biologischen Reserven des Schiffs sah. Die „Bank“ nannte Gamma die ausgedehnte Halle schlicht, die sich direkt unterhalb des Biolabors befand. Ein eisiger Wind wehte mir beim Öffnen der Tür entgegen. Hinter deckenhohen Glaswänden erblickte ich stählerne, mit unzähligen Symbolen bedeckte Schränke. Hier lagerten seit Jahrtausenden kristallisierte DNA- und RNA-Moleküle sowie, gekühlt von flüssigem Stickstoff, dehydrierte Gewebs- und Zellproben. Mitunter blitzte es hinter dem Glas auf - einer der handtellergroßen Roboterwagen besorgte etwas für unsere Arbeiten, kletterte dabei mühelos, von einem magnetischen Feld gehalten, den Schrank empor. Vergeblich versuchte ich abzuschätzen, wie viele Proben die große dämmrige Halle wohl enthalten mochte.
    Und jede dieser Proben war in einem speziellen Datenspeicher aufs genaueste beschrieben, sie umfaßten Millionen von Arten, Einzeller, Pflanzen und Tiere. Eine Arche Noah, gefüllt mit Bits und Codons. Unermeßlich viel mehr, als wir je hätten benutzen können. Neben den friedlichsten Pflanzen fanden sich hier auch die schlimmsten Krankheiten, die DNA von Bakterien, die jegliches andere Leben im Schiff hätten vernichten können. Aber wer konnte es wissen, wenn wir nicht Andymon vorgefunden hätten, sondern einen anderen Planeten, vielleicht wären sie uns nützlich gewesen. So wie wir das soziale Erbe der Menschheit verkörperten, stellten diese Schränke das biologische Erbe der Erde dar.
    „Sag mal, hast du dich verlaufen? Wo warst du bloß so lange?“ fragte Gamma unwirsch. Als ich die Umsicht der Konstrukteure des Schiffs zu loben begann, winkte sie nur ab.
    Die Tage verflogen, ohne daß wir den Blick noch einmal von der Arbeit hoben. Am Tag minus neunzehn gelang Kapth und Ilona der entscheidende Durchbruch. Ihre neueste Algenvariante teilte sich einmal in der dichten, giftigen, heißen Andymonatmosphäre, die wir in kleinen Druckbehältern nachahmten, dann starben beide Tochterzellen. Doch der Ansatz war gefunden.
    Unermüdlich druckte der Computer Versuchsprogramme aus, die auf der Evolutionsstrategie basierten. Wir entfernten Kerne aus Zellen und setzten neue ein, wir tauschten Chromosomen aus, wir kombinierten DNA-Stränge. Und nach und nach, zum Schluß sogar mehrmals am Tag, erzeugten wir bessere Algenzellen. Bessere, das hieß solche, die länger in der Andymonatmosphäre überdauerten, die sich öfter teilten, die eine höhere Stoffwechselaktivität hatten. Bald stand uns eine taxonomische Ordnung unterschiedlicher Algen und Bakterien, die alle auf der gleichen Grundstruktur beruhten, für die verschiedenen nötigen chemischen Reaktionen zur Verfügung.
    Wir glaubten uns vorbereitet auf Andymon.

Ankunft im Orbit

    Diesmal schlossen wir niemanden aus. In der Zentrale drängten sich sechs Gruppen, und der Lärm der Gespräche übertönte die schwachen Geräusche der Automaten. Die Große Reise, die wir nicht begonnen hatten und deren Dauer wir nur ahnen konnten, näherte sich ihrem Ende. Eigentlich hätte es einen Knall geben müssen, ein gewaltiges Schütteln des kosmischen Gefährts, zumindest aber einen vernehmbaren Ruck. Doch nicht bei unserem Schiff.
    Bei minus fünf Minuten dämpften wir unsere Stimmen. Nach und nach verebbte das Gemurmel. Bei minus vier hörte man nur noch das unruhige Knarren der Sessel, das verhaltene Scharren der Füße.
    Minus drei. Ich blickte Gamma an, ihre Augen glänzten, sie drückte meine Hand. Das Licht in der Zentrale verglomm, nur die Anzeigegeräte leuchteten — und Andymon. Der große Bildschirm faßte nur noch einen rechteckigen Ausschnitt des Planeten. Aus mehr als tausend Kilometer Höhe konnte ich deutlich die von mir modellierten Klima-und Wolkenzonen unterscheiden.
    Minus zwei Minuten. Wie konnte ich nur glauben, daß eine so weite Reise wirklich ein Ende finden sollte; mein Leben lang war ich unterwegs gewesen im leeren All, weitab von jedem Körnchen Materie. Und nun plötzlich im schwarzen Abgrund ein Planet. Ein riesengroßer Planet. Verzaubert schaute ich in das zähe, langsam brodelnde Grau und Ocker und Siena der dichten, strudelnden Wolkendecke. Ich vergaß die Geschwister um mich, vergaß die Zentrale, das Schiff — vor mir lag Andymon. Wie konnte ich fassen, daß diese gigantische Kugel flüssigen und glühenden Gesteins, umhüllt von giftigen heißen Schwaden, meine Heimat werden sollte? Was für ein verrückter, unvorstellbar großer Planet — und das soll unserer sein? Und den sollen wir uns zurechtstutzen können? Er war so unüberschaubar, so absolut unermeßlich, überwältigend… Wie ein winziges Atom konnte das Schiff dagegenfliegen und einfach verschwinden, ein Nichts.
    Fieberwarm und trocken drückte Gammas Hand die meine. Orbit minus zehn Sekunden. Ich hielt den Atem an und wartete auf das Ungeheuerliche. Träge tauschte der Computer die Sekundenzeichen aus. Zwei — eins — null…
    Ich spürte nichts, gar nichts. Dann erschien auf einem der Monitore eine lakonische Zeichenkette: ORBIT STABIL.
    Wir schauten uns an, atmeten hörbar ein. Und das war alles?
    „Ja“, sagte ich leise, „Gamma, meine liebe Gamma, wir sind da. Unwiderruflich angekommen.“
    Sie schluckte, nickte dann.
    „Seid mal leise“, rief Delth, „Eta will was sagen.“
    „Zieht mal die Schuhe aus und spürt mit den Füßen. Oder haltet eure Ohren an den Boden, an die Wände… Na, merkt ihr was?“
    „Nein, was denn? Soll das Gymnastik sein?“
    „Könnt ihr auch nicht, das Schiff ist ruhig. Die Decken, Wände, Böden, nichts vibriert mehr, brummt mehr. Der Antrieb ist aus!“
    Natürlich, jetzt vernahmen wir alle die ungewohnte Stille. Unmerklich sanft hatte das Schiff sein jahrzehntelanges Bremsmanöver beendet. In der überfüllten Zentrale befanden sich etwa fünfzig Geschwister. Überstürzt und lautstark begannen sie, das Ereignis zu kommentieren. Xith spielte an den Kontrollen, wir schienen auf Andymon zuzustürzen: Der Hauptschirm vergrößerte den zentralen Ausschnitt immer mehr. Die Monde Andymons flackerten auf den Bildschirmen und erloschen wieder, Monitore zeigten die Bahndaten des Schiffs.
    „Endstation, alle aussteigen!“ rief Myth in Anlehnung an ein Totaloskopspiel.
    Sofort setzte ein Sturm der Bewerbungen ein.
    „Ja, ich will runter!“
    „Ich habe mich zuerst gemeldet!“
    „Nein, ich!“
    „Wann starten wir die erste Expedition?“
    „Ich habe Geologie gebüffelt, mich braucht ihr auf jeden Fall.“ „Das ist was für harte Nerven.“
    „Auf zum Lander!“
    „Wer besetzt die Flugleitstelle?“
    „Mensch, das geht doch automatisch!“
    Ich lachte. Diese eiskalten Wissenschaftler, plötzlich stritten sie sich um Sitzplätze.
    Delth mußte ins Mikrofon sprechen, um sich Gehör zu verschaffen. „Kinder, Kinder, seid ihr denn alle verrückt geworden, so geht das nicht. Natürlich will jetzt jeder von uns auf Andymon herumspazieren. Und das werden wir auch. Aber immer schön der Reihe nach.“ „Was heißt hier ‚der Reihe nach‘, nicht immer ihr zuerst!“ meldeten sich empörte Stimmen.
    „Und die Reihe werden wir auslosen“, stoppte Delth die Proteste. „Einverstanden?“
    Der Rest des Tages verging mit Diskussionen über den Modus der Auslosung. Vier Geschwister, zwei aus der zweiten, zwei aus der vierten Gruppe, durften als erste fliegen. Ein fünfzehnjähriges Mädchen, die magere, dunkelhäutige Daleta, betrat als erste den dampfenden Boden Andymons. Wir „Alten“ waren erst viel später an der Reihe.

Planetentaufe

    Was können Bilder schon über einen Planeten aussagen, und seien sie noch so farbig, noch so plastisch! Oder die Berichte der Zurückgekehrten — das waren nur Worte, erregend sicherlich, und doch: Ich fieberte dem Tag, der Stunde entgegen, da ich selbst an der Reihe war.
    Wie lächerlich war das Anerbieten Teths, den ein glücklich gezogenes Los schon am zweiten Tag auf den Planeten brachte, aus den mitgebrachten Materialien uns im Schiff Gebliebenen Andymon so für das Totaloskop aufzubereiten, daß wir früher unsere neue Heimat erleben könnten. Ein trauriger Vorschlag. Eta sagte dazu ungewöhnlich ernst: „Ich brauche das Totaloskop nicht mehr.“
    Uns eröffnete sich eine neue Welt, eine Welt, in der Illusionen nicht mehr zählten, und es begann eine Zeit, randvoll mit echtem Erleben, überschäumender Wirklichkeit. Ade, ihr Totaloskope, Kinderspielzeug, das ausgedient hatte.
    Gamma und ich hatten uns einen gemeinsamen Termin eingetauscht. Wir saßen mit zwei Zwölfjährigen, Resth und Shinth aus der sechsten Gruppe, in der engen Kabine des Landers, zusätzlich behindert durch den knappen Skaphander. Vor zehn Jahren, beim Übergang in die technischen Räume des Schiffs, hatte ich erstmals Kleidung angelegt. Nun erst, beim Ausflug auf Andymon, benötigte ich die schützende Hülle wirklich.
    In diesem Augenblick, als mir das lang ersehnte Erlebnis unmittelbar bevorstand, hatte eine unerwartete Leere und Nüchternheit von mir Besitz ergriffen. Mein Blick wanderte von den Zahlenangaben der Steuerautomatik zum schwarzen Himmel mit seinen Sternen, die klar durch das Sichtfenster leuchteten. Der Andruck preßte mich sanft in den Formsessel, nur eine leichte Vibration verriet die Arbeit des chemischen Raketenmotors. Sternbilder kippten weg, neue tauchten auf. Andymon geriet übergroß in mein Blickfeld. Dann huschten sprühende Meteore über die Scheibe, wir waren in die dichteren Schichten der Atmosphäre eingetaucht, glühende Tropfen lösten sich vom Keramikschild.
    Das Schwarz des Himmels verwandelte sich in tiefes Violett, rötliche und bräunliche Töne folgten. Bald hüllten uns erste Wolken ein, alles verwischte in nebliger Bewegung. Helle und dunklere Wolkenschichten verschiedener Färbung wechselten einander ab. Der Abstieg dauerte nur wenige Minuten.
    Kurz über dem Boden zerrissen die Wolken, der Lander senkte sich behutsam, sekundenlang konnte ich Andymon in seiner urtümlichen Wildheit überblicken: ein Gewirr roter, brauner und schwarzer Felsen und Grate, eingehüllt in diffuse Halbschatten und fliehende Wolkenfetzen, mitunter verziert von unwirklich schlohweißen Wölkchen — Wasserdampf.
    Ein Ruck, der Lander hatte aufgesetzt. Wir blickten uns kurz an.
    „Überprüft eure Anzüge noch einmal“, sagte Gamma und drückte selbst auf den Checkknopf des Skaphander-Mikrocomputers. Ich tat es ihr nach. Einen Sekundenbruchteil flackerte der Display auf meinem linken Unterarm, dann meldete er die Funktionsfähigkeit aller Systeme. Trotzdem zog ich am Helm und klopfte gegen das Lebenserhaltungssystem auf meinem Rücken, was nicht so leicht war in der engen Kabine.
    „Gehen wir“, sagte Gamma und betätigte den Lukenverschluß.
    Es zischte, gelbliche Schwaden drangen in die Kabine ein, dann hatte der Druckausgleich stattgefunden. Allen voran kletterte Shinth durch die Luke, verschmähte die schmale Aluminiumleiter und sprang mit einem in meinen Ohren dröhnenden „Vivat Andymon!“ auf den Boden. Ein viel zu forsches, unastronautisches Verhalten, das sofort bestraft wurde — er fiel der Länge nach hin. Alarmiert folgte ich ihm, ich hatte kaum die Leiter losgelassen, da erfaßte mich eine Sturmbö und warf auch mich um.
    „Alles in Ordnung?“ fragte ich ins Helmmikrofon und überprüfte meinen Skaphander erneut.
    „Ja doch.“ Shinths Stimme übertönte das beständige Prasseln der elektrischen Entladungen in der Atmosphäre.
    Auch Resth stürzte, nur Gamma hielt sich beim Aussteigen auf den Beinen, sie hatte uns nicht umsonst beobachtet.
    Davon hatte uns keiner berichtet, von der Planetentaufe, die Andymon jedem zuteil werden ließ. Auch wir hielten uns an die unausgesprochene Abmachung, verrieten den wenigen, die den Planeten noch nicht betreten hatten, nicht, wie heroisch der erste Schritt sein würde.
    Ich schaltete das Außenmikrofon ein und hörte das mit Stärke sechs oder sieben geblasene Willkommen Andymons, ein unheimliches Brausen, Grölen, Donnern. Die Windgeschwindigkeit allein hätte uns nicht umgeworfen, doch war die Atmosphäre hier wesentlich dichter. Ich hielt es keine Minute aus, dann drehte ich den ohrenbetäubenden Lärm leise, ganz wollte ich ihn nicht abschalten. Die dumpfen Atemgeräusche im Skaphander überdröhnend, bildeten diese durchdringenden Töne die urtümliche Musik des ungezähmten Planeten. Und keine Melodie hätte besser zu Andymon gepaßt.
    Dann holten wir die Geräte aus dem Lander: Seismometer, Metalldetektoren, eine komplette kleine Überwachungsstation, die wir in der Nähe aufbauten. Schwer bepackt stemmten wir uns gegen den Sturm. Forschungen auf Andymon! Automaten hätten diese Arbeit sicherlich schneller und exakter erledigen können. Eigentlich diente sie uns nur als eine Entschuldigung für unsere ganz private, ganz unwissenschaftliche Neugier auf Andymon, als eine überzeugende Ausrede, die unsere kleinen Exkursionen rechtfertigte und die wir akzeptierten.
    Absolut ernsthaft betrachtete selbst in unserer Gruppe nur Zeth diese Art von „Forschungen“. Er war es auch, der kurz vor dem ersten Start detaillierte Listen mit unbedingt erforderlichen Erkundungsaufgaben verteilt hatte. Keiner hatte ihm widersprochen, wenn auch vielen die Überraschung anzusehen gewesen war. Zuerst auf Andymon sein, ja natürlich, doch nur um der wissenschaftlichen Erkenntnisse willen?
    Aufmerksam beobachteten Gamma und ich unsere jüngeren Geschwister, vielleicht zu aufmerksam. Wir vergaßen, daß auch wir in ihrem Alter unbedingt darauf bestanden hätten, für voll genommen zu werden. Sicherlich bemerkten Resth und Shinth, daß wir auf sie aufpaßten, sozusagen in ständiger Erwartung ihrer kindlichen Dummheiten. Sie hielten sich tapfer, murrten kaum bei meinen Anweisungen. Nun gut, der erste Besuch auf Andymon war ein viel zu großes Abenteuer, als daß man dabei allzusehr auf die ständig kommandierenden, oft nörgelnden Älteren achtete. Und doch, vielleicht lassen sich auch darin die Wurzeln für Resths späteres Verhalten finden — und ich bin nicht ohne Schuld daran.
    „Ich schau nur schnell hinter die Felsen, vielleicht ist dort ein besserer Platz für die Station“, sagte Shinth und verschwand, ehe ich etwas erwidern konnte. Mein „Halt!“ ging im atmosphärischen Prasseln unter. Es war unvorsichtig, sich allein aus dem Sichtfeld der anderen und aus der Nähe des Landers zu entfernen. Ich lief ihm nach, doch er kam schon zurück.
    „Da ist nichts, aber vielleicht dort“, sagte er und setzte sich schon wieder ab. Ich holte ihn schnell ein, er stand vor einer tiefen, schwarz klaffenden Spalte, aus der es dampfte. Mit dem Fuß schob er Steine hinein, die ohne das leiseste Geräusch verschwanden.
    „Sei ja vorsichtig“, mahnte ich ihn, „wenn du reinfällst, spring ich nach und vertrimme dich.“
    „Ich will ja nur feststellen, wie tief Spalten in diesem Teil Andymons sein können“, rechtfertigte er sich.
    Wir versuchten es mit dem Echolot, aber die Anzeige erwies sich wegen der unebenen Wände als nicht eindeutig.
    Kaum waren wir zurück, wollte Resth „… so einen Kilometer nordöstlich eine Sprengladung für seismische Messungen anbringen“. Er sagte nichts, als Gamma sich ihm anschloß.
    Nach fünf Stunden war es Zeit, zurückzukehren. Mein Skaphander drückte an vielen Stellen und roch irgendwie ranzig. Wir saßen bereits in den Formsesseln, da sagte Gamma: „Ich habe noch keinen richtigen Blick auf Andymon geworfen. Die zehn Minuten genehmigt ihr mir doch, nicht wahr?“
    Resth und Shinth lachten albern, sie blieben wie ich sitzen.
    Auf dem Bildschirm verfolgte ich Gamma, wie sie, bedächtig und alle paar Meter verweilend, den Lander umkreiste. Sie blickte kein einziges Mal zu mir, immer nur nach draußen in die staubigen, windzerfressenen Weiten Andymons. Erst jetzt, erschöpft vom ständigen verhohlenen Aufpassen, kam auch ich zur Besinnung. Dieses Bild, die schmale, silberglänzende Gestalt Gammas vor einem rötlich gezackten Horizont, vor lang dahinwehenden Staubschleiern, vor fast schwarzen Felsen, an denen der Wind sich heulend reibt, ist meine liebste Erinnerung an den alten Andymon, Urandymon, den wir verwandelten, vernichteten.
    Jene Winde, die uns damals umgeworfen hatten und jeden Schritt erschwerten, waren nur sanfte Vorläufer der im vollen bitteren Sinn des Wortes tödlichen Stürme, die wir auslösen würden und die uns den Zutritt zu Andymon auf lange Jahre verwehren würden. Selbst jetzt noch ist Andymon ein stürmischer Planet, und ich werde es auch nicht mehr erleben, daß er seinen Charakter ändert.

Blick über die Wüste

    Nur ein einziges Mal verzichtete Delth vor mir auf die Maske der Festigkeit und unbeugsamen Tatkraft, mit der er uns so oft in seinen Bann gezwungen hatte. Wir standen am Fenster der kleinen, insgesamt drei Räume umfassenden Station, die Roboter in zwei Tagen errichtet hatten. Sein Gesicht war abgemagert, und die Backenknochen zeichneten sich im rötlichen Dämmerlicht Andymons hart ab. Wie ich blickte Delth hinaus in die Wüste von Geröll und Dampfschwaden. Feiner Staub und grober Sand scharrten über die Wandung der Station und schlugen gegen das Fenster.
    Delth sprach wie zu sich: „Unsere Heimat soll das werden, sagt Alfa. Diese Wüste. Auf Millionen Quadratkilometern kein Tropfen Wasser. Und ein Licht, das einem die Augen ausdörrt… Wir sind zu früh gekommen, Beth, vier Milliarden Jahre zu früh. So sah die Erde aus, bevor es Leben auf ihr gab. Kein freies Wasser, kein Sauerstoff in der Atmosphäre. Fast ideal — wenn man nur genügend Zeit hat. Wir brauchen lediglich ein paar hundert Millionen Jahre hier auszuharren…“
    „Delth“, unterbrach ich seine Worte, die mir zu bitter waren, „weshalb glaubst du Ilona nicht? Die neue Mutante, die sie gerade testet, wahrscheinlich wird es nur ein Dutzend Jahre dauern, das ist weniger als ein Augenblick, geologisch und astronomisch gesehen..
    „Ich rede nicht gern darüber“, fuhr Delth unbeirrt fort, „ich darf, um Andymons willen, die Geschwister nicht mit meiner Skepsis anstekken. Sie werden alle Zuversicht nötig haben, um überhaupt mit der Umgestaltung zu beginnen, um dann Jahr auf Jahr abzuwarten und wieder abzuwarten und vor den sich immer neu auftürmenden Problemen nicht zu verzweifeln, auch wenn die Ressourcen des Schiffs langsam zur Neige gehen. Schau sie dir doch an, schon jetzt, nach einem Bruchteil der Zeit, frißt sie die Ungeduld auf… Als ob alles getan wäre mit ein paar Algenzellen in der Atmosphäre. Der Boden hier ist unfruchtbar, giftig, soweit du nur sehen kannst, hier wird nichts wachsen. Und die künftigen Ozeane, so groß wie die irdischen werden sie längst nicht sein, dafür gesättigt mit Sulfaten, Chloriden, was weiß ich, womit noch… Vielleicht haben wir uns einfach falsch entschieden, uns eine absurde, viel zu große Mission ausgedacht, unwissend, wie wir waren und noch sind. Unrealistische Tagträume.
    Wir starrten hinaus in das Sandtreiben, in die flackernden Schemen aus dichten Gasen und Staub. Andymon.
    „Hörst du, wie der Plast ächzt?“ fragte er mich unvermittelt, wartete aber meine Antwort nicht ab.
    „Hier auf Andymon wäre es nicht einmal sinnvoll, große Wohnkuppeln zu errichten, wir müßten schon sehr solide bauen, so solide, daß wir gleich im Schiff bleiben können. Alles wird hier zerweht und zerfressen, die Roboter fallen aus. Zum Glück ist es wenigstens nicht noch heißer. Gemäßigte planetarische Bedingungen - ein typischer Theoretikerausdruck… Vielleicht haben wir den falschen Planeten gewählt und die falsche Methode. Nummer fünf zum Beispiel, der hat eine sehr dünne Atmosphäre, dort ließen sich Wohnkuppeln fast beliebiger Dimension errichten. Oder wir könnten ein paar Monde umkrempeln oder Zylinderwelten ähnlich unserem Schiff bauen. Weshalb müssen wir unbedingt eine Vorgefundene Welt benutzen — vielleicht ist es günstiger, eine vom ersten Atom an selbst zusammenzusetzen … Nein, das sind wohl auch nur Träumereien..
    Ich dachte daran, daß die Menschheit Millionen Arbeitsjahre investiert hatte, das Schiff zu entwerfen und zu konstruieren, daß wir selbst in kosmischer Isolation aufgewachsen waren — und das alles, um festzustellen, daß das Zielsystem keinen der Erde ausreichend ähnlichen Planeten besaß? Nie würde ich das glauben wollen! „Delth“, sagte ich dann leise, „Delth, wie alt sind wir? Ganze zwanzig Erdenjahre. Mindestens für weitere fünfzig haben wir Kraft. Stell dir vor, noch fünfzig Jahre lernen und forschen und arbeiten. Und bis jetzt waren wir praktisch allein, zu acht oder zu sechzehnt, wenn wir Jota und ihre Gruppe nicht beleidigen wollen. Bald werden wir hundert Geschwister haben, die nicht dümmer sind als wir. Und uns sollte es nicht gelingen, eine Schwierigkeit nach der anderen zu bezwingen?“
    Meine Überlegung hatte etwas von einer Schulbuchaufgabe an sich, und ich wußte, daß es echte naturwissenschaftliche Grenzen gibt, die auch noch soviel Intelligenz und Fleiß nicht überwinden können.
    „Nun ja“, sagte Delth, vom Sturm herangetriebener Sand rieselte über die gewölbte Fensterfläche. „Wir können hier leben, im Schiff oder auch anderswo. Hauptsache, wir bleiben zusammen und lassen uns nicht von Pessimismus übermannen. Solange wir ein Ziel vor Augen haben und dafür arbeiten, werden wir auch das längste Warten durchstehen. Selbst wenn zu unseren Lebzeiten kein Baum auf Andymon Wurzeln schlägt.“
    Der Planet hatte in den wenigen Tagen, die wir um ihn kreisten, Delth verändert, er war nicht mehr der alle Zweifel vom Tisch wischende Kommandant des Schiffs.
    Draußen brüllten die Triebwerke einer startenden Rakete auf, sie beförderte Mineralien ins Schiff, Halbmetalle, die das Schiff benötigte, um abgenutzte Teile zu ersetzen und um mehr und immer mehr Geräte und Ausrüstungen zu produzieren.
    Ringsum heulten und pfiffen Milliarden Kubikkilometer giftiger Atmosphäre, knirschten Kontinente toten Gesteins. Andymon! Wir wollten den Planeten gründlich umformen — würde er nicht Gleiches mit Gleichem vergelten?

Aussaat

    Über drei Wochen kreiste das Schiff um Andymon, wir alle hatten den Planeten betreten, doch noch immer hatte die eigentliche Umgestaltung nicht begonnen. Ich war mit der Errichtung eines Netzes von automatischen Überwachungspunkten beschäftigt, die uns eine weitgehende Kontrolle über alle Vorgänge in der Andymonatmosphäre gewährleisten sollten, doch nach und nach begann ich mich zu fragen, weshalb nichts Entscheidendes geschah.
    Gamma, die mit den Genetikern zusammenarbeitete, zeigte sich nicht besonders gesprächig. Sie aß nicht im Speisesaal, kam jeden Tag spät aus dem Labor und war dann so zerschlagen, daß ich anfing, mir Sorgen um ihre Gesundheit zu machen. Und wenn ich sie fragte, antwortete sie: „Nichts Neues“ oder warf mir Brocken von Sätzen über irgendein Detail hin, das ich nicht einordnen konnte.
    Eines Vormittags hielt ich die Ungewißheit nicht länger aus. Ich beschloß, meine Programme und Meßreihen zu verlassen, um nach Gamma und dem Stand der genetischen Arbeit zu sehen. Ich fand die Tür des Biolabors verschlossen, von innen verriegelt. Einen Augenblick glaubte ich an einen Unfall, eine Verseuchung, die die automatische Verriegelung ausgelöst hätte, nein, gleichzeitig und genauso automatisch wären wir alarmiert worden. Ich zuckte mit den Schultern, na schön, dann wollten sie eben nicht gestört werden. Unzufrieden trottete ich den Gang zurück.
    Fith aus der dritten Gruppe kam mir mit erhobenen Händen entgegen. „Na, haben sie sich immer noch verbarrikadiert?“ fragte er und gab mir einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Ich nickte. „Ja“, erklärte er mir grinsend, „seit sie uns vorgestern rausgeworfen haben, sperren sie ab. Die penetrante Neugier würde sie nur von der Arbeit abhalten. Das ist typisch Jota, nicht wahr? Und das Intercom haben sie auch abgeschaltet.“
    Noch während wir miteinander sprachen, trat zögernd die kleine Daleta auf uns zu. Sie lächelte uns freundlich an und fragte erwartungsvoll: „Wie steht’s? Gibt’s was Neues? Wann sind die endlich fertig?“
    Wären wir länger stehengeblieben, hätte sich ein Auflauf gebildet. Alle Wege des Schiffs schienen an der verschlossenen Labortür vorbeizuführen. Jeder wartete auf das entscheidende Ereignis.
    Am nächsten Tag hing an der Tür des Biolabors ein mit braunem Filzstift fahrig beschriebener Zettel. Ich drängte mich in die Traube erregt diskutierender Gefährten, bis ich lesen konnte:
    Forschungen verlaufen planmäßig.
    Hilfe nicht nötig.
    Mutationsrate weiter gesenkt. JOTA
    Mich boxte jemand in die Seite, es war Shinth. „Beth, was ist eine Mutationsrate?“ fragte er.
    Ich holte tief Luft, da fing mein Ohr eine unglaubliche Behauptung auf.
    „Mir hat Ilona gesagt, in einem halben Jahr könne man frühestens mit einer brauchbaren Alge rechnen.“
    Ein Schweigen der Enttäuschung. Die Geschwister standen betreten da, die Lippen zusammengekniffen oder zu Boden starrend. Dann brach sich Entrüstung Bahn.
    „Was machen die nur im Labor?“
    „Ruft Delth, Delth muß her!“
    „Ist schon unterwegs.“
    Tatsächlich kam er gerade herangeeilt. Inzwischen war es auf dem Korridor recht eng geworden. Alle redeten durcheinander. Delth bat um Ruhe. „Was wollt ihr denn?“ fragte er. „Was erwartet ihr? Ein Wunder? Sofort?“ Sein Blick, der mich traf, drückte Mißbilligung aus. Ich zuckte mit den Schultern, schließlich war ich nur zufällig hier. „Ein halbes Jahr ist euch zuviel? Ihr werdet noch länger warten müssen, warten und warten und warten…“
    Es klang, als habe er Freude an dem Gedanken, jedoch wußte ich, daß dieser Delth genauso quälte wie mich oder die anderen - vielleicht sogar mehr.
    „Jeder Tag, den wir jetzt länger warten, erspart uns vielleicht Jahre. Und unsere Geschwister wissen, was sie tun. Wenn sie sagen, es dauert noch so lange, dann haben sie ihre Gründe für diese Annahme.“
    Ich schwieg, doch vor allem die Jüngeren murrten. Das Bulletin an der Labortür empfanden sie als Beleidigung ihres Informationsbedürfnisses. Ein Witzbold hatte das „planmäßig“ ausgestrichen und durch „im Sande“ ersetzt. Myth war gerade dabei, auch noch „nötig“ gegen „möglich“ und „Mutation“ gegen „Erfolg“ auszutauschen.
    Delth, der begriffen hatte, daß eine bessere Information und ein klärendes Gespräch notwendig waren, trat an das nächste Intercom. Schadenfroh beobachtete ich ihn. Doch er mußte einen besonderen Code kennen, und nach einem erregten Wortwechsel nickte er uns zu. Weitere zehn Minuten noch standen wir vor geschlossener Tür, dann bequemte man sich zu öffnen.
    Mißmutig beobachtete Jota, wie wir in ihr Reich drangen, die Aufschriften der Proberöhrchen lasen, durch die runden Fenster der Autoklaven schauten, an den Displays herumspielten.
    Ich hatte inzwischen in einem Nachbarzimmer Gamma entdeckt. Sie schaute mich mit einem müden Lächeln an und war Minuten später wieder in ihre Arbeit versunken. Ich stand da und betrachtete sie. Was wollte ich eigentlich? Daß sie mir ständig hinterherlief? Ihr die Arbeit wegnehmen? Es war ein unschönes Gefühl, sich von der Alge auf Platz zwei verdrängt zu wissen. Ich räusperte mich, doch Gamma schaute nicht auf. Die Hände aneinanderschlagend, ging ich zurück. Irgendwann würden sie ja ihre dämliche Alge hochgepäppelt haben.
    „Ja, es wird wahrscheinlich noch lange dauern“, bekannte Jota. „Wir vollziehen hier Evolution nach, einen Prozeß, der auf der Erde Jahrmillionen erfordert hat. Die gesamte automatische Forschungskapäzität unserer Biolabors ist voll äusgelastet. Für jede neue Algenmutante muß so viel getestet werden: Wie wird sie sich in den späteren Phasen der Transformation verhalten? Wie im Kontakt mit der Oberfläche? Wie im Kontakt mit den künftigen Meeren? Welche Mutationen sind möglich? Welche Einflüsse auf sie haben atmosphärische Entladungen? Kosmische Strahlung? Die mutagenen Substanzen in der Luft, am Boden, bei vulkanischen Eruptionen? In welche Richtung könnte eine Evolution dieser Alge verlaufen?“
    „Seid ihr da nicht zu penibel?“ Fith unterbrach lässig Jotas Vortrag. „Vergeßt aber nicht, die Einwirkungen der Alge auf uns zu berücksichtigen!“
    Zeth, der uns Eindringlinge bislang geflissentlich übersehen hatte, wandte sich ruckartig von seinem Elektonenmikroskop ab. „Ihr wißt anscheinend nicht, was wissenschaftliches Arbeiten bedeutet. Jede Unexaktheit kann sich hier bitter rächen. Da muß man die nötige Ausdauer aufbringen — und wenn es nötig ist, auch mal ein Jahr warten können.“
    Einige der Geschwister lachten. Sicher hatten sie wie ich die Gerüchte über Zeths Wissenschaftsfimmel gehört. Angeblich aß er nur nach Tabelle und ließ sich sogar seinen täglichen Schlafbedarf ausrechnen.
    „Wir können nicht einfach beschließen, daß wir das Ergebnis bereits haben“, fügte Zeth nach einer Pause finster hinzu.
    Das vermochten wir sicher nicht. Aber wir konnten beschließen, welches Risiko wir eingehen wollten. Und darüber gab es eine lange Diskussion, in der wir viele Details besprachen.
    Jota und ihre Arbeitsgruppe verpflichteten sich, ausführlichere Tagesbulletins auszuhängen. Sie waren erfinderisch genug, um sich auch diese die Forschungen nicht fördernde Arbeit von einem Computer erledigen zu lassen. Etwa ein halber Meter engbedruckten Papiers hing pünktlich neunzehn Uhr Bordzeit an der Labortür.
    In den ersten Tagen wurden diese von Zahlen strotzenden Berichte sehr aufmerksam gelesen, und selbst die Zwölfjährigen lernten die Bedeutung der darin vorkommenden Parameter kennen. Dann erlahmte das Interesse allmählich. Wir fragten nach den Hauptkennzahlen und schenkten uns den Rest, schließlich hieß es nur noch: nichts Neues.
    Nach einem Vierteljahr ereignislosen Wartens stieg unsere Risikobereitschaft sprunghaft. Gegen die Stimmen von Jota und Zeth, aber mit den Stimmen von Ilona und Gamma beschlossen wir, trotz restlicher Unvollkommenheiten der „Superalge“ die Aussaat zu wagen. Bedenklich erschien vor allem die zu hohe Mutationsrate. Doch ein weiteres Warten hielten wir für das geringere Übel. Und wir hofften, gegebenenfalls steuernd eingreifen zu können.
    Dann war es soweit, in der Zentrale beobachteten wir den Start der zweihundert Kleinraketen, die je ein Kilo „biologisch aktiver Materie“ in der Atmosphäre versprühten. Der Hauptschirm zeigte den gesamten Planeten, aufgenommen von einem in einem sehr hohen Orbit kreisenden Satelliten. Eine Perlschnur heller Funken löste sich von dem leuchtenden Stern des Schiffs, verteilte sich über ganz Andymon. Die Aussaat begann.
    „Seid fruchtbar und mehret euch!“ Mit diesen seine Bildung betonenden Worten gab Myth den Anstoß zu einer Vielzahl von lauten Wünschen und grandiosen Prophezeiungen.
    Ich konnte die heftige Freude der Geschwister nicht völlig teilen. Zweifel mischten sich in sie. Zeth hockte da, er hatte den Kopf in die Hände gestützt und schüttelte ihn immer wieder. Perfektionismus oder berechtigte Skrupel — ich wußte es nicht. Ein paar Mutationen konnten nicht viel schaden. Völlig unterdrücken ließen sie sich sowieso nie. Oder? Was wir in die Wege geleitet hatten, ließ sich nie wieder rückgängig machen, ob es nun unseren Wünschen entsprach oder nicht. Im schlimmsten Falle, wenn sich Zeths oft ausgesprochene Befürchtung bewahrheitete, würde Andymon auf unabsehbare Zeit unbewohnbar sein mit einer Atmosphäre, in der Wellen unterschiedlichster biochemischer Prozesse aufeinanderfolgten, reduzierende und oxidierende Algenarten, Fotosynthese und Gärung und vielleicht noch völlig unbekannte Prozesse einander ablösten, mit Temperaturschwankungen um hundert Grad oder mehr, vielleicht mit einem völligen Zusammenbrechen der Atmosphäre oder einer Vergletscherung.
    Zeths Befürchtungen waren nicht unbegründet. Doch wie immer hielt Andymon Überraschungen besonderer Art für uns bereit.

Mit eigenen Füßen ermessen

    Teth sah müde aus, Ringe unter den Augen, ein Flaum von Bartstoppeln ums Kinn. Mühsam streifte er den Schutzanzug ab, an dem noch Spuren von Schmutz klebten. Er holte tief Luft, erwiderte meinen Blick und fragte unerwartet: „Weißt du, wie groß Andymon ist, Beth?“
    „Natürlich“, sagte ich, wie sollte ich die Parameter unseres Planeten nicht kennen, „Durchmesser 11450 Kilometer, Masse 4,36 mal 1021 Tonnen, Oberfläche 414 Millionen Quadratkilometer, Äquatorialumfang 36000 Kilometer.“
    Und nach der Umgestaltung konnten wir mit 73,2 Prozent Landfläche rechnen, die drei riesige Meere umschließen würde — das irdische Bild vom Weltmeer und den darinliegenden Kontinenten auf den Kopf stellend.
    „Nichts verstehst du“, sagte Teth triumphierend, „gar nichts. Ich wollte wissen, wie groß Andymon ist. Ich bin gelaufen, geradewegs nach Norden, immer der Kompaßnadel nach… Meine Füße, Beth, kannst du mir nicht helfen, die Unterschuhe auszuziehen? Ich habe Blasen, bestimmt riesige Blasen..
    Er hatte sich tatsächlich beide Füße wund gelaufen. Die Blasen waren bereits aufgeplatzt, und ich mußte sie behandeln.
    „Wozu rennst du auch in der Wüste herum“, tadelte ich ihn, „die Gegend sieht doch überall gleich aus. Und morgen kannst du keinen Schritt mehr gehen.“
    Teth schüttelte nur den Kopf, sein Gesicht war schweißbedeckt. „Bin ich vielleicht gelaufen, bis über den kleinen Höhenzug, weißt du, Stunde um Stunde, bis ich nicht mehr konnte, und dann immer noch ein Stück und immer noch eins… Au, sei bloß vorsichtig!“
    Gnadenlos zog ich ihm die Socke vom anderen Fuß. Der Spray würde rasche Linderung bringen.
    „Merk dir, Teth, du bist hier nicht im Totaloskop, wo du probieren kannst, was Schmerz, Erschöpfung, Tod ist, wo du nach dem Sprung ins Nichts unversehrt wieder aussteigst.“
    Mitleidig schaute er auf mich herab. „Aber Beth, versteh mich doch, das ist ein ganzer Planet, ein Himmelskörper, ein Wandelstern! Weißt du, was das heißt, wie groß so ein Ding ist? Komm mir nicht wieder mit Zahlen, du hast ja keine Vorstellung davon. Schaust dir das Ding nur von draußen an, aus dem Kosmos, da sieht Andymon aus wie ein Ball, und du meinst, du könntest mit ihm spielen. Dann landest du mit der Fähre hier, läufst drei Schritt nach links, drei nach rechts, ziehst dich hinter die sicheren Wände der Station zurück und denkst, jetzt habe ich Millionen Quadratkilometer betreten, und schickst die Roboter vor. Aber Andymon verstehst du noch lange nicht, begreifst nicht, was das sind: Gebirgsketten, Wüstenzonen.“
    Teth schniefte, die erregten Worte hatten ihm den Atem geraubt, doch der Stolz, Andymon die Stirn geboten zu haben, ließ ihn fortfahren. „Ich hab’s probiert, Himmel, was bin ich gelaufen. Zwanzig Stunden durch Geröll und Sand und über Klüfte und Felshalden. Schau auf der Karte nach, es ist nur ein winziges Strichchen, mit dem Kopter brausen wir in ein paar Sekunden darüber weg. Und mit dem ist es bis zur Station fast eine Stunde, und um Andymon zu umfliegen, brauchst du mehr als einen Tag. So klein sind wir, so winzig…“
    Ich sorgte dafür, daß unser Romantiker ins Bett kam, ohne mit seinen Füßen den Boden zu berühren. Fast augenblicklich schlief er ein.
    Später bin auch ich über die endlosen Ebenen Andymons gewandert. Es waren eigene Erlebnisse nötig, bis ich einen gewissen Eindruck von seiner Größe hatte, bis ich seine wahren Dimensionen erfaßte. Und noch heute, wenn ich mit jüngeren Geschwistern durch weites kultiviertes Land oder durch die wohl auf Generationen unermeßlichen Gebiete der Wüste oder des Wildwuchses wandere, denke ich manchmal, daß ein Leben nicht ausreicht, um zu verstehen, wie groß unser Andymon wirklich ist.

Kristallbaum

    Wir nahmen Abschied von Andymon, Gamma und ich. Bald würde aus kilometerstarken Wolken ein tosender Regen niederprasseln, alles in Schlamm versenken. Bald würden Stürme toben, Orkane, denen nicht einmal Felsen gewachsen waren. Schon ließ sich das verstärkte Brodeln der Atmosphäre messen.
    Wir wollten Andymon ein letztes Mal sehen, so wie er War, bevor Menschen ihn betraten, den rohen, steinigen, toten Planeten. Und wir wollten wenigstens einmal allein über den ursprünglichen Andymon wandern. Natürlich existierten Hologramme von ihm, aufbereitet für die Totaloskope, den kommenden Generationen zur Erinnerung. Trotzdem war es für uns ein Abschiednehmen. Ein Abschied ohne Wehmut — bis wir den Kristallbaum fanden.
    Mit dem Rover hatten wir uns einige Kilometer von der Station entfernt, nun stiegen wir aus, um zu laufen, soweit es die Sicherheitsregeln zuließen. Ich hielt Gamma an meiner plast- und metallverkleideten Hand, vorwärts stapften wir, schräg gegen den Wind gebeugt, der von rechts blies. Kleine Steine rollten über unsere Skaphanderschuhe, Andymon knirschte in allen Felsspalten. Wir redeten kein Wort, hörten nur das amelodische Brausen Andymons.
    Ohne besonderen Grund steuerten wir eine Schlucht an, vor deren Eingang Staubhosen Wächtern gleich standen. Vorsichtig umgingen wir sie. In der Schlucht wehte uns ein Sturm entgegen, daß wir kaum vorwärts kamen und nur selten den Blick heben konnten, um die zerrissenen, vom Wind ausgeschliffenen, von Steinstürzen zernarbten Wände zu betrachten. Näher tretend, erkannten wir die abstrakten Muster der Geologie, feine Äderungen im Gestein, hier und da ein Schimmer von Quarz, rötliche Einschließungen, schwarze Streifen.
    Wir liefen weiter, es war, als hätten wir immer so laufen können durch diese rauhe, urtümliche, widerspenstige Welt, so unvergleichlich mit der gepflegten Ökologie des Schiffs.
    Später entdeckten wir zur Rechten eine Höhle, einen nach oben spitz zulaufenden Spalt im steilen Hang. Gammas Hand drückte die meine. „Vorsicht!“
    Wir mußten uns niederbeugen, um die Höhle zu betreten. Doch dann wölbte sie sich zu einem vorweltlichen Dom. Plötzlich flammte es im Licht unserer Helmscheinwerfer hell und rot auf, so daß wir überrascht zurückschraken.
    Wie eine bizarre Koralle stand der Kristallbaum vor uns, strahlte je nach Einfallwinkel des Lichts in tiefstem Ultramarin, in hellem Kirschrot. Seine unzähligen spitzwinkligen Verästelungen gleißten karmin und violett, nur die feinsten äußersten Kanten umsäumte ein metallisches Grün.
    Wir gingen näher und riefen dabei eine Sturzflut roter Spektren hervor. Wie zart die Ästchen waren, wie Filigran ineinander verflochten! Und wie aus klarem Glas, rosa durchsichtig, sie brachen das Licht, ließen immer neue Reflexe auf ihrer glatten, exakt begrenzten Oberfläche tanzen.
    Ein Naturspiel, das schon Jahrmillionen hier stand im ewigen Schatten der Höhle, nie von einem Lichtstrahl getroffen, nie leuchtend, nie von einem Augenpaar bestaunt, ein schwarzer Schemen, dunkel und tot, ein vergebliches Wunder. Kurz, allzukurz erwachte der Kristallbaum nun zum Leben im Schein unserer Helmleuchten — wenige Wochen später würden Schlammassen die Höhle überschwemmen.
    „Da ist nichts zu machen“, sagte Gamma zögernd. „Wir haben uns entschieden. Das ist der ursprüngliche Andymon, und ich hätte nie geglaubt, daß er so etwas Prächtiges hervorbringen könnte. Aber er muß vergehen, all diese Pracht hier wird vergehen, denn wir wollen hier leben. Er war nie zu etwas nütze, dieser Kristallbaum, wir dürfen ihm ebensowenig nachtrauern wie den Staubstürmen, die unsere Beobachtungsautomaten verschütten. Und wenn er noch so schön ist, Urandymon, wir brauchen einen Planeten, auf dem wir leben können.“
    Ich nickte, eine sinnlose Geste im Skaphander. Flammende Wellen aus Purpur und Zinnober liefen über die ebenfalls mit roten Kristallen besäten Höhlenwände.
    „Ja“, erwiderte ich, „was aber, wenn der Kristallbaum belebt wäre, was, wenn gleich unsere erste Sonde Leben auf Andymon vorgefunden hätte? Geologische Gebilde zertreten wir mit Berechtigung, was aber mit Leben?“
    Gamma schwieg lange. Ich starrte auf den armdicken Stamm des Kristallbaumes, er zeigte mir tausend Facetten, blutrot und fast braun und strahlend hell reflektierend; bei jedem Atemzug, jeder kleinen Bewegung veränderte sich das Mosaik, das sie bildeten. Schon wollte ich meine Frage wiederholen, da antwortete Gamma: „Es wäre wohl ein Problem des Entwicklungsniveaus, so wie wir uns nicht in die Angelegenheiten fremder Zivilisationen einmischen, sowenig würden wir hochentwickeltes Leben vernichten. Angenommen, es gäbe nur Einzeller, da hätte ich keine Bedenken. Aber vielleicht ist ein belebter Planet, und seien es auch nur primitivste Ansätze, Vorformen, wissenschaftlich so wertvoll, daß eine Besiedlung ungerechtfertigt wäre. Du kennst die Schätzungen, wie rar Leben im Kosmos ist.“
    Sich vergessen, in Träume verlieren und vollsaugen mit Bildern, mit Erinnerungen. Nur keine Farbnuance, keine ungewöhnliche Verästelung übersehen. Überflutet von einem unwirklichen Licht, so standen wir, bis mich der Skaphandercomputer daran erinnerte, daß es Zeit sei, zum Fahrzeug zurückzukehren. Wir hatten Geologenwerkzeuge bei uns und einige Plasttüten. Es widerstrebte mir, den Kristallbaum zu verletzen, überall ragten kleinere Büschel aus dem Boden, wir sammelten mehrere Kilo ein.
    Hastig und schweigend kehrten wir zurück, immer noch unter dem Zauber des Kristallbaumes stehend. Der Planet, der sonst in gelben und braunen Tönen geprunkt hatte, erschien uns nun blaß und grau. Vom Rover aus verständigten wir die Geschwister. Eine Stunde später waren wir an Bord des Schiffs. Andymon betraten wir erst nach der Umgestaltung wieder.
    Wir diskutierten Möglichkeiten der Rettung des Kristallbaumes, doch es war zu spät, wäre wohl auch früher nicht sinnvoll gewesen. Die Geschwister brachten weitere Proben mit, ganze Kisten voller gläserner Äste. Wenige Tage später hörten wir, daß der Kristallbaum „dahinwelke“, grünlichgrauer Schleim überziehe seine Oberfläche — die Superalge hatte ihn entdeckt. Es war ein Zeichen auch für die letzten, endgültig ins Schiff zurückzukehren.
    An Versuchen, den Kristallbaum synthetisch nachzuzüchten, hat es nicht gemangelt. Er wurde bis ins kleinste analysiert, seine Kristallstruktur und die Natur der physikalischen Effekte, die zu seiner Entstehung führten, sind bekannt. Aber bislang hat keiner eine Methode gefunden, das Jahrzehntausende dauernde natürliche Wachsen, das Anlagern von Atomschicht um Atomschicht, beschleunigt nachzuahmen. Auch zerfielen die meisten unserer Proben bald. Zu starke Lichteinwirkung, Temperaturschwankungen, falsche Zusammensetzung der Luft, so vieles war diesem zarten Kristall gefährlich.
    Jetzt, viele Jahre später, bringt Ainth Imitationen des Kristallbaums aus Piacryl in Umlauf, die er als Kunstwerk, als Plastik bezeichnet. Ich fürchte, daß schon die nächste Generation auf den Gedanken verfällt, zu bestimmten Festen diese künstlichen Kristallbäume aufzustellen.
    In hundert Jahren vielleicht werden sie nach ihm suchen, unsere Nachfahren, in den tiefen Klüften und verborgenen Höhlen unwirtlicher Gebirge. Wunder vergehen nicht. Und der Glückliche, der ihn erblickt, wird einen Wunsch frei haben, wie die Sage erzählt.

Lauf im Kreis

    Diese Jahre, in denen wir auf der Stelle zu treten schienen! Ra, die Sonne Andymons, umkreiste das Zentrum der Galaxis. Andymon umkreiste Ra. Das Schiff umkreiste Andymon. Und wir umkreisten das Schiff.
    Einmal um den Naturpark, wenn du die Ungeduld nicht mehr erträgst. Einmal um den Naturpark, wenn dir dein Zimmer, die Labors, die Aufenthaltsräume zu eng werden. Einmal um den Naturpark, wenn du den Planeten auf dem Bildschirm nicht mehr sehen kannst — oder die mürrischen Gesichter deiner Geschwister.
    Was sind wir in dieser Zeit gelaufen! Einen breiten Trampelpfad rund um unsere Miniaturwelt haben wir hinterlassen. Und wie oft mag ich ihn entlanggerannt sein durch die bescheidenen Urwälder des Naturparks, vorbei am See, durch die Wiesen mit hohem Gras, Vögel mit meinem Keuchen aufscheuchend. Oft allein, manchmal mit Gamma, selten nur zusammen mit anderen Geschwistern. Und wenn das Herz bis zum Hals schlug und jeder Atemzug stechend die Lunge durchfuhr, konnte ich den Planeten für die Stunde des Schwitzens vergessen und in der Bewegung Ruhe finden.
    Dabei hatten wir in den ersten Tagen und Wochen nach der Aussaat mit anhaltender Begeisterung auf den sich verändernden Andymon geblickt. Es tat sich etwas! Unser Plan, in Aktion gesetzt, schlug an. Mit welcher Euphorie verfolgten wir die täglichen Berichte zum Zustand der Andymonatmosphäre, die die Ausbreitung unserer Alge genau beschrieben. Der Abfall des Luftdrucks um ein Millibar, eine kaum meßbare Veränderung der chemischen Zusammensetzung — es funktionierte. Aber dann, nach wenigen Wochen, schien alles zu erstarren, die Sättigungskonzentration der Alge war erreicht, die Umwandlung hatte ihr maximales Tempo gefunden. Wir lasen die Zahlen, fragten uns: Ist das wirklich der Bericht von heute? Es ging nicht mehr vorwärts. Die Umgestaltung des Planeten brauchte ihre Zeit. Damals schon begannen die ersten durch den Naturpark zu rennen.
    Einmal noch, nach einem halben Jahr, wurden wir alle aufgerüttelt, und unterdrückter Jubel verbreitete sich. Es war der Tag, an dem ein subpolarer Meßpunkt die ersten Niederschläge meldete. Wenige Tage später regnete es auf ganz Andymon, Millionen Tonnen Wasser, vermischt mit Staub, Salzen, Kohlenwasserstoffen, prasselten auf Andymon nieder. Es wurde eine Sintflut ohne Ende, unsere Meßgeräte ertranken reihenweise oder wurden von Schlamm verdeckt. Und Andymon erwachte langsam, aber unaufhaltsam zu seismischer Aktivität.
    Vom Schiff aus war nichts davon zu spüren, auf dem Bildschirm sah der Planet aus, wie er immer ausgesehen hatte, ein fleckiger, gestreifter, graubraunrötlicher Ball. Lediglich Zahlen verkündeten die gewaltigen Veränderungen, die begonnen hatten — und auch sie zumeist nur in der letzten Dezimale. Und wir liefen im Kreis, die endgültige Route hatte sich herausgebildet.
    Dann kamen die Hochrechnungen. Ich selbst hatte bislang bewußt darauf verzichtet, zu überschlagen, wie lange wir noch im Schiff ausharren müßten. Mit gutem Recht. Es war deprimierend. „Noch acht Jahre nach der optimistischsten Schätzung“, beklagte sich Nya, „noch acht Jahre, wie soll ich das aushalten, das ist ja fast die Hälfte meines Lebens.“
    Wir rannten, als könnten wir so die Zeit schneller vorantreiben. Acht Jahre Däumchendrehen - und um Andymon kreisen, den trägen Planeten. Wir redeten nicht mehr von ihm. Und wenn, dann vermieden wir den viel zu angenehmen, sehnsuchtsvollen Namen, sagten einfach „der Planet“. - „Nein, der Planet macht nichts Neues, woher sollte er auch!“
    Uns fiel ebenfalls nichts Neues ein, wir liefen nur, öfter, länger und schneller. Für unsere Bahn rund um den Naturpark mußte eine Begrenzung angegeben werden, damit sie sich nicht übermäßig verbreiterte.
    Bis jetzt hatten wir immer harte Ziele und eilig zu erledigende Aufgaben gehabt, es hatte keine Rast gegeben - und nun?
    Selbstverständlich wurde der Planet überwacht, aber das besorgten Automaten. Zwar konnten wir einiges untersuchen: die Monde Andymons, die anderen Planeten des Systems. Einige Sonden wurden zusammengesetzt und gestartet, doch es dauerte Monate und Monate, ehe sie auch nur in die Nähe der Planeten gerieten. Und wir liefen inzwischen im Kreis.
    Nur die Monde lagen so nahe, daß an einen Besuch zu denken war. Doch Delth hielt uns zurück. „Wir haben viel Zeit, denkt daran. Das Schiff hat keine unbegrenzten Ressourcen, der Wasserstoffvorrat geht zur Neige, ein paar Dutzend Flüge sind noch möglich, mehr nicht, wir müssen mit unserer Energie haushalten.“
    Wir rannten und verausgabten unsere überschüssige biologische Energie.
    Eine Weile fruchteten Delths Ermahnungen, und die erste Gruppe stand geschlossen hinter ihm. Jeder im Schiff kannte bald den Stand der Reserven an Material, chemischem Treibstoff, Bausteinen für Sonden und Stationen. Uns war, als dürften wir nicht mehr voll durchatmen. Haushalten müssen, das war ein Fremdwort in unseren Ohren. Bislang galt uns die Technik des Schiffs, seine Macht als unerschöpflich, unaufbrauchbar. Nicht nach Belieben im All herumfliegen zu dürfen, das war, als ob man uns das Rennen durch den Naturpark verbot.
    Es existierten natürlich andere Wege, die große Langeweile zu überbrücken. Die Flucht ins Totaloskop stand immer offen.
    Die fünfte und die sechste Gruppe hatten nur wenige Monate mit uns zusammengearbeitet, jetzt wäre es an der Zeit gewesen, daß sie sich hinter die Lehrmaschinen setzten, bastelten. Doch das schien ihnen nun zu abgeschmackt, zu realitätsfern und zu kindisch. Sie hatten mit uns Großen auf einer Stufe gestanden, hatten Andymon mit erkundet, die kompliziertesten Geräte bedient, sogar bei der Entwicklung der Superalge geholfen — und sollten jetzt wieder büffeln? Wer hätte ihnen das befehlen können? Etwa die Großen? Die gerade nicht! Etwa die Guros? Dieses Kinderspielzeug? Die blöden Automaten, deren Knöpfe man mittlerweile kannte? Lächerlich!
    Es war eine stille Rebellion, sie verschlossen ihre Ohren und verschwanden im Naturpark, nicht um zu rennen, sondern um möglichst weitab von den Kindern und von uns ein eigenes Leben zu führen, ein Leben mit freiester Liebe, die für sie noch der Kitzel der Älteren war. Wir betrachteten sie als Urhorde, in deren Angelegenheiten man schon deshalb nicht eingreifen konnte, weil man dabei riskierte, zusammengeschlagen zu werden.
    Doch soviel wir auch im Kreis laufen würden auf der harten, graslosen Narbe, langfristig gab es für uns nur ein Ziel, eine Aufgabe, ein Interesse: Andymon. Und wenn der Planet uns jahrelang enttäuschte, nun, das würde vorübergehen, wir würden zu ihm zurückkehren, vorausgesetzt, wir verbrauchten uns nicht in der langen Zeit des Wartens.

