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Mitternacht

Mitternacht

Аннотация

    Nie war das Grauen bedrohlicher …
    Tessa Lockland kann den angeblichen Selbstmord ihrer Schwester nicht glauben. Deshalb macht sie sich auf den Weg nach Moonlight Cove, der kalifornischen Kleinstadt, in der ihre Schwester zuletzt gelebt hat. Auch ein FBI-Agent trifft dort ein, um eine Reihe seltsamer Todesfälle zu klären. Der an den Rollstuhl gefesselte Vietnam-Veteran Harry Talbot hat ihn verständigt, da auch er schon länger seltsame Ereignisse beobachtet. Und schließlich ist da noch das Mädchen Chrissie Foster, deren Eltern sich zu unheimlichen Wesen verwandeln. Alle Fäden scheinen bei der geheimnisvollen Computerfirma New Wave zusammenzulaufen, die ein wahnwitziges Experiment mit den Bürgern der Stadt plant ...


    Titel der Originalausgabe MIDNIGHT.
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Körber Scanned by Doc Gonzo.


    Für Ed und Pat Thomas vom Book Carnival, die so nette Leute sind, daß ich manchmal vermute, sie sind gar keine Menschen, sondern Außerirdische aus einer anderen, besseren Welt

Teil Eins
ENTLANG DER NÄCHTLICHEN KÜSTE

    Wo unheimliche Gestalten zu mitternächtlicher Musik tanzen, die nur sie selbst hören können.
    The Book of Counted Sorrows

    1
    Janice Capshaw machte es Spaß, nachts zu laufen.
    Janice zog beinahe jeden Abend zwischen zehn und elf Uhr den grauen Jogginganzug mit reflektierenden blauen Streifen auf Rücken und Brust an, streifte sich ein Stirnband über das Haar, schnürte die New Balance-Turnschuhe zu und lief sechs Meilen. Sie war fünfunddreißig, hätte aber als fünfundzwanzig gelten können, und sie schrieb das jugendliche Aussehen ihrer zwanzig Jahre währenden Hingabe ans Laufen zu.
    Sonntagnacht, am 21. September, verließ sie das Haus um zehn Uhr und lief vier Blocks nach Norden, zur Ocean Avenue, der Hauptstraße von Moonlight Cove, wo sie links abbog und zum öffentlichen Strand hinunterlief. Die Geschäfte waren geschlossen und dunkel. Abgesehen vom matten Messingglanz der Natriumdampflampen waren die einzigen Lichter die in den Wohnungen über den Geschäften, in der Knight's Bridge Tavern und in der katholischen Kirche Our Lady of Mercy, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Auf der Straße fuhren keine Autos, kein Mensch war zu sehen. Moonlight Cove war schon immer eine ruhige kleine Stadt gewesen und mied den Tourismus, den andere Küstenstädte so begierig suchten. Janice gefiel der langsame, gemächliche Gang des Lebens hier, auch wenn die Stadt manchmal spät-nachts nicht nur verschlafen, sondern tot wirkte.
    Als sie die kurvenreiche Hauptstraße entlanglief, durch bernsteinfarben erleuchtete Plätze, durch von windgebeugten Zypressen und Pinien geworfene, schichtweise Schatten, nahm sie außer ihrer eigenen keine Bewegung wahr - abgesehen vom dünnen Nebel, der sich träge und schlangengleich durch die windstille Luft voranschob. Die einzigen Geräusche waren das gedämpfte Platsch-platsch der Gummisohlen ihrer Joggingschuhe auf dem Gehweg und ihr keuchendes Atmen. Allem äußeren Anschein zufolge hätte sie der letzte Mensch auf Erden sein können, der sich auf einen einsamen Post-Armageddon-Marathon eingelassen hatte.
    Es gefiel ihr nicht, in der Frühe aufzustehen und vor der Arbeit zu laufen, und im Sommer war es angenehmer, ihre sechs Meilen zurückzulegen, wenn die Hitze des Tages nachgelassen hatte. Aber weder Abscheu vor den Morgenstunden noch die Hitze waren die tatsächlichen Gründe dafür, daß sie der Nacht den Vorzug gab; sie hielt sich im Winter an denselben Plan. Sie betrieb ihren Sport schlichtweg um diese Zeit, weil sie die Nacht mochte.
    Schon als Kind hatte sie die Nacht dem Tag vorgezogen, saß gerne nach Sonnenuntergang unter dem funkelnden Sternenhimmel im Garten, lauschte Fröschen und Grillen. Die Dunkelheit wirkte beruhigend. Sie machte die scharfen Kanten der Welt weicher, dämpfte die zu grellen Farben. Wenn die Dämmerung anbrach, schien der Himmel zurückzuweichen; das Universum dehnte sich aus. Die Nacht war größer als der Tag, in ihrem Reich schien die Welt mehr Möglichkeiten zu bieten.
    Jetzt kam sie an die Biegung der Ocean Avenue am Fuß des Hügels, sprintete über den Parkplatz und zum Strand. Am Himmel über dem dünnen Nebel zogen nur vereinzelte Wolken dahin, und der silberngelbe Glanz des Vollmonds spendete genügend Licht, daß sie sehen konnte, wohin sie lief. In manchen Nächten war der Nebel so dicht, der Himmel so verhangen, daß es nicht möglich war, am Strand zu laufen. Aber heute schäumte die weiße Gischt der ans Ufer rollenden Wellen mit geisterhafter Phosphoreszenz aus dem schwarzen Meer, und der breite Sandstreifen schimmerte blaß zwischen den wogenden Fluten und den Hügeln, und auch im Nebel selbst leuchteten sanft die Spiegelungen des herbstlichen Mondscheins.
    Als sie über den Strand zum festeren, feuchten Sand direkt am Wasser lief und sich südwärts wandte, um eine Meile bis zur Spitze der Bucht zu laufen, fühlte Janice sich herrlich vital.
    Richard - ihr verstorbener Mann, der vor drei Jahren einem Krebsleiden erlegen war -, hatte gesagt, ihr Biorhyth-mus wäre so sehr auf die Zeit der Mitternacht fixiert, daß sie mehr als nur ein Nachtmensch wäre. »Wahrscheinlich würde es dir gefallen, ein Vampir zu sein und zwischen Sonnenuntergang und Dämmerung zu leben«, hatte er gesagt, und sie hatte geantwortet:
    »Ich will dir das Blut aussaugen.« O Gott, sie hatte ihn so sehr geliebt. Anfangs hatte sie geglaubt, das Leben als Frau eines lutherischen Priesters könnte langweilig sein, aber das war es nie gewesen, nicht einen Augenblick. Er fehlte ihr auch drei Jahre nach seinem Tod noch jeden Tag - und in der Nacht noch mehr. Er war...
    Als sie an einer Gruppe zehn Meter hoher, in sich gewundener Zypressen vorbeikam, die mitten auf dem Strand wuchsen, auf halbem Weg zwischen dem Wasser und den Hügeln, war Janice plötzlich überzeugt davon, daß sie nicht allein in Nacht und Nebel war. Sie sah keine Bewegung, und sie hörte keinen Laut, abgesehen von den eigenen Schritten, dem keuchenden Atem und dem pochenden Herzschlag; nur ihr Instinkt verriet ihr, daß sie Gesellschaft hatte.
    Anfangs war sie nicht ängstlich, weil sie dachte, ein anderer Läufer wäre am Strand unterwegs. Ein paar hiesige Fitneß-Fanatiker liefen gelegentlich nachts, freilich nicht aus freien Stücken, wie sie, sondern, weil sie keine andere Möglichkeit hatten. Sie begegnete ihnen zwei- oder dreimal im Monat auf ihrer Runde.
    Aber als sie stehenblieb, sich umdrehte und in die Richtung zurücksah, aus der sie gekommen war, sah sie nur die verlassene Ausdehnung des Sands im Mondlicht, das gekrümmte Band leuchtender, schaumiger Gischt und die vagen aber vertrauten Umrisse von Felsformationen und vereinzelten Bäumen, die sich hier und da am Strand erhoben. Das leise Rauschen der Wellen war das einzige Geräusch.
    Sie dachte, daß ihre Instinkte unzuverlässig wären und sie alleine wäre, und daher lief sie weiter am Strand entlang nach Süden und fand ihren Rhythmus bald wieder. Sie kam jedoch nur etwas fünfzig Meter weit, dann sah sie eine Bewegung aus dem Augenwinkel, etwa zehn Meter links von ihr; ein von Nacht und Nebel verhüllter hastiger Umriß, der von einer Zypresse im Sand zu einer verwitterten Felsformation huschte, hinter der er wieder verschwand.
    Janice blieb stehen, blinzelte zu dem Felsen, fragte sich, was sie gesehen hätte. Es schien größer als ein Hund zu sein, vielleicht so groß wie ein Mensch, aber da sie es nur am Rande gesehen hatte, hatte sie keine Einzelheiten erkennen können. Die Formation - sechs Meter lang, an manchen Stellen nur einen Meter hoch, an anderen bis zu drei - war von Wind und Regen bearbeitet worden, bis sie einem Berg halb geschmolzenen Wachses glich; sie war groß genug, das zu verbergen, was Janice gesehen hatte.
    »Ist da jemand?« fragte sie.
    Sie erwartete keine Antwort und bekam auch keine.
    Ihr war unbehaglich zumute, aber sie hatte keine Angst. Wenn sie mehr gesehen hatte als eine Täuschung des Mondlichts oder Nebels, dann war es sicher ein Tier gewesen -aber kein Hund, denn ein Hund wäre schnurstracks auf sie zugelaufen und nicht so geheimnistuerisch gewesen. Da es an der Küste keine Raubtiere gab, die hätten gefährlich werden können, empfand sie auch mehr Neugier als Angst.
    Sie stand reglos da, von einem dünnen Schweißfilm überzogen, und bemerkte allmählich die Kälte. Sie hüpfte auf einer Stelle, um sich warm zu halten, und behielt den Felsen im Auge, weil sie damit rechnete, daß das Tier aus seiner Deckung kommen und entweder nach Norden oder Süden am Strand entlanglaufen würde.
    Ein paar Leute in der Gegend hielten Pferde, die Fosters hatten sogar eine Stallung am Meer, etwa zweieinhalb Meilen von hier hinter der Nordflanke der Bucht. Vielleicht war eines ihrer Tiere ausgebrochen. Das Ding, das sie aus dem Augenwinkel gesehen hatte, war zwar nicht so groß wie ein Pferd gewesen, aber es konnte ein Pony sein. Andererseits, hätte sie die Hufschläge eines Ponys nicht selbst im weichen Sand hören müssen? Wenn es sich tatsächlich um ein Pferd der Fosters handelte - oder von jemand anderem aus der Gegend -, sollte sie natürlich versuchen, es wieder einzufangen oder sie wenigstens wissen lassen, wo sie es wiederfinden könnten.
    Da sich nichts bewegte, lief sie schließlich zu den Felsen und umkreiste sie einmal. Am Ansatz der Formation und in den Klüften im Fels waren ein paar samtweiche Schatten, aber der größte Teil lag im milchigen, schimmernden Mondschein, und dort war kein Tier zu sehen.
    Sie dachte niemals ernsthaft an die Möglichkeit, daß sie etwas anderes als einen Läufer oder ein Tier gesehen haben, daß sie sich in echter Gefahr befinden könnte. Abgesehen von gelegentlichen Vorfällen von Vandalismus oder Einbrüchen - die immer auf das Konto eines oder mehrerer frustrierter Halbwüchsiger gingen - und Verkehrsunfällen, war die hiesige Polizei weitgehend beschäftigungslos. Verbrechen an Personen - Vergewaltigungen, Überfälle, Mord -waren in einer so kleinen und verschworenen Gemeinde wie Moonlight Cove selten; es war fast, als lebten sie an diesem Strandabschnitt in einem anderen, gnädigeren Zeitalter als der Rest von Kalifornien.
    Als sie die Formation umkreist hatte und zu dem festen Sand nahe der schäumenden Brandung zurückkehrte, war Janice zu der Überzeugung gekommen, daß sie sich vom Mondschein und dem Nebel - zwei geschickten Täuschern -hätte narren lassen. Sie hatte sich die Bewegung nur eingebildet; sie war allein am Strand.
    Sie stellte fest, daß der Nebel immer dichter wurde, aber sie lief dennoch weiter am sichelförmigen Strand entlang zur Südspitze der Bucht. Sie war sicher, daß sie dorthin gelangen und zur Ocean Avenue zurückkehren konnte, bevor die Sichtverhältnisse allzu schlecht wurden.
    Wind kam auf und wehte übers Meer; er wirbelte den Nebel durcheinander, der sich von gazeartigem Dunst zu weißen Schlieren zu verfestigen schien, als wäre er Milch, die zu Butter gestampft wird. Als Janice das südliche Ende des schmäler werdenden Strands erreicht hatte, wehte der Wind heftiger, die Gischt war ebenfalls lebhafter, schäumende Schleier wurden aufgewirbelt, wenn Wellen auf den gemauerten, künstlichen Wellenbrecher brandeten, der als Erweiterung der natürlichen Landzunge erbaut worden war.
    Jemand stand auf dieser fünf Meter hohen Mauer und sah zu ihr herunter. Janice sah auf, als sich eine Nebelschwade verzog und der Umriß im Mondlicht zu erkennen war.
    Jetzt bekam sie Angst.
    Der Fremde befand sich zwar direkt vor ihr, aber sie konnte sein Gesicht im Halbdunkel nicht sehen. Er schien groß zu sein, über einen Meter achtzig, aber das konnte auch eine Täuschung der Perspektive sein.
    Abgesehen von seinem Umriß waren nur seine Augen zu erkennen, und diese erfüllten sie mit Angst. Sie leuchteten weich wie Bernstein, wie die Augen eines Tiers in Scheinwerfern.
    Als sie direkt zu ihm aufsah, schlug sein Blick sie einen Moment in den Bann. Er war vom Mond beleuchtet, ragte über ihr auf, groß und reglos auf Mauersteinen, während Gischt rechts und links von ihm explodierte, er hätte ein aus Stein gehauenes Götzenbild mit Juwelen als Augen sein können, das von einem dämonenanbetenden Kult in einem längst vergangenen dunklen Zeitalter errichtet worden war. Janice wollte sich umdrehen und weglaufen, aber sie konnte sich nicht bewegen, sie schien am Strand festgewachsen und befand sich im Griff einer lähmenden Angst, wie sie sie bis -her nur in Alpträumen gekannt hatte.
    Sie fragte sich, ob sie wach wäre. Vielleicht war ihr mitternächtlicher Lauf tatsächlich Teil eines Alptraums, vielleicht lag sie in Wirklichkeit wohlbehalten unter warmen Decken schlafend im Bett.
    Dann gab der Mann ein eigentümliches, leises Knurren von sich, teilweise ein zorniges Fauchen, aber auch ein Zischen; teilweise ein heißer, drängender Schrei des Verlangens, aber gleichzeitig kalt, kalt.
    Dann bewegte er sich.
    Er ließ sich auf alle viere nieder und kam den hohen Wellenbrecher herunter, aber nicht wie ein gewöhnlicher Mensch die unebenen Steine heruntergekommen wäre, sondern mit katzenhafter Schnelligkeit und Anmut. Sekunden, dann würde er bei ihr sein.
    Janice riß sich aus der Lähmung, drehte sich in ihren Fußstapfen um und lief zum öffentlichen Strandabschnitt zurück - der eine ganze Meile entfernt war. Häuser mit erleuchteten Fenstern standen auf der steilen Klippe, die über die Bucht aufragte, von einigen verliefen Treppen zum Meer herab, aber sie traute sich nicht zu, diese Treppen in der Dunkelheit zu finden. Sie verschwendete keine Energie für einen Schrei, denn sie bezweifelte, daß sie jemand hören würde. Wenn der Schrei sie verlangsamte, und seien es nur Sekundenbruchteile, würde sie vielleicht überwältigt und zum Schweigen gebracht, bevor jemand aus dem Ort auf ihre Schreie reagieren könnte.
    Ihre zwanzigjährige Hingabe an das Laufen war noch nie so wichtig gewesen wie in diesem Augenblick; es ging nicht mehr um ihre Gesundheit, das spürte sie, sondern um ihr Leben. Sie preßte die Arme fest an die Seiten, senkte den Kopf, sprintete, mehr auf Schnelligkeit denn Ausdauer bedacht, weil sie sich dachte, daß sie nur bis zum ersten Block der Ocean Avenue kommen mußte, um in Sicherheit zu sein. Sie glaubte nicht, daß der Mann - oder was, zum Teufel, es auch war - sie bis auf die beleuchtete, bevölkerte Straße verfolgen würde.
    Schnelle Wolkenstreifen huschten über einen Teil des Mondgesichts. Das Mondlicht wurde düster, heller, düster und wieder heller, ein ungleichmäßiger Rhythmus, der durch den zunehmend dichter werdenden Nebel pulsierte und so einen Schwärm Phantome erzeugte, die sie wiederholt erschreckten und scheinbar auf allen Seiten mit ihr Schritt zu halten schienen. Das unheimliche, pulsierende Licht trug seinen Teil zum traumartigen Charakter der Verfolgungsjagd bei, und sie war halb davon überzeugt, daß sie tatsächlich im Bett lag und fest schlief, aber sie blieb dennoch nicht stehen, um über die Schulter zu sehen, denn Traum oder nicht, der Mann mit den Bernsteinaugen war immer noch hinter ihr her.
    Sie hatte die halbe Strecke zwischen der Spitze der Bucht und der Ocean Avenue hinter sich gebracht, und ihre Zuversicht wuchs mit jedem Schritt, als ihr klar wurde, daß zwei der Phantome im Nebel gar keine Phantome waren. Einer war etwa sechs Meter rechts von ihr und lief aufrecht wie ein Mensch; das andere war links, weniger als fünfzehn Schritte entfernt, es platschte auf allen vieren durch die schaumige Spitzendecke der Gischt, so groß wie ein Mensch, aber eindeutig kein Mensch, denn kein Mensch konnte in der Haltung eines Hundes so flink und behende sein. Sie hatte nur einen allgemeinen Eindruck von Gestalt und Größe, und von ihren Gesichtern konnte sie außer den seltsam leuchtenden Augen keinerlei Einzelheiten erkennen.
    Sie wußte irgendwie, daß keines dieser Wesen der Mann war, den sie auf dem Wellenbrecher gesehen hatte. Er war hinter ihr und lief entweder aufrecht oder eilte auf allen vieren. Sie war beinahe umzingelt.
    Janice unternahm keinen Versuch sich vorzustellen, was sie sein mochten. Die Analyse dieses unheimlichen Erlebnis -ses mußte auf später verschoben werden; vorerst akzeptierte sie einfach die Existenz des Unmöglichen, denn als Witwe eines Priesters und zutiefst gläubige Frau besaß sie die Fähigkeit, das Unbekannte und Überirdische zu akzeptieren, wenn sie damit konfrontiert wurde.
    Sie ließ sich von der Angst antreiben, die sie zuvor gelähmt hatte, und lief schneller. Aber ihre Verfolger ebenfalls.
    Sie hörte ein eigentümliches Wimmern und merkte erst allmählich, daß sie ihre eigene gequälte Stimme hörte.
    Die Phantomgestalten rings um sie herum wurden von ihrer Angst offensichtlich erregt und fingen an zu plärren. Ihre Stimmen schwollen an und ab, bewegten sich zwischen schrillem, gedehntem Winseln und kehligem Knurren. Am schlimmsten aber war, daß diese heulenden Laute von einzelnen, hastig und drängend gesprochenen Worten kontra-punktiert wurden: »Schnappt das Flittchen, schnappt das Flittchen, schnappt das Flittchen...«
    Was, in Gottes Namen, waren sie? Sicher keine Menschen, dennoch konnten sie wie Menschen aufrecht stehen und sprechen; was also konnten sie anderes sein als Menschen?
    Janice spürte, wie sich das Herz in ihrer Brust ausdehnte und heftig schlug.
    »Schnappt das Flittchen...«
    Die geheimnisvollen Gestalten, die sie flankierten, kamen langsam näher, und sie versuchte, schneller zu laufen, um ihnen zu entkommen, aber sie ließen sich nicht abschütteln. Sie überbrückten die Entfernung allmählich. Sie konnte sie dicht neben sich erkennen, wagte aber nicht, sie direkt anzusehen, weil sie fürchtete, ihr Anblick könnte sie so sehr erschrecken, daß sie wieder gelähmt sein und starr vor Entsetzen niedergerissen werden könnte.
    Sie wurde auch so niedergerissen. Etwas sprang sie von hinten an. Sie stürzte, eine gewaltige Last drückte sie nieder, und alle drei Kreaturen schwärmten über sie, berührten sie und zerrten an ihrer Kleidung.
    Dieses Mal verdeckten Wolken den größten Teil des Mondes, Schatten fielen wie Fetzen eines Himmels aus schwarzem Tuch.
    Janices Gesicht wurde fest in den feuchten Sand gedrückt, aber ihr Kopf war zur Seite gedreht, der Mund frei, daher konnte sie endlich schreien, auch wenn es kein sehr lauter Schrei wurde, weil sie völlig außer Atem war. Sie schlug um sich, trat aus, ruderte mit den Armen und versuchte verzweifelt, sie zu treffen, traf aber weitgehend Luft und Sand.
    Jetzt konnte sie nichts mehr sehen, denn der Mond war vollkommen verdeckt.
    Sie hörte Stoff reißen. Der Mann, der auf ihr saß, riß ihre Nike-Jacke herunter, zerfetzte den Stoff und zerkratzte ihr dabei die Haut. Sie spürte die heiße Berührung einer Hand, die rauh aber menschlich zu sein schien.
    Er nahm sein Gesicht kurz von ihr, und sie schlängelte sich vorwärts und wollte entkommen, aber sie sprangen und stießen sie in den Sand. Dieses Mal war sie bei den Ausläufern der Wellen und hatte das Gesicht im Wasser.
    Ihre Angreifer, die abwechselnd winselten, wie Hunde hechelten, zischten und knurrten, stießen hastige Worte hervor, während sie sie packten:
    »...schnappt sie, schnappt sie, schnappt sie ...«
    »...wollen, wollen es, wollen es ...«
    »...jetzt, jetzt, schnell, jetzt schnell, schnell, schnell...«
    Sie zerrten an ihrer Jogginghose und wollten sie ausziehen, aber sie war nicht sicher, ob sie sie vergewaltigen oder verschlingen wollten; vielleicht keins von beiden; was sie wollten, entzog sich ihrem Verständnis. Sie wußte nur, sie waren von einem überwältigend starken Bedürfnis überkommen worden, denn die kalte Nachtluft war ebenso stark von ihrem Verlangen wie von Nebel und Dunkelheit erfüllt. Einer drückte ihr Gesicht tiefer in den feuchten Sand, und jetzt war das Wasser rings um sie herum; es war nur Zentimeter tief, reichte aber aus, sie zu ertränken, und sie ließen sie nicht Atem holen. Sie wußte, sie würde sterben, sie wurde hilflos festgehalten, sie würde sterben, und das nur, weil sie gerne nachts lief.
    Am Montag, dem 13. Oktober, zweiundzwanzig Tage nach dem Tod von Janice Capshaw, fuhr Sam Booker mit einem Mietwagen vom International Airport in San Francisco nach Moonlight Cove. Während der Fahrt spielte er ein grimmiges, aber auf finstere Weise amüsantes Spiel mit sich selbst, indem er sich im Geiste eine Liste der Gründe machte, warum er weiterleben sollte. Obwohl er länger als eine Stunde unterwegs war, fielen ihm nur vier Gründe ein: Guiness Stout, wirklich gutes mexikanisches Essen, Goldie Hawn und die Angst vor dem Sterben.
    Das dunkle, starke irische Bier erfreute ihn immer wieder und ließ ihn vorübergehend das Elend der Welt vergessen. Restaurants, die ständig erstklassiges mexikanisches Essen anboten, waren schon ungleich schwerer zu finden als Gui-ness; dieser Trost war daher weniger häufig. Sam hatte sich schon vor langer Zeit in Goldie Hawn verliebt - besser gesagt, das Leinwandimage, das sie verkörperte -, weil sie schön und niedlich war, bodenständig und intelligent, und zudem schien ihr das Leben so verdammt viel Spaß zu machen. Seine Chancen, Goldie Hawn kennenzulernen, standen etwa eine millionmal schlechter als die, in einer nordkalifornischen Küstenstadt wie Moonlight Cove ein erstklassiges mexikanisches Restaurant zu finden; daher war er froh, daß sie nicht der einzige Grund zum Weiterleben war.
    Als er sich seinem Ziel näherte, drängten sich hohe Pinien und Zypressen am Highway l, bildeten einen graugrünen Tunnel und warfen im spätnachmittäglichen Sonnenschein lange Schatten. Der Tag war wolkenlos und dennoch seltsam bedrohlich; der Himmel war hellblau und trotz seiner kristallenen Klarheit kahl, ganz anders als das tropische Blau, an das er in Los Angeles gewöhnt war. Die Temperatur lag zwar um die dreißig Grad, doch der grelle Sonnenschein, der einem von einer Eisfläche reflektierten Schimmer glich, schien die Farben der Landschaft einzufrieren und sie mit einem Hauch imitierten Frosts trübe zu machen.
    Angst vor dem Sterben. Das war der beste Grund auf seiner Liste. Er war erst zweiundvierzig Jahre alt - einsachtundsiebzig groß, achtzig Kilo, momentan gesund -, dennoch war Sam Booker schon sechsmal am Ufer des Todes entlanggeschlittert, hatte in die Gewässer darunter gesehen und festgestellt, daß der Sprung hinein nicht einladend war.
    An der rechten Seite des Highways tauchte ein Hinweisschild auf: OCEAN AVENUE, MOONLIGHT COVE, 2 MEILEN.
    Sam fürchtete nicht die Schmerzen des Sterbens, denn die würden binnen eines Augenblicks vorbei sein. Er hatte auch keine Angst davor, sein Leben unvollendet zurückzulassen; er hatte seit mehreren Jahren keine Ziele oder Hoffnungen oder Träume mehr, er mußte nichts vollenden, nichts besaß Bedeutung oder Wichtigkeit. Aber er hatte Angst davor, was nach dem Leben kam.
    Vor fünf Jahren hatte er mehr tot als lebendig auf einem Operationstisch beinahe ein Sterbeerlebnis gehabt. Während sich die Ärzte hektisch bemüht hatten, ihn zu retten, war er aus seinem Körper emporgestiegen und hatte von der Decke auf seinen Leichnam und das Ärzteteam, das ihn umringte, hinabgesehen. Dann war er plötzlich durch einen Tunnel gerast, auf grelles Licht zu, auf die andere Seite zu: das vollständige Sterbeklischee, wie man es auf den Titelseiten der Regenbogenpresse im Supermarkt immer wieder finden konnte. Der geschickte Arzt hatte ihn im allerletzten Augenblick ins Land der Lebenden zurückgezogen, aber erst, nachdem er einen Blick auf das geworfen hatte, was sich am Ende des Tunnels befand. Was er gesehen hatte, erfüllte ihn mit Entsetzen. Das Leben war, wenn auch manchmal grausam, dem vorzuziehen, was seiner Meinung nach danach folgte.
    Er kam zur Ausfahrt Ocean Avenue. Am unteren Ende der Rampe, wo sich die Ocean Avenue unter dem Pacific Coast Highway nach Westen erstreckte, kam ein weiteres Schild: MOONLIGHT COVE y2 MEILE.
    Ein paar Häuser standen in purpurner Düsternis zwischen den Bäumen auf beiden Seiten der zweispurigen Asphaltstraße; die Fenster waren schon eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit gelb erleuchtet. Einige waren in dem bayerischen Stil erbaut, der nach Meinung einiger Bauherrn der vierziger und fünfziger Jahre mit der nordkalifornischen Küstenlandschaft harmonierte - Fachwerk und tief gezogene Giebel. Andere waren Bungalows im Monterey-Stil mit wie-ßen Verschalungsbrettern oder schindelverkleideten Mauern und üppigen architektonischen Verzierungen in einem Märchen-Rokoko-Stil. Da Moonlight Cove erst in den zurückliegenden zehn Jahren gewachsen war, waren viele Häuser anmutige, moderne Bauwerke mit zahlreichen Fenstern, die an von einer unvorstellbaren Flut an Land geschleuderte Schiffe erinnerten, die auf den Klippen über dem Meer gestrandet waren.
    Als Sam der Ocean Avenue in das sechs Blocks lange Geschäftsviertel folgte, überkam ihn sofort ein seltsames Ge -fühl, daß etwas nicht stimmte. Geschäfte, Restaurants, Tavernen, ein Markt, zwei Kirchen, die Stadtbücherei, ein Kino und andere gewöhnliche Einrichtungen befanden sich entlang der Hauptstraße, die sich bis zum Meer hinab erstreckte, aber für Sam hatte die Gemeinde etwas undefinierbares, aber überwältigend Seltsames an sich, und er erschauerte.
    Er konnte diese ablehnende Reaktion auf den Ort nicht exakt begründen, aber sie war höchstwahrscheinlich auf das ernste Spiel von Licht und Schatten zurückzuführen. Im freudlosen Sonnenschein des sterbenden Herbsttages sah die aus grauem Stein erbaute katholische Kirche wie eine fremde Stahlkonstruktion aus, die nicht für menschliche Zwecke geschaffen worden zu sein schien. Ein weißgetünchter, stuckverzierter Spirituosenladen sah aus, als bestünde er aus im Lauf der Zeit gebleichten Knochen. Viele Schaufenster waren vom grauen Star gespiegelten Lichts der Sonne befallen, die dem Horizont entgegensank, als wären sie bemalt worden, um die Aktivitäten derjenigen, die dahinter arbeiteten, zu verbergen. Die Schatten, welche von Häusern, Pinien und Zypressen geworfen wurden, waren pechschwarz, kantig und rasiermesserscharf.
    Sam bremste vor der Ampel an der dritten Kreuzung, auf halbem Weg durch das Geschäftsviertel. Da hinter ihm kein Verkehr wartete, ließ er sich Zeit, die Leute auf den Gehwegen zu studieren. Es waren nicht viele zu sehen, acht oder zehn, doch auch sie machten ihn mißtrauisch, obwohl die Gründe, weshalb er ihnen gegenüber gemischte Gefühle hegte, nicht so greifbar waren wie jene, die seine Vorbehalte gegenüber dem Ort selbst hervorriefen. Sie schritten stramm und zielstrebig dahin, hatten die Köpfe erhoben und eine Aura des Zeitdrucks um sich, die nicht zu einer entspannten Strandsiedlung mit nur dreitausend Seelen zu passen schien.
    Er seufzte und fuhr weiter die Ocean Avenue entlang, wobei er sich sagte, daß seine Fantasie mit ihm durchging. Moonlight Cove und seine Einwohner hätten wahrschein -lich nicht im mindesten seltsam gewirkt, wäre er nur auf der Durchreise gewesen und von der Küstenstraße abgebogen, um in einem hiesigen Restaurant zu essen. Aber er war schon mit dem Wissen hergekommen, daß hier etwas faul war, daher war es kein Wunder, daß er selbst in einer vollkommen unschuldigen Szene düstere Zeichen erblickte. Jedenfalls sagte er das zu sich selbst. Aber er wußte es besser.
    Er war nach Moonlight Cove gekommen, weil hier Menschen gestorben waren, weil die offiziellen Angaben zu den Todesursachen verdächtig waren und er eine Ahnung hatte, daß die Wahrheit, war sie erst auf gedeckt, außergewöhnlich beunruhigend sein würde. Er hatte im Lauf der Jahre gelernt, auf diese Ahnungen zu achten; das hatte ihn am Leben gehalten.
    Er parkte den gemieteten Ford vor einem Geschenkartikelladen.
    Im Westen sank die blutarme Sonne am äußersten Rand des schiefergrauen Meeres durch einen Himmel, der langsam düster rot wurde. Tentakelgleiche Nebelschwaden stiegen langsam von dem bewegten Meer empor.
    Chrissie Fester, die in der Speisekammer neben der Küche saß und den Rücken an ein Regal voll Konservendosen lehnte, sah auf die Uhr. Sie sah im schroffen Licht der Glühbirne, die nackt in einer Fassung an der Decke hing, daß sie jetzt fast neun Stunden in der winzigen, fensterlosen Kammer eingesperrt war. Sie hatte die Armbanduhr zu ihrem elften Geburtstag bekommen, also vor mehr als vier Monaten, und sie hatte ihr gefallen, weil es keine Kinderuhr mit auf dem Zifferblatt aufgemalten Comicfiguren war; es war eine zierliche, damenhafte, vergoldete Armbanduhr mit römischen Ziffern statt Zahlen, eine echte Timex, wie ihre Mutter eine trug. Als sie sie betrachtete, wurde Chrissie von Traurigkeit überkommen. Die Uhr repräsentierte eine Zeit des Glücks und der Familienzusammengehörigkeit, die für immer dahin war.
    Davon abgesehen, daß sie sich traurig, einsam und nach der stundenlangen Gefangenschaft unruhig fühlte, hatte sie auch Angst. Sie hatte selbstverständlich nicht so sehr Angst wie heute morgen, als ihr Vater sie durch das Haus getragen und in die Vorratskammer geworfen hatte. Da hatte sie um sich getreten und gekreischt und war entsetzt über das gewesen, was sie gesehen hatte. Über das, was aus ihren Eltern geworden war. Doch dieses weißglühende Entsetzen hatte sich nicht halten können; es war allmählich zu einem unterschwelligen Fieber der Angst geworden, durch das sie sich gleichzeitig heiß und kalt fühlte, unwohl und mit Kopfschmerzen, als befände sie sich im Anfangsstadium einer Erkältung.
    Sie fragte sich, was sie mit ihr anstellen würden, wenn sie sie schließlich aus der Vorratskammer holten. Nun, eigentlich fragte sie sich gar nicht, was sie mit ihr anstellen würden, weil sie ziemlich sicher war, daß sie die Antwort darauf bereits wußte: Sie würden sie zu einer von ihnen machen. Sie fragte sich eigentlich nur, wie die Verwandlung bewerkstelligt werden würde - und was gmau sie werden würde. Sie wußte, ihre Mutter und ihr Vater waren keine gewöhnlichen Menschen mehr, sie waren etwas anderes, aber sie konnte mit Worten nicht beschreiben, was sie geworden waren.
    Ihre Angst wurde noch von der Tatsache gesteigert, daß ihr auch die Worte fehlten, sich selbst zu erklären, was in ihrem eigenen Zuhause vor sich ging, denn sie hatte Worte schon immer gemocht und auf ihre Macht vertraut. Sie las einfach alles: Gedichte, Kurzgeschichten, Romane, die Tageszeitung, Zeitschriften und die Rückseiten von Frühstücksflockenkartons, wenn nichts anderes zur Verfügung stand. In der Schule war sie in der sechsten Klasse, aber Mrs. Tokawa, ihre Lehrerin, sagte, sie könne lesen wie eine Zehntkläßlerin. Wenn sie nicht las, schrieb sie manchmal selbst Kurzgeschichten. Sie hatte sich im Lauf des vergangenen Jahres entschieden, daß sie, wenn sie groß geworden war, selbst Romane schreiben wollte, wie die von Mr. Paul Zindel oder die tollen, etwas albernen von Mr. Daniel Pink-water, oder, am allerbesten, die von Ms. Andre Norton.
    Aber jetzt halfen Worte nichts mehr; ihr Leben würde völlig anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Der Verlust der behaglichen Bilderbuchzukunft, die sie vorausgesehen hatte, machte ihr ebenso Angst wie die Veränderungen, die mit ihren Eltern vonstatten gegangen waren. Chrissie war acht Monate vor ihrem zwölften Geburtstag nachdrücklich auf die Unsicherheiten des Lebens aufmerksam gemacht worden, ein grimmiges Wissen, auf das sie nur unzulänglich vorbereitet war.
    Nicht, daß sie schon aufgegeben hätte. Sie wollte kämpfen. Sie wollte sich nicht ohne Widerstand von ihnen verwandeln lassen. Kurz nachdem sie in die Vorratskammer geworfen worden war, als die Tränen getrocknet waren, hatte sie sich umgesehen, was die Regale enthielten, um eine Waffe zu haben. Die Kammer enthielt größtenteils Nahrungsmittel in Dosen, Flaschen oder Kartons, aber auch Wäsche und Arzneimittel und Haushaltwaren. Sie hatte etwas Perfektes gefunden: eine kleine Sprühdose WD-40, ein Schmiermittel auf Ölbasis. Sie war kaum ein Drittel so groß wie eine gewöhnliche Sprühdose und ließ sich mühelos verstecken. Wenn sie sie überraschen, es ihnen in die Augen sprühen und sie vorübergehend blenden könnte, gelänge ihr vielleicht die Flucht.
    Sie sagte, als würde sie eine Zeitungsschlagzeile lesen: »Einfallsreiches junges Mädchen rettet sich selbst mit gewöhnlichen Haushaltsschmiemittel.«
    Sie hielt das WD-40 in beiden Händen, weil es ihr Zuversicht gab.
    Hin und wieder tauchte eine beunruhigende Erinnerung auf; das Gesicht ihres Vaters, wie es ausgesehen hatte, als er sie in die Kammer warf - rot und aufgedunsen und wütend, dunkle Ringe unter den Augen, geblähte Nasenflügel, zu einem Fauchen über die Zähne zurückgezogene Lippen, sämtliche Gesichtszüge vor Wut verzerrt. »Ich komme wieder zu dir«, hatte er gesagt und beim Sprechen gesabbert. »Ich komme wieder.«
    Fr schlug die Tür zu und versperrte sie mit einem schräggestellten Stuhl, den er unter den Türknauf schob. Später, als es im Haus still geworden war und ihre Eltern weggegangen zu sein schienen, hatte Chrissie mit aller Kraft versucht, die Tür aufzumachen, aber der gekippte Stuhl erwies sich als unüberwindliches Hindernis.
    Ich komme wieder zu dir.Ich komme wieder.
    Sein verzerrtes Gesicht und die blutunterlaufenen Augen hatten sie an Robert Louis Stevensons Beschreibung des mordlüsternen Mr. Hyde in der Geschichte von Dr. Jekyll denken lassen, die sie vor ein paar Monaten gelesen hatte. Ihr Vater hatte den Wahnsinn in sich; er war nicht mehr derselbe Mann, der er einmal gewesen war.
    Aber die Erinnerung daran, was sie oben im Flur gesehen hatte, als sie den Schulbus verpaßt und heimgekommen war und ihre Eltern überrascht hatte, war noch beunruhigender. Nein. Sie waren gar nicht mehr ihre Eltern. Sie waren... etwas anderes.
    Sie erschauerte.
    Sie umklammerte die Dose WD-40.
    Dann hörte sie plötzlich, zum ersten Mal seit Stunden, Geräusche in der Küche. Die Hintertür des Hauses ging auf. Schritte. Mindestens zwei, möglicherweise drei oder vier Menschen.
    »Sie ist da drin«, sagte ihr Vater.
    Chrissies Herz stolperte, dann fand es einen neuen, schnelleren Rhythmus.
    »Es wird nicht schnell gehen«, sagte ein anderer Mann. Chrissie kannte die tiefe, leicht krächzende Stimme nicht. »Sehen Sie, bei einem Kind ist es komplizierter. Shaddack ist nicht sicher, ob wir schon für Kinder bereit sind. Es ist nicht ohne Risiko.«
    »Sie muß verwandelt werden, Tucker.« Das war Chrissies Mutter, Sharon, deren Stimme sich nicht wie sonst anhörte. Es war schon ihre Stimme, aber ohne die übliche Sanftheit, ohne den natürlichen, musikalischen Tonfall, der sie zur perfekten Märchenvorleserin gemacht hatte. »Selbstverständlich, ja, es muß geschehen«, sagte der Fremde, dessen Name offenbar Tucker war. »Das w^iß ich. Shaddack weiß es auch. Er hat mich schließlich hergeschickt, oder nicht? Ich wollte nur sagen, daß es länger als gewöhnlich dauern kann. Wir brauchen einen Ort, wo sie sie binden und während der Verwandlung beobachten können.«
    »Hier. Oder in ihrem Zimmer.«
    Verwandlung?
    Chrissie stand zitternd auf und ging zur Tür.
    Der gekippte Stuhl wurde schiebend und polternd unter dem Knauf weggezogen.
    Sie hielt die Sprühdose in der rechten Hand, die an der Seite herabhing und nach hinten gedreht war, und legte den Zeigefinger auf den Knopf.
    Die Tür ging auf, und ihr Vater sah zu ihr herein.
    Alex Fester - Chrissie versuchte, ihn als Alex Fester zu betrachten, nicht als ihren Vater, nur Alex Fester, aber sie konnte nicht leugnen, daß er in mancherlei Hinsicht immer noch ihr Vater war. Außerdem war >Alex Foster< ebenso unzutreffend wie >Vater<, weil er etwas vollkommen anderes war.
    Sein Gesicht war nicht mehr wutverzerrt. Er schien wieder ganz der Alte zu sein; dichtes blondes Haar; ein breites, freundliches Gesicht mit scharfgeschnittenen Zügen; Sommersprossen auf Wangen und Nase. Trotzdem konnte sie den gräßlichen Unterschied in seinen Augen sehen. Er schien von einem seltsamen Drängen erfüllt zu sein, einer nervösen Anspannung. Hungrig. Ja, das war es: Daddy schien hungrig zu sein... von Hunger verzehrt; verrückt vor Hunger, hungrig...aber nach etwas anderem als Essen. Sie verstand seinen Hunger nicht, aber sie spürte ihn, ein heftiges Bedürfnis, das seine Muskeln unablässig verkrampfte, ein Bedürfnis von so überwältigender Macht, so heiß, daß Wellen von ihm aufzusteigen schienen wie Dampf von kochendem Wasser.
    Er sagte: »Komm heraus Chrissie.«
    Chrissie ließ die Schultern sinken, blinzelte, als würde sie Tränen unterdrücken, übertrieb das Zittern, das durch sie lief und bemühte sich, klein, verängstigt und geschlagen auszusehen. Sie kam zögernd nach vorne.
    »Komm schon, komm schon«, sagte er ungeduldig und winkte sie aus der Vorratskammer heraus.
    Chrissie trat zur Tür heraus und sah ihre Mutter, die neben Alex und etwas hinter ihm stand. Sharon war hübsch -kastanienfarbenes Haar, grüne Augen -, aber sie hatte nichts Sanftes oder Mütterliches mehr an sich. Sie sah schroff und verändert aus und schien von derselben, kaum verhohlenen nervösen Energie erfüllt zu sein wie ihr Mann.
    Am Küchentisch stand ein Fremder in Jeans und karierter Jägerjacke. Das war offenbar Tucker, mit dem ihre Mutter gesprochen hatte: groß, hager, nur vorstehende Knochen und Gelenke. Sein kurzgeschnittenes schwarzes Haar sträubte sich. Die dunklen Augen befanden sich unter einer flachen, knochigen Stirn; die scharfgeschnittene Nase war wie ein Keil aus Stein in sein Gesicht getrieben; der Mund war ein schmaler Schlitz, der Kiefer vorspringend wie der eines Raubtiers, das kleinen Tieren auflauert und sie mit einem einzigen Bissen in zwei Hälften teilt. Er hatte eine schwarze Arzttasche in einer Hand.