Zu den Monden

    Um Andymon kreisen zwei Monde, Gedon und Ladym. Nachts, wenn ich aus dem offenen Fenster schaue, kann ich in diesen Tagen den einen oder den anderen als hellen gelben Knopf oder kleine Sichel am dunklen Himmel sehen. Nicht halb so groß wie der Erdmond, vermögen sie auch unsere Sonne nur zu einem geringen Teil zu verdecken, Andymon kennt keine totalen Sonnenfinsternisse, sondern nur Monddurchgänge. Kneife ich die Augen zusammen, um die Monde schärfer zu sehen, kann ich auf der winzigen Scheibe Gedons hellere Gebiete und dunkle Flecken ausmachen. Und dort, an einem dieser Ausläufer, befand sich unser erster Stützpunkt.
    Auch damals, in der Zeit, in der wir den Planeten nicht betreten konnten und in der alles zum Stillstand gekommen zu sein schien, wandten wir unsere Blicke häufig zu den Monden.
    Einmal, als ich mit Delth gemeinsam die leere Zentrale betrat, leuchtete Gedon vom Hauptschirm herab. Unwirsch schaltete Delth den Schirm ab. „Sie starren mir zu oft in die Monde, die Kleinen. Erst aus voller Brust ‚Vivat Andymon!‘ rufen und ihm dann bei der ersten Schwierigkeit untreu werden.“
    Ich zuckte mit den Schultern. Jede Gruppe hatte ihre Spezialaufgaben und Vorlieben. Weshalb sollten sich Daleta, Gimth, Mega und die anderen aus der vierten nicht für die Monde interessieren?
    „Dabei gebe ich zu, die vier Mondorbiter waren — rein wissenschaftlich gesehen - ein großer Erfolg, aber…“ Er zögerte, trat an einen Computer und tippte Befehle ein. Auf dem Display erschienen vielfarbige Diagramme. „Das sind unsere Energie- und Materialreserven. Sparsam verwendet, können sie noch für viele Generationen reichen.“
    „Generationen?“ Ich hatte ein Gefühl, als ob mein Herzschlag für eine Sekunde aussetzte.
    „Generationen. Ich muß jedenfalls in Betracht ziehen, daß keine evolutionären Wunder geschehen, noch dazu bei Andymon. Und Jotas und Ilonas Hochrechnungen… Sie haben vielleicht nur ihre Wunschträume hochgerechnet.“
    Ich unterbrach ihn. „Auch Gamma hat…, die Szenarien sind wohlfundiert und…“
    Er winkte ab. „Ich hoffe das gleiche wie du. Aber ich mißtraue meinen Hoffnungen. Einer muß klaren Kopf behalten. Darf sich nicht blenden lassen. Muß alle Möglichkeiten sehen. Vivat Andymon!“
    Wie ein wütender Klavierspieler hieb Delth auf die Berührungselektronik der Tastatur ein. Neue Abschätzungen flammten auf den Displays auf.
    „Vielleicht müssen wir sogar das Schiff auf Eis legen. Für Jahrtausende womöglich. Die Inkubatoren abstellen. Die Systeme entaktivieren. Und auf unser Ende warten. Das Schiff muß so tot sein wie während der Großen Reise, darf erst wieder erwachen, Menschen erzeugen, wenn der Planet die Metamorphose hinter sich hat. Vivat Andymon… Aber dazu benötigt das Schiff Energie, viel Energie, fast die gesamten Reserven.“ Er lachte bitter. „Und nun kommen sie, brav, emsig, treuherzig. Legen mir ein Bündel Pläne vor: Errichtung von Stationen auf Gedon und Ladym. Abbau der Erze. Aufbau von Kraftwerken zur Erzeugung von Wasserstoff — Wasserstoff, der unserem Schiff fehlt. Hört sich herrlich an, nicht wahr?“
    Und wieder liefen Zahlen und schematische Darstellungen in schneller Folge über den Display. Ich beugte mich über Delths Schulter, um sie genauer lesen zu können.
    „Man sollte ihnen für ihre gute Idee die Hände schütteln, die Geschwister zusammenrufen und das ‚Mondprojekt‘ beschließen, nicht?“ fuhr Delth fort. „Nur ein winziger Haken: Es verbraucht siebzig Prozent unserer Energiereserven, von dem Einsatz an Fähren und Materialien will ich gar nicht reden. Und der Ausgang, der Erfolg dieses Projektes ist durchaus ungewiß.“
    „Wir müssen uns etwas einfallen lassen, alle Varianten bis ins letzte durchrechnen, die Wahrscheinlichkeiten einschätzen…“
    „Wahrscheinlichkeiten einschätzen — Beth! Du bist naiv. Du brauchst nur den schlimmstmöglichen Fall zu analysieren. Ohne alle großartige Systemanalyse kann ich dir das Ergebnis schon jetzt sagen: In den Jahrzehnten, Jahrhunderten, wo sich der Planet verwandelt, stirbt das Schiff mangels Energie. Vivat Andymon! — Nein, ich will keine Diskussion. Keine, in der ihr alle nur rosa Wunschbrillen tragt.“ Gegen Delths Sträuben stellte die vierte Gruppe ihre Pläne zur Diskussion. Delth war nicht der einzige, der Bedenken vorbrachte. Aber keiner wehrte sich so entschieden wie er gegen das Mondprojekt. Am Schluß der Debatte stand er praktisch allein gegen die Geschwister.
    Anschließend fand ich ihn und Alfa auf dem Gang zur Zentrale. Alfa hielt ihm erregt vor, daß er Daleta und ihre Gruppe diskriminiere, wenn er deren Pläne einfach als naive Tagträume bezeichne. Sie griff mit den Händen durch die Luft, als suche sie nach Worten. „Langsam glaube ich selbst, daß du sie nur länger im Schiff, also unter deiner Herrschaft, halten willst, wie Gimth behauptet.“
    Delths Gesicht war krebsrot. Er wußte, daß er sich, auch wenn wir ihn alle als fähigen Kommandanten anerkannten, einzig und allein auf seine Überzeugungskraft stützen konnte. Und jetzt, bei einer Überlebensfrage, ging ihm diese ab! Mit geballten Fäusten lief er im Gang auf und ab.
    „Lenk doch ein, wir reiben uns sonst nur auf“, bat Alfa.
    „Fall mir nicht in den Rücken“, fuhr er sie an.
    Ich sah, wie er durchatmete, um sich zu beruhigen. „Tut mir leid“, sagte er zu ihr. Dann sah er mich.
    „Du wärst mir auch keine große Hilfe jetzt“, schimpfte er. Er boxte mich in die Seite. „Dabei müßtest doch wenigstens du, Beth, ein Einsehen haben. Daß man ihnen diese Gedanken partout nicht austreiben kann. Manchmal möchte ich sie übers Knie legen. Mistplanet! Daß sie einfach nicht warten können… Man muß sich eben beherrschen!“
    Obwohl ich die Lage weniger kritisch beurteilte, konnte ich Delth, dessen Sorgen und den Druck seiner Verantwortung gut verstehen. „Es ist nun mal für uns alle schwer. Und den einen trifft’s mehr, den anderen weniger. Jeder sucht seine Methode, um darüber hinwegzukommen - über die Zeit. Sie haben Pläne geschmiedet. Die sind nicht völlig unvernünftig, Delth. Die können wir nicht einfach zerreißen. Sonst setzen sie sich über uns hinweg. Und wenn wir eine realisierbare Variante fänden, dann wäre uns allen geholfen.“
    „Ach Beth“, plötzlich klang seine Stimme müde, „kommst du mir jetzt auch damit. Wir können nur warten. Siehst du nicht, daß sie lediglich ihren Wunsch, das Schiff zu verlassen, was zu erleben, in Pläne umgesetzt haben — als ob ich nicht auch auf Andymon wollte!“ Er ließ mich stehen und ging in seine Kabine.
    Wenn ich daran dachte, daß uns - nach den Hochrechnungen Gammas - weitere acht Jahre der Gefangenschaft bevorstanden, war es kein Wunder, daß sich die Geschwister so verzweifelt an das „Mondprojekt“ klammerten, für das sie immer ausgefeiltere, günstigere Varianten erarbeiteten.
    Nach einer Woche verstummte der Streit, und plötzlich fühlte ich wieder die alte Arbeitsatmosphäre, in der jeder sein Bestes gab. Kleine Arbeitsgruppen bildeten sich, um die Pläne zu überprüfen, neu zu kalkulieren.
    Allein Delth blieb skeptisch. ‚ Jetzt hast auch du dich anstecken lassen, Beth. Bei Alfa konnte ich das noch verstehen, die muß sich immer einfühlen, aber wenn sogar du…“
    „Delth“, ich klopfte ihm auf die Schulter, „Delth, es ist nicht einfach, aber ich bin überzeugt, daß die Kraft des Schiffs ausreicht.“
    „Na schön“, sagte er resignierend. Es wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn Delth sich sofort hätte überzeugen lassen.
    Die Arbeit auf den Monden begann nach vier Wochen gründlichster Vorbereitung. Und sie war erfolgreich. Beinahe hätte sie uns glücklich gemacht.

Mission ohne Rückkehr

    Andymon, der Planet, wütete. Wir konnten es sogar mit bloßen Augen vom Schiff aus sehen: Neu entstandene bräunliche Schlieren durchzogen die Atmosphäre, bildeten ausgefranste Bänder am Äquätor und weitläufige, hellere Strudel in Polnähe. Täglich veränderten sich die verschmierten dreckfarbenen Muster.
    Der Planet wütete. Hörbar. Alarm! schrillten die Notfallklingeln des Computers, wenn die Signale eines weiteren Meßpunktes aussetzten. Im Schlamm versackt, von Lava überflutet, unter Staub begraben, auseinandergebrochen, zertrümmert, wir wußten nicht, wie die einzelnen automatischen Meßeinheiten zerstört wurden. Alarm! — Wir stellten die Klingeln ab. Es genügte zu sehen, daß im Übersichtsbild ein weiterer grüner Punkt erlosch. Ohnmächtig beobachteten wir, wie der Planet unser Überwachungsnetz zerriß. Nur aus der Hochatmosphäre erhielten wir noch Luftproben und Proben der Algen.
    Wir schickten drei Sonden hinab, zwei kamen an, aber ihre komplizierten Instrumente litten unter den abrupten Temperaturschwankungen und ständigen Bodenstößen, mit denen die Planetenkruste auf die veränderten Belastungsverhältnisse reagierte. Und wo die Plastversiegelung aufbrach, drangen feinster Staub, aggressive Gase oder salzhaltiges Wasser ein.
    Jota lief gegen ihre Gewohnheit völlig aufgelöst mit zerzaustem Haar und finsterem Gesicht durch die Korridore. Und wer sie ansprach, bekam ihre Anklage zu hören: „Ich habe euch gewarnt, es war zu früh! Warum habt ihr mich die Tests nicht beenden lassen? Warum mußtet ihr dieses Monstrum mit einer viel zu hohen Mutationsrate aussetzen? Jetzt seht ihr das Ergebnis: Eure Superalge verändert sich völlig unkontrolliert. In der Hochatmosphäre schwirren die absonderlichsten Mutanten herum. Und wie es am Boden aussieht, wissen wir nicht. Wehe, wenn sich die falsche Mutante verbreitet, dann bricht alles zusammen. Und wir können nichts dagegen unternehmen, weil uns die Proben fehlen. Wir können uns gleich einen neuen Planeten suchen. Ich habe euch gewarnt!“
    Jotas Worte machten uns bestürzt. Und wir hatten nur eine begrenzte Anzahl Sonden in Reserve. Der Planet wütete mit unverminderter Gewalt, und ich schlief schlecht, wälzte mich, als sei ich selbst einer unserer trudelnden Flugkörper.
    „Ich schau mal unten nach, hol ein paar Proben rauf und setze ein paar stabilere Stationen hin“, sagte Delth während des gemeinsamen Frühstücks am nächsten Morgen, als ob es sich um belanglose Arbeit am Computer handelte.
    „Nein“, rief Alfa erschrocken, „Delth, das ist Wahnsinn, seit Monaten durfte niemand mehr auf den Planeten.“
    Delth streichelte ihre Hand. „Aber Alfa, reg dich nicht auf… Wir dürfen nicht noch mehr Sonden verschwenden. Automaten sind für den Planeten nicht flexibel genug — und außerdem, neuerdings fliegt ja jeder, wohin es ihm behagt.“
    Letzteres bezog sich auf die beginnenden Arbeiten auf den Monden. Delth stand ihnen weiterhin skeptisch gegenüber.
    „Von mir aus können wir Sonden verschwenden“, erwiderte Alfa ernst, „aber dich haben wir nur einmal.“ Sie zog ihre Hand unter der seinen weg.
    „Du redest ja, als ob so ein Flug sonstwie gefährlich wäre… Außerdem muß es sein. Andymon entgleitet unserer Kontrolle sonst völlig.“
    Es war ein verwegener Entschluß, ganz Delth, aber die Notwendigkeit leuchtete mir sofort ein.
    „Die letzten Daten stimmen mit der Hochrechnung nicht mehr überein, die Alge verändert sich, da ist etwas im Gange… Ich fliege, der Lander ist schon ausgerüstet.“
    Die weiter entfernt sitzenden Geschwister verstummten und schauten Delth bewundernd an. Ich sprang auf. „Ich komme mit!“ „Macht keinen Unsinn! Auf den Planeten fliegen? So wichtig können die paar Daten nicht sein, daß es sich lohnt, für sie den Hals zu riskieren“, rebellierte nun Gamma. Sie faßte mich am Arm und zog mich auf meinen Stuhl zurück. Mit zornig funkelnden Blicken hielt sie mich auf meinem Platz fest.
    „Delth, das lasse ich nicht zu, es ist zu gefährlich, von drei Sonden ist eine verschollen!“ Alfas Stimme hatte eine ungewohnte Festigkeit.
    Teth nickte, er hatte die Sonden maßgeblich konstruiert. Doch dann sagte er: „Ach was, die kleinen Sonden, die halten natürlich nicht viel aus. Lander sind stabiler, manövrierfähiger.“
    Delth hatte seinen Entschluß sicher längst gefaßt. Er schaute mich an. „Ich werde allein fliegen, Beth. Ich habe so viele Meßstationen in den Lander gepackt, da bleibt für dich kein Platz.“
    Ich ärgerte mich, eine Station mehr oder weniger… Delth stand abrupt auf und verließ, ehe wir weiter auf ihn einreden konnten, den Speisesaal.
    „He, Delth, warte!“ rief ich ihm hinterher. Gamma stellte sich mir mit der ganzen Autorität ihrer kleinen Person entgegen.
    „Ihr müßt ihn zurückhalten“, sagte Alfa, blickte dabei von mir zu Zeth, zu Ilona.
    Ich zuckte mit den Schultern, und Zeth erhob sich unschlüssig. „Wenn er unbedingt will..
    „Ich habe schreckliche Angst um ihn“, gestand Alfa.
    Aber was konnte denn schon passieren? Bislang hatten all unsere Unternehmungen ein glückliches Ende gefunden. Rammas hatten uns umsorgt, Guros auf uns aufgepaßt, der Computer des Schiffs hatte unsere Schritte vorausberechnet und Gefahren aus dem Weg geräumt.
    Angst? Wir und Angst? Lächerlich!
    „Ich versteh dich ja, Alfa“, antwortete, für uns überraschend, Eta, „er ist immer noch so unvorsichtig. Aber hast du ihm nicht angesehen, daß er etwas tun muß? Ihm wird das Schiff auch zu eng, er redet nur nicht darüber. Und dazu die letzten Wochen… Alles läuft ihm gegen den Strich. Wir überstimmen ihn mit dem Mondprojekt, verpulvern die Treibstoffreserven. Er braucht jetzt wieder einmal Selbstbestätigung.“
    „Ach du“, Alfa blickte nicht auf, „wo hast du denn die spitzfindigen psychologischen Argumente her? Mach doch eine Psychoanalyse mit ihm, vielleicht kannst du seinen Komplex ausbügeln!“
    Eta warf Besteck und Geschirr unwirsch in den Schlucker. Gemeinsam, aber ohne ein Wort zu tauschen, gingen wir zur Flugleitstelle, Alfa kam als letzte.
    Vielleicht, dachte ich, als ich den brodelnden Planeten auf dem Bildschirm sah, hat Alfa doch recht, es ist zu gefährlich. Ich überlegte, wie man Delth noch zurückhalten könnte, da zeigten die Instrumente bereits, daß der Hangar evakuiert wurde, das große äußere Schott sich öffnete und das Solenoid den Lander hinauskatapultierte. Sekunden später begann das chemische Triebwerk zu arbeiten. Delth war gestartet. Er schaltete Bild und Ton auf unseren Kanal und fragte, weshalb wir so stumpf und trübe herumsäßen. Keiner antwortete ihm.
    Zuerst verlief der Flug so glatt wie im Simulator, der Lander stampfte ein wenig, das war alles. Wir schauten schweigend zu. Das Bild wurde schlechter, und in Delths Atmen mischte sich das Stöhnen der Stürme. Der Lander bockte und wurde von einer starken Abwärtsströmung erfaßt. Delth fing ihn gekonnt ab. Seine Lippen wurden schmal, und auf der Stirn bildete sich eine tiefe Falte. Dann setzte der Lander mit einem Ruck auf. Schlamm spritzte gegen die Fenster.
    Delth gelang es, eine Meßstation auszuklinken, die sich selbsttätig verankerte und auf ihren gedrungenen Silikonfiberbeinen einen wilden Tanz vollführte. Und er schaffte es, durchzustarten und sich wieder in die quirlenden, strudelnden Wolkenfetzen zu werfen.
    Sekunden später erlosch der Bildschirm, wir hielten die Luft an. Doch der Ton blieb. Delth stöhnte, preßte dann hervor: „Muß ein Blitz gewesen sein oder was von dem Vulkan da vorn.“
    „Genug, Delth, kehr zurück!“ Eta brach unser Schweigen.
    Aber Delth setzte eine weitere Station ab. Lange Zeit hörten wir nur sein Atmen.
    „Was ist, Delth?“ fragte Alfa.
    „…nichts…“ Auch der Ton wurde schlechter, er setzte plötzlich aus, kam einen Moment wieder. Dann war es endgültig still.
    „Ich habe ihn im Radar“, meldete Teth, „aber der Funkkontakt ist total weg…, auch von der Systemüberwachung.“
    Wir hatten nichts beschlossen, und doch rannten Alfa und ich zu den Landern. Wir hätten es viel früher tun sollen. Eine Minute später katapultierte der Solenoid zuerst meinen, dann Alfas Lander aus dem Schiff. Wir flogen parallel und mit Höchstschub. Vor uns zerfetzten die Wolken Andymons. Laser und Radar malten verwirrende Bilder. Der Lander schlingerte, schien sich zu weigern, tiefer in das Chaos einzudringen. Weshalb hatten wir von Delths Lander nicht die Überlastungssignale erhalten? Ich hatte keine Zeit zu überlegen, aber plötzlich wußte ich, daß er die Sicherungen entfernt hatte.
    „Delths Lander ist weiter in meinem Radar, ortsfest“, informierte uns Teth. Die gewaltige Elektronik des Schiffs tastete nach Delth — und nach uns.
    Schweiß lief mir in die Augen, ich konnte nicht nach Alfas Lander schauen, mein eigener beschäftigte mich vollauf. Das war kein Übungsflug. Meine Knochen schmerzten vom ständigen Schütteln, ich ignorierte es, benötigte all meine Sinne für den Abstieg. Mir kamen die Sekunden des Fluges wie Stunden vor. Ich drückte meinen Lander nach unten, daß er wie ein Stein durchsackte. Die nur im Radar sichtbare Planetenoberfläche raste auf mich zu.
    Plötzlich wußte ich, daß ich nicht allein um Delths, sondern auch um mein Leben flog. Es war warm im Lander, doch fror ich. Unvorstellbar, nicht mehr dazusein, nicht mehr zu existieren, nach dem Sprung ins Nichts nicht heil zu erwachen wie in den Totaloskopen. Anzeigen leuchteten rot: ÜBERLAST, ÜBERLAST, ÜBERLAST, und die wechselnden Beschleunigungen zerrten an meinem Körper. In den wenigen Augenblicken, in denen ich nicht reagieren, steuern mußte, fühlte ich trotz schweißbedeckter Stirn den Frost: Ein Fehler, und alles ist aus.
    Dann hörte ich Teth wieder, er schrie gegen den Sturm, das Dröhnen der überlasteten Motoren an: „Beth, zurück, sofort zurückkommen, Beth, zurück!“
    Ich dachte nicht daran, ich kämpfte! „Warum? Warum?“ rief ich.
    „Beth! Zurück! Delth ist tot! Delth ist tot!“
    „Was?“ Ich wollte es nicht fassen, sie konnten gar nichts wissen, der Kontakt war unterbrochen, nichts konnte Delth auslöschen. Er saß kämpfend, schwitzend in seinem Lander, so wie ich in dem meinen.
    „Der Lander ist explodiert. Beth! Sofort zurück! Delth ist tot…!“ Als sei ich taub, schrie er es immer wieder.
    Schlagartig riß ich die Höhensteuerung herum. Der Andruck raubte mir fast die Sinne. Meter um Meter schraubte sich der Lander höher, dann, völlig außer Atem, sah ich wieder den geliebten klaren Himmel der Sterne.
    Parallel, wie wir gestartet waren, landeten Alfa und ich. Betäubt stieg ich aus meinem Lander, wartete vor ihrem. Sie kam nicht. Ich stieg hinein, sie lag schluchzend auf der Steuerung. Ich strich ihr über den Kopf, versuchte etwas zu sagen.
    Ilona schob mich zur Seite. „Sie hat durchgehalten bis zum Schluß…“
    Dann injizierte Ilona ihr durch die Plasthaut des Skaphanders ein Beruhigungsmittel. Wir öffneten die Verschlüsse, nahmen ihr den Helm ab, zogen an den Skaphanderarmen. Völlig unbeteiligt wie eine Ankleidepuppe stand Alfa da, hob auf unseren Befehl mechanisch den Fuß, daß wir die Schuhe lösen konnten. Endlich lagen der Leichtskaphander, ein Bündel Vielschichtfolien, Elektronik, Pneumatik auf dem Boden. Ilona umarmte Alfa und führte sie in ihre Kabine. Als ich Gamma, die immer noch in der Flugleitstelle saß, fand, hatte sie verweinte Augen.
    Die genauen Umstände von Delths Tod haben wir nie erfahren. Der nächstgelegene Vulkan konnte den Lander kaum mit Lavaströmen bedeckt haben — es würde in diesem Falle auch länger gedauert haben, bis die Treibstoffvorräte explodierten. Ob eine Überlastung der Grund war? Wir konnten es nicht überprüfen. Von dem Lander wurde nie das geringste metallene Bruchstück gefunden.
    Unabhängig voneinander kamen Gamma und ich zu ein und derselben Vermutung, wenn wir uns in Delths Situation versetzten: Der Lander steckt fest, du kannst ihn nicht mehr verlassen, mußt aber annehmen, daß ein Gefährte einen selbstmörderischen Rettungsflug unternimmt — was hättest du in dieser Situation unternommen? Es ist nicht leicht, einen Lander zur Explosion zu bringen, aber in diesen Dingen war Delth beschlagen.
    Eine Spekulation, die wir niemandem mitteilten und die für alle Zeiten unbestätigt bleiben wird. Denn Delth ist tot, tot, tot. Selbst meine Erinnerung an ihn verliert mit den Jahren an Schärfe. Und sein Bild hat sich in den Köpfen meiner Geschwister gewandelt. Nie wurde er mehr als unser Kommandant anerkannt als jetzt. Aber ob unsere fernen Nachfahren noch wissen werden, woher der Name stammt, den der größte Ozean des Planeten trägt? Für mich jedoch gibt es kein Andymon ohne Delth.

Ich hasse Andymon

    Delths Tod ließ uns nicht nur trauern, er war ein Schlag gegen unsere kleine Gemeinschaft, von dem sie sich nie völlig erholte. Ein Platz in der früher oft so fröhlichen Runde am Speisetisch blieb frei — bald beteiligte sich auch Alfa nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten, und eines Tages fanden Gamma und ich, als wir zum Frühstück gingen, nur noch Zeth vor. Unsere Geschwister hatten den Anblick des einen leeren Stuhles nicht ertragen.
    Wir sahen einander oft tage- oder wochenlang nicht, wir vergruben uns in Arbeit oder Scheinbeschäftigung. Ilona fand Freunde in der Szadeth trat ein. Er trug auch im Schiff ständig kurze Hosen, obwohl die Temperatur in den Aufenthaltsräumen normalerweise zwanzig Grad Celsius nicht überschritt.
    „Hallo, Beth! Hallo, Gamma!“ sagte er. „Ich hatte keine Lust, über Intercom mit euch zu reden, wenn ich die paar Meter laufen kann.“
    „Ja, Szadeth, was gibt’s denn? Habt ihr die Pläne für den ersten Stützpunkt fertig?“ fragte ich aus reiner Höflichkeit.
    Er setzte sich mit größter Selbstverständlichkeit in unseren Schaukelstuhl und wippte darin. Die Vierzehnjährigen aus seiner, der sechsten Gruppe hatten sich mit der Planung des ersten Landeunternehmens auf Andymon eine logistische Aufgabe vorgenommen, die vielleicht über ihre Fähigkeiten ging - im Augenblick. Jahre verblieben, um auch das letzte Detail auszuarbeiten. Wenn sie nur nicht die Lust daran verloren, wie Alfa befürchtete.
    Szadeth schwang ganz nach vom und hielt inne. „Die Großen sind gemein! Es war unsere Idee, die Landung zu planen und wie man für die Fähren dann einen Landeplatz baut und das alles. Und jetzt fangen Cheth und mit ihm die gesamte fünfte Gruppe an, alles auszurechnen. Das ist gemein!“ Er- gab dem Schaukelstuhl einen Stoß und wippte von neuem. Eine Sandale rutschte ihm vom Fuß, die andere hielt er mit den bloßen schwarzen Zehen krampfhaft fest.
    „Und weshalb kommst du damit zu mir?“ fragte ich. „Ihr müßt euch selbst gegenüber der fünften Gruppe durchsetzen. Ihr habt doch Argumente und Münder zum Reden.“
    Ich verstand tatsächlich nicht, weshalb er sich ausgerechnet an mich wandte. Mit seiner und Cheths Gruppe hatte ich nur den normalen Kontakt, es gab kein Projekt, an dem ich gemeinsam mit ihnen arbeitete. Aber Szadeth hatte mich zu seinem Fürsprecher ausgewählt, und wenn es ihm schon nicht gelungen war, die fünfte Gruppe zu überzeugen, so brachte er es immerhin fertig, mich zu bereden. Ich mußte ihm versprechen, mit ihm morgen Cheth aufzusuchen. Als er endlich ging, stöhnte ich laut.
    Gamma lachte und gab mir einen Kuß. Ich wollte ihre sehr angenehmen Tröstungen gerade voll auskosten, da meldete sich Jota über das Intercom. Ihr fiel gar nicht auf, daß ich sie nicht wie sonst freundlich grüßte. Sie befand sich im Biolabor, in dem sie Gerüchten zufolge sogar manchmal schlief. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich nicht die gewohnte Sorge um ihre Superalge und die Andymonatmosphäre ab, sondern Freude.
    „Bist du allein?“ fragte sie unvermittelt.
    Gamma antwortete an meiner Stelle.
    „Das macht nichts“, sagte Jota unverblümt, „ich will nur nicht, daß es sich jetzt schon herumspricht.“
    „Was?“ fragten Gamma und ich wie aus einem Mund.
    Jota holte weit aus, berichtete zum x-tenmal von ihren Warnungen und Befürchtungen. Ihre Arbeitsgruppe hatte Alfas und meinen Lander nach der mißglückten Rettungsaktion beinahe völlig auseinandergenommen auf der Suche nach möglicherweise eingedrungenen Atmosphäre- und Algenproben. Wieso sie überhaupt etwas finden konnten, blieb mir ein Rätsel. Genau und umständlich schilderte Jota ihre Tests mit den wenigen Milligramm erhaltenen Materials und ihre überraschenden Ergebnisse.
    Ungeduldig trat ich von einem Bein aufs andere.
    „Es scheint so, als ob die Mutante mit der höchsten Stoffwechselaktivität sich gegenüber den anderen durchsetzt. Sie würde die Atmosphäre in kürzerer Zeit als vorgesehen umwandeln. Zahlen wage ich hier nicht zu nennen. Das bleibt alles Spekulation, bis wir weitere Proben und atmosphärische Meßwerte haben. Trotzdem: zum erstenmal eine positive Nachricht vom Planeten. Aber bitte, macht weder euch und vor allem nicht den anderen Hoffnungen. Die Sache muß unter uns bleiben. Es ist alles noch zu ungewiß, in ein paar Tagen, schlimmstenfalls Wochen, wissen wir mehr.“
    Wenn es noch nicht soweit ist, weshalb sagst du es dann uns? wollte ich fragen, doch da hatte sie das Intercom bereits ausgeschaltet.
    „Hört sich ja sehr positiv an“, kommentierte Gamma.
    Auch ich war erfreut, doch zugleich verwirrt. „Also, Gamma, ich begreife das nicht“, sagte ich, „jeder will irgend etwas von mir. Schön, ist interessant, aber weshalb wartet Jota nicht die paar Tage, bis das Ergebnis sicher ist? Ja, und neuerdings spielt mir jeden Morgen ein Spaßvogel die kurzgefaßte Beschreibung des Schiffszustandes auf den Display. Und Fith beschwert sich bei mir, daß sich die vierte Gruppe auf Gedon von den anderen absondere und es keinen Spaß mehr mache, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Was soll ich damit? Und Alfa liegt mir immer mit ihren Stimmungen in den Ohren. Ja, sie hat Delth verloren, und ich verstehe, daß sie sich mit irgend jemandem aussprechen muß. Aber kann sie nicht auch mal mit einem anderen reden? Jetzt Szadeth mit den völlig normalen Kabbeleien der Kleinen. Ich sehe es kommen, nächstens klopft ein Guro oder, noch besser, eine Ramma und beklagt sich, daß die Babys zuviel Unfug treiben!“
    Gamma lachte lauthals. „Mein armer Beth, ja, ich glaube, es kommen schwere Zeiten auf dich zu. Wenn dich sogar der Schiffscomputer entdeckt hat!“
    Ich schaute sie fragend an. Gamma kostete es aus, mich verwirrt zu sehen. Ich lief dreimal um unser Zimmer, setzte mich dann in den Schaukelstuhl. Nach Szadeth war jetzt die Reihe an mir zu wippen. „Schieß los“, sagte ich zu Gamma.
    Sie stellte die Musik leiser. Dann weihte mich Gamma in ihre Theorie vom Reservemann Beth ein. Sie versuchte, mir die Rollen, die unseren Geschwistern aus der ersten Gruppe zufielen, zu erläutern: Alfa als „Gruppenmutter“, Zeth als „relativer Einzelgänger“ und „geborener verbissener Techniker“ und so weiter. Es klang mir zu einfach, und doch, einen Zipfel der Wahrheit hatte sie unbedingt erhascht.
    „Du hast vergessen zu erwähnen, daß Spekulationen aller Art deine Sparte sind!“ rächte ich mich.
    Mißbilligend blickte sie mich an. Sie trat an den Schaukelstuhl und stützte sich mit den Händen auf die Armlehnen.
    „Ruhig, du bist der Joker. Delth ist tot. Folglich übernimmst du Delths Funktion. Einer muß den Überblick haben. Beweis: der Schiffscomputer überspielt dir seinen Statusbericht. Er hat dich längst identifiziert, Kommandant! Und jetzt mußt du lernen, dieser Rolle gerecht zu werden.“
    Ich schluckte, sie gab mir einen Kuß auf die Stirn und nahm Abstand, um aus der Entfernung zu beobachten, wie ich ihre Beweisführung verdaute. Vieles ging mir durch den Kopf: Daß die Geschwister, wenn sie mich als Anführer wollten, mich wählen sollten, was aber irgendwie formal, eben irdisch im schlechten Sinne wäre. Daß ich sicher nicht so viel Vergnügen am Vordrängeln hätte wie Delth. Daß ich überhaupt nicht gewußt hatte, worin seine „Kommandantenpflichten“ bestanden, außer darin, bei unseren Versammlungen den Boß zu spielen. Daß eigentlich Gamma einen viel weitblickenderen Kommandanten abgäbe als ich.
    Mit gleichmäßigen Schaukelbewegungen tanzte das Zimmer auf und ab - Blumenbank und Intercom. Das Bücherbrett mit den selbstentdeckten und eigenhändig gebundenen Schätzen einer weit in Raum und Zeit entlegenen Erde. Gammas Bilder an den Wänden. Und sie selbst, immer noch ihren Triumph auskostend. Ich überlegte. Dann hielt ich mitten im-Schaukeln inne.
    „Weißt du, Gamma, unsere Geschwister sind jetzt so erwachsen, die brauchen keinen Anführer mehr. Bestenfalls einen Koordinator, eben einen, der über alles informiert ist, der Streit schlichtet, in extremen Situationen schnell eine Entscheidung trifft, aber hauptsächlich, wie Soll ich es ausdrücken, die Meinungsbildung organisiert. Auch wenn es mir nicht viel Spaß machen wird, ständig Kinderprobleme zu lösen.“
    Gamma nickte. „Du mußt es am Anfang ja nicht übertreiben. Ich werde dich schon anstoßen, wenn es nötig ist.“
    Gamma hatte recht, ich lebte mich schnell in meine neue Rolle ein. Und diese fraß den größten Teil meiner Zeit.
    Wenn ich zurückdenke, glaube ich, daß ich in den Jahren im Schiff Delth einigermaßen erfolgreich vertrat. Doch später! Ich betrachtete, sobald wir uns auf Andymon eingenistet hatten, meine Aufgabe als beendet. Waren die Geschwister nicht reifer, selbständiger geworden? Hatten sie nicht gelernt, miteinander zu arbeiten, zu lernen? Und schließlich kann man Kommandant eines Schiffs sein, nicht aber eines Planeten. Und doch, vielleicht wäre manches Problem nicht oder nicht so gravierend aufgetreten, wenn ich beizeiten auf alle Entwicklungen geachtet hätte. Aber dies sind jetzt müßige Spekulationen, und die sollte ich Gamma überlassen.

Explosion auf Gedon

    Die vierte Gruppe - von Mega und Alefth bis zu Vava und Zainth -kannte ich nur oberflächlich und hatte sie, die fünf Jahre Jüngeren, nie richtig beachtet. Sie hatten mit Eifer gelernt, die Totaloskope wie wir anderen benutzt, sie hatten uns bei der Konstruktion der Voraussonde unterstützt und waren uns bei genetischen Experimenten zur Hand gegangen. Wie hätte ich ahnen sollen, daß sie andere Wege suchen würden als wir, Wege, die ihnen weniger ausgetreten vorkamen, uns aber fremd blieben?
    Gamma und ich gingen gerade zum Biolabor, als uns Fith, mit seinen langen braunen Armen gestikulierend, entgegenstürzte.
    „Gut, daß ich euch treffe. Eine Explosion auf Gedon…“, stieß er erregt hervor und zeigte mit dem linken Arm in eine Richtung, in der sich der Mond aller Wahrscheinlichkeit nach nicht befand.
    „Verletzte? Warum hat der Computer keinen Alarm ausgelöst?“ Ich schob ihn vor mir her zur Zentrale.
    „Weiß nicht, es war seltsam, kein System scheint die Explosion registriert zu haben…“
    In der Zentrale nahm Gamma Platz und befahl einen Havariecheck sowie die Überprüfung der Positionen unserer Geschwister. Alles war völlig in Ordnung. Auf Gedon befand sich die gesamte vierte Gruppe.
    „Aber ich habe es doch gesehen“, beharrte Fith, „etwas muß explodiert sein, eine Rakete vielleicht…“ Er hob beschwörend beide Hände empor.
    „Schon gut“, sagte ich, „kein Grund zur Aufregung, jetzt erzähl uns mal genau…“
    „Also, ich saß hier, hatte Gedon auf dem Bildschirm, und plötzlich ein heller Blitz.“
    „Wir können uns die Bilder ja noch einmal ansehen, sie werden doch gespeichert“, sagte Gamma.
    Gedon stand als graugelbe Sichel vor dem Hintergrund der Sterne. Über die Hälfte des Mondes lag im Schatten. Wir warteten und schauten. Nichts passierte. Fith wurde immer nervöser, da geschah es endlich: Ein winziger Punkt am Schattenrand des Mondes überstrahlte für Sekundenbruchteile das Bild. Gamma spielte die Aufzeichnung zurück und zeigte die Explosion noch dreimal.
    „Aber das muß dort jemand bemerkt haben“, sagte Fith, nun sichtlich ruhiger.
    Wir riefen Gedon, es dauerte eine Weile, bis man sich meldete. „Hier spricht Daleta. Was wollt ihr denn?“ Ihr asiatisches Gesicht, dem Gammas sehr ähnlich, nur etwas breiter, war maskenhaft starr. Beim Sprechen bewegte sie die Lippen kaum.
    „Hallo, Daleta, wie geht’s euch auf Gedon? Wie kommt ihr mit der dritten Ausbaustufe voran?“
    „Planmäßig.“ Sie verschwendete kein überflüssiges Wort an mich.
    „Da war doch eine Explosion, erst vor ein paar Minuten? Habt ihr sie denn nicht bemerkt? Alles in Ordnung bei euch?“
    „Alles in Ordnung. Eine Explosion?“ Sie zögerte einige Sekunden. „Ja, Lastrakete RG 786.03. Ein Versagen der Reaktor Steuerung.“
    „Aber…“ Ich biß mir auf die Zunge, vor drei Minuten war der Havariecheck negativ ausgefallen, das bedeutete, daß auch keine Lastrakete… „Aber, bist du dir auch sicher? Und euch ist wirklich nichts passiert?“
    „Ja, natürlich nicht. Ist das alles?“
    „Genügt das etwa nicht?“
    „Gut.“ Ohne ein Wort des Grußes schaltete Daleta die Verbindung ab.
    „Die spinnt“, sagte Gamma und zog besorgt die Brauen hoch. Sie ließ einen neuen Havariecheck durchführen. Diesmal wurde die Explosion einer Lastrakete angezeigt. Gamma gab sich damit nicht zufrieden. Der Elektronenstrahl schrieb die lange Liste unserer Lastraketen auf den Display. Die meisten noch intakt, viele unterwegs. Einige ausrangiert, zerlegt oder auf Andymon verschollen.
    Und dann geschah vor unseren Augen etwas Seltsames. Die Beschreibung einer längst auseinandergenommenen Rakete wurde gelöscht, einen Augenblick gähnte ihre Zeile leer, dann erschien eine neue Eintragung. Unter der gelben Registernummer formten sich Worte, eine andere Rakete wurde beschrieben — und ihre Explosion vor wenigen Minuten. Wortlos schauten wir zu.
    Leise sagte Gamma: „Diese Daleta verdresche ich eigenhändig. Uns so eine Lüge aufzutischen.“
    Ich lachte, meine Gamma und jemanden übers Knie legen… Dann entschied ich mich. „Wenn sie die Computer manipuliert, dann müssen wir eben persönlich nachschauen. Einverstanden?“
    Fith war aufgesprungen. „Darf ich mit?“ fragte er, und sein schlaksiger Körper geriet in Bewegung.
    „Was heißt hier mitkommen?“ Ich grinste ihn an. „Das ist doch dein Fall oder etwa nicht?“
    Fith steuerte stolz die Mondfähre. Der Flug dauerte mir zu lange. Ich überlegte, was die Ursache der Explosion gewesen sein könnte, wir hätten das Spektrum auswerten sollen. Dann dachte ich an Daleta, sie hatte sich so seltsam benommen — wie eine Figur aus einem Computerfilm. Ich fühlte es: Die vierte Gruppe war in Gefahr.
    Wir flogen dicht über der in Nacht versunkenen Oberfläche Gedons und so langsam, daß wir die menschlichen Bauwerke, aus denen hier und da Licht sickerte, von den zerklüfteten Felsen des Mondes unterscheiden konnten. Das Teleskop bestätigte den Eindruck der Bewegung: Roboter waren dabei, Masten zu errichten, die Struktur eines Minisynchrotrons fiel auf, überall das Filigranwerk der Technik. Beim Vergleich mit einer älteren Karte des Trabanten staunte ich über das Ausmaß der Veränderungen. Ein Automat wies uns ein, und wir landeten. Niemand schien sich um uns zu kümmern.
    Unsere Rakete stand in einer Reihe von Lastraketen, die entladen wurden. Drei Roboter sprangen aus der Ladeluke und eilten sofort zielstrebig auf die Gebäude zu, um an die Arbeit zu gehen. Große Blöcke komplizierter Apparaturen, lange Kolonnen von Containern.
    „Sieht aus, als wären wir nicht angemeldet“, sagte Gamma befriedigt.
    Sekunden später jagten wir in langen Känguruhsprüngen über die betonierte Fläche des Raketodroms. Wir steuerten auf die mir vertrauten Unterkünfte zu. Ohne aufgehalten zu werden, gelangten wir in die einstige Zentrale, jetzt offensichtlich außer Betrieb. Wir suchten die Gänge ab. Vor einer geschlossenen Tür knarrte uns eine Automatenstimme an: „Laufendes Experiment. Nicht stören. Laufendes Experiment. Nicht stören. Laufen… Begebt euch zum Aufenthaltsraum. Begebt euch…“
    Wir begaben uns. Mit unserem Eintritt flammte der große Videoschirm des Raumes auf. Daletas Kopf erschien. „Was wollt ihr hier? Weshalb stört ihr uns? Fliegt zurück!“
    „Also, nun mach mal einen Sprung ins Nichts, Daleta!“ Fiths Stimme überschlug sich fast. „Was soll der Schwindel mit dem Reaktorversagen? Was geht hier vor sich? Wo steckt ihr überhaupt?“
    Eine Störung ließ Daletas Kopf eine Sekunde flirren. „Gut. Ein Experiment ist etwas energiereich ausgegangen. Wir forschen hier. Wenn ihr schon keine Lust habt, Wissenschaft zu betreiben, dann hindert uns wenigstens nicht daran. Was wir tun, ist unsere An…“
    Gamma hantierte an den Kontrollen herum, Daletas Bild erlosch mitten im Satz.
    „Warum unterbrichst du die Verbindung, Gamma, ich versteh…“ „Wenn es dir Vergnügen bereitet, Fith, dich mit einem Computerprogramm zu unterhalten, einem ziemlich schlechten dazu, kann ich es ja wieder einschalten.“
    Wir setzten die Skaphanderhelme auf und trabten ins Freie. Andymon schien im letzten Viertel. Vorbei an mit Leuchtfarbe numerierten Bauteilen strebten wir auf den nächsten Bau zu, dessen Schleusengang offen vor uns lag. Doch ehe wir ihn betreten konnten, raste ein Roboter auf uns zu und versperrte den Weg. „Achtung! Gefahr für Menschen! Nicht betreten! Gefahr für Menschen!“ „Pah“, sagte Fith in sein Mikrofon, „die Gefahr möchte ich kennenlernen“, und er versuchte, den Roboter beiseite zu schieben.
    Der rührte sich nicht von der Stelle, und ein zweiter kam heran wie ein neugieriger Zuschauer.
    „Gut“, sagte Fith, „du bist stärker. Aber welche Gefahr lauert da drinnen?“
    „Gefahr für Menschen“, erwiderte der Roboter stur.
    „Also, du Blechkopf weißt es nicht. Geh hinein und stelle fest, um welche Art der Gefahr es sich handelt.“
    „Gefahr für Roboter“, versuchte der zu argumentieren, aber der Befehl überspielte seine Selbsterhaltung. Der Roboter kehrte nicht zurück.
    „Die können uns hier alles vorgaukeln“, bemerkte Fith und befahl dem offensichtlich für seinen Vorgänger einspringenden Roboter, uns zu begleiten. Ein wahrscheinlich überflüssiger Befehl.
    Wir waren kaum hundert Meter vorwärts gekommen, da flimmerte über einer nicht identifizierbaren Struktur vor uns ein dünnes blaues Wölkchen auf, strahlte zunehmend intensiver.
    „Gefahr!“ sagte der Roboter und schleppte uns, ehe wir es uns versahen, hinter einen massiven Mast.
    Er brauchte uns nicht zu erklären, um welche Art Gefahr es sich handelte, die an unseren Skaphandern angebrachten Geigerzähler schlugen an. Harte Gammastrahlung. Ich erhaschte einen Reflex des Wölkchens auf einer spiegelblanken Metallfläche. Es veränderte seine Form, schrumpfte und verpuffte dann. Offensichtlich wollte man uns von Gedon hinwegkomplimentieren.
    Als es verglüht war, verließen wir unsere Deckung, hüpften auf die nächste Konstruktion zu. Wenige Sekunden später wurden wir erneut Zeuge eines merkwürdigen Schauspiels. Ein neben der Sichel Andymons kaum zu erkennender haarfeiner Strich zog sich hinter einem Gebirge hervor schnurgerade ins All. Ein zweiter flammte irgendwo aus dem Kosmos heraus auf, schnitt den ersten. Den Bruchteil einer Sekunde lang blitzten beide Strahlen auf, tausendmal heller, brannten sich als Feuerschwert in unsere Retina ein.
    „Gefahr für Menschen“, kommentierte der Roboter.
    „Paß auf, du Hilfsguro“, fuhr ihn Fith ärgerlich an und fuchtelte mit den Armen, „wir spielen nicht mehr mit. Von jetzt ab kannst du ‚Gefahr für Menschen‘ schreien so oft und so laut, wie du willst. Nicht wir haben zu verschwinden, sondern diese Gefahren.“
    Gamma tauschte einen langen Blick mit mir, und ich wußte, was sie dachte: Wenn hier wirklich ein Computer durchdreht, kann es sein, daß er selbst Menschenleben nicht mehr respektiert. Wenn der vierten Gruppe etwas zugestoßen war…
    Schließlich fanden wir die gesuchte neue Unterkunft. Die Schleusentür wollte sich nicht öffnen. Erst als Fith auf die Türsteuerung einhämmerte, fuhren die Stahlplatten zur Seite. Fith sprach kein Wort und setzte auch den Helm nicht ab. Er mißtraute wie ich der Innenatmosphäre.
    Wir eilten durch die Gänge, schauten in die Zimmer. Sie waren bewohnt. Dann entdeckten wir die vierte Gruppe. Sie lagen in Formsesseln, und über ihre Schläfen stülpten sich schwere Adapter, wie sie in den Totaloskopen Verwendung fanden.
    „Tja, einen müssen wir wohl losmachen“, sagte Fith.
    Wie auf Befehl begann eine der scheinbar schlafenden Gestalten den Adapter abzulegen. Es war Daleta. Sie richtete sich ächzend in ihrem Formsessel auf. Ihre glatten schwarzen Haare hatte sie hochgesteckt, trotzdem reichte sie Gamma nur bis zur Schulter.
    „Warum verfolgt ihr uns, könnt ihr uns nicht in Ruhe lassen?“
    „Wir haben uns Sorgen um euch gemacht“, sagte Gamma in besänftigendem Ton.
    „Wir brauchen keine Rammas mehr!“ Daleta rieb sich mit beiden Händen die Augen.
    Gamma und ich setzten unseren Helm ab, Fith behielt seinen auf, man konnte nie wissen…
    Daleta lachte uns verärgert ins Gesicht. „Ihr habt ja immer noch Angst, ihr Helden, vor irgendeinem Computerphantom, das uns versklavt hat, vor einem Gruppengehirn, was? Keine Sorge, wir haben hier alles unter Kontrolle.“
    Gamma trat auf Daleta zu. „Sekunde“, sagte sie, zog einen Magnetsensor aus dem Futteral am Gürtel und fuhr damit langsam um Daletas Kopf. „Keine Elektroden drin“, verkündete sie trocken.
    Daleta atmete tief, um sich zu beruhigen, und sagte dann langsam: „Also, es war keine Lastraketenexplosion. Ich gebe es zu. Wir hatten etwas Pech mit einem Experiment.“
    „Das interessiert uns jetzt nicht mehr“, erwiderte ich.
    Fith stand schweigend mit geschlossenem Helm da und schaute zu.
    „Vielleicht kannst du uns erzählen, was ihr hier treibt“, fuhr ich fort.
    „Wir sind euch keine Rechenschaft schuldig, auch wenn ihr ein paar Jahre älter seid. Außerdem wißt ihr es nun.“
    Ich überlegte, ob Daleta und ihre Gruppe unser Kommen vielleicht provoziert hätten, sicherlich wäre es ihnen nicht schwergefallen, uns überzeugend abzuwimmeln. So aber… Ob sie die Aussprache wollten und bewußt oder unbewußt heraufbeschworen hatten?
    Daleta ereiferte sich immer mehr. „Ihr modelt ja nur an eurem Planeten herum. Und das dauert und dauert. Seht ihr denn nicht, daß ihr so nie zum Ziel kommt? Und wenn Tausende von Raumschiffen wie unseres von der Erde ausgesandt worden wären, die Galaxis läßt sich so nicht erobern, sie ist erloschen und ausgebrannt, ehe die Menschheit sie auch nur halb umrundet hat. Ihr seid schlicht langweilige Kleingärtner, phantasielose Bastler, wildgewordene Konstrukteure. Ihr habt noch kein einziges Elementarteilchen entdeckt, nicht eine Formel erfunden, die die Wissenschaft der Erde nicht schon vor Zehntausenden von Jahren kannte.“
    Ich hatte mein Erstaunen über die Heftigkeit ihres Ausbruchs überwunden, packte sie an den Schultern und rüttelte sie. „Daleta, hör mir zu, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Andymon bedeutet dir wohl nichts?“ Ich ließ sie wieder los.
    „Ach, Andymon…“ Die schnellen, fahrigen Bewegungen ihrer Finger machten mich ganz nervös. „Das ist ja nur ein Planet, einer unter Hunderten von Millionen. Wenn ihr ihn selit, vergeßt ihr alles andere, habt nur noch im Kopf, ihn zu einer imitierten Erde zu machen. Damit ihr euch dann auf das weiche Moos unter die schattenspendenden Bäume legen und pennen könnt. Euer Horizont ist doch nur dieser dreckige Planet.“
    „Ich verstehe dich nicht, Daleta“, sagte ich bestürzt, „unsere Kräfte reichen gerade für Andymon, und du erzählst von Millionen Planeten. Das ist Größenwahn.“
    „Damit will ich nur sagen, daß es mehr gibt als einen winzigen Planeten und daß wir nicht versauern wollen. Wir sitzen nicht im Schiff und drehen Däumchen.“
    Als ob wir Däumchen drehen würden. Langsam begann ich mich aufzuregen.
    „Was ist mit euch“, platzte Gamma in meinen Ärger herein, „das ist doch keine normale Mittagsruhe?“ Sie wies auf die sieben scheinbar schlafenden Gestalten mit den Adapterhauben auf dem Kopf. „Ihr habt euch zusammengeschaltet, was? So wie man Totaloskope zusammenschalten kann! Ihr habt eure Gehirne vereinigt!“ Gamma fragte nicht mehr, ihre Stimme klang von Wort zu Wort sicherer.
    Daletas breites Gesicht lief rot an. „Ja doch. Ein menschliches Gehirn hat einfach nicht genug Kapazität. Wenn ihr euch anschließen wollt, dann hätte aller Streit ein Ende, dann würdet ihr begreifen, was ich nur so unvollkommen ausdrücken kann.“ Sie ergriff Gammas Hand.
    „Nein, danke. Ich weiß, wie es ist; ich war einmal mit Beth zusammengeschaltet. Ich will eine Person bleiben, meinen eigenen Willen behalten.“
    „Schade“, sagte Daleta, dann schaute sie forschend Fith an.
    Fith hob abwehrend die Hände und stammelte: „Du, du bist wohl verrückt.“
    „Daleta — ich finde das weder natürlich noch menschlich.“ Ich schaute ihr in die schmalen Augen. Ihr Blick hielt dem meinen stand. „Fühlst du denn nicht, jetzt, wenn du keinen Adapter auf hast, daß euer Übergehirn euch gänzlich aufsaugt? Oder…“ Ich beobachtete ihre Pupillen genau, sie schien unter keinem posthypnotischen Befehl zu stehen.
    „Ich fühle mich einsam, laßt mich, ich will zurück.“ Sie griff enttäuscht nach ihrem Adapter.
    „Daleta, was wird aus diesem Mond? Was werdet ihr tun? Könnt ihr denn Andymon ganz vergessen?“
    „Euer Planet langweilt mich. Und der Mond gehört uns - und die Technik darauf, das ist unser Anteil am Erbe des Schiffs. Könnt ihr nicht Ruhe geben?“
    „Aber wir brauchen auch die Ressourcen von Gedon, es ist alles auskalkuliert, ihr könnt uns nicht im Stich lassen.“ Ich hatte sie wieder an den Schultern ergriffen, sie entwand sich mit einer geschickten Bewegung.
    „Was ihr unbedingt benötigt, werden wir euch nicht verweigern.“ Sie legte sich hin und setzte den Helm auf. Ihre Züge entspannten sich.
    Wir blickten uns an. Fith gestikulierte wie ein Signalmast. „Aber das geht nicht, wir können sie nicht so liegenlassen. Wir müssen sie retten!“
    „Wir können nichts und niemanden retten. Hier ist alles unter ihrer Gewalt. Du könntest sie töten — wenn du eingreifst.“
    Fith blickte wild um sich.
    Wir gingen. Und sprachen kein Wort mehr, bis wir in der Fähre saßen. Dort brach Fith das Schweigen. „Das war sehr dumm von mir, daß ich vor ihren Ohren davon geredet habe, nicht wahr?“
    „Nein doch“, sagte Gamma, dann räusperte sie sich. „Wir dürfen nichts tun, nichts gegen ihren Willen. Irgendwann einmal wollten sie es so, haben die Schaltung aufgebaut als neuen Kitzel vielleicht gegen die Langeweile des Wartens. Und Daleta stand unter keinem fremden Einfluß.“
    „Ich begreife das nicht“, Fith schüttelte seine krause Mähne, „ich begreife das nicht.“
    „Vielleicht“, spekulierte ich mutwillig, um meine Machtlosigkeit zu überspielen, „vielleicht ist das die Zukunft des Menschen, die intellektuelle Leistungsfähigkeit potenziert sich beim Zusammenschalten. Wer weiß, in ein paar Jahren sind sie uns allen über, und dann werden wir sie nachahmen.“
    „Niemals“, preßte Fith zwischen den Zähnen hindurch, „niemals. Ohne mich.“
    Schweigend steuerten wir das Schiff an. Der Hangar, die leicht gewölbten Korridore, das alles strahlte Ruhe und Geborgenheit aus.
    Fortan ignorierten wir die vierte Gruppe, es sei denn, wir benötigten Material von Gedon. Wie Daleta versprochen hatte, bekamen wir es pünktlich.
    Es vergingen Jahre, bis ich den Kontakt zu den Geschwistern auf Gedon zum zweitenmal auf nahm.

Für tausend Tage eine Nacht

    Von Monaten, die nur mit unablässiger, eintöniger, höhepunktloser Arbeit ausgefüllt sind, bleibt nicht viel in der Erinnerung, es sei denn ein fades Gefühl. Einem solchen Zeitraum hatte Eta — wer sonst als Eta? — versucht, ein wenig Glanz zu verleihen.
    Schon die Einladung entsprach ihrem Stil. Ein Serviceroboter klopfte an unsere Tür, was gewöhnlich weit außerhalb des Aufgabenbereiches dieser Automaten lag, und überreichte mit blankgeputzten Zangen ’. Neugierig öffnete ich den Umschlag und entnahm ihm eine Karte. Sie war goldumrandet und trug in violetter Tinte eine steile, akkurate Handschrift:
    EINLADUNG
    In unsrer Welt, nur „Schiff“ genannt, sind rastlos wir im Kreis gerannt tausend Tage — ohne Frage:
    Jetzt wird erst einmal ausgespannt.
    19 UHR - PAPAGEIENFELSEN - ETA und ZETH
    Es gab kein anderes Gesprächsthema bis zum Abend, und Eta und Zeth ließen sich wohlweislich nicht sehen. Welche tausend Tage? rätselten wir. Eine neue, eigenwillige Zeitrechnung, deren Bezugspunkt nicht auf der Hand lag. Tausend Tage, das sind nicht ganz drei Jahre, wir rechneten zurück: die Aussaat, der Beginn der neuen Zeit für Andymon!
    Zur festgesetzten Stunde trafen wir einzeln, in Paaren oder in kleinen Gruppen im Naturpark ein und begaben uns erwartungsvoll zum Papageienfelsen. Dort empfing uns Eta, sie war völlig unbekleidet, abgesehen von einer gelben Blüte in ihrem Haar.
    „Hallo, Gamma, Beth. Kommt, zieht euch aus, wir planschen ein wenig. Und mit sauberen Ohren hört ihr die Musik dann besser.“ Unterhalb des Felsens befand sich ein großes, halbmeterhohes Plastbassin, das eigens für diesen Abend aufgestellt worden war. Wir legten unsere Kleidung ab und stiegen zu der dritten Gruppe, die vor uns gekommen war, in das heiße Wasser, über dem Dampf aufstieg. Nach und nach füllte sich das Bad, ich glaube, es fehlte niemand bis auf die vierte Gruppe — und Delth. Die Jüngsten waren schon vor uns im Bassin gewesen und tollten bereits wieder auf der Wiese.
    Eta erhob sich aus dem Wasser, die Gespräche verstummten. Betont geziert sagte sie: „Ich begrüße euch, verehrte Geschwister, zu unserer Tausendtagesfeier. Das heilige Wasser des Bades soll eure müde Haut vom Schweiß und Staub dieser Tage reinigen und euren schwieligen Geist von der Mühsal und Plage.“
    Wir lachten. Wohlig drang die Wärme in unsere ausgestreckten Gliedmaßen. Wir schauten auf die bewegte Oberfläche des Wassers, auf die Geschwister und in die Weite des Naturparks. Mit der Wärme strömte Ruhe auf uns ein, mit dem Körper wurden auch die Gedanken träge. Alles abstreifen! Die Arme hängenlassen, die Muskeln erschlaffen lassen! Die Augen schließen und den zarten, kaum wahrnehmbaren Duft des Wassers - und der Erde, der Gräser, der Bäume um uns riechen. Wir sind alle eins und eins mit dem Schiff.
    „Beth, schläfst du?“ Gamma hielt mir ein Glas unter die Nase. „Hier, trink davon, das ist gut. Eta hat sich wirklich was ausgedacht.“
    Der mit einem Schuß Alkohol versetzte Orangensaft schmeckte ausgezeichnet. Und nun bekam ich auch Hunger.
    Einer nach dem anderen verließen wir das Bassin und frottierten uns mit müden Armen trocken. Wir krochen nicht wieder in die vom Schweiß und Staub der tausend Tage durchdrungene Kleidung. Eta und ihre Helfer hatten vorgesorgt: In der Wiese lagen weite, lange Gewänder im Farbton der Blüte in Etas Haar, und die Gewänder trugen auf der linken Seite in schwarzen Lettern unsere persönlichen Symbole. Nachdem ich mich angekleidet hatte, sah ich mich suchend nach Gamma um und bemerkte dabei Eta, die auf einem Felsvorsprung saß und zufrieden lächelnd auf die gelben Gestalten herabschaute, die ausgelassen auf der Wiese herumsprangen.
    Direkt am Felsen stehend, verteilte ein Guro Sandwiches und Getränke.
    „Na, Guro“, scherzte ich mit ihm, „so sieht man die Kinder wieder, groß und eigensinnig. Und man selbst wird nur noch als Butler gebraucht.“
    „Komm“, sagte Gamma zu mir, „sonst antwortet er noch: Ja ja, so ist das Leben.“
    Der Guro reichte uns Käsesandwiches und sagte ganz wie in alten Tagen: „Stopft euch jetzt nicht voll, nachher gibt es auch noch etwas. Merke: Voller Magen hört nicht gut.“
    Allmählich versammelten wir uns gegenüber den großen Lautsprecherboxen, die Zeth für Eta aufgebaut hatte. Sie selbst stand auf einem flachen Podest vor der elektronischen Steuereinrichtung, zu der mehrere Manuale gehörten. Lebhaft winkte sie mit beiden Armen, an denen die weiten Armei hinabglitten. Nur die Geräusche des Naturparks, der Wind, die entfernten Laute des großen Waldes waren zu hören. Wir nahmen Platz im warmen Gras.
    „Bitte, Zeth!“ sagte Eta.
    Er, der neben einer Lautsprecherbox stand, zeigte das glücklichste Lächeln, das ich je auf seinem Gesicht gesehen hatte. In den Händen hielt er ein winziges Kästchen. Plötzlich leuchtete die Naturparksonne einen Sekundenbruchteil grell auf, daß das Haar auf den Köpfen der Geschwister vor mir bleich war und die Dinge ihre Kontur verloren.
    dann starb ihre Helligkeit dahin, bis nur ein rötlichwarmes Dämmerlicht blieb; viel zu dunkel für die Tageszeit.
    Aus der Dämmerung, die alles umhüllte, unwirklich und unwichtig scheinen ließ, drang Etas Stimme. Sie machte uns geradeheraus mit der Tatsache bekannt, daß es schon vor ihr Komponisten gegeben habe — auf der Erde — und erklärte dann, daß sie nicht beabsichtige, uns mit wesentlich mehr als tausend Takten Musik zu überfordern. „Ich mache mir’s nun ein Weilchen bequem. Was ihr jetzt hört, ist eine echte Aufzeichnung einer uralten Aufführung direkt aus den Speichern des Schiffs. Vielleicht helfe ich eurer Phantasie auf die Sprünge, wenn ich euch sage, daß diese Musik anläßlich eines Friedensfestes entstand.“
    Ich schloß die Augen, um alles zu vergessen außer den feierlichen und zugleich so fröhlichen Tönen, die weit durch den Naturpark drangen. War es nicht eine Freude, zu leben? Umgeben von Freunden, ein Ziel vor Augen? Ich fühlte mich so heimisch, so sicher. Vor meinen geschlossenen Augen tanzten bunte Kreise, rote, grüne, in den Klang der Musik mischten sich ferne zischende und fauchende Geräusche. Ich blickte auf: Licht tropfte vom Himmel, Meteore schossen zuerst, von einem goldenen Schweif getragen, empor, zerplatzten dann in einem bunten Regen. Unsere kleinen Geschwister jubelten und eilten, die fallenden Sterne einzufangen. Die klare Musik, das klare Licht, tausend mühselige Tage hatten sich für diese eine glanzvolle Nacht gelohnt. Dann waren die Gedanken verflogen, und meine Sinne empfanden nichts anderes als dieses Schreiten von Ton zu Ton, dieses Gleiten von Feuerkugel zu Feuerkugel. Mit einem letzten feierlichen Klang erstarb die Musik.
    Ehe ich wieder zur Besinnung kam, redete Eta schon: „Und nun, ohne Feuerwerk, eine indianische Impression von den unheimlichen Lauten des irdischen Urwaldes.“
    Der Kontrast, der schmerzlich grelle Kontrast, hätte nicht größer sein können. Eine Stimme, schrillste Höhen erklimmend und in dröhnende Tiefen hinabsinkend, bald zärtlich, bald von explodierender Gewalt, beschwor den wildesten Dschungel. Papageien schwirrten auf und flogen vorbei, die uralten Bäume raunten sich ihre Geheimnisse zu, und tief im Sumpf schrien dessen amphibische Bewohner. Mir war, als erlebte ich meine kindlichen Wanderungen durch den dichtesten Naturparkwald noch einmal und sähe dabei doch alles ganz anders. Schon glaubte ich, die Töne der irdischen kunstvollen Dschungelwelt, die so seltsam sich mit unserer vereinten, verebbten, da brachen sie mit kreatürlicher Unmittelbarkeit von neuem los, ehe sie endgültig verstummten. Ja, dachte ich, von dort kommen wir -dann war es vorbei.
    Diesmal wußte Eta länger zu warten.
    „Wie ihr mich kennt, hebe ich das Beste bis zum Schluß auf. Zumindest das Beste, das je mit Unterstützung des Schiffscomputers komponiert wurde. Das Stück heißt ‚Tausend Tage‘. Es kommt frisch vom Band — mehr als die erste elektronische Orgel kann ich mit meinen zwei Händen nicht spielen. Dafür wird Zeth mich begleiten.“ Sie blickte verschwörerisch lächelnd zu ihm hinüber.
    Zeth — ich staunte, unvorstellbar, daß dieser auch nur einen einzigen richtigen Ton treffen würde.
    Knallhart setzten die synthetisierten Töne Etas ein, jagten voran. Sie saß an der elektronischen Orgel, ihre Hände flogen über die Manuale. Im sich überstürzenden Rhythmus der Musik flackerte unser Tageslicht. Zeths Begleitung! Die Sinustöne schwollen an und verloren sich in Oberschwingungen.
    Bei geschlossenen Augen, um unter Zeths optischen Schlägen weniger zusammenzuzucken, versuchte ich, die Disharmonien in Bilder umzusetzen. Tausend Tage in der Puppenhülle des Schiffs, die wir bereit waren abzustoßen. Tausend Tage im ungewissen, ob unsere Arbeit Früchte tragen würde. Tausend Tage fern von Andymon. Das Ziel Andymon selbst in Frage gestellt. Mit der Musik drehten sich meine Gedanken im Kreis, einen Moment sah ich das Schiff sich vervielfachen, nein, das All voller Schiffe wie das unsrige, uralten und welchen, die gerade gebaut wurden, aber ehe ich noch die Bedeutung des Bildes erhaschen konnte, zerbrach es unter einem Schwall von Tönen. Dann brach der Boden unter mir auf, und alles endete in barmherziger Dunkelheit. Sie blieb noch eine Weile über uns hängen, dann beleuchtete Zeth den inneren Hohlraum unserer Welt wieder.
    Gamma blickte mich blinzelnd an und zog die Achseln hoch. Die Geschwister um mich schienen ebenfalls ratlos. Erwartungsvoll stand Eta vor ihren Geräten. So laut ich konnte, klatschte ich in die Hände, nach einer Sekunde folgten mir Alfa und Gamma, dann die anderen. Sollen zukünftige Kritiker über Etas Opus urteilen, wir durften sie nicht ohne Beifall auf dem Podest stehenlassen.
    Beim anschließenden zweiten Imbiß zog ich Zeth und Eta zur Seite und fragte sie eindringlich, ob es möglich wäre, das erste Stück und das Feuerwerk zum Abschluß des Abends zu wiederholen. Eta nickte, vielleicht entnahm sie meinen Worten mehr, als ich sagen wollte.
    Später entdeckten wir, daß sich der Naturpark in Aufruhr befand. Wolken von Vögeln flatterten über den Bäumen. Aus dem Urwald klangen lauter als sonst die Schreie der Tiere. Nicht in hunderttausend Tagen hatte es eine derartige Unruhe im Inneren des Schiffs gegeben.

Ausreißer

    Über vier Jahre umkreiste das Schiff schon Andymon, lang genug, um die Besitzergreifung des Planeten gründlich vorzubereiten: durch Bergwerke und Materiallager auf den Monden und durch Pläne von der Errichtung der ersten Siedlung bis zur Infrastruktur ganzer Kontinente. Ständig kamen die Geschwister auf neue Ideen, gerade jetzt hatte Teth die Architektur einer Millionenstadt entworfen. Ein Zuviel an Plänen — aber so war unser Warten zielgerichtet ausgefüllt.
    Startbereit zum großen Einsatz, konnten wir Andymon betrachten. Der Planet, so greifbar nahe, füllte gewöhnlich alle Bildschirme und blieb doch unzugänglich, als wäre er Lichtjahre entfernt. Nur selten wurde ich gefragt: „Beth, wie lange dauert es noch?“, denn das Warten war uns in den Jahren zur Gewohnheit geworden.
    Samecha, die Kleine aus der fünften Guppe, stellte mir diese Frage einmal, als ich sie dabei überraschte, wie sie ein Bild malte: Andymon nach ihren Wunschvorstellungen.
    Ich muß sie verblüfft angesehen haben, denn ich kannte sie noch als rotznasige Range, die lieber mit den Affen in den Bäumen turnte als lernte, und nun hatte sie sich in den Jahren im Orbit in ein hochgeschossenes Mädchen verwandelt. Ihre braune Haut bildete mit dem dunklen Haar einen lebhaften Kontrast zu hellen blaugrauen Augen.
    „Du weißt“, antwortete ich wie immer auf diese Frage, „das hängt davon ab, wie schnell sich die Atmosphäre verändert. Wenn wir Glück haben, noch ein Jahr, wir werden es an den Parametern ablesen.“
    „Ich habe so viele Lernprogramme mit Tests abgeschlossen“, sagte sie anklagend, „ich weiß alles über Geologie und Ökologie, über Konstruktionstechnologie und Roboterstrukturen. Alle Vorbereitungen für die erste Siedlung sind fertig, und auf Ladym stehen Hunderte von Maschinen bereit — nur der Planet trödelt noch. Ich habe keine Lust, Sachen zu lernen, die ich nicht brauchen werde. Lieber lasse ich mir neue Ölfarben hersteilen und male, was mir einfällt.“
    Das von grellen Farbtönen strotzende Bild zeigte nicht gerade die Perfektion geübter Pinselstriche, es war in jeder Beziehung naiv, auch im besten Sinne: Es stellte die heile Welt unserer computergestützten Entwürfe dar, mit viel klarem Himmel, viel Grün, mit uns und unseren zukünftigen Häusern. Und inmitten des Dörfchens stand, alles überragend, ein hoher Baum. Hundert Jahre alt mindestens. Ach, Samecha, dachte ich, sosehr ich wünsche, daß sich deine Träume verwirklichen, diesen Baum wirst du nie erleben.
    Sie war meinem Blick gefolgt. Ich seufzte und sah ihr an, daß jedes Wort über ihr Bild überflüssig war. „Du wirst nie genug gelernt haben, Samecha“, sagte ich etwas gestelzt, „und der Planet wird uns noch manchen üblen Streich spielen. Und Maschinen werden wir nicht Hunderte brauchen, sondern Tausende. Glaubst du, ich warte gern?“
    „Man könnte ja schon mal versuchen? Vielleicht ist es da unten gar nicht mehr so schlimm..
    Ihr Blick fing mich ein, ich mußte lächeln. „Samecha, wir haben vor drei Jahren beschlossen, erst dann zu landen, wenn…“
    „Das ist schon so lange her, ich weiß gar nicht, ob ich dabei war. Können wir nicht neu beschließen?“
    Ich lachte laut heraus, antwortete dann aber ernst: „Du weißt, wie Delth gestorben ist.“
    Sie nickte. Als ich den Raum verließ, murmelte sie jedoch: „Immer Delth!“
    Die nächsten drei, vier Tage traf ich sie nicht und vergaß unser Gespräch. Aber bald sollte ich wieder daran erinnert werden. Ich war eben mit der Morgenwäsche beschäftigt, da rief Myth über das Intercom: „Kommt alle schnell in die Zentrale!“
    Kein Wort darüber, worum es sich handelte. Ich vermutete einen seiner handfesten Scherze.
    In der Zentrale herrschte Aufruhr. Der Hauptschirm zeigte die Oberfläche Andymons. „So eine Eigenmächtigkeit!“ hörte ich. Und: „Nur gut, daß ihnen nichts passiert ist.“ — „Warum hat mich niemand informiert, daß es soweit ist?“ — „Gelandet, wer ist gelandet?“
    Ich wunderte mich nicht, Samechas Namen zu hören. Zusammen mit Lameth, Teta und Cheth, Geschwistern aus ihrer Gruppe, hatte sie genau die für den Landungstag geplante Aktion durchgeführt. Zwei Lander und ein mit Robotern und Material beladener Lastgleiter standen nun auf dem seit langem ausgewählten, besonderen Schutz bietenden Hochplateau.
    Noch während ich mich orientierte, wischte eine Erkenntnis meinen Ärger weg: Die fünfte Gruppe hatte ihr Gesellenstück geliefert, nun waren sie uns gleichwertig.
    „Ganz akkurat, absolut präzise sind sie gelandet“, informierte mich Gamma mit einem anerkennenden Unterton.
    „Ist alles für eine Rettungsmission vorbereitet?“ fragte ich und blickte mich um.
    „Nein? Dann, Teth, übernimm die Kontrolle, Zeth und Lambda in die Skaphander, haltet euch bereit! Ich glaube aber nicht, daß ihr starten müßt.“
    Die ferne Kamera strich über Andymon, der Gleiter und ein Lander kamen ins Bild. Nur wenige Sandschwaden zogen vor ihnen vorbei. An einigen Stellen des Bodens erkannte ich die charakteristischen grünen Flecken von Algenschleim.
    „Alle Systeme arbeiten einwandfrei.“ Eine Stimme meldete sich aus dem Lander. „Die Wetterlage ist stabil, Bebenvorhersage negativ. Wir beginnen mit Konstruktionsphase eins. Vivat Andymon!“
    Eine Sekunde war es ganz ruhig, dann kam Leben in die Zentrale. „Wie sind denn die Parameter für die Atmosphäre? Ich habe gar nicht gewußt, daß es schon so günstig aussieht?“ Eta stellte die im Raum schwebende Frage.
    „Es fehlen noch zwei Zehntel“, antwortete Jota.
    Ich hatte vor zwei Wochen das letzte Mal die Daten abgefragt und errechnet, daß es noch mindestens ein halbes Jahr dauern würde, bis wir unseren Fuß zum zweiten Mal und endgültig auf den Planeten setzen konnten.
    Xith erregte sich lautstark „Sie müssen sofort zurückkehren. Wir befehlen ihnen, daß sie sofort starten, nicht wahr, Beth?“
    „Setzt euch erst mal“, sagte ich, um mehr Ruhe in die Zentrale zu bringen, und nahm selbst Platz, drehte den Sessel aber so, daß ich nicht die Instrumente anblickte, sondern die Geschwister. „Bitte, Jota.“
    „Also atembar ist die Atmosphäre auf keinen Fall - das kann noch auf Jahre so bleiben —, aber wir hätten längst darüber diskutieren können, ob sich die Landung nicht hätte vorziehen lassen.“
    „Du meinst, wir haben uns zu sehr an das Warten gewöhnt?“ unterbrach Xith sie. „Ich nicht!“
    „Teta und Samecha“, meldete sich Mema, die ihre Geschwister kennen mußte, „die geben nur auf, wenn es da unten auf dem Planeten absolut unerträglich wird.“
    Ich nickte; mir war längst klargeworden, daß meine „Befehlsgewalt“ hier versagte. Dabei erwarteten die Geschwister von mir, daß ich handelte und nicht einfach beide Augen zudrückte.
    Gamma, die mich beobachtete, kam mir genau im richtigen Zeitpunkt zu Hilfe. Gemeinsam — aber auch nur gemeinsam — gelang es uns, Delth zu ersetzen.
    „Eigentlich könnten wir ihnen dankbar sein. Wenn sie durchhalten, werden wir alle eher auf Andymon landen. Ich bin dagegen, ihnen die Rückkehr zu befehlen“, sagte Gamma.
    „Dieser Ansicht bin ich auch“, fügte ich schnell hinzu und konnte auf den Gesichtern der Geschwister fast ungeteilte Zustimmung ablesen. „Wir dürfen aber nicht vergessen, daß es sich hier um einen gefährlichen Alleingang handelt. Von einer Strafe halte ich nichts, das wäre auch eine interne Angelegenheit der fünften Gruppe, aber es ist klar, daß sie noch deutlich erfahren werden, wie wir derartige Einzelaktionen mißbilligen. — So, jetzt aber an die Arbeit! Ich glaube, eine ganze Reihe von Plänen müssen überdacht werden.“ Dankbar nickte ich Gamma zu.
    Noch während wir diskutierten, hatten auf Andymon unsere Geschwister und ihre Roboter, mit denen sie gewissermaßen Hand in Hand arbeiteten, einen provisorischen Hangar für den Lander errichtet. In den ersten drei Tagen gelang es ihnen, sich notdürftig einzurichten mit einem winzigen kuppelförmigen Stationsgebäude, einem Antennenmast, einem Windgenerator und einer halbautomatischen Wetterwarte. Dann kam ein Sturm auf, Schlammassen wälzten sich über die Ebene, es sah so aus, als würde der erste Versuch, einen ständigen Stützpunkt zu errichten, scheitern. Der Mast stürzte um, und viele Geräte versagten in der Nässe.
    Sobald der Sturm sich gelegt hatte, schickten wir einen bis obenhin vollgepackten Lastgleiter als Verstärkung.
    Andymon rief. Die Tage des Wartens waren gezählt. Der Ärger über die fünfte Gruppe war verflogen. Bei jedem ihrer Erfolge triumphierten wir im Schiff Gebliebenen, jeder ihrer Rückschläge bedrückte auch uns — vielleicht sogar stärker als sie.
    Nach drei Wochen brachte ein Lander Samecha ins Schiff zurück. Rote Flecken bedeckten ihre geschwollenen Hände. „Ich habe versucht, mit bloßen Händen draußen zu arbeiten“, erklärte sie, „einmal müssen wir doch damit beginnen.“
    Ich rief Samecha zu einem ernsten Gespräch, bei dem ich herauszufinden versuchte, warum sie den Beschluß der Geschwister so wenig respektiert hatte. Schließlich war ja damals um der Sicherheit willen so entschieden worden. Und wer sich gefährdete, gefährdete einen Teil unserer Gemeinschaft.
    „Beth, ich bin nicht so unwissend und leichtfertig, wie du annimmst“, antwortete Samecha überlegt. „Sag mir bitte, wie man sonst eine ein für allemal festgelegte und wissenschaftlich überholte Schranke überwindet? Auch du solltest etwas mehr Vertrauen in deine Kraft und Ausdauer haben, in deinen Erfindungsreichtum und dein Improvisationsvermögen.“
    Ich lachte versöhnt und klopfte ihr auf den Rücken.
    Heute bin ich sicher, daß wir ohne diese Einstellung, ohne diesen Pioniergeist, ja diese Verwegenheit, Andymon nie bezwungen hätten. Wer sich große Ziele setzt, muß nicht nur das nötige Wissen besitzen, er muß auch zu Risiken bereit sein. Und vielleicht ist diese Bereitschaft, die Brücken hinter sich abzubrechen und ins Ungewisse zu starten, das hervorragendste Kennzeichen unserer jungen Gemeinschaft. Ich hoffe, daß sie auch in ferneren und bequemeren Zeiten nicht verlorengeht.

Nachtschicht

    Gamma und ich flogen mit der dritten Ablösung auf den Andymon. Zu dieser Zeit stand bereits ein festes Gebäude, das war Unterkunft, Leitstelle, Minifabrik, Lager - alles in einem. Nach und nach wuchs um dieses Gebäude die künftige Siedlung, unsere Heimstatt auf Andymon. Auch eine Landebahn für Gleiter und Flugzeuge war schon errichtet und einige Hangars. Tag und Nacht hatten die Geschwister gearbeitet. Achtundzwanzig irdische Stunden mißt die Umdrehung Andymons, kein Wunder, daß uns Mensehen die Nachtschicht lang wurde.
    Wir standen am Fenster, die Kontrollpunkte interessierten uns nicht mehr, grüne Anzeigen, monotone Berichte erfolgreichen Fortschreitens der Arbeiten. Die Geschwister der Tagesschicht schliefen, die Zeit verstrich mit trister Langsamkeit. Wir schauten hinaus und konnten doch nichts erkennen. Ströme von Wasser flossen die Scheibe hinab, dahinter war es dunkel, nur hier und da quollen Lichtschemen auf und zergingen wieder. Einer der trockensten Plätze ganz Andymons — wer wollte das glauben?
    „Man könnte trübsinnig werden“, sagte Gamma, „selbst die Roboter arbeiten bei diesem Wetter langsamer.“ Sie lehnte sich an mich, und ich stützte mich am Plastrahmen des Fensters ab. Monoton summte die Elektronik. „Ich werde immer müder, dabei kann ich nicht schon wieder ein Anregungsmittel nehmen.“
    Sacht strich ich Gamma über das Haar. Andymon war weder erregend noch fesselnd, Andymon war trostlos. Ohne Abwechslung, ein Einerlei von Regen und Sturm, von Schlamm und Geröll.
    „Gehen wir spazieren“, schlug ich zu meiner eigenen Überraschung vor. Auf ihren fragenden Blick erklärte ich: „Ich kann nicht länger hier herumsitzen.“
    Gamma brachte nicht den Willen auf, mir zu widersprechen. Sie folgte mir in den Umkleideraum, dessen Boden von Schlammkrusten und Dreckbrocken bedeckt war. Es kostete soviel Mühe, die Station immer sauber zu halten. Wir zogen uns aus, nahmen dann unsere ehemals mattsilbernen Gummianzüge aus dem Regal. Beim Überstreifen sprangen Plättchen getrockneten Schlamms ab. Wir fuhren in Handschuhe und Stiefel, schoben die Haube über den Kopf, legten Ohrhörer, Brille und Atemmaske mit Mikrofon an.
    „Hallo“, sagte Gamma.
    „Hallo“, echote ich, die Funkverbindung war überprüft.
    Ich faßte Gammas Hand und drückte auf den Knopf der Schleusentür. Sekunden später standen wir im Freien.
    Prasselnder warmer Regen floß über unsere Körper. Zu warmer Regen, der unsere Gliedmaßen erschlaffen ließ. Im Licht der Helmscheinwerfer funkelten die Tropfen wie ein dichter blitzender Vorhang. Langsam stapften wir durch den zähen, glucksenden Schlamm. Wir konnten keine zehn Meter weit sehen, im Notfall würde uns der Peilsender der Station leiten. Einzelne Böen, schmerzhaft und laut, peitschten uns fast zu Boden.
    Wir liefen auf einen verschwommenen Lichtschein zu. Ich stolperte, fiel der Länge nach hin, der fließende Schlamm hatte eine Rinne in das leicht abschüssige Terrain gegraben. Den Schmutz, der mich von oben bis unten bedeckte, spülte der Regen wieder ab. Der Schreck hatte uns etwas aufgemuntert.
    Ich blickte den dahinfließenden Dreckmassen nach. Irgendwo jenseits unseres Hochplateaus mußten sie sich zu gewaltigen gelbbraunen, reißenden Strömen vereinigen, die durch das tiefer gelegene Land ihr kilometerbreites Bett gruben: die heute weithin sichtbaren Urstromtäler Andymons.
    Dann standen wir vor einer unvollendeten Metall- und Plastkonstruktion, die ein Dutzend Hochdrucklampen grell beschienen. Der Regenvorhang verwischte die harten Konturen und verwandelte die aufragenden Pfeiler in einen bleichen, kahlen Wald.
    „Ich finde das häßlich“, sagte Gamma und wechselte ihren Standort, um nicht bis zum Knie in den aufgeweichten Boden einzusinken. „Wir setzen grobschlächtige Klötze hin, die genauso trostlos sind wie der Planet.“
    „Noch“, erwiderte ich. „Wenn wir erst einmal eine Grundlage haben und wenn das Klima sich endlich eingespielt hat, dann lohnt es sich, nach ästhetischen Prinzipien zu bauen.“
    „Schau dir doch den Sumpf an“, Gamma hob die Hand ein wenig und wies auf die Fundamente der Konstruktion, die ein grünschimmernder Brei umströmte, „wenn man unvorsichtig ist, reißt es einem sogar die Beine weg — es ist für mich völlig unvorstellbar, daß es hier einmal anders aussehen wird.“
    Sie gähnte. Auch ich war so schläfrig, daß ich hätte hineinsinken mögen in die warmen, weichen Massen, die alles überschwemmten.
    Es war uns damals noch nicht bekannt, daß gerade dieser mit stickstoffixierenden Bakterien und Algen angereicherte Schlamm, der eklige Urschleim, wie wir ihn nannten, sich später in fruchtbaren Humus verwandeln würde.
    Mühsam rafften wir uns auf und stapften langsam weiter. Unsere Beine ermüdeten bald. Schweiß sammelte sich unter meinem Gummianzug, es kribbelte.
    Durch das Prasseln des Regens drangen undeutliche Geräusche. Wir liefen auf sie zu. Unter einer großen, schräg gespannten Plastplane entluden Roboter einen Lastgleiter. Dort war es trocken, ein niedriger Damm schützte das Gelände vor den Schlammfluten. Nur gelegentlich tropfte Kondenswasser herab.
    Wir beobachteten die exakten Bewegungen der Roboter eine Weile. Mit ihren drei zangenbewehrten Armen reichten sie sich schwere Container zu und stapelten sie. Vielleicht enthielten sie die lange versprochenen Möbel. Die Roboter hatten ihre drei Beine eingezogen und ruhten auf den konischen Unterteilen. Ich zählte nur vierzehn Stück. Zwei fehlten. Einen fanden wir wenige Minuten später. Er stand draußen, mitten im strömenden Regen und zuckte mit dem ganzen metallischen Körper. Seine drei Zangen wirbelten um den plumpen, spitz auslaufenden Kopf. Sie bewegten sich so schnell, daß wir nur ein unregelmäßiges Blitzen wahrnahmen.
    „Der hat durchgedreht“, flüsterte Gamma, „oder träume ich schon?“
    Vorsichtig gingen wir einige Schritte näher. Den Kopf des Roboters traf kaum ein Tropfen.
    „Stopp!“ schrie ich den Roboter an.
    In Sekundenbruchteilen erstarrte er mit erhobenen Zangen.
    „Was ist los?“ fragte ich.
    Statt einer Antwort setzte der Roboter seinen Tanz fort. Regentropfen blitzten wie fallende Sterne im stroboskopischen Licht seiner Scheinwerfer.
    „Stop!“
    Wieder hielt er mitten in der Bewegung inne.
    „Ich weiß nicht, ob wir uns ihm nähern dürfen. Der verwandelt uns in Mus!“
    Ich stapfte zum Lastgleiter und holte eins der angeforderten kleinen Plasmaschweißgeräte. Als ich es aufbaute, versank es fast im Morast. Ich stellte die Fokussierung ein und zielte auf den dicken Leib des Roboters.
    Gamma legte ihre Hand auf das Gerät. „Nein“, sagte sie schwerfällig, „wir müssen wissen, was für ein Fehler das ist. Vielleicht tritt er häufig auf? Vielleicht liegt es an der Programmierung?“
    Die Roboter waren unser eigenes Produkt. Zwar gab es im Schiff Guros, Serviceroboter und andere, aber diese waren den Bedingungen Andymons nicht angepaßt. Unsere eigenen Modelle hatten noch ihre Kinderkrankheiten. Chefkonstrukteur Zeth hatte geschworen, sich bei jedem Fehler ein Haar auszureißen. Eine dunkle Strähne lag inzwischen bei den Unterlagen.
    Durch drei glückliche Treffer amputierte ich die Arme des Roboters, nun konnten wir uns ihm nähern, ihn ausschalten und abschleppen. Den Rest der Nacht verbrachten wir damit, ihn an einem Seil in die Station zu zerren. Er war zum Schluß mindestens doppelt so schwer.
    Und wir wateten nicht nur im Schlamm, sondern auch im eigenen Schweiß, der an der Innenseite der Gummianzüge hinab in die Stiefel gelaufen war. Todmüde erreichten wir die Station. Es gelang uns noch, die Ablösung zu wecken und die Anzüge abzustreifen, dann schliefen wir nackt und schweißverklebt auf den harten Pritschen ein.
    Später fanden wir den Fehler. Der Roboter interpretierte das Geflimmer der Regentropfen als Signal. So verfiel er in eine Art Hypnose.
    Doch Andymon konnte nicht nur Roboter verrückt machen.

Andymon macht krank

    Die Tage auf Andymon vergingen mit einer tristen, aufreibenden Gleichförmigkeit. Wir schliefen, aßen im kleinen Kreis ein Frühstück, das nach Energieeinheiten und nicht nach Geschmack bilanziert war, saßen dann stundenlang vor Monitoren und Kontrollpulten oder wateten durch den Schlamm, um ausgefallene Roboter zu reparieren. Immer häufiger überfiel mich bei der Arbeit eine zähe Müdigkeit. Die langen Tage Andymons, achtundzwanzig irdische Stunden, schienen nicht enden zu wollen. Ich hatte auf nichts mehr Appetit, ich wußte nur, ich mußte arbeiten und arbeiten, und irgendwann würde unsere erste Siedlung eingerichtet und beziehbar sein.
    Bis zu dieser Zeit wollte ich meine Augen vor allen Unbilden schließen. Davon gab es genug: ein plötzliches unvorhergesagtes schweres Erdbeben, das eine halberrichtete Halle zum Einsturz brachte, eine neue Schlammflut, die die Dämme bedrohte, und einen Staubsturm an dem einzigen Tag, an dem der Regen aussetzte. Die feinen Körnchen drangen durch die schmälsten Ritzen und legten unsere Maschinen lahm, in der Station verstopften sie das Klimasystem. Wir schmeckten sie im faden Essen, selbst unsere Betten überzog ein dünner Staubfüm. Dazu schwebten wir tagelang in Sorge, der Staub könnte sich als giftig erweisen.
    Es kam soweit, daß ich bei der Montageüberwachung einschlief, mein Kopf fiel einfach auf das Pult, und als ich von Gamma geweckt wurde, hatte sich das Muster der Schalter und Knöpfe in meine Wange geprägt. Dazu schmerzte die von kaltem Schweiß bedeckte Stirn. Und im rechten Arm stach es.
    „Beth, leg dich doch hin.“ Auch Gammas Stimme klang müde.
    Ich habe noch Schicht, wollte ich sagen, doch die Digitaluhr neben dem Monitor zeigte, daß die längst vorüber war. Ich ging in meine Kabine und warf mich, ohne einen Gedanken an Waschen zu verschwenden, aufs Bett.
    Jetzt aber konnte ich keinen Schlaf finden, ich wälzte mich von rechts nach links, von links nach rechts. Mein Gesicht, meine Haare waren verklebt, und der Kopf brummte unbarmherzig. Ich versuchte, mich durch die gewohnte Routine in die geeignete körperliche Verfassung zu bringen, zog mich schwerfällig aus, wusch mich - es half nichts. Gedanken wirbelten durch meinen Kopf: Andymon mit seinen roten und schwarzen Felsen, mit Schlamm und schweren Wolken, der Abgrund des Weltraums und die viel zu grellen Sterne, unsere Bauvorhaben, Fahrzeuge, Maschinen, Roboter in unablässiger Bewegung, ein Quirlen wie von Ameisen.
    Ich muß schlafen, dachte ich und versuchte es mit autogenem Training, doch ich konnte mich nicht entspannen, die Bilder in meinem Kopf nicht vertreiben.
    Da kam mir der Gedanke, daß ich krank sei. Während unserer Kindheit im Schiff waren wir alle an einer Reihe harmloser Infekte erkrankt, sie dienten dazu, unser Immunsystem zu stärken. Doch nun? Vielleicht war ein unbekannter andymonischer Virus mit dem Staub eingedrungen - eine unberechenbare Gefahr für uns alle. Dieser Gedanke mobilisierte meine Kräfte.
    Ich hielt es nicht länger im Bett aus und schleppte mich in das medizinische Zentrum, es umfaßte in dieser Ausbaustufe ganze drei Räume. Sie waren leer. Ich ging zum Computer, er meldete mir, daß Joth und Kafa ärztlichen Dienst hätten, doch ich wollte sie nicht grundlos beunruhigen. Wenn sich meine Befürchtung bewahrheitete, würden sie genug Arbeit bekommen.
    Dann aktivierte ich das Diagnoseprogramm und gab meine Symptome ein: Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche. Der Computer stellte Gegenfragen, wollte die Zusammensetzung von Blut, Urin, Speichel wissen. Ich spuckte und pinkelte und zapfte mir mühsam und ungeschickt Blut ab. Mein Kopfschmerz hatte sich gesteigert, und meine Kraft ließ nach. Ich setzte mich auf den Arztstuhl und verschnaufte einige Minuten. Dann legte ich mich unter den Scanner, der die Temperatur der Körperoberfläche maß sowie Durchblutung und Herztöne. Ich wälzte mich von der Liege und sah die Resultate an. Alles negativ. Natürlich fand das Diagnoseprogramm eine lange Reihe irdischer, für uns exotischer Infekte, die nicht auszuschließen waren, denen jedoch nur eine verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit zugemessen wurde.
    Ob der Erreger meiner Krankheit den ausgeklügelten Programmen und Tests entgangen war? Eine beachtenswerte Prozentzahl erhielt nur ein vegetativ-dystonisches Syndrom, mit dem allerdings eine ganze Liste offener Fragen und Probleme aufgeführt war. Während ich versuchte, ihren Inhalt zu begreifen, fiel ich in einen unruhigen Schlaf voll wirrer Träume von faustgroßen schleimigen Amöben und ertrunkenen Robotern.
    Nach einer ungewissen Zeit geriet ich in einen unklaren Dämmerzustand, dessen Schleier sich allmählich lüftete. Um mich geschah etwas.
    „Was macht denn der?“
    „Lassen wir ihn schlafen. Den hat’s sicher auch erwischt.“
    Ich ächzte und versuchte meinen Oberkörper aufzurichten. Der Kopfschmerz hatte nachgelassen, lauerte aber im Hinterkopf.
    Joth blickte mich an, trotz seiner fast schwarzen Haut hatte er deutlich Ringe ‘unter den Augen. „Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlappheit, Schweißausbrüche, unbegründete Ängste?“ fragte er mich monoton.
    „Bis auf die Ängste — ja“, ich brachte den Mund kaum auf, „ich kann nur noch vor Displays einschlafen.“
    Dann sah ich Lambda, die zusammengekrümmt auf der Diagnoseliege ruhte.
    Ungefragt erklärte Joth: „Dasselbe. Das Andymonsyndrom…“
    Kafa, die einen beschmierten weißen Kittel trug, strich Lambda das für Andymon viel zu lange Haar aus dem Gesicht und wischte ihr den Schweiß ab. Lambda zuckte mit allen Gliedern, doch sie schlief weiter.
    „Dir hilft nur eins, Beth“, wandte sich Joth wieder an mich, „zurück ins Schiff, Ruhe und viel Vitamine.“
    „Aber…“, ich war zu zerschlagen, um ihm richtig zu widersprechen. Ich durfte nicht einfach kapitulieren!
    „Hör zu, Beth, dein Nervensystem verkraftet das alles nicht: die ständige Überlastung bei der Arbeit, womöglich mit unregelmäßigen Schichten, die geringere Gravitation hier, den Achtundzwanzigstundentag. Deine Biorhythmen dürften ziemlich gestört sein. Hinzu kommt der sensorische Schock: das Displaystarren, die ungewohnte Umgebung, die zu grellen Farben draußen, kein Naturpark für eine Erholungspause, fehlende Ruhe und Bequemlichkeit. Du mußt zurück, um auszuspannen, Beth.“
    „Aber Joth…“
    „Ich könnte dir zwar Kopfschmerzmittel oder etwas zur Beruhigung geben wie Lambda, ihr ging es einfach zu dreckig, doch damit wäre dir langfristig nicht geholfen. Der Zusammenbruch würde nur aufgeschoben. Es gibt nur eins, Beth, Urlaub und Vitamine.“
    Mein Kopfschmerz kam wieder hervor, er kroch langsam vom Hinterkopf in die linke Schläfe und verstärkte sich zu einem metallischen Ziehen.
    „Es ist nicht dein Fehler, Beth, und nicht deine Schwäche. Du bist schon der fünfte Fall in dieser Woche.“
    Ich dachte an diesem Tag tatsächlich, wir wären biologisch, nervlich unfähig, Andymon zu besiedeln. Aber dieser ungeheuerliche Gedanke ging unter in der Dumpfheit und in dem Schmerz, der mein Hirn füllte. Meine Geschwister lösten mich noch am selben Tag ab. Gamma folgte mir drei Tage später ins Schiff. Dort erholten wir uns gemeinsam.
    Die Arbeiten auf Andymon wurden anders organisiert, weniger aufreibend. Und ein Computer überwachte die Anpassung der inneren Uhr eines jeden an die Rotation des Planeten. Er empfahl uns Arbeitsund Ruhezeiten. Es dauerte Monate, bis wir mit Andymon synchron liefen. Lambda aber gelang es lange nicht, sich anzupassen. Zwei weitere Versuche scheiterten. Es schien, als sei sie verdammt, für immer im Schiff zu bleiben. Erst drei Jahre nach uns wurde sie auf Andymon heimisch.

Fusion und Spaltung

    Etwa einhundert Kilometer von unserer ersten Siedlung entfernt entstand das von Tag zu Tag dringender benötigte Kraftwerk. Auf die Dauer konnten wir es uns nicht leisten, täglich drei, vier Lastgleiter mit flüssigem Wasserstoff und flüssigem Sauerstoff vom Schiff oder den beiden Monden anzufordern, wo unsere Energieträger produziert wurden. Rover und Copter verbrannten täglich Dutzende von Tonnen der beiden Flüssigkeiten zu Wasser, ebenso die Brennstoffzellen der Stationsgebäude und die ersten Fabriken, kleine Pilotanlagen, deren Produktion in diesen Tagen anlief. Im Gegensatz zu ihnen konnten wir bei unserem künftigen Energielieferanten nicht mit Material und Ausrüstungen sparen.
    Als ich, dem Turnus unserer Ablösungen und Aufgabenwechsel entsprechend, bei der Baustelle eintraf, empfing mich Zeth. Er war noch verschlossener als sonst, in dem blauen Overall wirkte auch sein Gesicht blasser als gewöhnlich. Zeth wies mich wortkarg ein, erläuterte mir in der Unterkunft, die zugleich Leitstelle war, anhand eines Modells den Stand der Arbeiten.
    „Hier sind wir. Das ist der See, Kühlwasser, Wasser für die H2- und O2-Produktion. Dort ist das Gelände für die künftigen Deponien. Die Deuteriumfabrik, fast fertig. Der Leichtwasserreaktor.“
    Letzterer nahm sich neben den Fundamenten des Fusionsreaktors wie Spielzeug aus. Zeth erwähnte nicht, daß der Leichtwasserreaktor in ganzen dreißig Tagen aus vorgefertigten Teilen errichtet worden war und nun die Energie für die Bauarbeiten lieferte. Erst wenn der Fusor lief, würde die ständige Energieknappheit auf Andymon beseitigt sein — vorübergehend.
    Vom Kontrollzentrum aus, in dem ich mich befand, war nicht viel zu sehen, eine Fensterfront zeigte das aus riesigen verkitteten Granitblöcken geschaffene Fundament und den wolkenverhangenen Himmel, die andere gestattete einen umfassenden Blick über den Flugplatz, wo Lastgleiter, beladen mit Baumaterial, landeten und leer wieder starteten. Lediglich die Monitore vermittelten einen Einblick in das Baugeschehen: die langsamen Bewegungen der Kräne, die hellen Sterne der Schweißarbeiten.
    „Die Lithiumversorgung ist noch offen“, sagte Zeth nach einer langen Pause. Seine Augen waren schmale Schlitze.
    „Du sagst das so — so resignierend, Zeth, was ist?“
    „Nichts. Das Lithium bekommen wir schon noch. Und wenn’s durch Elektrolyse ist.“ Er wandte sich zur Tür.
    „He, Zeth, du hast doch was! Kopfschmerz, Müdigkeit, Schwäche, Schwindel?“
    Zeth lachte kurz und gepreßt auf. „Kein Andymonsyndrom, bin schon synchron.“
    Ich faßte ihn am Ärmel, hielt ihn zurück. Er wich meinem Blick aus. „Vielleicht zeigst du mir das Baugelände?“
    Zeth zuckte mit den Schultern. Kommentarlos führte er mich in die Schleuse, wo wir die Gummianzüge überstreiften. Ich war bislang nie mit Zeth richtig warm geworden, doch schien es mir, als erwarte er mit trotziger Zurückhaltung Hilfe von mir. Von seinen Problemen zu erzählen hatte ihm schon immer Mühe bereitet.
    Mit einem Rover fuhren wir an den künftigen Fusionsreaktor heran, seine Größe hatte mich die Entfernung unterschätzen lassen. Über den grauen Fundamenten erhob sich wie ein riesiges Ei im Becher eine irisierende Tragluftplasthalle von gut zweihundert Meter Durchmesser. Sie schützte den Bauplatz vor Regen, Sand und Staub.
    Wir verließen den Rover und gelangten durch ein Mauseloch von Eingang über einen spärlich beleuchteten Korridor in das Innere der Kuppel. Gelbliches Licht fiel durch die Kuppel und ließ die Maschinen und Baumaterialien um mich bräunlichgrau und stumpf scheinen.
    „Dort kommt der Kern hin, die Plasmasäule, die Gigawattlaser, der Injektor.“ Zeth schaute mich nicht an. Mit seinen Blicken hatte er sich im Treiben der Montageroboter verfangen. Als nenne er technische Daten, sagte er: „Eta hat mich verlassen.“
    Ich blickte auf die noch leeren mannsgroßen Rohre des Lithiumkreislaufs, die strahlenförmig nach außen liefen. Unwillkürlich fragte ich: „Teth?“
    „Nein, wenigstens nicht Teth. Xith.“ Nach einer längeren Pause fügte er bitter hinzu: „Ich war ihr wohl nicht temperamentvoll genug.“ „Zeth“, sagte ich tastend, „es liegt bestimmt nicht an dir. Wenn sie nun mal so dumm ist… Es ist ihre freie Entscheidung…“
    „Weiß ich. Aber es ging ja drei Jahre gut. Ich hatte gedacht, es würde immer so bleiben.“
    Ich fühlte mich der Situation nicht gewachsen. Zeth trösten, ihm etwas vormachen: Vielleicht kommt sie zurück? Ohne auf den Weg zu achten, gingen wir vorbei an Halterungen für Magnetspulen, die supraleitend waren bei zweihundert Kelvin, liefen wir über die Blöcke der thermischen Isolation.
    „Es gibt ja nicht nur Eta.“ Ich wagte einen neuen Vorstoß.
    „Du hast gut reden, du und Gamma, bei euch gibt es nie Probleme.“ Es klang sehr bitter, fast anklagend. „Eta war immer so fröhlich. Was soll ich ohne sie? Wozu brauche ich dann das alles hier?“ Seine Handbewegung umfaßte den Fusor, vielleicht mehr, vielleicht ganz Andymon. „Warum habe ich mich auch an sie gehängt! Hätte ich doch wissen müssen, daß ich auf die Dauer zu langweilig für Eta bin.“ „Zeth, Zeth, du mußt darüber wegkommen. Dein Leben ist nicht zu Ende. An Liebeskummer ist noch keiner gestorben.“ Ich wußte, daß ich Phrasen drosch, angelesene oder im Totaloskop aufgeschnappte, aber was sollte ich sonst sagen?
    „Ach, das ist alles Mist. Ich könnte mich in einem Totaloskop vergnügen oder einfach Pillen nehmen. Aber ich will das nicht, auch nicht, daß Alfa mich zu trösten versucht. Die zieht glatt aus Mitleid zu mir.“
    Zeth lief immer schneller zwischen Baumaschinen und tonnenschweren Segmenten des Reaktormantels durch. Da er das Terrain besser kannte, konnte ich ihm kaum folgen. An die armstarken Kabel, die unseren Weg kreuzten, teilte er harte Fußtritte aus.
    „Halt, Zeth, beruhige dich doch, Zeth!“
    Wir waren fast bis zur Sohle des Reaktors vorgedrungen, nun begann Zeth wieder nach außen zu laufen. Er kletterte die kraterförmig umeinandergelegten einzelnen Mantelschichten hinauf. Ich versuchte, ihm auf den Fersen zu bleiben, der Gummianzug behinderte mich, ich schwitzte, bekam zuwenig Luft durch den Atemfilter.
    „Zeth!“ ich keuchte, „Zeth!“ Wenn er vor mir den Gipfel des Fundaments erreichte, konnte er sich hinabstürzen. Wir waren nicht im Totaloskop. Auf Andymon bedeutete der Sprung ins Nichts den Tod.
    „Zeth!“ Meine Knie wurden weich, immer häufiger griff ich bei all den Stahlverstrebungen, Kabeln, Röhren, Plastsäulen daneben.
    Dann stand Zeth ganz oben. Doch er schaute nicht nach außen, wo er nur die Plastkuppel hätte auf schlitzen müssen, sondern nach innen, zu mir herab.
    Endlich erreichte ich ihn. Er half mir nicht beim letzten Schritt, sondern sagte mit wiedergewonnener Stimme: „An diesen drei Punkten werden sich die Wärmeaustauscher befinden.“
    Gemeinsam schauten wir auf Krane, Maschinen, Montageroboter. Jede ihrer Bewegungen und jeder ihrer Handgriffe waren vorausberechnet. Sie kannten unsere Probleme nicht.
    Plötzlich schrie Zeth: „Macht schneller, ihr lahmen Affen!“
    Die Roboter fühlten sich nicht angesprochen.
    Das Fusionskraftwerk lieferte zur Überraschung aller schon zwei-hündertdreiundachtzig Andymontage nach Baubeginn den ersten Strom. Ich kannte einen Grund dafür.

Atempause

    Seit wir für Andymon arbeiteten, ließen wir uns vom Computer über das Intercom wecken, eine Gewohnheit, die ich heute für eine der typisch irdischen Unsitten halte. Denn die Maschinen haben sich nach dem Rhythmus des Menschen zu richten, nicht umgekehrt. An einem Morgen jedoch blieb alles ruhig.
    Ich hatte geträumt, lange und ausgiebig geträumt, nun kam ich allmählich zu Bewußtsein. Im Raum war es völlig dunkel. Wieso wache ich schon so früh auf, überlegte ich mühsam und langte nach dem Armband, das als Computer, Uhr und Videofon funktionierte. Für alle Geschwister, die sich außerhalb des Schiffs aufhielten, war das Tragen des kleinen Armbandcomputers, der in erster Linie der Kommunikation diente, zur Selbstverständlichkeit geworden. Die grünglimmenden Zahlen verwunderten mich, dann wurde mir bewußt: Es war bereits nach Schichtbeginn. Meine Müdigkeit verflog. Ich rüttelte Gamma an der Schulter, sie drehte sich zu mir um und gähnte.
    „Gamma, wach auf; der Computer hat uns nicht geweckt!“ Ich sprang aus dem Bett, rannte zum Intercom, stellte gleichzeitig die Zimmerbeleuchtung ein.
    „Soviel menschliches Verständnis hat er sonst nicht gezeigt“, murmelte Gamma, die Augen fest zusammenkneifend. Sie hüstelte, um ihre Stimme unter Kontrolle zu bringen.
    Ich hantierte am Intercom, hatte endlich den richtigen Code gefunden — und auf dem Bildschirm erschien ein einziges lakonisches Wort: FEIERTAG. Wir brachen in ein befreiendes Gelächter aus. Ilonas Idee, den Computer darauf achten zu lassen, daß wir uns nicht überarbeiteten, trug Früchte.
    „Glatte Sabotage, das ist glatte elektronische Sabotage, Beth“, sagte Gamma. Sie sprang zurück ins noch warme Bett und begann ihren lindgrünen Pyjama aufzuknöpfen. So fing mit einem wundervollen Morgen ein schöner Tag an.
    In der kleinen Kantine zum Frühstück trafen wir Joth, Resth und Szina, später, als wir fast aufgegessen hatten, kam noch Ilona dazu.
    „Hat der Computer mich heute früh erschreckt“, erzählte Ilona lachend und blies einige blonde Haare, die nicht über ihre Schultern fielen, von den Sommersprossen.
    „Uns auch“, sagte ich und verschluckte mich fast am letzten Brokken Ei. „Ich habe keine Ahnung, was ich heute mache.“
    Gamma klopfte mir vorsichtshalber auf den Rücken. „Arbeiten dürfen wir nicht, es wäre disziplinlos. Im Schiff könnten wir baden gehen, aber erst hochfliegen - nein.“
    „Zum Totaloskop habe ich auch keine Lust“, sagte Ilona, „lieber flirte ich ein wenig mit Resth.“
    Resth wurde prompt rot, antwortete aber forsch: „Ich mach mich nur noch schnell schön!“ und ging.
    „Vielleicht können wir doch baden gehen?“ Ilona nahm den Faden wieder auf.
    „Ja“, sagte ich, „im Taucheranzug aus Teflongeweben, damit uns die Salze nicht bis auf die Knochen zerfressen.“
    „Gut, nicht gerade baden, aber was haltet ihr von einem Picknick am Ozean? Das wäre doch ein richtiger Feiertag.“
    „Leider darfst du dabei nicht den kleinsten Bissen einschieben, sonst ist deine Lunge in der scharfen Brise hin.“ „Ihr werdet’s ja erleben“, sagte Ilona. „Ich jedenfalls schlage einen Ausflug vor. Helft ihr mir, die anderen einzuladen?“
    Freiwillig übernahm ich die heikle Aufgabe, alle am Reaktorbau Beteiligten zu verständigen, also auch Zeth. Er schimpfte auf den Computer. „Ich bin zehn Minuten zu spät in der Zentrale gewesen, dadurch hat es fast fünfzehn Minuten Verzug gegeben. Na, inzwischen habe ich den rausgeholt.“
    „Zeth“, sagte ich behutsam, „heute ist Feiertag. Es ist nicht gut, wenn du dich zu sehr in die Arbeit vergräbst, du ruinierst dich. Außerdem haben wir beschlossen, dem Zeitplan des Computers zu folgen.“
    „Der ist mir schnuppe.“ Zeths Backenknochen traten hart bervor. „Ich bin längst mit Andymon synchron, und ich habe meinen eigenen Zeitplan. Wenn ihr feiern wollt — bitte. Aber nicht mit mir.“
    Der kleine Bildschirm erlosch. Und war es nicht besser, daß Zeth ausblieb? Denn Eta und Xith nahmen bestimmt teil.
    Auf dem Weg zum Flugfeld passierten wir das überdimensionale Ortsschild, das Myth vor wenigen Tagen aufgestellt hatte. Unsere drei Baracken „Andymon-City“ zu nennen! Doch allmählich, nach vielem Gelächter und obwohl wir alle den Ausdruck unpassend fanden, begann sich dieser entweder großsprecherische oder prophetische Name einzubürgem.
    Wir flogen in zwei Koptern. Viel konnte ich während des Dreihundertkilometerfluges nicht erkennen, Wolken verdeckten das Land. Dann und wann rissen sie minutenlang auf, und wir überquerten eine graubraune Fläche oder eine grüne — Algenschlamm. An manchen Stellen war er sicherlich metertief, doch nur die oberste Schicht lebte, darunter waren die Algen erstickt und verfaulten.
    Als wir landeten, versuchte ich, die Küste des Delth-Ozeans mit den Konturen auf der Karte in Übereinstimmung zu bringen. Es gelang mir nicht. Hatte ein neues Beben die Oberfläche des Planeten verändert?
    Gamma sah meine gerunzelte Stirn. Sie warf einen Blick auf die Karte und überprüfte ihre Fähigkeit, meine Gedanken zu erraten. „Kein Beben, Beth, nur eine Doppelflut. Ladym und Gedon auf einer Seite von Andymon.“
    Der Kopter landete mit einem harten Ruck, das Jaulen der Motoren verstummte, es war still.
    „Setzt die Masken auf“, sagte Gamma, auch ich schob meine übers Gesicht und mußte dabei über den absurden Picknickkorb lächeln, den Ilona trug. Nein, den Spaß wollte ich ihr nicht verderben. Und wenn ich mir mit der einen Hand die Nase zuhalten müßte und bei angehaltenem Atem schnell einen Bissen verschlänge. So giftig konnte die Atmosphäre nun nicht mehr sein; die Gummianzüge waren immerhin schon überflüssig geworden.
    Wir kletterten die kurze Leiter hinab und staken sofort bis über die Knöchel im Morast. Andymon, wie ich ihn kenne und liebe!
    Der zweite Kopter setzte gerade auf und spritzte Schmutz zu uns herüber. Wir begaben uns auf die Suche nach einem trockenen, festen Fleckchen Boden. Ein Hügel, direkt am Meer, die hoch aufgischtende Brandung überragend, bot eine geeignete Stelle.
    Nach und nach versammelte sich hier die gesamte Bevölkerung von Andymon, bis auf Zeth — und natürlich ohne die Geschwister, die gerade im Schiff oder auf den Monden lebten.
    Wir setzten uns auf den braunen, festgebackenen und warmen Boden und schauten uns in die maskenbewehrten Gesichter. Was nun?
    Genau diesen Zeitpunkt hatte Ilona abgepaßt. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt — vielleicht aus der Zukunft Andymons — kam sie vom Kopter daher. In der Rechten schwenkte sie den stilvollen gelben Plastkorb. Und sie trug ein Kleid, kaleidoskopbunt, viel zu bunt für Andymon und so lang, daß es über den Gummistiefeln schon braun beschmiert war. Aber da war noch etwas, das uns alle den Atem anhalten ließ: Ihr blondes Haar wehte frei im Wind, und auf ihrem Gesicht mit den geröteten Wangen spielte unverhohlener Triumph: Ilona trug keine Maske! Gegen sie waren wir einfarbig gespritzte, trübe, gesichtslose Roboter.
    Nach dem ersten Erstaunen rissen sich Eta, Alfa und die jüngeren Geschwister die lästigen Masken vom Kopf. Szina schleuderte ihre in hohem Bogen ins Meer. Gamma und ich zögerten noch.
    „Ihr braucht keine Angst zu haben“, schrie Ilona mit sich vor Freude überschlagender Stimme, „seit Wochen unternehme ich Tierversuche mit Mäusen und Schimpansen. Es lassen sich keine Schädigungen mehr nachweisen. Der Sauerstoffgehalt ist hoch genug, nichts Ätzendes ist mehr in der Luft, keine Allergien treten mehr auf. Vivat Andymon!“ Sie jubilierte. Die Überraschung war ihr gelungen.
    Nun streiften auch Gamma und ich die Masken ab. Ein erster prüfender Atemzug: Andymon stank, stank, daß mir die Tränen in die Augen traten. Ich hustete und küßte dann glücklich Gamma, wieder hatten wir Andymon einen entscheidenden Sieg abgetrotzt. Er konnte uns mit einer ausgefallenen Duftnote nicht abschrecken.
    „An den Gestank gewöhnt ihr euch schnell“, sagte Ilona, die, ganz wie sie es liebte, im Brennpunkt der Aufmerksamkeit stand, „der ist nur am ersten Tag schlimm.“
    „Wir werden schon nicht die Nase rümpfen, wir haben ja keinen besseren Planeten“, rief Xith.
    „Ilona ist mir zu unvorsichtig“, flüsterte Gamma mir zu, „ganz allein so einen Selbstversuch zu unternehmen.“
    „Und sie spielt die Probleme herunter.“ Ich streichelte Gammas Wange, der Wind spielte mit unseren Haaren, es war so ganz anders als im Naturpark. „Ich möchte kein Spielverderber sein“, sagte ich, „aber langfristige Schädigungen kann sie nach wenigen Wochen der Tests bestimmt nicht ausschließen.“
    Endlich kam der Picknickkorb zur Geltung. Wir setzten uns im Kreis und aßen. Leider hatten all die herrlichen Sachen, Früchte frisch aus dem Schiff, nicht den bekannten Geschmack. Andymons penetrante Luft übertünchte jedes Aroma.
    Schräg hinter mir hörte ich Etas unnachahmliches prustendes Lachen. Durch den sich sofort einstellenden Gedanken an Zeth fand ihre Fröhlichkeit in mir keinen Widerhall. Ich drehte mich zu ihr um und sah, wie sie mit den Fingern im Boden bohrte — und einen Kern in das Loch steckte, einige Krumen darüber schob.
    Sie merkte, daß ich sie beobachtete, und lächelte mich an. „Schließlich soll auf Andymon etwas wachsen“, rechtfertigte sie sich.
    „Überall, wo wir hinkommen und geeigneten Boden finden“, erklärte Xith ernsthaft, „überall, wo wir hinkommen, säen wir.“ Er zog einen Beutel aus seiner Umhängetasche. „Der ist voller Samen, die Kleinen im Schiff schicken sie uns gern.“
    „Früh gesät ist halb geerntet“, setzte Eta fort, „wir können nicht zeitig genug damit beginnen.“
    Ich nickte, obwohl ich nicht wußte, ob auch nur ein einziges dieser Samenkörner keimen, wachsen und sich vermehren würde. Neue Testreihen waren notwendig, neue Experimente, neue Arten, Jahre, Jahrzehnte dauernde Züchtung…
    „Habt ihr auch notiert, was ihr alles sät?“ fragte Gamma die beiden. „Wir wollen doch die größtmögliche Kontrolle über die Biosphäre Andymons haben.“
    „Natürlich, wir sind nicht dümmer als ihr.“ Xith liebte es nicht, wenn man ihn kontrollierte.
    Später standen wir allein auf einem anderen Hügel und schauten hinaus über das tote schaumige Meer voller Kalziumionen und Kohlenwasserstoffe, voller Chloride und Schwefelverbindungen.
    „Auf der Erde, wenn es sie überhaupt gibt, würde das Meer schwarzes Holz an den Strand spülen und Seetang, Muscheln, kleine Krabben. Aber hier, da siehst du höchstens mal einen weißen Fleck am Ufer, bis ihn der nächste Regen wegspült: kristallisiertes Salz der Brandung.“
    Ich hörte Gamma schweigend zu, durch den allgegenwärtigen Geruch wehte uns der Wind auch eine Brise salziger Luft ins Gesicht. Ich hatte nicht die mindeste Vorstellung, ob, wie und wann es uns oder späteren Generationen gelingen würde, auch die Ozeane, auf der Erde die Wiege des Lebens, zu zähmen, lebentragend zu machen. Oder würden wir die Jahrmillionen warten müssen, in denen sich Salzstöcke bilden, tote Meere verdunsten und anderswo weniger lebensfeindliche sich ansammeln?
    „Wenigstens die Seen, die kleinen Seen, die neuerdings in den Schlammpfuhlen und in Bodensenken entstehen, wenigstens sie werden sauberes Wasser haben.“
    Gamma hatte wieder dem Gang meiner Gedanken folgen können.