    Ihr Vater streckte die Hand nach Chrissie aus, als sie aus der Vorratskammer kam, und sie riß die Dose WD-40 hoch und sprühte es ihm aus einer Entfernung von etwa fünfzig Zentimetern in die Augen. Während ihr Vater überrascht und unter Schmerzen aufheulte, wirbelte Chrissie herum und sprühte auch ihrer Mutter direkt ins Gesicht. Sie griffen halb blind nach ihr, aber sie entkam ihnen und rannte durch die Küche.
    Tucker war verblüfft, konnte sie aber am Arm packen.
    Sie drehte sich zu ihm herum und trat ihm zwischen die Beine.
    Er ließ sie nicht los, aber seine großen Hände hatten keine Kraft mehr. Sie riß sich von ihm los und rannte in die Diele.
    Von Osten senkte sich die Dämmerung über Moonlight Co-ve, als wäre sie kein Nebel aus Wasser, sondern aus rauchigem, purpurnem Licht. Es war kalt, als Sam Booker aus dem Auto ausstieg; er war froh, daß er einen Wollpullover unter dem Cordmantel trug. Als eine Fotozelle sämtliche Straßenlaternen auf einmal aufleuchten ließ, schlenderte er die Oce-an Avenue entlang, betrachtete Schaufenster und versuchte, ein Gefühl für den Ort zu bekommen.
    Er wußte, daß es Moonlight Cove gut ging, daß es praktisch keine Arbeitslosigkeit gab - dank der Firma New Wave Mikrotechnologie, die hier vor zehn Jahren ihren Stammsitz gebaut hatte - trotzdem sah er Anzeichen wirtschaftlicher Zusammenbrüche. Taylor's Geschenkstudio und der Juwelier Saenger hatten ihre Geschäfte aufgegeben; er konnte durch die staubigen Fensterscheiben leere Regale, leere Schaukästen und tiefe, reglose Schatten sehen. New Attitudes, eine Boutique mit aktueller Mode, machte Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe, und man konnte dem Zustrom der Kunden entnehmen, daß die Kleidungsstücke selbst bei Preisnachlässen von fünfzig bis siebzig Prozent nur schleppend gingen.
    Als er zwei Blocks nach Westen gegangen war, zum am Strand gelegenen Stadtrand, die Straße überquert und auf der anderen Seite der Ocean Avenue drei Blocks bis zur Knight's Bridge Tavern zurückgegangen war, verschwand der letzte Rest Dämmerung zunehmend. Perlmuttartiger Nebel kroch vom Meer herein, die Luft selbst schien phosphoreszierend zu sein und schwach zu schimmern; über allem lag ein pflaumenfarbener Dunst, nur dort nicht, wo die Straßenlaternen ihr vom Nebel aufgeweichtes gelbliches Licht verströmten, und über alldem senkte sich eine undurchdringliche Finsternis herab.
    Ein einziges fahrendes Auto war drei Blocks weiter zu sehen, und Sam war momentan der einzige Fußgänger. In Verbindung mit dem seltsamen Licht des sterbenden Tages vermittelte diese Einsamkeit ihm den Eindruck, als wäre er in einer Geisterstadt, die ausschließlich von Toten bewohnt wurde. Der immer dichter werdende Nebel, der vom Pazifik emporkroch, trug seinen Teil zu der Illusion bei, daß alle Geschäfte der Gegend leerstehend seien, daß sie nur noch Spinnweben feilzubieten hätten, Stille und Staub.
    Du bist ein sauertöpfischer Patron, sagte er zu sich. Um gut die Hälfte zu düster.
    Erfahrungen hatten ihn zum Pessimisten gemacht. Und der traumatische Verlauf seines bisherigen Lebens schloß grinsenden Optimismus aus.
    Nebeltentakel schlangen sich um seine Beine. Die fahle Sonne war halb im dunkelnden Meer versunken. Sam erschauerte und ging in die Kneipe, um etwas zu trinken.
    Keiner der drei anwesenden Kunden war in besonders munterer Stimmung. In einer der mit schwarzen Vinyl ausgekleideten Nischen links saßen ein Mann mittleren Alters und eine Frau, die sich zueinandergebeugt hatten und sich gedämpft unterhielten. An der Theke stand ein Mann mit grauem Gesicht über ein Glas Bier gekauert, das er mit beiden Händen hielt und dabei ein Gesicht machte, als hätte er gerade einen Käfer darin schwimmen gesehen.
    Knight's Bridge roch, wie um ihren Namen gerecht zu werden, nach imitierter britischer Atmosphäre. In die Rückenlehnen der Stühle waren handgeschnitzte Abzeichen von Waffengattungen, zweifellos aus einem alten Wappenbuch abkopiert, eingelassen und bemalt worden. In einer Ecke stand eine Ritterrüstung, Gemälde von Fuchsjagden hingen an den Wänden. Sam setzte sich acht Hocker von dem Mann mit dem grauen Gesicht entfernt an die Bar. Der Barkeeper eilte auf ihn zu und wischte dabei mit einem sauberen Baumwolltuch über die ohnehin makellose, polierte Eichentheke.
    »Ja, Sir, was darfs sein?« Er war in jeder Hinsicht ein rundlicher Mann: kleiner runder Bauch; kräftige Unterarme mit dichtem schwarzem Haarwuchs; pummeliges Gesicht; der Mund so klein, daß er nicht mit den anderen Zügen harmonierte; eine Stupsnase, die in einem kleinen runden Ball endete; Augen, die so rund waren, daß er einen ständig überraschten Ausdruck zur Schau stellte.
    »Haben Sie Guinness?« fragte Sam.
    »Ich würde sagen, das ist Grundausstattung für jedes echte Pub. Wenn wir kein Guinness hätten, dann... nun, dann könnten wir ebensogut zur Teestube werden.« Er hatte eine singende Stimme; jedes Wort klang so glatt und rund, wie er aussah. Er schien übertrieben darauf bedacht zu sein zu gefallen. »Möchten Sie es kalt oder leicht gekühlt? Ich habe beides.«
    »Sehr leicht gekühlt.«
    »Gut, Mann!« Als er mit dem Guinness und einem Glas zurückkam, sagte der Barkeeper: »Ich heiße Burt Peckham. Mir gehört der Laden.«
    Während er das Bier ganz langsam am Glasrand hinabfließen ließ, damit es möglichst wenig Schaum gab, sagte Sam: »Sam Booker. Hübsches Lokal, Burt.«
    »Danke. Könnten Sie vielleicht weitersagen. Ich bemühe mich, es gemütlich und gut ausgerüstet zu halten, und es war immer ziemlich voll, aber in letzter Zeit scheint es, als wäre die ganze Stadt entweder zu den Antialkoholikern übergelaufen oder selbst zu Schnapsbrennern geworden, eins von beiden.«
    »Nun, es ist Montagabend.«
    »In den letzten paar Monaten war es nicht einmal ungewöhnlich, wenn es Samstagabend halb leer war, was sonst nie vorgekommen ist.« Burt Peckham verzog sorgenvoll das runde Gesicht. Er polierte beim Sprechen langsam die Theke. »Der Grund dafür...ich glaube, daß der Gesundheitstrip, auf dem sich Kalifornien schon so lange befindet, endgültig ausgerastet ist. Alle bleiben zu Hause, machen Aerobic vor dem Videorekorder, essen Buchweizen und Eiweiß oder was, zum Teufel, auch immer, und trinken nur noch Mineralwasser und Obstsaft und Meisenmilch. Hören Sie, ein oder zwei Glas am Tag tun einem gut.«
    Sam trank einen Schluck Guinness, seufzte zufrieden und sagte: »Das hier schmeckt eindeutig, als würde es einem gut tun.«
    »Tut es. Ist gut für den Blutdruck. Hält die Därme in Form. Die Pfarrer sollten jeden Sonntag seinen Wert predigen, und nicht dagegen wettern. Alles in Maßen - dazu gehören auch ein paar Bier täglich.« Er merkte möglicherweise, daß er die Bar ein wenig zu geflissentlich polierte, denn er hängte den Lappen an einen Haken und verschränkte die Arme vor der Brust. »Sind Sie auf der Durchreise, Sam?« »Eigentlich«, log Sam, »mache ich eine ausgedehnte Reise an der Küste entlang, von L. A. bis zur Oregon Line, hänge herum und suche mir ein ruhiges Plätzchen für den Ruhestand.«
    »Ruhestand? Ist das ein Witz?« » Vor-Ruhestand.«
    »Aber Sie sind doch erst - wie alt, vierzig, einundvierzig?« »Zweiundvierzig.«
    »Was sind Sie - Bankräuber?«
    »Börsenmakler. Ich habe im Laufe der Jahre ein paar gute Investitionen gemacht. Ich glaube, ich kann es mir leisten, aus dem Leistungsdruck auszusteigen und mich nur noch um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Ich möchte mich irgendwo niederlassen, wo es ruhig ist, ohne Smog, ohne Verbrechen. Ich habe die Schnauze voll von L. A.«
    »Man kann an der Börse tatsächlich Geld verdienen?« fragte Peckham. »Ich dachte, das wäre auch nicht besser als ein Spieltisch in Reno. Sind denn nicht alle vor die Hunde gegangen, als vor ein paar Jahren der große Börsenkrach war?«
    »Für den kleinen Mann ist es ein Glücksspiel, aber als Makler kommt man zurecht, wenn man sich nicht von der allgemeinen Hysterie des Marktes anstecken läßt. Kein Markt geht ewig hoch oder runter; man muß einfach den richtigen Zeitpunkt erkennen, ab wann man gegen den Strom schwimmen muß.«
    »Mit zweiundvierzig im Ruhestand«, sagte Peckham verwundert. »Und als ich ins Bar-Geschäft eingestiegen bin, habe ich gedacht, es wäre was fürs Leben. Ich sagte zu meiner Frau, in guten Zeiten trinken die Leute, um zu feiern, und in schlechten Zeiten trinken sie, um zu vergessen, daher gibt es keine bessere Branche. Und jetzt das.« Er gestikulierte ausholend mit der rechten Hand in den leeren Schankraum. » Selbst wenn ich Kondome im Kloster verkaufen würde, würde ich ein besseres Geschäft machen.«
    »Bekomme ich noch ein Guinness?«
    »He, vielleicht hat sich mein Glück wieder gewendet!«
    Als Peckham mit der zweiten Flasche Bier zurückkam, sagte Sam: »Moonlight Cove könnte das sein, wonach ich suche. Ich denke, ich bleibe ein paar Tage und sehe mich um. Können Sie mir ein Motel empfehlen?«
    »Es gibt nur noch eins: Dies ist nie eine Touristenstadt gewesen. Schätze, das wollte niemand hier. Bis diesen Sommer hatten wir vier Motels. Inzwischen sind drei pleite. Ich weiß nicht... so schön sie auch ist, vielleicht stirbt diese Stadt. Soweit ich sehen kann, nimmt die Bevölkerungszahl nicht ab, aber... verdammt, wir verlieren etwas.« Er nahm wieder den Lappen und fing an, die Eichentheke zu polieren. »Wie dem auch sei, versuchen Sie es im Cove Lodge an der Cypress Lane. Das ist die letzte Querstraße der Ocean Avenue; es liegt an der Klippe, wenn Sie Glück haben, bekommen Sie ein Zimmer mit Blick aufs Meer. Nettes, sauberes Haus.«
    In der Diele riß Chrissie Foster die Eingangstür auf. Sie lief über die breite Veranda, die Stufen hinunter, stolperte, gewann das Gleichgewicht wieder, wandte sich nach rechts, floh an einem blauen Honda vorbei, der offenbar Tucker gehörte, über den Hof in Richtung der Ställe. Das harte Platschen ihrer Tennisschuhe schien wie Kanonenfeuer durch das dunkler werdende Dämmerlicht zu hallen. Sie wünschte sich, sie könnte lautlos laufen - und schneller. Auch wenn ihre Eltern und Tucker auf die Veranda kämen, wenn sie von den Schatten verschluckt worden wäre, würden sie hören können, wohin sie liefe.
    F ast der ganze Himmel war schwarz, wie ausgebrannt, nur am westlichen Horizont war noch ein dunkles Leuchten zu sehen, als wäre das gesamte Licht des Oktobertags bis auf seine scharlachrote Essenz eingedickt worden, die sich am Boden des himmlischen Kessels niedergeschlagen hatte. Vom nahegelegenen Meer wehten Nebelschleier herein, und Chrissie hoffte, daß er rasch dichter werden würde, so dick wie Suppe, weil sie mehr Deckung brauchte.
    Sie erreichte das erste der beiden Stallgebäude und rollte das schwere Tor beiseite. Der vertraute und nicht unangenehme Geruch - Stroh, Heu, Futtergetreide, Pferdefeli, Eini-ment, Sattelleder und trockener Dung - schlug ihr entgegen.
    Sie drückte auf den Lichtschalter, und drei schwache Glühbirnen leuchteten auf, die das Gebäude erhellten, ohne die Tiere darin zu stören. Auf jeder Seite des Flures aus gestampfter Erde befanden sich zehn geräumige Boxen, neugierige Pferde sahen sie über einige der halbhohen Türen hinweg an. Einige gehörten Chrissies Eltern, aber die meisten waren von Leuten untergestellt, die in und um Moon-light Cove lebten. Die Pferde schnupperten und schnaubten, eines wieherte leise, als Chrissie an ihnen vorbei zur letzten Box links lief, wo ein Apfelschimmel namens Godi-va stand.
    Man konnte auch von außen in die Boxen, aber in dieser kühlen Jahreszeit blieben die Doppeltüren oben wie unten verriegelt, damit keine Wärme aus dem Stall entweichen konnte. Godiva war ein ruhiges Pferd und Chrissie gegenüber besonders feinfühlig, aber es machte sie nervös, wenn man sich ihr im Dunkeln näherte; wenn sie um diese Tageszeit durch das Öffnen der Außentür überrascht wurde, scheute sie vielleicht oder ging hoch. Und weil Chrissie es sich nicht leisten konnte, auch nur ein paar Sekunden damit zu vergeuden, ihr Reittier zu beruhigen, mußte sie durch das Stallinnere zu dem Pferd gehen.
    Godiva wartete auf sie. Das Pferd schüttelte den Kopf, warf die dichte weiße Mähne, derentwegen sie den Namen bekommen hatte, hin und her, und blies zur Begrüßung Luft durch die Nüstern.
    Chrissie, die zur Stalltür sah und jeden Moment damit rechnete, daß Tucker und ihre Eltern hereinstürmen würden, entriegelte die Tür der Box. Godiva kam auf den Gang zwischen den Boxen heraus.
    »Sei eine Dame, Godiva. Oh, bitte, sei lieb.«
    Sie hatte keine Zeit, das Pferd zu satteln oder ihm Zaumzeug anzulegen. Sie legte eine Hand auf Godivas Flanke und führte das Pferd am Geräteschuppen und dem Futtermittellager vorbei, die das letzte Viertel des Stalls beanspruchten, wobei sie eine Maus aufschreckte, die in eine dunkle Ecke flüchtete. Sie rollte das Tor am anderen Ende auf, kühle Luft strömte herein.
    Chrissie war zu klein, um ohne Steigbügel auf das Pferd steigen zu können.
    In der Ecke, beim Gerätelager, stand das Haltepodest eines Hufschmieds. Chrissie nahm die Hand nicht von der Flanke Godivas, damit sie sie ruhig halten konnte, und zog das Podest mit einem Fuß an die Seite des Pferdes.
    Hinter ihr, am anderen Ende des Stalls, schrie Tucker: »Da ist sie! Im Stall!« Er lief auf sie zu.
    Das Podest war nicht besonders hoch und kein hinreichender Ersatz für den Steigbügel.
    Sie konnte Tuckers hallende Schritte hören, näher, näher, aber sie sah ihn nicht an.
    Er rief: »Ich habe sie!«
    Chrissie packte Godivas herrliche Mähne, warf sich gegen das große Pferd und zog sich hoch, schwang das Bein in die Höhe, strampelte verzweifelt an der Flanke und zerrte heftig an der Mähne. Sie mußte Godiva weh getan haben, aber das alte Mädchen blieb ruhig. Sie bäumte sich nicht auf oder wieherte vor Schmerzen, als würde ihr ein innerer Instinkt sagen, daß das Leben des kleinen Mädchens von ihrer Ruhe abhing. Dann war Chrissie auf Godivas Rücken, koppte gefährlich, blieb aber oben, klammerte sich mit den Knien fest, hielt sich mit einer Hand in der Mähne und schlug dem Pferd auf die Seite.
    »Los!«
    Tucker war bei ihr, als sie dieses Wort rief, packte ihr Bein, riß an den Jeans. In seinen tiefliegenden Augen loderte Wut; die Nasenlöcher bebten, er hatte die dünnen Lippen zurückgezogen. Sie trat ihm unters Kinn, und er ließ sie los.
    Im selben Augenblick sprang Godiva durch das offene Tor in die Nacht.
    »Sie hat ein Pferd!« brüllte Tucker. »Sie reitet auf einem Pferd!«
    Der Apfelschimmel lief schnurstracks auf den grasbewachsenen Hang zu, der zum ein paar hundert Meter entfernten Meer führte, wo das letzte trübe, rote Licht des Sonnenuntergangs schwache Fleckenmuster auf das schwarze Wasser malte. Aber Chrissie wollte nicht zum Meer hinun-ter, weil sie wußte, wie hoch die Flut war. An manchen Stellen an der Küste war der Strand nicht einmal bei Ebbe breit; wenn jetzt Flut herrschte, bedeutete das, das Wasser würde an manchen Stellen bis zu den Felsklippen reichen und ein Durchkommen unmöglich machen. Da sie von ihren Eltern und Tucker verfolgt wurde, konnte sie es nicht riskieren, in eine Sackgasse zu geraten.
    Es gelang Chrissie auch ohne Sattel und bei gestrecktem Galopp, sich auf dem Pferd in eine bessere Position zu ziehen; kaum hing sie nicht mehr wie ein Stuntreiter auf einer Seite herunter, packte sie das dichte, rauhe Haar der Mähne mit beiden Händen und versuchte, damit die Zügel zu ersetzen. Sie drängte Godiva, nach links zu laufen und zu dem eine halbe Meile langen Weg der Zufahrt zur Landstraße, wo sie wahrscheinlicher Hilfe finden würde.
    Anstatt angesichts dieser groben Methode der Führung zu rebellieren, gehorchte die geduldige Godiva unverzüglich und wandte sich so problemlos nach links, als hätte sie Zaumzeug im Mund und würde das Ziehen der Zügel spüren. Das Donnern der Hufe hallte von den Stallwänden wieder, als sie an dem Gebäude vorbeiritten.
    »Du bist ein tolles altes Mädchen!« rief Chrissie dem Pferd zu. »Ich liebe dich, Mädchen!«
    Sie ritten in sicherer Entfernung am Ostende des Stalls vorbei, wo sie zu dem Pferd gegangen war, und sie erblickte Tucker, der zum Tor herauskam. Er war eindeutig überrascht, daß sie in diese Richtung ritt, und nicht zum Meer hinunter. Er rannte auf sie zu, und er war überraschend schnell, aber keine Gefahr für Godiva.
    Sie kamen zum Weg der Einfahrt, und Chrissie ließ Gbdi-va auf dem weichen Seitenstreifen laufen, der parallel zum geteerten Weg verlief. Sie beugte sich nach vorne und drückte sich so fest sie konnte gegen das Pferd, weil sie entsetzliche Angst hatte, sie könnte herunterfallen; sie spürte jedes Auftreten der Hufe als Rütteln durch den ganzen Körper. Sie hatte den Kopf auf die Seite gedreht, daher konnte sie links das Haus erkennen, dessen Fenster erleuchtet, aber keineswegs anheimelnd waren. Das war nicht mehr ihr Zuhau-se; es war die Hölle zwischen vier Wänden, daher erschien ihr das Licht in den Fenstern wie die dämonischen Feuer in den Höhlen des Hades.
    Plötzlich sah sie etwas über den Rasen zum Weg eilen, in ihre Richtung. Es war geduckt und schnell, etwa so groß wie ein Mensch, lief aber auf allen vieren - jedenfalls beinahe - und verkürzte die Entfernung von zwanzig Metern zusehends. Dahinter sah sie eine weitere, gleichermaßen bizarre, aber etwas kleinere Gestalt. Obwohl sich beide Gestalten vor dem Licht vom Haus abzeichneten, konnte Chrissie wenig mehr als die Umrisse erkennen, aber sie wußte, was sie waren. Nein, das mußte sie verbessern; sie wußte, wer sie wahrscheinlich waren, aber sie wußte immer noch nicht, was sie waren, obwohl sie sie heute morgen oben im Flur gesehen hatte; sie wußte, was sie gewesen waren - Menschen wie sie selbst -, aber nicht, was aus ihnen geworden war.
    »Lauf, Godiva, lauf!«
    Obwohl Chrissie keine Reitpeitsche knallen lassen konnte, um das Tier anzuspornen, lief das Pferd schneller, als wäre es telepathisch mit ihr verbunden.
    Dann hatten sie das Haus hinter sich gelassen und flohen parallel zum Weg über die Wiese, der weniger als eine halbe Meile östlich liegenden Landstraße entgegen. Das leichtfüßige Pferd ließ die gewaltigen Laufmuskeln spielen, der ausgereifte Schritt war so einlullend rhythmisch und erhebend, daß Chrissie die Holperigkeit des Ritts bald gar nicht mehr bemerkte; es war, als würden sie beinahe fliegend über den Boden gleiten.
    Sie sah über die Schulter, konnte aber die zwei gebückten Gestalten nicht erkennen, obwohl sie ihr zweifellos immer noch durch die vielschichtigen Schatten folgten. Die Sicht war schlecht, da das trübe, rote Leuchten am westlichen Horizont zu Purpur wurde, die Lichter des Hauses rasch zurückblieben und die Mondsichel erst einen silbernen Punkt über der Hügelkette im Osten bildete.
    Sie konnte die Verfolger, die zu Fuß unterwegs waren, zwar nicht sehen, dafür aber die Scheinwerfer von Tuckers blauem Honda um so deutlicher. Tucker wendete den Honda vor dem Haus, das mittlerweile ein paar hundert Meter hinter ihr lag, und fuhr den Weg entlang, um an der Jagd teilzunehmen.
    Chrissie war ziemlich fest davon überzeugt, daß Godiva schneller als jeder Mensch oder jedes Tier laufen konnte, abgesehen von einem besseren Pferd, aber sie wußte, daß das Pferd es nicht mit dem Auto aufnehmen konnte. Tucker würde sie innerhalb von Sekunden eingeholt haben. Sie sah das Gesicht des Mannes in der Erinnerung deutlich vor sich: die knochige Stirn, die spitze Nase, die tiefliegenden Augen, die harten schwarzen Murmeln glichen. Er hatte auch diese Aura unnatürlicher Vitalität um sich gehabt, die Chrissie manchmal bei ihren Eltern bemerkt hatte - überschüssige, nervöse Energie, verbunden mit diesem seltsam hungrigen Ausdruck. Sie wußte, er würde alles tun, um sie aufzuhalten, er würde vielleicht sogar versuchen, Godiva mit dem Honda anzufahren.
    Aber er konnte Godiva mit dem Auto selbstverständlich nicht über Land folgen. Chrissie setzte zögernd das Knie und die rechte Hand in der Mähne dazu ein, das Pferd vom Weg und der Landstraße abzuwenden, wo sie am wahrscheinlichsten Hilfe gefunden hätten. Godiva reagierte ohne zu zögern, und dann ritten sie auf den Wald zu, der fünfhundert Meter südlich am anderen Ende der Wiese lag.
    Chrissie konnte den Wald lediglich als schwarze, struppige Masse ausmachen, die sich vor dem nur unwesentlich helleren Himmel abhob. Die Einzelheiten des Geländes, über das sie ritt, waren ihr besser in Erinnerung als sie sie sehen konnte. Sie betete, daß das nächtliche Sehvermögen des Tieres besser als ihres sein möge.
    »Du bist mein altes Mädchen, lauf, lauf, gutes altes Mädchen, lauf!« rief sie dem Pferd ermutigend zu.
    Sie erzeugten ihren eigenen Wind in der frischen, stillen Luft. Chrissie bemerkte Godivas heißen Atem, der als kondensierter Dampf an ihr vorbeiwehte, und ihren eigenen, der aus ihrem Mund drang. Ihr Herz schlug im Einklang mit dem Pochen der Hufe, und ihr war fast, als wären sie und Godiva nicht Reiter und Pferd, sondern ein Wesen mit ein und demselben Blut und Herz und Atem.
    Sie floh zwar um ihr Leben, war aber dennoch ebenso aufgeregt wie ängstlich, und diese Erkenntnis verblüffte sie. Sich dem Tod gegenüberzusehen - oder in diesem Fall möglicherweise etwas Schlimmerem als dem Tod -, war besonders aufregend und auf eine dunkle Weise und in einem Ausmaß faszinierend, das sie sich nie hätte vorstellen können. Sie fürchtete sich vor diesem unerwarteten Kitzel fast ebensosehr wie vor den Leuten, die sie verfolgten.
    Sie klammerte sich fest an den Apfelschimmel, prallte manchmal vom Rücken des Pferdes ab und hüpfte gefährlich in die Höhe, hielt sich aber dennoch fest, indem sie die Muskeln im Einklang mit denen des Pferds spannte und entspannte. Chrissie war nach jedem ausgreifenden Schritt überzeugter, daß sie es schaffen würden. Das Pferd hatte Charakter und Ausdauer. Als sie zwei Drittel der Wiese überquert hatten und der Wald vor ihnen aufragte, beschloß Chrissie, daß sie sich wieder nach Osten wenden würde, wenn sie die Bäume erreicht hätten, nicht direkt zur Landstraße, sondern ungefähr in die Richtung, und dann-Da stürzte Godiva.
    Ein Fuß geriet in eine Vertiefung - den Bau eines Erdhörnchens, den Eingang zu einer Kaninchenhöhle, möglicherweise ein natürlicher Abwassergraben -, sie stolperte und verlor das Gleichgewicht. Sie versuchte vergebens, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, wieherte entsetzt und stürzte.
    Chrissie hatte Angst, daß das Pferd auf sie fallen und sie zerquetschen oder ihr ein Bein brechen würde. Aber sie hatte keine Steigbügel, in denen sich die Füße verfangen konnten, und keinen Sattelknauf, an dem Kleidungsstücke hängenbleiben konnten, und da sie die Mähne des Pferdes instinktiv losließ, wurde sie sofort über den Kopf des Pferdes hinweg hoch in die Luft geschleudert. Der Boden war zwar weich und durch das hohe Gras zusätzlich gepolstert, dennoch prallte sie so stark auf, daß ihr die Luft aus den Lungen getrieben wurde und die Zähne so heftig aufeinanderschlugen, daß sie sich selbst die Zunge abgebissen hätte, wäre sie zwischen ihnen gewesen. Aber sie war drei Meter von dem Pferd entfernt und wenigstens in dieser Hinsicht in Sicherheit.
    Godiva erhob sich als erste schon einen Augenblick nach dem Sturz. Sie tänzelte mit ängstlich aufgerissenen Augen an Chrissie vorbei und hielt dabei das rechte Vorderbein hoch, das offenbar nur verstaucht war; wäre es gebrochen gewesen, hätte das Pferd nicht mehr aufstehen können.
    Chrissie rief das Pferd, weil sie Angst hatte, es würde weglaufen. Aber sie atmete keuchend, und so kam ihr der Name nur flüsternd über die Lippen: »Godiva!«
    Das Pferd lief weiter nach Westen, zum Meer und den Ställen. Als Chrissie sich auf Hände und Knie aufgerichtet hatte, war ihr klargeworden, daß ihr ein lahmendes Pferd nicht von Nutzen war, daher unternahm sie keinen Versuch mehr, das Tier zurückzurufen. Sie rang keuchend nach Atem, und ihr war ein wenig schwindlig, aber sie wußte, sie mußte weiter, weil sie zweifellos immer noch verfolgt wurde. Sie konnte die Scheinwerfer des Hondas sehen, der mehr als dreihundert Meter entfernt am Wegesrand geparkt war. Der letzte Rest Sonnenschein war verschwunden, die Wiese schwarz. Sie konnte nicht erkennen, ob geduckte, huschende Gestalten da draußen waren, doch sie wußte, sie mußten näherkommen, und ae würde ihnen binnen einer oder zwei Minuten in die Hände fallen.
    Sie rappelte sich auf, wandte sich nach Süden zum Wald, stolperte zehn oder fünfzehn Meter, bis sich ihre Beine vom Schock des Sturzes erholt hatten, dann fing sie schließlich wieder an zu laufen.
    Sam Booker hatte im Verlauf vieler Jahre herausgefunden, daß die gesamte Länge der Küste Kaliforniens von bezaubernden Gaststätten mit Mauerwerk feinster Qualität, wettergezeichnetem Holz, gewölbten Dächern, facettiertem Glas und üppig angelegten Gärten mit Natursteinwegen geschmückt wurde. Trotz der anheimelnden Bilder, die sein Name heraufbeschwörte, und der einzigartigen malerischen Umgebung, in der es sich befand, gehörte das Cove Lodge nicht zu diesen Juwelen Kaliforniens. Es war nur dn stuckverzierter, zweistöckiger rechteckiger Klotz mit vierzig Zimmern, einer öden Cafeteria an einem Ende und ohne Swimmingpool. Die Annehmlichkeiten beschränkten sich auf je einen Eis - und Getränkeautomaten pro Stockwerk. Das Schild über dem Büro des Motels war weder auffallend noch im modernen Neonstil gehalten, nur klein und schlicht -und billig.
    Der Nachtportier gab ihm ein Zimmer im zweiten Stock mit Blick aufs Meer, obwohl Sam keinen Wert auf die Aussicht legte. Wenn man den wenigen Autos auf dem Parkplatz trauen konnte, waren Zimmer mit dieser Aussicht aber offenbar nicht knapp. Jeder Stock des Hotels beherbergte zwanzig Zimmer in zwei Zehnerfluchten, zu denen man über einen Flur im Inneren gelangen konnte, dessen grellorangefarbener Teppichboden den Augen weh tat. Die Zimmer zum Osten überblickten die Cypress Lane; die im Westen den Pazifik. Sein Quartier befand sich in der nordwestlichen Ecke: ein übergroßes Bett mit durchgelegener Matratze und verschlissener, blaugrüner Steppdecke, ein Nachttisch mit Brandspuren von Zigaretten, ein auf einem Tischchen festgeschraubter Fernseher, ein Tisch, zwei Lehnstühle, eine Kommode mit Zigarettenspuren, Telefon, Bad und ein großes Fenster zum nachtverhüllten Meer.
    Wenn niedergeschlagene Handlungsreisende, die das Glück verlassen hatte und die sich am Rande des wirtschaftlichen Ruins befanden, Selbstmord begingen, dann taten sie es in Zimmern wie diesem.
    Er packte seine beiden Koffer aus und verstaute die Kleidungsstücke im Schrank und in den Schubladen der Kommode. Dann setzte er sich auf den Bettrand und sah das Telefon auf dem Nachttisch an.
    Er sollte seinen Sohn Scott anrufen, der zu Hause in Los Angeles war, aber das konnte er von diesem Telefon aus nicht machen. Wenn sich später die hiesige Polizei für ihn zu interessieren anfinge, würde sie das Cove Lodge besuchen, seine Ferngespräche feststellen, die Nummern herausfinden, die er angerufen hatte, und versuchen, seine wahre Identität über die der anderen zu ermitteln, mit denen er gesprochen hatte. Damit sein Inkognito gewahrt bliebe, durfte er von diesem Telefon ausschließlich seine Kontaktnummer im Revier das Bureau in L. A. anrufen, eine sichere Leitung, unter der man sich lediglich mit »Birchfield Versicherungen, kann ich Ihnen helfen?« melden würde. Als weitere Sicherheit war Birchfield, die nichtexistierende Firma, bei der Sam angeblich Makler war, tatsächlich in den Unterlagen der Telefongesellschaft eingetragen; man konnte sie nicht ohne weiteres zum FBI zurückverfolgen. Er hatte noch nichts zu melden, daher nahm er den Hörer nicht ab. Er konnte Scott von einem öffentlichen Fernsprecher anrufen, wenn er zum Essen ginge.
    Er wollte nicht mit dem Jungen reden. Es würde ein reiner Pflichtanruf werden. Sam graute davor. Die Unterhaltungen mit seinem Sohn waren vor mindestens drei Jahren unerfreulich geworden, als der Junge dreizehn und schon ein Jahr ohne Mutter gewesen war. Sam fragte sich, ob es mit dem Jungen so schnell oder überhaupt so weit gekommen wäre, wenn Karen noch leben würde. Dieser Gedankengang führte natürlich unweigerlich zu seiner eigenen Rolle am Niedergang von Scott: Wäre der Junge trotz der elterlichen Zuwendung, die er erhielt, schlecht geworden; war sein Niedergang unweigerlich, weil die Schwäche in ihm war oder in seinen Sternen stand? Oder war Scotts Versagen die direkte Folge des Unvermögens seines Vaters, ihn auf einen besseren, lichteren Weg zu führen?
    Wenn er weiter darüber nachdachte, würde er direkt hier in Moonlight Cove zu einem Willy Lomann werden, obwohl er kein Handlungsreisender war.
    Guinness Stout.
    Gutes mexikanisches Essen.
    Goldie Hawn.
    Angst vor dem Sterben.
    Seine Liste der Gründe zum Weiterleben war verdammt kurz und zu jämmerlich, ernsthaft darüber nachzudenken, aber vielleicht gerade lang genug.
    Er ging auf die Toilette und wusch sich anschließend Hände und Gesicht mit kaltem Wasser. Er fühlte sich immer noch müde und nicht im geringsten erfrischt.
    Er zog die Cordjacke aus und streifte ein dünnes, festes Schulterhalfter aus Leder über, das er aus dem Koffer nahm. Er hatte auch eine Chiefs Special, Kaliber 38, von Smith & Wessen eingepackt, die er jetzt lud. Er steckte sie ins Halfter, dann schlüpfte er wieder ins Jackett. Seine Kleidung war so geschneidert, daß sie die Waffe verbarg; sie erzeugte keine Wölbung und das Halfter saß auch so weit hinten, daß man es nicht einmal dann erkennen konnte, wenn er das Jackett aufgeknöpft hatte.
    Sams Körper und Gesicht waren für geheime Ermittlungen ebenso maßgeschneidert wie seine Kleidung. Er war einsachtundsiebzig, weder groß noch klein. Er wog achtzig Kilo, hauptsächlich Knochen und Muskeln, wenig Fett, trotzdem war er kein stiernackiger Gewichthebertyp in Bestform, so daß er dadurch Aufmerksamkeit erregen könnte. Sein Gesicht wies nichts Besonderes auf: Es war weder häßlich noch schön, weder zu breit noch zu schmal, weder mit ungewöhnlich scharf geschnittenen noch mit besonders flachen Zügen, ohne Makel oder Narben. Das sandfarbene Haar hatte er in zeitloser mittlerer Länge geschnitten und in einem Stil, der im Zeitalter des Bürstenschnitts ebensowenig aufgefallen wäre wie in dem schulterlanger Locken.
    Von sämtlichen Aspekten seiner Erscheinung waren einzig und allein die Augen bemerkenswert. Sie waren graublau mit dunkelblauen Linien. Frauen hatten ihm oft gesagt, er hätte die schönsten Augen, die sie je gesehen hätten. Früher war ihm einmal etwas daran gelegen gewesen, was Frauen zu ihm gesagt hatten.
    Er zuckte die Achseln und vergewisserte sich, ob das Halfter richtig saß.
    Er rechnete nicht damit, daß er die Waffe heute abend brauchen würde. Er hatte noch nicht angefangen herumzu-schnüffeln und Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; und da er bisher noch niemandem auf die Füße getreten war, würde auch niemand zurückschlagen.
    Dennoch wollte er den Revolver von jetzt an tragen. Er konnte ihn nicht im Motelzimmer oder im Mietwagen lassen; wenn jemand eine Durchsuchung vornähme und die Waffe fände, würde seine Tarnung auffliegen. Kein Börsenmakler in mittleren Jahren, der nach einem Küstenstädtchen suchte, wo er sich vom Streß zurückziehen konnte, würde einen schallgedämpften 38er dieser Marke und dieses Modells bei sich haben. Es war die Waffe eines Bullen.
    Er steckte den Zimmerschlüssel ein und ging zum Essen.
    Nachdem sie sich eingetragen hatte, stand Tessa Lockland lange Zeit am Fenster ihres Zimmers im Cove Lodge, ohne das Licht einzuschalten. Sie sah auf den weiten, dunklen Pazifik hinaus und den Strand entlang, an dem ihre Schwester Janice angeblich eine gräßliche Mission der Selbstvernichtung begonnen hatte.
    Die offizielle Geschichte war, daß Janice eines Nachts in einem Zustand akuter Depression alleine zum Strand gegangen war. Sie hatte eine Uberdosis Valium genommen und die Tabletten mit mehreren Schlucken aus einer Dose Diet Coke hinuntergespült. Dann hatte sie die Kleidung ausgezogen und war in Richtung Japan losgeschwommen. Sie hatte aufgrund des Schlafmittels bald das Bewußtsein verloren und war in die kalte Umarmung des Meeres hinabgesunken und ertrunken.
    » Scheiße«, sagte Tessa leise, als spräche sie zu ihrem eigenen, vagen Spiegelbild in dem kühlen Glas.
    Janice Lockland Capshaw war eine Person voller Hoffnung und unversiegbarem Optimismus gewesen - eine Eigenschaft, die bei Angehörigen des Lockland-Clans so verbreitet war, daß sie genetisch bedingt sein mußte. Janice hatte in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal in der Ecke gesessen und hatte sich selbst bemitleidet; hätte sie es versucht, dann hätte sie innerhalb von Sekunden über die Dummheit von Selbstmitleid gelacht und wäre aufgestanden, um ins Kino oder zu einem psychotherapeutischen Dauerlauf zu gehen. Nicht einmal nach Richards Tod hatte Janice ihren Kummer zu Depressionen wuchern lassen, obwohl sie ihn sehr geliebt hatte.
    Was also konnte den unvermittelten emotionalen Absturz verursacht haben? Wenn sie an die Geschichte dachte, die die Polizei ihr weismachen wollte, wurde Tessa zu Sarkasmus getrieben. Vielleicht war Janice in ein Restaurant gegangen und hatte ein schlechtes Essen vorgesetzt bekommen, und dieses Erlebnis hatte sie so sehr niedergeschmettert, daß Selbstmord der einzig mögliche Ausweg war. Klar. Oder vielleicht war ihr Fernseher kaputtgegangen und sie hatte deshalb ihre Lieblingssendung verpaßt, was sie in unerträgliche Verzweiflung gestürzt hatte. Gewiß. Diese Szenarien waren schätzungsweise so plausibel wie der Unsinn, den ihr der Gerichtsmediziner und die Polizei von Moonlight Cove in ihren Berichten präsentiert hatten.
    Selbstmord.
    »Scheiße«, wiederholte Tessa.
    Sie konnte vom Fenster ihres Motelzimmers nur einen kleinen Strandabschnitt sehen, wo gischtende Wellen brandeten. Der Sand wurde vage vom winterlichen Licht des gerade aufgegangenen Viertelmondes erhellt, ein blasses Band, das sich südwestlich und nordwestlich um die Bucht zog.
    Tessa verspürte den Wunsch, an dem Strand zu stehen, wo ihre Schwester angeblich den mitternächtlichen Schwimmausflug zum Friedhof angefangen hatte, derselbe Strand, an den die Flut Tage später ihren aufgedunsenen, verstümmelten Leichnam geschwemmt hatte. Sie wandte sich vom Fenster ab und schaltete die Nachttischlampe ein. Sie nahm eine braune Lederjacke vom Kleiderbügel im Schrank, zog sie an, hängte die Handtasche über die Schulter, ging aus dem Zimmer und schloß die Tür hinter sich ab. Sie war - auf irrationale Weise - sicher, daß sie durch er-staunliche Einsicht oder einen Funken der Intuition Hinweise auf den wahren Sachverhalt finden würde, indem sie nur an den Strand ginge und an der Stelle stünde, wo Janice angeblich gestanden hatte.
    Als der wie gehämmertes Silber aussehende Mond über den dunklen Hügeln im Osten emporstieg, rannte Chrissie am Waldrand entlang und suchte nach einem Weg zwischen den Bäumen, bevor ihre seltsamen Verfolger sie fänden. Sie kam rasch zum Pyramidenfelsen, der so hieß, weil die Formation, die doppelt so groß war wie sie selbst, drei Seiten hatte und in einer verwitterten Spitze auslief; als sie jünger war, hatte sie sich immer vorgestellt, daß er von einem geographisch verirrten Stamm zentimetergroßer Ägypter erbaut worden war. Da sie seit Jahren auf dieser Wiese und im Wald spielte, war ihr das Gelände so vertraut wie die Zimmer in ihrem Haus, und sie kam hier sicher besser zurecht als ihre Eltern oder Tucker, was ihr einen Vo rteil verschaffte. Sie lief am Pyramidenfelsen vorbei und ins Dunkel unter den Bäumen, wo ein schmaler Wildpfad nach Süden führte.
    Sie hörte niemanden hinter sich und vergeudete keine Zeit damit, in die Dunkelheit zu blinzeln. Aber sie ging davon aus, daß ihre Eltern und Tucker als Raubtiere stumme Verfolger sein und sich erst zu erkennen geben würden, wenn sie zuschlügen.
    Die Wälder an der Küste bestanden größtenteils aus einer breiten Vielzahl von Pinien, aber es gediehen auch verein -zelte Tupelobäume, deren Blätter bei Tage eine scharlachrote Herbstfarbe hatten, jetzt aber so schwarz wie Fetzen eines Leichentuches waren. Chrissie folgte dem verschlungenen Pfad, während sich das Land zu einem Tal hin absenkte. In mehr als der Hälfte des Waldes standen die Bäume so weit auseinander, daß das kalte Licht des Viertelmonds bis ins Unterholz schien und den Pfad mit einer eisigen Kruste aus Licht überzog. Der aufsteigende Nebel war noch zu dünn, das fahle Licht zu verdecken, aber an anderen Stellen hielten ineinander verflochtene Zweige das Mondlicht ab.
    Nicht einmal da, wo das Mondlicht schien, wagte Chrissie schnell zu laufen, denn sie würde sicher über die Oberflächenwurzeln der Bäume stolpern, die sich über den ausgetretenen Weg zogen. Hier und da bildeten herabhängende Zweige eine weitere Gefahr für einen Läufer, aber sie bemühte sich dennoch, so schnell sie konnte zu gehen.
    Sie dachte, als würde sie aus einem Buch über ihre eigenen Abenteuer vorlesen, aus einem jener Bücher, die sie so gerne las: Die junge Chrissie war ebenso sicher zu Fuß, wie sie ausdauernd war, sie besaß eine rasche Auffassungsgabe und ließ sich von der Dunkelheit ebensowenig einschüchtern wie vom Gedanken an ihre monströsen Verfolger. Welch ein Mädchen!
    Sie würde bald den Fuß des Hügels erreicht haben, wo sie sich nach Westen zum Meer oder nach Osten zur Landstraße wenden könnte, wo eine Brücke über das Tal verlief. In dieser Gegend, mehr als zwei Meilen vom Stadtrand von Moonlight Cove entfernt, wohnten nur wenige Leute; noch weniger wohnten am Meer, da Teile der Küste unter Naturschutz standen und nicht bebaut werden durften. Sie hatte zwar kaum Chancen, am Pazifik Hilfe zu finden, aber die Aussichten im Osten waren nicht nennenswert besser, denn die Landstraße war wenig befahren, und dort befanden sich kaum Häuser; zudem konnte es sein, daß Tucker mit seinem Honda dort Streife fuhr, weil sie davon ausgingen, daß sie dorthin laufen und das erstbeste Auto anhalten würde, das des Weges kam.