Eindringen in fremde Welten

    Es war an dem Tag, an dem wir in ein neues Provisorium umzogen. Andymon-City war um ein weiteres Gebäude gewachsen, eine kleine Produktionsanlage für synthetische Nahrung, eine für nanoelektronische Bauelemente und ein langes, einstöckiges Wohnhaus, das später in eine Herberge verwandelt wurde.
    Gamma und ich erhielten anstelle des einen Raumes im alten Stationsgebäude zwei größere. Ein Kleintransporter konnte all unsere Habseligkeiten befördern. Wir richteten uns ein, stellten Bett, Schaukelstuhl, Kleiderschrank und persönliche Programmbibliothek auf.
    Gerade befestigte Gamma eine Farbfotografie des Kristallbaums an der Wand, da klopfte es an der offenstehenden Tür.
    Alfa kam herein. „Ich brauche euren Rat.“
    Hinter ihr schob sich Psila durch die Tür, in ihrem rundlichen Gesicht zuckte es nervös.
    Gamma sammelte unsere Overalls vom Bett, die Besucherinnen konnten sich setzen.
    „Psila hat mir erzählt, daß Psith das Totaloskop seit vier Tagen nicht mehr verlassen hat.“
    Psila nickte und nestelte mit ihren groben Händen am nicht mehr ganz weißen Gürtel ihrer Khakihose. „Ich habe Angst um ihn. Er war wie verwandelt, wißt ihr, wir wollten uns etwas für die Ozeane ausdenken, aber es gibt da einfach keine Möglichkeit. Mit der Atmosphäre war es viel einfacher; in der trüben Suppe kann eben nichts leben. Er pfeift auf Andymon, hat er gesagt, und daß er nichts mehr von Andymon sehen will und auch nichts mehr von mir, ich verstünde ihn ja doch nicht.“ Sie begann zu schluchzen.
    Alfa zog sie liebevoll an sich und strich ihr beruhigend über das schwarzglänzende Haar. „Wir müssen etwas unternehmen.“
    In den folgenden Stunden sprachen wir zu viert Psiths Charakter durch. Er mußte labiler sein, als wir vermutet hatten. Die langen Jahre im Orbit, ohne ein Nahziel vor Augen, hatten Psith aus der Bahn geworfen. Und nach Psilas Worten beherrschte er die Kunst, sich stets Aufgaben zu suchen, die man nicht in einem Ansturm lösen konnte. Aber für ausdauernde Arbeit im Kreis der Geschwister fehlte ihm die Geduld.
    Uns war klar, daß wir sein Totaloskop nicht abschalten konnten, ohne ihn psychisch zu verletzen. Es gab nur eine Möglichkeit: Psith mußte in seiner Scheinwelt überzeugt werden, diese freiwillig zu verlassen. Wir ließen den Computer errechnen, wer die größten Erfolgschancen hätte. Die Wahl fiel auf mich.
    Gamma bestand darauf, daß ich erst schlief und mich auf jegliche Weise stärkte. In der Zwischenzeit schlossen sie mein Totaloskop an das von Psith an.
    Am Morgen, nach einem kräftigen Frühstück, klärte mich Gamma über ihre Bedenken auf. „Psith ist eine Art Gott in seiner Welt. Er hat sein Totaloskop so manipuliert, daß sein Wille die Illusion absolut bestimmt. Und vielleicht ist er nicht mehr ganz normal. Ich habe Angst, daß dir etwas zustoßen könnte. Natürlich kann er deinen Körper nicht töten, aber er will wahrscheinlich deinen Geist in seine Gewalt bekommen. Paß auf dich auf!“
    Ich küßte Gamma und sagte zuversichtlich: „Psith ist mir die Gefahr wert.“
    Dann stieg ich in das Totaloskop. Schnell waren alle Adapter angelegt. Ich sammelte mich und gab den gedanklichen Befehl.
    Zuerst begriff ich gar nichts. Farben umschwemmten mich, Formen, diffus und vibrierend, trieben auf mich zu und zerplatzten. Ich stürzte und löste mich auf. Karminrote Schemen tanzten zu wilden Klängen. Linienbündel drifteten von Horizont zu Horizont. Eine abstrakte Welt. Natürlich! Hatte nicht Psith von abstrakter Kunst geschwärmt? Auch die Musik klang in meinen Ohren abstrakt und dissonant. Allmählich überwältigte mich die Schönheit des Empfundenen. Ein Farbklecks unter Farbklecksen, vibrierte und zerplatzte ich, floß in glühendes Lavarot, erstarrte zu eiskaltem Stahlblau. Mächtige Takte erschütterten mich, grelle Töne warfen mich durch sonnenhelle Zackengitter, ein Baßbrummen verteilte mich über eine rotbraune Ebene. Das ging eine Weile so. Bis ich mich meines Auftrages entsann. Zeit hatte ihre Bedeutung hier verloren. Ich sagte mir: Noch ein wenig tummeln, bunt und ohrenbetäubend, doch ich begriff schließlich, daß gerade dies Psiths Absicht sein mochte. Der glaubte wohl, mich allein mit Farben und Tönen betören zu können!
    „Psith!“ rief ich. „Psith! Ich will mit dir reden. Ich weiß, daß du mich hörst! Du darfst dich nicht aufgeben! Psith! Antworte mir!“
    Ein Crescendo. Die Farben explodierten in einer gleißenden Nova. Da spürte ich mit allen Fasern meines Leibes ihre Gegenwart. Ich roch ihr Parfüm, fühlte ihre Wärme. Sie flüsterte berauschende Worte, ihre geschmeidigen Arme umschlangen mich, meine Kleidung löste sich in ein Nichts auf. Ungeübt, zu widerstehen, erlag ich der Verzauberung. Ich war verführt, ehe ich mich besinnen konnte. Mein Körper fieberte, und ich wartete auf die Ernüchterung, doch auf unerklärliche Weise wuchs neue Kraft in mir, und das Spiel begann von vorn. Ich war gefangen in einem Zyklus der Wollust.
    Ich weiß nicht, wie und nach wie vielen Höhepunkten es mir gelang, mich zu lösen. Ich rief: „Psith! Psith! Laß die Scherze. Ich will mit dir reden. Du mußt zurückkehren! Hier gehst du doch nur kaputt! Ich spiele nicht mehr mit!“
    Schon griffen Dutzende von Händen wieder nach mir. Ich wehrte mich, schrie nach Psith. Die Illusion, mit der er mich nicht länger fesseln konnte, geriet ins Wanken. Der Geruch verflog, ihr Körper wurde weicher, löste sich auf, als hätte es sie nie gegeben. Ein tiefes Schwarz blieb.
    In meinen Ohren hallte Stille. Ich versuchte meine Gliedmaßen zu bewegen. Kein Muskel reagierte. Kein Herzschlag war zu spüren. Ich war in Nichts und Leere aufgegangen. Psiths Vorstellung vom Tod? Ein Nirwana? Meine Gedanken verhallten belanglos und unnütz, fielen von mir wie abgestorbene Zweige. Als ein körperloser Geist in dämmerndes Wohlgefallen gehüllt, löste ich mich langsam auf, wurde eins mit der großen Leere. Fallen in traumlosen Schlaf. Ohne Raum, ohne Zeit. Aber nicht einmal das Nichts kann vollkommen sein. Die Reizschwelle meiner ungebrauchten Sinne sank, sie wurden so sensibel, daß sie das Quantenrauschen des Totaloskops einfangen konnten. Ein gleißender Blitz durchjagte das Nirwana, mein Ich ballte sich nach Ewigkeiten wieder zu einer kleinen, festen, abwehrbereiten Kugel.
    „Psith! Psith!“ schrie ich mundlos, „Psith, gib es auf. Rede mit mir.“
    Psith gab auf.
    Wir spazierten nebeneinander über eine abstrakte Ebene. Er beugte seinen Kopf nach vorn und sagte: „Gut, ich höre.“
    „Psith, wir brauchen dich, du gehörst zu uns. Wie soll, wenn du vor den Problemen fliehst, je Andymon in unsere Welt verwandelt werden?“
    „Spuck nicht so große Töne, Beth, niemand braucht mich, nehmt doch einen Roboter, der kann alles besser erledigen als ich.“
    „Wir wollen aber, daß Andymon auch nach deinen Vorstellungen und Wünschen gestaltet wird. Nur von Maschinen beackert, bleibt er immer ein toter Planet.“
    „Ach was. Ihr seid genug und kommt nur zu gut ohne mich aus. Und was ist eure großartige Planetenumgestaltung schon mehr als ein übertriebenes Totaloskop spiel. Ihr seid es, die sich wie Kinder benehmen. Was kann euch Andymon, diese sogenannte Realität, schon bieten? Ihr schuftet jahrelang, und falls ihr je fertig werdet, habt ihr nur das gewonnen, was ich mir schon jetzt völlig mühelos im Totaloskop besorgen kann.“
    „Vielleicht wollen wir nichts mühelos erreichen, vielleicht wollen wir alles selbst schaffen.“
    „Ich erdenke mir meine Welten auch selbst.“
    „Vielleicht wollen wir die Realität, unbedingt die Wirklichkeit, das volle, widerspenstige Leben, es mit Taten verändern, nicht nur mit Gedanken.“
    „Feine Unterschiede! Eure Realität da draußen ist um nichts realer als meine sogenannte Totaloskopillusion. Ich kann nur Diogenes’ Beweis wiederholen.“ Er stellte sich vor mir in Positur, ging auf und ab. Damit hatte einst der antike Philosoph Diogenes dem Skeptiker Zeno die Realität der Bewegung bewiesen.
    „Siehst du, alles real, was ich fühle. Wer sagt euch denn, daß eure langweilige Welt da draußen nicht nur in einem Totaloskop höherer Stufe existiert? Daß nicht eine unendliche Verschachtelung von Totaloskopen das Universum ausmacht!“ Psith griente, der Gedanke der Irrealität erfreute ihn, und er glaubte, er habe mich verwirrt.
    „Diese Hypothese ist von Gamma längst aufgestellt worden“, sagte ich, „wir haben sie nicht weiterentwickelt, weil sie unser Handeln nicht beeinflussen kann. Indem du ernsthaft mit mir diskutierst, gibst du ja auch zu, daß ich realer bin als die Geschöpfe deiner Einbildung.“
    Ich fragte mich, ob man Psith überhaupt noch mit Worten zurückgewinnen konnte. Da mir die Argumente fehlten, wurde ich beredt. Ich schilderte Psith die Größe dessen, was wir taten. Die kosmische Bedeutung der Besiedlung von Planeten, der Ausbreitung des Lebens im All. Die Notwendigkeit, nie bei dem Erreichten stehenzubleiben.
    Er lächelte nur, sagte: „Das ist deine Wertung. Glaubst du, sie gilt universell?“
    Ich lobte die Gemeinschaft, in der wir lebten, verwies auf die gegenseitige psychologische Abgestimmtheit der Gruppen, und falls er schon nicht um seiner selbst willen, um sich selbst zu retten, mitkam, so doch vielleicht um Psilas und der anderen willen. Dann fragte ich: „Wenn schon alles irreal ist, warum tust du mir dann nicht den Gefallen und probierst wieder einmal die Unwirklichkeit Andymons? Warum verkriechst du dich in diese Weltchen hier? Hast du Angst vor Andymon, daß du flüchtest?“
    „Wie sollte ich mich fürchten?“
    Psith kam mit.
    Wir legten die sensorischen Adapter ab, verließen die Totaloskope. Jetzt sah ich den wirklichen Psith, seine Augen wirkten angestrengt und gehetzt.
    Gamma trat zu uns, sagte: „Ich habe ganz schön gewartet.“
    „Jetzt brauche ich was zu trinken und ein anständiges Essen“, erwiderte ich. Wir gingen ins Freie.
    Andymon stank stärker als sonst, und der Boden bebte sanft unter meinen Füßen. Erst in Jahrhunderten würden die von uns ausgelösten tektonischen Bewegungen zur Ruhe kommen. Niedrig flohen die Wolken über unseren Köpfen hinweg.
    Teth kam mit einer schlimmen Nachricht. „In unserer Pflanzung breitet sich eine Virusseuche aus. Vielleicht gehen alle Setzlinge ein.“
    Endlich bekam ich mein Erfrischungsgetränk. Es schmeckte nach dem darin gelösten Staub, den der böige Wind aus der nahen Wüste heranwehte. Der Boden bebte stärker. Die Atmosphäre war heute besonders düster, doch konnte ich die Vulkankette am Horizont deutlich sehen. Die rauchenden Kegel erschienen mir steiler als sonst. Inzwischen verkohlten die Mikrowellen programmwidrig mein Steak, und Gamma flirtete ganz offensichtlich mit Psith.
    „He!“ wollte ich sagen, doch der Laut blieb mir im Halse stecken. Ein Rudel mutierter Hasen mit überlangen Stoßzähnen jagte aus der Südsteppe heran. Die Tiere waren zwei Meter groß. Das Aufschlagen ihrer überdimensionalen Hinterläufe war kilometerweit zu hören. Auf ihrem Fell tanzten Funken, so schnell rasten sie. Der Schreck bannte mich fest. Sie würden alles hier zertrampeln!
    Stärker grollte der Boden und riß dann unter schrecklichem Knirschen genau vor meinen Füßen auf. Alfa und Psila verschwanden mit markerschütternden Schreien in der Spalte.
    „Evakuieren“, rief ich, „in die Kopter!“
    Neben mir stürzte Psith über den von Rissen durchzogenen Boden. „Da hast du deinen Andymon! Ruhigste Gegend im Universum, was?“
    „Im Totaloskop könntest du dich jetzt nicht retten!“ brüllte ich ihn an.
    „Doch!“ schrie er.
    Und plötzlich begriff ich, das war nicht mein, der reale Andymon, das war Psiths Wahnvorstellung davon. Ich blieb stehen.
    „Du hast mich betrogen, Psith. Das ist nicht Andymon.“
    „Das ist der wahre Andymon“, rief er erregt, „du kannst ja hierbleiben, wenn du es partout nicht einsehen willst!“
    Vor meinen Augen wurde er durchsichtig und verblaßte. Ich rief ihn, aber es hatte keinen Zweck.
    Raus, dachte ich, doch das Totaloskop gab mich nicht frei. Dafür quoll jetzt hellflüssige Lava aus den Bodenritzen, ich schwitzte schon bei ihrem Anblick. Sie kann dir nichts antun, dachte ich, die Totaloskope sind sicher. Und wenn sie dich verschlingt, bist du draußen. Aber in Psiths Welt konnte ich nicht sicher sein. Er durfte mich nicht mehr ziehen lassen.
    Die Lava näherte sich. Meine Haut schlug Blasen. Weg! Weg! Der Schmerz, als die Lava meine Füße umschloß, ließ mich emporspringen, und der rettende Gedanke kam: Ich kann doch fliegen! Schon jagte ich raketengleich mit ausgebreiteten Armen in den Himmel, sah in der Hast der Flucht zu spät das riesige Spinnennetz, das sich von Horizont zu Horizont erstreckte. Meine rechte Hand berührte einen Faden, und schon klebte ich an dem ätzenden Leim und spürte das vom herannahenden Untier ausgelöste Vibrieren. Blitzschnell ließ ich den Arm heiß werden. Der Leim, der Faden verdampfte. Knapp entging ich den geifernden Mandibeln. Ich wußte jetzt, daß ich um mein Leben kämpfte.
    Von fern hörte ich Hilferufe: Gamma! Ich flog auf sie zu, sah sie von drohenden Robotern umzingelt. Ich durchschaute die Falle zu spät, Gamma verwandelte sich in Psith, der mir einen Strahl Antiprotonen entgegenschleuderte. Noch einmal entkam ich, hetzte weiter aus einer Gefahr in die nächste, bis ich das Muster der Schrecknisse durchschaute: Psith spielte mit meinen Ängsten, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Gamma hatte mich gewarnt, meinem Körper konnte nichts geschehen, wohl aber meinem Bewußtsein. Ich überwand meine Furcht und zerschellte auf dem harten Boden Andymons.
    Zerschlagen legte ich die Adapter ab und stieg aus dem Totaloskop. Ich wankte etwas, und meine Füße zeigten tatsächlich Blasen, entstanden durch die intensive Vorstellung. Aber das war nicht schlimm.
    „Er ist verrückt“, sagte ich, „er wollte mich erledigen.“
    So schwer es mir fiel, ich berichtete alle Details. Sie wurden mit dem Computerprotokoll verglichen. Realzeit fünf zehn Minuten. Ein kurzer Totaloskoptrip. Fast ein Jahr verzichtete ich auf weitere.
    Psiths Heilung beanspruchte viel Zeit. Wir behandelten ihn durch gezielte Steuerung seiner Illusionen.
    Einige jüngere Geschwister verlangten die allgemeine psychologische Überwachung eines jeden mit regelmäßig zu absolvierenden Computertests, um Wiederholungen des Falles zu vermeiden. Wir diskutierten lange und entschieden uns dann dagegen, denn es hätte bedeutet, Aufmerksamkeit für unsere Geschwister und Anteünahme an ihrem Leben durch maschinelle Checklisten zu ersetzen.

Der sterbende Wald

    Szina hielt die Infrarotluftbildaufnahmen prüfend in der Hand, das abstrakte Muster rötlicher, grauer und brauner Flächen hatte mit der Schonung vor uns nicht die entfernteste Ähnlichkeit. Dennoch verrieten die Bilder viel über die schmächtigen, kaum einen Meter hohen Stämmchen: Die Bäume waren krank, vertrocknet. Das Werk der sechsten Gruppe, die Voraussetzungen für die Landwirtschaft, insbesondere ein gemäßigteres Klima und einen ausgeglichenen Wasserhaushalt schaffen wollten, geriet in Gefahr.
    Szadeth war seiner Gefährtin und mir vorausgeeilt, er stand schon mitten in den jungen Bäumchen, die ihm kaum bis an den Gürtel seiner blauen Ärbeitshose reichten.
    „Verdorrt, alles verdorrt!“ schrie er uns zu und brach einen blattlosen Ast vom dürren Stamm. Wir gingen über den staubigen Boden zu ihm. Sein breites schwarzes Gesicht drückte Unmut aus.
    „Der ist noch in Ordnung“, sagte ich und zeigte auf einen anderen Setzling. Von Maschinen angepflanzt, standen sie in schnurgeraden horizontweiten Reihen.
    „So viele sind tot!“ Szina lief von Bäumchen zu Bäumchen, betastete die Zweige, nur wenige trugen frische grüne Blätter. Grüngelbe, braune überwogen, und manche Zweige waren völlig kahl.
    „Zum Glück sind nicht alle betroffen, einige Arten scheinen sich recht gut zu halten.“ Ich versuchte meine Geschwister zu trösten.
    Szadeth packte ein Bäumchen und riß es ohne Mühe aus, in seinen Händen zerbrach es wie Reisig. „Du hast gut reden, Beth“, er blickte mich nicht an, zerstückelte die Zweige, „für dich ist das lediglich ein interessanter Fall, du willst nur wissen, warum die Luftbilder weniger Chlorophyll anzeigen als geplant. Während du deine neugierige Nase mal hier, mal da reinsteckst, haben wir geschuftet, denn das hier ist unser Wald.“
    „Szadeth“, flüsterte Szina. Sie wischte sich verstohlen eine Träne von der bleichen Wange. Ihre Augen glänzten wie im Fieber.
    „Ja, schon gut. Ich weiß ja, daß du nichts dafür kannst, Beth, aber das ist unser Wald, das war unser Wald, diese trockenen Holzstummel.“ Er stieß mit dem Fuß gegen die dürren Stämme, sie brachen, knickten um wie Strohhalme.
    „Wir haben die Setzlinge im Schiff aufgezogen, sie vegetativ vermehrt und auf Andymon gebracht. Wir haben sie anpflanzen lassen, die Automaten überwacht und Bewässerung und Düngung organisiert. Du glaubst gar nicht, wieviel Zeit und Mühe in diesen paar Quadratkilometern Wald steckt…“ Er hatte den Faden verloren, lief kreuz und quer durch die Baumreihen, brach wahllos Ästchen ab, sogar solche mit grünen Blättern.
    Dann faßte er sich, winkte mich zu sich. „Es kann nicht allein die Trockenheit sein, der Boden ist noch nicht ausgedörrt, das Niederschlagsdefizit ist nur gering.“
    Ich grub mit bloßen Händen einen der toten Stämme aus dem Boden, auch Szina hockte sich schwerfällig neben uns. Gemeinsam musterten wir die Pflanze Zentimeter um Zentimeter.
    „Hab ich geahnt“, Szadeth kratzte mit seinen festen Fingernägeln die dünne Rinde ab, „hier, die Leitgefäße sind zerstört, siehst du? Parasiten!“ Er hielt mir die Bruchstelle der Wurzel unter die Nase.
    Zuerst sah ich nichts, dann erkannte ich feine schwarze Pünktchen. Wer wußte, als was sie sich unter dem Mikroskop entpuppen würden.
    „I!“ sagte Szina und erhob sich, sie stützte sich dabei eine Sekunde auf Szadeth. Dann standen auch er und ich auf.
    „Die kommen nicht von selbst hierher“, sagte er und ballte seine Fäuste. „Da hat einer im Schiff geschludert, wenn ich den erwische…, wenn ich den erwische… Die hat jemand vom Naturpark eingeschleppt…“ „Komm, das hat niemand absichtlich getan. Und früher oder später wäre es sowieso geschehen. Parasiten sind ökologisch ganz normal, ja sinnvoll. Und nicht alle Bäume wurden befallen. Eine Menge wird überleben.“ Ich wollte ihn beschwichtigen.
    „Auf der Erde, sind Parasiten vielleicht ökologisch angebracht, aber nicht hier“, sagte Szina leise, ihre Wangen glühten, „hier wirft uns das über ein Jahr zurück. Auf der Erde gibt es Bäume, die sind tausend Jahre alt. Ich möchte, daß unsere Kinder auf einem wundervoll belebten Planeten aufwachsen, auf einem Planeten wie die Erde, mit dichten grünen Wäldern und…“
    Unwillkürlich lachte ich, Szina sprach voll Pathos wie nach einem längeren Totaloskoperlebnis. Sie verstummte abrupt. Wie hätte ich auch ahnen können?
    Wir sammelten Proben ein, befallene und unbefallene Bäumchen, Bodenproben, steckten alles in Plastbeutel. Erst die Laboruntersuchungen würden zeigen, um welche Art Parasiten es sich handelte und wie etwas gegen sie unternommen werden konnte.
    Während wir zum Kopter zurückliefen, stellte ich mir vor, wie der Wind den lockeren Boden aufwirbelte, auch jene kleinen schwarzen Pünktchen mit sich trug, über Hunderte und Tausende Kilometer mit sich führte, wie sie dann irgendwo wieder zu Boden fielen, vielleicht in der nächsten Pflanzung? Gab es ein Mittel, diese Ausbreitung einzudämmen? Was konnte gegen eine planetenweite Epidemie unternommen werden? Die von uns entworfenen und angelegten Wälder, Wiesen, geschützten Täler, Seen waren noch zu jung, zuwenig stabil, zu anfällig. Schon ein Parasit konnte das mühsam erreichte Gleichgewicht zerstören. Und ich wußte, daß es nicht bei den schwarzen Pünktchen bleiben würde. Alles konnten wir nicht kontrollieren, soviel wir auch planten, vorausberechneten, berücksichtigten. Wie unzureichend ist unser Wissen, das Ergebnis vieler Jahre des Lernens, auf das ich so stolz war, angesichts der Wirklichkeit Andymons!
    Ich steuerte den Kopter noch einmal über den Wald, das Grün der wenigen gesunden Blätter ging unter im Ocker des Bodens, im Dunkelbraun der toten Bäumchen. Wenn wir nur ein Viertel retten konnten!
    Eine Bewegung hinter mir, ein ungewohntes Geräusch. Szina war ohnmächtig geworden. Szadeth kümmerte sich um sie, öffnete ihre blaue Jacke und fächelte ihr Luft zu.
    „Was?“ fragte ich besorgt, „verträgt sie das Fliegen nicht mehr? Die Anstrengung?“
    „Ja, ja“, sagte Szadeth kurz, da kam sie schon wieder zu Bewußtsein.
    Wenn das so weitergeht, dachte ich, schafft Andymon uns noch alle, vielleicht haben wir uns wirklich übernommen. Doch gleichzeitig wußte ich, daß wir durchhalten würden, unbedingt.
    Szinas Ohnmacht hatte allerdings eine ganz andere Ursache.

Die erste Jahreszeit

    Teth rief Gamma und mich an, etwas Wunderbares sei geschehen, er habe eine Bergregion entdeckt, in der Schnee falle.
    Drei Stunden lang jagte unser Kopter aus der zurückweichenden Nacht in den anbrechenden Tag, drei Stunden, in denen Gamma alle Augenblicke beteuerte: „Ich habe die Wetterkarte überprüft, es schneit bestimmt immer noch.“
    Unseren Satelliten, die seismische Aktivität und Wetter registrierten, war der winzige Flecken erhöhter Reflexion nicht entgangen: Schnee. Die Funksignale der Satelliten lotsten nun den Kopter durch die schüttere Wolkendecke. Wir spähten hinab, um das Wunder zu entdecken. Und tatsächlich: Die Abhänge der Berge waren weiß, das Land strahlte gleißend hell an jenen Stellen, wo ein paar Sonnenstrahlen die Wolkendecke durchbrachen.
    Wir landeten als letzte. Die Geschwister liefen uns entgegen.
    „Das ist Schnee, Beth“, sagte Teth aufgeregt, „echter Schnee. Den gibt’s im Schiff nicht, den hat nur Andymon.“ Er rieb ihn zwischen seinen Händen. „Echter Schnee wie auf der Erde. Das ist der erste Schnee von Andymon, ihr wißt doch, was das heißt. Die Zeit der großen Stürme und Unwetter geht vorüber, stabile Klimazonen bilden sich aus, Himmel, wird Andymon schön! Vivat Andymon!“
    Wir lachten über seine Begeisterung, scharrten mit den Füßen in der dünnen Schneedecke, bis wir auf den dreckigbraunen Boden stießen. Unsere Schritte rissen Löcher in die gleichmäßig weiße Fläche. Ich ging in die Hocke und kratzte aus der dünnen Schicht einen Ball zusammen. Zwischen meinen Fingern tropfte Tauwasser herunter. Der Schnee war nicht sehr kalt, meine Hände brannten trotzdem — und auch mein Gesicht im Wind.
    Teth lief hin und her, rempelte Zeth an, gab Ilona unversehens einen Kuß auf die kalte Wange. „Ach, was wißt ihr, was der Schnee für Andymon bedeutet. Zwei Milliarden Jahre war der Planet eine glühende, flüssige Kugel, Hunderte Millionen Jahre schwammen erste Kontinentschollen in Magmaozeanen, und dann hüllte eine stickige, giftige Atmosphäre die brennende Oberfläche ein. Und jetzt, jetzt hat es geschneit, es wird Winter geben und Sommer, Frühling und Herbst. Das alles bedeutet es für Andymon.“
    „Wir wissen vielleicht nicht, was der Schnee für Andymon bedeutet, aber wir wissen genau, was er für dich…“
    Ilona vollendete ihren Satz nicht. Wie auf ein geheimes Kommando warfen wir unsere Schneebälle auf Teth. Ich traf ihn vor die Brust, noch bevor er sich drehte, hinter einem Felsen Deckung suchte. Kaum war er verschwunden, bewarfen wir uns gegenseitig, jeder gegen jeden. Eine volle Ladung landete in meinem Genick, rutschte mir unter die Jacke, daß ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam.
    Ich schwor, Gamma den hinterhältigen Treffer heimzuzahlen. Sie schrie laut um Hilfe und suchte zuerst hinter Alfa, dann hinter Zeths breitem Rücken Schutz. Im Zickzack rannte ich hin und her, schleuderte dabei einen vorfabrizierten Ball nach dem änderen. Der verschneite Boden war tückisch. Ich glitt aus und landete schmerzhaft auf einem kantigen Stein. Unter dem Gelächter der anderen erhob ich mich, klopfte Schnee und Dreck vorsichtig ab und visierte aus den Augenwinkeln Gamma an. Ehe sie sich’s versah, hatte ich mich gerächt.
    Dann zog eine schwere Wolke auf, und ein nicht enden wollendes Gewimmel großer flaumiger Flocken begann sich auf uns herabzusenken. Wir jubelten aufs neue, sprangen umher, versuchten, Schneeflocken mit dem Mund zu erhaschen. Gamma rutschte, ruderte heftig mit den Armen und hielt sich an mir fest. Flocken saßen überall, in ihrem Haar, auf ihrer Nase. Langsam zerschmolzen sie auf der Haut oder im heißen Atem. Wir tollten ausgelassen wie vor Jahren im Naturpark. Nach Mühsal, Ernst und Arbeit auf Andymon hatten wir nicht verlernt, uns mit ganzem Körper zu freuen.
    Wir hielten noch lange aus, bis die Erschöpfung uns Ruhe finden ließ. Hände und Gesicht brannten, die Lachmuskeln schmerzten, hier und da ein blauer Fleck, dreckig und verschwitzt waren wir - und glücklich. Ich hatte die Koptertür offengelassen, die Instrumente waren kalt, und auf dem Boden hatte sich eine Lache gebildet. Im Schiff hatten wir jede neue Entdeckung voll ausgekostet, die Seen, Wälder, die Beregnung des Naturparks. Nur geschneit hatte es dort nie. Welche Freude, nun ein aufgespartes Wunder zu erleben!
    Selten, sehr selten schneit es nach den letzten Herbststürmen in der noch unbenannten Staubwüste im Nordgebirge sogar rot. Ein exotisches Schauspiel. Und doch, es wird mich nie so sehr bezaubern können wie damals der erste weiße Schnee, der das Kommen der Jahreszeiten ankündigte.

Teil III
Und mehr als Andymon

Eine Frage der Perspektive

    Eine Handvoll Menschen, halbe Kinder noch, gegen einen Himmelskörper, einen Milliarden Jahre alten Planeten. Uns kam es vor, als würde unser verbissener, nimmermüder Ansturm ihn aus der Bahn werfen, Andymon.
    Wie sehr hatte unsere Tatkraft den Planeten in den letzten Monaten verändert! Wir rissen seinen harten Boden auf, um nach Erzen zu schürfen, säten und pflanzten. Wir errichteten lange Reihen von Gewächshäusern und hatten längst die ersten auf Andymon produzierten Geräte in Betrieb genommen.
    Und Andymon-City wuchs trotz aller unterschiedlichen architektonischen Vorstellungen. Der zentrale Platz unserer Stadt, die vorerst kaum Straßen, geschweige denn weitere Plätze hatte, am liebsten hätte ich ihn umzäunen und aus den Karten streichen lassen, soviel kostbare Zeit fraßen die Diskussionen um seine Gestaltung. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für das einzig Rationale. Nun, über einen Springbrunnen ließe sich allenfalls reden… Doch Alfa und Teth waren bereits dabei, überall, kreuz und quer, Blumenrabatten anzulegen. Kein Roboterwagen hatte mehr freie Fahrt. Gamma vermittelte zum Schluß so geschickt, daß sie ihr Lieblingsprojekt, einen Aussichtsturm an zentraler Stelle, durchsetzen konnte, ein Wahrzeichen, alles überragend und den Charakter unserer Siedlung bestimmend.
    Aber nicht nur wir veränderten das Angesicht Andymons. Wir? Ja, aus dieser Zeit stammt auch die erste Unterscheidung von „wir“ und „sie“. Im Schiff hatten wir geplant, zusammen zu siedeln, alle an einem Ort zu wohnen. Doch von Anfang an errichteten die Jüngeren, die fünfte und sechste Gruppe, ihren eigenen Stützpunkt. Weit über hundert Kilometer von Andymon-City entfernt, jenseits des Hochplateaus in einer — so hofften wir alle — künftig fruchtbaren Ebene. Noch vor Jahresfrist hatten gewaltige Schlammassen sie überflutet.
    Wir krempelten den Planeten um. — Wirklich? Hielt ich die Aufnahmen aus dem Schiff in der Hand, sah ich verstreut und vereinzelt Punkte, winzige Flecken menschlicher Aktivität. Ringsumher ein Ozean toter Steine, schier grenzenlos, ohne Ende. Nur vom Turm aus mit der Kurzsichtigkeit menschlicher Augen ließ sich sagen: Schaut, wie wir die Wüste besiegen! Vivat Andymon! Aber behält die subjektive, menschliche Sicht nicht doch recht? Es ist nur eine Frage der Perspektive. Räumlich — und zeitlich.

Geborene und Ungeborene

    Eine riesige schimmernde Blase, vielleicht einen Kilometer im Durchmesser, lag vor uns auf der graubraunen Ebene.
    „Das also ist Szadeths geheimnisvolles Projekt“, sagte ich zu Gamma, die turnusmäßig den Kopter steuerte. Gamma nickte. Wir flogen sehr niedrig. Der Kopter wirbelte feinen Staub auf, der unsere Spur durch eine weithin sichtbare Wolke markierte.
    „Ich bin gespannt, was sich unter der Plastkuppel verbirgt. Zeths Beispiel, Baustellen auf diese Weise zu schützen, hat offensichtlich Schule gemacht.“
    Wir versuchten, mit unseren Augen die Hülle zu durchdringen, doch irisierende, schillernd bunte Reflexe verwehrten uns den Blick. Undeutliche Schemen am Boden, mehr war nicht zu erkennen.
    Eigentlich wollte ich von Szadeth nur erfahren, mit welchem Erfolg er den Parasiten bekämpft hatte. Der wäre längst vergessen, meinte Szadeth, aber wir sollten ihn unbedingt besuchen kommen, er würde uns in ein neues, Andymon veränderndes Projekt einweihen.
    Nein, ich war nicht blind damals. Ich hatte Szina und Szadeth, die mit den Geschwistern aus der fünften und sechsten Gruppe in der zweiten Siedlung lebten, lange nicht getroffen, nur dann und wann über das Videofon gesprochen. Aber selbst wenn sie vor mir gestanden hätten… Ich war es einfach nicht gewohnt, die Anzeichen zu sehen, und mein Verstand hatte noch nicht gelernt, sie zu deuten.
    Über Funk meldete sich Alfa. „Zeth und ich kommen nach. Szadeths Einladung gilt doch auch für uns. Wir sind jetzt fertig.“
    „Ja, weshalb nicht! Wir sehen uns dann bei ihm.“
    Alfa, unsere Alfa., Sie war so leicht in Panik zu versetzen. „Niemand hat mehr den Überblick, was auf Andymon alles geschieht. Das geht bestimmt nicht gut!“ unkte sie. — Der Tadel galt mir.
    Jetzt, aus der Nähe, sah die Kuppel gewaltig und zugleich zart aus wie eine überdimensionale Seifenblase. Ich hatte gerade noch Zeit, ein paar grüne Flächen und einige niedrige Gebäude in ihrem Inneren zu erspähen, da landete Gamma den Kopter absolut exakt in der Mitte der planierten Fläche am Fuß der Kuppel.
    „Na, komm schon, worauf wartest du noch?“ rief sie ungeduldig. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb die Gurte ihr stets besser gehorchten als mir.
    Wir stiegen aus und gingen durch die Schleuse ins Innere der Kuppel, die unter leichtem Überdruck stand. Ich schaute mich um und war enttäuscht, nirgendwo stand eine Maschinerie, die den Aufwand der Plastblase gerechtfertigt hätte. Auf dem vielerorts steinigen, aber hier und da mit größeren Grasflächen überzogenen Boden wuchsen in verstreuten Gruppen Bäume. Die höchsten auf Andymon. Sie reckten sich bis zu zehn Metern auf, ganz eindeutig waren sie aus dem Naturpark des Schiffs geholt worden.
    „Vielleicht wollen sie Mimosen züchten?“ Gamma war augenscheinlich genauso ratlos wie ich.
    Szadeth lief uns in kurzen elastischen Sprüngen entgegen. Er trug nur Shorts, die hell von seinem schwarzen Körper abstachen.
    „Hallo, Szadeth“, begrüßte ich ihn, „wenn ich dich so sehe, schaust du wirklich wie deine australischen Vorfahren aus.“
    Er lachte, und wir gingen gemeinsam auf dem schmalen Trampelpfad über grob eingeebnete Geröllfelder mit ersten Grasbüscheln zu den wenigen Häusern im Zentrum der Kuppel.
    Szadeth erklärte knapp: „Hier leben wir jetzt.“
    Im hufeisenförmigen Gemeinschaftshaus war die Küche untergebracht. In seinem Innenhof standen Tische und Bänke für gemeinsame Mahlzeiten und Versammlungen.
    „Es ist gut, daß ihr kommt“, sagte er plötzlich. „Resth meint zwar, ihr würdet uns sowieso nicht verstehen, aber..
    Er brach ab, denn Szina kam uns entgegen. Ihr sonst so weiches, fast noch kindliches Gesicht war härter geworden, und trotz des lose fallenden himmelblauen Kleides schien sie mir dicker.
    Gamma war es auch aufgefallen, denn sie fragte: „Szina, wie geht es dir? Du siehst krank aus.“
    „Nein, ich bin schwanger, Gamma.“ Ihre Augen glänzten.
    „Was, nein, das ist unmöglich, wie konnte das nur passieren?“ Ich war total durcheinander, dachte an die Hormone in unserer Nahrung und musterte dabei unwillkürlich immer wieder ihren Körper.
    Gamma erriet die Wahrheit. „Ihr habt das gewollt?“
    „Aber das ist verrückt!“ Ich schüttelte abwehrend den Kopf.
    Sie lachten beide über meine Verwirrung. Um überhaupt zu reagieren, flehte ich Gamma an: „Sag doch was, Gamma!“ Da mußte auch sie lachen.
    Szadeth klopfte mir beruhigend auf die Schulter. „Aber Beth, was hast du? Kinderkriegen ist die natürlichste Sache auf der Welt…“
    „Auf der Erdwelt vielleicht, nicht auf Andymon. Wozu haben wir die Inkubatoren?“
    „Beth, beruhige dich erst mal, gehen wir ein wenig spazieren.“ Szadeths Stimme klang fast amüsiert. Aber er schien auf unsere Meinung zu warten und auf unsere Zustimmung Wert zu legen.
    „Wir zeigen euch unsere Oase, einverstanden?“ fragte Szina. „Hier sollen unsere Kinder spielen können, ungestört, ungefährdet, frei wie im Naturpark, verstehst du…?“
    Ich nickte, doch meine Gedanken wirbelten durcheinander. Ich versuchte, meine Gefühle zu analysieren, es war nicht nur eine Überraschung für mich, es war ein Schock. Szina und Szadeth hatten ebensowenig wie ich Vater und Mutter vermißt, wie kamen sie darauf, Kinder in die Welt zu setzen? Hatte sie der Schiffscomputer dafür ausgebildet, darauf programmiert? Vater zu sein, sich um eigene Kinder zu sorgen, das war so unwirklich wie ein Totaloskoptraum…
    „…deshalb brauchen wir die Kuppel unbedingt, wir können nicht das Risiko eingehen, daß unsere Babys die stinkende Luft Andymons atmen, vielleicht ist sie trotz aller Tests schädlich. Außerdem werden wir hier ein voll kontrolliertes Ökosystem aufbauen, etwas, das uns kein Sturm wegbläst, keine Sturzflut wegschwemmt, eben unsere Oase.“
    Es war einfach irrational. Aber was war schon rational? Ich ging nur von anderen Voraussetzungen aus, anderen Vorstellungen, die waren nicht rationaler, begründeter als ihre. Es war ihre Entscheidung, ich würde mich damit abfinden müssen.
    „… und hier werden wir einen kleinen See anlegen, schon nächste Woche, dazu werden wir eine künstliche Quelle schaffen, der Grundwasserspiegel pendelt sich allmählich ein. Schließlich sollen unsere Kinder auch baden können wie im Naturpark. Und wir ebenfalls.“ „Und die Schiffskinder? Wird es da nicht Zank und Streit und Feindschaft geben?“ fragte Gamma.
    „Wir werden eine Versammlung aller einberufen“, sagte nun Szadeth, „schließlich geht es nicht nur um unsere persönliche Zukunft. Und wir werden beantragen, die Inkubatoren im Schiff auslaufen zu lassen.“
    Das war nur die logische Konsequenz. Ich blickte über die Wiese vor uns, es gab bereits Blumen auf Andymon. Ein Sprenger beregnete sie.
    „Ich bin dagegen“, hörte ich Gamma murmeln.
    „Szadeth, sind wir denn schon genug Individuen für eine genetisch stabile Population?“ fragte ich. „Sicher werden sich nicht alle wie ihr verhalten.“
    „Der Genpool reicht nach meiner Berechnung aus, er ist äußerst heterogen. Und wenn nicht? Nichts ist leichter, als die genetischen Reserven des Schiffs anzuzapfen. Aber das ist nicht unser Problem und auch nicht das der nächsten Generation.“
    „Es stimmt natürlich, daß vor uns jetzt die Aufgabe, hm, einer gezielten Bevölkerungsexplosion steht“, sagte Szina lächelnd, „ich bin jedenfalls bereit, meinen Anteü beizutragen. Und Pea, Kafa und Tawa ebenfalls. Es werden sich nicht viele ausschließen, nein, unsere Kinder werden Andymon bewohnen, nicht Inkubatorengeschöpfe.“
    „So armselig komme ich mir gar nicht vor“, revoltierte Gamma.
    Wo ich Andymon mit Maschinen und Energie bezwingen wollte, setzten sie ihre Leiber ein, wollten sie sich ihn so aneignen wie die Urmenschen die Erde. All meine Prognosen von der Zukunft Andymons waren damit hinfällig geworden, papierne Szenarien, die ewig Planspiele bleiben würden. Was nutzte es, soviel vorherzuberechnen, wenn die Geschwister eigene, doch irgendwie irrationale Wege gingen? Alle projektierten Soziologien verloren ihren Wert, alle Argumente wurden belanglos.
    Durch die transparente Kuppel sah ich, wie ein weiterer Kopter landete. Alfa und Zeth waren angekommen. In knappen Worten klärte ich sie über die phantastische Entwicklung auf.
    Zeth machte sich ganz gegen seine Gewohnheit sofort Luft. „Was denkt ihr euch nur? Wir rackern uns ab, richten Andymon ein, schuften Tag und Nacht, und ihr, ihr habt nichts Besseres zu tun, als Kinder zu bekommen, denkt nur an euch und Nachwuchs. Hättet ihr denn nicht wenigstens warten können, bis wir Andymon einigermaßen fertig haben? Statt dessen kriecht ihr unter eine Kuppel…“
    „Andymon wird nie fertig“, wandte Szadeth ruhig ein, doch Zeth redete einfach weiter. Und er sprach manches taktlos aus, was auch mir durch den Kopf gezogen war.
    „…denkt wohl, das ist eure Privatangelegenheit? Außerdem seid ihr noch viel zu grün dazu, ihr versaut euch vielleicht das ganze Leben damit. Die Inkubatoren und Rammas können das viel besser.“
    Alfa legte ihm beruhigend ihre Hand auf die Schulter.
    Er hielt eine Sekunde ein, schaute sie kurz an, zuckte mit den Achseln. „Na, ist doch wahr, wenn sie fühlen wollen, wie es ist, brauchen sie’s nur im Totaloskop durchzuspielen. Da vergeht ihnen die Lust aufs Kinderkriegen schon.“
    „Zeth, Zeth, du mußt ja nicht…“ Szina betonte das „du“ so deutlich, daß Zeth verstummte. Wir Männer hatten nach ihrer Auffassung hier nicht mitzureden. Trotzdem brachte sie eine erstaunliche Geduld mit ihm auf. „Weißt du, Zeth, die Totaloskope sind uns nicht genug. Außerdem geht es uns nicht um die Geburt, sondern um die Kinder, eigene Kinder. Wir wollen Realität, die volle Wirklichkeit mit allem Schmerz und aller Freude. Wir wollen voll Mensch sein, verstehst du?“
    Ich schaute Alfa an, die einen recht hilflosen Eindruck machte, unfähig, Szina zu verstehen oder zu verurteilen. Gamma sah finster nachdenklich vor sich hin.
    Wir gingen wieder den Pfad entlang, die kleine Welt unter der Kuppel war viel rauher, viel steiniger, viel weniger bunt als der riesige Naturpark des Schiffs, aber auch sie würde Kindern gefallen. Wir schwiegen eine Weile. Von einem der Bäume flogen Vögel auf, zogen eine Schleife, ließen sich anderswo nieder.
    „Die Kinder aus dem Schiff könnten auch hier leben“, schlug Szadeth vor, „Platz genug ist, zumindest für die Kleineren.“
    Jetzt kamen die Vögel direkt auf uns zugeflogen. Ich wußte nicht, zu welcher Art sie gehörten, aber das war belanglos. Es waren an-dymonische Vögel.
    Während wir uns einer der Senken näherten, tauchte aus einem der Häuschen eine Gestalt auf, die ich aus der Entfernung nicht erkannte. Ohne uns zu begrüßen, verschwand sie wieder.
    „Das wird Resth gewesen sein“, erklärte Szina, „er hält nichts davon, daß wir mit euch reden, er meint, man müßte euch vor vollendete Tatsachen stellen, nur die würdet ihr akzeptieren. Ja, er bekommt auch ein Kind, ich meine Pea. Mit Mema und Joth aus der fünften Gruppe sind wir zur Zeit drei Elternpaare.“
    „Ihr habt euch also richtiggehend verschworen“, sagte Gamma mehr im Ernst als im Scherz. „Aber ich verstehe, wenn mehrere die Erfahrung zur selben Zeit machen, können die Kinder gemeinsam aufwachsen.“
    „Genau“, fuhr Szadeth erfreut fort, „schon jetzt lernen wir zusammen Kinderpflege, Erziehung. Und wir haben beschlossen, daß wir alle drei Kinder als die eigenen betrachten. Wir werden abwechselnd auf sie aufpassen, und wenn sie ein Problemchen haben oder sich ungerecht behandelt fühlen, können sie zu jedem von uns kommen.“ „Wenn das mal klappt“, unterbrach ihn Zeth skeptisch und mit Bitterkeit. Ob er mit Eta das vierte Elternpaar abgegeben hätte?
    Schließlich setzten wir uns in den Sand am Rande der flachen Senke, die bald der See füllen sollte. Gelben, feinkörnigen, sauberen Sand gab es auf Andymon kaum. Sie wandten viel Mühe auf, die Oase unter der Kuppel in ein bescheidenes Paradies zu verwandeln.
    „Wir wollen unabhängig werden von der Technik des Schiffs“, rechtfertigte sich Szadeth auf eine nicht ausgesprochene Frage. Er schaute zu Boden und rieb die bloßen Füße gegeneinander, daß der Dreck abkrümelte.
    Wir schwiegen. Jeder hing seinen Gedanken nach. Gamma lehnte sich an mich, ich wußte, sie versuchte sich vorzustellen, wie es hier aussehen würde, wenn erst einmal Kinder umhertollten. Zeth warf Steinchen in den noch nicht vorhandenen See. Ra, die Sonne Andymons, sank hinter einen entfernten Gebirgszug. Es war einer jener seltenen Momente, in denen man sie überhaupt sehen konnte, meist bedeckten schwere Wolken, in vielen Schichten übereinander, den Himmel. Das gelbrote Licht der Sonne brach sich in der Kuppel, ein phantastisches Spiel von Reflexen überflutete uns.
    „Bleibt doch die Nacht bei uns“, bat Szina. Es kam ein Stück der alten Vertrautheit zwischen uns wieder auf. Doch ich brauchte Ruhe, um die Situation und ihre Konsequenzen zu überdenken.
    Beim Abschied drängte mich Szina zu einer Stellungnahme, indem sie fragte: „Du unterstützt uns doch, nicht wahr, Beth?“
    Ich sah in ihr ausdrucksvolles Gesicht. „Ja, braucht ihr meine Unterstützung überhaupt? Ich hatte andere Pläne von der Besiedlung Andymons. Das waren natürlich nur meine unverbindlichen Vorstellungen, die jetzt belanglos sind.“ Mit einer Kopfbewegung, einem kurzen Ruck wischte ich sie hinweg. „Ich bin dein Bruder, Szina. Und wenn du mir sagst, daß euch so ein Leben glücklicher macht, werde ich euch dabei helfen.“
    Als wir eine Abschiedsschleife über der Kuppel flogen, lag sie schon im Schatten der Nacht.
    Erst viel später auf dem Heimflug begann Gamma zu reden: „Weißt du, Beth, Szina und ihre Gruppe sind eine neue, andere Generation als wir. Wir waren die Pioniere, wir hatten nur das Schiff und Andymon im Sinn, das war unsere Aufgabe, und um die Art der menschlichen Kultur auf Andymon machten wir uns recht wenig Gedanken. Wir haben immer in kosmischen Maßstäben gedacht, Szina und die Gleichaltrigen denken in sehr menschlichen Bezügen: wir und unsere Kinder. Das ist ein notwendiger Übergang. Sie sind die wirklichen Siedler, die Siedler Andymons, sie werden sich über den Planeten ausbreiten, ihn erst richtig bewohnbar machen… Ach Beth, ist es nicht seltsam, sich vorzustellen, daß wir Pioniere, wir Ungeborenen, in den Augen der Nachfahren sozusagen aussterben werden?“
    Ich schwieg. Es war beunruhigend, zu wissen, daß man in absehbarer Zeit seinen Zweck erfüllt haben und überflüssig geworden sein würde. Das war kein Gedanke, an den man sich schnell gewöhnte. Dabei sollte es eigentlich gleich sein, welche Sorte Mensch sich über Andymon ausbreitete, Geborene oder Ungeborene. Von kosmischer Warte aus zählte nur, daß intelligente Wesen einen weiteren Planeten eroberten.
    „Und nicht den letzten und nicht nur Andymon“, setzte Gamma meinen Gedanken laut fort.

Rückkehr ins verlassene Schiff

    „Eine Inspektion“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu Gamma, „man soll den Automaten von Zeit zu Zeit persönlich auf die Finger schauen.“
    Das war vielleicht tatsächlich nötig, denn seit wir den Computer im Schiff durch einen ebenso leistungsfähigen auf Andymon abgelöst hatten, seit wir auch die technologischen Kapazitäten des Schiffs weniger benutzten, flog es praktisch so autonom und unkontrolliert wie vor Alfas Geburt.
    Die Schleuse schluckte den Lander mit gewohnter Präzision. Ich stieg aus, legte den Schutzanzug ab und trat in den altvertrauten Gang. Meine Beine fanden wie von selbst den Weg zum Naturpark.
    Ich hatte den Park größer in Erinnerung. Jetzt schien er mir trotz seiner beträchtlichen Dimensionen geschrumpft. Mein Auge hatte sich an die Endlosigkeit, an die fernen Horizonte Andymons gewöhnt. Die riesigen knorrigen Sequoien, auf denen wir so oft herumgeturnt waren, beeindruckten mich desto mehr. Denn wie sollten sich die jungen Bäumchen Andymons mit ihnen messen können? Ich schaute über das den gesamten Himmel einnehmende Rund des Parks — etwas fehlte. Dann kam es mir in den Sinn: Die Menschen fehlten, die Kinder; nicht einmal ein Guro lehnte an den Felsen.
    Die Paviane lärmten in ihren Bäumen, durch das Gras raschelten die kleinen Nager, Vögel pfiffen oder schwammen im See. Doch niemand scheuchte sie auf, kein zerschrammter Knabe tummelte sich unter den Bäumen, kein Pärchen war auf der Insel zu entdecken. Andymon hatte alle an sich gerissen. Nur die Kleinsten würde ich noch unter der Obhut der Rammas finden. Und in den Inkubatoren befanden sich noch Embryonen, zwei, drei vielleicht; wenige Monate nur noch, und die künstlichen Gebärmütter würden leer und tot dastehen.
    Ich streifte einige Minuten durch das Gras, ging bis ans Wasser, dann verließ ich den Naturpark. Wie sehr er trotz allem von Leben erfüllt war, spürte ich augenblicklich, als ich die ausgestorbenen Korridore, Hallen, Labore des Schiffs betrat. Ja, dachte ich, du hast deinen Zweck erfüllt, dein Ziel erreicht, Schiff. Jetzt wirst du eingemottet, die Menschen haben dich verlassen.
    Möglich, sie kehren eines Tages als Touristen zurück, kräftige Siedlerfamilien mit belegten Broten in geflochtenen Körben. Nur mit Mühe können sie noch die Gleiter steuern und haben eine geheime Furcht, sich der Schwärze des Himmels anzuvertrauen. Sie werden deine Eingeweide bestaunen, rasch ihr Picknick hinter sich bringen und sich, wieder daheim, gegenseitig beteuern: Dort könnte ich nie leben, welche Enge, die Luft wird einem knapp… Bestenfalls kommt ein Pärchen, dich auf seiner Hochzeitsreise zu besuchen. Vielleicht werden sie, weiß ich, ob mit Neid oder mit Abscheu, darüber reden, wie wir es hier getrieben haben sollen. Und vor den Inkubatoren werden sie stehen und flüstern: Wie konnte man nur, auf so unnatürliche, unmenschliche Weise…
    Vielleicht, Schiff, wenn ich einmal alt bin — oder mich genügend alt fühle —, werde ich zu dir zurückkehren für immer. Und nichts träumen als meinen großen Traum vom besiedelten Kosmos. Den Traum, für dessen Erfüllung du geschaffen wurdest — und ich.
    Eine Bewegung in der Ecke des Ganges riß mich aus meinen Gedanken. Über den sauberen Plast des Bodens huschte eine Maus. Nie hatten die Reparaturautomaten Tiere außerhalb des Parks geduldet und wir genausowenig. Ich trat an die nächste Rufanlage und verband mich mit dem Schiffscomputer. „Was soll das? Mäuse im Schiff! Läuft noch mehr Ungeziefer frei umher?“
    Nein. Eine Lageskizze sämtlicher Löcher und Gänge der Mäuse kann auf Befehl vom nächsten Terminal ausgegeben werden.“
    „Wieso läßt du das zu?“
    „Die zehnte Gruppe hat eines Tages das Spiel ‚Katze und Maus‘ erfunden. Sie haben die entsprechenden Ordnungsbefehle geändert, und zwar…“
    „Gut. Ich will, daß die ursprüngliche Befehlsstruktur wiederhergestellt wird.“
    Das Nahen von Servicerobotern mit Käschern, in denen Mäuse fiepend protestierten, bewies mir, daß der Computer noch mit gewohnter Geschwindigkeit reagierte.
    Ich lief weiter den Gang entlang, unwillkürlich orientierte ich mich an den bunten Symbolen: ZENTRALE. Da stand ich vor den Steuerpulten, vor den Displays und Anzeigen, und einen kurzen Augenblick blitzte ein Gedanke in meinem Hirn auf: Du brauchst dich nur hinzusetzen, nur die drei Sicherungen zu lösen, und schon gehorcht dir das Schiff, und du kannst starten. Am Planeten acht kannst du problemlos soviel Wasserstoff tanken, wie du brauchst… Wozu? fragte ich mich, was für ein verrückter Gedanke, Andymon ist meine Heimat.
    Meine Hand flog über die Tastaturen, und die Kontinente und Meere Andymons füllten den Hauptschirm, daß kein Platz mehr für die Sterne blieb. Ich starrte den Schirm eine Weile an, dann ließ ich mir Ausschnitte vergrößern, um die Siedlungen ins Bild zu bekommen. Oasis nahm den gesamten Bildschirm ein. Da selten klares Wetter herrschte, konnte ich im Infrarot die einzelnen Häuschen unterscheiden, die Fahrzeuge erkennen, und vielleicht waren diese winzigen Punkte tatsächlich Menschen.
    Bald würde ich wieder eins dieser Pünktchen sein. Und ein beschauliches Siedlerleben führen, den Blick fest am Boden, den Sinn nur auf den nächsten Tag gerichtet. Ein Leben, dessen planetarische Beschränkung mir bei aller Liebe zu Andymon, bei aller Großartigkeit der Aufgaben als zu eng, zu hausbacken erschien. Wie hatte Gamma gesagt? „Wir sind die Pioniere. Für uns gibt es keine Seßhaftigkeit.“ Wir hatten unsere Aufgabe, die Umgestaltung Andymons, erfüllt, waren unnütz nun wie das Schiff.
    Eine Handbewegung wischte die Siedlung vom Bildschirm. Wieder leuchteten meine Sterne, die Sterne, die man von Andymon nur so selten sah. Ja, mein großer Traum, der Traum der Konstrukteure des Schiffs — Jahrhunderte würden vergehen, ehe die Menschen von Andymon, die Siedler, erneut den Gedanken fassen konnten, das All zu erobern.
    „Nein“, sagte ich laut, „nein, ich kann und will nicht warten. Und wenn ich auch nicht zum Siedler tauge, den Andymon jetzt benötigt, so tauge ich doch zum Konstrukteur.“
    Ich kann schlecht einschätzen, welchen Anteil Unzufriedenheit mit meinen jüngeren Geschwistern, Selbstmitleid oder sogar Enttäuschung über Andymon an meinem Vorsatz hatten und wieviel davon von den Konstrukteuren des Schiffs vorausgeplant und vorausgesehen war. Fakt ist, daß in diesen einsamen Minuten in der Zentrale ein Gedanke Gestalt annahm: Noch wir, die erste Generation, würden mit dem Bau von neuen Schiffen beginnen. Denn wenn die Entscheidung hierfür nicht bald fiel, würde sie in absehbarer Zeit, während meines Lebens und während der nächsten Generationen, nicht fallen.
    Dann verließ ich die Zentrale, und meine Beine trugen mich durch die Korridore. Vertraut — und doch eine andere Welt, die Welt unserer Jugend. Hier waren unsere Zimmer. An der Tür zu meinem prangte ein unbekanntes Symbol. Ich öffnete die Tür, trat ein — und prallte überrascht zurück. „Entschuldigung“, sagte ich, „ich wußte nicht…“
    Erschrocken sprang der Junge auf, sah mich an, lachte unsicher. Er war etwa zehn.
    „Oh, macht nichts. Das heißt, du kannst ruhig reinkommen, Beth. Ich bin Jath.“
    „Ich hatte nicht vermutet, daß sich außer Kleinkindern eine Menschenseele an Bord befindet, Jath.“
    „Na ja, ich mußte noch einmal zurück, ich habe die paar Pflanzen da vergessen - und hier, was ich darüber geschrieben habe.“ Er nahm ein Papier vom Schreibtisch, das von Kinderhandschrift bedeckt war.
    „Ihr habt neue Pflanzen gezüchtet?“ fragte ich und schaute mich in dem Zimmer um. An den Wänden hingen einige Bilder mit Gras und bunten Blumen.
    „Na ja, Andymon braucht doch Blumen, bessere als die Erde hat, nicht wahr?“ Es klang aus seinem Mund ein wenig treuherzig, ein wenig trotzig. „Und dann habe ich sie vergessen, als wir runter sind. Das ging so schnell. Plötzlich durften wir. Da sind wir zum Lander gerannt und gestartet.“
    „Hals über Kopf?“
    „Ja. Wir wollten schon immer auf den Planeten. Wollten ganz schnell groß werden, um runter zu dürfen. Und als vor einem halben Jahr die Großen“ — er korrigierte sich — “die zwölfte Gruppe abflog, waren nur wir noch hier.“
    „Und als ihr überraschend die Erlaubnis erhieltet, habt ihr eure Blumen vergessen. Und du bist allein zurückgekommen, um sie zu holen.“
    „Na ja, keiner wollte mehr zurück, aber einer mußte doch.“
    „Das war tapfer von dir…“
    „Ach, wir haben doch gelost.“
    Ich half ihm, die Pflänzchen und Samen und Aufzeichnungen über die Blumen für Andymon zusammenzupacken, und bot ihm an, daß er mit mir zurückfliegen könne. Er nahm gern an.
    Als wir landeten, war, wie um mich zu versöhnen, eine sternklare Nacht. Neben den natürlichen Monden Andymons zog ein heller Lichtfunken seine Bahn. Das Schiff würde Andymon noch Jahrzehntausende umkreisen. Länger vielleicht, als es zu ihm unterwegs gewesen war.