    Sie überlegte sich verzweifelt, wohin sie sich wenden sollte, während sie die letzten Meter zurücklegte. Die Bäume rechts und links vom Weg wichen dem niederen, unentwirrbaren Filz von struppigen Krüppeleichen, die Chaparral genannt wurden. Gewaltige Farne, die wie geschafften waren für die gelegentlichen Küstennebel, wucherten über den Pfad, und Chrissie erschauerte, während sie sich durch sie drängte, denn ihr war, als würden zahllose, winzige Händchen nach ihr greifen.
    Ein breiter, aber flacher Bach teilte das Tal; an seinem Ufer blieb sie stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Das Bachbett war weitgehend ausgetrocknet. Um diese Jahreszeit floß das Wasser nur ein paar Zentimeter breit träge durch die Mitte des Kanals und funkelte im Mondlicht.
    Die Nacht war windstill.
    Totenstill.
    Sie schlug die Arme um sich und merkte jetzt erst, wie kalt es war. Sie war mit ihren Jeans und dem Flanellhemd für einen warmen Oktobertag angezogen, nicht für eine kalte, klamme Herbstnacht.
    Sie war durchgefroren, außer Atem, ängstlich und wußte nicht, wie sie weiter vorgehen sollte, am meisten aber war sie wütend auf sich selbst, weil Körper und Geist so schwach waren. Ms. Andre Nortons wunderbare Abenteuergeschichten waren voll von kühnen jungen Heldinnen, die wesentlich längere Verfolgungen aushaken konnten - und bittere Kälte und andere Härten als diese, und sie hatten den Verstand immer beisammen und konnten schnelle Entscheidungen treffen - und meistens die richtigen.
    Es spornte Chrissie an, sich mit einer Heldin von Andre Norton zu vergleichen, und sie trat entschlossen ins Bachbett hinunter. Sie überquerte drei Meter schlammige Erde, die die schweren Regenfälle des letzten Frühlings angeschwemmt hatten, und versuchte, über den schmalen, purpurnen Wasserlauf zu springen. Sie verfehlte das gegenüberliegende Ufer nur um Zentimeter und machte ihre Tennisschuhe naß. Sie ging dennoch unverdrossen weiter durch lehmigen Boden, der in Klumpen an ihren nassen Schuhen haften blieb, erklomm das gegenüberliegende Ufer des Bachbetts, wo sie sich weder nach Westen noch nach Osten wandte, sondern nach Süden, den gegenüberliegenden Hügelkamm hinauf und zum nächsten Ausläufer des Waldes.
    Sie kam jetzt in neues Gelände am äußersten Abschnitt des Waldes, der jahrelang ihr Spielplatz gewesen war, aber sie hatte keine Angst davor, sich zu verirren. Sie konnte Westen und Osten anhand der dünnen Nebelschwaden und der Position des Mondes unterscheiden. Mit diesen Hilfsmitteln konnte sie einen zuverlässigen Südkurs einschlagen. Sie glaubte, daß sie innerhalb einer Meile zu einer Gruppe von Häusern und der ausgedehnten Anlage von New Wave Mikrotechnologie kommen würde, die zwischen den Stallungen der Fosters und der Stadt Moonlight Cove lag. Dort könnte sie Hilfe finden.
    Aber dann würden natürlich erst ihre wahren Probleme anfangen. Sie mußte jemanden davon erzählen, daß ihre Eltern nicht mehr ihre Eltern waren, daß sie sich verändert hatten, von einem Geist besessen oder irgendwie verein -nahmt worden waren... von einer unbekannten Macht. Und daß sie sie selbst in eine von ihnen verwandeln wollten.
    Klar, dachte sie. Viel Glück.
    Sie war klug, redegewandt, verantwortungsbewußt, aber sie war nur ein elfjähriges Mädchen. Es dürfte ihr schwerfallen, jemanden davon zu überzeugen, ihr zu glauben. Diesbezüglich hatte sie keine Illusionen. Sie würden zuhören und nicken und lächeln, und dann würden sie ihre Eltern anrufen, und ihre Eltern würden sich glaubwürdiger anhören als sie selbst...
    Aber ich muß es versuchen, sagte sie zu sich, während sie die südliche Wand des Tals zu erklimmen begann. Wenn ich nicht versuche, jemanden zu überzeugen, was kann ich sonst tun? Mich einfach aufgeben? Auf gar keinen Fall.
    Ein paar hundert Meter hinter ihr kreischte etwas hoch oben am Hang, den sie gerade heruntergekommen war. Es war kein menschlicher Schrei, aber auch nicht der eines Tieres. Dem ersten schrillen Schrei antwortete ein zweiter, ein dritter und jeder Schrei war eindeutig von einem anderen Wesen, denn jeder wurde mit einer deutlich unterscheidbaren Stimme ausgestoßen.
    Chrissie blieb auf dem steilen Hügel unter dem Baldachin eines süßlich riechenden Busches stehen und hielt sich mit der Hand an einer aufgesprungenen Birkenrinde fest. Sie drehte sich herum und lauschte, wie ihre Verfolger gleichzeitig zu heulen anfingen, ein hallender Schrei, der an das Bellen von Koyoten erinnerte...aber seltsamer, furchteinflö-ßender war. Das Geräusch war so kalt, daß es ihr durch Mark und Bein fuhr und sich wie eine Nadel in ihre Knochen bohrte.
    Das Bellen war wahrscheinlich Ausdruck ihrer Zuversicht: Sie waren sicher, daß sie sie erwischen würden, daher mußten sie nicht mehr schweigen.
    »Was seid ihr?« flüsterte sie.
    Sie vermutete, daß sie in der Dunkelheit so gut wie Katzen sehen könnten.
    Konnten sie sie auch wittern, wie Hunde?
    Ihr Herz schlug beinahe schmerzhaft in der Brust.
    Sie fühlte sich verwundbar und allein, als sie den heulenden Jägern den Rücken zudrehte und den Pfad zum südlichen Rand des Tals emporkletterte.
    Am Fuß der Ocean Avenue schritt Tessa Lockland über den verlassenen Parkplatz zum öffentlichen Strand. Die nächtliche Brise vom Pazifik kam gerade auf, sanft aber kühl, und sie war froh, daß sie Hosen, einen Wollpullover und die Lederjacke anhatte.
    Sie schritt über den weichen Sand zu den Schatten außerhalb des Lichtkreises der letzten Straßenlaterne, an einer am Strand wachsenden hohen Zypresse vorüber, die der Wind vom Meer so radikal geformt hatte, daß sie sie an eine Skulptur von Erte erinnerte, nur gekrümmte Linien und geschmolzene Formen. Auf dem feuchten Sand am Wasser, wo die Wellen Zentimeter von ihren Schuhspitzen entfernt ausrollten, sah Tessa nach Westen. Der Viertelmond reichte nicht aus, das weite, wogende Meer zu erhellen; sie konnte lediglich die ersten drei Reihen der flachen, schaumgekrönten Wellen sehen, die aus der Dunkelheit auf sie zubrandeten.
    Sie versuchte, sich ihre Schwester vorzustellen, wie sie an diesem einsamen Strand stand, dreißig oder vierzig Valium mit Diet Coke hinunterspülte und sich dann nackt auszog und ins kalte Meer sprang. Nein. Nicht Janice.
    Von der wachsenden Überzeugung erfüllt, daß die Behörden in Moonlight Cove entweder untaugliche Narren oder Lügner waren, schritt Tessa an der Krümmung des Strands entlang nach Süden. Sie betrachtete im perlmuttartigen Licht des verkümmerten Mondes den Sand, die verstreuten Zypressen weiter hinten am Strand und die von der Zeit abgetragenen Felsformationen. Sie suchte nicht nach greifbaren Spuren, die ihr verraten könnten, was Janice zugestoßen war; die waren in den vergangenen Wochen nur von Gezeiten und Winden verwischt worden. Sie hoffte statt dessen, die Landschaft selbst und die Elemente der Nacht - Dunkelheit, kühler Wind, Arabesken blassen, langsam dichter werdenden Nebels - würden sie inspirieren, eine Theorie darüber zu entwickeln, was Janice wirklich zugestoßen war, und wie sie anfangen könnte, diese Theorie zu beweisen.
    Sie war Filmemacherin, die sich auf verschiedene Arten von Industrie- und Dokumentarfilmen spezialisiert hatte. Wenn sie Zweifel an Bedeutung oder Zweck eines Projektes hatte, konnte es sie, wie sie schon häufig festgestellt hatte, zu erzählerischen und thematischen Annäherungen an ein Thema inspirieren, wenn sie sich ganz in die bestimmte geographische Gegend versenkte. Wenn sie sich im Anfangsstadium eines neuen Reisefilms befand, verbrachte sie häufig ein paar Tage nur damit, ziellos durch die Straßen einer Stadt, wie Singapur oder Hongkong oder Rio, zu schlendern und Einzelheiten in sich aufzunehmen, was produktiver war, als stundenlang Hintergrundinformationen nachzulesen oder sich Gedanken zu machen, obwohl Lesen und Nachdenken selbstverständlich auch dazugehörten.
    Sie war kaum sechzig Meter am Strand entlanggelaufen, als sie einen schrillen, unheimlichen Schrei hörte und stehenblieb. Das Geräusch war fern, schwoll an und senkte sich, schwoll an und senkte sich, verstummte.
    Sie fragte sich, was sie gehört hatte, denn der seltsame Ruf machte sie kälter als die kühle Oktoberluft. Es war teilweise ein hundeähnliches Heulen gewesen, aber sie war sicher, daß es nicht von einem Hund stammte. Obwohl es auch etwas vom katzenhaften Maunzen und Wimmern gehabt hatte, war sie sicher, daß es auch nicht von einer Katze stammte; keine Hauskatze kpnnte so laut schreien, und soweit sie wußte, streiften keine Wildkatzen durch die Berge an der Küste, aber ganz bestimmt nicht in der Nähe einer Stadt wie Moonlight Cove.
    Gerade als sie sich wieder in Bewegung setzen wollte, hallte derselbe klagende Schrei durch die Nacht, und jetzt war sie ziemlich sicher, daß er von der Klippe weiter südlich heruntertönte, die sich über den Strand erhob, wo die Lichter der meerwärts erbauten Häuser nicht so dicht waren wie in der Mitte der Bucht. Dieses Mal endete das Heulen mit einem abgehackteren, lehligeren Laut, der von einem großen Hund hätte stammen können, aber sie war immer noch davon überzeugt, daß er von einem anderen Geschöpf stammen mußte. Jemand, der an der Küste lebte, mußte sich ein exotisches Tier als Haustier halten: möglicherweise einen Wolf oder eine große Gebirgskatze, die nicht an der nördlichen Küste beheimatet war.
    Diese Erklärung befriedigte sie freilich nicht völlig, denn der Schrei hatte etwas eigentümlich Vertrautes an sich gehabt, das sie nicht greifen konnte, eine Eigenheit, die nichts mit einem Wolf oder einer Gebirgskatze zu tun hatte. Sie wartete auf einen weiteren Schrei, aber es kam keiner mehr.
    Die Dunkelheit um sie herum hatte zugenommen. Der Nebel ballte sich zusammen, eine dunkle Wolke schob sich halb vor die Mondsichel.
    Sie entschied, daß sie die Einzelheiten der Landschaft am Morgen besser in sich aufnehmen könnte, und drehte sich wieder zu den nebelverschleierten Laternen am Ende der Ocean Avenue um. Sie merkte nicht, daß sie so schnell ging - beinahe rannte -, bis sie das Ufer hinter sich gelassen, den Parkplatz überquert und den ersten Block der Ocean Avenue passiert hatte, und da bemerkte sie ihre Hast nur, weil ihr plötzlich klar wurde, wie keuchend sie atmete.
    Thomas Shaddack schwebte in vollkommener Schwärze, die weder warm noch kalt war, in der er schwerelos zu sein schien, er keinerlei Empfindungen mehr auf der Haut spürte, in der er ohne Gliedmaßen, Muskeln oder Knochen zu sein und überhaupt keinerlei stoffliche Substanz zu haben schien. Ein zäher Gedankenfaden verband ihn mit seinem körperlichen Selbst, und er war sich in den entferntesten Ecken seines Verstandes immer noch bewußt, daß er ein Mensch war - ein Hüne von einem Mann, einen Meter neunzig groß, achtundsiebzig Kilo schwer, schlacksig und knochig, mit zu schmalem Gesicht, hoher Stirn und braunen Augen, die so hell waren, daß sie fast Gelb wirkten.
    Er war sich auch vage bewußt, daß er nackt war und in einer Kammer zum Entzug von Sinneswahrnehmungen schwebte, die sich auf dem neuesten Stand der Technik befand und ungefähr wie eine altmodische eiserne Lunge aussah, aber viermal so groß. Die einzige schwache Glühbirne war ausgeschaltet, kein Licht drang durch die Hülle des Tanks. Die Flüssigkeit, in der Shaddack schwebte, war etwa sechzig Zentimeter tief, eine zehnprozentige Lösung von Magnesiumsulfat in Wasser, des optimalen Auftriebs wegen. Die - wie jedes Element dieser Umgebung - von einem Computer überwachte Temperatur des Wassers schwankte zwischen vierunddreißig Grad Celsius, der Temperatur, bei der ein treibender Körper am wenigsten von der Schwerkraft beeinflußt wird, und siebenunddreißig Grad Celsius, bei denen der Wärmeunterschied zwischen der menschlichen Körpertemperatur und der Flüssigkeit vernachlässigbar ist.
    Er litt nicht an Klaustrophobie. Eine oder zwei Minuten, nachdem er sich in die Kammer begeben und die Klappe geschlossen hatte, war das Gefühl, beengt zu sein, völlig verschwunden.
    Ohne Sinneswahrnehmungen - kein Sehen, kein Hören, wenig oder gar kein Schmecken, keinerlei Geruchsstimulationen, kein Tastsinn, kein Gefühl für Gewicht oder Raum oder Zeit - ließ Shaddack seinen Verstand frei wandern; ohne die Behinderungen des Fleisches schwang er sich zu neuen Höhepunkten der Einsicht auf und erforschte Vorstellungskonzepte, die ansonsten zu komplex gewesen wären.
    Er war auch ohne Unterstützung durch den Entzug von Sinneswahrnehmungen ein Genie. Das hatte das Time Magazin geschrieben, also mußte es stimmen. Er hatte New Wave Mikrotechnologie von einer ums Überleben kämpfenden Firma mit einem Startkapital von zwanzigtausend Dollar zu einem Unternehmen mit dreihundert Millionen Jahresumsatz gemacht, welches hochentwickelte Mikrotechnologie erforschte, plante und entwickelte.
    Momentan unternahm Shaddack allerdings keinen Versuch, sich auf anstehende Probleme zu konzentrieren. Er benützte den Tank nur zur Erholung, um eine bestimmte Vision herbeizuführen, die ihn immer wieder in ihren Bann zog und erregte.
    Seine Vision:
    Abgesehen von dem dünnen Faden des Denkens, der ihn noch mit der Wirklichkeit verband, stellte er sich vor, er wäre in einer gewaltigen, arbeitenden Maschine, die so unermeßlich war, daß ihre Dimensionen ebenso schwer zu bestimmen waren wie die des Universums selbst. Es war die Landschaft eines Traums, aber unendlich plastischer und intensiver als in einem Traum. Er schwebte wie ein fortgewehter Splitter in den Eingeweiden dieses kolossalen imaginären Mechanismusses, an massiven Wänden und miteinander verbundenen Säulen stampfender Antriebskolben vorbei, rasselnden Antriebsketten, Myriaden stoßender Zylinder, die ihrerseits mit großen geschmierten Kurbelwellen verbunden waren, die Zahnräder verschiedenster Größen drehten. Servomotoren summten, Kompressoren zischten, Verteiler funkten, wenn elektrische Ströme durch Millionen verflochtener Kabel zu den entferntesten Stellen der Konstruktion flossen.
    Für Shaddack war der erregendste Teil dieser visionären Welt die Art und Weise, wie Schäfte aus Stahl und Kolben aus Legierungen und Hartgummidichtungen und Alumi-niumabdeckungen mit organischen Teilen verbunden waren und so eine revolutionäre Einheit mit zwei Lebensformen bildeten: wirkungsvolle mechanische Animation und das Pulsieren organischen Gewebes. Als Pumpen hatte der Ingenieur menschliche Herzen genommen, die unablässig in ihrem alten Klopf-klopf-Rhythmus pochten und durch dicke Arterien mit Gummischläuchen verbunden waren, die sich in die Wände schlängelten; manche pumpten Blut in die Teile der Maschine, die organischer Schmierung bedurften, während andere hochviskoses Öl pumpten. In andere Teile der unendlichen Maschine waren Zehntausende von Lungenflügeln eingebaut, die als Blasebälge und Filter dienten; Sehnen und tumorartige Fleischwucherungen waren Verbindungsstücke für lange Röhren und Gummischläuche, die flexibler waren und dichter schlössen als gewöhnliche, nichtorganische Dichtungen das hätten bewerkstelligen können.
    Hier waren die besten Konzepte von organischen und mechanischen Systemen zu einer einzigen perfekten Struktur vereint. Während Thomas Shaddack sich den Weg durch die endlosen Gründe seines erträumten Ortes vorstellte, war er fasziniert, wenngleich er nicht wußte - und ihm auch nichts daran lag -, welche endgültige Funktion alles hatte, welches Produkt oder welche Leistung es durch seine Funktion hervorbringen sollte. Das Gebilde erregte ihn, weil es eindeutig alles mit höchstem Wirkungsgrad erfüllte, weil die organischen und nichtorganischen Teile so brillant miteinander gekoppelt waren.
    Shaddack hatte sich sein ganzes Leben lang, soweit er sich an seine einundvierzig Jahre erinnern konnte, darum bemüht, die Einschränkungen des menschlichen Daseins zu überwinden, hatte sich von ganzem Herzen und mit all seiner Willenskraft angestrengt, über das Schicksal seiner Rasse hinauszuwachsen. Er wollte mehr als nur ein Mensch sein. Er wollte die Macht eines Gottes haben und nicht nur seine eigene Zukunft bestimmen, sondern die der gesamten Menschheit. Wenn er in seinem privaten Tank, frei von Sinneswahrnehmungen, von der Vision seines kybernetischen Organismus mitgerissen wurde, war er dieser ersehnten Metamorphose näher als in der wirklichen Welt, und das löste sein Hochgefühl aus.
    Denn für ihn war diese Vision nicht nur intellektuell stimulierend und emotional bewegend, sondern auch außerordentlich erotisch. Wenn er durch diese imaginäre halborganische Maschine schwebte und beobachtete, wie sie pochte und pulsierte, erlebte er einen Orgasmus, den er nicht nur in den Genitalien, sondern in jeder Faser spürte; tatsächlich bemerkte er seine heftige Erektion gar nicht, auch nicht die kraftvolle Ejakulation, um die sich sein ganzer Körper zusammenzuziehen schien, denn er empfand die Lust nicht auf den Penis konzentriert, sondern im ganzen Körper verteilt. Milchige Samenfäden trieben in dem dunklen Teich der Magnesiumsulfatlösung.
    Ein paar Minuten später aktivierte die automatische Zeitschaltuhr der Kammer das Licht und einen leisen Wecker. Shaddack wurde aus seinem Traum in die Wirklichkeit von Moonlight Cove zurückgeholt.
    Chrissie Fosters Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, sie konnte sich rasch durch das unbekannte Gelände bewegen.
    Als sie den Rand des Tals erreichte, ging sie zwischen Montereyzypressen hindurch und fand einen weiteren Maultierpfad, der nach Süden durch den Wald rührte. Die gewaltigen Zypressen wurden von den umliegenden Bäumen vor dem Wind geschützt, daher waren sie üppig und stattlich, weder schlimm verkrümmt, noch von verkümmerten Ästen verunziert, wie direkt an der windumtosten Küste. Einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, sich zu diesen laubigen Höhen aufzuschwingen und zu hoffen, daß ihre Verfolger sie nicht bemerkten und vorüberzögen. Aber sie wagte nicht, dieses Risiko einzugehen; wenn sie sie witterten oder ihre Anwesenheit durch andere Mittel entdeck-ten, würden sie heraufgeklettert kommen, und sie hätte keinen Fluchtweg mehr.
    Sie eilte weiter und kam wenig später zu einer Lücke zwischen den Bäumen. Dahinter befand sich eine Wiese, deren Hang von Ost nach West geneigt war, wie der größte Teil des Landes hier. Der Wind nahm zu und war so stark, daß er ihr blondes Haar unablässig zerzauste. Der Nebel war nicht mehr so dünn wie vorhin, als sie die Foster-Stallungen zu Pferde verlassen hatte, aber das Mondlicht konnte noch so ungehindert scheinen, daß es das kniehohe Gras, das sich im Wind wiegte, wie mit Frost überziehen konnte.
    Während sie über die Wiese zur nächsten Baumgruppe lief, sah sie einen großen, weihnachtsbaumartig mit Lichtern geschmückten Lastwagen, der auf der fast eine Meile östlich gelegenen Autobahn Richtung Süden fuhr, auf der zweiten Hügelkette an der Küste. Aber sie entschied, daß sie niemanden auf der fernen Autobahn um Hilfe bitten würde, denn das waren allesamt Fremde, die zu fernen Orten unterwegs waren und ihr wahrscheinlich noch weniger glauben würden als die Einheimischen hier. Außerdem las sie Zeitungen und sah fern, daher wußte sie alles über die Massenmörder, die auf den Autobahnen unterwegs waren, und sie konnte sich die Schlagzeilen über ihr trauriges Schicksal mühelos vorstellen: JUNGES MÄDCHEN IN DODGE-LASTWAGEN VON UMHERZIEHENDER KANNIBALENHORDE GEFRESSEN; MIT BROKKOLI SERVIERT UND MIT PETERSILIE ANGERICHTET; KNOCHEN FÜR SUPPE AUSGEKOCHT.
    Die Landstraße lag eine halbe Meile näher auf den Gipfeln der ersten Hügel, aber da war kein Verkehr zu sehen. Das machte nichts, denn sie hatte schon entschieden, daß sie dort keine Hilfe suchen wollte, weil sie Angst vor Tucker und seinem Honda hatte.
    Aber sie hatte sich freilich eingebildet, sie hätte drei deutlich unterscheidbare Stimmen im unheimlichen Heulen ihrer Verfolger gehört, was bedeuten mußte, daß Tucker sein Auto verlassen hatte und jetzt mit ihren Eltern unterwegs war. Vielleicht konnte sie doch unbesorgt zur Landstraße gehen.
    Sie dachte darüber nach, während sie über die Wiese lief.
    Aber bevor sie sich entschieden hatte, die Richtung zu ändern, ertönten hinter ihr wieder die gräßlichen Schreie, immer noch im Wald, aber viel näher als zuvor. Zwei oder drei Stimmen heulten gleichzeitig, als wäre ihr eine Meute kläffender Hunde auf den Fersen, die aber seltsamer und wilder als gewöhnliche Hunde waren.
    Dann trat Chrissie plötzlich ins Leere und fiel abwärts, Sekunden hatte sie den Eindruck, als stürzte sie in einen tiefen Abgrund. Aber es war nur ein zweieinhalb Meter breiter und eineinhalb Meter tiefer Abwasserkanal, der die Wiese teilte, und sie rollte unverletzt hinab.
    Das wütende Kreischen der Verfolger war lauter, näher, und jetzt hatten ihre Stimmen einen frenetischeren Klang... einen Unterton von Gier und Hunger.
    Sie rappelte sich auf und wollte gerade versuchen, die eineinhalb Meter hohe Betonwand des Grabens hinaufzukommen, als sie bemerkte, daß der Graben links v>n ihr, aufwärts, in ein gewaltiges Rohr überging, das sich in die Erde bohrte. Sie hielt aus halbem Wege inne und dachte über diese neue Möglichkeit nach.
    Das helle Betonrohr bot dem schwachen Mondlicht gerade hinreichend Oberfläche, daß man es erkennen konnte. Als sie es sah, wußte sie sofort, daß dies die Hauptwasserleitung war, die das Regenwasser vom Highway und der Landstraße hoch oben sammelte und abfließen ließ. Den schrillen Schreien der Verfolger konnte sie entnehmen, daß ihr Vorsprung geringer wurde. Sie hatte immer mehr Angst, daß sie es nicht bis zu den Bäumen auf der anderen Seite der Wiese schaffen, sondern früher zu Fall gebracht werden würde. Vielleicht war das Rohr eine Sackgasse und bot nicht mehr Sicherheit als die Zypressen, die sie erklimmen wollte, aber sie entschied, daß sie das Risiko eingehen würde.
    Sie glitt wieder auf den Grund des Grabens und hastete zur Öffnung. Das Rohr maß einen Meter zwanzig im Durchmesser. Wenn sie sich ein wenig bückte, konnte sie darin gehen. Aber sie kam nur ein paar Schritte, dann blieb sie stehen, weil sie einen so üblen Geruch wahrnahm, daß sie würgen mußte.
    Etwas Totes lag in diesem finsteren Durchgang und verweste. Sie konnte nicht sehen, was er war, aber vielleicht war es besser, wenn sie es nicht sähe; der Kadaver sah vielleicht noch schlimmer aus als er roch. Ein krankes, sterbendes Tier mußte in diesem Rohr Schutz gesucht haben, und hier war es seiner Krankheit erlegen.
    Sie wich hastig aus der Abwasserleitung zurück und atmete die frische Nachtluft ein.
    Von Norden ertönten die gemeinsamen, hallenden Schreie, die ihr buchstäblich die Nackenhärchen sträubten.
    Sie kamen rasch näher und hatten sie fast erreicht.
    Sie hatte keine andere Wahl, als sich tief in dem Abwasserrohr zu verstecken und zu hoffen, daß sie ihre Witterung nicht aufnehmen könnten. Plötzlich wurde ihr klar, daß das verwesende Tier ihre Rettung sein könnte, denn wenn ihre Verfolger sie wie Hunde wittern konnten, könnte der Verwesungsgestank ihren eigenen Geruch verbergen.
    Sie ging wieder in das pechschwarze Rohr und folgte dem konvexen Boden, der sich unter der Wiese allmählich nach oben krümmte. Nach zehn Metern trat sie mit dem Fuß in etwas Weiches und Glitschiges. Der gräßliche Verwesungsgestank hüllte sie noch stärker als zuvor ein, und sie wußte, sie war in das tote Dinge getreten.
    »Oh, igitt.«
    Sie würgte und spürte ihren Mageninhalt hochsteigen, aber sie biß die Zähne zusammen und weigerte sich, sich zu übergeben. Als sie an der verwesten Masse vorbei war, hielt sie inne und streifte den Schuh am Betonboden des Rohrs ab.
    Dann eilte sie weiter in das Abflußrohr. Sie wuselte sich mit gebeugten Knien, eingezogenen Schultern und gesenktem Kopf vorwärts, und ihr wurde klar, daß sie wie ein Troll aussehen mußte, der in seine geheime Höhle verschwindet.
    Fünfzig oder sechzig Schritte nach dem unbekannten toten Ding blieb Chrissie stehen, bückte sich und drehte sich um, damit sie zur Öffnung des Schachts sehen konnte. Sie konnte den Graben im Mondlicht durch die kreisförmige
    Öffnung erkennen, sie sah sogar mehr als sie erwartet hatte, weil die Nacht im Kontrast zur Dunkelheit im Rohr heller wirkte als draußen.
    Alles war still.
    Von den Gullygittern der Highways östlich über ihr wehte ein sanfter Wind herab und trieb den Gestank des toten Tiers von ihr weg, so daß sie nicht einmal eine Spur mehr davon wahrnehmen konnte. Die Luft roch lediglich nach Dunkelheit und einem Hauch Mehltau.
    Stille hielt die Nacht umklammert.
    Sie hielt einen Augenblick den Atem an und lauschte angestrengt.
    Nichts.
    Sie blieb geduckt stehen und verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
    Stille.
    Sie fragte sich, ob sie tiefer in das Rohr vordringen sollte. Dann fragte sie sich, ob Schlangen im Abflußrohr sein könnten. War dies nicht der perfekte Ort für Schlangen, wenn sie Schutz vor der kühlen Nachtluft suchten?
    Stille.
    Wo waren ihre Eltern? Tucker? Vor einer Minute waren sie dicht hinter ihr gewesen, zum Greifen nah.
    Stille.
    Klapperschlangen waren in den Hügeln an der Küste zu Hause, aber um diese Jahreszeit nicht aktiv. Wenn ein Nest Klapperschlangen...
    Die anhaltende unnatürliche Stille raubte ihr die Nerven, und sie verspürte den Drang zu schreien, nur um den Bann des Schweigens zu brechen.
    Ein schriller Schrei zerriß die Stille draußen. Er hallte durch den Betontunnel, an Chrissie vorbei und prallte im Durchgang hinter ihr von Wand zu Wand, als würden sich ihr die Jäger nicht nur von außen, sondern auch aus den Tiefen der Erde hinter ihr nähern.
    Schemenhafte Gestalten sprangen in den Graben außerhalb des Rohrs.
    Sam fand zwei Blocks von seinem Motel entfernt ein mexikanisches Restaurant in der Serra Street. Er schnupperte nur einmal die Luft in dem Lokal und wußte, daß das Essen gut sein würde. Diese Melange war das geruchsmäßige Äquivalent eines Albums von Jose Feliciano: Chilipulver, kochendes Chorizo, das süße Aroma von mit masa harina gemachten Tortillas, Cilantro, Pfefferschoten, der strenge Geruch von Jalapenochilis, Zwiebeln...
    Das Perez Family-Restaurant war so unprätentiös wie sein Name, ein einziger rechteckiger Raum mit Nischen aus blauen Vinyl an den Seitenwänden, Tischen in der Mitte, der Küche im hinteren Teil. Die Familie Perez hatte, anders als Burt Peckham in der Knight's Bridge Tavern, mehr Betrieb als sie verkraften konnte. Das Restaurant war zum Brechen voll, abgesehen von einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen hinten, an den Sam von einer Teenagerkellnerin geführt wurde.
    Kellner und Kellnerinnen waren leger in Jeans und Pullover gekleidet, das einzige schwache Zugeständnis an eine Uniform waren weiße Halbschürzen, die sie um die Taillen gebunden hatten. Sam fragte nicht einmal nach Guinness, das er noch nie in einem mexikanischen Restaurant gefunden hatte, aber sie hatten Corona, und das war fein, wenn das Essen gut war.
    Das Essen war sehr gut. Nicht wahrhaft, unvergleichlich großartig, aber besser als man in einer nördlich gelegenen Küstenstadt mit dreitausend Einwohnern hätte erwarten dürfen. Die Maisfladen waren hausgemacht, die Salsa dick und sämig, die Bondigas-Suppe wohlschmeckend und so scharf gewürzt, daß ihm ein wenig der Schweiß ausbrach. Als er die Krabbenenchiladas mit Tomatenpüree gegessen hatte, war er halb überzeugt, daß er tatsächlich so schnell wie möglich nach Moonlight Cove ziehen sollte, auch wenn er eine Bank ausrauben müßte, damit er sich den vorzeitigen Ruhestand leisten könnte.
    Nachdem er die Überraschung wegen des Essens überwunden hatte, fing er an, den anderen Gästen ebensoviel Aufmerksamkeit zu schenken wie dem, was er auf dem Teller hatte. Allmählich fielen ihm einige Seltsamkeiten an ihnen auf.
    Wenn man bedachte, daß sich achtzig bis neunzig Menschen in dem Restaurant aufhielten, war es ungewöhnlich still. Erstklassige mexikanische Restaurants - mit gutem Essen, gutem Bier und starken Margaritas - waren ausgelassene Orte. Bei Perez unterhielten sich jedoch nur etwa ein Drittel der Gäste angeregt an ihren Tischen. Die restlichen zwei Drittel aßen schweigend.
    Nachdem er das Glas geneigt und sich aus der frischen Flasche Corona eingeschenkt hatte, die er gerade bekommen hatte, studierte Sam einige der schweigsamen Esser. Drei Männer mittleren Alters saßen in einer Nische an der rechten Seite des Raumes und aßen Enchiladas und Tacos und Chimichangas, sahen auf ihr Essen oder vor sich ins Leere, gelegentlich auch einander an, aber ohne ein Wort zu sprechen. Auf der anderen Seite des Zimmers hatten sich zwei Teenagerpaare über Vorspeisenteller hergemacht, ohne die Mahlzeit mit dem Schwatzen und Kichern zu untermalen, die man von Kindern ihres Alters erwartet hätte. Ihre Konzentration war so angestrengt, daß es Sam um so seltsamer vorkam, je länger er sie betrachtete.
    Im ganzen Lokal waren Menschen verschiedenen Alters und in allen möglichen Gruppen einzig und allein aufs Es -sen konzentriert. Alles schienen herzhafte Esser zu sein und aßen Vorspeisen, Suppe, Salate und Beilagen; wenn sie fertig waren, bestellten manche >noch ein paar Tacos< oder >noch einen Burrito<, bevor sie Eis oder Nachtisch bestellten. Ihre Kiefermuskeln traten beim Kauen hervor, und kaum hatten sie geschluckt, schoben sie sich rasch mehr in den Mund. Manche aßen mit offenem Mund. Einige schluckten so heftig, daß Sam sie sogar hören konnte. Sie waren rot im Gesicht und schwitzten, zweifellos wegen der mit Jalapeno gewürzten Sauce, aber kein einziger gab eine Bemerkung wie >Junge, ist das scharf< oder >Verdammt gut gewürzt< oder elementarste Kommentare zu seinem Nachbarn von sich.
    Das Drittel der Kunden, die sich fröhlich miteinander un-terhielten und ihr Essen mit normaler Geschwindigkeit verzehrten, bemerkte offenbar nichts vom hektischen Essen der anderen Gäste. Natürlich waren schlechte Tischsitten nicht selten; mindestens ein Viertel aller Gäste in jeder Stadt hätte Knigge in den Wahnsinn getrieben, wenn sie mit ihm gegessen hätten. Dennoch schien die Gier einiger Kunden der Familie Perez für Sam erstaunlich zu sein. Er vermutete, die manierlichen Gäste waren dem Benehmen der anderen gegenüber gleichgültig geworden, wsil sie es schon so häufig mit angesehen hatten.
    Konnte die kalte Meeresluft der nördlichen Küste dermaßen appetitanregend sein? Lehnte sich ein eigentümlicher ethnischer Hintergrund oder ein Bruch in der gesellschaftlichen Entwicklung von Moonlight Cove gegen die universelle Entwicklung allgemein akzeptierter Tischsitten der westlichen Welt auf?
    Was er im Perez Family-Restaurant sah, war ein Rätsel, auf das sich jeder Soziologiestudent, der verzweifelt nach einem Thema für seine Dissertation suchte, mit Vergnügen gestürzt hätte. Aber nach einer Weile mußte Sam sich von den gefräßigen Leuten abwenden, weil deren Benehmen ihm selbst den Appetit nahm.
    Später, als er über die Höhe des Trinkgelds nachdachte und Geld auf den Tisch legte, um die Rechnung z begleichen, beobachtete er die Menge noch einmal, und jetzt stellte er fest, daß keiner der kräftigen Esser Bier, Margaritas oder sonst etwas Alkoholisches trank. Sie hatten Eiswasser oder Cola vor sich, manche tranken Milch, ein Glas nach dem anderen, aber jeder oder jede einzelne dieser Vielfraße schien Antialkoholiker zu sein. Wären er nicht Polizist gewesen -und zwar ein guter - und ausgebildet, nicht nur zu beobachten, sondern auch darüber nachzudenken, was er beobachtete, wäre ihm diese Einzelheit vielleicht gar nicht aufgefallen.
    Er erinnerte sich, wie wenig Gäste in der Knight's Bridge Tavern Alkohol getrunken hatten.
    Welche ethnische Kultur oder Religion lehnte Alkohol ab, während sie gleichzeitig schlechte Manieren und Gier ermu -tigte?
    Ihm fiel keine ein.
    Als Sam sein Bier getrunken hatte und aufstand, um zu gehen, sagte er sich, daß er die unhöflichen Leute zu ernst nähme, daß diese befremdliche Fixierung aufs Essen auf ein paar Menschen beschränkt bliebe und nicht so verbreitet wäre, wie er vermutete. Schließlich hatte er von seinem hinteren Tisch nicht den ganzen Raum und jeden Gast sehen können. Aber als er hinausging, kam er an einem Tisch vorbei, an dem drei attraktive und gut angezogene junge Frauen gierig aßen, aber keine sagte etwas, und ihre Augen waren glasig; zwei hatten Essenreste auf dem Kinn, was sie gar nicht zu bemerken schienen, und die dritte hatte soviel Fladenbrotkrümel auf dem königsblauen Pullover, daß es aussah, als wollte sie sich panieren, in die Küche gehen, in den Ofen klettern und selbst zu Essen werden.
    Er war froh, als er draußen in der kühlen Nachtluft stand.
    Er hatte sowohl wegen der scharf gewürzten Speisen wie auch wegen der Hitze im Restaurant geschwitzt und hätte gerne das Jackett ausgezogen, aber das konnte er wegen der Waffe im Schulterhalfter nicht. Jetzt genoß er den frischen Nebel, der von einem sanften, aber konstanten Wind nach Osten geweht wurde.
    Chrissie sah sie in den Kanal springen und dachte einen Augenblick, sie würden alle auf der anderen Seite wieder hinaufklettern und in die Richtung über die Wiese weitergehen, in die sie gegangen wäre. Dann drehte sich einer zur Öffnung der Rohrs um. Die Gestalt kam auf allen vieren und mit wenigen schleichenden und geschmeidigen Schritten auf die Öffnung zu. Chrissie konnte zwar nur einen Umriß erkennen, aber sie wollte dennoch kaum glauben, daß dieses Ding ihr Vater, ihre Mutter oder Tucker sein konnte. Aber wer sollte es sonst sein?
    Das Raubtier trat in den Schacht und spähte ins Dunkel.
    Seine Augen leuchteten sanft bernsteinfarben, hier nicht so hell wie im Mondschein, dunkler als Leuchtfarbe, aber dennoch vage leuchtend.
    Chrissie fragte sich, wie gut es in völliger Dunkelheit sehen könnte. Sein Blick konnte sicher nicht ein zvanzig bis fünfundzwanzig Meter dunkles Rohr bis zu der Stelle durchdringen, an der sie kauerte. Eine Sehfähigkeit dieser Schärfe wäre übernatürlich.
    Es sah sie direkt an.
    Aber wer konnte sagen, daß das, womit sie es hier zu tun hatte, nicht übernatürlich war? Vielleicht waren ihre Eltern... Werwölfe geworden.
    Sie war in sauren Schweiß gebadet. Sie hoffte, daß der Gestank des toten Tiers ihren Körpergeruch verbergen würde.
    Der Jäger erhob sich von allen vieren in eine kauernde Haltung, wodurch er das silberne Mondlicht am Rohrende fast völlig verdeckte, und kam langsam vorwärts.
    Die gekrümmten Betonwände der Leitung verstärkten seinen Atem. Chrissie atmete flach durch den offenen Mund, um ihre Anwesenheit nicht zu verraten.
    Nachdem er nur zehn Schritte in den Tunnel eingedrungen war, sprach der Jäger plötzlich mit rauher, flüsternder Stimme und einer solchen Eile, daß die Worte fast eine einzige zusammenhängende Silbenkette bildeten: »Chrissie, bist du da, du, du? Komm her, Chrissie, komm her, komm, will dich, will, will, brauche, brauche meine Chrissie, meine Chrissie.« Die bizarre, hektische Stimme beschwor in Chrissies Verstand das schreckliche Bild eines Geschöpfes herauf, das teils Echse, teils Wolf, teils Mensch und teils etwas Undefinierbares war. Sie vermutete, daß sein tatsächliches Äußeres noch schlimmer war, als sie sich vorstellen konnte.
    »Dir helfen, will dir helfen, jetzt, komm her, komm, komm. Bist du da? Du da?«
    Das Schlimmste an der Stimme war, daß sie trotz der kalten Heiserkeit und des flüsternden Tonfalls etwas Vertrautes hatte. Chrissie erkannte sie als die ihrer Mutter. Verändert, ja, aber dennoch die Stimme ihrer Mutter.
    Chrissies Magen wurde von Angst verkrampft, aber sie wurde auch noch von einem anderen Schmerz erfüllt, den sie sich im Augenblick nicht erklären konnte. Dann wurde ihr klar, daß es der Schmerz des Verlustes war; sie vermißte ihre Mutter, wollte ihre Mutter zurückhaben, ihre echte Mutter. Hätte sie eines der verzierten Kruzifixe aus Silber besessen, wie sie immer in den Spätfilmen zu sehen waren, hätte sie sich wahrscheinlich gezeigt, wäre auf das verhaßte Dinge zugeschritten und hätte verlangt, daß es ihre Mutter wieder freigäbe. Wahrscheinlich hätte das Kruzifix nichts bewirkt, denn im wirklichen Leben war nichts so einfach wie in den Filmen; zudem war das, was ihren Eltern zugestoßen war, viel seltsamer als Vampire oder Werwölfe oder aus der Hölle emporgestiegene Dämonen. Aber wenn sie ein Kruzifix gehabt hätte, hätte sie es trotzdem versucht.
    »Tod, Tod, rieche Tod, Gestank, Tod...«
    Das Mutter-Ding drang rasch weiter in den Tunnel vor, bis es zu der Stelle kam, wo Chrissie in die glitschige, verwesende Masse getreten war. Der Glanz der Augen stand in direktem Zusammenhang zum Mondlicht, denn jetzt wurden sie trüber. Dann sah das Geschöpf das tote Tier auf dem Boden des Rohrs an.
    Jenseits der Rohröffnung ertönten Geräusche von etwas, das sich im Kanal bewegte. Schritten und Poltern von Steinen folgte eine andere, gleichermaßen furchteinflößende Stimme, während der Jäger sich über das tote Tier kauerte. Sie rief ins Rohr: »Sie da, sie da? Was gefunden, was, was?« »...Waschbär...«
    »Was, was ist, was?«
    »Toter Waschbär, verwest, Maden, Maden«, sagte die erste. Chrissie verspürte die makabre Angst, sie könnte den Abdruck eines Turnschuhs in der verwesenden Masse des toten Waschbärs hinterlassen haben.
    »Chrissie?« sagte der zweite, während er in den Tunnel trat.
    Tuckers Stimme. Ihr Vater suchte offenbar jenseits der Wiese im angrenzenden Waldstück nach ihr.
    Die beiden Jäger zappelten unablässig. Chrissie konnte hören, wie ihre - Krallen? - auf dem Betonboden der Röhre streiften. Auch hörten sich beide wie in Panik an. Nein, nicht unbedingt wie in Panik, denn Angst konnte man in ihren Stimmen nicht hören. Hektisch. Unbeherrscht. Es war, als würde ein Motor in ihrem Inneren schneller und schneller laufen, fast außer Kontrolle.
    »Chrissie da, sie da, sie?« fragte Tucker.
    Das Mutter-Ding sah von dem toten Waschbären auf und blickte Chrissie durch den dunklen Tunnel direkt an.
    Du kannst mich nicht sehen, dachte-betete Chrissie. Ich bin unsichtbar.
    Das Leuchten der Augen des Jägers war zu zwei Pünktchen matten Silbers verblaßt.
    Chrissie hielt den Atem an.
    Tucker sagte: »Muß essen, essen, will essen.«
    Das Geschöpf, das ihre Mutter gewesen war, sagte: »Mädchen finden, Mädchen, sie zuerst finden, dann essen, dann.«
    Sie hörten sich an, als wären sie wilde Tiere, denen durch Zauberei rudimentäre Sprechfähigkeit verliehen worden war.
    »Jetzt, jetzt, verbrennen, jetzt essen, jetzt verbrennen«, sagte Tucker drängend und beharrlich.
    Chrissie zitterte so heftig, daß sie beinahe fürchtete, sie könnten ihr Schlottern hören.
    Tucker sagte: »Verbrennen, kleine Tiere auf Wiese, höre sie, rieche sie, aufspüren, essen, essen, jetzt.«
    Chrissie hielt den Atem an.
    »Nichts hier«, sagte das Mutter-Ding. »Nur Maden, Gestank, gehen, essen, dann sie finden, essen, essen, dann sie finden, gehen.«
    Die beiden Jäger wichen aus dem Rohr zurück und verschwanden.
    Chrissie wagte wieder zu atmen.
    Nachdem sie eine Minute gewartet hatte, um sicher zu sein, daß sie tatsächlich gegangen waren, drehte sie sich um und ging nach Troll-art tiefer in das aufwärts laufende Rohr, wobei sie sich blind an den Wänden entlangtastete und nach einer Abzweigung suchte. Sie mußte zweihundert Meter gegangen sein, bis sie eine fand: ein Zuflußrohr, dessen Durch-messer halb so dick wie der des Hauptabflusses war. Sie schlüpfte - Füße voraus und auf dem Rücken - hinein, dann drehte sie sich auf den Bauch und sah in den breiteren Tunnel hinaus. Hier würde sie die Nacht verbringen. Wenn sie in das Rohr zurückkehrten, um ihre Witterung in der reineren Luft hinter dem toten Waschbären aufzunehmen, würde sie außerhalb des Luftzuges sein, der im Haupttunnel wehte, und sie würden sie vielleicht nicht riechen können.
    Sie war zuversichtlich, denn die Tatsache, daß sie nicht tiefer in den Tunnel vorgedrungen waren, bewies eindeutig, daß sie nicht über übernatürliche Fähigkeiten verfügten und weder allsehend noch allwissend waren. Sie waren unnatürlich schnell und stark, seltsam und furchteinflößend, aber sie konnten auch Fehler machen. Sie kam zur Überzeugung, daß sie, wenn es Tag geworden war, eine Chance von fünfzig zu fünfzig haben würde, aus dem Wald herauszukommen und Hilfe zu finden, bevor sie erwischt würde.
    Sam Booker sah im Licht außerhalb des Perez Family-Re-staurants auf die Uhr. Erst neunzehn Uhr zehn.
    Er ging auf der Ocean Avenue spazieren und nahm den Mut zusammen, Scott in Los Angeles anzurufen. Die Aussicht auf die Unterhaltung mit seinem Sohn beschäftigte ihn zunehmend und verdrängte alle Gedanken an die rüden, gierigen Essensgäste aus seinem Denken.
    Um neunzehn Uhr dreißig blieb er vor einer Telefonzelle in der Nähe der Shell-Tankstelle Ecke Juniper Lane und Oce-an Avenue stehen. Er rief mit seiner Kreditkarte per Ferngespräch in seinem Haus in Sherman Oaks an.
    Scott hielt sich mit seinen sechzehn Jahren für alt genug, alleine zu Hause zu bleiben, wenn sein Vater in einem Auftrag unterwegs war. Sam stimmte dem nur teilweise zu und hätte es vorgezogen, wenn der Junge bei seiner Tante Edna geblieben wäre. Aber Scott behielt die Oberhand, indem er das Leben für Edna zur Hölle machte, daher wollte Sam sie dieser Prüfung nur ungern aussetzen.
    Er hatte dem Jungen wiederholt Sicherheitsprozeduren eingebleut - alle Türen und Fenster verschlossen halten; wissen, wo die Feuerlöscher waren; wissen, wie man bei einem Erdbeben oder einem anderen Notfall von jedem Zimmer aus dem Haus gelangen konnte - und er hatte ihm beigebracht, wie man mit einer Handfeuerwaffe schoß. Sams Meinung nach war Scott noch lange nicht reif genug, über Tage hinweg allein im Haus zu bleiben; aber wenigstens war der Junge hinreichend auf alle Eventualitäten vorbereitet.
    Das Telefon klingelte neunmal. Sam verspürte schuldbewußte Erleichterung darüber, daß er nicht durchkam, und wollte schon wieder auflegen, als Scott schließlich abnahm. »Hallo.«
    »Ich bin es, Scott. Dad.«
    »Ja?«
    Im Hintergrund spielte lautstark Heavy Metal Rock. Er war wahrscheinlich in seinem Zimmer und hatte die Stereoanlage so aufgedreht, daß die Fensterscheiben bebten.
    Sam sagte: »Könntest du die Musik leiser stellen?«
    »Ich kann dich gut hören«, murmelte Scott.
    »Vielleicht, aber ich habe Mühe, dich zu hören.«
    »Ich habe sowieso nichts zu sagen.«
    »Bitte, mach leiser«, sagte Sam mit Betonung auf dem >bitte<.
    Scott legte den Hörer weg, der auf seinem Nachttisch polterte. Der Laut tat Sam im Ohr weg. Der Junge machte die Lautstärke der Anlage nur unmerklich leiser. Er nahm das Telefon wieder und sagte: »Ja?«
    »Wie geht es dir?«
    »Ganz gut.«
    »Alles in Ordnung?«
    »Warum nicht?«
    »Ich hab' ja nur gefragt.«
    Plötzlich: »Wenn du angerufen hast, ob ich eine Party mache, keine Bange. Ich mache keine.«
    Sam zählte bis drei, um die Stimme wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nebelschwaden wehten an den Glasscheiben der Telefonzelle vorbei. »Wie war es heute in der Schule?«
    »Glaubst du, ich war nicht dort?«
    »Ich weiß, daß du dort warst.«
    »Du vertraust mir nicht.«
    »Ich vertraue dir«, log Sam.
    »Du denkst, ich wäre nicht dort gewesen.«
    »Warst du dort?«
    »Ja.«
    »Und wie war es?«
    »Lächerlich. Immer dieselbe alte Scheiße.«
    »Scott, bitte, du weißt, ich habe dich gebeten, solche Ausdrücke nicht zu gebrauchen, wenn du mit mir sprichst.« Sam merkte, daß er gegen seinen Willen in einen Streit gezogen wurde.
    »Tut mir leid. Dieselben alten Fäkalien«, sagte Scott in einem Tonfall, daß er ebensogut den Tag in der Schule wie Sam hätte meinen können.
    »Hier ist es ziemlich schön«, sagte Sam.
    Der Junge antwortete nicht.
    »Bewaldete Hänge direkt bis zum Meer.«
    »Und?«
    Sam folgte dem Rat des Familienberaters, den er und Scott gemeinsam und jeder für sich besucht hatten, biß die Zähne zusammen, zählte wieder bis drei und versuchte es auf andere Art. »Hast du schon gegessen?«
    »Ja.«
    »Hast du Hausaufgaben?«
    »Keine.«
    Sam zögerte, entschied dann aber, es dabei zu belassen. Der Berater, Dr. Adamski, wäre stolz auf soviel Toleranz und kühle Selbstbeherrschung gewesen.
    Die Lichter der Shell-Tankstelle hinter der Telefonzelle bekamen vielfache Heiligenscheine, während die Stadt im zunehmend dichter werdenden Nebel versank.
    Schließlich sagte Sam: »Was treibst du heute abend?« »Ich habe Musik gehört.«
    Manchmal glaubte Sam, daß die Musik teilweise dazu beigetragen hatte, den Jungen zu verderben. Dieser stampfende, frenetische, unmelodische Heavy Metal Rock war eine Sammlung monotoner Akkorde und noch monotonerer atonaler Riffs, so seelenlos und abstumpfend, daß es die Musik einer Zivilisation denkender Maschinen, lange nachdem die Menschheit von der Erde verschwunden war, hätte sein können.
    Nach einer gewissen Zeit hatte Scott das Interesse an den meisten Heavy Metal Bands verloren und war zu U2 übergewechselt, aber deren simples soziales Bewußtsein war keine Konkurrenz für Nihilismus. Er interessierte sich bald wieder für Heavy Metal, aber diesmal Black Heavy Metal, die Bands, die mit Satanismus kokettierten oder dessen dramatisches Zubehör verwendeten; er wurde zunehmend verschlossener, gesellschaftsfeindlich und ernst. Sam hatte mehr als einmal mit dem Gedanken gespielt, die Plattensammlung des Jungen zu konfiszieren, sie zu zerschmettern und wegzuwerfen, aber das schien eine absurde Übertreibung zu sein. Schließlich war Sam selbst sechzehn gewesen, als die Beatles und die Rolling Stones auf der Bildfläche erschienen waren, und seine Eltern hatten gegen diese Musik gewettert und vorhergesagt, daß sie Sam und seine ganze Generation in den Untergang führen würde. Und er war trotz John, Paul, George und Ringo und den Stones etwas geworden.
    Er war ein Kind einer Zeit nie dagewesener Toleranz, und er wollte nicht so engstirnig werden, wie es seine Eltern gewesen waren.
    »Ich gehe jetzt besser wieder«, sagte Sam.
    Der Junge schwieg.
    »Wenn sich unvorhergesehene Probleme ergeben, ruf deine Tante Edna an.«
    »Sie kann nichts für mich tun, was ich nicht selbst könnte.«
    »Sie hat dich gern, Scott.«
    »Ja, klar.« »Sie ist die Schwester deiner Mutter; sie würde dich gerne wie ihren eigenen Sohn lieben. Du mußt ihr nur die Möglichkeit dazu geben.« Nach weiterem Schweigen holte Sam tief Luft und sagte: »Ich hab' dich auch gern, Scott.«
    »Ja? Und was soll ich jetzt tun - vor Rührung zerfließen?« »Nein.«
    »Tue ich auch nicht.«
    »Ich habe nur gesagt, wie es ist.«
    Der Junge zitierte offenbar einen seiner Lieblingssongs, als er sagte.
    »Nichts währt ewig,
    Auch Liebe ist eine Lüge,
    Ein Werkzeug der Manipulation,
    Im Himmel wohnt kein Gott.«
    Klick.
    Sam stand einen Augenblick da und hörte das Freizeichen an. »Perfekt.« Er legte den Hörer auf die Gabel.
    Seine Frustration wurde nur noch von seiner Wut übertroffen. Er wollte etwas oder jemanden blutig schlagen und so tun, als würde er dasjenige oder denjenigen verprügeln, der ihm seinen Sohn genommen hatte.
    Und er hatte ein leeres, schmerzliches Gefühl in der Magengegend, denn er hatte Scott wirklich gern. Die Entfremdung des Jungen war erschütternd.
    Er wußte, er konnte jetzt noch nicht ins Motel zurückkehren. Er war noch nicht müde, und die Aussicht, ein paar Stunden vor der Verdummungskiste zu verbringen und dämliche Komödien oder Spielfilme anzusehen, war unerträglich.
    Als er die Tür der Telefonzelle aufmachte, wirbelten Nebelschwaden herein und schienen ihn in die Nacht hinauszuziehen. Er schlenderte eine Stunde durch die Straßen von Moonlight Cove, tief in die angrenzenden Bezirke hinein, wo keine Straßenlaternen leuchteten und Bäume und Häuser im Nebel zu schweben schienen, als wären sie nicht fest mit dem Boden verankert, sondern nur lose angebunden und kurz davor, davonzuschweben.
    Vier Blocks nördlich der Ocean Avenue, am Iceberry Way, schritt Sam heftig aus und reagierte seine Wut durch die Anstrengung und die Kälte ab, als er hastige Schritte hörte. Jemand lief. Drei Personen, vielleicht vier. Es war ein unmißverständliches Geräusch, aber seltsam verstohlen, nicht das deutliche Tapp-tapp-tapp von näher kommenden Joggern.
    Er drehte sich um und sah die in Düsternis gehüllte Straße entlang.
    Die Schritte verstummten.
    Da der Mond von Wolken verdeckt war, wurde die Szenerie lediglich vom Licht erhellt, das aus den Fenstern von Häusern im bayerischen, englischen, spanischen und im Monterney-Stil fiel, welche sich auf beiden Seiten der Straße zwischen Pinien und Wacholderbüschen an die Hänge schmiegten. Das Viertel war alt und hatte seinen Reiz, aber da moderne Häuser mit großen Panoramafenstern fehlten, war alles noch dunkler. Zwei Anwesen des Viertels hatten eine indirekte, verkleidete Malibu-Beleuchtung, einige Kutschenlaternen am Ende von Wegen, aber der Nebel dämpfte deren Licht. Soweit Sam sehen konnte, war er allein auf dem Iceberry Way.
    Er ging weiter, war aber noch keinen halben Block weit gekommen, als er die hastigen Schritte wieder hörte. Er wirbelte herum, sah aber wieder niemanden. Dieses Mal wurden die Schritte leiser, als wären die Läufer vom asphaltierten Weg auf weichen Erdboden getreten und dann zwischen zwei Häusern hindurch.
    Vielleicht liefen sie auf einer anderen Straße. Nebel und Kälte konnten einem Streiche spielen.
    Aber er war argwöhnisch und neugierig, daher trat er leise vom riesigen, aufgesprungenen Gehweg herunter, in einen Vorgarten und in die Schwärze einer ausladenen Zypresse. Er behielt die Gegend im Auge, und nach einer halben Minute sah er verstohlene Bewegungen an der Westseite der Straße. Vier schattenhafte Gestalten tauchten an einer Hausecke auf und eilten geduckt weiter. Als sie über einen Rasen schlichen, der stellenweise von Sturmlampen auf Eisenpfählen beleuchtet wurde, schnellten ihre verzerrten Schatten unbändig über die weiße Stuckfassade des Hauses.
    Bevor er ihre Größe oder etwas anderes feststellen konnte, gingen sie wieder hinter dichtem Gebüsch in Deckung. Halbstarke, dachte Sam, die nichts Gutes im Schilde führen.
    Er wußte nicht, weshalb er so sicher war, daß es sich um Halbstarke handelte; vielleicht, weil ihre Schnelligkeit und ihr Verhalten nicht zu Erwachsenen paßten. Entweder wollten sie einem verhaßten Nachbarn einen Streich spielen -oder sie waren hinter Sam her. Sein Instinkt sagte ihm, daß er verfolgt würde.
    Konnten jugendliche Kriminelle in einer so kleinen und verschworenen Stadt wie Moonlight Cove ein Problem sein?
    Es gab in jeder ein paar unartige Kinder. Aber in einer beinahe ländlichen Atmosphäre wie hier gehörten zur Jugendkriminalität selten Banden verbrechen wie Überfall, bewaffneter Raub, Diebstahl oder Totschlag. Auf dem Land hatten Halbstarke Ärger wegen schneller Autos, Alkohol, Mädchen und ein paar harmloser Diebstähle, aber sie streiften nicht als Banden durch die Straßen, wie ihre Altersgenossen in den Großstädten.
    Dennoch begegnete Sam dem Quartett, das drei Häuser westlich von ihm auf der anderen Straßenseite in den Schatten hinter Farnen und Azaleen kauerte, mit Mißtrauen. Schließlich war etwas faul in Moonlight Cove, und die Probleme konnten durchaus etwas mit Jugendkriminalität zu tun haben. Die Polizei verheimlichte die Wahrheit über mehrere Todesfälle im Verlauf der letzten Monate, vielleicht schützten sie jemanden; so unwahrscheinlich es sich anhören mochte, vielleicht deckten sie ein paar Kinder reicher Familien, die die Privilegien ihrer Schicht zu weit getrieben und das zulässige zivilisierte Verhalten übertreten hatten.
    Sam hatte keine Angst vor ihnen. Er wußte, wie er sich verhalten mußte, und er hatte seinen 38er dabei. Es hätte ihm sogar gefallen, den Bälgern eine Lektion zu erteilen. Aber ein Streit mit einer Jugendbande würde eine anschließende Begegnung mit der Polizei nach sich ziehen, und er zog es vor, nicht die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich zu lenken, um seine Ermittlungen nicht zu gefährden.
    Es kam ihm seltsam vor, daß sie ihn in einer Wohngegend wie dieser hier angreifen wollten. Ein Schrei von ihm würde Leute auf die Veranden locken, die nachsehen würden, was los war. Aber da er nicht einmal soviel Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte, würde er selbstverständlich nicht rufen.
    Das alte Sprichwort, wonach Vorsicht der bessere Teil von Tapferkeit war, galt nirgendwo mehr als hier. Er entfernte sich von der Zypresse, unter der er sich versteckt hatte, ging weg von der Straße und auf das unbeleuchtete Haus hinter sich zu. Er war überzeugt, daß die Halbstarken nicht wußten, wohin er gegangen war, daher wollte er einfach aus der Gegend verschwinden und sie abschütteln.
    Er kam zum Haus, eilte daran entlang und gelangte in einen Garten, in dem eine Schaukel von Nebel und Schatten so verzerrt wurde, daß sie wie eine gigantische Spinne aussah, die durch das Halbdunkel auf ihn zugekrochen kam. Am Ende des Gartens kletterte er über einen Scherenzaun, hinter dem sich ein schmaler Weg befand, der zu den Garagen des Blocks führte. Er wollte nach Süden gehen, zurück zur Ocean Avenue und ins Stadtzentrum, aber der Hauch einer Vorahnung ließ ihn eine andere Richtung einschlagen. Er überquerte den schmalen Weg, ging an einer Reihe metallener Mülleimer vorbei, kletterte über den gegenüberliegenden Zaun und gelangte so in den Garten eines anderen Hauses, dessen Fassade sich zur Parallelstraße des Iceberry Way hin befand.
    Er hatte den Weg kaum verlassen, da hörte er leise, hastige Schritte auf dem Asphalt. Die Halbstarken - wenn es welche waren - hörten sich so schnell, aber nicht mehr so verstohlen wie vorher an.
    Sie kamen vom Ende des Blocks in Sams Richtung. Er hatte das seltsame Gefühl, daß sie mit einem sechsten Sinn spüren würden, in welchen Garten er gegangen war und daß sie ihn aufspüren würden, bevor er die nächste Straße erreichen könnte. Sein Instinkt riet ihm, nicht mehr wegzulaufen, sondern sich zu Boden zu werfen. Er war in Bestform, ja, aber er war zweiundvierzig, während sie zweifellos siebzehn Jahre oder noch jünger waren, und jeder Mann in seinem Alter, der glaubte, er könnte Jungs davonlaufen, war ein Narr.
    Anstatt durch den Garten zu laufen, eilte er rasch zum Seitentor der angrenzenden Garage und hoffte, daß sie nicht abgeschlossen sein würde. Sie war es nicht. Er trat in völlige Dunkelheit und zog die Tür in dem Augenblick zu, als er hörte, wie die vier Verfolger vor dem großen Tor am anderen Ende des Bauwerks stehenblieben. Sie blieben nicht dort stehen, weil sie wußten, wo er war, sondern wahrscheinlich, weil sie überlegten, in welche Richtung er gegangen sein könnte.
    Sam tastete in völliger Schwärze nach einem Schloß oder Riegel, mit dem er die Tür, durch die er hereingekommen war, versperren könnte. Er fand nichts.
    Er hörte die vier Halbstarken miteinander tuscheln, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Ihre Stimmen hörten sich seltsam an; flüsternd und drängend.
    Sam blieb an der Nebentür stehen. Er umklammerte den Knauf mit beiden Händen, damit er sich nicht drehte, falls die Burschen um die Garage herumschlichen und es versuchen sollten.
    Sie verstummten.
    Er lauschte angestrengt. - Nichts.
    Die kalte Luft roch nach Q und Staub. Er konnte nichts sehen, vermutete aber, daß ein oder zwei Autos hier standen.
    Er hatte zwar keine Angst, kam sich aber allmählich albern vor. Wie hatte er sich in diese Lage bringen können? Er war ein erwachsener Mann, ein in verschiedenen Techniken der Selbstverteidigung ausgebildeter FBI-Agent, der einen Revolver bei sich trug, mit dem er ausgezeichnet umgehen konnte, und dennoch versteckte er sich vor vier Bengeln in einer Garage. Er war hierher gekommen, weil er instinktiv gehandelt hatte, und normalerweise vertraute er seinen Instinkten blind, aber das war...
    Er hörte verstohlene Bewegungen an der Außenwand der Garage. Er erstarrte. Schlurfende Schritte näherten sich der Tür, hinter der er stand. Soweit Sam es abschätzen konnte, hörte er nur einen der vier.
    Sam hielt den Knauf mit beiden Händen umklammert, lehnte sich zurück und zog die Tür fest gegen den Rahmen.
    Die Schritte verstummten vor ihm.
    Er hielt den Atem an.
    Eine Sekunde tickte vorbei, zwei, drei.
    Versuch es mit dem verdammt en Knauf und geh weiter, dachte Sam gereizt.
    Er kam sich mit jeder Sekunde alberner vor und war kurz davor, den Burschen direkt anzusprechen. Er könnte wie ein Jack-in-the-Box aus der Tür herausschnellen und würde dem Balg wahrscheinlich einen verdammten Shrecken einjagen, so daß er schreiend davonlaufen würde.
    Dann hörte er eine Stimme auf der anderen Seite der Tür, Zentimeter von ihm entfernt, und er wußte zwar nicht, was in Gottes Namen er da hörte, doch wurde ihm klar, daß er gut daran getan hatte, seinen Instinkten zu vertrauen und sich zu verstecken. Die Stimme war dünn, krächzend und furchteinflößend, die drängende, abgehackte Sprechweise war die eines rasenden Psychopathen oder eines Junkie, dessen Schuß längst überfällig war:
    »Brennen, Verlangen, Verlangen...«
    Er schien mit sich selbst zu sprechen und bemerkte vielleicht nicht einmal, daß er sprach, wie ein fiebriger Mann im Delirium plappern mochte.
    Ein harter Gegenstand kratzte außen an der Holztür entlang. Sam versuchte sich vorzustellen, was das sein könnte. »Das Feuer löschen, Feuer, essen, essen«, sagte der Junge mit dünner, hektischer Stimme, die teils Flüstern und teils Winseln und teils ein leises, bedrohliches Knurren war. Sie hatte mit keiner Teenagerstimme Ähnlichkeit, die Sam je gehört hatte - auch nicht mit der eines Erwachsenen, was das anbelangte.
    Seine Stirn war trotz der Kälte mit Schweiß bedeckt.
    Der unbekannte Gegenstand kratzte wieder an der Tür.
    War der Junge bewaffnet? Wurde der Griff eines Revolvers über das Holz gezogen? Eine Messerklinge? Nur ein Stock?
    »...brennt, brennt...«
    Eine Kralle?
    Das war eine verrückte Vorstellung. Trotzdem wurde er sie nicht los. Er sah vor dem geistigen Auge das deutliche Bild einer scharfen, hornähnlichen Kralle - eine Klaue -, die Splitter von der Tür ablöste, während sie Furchen ins Holz kratzte.
    Sam hielt den Knauf fest umklammert. Schweiß rann ihm an den Schläfen herunter.
    Schließlich versuchte der Junge, die Tür aufzumachen. Der Knauf drehte sich in Sams Hand, aber er hielt ihn zurück.
    »...o Gott, es brennt, tut weh, o Gott...«
    Allmählich bekam Sam es mit der Angst zu tun. Der Junge hörte sich so verdammt unheimlich an. Wie ein PCD-Junkie, der irgendwo außerhalb des Mars-Orbits schwebte, nur viel schlimmer, seltsamer und gefährlicher als jeder Angel-DustFreak. Sam bekam es mit der Angst, weil er verdammt noch mal nicht wußte, womit er es zu tun hatte.
    Der Junge versuchte, die Tür aufzuziehen.
    Sam zog sie fest an den Rahmen heran.
    Rasche, frenetische Worte: »...das Feuer löschen, das Feuer löschen... «
    Ich frage mich, ob er mich hier drinnen riechen kann, überlegte Sam, und diese bizarre Vorstellung schien unter den gegebenen Umständen nicht verrückter als das Bild der Jungen mit Krallen.
    Sams Herz hämmerte. Stechender Schweiß lief ihm in die Augenwinkel. Die Muskeln in Hals, Schultern und Armen schmerzten; er strengte sich viel mehr als nötig an, um die Tür zuzuhalten.
    Nach einem Augenblick schien der Junge zu dem Ergebnis zu kommen, daß sein Opfer doch nicht in der Garage war, und gab auf. Er lief an der Seite der Garage entlang zum Weg zurück. Während er davonhastete, gab er ein kaum hörbares Winseln von sich; es war ein Laut von Schmerz und Verlangen... und tierischer Erregung. Er bemühte sich, das Winseln zu unterdrücken, stieß es aber dennoch aus.
    Sam hörte katzenhafte Schritte aus allen Richtungen näher kommen. Die drei anderen potentiellen Täter gesellten sich wieder zu dem Jungen auf den Weg; ihre Stimmen waren von derselben Hektik erfüllt, die auch seine kennzeichnete, aber sie waren jetzt so weit entfernt, daß Sam nicht mehr verstehen konnte, was sie sagten. Sie verstummten unvermittelt, und einen Augenblick später liefen sie gemeinsam den Weg entlang nach Norden, als wären sie Angehörige eines Wolfsrudels, die instinktiv auf die Witterung von Wild oder Gefahr reagierten. Ihre verstohlenen Schritte wurden leiser, wenig später war die Nacht wieder still wie ein Grab. Sam stand noch mehrere Minuten, nachdem die Meute verschwunden war, in der dunklen Garage und hielt den Türknauf fest.
    Der tote Junge lag in einem Abwasserkanal an der Landstraße südöstlich von Moonlight Cove. Sein frostweißes Gesicht war blutbefleckt. Seine aufgerissenen Augen sahen im Licht von zwei auf dreibeinigen Stativen stehenden Scheinwerfern der Polizei starr zu einem Ufer, das unendlich ferner war als das des nahen Pazifik.
    Loman Watkins, der neben einem der Scheinwerfer stand, sah auf den kleinen Leichnam hinab und zwang sich, den Tod von Eddie Valdoski zu begreifen, denn Eddie, der erst acht Jahre alt gewesen war, war sein Patenkind. Loman war mit George, Eddies Vater, in die High School gegangen, und er hatte Eddies Mutter, Nella, auf eine rein platonische Weise fast zwanzig Jahre lang geliebt. Eddie war ein prächtiger Junge gewesen, klug und wißbegierig und wohlerzogen. War gewesen. Und jetzt... Gräßlich verstümmelt, wild gebissen, zerkratzt und zerfetzt, und mit gebrochenem Genick, war der Junge wenig mehr als ein Haufen verwesender Abfall, sein vielversprechendes Potential war vernichtet, die Flamme ausgepustet, man hatte ihm das Leben genommen -und ihn dem Leben.
    Loman hatte in einundzwanzig Jahren Polizeidienst viel Schreckliches gesehen, aber dies war wahrscheinlich das Schlimmste. Und er hätte aufgrund seiner persönlichen Beziehung zu dem Opfer völlig erschüttert und am Boden zerstört sein müssen. Doch der Anblick des kleinen, verstümmelten Leichnams berührte ihn kaum. Trauer, Bedauern, Wut und eine Vielzahl andere Empfindungen erfüllten ihn, aber nur leicht und kurz, so wie ein unsichtbarer Fisch im dunklen Meer an einem Schwimmer vorbeiziehen mochte. Kummer, der ihn wie Nägel hätte durchbohren sollen, verspürte er keinen.
    Barry Sholnick, ein neuer Beamter der kürzlich erst erweiterten Polizei von Moonlight Cove, kauerte über dem Graben, einen Fuß auf jeder Seite, und machte ein Foto von Eddie Valdoski. Einen Moment spiegelte sich die silberne Reflektion des Blitzlichts in den starren Augen des Jungen. Lomans zunehmendes Unvermögen, etwas zu empfinden, war seltsamerweise das einzige, das starke Empfindungen in ihm hervorrief. Es machte ihm eine Heidenangst. Seine Unfähigkeit, Gefühle zu erzeugen, machte ihm in letzter Zeit zunehmend zu schaffen; es war eine unerwünschte, aber offenbar unumkehrbare Verhärtung des Herzens, die seinen Herzvorhof bald in Marmor und die Herzkammern in gewöhnlichen Stein verwandeln würde.
    Er gehörte jetzt zu den Neuen Menschen und unterschied sich in vieler Hinsicht von dem Mann, der er einst gewesen war. Er sah immer noch gleich aus - einsfünfundsiebzig, untersetzt, ein für einen Mann in seinem Beruf ungewöhnlich breites und unschuldiges Gesicht -, aber er war nicht nur das, was er zu sein schien. Vielleicht war bessere Beherrschung der Gefühle, eine stabilere und analytischere Denkweise der unvorhergesehene Vorteil der Veränderung. Aber war es wirklich ein Vorteil? Keine Gefühle? Keine Trauer?
    Die Nacht war zwar kalt, dennoch brach ihm auf Gesicht, den Handrücken und unter den Achseln saurer Schweiß aus.
    Dr. Jan Fitzgerald, der Gerichtsmediziner, war anderswo beschäftigt, aber Victor Callan, der Inhaber von Callans Bestattungsunternehmen und stellvertretender Gerichtsmediziner, half einem anderen Beamten, Jules Timmermann, den Boden zwischen dem Graben und dem nahe gelegenen Wald abzusuchen. Sie suchten nach Spuren, die der Killer hinterlassen haben konnte.
    Dabei spielten sie den Anwohnern der Gegend, die sich auf der anderen Straßenseite versammelt hatten, nur etwas vor. Selbst wenn Spuren gefunden würden, würde niemand für dieses Verbrechen verhaftet werden. Es würde nie zu einer Verhandlung kommen. Wenn sie Eddies Mörder fänden, würden sie ihn verstecken und sich auf ihre Weise um ihn kümmern, damit sie die Existenz der Neuen Menschen vor denen geheimhalten konnten, die die Verwandlung noch nicht hinter sich gebracht hatten. Denn der Killer war zweifellos einer von denen, die Thomas Shaddack >Regressive< nannte; einer der Neuen Menschen, die böse geworden waren. Sehr böse.
    Loman wandte sich von dem toten Jungen ab. Er schritt die Landstraße entlang zum Haus der Valdoskis, das sich ein paar hundert Meter nördlich befand und von Nebel verhüllt war.
    Er achtete nicht auf die Schaulustigen, obwohl ihm einer von ihnen zurief: »Chief? Was, zum Teufel, ist denn da los, Chief?«
    Dies war eine ländliche Gegend, die gerade noch zur Gemarkung der Stadt gehörte. Die Häuser hier standen vereinzelt, ihre verstreuten Lichter vermochten die Nacht nicht zurückzudrängen. Er fühlte sich isoliert, bevor er den halben Weg zum Valdoski-Haus zurückgelegt hatte, obwohl er noch in Rufweite der Männer am Ort des Verbrechens war. Bäume, die von jahrhundertelangem Wind vom Meer in unruhigeren Nächten als dieser gepeinigt worden waren, beugten sich zur Straße, ihre verkrümmten Zweige hingen über den Schotterstreifen, auf dem er ging. Er bildete sich Bewegungen in den dunklen Ästen über ihm und in der Schwärze und dem Nebel zwischen den gekrümmten Baumstämmen ein.
    Er legte die Hand auf den Griff des Revolvers im Seitenhalfter.
    Loman Watkins war seit neun Jahren Polizeichef von Mo-onlight Cove, und in seinem Bezirk war im Verlauf des vergangenen Monats mehr Blut vergossen worden als in den vorhergehenden acht Jahren und elf Monaten. Er war davon überzeugt, daß es noch schlimmer kommen würde. Er hatte so eine Ahnung, als wären die Regressiven zahlreicher und ein größeres Problem als Shaddack klar war - oder er zugeben wollte.
    Er fürchtete die Regressiven fast ebensosehr, wie er seine eigene neue, kalte und teilnahmslose Denkweise fürchtete. Angst war, anders als Glück und Trauer und Freude und Kummer, ein Überlebensmechamsmus, daher würde er zu ihr möglicherweise nicht so sehr den Zugang verlieren als zu anderen Empfindungen. Dieser Gedanke machte ihn so unbehaglich wie die eingebildeten Bewegungen in den Bäumen. Ist die Angst, fragte er sich, die einzige Empfindung in dieser schönen neuen Welt, die wir erschaffen?
    Nach einem fettigen Cheeseburger, öligen Pommes frites und einer eiskalten Flasche Dos Equis in der verlassenen Cafeteria des Cove Lodge begab sich Tessa Lockland wieder in ihr Zimmer, setzte sich, von Kissen gestützt, aufs Bett und rief ihre Mutter in San Diego an. Marion nahm den Hörer nach dem ersten Läuten ab, und Tessa sagte: »Hi, Mom.«
    »Wo bist du, Teejay?« Als Kind hatte sich Tessa nie entscheiden können, ob sie mit ihrem ersten oder zweiten Vornamen gerufen werden wollte, nämlich Jane, daher hatte ihre Mutter sie stets mit den Initialen gerufen, als wären sie der Name selbst.
    »Cove Lodge«, sagte Tessa.
    »Hübsch?«
    »Das Beste, was ich finden konnte. Dies ist keine Stadt, die Wert auf erstklassige Touristeneinrichtungen legt. Wenn die wunderschöne Aussicht nicht wäre, würde das Cove Lodge zu den Hotels gehören, die nur überleben, weil sie im Fernsehen hausinterne Pornofilme zeigen und Zimmer stundenweise vermieten.«
    »Ist es sauber?«
    »Ausreichend.«
    »Wenn es nicht sauber wäre, würde ich darauf bestehen, daß du sofort anderswo hinzögest.«
    »Mom, du weißt doch, wenn ich unterwegs bin und einen Film drehe, bin ich auch nicht immer luxuriös untergebracht. Als ich den Dokumentarfilm über die Meskitoindia-ner in Mittelamerika gemacht habe, bin ich mit ihnen auf die Jagd gegangen und habe im Schlamm geschlafen.«
    »Teejay, Liebes, du darfst nie jemandem sagen, daß du im Schlamm geschlafen hast. Schweine schlafen im Schlamm. Du mußt sagen, daß du gezeltet oder gecampt hast, aber niemals, daß du im Schlamm geschlafen hast. Auch unangenehme Erlebnisse können sich lohnen, wenn man seine Würde und seinen Stil dabei nicht vergißt.«
    »Ja, Mom, ich weiß. Ich wollte damit nur sagen, das Cove Lodge ist nicht toll, aber besser, als im Schlamm zu schlafen.«
    »Zu zelten.«
    »Besser als zelten«, sagte Tessa.
    Beide schwiegen einen Augenblick. Dann sagte Marion: »Verdammt, ich sollte bei dir sein.«
    »Mom, du hast ein gebrochenes Bein.«
    »Ich hätte, schon als ich hörte, daß sie die arme Janice gefunden haben, nach Moonlight Cove gehen sollen. Wenn ich dort gewesen wäre, hätten sie die Leiche nicht verbrannt. Bei Gott, das hätten sie nicht! Ich hätte es verhindert und eine andere Autopsie bei vertrauenswürdigen Behörden verlangt, dann wäre es jetzt nicht nötig, daß du dich darum kümmerst. Ich bin so böse auf mich selbst.«
    Tessa ließ sich in die Kissen sinken und seufzte. »Mom, laß das sein. Du hast dir drei Tage, bevor Janices Leichnam gefunden wurde, das Bein gebrochen. Du kannst jetzt nicht reisen, und du konntest damals nicht reisen. Es ist nicht deine Schuld.«
    »Früher hätte mich ein gebrochenes Bein nicht aufhalten können.«
    »Du bist nicht mehr zwanzig, Mom.«
    »Ja, ich weiß, ich bin alt«, sagte Marion kläglich. »Manchmal denke ich darüber nach, wie alt ich bin, und das macht mir Angst.«
    »Du bist erst vierundsechzig, du siehst keinen Tag älter als fünfzig aus, und du hast dir das Bein beim Fallschirmspringen gebrochen, um Gottes willen, daher hast du von mir kein Mitleid zu erwarten.«
    »Trost und Mitleid erwartet eine ältere Mutter von ihrer guten Tochter.«
    »Wenn du mich dabei erwischen würdest, wie ich dich älter nenne oder dich mitleidig behandle, würdest du mich per Arschtritt bis nach China befördern.«
    »Die Möglichkeit, ihrer Tochter dann und wann einmal in den Arsch zu treten, gehört zu den Freuden des Alters einer Mutter, Teejay. Verdammt, wo ist überhaupt dieser Baum hergekommen? Ich mache jetzt seit dreißig Jahren Fallschirmspringen, und ich bin noch nie in einem Baum gelandet; und ich schwöre, er war nicht da, als ich bei der Landung nach unten gesehen habe, um mir die Landestelle anzusehen.«
    Ein großer Teil des unerschütterlichen Optimismusses und der heiteren Einstellung zum Leben kam in der Familie Lockland von Bernard, Tessas verstorbenen Vater, aber etwas - und jede Menge Unbeugsamkeit dazu - stammte auch aus Marions Genen.
    Tessa sagte: »Nachdem ich angekommen war, ging ich heute abend zum Strand hinunter, wo sie sie gefunden haben.«
    »Es muß schrecklich für dich sein, Teejay.«
    »Ich werde damit fertig.«
    Als Janice gestorben war, hatte Tessa ländliche Regionen von Afghanistan bereist, um die Auswirkungen des völkermörderischen Krieges auf das afghanische Volk und dessen Kultur zu studieren, weil sie das Buch für einen Dokumentarfilm zu diesem Thema schreiben wollte. Ihre Mutter hatte sie erst zwei Wochen, nachdem der Leichnam in Moonlight Cove ans Ufer gespült worden war, von Janices Tod in Kenntnis setzen können.
    Sie hatte Afghanistan vor fünf Tagen, am achten Oktober, mit dem Gefühl, als hätte sie ihre Schwester irgendwie im Stich gelassen, per Flugzeug verlassen. Ihre Schuldgefühle wogen mindestens ebenso schwer wie die ihrer Mutter, aber es stimmte, was sie sagte: Sie wurde damit fertig.
    »Du hattest recht, Mom. Die offizielle Version stinkt zum Himmel.«
    »Was hast du herausgefunden?«
    »Noch nichts. Aber ich stand genau an der Stelle im Sand, wo sie angeblich die Valium genommen hat, wo sie zum letzten Mal schwimmen ging, wo sie sie zwei Tage später gefunden haben, und ich wußte, ihre ganze Geschichte ist Müll. Das habe ich in meinem Innersten gespürt, Mom. Und ich werde so oder so herausfinden, was tatsächlich geschehen is t.«
    »Du mußt vorsichtig sein, Liebes.«
    »Das werde ich.«
    »Wenn Janice... ermordet... worden ist...«
    »Ich passe auf.«
    »Und wenn man der Polizei dort nicht trauen kann, wie wir vermuten... «
    »Mom, ich bin einen Meter siebzig groß, blond, blauäugig, keck und sehe schätzungsweise so gefährlich aus wie ein Backenhörnchen von Walt Disney. Ich mußte mein Leben lang gegen mein Aussehen arbeiten, um ernst genommen zu werden. Frauen wollen mich alle bemuttern oder meine große Schwester sein, und Männer wollen entweder mein Vater sein oder mich in die Horizontale bringen, aber verdammt wenige durchschauen mein Äußeres und erkennen, daß ich ein Gehirn habe, das, wie ich fest überzeugt bin, größer als das einer Maus ist; normalerweise müssen sie mich erst eine Weile kennen, bis ihnen das klar wird. Daher werde ich mein Aussehen einfach verkaufen, anstatt dagegen zu arbeiten. Hier wird mich niemand als Bedrohung ansehen.« »Meldest du dich wieder?«
    »Selbstverständlich.«
    »Wenn du denkst, daß du in Gefahr bist, dann geh einfach weg, und zwar schnell.«
    »Ich passe auf.«
    »Versprich mir, daß du nicht bleibst, wenn es gefährlich wird«, beharrte Marion.
    »Ich verspreche es. Aber du mußt mir versprechen, daß du in nächster Zeit nicht mehr aus Flugzeugen springen wirst.« »Dafür bin ich zu alt, Liebes. Ich bin jetzt älter. Uralt. Ich werde Hobbys finden müssen, die meinem Alter angemes -sen sind. Ich wollte zum Beispiel immer Wasserskifahren lernen, und in dem Dokumentarfilm über Sandbahnrennen, den du gedreht hast, schien man mit diesen kleinen Motorrädern einen Heidenspaß haben zu können.«
    »Ich liebe dich so sehr, Mom.«
    »Ich dich auch, Teejay. Mehr als das Leben selbst.«
    »Ich werde dafür sorgen, daß sie für Janice bezahlen müssen.«
    »Wenn es jemanden gibt, der bezahlen muß. Vergiß nicht, Teejay, daß unsere Janice nicht mehr ist, aber du bist noch da, und deine oberste Verpflichtung sollte niemals die gegenüber den Toten sein.«
    George Valdoski saß am Küchentisch mit der Kunststoffplatte. Seine von harter Arbeit gezeichneten Hände waren fest um ein Glas Whiskey geklammert, aber das konnte nicht verhindern, daß sie zitterten; die Oberfläche des bernsteinfarbenen Bourbon bebte unablässig.
    Als Loman Watkins eintrat und die Tür hinter sich zumachte, sah George nicht einmal auf Eddie war sein einziges Kind gewesen.
    George war groß, mit breiter Brust und breiten Schultern. Aufgrund tiefliegender, dicht beieinanderstehender Augen, einem Mund mit schmalen Lippen und scharfgeschnittenen Gesichtszügen, hatte er trotz seiner sonstigen Schönheit ein verkniffenes, hartes Aussehen. Sein bedrohliches Äußeres trog jedoch, denn er war ein feinsinniger, sanfter und freundlicher Mensch.
    »Wie geht es dir?« fragte Loman.
    Diesesmal nickte George nicht einmal.