Geburtstag

    „Diesmal ist es kein falscher Alarm! Szinas Baby kommt, ganz bestimmt!“ schrie Alfa. Selbst auf dem kleinen Bildschirm des Armbandcomputers sah man ihr an, wie erregt sie war.
    Eine halbe Stunde später kreiste unser Kopter über der Kuppel von Oasis, ungeduldig hatte ich die Minuten gezählt und gefürchtet, wir würden zu spät eintreffen. Zudem warteten in Andymon-City weitere Geschwister auf die Rückkehr des Kopters. Schwere Bäche Regenwasser flössen über die Kuppel, nahmen ihr jeden Glanz und verschleierten ihr Inneres. Wir setzten auf dem schlammüberspülten Landeplatz auf, der sich inmitten der Wiesen, Felder, Schonungen befand, die strahlenförmig um die Kuppel entstanden.
    Hastig durchquerten wir die Schleusen. Drinnen war es angenehm trocken und warm. Ein Guro stand am Anfang des Trampelpfades zu den Gebäuden. Statt wie ursprünglich die Schiffskinder zu beaufsichtigen, die unter der Kuppel spielten, wandte er sich an uns: „Bitte, lauft nicht alle über die neuen Beete. Oasis hat heute so viele Besucher, daß man achthaben muß.“
    Wir hetzten den Pfad entlang, immer noch getrieben von der Furcht, das große Ereignis zu verpassen. In der kleinen Siedlung im Zentrum der Kuppel herrschte ein Auf und Ab, ein hektisches Durcheinander. Die wenigen Wohnhäuschen standen leer, alle Geschwister waren auf den Beinen, und überall hörte man: „Ja, jetzt hat es richtig angefangen.“
    Wir trafen Teth, er strahlte über das ganze Gesicht, umarmte erst Gamma, dann mich. „Kinder, Kinder, ist heute was los! Kommt mit, vielleicht können wir uns vordrängeln.“
    Vor dem Medzentrum, das einen Teil des Gemeinschaftshauses beanspruchte, wurde der Trubel dichter. Die Türflügel waren ausgehängt.
    Eine Gruppe Fünfzehn- bis Sechzehnjähriger kam uns entgegen. „Die Wehen verlaufen völlig planmäßig“, hörte ich sie altklug schwätzen, „ich habe mich gründlich darüber informiert.“
    Ein Junge, er reichte mir bis zum Gürtel, boxte unsanft gegen meinen Oberschenkel und drängte sich dann vorbei. „Mach dich nicht so breit, wir Kleinen wollen es auch sehen!“
    Endlich standen wir — auf Zehenspitzen - im Beobachtungsraum.
    Eine die gesamte Wand einnehmende Glasscheibe öffnete den Blick in den benachbarten Kreißsaal. Zuerst konnte ich nicht viel erkennen. Elektronik, Lebenserhaltungssysteme, medizinische Monitore, auf denen bunte Wellenlinien zwei Herzschläge und eine Atmung verfolgten, einsatzbereite Medautomaten an den Wänden, Gefäße mit bunten Flüssigkeiten für Bluttransfusionen, Hormonschocks — und zwei breite Rücken, die mir den Blick versperrten. Ein Lautsprecher übertrug die Geräusche aus dem Kreißsaal.
    Nur wenige Worte, knapp und präzise, wurden gewechselt. An den Stimmen erkannte ich Alfa und Szadeth. Hätte mich auch gewundert, wenn Alfa, die so mütterliche Alfa, sich dies hätte entgehen lassen. Und Szadeth, der Vater, der wochenlang dafür gelernt und geübt hatte, überwachte die Geburt seines Kindes und legte selbst Hand an.
    „Oh, ich glaube, jetzt, jetzt“, hörten wir Szinas schwache Stimme.
    Alfa trat einen Schritt zur Seite, einen Augenblick konnte ich die bloßen Beine Szinas sehen, dann kam Joth, der bisher im Hintergrund an einem Terminal gestanden hatte, und wischte Szadeth und Alfa den Schweiß von der Stirn. Wieder lange Minuten der Ruhe, nur von einem gelegentlichen Laut Szinas unterbrochen. Bei jedem drückte mir Gamma die Hand. Szadeth gab uns den Blick auf Szinas Gesicht frei, der Mund war verzogen und verkrampft, dann wieder entspannte er sich, die Wangen waren bleicher als sonst bei ihr, und unter den Augen zeichneten sich dunkle Schatten ab. Einmal schaute sie in unsere Richtung, in Richtung der Glasscheibe, hinter der die Geschwister mit angehaltenem Atem warteten. Der Anflug eines triumphierenden Lächelns huschte über ihr Gesicht, wurde aber sofort von einer Miene des Schmerzes abgelöst.
    Wir schauten zu, beobachteten, wie sich Szadeths Hände im Rhythmus von Szinas Wehen mühten. Wir standen da wie angewurzelt, vergaßen die Zeit. Dann wurden wir energisch nach draußen gedrängt, andere wollten auch sehen — und nicht nur über die Monitore, die es selbst unseren Geschwistern auf Gedon gestatteten, dabeizusein.
    „Ich finde, Szadeth macht es ausgezeichnet“, flüsterte Gamma.
    Der quadratische Platz zwischen den Flügeln des zweistöckigen Gemeinschaftshauses war voller Geschwister. Sie saßen abwartend da und redeten, sie standen herum und redeten, sie liefen aufgeregt hin und her und redeten. Wir gehörten zu den letzteren.
    „Und Szina ist so jung, so kräftig, da geht sicher alles gut. Und für Joth, er wird in einem Vierteljahr Vater, ist es eine gute Übung, nicht wahr?“ Ich nickte, und wir spazierten hinaus zu den Baumgruppen, wo die jüngsten unserer Geschwister „Kinderkriegen“ spielten. Teth gesellte sich wieder zu uns.
    „Na“, Gamma stieß ihn leicht an, „nun sag uns schon, was das Kind für Andymon bedeutet!“
    Er schüttelte gutmütig lächelnd den Kopf. „Jetzt nicht, vielleicht später. Aber ist das nicht aufregend, ungeheuer aufregend? Ich hätte das nie geglaubt. Wir bekommen ein Kind, stellt euch das vor!“
    Ich lachte gedämpft. „Teth, du bist doch gar nicht der Vater!“
    „Na und, es hätte jeden von uns treffen können, es geht uns alle an. Stellt euch einmal vor: Es funktioniert. Manche aus der zweiten Gruppe waren noch vor zwei, drei Wochen, als sich hier alles schon in Alarmbereitschaft befand, skeptisch. Ob unsereins, ein Inkubatorhomunkulus überhaupt ein Kind bekommen könnte, ob das Schiff uns nicht hormonell ganz anders hingetrimmt hätte, ob es ausreichen würde, ein paar Zusatzstoffe aus unserer Nahrung zu nehmen.“
    Wir liefen weiter, trafen auf Geschwister oder auf einen Guro, der uns Erwachsene immer wieder an den Schutz der mühsam angelegten Beete erinnerte. Es war eine glatte Unterstellung, anzunehmen, wir könnten die Pflanzen zertreten.
    Dann setzten wir uns wie viele andere an den kleinen klaren See und schauten bald auf die Fische, bald auf den kleinen Bildschirm des Armbandcomputers. Teth redete immer noch.
    Ich unterbrach ihn. „Es gibt noch andere Projekte, Teth. Andymon wird besiedelt, und ich bin froh darüber, freue mich mit dir und unseren Geschwistern. Aber in unserer Galaxis kreisen Millionen Planeten, die kein Leben tragen und auf denen nie welches entstehen wird. Mit all unseren Kräften haben wir einen winzigen Punkt der toten Unendlichkeit belebt. Vielleicht können wir das Leben, so wie wir es jetzt über Andymon ausbreiten, weiter in unsere Milchstraße tragen. Was hältst du davon, Teth, Schiffe wie das unsrige zu bauen und auszusenden?“
    „Ideen hast du, Beth! Ich…, nein, du hast recht, es gibt so viele Sterne. Aber laß mich doch erst einmal das heutige Ereignis verkraften, ich kann jetzt an nichts anderes denken als an Szinas Baby.“
    Eine Stimme erklang hinter unserem Rücken, wir drehten uns um. Resth stand da, ziemlich eindrucksvoll mit seinen breiten Schultern und dem welligen braunen Haar. Trotz seiner Jugend drückte sein Gesicht ernste Entschlossenheit aus. Wie die anderen Siedler trug er sowenig Kleidung wie möglich: Sandalen, Shorts, ein offenes, kurzärmliges Hemd.
    „Beth, ich habe nichts gegen dich persönlich. Du hast gut gearbeitet, und du gehörst zu uns. Aber ich werde es nie zulassen, daß du mit solchen Hirngespinsten die Köpfe der Geschwister vernebelst.“
    Ich erhob mich, um nicht zu ihm aufschauen zu müssen. Er sprach ruhig und klar und kalt. „Siehst du“, er zeigte auf das Medzentrum, „dort wird die Zukunft Andymons geboren. Eine andere Art der Zukunft gibt es für uns nicht. Wir haben den Weltraum verlassen, auf lange Zeit verlassen, denn wir müssen nun Fuß fassen auf Andymon. Unsere Kinder, wir brauchen Dutzende, Hunderte, werden all unsere Kraft benötigen. Wir werden niemals zulassen, daß die Zukunft Andymons wegen utopischer Traumprojekte gefährdet wird. Nur eins ist unser Ziel: die Besiedlung Andymons.“
    „Aber Resth“, sagte ich langsam, „du siehst das ein wenig überspitzt. Das ist kein Hirngespinst, wir können es realisieren. Ich werde alles erst einmal durchrechnen, Varianten erarbeiten, Aufwandanalysen, Entscheidungsbäume. Dann können wir darüber diskutieren. Weißt du, Resth…“
    Ich konnte meinen Satz nicht vollenden. Ein kosmischer Schrei ließ unser Blut erstarren, selbst die Fische im See schienen zu verharren, schossen dann wild durcheinander. Der Schrei dauerte an, brach sich an den verregneten Kuppelwänden, hallte zurück, durchdrang bebengleich alles.
    Reflexmäßig schaute ich auf meinen Armbandcomputer. Auf dem kleinen Bildschirm war Szadeth zu sehen, Szadeths freudestrahlendes Gesicht. Der Schrei verstummte. Durch die nachhallenden Echos übertrug der Lautsprecher die stolzen Worte des Vaters: „Der erste echte Andymone, Prith, ist geboren.“
    Der Rest seiner Worte ging im Jubel unter und in neuerlichem Schreien. Auf dem kleinen Bildschirm war ein winziger Mensch zu sehen. Ein Ansturm auf das Medzentrum setzte ein, von allen Seiten eilten auch die Kleinsten herbei.
    Resth hielt mich noch eine Sekunde am Arm fest. „Ich habe dich gewarnt, Beth!“
    Plötzlich war mir kühl. Ich schaute Resth in die Augen, sie hielten meinem Blick stand. Dann zog mich Gamma fort, dorthin, wo die Zukunft Andymons stattfand.
    Szina und Prith waren wohlauf. Ganz Andymon feierte.

Brotzeit

    Hinterher ist man immer klüger, da weiß man, welche Fehler einem unterliefen, an welchen Punkten man übertrieb, wo man hätte stutzig werden müssen, daß sich Unheil vorbereitet. Denke ich zurück, so erscheint mir meine damalige Einstellung zu den Geschwistern von Oasis engstirnig und mein damaliges Handeln äußerst naiv — aber welche Erfahrungen hatte ich denn bis zu meinem Konflikt mit Resth? Erfahrungen mit Technik und Planeten, Erfahrungen aus gemeinsamem Spielen, Lernen, Arbeiten mit meinen Geschwistern, natürlich auch unangenehme Totaloskoperfahrungen. Aber hatte ich je einen Konflikt um Grundfragen unseres Lebens ausfechten müssen?
    Die Wochen nach Priths Geburt waren wie im Fluge vergangen, ich entwarf die ersten Pläne, wie man drei Schiffe mit minimalem Aufwand, doch in akzeptabler Zeit bauen könnte, wurde dann aus all den weitreichenden Projekten gerissen, weil unser ganz Andymon umspannendes Netz von Beobachtungspunkten wieder einmal eine unvorhergesehene Veränderung der Atmosphäre maß. Als ob die Schwierigkeiten mit ihr nie ein Ende nehmen würden.
    Ich pendelte zwischen Computerterminal und Bett hin und her, flog dann wiederholte Male zum Schiff, um dessen Labore teilweise zu demontieren und in Andymon-City wieder aufzustellen. Jede von uns gezielt vorgenommene Korrektur in der Mikrofauna Andymons zog eine Kette von Veränderungen nach sich, deren Ergebnis gewöhnlich selbst eines korrigierenden Eingriffs bedurfte. So verging die Zeit mit Arbeit wie einst im Schiff, der einzige Unterschied bestand darin, daß ich jeden Tag mit Gamma einen kurzen Spaziergang um unsere Häuserzeilen unternahm. Dabei bemerkten wir wenigstens, daß wir auf Andymon lebten.
    Eines Tages rief uns Alfa an, teilte uns mit, daß die sechste Gruppe eine „Brotzeit“ veranstalten würde. Das war eine Einladung. Gamma lehnte wegen laufender Experimente bedauernd ab, ich aber sollte hinfliegen. „Das ist die Gelegenheit, Beth, deine Schiffbaupläne zu diskutieren, für sie zu werben“, sagte sie.
    Ich traf genau im richtigen Moment ein. Außerhalb der großen Kuppel von Oasis hatte sich eine bunte Menschentraube versammelt, bis auf einige ältere Geschwister fast alle Bewohner Andymons. Sie saßen auf Bänken aus synthetischem Holz oder einfach auf Decken, die auf dem Grasboden ausgebreitet waren. Mich begrüßte nur Alfa, die seit Priths Geburt nicht mehr aus Szinas Nähe wegzudenken war. Früher oder später, überlegte ich, wird auch sie ein Kind bekommen — und dann endgültig zu den Jüngeren, den Siedlern, den Bodenständigen gehören und nicht mehr zu uns nomadisierenden Pionieren.
    „Ach Beth“, sagte Alfa wehmütig, „ich glaube, es ist hundert Jahre her, daß wir zusammen Verstecken spielten..
    Delths Tod war nicht eingeplant, dachte ich, ohne Delth findet sie kein Zuhause.
    Dann entdeckte ich den Backofen. Aus seiner Esse stieg dünner Rauch in den immer noch nicht geruchsneutralen Himmel Andymons. Der Ofen bestand aus gebrannten Lehmziegeln und hatte eine halbkreisförmige eiserne Tür. Welch Anachronismus neben der gigantischen durchsichtigen Plastkuppel von Oasis! War nicht das Brotbacken und -essen ein Rückfall in die Steinzeit? Meine rechte Hand ruhte auf der Mappe mit den Plänen, sie gab mir ein beruhigendes Gefühl.
    Ungeduldige Rufe wurden laut. Shinth, in weißem Kittel, eine weiße, hohe Mütze auf dem Kopf, öffnete die Backofentür, warf einen Blick hinein und sagte: „Ja, fertig.“
    Er war sofort dicht umringt, so daß er Mühe hatte, das lange Brett, eine Art Schaufel, in den Ofen zu schieben und beladen mit Broten unterschiedlichster Form wieder herauszuziehen. Die frischen Laibe dampften.
    Erwartungsvolles Schweigen.
    „Guckt nicht so gefräßig!“ sagte Shinth und gestikulierte mit einem langen Messer. „Es ist noch zu heiß, ihr verderbt euch nur den Magen.“ Er versuchte, die Brote mit dem Messer zu zerteilen, doch dieses verklebte sofort.
    Shinth fluchte, weil die Geschwister ihm die kleineren, etwa faustgroßen Brote mit spitzen Fingern vom Brett stibitzten. Er holte sich ein Tuch, mit dem er die größeren Brote anpacken konnte, zerbrach sie und begann auszüteilen. Zuerst bediente er Szina, die ihr Baby stolz auf dem Arm hielt.
    Das Brot war wirklich noch sehr warm, als Shinth es mir reichte. Ich warf es von einer Hand in die andere, riß dann ein Stück von der knusprig braunen Kruste und zerkaute es genüßlich. Es schmeckte. Ein Schälchen mit Salz machte die Runde.
    Nichts gegen die halbsynthetischen Nahrungsmittel, die immer noch unsere Speisezettel beherrschten, aber so heiß, knusprig, frisch kamen sie nie in meine Hände — und in meinen Mund. Die altertümlichen Technologien hatten doch ihre Vorzüge.
    „Euer Brot schmeckt ganz vorzüglich“, sagte ich halblaut.
    Shinth quittierte das Kompliment mit breitem Lächeln, auch anderswo wurden lobende Stimmen laut, Samechas, Joths und andere.
    „Aber trotzdem“, meinte ich, „euer Backofen, das ist nur eine Spielerei, ist eigentlich nur Verschwendung unserer Arbeitskraft und -zeit. Wo es doch so viel Wichtigeres zu tun gibt, die Atmosphäre unter Kontrolle zu halten, auf ökologische Fluktuationen zu achten, weitere automatische Produktionsanlagen zu errichten, es gibt so viel Arbeit…“
    Schon während meiner Worte bemerkte ich, daß etwas nicht stimmte. Die Gespräche verstummten, und als ich abbrach, herrschte ein eisiges Schweigen, das nicht einmal mehr von Eßgeräuschen unterbrochen wurde.
    Was war los? Ich blickte mich unsicher um. Schon immer hatten wir während des Essens unsere Pläne besprochen.
    „Du willst ja nur Schiffe bauen!“ Ein scharfer Ruf traf mich. Nein, er kam nicht von Resth, der saß überhaupt nicht mit hier, er kam von einem Jungen, aus der achten Gruppe vielleicht.
    „Ich…“, begann ich, nachdem ich mich von der ersten Überraschung erholt hatte, wurde aber sofort unterbrochen.
    „ ‚Spielerei‘, was heißt hier ‚Spielerei‘?“ Szadeth sprach, der als erster Vater eine gewisse Autorität besaß. „Wir versuchen, eine den Bedingungen angemessene Lebensform zu finden, und du nennst das Spielerei. Deine Schiffe sind unnötig, die sind Spielerei.“
    „Nur gut, daß uns Resth informiert hat“, hörte ich hinter mir.
    Ich drehte mich um und fragte: „Wo ist denn Resth, warum vertritt er seine Ansicht nicht selbst?“
    „Es ist unsere Ansicht, wir brauchen Resth nicht“, entgegnete wieder Szadeth. Ich blickte in sein braunes, fast schwarzes Gesicht. Er nickte bekräftigend.
    „Na schön“, sagte ich laut, „ich habe heute die Pläne mitgebracht, um sie euch zu zeigen und mit euch zu diskutieren.“ Ich hielt die pralle Mappe hoch, es war eine wenig überzeugende Geste.
    „Beth, was sollen deine Pläne, wir wollen keine Schiffe bauen, wir haben ernsthafte Arbeiten vor und können uns nicht mit deinen Privatvergnügungen abgeben.“
    „Schaut sie euch doch wenigstens an, bei richtigem Einsatz der Automaten brauchen wir nur zehn hoch drei Mannjahre für das erste Schiff, das ist realistisch, deshalb vergesse ich doch Andymon nicht. Und es kommt darauf an, daß wir, die erste Generation, damit beginnen.“
    „Du bist verrückt, regst dich wegen der paar Stunden auf, die wir am Backofen gearbeitet haben, und willst selbst, daß alle, aber auch alle Geschwister zehn Jahre lang schuften, um auch nur eins von den Dingern zu bauen. Ohne uns, Beth, ohne uns!“
    „Aber laßt euch doch erklären!“ rief ich, meine Stimme ging im Tumult unter. Ich nahm meine Papiere aus der Mappe, versuchte sie herumzuzeigen, die Netzpläne, Abschätzungen des Aufwandes an menschlicher Arbeit, die erforderlichen Maschinenkapazitäten, Bauvarianten, die Verknüpfung mit anderen Projekten, die wir sowieso realisieren wollten…
    Niemand nahm mir die Pläne ab, man warf höchstens einen flüchtigen Blick darauf, sagte dann: „Schlag dir das aus dem Kopf, Beth!“ oder „Vielleicht später mal!“ oder „Diskutiere das erst mal mit den anderen!“ Ich rannte von einem zum anderen. Andymon stank, und meine Geschwister waren auf unbegreifliche Weise dumm, wollten den Sinn nicht einsehen, der für mich so offen auf der Hand lag.
    Zum Schluß wandte ich mich hilfesuchend an Alfa, die sich mit keinem Wort an dem Gespräch beteiligt hatte. „Alfa, du bist doch nicht auch dagegen?“
    „Beth, ich bin gegen alles, was Unfrieden stiftet und uns bei der Arbeit stört.“ Sie vermied es, mir in die Augen zu blicken. „Schade, du hast ihnen die Brotzeit verdorben, die kleine Feier, kein Wunder, daß sie verärgert sind.“
    „Als ob es nichts Wichtigeres gäbe!“
    „Es ist wichtig, Beth“, jetzt sah sie mich direkt an, „sie brauchen das, um hier auf Andymon heimisch zu werden, verstehst du, sie haben es schwer genug. Glaubst du, in Oasis läuft die Kultivierung des Planeten glatter als bei euch in der City?“
    „Na ja, stimmt schon.“ Ich gab ihr widerwillig recht.
    „Wenn du sie vor den Kopf stößt, gewinnst du gar nichts, Beth.“ Ich stimmte ihr zu, denn ich konnte mich nicht mehr sachlich verteidigen, dazu war ich zu aufgebracht. Mein Brot ließ ich angebissen liegen und vergaß auch, eins für Gamma mitzunehmen. Ich eilte zum Kopter, jagte hoch in die brodelnden Wolken — Abstand gewinnen.
    Als ich sie da unten um ihren Backofen mit einem letzten raschen Blick sah, dachte ich: Ein richtiges Dorf, das sind Dörfler, die denken nur bis an die Raine ihrer Felder. Ist auch kein Wunder, Andymon ist viel zu groß, und wir sind nur so wenige, ja, daran liegt es, wir sind viel zu wenige. Vielleicht reicht unsere Anzahl nicht aus, um auf Andymon eine hochtechnische Zivilisation zu begründen? Vielleicht müssen wir tatsächlich erst zurück in die Steinzeit und ganz von vorn beginnen, den gesamten Zyklus gesellschaftlicher Entwicklung durchlaufen. Ich wünschte, ich wüßte es, wünschte, es müßte nicht so sein.
    Dann inmitten der Wolken bedauerte ich meine unklugen Worte und schalt mich einen unüberlegten Hitzkopf. Hätte ich nicht auf eine bessere Gelegenheit warten können? Und ich fluchte auf den nicht anwesenden und doch so präsenten Resth, der mich durch seine angeblichen Enthüllungen in diese Lage gebracht hatte. Und ich dachte, wieviel schöner, wieviel einfacher war es doch früher, allein mit den Brüdern und Schwestern der ersten Gruppe, im Schiff gewesen, als wir uns noch einig waren in allen großen Fragen.

Reisender in Sachen Weltraumflug

    Die Basis, tief in das feste Gestein Gedons gehauen, erinnerte mich auf angenehme Weise an das Schiff, hier herrschte die gleiche funktionale Nüchternheit: lange Korridore, deren Licht selbsttätig aufflammte und erlosch, mit Ziffernkolonnen bezeichnete Türen, die sich öffneten und schlossen, eine synthetische Stimme, die mich leitete. Es war vielleicht ein wenig kühl.
    Gedon sah anders aus als bei meinem letzten Besuch vor vier Jahren, schon der erste Blick aus der landenden Fähre hatte mir das gezeigt. Das komplexe Geflecht technischer Konstruktionen hatte sich über viele Quadratkilometer ausgebreitet. Kuppelbauten, Stahlgerüste, endlose Antennenflächen lösten einander ab. Und wenn ich auch nicht erriet, wozu die meisten dieser Anlagen dienten, so beeindruckten sie mich zumindest durch ihre Dimension.
    „Auf Gedon ist alles groß“, hatte Gamma mich spöttisch gewarnt, „die vierte Gruppe rechnet nicht mehr in unseren Begriffen. Wie kannst du annehmen, bei ihnen auf Verständnis zu stoßen, du kleiner Mensch?“
    Im Gegensatz zu unseren Geschwistern in Oasis haben sie unsere Herkunft und den Kosmos nicht vergessen“, hatte ich, selbst nicht völlig überzeugt, geantwortet.
    Gammas Begleitung hatte ich abgelehnt, denn ich glaubte, daß sie nur aus Sorge um mich mitkommen wollte. Ich hatte ihr versprechen müssen, in jeder Hinsicht vorsichtig zu sein. Außerdem sah Gamma mein Schiffsprojekt mit anderen Augen als ich. Sie betrachtete es mehr als ein Hobby, ein vielleicht notwendiges Hobby für uns Ungeborene, aber sie wollte sich Zeit lassen damit, bis noch ein paar jüngere Gruppen herangewachsen waren.
    Die Leitstimme führte mich in einen Raum, der von einer Wand voller Blumen beherrscht wurde. Ich ließ mich in einen der Sessel nieder, der auf den ersten Blick wie ein alltägliches Möbelstück aussah, aber bei näherem Hinsehen aus einem mir unbekannten Grund anscheinend für hohe Beschleunigungen ausgelegt war; unter der flaumigen Oberfläche verbarg sich viel Elektronik. Kaum hatte ich mich gesetzt, öffnete sich eine Tür, und eine sehr schlanke, kleine Person trat ein. Sie war in hellen Farben gekleidet, die gut zu ihrem schwarzen, glänzenden Haar paßten. Ich erkannte Daleta, sprang auf und ging ihr entgegen: „Hallo, Daleta, habt ihr euch wieder auseinandergeschaltet?“
    „Nein, Beth.“ Mit einer knappen Geste wies sie mich zurück in den Sessel. „Ich habe dein Kommen erwartet. Du wirbst für dein Vorhaben, Schiffe wie das unsrige zu konstruieren.“
    „Ja, woher…“ Ich war verwirrt, meine Gedanken schweiften zurück, ich sah die Geschwister aus Daletas Gruppe daliegen, an die schweren Adapter angeschlossen. „Wieso…“, begann ich zu fragen und erhielt die Antwort, ohne den Satz vollendet zu haben.
    „Ich bin nicht stehengeblieben. Vier Jahre sind für mich eine lange Zeit.“
    Daleta, mir gegenübersitzend, neigte ihren Kopf und warf das schöne volle Haar nach vorn. Zwischen den schwarzen Haaren erkannte ich einzelne goldene, vielleicht ein Dutzend. Das war ihre Verbindung, die Antenne. Unwillkürlich spürte ich für eine Sekunde das Verlangen, die Situation zu nutzen, zuzugreifen, mit schnellen Griffen die wenigen goldenen Haare auszureißen, mit der implantierten nanoelektronischen Wurzel auszureißen, Daleta zu befreien. Die Sekunde verging, sie lehnte sich wieder zurück. Es war ein un-realisierbarer Gedanke gewesen, und mit Daletas Dankbarkeit hätte ich nicht rechnen können. Und trotzdem, diese andere, unbegreifliche Daseinsweise war für mich eine schmerzhafte Herausforderung.
    „Zufrieden, Beth? Dann zeige mir die Pläne, die du mitgebracht hast.“
    Ich holte den kleinen Speicherzylinder aus der Tasche meiner Jacke. Noch während meines Handgriffs veränderte sich der Raum, es wurde langsam dunkel, die Wände schienen sich zu öffnen, zu verschwinden. Daleta faßte nach den Zylindern, gleich darauf schwammen vor meinen Augen die Konstruktionsunterlagen, Netzpläne, Formeln…
    „Ja“, sagte Daleta, „gar nicht so übel, nur wenig läßt sich effektiver gestalten.“ Sie wandte sich mir zu. Im Widerschein der projizierten Linien und Symbole leuchtete ihr Gesicht fahl. „Du brauchst keine Minderwertigkeitskomplexe zu bekommen, Beth, ich habe mir auch einen Computer integriert, der für derartige Routinearbeiten ausgezeichnet geeignet ist.“
    „Als ob ich…, nein, Daleta, diese Gefahr besteht nicht.“
    „Bitte nenne mich nicht Daleta, es stört den Gang deiner Gedanken. Ich bin das Kollektivbewußtsein der vierten Gruppe.“
    „Ja, Entschuldigung…“ Beinahe hätte ich wieder Daleta gesagt.
    „Insgesamt ist dein Projekt ganz solide. Nur wenig sinnvoll, weil auf zu niedrigem technologischen Niveau. Weshalb willst du langsame Archen bauen, wenn — ehe sie ankommen, ja, wahrscheinlich sogar ehe sie abgeflogen sind — weitaus bessere Möglichkeiten zur Verfügung stehen? Zum Beispiel die künstliche Schaffung und Ausnutzung von topologischen Singularitäten der Raumzeit, wodurch eine Umgehung der relativistischen Schranke möglich wird.“
    Ich schluckte, überlegte, verstand. „Schwarze Löcher, durch diese reisen? Aber wird die Materie dabei nicht homogenisiert? Verliert sie nicht ihre Struktur und Information?“
    „An diesem Problem arbeite ich zur Zeit.“
    „Das ist doch gefährlich, nicht nur für euch, sondern auch für uns, für ganz Andymon!“ Ich war aufgesprungen. „Diese Experimente müßt ihr sofort einstellen!“
    „Kein Grund zur Besorgnis, Beth. Alles ist fest unter Kontrolle.“
    Das sagt man immer — bis etwas Unvorhergesehenes geschieht, dachte ich. Doch dann erinnerte ich mich an den Grund meines Besuches und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch.
    „Aber wenn es andere, schnellere Möglichkeiten gibt, warum sind wir dann mit dieser hoffnungslos veralteten, nach Erdzeit mindestens zehntausend Jahre veralteten Kiste von Schiff bei Andymon angekommen — und haben den Planeten nicht längst besiedelt vorgefunden?“
    „Richtig“, Daleta nickte — oder vielmehr das Wesen nickte mit Daletas Kopf, „ich werde auch diese Frage lösen.“
    „Die Lichtgeschwindigkeit ist die Grenze, das ist die einzige Antwort.“ Langsam wurde ich ärgerlich über dieses sich in einen Mantel von Rätseln und vorgeblicher Überlegenheit hüllende Wesen, das meine Geschwister aufgesogen hatte und nun deren Kräfte für zumindest derzeit unangebrachte und gefährliche Theorien verschwendete, wo ich doch Hilfe so dringend benötigte.
    „Du denkst zu einfach, Beth.“
    ”;Na und? Hauptsache richtig.“ Ich stand auf, schlagartig erloschen die Pläne, der Raum gewann seine alte Architektur zurück.
    „Ganz ehrlich, Daleta oder du Wesen ohne Namen, ich bin hierhergekommen, weil ich Hilfe erwartet habe, Verständnis für meine Projekte, weil ich dummerweise annahm, hier sei mehr von dem alten Geist der Gemeinsamkeit erhalten geblieben, von dem großen Traum, der uns hat Andymon bezwingen lassen. Aber ich habe mich offensichtlich geirrt, werde mit Wundern vertröstet, die übermorgen geschehen. Tut mir leid, deine Zeit in Anspruch genommen zu haben.“ „Halt, Beth, geh nicht.“
    Wäre es eine menschliche Stimme gewesen, so hätte ich Angst aus ihr gelesen, aber so? Ohne zurückzublicken, ging ich zur Tür. Sie öffnete sich nicht.
    „Ich kann dir die Erde zeigen, Beth.“ Daleta war zu mir getreten, sie legte mir die Hand auf die Schulter.
    Ich mochte diese Hand nicht, ich streifte sie ab. „Versuche nicht, mich mit Lügen zu halten, und laß mich raus.“
    Vor einem guten Dutzend Jahren, damals im Schiff, hatte ich lange genug nach der Erde gesucht, doch nicht einmal die Position ihrer Sonne hatte sich ermitteln lassen. Wir hatten es mit Hilfe der spektralen „Fingerabdrücke“ der Sterne versucht, doch dann geriet Andymon, unsere neue Erde, in Sicht und beanspruchte uns ganz.
    „Natürlich nicht die Erde selbst, aber ich habe die Koordinaten ihrer Sonne Sol ermittelt“, räumte das Wesen ein.
    Die Tür öffnete sich, der Weg war frei. Ich nahm alle meine Kraft zusammen und überschritt die unsichtbare Schwelle. Ich rannte nicht, es wäre zwecklos gewesen. Daleta folgte mir auf den Fersen.
    „Ich könnte dich so leicht zwingen, könnte dich in wenigen Sekunden an mich anschließen. Niemand würde dir helfen, auch nicht Gamma.“
    Hatte Daleta gesprochen, oder hatte ich es nur gedacht?
    Ohne daß ich es verhindern konnte, bewegten sich meine Beine immer schneller, ich hatte mir den Weg zurück nicht eingeprägt, trotzdem ging ich nicht fehl.
    „Ich hätte nur gewünscht, du würdest versuchen, mich zu verstehen. Wieviel besser könnten wir alle nötigen Daten und Anschauungen austauschen in gegenseitiger Berührung des Bewußtseins.“
    Ich blieb stehen, schaute Daleta an, schüttelte den Kopf. In ihrem Gesicht erkannte ich keine Regung.
    „Ich begreife dich nicht“, stieß ich hervor, „was willst du von mir? Was könnte ich dir schon geben? In deinen Augen bin ich doch nicht mehr als ein zurückgebliebener Zwerg ohne jegliches Wissen, ein Achtelhirn im Vergleich…“ Es sollte ironisch klingen, doch irgendwie gerieten mir die Worte nur bitter.
    „Ich bitte dich“, sagte das Wesen, das Daletas Körper steuerte, „wenn du fürchtest, ich würde dich nicht zurückkehren lassen, was zweifellos in meiner Macht steht, wie wäre es dann mit einem — Geiselaustausch? Ich schicke Gimth ins All, meinethalben auch auf Andymon, und du schließt dich mir an, und sei es nur für eine Stunde.“
    Der Gedanke reizte mich, vielleicht hatte er mich bereits bei meinem ersten Besuch auf Gedon nicht nur abgestoßen, sondern auch angezogen, vielleicht hatte ich gerade deshalb hier Verbündete gesucht. Ich schaute in Daletas schmale Augen, die auf mich gerichtet waren, und ich konnte nicht glauben, daß dies nur die Augen einer willenlosen Puppe seien.
    Jetzt bist du in der Falle, zuckte es durch mein Hirn, sie hypnotisiert dich, du mußt widerstehen, dich wehren… Wieder legte mir Daleta die Hand auf die Schulter, seltsamerweise wich gerade dabei der Druck von mir.
    „Beth“, sagte sie, „zwingen könnte ich dich jederzeit, aber damit wäre mir nicht geholfen. Du kannst jetzt Gamma sprechen.“
    Ich hob den linken Arm mit dem Intercom vor meine Augen, Gammas Gesicht erschien sofort auf dem kleinen Bildschirm.
    „Gamma“, die Zunge hing schwer in meinem Mund, „Gamma, ich will es probieren, den direkten Kontakt… Es ist meine eigene Entscheidung, du mußt nicht in Panik fallen.“
    „Beth, das ist eine Falle! Komm sofort…“
    „Nein, die hätte Daleta nicht benötigt, ich versuche zu vertrauen.“ „Beth, du…, dein Puls ist zu langsam!“ Gamma schrie fast, ich wußte nicht, wie ich sie beruhigen sollte. Sicher alarmierte sie bereits die Geschwister.
    „Gimth befindet sich auf dem Weg zu dir. Sobald er eintrifft, beginnen wir“, informierte ich sie.
    Wie im Traum folgte ich der kleinen Person durch die hellen Korridore zurück. Ich hörte das laute Schlagen meines eigenen Herzens. Neugier, Furcht und Schmerz kämpften in mir. Es waren lange Minuten im Adaptersessel, in denen ich versuchte, meinen Entschluß rational zu durchdenken. Ich hatte keine Gewähr, ob nicht früher oder später jeder diesen Weg gehen würde. Könnte das Wesen von Gedon uns alle verschlingen, an sich ankoppeln in seiner enormen Überlegenheit? Ich hatte gedacht, Andymon würde zu einer zweiten Erde, doch durch einen absurden Zufall - oder war es kein Zufall? — entstand hier eine neue Art intelligenten Lebens, dem Menschen so sehr überlegen wie dieser dem Affen. Sich wehren, kämpfen - welchen Sinn hatte es? Dann wieder wollte ich aufspringen, noch war es nicht zu spät, wenn ich alle Geschwister mobilisierte… Ich blieb sitzen, starrte vor mich hin, starrte auf Daleta, die mit den technikbestückten Wänden eine Einheit bildete. Etwas paßte nicht in das Bild des Superwesens, ich mußte es ergründen, darin bestand die winzige Chance, die uns verblieben war.
    Gamma meldete sich wieder. „Gimth ist da, Beth, er ist völlig apathisch. Ich will nicht, daß du auch so wirst…“ Ihre Stimme flehte.
    „Keine Angst, Gamma“, ich versuchte zu lächeln, es war wie ein unnötig tapferer Abschied.
    Plötzlich hielt Daleta einen Helm in den Händen, sie nickte mir zu, ich beugte meinen Kopf nach vorn. Dann wurde es schwarz um mich, und ich fiel und fiel.
    Meine Erinnerung an die nachfolgende Zeit — waren es Sekunden oder Stunden — ist lückenhaft. Da war eine Freude am Anfang, da sah ich Dinge, Instrumente, Maschinen, ich weiß nicht, ob sie existierten, geplant oder nur geträumt waren, ich hatte Einsichten, die mir nun verlorengegangen sind, eins aber blieb haften, ein Gefühl wie kaltes Feuer.
    Das All lag vor mir, Millionen Fixsterne. Ich erblickte ihr fernes Licht, fühlte mit weitgespannten Interferometern ihre Radio Strahlung, sah mit Gravisensoren, wie sie den Raum um sich verzerrten. Sie funkelten in allen Frequenzen, monoton sangen die Pulsare auf ihren Wellenlängen. Ein faszinierendes Bild — und doch: Leere, nichts als Leere! Kein einlaufender Impuls trug eine Botschaft. Kein Planet sandte mir Grüße. Schweigen herrschte rundum. Ich suchte mit meinen Augen: den Teleskopen, den Weberzylindern, musterte Stern um Stern, Frequenzband um Frequenzband. Eine Arbeit für Jahrzehnte. Irgendwo mußte ich sie doch finden… Das All konnte nicht völlig leer sein… Dutzende Parsec im Umkreis keine Lebenszeichen? Wo blieben sie, die Menschen? Wo blieben meinesgleichen, tastende Intelligenzen?
    Ein Gefühl der Einsamkeit beschlich mich, der grenzenlosen Einsamkeit. Gedankenfäden verwoben sich: Sollte das Schiff zur ersten Generation gehört haben, ein Unikat gewesen sein? Sollte überall die Entwicklung mit einer planetarischen Steinzeit beginnen? Sollten sich die mir Gleichenden in sich abkapseln, zurückziehen vom kosmischen Kontakt? Sollten sie andere Mittel der Kommunikation haben, unendlich überlegene? Weshalb ließen sie mich allein?
    Ich blickte auf Andymon, wo einzelne Individuen ihre separaten Leben lebten. Sollte ich sie beneiden? Darum, daß sie ein Ziel hatten, einen Planeten zu besiedeln? Darum, daß sie in ihrer Vereinzelung nicht einsam waren?
    Die Sterne brannten — waren sie mein Ziel, die Kontaktaufnahme mein Zweck? Oder grenzenloses, doch längst schal gewordenes Forschen? War es geplant, daß ich entstand? Oder sollte ich nur Reserve sein für die Menschlein auf Andymon? Etwa nur existieren, um einen Beth, der soviel glücklicher war in seiner Beschränktheit und einsinnigen Zielgerichtetheit, beim Schiffbau zu unterstützen, für ihn ein paar Daten über die nächsten anzuzielenden, zu besiedelnden Planeten zu finden? Ich schwebte unter den Sternen, inmitten ferner Galaxien. Ich suchte und suchte in meiner schwarzen kosmischen Einsamkeit…
    Mühsam erlangte ich mein früheres Bewußtsein wieder, war wieder Beth, ein Name, der seltsam, fremd und leer klang. Dann floß erneut Weltraumkälte durch meine Glieder, ich sehnte mich nach Menschen, stürzte, ohne zu überlegen, durch die Korridore, es war eine Flucht.
    Irgendwie gelangte ich in die Fähre. Ich startete sofort, und der Andruck preßte mich langsam in meine gewohnte Welt zurück. Gamma rief mich, meine geliebte Gamma. Ich sah ihr Gesicht, die wundervollen Züge, mein Mund blieb stumm, ich konnte mich nicht satt sehen. Ich sprach ein paar belanglose Worte. „Alles in Ordnung.“ Die Zunge war schwer und hinderlich dabei. Gammas Stimme klang in meinen Ohren, ich unterdrückte die Tränen, die sich aus meinen Augen stehlen wollten. Ich war zurück, zurück, ich lebte, hatte wieder Gamma.
    Als ich wieder zu mir gefunden hatte, entdeckte ich, daß der Bordcomputer der Fähre eine Einspeicherung anzeigte, und ich zögerte eine Zeitlang, bis ich mich entschloß, sie abzurufen.
    Es waren Daten. Daten über Fixsterne, die von Planeten umkreist wurden, Sterne, zu denen es sich lohnen würde, Schiffe zu senden. Dann tauchte ein neuer Block auf: die Verbesserung meiner Pläne unter Einsatz beträchtlicher Mittel von Gedon. Sollte ich zurückrufen, mich bedanken? Das Wesen kannte meine Reaktion sicherlich im voraus. Und wenn schon! Entschlossen stellte ich die Verbindung her.
    Ohne eine Miene zu verziehen, quittierte Daletas Gesicht meinen Dank. Scheinbar zusammenhanglos sagte sie: „Im zwanzigsten Jahrhundert verließen erste Sonden das System der Erde. Sie trugen eine Pulsarkarte mit sich, die die Raum-Zeit-Koordinaten des Absenders kenntlich machen sollten. Diese Karte fand als eine Art Kunstwerk eine so weite Verbreitung, daß sie in den Speichern des Schiffs mehrfach auftaucht. Hier sind die Koordinaten von Sol, der Sonne der Erde.“
    Daletas Gesicht verschwand, dafür leuchteten drei Zahlenkolonnen vor mir auf.
    Meine Hände flogen über die Tasten der Lagekontrolle, die Fähre drehte sich, wandte ihr Fenster einem neuen Himmelsausschnitt zu. Und dann hatte ich sie mitten in meinem Blickfeld, Sol, die Sonne. Die Sonne. Es war ein enttäuschend normaler kleiner Stern. Fünfter Größe vielleicht. Seltsam, jetzt, da ich ihn sah, bedeutete mir dieser Lichtfunken weniger als in all den Jahren, in denen ich nach ihm suchte. Ein ferner Stern wie Millionen andere in unserer Galaxis.
    Während des Fluges wanderten meine Gedanken immer wieder zu Daleta, zu dem Wesen. Noch vor wenigen Stunden hatte ich befürchtet, dies wäre unsere Zukunft, dies wäre der Homo andymonis. Jetzt war ich anderer Meinung. Diese Form intelligenten Lebens, diese Art von Zivilisation erschien mir trotz aller technologischer Überlegenheit nicht mehr so zukunftsträchtig, nicht mehr so langlebig, nicht mehr potentiell unsterblich. Handelte es sich nicht schlicht um ein etwas zu langes Experiment von Heranwachsenden? Würden sie, Daleta und die anderen, einen Weg hin zu uns finden?
    Ich blickte wieder auf die winzige Sonne. Vielleicht, dachte ich, wenn nachts weniger Wolken über Andymon ziehen, wenn ein klarer Himmel voller Sterne über den Siedlungen steht, werden auch die bodenständigeren Geschwister meine Pläne mit anderen Augen betrachten.

Auf dem Turm

    Wir befanden uns auf dem höchsten Gebäude Andymons, fünf Etagen über dem Boden auf der Dachterrasse. Gamma und mir gegenüber saßen Jota und Ilona am festgeschraubten Tisch, Fith nahm eine der Schmalseiten ein. Wir trafen uns oft „über der Stadt“, wenn es Wetter und Arbeit gestatteten. An diesen Abend jedoch erinnere ich mich besonders deutlich, denn wir wurden Zeuge eines ungewöhnlichen Vorfalls.
    Ich wärmte rhir die Finger an einem Glas mit heißem Tee. Auf die Sandwiches hatte ich keinen Appetit. Ein kühler Wind wehte, der weit draußen auf der Hochebene dünne Sandhosen unter niedrigen Wolken tanzen ließ. An diesem Tag hätte ich mit dem kleinen Fernrohr, das auf der Terrasse montiert war, den Fusionsreaktor am Fuß der entfernteren Berge nicht erkennen können.
    „Wenn das so weitergeht, wird City zur Roboter stadt“, sagte Fith halb im Scherz, halb im Ernst, denn nur zwanzig Geschwister aus den ersten drei Gruppen lebten augenblicklich in Andymon-City.
    „Am liebsten würde ich die Hormonbremse sabotieren und heimlich die Zusatzstoffe aus unserer Nahrung nehmen.“
    „Untersteh dich!“ Empört schimpften die Mädchen auf Fith ein, Gamma nannte ihn einen „übergeschnappten Lokalpatrioten“ und drohte mit Gegenmaßnahmen. Ich mußte lachen, in ihrer Entrüstung sah Gamma bezaubernd aus. Aber eins stimmte: Durch die Kinder aus dem Schiff hatte Oasis zahlenmäßig der ersten Siedlung den Rang abgelaufen.
    Aussterbende Stadt der Ungeborenen? Ich schüttelte den Kopf und blickte hinab auf das, was wir bereits geschaffen hatten: die zehn flachen Produktionshallen mit staubbedeckten Dächern, links dahinter das Funkzentrum mit den kugelförmigen Hüllen um die Parabolantennen und die hoch aufragenden Antennenmasten. Nahe bei ihnen konnte man hören, wie sie im Wind sangen. Zur anderen Seite hin erstreckte sich das große Landefeld mit den Hangars und Garagen und der gewaltigen Konstruktion der Startrampe. Platz hatten wir ja im Überfluß.
    Aber nicht allein Technik bestimmte das Bild von Andymon-City. Ein breiter Streifen junger Bäume, der künftige „Stadtwald“, zog sich wie ein Trennungsstrich durch die Siedlung. Jenseits von ihm lagen unsere Wohnhäuser. Ich drehte meinen Kopf, um das Häuschen zu sehen, in dem Gamma und ich schon damals wohnten. „Tessarakt“ oder „vierdimensionaler Würfel“ sagten die Geschwister dazu, denn Gamma hatte sich eine verrückte Bemalung in Orange mit schwarzen Linien erdacht, die einen falschperspektivischen Eindruck erzeugte.
    „Bei euch findet man nie die Haustür“, witzeln sie bis auf den heutigen Tag.
    Aber auch andere Häuser, in denen jeweüs ein oder zwei Paare wohnten, hatten Spitznamen: „Chamäleon“, „Tarnbude“ und „Saurierei“.
    Nur der Turm, der sich von Etage zu Etage pyramidenähnlich verjüngte, war in strengeren Farben gehalten. Wie die Kuppel für Oasis, so galt er als Wahrzeichen für Andymon-City. Bis heute ist seine Funktion dieselbe geblieben, er beherbergt die Kantine, das Kommunikationszentrum und die Freizeiträume. So unter anderem die meist leerstehenden Totaloskope.
    „Träumst du, Beth? Erzähl uns lieber noch mal, aber ganz genau, vom Monster auf Gedon.“
    Mich mühsam konzentrierend, kam ich Ilonas Aufforderung nach. Die Worte fehlten mir nicht, meine Erlebnisse zu schildern, nur meine Empfindungen konnte ich selbst mit größter Anstrengung nicht mehr wachrufen.
    Der Wind wirbelte bis zu uns auf den Turm hinauf feinen Staub. Jota deckte mit der Hand ihr Glas ab und sagte: „Wenn man sieht, wie verschieden die Wege sind, die die Gruppen gehen, könnte man zweifeln, daß sie aus einem Schiff stammen, von den gleichen Rammas und Guros erzogen worden sind. Das Monster kennt nichts als Technik und Forschung, die Siedler von Oasis würden am liebsten alles mit bloßen Händen erledigen.“
    „Die Siedler sagen, sie wollen sich losreißen von all der Technik“, platzte Fith dazwischen. Er konnte seine langen Beine unter dem Tisch nicht stillhalten und entschuldigte sich deswegen ständig.
    Gamma schob mir ein angebissenes Sandwich hin, ich aß es auf.
    „Ich fürchte, sie haben sogar recht“, sagte sie zu meiner Überraschung, „denkt mal daran, daß wir Tausende unterschiedlicher Geräte, Gegenstände, Werkzeuge, Materialien benötigen, nur um das technologische Niveau des Schiffs aufrechtzuerhalten. Und die wollen erst einmal produziert sein. Trotz all unserer Spielzeugfabriken“, sie wies hinab auf die Reihen flacher Gebäude, „leben wir zum größten Teil von den Konserven und Reserven des Schiffs.“
    Wie um ihre Worte zu bestätigen, landete ein Lastgleiter auf dem Flugfeld. Die Minute, in der das Brüllen seiner Motoren erklang, schwiegen wir.
    „Dieser Wind und dieser Staub“, beschwerte sich Ilona, „ich müßte mir jeden Tag den Kopf waschen.“ Sie seufzte. Aber den Rat, sich wie fast alle anderen die Haare kurz zu schneiden, nahm sie nicht an. Dafür attackierte sie mich: „Und in diesem technischen Engpaß kommst du, Beth, und willst Schiffe bauen, reimt sich denn das?“
    „Ja“, antwortete ich gedehnt. Was für eine Frage für ein Geschwister aus der eigenen Gruppe. Dabei waren sie ursprünglich so begeistert gewesen. „Was für eine großartige Idee!“ Auch als ich von deren Verwirklichung gesprochen hatte, galt sie ihnen noch, um mit Teths Worten zu reden, als „außerordentlich wichtig“. Nur mit dem Anfangen hatten sie es nicht so eilig, wollten die Sache aber keinesfalls aus den Augen verlieren und versicherten mir wie Zeth immer wieder, daß ich mich „völlig und total“ auf sie verlassen könne, nur im Augenblick…
    Ich holte tief Luft und begann zu erklären: „Wir brauchen für Andymon und für die Schiffe die gleichen Bauelemente. Was mir Sorge bereitet, ist einerseits das Auseinanderfallen unserer Gemeinschaft in hier Andymon-City und da Oasis und andererseits, daß die Siedler so gleichgültig den technischen Projekten gegenüberstehen. Wenn die so weitermachen, geraten wir wirklich in eine Sackgasse und Verpassen den Anschluß an das technische Niveau des Schiffs. Am liebsten würde ich sie zwingen, wenn sie das partout nicht begreifen wollen.“
    „Aber Beth!“ tadelte mich Gamma.
    Fith rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Dann legte er ein kleines schwarzes Ding auf den Tisch.
    „Natürlich werde ich niemanden zu etwas zwingen“, sagte ich „könnte ich auch gar nicht. Schon so ist die Gefahr groß genug, daß wir mit den anderen aneinandergeraten.“
    „Schaut mal“, unterbrach uns Fith, „das klebte unten am Tisch dran ich hätte mir beinahe die Hose damit zerrissen.“
    Ilona nahm das fingerhutgroße schwarze Ding, beäugte es, reichte es dann weiter. „Elektronik“, kommentierte Jota, auch ich erkannte, nicht mehr. Mein Tee war inzwischen kalt geworden und hatte sich mit einer feinen Staubschicht überzogen.
    Fith steckte das kleine Gerät ein. „Wo wir jedes Gramm brauchen, läßt hier irgend so ein Automat seine Innereien liegen, ganz schön liederlich.“
    Wir lachten. Fith, der Unruhigste von uns, stand auf und trat an die Brüstung. Es gab immer etwas zu sehen vom Turm aus, jetzt zum Beispiel wurde der Gleiter entladen. Ich begann noch einmal, von meinen Befürchtungen zu erzählen, daß die Zukunft noch längst nicht entschieden sei und wir in einer kritischen Phase lebten, in der das Handeln jedes einzelnen sich entscheidend auswirken könne, und daß wir womöglich die technischen Reserven des Schiffs aufbrauchen würden, ehe wir das alles selbst nachbauen könnten…
    Die Sandwiches waren aufgezehrt, der Tee getrunken oder kalt, und bald standen wir alle an der Brüstung.
    Ich suchte mit den Augen die Stelle, an der ich mit Gamma lilafarbene Astern gesät hatte. Jede neue Blumensorte, die auf unserem Testbeet in dem rauhen Klima Andymons aufblühte, wurde freudig begrüßt. Biologisch war uns der Sieg schon so gut wie sicher, doch technologisch standen wir erst am Anfang.
    Plötzlich wurde ich durch ein merkwürdiges Schauspiel abgelenkt. Jota entdeckte es zuerst. „Seht euch einmal die beiden Transporter an!“
    Wir stürzten ans Fernrohr, ich durfte als letzter hindurchschauen. Um den Gleiter standen zwei Lastfahrzeuge und ein Tieflader, sie fuhren nach kurzer Zeit beladen mit (Containern wieder ab. Das war nichts Besonderes, auch nicht, daß die kleinen Computer der Fahrzeuge ein menschliches Eingreifen überflüssig machten. Doch dort, nahe bei der Entladeluke des Gleiters, stand ein großer Transformatorblock, und vor ihm verharrten zwei mit Kranen ausgerüstete Transporter, nein, sie bewegten sich, sie beugten die Ausleger ihrer Krane, senkten sie hinab, um sie in die Hebeöse des Transformators einzuhaken — beide zugleich. Dabei stießen die Ausleger aneinander. Der optische Eindruck war so stark, daß ich ein Knirschen zu hören glaubte. Sie schienen sich ineinander zu verhaken, hoben und senkten sich, endlich gerieten sie wieder auseinander, begannen jedoch das Spiel von neuem. Zwischendurch manövrierten die Transporter vorsichtig.
    „Laß mich endlich wieder“, sagte Jota. Widerwillig löste ich mein Auge vom Okular.
    „Ich begreife nicht, was da los ist“, Ilona versuchte ebenfalls mit bloßen Augen die entfernte Szene zu beobachten, „es sieht aus, als ob sie kämpfen!“
    „Unmöglich!“ Gamma schüttelte energisch den Kopf. „Die kleinen Computer dieser Maschinen denken nicht in so komplexen Kategorien. Ich könnte mir vorstellen, beide haben lediglich aus Versehen den gleichen Auftrag bekommen. Dabei behindern sie sich gegenseitig. Mir ist nur rätselhaft, weshalb dem Computer, der das entsprechende Projekt leitet, so ein Fehler unterlief und weshalb er sich jetzt nicht einschaltet.“
    Endlich durfte ich wieder durchs Rohr schauen. Der größere der beiden Transporter hatte Terrain gewonnen und den kleineren so gegen die Flanke des Gleiters gedrückt, daß dieser seine Manövrierfähigkeit verlor. Der Ausleger des kleineren war zu kurz, und mit einer schnellen Bewegung hatte der größere den Transformator erfaßt und auf seine Ladefläche gehoben. Sofort fuhr er ab.
    „Schade“, sagte ich, „vorbei.“
    Ich irrte. Während ich wieder über der Brüstung lehnte, konnte ich auch ohne Fernrohr die nächste Phase des ungewöhnlichen Kampfes beobachten. Der kleine Transporter fuhr davon, nicht etwa hinter dem großen her, nein, durch eine andere Straße. Dann bog er ab und blieb mit ausgefahrenem Ausleger an einer Kreuzung stehen, die der größere passieren mußte.
    „Himmel, jetzt lauert er, ist das aufregend“, schrie Fith, der gerade das Fernrohr benutzte.
    Und tatsächlich, als der große Transporter langsam über die Kreuzung fuhr, langte der kleine blitzschnell zu. Sein Ausleger hakte sich in die Öse des Trafos und riß ihn hoch, daß das gesamte Fahrzeug schaukelte. Noch während er auflud, wendete er und fuhr an. Der große Transporter stoppte erst hundert Meter weiter, drehte um und nahm die Verfolgung auf.
    „Nein“, sagte Gamma laut, „da stimmt was nicht, so verhalten sich die kleinen Fahrzeugcomputer nie, auch wenn sie in beschränktem Maße lernfähig sind, da hat sich ein System selbständig gemacht!“
    Der große Transporter holte langsam auf. Unsere Sympathien waren bei dem kleinen, der ein weiteres Mal unvermittelt abbog; nutzlos, der große folgte ihm. Der Wind trug Motorengeräusch zu uns herüber.
    „Ich weiß, was das für ein Trafo ist“, sagte Fith, „er kommt in die neue Umspannstation. Wir haben ihn zwei Gleiter eher bestellt, weil wir mit den Arbeiten schneller vorangekommen sind.“
    Der große Transporter folgte dem kleinen sozusagen direkt auf den Felgen. Vergeblich versuchte der kleine, nach links und rechts auszubrechen. Der große schwenkte seinen Ausleger, und schon hatte er sich den Trafo geangelt. Wir stöhnten enttäuscht auf. Zwar war der kleinere Transporter ein wenig wendiger als der größere, doch dieser hatte den stärkeren Motor. So wie er aufgeholt hatte, so fuhr er nun dem kleinen davon, der trotzdem nicht aufgab.
    „Die fahren ja gar nicht zur Umspannstation!“ Fith gestikulierte, als wolle er die Transporter zurückrufen. Doch diese schwenkten auf die Wüstenpiste nach Oasis ein und jagten sie entlang, bis wir sie nur noch an den langen Staubfahnen erkannten.
    „Das waren die Wühlmäuse von Oasis!“ schrie Fith. „Die haben uns den Trafo geklaut!“
    Wir anderen waren sprachlos.
    „Aber dabei können sie ihn gar nicht brauchen“, fügte er hinzu, „ihre Umspannstation ist erst für nächsten Monat geplant.“
    Vom Landeplatz stieg ein Kopter auf und nahm Kurs auf Oasis. Das war alltäglich. Doch als er so direkt über den Staubfahnen schwebte, wurden wir aufmerksam. Leider konnten wir infolge des aufgewirbelten Staubes auch mit dem Fernrohr nichts erkennen. Dann tauchte der Kopter wieder auf und schleppte den Transformator mit sich.
    „Das bedeutet, daß nicht die Transporter, sondern die beiden Projektcomputer miteinander gekämpft haben“, kommentierte Gamma. „Aber auch das darf nicht geschehen. Alle Pläne auf Andymon sind doch koordiniert.“
    Meine Befürchtungen wuchsen. Vorerst waren nur die Maschinen und Computer aneinandergeraten — wie lange würde es noch dauern, bis auch die Menschen gegeneinanderstanden? Dieses Mal hatte Fith dafür gesorgt, daß der Streit der Computer belanglos blieb, schon der nächste Gleiter brachte einen weiteren Transformator. Was aber, wenn sich die Vorfälle summierten und die Streitobjekte nicht sogleich zu ersetzen sein würden?