    Als Loman die grell erleuchtete Küche durchquerte, quietschten seine Gummisohlen auf dem Linoleum. Unter der Tür zu dem kleinen Eßzimmer blieb er stehen und sah seinen Freund an. »Wir werden den Dreckskerl finden, George. Das schwöre ich.«
    Jetzt sah George endlich von seinem Whiskey auf. Tränen schimmerten in seinen Augen, aber er ließ sie nicht fließen. Er war ein stolzer, hartherziger Pole, der entschlossen war, stark zu sein. Er sagte: »Eddie spielte bei Dämmerung hinten im Garten, hier hinten im Garten, wo man ihn sehen konnte, wenn man zum Fenster hinaussah, in seinem eigenen Garten. Als es dunkel war, rief Nella ihn zum Abendessen, und da er keine Antwort gab, vermuteten wir, daß er zu einem Nachbarn gegangen war, um mit anderen Kindern zu spielen, ohne zu fragen, wie er es hätte tun sollen.« Er hatte das alles schon mehr als einmal erzählt, aber er schien es nochmals durchgehen zu müssen, als würde die Wiederholung die häßliche Wirklichkeit abnutzen und dadurch verändern, so wie man auf einer Kassette nur noch weißes Rauschen hören konnte, und keine Musik mehr, wenn man sie zehntausendmal abgespielt hatte. »Wir haben nach ihm gesucht, konnten ihn nicht finden, machten uns aber anfangs noch keine Sorgen; wir waren sogar etwas wütend auf ihn; aber dann machten wir uns Sorgen, und dann bekamen wir Angst, ich wollte dich gerade anrufen und um Hilfe bitten, als wir ihn dort im Graben gefunden haben, gütiger Herrgott, völlig zerfetzt im Graben.« Er atmete tief durch, dann noch einmal und die zurückgehaltenen Tränen glitzerten hell in seinen Augen. »Was für ein Monster kann einem Kind so etwas antun, es verschleppen und das mit ihm machen und dann noch grausam genug sein, ihn wieder zurückzubringen und hinzuwerfen, wo wir ihn finden mußten? Muß so gewesen sein, denn wenn nicht hätten wir die... die Schreie hören müssen, wenn der Mistkerl ihm das hier in der Nähe angetan hätte. Muß ihn weggeschleppt, ihm das angetan und ihn dann hierher zurückgebracht haben, damit wir ihn finden. Was für ein Mensch, Loman? Um Gottes willen, was für ein Mensch?«
    »Ein Psychopath«, sagte Loman, wie schon vorher, und das jedenfalls stimmte. Die Regressiven waren Psychopathen. Shaddack hatte einen Ausdruck für ihren Zustand geprägt: metamorphosebedingte Psychose. »Wahrscheinlich auf Drogen«, fügte er hinzu, und jetzt log er. Drogen - jedenfalls die üblichen illegalen Mittel - hatten nichts mit dem Tod von Eddie zu tun. Loman war immer noch überrascht, wie leicht es ihm fiel, einen guten Freund zu belügen, denn das war etwas, das er früher nicht gekonnt hätte. Das Unmo -ralische des Lügens war ein Konzept, das mehr zu den Alten Menschen und ihrer turbulenten emotionalen Welt gehörte. Altmodische Konzepte, herkömmliche Moralbegriffe, würden letztlich für die Neuen Menschen bedeutungslos werden, denn wenn sie sich alle so veränderten, wie Shaddack glaubte, würden Leistungsfähigkeit und Zielstrebigkeit und höchster Wirkungsgrad die einzigen absoluten moralischen Werte sein. »Heutzutage krankt das ganze Land an Drogenfreaks. Ausgebrannte Gehirne. Keine Moral, keine Ziele, außer billigem Nervenkitzel. Sie sind unser Erbe das kürzli-chen Zeitalters des Jeder-für-sich. Der Kerl war ein von Drogen kaputtgemachter Freak, George, und ich schwöre dir, daß wir ihn erwischen.«
    George sah wieder in seinen Whiskey. Er trank davon.
    Dann sagte er mehr zu sich selbst als zu Loman: »Eddie spielte bei Dämmerung hinten im Garten, hier hinten im Garten, wo man ihn sehen konnte, wenn man zum Fenster hinaussah... « Seine Stimme erstarb.
    Loman ging widerstrebend die Treppe hinauf zum Schlafzimmer, um nach Nella zu sehen.
    Sie lag von Kissen gestützt im Bett, und Dr. Jim Worthy saß auf einem Sessel, den er zu ihr geschoben hatte. Er war der jüngste der drei Ärzte in Moonlight Cove, achtunddreißig, ein ernster Mann mit ordentlich geschnittenem Schnurrbart, einer Nickelbrille und einer Vorliebe für Krawatten.
    Die Tasche des Arztes stand zu seinen Füßen auf dem Boden. Ein Stethoskop hing ihm um den Hals. Er zog eine ungewöhnlich große Spritze aus einer Hasche voll goldener Flüssigkeit auf.
    Worthy drehte sich zu Loman um, ihre Blicke begegneten sich, und sie mußten nichts sagen.
    Nella Vadolski hatte Lomans leise Schritte entweder gehört oder seine Anwesenheit auf subtilere Weise gespürt, denn sie schlug die vom Weinen roten und geschwollenen Augen auf. Sie war immer noch eine reizende Frau mit flachsblondem Haar und Gesichtszügen, die zu fein schienen, um das Werk der Natur zu sein, und mehr an die erlesene Kunst eines meisterlichen Bildhauers erinnerten. Ihr Mund wurde weicher und zitterte, als sie seinen Namen aussprach: »Oh, Loman.«
    Er ging um das Bett herum, zur Seite, die Dr. Worthy gegenüberlag, und ergriff die Hand, die Nella ihm entgegenstreckte. Sie war klamm, kalt und zitterte.
    »Ich gebe ihr ein Beruhigungsmittel«, sagte Worthy. »Sie muß sich entspannen - oder schlafen, wenn sie kann.«
    »Ich will nicht schlafen«, sagte Nella. »Ich kann nicht schlafen. Nicht nach... nicht nach alledem... nie mehr nach alledem.«
    »Ruhig«, sagte Loman und streichelte sanft ihre Hand. Er setzte sich auf die Bettkante. »Dr. Worthy wird sich um dich kümmern. Es ist zu deinem Besten, Nella.«
    Loman hatte diese Frau, die Frau seines besten Freundes, sein halbes Leben lang geliebt, ohne jemals seinen Gefühlen entsprechend zu handeln. Er hatte sich immer gesagt, daß sie eine rein platonische Faszination ausübte. Doch als er sie jetzt ansah, wußte er, daß auch Leidenschaft dazugehört hatte.
    Das Beängstigende war... nun, er wußte, was er all die Jahre für sie empfunden hatte, aber obwohl er sich daran erinnerte, konnte er es nicht mehr empfinden. Seine Liebe, die Leidenschaft, sein angenehmes, aber melancholisches Begehren, alles war ebenso verschwunden wie seine anderen emotionalen Empfindungen; er wußte noch um seine früheren Gefühle ihr gegenüber, aber sie waren wie ein anderer Aspekt von ihm, der sich abgespalten hatte und davonschwebte wie eine Seele den verstorbenen Körper verlassen mochte.
    Worthy legte die gefüllte Spritze auf den Nachttisch. Er knöpfte den Ärmel von Nellas Bluse auf und schob ihn hoch, dann schnallte er ihr ein Gummiband um den Oberarm, damit die Vene deutlicher hervortrat.
    Während der Arzt Nellas Arm mit einem alkoholgetränkten Wattebausch abrieb, sagte sie: »Loman, was sollen wir nun tun?«
    »Alles wird gut«, sagte er und streichelte ihre Hand.
    »Nein. Wie kannst du das sagen? Eddie ist tot. Er war so lieb, so klein und lieb, und jetzt ist er tot. Nichts wird je wieder gut werden.«
    »Dir wird es schon sehr bald besser gehen«, versicherte Loman ihr. »Der Kummer wird vorübergehen, bevor du es richtig bemerkst. Er wird nicht mehr so wichtig sein wie jetzt. Das verspreche ich dir.«
    Sie blinzelte und sah ihn an, als würde er Unsinn reden, aber sie wußte ja auch nicht, was man mit ihr machen würde.
    Worthy stach ihr die Nadel in den Arm.
    Sie zuckte zusammen.
    Die goldene Flüssigkeit strömte aus der Spritze in ihren Blutkreislauf.
    Sie machte die Augen zu und fing wieder leise an zu weinen, aber nicht, weil die Nadel weh tat, sondern aus Kummer um ihren Sohn.
    Vielleicht ist es besser, nicht so sehr zu empfinden, nicht so sehr zu lieben, dachte Loman.
    Die Spritze war leer.
    Worthy zog die Nadel aus der Vene.
    Loman sah dem Arzt wieder in die Augen.
    Nella bebte.
    Die Verwandlung würde noch zwei Injektionen erfordern, und jemand mußte die nächsten vier oder fünf Stunden bei Nella bleiben, und zwar nicht nur, um ihr das Mittel zu verabreichen, sondern um darauf zu achten, daß sie sich während der Verwandlung nicht selbst Schaden zufügte. Es war kein schmerzloser Vorgang, zu einem Neuen Menschen zu werden.
    Nella erbebte erneut.
    Worthy neigte den Kopf, das Licht der Lampe fiel in einem anderen Winkel auf die Brille und verwandelte die Gläser in Spiegel, die einen Moment lang seine Augen verbargen und ihm ein ungewöhnlich bedrohliches Aussehen verliehen.
    Ein heftigeres, anhaltenderes Beben schüttelte Nella die-sesmal.
    George Valdoski sagte von der Tür: »Was geht hier vor?« Loman hatte sich so auf Nella konzentriert, daß er George nicht kommen gehört hatte. Er stand sofort auf und ließ Nel-las Hand los. »Der Arzt dachte, sie bracht...«
    »Was soll diese Pferdespritze?« sagte George und deutete auf die Spritze, deren Nadel nicht größer als die einer normalen Spritze war.
    »Beruhigungsmittel«, sagte Dr. Worthy. »Sie muß...« »Beruhigungsmittel?« unterbrach ihn George. »Sieht aus, als hätten Sie ihr genügend gegeben, einen Bullen damit einzuschläfern.«
    Loman sagte: »Also George, der Doktor weiß, was er...«
    Nella, die auf dem Bett lag, geriet ganz unter den Einfluß der Injektion. Ihr ganzer Körper wurde plötzlich starr, sie ballte die Hände zu Fäusten und biß die Zähne zusammen, ihre Kiefermuskeln verkrampften sich. Die Arterien an Hals und Schläfen schwollen an und pulsierten deutlich, als sich der Herzschlag drastisch beschleunigte. Ihre Augen wurden glasig, sie verfiel in die eigentümliche Dämmerung der Veränderung, weder bei Bewußtsein noch bewußtlos.
    »Was hat sie denn?« wollte George wissen.
    Nella gab zwischen zusammengebissenen Zähnen und verzerrten Lippen hervor ein seltsames, leises Stöhnen von sich. Sie krümmte den Rücken, bis nur noch Schultern und Fersen Kontakt mit dem Bett hatten. Sie schien voll gewaltsamer Energie zu sein, wie ein Boiler, der unter zu hohem Dampfdruck steht, und einen Augenblick schien es, als würde sie explodieren. Dann sank sie wieder auf die Matratze und zitterte heftiger denn je, während ihr kalter Schweiß ausbrach.
    George sah von Worthy zu Loman. Ihm war eindeutig klargeworden, daß etwas nicht stimmte, aber er begriff nicht einmal ansatzweise, was das war.
    »Halt.« Loman zog den Revolver, als George in Richtung Flur zurückwich. »Komm hierher, George, und leg dich neben Nella aufs Bett.«
    George Valdoski erstarrte unter der Tür und betrachtete den Revolver ungläubig und mißbilligend.
    »Wenn du zu fliehen versuchst«, sagte Loman, »muß ich dich erschießen, und das würde ich wirklich nicht gerne tun.«
    »Das würdest du nicht fertigbringen«, sagte George, der darauf baute, daß ihre jahrzehntelange Freundschaft ihn schützte.
    »Doch, das würde ich«, sagte Loman kalt. »Ich würde dich umbringen, wenn es sein muß, und wir würden uns als Tarnung eine Geschichte ausdenken, die dir ganz und gar nicht gefallen würde. Wir würden sagen, wir hätten dich einer Falschaussage überführt, wir hätten Beweise gefunden, daß du Eddie getötet hast, daß du deinen eigenen Jungen umgebracht hast, eine krankhafte Sex-Sache, und als wir dich mit den Beweisen konfrontierten, hast du meinen Revolver aus dem Halfter gezogen. Es kam zum Handgemenge. Du bist erschossen worden. Fall abgeschlossen.«
    Lomans Drohung war, da sie von einem Mann kam, der angeblich ein enger und geschätzter Freund war, so monströs, daß George zuerst sprachlos war. Als er dann wieder ins Zimmer trat, sagte er: »Du würdest jeden denken lassen, daß ich... Eddie so etwas Schreckliches antun würde? Warum? Was machst du da, Loman? Was, zum Teufel, machst du da? Wen... wen beschützt du?« »Leg dich aufs Bett«, sagte Loman.
    Dr. Worthy bereitete eine Spritze für George vor.
    Nella auf dem Bett schlotterte unablässig, zuckte, warf sich hin und her. Schweiß rann ihr übers Gesicht; ihr Haar war feucht und verfilzt. Sie hatte die Augen offen, schien aber nicht zu bemerken, daß noch jemand im Zimmer war. Vielleicht wußte sie nicht einmal, wo sie sich befand. Sie sah einen Ort jenseits des Zimmers oder sah in sich selbst hinein; Loman wußte nicht, was von beidem, und er konnte sich nicht mehr an seine eigene Verwandlung erinnern, davon abgesehen, daß die Schmerzen unerträglich gewesen waren. George Valdoski näherte sich zögernd dem Bett und sagte: »Was ist los, Loman? Herrgott, was soll das? Was geht hier vor?«
    »Es wird alles gut werden«, versicherte Loman ihm. »Es ist am besten so. Wirklich am besten.«
    »Was ist am besten? Was, in Gottes Namen...«
    »Leg dich hin, George. Alles wird gut.«
    »Was geschieht mit Nella?«
    »Leg dich hin, George. Es ist am besten so.«
    »Am besten«, stimmte Dr. Worthy zu, während er die Spritze aus einer neuen Flasche voll goldener Flüssigkeit füllte.
    »Es ist wirklich am besten so«, sagte Loman. »Vertraue mir.« Er winkte George mit dem Revolver zum Bett und lächelte beruhigend.
    Harry Talbots vom Bauhaus inspiriertes Haus war aus Rotholz erbaut und hatte viele Fenster. Es lag drei Blocks südlich vom Herzen von Moonlight Cove an der Ostseite der Conquistador Avenue, einer Straße, die nach der Tatsache benannt worden war, daß vor Jahrhunderten spanische Conquistadoren hier ihr Lager aufgeschlagen hatten, als sie katholische Geistliche entlang der Küste Kaliforniens beglei-teten, um Missionen zu errichten. Ab und zu träumte Harry einmal, daß er zu diesen uralten Soldaten gehörte und nach Norden in unerforschtes Land marschierte, und es war immer ein schöner Traum, weil er in diesem Abenteuer der Fantasie nie an den Rollstuhl gefesselt war.
    Der größte Teil von Moonlight Cove war auf den bewaldeten Hügeln am Meer erbaut worden, und Harrys Grundstück verlief bis zur Conquistador hinab, was den idealen Ausblick für einen Mann bot, dessen Hauptbeschäftigung im Leben es war, seine Mitmenschen zu beobachten. Er konnte von seinem Schlafzimmer im dritten Stock an der Nordwestseite des Hauses zumindest bestimmte Abschnitte sämtlicher Straßen zwischen der Conquistador und der Bucht sehen - Juniper Lane, Serra Street, Roshmore Way und Cypress Lane -, ebenso die Seitenstraßen, die in ostwestlicher Richtung verliefen. Im Norden konnte er bis auf Teile der Ocean Avenue und sogar noch weiter sehen. Weite und Tiefe seines Beobachtungsfeldes wären selbstverständlich drastisch eingeschränkt gewesen, hätte sein Haus nicht einen Stock mehr gehabt als die meisten angrenzenden Häuser, und wäre er nicht mit einem 60-mm-f /8-Spiegelteleskop und einem guten Fernglas ausgerüstet gewesen.
    Am 13. Oktober, einem Montagabend, saß Harry um halb zehn auf seinem spezialangefertigten Stuhl zwischen den großen Nord- und Westfenstern und war über die Linse des Teleskops gebeugt. Der hohe Stuhl hatte Armlehnen und eine Rückenlehne, wie ein normaler Stuhl, vier schräge, starke Beine für optimales Gleichgewicht und einen beschwerten Sockel, damit er nicht so leicht kippte, wenn Harry sich aus dem Rollstuhl hob und darauf setzte. Zudem hatte der Stuhl einen Sicherheitsfurt, ähnlich wie im Auto, der es Harry ermöglichte, sich zum Teleskop vorzubeugen, ohne vom Stuhl zu rutschen und auf den Boden zu fallen.
    Weil er das linke Bein und den linken Arm nicht gebrauchen konnte, weil sein rechtes Bein so schwach war, daß er sich nicht darauf stützen konnte, weil er sich nur auf den rechten Arm verlassen konnte - den die Vietkong zum Glück verschont hatten -, war es schon ein qualvolles Unterfangen, aus dem batteriebetriebenen Rollstuhl auf den Stuhl zu klettern. Aber die Anstrengung lohnte sich, denn Harry Talbot lebte jedes Jahr mehr durch das Fernglas als das Jahr vorher. Wenn er auf seiner Stuhl-Spezialanfertigung saß, vergaß er manchmal sogar fast seine Behinderung, denn er hatte auf seine Weise Anteil am Leben.
    Sein Lieblingsfilm war Das Fenster zum Hof mit Jimmy Stewart. Er hatte ihn wahrscheinlich schon hundertmal gesehen.
    Augenblicklich war das Teleskop in den Hinterhof von Callans Bestattungsinstitut gerichtet, dem einzigen Bestattungsunternehmen von Moonlight Cove an der Ostseite der Juniper Lane, die parallel zur Conquistador verlief, aber einen Block näher am Meer lag. Er konnte dorthin schauen, indem er zwischen zwei Häusern auf der anderen Seite seiner eigenen Straße hindurchsah, am dicken Stamm einer großen Big Cone-Pinie vorbei und über den Verbindungsweg zwischen Juniper und Conquistador hinweg. Der Hinterhof grenzte an diesen Weg an, und Harry konnte auch eine Ecke der Garage sehen, in der der Leichenwagen parkte, den Hintereingang des Hauses selbst und den Eingang zum neuen Flügel, wo die Leichen einbalsamiert und zum letzten Abschied vorbereitet oder eingeäschert wurden.
    Harry hatte im Verlauf der letzten zwei Monate einige seltsame Vorkommnisse bei Callan gesehen. Heute jedoch belebte nichts Ungewöhnliches Harrys geduldige Wache über den Hof.
    »Moose?«
    Der Hund erhob sich von seinem Ruheplatz in der Ecke und trottete durch das dunkle Schlafzimmer zu Harry. Es war ein ausgewachsener schwarzer Labrador, der in der Dunkelheit so gut wie nicht zu sehen war. Er strich an Harrys Bein entlang, dem rechten, in dem Harry noch etwas Gefühl hatte.
    Harry ließ die Hand sinken und tätschelte Moose. »Hol mir ein Bier, alter Kumpel.«
    Moose war ein Behindertenhund, der von Canine Compa-nions for Independence abgerichtet worden war, und er freute sich immer, wenn er gebraucht wurde. Er eilte zu dem keinen Kühlschrank in der Ecke, der als Einbauelement unter Restauranttheken gedacht war und mit einem Fußpedal geöffnet werden konnte.
    »Da ist keins«, sagte Harry. »Ich habe heute nachmittag vergessen, einen Sechserpack aus der Küche heraufzubringen.«
    Der Hund hatte bereits festgestellt, daß im Kühlschrank im Schlafzimmer kein Coors war. Er tappste auf den Flur, seine Krallen klickten leise auf dem Parkettboden. Keine Teppiche, denn der Rollstuhl rollte auf glatten, harten Flächen besser. Der Hund sprang im Flur hoch und erwischte die Taste des Fahrstuhls mit einer Pfote, worauf sofort das Summen des Lifts durch das Haus dröhnte.
    Harry richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Teleskop und den Hinterhof von Callans Bestattungsinstitut. Nebelschwaden trieben durch die Stadt, manche dicht und undurchdringlich, manche hauchzart. Aber der Innenhof des Instituts wurde von Scheinwerfern erhellt, so daß er deutlich sehen konnte; durch das Teleskop schien er zwischen den gemauerten Pfosten zu stehen, die auf beiden Seiten der Einfahrt zum hinteren Teil des Grundstücks standen. Wäre die Nacht nicht neblig gewesen, hätte er die Nieten in der Eisentür des Krematoriums sehen können.
    Hinter ihm gingen die F ahrstuhltüren auf. Er hörte, wie Moose in den Lift sprang. Dann senkte er sich in den ersten Stock hinunter.
    Da Callans ihn langweilte, drehte Harry das Teleskop langsam nach links und verlagerte seinen Sehbereich nach Süden, zu dem großen, unbebauten Grundstück neben dem Bestattungsinstitut. Er stellte die Schärfe ein, sah über das verlassene Gelände und über die Straße zum Haus der Gos-dales an der Westseite der Juniper, wo er das Eßzimmer anvisierte.
    Er schraubte mit seiner intakten Hand das Okular ab, legte es auf einen hohen Metalltisch neben dem Stuhl und schraubte rasch eines von mehreren anderen Okularen an, um den Blick auf die Gosdales zu verbessern. Da der Nebel momentan dünner war, konnte er so gut ins Eßzimmer der Gosdales sehen, als würde er auf ihrer Veranda kauern und das Gesicht ans Fenster drücken. Herman und Louise Gos-dale spielten mit Dan und Vera Kaiser, ihren Nachbarn, Pinnokel, wie immer montagsabends und manchmal freitags.
    Der Fahrstuhl war im Erdgeschoß angekommen; der Motor hörte auf zu summen, Schweigen erfüllte das Haus wieder. Moose war jetzt zwei Stockwerke tiefer und eilte durch den Flur zur Küche.
    In ungewöhnlich klaren Nächten konnte Harry manchmal sogar das Pinnokelblatt von Dan Kaiser erkennen, wenn dieser mit dem Rücken zum Fenster und im richtigen Winkel saß. Er hatte schon ein paarmal die Verlockung verspürt, Herman Gosdale anzurufen, ihm die Karten seines Gegenspielers zu beschreiben und ihm einen Rat zu geben, wie er den Trick ausspielen könnte.
    Aber er wollte die Leute nicht wissen lassen, daß er den größten Teil des Tages im Schlafzimmer verbrachte - das nachts unbeleuchtet war, damit man seinen Umriß nicht am Fenster erkennen könnte - und heimlich an ihrem Leben teilnahm. Sie würden ihn nicht verstehen. Gesunde standen Krüppeln von vorneherein immer mit einem gewissen Argwohn gegenüber, denn sie glaubten nur zu bereitwillig, daß sich Mißbildungen an Armen und Beinen auch auf den Verstand ausdehnten. Sie würden ihn für naseweis halten; noch schlimmer, sie könnten ihn als Spanner verurteilen, als elenden Eindringling.
    Das war nicht der Fall. Harry Talbot hatte sich strenge Regeln gesetzt, was Teleskop und Fernglas anbelangte, und an diese hielt er sich felsenfest. Zuallererst würde er niemals versuchen, eine nackte Frau zu beobachten.
    Arnella Scarlatti wohnte drei Häuser nördlich auf der anderen Straßenseite, und er hatte versehentlich einmal herausgefunden, daß sie manche Abende nackt im Schlafzimmer verbrachte und Musik hörte oder las. Sie hatte nur das Nachttischlämpchen eingeschaltet, vor ckn Fenstern hingen Gazeschleier, und sie ging nie ans Fenster, daher hielt sie es nicht für nötig, immer die Vorhänge zuzuziehen. Tatsächlich hätte niemand sie sehen können, der nicht über Harrys Ausrüstung verfügte. Arnella war hübsch. Harry hatte ihren makellosen Körper selbst durch den Gazestoff und im schwachen Licht deutlich erkennen können. Ihre Nacktheit hatte ihn verblüfft, die sinnlichen Wölbungen ihres langbeinigen Körpers mit den vollen Brüsten hatten ihn gebannt und fasziniert, und daher hatte er sie vielleicht eine Minute lang betrachtet. Dann hatte er das Teleskop von ihr weggedreht, weil er heiße Verlegenheit verspürt hatte, aber ebenso heißes Verlangen. Harry hatte zwar seit über zwanzig Jahren keine Frau mehr gehabt, aber er war trotzdem nicht wieder in Arnellas Schlafzimmer eingedrungen. Morgens hatte er in einem anderen Winkel oft in das Seitenfenster ihrer kleinen, blitzsauberen Küche im Erdgeschoß gesehen und sie beim Frühstück beobachtet, ihr perfektes Gesicht, während sie ihren Saft trank und Brötchen oder Toast und Eier aß. Sie war so wunderschön, daß ihm die Worte dafür fehlten, und nach allem, was er über ihr Leben wußte, schien sie auch sehr nett zu sein. Er schätzte, daß er sie irgendwie liebte, so wie ein Junge eine Lehrerin lieben mochte, die ihm immer fern sein würde, aber er benützte diese unerfüllte Liebe niemals als Ausrede, ihren entkleideten Körper mit seinen Blicken zu liebkosen.
    Er sah auch weg, wenn er andere Nachbarn in einer peinlichen Situation erwischte. Er sah zu, wenn sie miteinander stritten, ja, und wenn sie miteinander lachten, aßen, Karten spielten, bei ihrer Diät mogelten, Geschirr spülten und die zahllosen anderen Vorgänge des täglichen Lebens ausführten, aber nicht, weil er bei ihren Dreck am Stecken herausfinden oder sich ihnen überlegen fühlen wollte. Sie zu beobachten, verschaffte ihm keinen billigen Kitzel. Er wollte an ihrem Leben teilhaben, wollte sie erreichen - und sei es nur einseitig - und eine Art ferne Familie aus ihnen machen; er wollte Gründe erhalten, daß ihm etwas an ihnen lag, um dadurch ein erfüllteres Gefühlsleben zu haben.
    Der Fahrstuhl summte wieder. Moose war offenbar in der Küche gewesen, hatte eine der vier Türen des Kühlschranks unter der Arbeitsplatte geöffnet und eine kalte Dose Coors herausgeholt. Jetzt kam er mit dem Bier zurück.
    Harry Talbot war ein geselliger Mensch; als er mit nur einem gebrauchsfähigen Körperteil aus dem Krieg heimgekommen war, hatte man ihm den Rat gegeben, in ein Pflegeheim für Körperbehinderte zu gehen, wo er ein geselliges Leben in verständnisvoller Umgebung führen könnte. Die ärztlichen Ratgeber warnten ihn, daß er nicht akzeptiert werden würde, wenn er versuchte, in der Welt der Normalen und Gesunden zu leben; sie sagten, die meisten Menschen würden ihn mit unbewußter, aber dennoch schmerzhafter Grausamkeit begegnen, besonders der Grausamkeit gedankenlosen Ausschließens, und er würde schließlich in eine schreckliche und tiefe Einsamkeit verfallen. Aber Harry war ebenso störrisch wie gesellig, und die Aussicht, in einem Pflegeheim und nur in Gesellschaft von anderen Behinderten und Pflegepersonal zu leben, schien schlimmer zu sein als gar keine Gesellschaft. Jetzt lebte er allein, abgesehen von Moose, und hatte nur wenige Besucher, außer der Haushälterin, Mrs. Hunsbok (vor der er Teleskop und Fernglas in einem Schrank versteckte), die einmal wöchentlich kam. Vieles, wovor die Ärzte ihn gewarnt hatten, erwies sich im täglichen Leben als wahr; aber sie hatten nicht mit Harrys Fähigkeit gerechnet, hinreichend Trost und ein Gefühl der Familienzugehörigkeit durch heimliche, aber freundschaftliche Beobachtung seiner Nachbarn zu finden.
    Der Fahrstuhl kam im dritten Stock an. Die Tür ging auf, und Moose trottete ins Zimmer, direkt zu Harrys Stuhl.
    Das Teleskop stand auf einem Stativ mit Rollen, das Harry beiseite schob. Er ließ die Hand sinken und tätschelte den Kopf des Hundes. Er nahm dem Labrador die kalte Dose aus der Schnauze. Moose hatte sie maximaler Hygiene wegen am unteren Ende gehalten. Harry klemmte die Dose zwischen die gelähmten Beine, nahm eine Taschenlampe vom Tisch auf der anderen Seite des Stuhls und richtete den Lichtstrahl auf die Dose, um sich zu vergewissern, daß es Coors und kein Diet Coke war.
    Der Hund war abgerichtet worden, diese beiden Getränke zu holen, und die treue Seele erkannte den Unterschied zwischen den Worten >Bier< und >Coke< meistens und konnte den Befehl bis zur Küche im Gedächtnis behalten. Selten einmal vergaß er ihn unterwegs und kam mit dem falschen Ge -tränk zurück. Noch seltener war, daß er seltsame Gegenstände brachte, die nichts mit dem erteilten Befehl zu tun hatten: einen Hausschuh; eine Zeitung; zweimal einen ungeöffneten Beutel Hundekuchen; einmal ein hartgekochtes Ei, das er so behutsam zwischen den Zähnen hielt, daß die Schale nicht einen Riß hatte; und am seltsamsten, einmal eine Klosettbürste aus dem Arsenal der Haushälterin. Wenn er etwas Falsches gebracht hatte, machte Moose es beim zweitenmal immer richtig.
    Harry war schon vor langer Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß der Hund sich häufig gar nicht irrte, sondern einen Spaß mit ihm machte. Sein enger Umgang mit dem Hund hatte die Gewißheit in ihm hervorgerufen, daß Hunde einen Sinn für Humor besaßen.
    Diesesmal hatte er sich weder geirrt noch einen Witz gemacht, sondern das gebracht, was ihm gesagt worden war. Als Harry die Dose Coors sah, wurde er noch durstiger.
    Er schaltete die Taschenlampe aus und sagte: »Guter Junge. Guter, guter, guuuter Hund.«
    Moose winselte glücklich. Er saß aufmerksam neben dem Stuhl in der Dunkelheit und wartete darauf, daß er auf einen weiteren Botengang geschickt würde.
    »Geh, Moose. Leg dich hin. Guter Hund.«
    Der Labrador schlich enttäuscht in eine Ecke und rollte sich auf dem Boden zusammen, während sein Herr wieder die Nacht, die Nachbarschaft und damit seine weitläufige Familie beobachtete.
    Die Gosdales und Kaisers spielten immer noch Karten.
    In Callans Bestattungsinstitut bewegte sich nur wabernder Nebel.
    Einen Block südlich der Conquistador und momentan von den Bürgersteiglampen am Sternback-Haus beleuchtet, schlenderte Ray Chang, der Inhaber des einzigen Fernseh-und Elektronikhandels der Stadt, in diese Richtung. Er führte seinen Hund Jack, einen Apportierhund, Gassi. Sie gingen gemächlichen Schrittes, und Jack schnupperte an jedem Baum am Gehweg und suchte nach dem richtigen, um sich zu erleichtern.
    Die Ruhe und Vertrautheit all dieser Szenen freute Harry, aber diese Stimmung wurde unvermittelt zunichte gemacht, als er seine Aufmerksamkeit durch das Nordfenster zum Haus der Simpsons wandte. Ella und Denver Simpson bewohnten ein cremefarbenes spanisches Haus mit Ziegeldach auf der anderen Seite der Conquistador und zwei Blocks nördlich, gleich nach dem katholischen Friedhof und einen Block diesseits der Ocean Avenue. Im Friedhof stand Harry nichts im Weg - abgesehen vom Teil eines Baumes -, daher konnte er die Fenster an zwei Häuserseiten genau, wenn auch in einem Winkel, überblicken. Er richtete das Teleskop aufs erleuchtete Küchenfenster. Als das Bild im Teleskop sich von einem verschwommenen Wirrwarr zu einem scharfen Motiv kristallisierte, sah er Ella Simpson, die gegen den Kühlschrank gepreßt war, mit ihrem Mann kämpfen; sie wand sich in seinem Griff, krallte nach seinem Gesicht und schrie.
    Ein Schauer lief Harrys kriegsverletztes Rückgrat entlang.
    Er wußte sofort, daß das, was sich da im Haus der Simpsons abspielte, mit anderen beunruhigenden Dingen, die er in letzter Zeit gesehen hatte, in Zusammenhang stand. Denver war Postmeister von Moonlight Cove, Ella führte einen erfolgreichen Schönheitssalon. Beide waren Mitte Dreißig, eines der wenigen hiesigen farbigen Ehepaare, und soweit Harry wußte, waren sie glücklich verheiratet. Ihr handgreiflicher Konflikt war so ungewöhnlich, daß er mit anderen unerklärlichen und geheimnisvollen Ereignissen, die Harry in letzter Zeit gesehen hatte, in Verbindung stehen mußte.
    Ella befreite sich von Denver. Sie kam aber nur einen linkischen Schritt von ihm weg, dann schlug er mit der Faust nach ihr. Der Schlag erwischte sie am Hals. Sie fiel hin. Schwer.
    In Harrys Schlafzimmer spürte Moose in der Ecke die innere Anspannung seines Herrn. Der Hund hob den Kopf und schnaubte einmal, zweimal.
    Harry, der sich auf dem Stuhl nach vorne gebeugt hatte und förmlich am Okular klebte, sah zwei Männer aus einem Teil der Küche der Simpsons kommen, der außerhalb der Fensterlinie lag. Sie trugen zwar keine Uniformen, aber er erkannte Mitglieder der Polizei von Moonlight Cove in ihnen: Paul Hawthorne und Reese Dorn. Ihre Anwesenheit bestätigte Harrys Intuition, daß dieser Zwischenfall Teil eines bizarren Musters von Gewalt und Verschwörung war, das ihm in den vergangenen Wochen zunehmend deutlicher geworden war. Er wünschte sich nicht zum ersten Mal, er könnte herausbekommen, was in dieser einst so friedlichen Stadt vor sich ging. Hawthorne und Dorn hoben Ella vom Boden auf und hielten sie fest zwischen sich. Sie schien nur halb bei Bewußtsein und benommen von dem Schlag zu sein, den ihr ihr Mann verpaßt hatte.
    Denver sagte etwas zu Hawthorne, Dorn oder seiner Frau. Es war nicht auszumachen, zu wem. Sein Gesicht war von einer so durchdringenden Wut verzerrt, daß Harry fröstelte.
    Ein dritter Mann kam hinzu, der schnurstracks zum Fenster trat und die Vorhänge zuzog. Vom Meer wehte eine dichte Nebelschwade herein und trübte den Blick, aber Harry erkannte auch diesen Mann: Dr. lan Fitzgerald, der älteste der drei Ärzte von Moonlight Cove. Er hatte seit fast dreißig Jahren seine Praxis in der Stadt und wurde liebevoll Doc Fitz genannt. Er war Harrys eigener Arzt, ein stets gütiger und teilnahmsvoller Mann, aber im Augenblick sah er kälter als ein Eisberg aus. Kurz bevor die Vorhänge zugezogen waren, sah Harry Doc Fitz direkt ins Gesicht und sah verkniffene Züge und stechende Augen, die überhaupt nicht zu dem Mann paßten; dank des Teleskops schien Harry nur einen Schritt von dem Arzt entfernt zu stehen, und er sah ein bekanntes Gesicht, das zugleich das eines völlig Fremden war.
    Da er nicht mehr in die Küche sehen konnte, suchte er den Rest der Hausfassade ab. Er drückte sich zu fest gegen das Teleskop, dumpfe Schmerzen strahlten von den Augenhöhlen über das ganze Gesicht ab. Er verfluchte den wallenden Nebel, versuchte aber, sich zu entspannen.
    Moose winselte fragend.
    Nach einer Minute ging in einem Zimmer an der südöstli-chen Ecke im zweiten Stock des Simpson-Hauses das Licht an. Harry zoomte sofort auf dieses Fenster. Das Schlafzimmer. Er sah trotz des verhüllenden Nebels, wie Hawthorne und Dorn Ella aus dem oberen Flur hereintrugen. Sie warfen sie auf die über das große Ehebett gebreitete blaue Steppdecke.
    Denver und Doc Fitz folgten ihnen ins Zimmer. Der Arzt stellte die schwarze Ledertasche auf den Nachttisch. Denver zog die Vorhänge des vorderen Fensters zur Conquistador Avenue hinaus zu, dann kam er zum Fenster an der Friedhofseite, durch das Harry hineinsah. Denver starrte einen Augenblick in die Nacht, und Harry hatte das unheimliche Gefühl, als könnte der Mann ihn sehen, obwohl er zwei Blocks entfernt war, als würde er über die Sehfähigkeit von Superman verfügen, über ein eingebautes biologisches Teleskop. Dasselbe Gefühl hatte Harry schon bei anderen Gelegenheiten gehabt, wenn er >Auge-in-Auge< mit anderen Menschen war, schon lange bevor die seltsamen Ereignisse in Moonlight Cove angefangen hatten; daher wußte er, daß Denver ihn gar nicht sehen konnte. Aber er war trotzdem erschrocken. Dann zog der Postmeister auch diese Vorhänge vor, aber nicht so dicht, wie er es hätte tun sollen, denn er ließ einen fünf Zentimeter breiten Spalt zwischen den Hälften offen.
    Harry, der inzwischen zitterte und schweißnaß war, wechselte die Okulare, justierte die Vergrößerung des Teleskops und versuchte, den Brennpunkt schärfer zu stellen, bis er das Fenster so nahe herangeholt hatte, daß der schmale Schlitz zwischen den Vorhängen das gesamte Bild ausfüllte. Er schien nicht nur am Fenster zu sein, sondern dahinter, schien hinter den Vorhängen im Schlafzimmer zu stehen.
    Die dichteren Nebelschwaden trieben nach Osten, dünnere Schleier wehten vom Meer herein, was Harrys Sicht noch besser machte.
    Hawthorne und Dorn hielten Ella Simpson auf dem Bett fest. Sie schlug um sich, aber sie hatten sie an Armen und Beinen gepackt, und sie war kein Gegner für sie.
    Denver hielt das Gesicht seiner Frau am Kinn fest und stopfte ihr ein zusammengeknülltes Taschentuch oder ein Stück weißen Stoffes in den Mund und knebelte sie.
    Harry konnte ganz kurz das Gesicht der Frau sehen, während sie mit ihren Widersachern rang. Ihre Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen.
    »Oh, Scheiße.«
    Moose stand auf und kam zu ihm.
    Im Haus der Simpsons war Ellas Rock durch ihre heftige Gegenwehr aufgerissen. Die hellgelben Schlüpfer waren zu sehen. Knöpfe der grünen Bluse waren aufgegangen. Aber die Szene vermittelte nicht das Gefühl einer kurz bevorstehenden Vergewaltigung, nicht einmal die Andeutung sexu -eller Erregung. Was sie mit ihr machten, war möglicherweise noch bedrohlicher und grausamer - und sicherlich seltsamer - als Vergewaltigung.
    Doc Fitz trat ans Fußende des Bettes, so daß Harry Ella und ihre Angreifer nicht mehr sehen konnte. Der Arzt hielt eine Phiole voll bernsteinfarbener Flüssigkeit in der Hand, die er in eine Spritze füllte.
    Sie verabreichten Ella eine Injektion.
    Aber womit?
    Und warum?
    Nachdem sie mit ihrer Mutter in San Diego gesprochen hatte, setzte sich Tessa Lockland auf das Bett und sah sich einen Natur-Dokumentarfilm im PBS an. Sie übte lautstark Kritik an Kameraführung, der Komposition von Einstellungen, der Ausleuchtung, den Schnittechniken, den Kommentaren und anderen Aspekten der Produktion, bis ihr unvermittelt klar wurde, daß sie sich albern anhörte, wie sie mit sich selbst sprach. Dann machte sie sich über sich selbst lustig, indem sie verschiedene Fernsehkritiker nachahmte und in der jeweiligen Art des Betroffenen Kommentare zu dem Dokumentarfilm abgab, was Spaß machte, weil die meisten Fern-sehkritiker auf die eine oder andere Weise pompös waren, ausgenommen Robert Ebert. Trotzdem führte Tessa Selbstgespräche, obwohl sie ihren Spaß hatte, und das war selbst für eine Nonkonformistin zu exzentrisch, die dreiunddreißig Jahre alt geworden war, ohne jemals eine geregelte Arbeit annehmen zu müssen. Daß sie sich am Schauplatz des >Selbstmordes< ihrer Schwester aufhielt, machte sie nervös. Sie suchte im Herumalbern Erleichterung von dieser grimmigen Pilgerfahrt. Aber zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten war selbst die ununterdrückbare Frohnatur der Locklands unangemessen.
    Sie schaltete den Fernseher ab und nahm den leeren Plastikeimer für Eiswürfel vom Schreibtisch. Sie ließ die Tür ihres Zimmers angelehnt und ging mit einigen Münzen zum Südende des Flurs, wo sich Eiskasten und Getränkeautomat befanden.
    Tessa war immer stolz darauf gewesen, daß sie die Mühlen geregelter Arbeitszeit vermieden hatte. Auf absurde Weise stolz, wenn man die Tatsache in Rechnung stellte, daß sie so häufig zwölf bis vierzehn Stunden täglich arbeitete, anstatt der üblichen acht, und ein strengerer Chef war als alle, für die sie hätte arbeiten können. Und auch was ihr Einkommen betraf, hatte sie kaum Grund zu prahlen. Sie hatte ein paar fette Jahre gehabt, als sie, auch wenn sie es versucht hätte, nicht hätte aufhören können, Geld zu verdienen; aber die Jahre, in denen sie kaum das Existenzminimum erwirtschaftet hatte, überwogen bei weitem. Als sie kürzlich einmal ihr durchschnittliches Einkommen in den zwölf Jahren, seit sie von der Filmhochschule abgegangen war, ausrechnete, war sie zu dem Ergebnis gekommen, daß ihr Jahresein -kommen bei etwa einundzwanzigtausend Dollar lag, aber diese Zahl würde drastisch sinken, wenn sie nicht bald wieder ein erfolgreiches Jahr hätte.
    Obwohl sie nicht reich war, und obwohl das freiberufliche Drehen von Dokumentarfilmen keine nennenswerte Sicherheit bot, fühlte sie sich erfolgreich, und das nicht nur, weil ihre Arbeiten von der Kritik im allgemeinen positiv aufgenommen worden waren und weil sie mit der Locklandschen Neigung zum Optimismus gesegnet war. Sie fühlte sich erfolgreich, weil sie sich stets der Autorität widersetzt und in ihrer Arbeit einen Weg gefunden hatte, ihr Schicksal selbst zu meistern.
    Am Ende des Flurs stieß sie eine schwere Feuertür auf und trat auf einen Absatz, wo Eis- und Getränkeautomat links von der Treppe standen. Der große Getränkeautomat, der reichlich mit Cola, Wurzelbier, Orange Crush und 7-Up bestückt war, summte leise, aber die Eismaschine war kaputt und leer. Sie würde den Kübel an der Maschine im Erdgeschoß füllen müssen. Sie ging die Treppe hinunter, und ihre Schritte hallten von den Betonwänden wieder. Das Ge -räusch war so hohl und kalt, daß sie in einer riesigen Pyramide oder einem alten Bauwerk hätte sein können - allein, abgesehen vielleicht von der Gesells chaft von unsichtbaren Geistern.
    Am unteren Ende der Treppe fand sie weder Eismaschine noch Getränkeautomat, dafür aber ein Schild an der Wand, auf dem stand, daß sich das Erfrischungszentrum im Erdgeschoß am nördlichen Ende des Motels befand. Bis sie endlich Eis und Cola hätte, würde sie soviel Kalorien verbraucht haben, daß sie sich ein normales, zuckersüßes Cola statt eines Diet Coke verdient haben würde.
    Als sie nach der Klinke der Feuertür griff, die zum Erdgeschoß führte, glaubte sie zu hören, wie die zweite Tür oben an der Treppe geöffnet wurde. Das war das erste Zeichen, seit sie angekommen war, daß sie nicht der einzige Gast in dem Motel war. Das Gebäude hatte trotzdem etwas Verlas -senes an sich.
    Sie trat durch die Feuertür ein und stellte fest, daß der untere Flur mit demselben gräßlich grellorangefarbenen Nylonteppichboden ausgelegt war wie der obere Flur. Der Innenarchitekt hatte eine clownhafte Vorliebe für schreiende Farben gehabt. Sie blinzelte.
    Sie wäre gerne eine erfolgreiche Filmemacherin gewesen, und sei es nur, damit sie sich Unterkünfte leisten könnte, die keine Beleidigung für die Sinne waren. Aber dies war natürlich das einzige Motel in Moonlight Cove, daher hätte nicht einmal Reichtum sie vor diesem augenbeleidigenden orangefarbenen Flimmern bewahren können. Als sie das Ende des Flurs erreicht und eine weitere Feuertür hinter sich gelassen hatte und zum Absatz der Nordtreppe gelangt war, fand sie den Anblick der grauen Betonwände und Betonstufen eindeutig beruhigend und ansprechend.
    Hier funktionierte die Eismaschine. Sie klappte den Dek-kel auf und zog den Plastikkübel einmal tief durch, bis er mit halbmondförmigen Eisstückchen gefüllt war. Sie stellte den vollen Eimer auf die Maschine. Als sie die Klappe zumachte, hörte sie die Tür oben mit einem leisen Quietschen der Angeln aufgehen.
    Sie ging zum Getränkeautomaten, um die Cola herauszulassen und erwartete, daß jemand vom zweiten Stock herunterkommen würde. Erst als sie die dritte Münze in den Schlitz geworfen hatte, wurde ihr klar, daß die Art, wie die Tür oben aufgemacht worden war, etwas Verstohlenes gehabt hatte; das gedehnte, leise Quietschen... als wüßte jemand, daß die Angeln nicht geölt waren, und versuchte, so leise wie möglich zu sein.
    Tessa verharrte mit dem Finger über der Taste für Diet Coke und lauschte.
    Nichts.
    Kühle Betonstille.
    Sie fühlte sich genauso wie vorher am Strand, als sie diesen seltsamen, fernen Ruf vernommen hatte. Sie hatte jetzt -wie dort - eine Gänsehaut.
    Sie hatte den verrückten Eindruck, als wäre jemand oben auf dem Treppenabsatz und würde die Feuertür aufhalten, nachdem er hindurchgegangen war. Er wartete darauf, daß sie auf den Knopf drückte, damit das Poltern der Dose in der Maschine das erneute Quietschen der Scharniere übertönen würde.
    Viele moderne Frauen, die sich bewußt waren, daß man in einer rauhen Welt rauh sein mußte, wären von solchen Vorahnungen peinlich berührt gewesen und hätten das intuitive Frösteln achselzuckend abgetan. Aber Tessa kannte sich selbst gut. Sie neigte nicht zu Hysterie oder Paranoia, daher fragte sie sich auch nicht, ob Janices Tod sie überempfindlich gemacht hatte, und zweifelte nicht an ihrer Vorstellung von einem feindseligen Eindringling, der unsichtbar hinter der Biegung auf dem oberen Treppenabsatz lauerte.
    Hier unten befanden sich drei Türen in der Betonkammer. Die erste war in der Südwand; durch sie war sie gekommen, und durch sie konnte sie in den Erdgeschoßflur zurückkehren. Die zweite war in der Westwand und öffnete sich zur rückwärtigen Fassade des Motels, wo offenbar ein kleiner Zufahrtsweg zwischen dem Gelände und der Klippe über dem Meer war, und die dritte war in der Ostwand, dort konnte sie wahrscheinlich zum Parkplatz vor dem Motel gelangen. Sie drückte nicht auf die Taste, um das Coke zu bekommen, ließ auch den Eiskübel stehen und trat rasch und leise zur Südtür und riß sie auf.
    Sie sah eine Bewegung am gegenüberliegenden Ende des Erdgeschoßflurs. Jemand duckte sich zur anderen Feuertür hinaus ins südliche Treppenhaus. Sie konnte ihn kaum erkennen, nur einen schemenhaften Umriß, denn er hatte nicht auf dem orangefarbenen Teppich selbst gestanden, sondern auf der Schwelle gegenüber, daher hatte er sich auch binnen Sekundenbruchteilen verstecken können. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.
    Mindestens zwei Männer - sie vermutete, daß es Männer waren, keine Frauen - waren hinter ihr her.
    Hier im Treppenhaus erzeugten die Türangeln oben ein kaum wahrnehmbares Quietschen von Metall. Der andere Mann hatte es offenbar satt, darauf zu warten, daß sie ein übertönendes Geräusch machte.
    Sie konnte nicht in den Flur gehen. Sie hatten sie zwischen sich gefangen.
    Sie könnte zwar schreien, um andere Gäste auf sich aufmerksam zu machen und den Männern einen Schrecken einzujagen, aber sie zögerte, weil sie befürchtete, das Motel könnte so verlassen sein, wie es schien. Ihr Schrei brachte vielleicht keine Hilfe herbei, machte aber die Verfolger darauf aufmerksam, daß sie von ihnen wußte und sie nicht mehr vorsichtig sein mußten.
    Jemand kam die Treppe über ihr heruntergeschlichen.
    Tessa wandte sich vom Flur ab, trat zur Osttür und lief in die neblige Nacht hinaus, an der Seitenwand des Gebäudes entlang und zum Parkplatz, hinter dem die Cypress Lane lag. Dann lief sie keuchend an der Vo rderfront des Cove Lodge entlang zur Rezeption, die sich gegenüber der jetzt geschlossenen Cafeteria befand.
    Die Rezeption war geöffnet, die Schwelle war in das vom Nebel weichgemachte, diffuse Leuchten des rosa und gelben Neonschilds getaucht, und der Mann hinter der Theke war derselbe, bei dem sie sich vor ein paar Stunden angemeldet hatte. Er war groß und leicht untersetzt, etwa Mitte fünfzig, rasiert und mit ordentlich geschnittenen Haaren, aber dafür in einer etwas zerknittert wirkenden, braunen Cordhose und einem roten Flanellhemd. Er legte eine Zeitschrift weg, stellte die Countrymusik im Radio leiser, stand von seinem gepolsterten Bürostuhl auf und hörte ihr, stirnrunzelnd an die Theke gelehnt zu, wie sie, etwas zu atemlos, schilderte, was vorgefallen war.
    »Nun, dies ist keine große Stadt, Ma'am«, sagte er, als sie fertig war. »Moonlight Cove ist ein friedlicher Ort. Hier müssen Sie sich wegen so etwas keine Gedanken machen.« »Aber es war so«, beharrte sie und sah nervös in den neonbemalten Nebel, der in der Dunkelheit zwischen Rezeptionstür und Fenster trieb.
    »Oh, ich bin sicher, daß Sie jemand gehört oder gesehen haben, aber Sie haben die Situation sicher falsch interpretiert. Wir haben ein paar Gäste. Die haben Sie gehört, und sie haben sich möglicherweise, genau wie Sie, nur etwas Eis und was zu trinken holen wollen.« Er hatte ein gütiges, großväterliches Aussehen, wenn er lächelte. »Es kann hier etwas unheimlich wirken, wenn nicht viele Gäste da sind.« »Hören Sie, Mister...«
    »Quinn. Gordon Quinn.«
    »Hören Sie, Mr. Quinn, es war ganz und gar nicht so.« Sie kam sich wie eine schrille, alberne Ziege vor, obwohl sie wußte, daß sie das nicht wahr. »Ich habe unschuldige Gäste nicht für Räuber und Vergewaltiger gehalten. Ich bin keine hysterische Frau. Diese Burschen hatten nichts Gutes im Sinn.«
    »Nun... also gut. Ich denke, daß Sie sich irren, aber wir wollen trotzdem einmal nachsehen.« Quinn kam durch eine Klappe in der Theke auf ihre Seite des Büros.
    »Wollen Sie einfach so gehen?« fragte sie.
    »Wie?«
    »Unbewaffnet?«
    Er lächelte wieder. Sie kam sich, wie schon zuvor, wieder albern vor.
    »Ma'am«, sagte er, »ich bin seit fünfundzwanzig Jahren Motelmanager und hatte noch nie einen Gast, mit dem ich nicht fertig geworden bin.«
    Quinns herablassender, väterlicher Tonfall erboste Tessa zwar, aber sie stritt nicht mit ihm, sondern folgte ihm aus dem Büro hinaus und durch den wallenden Nebel zum anderen Ende des Gebäudes. Er war groß, sie klein, daher fühlte sie sich ein wenig wie ein kleines Kind, das von einem Vater, der ihr zeigen wird, daß kein Monster im Schrank oder unter dem Bett versteckt, in ihr Zimmer zurückbegleitet wird.
    Er machte die Metalltür auf, durch die sie aus dem nördlichen Treppenhaus geflohen war, und trat ein. Dort lauerte niemand.
    Der Getränkeautomat summte, von der Eismaschine ging ein leises Klappern aus. Ihr mit Halbmonden gefüllter Kübel stand immer noch obenauf.
    Quinn schritt durch den winzigen Raum zur Tür, die zum Erdgeschoßflur führte und zog sie auf. »Niemand da«, sagte er und nickte in den stillen Flur. Er machte auch die Tür in der Westwand auf und sah nach rechts und links. Er winkte sie auf die Schwelle und bestand darauf, daß sie sich ebenfalls vergewisserte.
    Sie sah einen schmalen, von einem Geländer begrenzten Weg, der an der rückwärtigen Fassade des Hauses zwischen dem Gebäude und dem Rand der Klippe entlang verlief und an jedem Ende von einer gelblichen Laterne erhellt wurde. Verlassen.
    »Sie haben gesagt, Sie hätten bereits Geld in den Automaten gesteckt, aber kein Getränk bekommen?« fragte Quinn, während er die Tür zufallen ließ.
    »Ganz recht.«
    »Was wollten Sie?«
    »Nun... Diet Coke.«
    Er drückte den entsprechenden Knopf am Automaten, und eine Dose klapperte in die Ausgabe. Er gab sie ihr, deutete auf den Kübel, den sie von ihrem Zimmer mitgebracht hatte, und sagte: »Vergessen Sie Ihr Eis nicht.«
    Tessa trug den Eiskübel und die Dose und folgte ihm mit heißer Röte auf den Wangen und kalter Wut im Herzen die Nordtreppe hinauf. Niemand lauerte dort. Die ungeölten Scharniere der Feuertür quietschten, als sie in den Flur im ersten Stock traten, der ebenfalls verlassen war.
    Die Tür ihres Zimmers war angelehnt, wie sie sie hinterlassen hatte. Sie zögerte einzutreten.
    »Sehen wir nach«, sagte Quinn.
    Das kleine Zimmer, der Schrank und das angrenzende Badezimmer waren leer.
    »Fühlen Sie sich jetzt besser?« fragte er.
    »Ich habe mir nichts eingebildet.«
    »Das habe ich auch nicht gesagt«, sagte er, immer noch väterlich.
    Als Quinn auf den Hur hinausging, sagte Tessa: »Sie waren da, und sie waren echt, aber ich schätze, jetzt sind sie verschwunden. Sie sind wahrscheinlich weggelaufen, als ihnen klar wurde, daß ich sie entdeckt hatte und Hilfe holen ging.«
    »Nun, dann ist jetzt ja alles gut«, sagte er. »Sie sind in Sicherheit. Wenn sie weg sind, dann ist das fast so gut, als wären sie überhaupt nicht dagewesen.«
    Es kostete Tessa alle Anstrengung, nicht mehr zu sagen als »vielen Dank«, und dann die Tür zuzumachen. In dem Knauf befand sich ein Druckschloß, das sie hineindrückte. Über dem Knauf befand sich ein Riegel, den sie vorschob. Auch eine Sicherungskette war vorhanden; sie hängte sie ein.
    Sie ging ans Fenster und vergewisserte sich, daß es von einem potentiellen Eindringling nicht so leicht geöffnet werden könnte. Als sie auf einen Hebel drückte und zog, glitt die Hälfte des Fensters nach links, aber es konnte nicht von außen geöffnet werden, es sei denn, jemand schlüge die Scheibe ein und streckte die Hand herein, um das Schloß aufzudrehen. Zudem war sie im ersten Stock; ein Eindringling hätte eine Leiter gebraucht.
    Sie saß eine Weile im Bett und lauschte den fernen Geräuschen im Motel. Jetzt hörte sich jeder Laut seltsam und bedrohlich an. Sie fragte sich, welchen Zusammenhang, wenn überhaupt, ihr beunruhigendes Erlebnis mit Janices Tod vor drei Wochen haben könnte.
    Nachdem sie mehrere Stunden in dem Abflußrohr unter der Hangwiese verbracht hatte, wurde Chrissie Foster von Klaustrophobie geplagt. Sie war viel länger in der Vorratskammer neben der Küche eingesperrt gewesen, und die war kleiner, aber das pechschwarze Betonrohr war ungleich schlimmer. Vielleicht fühlte sie sich deshalb beengt und eingesperrt, weil die Tatsache, daß sie den ganzen Tag und den größten Teil in engen Plätzen verbracht hatten, einen kumulativen Effekt hatte.
    Vom Superhighway weit oben, wo das Abflußsystem seinen Anfang hatte, drang das laute Dröhnen von Trucks durch die Rohre, was Bilder von fauchenden Drachen in ihrem Verstand weckte. Sie preßte die Hände auf die Ohren, um das Geräusch zu verdrängen. Manchmal lagen die Ge -räusche der Trucks weit auseinander, aber gelegentlich kamen auch sechs, acht oder ein Dutzend hintereinander, dann wurde das anhaltende Dröhnen bedrückend und nervtötend.
    Vielleicht hatte ihr Wunsch, aus dem Rohr herauszukommen, auch etwas mit der Tatsache zu tun, daß es unterir-disch lag. Chrissie, die im Dunkeln kauerte, den Trucks und in der zwischen ihnen liegenden Stille nach Anzeichen der Rückkehr ihrer Eltern oder Tucker lauschte, kam sich wie in einem Betonsarg vor - wie lebendig begraben.
    Sie las laut aus-dem imaginären Buch über ihre eigenen Abenteuer vor und sagte: »Die junge Chrissie konnte nicht wissen, daß die Leitung bald einstürzen und sich mit Erde füllen, sie zerquetschen und für immer gefangenhalten würde wie einen Käfer.«
    Sie wußte, sie sollte bleiben, wo sie war. Vielleicht suchten sie immer noch auf der Wiese oder im Wald nach ihr. Im Rohr war sie sicherer als draußen.
    Aber sie war mit einer blühenden Fantasie gestraft. Sie war zwar zweifellos die einzige in diesem licntlosen Ge -bäude, in dem sie kauerte, aber sie stellte sich dennoch unerwünschte Gesellschaft in zahllosen Formen vor: sich windende Schlangen, ganze Hundertschaften Spinnen, Küchenschaben, Ratten, Schwärme bluttrinkender Fledermäuse. Schließlich fragte sie sich, ob im Lauf der Jahre nicht einmal ein Kind in diesen Tunnel gekrochen sein mochte, um zu spielen; es hätte sich im Netz der Rohre verirren und un-entdeckt hier sterben können. Seine Seele wäre selbstverständlich hier zurückgeblieben, weil sein Tod so unangemessen früh erfolgt war, und die Seele nicht durch ein ordentliches Begräbnis befreit worden war. Vielleicht belebte sein Geist gerade die toten Gebeine und schleifte den verwesten, von der Zeit ausgetrockneten Leichnam in ihre Richtung, wobei Stückchen ledrigen, halb versteinerten Fleisches abbröckelten. Chrissie war elf Jahre alt und für ihr Alter sehr reif, daher sagte sie sich immer wieder, daß es keine Gespenster gab, aber dann mußte sie an ihre Eltern und Tucker denken, die zu einer Art von Werwölfen geworden zu sein schienen, um Gottes willen, und wenn große Trucks auf der Autobahn vorüberfuhren, wagte sie kaum noch, sich die Ohren zuzuhalten, weil sie fürchtete, das tote Kind könnte im Schutz des Lärms näher und näher herankriechen.
    Sie mußte hinaus.
    Als er die finstere Garage verließ, in der er vor der Bande jugendlicher Krimineller im Drogenrausch - denn als solche betrachtete er sie mittlerweile; (er wußte keine andere Erklärung) Zuflucht gesucht hatte, lief Sam Booker direkt zur Ocean Avenue und ging unterwegs noch ganz kurz in die Knight's Bridge Tavern, wo er einen Sechserpack Guinness Stout zum Mitnehmen kaufte.
    Später saß er in einem Zimmer im Cove Lodge an dem kleinen Tisch und trank Bier, während er über die Fakten des Falles nachdachte. Am 5. September waren drei Organisatoren der Nationalen Farmerarbeitergewerkschaft - Julio Bustamente, seine Schwester Maria Bustamente und Roman Sanchez, Marias Verlobter - von den Weinanbaugebieten, wo sie mit den Winzern Gespräche über die bevorstehende Ernte geführt hatten, nach Süden gefahren. Sie fuhren einen vier Jahre alten braunen Chevy-Lieferwagen. Sie gingen in Moonlight Cove essen. Sie hatten im Perez Family-Restau-rant gegessen und zu viele Margaritas getrunken (wie Kellner und Gäste des Perez an jenem Abend aussagten), und sie hatten auf dem Rückweg zur Autobahn eine gefährliche Kurve zu schnell genommen; der Lieferwagen hatte sich überschlagen und Feuer gefangen. Keiner der drei hatte überlebt.
    Die Geschichte hätte vielleicht standgehalten, und das FBI wäre vielleicht nie in die Ermittlungen eingeschaltet worden, wären da nicht ein paar Unstimmigkeiten gewesen. Zunächst einmal war laut Polizeibericht von Moonlight Cove Julio Bustamente gefahren. Aber Julio hatte in seinem ganzen Leben noch kein Auto gefahren; außerdem war es unwahrscheinlich, daß er das nach Einbruch der Dunkelheit getan haben würde, denn er litt an einer Form von Nachtblindheit. Darüber hinaus waren laut der in dem Bericht angeführten Zeugenaussagen alle - Julio und Maria und Ra-mon - betrunken gewesen, aber niemand, der Julia oder Ramon kannte, hatte sie je vorher betrunken gesehen, und Maria war Zeit ihres Lebens Antialkoholikerin gewesen.
    Das Verhalten der Behörden von Moonlight Cove machte die Familien Sanchez und Bustamente stutzig. Sie wurden erst am 10. September, fünf Tage nach dem Unglück, von den drei Todesfällen in Kenntnis gesetzt. Polizeichef Loman Watkins hatte erklärt, daß die Ausweise von Julio, Maria und Ramon bei dem Feuer vernichtet worden und die Leichen zu verkohlt waren, um eine schnelle Identifizierung anhand von Fingerabdrücken zu ermöglichen. Was war mit dem Nummernschild des Lieferwagens? Seltsamerweise hatte Loman weder am Fahrzeug noch in der Umgebung der Unfallstelle eines gefunden. Da er es mit drei böse verstümmelten und verbrannten Leichen zu tun hatte und die Verwandten nicht rechtzeitig in Kenntnis setzen konnte, hatte er den Gerichtsmediziner Dr. lan Fitzgerald ermächtigt, die Totenscheine auszufüllen und die Leichen anschließend durch Einäschern zu beseitigen. »Sie müssen verstehen, daß wir nicht über die Einrichtung einer großstädtischen Leichenhalle verfügen«, hatte Watkins erklärt. »Wir können Leichen nicht über längere Zeit hinweg aufbewahren, und wir konnten unmöglich wissen, wieviel Zeit wir brauchen würden, diese Leute zu identifizieren. Wir dachten, es könnte sich um Obdachlose oder gar illegale Einwanderer handeln, und in diesem Fall hätten wir sie nie identifizieren können.«
    Hübsch, dachte Sam grimmig, während er sich in dem Sessel zurücklehnte und einen großen Schluck Guinness trank.
    Drei Menschen waren eines gewaltsamen Todes gestorben, waren als Opfer eines Unfalls eingestuft und eingeäschert worden, bevor ihre Verwandten informiert wurden, bevor andere Behörden eingeschaltet worden waren, um anhand modernster gerichtsmedizinischer Verfahren herauszufinden, ob die Totenscheine und Polizeiberichte tatsächlich die ganze Wahrheit enthielten.
    Die Familien Sanchez und Bustamente vermuteten eine Vertuschungsaktion, die Nationale Farmarbeitergewerkschaft war dessen ganz sicher. Am 12. September beantragte der Präsident der Gewerkschaft die Unterstützung des Fede-ral Bureau of Investigation mit der Begründung, daß antigewerkschaftliche Kräfte für den Tod von Bustamente, Busta-mente und Sanchez verantwortlich wären. Mord fiel im allgemeinen nur dann in die Zuständigkeit des FBI, wenn der mutmaßliche Mörder eine Staatsgrenze überschritten hatte, um die Tat zu begehen, oder während einer Untersuchung oder um nach der Tat einer Bestrafung zu entgehen; oder wenn die Bundesbehörden, wie in diesem Fall, Anlaß zu der Vermutung hatten, daß der Mord als Folge der absichtlichen Verletzung der Bürgerrechte des Opfers begangen worden war.
    Am 26. September, nach absurden, aber durchaus üblichen Verzögerungen in der Regierungsbürokratie und der Bundesbehörde, kam ein Team von sechs FBI-Agenten -darunter drei Männer von der wissenschaftlichen Ermitt-lungskomission - zehn Tage lang ins malerische Moonlight Cove. Sie verhörten Polizeibeamte, untersuchten die Unterlagen von Polizei und vom Gerichtsmediziner, nahmen Zeugenaussagen von Leuten auf, die in der Nacht des 5. September im Perez Family-Restaurant gewesen waren, stöberten im Wrack des Chevy auf dem Schrottplatz herum und suchten nach den spärlichen verbliebenen Spuren an der Unfallstelle selbst. Da Moonlight Cove nicht über Landwirtschaft verfügte, konnten sie niemanden finden, den die Belange der Farmarbeitergewerkschaft interessiert oder gar erbost haben könnten, wodurch niemand mehr übrigblieb, der ein Motiv gehabt haben konnte, Organisatoren der Ge -werkschaften zu ermorden.
    Sie hatten während der gesamten Ermittlungen die volle und herzliche Unterstützung der hiesigen Polizei und des Gerichtsmediziners. Loman Watkins und seine Leute gingen sogar so weit, sich freiwillig Lügendetektortests zu unterziehen, und alle kamen ohne einen Verdacht auf Täuschungsmanöver durch. Auch der Gerichtsmediziner unterzog sich dem Test und erwies sich als Mann unerschütterlicher Ehrlichkeit.
    Trotzdem stank etwas an der Sache zum Himmel.
    Die hiesigen Behörden waren beinahe zu eifrig darauf bedacht zu helfen. Und alle sechs FBI-Agenten hatten den Eindruck, als wären sie Gegenstand von Hohn und Spott, wenn sie den Leuten den Rücken zukehrten - obwohl sie keinen der Polizisten je auch nur eine Braue hochziehen, grinsen oder mit einem Kollegen einen vielsagenden Blick wechseln sahen. Man konnte es Bureau-Instinkt nennen, und der war, wie Sam wußte, so verläßlich wie der eines Tieres in der Wildnis.
    Und dann mußten auch die anderen Todesfälle in die Überlegungen mit einbezogen werden.
    Als sie den Fall Sanchez-Bustamente untersuchten, hatten die Agenten die Unterlagen von Polizei und Gerichtsmedizin der vergangenen Jahre durchgesehen, um festzustellen, mit welchen Routineprozeduren plötzliche Todesfälle - infolge von Unfällen oder sonstwie - in Moonlight Cove behandelt wurden, um herauszufinden, ob die hiesigen Behörden diesen jüngsten Fall anders als die vorherigen behandelt hatten, was auf Komplizenschaft der Polizei bei einer möglichen Vertuschung hätte schließen lassen. Was sie herausfanden, war verwirrend und beunruhigend - aber nicht das, was sie zu finden erwartet hatten. Abgesehen von einem einzigen spektakulären Autounfall, in den ein Teenager mit einem tüchtig aufgemotzten Dodge verwickelt war, war Moonlight Cove ein einzigartig sicherer Wohnort. Die Bewohner waren nie von gewaltsamen Todesfällen heimgesucht worden - bis zum 28. August, acht Tage vor dem Tod von Sanchez und Bustamente, als in den öffentlichen Unterlagen eine ungewöhnliche Serie von Todesfällen auftauchte.
    Die vier Angehörigen der Familie Mayser waren in den frühen Morgenstunden des 28. August die ersten Opfer: Me-linda, John und deren Kinder Carrie und Billy. Sie starben bei einem Hausbrand, den die Behörden später Billy zuschoben, der angeblich mit Streichhölzern gespielt hatte. Die vier Leichen wiren so sehr verbrannt, daß man sie lediglich anhand zahnärztlicher Unterlagen identifizieren konnte.
    Sam hatte die erste Flasche Guinness leergetrunken und griff nach der zweiten, zögerte aber. Er mußte heute abend noch Arbeit erledigen. Wenn er besonders düsterer Stirn-mung war und anfing, Bier zu trinken, konnte er manchmal nicht mehr aufhören, bis er sich fast bewußtlos betrunken hatte.
    Sam hielt sich zum Trost an der leeren Flasche fest und überlegte sich, warum ein Junge, der ein Feuer gelegt hatte, nicht um Hilfe rief und seine Eltern weckte, wenn er sah, daß das Feuer außer Kontrolle geriet. Warum lief der Junge nicht weg, bevor der Rauch ihn betäubt hatte? Und was für eine Art Feuer, wenn nicht eines, das mit Benzin oder einer anderen brennbaren Flüssigkeit unterstützt wurde (und davon stand nichts in den offiziellen Unterlagen), griff so schnell um sich, daß niemand von der Familie entkommen konnte, und verwandelte das Haus - und die Leute darin - zu Asche, bevor die Feuerwehr kommen und löschen konnte.
    Wieder sehr hübsch. Die Leichen waren so sehr verbrannt, daß keine Autopsie hätte feststellen können, ob das Feuer nicht von Billy, sondern von jemandem, der die wahre Todesursache verheimlichen wollte, gelegt worden war. Auf Anraten des Bestattungsunternehmers - dem Callans Bestattungsinstitut gehörte und der ebenfalls gerichtsmedizinischer Assistent und daher Verdächtiger bei allen offiziellen Vertuschungsmanövern war - hatte die nächste Anverwandte der Mayers, Melinda Mayers Mutter, die Einäscherung der sterblichen Überreste genehmigt. Damit wurden alle möglichen Beweise vernichtet, die das ursprüngliche Feuer nicht vernichtet hatte.
    »Wie geschickt«, sagte Sam laut und legte die Füße auf den anderen Stuhl. »Wie ungemein geschickt und sauber.« Opfer: vier.
    Dann am 5. September die Bustamentes und Sanchez. Wieder ein Feuer. Gefolgt von einer überschnellen Einäscherung.
    Opfer: sieben.
    Am 7. September, als verdampfte Überreste der Busta-mentes und von Sanchez noch in der Luft über Moonlight Cove hätten sein können, ließ ein zwanzigjähriger Bewohner der Stadt, Jim Armes, die Man/Leandra, sein sechs Meter langes Boot, zu Wasser, um früh am Morgen zu segeln - und er wurde nie wieder gesehen. Obwohl er ein erfahrener Seemann war, obwohl der Tag klar und das Meer ruhig war, war er offenbar von einer Strömung aufs offene Meer gezogen worden, denn es wurden keine identifizierbaren Wrackteile ans Ufer gespült.
    Opfer: acht.
    Sechs Tage, nachdem man im Fall Bustamente-Sanchez aktiv geworden war, hatte das FBI Paula Parkins' Leichnam aus einem Grab in Denver exhumieren lassen. Eine Autopsie ergab, daß die Frau tatsächlich von zahlreichen Tieren zu Tode gebissen und zerfetzt worden war.
    Sam erinnerte sich Wort für Wort an die interessantesten Stellen das Autopsieberichts:.. .aber Bißspuren, Schürfwunden, Risse in der Haut und spezielle Verletzungen an Brüsten und Geschlechtsorganen lassen sich nicht völlig mit einem Angriff von Hunden vereinbaren. Zahnmuster und Größe der Bisse passen nicht zum Zahnprofil eines durchschnittlichen Dobermanns oder eines anderen Tieres, das als aggressiv bekannt ist und einen Erwachsenen erfolgreich angreifen könnte. Später, im selben Bericht, hieß es hinsichtlich der wahren Natur von Parkins‘ Angreifern: Rasse unbekannt.
    Wie war Paula Parkins wirklich gestorben?
    Welches Grauen und Leid hatte sie erlebt?
    Wer versuchte, Dobermänner die Schuld unterzuschieben?
    Und welchen Beweis hätten die Kadaver der Dobermänner hinsichtlich der Art ihres eigenen Todes und daher der Wahrheit des Polizeiberichts bieten können?
    Sam dachte an den seltsamen fernen Schrei, den er heute abend gehört hatte - wie der eines Koyoten, aber nicht von einem Koyoten; wie der einer Katze, aber nicht von einer Katze. Und er dachte auch an die unheimlichen, gepreßten Stimmen der Bande, die ihn verfolgt hatte. Irgendwie paßte das alles Zusammen. Bureau-Instinkt.
    Rasse unbekannt.
    Der beunruhigte Sam versuchte, seine Nerven mit Guinness zu beschwichtigen. Die Flasche war immer noch leer. Er klickte nachdenklich damit gegen die Zähne.
    Sechs Tage nach Parkins‘ Tod und lange vor der Exhumie-rang in Denver fanden zwei weitere Menschen in Moonlight Cove ein unzeitiges Ende. Steve Heinz und Laure Dalcoe, die nicht verheiratet waren, aber zusammen lebten, wurden tot in ihrem Haus am Iceberry Way aufgefunden. Heinz schrieb mit der Maschine einen unverständlichen, nicht unterschriebenen Abschiedsbrief, dann erschoß er Laura im Schlaf mit einer Schrotflinte, bevor er sich selbst das Leben nahm. Dr. lan Fitzgeralds Befund lautete auf Mord-Selbstmord, Fall abgeschlossen. Auf Anraten des Gerichtsmediziners genehmigten die Familien Dalcoe und Heinz die Einäscherung der grausigen Überreste.
    Opfer: elf.
    »In dieser Stadt findet eine unchristliche Zahl von Einäscherungen statt«, sagte Sam laut und drehte die leere Bierflasche in der Hand.
    Die meisten Menschen legten immer noch Wert darauf, daß ihre Liebsten oder sie selbst im Sarg bestattet wurden, wie auch immer der Leichnam aussehen mochte. In den meisten Städten machten Verbrennungen wahrscheinlich ein Viertel oder ein Fünftel der Bestattungen aus.
    Als das FBI schließlich im Fall Bustamente-Sanchez ermittelte, fanden die Männer aus San Francisco heraus, daß Jani-ce Capshaw als Valium-Selbstmörderin aufgeführt war. Ihr vom Meer gezeichneter Leichnam war zwei Tage nach ich-rem Verschwinden ans Ufer gespült worden, drei Tage, bevor die Agenten eintrafen, um den Tod der drei Organisatoren zu überprüfen.
    Julio Bustamente, Maria Bustamente, Ramon Sanchez, die vier Maysers, Jim Armes, Paula Parkins, Steve Heinz, Laura Dalcoe, Janice Capshaw: zwölf Opfer in weniger als einem Monat - genau zwölfmal soviel gewaltsame Tode, wie in Moonlight Cove in den vorangegangenen dreiundzwanzig Monaten geschehen waren. Bei einer Bevölkerung von gerade dreitausend waren zwölf gewaltsame Todesfälle in nur drei Wochen eine verdammt hohe Sterblichkeitsrate.
    Als man ihn nach seiner Reaktion auf diese erstaunliche Kette tödlicher Ereignisse gefragt hatte, hatte Polizeichef Loman Watkins gesagt: »Ja, das ist schrecklich. Und es ist ir-gendwie beängstigend. Aber hier war alles so lange ruhig und friedlich, daß wir wohl statistisch einfach überfällig sind.«
    Aber selbst über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg schössen zwölf so gewaltsame Todesfälle in einer Stadt dieser Größe statistisch vollkommen über die Norm hinaus.
    Das sechsköpfige Team des Bureau fand nicht den Hauch eines Beweises, daß die hiesigen Behörden etwas mit diesen Fällen zu tun hätten. Der Lügendetektor war zwar kein vollkommen zuverlässiger Wahrheitsfinder, aber die Technologie war hinreichend fortgeschritten, so daß Loman Watkins, seine Beamten, der Gerichtsmediziner und sein Assistent ihn unmöglich alle ohne eine einzige Anzeige von Täuschung hätten passieren können, wenn sie tatsächlich schuldig wären.
    Trotzdem...
    Zwölf Tote. Vier bei einem Hausbrand verbrannt. Drei in einem schrottreifen Chevy-Lieferwagen verbrannt. Drei Selbstmorde, zwei mit Schrotflinte, einer mit Valium, alle danach in Callans Bestattungsinstitut eingeäschert. Und das einzige Opfer, das für eine Untersuchung zur Verfügung stand, schien nicht von Hunden getötet worden zu sein, wie der Gerichtsmediziner behauptete, obwohl es von etwas gebissen und zerfetzt worden war, verdammt .
    Das alles reichte aus, daß das Bureau die Akte offen ließ. Am neunten Oktober, vier Tage, nachdem das Team aus San Francisco Moonlight Cove verlassen hatte, wurde die Entscheidung gefällt, einen Spitzel in die Stadt zu schicken, der sich bestimmte Aspekte der Fälle ansehen sollte, die von einem Mann, der beobachtet wurde, nicht so gut untersucht werden konnten.
    Einen Tag nach der Entscheidung, am 10. Oktober, wurde dem Büro in San Francisco ein Brief zugestellt, der die Entschlossenheit des Bureau, an dem Fall dranzubleiben, noch steigerte. Sam hatte sich auch diesen Brief eingeprägt:
    Sehr geehrte Herren,
    Ich verfüge über Informationen bezüglich einiger jüngster Todesfälle in der Stadt Moonlight Cove. Ich habe Grund zu der Vermutung, daß die hiesigen Behörden an einer Verschwörung mit dem Ziel, Morde zu vertuschen, beteiligt sind.
    Ich würde es vorziehen, wenn Sie sich mit mir persönlich in Verbindung setzen würden, da ich nicht sicher bin, ob unser Telefon hier nicht abgehört wird. Ich muß Sie um völlige Diskretion bitten, da ich ein behinderter VietnamVertreter mit gravierenden körperlichen Schäden bin und naturgemäß um die Fähigkeit besorgt bin, mich ggf. selbst zu schützen.
    Er war mit Harry G. Talbot unterschrieben.
    Aus den Unterlagen der Armee der Vereinigten Staaten ging hervor, daß Talbot tatsächlich ein behinderter VietnamVeteran war. Er war mehrfach für Tapferkeit im Gefecht ausgezeichnet worden. Morgen wollte Sam ihn unauffällig besuchen.
    Momentan dachte er noch darüber nach, was er heute nacht noch alles zu tun hätte, und fragte sich, ob er es riskieren könnte, zu dem, was er im Restaurant getrunken hatte, noch eine Flasche Guinness zu trinken. Der Sechserpack stand vor ihm auf dem Tisch. Er sah ihn lange an. Guinness, gutes mexikanisches Essen, Goldie Hawn und Angst vor dem Sterben. Das mexikanische Essen hatte er im Bauch, aber der Geschmack war vergessen. Goldie Hawn wohnte irgendwo mit Kurt Russell, den sie als Zeichen schlechten Geschmacks einem durchschnittlich aussehenden, vernarbten, von jeglicher Hoffnung verlassenen FBI-Agenten vorgezogen hatte, auf einer Ranch. Er dachte an die zwölf toten Männer und Frauen, an Leichen, die in einem Krematorium brannten, bis sie zu Knochensplittern und Asche geworden waren, und er dachte an Mord und Selbstmord mit einer Schrotflinte, an von Fischen angenagte Leichen und an eine bös zerfleischte Frau, und diese Gedanken führten ihn allesamt zu einem morbiden Philosophieren über den Weg allen Fleisches. Er dachte an seine Frau, die an Krebs gestorben war, und er dachte an Scott und an seine Unterhaltung mit ihm per Ferngespräch, und da machte er schließlich die zweite Flasche Bier auf.
    Verfolgt von imaginären Spinnen, Schlangen, Käfern, Ratten, Fledermäusen und dem möglicherweise imaginären wiederbelebten Leichnam eines toten Kindes, sowie vom echten, aber drachenähnlichen Brüllen ferner Trucks, kroch Chrissie aus dem Nebenrohr, in dem sie Zuflucht gesucht hatte, ging trollgleich das Hauptrohr entlang, trat wieder in die glitschigen Überreste des toten Waschbären und sprang schließlich in den Abflußkanal mit seinen schrägen Betonwänden hinaus. Die Luft war rein und angenehm. Chrissies Klaustrophobie ließ trotz der zweieinhalb Meter hohen Mauern des Grabens, des vom Nebel gefilterten Mondlichts und der verborgenen Sterne nach. Sie sog die kalte, feuchte Luft tief ein, versuchte aber, so leise wie möglich zu atmen. Sie lauschte in die Nacht und wurde nicht lange danach mit diesen seltsamen Rufen belohnt, die von Süden leise aus dem Wald über die Wiese hallten. Sie war, wie schon zuvor, sicher, daß sie drei veschiedene Stimmen unterscheiden konnte. Wenn ihr Vater, ihre Mutter und Tucker im Süden waren und in dem Wald, der bis zum Rand des Geländes von New Wave Mikrotechnologie verlief, nach ihr suchten, konnte sie vielleicht in die Richtung zurückkehren, aus der sie gekommen war, durch den nördlichen Wald zu der Wiese, wo Godiva sie abgeworfen hatte, dann nach Osten zur Country Road und von da nach Moonlight Cove hinein; die anderen würden vergeblich am falschen Ort suchen.
    Sie konnte ganz sicher nicht dort bleiben, wo sie war.
    Und sie konnte nicht nach Süden laufen, ihnen direkt in die Arme treiben.
    Sie kletterte aus dem Graben und lief nach Norden über die Wiese, wobei sie den gleichen Weg wie vorhin einschlug, und während sie lief, summierte sie ihr Elend. Sie hatte Hunger, nichts zu essen und war müde. Die Muskeln in ihren Schultern und dem Rücken waren verkrampft, weil sie so lange in dem engen, kalten Nebenrohr gelegen hatte. Ihre Beine schmerzten.
    Und wo liegt das Problem? fragte sie sich, als sie die Baume am Rand der Wiese erreichte. Wärst du lieber von Tuk-ker erwischt und in einen von ihnen >verwandelt< worden?
    Loman Watkins verließ das Haus der Valdoskis, wo Dr. Worthy sich um die Verwandlung von Nella und George kümmerte. Weiter unten an der Straße luden seine Leute und der Gerichtsmediziner den toten Jungen auf den Leichenwagen. Die Menge der Schaulustigen verfolgte die Szene gebannt.
    Loman stieg in den Streifenwagen ein und ließ den Motor an. Der kompakte Monitor leuchtete auf der Stelle sanft grün auf. Die Computerverbindung war an der Konsole zwischen den Vordersitzen montiert. Sie fing an zu blinken, was bedeutete, daß das HQ eine Nachricht für ihn hatte -die sie nicht über den Polizeifunk durchgeben wollten, den jeder leicht abhören konnte.
    Obwohl er schon seit ein paar Jahren mit durch Mikrowellen verbundenen mobilen Computern arbeitete, war er manchmal immer noch überrascht, wenn er in den Streifenwagen einstieg und das VDT aufleuchten sah. In Großstädten wie Los Angeles waren die meisten Streifenwagen schon seit fast einem Jahrzehnt mit Computerverbindungen zur zentralen Polizeidatenbank ausgerüstet, aber in kleineren Städten waren diese elektronischen Wunder noch selten, und in Orten wir Moonlight Cove waren sie gar verschwindend gering. Seine Einheit verfügte, nicht nur weil die Ge -meindekassen überquollen, über Technologie auf dem neuesten Stand der Technik, sondern weil New Wave - unter anderem einer der Marktführer, was mikrowellenverbundene Datensysteme anbetraf - die Polizei mit selbstentwickelter Hard- und Software ausgerüstet hatte und das System ständig erneuerte, da sie die Polizei von Moonlight Cove gewissermaßen als Testversuch für jede Verbesserung ansahen, die sie einmal in ihre Produkte einbauen wollten.
    Das war eine der Methoden, durch die sich Thomas Shad-dack in die Machtstruktur der Gemeinde infiltriert hatte, noch bevor er durch das Projekt Moonhawk nach totaler Macht griff. Damals war Loman naiv genug gewesen zu glauben, daß New Waves Großzügigkeit ein Segen wäre. Heute wußte er es besser.
    Mit dem mobilen VDT konnte Loman sich in den Zentralcomputer im Hauptquartier in der Jacobi Street, einen Block südlich von der Ocean Avenue, einschalten und jede Information in der Datenbank erhalten oder mit dem diensthabenden Funker >sprechen<, der mit dem Computer fast ebenso mühelos mit ihm in Verbindung treten konnte wie über Polizeifunk. Zudem konnte er gemütlich im Streifenwagen sitzen und den Computer der Kraftfahrzeugbehörde in Sac-ramento anfunken, um Auskunft über ein Nummernschild zu erhalten, oder die Datenbank der Gefängnisaufsichtsbehörde in derselben Stadt, um Informationen über einen bestimmten Häftling abzurufen, oder jeden anderen Computer, der ans nationale elektronische Netz der Verbrechensbekämpfung angeschlossen war.
    Er rückte den Gurt zurecht, weil er auf dem Revolver saß.
    Er gab mit der Tastatur unter dem Displayterminal seine Kennziffer ein und bekam so Zugang zum System.
    Die Zeiten, als alle Ermittlungen Beinarbeit der Polizei erfordert hatten, waren schon Mitte der achtziger Jahre zu Ende gegangen. Heute waren nur noch Fernsehpolizisten wie Hunter gezwungen, für die kleinsten Einzelheiten hin und her zu fahren, weil das dramatischer war als eine Beschreibung der High-Tech-Wirklichkeit. Mit der Zeit, dachte Wat-kins, lief der Plattfuß Gefahr, zum Plattarsch zu werden, weil Polizisten stundenlang vor den mobilen VDTs oder am Schreibtisch im Hauptquartier sitzen würden.
    Der Computer akzeptierte seine Ziffer.
    Das VDT hörte auf zu blinken.
    Wenn alle Menschen Neue Menschen geworden und die Probleme mit den Regressiven gelöst worden waren, würde es natürlich keine Verbrechen mehr geben, und die Polizei würde überflüssig werden. Viele Verbrechen entstanden durch soziale Ungerechtigkeit, aber in der bevorstehenden neuen Welt würden alle Menschen gleich sein, so gleich wie eine Maschine der anderen, sie würden alle dieselben Ziele und Begierden und keine widerstreitenden oder konkurrierenden Bedürfnisse haben. Viele Kriminelle waren genetisch belastet, ihr soziopathisches Verhalten buchstäblich in den Chromosomen kodiert; aber die Neuen Menschen würden, abgesehen von regressiven Elementen unter ihnen, in perfektem genetischem Zustand sein. Das jedenfalls war Shad-dacks Vision.