Änderungen des Klimas

    Der Rover jagte über die kahle, staubige Ebene. Aufgewirbelte Sternchen schlugen gegen seine metallene Verkleidung. Szadeth steuerte ihn einen flachen Abhang hinab. Der Boden war hier von einem dunkleren Braun als anderswo. Wir hielten und stiegen aus. Ein armseliges Rinnsal floß zwischen Felsbrocken und angetrocknetem Schlamm dahin.
    „Und das war noch vor einem Jahr ein breiter, reißender Fluß“, sagte Szadeth und schob mit dem Fuß ein paar Steine so, daß sie dem Wasser den Weg versperrten.
    „Und vorher, da muß das einer unserer Urströme gewesen sein, der Millionen Kubikmeter Schlamm über die Ebene verteilt hat — in der Zeit des Großen Regens.“
    Andymon, der von uns besiedelte Teil Andymons, dürstete. Die Flüsse waren jung, nicht einmal so alt wie wir, und begannen bereits zu versiegen. Weniger schwere Wolken als in den letzten Jahren zogen über den Himmel, und spärlich fiel der dünne Regen. Noch vor Jahresfrist hatten die Wassermassen der Wolkenbrüche Fahrzeuge hinweggeschwemmt und Fundamente unterspült. Seit Wochen war über unseren Siedlungen kein Tropfen gefallen. Die Dürre griff nach unseren Pflanzungen und Baumschulen. Allmählich bedeckte das Leichentuch des Staubes Gebäude und Felder. Unser Leben und das der Flüsse hingen eng zusammen.
    Die atmosphärische Zirkulation hatte sich verändert, das ehemals in der Luft und über die Kontinente verteilte Wasser hatte sich in den beiden Ozeanbassins gesammelt, von wo es zu neuem Kreislauf verdunstete. Meine Modelle zeigten, daß das von uns kultivierte Land einen zu geringen Anteil an diesem Kreislauf hatte. Wolken regneten über kahlen Gebirgen ab, ehe sie unser Gebiet erreichten, nutzlos ergossen sich die neu entstehenden Flüsse ins Meer. Wälder hätten wir benötigt, Wälder von Meeresküste zu Meeresküste, die das Klima zu unseren Gunsten beeinflußten. Doch wachsen Bäume nur, wenn sie die nötige Feuchtigkeit finden. Ein Teufelskreis, den wir mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln sprengen mußten. Im wörtlichen Sinne: mit Explosionen, die Berge aus dem Weg der Wolken räumten, die Flüssen den alten Lauf versperrten und einen neuen gruben.
    Ich hatte es so eingerichtet, daß ich gemeinsam mit Szadeth künftige Flußverläufe festlegen und die geologischen Sprengungen vornehmen konnte. Ich versprach mir etwas davon, mit den Jüngeren, den Siedlern, zusammenzuarbeiten, denn die Kluft, die zwischen uns bestand, durfte nicht noch größer werden. Und die Sorge um das Wasser einte uns.
    „Komm, wir fahren zurück, deine Satellitenbilder haben tatsächlich recht“, sagte Szadeth und kletterte wieder in den Rover.
    Ich folgte ihm schweigend und ließ ihn wieder am Steuer Platz nehmen. Denn Szadeth liebte es, mit dem Rover über das freie Land zu rasen. So inspizierten wir vor Ort, wo auch ein Automat oder ein Foto aus dem Orbit genügt hätte.
    Vorerst vermied ich es, Szadeth gegenüber mein Schiffsprojekt zu erwähnen, ich wollte die Gegensätze nicht vertiefen. Und doch ergaben sich immer wieder Situationen, bei denen unsere unterschiedlichen Auffassungen aufeinanderprallten.
    Szadeth jagte den Rover, daß das Fahrzeug eine lange Staubfahne aufwirbelte. Er hatte sich den Tropenhelm weit in die Stirn geschoben, schweißnaß glänzte sein bloßer schwarzer Oberkörper — manchmal verkühlte er sich, aber es war sein Stil. Genauso, wie er fuhr, konnte Szadeth reden, ohne Atempause. Selbst die völlig normale neuerlernte Greifbewegung seines Sohnes Prith reichte für zwei Stunden Monolog. Wie war Szadeth stolz, erster Vater von Andymon zu sein! Er fühlte sich als Adam, als Stammvater ganzer Geschlechter. Und er hatte allen Grund dazu.
    „Bekommt mein Prith nicht einen wunderbaren Planeten, Beth? Hier kannst du dich austoben, ausleben. Der ist weit genug, hier kannst du ein einfaches, natürliches Leben führen, Wälder anpflanzen, Häuser bauen…“
    Ich mußte lachen, Szadeth und sein einfaches Leben! Fahrtwind, aufgewirbelter Staub schienen ihm nichts auszumachen, er redete und redete.
    „Ein richtiges Pionierleben, nicht wie im Schiff eingepfercht zwi-schen Computern und Wiederverwertungsanlagen, das alles brauchen wir hier nicht. Wir haben einen grenzenlosen Planeten, sind nur auf uns selbst angewiesen, können alles mit unseren eigenen Händen… Wozu brauchen wir diese Supertechnik, die Computer und Mondstationen? Das ist alles viel zu kompliziert, zu anfällig. Und wenn so ein Computer ausfällt, geht alles drunter und drüber. Da bin ich viel lieber unabhängig, auf mich allein gestellt…“
    Ich lachte nicht mehr. Szadeths Begeisterung für ein freies Pionierleben war auf gefährliche Weise naiv. Deshalb durfte ich nicht auf gewöhnliche, belanglose und unverbindliche, darum verbindende Themen ausweichen.
    „Szadeth, Szadeth, du vergißt, daß unser Leben durch diese Technik überhaupt erst möglich geworden ist!“ Der Rover sprang über den welligen Boden, ich hielt mich fest. „Schau, du fährst mit Wasserstoff und Sauerstoff, ohne Fusionsreaktor wäre dein Rover bloße Attrappe. Und unsere Computer sind noch nie ausgefallen. Wir haben mehrfache Sicherheitsfaktoren, strukturelle Redundanz, aber das weißt du selbst, weshalb willst du vergessen, daß du ein Kind dieser Technik bist?“
    Ich schwieg, vielleicht hatte ich schon zuviel gesagt, auch Szadeth schwieg. Der unerwünschte, zu heiße und zu trockene Wind blies um unsere Ohren.
    „Na ja, du hast schon recht“, sprach er gegen den heranwehenden Staub, „aber mir gefällt diese Abhängigkeit nicht. Wenn wir erst ein größeres Stück Andymon umgestaltet haben, mit allen Mitteln, die uns das Schiff bietet, dann können wir ein natürlicheres Leben führen, können auf die überflüssig gewordenen Geräte verzichten. — Gut, nur die, die darauf verzichten wollen… Ist wahrscheinlich sogar günstig, wenn einige von uns das technische Erbe des Schiffs in Schuß halten.“
    Vor uns schob sich die Kuppel von Oasis langsam über den Horizont. Sie war Symbol für unsere Abhängigkeit von künstlich geschaffenen Lebensbedingungen. Wenn sie fiele, käme die Zeit, von der Szadeth träumte und in der er mir mit unwilligem Großmut immerhin ein Plätzchen einräumte. Aber noch war nicht entschieden, wessen Vorstellung von der Zukunft sich auf Andymon realisieren würde. Vielleicht, dachte ich, irren wir beide, sehen beide die Dinge zu abstrakt, zu einseitig, zugespitzt, vielleicht wird alles ganz anders.
    Der Rover fuhr durch die grüne Umgebung der Kuppel. Künstlich bewässerte Wiesen und Waldstücke, Streifen von Feldern wechselten einander ab. Seit die Regenfälle rarer wurden, sank auch der Grundwasserspiegel. Die Wüste streckte unmerklich ihre trockene Zunge nach Oasis aus. Um die Handbreit kultivierten Landes zu retten, waren wir bereit, ganze Berge in die Luft zu sprengen.
    „Du besuchst uns doch?“ wiederholte Szadeth seine Frage. Ich nickte. Er sprang in hohem Bogen aus dem Rover. Ich folgte ihm durch die weitoffene Schleuse in die Kuppel. In ihr herrschte im Gegensatz zur trockenen Glut draußen eine feuchte Wärme. Als wir in die Siedlung gingen, erblickte ich einen die Häuschen überragenden Obelisken aus schwarzem, poliertem Gestein.
    „Was ist das?“ fragte ich verwundert. Das vierkantige, schlanke Ding stand da wie aus einer anderen Welt, sah — zumindest in meinen Augen — nach Kosmos aus.
    Szadeth räusperte sich, bei ihm ein Verlegenheitszeichen. „Das ist ein Obelisk. Für Delth. Es ist immerhin sieben Jahre her, daß er sein Leben für Andymon gab.“
    Ich biß mir auf die Lippen. War es schon soweit, daß wir uns gegenseitig Denkmäler aus Stein errichten mußten? „Ich weiß nicht, ob sich Delth das gewünscht hätte“, sagte ich vorsichtig.
    „Resth meint, wir wären es ihm schuldig. Schließlich hat Delth die Eroberung Andymons geleitet“, sagte Szadeth unbekümmert.
    Wir gingen weiter, der Obelisk war mir nun ein Dorn im Auge, es tat mir weh, ihn anzusehen - trotz seiner Schmucklosigkeit, Schlichtheit. Und er war Resths Symbol dafür, daß sich das Zentrum unserer Welt nach Oasis verschoben hatte.
    „Und was sagt Alfa dazu?“ fragte ich weiter.
    „Nichts, nein, sie war einverstanden. Resth hat mit ihr geredet.“
    Na schön, hättest du dir denken können, überlegte ich. Alfa ist eben zu sentimental. Ich war sicher, Delth hätte das Ding als Beleidigung aufgefaßt: Er hatte ganz Andymon, da brauchte es keine steinernen Symbole.
    „Im übrigen“, sagte Szadeth, und ich bemerkte, daß die Beiläufigkeit seiner Bemerkung nur gespielt war, „Resth behauptet, du hättest damals vielleicht nicht alles getan, um Delth zu retten.“
    „Aber das ist doch…“ Ich blieb stehen, die Stimme entglitt meiner Kontrolle. „Wie kann er so etwas behaupten…?“
    „Nicht so laut“, unterbrach mich Szadeth.
    „Aber wieso, ich versteh das nicht, wir haben doch die Aufzeichnungen von damals, da kann sich jeder überzeugen…“
    „Ich glaube dir ja, Beth. Aber was sind schon Aufzeichnungen?“
    „Er kann nicht einfach so eine haltlose Anschuldigung verbreiten!“ „Doch, er kann. Du kennst Resth schlecht. Komm.“
    Wir waren bei Szadeths Häuschen angelangt. Szina begrüßte ihn stürmisch und mich freundlich. Wir setzten uns, beobachteten den kleinen Prith, der die Arme nach mir ausstreckte und mich anlachte, solange ich mich mit ihm beschäftigte. Ich wußte von Szadeths langen Berichten, wie stolz sie auf jede Kleinigkeit waren, die er hinzulernte. Dann aßen wir vor ihrem Haus echte frische Erdbeeren in synthetischer Milch.
    Ich hätte gern Resths ungeheuerliches Verhalten diskutiert, aber Szadeth schien keinesfalls weiter darüber sprechen zu wollen. Zweimal setzte ich an, doch mein Mund sagte nur: „Schmecken ausgezeichnet, eure Erdbeeren, wirklich.“
    Szina lächelte mir zu. Desto überraschender traf mich ihre plötzliche Frage: „Stimmt es, daß du gesagt hast, du würdest uns notfalls zwingen, an deinen Projekten mitzuarbeiten?“
    Ich verschluckte mich. Auch Szadeth ließ beinahe seinen Löffel fallen. Als ich die Stimme wiedergewonnen hatte, stammelte ich unzusammenhängend: „Wie? Aber… Wer hat das gesagt? Das habe ich nie…“ Ich brach ab, denn plötzlich erinnerte ich mich an unser Gespräch auf dem Turm: Am liebsten würde ich sie zwingen, wenn sie das partout nicht begreifen wollen.
    Wer von uns hatte das ausgeplaudert und dabei auf das gröbste entstellt? Jota — nein, sie war zu bedächtig und zudem jederzeit bereit, meine Pläne zu unterstützen. Fith, ja Fith, er hatte hier in Oasis die Angelegenheit mit dem Transformator geregelt. Und er redete, ehe er überlegte. Aber er mußte doch wissen, in welcher brisanten Situation wir uns befanden. Fith!
    „Das läßt sich klarstellen“, sagte ich langsam und wiederholte das Gespräch, so gut ich mich daran erinnerte. Prith, der wohl merkte, daß er nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, unterbrach mich durch lautes Plärren. Szina nahm ihn auf den Schoß.
    „Ihr müßt wissen“, setzte ich fort, „daß wir in City, also die ersten drei Gruppen, beschlossen haben, nichts ohne eure Einwilligung zu beginnen. Ich möchte nicht, daß unsere Gemeinschaft auseinanderbricht — auch wenn ich dabei riskiere, überstimmt zu werden. Auch wenn ich deshalb mein Lieblingsprojekt auf geben muß.“
    Szadeth, der während meiner Worte aufgestanden war und hinter dem Tisch auf und ab ging, sagte kurz: „Hauptsache, du hältst dich dran.“ Damit war dieses Thema abgeschlossen.
    Während sie stillte, fragte uns Szina über unsere Arbeit aus, über die Klimaveränderungen und was sich dagegen unternehmen lasse, über die Perspektiven von Oasis und der umliegenden Ebene. Unverfängliche, verbindende Dinge. Ich blieb, bis die Dämmerung einsetzte.
    Szadeth begleitete mich noch bis zum Kopterlandeplatz vor der Kuppel. „So unterschiedlich unsere Vorstellungen auch sind“, sagte er mir, „in einem stimmen wir überein: Wir müssen offen zueinander sein.“
    Ich dankte ihm, verabschiedete mich und flog mit Höchstgeschwindigkeit nach Andymon-City. Psychologisch gesehen war es wohl ein großer Nachteil, daß wir nicht - wie im Schiff - alle zusammen wohnten und lebten. Doch so konnten wir besser Fuß fassen auf Andymon.
    Kaum angekommen, berichtete ich Gamma von allem.
    Sie war aufgebracht, wie ich sie selten erlebt hatte. „Warum hast du ihnen nicht die Meinung gesagt, Beth? Warum bist du nicht gleich zu Resth gegangen und hast ihn verdroschen? Wie konntest du das nur auf dir sitzen lassen! Du bist viel zu gutmütig, Beth. Stell dir vor, was Delth getan hätte! Resth würde nie wieder wagen, seinen Mund so weit aufzureißen!“
    „Ich kann doch nicht einfach… Nein, man muß so etwas erst überdenken…“ protestierte ich schwach, „vielleicht war es eine bewußte Provokation von Resth.“
    „Desto schlimmer! Es gibt Situationen, Beth, in denen muß man handeln. Und in diesem Fall kann ich dir das auch nicht abnehmen.“
    „Was soll ich denn tun?“ fragte ich kleinlaut. Aber da wußte auch Gamma keine Antwort, zumindest keine, die vernünftig schien. Hingehen und Resth Prügel anbieten? Das war mir zu kindisch. So ließ ich die Sache erst einmal auf sich beruhen.
    Und Fith stritt ab, unsere Unterhaltung kolportiert zu haben. „Ich bin kein Schwätzer“, behauptete er.

Herbst der Mäuse

    Krankheiten stellen sich in den meisten Fällen zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt ein. Ich hatte mir gerade in dem Moment eine fiebrige Erkältung zugezogen, als sich die Auseinandersetzungen zwischen City und Oasis zuspitzten. Das schlimmste dabei war, daß mit der Schwächung meines Körpers ein Nachlassen meiner Willenskraft einherging.
    Ich litt unter einem hartnäckigen Schnupfen, nichts schmeckte mir mehr, die Nase tropfte, und vor allem gegen Abend brummte mein Kopf. Seit ich mit Szadeth gesprochen hatte, war ich kaum aus meinem Zimmer herausgekommen. Ich lungerte herum, schlief oder las und ließ mir von Gamma Dampfbäder hinstellen. Schnupfen war nicht eingeplant gewesen, nicht vorgesehen für Andymon. Doch alle Desinfektionen, alle biologischen Barrieren konnten nicht verhindern, daß auch er sich eine neue Welt eroberte, ständiger Begleiter der Menschen.
    Manchmal saß ich an meinem Arbeitstisch, doch statt zu arbeiten, starrte ich aus dem Fenster über den großen Platz von Andymon-City, auf den eine Giebelwand unseres Hauses zeigte, zum Turm hinüber und zu den darüber ziehenden niedrigen Wolkengebilden. Mit offenen Augen träumte ich von den Schiffen, die ich bauen wollte, herrlichen, metallisch glänzenden Zylindern in der Schwärze des Alls, technischen Kunstwerken von kosmischer Dimension. Ein Niesanfall riß mich in die Realität.
    Ganz entfernt nur wußte ich, daß die Auseinandersetzung mit Resth bevorstand und daß ich ihm nicht die Initiative überlassen durfte. Aber wenigstens bis zu meiner Gesundung war es doch erlaubt, untätig zu bleiben?
    Zwei Tage später ging es mir besser.
    „Du mußt endlich handeln“, drängte mich Gamma, „Resth wartet nicht. Du mußt seinen Einfluß auf die Jüngeren brechen. Ich habe Ilona gerufen, sie soll dich noch einmal untersuchen.“
    Als Antwort schniefte ich nur.
    Ich bevorzugte Ilona als Hausarzt. Mit rührendem Stolz pflegte sie ihre seidigen blonden Haare, die bis heute einmalig auf Andymon sind. Dazu zogen mich ihre betont femininen Formen an, ihre schlanke, aber an keiner Stelle magere Gestalt. Und ich hörte gern ihre rauhe Stimme mit dem eher Väterlichen Tonfall: „Na, wie geht’s uns denn heute, Beth? Endlich überm Berg?“
    Ich verdrehte die Augen und winkte mit tapferer Geste ab.
    „Und ich hatte schon gedacht, daß du vielleicht gar nicht gesund werden willst, Beth, daß es dir gefällt, dich mit ein paar nasal gestammelten Worten aus der Affäre ziehen zu können.“
    Nein, ich empörte mich nicht, das hatte ich getan, als Gamma diese Beschuldigungen zum erstenmal vorbrachte. Natürlich hatte ich vor ihr nicht verbergen können, wie zuwider mir diese aufgezwungene Auseinandersetzung war. Als müßte ich hinabtauchen in den Sumpf von Kleinlichkeiten. Ja, damals in Kindertagen, der Streit mit Delth, das war eine ehrliche und offene Sache gewesen!
    „Tjaja, Andymon erschöpft uns alle. Nur die Symptome sind unterschiedlich. Und gerade jetzt, wo das Gröbste geschafft ist, zeigen sie sich.“
    Ich lachte gezwungen. „Das Gröbste vielleicht, aber nicht das Problematischste.“
    Als Ilona gegangen war, trank ich ein Glas säuerlichen Fruchtsaft. Dann schlug ich mit der flachen Hand auf die Tischkante. Was sein mußte, mußte sein!
    Über das Videofon versuchte ich, Kontakt mit Resth zu bekommen, um ein Treffen zu vereinbaren. Doch der Schirm zeigte nur den blauen pulsierenden Punkt, das Besetztzeichen. Nach einer Viertelstunde probierte ich es noch einmal mit dem gleichen Erfolg. Resth war für mich nicht zu sprechen, was sollte das anderes bedeuten. Ich zuckte die Schultern, froh, zumindest für diesen Tag kein unangenehmes Gespräch führen zu müssen.
    Ich setzte mich wieder an meinen Arbeitstisch und schaute hinaus auf die farbigen Häuser am anderen Ende des Platzes. War ich feige? Wenn Resth heute nicht zu sprechen war für mich, würde er es morgen genausowenig sein. Wollte ich überhaupt noch eine vernünftige Klärung, dann mußte ich ihn aufstöbern, ihn stellen. Ich rief Szadeth an, er zum Glück ging an den Apparat. Als er mich erkannte, zog er die Brauen hoch.
    „Hallo, Szadeth“, sagte ich, „kannst du mir ein Treffen mit Resth vermitteln oder mir zumindest sagen, wo er steckt?“
    „Hm, ich glaube nicht, daß er dich wird sehen wollen. Ich weiß auch nicht, wo er ist, Beth. Bei uns geht augenblicklich alles drunter und drüber. Wir haben eine Mäuseplage da draußen“ - er meinte die Felder um die Kuppel - „sie fressen alles weg. Wir wollen sie nicht vergiften wegen der Vögel, also stellen wir Fallen, schießen sie ab. Und wir versuchen, so schnell wie möglich zu ernten, was übriggeblieben ist.“
    „Das schau ich mir mal an“, sagte ich, „vielleicht treffe ich Resth dabei.“
    „Sollte mich wundern.“ Szadeth schwieg eine Weile. „Ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn du kommst. Die Stimmung ist nicht gerade für dich.“
    „Desto wichtiger ist es“, sagte Gamma, die hinter mir stand.
    „Wenn ihr unbedingt wollt“, Szadeth zuckte mit den Schultern, „hm, ich werde versuchen, euch zu treffen.“
    Gamma begleitete mich auf dem Flug nach Oasis. Sie begründete es mit meinem Gesundheitszustand, und ich hatte nichts dagegen einzuwenden, denn ich hatte das Gefühl, mit ihr unschlagbar zu sein.
    Unterwegs überlegte ich, was ich Resth sagen wollte, doch meine Gedanken drehten sich im Kreis. Was ist in dich gefahren, weshalb verbreitest du Lügen über mich? Wozu das? Weshalb haßt du mich? wollte ich ihn fragen. Als wir auf dem Landeplatz bei der Kuppel von Oasis aufsetzten, hatte ich mir noch keinen Satz definitiv zurechtgelegt.
    Wir stiegen aus und beschlossen, Resth zuerst in der Umgebung der Kuppel zu suchen. Auch interessierten uns die befallenen Felder.
    Wir folgten einem Trampelpfad quer über eine Wiese, auf der einzelne junge Kühe weideten. Wahrscheinlich kannten unsere Geschwister noch jede von ihnen mit Namen. Das Weizenfeld sah weniger schlimm aus, als ich es mir nach Szadeths Worten vorgestellt hatte. Die Halme standen gelb und reif im Wind, die Ähren waren prall gefüllt, nicht alle natürlich. Hier und da erkannte ich im Boden kleine Löcher.
    „Eine übertriebene Mäuseplage“, sagte ich zu Gamma.
    „Das überschaust du nicht“, antwortete sie knapp.
    „He, hallo“, hörte ich. Auf dem Pfad kam uns eine kleine Gruppe in kurzen Khakihosen und Khakihemden entgegen. Alle fünf, zwei Mädchen darunter, trugen Gewehre. Ich schätzte sie auf vierzehn Jahre. Als sie uns erkannten, blieben sie in ein paar Schritt Entfernung stehen.
    „Ei, wer besucht uns denn hier? Weltkontrolleur Beth persönlich.“
    Ich lachte gezwungen. „Was soll die Ironie?“
    „Ihr wollt euch wohl ansehen, welchen Ärger wir mit den Mäusen haben? Die kommen euch doch nur recht.“
    Es sprach immer derselbe. Vergeblich versuchte ich mich an seinen Namen zu erinnern; ich hatte ihn und seine Gruppe, die zehnte, nur bei wenigen Gelegenheiten gesehen.
    „Wieso, was wollt ihr damit sagen?“ fragte Gamma mit einer harten, fast metallischen Stimme, die ungewohnt in meinen Ohren klang.
    „Der Ausfall der Ernte, nützt er euch etwa nicht? Da sind wir weiter auf synthetische Nahrung angewiesen, sind weiter von eurer Technik abhängig, uns könnt ihr nichts vormachen“, erklärte eins der Mädchen.
    „Blödsinn“, sagte ich, „wir sind wie ihr an einer schnellen Kultivierung Andymons interessiert. Allerdings ist diese unmöglich ohne ein Minimum an Technik. Ohne sie könnten wir alle nicht existieren.“
    „Deine Computer haben die Mäuseplage falsch vorhergesagt, erst für nächstes Jahr.“
    Ich stöhnte. Durch das vorzeitige Verlassen des Schiffs hatten sie ihre wissenschaftliche Ausbildung zu schnell und oberflächlich beendet. Jetzt sah man das Resultat.
    „Das liegt nicht an den Computern“, Gamma versuchte sie aufzuklären, „unvollkommene Modelle, fehlende Meßwerte, ein zu naives Verwenden der Ergebnisse…“
    „Jetzt sollen auch noch wir daran schuld sein, daß die Gefahr zu spät erkannt wurde“, höhnte der Anführer, „wer weiß, vielleicht sind die Programme nicht von ungefähr unzulänglich…“
    „Nun reicht’s aber!“ fuhr ich ihn an, „wer solche Behauptungen aufstellt, muß sie auch begründen können, ist das klar? Und das kannst du auch deinem großen Meister Resth sagen. Wo steckt der überhaupt, ich habe ein Wörtchen mit ihm zu reden!“
    Sie schauten sich gegenseitig an. „Ja, wo ist er denn?“
    Plötzlich hob eins der Mädchen das Gewehr, zielte auf mich. Dicht neben mir schlug der Plastschrot in den Boden. Ich sprang zur Seite.
    „Eine Maus“, erklärte sie seelenruhig. Es lag tatsächlich eine da.
    Gamma war nahe dran, die Beherrschung zu verlieren. „Man zielt nicht auf Menschen! Was habt ihr denn im Totaloskop gelernt! Wenn ihr das nicht begriffen habt, gehören Gewehre nicht in eure Hände!“ Ihr Gesicht war trotz des dunklen Teints blaß geworden.
    „Reg dich nicht auf, du weißt doch, daß wir Mäuse jagen. Außerdem habt ihr hier nichts verloren. Ihr gehört nach Andymon-City. Vielleicht habt ihr schon goldene Drähte im Haar und seid an die Computer oder das Monster auf Gedon angeschlossen.“
    „Hört auf!“ sagte ich mit erzwungener Ruhe, „und versucht nicht, mich oder euch selbst anzulügen. Ihr wißt so gut wie ich, daß der Schuß als Drohung gemeint war. Und Resth wird sich dafür verantworten müssen, daß er euch aufhetzt. Vergeßt nicht, daß wir Andymon für euch bewohnbar gemacht haben.“
    Gamma zog mich am Arm, das hieß: Umkehren, Beth, hier ist es zu gefährlich.
    „Ja, damals gab es Delth noch… Und wer weiß…“
    Ehe der Sprecher sich’s versah, ehe er die Verleumdung aussprechen konnte, die ich bereits kannte, war ich bei ihm und hatte ihm links und rechts ins Gesicht geschlagen. Gewollt oder ungewollt, die Prügel für Resth hatten einen Empfänger gefunden.
    Er war vor allem verblüfft, öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen. Auch seine Geschwister starrten mich reglos an. Mir fielen die Gewehre ein, blitzschnell überlegte ich, die Lethargie der vergangenen Wochen war mit den zwei Schlägen verpufft.
    „Du kannst sie Resth weitergeben, ihm gehören sie“, sagte ich. Dann ließ ich meinen Blick wandern, schaute ihnen der Reihe nach in die Augen. „Ich gebe euch den guten Rat: Glaubt Resth nicht all seine Lügen. Versucht mal, selbst zu denken, sie zu überprüfen.“
    Sie standen noch wie versteinert da. Gamma wollte mich wieder wegziehen. Aber ich wußte plötzlich, daß ich sie beeindruckt hatte. Irgendeine von Resths Lügen über mich stimmte mit meinem Verhalten nicht überein. Ich mußte diese Unsicherheit sofort ausnutzen.
    Entschlossen faßte ich den, den ich geschlagen hatte, am linken Oberarm. „Wie heißt du?“
    „Laath.“
    „Laath, du führst mich sofort zu Resth. Ich habe das Versteckspiel satt, er soll mir selbst Rede und Antwort stehen — oder ist er so feige, daß er einer Begegnung ausweicht?“
    Wir gingen, begleitet von einer bewaffneten Eskorte. Der oberflächliche Beobachter hätte Gamma und mich für Gefangene halten können. Ich aber fühlte mich stark wie nie und zugleich so entrückt, so unwirklich. Wir näherten uns der Kuppel, passierten die nachlässig geöffnete Schleuse - mir war, als hätte ich diese Szene hundertmal im Totaloskop erlebt.
    Als wir vor Resths Haus anlangten, sagte eins der Mädchen: „Er ist bestimmt in der Meerwasseraufbereitungsanlage.“
    Ich rief herausfordernd: „Resth!“ Dann klopfte ich und trat ein. Unsere Eskorte ging auf Sicherheitsabstand.
    Pea, die sich allein im Wohnraum des Hauses aufhielt, stand erschrocken auf.
    Der unruhige Blick ihrer Augen entwaffnete mich sofort. „Pea“, fragte ich so sanft wie möglich, „wie geht es dir? Und was macht es? Entwickelt es sich?“
    Sie nickte. Ihr war das werdende Leben bereits deutlich anzusehen.
    „Tut mir leid, daß wir so hereinplatzen“, sagte Gamma und umarmte Pea, „wir haben Resth gesucht.“
    „Ich will nichts von dieser Sache wissen.“ Es waren die ersten Worte, die Pea zu uns sprach.
    „Mach dir keine Gedanken, Pea“, versuchte ich sie zu besänftigen. „Resth und ich werden uns schon gütlich einigen. Es gibt kein Problem, über das man nicht reden könnte.“
    Erst als wir sie Minuten später verlassen hatten, wurde mir bewußt, daß ich selbst längst nicht mehr an die alles lösende Rationalität glaubte. Hatte ich nicht mit den Ohrfeigen das Gegenteil bewiesen? „Ich wußte nicht, wie sie reagieren würden“, sagte Gamma in der Sicherheit des Kopters. „Bei denen ist alles drin. Sie hätten uns zusammenschlagen können — oder Schlimmeres. Aber die größte Überraschung warst du für mich!“ Sie küßte mich auf die Wange.
    „Auch sie sind von Rammas und von Guros erzogen worden“, erwiderte ich wenig überzeugend, „so weit würden sie es nie treiben.“ „Vielleicht sie nicht, aber Resth. Erinnerst du dich: Es geht um das Ganze, um die Zukunft Andymons, um Leben und Tod. Hat er das nicht gesagt?“
    Ich konnte mich nicht erinnern.
    „Darin zumindest hat er recht, es geht um Leben und Tod.“
    „Bitte, Gamma, du bist erschrocken. Aber das, woran du denkst, das ist einfach nicht möglich, nicht bei uns, nicht bei Resth, nicht unter uns Geschwistern. Wir sind alle Schiffsgeborene, haben die gleiche Erziehung, wenigstens in den entscheidenden Jahren. Es ist unmöglich für uns. Wir sind nicht die Menschen von der Erde. Glaub mir, Gamma, wir haben hier einen neuen Anfang. Ohne Blut.“
    Gamma schwieg.

Programmierter Alptraum

    Ich stand auf Ladym, dem zweiten Mond, und wartete auf den Unfall, meinen Unfall, den ich mit Sicherheit erleiden würde, eher früher als später. Der Skaphander war dicht, und alle Systeme der kleinen Station arbeiteten zufriedenstellend, vielleicht also ein „Meteorit“? Oder ein „amoklaufender“ Roboter?
    Andymon ging auf, eine große braune, grüne und graue schlierige Scheibe, Hoffnung zurückzukehren hatte ich kaum; Resth würde das nie zulassen. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er die Order erteilt hatte, mich von Andymon zu entfernen, ohne auch nur die Andeutung eines triumphierenden Lächelns, ohne auch nur einen Zug des Hasses, allein bestimmt von jener kalten Notwendigkeit, die sein Handeln leitete. „Solange Beth hier lebt, wird es Zwist geben, Kampf, der unsere Kräfte verbraucht, der das Überleben unserer Siedlung gefährdet. Schließt ihn von jeglichem Funkkontakt aus.“
    Fast ein Jahr hatte der Kampf gedauert nach einem Anfang, der nichts ahnen ließ.
    Ich blickte über die nur von Andymon beschienene graue Steinwüste und dachte zurück, versuchte die Fehler zu finden, die entscheidenden Punkte. Zweifelsohne hatte ich zu lange gezaudert, Resth die Initiative überlassen. Die Begegnung mit den Mäusejägern hatte bewiesen, daß Resth die jüngeren Gruppen aufwiegelte, daß es höchste Zeit war… Doch die Tage verstrichen in Unschlüssigkeit, Resth blieb unerreichbar für mich, und viele kleine Dinge schienen wichtiger.
    Dann plötzlich war er bereit zu einer Aussprache mit einem Vertreter aus jeder Gruppe. Gründlich bereitete ich mich vor, glaubte an ein sachliches Abwägen von Fakten, Argumenten, Möglichkeiten. Wir trafen uns in einer kleinen Halle, nicht unter freiem Himmel wie sonst — Resth hatte die Szene vorbereitet. Wie naiv war ich, daß ich mir vorstellte, in dieser Situation argumentieren zu können? Hatte ich immer noch nicht gelernt, wie Andymon uns verwandelte? Wir hatten die schützende Hülle des Schiffs verlassen, waren den Naturgewalten eines unwirtlichen Planeten ausgeliefert, stets in Bedrängnis, in ständigem Kampf ums Überleben. Mußte da nicht die Zwietracht in einen tödlichen Konflikt münden?
    Blind war ich, obwohl gerade ich von psychologischen Problemen sprach: Wie sehr wir den Kosmos brauchten, daß wir uns nicht auf Andymon beschränken durften, denn so würden wir einer Robinsonneurose erliegen, uns nur tiefer und tiefer in den einen Planeten vergraben, alles um uns vergessen, alle Perspektiven verlieren, uns nur noch von den bitteren Notwendigkeiten des Tages leiten lassen, verbohrt und verbiestert uns in eine in sich geschlossene Zivilisation verwandeln, die ewig auf der Stelle tritt… Auch deshalb sei der Schiffbau nötig, als Projekt, an dem wir unsere Kräfte entfalten könnten, als Mittel, die anderen Planeten und Monde unseres Sonnensystems zu erschließen, die Tür in den Kosmos offenzuhalten…
    Ich war beredt, durchaus, ereiferte mich wie nie zuvor.
    Resths Antwort brachte mich zurück in die karge Halle. „Ich glaube, Beth über- und unterschätzt uns zugleich, er will immer gleich das gesamte Universum. Und wenn wir ein wenig von der Raumfahrttechnologie verlernen? Brauchen wir sie in den nächsten hundert Jahren? Wir werden nicht gleich durchdrehen, weil wir auf nur einem Planeten leben.“
    „Ihr müßt Beth richtig verstehen“, erklärte er weiter, „er ist so fest von der Richtigkeit seiner Meinung und ihrer Bedeutung für die Zukunft Andymons überzeugt wie ich. Aber, wahrscheinlich, ohne daß er sie selbst kennt, schlummern in seinem Unterbewußtsein noch andere Absichten. Beth hat an Delths Seite gute Arbeit geleistet zu einer Zeit, als ein voller Einsatz kosmischer Technologien nötig war.
    Diese beherrscht er ausgezeichnet. Doch die Zeiten haben sich geändert. Nun ist es nötig, sich den Bedingungen Andymons optimal anzupassen. Dies kann er natürlich nicht akzeptieren, denn damit würden seine speziellen Fähigkeiten überflüssig.“
    Ich sprang auf. „Du meinst, damit würde ich überflüssig.“
    „Das habe ich nie behauptet.“
    „Aber angedeutet.“
    „Bitte, wir wollen uns nicht in persönlichen Anschuldigungen verlieren“, warf Samecha aus der fünften Gruppe ein. Resth hatte die Rollen gut verteilt.
    „Wenn wir nun Schiffe bauen würden, blieben für Beth die guten alten Zeiten erhalten. Wer außer der ersten Gruppe sollte eine so komplizierte technische Aufgabe leiten?“
    „Jetzt verteilst du Anschuldigungen, Resth“, sagte ich bitter, „so kommen wir nie zu einer sachlichen Diskussion. Außerdem meine ich nicht, daß wir uns an Andymon anpassen müßten. Ganz im Gegenteil!“
    Meine Argumente verhallten ohne Resonanz. Und Resth wußte zu kontern. Wenn ihm die Argumente fehlten, attackierte er mich. Ein abgekartetes Spiel, einzig dazu inszeniert, um später lauthals verkünden zu können: Die Mehrheit hat Beths Vorschläge verworfen.
    Es war nicht einmal eine Abstimmung nötig. Entrüstet ging ich, warf die Tür mit aller Kraft zu, doch der weiche Plast fing den Stoß ab.
    Hätte ich damals aufgeben oder eine günstigere Situation abwarten sollen? Das Resultat wäre wohl stets meine Verbannung gewesen. Resth mußte den Störfaktor eliminieren.
    Viel zu spät begann ich, den Streit offen auszutragen. Ich pendelte zwischen Andymon-City und Oasis hin und her. Ich sprach mit jedem, den ich traf, ich flog zum Fusor und zu den Minen. Ich versuchte Myth zu überzeugen und Szadeth, ich war auf den Pflanzungen, in den Wäldern, an den Seen, sosehr ich mich auch abhetzte, sosehr mich auch Gamma, Jota, Zeth unterstützten, das Ziel wich weiter und weiter vor uns zurück.
    „Wir haben hier schon genug zu tun“, erklärte man mir. „Dein Streit interessiert uns nicht, es gibt Wichtigeres.“
    „Wir schaffen es, auch ohne weitere Planeten zu erschließen. Das überlassen wir unseren Kindern.“
    Manchmal glaubte ich aus ihren Antworten herauszuhören: Was sollen wir uns mit Resth anlegen! Wahrscheinlich hat er recht. Kann man uns denn nicht in Ruhe und Frieden arbeiten lassen?
    Resth wartete seine Zeit ab. Dann schlug er zu. Er rief seine jüngsten Anhänger zusammen, die anderen konnten ihn auf dem Videoschirm sehen. Es war nur eine kurze Ansprache.
    „Ich will euch warnen“, sagte Resth, „wir haben immer friedlich und kameradschaftlich miteinander gelebt. Jetzt gibt es einige, die wollen uns allen ihren Willen aufzwingen.“
    Resth brauchte keinen Namen zu nennen, jeder wußte, daß ich gemeint war.
    „Wir müssen einträchtig bleiben“, fuhr Resth fort, „nur so können wir Andymon trotzen, das hat schon Delth gewußt. Gerade jetzt, wenn wir eine erhöhte seismische Aktivität erwarten, ist das wichtig.“
    Ich wollte aus meinem Haus laufen, allen die Wahrheit ins Gesicht schreien, ihnen sagen, daß sie von Resth manipuliert würden, daß er Delths Namen für seine Zwecke mißbrauchte. Doch ich blieb, an den Lippen nagend, sitzen.
    In einem hatte Resth recht: Jetzt ein offener Kampf unter Geschwistern, jetzt gegenseitige Anschuldigungen und vielleicht Handgreiflichkeiten, jetzt ein Blockieren von Informationskanälen, ein Verlassen von Beobachtungsstationen, eine Überlastung der Computer mit taktischen Berechnungen — würde ein gefährliches Chaos bedeuten. Ich blieb grübelnd sitzen. Auch weil ich wußte, daß es Resth nie um persönliche Macht ging, sondern nur um das eine, um den schnellstmöglichen Aufbau eines stabilen ökologischen Systems auf Andymon. Hätte ich an seiner Stelle anders gehandelt? — Es war nur logisch, daß er mich nach überstandener Bebenwelle auf Ladym abschob.
    Die Erinnerungen verflogen. Andymon stand inzwischen hoch am Himmel. Nun würde es sich erweisen, ob meine Befürchtungen zutrafen. Es konnte Dutzende von Generationen dauern, bis meine Geschwister aus der Enge der Tagesnot, einer auf das Wesentlichste beschränkten Existenz wieder zu sich finden würden, ein ganzes dunkles, verlorenes Zeitalter. Für mich bedeutete ein Leben ohne das großartige Ziel der Sterne nur ein dumpfes Vegetieren.
    Der kleine rote Punkt, der schon immer in meinem Blickfeld glomm, stand jetzt dicht bei Andymon. Ganz in seiner Nähe löste sich ein winziges Fünkchen von dem Planeten. Ruhig zog es einen eleganten Bogen zwischen den Sternen. Gewann an Helligkeit, wuchs und wuchs. Verdeckte schließlich die gesamte Scheibe Andymons, ehe es mich in den bodenlosen gleißenden Strudel stürzte.
    Benommen saß ich da, atmete stoßweise. Die Adapter des Totaloskops klebten an meinen Schläfen. Ich hatte nicht die Kraft, sie zu entfernen. Meine Gedanken wirbelten durcheinander wie Stäubchen im Wind. Würde so die Zukunft Andymons aussehen? Erwies sie sich als so schrecklich, wie ich sie empfand? Vielleicht fürchtete ich tatsächlich, nach der großen Umgestaltung Andymons keine Aufgabe mehr zu finden, den Sinn meines Lebens zu verlieren? Ging es mir überhaupt um die Schiffe? Was stieß mich denn so an Resth ab? Ja, das waren nicht sein Ziel und nicht einmal seine Überlegungen. Es war die Art der Logik, die dahintersteckte. Diese Unbedingtheit.
    Dieses: Und wenn du sie nicht überzeugen kannst, dann überrumple sie, es geschieht, ja in ihrem Interesse. Ihm kam es nicht darauf an, andere zu verstehen, ihre Gedanken nachzudenken. Er wußte ja, daß seine richtig waren, absolut, und jede Abweichung von ihnen den Untergang unserer Zivilisation heraufbeschwören würde. Daher konnte er mich nicht tolerieren. Im Kampf auf Leben und Tod heiligt der Zweck die Mittel. Auch die letzten, die allerletzten. Ich erschauderte.
    Mit steifen Fingern nahm ich die Adapter ab. Vielleicht war es ein schreckliches Unrecht von mir, ihm einen Mord zuzutrauen. Ich hatte ja nur ein Szenarium erlebt, eine Zukunftsmöglichkeit. Eine programmierte noch dazu, die auf einem Personogramm von Resth beruhte, das Gamma erarbeitet hatte. Möglich, daß sie ihre Befürchtungen in die Sprache der Formeln übertragen hatte. Die Rückkopplung meines Gehirns mit dem Totaloskop hatte zusätzlich meine sicherlich subjektiv verzerrten Vorstellungen von Resth eingebracht. Wunschtraum und Alptraum können eins sein.
    Ich stieg aus dem Totaloskop, wollte die frische, freie Luft Andymons im Gesicht spüren. Als ich den Turm verließ, knirschte der Kies leicht unter meinen Füßen. Ich atmete tief durch. Handeln mußte ich. Aber bist du jetzt nicht zu voreingenommen? dachte ich. Wenn dir nun Resth begegnet, wie kannst du dich ihm gegenüber unbefangen und gerecht verhalten? Nach all diesen irrealen Erfahrungen aus dem Totaloskop, die sich trotz aller Vernunftsgründe in dein Unterbewußtsein eingraben?

Sabotage

    Während ich grübelte, wie ich Resth entgegentreten sollte, verlief das Leben auf Andymon auf gewöhnliche Weise, als gäbe es keine sich verschärfenden Konflikte, als handelten wir alle in völligem Einklang. Die Geschwister legten Obstplantagen und Mischwaldschonungen an, ich selbst war dabei, als das Bett für einen Fluß freigesprengt wurde. Automaten gruben nach Bauxit, montierten Produktionshallen, und drei oder vier Babys waren unterwegs. Nichts konnte den Fortschritt unserer Gemeinschaft stören. Scheinbar nichts.
    „Beth, deine Chemieanlage löst sich auf“, teilte mir Ilona über das Videofon mit.
    „Was?“ fragte ich verstört, „was heißt auflösen?“
    „Na, ich bin kein Experte. Ich komme gerade von einem Medizinertreff drüben in Oasis, und als ich den Bauplatz überfliege, da sehe ich, daß, na, daß sich die Anlage auflöst, sich demontiert sozusagen.
    Ich dankte kurz und setzte mich sofort mit dem Projektcomputer in Verbindung. Konnte durch einen absurden Systemfehler das Bau-programm invertiert worden sein? Überraschenderweise informierte mich der Computer, daß das Chemiewerk nicht mehr zu seinem Aufgabengebiet gehöre. Dabei war diese Anlage mein Projekt, ich zeichnete verantwortlich, und nur ich hätte eine derartige Programmänderung einleiten dürfen.
    Ich lief hinaus, zwischen den jungen Bäumen hindurch zu den Hangars. Die Kopter waren alle fort. Zum Glück fand ich in der Garage einen Rover. Ich fuhr mit Höchstgeschwindigkeit los. Teth, den ich in eine Staubwolke hüllte, schüttelte den Kopf und deutete mit dem Finger an seine Stirn; er liebte derartige Hektik nicht.
    Bald lag Andymon-City hinter mir. Während der zwanzig Kilometer sehr unebener Piste zum Werk hatte ich Zeit zu überlegen. Schon einmal, in der Planungsphase, hatte es Schwierigkeiten mit dieser Anlage gegeben. Shinth beanspruchte dieselben Ausrüstungen für eine Düngemittelfabrik, die in der Nähe von Oasis errichtet werden sollte. Ich hatte ihn damals überzeugen können, daß mein Projekt wichtiger sei. Die hier produzierten chemischen Verbindungen, unter anderem Säuren, wurden für die Produktion verschiedener Plastmaterialien dringend benötigt. Plaste bildeten eine der Grundlagen unseres Lebens. Wir setzten sie zu den verschiedensten Zwecken ein: Holzimitation für Möbel, Baumaterial, Maschinenelemente… Und die Vorräte des Schiffs waren so gut wie erschöpft.
    Was ich Shinth verschwiegen hatte, war, daß in dieser Fabrik auch — später einmal — superfeste siliziumorganische Verbindungen hergestellt werden konnten, die für die Konstruktion von Raumschiffen eine große Rolle spielten. Ich wollte, obwohl bislang kein positiver Entschluß über meine kosmischen Projekte gefallen war, für diese günstige Voraussetzungen schaffen. Ob hier ein Zusammenhang zu der von Ilona beobachteten „Demontage“ bestand? Allerdings hatte ich Shinths Wort, und bisher war alles wie geplant gelaufen.
    Der Rover erklomm eine Bodenwelle. Von oben aus ließ sich das Gelände gut einsehen. Ilona hatte sich nicht getäuscht. Die senkrecht stehenden Zylinder der Katalysereaktoren waren verschwunden, und ein schwerer Tieflader fuhr auf der Piste in Richtung Oasis. Hatte mich der Streit der Transporter um den Transformator noch erheitert, so spürte ich jetzt eine heiße Welle des Zorns in mir aufsteigen. Den letzten Kilometer jagte ich den Rover über die holprige Piste, daß ich mich am Lenkrad festkrallen mußte. Mir klammheimlich eine ganze Fabrik zu stehlen!
    Die Bremsen kreischten auf, der Rover stand, ich sprang hinaus. Wo noch vor zwei Tagen das Hirn des Werkes, der Prozeßrechner mit den Kontrolleinrichtungen, gestanden hatte, war nun der planierte und betonierte Boden zu sehen. Ich rannte mitten hinein zwischen die Krane, die einzelne Träger, aber auch komplette Stahlkonstruktionen und Aggregate auf die Fahrzeuge luden, zwischen die kleinen Konstruktionsroboter, die nicht viel mehr konnten als Schweißen, Bohren und Nieten. Ich achtete nicht auf Lasten über meinem ungeschützten Kopf oder auf die Wege der verschiedenen Fahrzeuge. Ich verhielt mich, als könnte ich mit der bloßen erhobenen Faust all die Automaten und Motoren stoppen.
    Und tatsächlich: Der Kran, der ganz in meiner Nähe tonnenschwere Rohre durch die Luft hob, stieß ein Warnsignal aus und verharrte mitten in der Bewegung. Schlagartig erstarrten auch die Roboter, bremsten die Fahrzeuge, verebbten die Geräusche der Demontage.
    „Bist du verrückt, Beth, du läufst in die Maschinen!“ rief eine Stimme.
    Die Tür eines Kopters, den ich bislang nicht hinter den Rohranlagen erspäht hatte, stand weit offen. Ein Mädchen und ein Junge stiegen heraus. Sie trugen orangefarbene Schutzhelme und Khakibekleidung. Als sie auf mich zurannten, erkannte ich den Jungen, es war Laath, der, dem ich kürzlich die Ohrfeigen versetzt hatte.
    „Mensch, Beth, sei froh, daß wir dich rechtzeitig entdeckt haben! Was suchst du hier?“
    Einen Moment war ich vor Zorn und Überraschung sprachlos. Sie atmeten schwer vom kurzen Sprint und boten einen ebenfalls verärgerten Eindruck.
    „Das frage ich euch“, sagte ich und betonte jedes Wort, „was sucht ihr hier? Woher nehmt ihr die Frechheit, meine Arbeit zu zerstören?“ „Was?“ fragte das Mädchen, Bhriga, erstaunt, nahm den Helm ab und fuhr mit dem Handrücken über die Stirn. „Wir sind hier, um die Teile des nicht benötigten Werkes abzutransportieren, damit sie für die Düngemittelfabrik genutzt werden können“, sagte sie.
    „Nicht benötigt, was heißt nicht benötigt?“ Schon als ich die beiden gesehen hatte, war mir klargeworden, daß nicht Shinth seine Meinung geändert, sondern Resth seine Hand im Spiel hatte. „Das hat euch Resth gesagt?“ fragte ich, „und euch befohlen, hier alles zu demontieren?“
    „Ja, wenn keine Schiffe gebaut werden, brauchen wir auch keine siliziumorganischen Verbindungen.“ Also doch!
    „Himmel“, fuhr ich sie an, „nicht nachplappern! Ihr müßt selbst denken! Hab ich euch das nicht längst gesagt? Diese Fabrik hier sollte hunderterlei Plastmaterialien herstellen. Die könnten wir jetzt gut gebrauchen für Plastkuppeln und Hauswände, als Isoliermaterial, für Gefäße und Gehäuse… Natürlich wären ein paar der Verbindungen auch für den Schiffbau verwendbar — es gibt kaum Produktionsanlagen, für die das nicht zutrifft. Wißt ihr, wobei ich euch ertappt habe? Bei Sabotage, ganz eindeutiger, gemeiner Sabotage!“
    Laath, der sich vorsichtig auf Distanz begeben hatte, war verlegen. „Aber…“ Er hielt ein und scharrte mit dem Fuß auf dem Boden.
    „Aber Resth hat gesagt — nicht wahr? Na gut, ich weiß, wer die Verantwortung trägt. Allerdings seid ihr nicht ohne Schuld. Fabriken stehlen! Ihr laßt euch wohl von eurem Bandenchef alles einreden? Angeblich will die erste Gruppe alle bevormunden, nicht wahr? Lächerlich! Das ist die Spezialität eures Möchtegernbosses!“
    Ich mußte mich zusammennehmen, meinen Zorn zügeln. Den wollte ich mir für Resth aufheben. „Wo ist er?“ fragte ich scharf. Diesmal durfte er mir nicht wieder ausweichen. Ich mußte ihn in seinem Versteck aufstöbern und zur Rede stellen, und wenn ich ihm um ganz Andymon nachjagte.
    „Bei dem Düngemittelwerk“, antworteten sie kleinlaut.
    „In Ordnung“, beschwichtigte ich sie, „paßt auf, ich nehme mir jetzt euren Kopter und fliege sofort zu Resth. Und ihr steigt in meinen Rover und fahrt nach City. Ihr informiert Gamma und ruft mit ihr für morgen eine Generalversammlung aus, klar? Alle sollen kommen, ganz gleich, wo sie arbeiten, auch die von Ladym.“
    Sie nickten stumm. Mitleid ergriff mich, ich konnte mir gut vorstellen, wie sie sich fühlten: abgekanzelt, ohne genau zu wissen, wofür, hin- und hergeschoben. Um sie aufzumuntern und für mich zu gewinnen, griff ich nach ihren Händen, eine archaische, irdische Geste, und schüttelte sie.
    „Kopf hoch! Tschüs — und grüßt Gamma.“
    Erleichtert liefen sie zum Rover und fuhren davon. Ich blickte ihnen nach, dann stieg ich in den Kopter. Er war neben den normalen Instrumenten mit einem kompletten Leitzentrum für Konstruktionsarbeiten ausgerüstet — eine gute Idee, solange man sie nicht zur Demontage einsetzte. Seufzend startete ich und nahm Kurs auf Oasis, Kurs auf Resth.

Unter vier Augen

    Resth war damals einundzwanzig Jahre alt. Heute erscheint mir schwer vorstellbar, wie es ihm gelingen konnte, so jung einen so überwältigenden Einfluß zu gewinnen. Seine den Gepflogenheiten unserer Gemeinschaft widersprechenden Methoden und seine demagogischen Fähigkeiten erklären dies nur zum Teil. Der Ausfall der auf Gedon lebenden vierten Gruppe, durch den eine Lücke zwischen den älteren drei, die vorwiegend in Andymon-City lebten, und den jüngeren, den „Wühlmäusen“ von Oasis, entstand, trug sicher dazu bei. Denn für letztere war Resth nicht zu jung, und seine Pea erwartete ein Baby. Er hatte sich zum Kommandanten der Kuppelbewohner gemacht, und er wußte sehr wohl, daß die Kluft zwischen den Bewohnern beider Siedlungen seinen Einfluß stärkte.
    Einundzwanzig Jahre… Mit einundzwanzig Jahren verunglückte Delth, und er war in diesem Alter durchaus in der Lage gewesen, unsere kleine Gemeinschaft kompetent anzuführen.
    Ich landete den Kopter in sicherer Entfernung vom Baugetriebe um die entstehende Düngemittelfabrik. Gleich auf den ersten Blick erkannte ich Teile, die von meinem Werk stammten. Einige der Katalysereaktoren lagen am Rande des Bauplatzes kreuz und quer durcheinander. Sie waren zerschrammt, und an einigen Stellen war der schützende Farbüberzug abgeplatzt. Obwohl es selten regnete, würden sie bald zu rosten beginnen — denn verwenden konnte sie Resth nicht.
    Die Materialverschwendung brachte mich wieder in die richtige Stimmung. Zielstrebig lief ich auf das kleine, auf vier dünnen Metallsäulen stehende Haus zu, das Resthals Kommandowarte diente. Eine Metalleiter führte nach oben. Ehe ich die Einstiegsluke öffnete, glaubte ich eine Reihe von Stimmen zu hören, zumindest die von Szadeth und Szina zu erkennen. Dann wurde es still. Ich schob meinen Kopf durch die Luke, Resth war allein.
    „Ich habe dich erwartet, Beth“, sagte er und half mir hoch. „Es ist an der Zeit, daß wir einmal unter vier Augen miteinander sprechen.“ Ich konnte ein nervöses Lachen kaum unterdrücken. „ ‚An der Zeit‘, Resth? Seit Tagen, nein Wochen, versuche ich vergeblich, dich zu erreichen. Immer mehr hat sich angesammelt. Ich bin sehr gespannt, wie du mir manche Dinge erklären willst.“
    Resth bot mir einen Platz an. Nur wenige Monitore an den Wänden waren eingeschaltet, sie zeigten Maschinen an der Arbeit. Resth setzte sich selbst, er tat dies mit der Sicherheit Delths, und doch, da war ein Unterschied.
    „Ich werde dir vielleicht nicht alles erklären können, Beth, aber ich hoffe, daß du zumindest mein Hauptanliegen verstehst.“
    „Du wirst dich nicht nur vor mir rechtfertigen müssen, sondern vor allen. Was du dir erlaubt hast, ist unglaublich und verstößt gegen all unsere Verhaltensnormen. Du sabotierst unsere Arbeiten und säst Zwietracht.“
    „Ich bin zu jeder Rechtfertigung bereit.“ Resth nickte, er redete langsam und ruhig, aber seine Hände umkrampften die Armlehnen des Stuhles. „Denn meine Person ist ganz unwichtig.“
    Er schwieg, ich wußte nicht, worauf er mit dieser Bemerkung hinzielte, und wollte schon den Katalog meiner Beschwerden eröffnen, da setzte er fort: „Dein Ziel wie meines ist, Andymon bewohnt zu machen, darin stimmen wir doch überein? Ich würde für dieses Ziel nicht nur all meine Kraft, sondern selbst mein Leben geben, und ich bin sicher, du auch.“
    „Versuche nicht, mich mit Allgemeinplätzen einzulullen, Resth. Ich verlange Rechenschaft, weshalb du meine Fabrik zerstört hast und damit dein oberstes Ziel sabotierst!“
    Um Resths Mund zuckte es. „Dein Luxusprojekt, das Andymon nicht dient? Es gibt vorerst Dringenderes als Plaste. Plaste für den Schiffbau, mich täuschst du nicht.“
    „Du irrst“, grollte ich, „nicht Luxus, sondern Notwendigkeit. Und wenn wir uns etwas nicht leisten können, dann Sabotage, den Kampf gegeneinander.“
    Resth stand auf, ging vor den Kontrollpulten auf und ab. Plötzlich wußte ich, worin sich Delth von ihm unterschied: Delth hatte sich nie in dieser Absolutheit im Recht geglaubt — und selbst dann hätte er gewußt, wann er nachgeben mußte.
    „In letzterem stimme ich mit dir völlig überein. Aber mich beschwatzt du nicht wie den leichtgläubigen Shinth, daß deine Projekte nötig sind. Ich habe seinen Fehler korrigiert. Und jetzt kommt es darauf an, daß du mir hilfst, die Zwietracht ein für allemal auszuräumen. Beth, wenn du morgen öffentlich bekennst, daß du unter dem Vorwand, für Andymon zu arbeiten, den Schiffbau vorbereitet hast, und versprichst, künftig derartige Eskapaden zu unterlassen, sind alle Differenzen ausgeräumt.“
    Ich sprang auf, es war unglaublich, wie Resth die Dinge verdrehte. Ich griff ihn am Ärmel seines dunkelgrauen Overalls und sagte es ihm. Ich konnte und wollte nicht ruhig und sachlich bleiben. Ich sollte mich selbst öffentlich als Lügner bezeichnen! Für wie dumm hielt mich Resth? Glaubte er, ich wäre ein Laath, würde für ihn, den großen Meister Resth, ins kalte Wasser springen?
    Resth befreite sich fast zaghaft von meinem Griff. Seine Stimme flehte: „Versteh mich wohl, Beth, ich muß lediglich um jeden Preis verhindern, daß du durch den Schiffbau uns alle ins Verderben stürzt, daß wir in dieser entscheidenden Phase unsere Kräfte lebensgefährlich zersplittern. Was aus mir dabei wird, ist mir egal. Was ich verlange, dient nur Andymon. Und in zehn oder zwanzig Jahren könnten wir erneut über dein Projekt diskutieren.“
    Er bettelte beinahe, der selbsternannte Planetenchef, appellierte an meinen Gemeinschaftssinn, und der suggestive Eindruck seiner Argumente war so stark, daß ich mir erst die von ihm verbreiteten Gerüchte ins Gedächtnis rufen mußte, um nicht nachzugeben.
    „Du überschätzt unsere Kräfte, Beth. Überlege, jetzt gibt es zwei Kinder auf Andymon, in einem Jahr werden es vielleicht ein Dutzend sein. Die Mädchen werden auf Jahre hinaus ausfallen. Wir werden Mühe haben, auch nur die primitivsten Lebensgrundlagen zu schaffen.“
    Wer hatte denn überall für die sogenannte natürliche Geburt geworben? Niemand anders als mein Freund Resth! „Jetzt sprichst du von deinem Erfolg wie von einer Naturkatastrophe!“
    Traurig blickte er mich an. „Schade, daß du mich absolut nicht verstehen willst.“
    Was dachte er wirklich? „Ich weiß, daß wir alles sehr genau kalkulieren müssen“, sagte ich, ruhiger geworden, „aber dies ist nur die eine Seite, die andere, das sind unsere Umgangsformen… Du bringst mich nie dazu, aufzugeben, Resth, und morgen werden wir deine Methoden diskutieren. Ich sehe, daß es keinen Zweck hat, mit dir zu reden.“ Ich drehte mich demonstrativ um und öffnete die viereckige Luke.
    „Das sehe ich auch“, sagte Resth unversöhnlich hinter meinem Rücken. „Zum Glück bin ich darauf vorbereitet. Halt, hör mir erst zu, bevor du hinunterkletterst! Ich habe ein Computerprogramm vorbereitet. Wenn ich auf diesen Knopf drücke, wird es an das Schiff gesendet. Dieses Programm befiehlt die Löschung sämtlicher den Schiffbau betreffenden Daten.“
    Ich erstarrte. Die Leiter war nicht hoch, und doch wurde mir schwindlig. Krampfhaft hielt ich mich am kühlen Metall des Lukendeckels fest.
    „Paß auf. Du setzt dich jetzt in den Stuhl und sprichst deinen Widerruf auf ein Videoband, nur zur Sicherheit. Nimm meinen Vorschlag an, Beth. Glaubst du, mir macht es Spaß, Informationen von unersetzlichem Wert zu löschen?“
    Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. „Du bluffst, Resth!“
    Stufe um Stufe stieg ich hinab. Der Wind trieb feine Staubschleier über den nahen Boden.
    „Du weißt, daß ich nicht bluffe!“ rief mir Resth durch die Luke nach.
    Wie betäubt und ohne zurückzuschauen, ging ich auf den Kopter zu, kletterte hinein, startete, flog hoch und höher, bis Resths Kontrollwarte sich in einen winzigen Punkt verwandelte. Dann tastete meine Hand nach dem kleinen Bildschirmgerät des Kopters, das mit dem Computernetz verbunden war. Meine Finger tippten Fragen, Befehle ein. Mein Wille war dazu nicht nötig.
    Der Display leuchtete auf, schnell schrieb der Lichtpunkt seine Botschaft:
    TECHNISCHE BESCHREIBUNG DES SCHIFFS GELÖSCHT
    KONSTRUKTIONSUNTERLAGEN GELÖSCHT BAUVARIANTEN GELÖSCHT
    Ich starrte darauf wie ein Analphabet. Mein Gehirn weigerte sich, diese Ungeheuerlichkeit zu akzeptieren. Doch sooft ich auch weg-und wieder hinschaute, die Botschaft blieb dieselbe.
    Alle Informationen, die für den Bau neuer Schiffe nötig sind, waren gelöscht. Millionen und aber Millionen Megabyte. Meine Pläne auf Jahre hinaus vereitelt! Wir würden ganz von vorn anfangen müssen, das Schiff System für System auseinandernehmen, bis zur letzten Schraube analysieren, Stücklisten anfertigen, konstruktive Tricks erkennen, uns Technologien ausdenken für die Produktion von hoch-integrierter Elektronik, von superfesten Materialien, von komplizierten Geräten, für den Zusammenbau der Einzelteile. Nein, unsere Pläne waren nicht für Jahre vereitelt, sondern für Jahrzehnte. Unvorstellbar, welche Forschungs- und Entwicklungsarbeit geleistet werden müßte. Im Schiff steckten wissenschaftliche und technische Erkenntnisse, die die Menschheit in Jahrhunderten gewonnen hatte. Tausende, vielleicht Millionen Menschen hatten jahrelang ihr Bestes gegeben, um die für das Schiff nötige Software zu erarbeiten.
    Plötzlich kam ich mir unendlich allein und verlassen vor. Die Nabelschnur, die uns mit der Menschheit verbunden hatte, war gerissen. Wir waren gescheitert auf einem dreckigen Planeten irgendwo in der Unendlichkeit des Kosmos, ohne die Möglichkeit, uns wieder aus dem Staub zu erheben. Die Sterne waren fremd und unnahbar geworden.
    Ein Dringlichkeitsruf des Videofons unterbrach den trüben Fluß meiner Gedanken. Als das Rot des Rufzeichens verglomm, tauchte ein Gesicht auf dem Schirm auf: Resth.
    Verbissener Stolz und Müdigkeit zeichneten sein Gesicht, Spuren der unwiderruflichen Entscheidung, die er getroffen hatte. „Ich habe die Konstruktionsunterlagen des Schiffs vernichtet.“
    Er sagte tatsächlich „vernichtet“ und nicht „gelöscht“. Ein Zittern lief durch meine Glieder.
    „Damit ist das Projekt, Schiffe zu bauen, vereitelt.“ Er machte eine lange Pause. „Es ist mir nicht leicht gefallen, auf diese unabgesprochene und gewaltsame Weise in das Leben unserer Gemeinschaft einzugreifen“, fuhr er dann fort, „Aber es war notwendig. Andymon ist ein Planet, der einen eigenen Lebensstil erfordert, angepaßt an seine Besiedlung. Die erste Gruppe konnte dies begreiflicherweise nicht erkennen. Das Projekt, Schiffe zu bauen, war nichts als ein Versuch, den bisherigen, der künstlichen Welt des Schiffs entsprungenen Lebensstil fortzusetzen. Der im Widerspruch zu den Interessen von uns Jüngeren steht und im Widerspruch zu den Interessen von unseren Kindern, den kommenden Generationen.
    Wir wollen nicht unser Leben aufopfern, um entlegene Sterne zu besuchen, was unseren fernen Nachfahren Vorbehalten bleibt. Andymon liegt uns näher. Ihr kennt meine Einstellung. Ich bin kein Freund einsamer Entschlüsse und rabiater Aktionen, aber eine andere Chance, uns aus der patriarchalischen Bevormundung durch die erste Gruppe zu lösen, gab es nicht. Es tut mir leid, technisches Wissen vernichten zu müssen, aber nur so konnte ich verhindern, daß es uns durch eine falsche Anwendung knechtet. Ich nehme an, daß viele von euch jetzt mit mir sprechen wollen. Ich werde morgen zum Amphitheater kommen. Dort werde ich euch zeigen, was unsere nächsten Aufgaben sind.“
    Der Bildschirm erlosch, ich saß da und schloß die Augen. Meine Schläfen pochten, und ich hielt die Fäuste geballt. Nächstens stört jemanden der Lichtpunkt des Schiffs am Nachthimmel, und er sprengt es in die Luft. Möglich war alles. Reinster Anarchismus! Weg von der Technik, zurück zur Natur! Affen, zurück auf die Bäume!
    Dann überwältigte mich wieder die Schwere des Verlustes. Der wilde Ärger wurder von Stumpfheit abgelöst. „Alles aus“, sagte ich, „was lohnt sich jetzt noch…“ Nur der Autopilot hielt den Kopter weiter auf Kurs.
    Wie ich oder wie der Automat den Kopter bei Andymon-City landete, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur daran, daß Gamma - und mit ihr viele meiner Geschwister — mich auf dem Landeplatz erwartete.
    „Beth“, sagte Gamma leise, „es gibt soviel mehr als die Schiffe. Du hast noch andere Aufgaben. Morgen, die Versammlung.“ Dann fügte sie flüsternd hinzu: „Und ich kann mir nicht vorstellen, daß der Schiffscomputer sich so einfach löschen läßt.“
    Ich sah nichts, ich hörte nichts. Jetzt im Naturpark liegen, an nichts denken müssen, nur dem Lärm des Dschungels und der Wellen am kleinen See lauschen, keine Sorgen haben.