    Manchmal fragte sich Loman Watkins, wo in diesem Plan der freie Wille blieb. Vielleicht nirgends. Manchmal schien es ihm einerlei zu sein, ob es ihn gab oder nicht. Dann wieder machte ihm seine Unfähigkeit zu empfinden... nun, sie machte ihm eine Heidenangst.
    Wortreihen tauchten von links nach rechts auf dem Bildschirm auf, eine Zeile nach der anderen, hellgrüne Buchstaben auf schwarzem Grund:
    FÜR: LOMAN WATKINS SENDER: SHADDACK
    JACK TURNER HAT SICH NICHT VON DEN FOSTERS ZURÜCKGEMELDET. NIEMAND GEHT DORT ANS TELEFON. DRINGENDE KLÄRUNG DER SITUATION ERFORDERLICH. ERWARTE IHREN BERICHT.
    Shaddack hatte von seinem eigenen Computer in seinem Haus an der nördlichen Spitze der Bucht direkten Zugang zum Computer der Polizei. Er konnte Botschaften für Wat-kins oder jeden anderen Mann durchgeben, die außer dem Empfänger niemand abrufen konnte.
    Der Bildschirm wurde leer.
    Loman Watkins löste die Handbremse, legte den Gang ein und fuhr in Richtung der Foster-Stallungen, obwohl die außerhalb der Gemarkung und damit nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich lagen. Er kümmerte sich nicht mehr um Hoheitsgebiete und gesetzliche Vorgehensweisen. Er war nur noch Polizist, weil das eine Rolle war, die er spielen mußte, bevor die ganze Stadt die Verwandlung hinter sich hatte. Die alten Regeln galten nicht mehr für ihn, weil er ein Neuer Mensch war. Noch vor ein paar Monaten hätte ihn eine solche Mißachtung des Gesetzes abgestoßen, aber inzwischen rührten ihn seine Arroganz und die Verachtung für die Gesellschaft der Alten Menschen überhaupt nicht mehr.
    Meistens rührte ihn überhaupt nichts mehr. Tag für Tag, Stunde für Stunde wurde er weniger emotional.
    Abgesehen von der Angst, die sein neues angehobenes Bewußtseinsstadium immer noch zuließ: Angst, weil sie ein Überlebensmechanismus und damit auf eine Weise nützlich war, wie es Liebe und Freude und Hoffnung und Hingabe nicht waren. Er hatte Angst davor, das Projekt Moonhawk könnte irgendwie der Öffentlichkeit enthüllt und zunichte gemacht werden - und er mit ihm. Er hatte Angst vor Shad-dack, seinem neuen Herrn und Meister. Manchmal, in flüchtigen, düsteren Augenblicken, hatte er sogar Angst vor sich selbst und vor der bevorstehenden neuen Welt.
    Moose döste in einer Ecke des dunklen Schlafzimmers. Er schnaufte im Schlaf, weil er möglicherweise in einen Traum Kaninchen mit buschigen Schwänzen jagte - obwohl er als guter Behindertenhund wahrscheinlich sogar in seinen Träumen Botengänge für seinen Herrn erledigte. Harry, der am Fenster in seinem Stuhl festgeschnallt war, beugte sich über das Teleskop und studierte den Hinterhof von Callans Bestattungsinstitut an der Juniper Lane, wo der Leichenwagen gerade vorgefahren war. Er beobachtete Victor Callan und Ned Ryedock, den Assistenten des Unternehmers, wie sie mit der Rollbahre einen Leichnam aus dem schwarzen Cadillac in den Einbalsamierungs- und Krematoriumsflügel beförderten. Die Leiche, die sich in einem nur halb geschlossenen schwarzen Plastiksack befand, war so klein, daß es sich um ein Kind handeln mußte. Sie machten die Tür hinter sich zu, und Harry konnte nichts mehr sehen.
    Manchmal ließen sie die Rolläden an den beiden hohen, schmalen Fenstern oben, dann konnte Harry aus seiner hohen Position in das Zimmer sehen, bis zu dem geneigten und mit Abflußrinnen versehenen Tisch, auf dem die Toten einbalsamiert und für die Aufbahrung vorbereitet wurden. Dann konnte er viel mehr sehen als er sehen wollte. Aber heute waren die Rolläden bis zu den Fenstersimsen heruntergelassen.
    Er verlagerte seinen Sehbereich ganz langsam südwärts den schmalen nebelverhangenen Zufahrtsweg zum Institut entlang, der zwischen Conquistador und Jumper verlief. Er suchte nicht nach etwas Bestimmten, sondern sondierte nur langsam, als er ein paar grokeske Gestalten sah. Sie waren schnell und dunkel und liefen den Weg entlang zu dem unbebauten Grundstück neben dem Bestattungsinstitut; sie rannten weder auf allen vieren noch aufrecht, obwohl doch mehr ersteres als letzteres.
    Schreckgespenster. Harry s Herz schlug schneller.
    Er hatte ihresgleichen in den vergangenen vier Wochen dreimal gesehen, aber beim ersten Mal hatte er nicht geglaubt, was er gesehen hatte. Sie waren so schattenhaft und seltsam gewesen, und er hatte sie nur so kurz gesehen, daß sie wie Phantome der Einbildung wirkten; daher nannte er sie Schreckgespenster.
    Sie waren schneller als Katzen. Sie hasteten durch seinen Sehbereich und verschwanden im dunklen, freien Platz, bevor er seine Überraschung überwinden und ihnen folgen konnte.
    Danach suchte er das Grundstück von einem Ende zum anderen und von vorne nach hinten ab, um sie in dem fast einen Meter hohen Gras zu entdecken. Auch Büsche boten ihnen Verstecke. Wilder Holunder und ein paar vereinzelte Chaparralbüsche ragten auf und hielten den Nebel fest, als wäre er Baumwolle.
    Aber er fand sie. Zwei gebückte Gestalten. Mannsgroß. Nur etwas weniger schwarz als die Nacht. Konturlos. Sie kauerten im trockenen Gras in der Mitte des Grundstücks, nördlich einer gewaltigen Fichte, die ihre Zweige (allesamt hoch oben) wie einen Baldachin über das halbe Gelände breitete.
    Harry stellte die Vergrößerung zitternd auf diesen speziellen Ausschnitt und justierte den Brennpunkt. Die Umrisse der Schreckgespenster wurden scharf. Ihre Körper wurden blasser im Kontrast zur Nacht um sie herum. Aber wegen der Dunkelheit und dem Nebel konnte er immer noch keine Einzelheiten erkennen.
    Es war ziemlich teuer und schwer zu bekommen, trotzdem wünschte er sich jetzt, er hätte durch seine Beziehungen zum Militär ein Tele-Tron erstanden, eine neue Version des Star-Tron-Nachtsichtgeräts, das jahrelang von den meisten Streitkräften benutzt worden war. Ein Star-Tron nahm vorhandenes Licht - Mondlicht, Sternenlicht, schwaches elektrisches Licht, sofern vorhanden, die vage natürliche Strahlung bestimmter Mineralien in Krume und Felsen -und verstärkte es fünfundachtzigtausendfach. Mit diesem Gerät ließ sich eine undurchdringliche Nachtschwärze in zwielichtige Dämmerung oder gar spätnachmittägliches Grau aufhellen. Das Tele-Tron verwendete dieselbe Technologie wie das Star-Tron, aber es war entwickelt worden, damit es zu Teleskopen paßte. Das gewöhnlich vorhandene Licht reichte für Harrys Zwecke aus, und er sah meistens durchs Fenster in hell erleuchtete Zimmer; aber um die verstohlenen und schnellen Schreckgespenster zu studieren, hätte er High-Tech-Hilfe gebraucht.
    Die schemenhaften Gestalten sahen nach Westen zur Juniper Lane, dann nach Norden zu Callans Institut, dann nach Süden zu dem Haus, das, neben dem Bestattungsinstitut, das unbebaute Grundstück flankierte. Sie drehten die Köpfe mit raschen, geschmeidigen Bewegungen, die Harry an Katzen denken ließen, obwohl sie eindeutig nicht katzenhaft waren. Einer sah nach Osten zurück. Weil Harry mit dem Teleskop praktisch mit den Schreckgespenstern auf der Wiese stand, sah er deren Augen - blaßgolden, schwach leuchtend. Er hatte vorher noch nie ihre Augen gesehen. Er erschauerte, aber nicht nur, weil sie so ungewöhnlich waren. Diese Augen hatten etwas Vertrautes, etwas, das tiefer als Harrys bewußter oder-unbewußter Verstand reichte und vages Erkennen und primitive, in seinen Genen gespeicherte Rassenerinnerung auslöste.
    Plötzlich war ihm kalt bis auf die Knochen, und er verspürte eine Angst, die schlimmer war als alles, was er seit Vietnam erlebt hatte.
    Moose war, obwohl er döste, empfänglich für die Stimmungen seines Herrn. Der Labrador stand auf, schüttelte sich, wie um den Schlaf abzuschütteln, und kam zum Stuhl. Er gab einen leisen, winselnden, fragenden Laut von sich.
    Hany sah das Alptraumgesicht eines Schreckgespenstes durch das Teleskop. Er erblickte es nur einen Augenblick lang, bestenfalls zwei Sekunden, und das mißgestaltete Gesicht wurde kaum von ätherischem Mondschein erhellt, daher sah er nur wenig; tatsächlich offenbarte das unzureichende Mondlicht das Ding nicht, sondern trug nur dazu bei, es noch geheimnisvoller zu machen.
    Aber er war fasziniert davon, gebannt, erstarrt.
    Moose fragte ein fragendes: »Wuff?«
    Einen Augenblick lang hätte Harry das Teleskop nicht loslassen können, auch wenn sein Leben davon abhängig gewesen wäre, und er studierte das affenähnliche Antlitz, obwohl es häßlicher und teuflischer und unendlich viel seltsamer als das Gesicht eines Affen war. Er fühlte sich an Wölfe erinnert, und in der Dunkelheit schien das Ding auch einen reptilienhaften Aspekt zu haben. Er glaubte, den emaillenen Schimmer spitzer Zähne und klaffender Kiefer zu sehen. Aber das Licht war schlecht, und er war nicht si cher, wieviel von dem, was er sah, Täuschung von Schatten oder Verzerrungen des Nebels waren. Ein Teil dieser diabolischen Vision mußte sicher seiner überhitzten Fantasie zugeschrieben werden. Ein Mann mit einem Paar nutzloser Beine und einem toten Arm mußte eine lebhafte Fantasie haben, wenn er durchs Leben kommen wollte.
    So plötzlich das Schreckgespenst in seine Richtung gesehen hatte, sah es auch wieder weg. Gleichzeitig bewegten sich die beiden Geschöpft mit einer animalischen Gewandtheit und Schnelligkeit, die Harry verblüffte. Sie waren fast so groß wie Raubkatzen, und ebenso schnell. Er drehte das Teleskop, um ihnen zu folgen, und sie flogen buchstäblich durch die Dunkelheit über das unbebaute Grundstück nach Süden, wo sie über den Lattenzaun in den Garten des Clay-more-Hauses kletterten und mit solcher Schnelligkeit verschwanden, daß er sie nicht im Teleskop behalten konnte.
    Er suchte weiter nach ihnen, bis zur High School in der Roshmore Street, aber er sah nur Nacht und Nebel und die vertrauten Gebäude der Nachbarschaft. Die Schreckgespenster waren so schnell verschwunden, wie sie immer aus den Zimmern kleiner Jungs verschwanden, wenn das Licht eingeschaltet wurde.
    Schließlich nahm er das Gesicht vom Teleskop und sank auf den Stuhl zurück.
    Moose stieg sofort mit den Vorderpfoten auf die Armlehne und bettelte darum, gestreichelt zu werden, als hätte er gesehen, was sein Herrchen gesehen hatte, und brauchte die Bestätigung, daß böse Geister nicht in Wirklichkeit durch die Welt streiften.
    Harry streichelte den Kopf des Labradors mit der guten rechten Hand, die anfangs stark zitterte. Nach einer Weile beruhigte ihn das Streicheln fast ebensosehr wie den Hund. Wenn das FBI auf den Brief reagierte, den er vor über einer Woche geschrieben hatte, wußte er nicht, ob er die Schreckgespenster erwähnen würde. Er würde ihnen alles erzählen, was er gesehen hatte, und vieles konnte nützlich für sie sein. Aber das... Einerseits war er sicher, daß die Bestien, die er mittlerweile viermal so flüchtig zu Gesicht bekommen hatte, irgendwie mit den seltsamen Ereignissen der vergangenen Wochen zusammenhingen. Aber sie lagen in einer anderen Größenordnung des Seltsamen, und wenn er von ihnen sprach, würde er vielleicht wunderlich, wenn nicht gar verrückt wirken, so daß die Agenten der Bureaus alles andere anzweifeln könnten, was er zu sagen hatte.
    Bin ich wunderlich? fragte er sich, während er Moose tätschelte. Bin ich verrückt?
    Nachdem er zwanzig Jahre an den Rollstuhl und ans Haus gefesselt war und praktisch nur durch das Teleskop und das Fernglas lebte, war er vielleicht so verzweifelt darauf aus, zur Welt zu gehören und so gierig nach Aufregung, daß er sich eine gigantische Verschwörungsfantasie am Rande des Unheimlichen zusammengereimt hatte, sich selbst als >Mann der Bescheid weiß< ins Zentrum rückte und davon überzeugt war, seine Trugbilder wären real. Aber das war höchst unwahrscheinlich. Der Krieg hatte seinen Körper verkrüppelt und schwach gemacht, aber sein Verstand war so scharf und klar wie immer, vielleicht durch das Unglück noch ausgeprägter und schneller. Das war sein Fluch, nicht der Wahnsinn.
    »Schreckgespenster«, sagte er zu Moose.
    Der Hund hechelte.
    »Was kommt als nächstes? Werde ich eines Tages zum Mond aufsehen und eine Hexe auf dem Besenstiel erblik-ken?«
    Chrissie kam am Pyramid Rock, der einst ihre Fantasie beflügelt hatte, sich zentimetergroße Ägypter vorzustellen, aus dem Wald heraus. Sie sah nach Westen, zum Haus und den Foster-Stallungen, wo die Lichter jetzt im Nebel regenbogenfarbene Auren hatten. Einen Augenblick später spielte sie mit dem Gedanken, dorthin zurückzukehren und Godiva oder ein anderes Pferd zu holen. Vielleicht konnte sie sich sogar ins Haus schleichen und eine Jacke holen. Aber sie entschied, daß sie zu Fuß sicherer und nicht so auffällig sein würde. Außerdem war sie nicht so dumm wie die Filmheldinnen, die immer wieder zum Bösen Haus zurückkehrten, obwohl sie wußten, daß das Böse Ding sie dort wahrscheinlich finden würde. Sie wandte sich nach Ost-Nordost und lief über die Wiese zur Landstraße.
    Dank ihrer üblichen Klugheit - dachte sie, als würde sie eine Zeile aus einem Abenteuerroman lesen - wandte sich Chrissie schlau von dem verfluchten Haus ab und floh in die Nacht, und sie fragte sich, ob sie diesen Ort ihrer Jugend jemals wiedersehen oder Trost in den Armen ihrer jetzt entfremdeten Familie finden würde.
    Hohes, herbstlich trockenes Gras schlug gegen ihre Beine, als sie zur Mitte des Feldes lief. Sie hielt sich nicht an der Baumgrenze, sondern wollte im offenen Gelände sein, damit sie nicht von etwas von den Bäumen herab angesprungen würde. Sie glaubte nicht, daß sie ihnen entkommen könnte, wenn sie sie erst einmal entdeckt hätten, nicht einmal, wenn sie Minuten Vorsprung hätte, aber sie wollte sich wenigstens die Chance lassen, es zu versuchen.
    Während sie in dem Rohr Zuflucht gesucht hatte, war die Nacht noch kälter gewesen. Ihr Flanellhemd schien nicht mehr zu wärmen als eine kurzärmelige Sommerbluse. Wäre sie eine Heldin der Art, wie sie Ms. Andre Norton schuf, dann wüßte sie, wie sie sich aus Gras und anderen Pflanzen einen Mantel mit hohem Isolierfaktor weben könnte. Oder sie wüßte, wie man Pelztiere fing und schmerzlos tötete, wie man ihre Felle gerbte und zusammennähte, um sich in Gewänder zu hüllen, die ebenso erstaunlich modisch wie praktisch waren.
    Sie mußte einfach aufhören, an die Heldinnen dieser Bücher zu denken. Ihre vergleichsweise Unfähigkeit deprimierte sie.
    Und sie hatte schon genügend Gründe, deprimiert zu sein. Sie war aus ihrem Haus vertrieben worden. Sie war allein, hungrig, fror, war verwirrt und hatte Angst - und sie wurde von unheimlichen und gefährlichen Kreaturen verfolgt. Und das Wesentliche... ihre Mutter und ihr Vater waren stets ein wenig distanziert gewesen, sie hatten ihre Zuneigung nie sehr deutlich zur Schau gestellt, dennoch hatte Chrissie sie geliebt, und jetzt waren sie dahin, vielleicht für immer, auf eine Weise verwandelt, die sie nicht verstand, lebend, aber ohne Seele, und damit so gut wie tot.
    Als sie noch schätzungsweise dreißig Meter von der zweispurigen Landstraße entfernt war, die hier parallel zur Einfahrt verlief, hörte sie einen Automotor. Sie sah Scheinwerfer auf der Straße, die von Süden kamen. Dann sah sie das Auto selbst, denn in dieser Richtung war der Nebel dünner als in Richtung Meer, daher war die Sicht einigermaßen gut. Sie konnte selbst auf diese Entfernung erkennen, daß es sich um einen Streifenwagen handelte; die Sirene war zwar nicht eingeschaltet, aber blau und rote Lichter blinkten auf dem Dach. Der Streifenwagen bremste und bog in den Zufahrtsweg zu den Foster-Stallungen ein.
    Chrissie hätte beinahe gerufen, wäre beinahe zu dem Auto gelaufen, weil man ihr stets beigebracht hatte, daß Polizisten Freunde waren. Sie hob sogar schon eine Hand und winkte, aber dann überlegte sie sich, daß sie in einer Welt, in der sie nicht einmal ihren eigenen Eltern trauen konnte, schon gar nicht davon ausgehen durfte, daß Polizisten nur ihr Bestes wollten.
    Beunruhigt von dem Gedanken, daß die Polizisten >ver-wandelt< worden sein konnten, so wie Tucker sie verwandeln wollte und wie ihre Eltern verwandelt worden waren, ließ sie sich fallen und kauerte sich im hohen Gras nieder. Als das Auto in die Einfahrt ein gebogen war, hatten die Scheinwerfer sie nicht einmal gestreift. Dunkelheit und Nebel machten sie zweifellos unsichtbar für die Insassen des Streifenwagens, und sie war nicht gerade so ungeheuer groß, daß man sie auf ebenem Land deutlich hätte sehen können. Aber sie wollte kein Risiko eingehen.
    Sie sah dem Auto nach, das den langen Zufahrtsweg entlangfuhr. Neben Tuckers Auto, das auf halbem Weg abgestellt war, hielt es kurz an und fuhr dann weiter. Der dichtere Nebel im Westen verschluckte es.
    Sie erhob sich aus dem Gras und eilte weiter nach Osten, zur Landstraße. Sie wollte der Straße nach Süden folgen, bis nach Moonlight Cove. Wenn sie wachsam und aufmerksam bliebe, könnte sie von der Straße herunter in den Graben oder hinter ein Gebüsch kriechen, wenn sie näherkommenden Verkehr hörte.
    Sie wollte sich niemandem zeigen, den sie nicht kannte. Wenn sie in der Stadt wäre, könnte sie zur Our Lady of Mer-cy Kirche gehen und Hilfe bei Pater Castelli suchen. (Er sagte, er wäre ein moderner Priester und wollte lieber Pater Jim genannt werden, aber Chrissie hatte ihn nie so formlos anreden können.) Chrissie war beim Sommerfest der Kirche eine unermüdliche Arbeiterin gewesen, und sie hatte sehr zu Pater Castellis Entzücken den Wunsch geäußert, daß sie nächstes Jahr Altarmädchen sein wollte. Sie war sicher, er mochte sie und würde ihre Geschichte glauben, wie unglaublich sie sich auch anhören würde. Wenn er ihr nicht glaubte... nun, dann würde sie es bei Mrs. Tokawa versuchen, ihrer Lehre -rin der sechsten Klasse.
    Sie kam zur Landstraße, verharrte und sah zu dem fernen Haus zurück, das nur noch eine Ansammlung leuchtender Pünktchen im Nebel war. Sie wandte sich erschauernd nach Süden, Richtung Moonlight Cove.
    Die Eingangstür des Foster-Hauses war der Nacht geöffnet. Loman Watkins durchsuchte es von unten nach oben und wieder zurück. Die einzigen merkwürdigen Dinge, die er fand, waren ein umgekippter Stuhl in der Küche und Jack Turners schwarze Tasche voll Spritzen und Phiolen der Droge, mit der die Verwandlung bewerkstelligt wurde - eine Sprühdose WD-40 auf dem Boden des Erdgeschoßflurs.
    Er machte die Eingangstür hinter sich zu, trat auf die Veranda, blieb auf den Stufen zum Vorgarten stehen und lauschte in die ätherisch stille Nacht. Ein träger Wind war während der gesamten Nacht in Böen gekommen und gegangen, aber jetzt hatte er völlig nachgelassen. Die Luft war unheimlich still. Der Nebel schien alle Laute zu dämpfen und machte die Welt so still, als wäre sie ein einziger unermeßlicher Friedhof.
    Loman sah zu den Ställen und rief: »Tucker! Foster! Ist jemand da?«
    Das Echo seiner Stimme hallte zu ihm zurück. Es war ein kalter, einsamer Laut.
    Niemand antwortete ihm.
    »Tucker? Fester?«
    In einem der Ställe brannte Licht, am näher gelegeneren Ende stand die Tür offen. Er dachte, daß er hingehen und sich das ansehen sollte.
    Loman hatte den halben Weg zurückgelegt, als ein hallender Schrei, dem zitternden Ton eines fernen Horns nicht unähnlich, vom Süden ertönte, leise aber unmißverständlich. Er war schrill und dennoch kehlig, und voll Zorn, Sehnsucht, Erregung und Begierde. Der Schrei von Regressiven bei der Jagd.
    Ihre Schreie machten ihn frösteln.
    Und erfüllten ihn mit einer seltsamen Sehnsucht.
    Nein.
    Er ballte die Hände so fest zu Fäusten, daß sich die Fingernägel in die Handflächen gruben, und drängte die Dunkelheit zurück, die in ihm emporwallen wollte. Er versuchte, sich auf Polizeiarbeit und die naheliegenden Probleme zu konzentrieren.
    Wenn die Schreie von Alex Fester, Sharon Foster und Jack Tucker kamen - was höchstwahrscheinlich der Fall war -, wo war dann Christine, das Mädchen?
    Vielleicht war sie entkommen, als sie ihre Verwandlung vorbereitet hatten. Der umgekippte Küchenstuhl, Tuckers einsame schwarze Tasche und die offene Eingangstür schienen diese beunruhigende Erklärung zu unterstützen. Bei der Verfolgung des Mädchens und in der Aufregung der Jagd hatten die Fosters und Tucker vielleicht dem latenten Drang zur Regression nachgegeben. Dem möglicherweise gar nicht so latenten Drang. Sie hatten vielleicht schon früher Regressionen durchgemacht und sich diesmal rasch und willig dem veränderten Stadium ergeben. Und jetzt jagten sie Christine in der Wildnis im Süden - oder hatten sie schon längst erwischt und in Stücke gerissen und waren immer noch regressiv, weil sie dunkle Erregung an dieses niedere Stadium empfanden.
    Die Nacht war kühl, aber Loman schwitzte plötzlich.
    Er wollte... brauchte...
    Nein!
    Erst heute hatte Shaddack Loman gesagt, daß die Tochter der Fosters den Schulbus verpaßt hätte und von der Bushaltestelle an der Landstraße nach Hause zurückgekehrt wäre, wo sie ihre Eltern dabei überraschte, wie sie mit ihren neuen Fähigkeiten experimentierten. Daher mußte das Kind früher als geplant der Verwandlung unterzogen werden; das erste Kind, das verwandelt werden sollte. Aber >experimentiert< war vielleicht eine Lüge, die sich die Fosters ausgedacht hatten, um ihre Haut zu retten. Vielleicht waren sie in tiefer Regression gewesen, als das Mädchen hereingekommen war, was sie Shaddack nicht mitteilen konnten, ohne sich zu Degenerierten unter den Neuen Menschen zu machen.
    Die Verwandlung sollte die Menschheit vorwärtsbringen; sie war eine erzwungene Evolution.
    Willige Regression war dagegen eine kranke Perversion der Macht, die die Veränderung verlieh. Die Regressiven waren Ausgestoßene. Und die Regressiven, die nur wegen des Kitzels der Jagd töteten, waren die Schlimmsten von allen: Psychopathen, die sich für Devolution statt Evolution entschieden hatten.
    Die fernen Schreie ertönten erneut.
    Ein Zittern lief an Lomans Wirbelsäule entlang. Es war ein angenehmes Zittern. Er wurde von dem starken Verlangen erfüllt, die Kleider auszuziehen, auf den Boden zu sinken und nackt und ungehindert mit langen, anmutigen Schritten durch die Nacht zu streifen, über die Wiesen und in den Wald, wo alles wild und wunderschön war, wo Beute nur darauf wartete, gefunden und gestellt und niedergeworfen und zerrissen...
    Nein.
    Kontrolle.
    Selbstbeherrschung.
    Die fernen Schreie durchbohrten ihn.
    Er mußte Selbstbeherrschung aufbieten.
    Sein Herz schlug heftig.
    Die Schreie. Die süßen, gierigen, wilden Schreie...
    Loman fing an zu zittern, dann schüttelte er sich heftig, als er sich im Geiste vorstellte, wie er von der starren Haltung des Homo erectus befreit wurde, und ebenso von den Behinderungen zivilisierter Umgangsformen und kultivierten Benehmens. Wenn der urtümliche Mensch in ihm endlich freigesetzt werden und in seinem natürlichen Zustand leben könnte...
    Nein. Undenkbar.
    Seine Beine wurden schwach, er fiel zu Boden, aber nicht auf alle viere, nein, denn diese Haltung würde ihn ermutigen, sich diesen unaussprechlichen Begierden zu ergeben; statt dessen rollte er sich auf der Seite in eine embryonale Haltung zusammen, zog die Knie bis zur Brust und kämpfte gegen den immer stärker werdenden Drang der Regression. Seine Haut wurde so heiß, als hätte er stundenlang in der Sommersonne gelegen, aber ihm wurde klar, daß die Hitze nicht von einer äußerlichen Quelle stammte, sondern tief aus seinem Innersten kam; das Feuer stammte nicht nur aus den lebenswichtigen Organen oder dem Knochenmark, sondern aus dem Material in seinen Zellwänden, aus Milliarden Zellkernen, in denen sich das genetische Material befand, das ihn zu dem machte, was er war. Allein in Dunkelheit und Nebel vor dem Haus der Fosters, von den hallenden Schreien der Regressiven verführt, sehnte er sich danach, die Kontrolle über seinen Körper auszunützen, die ihm die Verlockung gegeben hatte. Aber er wußte, wenn er dieser Verlockung einmal nachgäbe, würde er nie wieder Loman Wat-kins sein; er wäre ein Degenerierter, der sich als Loman Watkins verkleidete, Mr. Hyde in einem Körper, aus dem er Dr. Jekyll für immer vertrieben hätte.
    Er sah mit gesenktem Kopf auf seine Hände, die er an die Brust gepreßt hatte, und er glaubte im spärlichen Licht aus den Fenstern des Poster-Hauses zu sehen, wie sich einige seiner Finger zu verändern anfingen. Schmerz pochte durch seine rechte Hand. Er spürte, wie sich die Knochen auflösten und neu bildeten, wie die Knöchel anschwollen und die Glieder sich neu dehnten, wie die Fingerkuppen breiter und dicker wurden, die Sehnen und Muskeln kräftiger, die Nägel härter und schärfer, mit krallenähnlichen Spitzen.
    Er schrie voller Entsetzen, leugnete die Tatsachen und zwang sich mit aller Kraft, an seiner angeborenen Identität, an dem, was ihm von seiner Menschlichkeit noch blieb, festzuhalten. Er widerstand der lavagleichen Bewegung seines lebenden Zellgewebes. Er wiederholte seinen Namen durch zusammengebissene Zähne - »Loman Watkins, Loman Wat-kins, Loman Watkins« -, als wäre er ein Zauberspruch, der seine böse Verwandlung verhindern konnte.
    Die Zeit verging. Vielleicht eine Minute. Vielleicht zehn. Eine Stunde. Er wußte es nicht. Sein Bemühen, die eigene Identität zu bewahren, hatte ihn in ein zeitloses Stadium der Bewußtlosigkeit versetzt.
    Er kam allmählich wieder zur Besinnung. Und stellte erleichtert fest, daß er immer noch unverändert auf dem Boden vor dem Haus lag. Er war schweißgebadet. Aber das weißglühende Feuer in seinem Körper war erloschen. Seine Hände waren so, wie sie immer gewesen waren, die Finger nicht mißgestaltet in die Länge gezogen.
    Er lauschte eine Weile in die Nacht. Er hörte die fernen Schreie nicht mehr, und er war dankbar für die Stille.
    Die Angst, die einzige Empfindung, die nicht täglich schwächer und kraftloser geworden war, seit er zu einem Neuen Menschen geworden war, tobte jetzt scharf wie Messer in ihm und veranlaßte ihn zu schreien. Er hatte schon lange vermutet, daß er einer derjenigen war, die das Potential der Regression in sich hatten, und jetzt hatte sich diese dunkle Vermutung als Wahrheit erwiesen. Hätte er sich seinem Sehnen ergeben, hätte er sowohl die alte Welt verloren, die er vor seiner Verwandlung gekannt hatte, und die schöne neue Welt, die Shaddack erschuf; er würde zu keiner gehören.
    Schlimmer: Er fing an zu argwöhnen, daß er nicht der einzige war, daß alle Neuen Menschen den Keim der Devolution in sich trügen. Die Zahl der Regressiven schien Nacht für Nacht größer zu werden.
    Er erhob sich zitternd.
    Jetzt, wo das innere Feuer erloschen war, war der Schweißfilm auf seiner Haut wie eine Eiskruste.
    Als er benommen zum Streifenwagen taumelte, fragte sich Loman Watkins, ob Shaddacks Forschungen - und die technologischen Früchte, die sie trugen - so grundlegend falsch wären, daß die Verwandlung überhaupt keinerlei Verbesserungen brächte. Vielleicht war sie ein unumkehrbarer Fluch. Wenn die Regressiven keinen statistisch vernachlässigbaren Teil der Neuen Menschen bildeten, wenn sie statt dessen alle früher oder später zur Regression verdammt waren...
    Er dachte an Thomas Shaddack in seinem großen Haus an der Nordspitze der Bucht, wo es die Stadt überblickte, in der die von ihm erschaffenen Bestien durch die Schatten streiften, und eine schreckliche Leere überkam ihn. Lesen war, seit er ein Junge gewesen war, seine liebste Freizeitbeschäftigung gewesen, daher dachte er jetzt an H. G. Wells' Dr. Moreau und fragte sich, ob Shaddack dazu geworden war. Zu einer Reinkarnation Moreaus. Shaddack konnte ein Moreau des Zeitalters der Mikrotechnologie sein, der von einer wahnsinnigen Vision der Transzendenz durch erzwungene Verschmelzung von Mensch und Maschine besessen war. Er litt eindeutig an Größenwahn und war überzeugt, daß er die Menschheit auf eine neue Stufe der Evolution heben konnte, so wie der ursprüngliche Moreau überzeugt gewesen war, er könnte Menschen aus wilden Tieren erschaffen und Gott bei seinem ureigenen Spiel besiegen. Wenn Shaddack nicht das Genie seines Jahrhunderts war, wenn er wie Moreau, zu hoch griff, dann waren sie allesamt zum Untergang verurteilt.
    Loman stieg ins Auto ein und schlug die Tür zu. Er ließ den Motor an und machte die Heizung an, um seinen schweißgekühlten Körper zu wärmen.
    Der Computerschirm leuchtete auf und wartete auf Benutzung.
    Um das Projekt Moonhawk zu schützen - das, mit Makeln behaftet oder nicht, die einzige Hoffnung auf eine Zukunft für ihn bot -, mußte er davon ausgehen, daß das Mädchen, Christine, entkommen war und die Fosters und Tucker sie nicht erwischt hatten. Er mußte dafür sorgen, daß Männer unauffällig an der Landstraße und auf den Straßen, die von Norden nach Moonlight Cove hineinführten, Wache standen. Wenn das Mädchen in die Stadt kam und Hilfe suchte, konnten sie sie festnehmen. Sie würde mit ihrer Geschichte von den besessenen Eltern höchstwahrscheinlich sowieso unwissend zu einem der Neuen Menschen gehen, und das wäre ihr Ende. Und selbst wenn sie zu Leuten kam, die noch nicht verwandelt waren, würde ihr wahrscheinlich niemand ihre wilde Geschichte glauben. Aber er konnte es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen.
    Er mußte mit Shaddack über Verschiedenes reden und sich um mehrere Polizeiaufgaben kümmern.
    Und er brauchte etwas zu essen.
    Er war unmenschlich hungrig.
    Etwas stimmte nicht, etwas stimmte nicht, etwas, etwas.
    Mike Peyser war durch den dunklen Wald zu seinem Haus am südöstlichen Stadtrand geschlichen, durch die wilden Hügel und Bäume herab, verstohlen und wachsam, listig und schnell, nackt und behende, er kehrte von der Jagd zurück, Blut im Mund, immer noch erregt, aber müde, nachdem er zwei Stunden lang mit seiner Beute gespielt hatte, und jetzt stahl er sich vorsichtig an den Häusern der Nachbarn vorbei, von denen manche zu seiner Art gehörten und manche nicht. Die Häuser in dieser Gegend standen weit auseinander, daher fiel es ihm ziemlich leicht, von Schatten zu Schatten, von Baum zu Baum zu schleichen, durch das hohe Gras, dicht am Boden, im Schütze der Nacht, geschwind und behende, still und behende, nackt und still, kräftig und geschwind, direkt zur Veranda seines einstöckigen Hauses, wo er alleine lebte, durch die unverschlossene Tür, in die Küche, immer noch den Geschmack von Blut im Mund, Blut, herrliches Blut, im Hochgefühl der Jagd, aber auch froh, wieder daheim zu sein, aber...
    Etwas war falsch.
    Falsch, falsch, Gott, er verbrannte, war voller Feuer, heiß, verbrannte, brauchte Essen, Nahrung, Treibstoff, Treibstoff, und das war normal, damit hatte man rechnen können - die Bedürfnisse seines Körpers waren immens, wenn er in diesem veränderten Stadium war -, aber das Feuer war nicht falsch, nicht das innere Feuer, nicht das hektische und allumfassende Verlangen nach Nahrung. Falsch war, er konnte nicht, konnte nicht, konnte nicht...
    Er konnte sich nicht zurückverwandeln.
    Erregt von den außerordentlichen geschmeidigen Bewegungen seines Körpers, von der Art und Weise, wie sich seine Muskeln streckten und spannten, streckten und spannten, so betrat er das dunkle Haus, wo er auch ohne Licht genügend sah, vielleicht nicht so gut wie eine Katze, aber besser als ein Mensch, denn er war jetzt mehr als ein Mensch, und er streifte ein paar Minuten durch die Zimmer, lautlos und geschwind, hoffte fast, er würde einen Eindringling finden, jemanden zum Zerfetzen, jemanden zum Zerfetzen, zerfetzen, jemanden zum Zerfetzen, zu beißen und zu reißen, aber das Haus war verlassen. Im Schlafzimmer ließ er sich auf den Boden nieder, rollte sich auf die Seite und rief seinen Körper in die Gestalt zurück, die sein Geburtsrecht war, in die vertraute Gestalt von Mike Peyser, in die Form eines Mannes, der aufrecht ging und wie ein Mensch aussah, und er spürte in sich den Sog in Richtung des Normalen, eine Verlagerung im Zellgewebe, aber keine ausreichende Verlagerung, dann ein Zurückgleiten, zurück, wie eine zurückweichende Flut, die sich vom Ufer entfernt, fort, fort vom Normalen, daher versuchte er es erneut, aber diesesmal fand überhaupt keine Verlagerung statt, nicht einmal eine ansatzweise Rückkehr zu dem, was er gewesen war. Er saß fest, war gefangen, eingesperrt, eingesperrt, in eine Gestalt eingesperrt, die zuvor die Essenz der Freiheit und somit unendlich erstrebenswert gewesen war, aber jetzt war es überhaupt keine erstrebenswerte Gestalt mehr, weil er sie nicht mehr abstreifen konnte, weil er darin gefangen war, gefangen, und er geriet in Panik.
    Er sprang auf und eilte aus dem Zimmer. Obwohl er im Dunkeln ziemlich gut sehen konnte, streifte er eine Stehlampe, die polternd und mit dem Geräusch berstenden Glases umstürzte, aber er lief weiter in den kurzen Flur, ins Wohnzimmer. Ein Flickenteppich rutschte unter ihm weg. Er fühlte sich wie im Gefängnis; sein Körper, sein eigener, verwandelter Körper, war zu seinem Gefängnis geworden, seinem Gefängnis; verwandelte Knochen dienten als Gitterstäbe, Gitter, die ihn drinnen gefangenhielten; sein eigenes umgestaltetes Fleisch hielt ihn fest. Er durchstreifte das Zimmer, hierhin, dorthin, streifte verzweifelt, panisch. Die Vorhänge wehten im Wind seines Laufens. Er wand sich zwischen den Möbelstücken. Ein Tischchen fiel in seinem Kielwasser um. Er konnte laufen, aber nicht entkommen. Er trug sein Gefängnis bei sich. Kein Entkommen. Kein Entkommen. Niemals. Nach dieser Erkenntnis schlug sein Herz noch schneller. Er stieß entsetzt und frustriert den Zeitungsständer um, schüttete den Inhalt aus, fegte einen schweren Aschenbecher aus Glas und zwei dekorative Töpferarbeiten vom Cocktailtisch, riß an den Sofakissen bis er den Stoff und die Schaumstoffüllung darin zerfetzt hatte, woraufhin ein schrecklicher Druck seinen Kopf erfüllte; Schmerzen, solche Schmerzen, und er wollte schreien, aber er hatte Angst davor, zu schreien, weil er fürchtete, er würde nicht mehr aufhören können. Nahrung.
    Treibstoff.
    Das Feuer löschen, das Feuer löschen.
    Plötzlich wurde ihm klar, daß das Unvermögen, in seine natürliche Gestalt zurückzukehren, mit einer ernsten Verknappung der Energiereserven zusammenhängen könnte, die erforderlich waren, die gewaltigen Umschichtungen seines mit der Umwandlung einhergehenden Stoffwechsels herbeizuführen. Um das zu tun, was er verlangte, mußte sein Körper enorme Mengen Enzyme, Hormone und komplexe, biologisch aktive Chemikalien erzeugen; der Körper mußte sich innerhalb von Minuten einer erzwungenen Degeneration und einem Wiederaufbau von Gewebe unterziehen, dessen Energieverbrauch dem von jahrelangem Wachstum entsprach, und dafür brauchte er Treibstoff, Material, das er umwandeln konnte, Proteine und Mineralstoffe, Kohlenhydrate in großer Menge.
    Hungrig, ausgehungert, ausgehungert, eilte Peyser in die unbeleuchtete Küche, umklammerte den Griff der Kühlschranktür, zog sich in die Höhe, riß die Kühlschranktür auf, zischte, als ihm das Licht in die Augen stach, sah zwei Drittel einer Drei-Pfund-Dose Schweineschinken, solider Schinken, guter Schinken, auf einem blauen Teller in Frischhaltefolie eingewickelt, und er ergriff ihn, riß das Zellophan weg, warf den Teller fort, der an einer Schranktür zerschellte, ließ sich auf den Boden fallen, biß in das Schinkenstück, biß hinein, biß, tief, zog, kaute fieberhaft, biß tief hinein.
    Es gefiel ihm, nach Einbruch der Dunkelheit so schnell wie möglich die Kleidung abzustreifen, in den Wald hinter dem Haus zu laufen, in die Berge hinauf, wo er Kaninchen und Waschbären, Füchse und Erdhörnchen jagte, sie mit den Händen zerriß, mit den Zähnen, das Feuer löschte, das tiefe innere Brennen, und es gefiel ihm, gefiel ihm, nicht nur, weil er in dieser Inkarnation eine solche Freiheit empfand, sondern auch, weil sie ihm ein überwältigendes Gefühl der Macht gab, gottgleicher Macht, intensiver und erotischer als Sex, befriedigender als alles, was er jemals vorher erlebt hatte, Macht, wilde Macht, unbändige Macht, die Macht eines Mannes, der die Natur gezähmt, seine genetischen Grenzen überwunden und die Macht von Wind und Sturm erlangt hatte, der frei von allen menschlichen Unzulänglichkeiten war, losgelassen, befreit. Er hatte heute nacht gegessen, war mit der Zuversicht eines unentrinnbaren Raubtiers durch die Wälder gestreift, das so unwiderstehlich wie die Dunkelheit selbst war, aber was immer er verzehrt hatte, schien nicht auszureichen, seine Rückkehr in die Gestalt von Michael Peyser, Softwaredesigner, Junggeselle, Porschefahrer, fanatischer Sammler von Filmen auf Laserdisk, Marathonläufer, Perriertrinker, zu bewerkstelligen.
    Daher aß er jetzt den Schinken, zwei Pfund Schinken, und er riß andere Sachen aus dem Kühlschrank und aß sie auch, stopfte sie sich mit beiden Händen in den Mund: eine Schüssel kalte, übriggebliebene Rigatoni und einen Fleisch-klops; einen halben Apfelkuchen, den er gestern in der Bäckerei in der Stadt gekauft hatte; einen Riegel Butter, das ganze Viertelpfund, fettig und widerlich, aber gute Nahrung, guter Treibstoff, genau das Richtige, das Feuer zu löschen; vier rohe Eier; und noch mehr, mehr. Dies war ein Feuer, das, wenn man es mit Nahrung versorgte, nicht heller brannte, sondern abkühlte, erlosch, denn es war kein richtiges Feuer, sondern ein körperliches Symbol des verzweifelten Nahrungsbedarfs, um die Stoffwechselvorgänge am Laufen zu halten. Jetzt verlor das Feuer etwas von seiner Hitze, es schrumpfte von sengender Glut zu tanzenden Flämmchen, zu wenig mehr als bernsteinfarbener Glut von Kohlen.
    Mike Peyser brach gestättigt inmitten von zerbrochenen Tellern und Nahrungsresten und Zellophan und Eierschalen und Tupperschüsseln auf dem Boden zusammen. Er rollte sich zusammen und versuchte wieder, sich vermittels Willenskraft in die Gestalt zurückzuverwandeln, in der die Welt ihn erkennen würde. Und er spürte wieder, wie eine Veränderung in seinen Knochen und dem Mark anfing, in seinem Blut und den Organen, in Sehnen und Blutgefäßen und Muskeln und der Haut, als die Flut von Hormonen und Enzymen und anderen biologischen Chemikalien von seinem Körper produziert und ausgeschüttet wurde, aber die Veränderung wurde wieder aufgehalten, als die Verwandlung noch schmerzlich unvollständig war, und sein Körper verfiel wieder in das wildere Dasein und durchlief unweigerlich die Regression, obwohl er alle Willenskraft aufbot, alle Willenskraft, alle Willenskraft und sich bemühte, in die höhere Gestalt zu gelangen.