Amphitheater

    Das Amphitheater befindet sich unweit von Oasis in einem natürlichen Felskessel. Heute, treffen wir uns dort an manchen schönen Tagen, um Musik zu hören, Schauspiele aufzuführen, um zu tanzen, miteinander zu feiern, überhaupt, um beieinander zu sein.
    Damals war das Amphitheater noch nicht vollendet, nur wenig Technik stand im Hintergrund des Bühnenrunds, eine Projektionswand, Aufzeichnungsgeräte. Die Automaten hatten erst zwei Reihen steinerner Sitze aus dem Gestein gemeißelt, darüber bildeten die Felsen ein unüberschaubares Gewirr, zerschnitten von den Bändern der drei Treppen.
    Wir von Andymon-City, die wir den weitesten Weg zurückzulegen hatten, trafen als erste im Amphitheater ein, suchten unentschlossen günstige Plätze und ließen uns schließlich rechts von der Bühne nieder. Warme und staubtrockene Luft, die kein Windhauch bewegte, füllte den Kessel aus.
    Gamma war nicht an meiner Seite. In der Hoffnung, daß es Resth nicht gelungen sei, alle Sicherungen des Computers zu umgehen, war sie schon am Vorabend zum Schiff geflogen. Es war aussichtslos. Ihr langes Schweigen bestätigte meine düstere Überzeugung. Sie hätte längst aufgeben, zurückkehren sollen, um mich bei der schwersten Auseinandersetzung meines Lebens zu unterstützen. Aber nein, sie setzte die sinnlose Suche fort, war nur durch das Intercom zugeschaltet, das ich in Händen hielt. Blödsinn, dachte ich, ich will mich über Gamma nicht ärgern; recht hat sie: Mein Projekt läßt sich auch im Amphitheater nicht mehr retten, und Resth zu entlarven wird leicht sein.
    Dann strömten die Einwohner von Oasis heran. Einige von ihnen begrüßten mich freundlich, doch fehlte die gewohnte Fröhlichkeit. Sie nahmen die Felsenplätze gegenüber der Bühne ein.
    Resth traf ein, und im Amphitheater breitete sich für kurze Zeit gespanntes Schweigen aus. Gefolgt von seiner khakibekleideten Garde, der zehnten Gruppe, schritt er langsam die Treppe hinab. Mit hocherhobenem Kopf schaute er grüßend und siegesbewußt in das Rund.
    Unsere Blicke kreuzten sich eine Sekunde. Die Löschung kannst du nicht rückgängig machen, Resth, dachte ich, und doch triumphierst du zu früh! Im Totaloskop hast du die Initiative in der Hand gehabt, hier in der Wirklichkeit werde ich den programmierten Alptraum durchbrechen.
    Resth besah sich prüfend die freien Sitzgelegenheiten und begab sich zielgerichtet auf die linke Seite direkt neben der Bühne.
    Nach und nach füllte sich das Amphitheater. Die bereits fertiggestellten Sitzreihen reichten nicht aus, auch weiter oben, auf Vorsprüngen, in Nischen sah ich bunte Flecken von Blusen und Hemden, von mitgebrachten Decken, schwarze, braune, vereinzelt blonde Haarschöpfe dazwischen. Jetzt, wo es kritisch wurde, hatten sich die altvertrauten Gruppen wieder zusammengefunden. Nur Alfa saß verlassen in etwa gleichem Abstand zur sechsten und ihrer eigentlichen Gruppe.
    Langsam verstummten die Geräusche, das Geplapper der Gespräche. Wir saßen und warteten, die Aufzeichnungsgeräte liefen, selbst die vierte Gruppe, das „Monster“ von Gedon, beobachtete uns. Mir wurde auf einmal bewußt, daß wir stumme Zeugen hatten: unsere Nachfahren, die Andymonen der Zukunft. An einem Knotenpunkt der Zeit, dachte ich, wo Vergangenheit und Zukunft zusammenlaufen.
    „Anfängen!“ rief jemand halblaut vom steinernen Rang herab.
    „Fang doch selbst an, Joth!“ kam prompt die Antwort.
    Joth, recht günstig auf einem Felsvorsprung plaziert, erhob sich. „Na, wenn niemand anders will? — Ich glaube, das beste ist, sofort zum Thema zu kommen. Beth, sage uns, was du Resth vorzuwerfen hast.“
    Der besseren Akustik wegen stand auch ich auf. All die wohlformulierten, vorbereiteten Sätze waren vergessen. Die Erinnerung und die mit ihr verbundene Erregung überwältigten mich: die Demontage meiner Fabrik, die versuchte Erpressung, die Verleumdungen vorher. Meine Stimme überschlug sich beinahe, als ich die Ereignisse, Resths Gemeinheiten, so grell, wie ich sie empfand, schilderte. „Jetzt ist die Reihe an dir, Resth. Ich bin gespannt, wie du dich rechtfertigen willst.“
    Während ich mich setzte, schaute ich um mich, um die Wirkung meiner Worte festzustellen. Sie war recht zwiespältig, vor allem die älteren Geschwister riefen empört nach einer Bestrafung, während viele jüngere sich gleichgültig zeigten.
    Resth, der bisher keine Miene verzogen hatte, erhob sich und sprach mit einer wegwerfenden Geste: „Beths Anklagen kommen etwas spät, denn ich habe euch gestern über Video meine Gründe mitgeteilt, und ich bin sicher, ihr versteht sie.“
    Während er einen Teil davon wiederholte, sprang Ilona zornig auf. „Was ich verstehe, ist, daß wir gut genug waren, für euch den Planeten aufzumöbeln, jetzt haben wir unsere Schuldigkeit getan und können gehen…“ Und Teth setzte fort, daß Resth wohl der letzte wäre, der ein Recht hätte, für Delth ein Denkmal zu errichten. Worauf Alfa beteuerte, sie sei im Glauben gewesen, wir hätten alle zugestimmt. Joth gelang es, sie zu beschwichtigen.
    Resth fuhr fort, als hätte man ihn nie unterbrochen. Keiner der Anwesenden sei mir und meinen Wahnsinnsprojekten energisch genug entgegengetreten, und so habe er, Resth, sich gezwungen gefühlt, die Verantwortung zu übernehmen. „Und ich habe den Schiffbau verhindert. Daß ich dabei - so leid es mir tat — das Äußerste unternehmen mußte, ergibt sich aus dem Ernst des Problems. Beth mag mir vorwerfen, was er will, ich habe mir nichts vorzuwerfen.“ Unter dem Beifall seines Gefolges setzte sich Resth. Seine Pose war beeindruckend und herausfordernd zugleich. Sollte es ihm gelingen, nachdem er meine Pläne zerstört hatte, mich auch mit Worten zu schlagen? Hier und da sah ich in den Reihen der jüngeren Geschwister beifälliges Nicken. Entschlossen erhob ich mich wieder. Doch Shinth kam mir zuvor. Während ich das schweigende Intercom auf seine Funktionstüchtigkeit überprüfte, hörte ich ihm zu.
    „Jeder von uns hat schon Fehler gemacht, und in den Zielen stimme ich und stimmen viele meiner Geschwister aus Oasis, ja, wir Wühlmäuse, wie ihr Citygreise uns nennt, mit Resth überein, aber eine Fabrik zu demontieren und reihenweise Anlagen im Dreck rumliegen zu lassen, wo sie verrosten, das regt mich auf. Und dann predigen, wir können uns keine Verschwendung leisten. Und die Informationen im Schiff gehören uns allen, kein einzelner hat das Recht, die zu löschen. Das ist eine noch viel größere Verschwendung!“
    „Bravo, Wühlmäuse!“ klang es von den Felsen herab.
    Im Amphitheater schwoll der Lärm an, überall bildeten sich erregt diskutierende Grüppchen. Resth schaute irritiert nach rechts und links. Das blondhaarige Mädchen, das hinter ihm saß, Nrada, die jüngste Sprecherin des Tages, schleuderte Shinth ihre Meinung entgegen. „Aber wenn es die einzige Möglichkeit für Resth war, die geheimen Pläne der ersten Gruppe zu entlarven?“
    Resth zuckte bei dieser Hilfestellung zusammen.
    „Ich hör wohl nicht recht?“ Eta, zwei Plätze rechts von mir, verschaffte sich händeklatschend Gehör. „Welche geheimen Pläne habe ich?“
    Ich konnte ein Grienen nicht verwehren, als Nrada vielsagend Resth anschaute. Der fummelte an seinem Hemdkragen, wohl weniger der herrschenden Hitze wegen.
    „Jeder weiß doch, daß ihr aus der ersten Gruppe Schiffe bauen wolltet. Kann sein, daß ich dann und wann in den Formulierungen ein wenig übertrieben habe. Dabei geht es mir nur darum, daß wir die eigentlichen Aufgaben nicht vergessen: Andymon muß besiedelt werden. Dazu ist nötig, daß wir viele Kinder bekommen. Ich sehe keinen Grund, weshalb die erste Gruppe in dieser Frage abseits steht.“
    Resths Ausgekochtheit verblüffte mich. Nicht so den schlagfertigen Myth. „Du selbst bekommst ja auch keine!“ Gelächter hallte von den Reihen. Voller Unwillen schaute sich Resth nach seiner hochschwangeren Freundin Pea um. Den Kopf in beide Hände gestützt, starrte sie finster auf ihre Füße. Hätte man ihr diesen Tag nicht ersparen können?
    „…nicht ablenken“, hörte ich Joth, „muß ich erst Guros rufen, damit ihr euch beruhigt? Ich fasse zusammen: Resth hat weder die Sabotageaktionen noch die ausgestreuten Verleumdungen rechtfertigen können. Denn der Zweck heiligt nicht die Mittel.“
    Ich schob das Intercom, das vor mir auf der Felsplatte lag, hin und her. Hatte Gamma nicht gesagt, daß Resth und ich gleichermaßen unsere Geschwister unterschätzten? Sie seien längst erwachsen und von mündiger Vernunft, sie an der Hand zu führen wäre Unsinn. Joth, der sich sichtlich bemühte, die Versammlung gut zu leiten, hätte ich diese sachliche Zusammenfassung nicht zugetraut. Und er fügte noch hinzu, daß Resth offensichtlich versucht habe, anderen seinen Willen aufzuzwingen — also genau das, was er mir vorwerfe.
    Auf Resths rhetorischen Einwand, es gäbe Fälle, in denen man andere zu ihrem Glück zwingen müsse, hörte kaum einer mehr. Etwa zu diesem Zeitpunkt begannen einige aus der zehnten Gruppe, auf ihren Plätzen unglücklich hin und her zu rutschen.
    Und dann kam für mich die Überraschung des Tages. Szina erhielt, das Wort. Ich fürchtete, daß es von ihr verwendet werden könnte, um in irgendeiner Weise Resth den Rücken zu stärken. Aber sie eröffnete, Resth müsse sich für weit Schlimmeres verantworten. „Stellt euch vor, Resth hat uns heimlich belauscht, systematisch unser aller Gespräche abgehört. Fith, der als erster einen Abhörsender gefunden hat, kann das beweisen.“
    Noch während ich wie angewurzelt dasaß, bestätigte Fith ihre Anklage mit verworrenen Sätzen und holte aus seinen Hosentaschen etliche knopfgroße schwarze Geräte hervor. Schlagartig erinnerte ich mich, wie er das erste fand — in meinem Beisein auf dem Turm! Fiths weit ausholende fahrige Gesten waren überflüssig, diesen unerlaubten Einbruch in ihre Privatsphäre würden die Geschwister Resth nie verzeihen.
    „Hast du das gehört, Gamma?“ flüsterte ich beschwörend in das Intercom.
    Als Antwort ertönten undeutlich gemurmelte Zahlenkolonnen. Gamma verfolgte konzentriert die Befehlsstrukturen von Resths Löschprogramm.
    Der Entrüstungssturm, der nun über Resth hereinbrach, mußte ihm die Augen öffnen.
    „Was heißt bespitzelt“, versuchte er sich zu verteidigen, „ich mußte doch wissen, was die erste Gruppe ausheckt!“
    „Wir hätten wissen müssen, was du ausheckst!“ Szinas Stimme überschlug sich fast. „Und du hast auch uns abgehört und selbst die Gespräche der zehnten Gruppe. Ja, da staunt ihr wohl, so kennt ihr euren großen Anführer nicht!“
    Resth stammelte etwas von „eure Interessen kennen, um sie zu vertreten“, seine Garde machte verblüffte, verärgerte Gesichter. Dann standen nach einem kurzen Getuschel Laath und Bhriga auf und gingen unsicher hinüber zu den Bewohnern von Oasis. Einzeln und zögernd folgten ihnen die anderen.
    Und Pea? „Nein, ich habe nichts gewußt, ja, geahnt schon, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß Resth…“ Ihre weinerliche Stimme ging im Lärm unter, der durch das Amphitheater hallte. Im Gegensatz zu Resth, der allein in der brütenden Hitze saß, wurde sie von ihrer Gruppe, soweit ich erkennen konnte, getröstet.
    Joth, von seinen Nachbarn angestoßen, erhob sich und winkte mit den Armen, steckte dann die Finger in den Mund und pfiff, daß es von den Felsen widerhallte. Resth erhielt eine letzte Gelegenheit, die Anschuldigungen zu widerlegen. Von seiner Selbstsicherheit war nur die Pose geblieben.
    „Versteht ihr nicht, daß ich ausschließlich in eurem Interesse gehandelt habe? Es ging um Andymons Zukunft! Ihr habt gut reden, jetzt, da ich für euch die Kastanien aus dem Feuer geholt habe, jetzt richtet ihr über mich, distanziert euch. Von mir aus verstoßt mich, eure Kinder werden anders über mich denken. Mein persönliches Leben zählt da nicht.“
    „Wir bauen dir später mal ein Mausoleum“, höhnte Xith.
    Wie es unser Brauch seit Schiffszeiten war, entschied Resths eigene Gruppe über ihn. Szadeth sprach so leise, daß er sich damit Ruhe erzwang. Mit systematischer Umständlichkeit legte er dar, daß Resths verborgene Tricks und geheime Manipulationen gefährlicher für unsere Gemeinschaft waren als alle unrealistischen Projekte.
    „Wenn wir Konflikte weiter auf deine Weise austragen würden, hätten wir bald Tote zu beklagen. Und, Resth, du hast nicht nur die Konstrukteure des Schiffs verachtet, indem du ihr Wissen löschtest, du hast auch uns verachtet, indem du dir herausnahmst, unsere Interessen besser zu kennen als wir selbst. Sei froh, daß alles ans Tageslicht gekommen ist, du wärst sonst ein kleiner, aber größenwahnsinniger Diktator geworden. Und das für die Zukunft Andymons. Ich kann das Wort nicht mehr hören.“
    Zustimmung von allen Seiten. Resth saß mit steinernem Gesicht da. Ein geschlagener Sieger. Und Szadeth, den ich immer für einen speziellen Freund Resths gehalten hatte, schloß mit Worten, in denen Endgültigkeit klang: „Resth hat sich als unfähig erwiesen, in unserer Gemeinschaft zu leben, ich will ihn in Oasis nicht mehr sehen.“
    „Ja“, rief Xith, „er bespitzelt uns sonst weiter. Verbannen wir ihn! Er bekommt eine Minimalausrüstung und ab nach Ladym!“
    Unwillkürlich sprang ich auf. In jenem anderen Szenarium hätten sie das gegen mich geschrien: Auf den Mond mit ihm!
    „Was wollt ihr denn“, brüllte ich erregt. „Wollt ihr euch rächen? Glaubt ihr, das hilft euch oder ihm? Ihr wollt ihn bloß weghaben, was? Heute Resth — morgen wen? So einfach ist das: Er hat sich als unfähig erwiesen, in unserer Gemeinschaft zu leben.“
    Ich stockte, die Frage, was ich denn mit ihm zu unternehmen gedenke, klang unausgesprochen durch das Amphitheater. Und ich wußte keine Antwort. Daß er nicht mehr in Oasis leben konnte, war klar. Ebenso, daß Andymon-City ihm verschlossen bleiben würde.
    „Auf keinen Fall wird er von Andymon verbannt. Er wird sich jetzt selbst seinen Platz suchen — oder ihn durch überzeugende Taten wiedergewinnen müssen.“
    Ob Resth meinen Fingerzeig verstand, oder ob er einfach fühlte, daß er diese seine Gemeinschaft würde verlassen müssen? Ohne jemanden anzusehen, stieg er schwerfällig die breite Treppe hinauf. Schweigen herrschte, bis er hinter dem Rand des Amphitheaters verschwand.
    Jetzt, als Resth den Kreis der Geschwister verlassen hatte, spürte ich, daß ich schwitzte. Das Hemd klebte mir am Oberkörper, und mein Mund war wie ausgedörrt. Auch die Geschwister begannen nun die lästige Hitze wahrzunehmen. Zögernd stand dieser und jener vom unbequem gewordenen Sitz auf und reckte sich.
    Wir können doch nicht so auseinandergehen, dachte ich, ich muß noch etwas sagen, aber was? Auch mein Gehirn war ausgedörrt.
    Joth erhob sich. „Verehrte Geschwister“, begann er. Die Last war von ihm gewichen, und er erfreute sich seiner Präsidentenrolle. „In Anbetracht gewisser meteorologischer Unbilden und unter Berücksichtigung der nicht vorliegenden Anträge von drei noch nicht geborenen Mitgliedern dieser Versammlung verkünde ich in meiner Eigenschaft als nichtgewählter Präsident dieser noch nicht zu beendenden Versammlung deren Vertagung bis zur Verbesserung der erwähnten Unbilden.“
    „Was ist?“ fragte mich Teth verständnislos.
    „Pause“, übersetzte ich.

Vertagt

    Die unteren Reihen des Amphitheaters lagen bereits im Schatten, als wir uns gestärkt, erfrischt und erholt gegen Abend erneut versammelten. Ich wählte denselben Platz — es ist mein Stammplatz geworden. Die Steine strahlten eine nunmehr angenehme Wärme aus.
    „Ich habe die Zentraldatensperre aufgehoben und jetzt direkten Zugriff, aber die Codes sind gestört und das Directory ist verfälscht. Ich würde dich wirklich hier brauchen, Beth.“ Gamma hatte stundenlang ununterbrochen am Schiffscomputer gearbeitet. Selbst auf dem Intercombildschirm waren ihre Augen gerötet.
    „Der Fall Resth ist erledigt“, hörte ich Jota sagen, die die Diskussion eröffnete, „aber wird es der einzige bleiben? Wir sind weder Engel noch perfekte Roboter. Unsere Nachfahren…“ Ihre Worte gingen an mir vorbei.
    „Du meinst, es ist also doch alles gelöscht oder verfälscht, Gamma?“
    „Das kann ich jetzt noch nicht sagen, jedenfalls war Resths Programm wesentlich klüger, als ich dachte. Hilf mir doch, Beth!“
    Jota — oder war es jemand anders? — begann von der Notwendigkeit zu reden, Normen des Zusammenlebens zu formulieren und zu beschließen, Gesetze aufzustellen. Früher oder später wären diese sowieso nötig.
    „Und Beamte, Kontrolleure, Gesetzeshüter — nein, danke!“ Lediglich ablehnende Zwischenrufe antworteten ihr.
    „Ich kann hier nicht weg“, sprach ich leise in das Intercom, „es ist zu wichtig. Eigentlich müßtest du auch hiersein. Schließlich geht es um die Zukunft der Menschheit auf Andymon.“
    Gamma schwieg. „Ich höre ja zu“, sagte sie dann müde, „und wenn ich jetzt Erfolg hätte, könntest du die Gunst der Stunde nutzen..
    Der kleine Bildschirm erlosch. Zu viele Gedanken gingen durch meinen Kopf, Gamma, der Schiffbau, die Struktur unserer künftigen Gesellschaft. Im Amphitheater war es dämmrig. Ich schloß die Augen. Alfa sprach.
    „Die weitere Entwicklung hängt doch nicht davon ab, welche Gesetze wir formulieren, sondern davon, wie wir miteinander leben. Wie wir unsere Kinder erziehen. Wenn unter unseren Kindern Liebe und Eintracht herrschen, brauchen wir keine Gesetze — die sind doch etwas Äußerliches.“
    Alfa hatte wie in alten Tagen unser Selbstverständnis getroffen. Allerdings wußte ich, daß in letzter Konsequenz Jota recht behalten würde. Noch kannte jeder jeden, auch wenn ich schon nicht mehr alle Geschwister beim Namen zu nennen vermochte. Noch lebten wir, bildlich gesprochen, in einem nicht allzu großen Dorf. Jeder konnte jedes Problem mit jedem besprechen, noch konnten wir alle Fragen direkt und gemeinsam entscheiden. Zwei oder drei Generationen würde dieser idyllische Zustand vielleicht währen. Maximal. Was kam danach? Demokratie oder Anarchie? Herrschaft einer kleinen Gruppe? Schon die geographische Aufspaltung in Andymon-City und Oasis hatte genug Zündstoff mit sich gebracht.
    Das Rufzeichen des Intercoms riß mich aus meinen Gedanken. Gamma strahlte über das ganze Gesicht. „Ich hab’s dir doch gesagt, der Schiffscomputer läßt sich nicht so einfach löschen. Da müßte man schon die Monokristallesespeicher schmelzen oder zertrümmern. Resth hat lediglich das Zugriffssystem total durcheinandergebracht. Die Konstrukteure haben ihr Werk gegen spielende Kinder und Unbefugte abgesichert.“
    Das Amphitheater, über das die Nacht hereinbrach, die düsteren Wolken am Himmel, die hellen Flecken der Taschenlampen, die einige Geschwister eingeschaltet hatten, das alles drehte sich um mich. Ich schlug Teth auf die Schulter, küßte Ilona, tanzte auf der steinernen Brüstung entlang und schrie immer wieder: „Habt ihr’s gehört? Nichts ist gelöscht!“
    Befreites Lachen war zu hören. Und die Geschwister stellten alle Intercoms auf größte Lautstärke. Gamma mußte ihre Erfolgsmeldung vor allen wiederholen.
    „Nun steht dem Schiffbau nichts mehr im Wege.“
    Das Schweigen, das darauf folgte, war fast so tief wie jenes, das Resth begrüßt hatte. Meine rauschartige Glücksstimmung war wie weggeblasen, eine große Erschöpfung bemächtigte sich meiner. Ich war abgestumpft, ausgebrannt, unfähig zu argumentieren, zu kämpfen. Mir selbst erschien der Schiffbau plötzlich wie eine ferne, verrückte, ja geradezu mystische Idee. Ich wußte, die Geschwister schauten aus dem dunklen Rund des Amphitheaters auf mich, doch ich konnte jetzt nichts sagen. Teth stieß mich an, ich nickte benommen.
    „Wir wollen nicht heute oder morgen vorschnelle Entscheidungen fällen“, hörte ich Joth, „der Schiffbau hat Zeit. In ein, zwei Jahren werden wir klarer sehen. Seid ihr meiner Meinung?“
    Beifälliges Gemurmel antwortete ihm, nur Zeth protestierte lautstark. „Du machst es dir zu einfach. Mißbrauchst die Versammlungsleitung.“ „Natürlich kann Beth, wenn er das für richtig hält, Vorarbeiten leisten, die Unterlagen bereitstellen und so weiter…“ Es war Szinas Stimme, sie sagte eine Selbstverständlichkeit, denn keiner schrieb dem anderen vor, was er unternehmen durfte und was nicht — und doch war ich ihr dankbar.
    „Klar. Es ist schon Nacht. Haben alle aus City bei uns in Oasis ein Bett? Gut, machen wir Schluß für heute.“
    Verwaschene Lichtflecken bewegten sich die steinernen Ränge entlang, tanzten die Treppen hinauf. Schweigend lief ich inmitten meiner Gruppe. Hatte ich denn mehr erwarten können? Begeisterte Zustimmung etwa?
    Ein Schatten näherte sich mir, jemand tippte mich an. Im Widerschein einer Taschenlampe erkannte ich Psith.
    „Du, Beth, sei nicht traurig, alles ist offen. Du hast mir einmal sehr geholfen oder zumindest helfen wollen, ist auch egal. Jedenfalls sollst du wissen, daß du immer auf mich zählen kannst. Andymon, gut und schön, aber ein Schiff bauen… Ich glaube, das könnte mir Spaß machen.“
    Weniger zurückhaltend als sonst umarmte ich ihn. „Wir fangen an, Psith, wart’s nur ab, irgendwann fangen wir an.“
    Bei Oasis erwartete mich, ebenso erschöpft, ebenso von einem Stimmungsextrem ins andere geworfen, Gamma. Alle Geschwister versammelten sich unter der großen Kuppel. Alle bis auf eins: Resth. Niemand sprach über ihn, nicht einmal Pea, die allein wußte, daß er sich auf die Baustelle der Düngemittelfabrik zurückgezogen hatte und uns genausowenig sehen wollte wie wir ihn. Es wurde sicher keine leichte Zeit für ihn, allein auf der Baustelle und selbst von Pea selten besucht, die sich noch vor der Geburt ihres Kindes von ihm trennte.
    Bis zum heutigen Tag haben wir weder Gesetze noch gewählte Interessenvertreter. Aber die Diskussion darüber hat begonnen. Die nächsten Generationen müssen das Problem des Miteinanders in einer großen Gemeinschaft selbst lösen.

In den Bergen

    Wir hatten uns am späten Vormittag auf den Weg gemacht. Als es allmählich Nacht wurde, waren wir bereits hoch in den Bergen. Durch die dichten Wolkenschleier am Horizont warf die untergehende Sonne letzte Strahlen zu uns herüber, färbte den Westhimmel rot und violett. Wir klommen nur noch langsam höher. Die Gelenke, auch die Füße und das Kreuz schmerzten. Gamma hatte sich bereits in den Nachmittagsstunden über die Last der Rucksäcke beklagt. Wir werden eben alt, dachte ich. Die kleinen Wehwehchen, das sind die untrüglichen Anzeichen. Gemächlich stapften wir über den sanft ansteigenden Fels, verweilten dann und wann und blickten hinüber zur Sonne, ihr offizieller Name Ra war längst außer Gebrauch geraten. Nur die Hälfte der flammenden Scheibe erhob sich noch über die unregelmäßige Silhouette des weitentfernten nächsten Gebirgszuges.
    „Suchen wir uns einen Rastplatz“, schlug Gamma müde vor.
    Ich überlegte kurz, dann sagte ich: „Es ist nicht mehr weit bis zum Gipfel, bis dorthin wollte ich, da finden wir ein geschütztes Eckchen.“
    Wir nahmen unseren Marsch wieder auf. Der Boden war uneben, zerklüftet, steinig. Nackter Fels. Seit Stunden hatten wir keine Pflanzen mehr angetroffen. Staub und Sand ließen sich nur in Spalten und Ritzen finden. Und an den scharfen Felskanten hatte ich mir die Finger aufgerissen.
    Meine Gedanken wanderten zurück. Der Ausflug in die Berge war Gammas Idee gewesen. „Wir haben uns immer nur beeilt“, hatte sie gesagt, „und wir sind stets von einem Projekt zum nächsten gerannt. Jetzt hast du nur den Schiffbau im Sinn. Aber der kann ein paar Tage warten. Beth, wir sollten gründlicher leben.“
    Ich hatte sofort zugestimmt. Die Streitigkeiten mit Resth und die aufreibenden Diskussionen um den Schiffbau hatten mich zermürbt. Eine Woche mit Gamma in den Bergen würde mir helfen, Abstand zu gewinnen.
    Aber wie macht man das, die Gegenwart bewußt erleben, den heutigen Tag genießen? Wir hatten das nie gelernt, nur gezwungenermaßen hatten wir Arbeitspausen eingelegt, voller Ungeduld und Unmut. Und nun? Ich wußte, es kam darauf an, die Dinge um mich nicht nur unter dem Blickpunkt der Nützlichkeit zu sehen, nicht ausschließlich an die jetzigen und zukünftigen Aufgaben zu denken, sondern all die unwiderbringlichen Sinneseindrücke des Augenblicks auf mich einströmen zu lassen. Die dazu nötige innere Ruhe fehlte mir noch.
    Beim Schein des letzten Abendlichts erreichten wir den stumpfen Gipfel. Es wehte nur eine schwache Brise. Obwohl der Berg nicht sonderlich hoch war, konnten wir weit ins Land sehen: ein volles Rund Andymon. Wüsten und Felder lagen schon in tiefem Schatten und waren mit bloßem Auge nicht mehr zu unterscheiden.
    In einer windgeschützten Nische brachte ich unsere Rucksäcke unter und begann die Schlafsäcke auszupacken. Laut Vorhersage würde es auch am Morgen nicht zu kühl werden. Ich blies die Luftmatratzen auf, ohne sie hätten wir auf den Felsspalten voller Buckel und Wellen nicht schlafen können. Das Buch, aus dem wir uns bei der nachmittäglichen Rast gegenseitig vorgelesen hatten, entglitt meiner Hand und rutschte in eine Spalte. Nur mit Mühe konnte ich es daraus hervorangeln.
    Ich setzte mich zu Gamma auf einen großen Felsbrocken. Wir blickten hinab. Gamma brauchte nichts zu sagen, ich wußte, daß sie es genoß. Ich nahm einen Stein, holte aus und schleuderte ihn über den Abhang. Er schlug auf, polterte. Das Geräusch verlor sich in der Tiefe.
    „Hier gibt es nur Basalt, Granit und ähnliches Gestein“, sagte ich, „keine Sedimente, keinen Sandstein, erst recht keinen Kalkstein. Keine Chance, Versteinerungen zu finden. Da müßte man schon hundert Millionen Jahre warten… Sogar die Sternbilder werden dann anders stehen… Wir Menschen werden uns über Andymon ausgebreitet haben und über ein gutes Stück Galaxis, und wir beide werden längst vergangen sein. Unsere Versteinerungen wären zu finden.“
    Gamma lachte. „Deine Versteinerungen!“
    Ich wechselte das Thema. „Unterwegs habe ich mir überlegt, Gamma, vielleicht sollte ich mir Aufzeichnungen machen: über mein Leben, über unsere Träume, Vorhaben, über Andymon…“
    „Du meinst, es hilft dir, die Dinge bewußter zu sehen, dich selbst zu verstehen?“
    „Nun ja, siehst du, vieles in unserer Entwicklung war sicher notwendig: unser Pioniergeist mit all seinen Übersteigerungen, unser Drang, eine eigene Welt zu schaffen. Aber nimm Resth zum Beispiel. Die Gruppe auf Gedon. Da denke ich mir, das hätte auch anders kommen können. Schlimmer. Oder besser. Was ist hier zufällig? Ich weiß es nicht.“
    „Und du glaubst, du bekommst das heraus, wenn du darüber nachdenkst und alles in Worte faßt?“
    „Ich weiß nicht. Vielleicht.“
    „Es lohnt sich sicher, Beth.“
    Ich sagte ihr nicht, daß meine Aufzeichnungen noch für eine weitere Person gedacht waren, eine Person, die erst in zehntausend Jahren existieren würde, Beth, mein Ebenbild und Nachfolger im neuen Schiff.
    Sie stand auf, ich folgte ihr zu den Rucksäcken. Wir kochten uns Tee und holten belegte Brote heraus, die wir mit großem Appetit aßen. Danach kehrten wir, den Weg mit der Taschenlampe ausleuchtend, zu unserem Beobachtungsplatz zurück. Die Luft war noch immer lau. Knapp unterhalb des Horizonts ließ sich nun ein feiner Lichtschein erkennen: Andymon-City. Allein dieses Licht verriet, daß Andymon bewohnt war.
    „Wir haben ja so viel erreicht, so viel geschafft“, sagte ich.
    „Du redest, als ob du am Ende wärst.“
    Am Himmel, zwischen den dunklen Wolken, waren die ersten Sterne zu sehen.
    „Im gewissen Sinne ja. Schließlich ziehe ich mich, ziehen wir uns jetzt von Andymon zurück, wenn wir mit dem Schiffbau beginnen.“
    Um meine Worte zu unterstreichen, warf ich einen weiteren Stein hinab. Er rollte eine Weile, dann blieb er liegen.
    „Ach Beth, du mußt nicht immer so übertreiben. Wir können jederzeit zurückkehren.“ Tröstend strich mir Gamma über den Kopf.
    „Jetzt wird es interessant auf Andymon“, sagte ich. „Unsere Gesellschaft entsteht ja erst. Die jüngeren Gruppen, die nicht sosehr wie wir durch das Totaloskop erzogen wurden, wollen sich weniger an irdischen Traditionen orientieren, eine eigene Kultur aufbauen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Die Kinder der Siedler werden wieder andere Wege gehen. Der Streit darum, wie weit die Arbeitsteilung getrieben werden sollte, fängt gerade an. Und welche Institutionen werden sich herausbilden?“
    „Und du hast Angst, dabei etwas zu verpassen? Diese Probleme sind nicht nur komplizierter als der Schiffbau, die Lösung wird auch längere Zeit in Anspruch nehmen. Generationen.“ Gamma seufzte. „Aber du mußt nicht denken, daß alles verkehrt läuft, wenn wir im Schiff sind und du nicht überall dabeisein kannst. Die anderen sind keine Kinder mehr — und du bist nicht ihr Guro.“
    „Ich weiß“, murmelte ich, „und ich folge nur meinem Plan.“
    Die Luft wurde kühler, es kam etwas Wind auf. Gamma lehnte sich an mich. Der Horizont war völlig schwarz. Eine Weile saßen wir noch schweigend da, dann kletterten wir zu unseren Schlafsäcken. Erst rückten wir eng zusammen, dann, als Gamma schlief, wälzte ich mich eine Weile hin und her, starrte schließlich mit offenen Augen in den weiten, nur von wenigen Wolken verhangenen Himmel über mir.
    Ich versuchte mir vorzustellen, daß ich auf einer riesigen Planetenkugel läge, die mit mir durch das All sauste, durch all die Sterne. Ein paarmal gelang es mir, eine Andeutung des entsprechenden Gefühls hervorzurufen. Dann suchte ich den Himmel nach dem Schiff ab. Es war nicht zu sehen. Ich wartete lange, daß es über den Horizont steige, und schlief dabei ein.

Knotenpunkt Schiff

    Jeder Flug zum Schiff ist für mich eine Heimkehr, auch wenn ich Andymon nur ungern verlasse. Sobald ich in den Bannkreis des Schiffs gerate, erfaßt mich ein Prickeln, und mir ist, als wüchsen mir Flügel, als verfügte ich über ungeahnte, ungeheure Kräfte.
    Neben Gamma begleiteten mich Jota und Zeth, die uns bei der Vorbereitung des Schiffbaus unterstützten. Termine hatten wir uns nicht gesetzt, in den Knotenstellen der Netzpläne fehlten die Datumsangaben. Ob die Konstruktion zwanzig oder zweihundert Jahre dauern würde, es kam darauf an, zu beginnen.
    Wir, der Konstruktionsstab, lebten nun im Schiff, das wir liebevoll und zugleich vorgreifend das „alte“ nannten. Es war fast wie in meiner Jugend. Täglich badete ich mit Gamma im See des Naturparks, nur die Guros und ihre Schützlinge fehlten am Ufer, und die Trampelpfade waren längst überwuchert. Mitunter, wenn wir Neuigkeiten hörten, packte uns die Sehnsucht nach Andymon und den Geschwistern. Die Versuchung war groß, hinab nach Oasis oder City zu fliegen. Bedauernd mußten wir es immer wieder aufschieben, denn die gegenwärtige Phase unserer Arbeit erforderte unsere Anwesenheit. Das Videofon bot einen allerdings unzureichenden Ersatz.
    Zeth blieb trotz seiner Freundschaft mit Jota ein Einzelgänger. Kurz entschlossen flog er nach Ladym, wo die Produktion der meisten Konstruktionsmaterialien stattfinden sollte, und sorgte für den Aufbau der entsprechenden Anlagen und des Solenoids, eines gigantischen Linearbeschleunigers, der mehrere hundert Tonnen schwere Container in einen Andymonorbit katapulieren konnte.
    Von Zeit zu Zeit kamen andere Geschwister zu uns, um uns für Tage, Wochen oder Monate zu helfen wie Psith, der sein Versprechen nicht vergessen hatte. Oft trieb sie auch nur blanke Neugier. Den größten Nutzen hatten wir jedoch von unseren „Praktikanten“. Für jeweils ein halbes Jahr kam eine der jüngeren Gruppen zu uns, sie lernten die Technik des Schiffs beherrschen. Wenn sie auf Andymon blieben, bestand die Gefahr, daß sie sich nur mit dem allernotwendigsten Gerät vertraut machten.
    Den Anfang mit der Ausbildung im Schiff machte die zehnte Gruppe, ja, gerade die ehemalige Garde Resths. Sie, die Verführten, distanzierten sich nun am schärfsten von Resth, und sie bewiesen ihre neue Einstellung, indem sie mit aller Macht danach strebten, mich zu unterstützen. Und sie hatten die trotz angespannten Programms zu kurze Ausbildung bitter nötig.
    Ich erwartete gerade die erste Probelieferung von Zeths Solenoidgeschossen, als Gamma die Neulinge nach beendigter Schiffsbesichtigung zu mir in die Zentrale führte. Voller ungestümer Fragen stürzten sie herein.
    „Oh, die Zentrale! Kann man von hier aus wirklich das Schiff starten?“
    „Was passiert, wenn ich den Hebel da umlege?“
    „Gar nichts“, rief ich über ihre Köpfe hinweg, „ich habe vorsichtshalber alles blockiert.“
    Sie lachten und umringten mich. „Wie denn?“
    „Das werde ich gerade dir verraten, Dasza“, sagte ich und schaute das Mädchen mit den langen blonden Zöpfen an, Ilona hatte damals noch schöneres Haar gehabt, „du würdest doch sofort…“
    „Ich bin aber gar nicht Dasza“, protestierte sie lautstark, während die anderen prusteten, „ich bin Nrada.“
    Verwirrt blickte ich um mich, auch Gamma unterdrückte ein Lachen.
    „Ihr müßt entschuldigen“, sagte ich, „ich bin wohl schon etwas verkalkt.“ Es war mir peinlich. Ein jeder auf Andymon kannte mich, und mir unterliefen bei den jüngeren Geschwistern immer wieder Verwechslungen. Glücklicherweise waren mir zumindest Laath und Bhriga bekannt.
    „Vielleicht nennst du uns vorerst alle Baby“, schlug Nrada augenzwinkernd vor.
    Ich lehnte ab. „Stellt euch vor, ich rufe in ein paar Jahren auf Andymon: He, Baby! Sofort habe ich all meine ehemaligen Lehrlinge auf dem Hals und stehe im dichtesten Getümmel.“
    Sie lachten, ich hatte ihren Tonfall richtig getroffen. Nach und nach nahmen sie in den Formsesseln Platz. Ich setzte mich auf das Hauptsteuerpult und improvisierte einen Vortrag über die Zentrale, tastete dabei hin und wieder hinter mich, um ein Gerät vorzuführen.
    Ich konnte ihnen viel zeigen. Vor zwei Tagen hatte Zeth das Solenoid abgefeuert. Die Magnetspulen hatten eine Salve Frachtcontainer und lose Bündel von Baugruppen in den Raum geschleudert. Sie würden bald als ein weitgefächertes Feld künstlicher Meteorite in den Konstruktionsbereich driften. Auf dem Radar waren sie längst zu erkennen, ein bunter, durchnumerierter Schwarm von Funken. Kleinstraketen standen bereit, sie einzufangen und computergesteuert in die richtigen Positionen zu bugsieren.
    Mein Publikum wurde unruhig. „Beth, dreh dich mal um, da ist was.“
    Im ersten Moment glaubte ich an einen Scherz, dann sah ich Gammas Gesicht. Ich wirbelte herum. Auf dem Hauptschirm, der die herannahenden Container zeigte, pulsierte rot in der rechten oberen Ecke der Lichtpunkt eines unbekannten Objektes. Nach der Hochrechnung würde eine Kollision mit dem Schiff in fünfundzwanzig Minuten erfolgen.
    Während ich meine Hände über die Konsole fliegen ließ, um eine Fernanalyse einzuleiten und um bei gelösten Blockierungen gegebenenfalls selbst navigieren zu können, jagten sich meine Gedanken. Die kinetische Energie des Objektes genügte selbst bei der relativ hohen Geschwindigkeit wahrscheinlich nicht, um die Hülle des Schiffs zu durchschlagen. Aber bei dem Aufprall mußten Bruchstücke entstehen, die der eintreffenden Solenoidsalve entgegentrudeln würden. Eine Kettenreaktion war möglich: Ein Teil schlug gegen das nächste, zersplitterte, die Splitter trafen auf weitere Baugruppen — ein explodierendes Chaos das Resultat. Und wenn das Schiff manövrierte, bestand die Gefahr, daß sein Antriebsstrahl durch das Feld schweifte. Noch ehe ich begriff, daß der Computer längst reagiert hatte und eine der Abfangraketen sich auf Kurs befand, schossen weitere Fragen durch mein Hirn. Worum handelte es sich überhaupt? Meteorite waren äußerst rar im Andymonsystem.
    Auf einem Display erschienen die Resultate der Fernerkundung: BEMANNTE FÄHRE. HERKUNFT GEDON.
    Hinter meinem Rücken tuschelten sie: „Jetzt wird’s spannend!“
    „Das Aufregendste ist schon vorbei“, erklärte Gamma, „das sind die ersten Sekundenbruchteile, in denen sich alles entscheidet.“
    Endlich stand der Videokanal zur Fähre — als ob man sich nur zögernd entschloß, auf meinen Ruf zu antworten. Der Schirm öffnete den Blick auf acht Menschen, die bewegungslos in Formsesseln ruhten. Die komplette vierte Gruppe!
    Der Schreck, der mir noch in den Gliedern steckte, verschaffte sich Luft. „Ihr macht mir vielleicht Scherze! Pirscht euch hier klammheimlich an, ohne Voranmeldung, ohne Kennung! Als ob ihr nicht- wüßtet, wie ihr euch im Kosmos zu benehmen habt. Und ihr, ihr Zusammengeschalteten, wollt uns Jahrhunderte voraus sein!“
    Hinter mir erklärte seelenruhig Gamma: „Und hier habt ihr das klassische Beispiel eines überspannten Raumschiffkapitäns.“
    Verdutzt drehte ich mich um. Gamma trat zu mir. „Frag sie erst ’ mal, was los ist.“
    Ohne meine Reaktion abzuwarten, wandte sie sich selbst an die vierte Gruppe: „Gimth, Daleta, was ist geschehen, was habt ihr?“
    Einige Sekunden war es völlig still in der Zentrale. Die Abfangrakete kehrte in großem Bogen um. Der Schiffscomputer hatte die Steuerung der Fähre übernommen.
    Dann sprach Daleta, mühsam, als müsse sie jedes Wort erst zerkauen: „Wir sind auseinander.“ Ein leichtes Heben ihrer linken Hand die erste Geste, die ich in der Fähre beobachtete, unterstrich den Satz. „Es ist tot.“
    „Was?“ fragte ich. „Wieso? Was ist passiert?“
    Sie schüttelte nur müde den Kopf.
    „Hör auf, sie so auszufragen“, sagte Gamma, „siehst du nicht, wie fertig sie sind? Muß ein schöner Schock gewesen sein. Sie brauchen bestimmt unsere Hilfe.“
    Ich versicherte Daleta, daß sie willkommen seien und wir sie auf jegliche Weise unterstützen würden. Dann unterbrach ich die Verbindung.
    „Bestellt ihr für jede neue Gruppe Weltraumlehrlinge extra so ein UFO?“ Nrada blickte mich schelmisch an. Ich hab euch durchschaut, stand in ihrem Gesicht.
    Gamma blieb ganz ernst und sagte mit stockender Stimme: „Ihr wißt, etwa in eurem Alter haben sie ihre Gehirne miteinander verbunden, um klüger zu sein als alle anderen. Jetzt sind sie zum erstenmal wieder einzeln, für sie muß alles fremd sein, eine veränderte Welt. Kommt mit zur Schleuse, sie müssen jeden Augenblick eintreffen.“
    Ich stand noch eine Weile zwischen all den Displays, Instrumenten, Monitoren, Konsolen, Anzeigen der Zentrale. Was hatte dieses Wesen, das Monster von Gedon, auseinandergerissen? Wahrscheinlich würde ich es nie erfahren. Nachempfinden ist eine Unmöglichkeit. Oder doch? Ich erinnerte mich an die schmerzende Einsamkeit, die es mir mitgeteilt hatte. Hieß das, all seine Versuche und Forschungen waren endgültig gescheitert? Das All leer? War es an seiner absoluten Verlassenheit zugrunde gegangen?
    Ich blickte hinaus in den Kosmos. Langsam näherte sich das Feld der Baumaterialien. Ein neues Schiff im Werden. So mußte es einst vor vielen Jahrtausenden im Erdorbit ausgesehen haben, als das erste Schiff konstruiert wurde.
    Das All ist nicht leer. Menschen bewohnen es.

Wiederbelebung

    Alfa war sofort ins Schiff gekommen, als sie von der Ankunft der vierten Gruppe erfahren hatte. „Jemand muß ihnen helfen, wieder Mensch zu werden“, erklärte sie.
    Für mich war es ein Rätsel, wie es die acht geschafft hatten, aus eigener Kraft mit der Fähre zum Schiff zu gelangen. Denn hier verhielten sie sich anfangs so lethargisch, daß sie ohne unser Zutun verhungert wären. In den ersten Tagen lagen sie nur im Naturpark auf der Wiese und stierten auf irgendeinen Punkt in der Luft, als würden sie die altvertraute Umgebung überhaupt nicht wahrnehmen. Dabei hatten wir sie extra nicht nach Andymon gebracht, damit sie dort anknüpfen konnten, wo vor über sechs Jahren ihr individuelles Leben endete. Alfa brachte ihnen dreimal am Tag geduldig das Essen in den Park und geleitete sie am Abend fürsorglich in ihre ehemaligen Zimmer, die wir mit Hilfe von Computeraufzeichnungen hergerichtet hatten.
    Nach einer Woche verlangte Daleta eine sinnvolle Beschäftigung. Damit hatten die acht ihren tiefsten Punkt überwunden, und der Auftakt für ein aktiveres Leben war gegeben.
    Gamma und ich betreuten Gimth, Alefth und Mega, während sich Alfa, Jota und Zeth um die anderen fünf kümmerten. Wir erzählten ihnen vom Aufbau der Siedlungen auf Andymon, von unseren nächsten Projekten und machten sie mit den neugeborenen Andymonen bekannt. Während Alefth und Mega zusehend aus ihrer Apathie herausfanden und sich aus unserer Obhut lösten, wurde Gimth für uns zum Problem. Er kannte nur eine Art von Aktivität: mir zu folgen. Dabei hatte ich ihn als besonders pfiffig in Erinnerung.
    Seit Ilona zu uns gestoßen war, um aus der Genbank neue Arten nach Andymon zu exportieren, waren auch die Labortrakte wieder belebt, und man konnte sich im Schiff wie in alten Tagen fühlen. In den Gängen herrschte Leben, Lachen erklang aus den Gemeinschaftsräumen, woran auch die vierte Gruppe beteiligt war. Allen voran Daleta, wollten sie sich nützlich machen, mit zupacken.
    Ilona und ich wetteiferten darin, Arbeit zu verteilen. Was war wichtiger: die Aufzucht von Schaben, Strudelwürmern, Fäulepilzen und hunderterlei Bakterien für die Ökologisierung Andymons oder die Energieversorgung meiner Montageautomaten? Wenn ich mich auch halb im Scherz über ihr verwerfliches Interesse für Unkräuter, Ungetier und Ungeziefer, Parasiten und Bazillen beschwerte, wußte ich doch, daß alles in der künftigen Biosphäre seinen Platz haben würde und daß auch für das entstehende Schiff die genetischen Ressourcen des alten erschlossen und dupliziert werden müßten.
    Ich war zufrieden — bis auf eins. Mit Gimth wurde es nicht besser. Daß er mit mir hinter einem Terminal hockte oder in der Zentrale auf und ab trottete, war weniger schlimm. Aber auch abends folgte er mir in unsere Räume. Saß mit seinen ein Meter dreiundneunzig einfach da, als ob er zur Einrichtung gehörte. Auf die Fragen des Alltags antwortete er mit einem Wort oder einer Kopfbewegung. Sonst schwieg er nur und hörte zu, wie Gamma und ich uns unterhielten. Auf Andeutungen, ob er nicht in seinem Zimmer…, reagierte er selten.
    Ich versuchte, ihn für das Leben auf Andymon zu begeistern, schwärmte ihm etwas vor und bestand darauf, daß er sich mit uns die AN-ALLE-Nachrichten ansah. Qia und Psith aus der dritten Gruppe hatten nach der Auseinandersetzung im Amphitheater ein Informationssystem entwickelt, das genau unseren Bedürfnissen entsprach. Ich benutzte es selbst, um die Geschwister auf Andymon über den Beginn des Schiffbaus, die Probleme mit der vierten Gruppe und das Leben im Schiff überhaupt auf dem laufenden zu halten. Jeder, der sich an die Gemeinschaft wenden wollte, sprach seine Neuigkeiten, Fragen, Beschwerden, Hinweise einfach in den Videokanal unter der Codierung AN ALLE. Der Computer speicherte das und verteilte die Aufzeichnungen auf Abruf.
    „Ich brauche Hilfe“, sagte Lameth aus der fünften Gruppe und ließ die Kamera über große Baumaschinen schweifen, die im harten Boden wühlten, „allein schaffe ich es nicht, den Bewässerungskanal rechtzeitig fertigzustellen. In zwölf Tagen will Samecha mit der Aussaat beginnen. Und vor mir liegen noch acht Kilometer. Irgendwer muß sich verplant haben.“
    „Na, Gimth, wäre das nichts für dich? Frischer Wind, festen, staubigen, echten Boden unter den Füßen, eine handfeste Arbeit unter freiem, sonnigem Himmel? Und Lameth ist ein guter Kumpel.“ Wenn Gamma so redete, bekam ich richtig Lust, mich in schwere Maschinen zu setzen und Kanalfurchen durch die Wüste zu ziehen.
    Gimth blieb stumm.
    Die schon wieder schwangere Szina und Szadeth, der Prith im Arm hielt, berichteten kurz, daß es ein Mädchen werden würde nach dem Untersuchungsergebnis und daß sie es Secca nennen wollten, „und hoffentlich wird es so schön wie Szina.“
    Gimth war nicht zu verlocken.
    Ebenso ließ ihn der Bericht über eine neue Fabrik, der von Xith in geradezu perfektem Reportagestil mit viel zu vielen Fakten gegeben wurde und von echter Etamusik begleitet war, völlig kalt.
    Nicht gerade Begeisterung, aber doch eine gewisse Aufmerksamkeit riefen die Bilder von einem mausähnlichen Tier hervor, das ganz unschuldig auf Myths Handteller saß. „Wer kann mir sagen, wie diese Bestie, die mich in den Finger gebissen hat, heißt und wo sie herkommt? Wenn noch kein Name festliegt, schlage ich ‚braungefleckter Fingerbeißer‘ vor. Das soll auch eine Warnung sein!“
    Ein Dutzend oder mehr Beiträge unterschiedlichster Wichtigkeit je Tag, das war die Regel. Selbst Kinder beteiligten sich, luden zu einem Schwimmfest ein.
    Kopa aus der sechsten Gruppe beschwerte sich lauthals: „Wer ist über mein Feld gefahren? Auch wenn es noch nicht grün aussieht, gesät ist schon. Und einem Roboter traue ich so einen Vandalismus nicht zu. Ich bestehe mindestens auf einer Entschuldigung!“
    Heiteres und Ernstes wechselten sich ab. Nur Gimth verzog kaum eine Miene. Vielleicht waren Bilder prinzipiell ungeeignet für ihn? Hatte er nicht als Bestandteil des Wesens seine Informationen in Bildern bekommen und sich dabei völlig passiv verhalten?
    Der Reigen der Meldungen wurde von Lameth abgeschlossen, der sich nun für die zahlreichen Hilfsangebote bedankte. Neben der Förderung des Zusammenhalts und der Diskussion von Fragen allgemeiner Bedeutung war dies wohl die wichtigste Funktion des AN-ALLE-Systems: uns über unterbesetzte Betätigungsfelder zu informieren.
    Gimth erweckte nicht den Eindruck, irgendeine Lücke füllen zu wollen. Er war wie schon an den Abenden vorher im Sessel eingenickt.
    Wir zogen uns in unser Schlafzimmer zurück. Rar waren die Minuten ohne Gimth. Vor dem Einschlafen flüsterten wir miteinander, was wir machen sollten.
    „Du darfst ihm deine Ungeduld nicht zeigen“, sagte Gamma beschwörend, „denk dran, der arme Bursche hat einen Knacks weg. Er braucht Gesellschaft.“
    „Aber immer dieselbe, daß ihm die nicht langweilig wird.“ Ich stöhnte. Gamma hatte ihn wenigstens tagsüber nicht um sich.
    „Vielleicht bist du sein großes Vorbild“, spottete sie, während sie sich an mich kuschelte. Ich lachte ungläubig. Und am nächsten Morgen begann alles von vorn.
    Natürlich informierte ich Alfa, doch auch sie wußte keinen Rat außer: „Ihr müßt aushalten, bis er wieder vernünftig wird.“
    Überall hatte ich den langen, dünnen Gimth bei mir, selbst im Schlaf sah ich sein knochiges Gesicht. Ein Schatten konnte nicht anhänglicher sein. Schließlich kam mir ein Zufall zu Hilfe.
    Gimth und ich hatten Ilona in ihren Laboren besucht. Schweigend liefen wir den Gang entlang. Von einem der gekrümmten Seitenkorridore drangen Stimmen zu uns: „…paßt auf, daß der Alte nicht zu früh Wind davon bekommt.“
    „Pah, der redet uns nicht rein.“
    Erschrocken hielt ich inne. Braute sich da wieder Ärger zusammen? Was führte die zehnte Gruppe im Schilde? Mir war schon aufgefallen, daß sie sich sehr spezialisierten: Bhriga auf Computer, Nrada auf Energie- und Antriebstechnologie, Laath auf Biowissenschaften. Nun gut, sie wollten als Gruppe die Technik des Schiffs möglichst umfassend kennenlernen, und sie konnten sich in der kurzen Zeit nur die Anfangsgründe je eines Fachgebietes aneignen.
    „Was ist denn?“ fragte Gimth.
    Ich warf ihm einen nicht gerade freundlichen Blick zu. Die Geräusche verstummten. Rasch bog ich um die Ecke.
    Die gesamte zehnte Gruppe blickte mir verärgert entgegen. Auf dem sanft nach oben gekrümmten Boden des Ganges zum Hangar standen Dutzende von Containern. Aus einem ertönte ein leises Gluckern.
    „Hallo“, sagte ich, „was heckt ihr denn gegen den Alten aus?“
    „Du weißt doch, daß wir immer die Bravsten sind“, antwortete Nrada und sah mich herausfordernd an.
    Neugier peinigte mich. Weshalb standen hier Container? Was bedeuteten die Geräusche? Aber ich wollte mich nicht aufspielen; es war schlimm genug, wenn sie mich den „Alten“ nannten.
    „Na schön“, sagte ich gedehnt, „ich bin gewarnt, daß ihr wieder eine Teufelei ausbrütet. Ich seh mich schon, wie ich euch der Reihe nach übers Knie lege.“ Damit wollte ich gehen.
    In diesem Moment wurde Gimth munter. Nrada, die ihm den Weg verstellte, schob er einfach beiseite, und als Atrith, der fast ebenso groß wie er war, sich einmischte, war es schon geschehen. Gimth hatte den Container, aus dem das verdächtige Glucksen ertönte, geöffnet. Der Behälter kippte, Aquarien, Plast- und Glasgefäße verschiedener Größe fielen heraus, manche zerbrachen dabei oder gingen auf. Wasser, versetzt mit grünen Schlingpflanzen, ergoß sich über den Boden. Zwischen meinen Füßen zuckten kleine silbrige, rotgepunktete Fische. Dasza kreischte laut, Gimth sprang zurück, stieß mich an, daß ich ausglitt und mitten zwischen schlierigem Tang und Wassergetier landete. Ich saß da, schaute mich entgeistert um. Dann fiel ich in das Lachen der anderen ein.
    Die quecksilbrige kleine Brhiga fing mit bloßen Händen Fische, andere sammelten Muscheln und Wasserpflanzen in die geretteten halbleeren Gefäße.
    Laath war an eine der Rufanlagen getreten und gab dem Schiffscomputer den überflüssigen Befehl, den Gang zu säubern.
    „Hm“, sagte ich erleichtert, als das schlimmste Durcheinander vorüber war, „ich begreife nur nicht, was es da vor mir geheimzuhalten gibt. Neue Arten aufzuziehen und mit der Fähre nach Andymon zu bringen ist völlig normal. Und Ilona wird mit eurer Hilfe zufrieden sein. Für welchen See ist die Ladung eigentlich bestimmt?“
    Sie schwiegen, blickten sich gegenseitig an. Pilasth, der jüngste der zehnten Gruppe, saugte an dem Finger, den er sich an einer Glasscheibe verletzt hatte.
    „Ich sag’s ihm“, verkündete unvermittelt Laath.
    „Wehe!“ drohte Nrada und boxte auf ihn ein. Er ließ sich nicht beirren.
    „Das ist eine außerplanmäßige Ladung für die Lagunen im Delta des Nordwestflusses.“ Unter den Blicken seiner Geschwister stockte Laath.
    Das ergab keinen Sinn. Welchen Zweck sollte es haben, sich jetzt um die vielen kleinen Seen zu kümmern? Im Gegensatz zum Ozean mit seinen über zwölf Prozent Salzgehalt boten sie mit zwei bis sechs Prozent die Voraussetzung für Leben. Aber bislang hatten wir diese Aufgabe aufgeschoben.
    Laath faßte sich und fuhr fort: „Wir wollen uns dort am Meer eine eigene unabhängige Siedlung einrichten. Wir wollen nicht nach Oasis zurückkehren, wollen uns nicht in ein gemachtes Nest setzen und so leben müssen, wie die Siedler leben. Ihr äfft alle zu sehr die Erde nach. So.“
    Meine Hoffnung, sie würden mich länger als das abgesprochene halbe Jahr beim Schiffbau unterstützen, zerplatzte. Bedächtig strich ich mir den Tang von der Hose. Sie sollten die Enttäuschung nicht merken.
    „Wenn ihr jetzt hofft, daß ich es euch verbiete, damit ihr rebellieren könnt, dann irrt ihr euch gewaltig“, sagte ich. „Bis jetzt hat sich jede Gruppe ihren eigenen Weg gesucht. Ihr seid genau richtig für Andymon.“
    Große Worte und viel zu allgemein. Man würde erst hinterher erkennen, welcher Weg wirklich originell war. Und was das Nachäffen der Erde betraf — kannten wir denn die Erde? Einen winzigen, längst vergangenen Abschnitt vielleicht aus den Totaloskopen.
    „Ich hab’s euch ja gesagt“, schimpfte Nrada, „wenn er davon erfährt, macht es überhaupt keinen Spaß mehr.“
    Von beiden Seiten rollten Serviceroboter heran. Mit Reinigungsschwämmen, so breit wie der Gang, schoben sie das Wasser zusammen. Die grünliche Brühe stand uns bis zu den Knöcheln, und die Saugrohre der Automaten gaben bedrohliche Geräusche von sich. Wie auf Kommando bückten wir uns und retteten die letzten Tiere und Pflanzen. Es erstaunte mich, wie behende Gimth dabei vorging. In Sekunden war alles vorbei. Nur die Saugrohre rülpsten noch eine Weile wie durstige Elefantenrüssel um unsere Füße.
    Wir begutachteten unsere nasse Kleidung. Pilasth wurde von Bhriga verbunden.
    „Wie wollt ihr denn anders leben?“ fragte ich unvermittelt.
    „Für uns wird kein Projekt so wichtig sein, daß wir unsere Geschwister vernachlässigen“, sagte Laath mit unvermutetem Ernst. „Wir werden eng Zusammenleben, nicht isoliert wie ihr in Einzelhäusern. Wir werden alles miteinander teilen.“
    „Jedenfalls wird bei uns so ein Streit wie zwischen dir und Resth nicht Vorkommen“, unterbrach ihn Nrada, „außerdem machen wir, was wir wollen!“
    Ich nickte und beteuerte nochmals, daß ich nicht die geringsten Einwände gegen ihr Vorhaben hätte. Ich nicht — aber die Geschwister auf Andymon? Was würden sie zu einer neuerlichen Zersplitterung unserer Kräfte sagen? Vielleicht hätten wir doch von Anfang an bei unseren ursprünglichen Plänen bleiben, uns auf eine Siedlung konzentrieren, alle individuellen Wünsche, alle kleinen Utopien aufgeben sollen.
    „Ich habe nichts, absolut nichts dagegen, Nrada, aber es wird schwer werden, die Ressourcen für eure Pläne aufzutreiben.“
    Nrada stand schweigend da, sie wollte etwas erwidern, wußte nicht, was. Dann blickte sie meinen Schützling an. „Wenn Gimth nicht so ein Tolpatsch gewesen wäre…“
    Gimth sah unschlüssig auf den inzwischen wieder geschlossenen Container. Ohne den Kopf zu heben, fragte er: „Kann ich mit euch kommen?“
    Zu meinem großen Erstaunen antwortete Nrada schlicht und einfach: „Natürlich.“
    Sowenig ich seine plötzliche Entscheidung verstand, so sehr freute ich mich, daß er neuen Anschluß gefunden hatte. Die ersten Tage, die ich wieder allein mit Gamma war, kamen mir himmlisch vor. Außerdem konnte ich nun all meine Arbeitskraft dem neuen Schiff zuwenden.
    Auf Andymon entstand ein zusätzliches Wohngebiet. Die Pläne, die wir vor Jahren für die Besiedlung entworfen hatten, großartige globale Entwürfe und Computerszenarien, konzentrisches Wachstum des menschlichen Einflusses, hatten sich samt und sonders und nach jeder Korrektur erneut als zu starr erwiesen. Ich selbst, ein eifriger Verfechter dieser Pläne, mußte nun einsehen, daß Ideen und Zielvorstellungen sich nicht im einzelnen vorausplanen ließen. Alles blieb in Fluß. Aber jeder von uns konnte sagen: Hier habe ich mitgewirkt. Diese Idee stammt von mir. Ohne mich sähe es hier anders aus - ärmer.

Bestandsaufnahme

    Hätte ich nur zwei Leben! Ich könnte eines Andymon widmen und das andere dem Schiffbau. So aber pendelte ich hin und her, ständig mit den Gedanken, seltener mit dem Lander. Im Schiff blickte ich hinab auf den Planeten, sah mir jeden Abend die AN-ALLE-Berichte an und nahm Gammas in das Gewand einer Frage gekleideten Vorschlag gern an: „Müssen wir nicht wieder mal unten nach dem Rechten schauen?“ Auf Andymon jedoch suchten meine Augen den Himmel ab: Dort, das Schiff, wie weit ist der Bau gediehen? Kommen die Geschwister zurecht? Noch heute hat sich daran nichts geändert. So konnte ich damals die Gruppen, die mich im Orbit unterstützten, gut verstehen, wenn sie zugleich die Montage leiteten und Pläne für ihr Leben auf Andymon entwarfen.
    Wir flogen nach Gedon, um zu sondieren, was aus der Hinterlassenschaft des Wesens verwertet werden konnte. Wir: Daleta, die behauptete, nunmehr die Furcht vor der Rückkehr verloren zu haben, Alefth aus ihrer Gruppe, auf dessen Beisein sie bestanden hatte, Bhriga, die sich im Rahmen ihrer Ausbildung für die Computersysteme von Gedon interessierte, und ich.
    Es war das drittemal, daß ich auf diesem Mond landete, jedesmal mit anderen Gefühlen, jedesmal überrascht von den Veränderungen. Diesmal sah ich keine neuen Bauwerke zwischen den Felsen. Gedon war tot. Kein Licht drang aus den Stationsgebäuden, schemengleich starr standen vereinzelte Montageautomaten im unwirklich fahlen Schein Andymons, Überreste unterbrochener Bauvorhaben. Stahlstreben und Container lagen sauber gestapelt.
    Skaphanderbekleidet führte uns Daleta. Damals hatte die vierte Gruppe ihren Anteil an den Schätzen des Schiffs gefordert. Wie viele Maschinen aus den großen Lagern, wieviel von den Materialien aus den Behältern, wieviel von den Automaten mochten sie abgezweigt haben? Ich würde jeden Logikchip, jede Schraube, jeden Tropfen gebrauchen können. Im Schiff gähnten die einst übervollen Speicher und Hallen leer, die Zeit des eilfertigen Installierens war vorbei.
    Wir betraten eine weite Röhre, die direkt in den Fels zu führen schien. In der Schleuse glomm grünlich die Notbeleuchtung. Daleta tastete Befehle in eine kleine Konsole an der Wand. Helles Licht überflutete uns, aus einer Öffnung sprühten weißliche Schwaden: Luft. Als ich den Helm abnahm, schlug mir schneidende Kälte entgegen.
    „Heizung?“ fragte ich.
    „Schon ein“, antwortete Daleta ebenso einsilbig, denn der Frost stach im Mund, in der Kehle, in der Lunge. Unser feuchter Atem setzte sich als Reif auf den Skaphandern und den Wänden fest. Die innere Schleusentür öffnete sich, und wir betraten die Station.
    Durch den ebenfalls hellerleuchteten Gang wehte ein leises Stöhnen, die Klimaanlage, vermutete ich. Schweigend gingen wir voran. Unser Ziel war ein kleiner Raum, in dem Computerterminal standen. Er war das Gegenstück zu der um vieles größeren Zentrale des Schiffs, verdiente aber diesen Namen nicht, weil er von der vierten Gruppe nie als Zentrale benutzt worden war. Wozu auch? Das Wesen war eins gewesen mit dem Computer. Dort würden wir uns einen Überblick verschaffen können über alle Geräte und jedes Kilo Material, das sich auf Gedon befand.
    Erfreut beobachtete ich, wie sich Bhrigas Neugier gegen die beklemmend kühle Atmosphäre Bahn brach. Bhriga lief voraus, hantierte am Öffnungsmechanismus einer Tür. Sie schüttelte ihre von der eisigen Berührung schmerzenden Hände und streifte die Skaphanderhandschuhe wieder über. Dann schaute sie in den Raum - und lachte. Ich trat hinter sie und verstand: Auch die Zusammengeschalteten hatten ganz gewöhnliche menschliche Notdurft verrichten müssen. Wir schlossen die Tür und folgten den anderen. Die Luft im Gang wurde spürbar wärmer.
    „Können wir alles gut gebrauchen, Beth“, sagte Bhriga, „die Toilette und die Küche und was an Einrichtung für Gemeinschaftsund Einzelräume da ist.“
    „Hm“, wandte ich ein, „eigentlich sollte das meine Bestandsaufnahme werden. Schön, ich gebe zu, im Demontieren habt ihr mir einiges voraus.“
    Bhriga blieb stehen. Hatte ich sie verletzt?
    „Immer die alten Sachen.“ Traurig schaute sie mich an. „Weißt du, Beth, deswegen müssen wir eine eigene Siedlung gründen. In Oasis wären wir immer nur Resths ehemalige Anhänger. Jeder zweite Gedanke von den Siedlern wäre: Auf die müssen wir achtgeben, die haben zu Resth gehört.“
    Ich besänftigte sie und versicherte ihr, daß ich ihre Gruppe und ihr Vorhaben fördern würde. Meine unvorsichtige Bemerkung sollte kein Grund für hängende Köpfe sein. Von mir aus, sollten sie die Klos und Kochtöpfe einpacken!
    Wo waren Daleta und Alefth geblieben? Der Gang vor uns war leer.
    „Du rechts, ich links!“ Schnell schauten wir in die Türen. Wieder drangen feine Töne an mein Ohr. Von dunkler Vorahnung befallen, eilte ich durch einen Konservenvorratsraum und Zimmer voller Geräte. Eine Wand, schwarze Blätter vakuumverdörrter Blumen davor, der Sessel, in dem ich gesessen hatte — wie lange war das her?
    „He“, rief ich, „Daleta, Alefth, wo seid ihr? Was soll das Versteckspiel?“
    „Wo seid ihr?“ echote eine zarte, kaum vernehmbare Stimme. Ich rannte erschrocken auf den Gang, stieß dabei Bhriga fast um.
    „Hast du gehört?“ fragte sie mich aufgeregt. Spontan griff ich ihre Hand und zog sie mit. Der Gang gabelte sich. Eine Sekunde verhielt ich lauschend, dann entschied ich mich.
    „Wo seid ihr?“ erklang die Stimme eindeutig näher.
    Eine Tür vor uns war nur angelehnt. Ich stieß sie mit dem Fuß auf. Ein verwirrendes Lichterspiel überflutete mich. Fleckigbunte Muster erschienen auf einer Projektionswand und erloschen wieder. Eine radioastronomische Himmelskarte? Hirnstrommuster? Computerträume? Es war mir gleich.
    Daleta und Alefth lehnten mit offenen Mündern an einer mannshohen Konsole. Über ihre Gesichter lief farbiger Widerschein.
    „Wo seid ihr?“ flüsterte halb lockend, halb verzweifelt die Stimme.
    „Zum Donnerwetter!“ schrie ich, so laut ich konnte. Die beiden zuckten zusammen, der fremde Bann war gebrochen.
    „Das ist unsere Stimme“, sagte Daleta atemlos.
    „Ich erinnere mich“, fügte Alefth im gleichen Tonfall hinzu.
    „Wo kann ich die verrückte Stimme abschalten und den kaputten Computer löschen?“ fragte Bhriga, die bereits begann, an einem Eingabegerät zu hantieren. Das wirre Licht verblaßte.
    „Nein, nicht, es lebt. Das waren einmal wir.“ Alefth löste sich mechanisch von der Konsole. Ich hielt ihn zurück.
    Bhriga schaltete aufs Geratewohl. Rote Signale leuchteten auf. Das Flüstern verstummte. Sie drehte sich um. „Das lebt sowenig wie eine Tonbandaufzeichnung. Ich bin zwar nicht so ein Computerexperte wie ihr, dafür weiß ich aber, daß man solch eine Anlage nicht verläßt, ohne sie auszuschalten.“
    So konnte es geschehen, daß bei unserer Annäherung der Computer die gespeicherten Erinnerungen des Wesens abrief und dieses ein letztes Mal zu einem Scheinleben erweckte. Ich schaute Daleta an.
    „Das steckt noch tief, so tief“, sagte sie mit verlorenem Blick, „diese Suche — und nichts gefunden. Kein ebenbürtiger Partner. Wir waren…, es war“, korrigierte sie sich, „nur auf sich allein angewiesen. Ohne Gesellschaft. Es hat sich in sich gekehrt, bis es in seine Bestandteile zerfiel.“
    „Ich kann das nicht beschreiben, diesen Tag“, jetzt sprach Alefth, und seine tiefe vibrierende Stimme unterschied sich wohltuend von der des Computers, „ihr nennt das Gruppengehirn Monster. Das solltet ihr nicht tun. Als es erkannte, daß es nicht weiterexistieren konnte, hat es uns armselige Individuen gerettet. Diese Minuten, sie waren wie ein Traum, nicht, Daleta?“
    Sie nickte, übernahm den Faden. „Wir sind einfach in die Fähre gesetzt worden, den Willen, dorthin zu gelangen, hätten wir nicht gehabt. Erst bei euch sind wir langsam aufgewacht.“
    Tröstend klopfte ich ihr auf die skaphanderbewehrte Schulter. „Kommt, wir haben viel zu erledigen.“
    Wir ließen uns Listen ausdrucken: Fahrzeuge, Geräte, Automaten. Mich überraschte nicht, als ich erfuhr, daß auf Gedon ein Miniaturfusionsreaktor existierte sowie eine Reihe kleinerer, aber wohldurchdachter Produktionsstätten. Das Wesen hatte seinen Anteil am Schiff gut genutzt, wenn auch zu Zwecken, die nicht die unseren waren und die mir weitgehend unverständlich blieben. Fernsehkameras ermöglichten uns Einblicke. All diese Anlagen standen seit einem Vierteljahr still. Eine ungeheuerliche Verschwendung. Ich überlegte.
    „Bhriga“, sagte ich, „am wichtigsten ist, das hiesige Computersystem an das des Schiffs anzuschließen. Wir brauchen direkten Zugriff. Und wie auf Ladym können hier Teile für das Schiff produziert werden. Der arme Zeth hat sich auf dem anderen Mond so angestrengt, hier hätte er viel bessere Bedingungen gefunden.“
    Sie nickte, brachte dann Einwände vor: Laufzeit der Signale, Synchronisierungsprobleme. Es waren geringfügige technische Schwierigkeiten, die sie überwinden konnte.
    Allmählich ergriff mich eine Hochstimmung. „Schaut euch nur um, was uns das Wesen alles hinterlassen hat: Unmengen technologischer Daten, komplette Fabriken, die nur wenig umgerüstet zu werden brauchen, Bergwerke… Endlich komme ich einmal richtig zum Zuge.“
    Ich schaltete, die Monitore zeigten neue Bilder. Dunkle Vakuumhallen, in denen handtellergroße Scheiben Nanoelektronik produziert werden konnten, abstrakte Schemata von Bearbeitungsabläufen, einen ganzen Stapel, nein, einen Berg von noch nie eingesetzten Automaten. Experimentalanlagen, deren Sinn mir verschlossen blieb, aber auch ein gewaltiger Teilchenbeschleuniger, der sich problemlos zu einem Solenoid für das Katapultieren von Baumaterial umbauen lassen würde. Sieben Jahre nur hatte das Wesen existiert. Seine Leistung war wirklich übermenschlich. Und hätte nicht die vierte Gruppe sieben Jahre ihres Lebens verloren, so wäre ich für seine Existenz uneingeschränkt dankbar gewesen.
    „Bitte, Beth“, sagte Daleta, „setz dich doch.“ Meine Freude hatte auf die Geschwister nicht ausgestrahlt. „Das ist nicht alles für den Schiffbau, Beth. Ich hätte dir das vielleicht schon früher sagen sollen. Wir werden uns mit der zehnten Gruppe am Meer ansiedeln. Nicht nur Gimth. Du verstehst, daß wir einen Teil der Anlagen von hier dafür gut gebrauchen können. Nicht viel, aber immerhin. Keine kompletten Fabriken, das lohnt den Transport nicht, aber eine Menge Automaten, Fahrzeuge, Computer.“
    Ich schluckte, sie hätten mir das wirklich früher sagen können.
    „Und wann soll es losgehen? Morgen?“ fragte ich mit belegter Stimme. Ihr Anrecht auf alles hier stand außer Zweifel, aber noch wichtiger als dies war mir ihre Arbeitskraft, ihr Fachwissen.
    „Beth, du hast versprochen, uns zu helfen“, erinnerte mich Bhriga, „natürlich unterstützen wir dich ebenso. Wir bleiben wie vereinbart noch ein Vierteljahr und werden alle sechzehn in dieser Zeit hauptsächlich das neue Schiff bauen.“
    Ich stand wieder auf, packte einen Teil der Papiere ein, dann fand ich meine Stimme wieder und dankte.
    Bhriga beschäftigte sich mit dem Computer, als hätte sie nie etwas anderes gelernt. Daleta nahm sich die Listen, noch einmal ging sie Position für Position durch und murmelte vor sich hin, daß sie das Gefühl habe, etwas fehle noch.
    Alefth schwieg gedankenverloren, seine Hände bewegten sich, als wollten sie die Gelenkfalten seines Skaphanders glattstreichen. Nach einer Weile schaute er auf. „Du machst einen Fehler, Beth. Du redest immer von deinem Schiff, deinem Projekt. Das stimmt nicht. Die ganze Gemeinschaft hat beschlossen, das Schiff zu bauen. Es ist unser aller Projekt. Du bist lediglich der, der sich am…“, er suchte nach dem richtigen Wort, „am enthusiastischsten dafür einsetzt. Wir sind genauso dafür, wissen auch, daß es notwendig ist, sonst würden wir uns an der Konstruktion nicht beteiligen. ‚Dir helfen‚‘ wäre hier das falsche Wort.“
    Gerührt blickte ich ihn an. Daleta und Bhriga bekräftigten lautstark seine Worte. Ich erklärte ihnen, daß ich vielleicht schon etwas zu alt und festgefahren sei und daher meine Rolfe überschätze und falsche Possessivpronomen gebrauche. Sie protestierten. Es war ein wohltuender Gedanke, daß mein Projekt — so schnell konnte ich es mir nicht abgewohnen — nicht mit mir stand und fiel.
    Wir arbeiteten, bis die Verbindung der beiden Computersysteme hergestellt war. Das dauerte einige Stunden. Wir hätten auf Gedon bleiben können, doch war es uns angenehmer, zurückzufliegen. Dank des Fusionsreaktors hatten wir zumindest genügend Energie.
    Die Fähre hob leicht vibrierend von der raketenstrahlzerfressenen Mondoberfläche ab. Ich bat Alefth, er möge noch einmal dicht über das bebaute Territorium fliegen, und fühlte mich wie ein König, der sein Reich inspiziert. Aus zwei Kilometer Höhe sah alles viel kleiner, spielzeugniedlich aus. Vor Jahren hatte das Wesen mir — schon wieder mir! — Unterstützung zugesagt, alles in allem hatte ich sie überreichlich erhalten.
    „Da?“ rief plötzlich Daleta erfreut, „seht ihr dort diesen Rumpf?“
    Alefth ging vorsichtig tiefer. Über die Länge von gut zweihundert Metern erstreckte sich halbfertig eine bizarre, nach links und rechts weit ausladende Konstruktion. Die blasenförmigen Wasserstoffbehälter bewiesen mir: ein winziges, seltsam geformtes Schiff.
    „Das war die letzte Chance, die letzte grandiose Anstrengung des Wesens, ein Mikroschiff, das uns acht, eingefroren, zu einem anderen System transportieren sollte — auf der Suche nach seinem Ebenbild.“ Dreimal umkreisten wir den gewaltigen Torso. Nutzlast: keine tausend Tonnen. Die niemals vollendete Miniaturausgabe unseres Schiffs. Aber weshalb niemals vollendet? War es nicht günstig, an einem Pilotprojekt zu üben? Ob wir wirklich die Antriebstechnologie beherrschten? Das Schiff nicht beim ersten Anlaufen der Triebwerke verglühen würde?
    Wir diskutierten auf dem Rückflug so erregt miteinander, daß ich heiser war, als wir das Schiff erreichten. An diesem Tag verdrängten wir mit unserem ausführlichen Bericht, bereichert von vielen Aufzeichnungen, alle anderen Beiträge aus AN ALLE. Schon in den nächsten Stunden trafen die ersten Stellungnahmen und Vorschläge ein. Wir hatten uns in der Zentrale versammelt, um mit den Geschwistern gemeinsam beraten zu können.
    Aus City und Oasis kamen Hilfsangebote für die künftige Siedlung am Meer. Nrada und Dasza tanzten zwischen den Formsesseln. Und Daleta? So ein glückliches Lächeln und solchen Glanz in den Augen hatte das Superwesen ihr nicht geben können. Es war ein Fest.
    Für mich aber war Teths Vorschlag der Höhepunkt dieses aufregendes Tages. „Weshalb schicken wir das Schiffsbaby nicht zur Erde? Falls es dort jemanden gibt, den es interessiert, könnten wir schon in fünfhundert Jahren Antwort haben.“

Wenn die Kuppeln fallen

    Der Himmel über Oasis war trüb und verschleiert. Ich saß in einem bequemen Korbstuhl, beste Handarbeit, vor Szinas und Szadeths Haus. Sie hatten uns zu einem „historischen“ Ereignis eingeladen. Ich lehnte mich zurück, kippte den Stuhl ein wenig nach hinten und blickte nach oben. Unter mehr als fünf Jahren mit vielen Sandstürmen und unzähligen Regengüssen hatte die ehemals durchsichtige Plastkuppel sehr gelitten, sie war blind und stumpf geworden. Kein feiner Regenbogenschimmer blitzte mehr auf ihr im Sonnenlicht.
    Es tat mir wohl, wieder einmal auf Andymon zu sein und die Füße von mir strecken zu können. Für die wenigen Tage, die wir uns in City und Oasis umschauen und erholen wollten, befand sich das Schiff bei der elften Gruppe in besten Händen.
    „Ihr könnt froh sein“, sagte Gamma zu unseren Gastgebern, mit denen uns eine immer engere Freundschaft verband, „daß das Klima sich gebessert hat. Wenn noch die heißen, staubigen Winde blasen würden, müßtet ihr unter einem grauen erblindeten Himmel leben.“
    Sie griff nach meiner Hand. „Übertreib nicht, Beth, sonst kippst du wieder um.“
    „Hat auch genug Arbeit gekostet“, meinte Szadeth und zeigte seine kräftigen Zähne, „wir haben Felsen gesprengt, zwei künstliche Seen angelegt, Dutzende Quadratkilometer Wald angepflanzt, nur damit es hier nicht mehr so heiß und trocken ist.“
    Als Hausherr nahm er mit einem gewöhnlichen Plaststuhl vorlieb.
    „Ich glaube nicht, daß die Luft draußen unseren Kindern schaden kann“, sagte Szina halblaut.
    Wir schauten zwischen den Bäumen zur Linken hindurch. Am Teich von Oasis tollten der vierjährige Prith und seine inzwischen anderthalbjährige Schwester Secca mit Gleichaltrigen. Acht Kinder von fünf Elternpaaren, die von diesen gemeinsam — als Gruppe -erzogen wurden. Ausnahmsweise spielten sie heute unter alleiniger Aufsicht eines Guros. An gewöhnlichen Tagen beschäftigte sich ein Elternpaar mit ihnen. Die vier, die nicht an der Reihe waren, konnten ihrer anderen Arbeit nachgehen. In regelmäßigen Abständen diskutierten alle gemeinsam die Fortschritte und Probleme ihres Nachwuchses.
    Ich kippelte, mein Blick schweifte dabei vom trüben Apex der über Oasis gestülpten Hülle hinab auf die mittlerweile fünf Meter hohen Pappeln, die ein- und zweigeschossigen Häuser, die sich jenseits der Kuppel als undeutliche Schemen fortsetzten. Weit über uns riß die Wolkendecke auf, die Sonne Andymons ließ die Kuppel milchig aufleuchten, sie selbst war als ein gleißender Fleck zu sehen.
    „Es wird wirklich Zeit“, sagte ich zu Szadeth. Und wie auf Befehl warfen, riesigen Fliegen gleichend, vier Kopter ihre Schattenflecke auf die Kuppel.
    Musik wehte zu uns herüber, zierlich-spitze Flötentöne, dagegen dumpf, fast nur zu erahnen, ein Baß. Wir schwiegen, um besser hören zu können. Es war nicht gerade eine Musik, die mich begeisterte, entzückte oder angenehm einlullte. Vielleicht habe ich im Totaloskop zuviel klassische europäische und lateinamerikanische Musik gehört, zuwenig andere. Etas Kompositionen klingen in meinen Ohren sämtlich fremdartig dissonant, bizarr, manchmal fast kalt. Vielleicht kann man Andymon so empfinden, vielleicht muß man dieses Empfinden so in Töne fassen. Einige meiner Geschwister lassen sich von Etas Musik hinreißen. Genau das sei Andymon, sagen sie.
    Das Geräusch der Kopter schwoll an, einzelne Flötentöne drangen noch an mein Ohr. Ich beobachtete, wie vier Trossen, dunkle Fäden aus meiner Perspektive, am Scheitelpunkt befestigt wurden.
    „Prith, Secca, kommt her!“ rief Szina. Nackt und über und über sandverkrustet, tauchten sie auf unserer Terrasse auf.
    „Was gibt’s denn, Szina?“ fragte Prith ungehalten. „Ich muß dringend spielen.“
    Gamma lachte über seine Ernsthaftigkeit, und Szina begann ihren Kindern die Größe des Augenblicks zu erklären. Ihr Tonfall war der eines weiblichen Guros, ich mußte schmunzeln.
    „Man merkt sofort“, flüsterte mir Gamma ins Ohr, „daß sie nicht nur die Lehrprogramme aus dem Schiff verwenden, sondern sich bemühen, in der Ausführlichkeit und Genauigkeit der Beschreibungen ihren Roboter-Vorbildern möglichst nahezukommen.“
    Die Kuppel riß auf. Sie wurde wie eine Apfelsine geöffnet. Der winzige blaue Punkt, an dem sich vier Risse trafen, verbreiterte sich zu einem quadratischen Fenster zum nur noch von einzelnen Wolken verdeckten blauen Himmel. Wir schauten empor. Und Prith verlangte Erklärung auf Erklärung.
    Ich setzte mich gerade hin. „Wißt ihr“, sagte ich, „jetzt häutet sich Oasis, um zu wachsen. Vielleicht bildet euer kleines Dörfchen den Kristallisationskern für eine riesige Stadt, die Jahrhundert um Jahrhundert ins Land wuchern wird, die größte womöglich auf Andymon, denn schon jetzt habt ihr weit mehr Einwohner als City. Stellt sie euch vor in tausend Jahren… Wie ihre Häuser, bunt und bizarr wie Orchideen, sich in den Himmel recken, Pylonen, verkleidet mit hängenden Gärten, gläserne Brücken über schwindelerregenden Abgründen, Canons aus Stahl und Stein. Diese Lichterpracht in der Nacht. Dieses Leben zu jeder Stunde. Millionen Menschen voller Ideen und Ambitionen. Welche Vielfalt der Kulturen, der Lebensweisen, welche Verfeinerung der Sitten…“
    Szadeth lachte, daß ich mich unterbrach. „Beth, Beth, welche Stadtutopien erträumst du. Wer weiß, wie Andymon in tausend Jahren aussieht… Ich ziehe es vor, in unserer Zeit zu leben. Ich liebe das freie Land, das ungezwungene, wenn auch manchmal harte Leben als Pionier, als Siedler. Mir gefällt es, zu den ersten zu gehören, den Grundstein zu legen für die kommende Zivilisation, mit meinen Freunden die unwirtliche Natur zu bezwingen. Jetzt und hier gelte ich als einzelner, meine Kraft ist wichtig, und das Ergebnis meiner Anstrengungen kann jeder sehen, kommt jedem zugute. Ich bin froh, nicht in deiner zukünftigen Millionenstadt zu leben. Und sei sie noch so großartig, bunt, überwältigend, sie ist nichts für mich.“
    Die Risse hatten nun den Boden erreicht, vorsichtig stiegen die Kopter in die Höhe, bis die vier Plastbahnen fast senkrecht in der Luft standen. Dann begannen sie sich zu senken. Wenn jetzt eine der Trossen risse, würden Tonnen von Plast aus zweihundert Meter Höhe in die Tiefe stürzen, zerschmettern, was sie trafen — am dichtest-besiedelten Punkt Andymons. Doch das war nicht zu befürchten. Meine Geschwister waren vorsichtig.
    Langsam legten sich die Bahnen Falte um Falte auf den Platz, der dafür geräumt worden war. Man hätte sie auch einfach abtransportieren, in eine Gebirgsschlucht oder ins Meer werfen können. Material, das der Erosion Jahrhunderte trotzen würde, einfach in die Gebend zu werfen widerstrebte uns jedoch. Zerkleinert und umgeschmolzen würden wir es erneut verwenden können.
    Meine Gedanken kehrten zu unserem Gespräch zurück. Ich machte mich zum Fürsprecher künftigen Großstadtlebens. „Ich glaub dir ja, Szadeth, daß du lieber heute als in der Zukunft lebst. Aber sie hat ihre Vorteile. Denke an die kulturelle Vielfalt, die erst durch das Leben in einer großen Gemeinschaft möglich wird. Etas Weg werden viele betreten, mit den verschiedensten Stilarten. Die Kultur der Erde bietet in Hülle und Fülle anregende Traditionslinien, an die die zukünftigen Andymonen nach ihrem eigenen Geschmack anknüpfen können.
    Unsere Nachfahren werden sich über Probleme unterhalten, die wir nicht ahnen und vielleicht nicht einmal nachempfinden können. Was wissen wir schon? Ein wenig über die Natur, über Technik, am wenigsten darüber, wie man eine Gesellschaft entwirft, ganz zu schweigen davon, wie unsere eigene Psyche funktioniert. Sie werden Andymon bis in den letzten Winkel durchstöbern, mehr über den Kosmos wissen, als selbst das Wesen von Gedon wußte. Sie werden — so hoffe ich — ihre Zivilisation so gestalten, daß jeder einzelne alle seine Fähigkeiten entwickelt, sie werden genug Muße haben, um ihr Innerstes zu erkennen. Gegen sie werden wir bornierte Barbaren sein, die nur ein Ziel kennen und ein einseitiges und nach ihren Begriffen armes Leben führen.“
    Gamma schaute mich mit ihren großen dunklen Augen an, meine Worte versickerten. „Was hast du?“ fragte ich.
    Sie lachte und strich mir über das Haar.
    „Ich weiß“, sagte ich, „jedes Leben hat seinen Reichtum, man muß ihn nur erkennen und sich seiner erfreuen.“
    „Vielleicht“, setzte Gamma meinen Gedanken leicht ironisierend fort, „vielleicht sehnen sie sich später einmal zurück in unsere heroischen Zeiten, wünschen sich, wie wir unberührtes Land umzugestalten. Sehen uns als die Riesen der Anfangszeit, Spaten in der einen Hand, den Setzling in der anderen. Wahrscheinlich wird es Filme geben über uns, Theaterstücke mit den Personen Beth und Szadeth, die uns nur in Hautfarbe und Gestalt ähneln. Und wenn sie sich plötzlich in unserer Zeit befänden, sie wären unfähig, hier zu leben, würden sich schnell in ihre bequeme, hochzivilisierte Welt zurückwünschen.“
    Die Kopter schwebten wenige Meter über dem Boden, Staub wirbelte auf, die dreieckigen Zipfel senkten sich herab, legten sich auf die gefalteten Bahnen. Die Kopter klinkten die Trossen aus und landeten auf dem nahe gelegenen Flugfeld.
    Wie wenig wissen wir, was kommen wird, dachte ich, als ich über das urbare Land zu den fernen Gebirgszügen schaute. Kilometerweit grünte es. Ein Windstoß wehte von den Bergen am Horizont herüber, trug frische, natürliche Andymonluft über Oasis.
    „Mir gefällt mein Leben“, kommentierte Szina unsere Diskussion.
    „Erzählst du uns wieder mal so ein schönes Märchen wie das von den Ameisen mit den vielen Füßen?“ fragte mich Prith. Zufrieden nahm er meine bejahende Antwort entgegen. Dann verabschiedete er sich formvollendet: „Tschüs, Gamma, tschüs, Beth, ich muß jetzt wieder spielen.“
    Szadeth lächelte sichtlich stolz, als seine Kinder lärmend in der nächsten Baumgruppe verschwanden.
    Die alte Schale war aufgebrochen. Unser Utopia wuchs.

Berührung des Bodens

    Ohne Bedenken hatten wir uns auf unsere Technik verlassen, immer. Sie hatte ihre Funktionstüchtigkeit selbst überprüft und sich selbst repariert. Im Schiff. Aber Banalitäten, jahrelang als gegeben hingenommen, können ihre Selbstverständlichkeit über Nacht verlieren.
    In der kurzen Zeit, die Gamma und ich auf dem Planeten zu verbringen gedachten, wurden wir mit Einladungen überschüttet. Auch zum „Kastell“, wie Myth die Siedlung am Meer wegen ihres kompakten Charakters getauft hatte. Im Gegensatz zu Oasis und City wohnten dort die Geschwister nicht in separaten Häusern, sondern in einem ursprünglich quadratischen Komplex, der sämtliche Einrichtungen beherbergte.
    Laath und Bhriga wollten uns ihre Fortschritte bei der Belebung der weniger salzhaltigen Gewässer und natürlich ihr Kastell zeigen.
    Die Hangars von City standen leer, aber etwas abseits entdeckten wir auf dem Flugfeld einen Kopter. Wir stiegen ein, ich überprüfte den Wasserstoffvorrat und startete. Bald flogen wir hoch über dem Boden.
    Das Land unter uns war eine Freude für das Auge. Um City und vor allem um Oasis erstreckten sich weite sattgrüne Flächen, dunkler die Forste, heller die Wiesen, auf denen verschiedene Arten Huftiere weideten, gelbgrüne Rechtecke die Felder. Doch selbst das nicht bebaute Land grünte Dutzende Kilometer im Umkreis. Der Samen schlug Wurzel, wo der Wind ihn hintrug. Völlig kahl ragten nur vereinzelte Felsen heraus. Zwischen Oasis und der Küste wurde das Grün dünner, streckenweise fadenscheinig, doch fehlte es nie völlig.
    Wir hatten Andymon lange nicht mit dieser Deutlichkeit als erblühenden Planeten gesehen, und so kam es, daß ich mehr den Boden als die Armaturen beachtete, die mir vielleicht hätten verraten können, daß der Kopter, den wir aufs Geratewohl genommen hatten, von langen Flügen verschlissen und für eine Generalüberholung vorgesehen war. Wahrscheinlich gab es außer Gamma und mir, die wir erst vor einer Woche das Schiff verlassen hatten, niemanden in City, der nicht von der Reparaturbedürftigkeit des Kopters wußte.
    Schon sahen wir am Horizont den Delth-Ozean graublau liegen, da heulte plötzlich der Motor auf, rote Warnsignale flackerten. Die Maschine bockte, so daß ich die Herrschaft über die Steuerung verlor. Verzögerungslos schaltete sich die Notautomatik ein.
    „Festhalten!“ rief ich in das Stottern des Triebwerkes. Der Kopter kippte, schlingerte, taumelte. Grüner Boden, Wolken, Horizont, Berge trudelten ins Blickfeld. Rasend schnell stürzte Andymon auf uns zu, von Aussteigen konnte keine Rede sein. Die Automatik katapultierte die Wasserstofftanks hinaus. Als sie berstend aufschlugen, begannen sie zu brennen. Der Motor schwieg, und kurze Sekunden hatte ich den antriebslosen Kopter wieder in der Gewalt, konnte den Sturz verlangsamen, wodurch die horizontale Geschwindigkeit wuchs. Eine Felsgruppe, über die wir noch hinwegsetzten. Eine Strecke flachen Landes. Ein Knall, und das automatisch aufgeblasene Luftpolster füllte das Innere des Kopters, raubte mir die Sicht. Ein unheimliches, langgezogenes Kreischen und Knirschen. Ein gewaltiger Stoß, krachende Überschläge. Dann verlor ich das Bewußtsein.
    Schmerzen, gleißende Sonnen von Schmerzen zerrissen mein Innerstes, ich schrie sie hinaus, aber es war, als hätte ich nie einen Mund besessen, kein Ton kam. Ich schrie wieder, dann versank ich in brennender Schwärze.
    Nebel, die sich langsam zerteilten, Schemen von Licht und Schatten. Der rasende Schmerz existierte noch, aber er war in weite Ferne gerückt, gehörte einem Körperteil an, von dem ich mich gelöst hatte. Zerbrochen und starr lag ich da. Allmählich klärte sich mein Blick. Verknäulte Stangen nur eine Handbreit vom Kopf, weiße Fetzen des Luftpolsters, aufgerissen die durchsichtige Wandung des Kopters. Weite Meter dahinter Gamma, verkrümmt auf dem Boden sitzend, Blut im Haar, auf dem hellblauen Kleid.
    „Kommt doch, Beth stirbt! Ein Träger hat ihn aufgespießt!“.
    Ferne, ferne Worte: Beth stirbt. Ein Träger hat ihn aufgespießt. Worte, die zu einer anderen Welt gehörten wie der Schmerz, Lichtjahre weit. Wie die Augen, die sich nicht schlossen, der Mund, der sich nicht schreiend öffnete.
    Meine Welt war dieses berauschende Bild: Gamma auf sonnenüberfluteter Wiese. Eine fremdartig langgezogene dunkelrote Orchidee im Haar, in sanften seidigen blauen Stoff mit Klatschmohntupfen gehüllt. Gamma.
    „Kastell hat keinen Kopter bereit! Alefth von dort mit dem Rover unterwegs! Eine Stunde vielleicht!“
    „Joth ist auf Ladym? Was sucht er ausgerechnet dort?“ „Ilona nicht erreichbar! Kontrolliert ein Gewässer! Badet vielleicht ohne Armband!“
    „Fith fliegt von City! Er ist kein Arzt! Dreißig Minuten mindestens!“ „Was ist mit Mega? Sekunde!“
    „Beth stirbt! Was soll ich machen! Beeilt euch!“
    Ferne, ferne Worte: Beth stirbt. Als könnten sie mir gelten in dieser hellen, schönen, ergrünenden Welt. Einer Welt ohne Zeit. Mit Beth’ und Gamma’ aus dem neuen Schiff. Und Beth’’ und Gamma’’ aus dem neuen Schiff des neuen Schiffs. Und Beth’’’ und Gamma’’’. Und… Als könnten die Worte mir gelten: Beth stirbt.
    „Antischock! Abbinden!“
    „Zeig uns Beth!“
    „Kastell bereitet OP vor!“
    „Blutverlust!“
    „Und du, Gamma?“
    Du, Gamma, in meiner Welt tanzt du heran, seltsamer Tanz, der es erfordert, den rechten Arm steif zu halten, ungleiche Schritte zu machen. Wie jener zitronenfarbene Schmetterling könnte ich dich umkreisen…
    „Hörst du mich, Beth?“
    Nach zehn Tagen und zweifachem klinischem Tod hörte ich sie wieder. Und ich sah die helle Decke über mir und ihr Gesicht. Und als ich das nächstemal erwachte, sah ich durch das hohe Fenster blütentragende Bäume und hörte das brandende Meer in der Ferne, und ich roch die würzige, salzige Luft.
    Nach drei Wochen zeigte mir Gamma zum erstenmal wieder ein paar Beiträge aus AN ALLE. Andymon drehte sich auch ohne mein Zutun. Die elfte Gruppe baute am Schiff ohne mein Zutun. Und sie hatten über notwendige Arbeitsteilung diskutiert und einen medizinischen Notdienst eingeführt, nicht ganz ohne mein Zutun.

Wieder und wieder die Erde suchen

    „Du bleibst im Kastell, bis du völlig ausgeheilt bist, Beth. Dort hast du die nötige Ruhe.“
    Dem Verdikt Ilonas konnte ich mich nicht widersetzen. Und in den ersten Wochen fehlte mir sogar die Kraft dazu. Stunden und Tage saß ich auf der langgestreckten Terrasse des Kastells, direkt über den Klippen, und beobachtete das bald sturmgepeitschte, bald wie ein Spiegel in der Sonne liegende Meer. Wie oft wurde das Buch zu schwer in meiner Hand, wie oft schlief ich ein!
    „Kein Schiffbau, Beth! Keine Computerarbeit! Beeile dich lieber, gesund zu werden!“ Gamma hatte ihre Kopfverletzung gut überstanden, und der gebrochene Arm war bereits verheilt. Sie unternahm alles, um mir mein Rekonvaleszentenleben schön zu machen, schmückte unser Zimmer mit den vertrauten Bildern und mit Blumen. Grub in den Speichern des Schiffs Werke uralter Philosophen aus und legte sie mir als fertiggebundene Bücher unter das Kopfkissen. Sie lud in den richtigen Abständen Geschwister zu Besuch und ermittelte nach dem neuen Andymonkalender meinen Geburtstag, um Anlaß zum Feiern und Schenken zu haben.
    Als ich noch nicht den kurzen Weg ins „Refektorium“, wie die Kastellbewohner ihren Speisesaal hochtrabend nannten, zurücklegen konnte, brachte sie mir, was mein Gaumen begehrte. Und manche der Leckerbissen waren sicher nicht auf dem allgemeinen Speisezettel zu finden. „Auch wenn du von Beth’ und Beth” in künftigen Schiffen redest, für mich gibt es nur einen Beth. Und der hat nur ein Leben. Jeder dieser Tage ist ein Stück davon.“
    Zu mehr als einem Kuß auf ihre Stirn reichte meine Kraft noch nicht.
    Jeder im Kastell, jeder aus der vierten, zehnten und dreizehnten Gruppe, behandelte mich überaus rücksichtsvoll und zuvorkommend. Ich schimpfte, ich sei kein rohes Ei und sie sollten meine Heilung nicht verzögern, indem sie mir auch den kleinsten Handgriff abnähmen. Zwecklos. Sie richteten selbst die Bautätigkeit in ihrer Siedlung so ein, daß kein Lärm entstand, während ich schlief.
    Endlich kam der Tag, an dem ich das Kastell verlassen durfte. Gamma führte mich die steilen Stufen durch die Klippen hinunter. Die Sonne stand bereits hoch über dem Horizont und vertrieb die letzten Reste morgendlicher Kühle aus den Felsen. Unten am steinigen Strand empfing mich lautstark die dreizehnte Gruppe, die nach früher Arbeit eine Stunde Pausenschwimmen einlegte.
    Langsam zog ich mich aus. Die nicht vom Gischt benetzten Steine waren angenehm warm an den Füßen. Gamma suchte eine glatte Stelle und breitete eine Decke aus, auf die ich mich setzte. Dann lief sie zum Kastell zurück, um einen Imbiß zu holen.
    Das Wasser blitzte in der Sonne, vierzehn Jahre etwa waren die Geschwister alt, die sich im Gegensatz zu mir im Meer tummeln durften. Tauchen fiel ihnen wegen des hohen Salzgehaltes schwer. Und jeder Kratzer brannte höllisch. Aber sie kannten jeden Fels unter Wasser und liefen kaum Gefahr, sich zu verletzen.
    Jath strich mit den Händen das Wasser vom Körper und setzte sich zu mir. „Ich wollte dich etwas fragen, Beth.“
    „Ja?“
    „Was glaubst du, wie sieht es jetzt auf der Erde aus?“
    „Ich weiß es sowenig wie du“, sagte ich wahrheitsgemäß.
    Wir alle hatten irgendwann angefangen, nach der wahren Erde zu suchen. Jath hatte dieses Alter nun erreicht.
    „Aber du mußt doch eine Hypothese haben, du kennst das Schiff in-und auswendig. Du hast Jahre im Totaloskop verbracht…“
    „Was soll ich dir sagen, Jath? Unser Schiff ist offensichtlich von friedfertigen Konstrukteuren entworfen worden, es hat nichts Aggressives an sich. Wir selbst entstammen allen Rassen der Erde, das weist auf einen gemeinschaftlichen Bau hin. Natürlich sind dies nur Indizien, die nichts beweisen. Ich kann eine thermonukleare oder ökologische Katastrophe nicht mit letzter Sicherheit ausschließen. Dann wäre das Schiff ein letzter Aufschrei, ein Kraftakt, die Sterne zu erreichen und dort einen neuen Versuch unter glücklicheren Voraussetzungen zu wagen und den Fortbestand der menschlichen Zivilisation zu sichern.“
    Wohltuend heiß schien die Sonne auf die bleiche Haut meines Bauches und die häßlichen rosa Narben. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf, legte mich zurück und schloß die Augen.
    „Ich war einmal im Totaloskop“, sagte Jath langsam, „da passierte so eine Katastrophe… Ich war tot, noch ehe es richtig begann. Nur die Angst, die Panik und auch die Gleichgültigkeit vorher habe ich erlebt. Und jetzt, immer wenn ich an die Erde denke, habe ich einen ausgeglühten Planeten vor Augen. Verstehst du, Beth, das ist auch das wahrscheinlichste; das Schiff benötigte Jahrzehntausende, um hierherzugelangen, wenn die Menschheit noch existierte, hätte sie die Technik weiterentwickelt, und andere Schiffe hätten unseres überholt. Daß Andymon noch unbesiedelt war, beweist alles!“
    Gedanken, mir seit langer Zeit vertraut und scheinbar so schlüssig. Aber die Wahrheit trägt den Mantel des Paradoxen.
    „Du irrst dich“, sagte ich, „es gibt nun einmal gewisse physikalische Grenzen auch für die vollkommenste Technik. Ich meine damit nicht /nur die Lichtgeschwindigkeit, der sich das Schiff ja nicht einmal näherte, sondern eher Probleme des Materials, der Konstruktion von Antrieben, des Masseverhältnisses. Das ist das eine. Andererseits ist weder bewiesen, daß die Menschen für den Fortschritt immer neue Techniken benötigten, noch, daß nicht andere Schiffe Andymon längst hinter sich gelassen haben. Es gibt so viele Planeten zu besiedeln...“
    „Vielleicht hast du recht. Trotzdem habe ich Angst um die Erde…“
    Ich öffnete die Augen und blinzelte in die Sonne.
    „Weißt du, Jath, eigentlich bin ich fest davon überzeugt, daß eine Zivilisation, die Schiffe wie das unsrige baut, ihre inneren Konflikte überwunden hat. Würde ein Staat mit hohen Militärausgaben oder eine von Krisen zerrüttete Gesellschaft sich so phantastische Investitionen leisten, die nie einen Rückfluß, nie einen direkt verwertbaren Nutzen bringen?“
    Meine Vorderseite brannte. Ich wälzte mich herum. Die dunklen Steine vor meinen Augen waren salzüberkrustet.
    „Ich persönlich halte es für das wahrscheinlichste, daß noch vor dem Bau des ersten Schiffs, vor über zehntausend Jahren galaktischer Zeit, sich die friedliebenden und nicht ausschließlich an ihren eigenen Vorteil denkenden Menschen durchgesetzt haben. Glaubst du, unsere Geschwister würden oben auf Gedon an dem kleinen Schiff, der kosmischen Flaschenpost, bauen — ohne begründete Hoffnung?“
    Ich hielt inne, noch nie hatte mir jemand ein derartiges Bekenntnis abverlangt. Soviel hatte ich nicht sagen wollen. Jath sollte sich seine eigene Meinung bilden, er verfügte über dieselben Fakten wie ich. Mit einem Stein kratzte ich Diagramme in die Felsplatte, auf der wir lagen.
    „Natürlich kannst du auch spekulieren, Jath: Die Erde hat nie existiert, ist nur ein bizarrer Traum, ein Symbol für die Vergangenheit, eine Legende. Ist es nicht gleich, welche der Möglichkeiten zutrifft? Ändert es etwas?“
    „Nein, für mich ist es nicht gleich, Beth, ich brauche die Erde…“
    „Nun ja“ — sein Eifer brachte mich eine Sekunde aus der Fassung — „ich denke immer so: Gleich, wie es um die Erde steht, wir haben Andymon und sind für diesen Planeten verantwortlich. Und wir haben uns so zu verhalten, als seien wir die einzigen im Universum, als hinge allein von uns das Schicksal der Menschheit ab.“
    Das waren meine Gedanken, doch ich hatte sie nicht ausgesprochen. Ich hatte geschwiegen und auf die mir vertraute Stimme Gammas gehört. Ganz flach legte ich mich auf die warme Decke und schloß die Augen.
    Bevor mich die Monotonie der heranbrandenden Wellen in den Schlaf zog, dachte ich noch: Ferne Erde, ob wir es wollen oder nicht, du hältst uns alle in deinem Bann. Und obwohl ich alle Überlegungen über den Abflugort des Schiffs längst dutzendmal angestellt habe, werde ich nie aufhören, wie Jath nach dir zu suchen.

Endloses Meer

    Ein abendlicher Windstoß fährt über die Terrasse und greift in die beschriebenen Seiten. Ich beschwere sie und blicke hinaus über die dunkle Weite des Meeres, dessen unablässiges Rollen das einzige Geräusch ist, das mich erreicht.
    Blatt um Blatt habe ich in den vergangenen Wochen niedergeschrieben, was mir wichtig schien, jetzt bin ich fertig.
    Wie sich in der Erinnerung die Proportionen wandeln. Mir ist, als hätte ich vor ein paar Tagen mit Guro und den Geschwistern den Naturpark durchstreift, als wäre vorgestern Delth in den entfesselten Gewalten eines schon gestern bezwungenen Planeten verschollen. In meiner Kindheit, unter den hochaufragenden Bäumen und kaum erklimmbaren Felsen des Schiffs, schien die Zeit stillzustehen, jeder Tag dauerte eine Ewigkeit. Doch jetzt? Das Schiff ist geschrumpft, seine Weite dahingeschwunden, und ein Tag jagt den nächsten. Habe ich nicht erst vor einer Stunde Papier und Stift ergriffen? Eine nur dem menschlichen Gehirn eigene Relativität verändert Raum und Zeit.
    Ich lehne mich an die Brüstung, spüre den kühlen Stein. Feucht ist die Luft und riecht nach Salz. Kein Vogelruf belebt die Brandung — noch nicht.
    Vor zwei Jahren habe ich begonnen, mir Aufzeichnungen über mein Leben und die Entwicklung unserer Gemeinschaft zu machen, sporadisch zuerst, in Form von Gedankensplittern. Die lange Zeit der Genesung, die mich vom kraftvollen Lebensrhythmus der Geschwister ausschloß, gab mir die Ruhe, sie zu ordnen.
    Ja, ursprünglich sollten sie ein heimliches Geschenk für meinen Zwilling und Nachfahren Beth’ im neuen Schiff werden, ihm durch rechtzeitige Information manche Schwierigkeit, manchen Fehler, insbesondere den Konflikt mit Resth’ ersparen. Welche Illusion! Jeder muß seine Erfahrungen selbst machen. Und indem ich ihm die gleichen Startbedingungen gebe, erkenne ich die Notwendigkeit und Richtigkeit der Entwicklung unserer Gemeinschaft an.
    Was ich geschrieben habe, ist nicht für Beth’ bestimmt, sondern für Beth, für mich. Habe ich mir nicht am Anfang Fragen gestellt? Ich habe mich ihrer Beantwortung, glaube ich, ein Stück genähert. Was bin ich? — Ich bin ein Teil der sich durch das All ausbreitenden menschlichen Gemeinschaft. Und ich bin ein lädierter Sterblicher, dem an manchen Tagen selbst der Schreibstift zu schwer ist, der es liebt, über das weite, offene Land oder Meer zu blicken — und der jetzt wünscht, daß sich die Schritte auf dem abbiegenden Teil der Terrasse wieder entfernen mögen.
    „Noch ein paar Minuten, bitte, ich komme später zum Abendessen.“
    Schwere Wolkenschichten lassen den feinen Trennstrich des Horizonts verschwinden. Himmel und Ozean verschmelzen im düsteren Farbspiel der Dämmerung.
    Irgendwo da draußen, von mir aus gesehen vielleicht unter der massiven Kugel Andymons, befindet sich das alte Schiff — und der Keim des neuen. Jahrzehnte wird es noch dauern, bis wir es hinausschicken werden ins All. Das Leben in ihm wird erst erwachen, wenn das Schiff sich seinem Ziel nähert, jenem fernen Planetensystem, das wir schon jetzt ausgesucht haben. Welche Chance werden unsere kosmischen Nachfahren haben, sich dort einzurichten, zu überleben? Im günstigsten Falle treffen sie auf eine formbare Welt wie Andymon, können sich ihre eigene Erde schaffen. Im ungünstigsten finden sie nur kahle, atmosphärelose Steinwüsten, unangreifbar trotz all unserer Technologien. Dann werden sie in kosmischen Wohnzylindern leben müssen oder unter Kuppeln. Alles, was wir ihnen garantieren können, ist ein Planetensystem — mehr oder minder geeignetes Rohmaterial.
    Noch haben wir nicht entschieden, aber wahrscheinlich werden wir sie so wenig über uns informieren, wie uns die Erbauer des alten Schiffs über sich informiert haben. Sie werden sich die gleichen Fragen stellen wie wir: nach dem Woher und nach dem Wohin — und nach der uns alle verbindenden Erde. Ist es nicht seltsam, daß wir die Rätsel unserer Kindheit und Jugend allein dadurch lösen, daß wir sie weitergeben? Ich bin davon überzeugt, daß wir weder die ersten noch die letzten sind. Unser Schiff ist nur eins in einer langen Reihe, wurde von einer Alfa und einem Delth, einer Gamma und einem Beth und ihren Geschwistern auf einem uns unbekannten Planeten erbaut.
    Das Meer ist dunkel geworden, fast schwarz, vereinzelt stehen erste Sterne jenseits der unsichtbaren Scheidelinie. Schwarzes, totes Meer unter ebenso schwarzem, ebenso totem Firmament? Schwarz ja, aber nicht tot beide, allenfalls vorübergehend unbelebt. Wir sind nur eine Welle des großen Ansturms. Überall dort zwischen den Sternen werden sie, einer eigenen Evolution folgend, ihre Bahn ziehen. Vielleicht nur Dutzende, vielleicht bereits Millionen Schiffe, die den Teppich menschlicher Zivilisation in die Galaxis weben.
    Es ist alles nur ein Anfang.
    Illustrationen von Schulz/Labowski
    © Verlag Neues Leben, Berlin 1982
    3. Auflage, 1986
    Lizenz Nr. 303 (305/203/86)
    LSV 7503
    Umschlag: Schulz/Labowski Typografie: Walter Leipold Schrift: 10 p Times
    Gesamtherstellung: (140) Druckerei Neues Deutschland, Berlin
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