    Die Kühlschranktür war zugefallen. Die Küche war wieder in Dunkelheit versunken, und Mike Peyser war zumute, als wäre die Dunkelheit nicht nur überall rings um ihn herum, sondern auch in ihm selbst.
    Schließlich schrie er. Und es kam, wie er befürchtet hatte; als er erst einmal angefangen hatte zu schreien, konnte er nicht mehr damit aufhören.
    Sam Booker verließ das Cove Lodge kurz vor Mitternacht. Er trug eine brauen Lederjacke, einen blauen Pullover, Jeans und blaue Turnschuhe - Kleidung, die es ihm ermöglichte, gut in der Nacht unterzutauchen, die aber nicht verdächtig aussah, bestenfalls ein wenig zu jugendlich für einen Mann mit seinem melancholischen Gebaren. So gewöhnlich sie aussah, die Jacke hatte eine Reihe Tiefer und geräumiger Innentaschen, in die er ein paar Einbruch- und Autodiebstahlswerkzeuge einpackte. Er ging die Südtreppe hinunter, zur rückwärtigen Erdgeschoßtür hinaus und blieb einen Augenblick auf dem Fußweg hinter der Lodge stehen.
    Dichter Nebel quoll über den Klippenrand herauf und durch das offene Gelände, er wurde von einer plötzlichen Brise getrieben, die schließlich doch noch die Ruhe der Nacht gestört hatte. In ein paar Stunden würde der Wind den Nebel landeinwärts geweht haben und der Küstenstreifen vergleichsweise klar sein. Bis dahin würde Sam die vor ihm liegende Aufgabe erledigt haben und den Schutz, den der Nebel bot, nicht mehr benötigen; er würde im Bett seines Motelzimmers schlafen - oder, wahrscheinlicher, gegen Schlaflosigkeit kämpfen.
    Er war unruhig. Er hatte die Jugendbande nicht vergessen, vor der er vor ein paar Stunden auf dem Iceberry Way geflohen war. Da ihre wahre Natur ein Geheimnis blieb, betrachtete er sie weiterhin als Punks, aber er wußte, daß es sich nicht nur um Jugendkriminelle gehandelt haben konnte. Seltsamerweise hatte er den Eindruck, als wüßte er, was sie waren, aber dieses Wissen regte sich sogar noch tief unter der Ebene des Unterbewußtseins, im Reich eines primitiven Bewußtseins.
    Er ging um die Südecke des Gebäudes herum, an der Rückseite der Cafeteria vorbei, die jetzt geschlossen hatte, und erreichte zehn Minuten später auf einem Rundweg das Rathaus von Moonlight Cove in der Jacobi Street. Es war genau, wie die San Franciscoer Agenten des Bureau es beschrieben hatten: ein zweistöckiges Bauwerk - am unteren Stockwerk verwitterte Backsteine, am oberen weißer Verputz - mit Ziegeldach, waldgrünen Fensterläden neben den Fenstern und großen schmiedeeisernen Kutschenlaternen neben der Eingangstür. Das Rathaus und das Grundstück, auf dem es erbaut worden war, beanspruchten einen halben Block an der Nordseite der Straße, aber die anti-behördliche Bauweise harmonierte mit dem Rest der Wohngegend. Selbst um diese Zeit waren im Erdgeschoß und außerhalb die Lichter eingeschaltet, denn das Rathaus beherbergte zusätzlich zur Stadtverwaltung und der Wasserbehörde auch noch das Polizeirevier, und das hatte natürlich nie geschlossen.
    Sam, der so tat, als würde er einen nächtlichen Spaziergang machen, studierte das Gebäude, als er auf der anderen Straßenseite daran vorbeiging. Er sah keinerlei außergewöhnliche Aktivität. Der Gehweg vor dem Haupteingang war verlassen. Er sah das hell erleuchtete Foyer durch die Eingangstür.
    An der nächsten Ecke bog er nach Norden ab und in eine Gasse in der Mitte des Blocks. Dieser unbeleuchtete Weg wurde von Bäumen und Sträuchern und Zäunen begrenzt, welche zu den Gärten von Häusern an der Jacobi Street und dem Pacific Drive gehörten, dazu einige Garagen und Schuppen, Gruppen von Mülleimern und einem großen, nicht eingezäunten Parkplatz hinter dem Rathaus.
    Sam trat in eine Nische in einer zweieinhalb Meter hohen immergrünen Hecke an der Ecke des Hofs, der an das öffentliche Grundstück angrenzte. Der Weg selbst war sehr dunkel, aber zwei Natriumdampflampen warfen einen düsteren Schein über den städtischen Parkplatz und offenbarten zwölf Fahrzeuge: vier neue Fords in der nüchternen, kotzgrünen Variante, die für Bundes-, Landes- und Kreis -verwaltungen hergestellt wurden; ein Lieferwagen, der das Wappen der Stadt und die Aufschrift WASSERBEHÖRDE trug; ein massiger Straßenreinigungswagen; ein großer Lastwagen mit Holzseiten und Heckklappe; und vier Polizeiautos, allesamt Chevy-Limousinen.
    Dieses Quartett schwarzweißer Fahrzeuge interessierte Sam ganz besonders, weil sie mit VDT-Verbindungen zum Zentralcomputer der Polizei ausgerüstet waren. Moonlight Cove besaß acht Streifenwagen, ziemlich viel für eine verschlafene Küstenstadt, fünf mehr als sich Städte vergleichbarer Größe leisten konnten und sicherlich größtenteils überflüssig.
    Aber in diesem Polizeirevier war alles besser und größer als notwendig, was mit dazu beigetragen hatte, in den Köpfen der FBI-Agenten, die den Tod von Sanchez und den Bus-tamentes untersucht hatten, lautlose Alarmsirenen losgehen zu lassen. Moonlight Cove verfügte über zwölf Vollzeit- und drei Teilzeitpolizisten, dazu vier Verwaltungsbeamte. Eine Menge Personal. Darüber hinaus erhielten alle Gehälter, die mit denen von Polizisten in Großstädten der Westküste vergleichbar waren, und damit ruinös für eine Kleinstadt wie diese. Sie hatten die besten Uniformen, die besten Büromö -bel, eine kleine Waffenkammer voll Faustfeuerwaffen und Gewehren und Tränengas, und - am erstaunlichsten - sie waren in einem Maße computerisiert, um das die Jungs in den Ende-der-Welt-Bunkern des Strategischen Luftkommandos in Colorado sie beneidet hätten.
    Sam studierte in der raschelnden Nische des duftenden Immergrüns den Parkplatz mehrere Minuten lang, um sich zu vergewissern, daß niemand in einem der Fahrzeuge saß oder im dunklen Schatten am hinteren Teil des Gebäudes stand. Vor den erleuchteten Fenstern im Erdgeschoß waren Vorhänge zugezogen, daher konnte niemand von drinnen auf den Parkplatz sehen.
    Er nahm ein Paar weiche, geschmeidige Ziegenlederhandschuhe aus einer Jackentasche und zog sie an.
    Er wollte sich gerade in Bewegung setzen, als er etwas auf dem Weg hinter sich hörte. Ein schabendes Geräusch. Aus der Richtung, aus der er gekommen war.
    Er drückte sich tiefer in die Hecke und drehte sich um, damit er die Ursache des Gbräuschs erkennen könnte. Ein blasser, zerknüllter Pappkarton, etwa doppelt so groß wie eine Schuhschachtel, wurde vom Wind fortgeweht, der immer mehr in den Blättern von Bäumen und Büschen raschelte.
    Der Karton prallte gegen die Mülleimer, verfing sich darin und verstummte.
    Der Nebel, der vom Wind nach Osten geweht wurde und über den Weg strömte, sah aus wie Rauch, als stünde die ganze Stadt in Flammen. Er blinzelte in den wabernden Dampf und vergewisserte sich zu seiner Zufriedenheit, daß er allein war, dann drehte er sich um und sprintete zum ersten der vier Streifenwagen auf dem offenen Parkplatz.
    Er war verschlossen.
    Er holte einen Automobilschloßöffner der Polizei aus einer Innentasche, mit dem man ohne weiteres jedes Schloß lösen konnte, ohne den Mechanismus zu beschädigen. Er knackte das Auto, schlüpfte hinter das Lenkrad und machte die Tür so rasch und leise wie möglich zu.
    Die Natriumdampflampen warfen genügend Licht ins Wageninnere, daß er sehen konnte, was er tat, obwohl er über genügend Erfahrung verfügte, daß er auch im Dunkeln hätte arbeiten können. Er steckte den Schloßknacker weg und holte aus einer anderen Innentasche einen Zündschloßschraubenzieher heraus. Er schraubte den Zylinder des Zündschlosses innerhalb von Sekunden heraus, so daß die Drähte freilagen.
    Dieser Teil gefiel ihm nicht. Um den Videodisplay einzuschalten, der am Armaturenbrett des Autos montiert war, mußte er den Motor anlassen; der Computer war leistungsstärker als ein kleineres Modell und kommunizierte mittels energieintensiver Mikrowellenübertragungen mit der zentralen Datenbank, was soviel Energie erforderte, daß die Batterie dafür nicht in Frage kam. Der Nebel würde die Abgase verbergen, aber nicht den Motorenlärm. Der schwarzweiße Wagen war zwanzig Meter von dem Gebäude entfernt geparkt, daher würde es wahrscheinlich keiner hören. Aber wenn jemand zur Hintertür herauskam, um frische Luft zu schnappen oder mit einem der freien Fahrzeuge wegzufahren, würde der laufende Motor nicht unbemerkt bleiben. Dann würde Sam in eine Klemme geraten, die er - wenn man die ungewöhnliche Zahl gewaltsamer Todesfälle in dieser Stadt bedachte - wahrscheinlich nicht überleben würde.
    Er seufzte leise, trat mit dem rechten Fuß das Gaspedal etwas durch, bog die Drähte auseinander und brachte die Kontakte zusammen. Der Motor sprang auf der Stelle und ohne zu keuchen an.
    Der Computerschirm leuchtete auf.
    Die komplexen Computeranlagen der Polizei wurden kostenlos von New Wave-Mikrotechnologie gestellt, weil diese Moonlight Cove angeblich als Testgebiet für ihre eigenen Systeme und die Software benützten. Die Quelle der Finanzierungen aller anderen Anlagen der Polizei, die nicht so offensichtlich war, ließ sich nicht so einfach feststellen, aber man vermutete, daß sie ebenfalls bei New Wave lag, oder gar bei dem Hauptaktionär und Geschäftsführer, Thomas Shaddack, selbst. Selbstverständlich stand es jedem Bürger frei, seine lokale Polizei oder andere Zweige der Regierung mit erheblichen Steuervorteilen zu unterstützen, aber wenn Shaddack das tat, weshalb stand es dann nicht in den öffentlichen Unterlagen? Kein unschuldiger Mensch gibt mit völliger Selbstaufopferung große Geldsummen an die öffentliche Kasse ab. Wenn Shaddack ein Geheimnis daraus machte, daß er die lokalen Behörden mit Geldern unterstützte, dann konnte man die Möglichkeit gekaufter Polizisten und bestochener Beamter nicht von der Hand weisen. Und wenn die Polizisten von Moonlight Cove im Grunde genommen Soldaten in Thomas Shaddacks Privatarmee waren, folgte daraus, daß die verdächtige Zahl gewaltsamer Todesfälle in letzter Zeit auf diese unheimliche Allianz zurückzuführen sein könnte.
    Das VDT im Auto zeigte nun das New Wave-Abzeichen in der unteren rechten Ecke, so wie das IBM-Abzeichen zu sehen gewesen wäre, hätte es sich um eine ihrer Maschinen gehandelt.
    Als das San Franciscoer Bureau den Fall Sanchez-Busta-mente untersucht hatte, war einer der besseren Agenten des Bureau, Morris Stein, einmal mit einem Watkins' Beamten, nämlich Reese Dorn, im Streifenwagen gewesen, als Dorn den Zentralcomputer wegen Informationen in den Speichern angegangen war. Da hatte Morris bereits vermutet, daß der Computer komplexer war, als Watkins oder seine Männer preisgaben, und ihnen in einer Weise dienlich war, die die legalen Grenzen der Polizei überschritt und über die sie nicht sprechen wollten. Daher hatte er sich die Codezahl eingeprägt, mit der sich Reese ins System eingeschaltet hatte. Als er nach Los Angeles geflogen war, um Sam vorzubereiten, hatte Moris gesagt: »Ich glaube, in dieser verdrehten kleinen Stadt hat jeder Polizist seine eigene Computerkennziffer, aber die von Dorn dürfte so gut wie jede andere sein. Sam, du mußt dich in ihren Computer einschalten und dir ein paar Menüs geben lassen, herausfinden, was er dir zu bieten hat und etwas damit herumspielen, wenn Watkins und seine Männer dir nicht dabei über die Schulter sehen. Ja, ich höre mich paranoid an, aber sie haben für ihre Größe und Bedürfnisse zuviel High Tech, es sei denn, sie führen etwas Schmutziges im Schilde. Anfangs wirkt die Stadt wie jede andere, vielleicht sogar noch freundlicher und angenehmer, und ziemlich hübsch... aber, verdammt, nach einer Weile hat man das Gefühl, als wäre der gesamte Ort verkabelt, als wäre man überall unter Beobachtung, als würde einem der Große Bruder in jedem verfluchten Augenblick über die Schulter sehen. Bei Gott, nach ein paar Tagen hat man den Eindruck, daß man sich in einem Polizeistaat im Miniaturformat befindet, wo die Kontrolle so subtil ist, daß man sie kaum sieht, aber dennoch umfassend und eisern. Diese Polizisten sind nicht koscher, Sam; sie stecken bis zum Hals in etwas drin - vielleicht Drogenschmuggel, wer weiß -, und der Computer gehört auch dazu.«
    Reese Dorns Nummer war 262699, und die tippte Sam jetzt in die Tastatur des VDT ein. Das New Wave-Abzeichen verschwand. Der Bildschirm wurde ein paar Sekunden leer. Dann kam ein Menü.
    BITTE WÄHLEN.
    A.    FUNKER
    B.    ZENTRALE DATENBANK
    C.    ANZEIGENTAFEL
    D.    AUSSENSYSTEM-MODEM
    Die erste Möglichkeit verriet Sam, daß ein Polizist auf Streife mit dem Funker im Hauptquartier nicht nur über Polizeifunk Kontakt aufnehmen konnte, mit dem das Auto ausgerüstet war, sondern auch durch die Computerverbindung. Aber warum sollte er sich die Mühe machen und dem Funker Fragen eintippen und die übermittelten Antworten vom VDT ablesen, wenn er die Informationen viel schneller und einfacher über Funk bekommen konnte? Es sei denn... es gab etwas, das die Polizisten nicht auf Funkfrequenz besprechen wollten, die jeder mit einem Funkgerät abhören konnte.
    Er stellte die Verbindung zum Funker nicht her, denn dann hätte er eine Unterhaltung anfangen und sich als Reese Dorn ausgeben müssen, und das wäre gewesen, als hätte er gebrüllt:    He, ich sitze hier draußen in einem eurer Streifenwagen und stecke meine Nase in Angelegenheiten, die euch nicht gefallen werden, also warum kommt ihr nicht heraus und macht mich fertig?
    Statt dessen tippte er B und wurde hineingelassen. Ein weiteres Menü erschien.
    BITTE WÄHLEN
    A.    STATUS - MOMENTAN VERHAFTETE
    B.    STATUS - MOMENTANE GERICHTSVERHANDLUNGEN
    C.    STATUS - BEVORSTEHENDE GERICHTSVERHANDLUNGEN
    D.    FRÜHERE HATFUNTERLAGEN - COUNTY
    E.    FRÜHERE HATFUNTERLAGEN - STADT
    F...ÜBERFÜHRTE KRIMINELLE, DIE IM COUNTY LEBEN
    G.    ÜBERFÜHRTE KRIMINELLE, DIE IN DER STADT LEBEN
    Um sich zu vergewissern, daß die Angebote des Menüs das waren, was sie zu sein schienen, und nicht Kodes für andere Informationen, drückte er den Buchstaben F, um Daten über verurteilte Kriminelle zu erhalten, die im County lebten. Es folgte ein weiteres Menü, das ihm zehn Möglichkeiten bot:    MORD, TOTSCHLAG, VERGEWALTIGUNG,
    SEXUALDELIKTE, ÜBERFALL UND GEWALTANWENDUNG, BEWAFFNETER RAUBÜBERFALL, EINBRUCH, EINBRUCH UND HAUSFRIEDENSBRUCH, ANDERE DIEBSTÄHLE, VERSCHIEDENE KAVALIERSDELIKTE.
    Er rief die Datei über Mörder ab und erfuhr, daß drei verurteilte Mörder - die alle das Mordes ersten oder zweiten Grades für schuldig befunden worden waren - heute als freie Männer im County lebten, nachdem sie alle zwischen zwölf und vierzig Jahre ihrer Strafe abgesessen hatten und wegen guter Führung entlassen worden waren. Ihre Namen, Adressen und Telefonnummern erschienen auf dem Bildschirm zusammen mit den Namen ihrer Opfer, kurzen Zusammenfassungen der Verbrechen und den Daten ihrer Inhaftierung; keiner wohnte auf der Gemarkung von Moonlight Cove.
    Sam sah von dem Bildschirm auf und über den Parkplatz. Er war immer noch verlassen. Der allgegenwärtige Nebel war jetzt mit dichteren Schwaden durchsetzt, die wie Flaggen wehten, als sie am Auto vorübertrieben, und ihm war fast, als säße er in einem Unterseeboot im Meer und würde lange Tangfäden betrachten, die in unterirdischen Strömungen schwebten.
    Er kehrte zum Hauptmenü zurück und verlangte die Rubrik C. ANZEIGENTAFEL. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine Sammlung von Nachrichten, die Watkins und seine Männer füreinander hinterlassen hatten, in denen es sich manchmal um dienstliche und manchmal um private Dinge handelte. Die meisten waren in so geheimnisvollen Abkürzungen geschrieben, daß Sam sie nicht entziffern konnte oder sie nicht der Mühe für wert erachtete.
    Er versuchte Rubrik D auf dem Hauptmenü, AUSSENSY-STEM-MODEM, und bekam eine Liste von nationalen Computern, in die er sich mit dem Telefonmodem im Rathaus einschalten konnte. Die möglichen Verbindungen des Reviers waren erstaunlich: Los ANGELES PR (für Polizeirevier), SAN FRANCISCO PR, SAN DIEGO PR, DENVER PR, HOUSTON PR, DALLAS PR, PHOENIX PR, CHICAGO PR, MIAMI PR, NEW YORK CITY PR und eine ganze Reihe anderer Großstädte; KRAFTFAHRZEUGBEHÖRDE    VON    KALIFORNIEN,
    GEFÄNGNISHAUPTVERWALTUNG, AUTOBAHNPOLIZEI und zahlreiche    andere    staatliche    Behörden
    mit nicht so offensichtlichen Beziehungen zur Polizeiarbeit; PERSONALAKTEN U.S. ARMY, PERSONALAKTEN MARINE, LUFTWAFFE, FBI VERBRECHERKARTEI, FBI LVUS (Lokales Verbrechensbekämpfungs-Unterstützungssystem, ein ziemlich neues Programm des Bureau); sogar das New Yorker Büro von INTERPOL, durch das die internationale Organisation Zugang zum zentralen Datenspeicher in Europa hatte.
    Was, zum Teufel, wollte eine kleine Polizeitruppe im ländlichen Kalifornien mit diesen vielen Informationsquellen anfangen?
    Und es waren noch mehr: Daten, zu denen nicht einmal voll computerisierte Polizeireviere in Städten wie Los Angeles leicht Zugang hatten. Manches war Material, zu dem die Polizei von Gesetzes wegen nur mit richterlicher Anordnung Zugang hatte, etwa die Datenspeicher von TRW, der Kreditüberwachungsagentur des Landes. Daß die Polizei von Moonlight Cove Zugang zur Datenbank von TRW hatte, mußte selbst vor TRW geheimgehalten worden sein, denn die Agentur hätte einem Zugriff in ihre Dateien ohne gerichtliche Verfügung niemals zugestimmt. Das System bot auch Zugang zu den Datenbänken des CIA in Virginia, die angeblich vor jedem Computerzugriff geschützt waren
    - abgesehen von den internen Computern - und zu bestimmten FBI-Dateien, die man ebenfalls für unzugänglich hielt.
    Sam zog sich erschüttert aus dem AUSSENSYSTEM-MODEM ins Hauptmenü zurück.
    Er sah über den Parkplatz und dachte nach.
    Als Morris Stein ihn vor ein paar Tagen unterwiesen hatte, hatte er angedeutet, die Polizei von Moonlight Cove könnte in Drogenschiebereien verwickelt sein, und daß die Großzügigkeit von New Wave, was Computersysteme anbelangte, auf eine Mitwisserschaft bestimmter Angestellter der Firma hinzudeuten schien. Aber das Bureau interessierte sich auch für die Möglichkeit, daß New Wave illegal High-Tech-Syste-me an die Sowjets verkaufte und die Polizei von Moonlight Cove gekauft hatte, weil die Firma durch diese Kontakte zur Polizei zum frühestmöglichen Zeitpunkt von möglichen bevorstehenden Untersuchungen des FBI erfahren könnte. Das erklärte natürlich nicht die jüngsten Todesfälle, aber mit irgendeiner Theorie mußten sie ja anfangen.
    Jetzt war Sam bereit, beide Vorstellungen, daß New Wave Geschäfte mit den Sowjets machte und daß einige Angestellte im Drogenhandel tätig waren, über Bord zu werfen. Das umfangreiche Netz von Datenbänken, das sich die Polizei durch das Modem zugänglich gemacht hatte - einhundert-undzwölf standen auf der Liste! - überstieg alles, was sie entweder für Drogenschmuggel oder das Aufspüren möglicher FBI-Ermittlungen wegen Kontakten zu den Sowjets bei New Wave gebrauchen könnten.
    Sie hatten sich ein Informationsnetz aufgebaut, das den Erfordernissen einer ganzen Staatsregierung genügt hätte -noch genauer, denen einer kleinen Nation. Einer kleinen, feindlichen Nation. Dieses Datennetz war dazu entworfen, seinen Besitzer mit großer Macht auszustatten. Es schien, als wäre diese malerische kleine Küstenstadt in den Händen eines größenwahnsinnigen Irren, dessen Wahn es war, sich ein kleines Königreich erschaffen zu können, von dem aus er dereinst weite Gebiete erobern würde.
    Heute Moonlight Cove, morgen die Welt.
    »Was, zum Teufel, treiben die hier?« überlegte Sam laut.
    Tessa hatte sich sicher in ihr Zimmer im Cove Lodge eingeschlossen - und trug fürs Bett ein hellgelbes Höschen und ein T-Shirt, auf dem das grinsende Gesicht von Kermit dem Frosch zu sehen war -, trank Diet Coke und versuchte, eine Wiederholung der Tonight-Show anzusehen, konnte sich aber nicht für die Gespräche erwärmen, die Johnny Carson mit einer geistlosen Schauspielerin, einem geistlosen Sänger einem geistlosen Komiker führte. Diätunterhaltungen zum Diät-Coke.
    Je mehr Zeit nach ihrem beunruhigenden Erlebnis in den Fluren und Treppenhäusern des Hotels verstrich, desto mehr fragte sie sich, ob sie sich tatsächlich nur eingebildet hatte, daß sie verfolgt worden sei. Immerhin wurde sie von Janices Tod abgelenkt, weil sie der Meinung war, es wäre Mord und nicht Selbstmord. Und sie hatte immer noch Magenbeschwerden von dem Chesseburger, den sie zum Abendessen gehabt hatte und der so fettig gewesen war, daß er, samt Brötchen und allem, in ranzigem Yakfett hätte gebraten worden sein können. Tessa sah die Phantome, die ihr Angst gemacht hatten, mittlerweile so, wie Scrooge Marleys Geist zuerst gesehen hatte: Vielleicht waren sie nichts anderes als ein unverdautes Stück Fleisch, ein Klecks Senf, ein Krümel Käse oder eine nicht richtig gar gekochte Kartoffel gewesen. Während Carsons derzeitiger Gast von einem Wochenende erzählte, das er anläßlich eines Kunstfestivals in Havanna mit Fidel Castro - »ein toller Bursche, ein komischer Bursche, ein leidenschaftlicher Bursche« - verbracht hatte, stand Tessa vom Bett auf und ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Als sie die Zahnpasta auf die Bürste drückte, hörte sie, wie jemand am Griff der Tür drehte.
    Das kleine Bad grenzte an das ebenso kleine Foyer an. Als sie zur Schwelle trat, war sie nur wenige Schritte von der Tür zum Flur entfernt, nahe genug, um zu sehen, wie der Knauf hin und her gedreht wurde. Jemand versuchte, das Schloß zu öffnen, und das nicht einmal besonders vorsichtig. Der Knauf klickte und rasselte, die Tür pochte gegen den Rahmen.
    Sie ließ die Zahnbürste fallen und lief zum Telefon auf dem Nachttisch.
    Kein Freizeichen.
    Sie drückte die Gabel nieder und dann den Knopf O für die Zentrale - Operator -, aber nichts geschah. Die Telefonzentrale des Motels war abgeschaltet. Die Leitung war tot.
    Chrissie mußte mehrmals von der Straße herunter und im Gebüsch am Straßenrand Schutz suchen, bis ein Auto oder Lastwagen vorbeigefahren war. Eines der Autos war ein Streifenwagen von Moonlight Cove, der in die Stadt fuhr, und sie war ziemlich sicher, daß das genau der war, der zum Haus gefahren war. Sie duckte sich ins hohe Gras und die Löwenzahnblumen, und dort blieb sie, bis die Heckscheinwerfer des schwarzweißen Autos zu winzigen roten Pünktchen geworden waren, die schließlich um eine Kurve herum verschwanden.
    Entlang der ersten eineinhalb Meilen dieser asphaltierten Straße standen nur wenige Häuser. Chrissie kannte ein paar Leute, die darin wohnten: die Thomases, die Stones, die Els-wicks. Sie war versucht, zu einem dieser Häuser zu gehen, an die Tür zu klopfen und um Hilfe zu bitten. Aber sie konnte nicht sicher sein, ob die Bewohner noch die netten Leute waren, die sie einmal gewesen waren. Auch sie könnten sich verändert haben, so wie ihre Eltern. Entweder etwas Übernatürliches oder etwas aus dem Weltraum hatte sich der Menschen in und um Moonlight Cove bemächtigt, und sie hatte genügend unheimliche Filme gesehen und unheimliche Bücher gelesen, daß sie wußte, wenn solche Mächte am Werk waren, konnte man gar niemanden mehr trauen.
    Sie setzte fast alles auf Pater Castelli von Our Lady of Mer-cy, weil er ein heiliger Mann war und keine Dämonen aus der Hölle ihm etwas anhaben konnten. Falls es sich natürlich um Außerirdische aus einer anderen Welt handelte, würde Pater Castelli nicht dadurch geschützt sein, daß er ein Mann Gottes war.
    Wenn Chrissie herausfände, daß der Priester auch übernommen wäre, und es Chrissie gelänge, ihm zu entkommen, dann würde sie direkt zu hrer Lehrerin, Mrs. Irene Tokawa gehen. Mrs. Tokawa war die klügste Person, die Chrissie kannte. Wenn Außerirdische Moonlight Cove übernommen hätten, dann würde Mrs. Tokawa gemerkt haben, daß etwas nicht stimmte, bevor es zu spät wäre. Sie würde Schritte unternommen haben, um sich selbst zu schützen, und sie würde eine der letzten sein, die die Ungeheuer in die Finger bekämen. Finger oder Tentakel oder Klauen oder Scheren, oder was auch immer.
    Daher versteckte sich Chrissie vor dem vorüberfahrenden Verkehr, schlich an den vereinzelten Häusern an der Landstraße vorbei und näherte sich so langsam aber beständig der Stadt. Der Mond mit den beiden Spitzen, der manchmal über dem Nebel zu sehen war, hatte den größten Teil seiner Reise über das Himmelszelt hinter sich gebracht; bald würde er untergehen. Eine steife Brise wehte von Westen herein, manchmal fegten Böen heran, die so stark waren, daß sie ihr blondes Haar hochwirbelten wie blonde Flammen, die von ihrem Kopf loderten. Die Temperatur war auf etwa zehn Grad gesunken, aber wenn der Wind zu heftigen Böen aufflackerte, schien die Nacht viel kälter zu sein. Das Gute war, je größer ihr Elend durch Wind und Kälte wurde, desto mehr vergaß sie ihr anderes Leid - den Hunger. »VERWAHRLOSTES KIND WANDERTE NACH BEGEGNUNG MIT AUSSERIRDISCHEN TAGELANG HUNGRIG UND BENOMMEN UMHER«, sagte sie, wobei sie eine Schlagzeile aus einer Ausgabe des National Enquirer las, die nur in ihrer Fantasie existierte.
    Sie kam zur Kreuzung der Landstraße mit der Holliwell Road, und freute sich, wie gut sie vorankam, als sie denen beinahe in die Arme lief, denen sie aus dem Weg gehen wollte.
    Östlich der Landstraße war die Holliwell nur ein festgetretener Feldweg, der in die Berge hinaufführte, unter der Autobahn hindurch bis direkt zur alten und verlassenen Ikarus-Kolonie - einem baufälligen Haus mit zwölf Zimmern, Scheune und verfallenen Ställen -, wo eine Gruppe Künstler in den fünfziger Jahren versucht hatte, eine ideale gemeinschaftliche Gesellschaftsform zu etablieren. Seither war es eine Pferdezuchtfarm gewesen (gescheitert), ein Naturkostrestaurant (pleite), Ort für einen wöchentlichen Flohmarkt und eine Auktion (gescheitert); inzwischen war es schon lange dem Verfall anheim gegeben worden. Kinder wußten im allgemeinen alles darüber, da es ein unheimliches Haus und daher Ort zahlreicher Mutproben war. Westlich war die Holliwell Road asphaltiert und führte am Stadtrand entlang und an einigen neueren Häusern der Gegend und dem Ge -lände von New Wave Mikrotech vorbei, und schließlich zur Nordspitze der Bucht, wo Thomas Shaddack, das Computergenie, in einem großen, unheimlich aussehenden Haus wohnte. Chrissie hatte nicht vor, auf der Holliwell nach Osten oder Westen zu gehen; sie war lediglich ein Meilenstein auf ihrem Weg; wenn sie sie hinter sich gelassen haben würde, würde sie sich am nordwestlichen Ende der Gemarkung von Moonlight Cove befinden.
    Sie war kaum dreißig Meter von der Holliwell Road entfernt, als sie das rasch anschwellende Dröhnen eines rasenden Motors hörte. Sie wich von der Straße zurück, über einen schmalen Graben am Straßenrand, durch Gras und suchte schließlich hinter dem dicken Stamm einer uralten Pinie Schutz. Noch während sie sich hinter dem Stamm niederkauerte, konnte sie die Richtung erkennen, aus der das Fahrzeug kam - Westen -, und dann sah sie die Scheinwerfer südlich von ihr auf die Kreuzung zufahren. Ein Lastwagen war auf der Holliwell zu sehen, der das Stoppschild mißachtete und mitten auf der Kreuzung bremste. Nebel waberte und wirbelte um ihn herum Chrissie konnte den schweren, schwarzen Lastwagen mit der verlängerten Pritsche ziemlich deutlich sehen, weil die Ecke Holliwell und Landstraße ein Ort häufiger Unfälle war, und daher hatte man an der nordöstlichen Ecke eine Laterne angebracht, die bessere Sicht schaffen und Autofahrer warnen sollte. Der Lastwagen hatte das Abzeichen von New Wave auf der Tür, das sie selbst auf diese Entfernung erkennen konnte, weil sie es schon tausendmal gesehen hatte: ein weißblauer Kreis, etwa so groß wie ein Eßteller, dessen untere Hälfte eine blaue Woge bildete. Der Lieferwagen hatte eine große Pritsche, seine momentane Fracht waren Männer: Sechs oder acht saßen hinten.
    In dem Augenblick, als der Lieferwagen auf der Kreuzung hielt, sprangen zwei Männer über die Heckklappe. Einer ging zur bewaldeten Spitze an der nordwestlichen Ecke der Kreuzung und verbarg sich unter den Bäumen - nicht mehr als dreißig Meter südlich der Pinie, unter der Chrissie ihn beobachtete. Der andere ging zur südöstlichen Ecke der Kreuzung und bezog zwischen Unkraut und Chaparral Stellung.
    Der Lastwagen bog nach Süden auf die Landstraße ein und fuhr davon.
    Chrissie vermutete, daß die anderen Männer auf dem Lastwagen an anderen Stellen entlang der Ostgrenze von Moonlight Cove postiert werden würden, um Wache zu stehen. Zudem war der Lastwagen so groß gewesen, daß er mindestens zwanzig Männer befördern könnte, daher waren zweifellos unterwegs noch andere abgesetzt worden, während er vom New Wave Gebäude im Westen auf der Holli-well in östlicher Richtung gefahren war. Sie umgaben Moonlight Cove mit Wachen. Sie war ziemlich sicher, daß sie nach ihr suchten. Sie hatte etwas gesehen, das sie nicht hätte sehen sollen - ihre Eltern während einer teuflischen Verwandlung -, und jetzt mußte sie gefunden und >verwandelt< werden - wie Tucker es genannte hatte -, bevor sie eine Möglichkeit hatte, die Welt zu warnen.
    Das Geräusch des schwarzen Lieferwagens wurde leiser. Schweigen senkte sich wie eine klamme Decke herab.
    Nebel wirbelte und waberte und wogte in zahllosen Strömungen, aber die übermächtigen Gezeiten des Windes trieben ihn unbarmherzig zu den dunklen, geschlossenen Hügeln.
    Dann schwoll die Brise unvermittelt an, bis sie wieder zu einem echten Wind wurde, der durch das hohe Gras flüsterte und im Immergrün rauschte. Er erzeugte ein leises und seltsam verlorenes Brummen an einem nahegelegenen Straßenschild.
    Chrissie wußte zwar, wo sich die beiden Männer niedergelassen hatten, aber sie konnte sie nicht mehr sehen. Sie hatten sich gut versteckt.
    Nebel trieb am Auto vorbei und nach Osten in die Nacht. Eine Brise, die zunehmend zum richtigen Wind wurde, wehte ihn davon, und in Sams Verstand wirbelten die Gedanken ebenso unablässig dahin. Diese Gedanken waren so beunruhigend, daß er es vorgezogen hätte, in gedankenloser Fassungslosigkeit dazusitzen.
    Aufgrund erheblicher früherer Erfahrungen mit Computern wußte er, daß ein Teil der Fähigkeiten eines Systems verborgen werden konnte, indem der Programmentwickler einfach verschiedene Möglichkeiten auf den Menüs wegließ, die am Bildschirm erschienen. Er betrachtete das erste Menü auf dem Display das Autors - A. FUNKER; B. ZENTRALE DATENBANK; C. ANZEIGENTAFEL; D. AUSSENSYSTEMMODEM -und drückte E, obwohl keine Funktion E genannt war.
    Worte leuchteten auf dem Bildschirm auf: HALLO, OFFICER DORN.
    Es gab also doch ein E. Er war entweder in eine geheime Datenbank gekommen, die ein Paßwort erforderte, um Zugang zu bekommen, oder in ein interaktives Informationssystem, das auf Fragen reagieren würde, die er über die Tastatur eingab. Wenn ersteres zutraf, wenn Paßworte oder Phrasen erforderlich wären und er eine falsche Antwort eingäbe, bekäme er Ärger; der Computer würde ihn hinauswerfen und dem Polizeirevier einen Alarm übermitteln, daß ein Eindringling Dorns Nummer verwendete.
    Er tippte vorsichtig: HALLO.
    KANN ICH IHNEN HELFEN?
    Sam beschloß, so vorzugehen, als wäre es genau das, was es zu sein schien - ein normales Frage- und Antwort-Programm. Er tippte in die Tastatur: MENÜ.
    Der Bildschirm wurde einen Augenblick leer, dann tauchten dieselben Worte auf: KANN ICH IHNEN HELFEN?
    Er versuchte es noch einmal: PRIMÄRMENÜ.
    KANN ICH IHNEN HELFEN?
    HAUPTMENÜ.
    KANN ICH IHNEN HELFEN?
    Wenn man ein System erprobte, das auf Frage und Antwort beruhte und einem unbekannt war, mußte man die richtigen Antworten mehr oder weniger durch immer neue Versuche finden. Sam versuchte es erneut: ERSTES MENÜ. Endlich wurde er belohnt.
    BITTE WÄHLEN
    A.    NEW WAVE -PERSONAL
    B.    PROJEKT MOONHAWK
    C.    SHADDACK
    Er hatte eine geheime Verbindung zwischen New Wave, seinem Begründer Thomas Shaddack und der Polizei von Mo-onlight Cove gefunden. Aber er wußte noch nicht, was es für eine Verbindung war und was sie bedeutete.
    Er vermutete, daß die Möglichkeit C ihn mit Shaddacks persönlichem Computerterminal verbinden und es ihm ermöglichen würde, eine Unterhaltung mit Shaddack zu führen, die privater als ein Gespräch über Polizeifunk sein würde. Wenn das der Fall war, dann waren Shaddack und die hiesigen Behörden tatsächlich in eine Verschwörung verwickelt, die so verbrecherisch war, daß sie ein Höchstmaß an Sicherheit erforderte. Er drückte C nicht, denn wenn er Shaddack anwählte und Mr. Big persönlich am anderen Ende bekäme, könnte er unmöglich glaubwürdig so tun, als wäre er Reese Dorn.
    Möglichkeit A würde ihm wahrscheinlich eine Aufstellung der Angestellten und Abteilungsleiter von New Wave liefern, vielleicht mit Codes, die ihn auch mit deren persönlichen Terminals verbinden würde. Er wollte auch mit keinem von ihnen reden.
    Außerdem hatte er das Gefühl, daß er von gestohlener Zeit lebte. Er sah noch einmal über den Parkplatz und beobachtete besonders eindringlich die dunklen Schatten jenseits des Scheins der Natriumdampflampen. Er war jetzt fünfzehn Minuten in dem Streifenwagen, und niemand war in dieser Zeit auf dem Parkplatz des Rasthauses erschienen. Er bezweifelte, daß ihm das Glück noch viel länger treu bleiben würde, und er wollte in der Zeit, die ihm noch blieb, so viel als möglich herausfinden.
    PROJEKT MOONHAWK war die interessanteste und geheimnisvollste der drei Möglichkeiten, daher drückte er B, worauf ein anderes Menü auftauchte.
    bitte wählen
    A.    VERWANDELTE
    B.    BEVORSTEHENDE VERWANDLUNGEN
    C.    PLAN FÜR VERWANDLUNGEN - ÖRTLICH
    D.    PLAN FÜR VERWANDLUNGEN - ZWEITES STADIUM
    Er drückte Möglichkeit A, und eine Liste von Namen und Adressen erschien auf dem Bildschirm. Es waren Bewohner von Moonlight Cove, am Anfang der Liste stand die Anmerkung: 1967 DERZEIT VERWANDELT.
    Verwandelt? Von was? In was? Hatte diese Verschwörung einen religiösen Hintergrund? Handelte es sich um einen seltsamen Kult? Vielleicht wurde >verwandelt< auch im übertragenen Sinn als eine Art Code gebraucht.
    Das Wort ließ ihn erschauern.
    Sam fand heraus, daß er die Liste entweder so durchgehen oder in alphabetische Abschnitte unterteilen konnte. Er schlug die Namen von Bewohnern nach, von denen er gehört oder die er kennengelernt hatte. Loman Watkins stand auf der Liste der Verwandelten. Reese. Dorn ebenfalls. Burt Peckham, der Inhaber der Knight's Bridge Tavern, war nicht unter den Verwandelten, aber die gesamte Familie Pe-rez, sicherlich die, der das Restaurant gehörte, stand auf der Liste.
    Er überprüfte Harold Talbot, den behinderten VietnamVeteranen, mit dem er morgen Kontakt aufnehmen wollte. Talbot stand nicht auf der Liste der Verwandelten.
    Verwirrt, was das alles bedeuten mochte, schloß Sam die Liste und kehrte ins Hauptmenü zurück. Er drückte B. bevorstehende verwandlungen. Das zauberte eine weitere Liste von Namen und Adressen auf den Bildschirm. Über der Liste stand 1104 bevorstehende verwandlungen. Auf dieser Liste fand er Burt Peckham und Harold Talbot.
    Er versuchte es mit C PLAN FÜR VERWANDLUNGEN - ÖRTLICH, worauf ein Submenü mit drei Überschriften erschien:
    A.    MONTAG, 13. OKTOBER 18.00 UHR BIS
    DIENSTAG, 14. OKTOBER 6.00 UHR
    B.    DIENSTAG, 14. OKTOBER, 6.00 UHR BIS
    DIENSTAG, 14. OKTOBER, 18.00 UHR
    C.    DIENSTAG, 14. OKTOBER, 18 UHR BIS
    MITTERNACHT
    Es war jetzt Dienstag, 03.39 Uhr, die Hälfte der unter A genannten Zeit war verstrichen, daher drückte er diese Möglichkeit zuerst. Wieder eine Namensliste, über der stand: 380 VERWANDLUNGEN GEPLANT.
    Die winzigen Härchen an Sams Nacken richteten sich auf, aber er wußte nicht, warum ihn das Wort >Verwandlung< so beunruhigte. Er mußte an diesen alten Film mit Kevin McCarthy, Die Dämonischen, denken.
    Und er dachte an die Bande, die ihn an diesem Abend verfolgt hatte. Waren sie... >verwandelt< gewesen?
    Als er Burt Peckham nachschlug, stellte er fest, daß der Kneipenbesitzer auf der Liste geplanter Verwandlungen vor 6.00 Uhr stand. Harry Talbot stand jedoch nicht auf der Liste.
    Das Auto erbebte.
    Sam fuhr in die Höhe und griff nach dem Revolver im Schulterhalfter.
    Wind. Es war nur Wind. Eine Reihe heftiger Böen riß Löcher in den Nebel und brachte das Auto leicht zum Schwanken. Nach einem Augenblick wurde der böige Wind wieder zu einer starken Brise, und die zerrissenen Nebelschwaden vereinten sich wieder, aber Sams Herz schlug heftig.
    Als Tessa den nutzlosen Telefonhörer weglegte, hörte der Türknauf auf zu klappern. Sie blieb eine Weile neben dem Bett stehen und lauschte, dann schlich sie leise ins Foyer, um an der Tür zu horchen.
    Sie hörte Stimmen, aber nicht unmittelbar hinter der Tür. Sie waren weiter unten im Flur, eigentümliche Stimmen, die ein hektisches, krächzendes Flüstern sprachen. Sie konnte nicht verstehen, was sie sagten.
    Sie war sicher, daß es dieselben waren, die sie unsichtbar verfolgt hatten, als sie Coke und Eis holen ging. Jetzt waren sie wieder da. Und sie hatten irgendwie das Telefon ausgeschaltet, so daß sie keine Hilfe holen konnte. Es war verrückt, aber so war es.
    Diese Beharrlichkeit ihrerseits deutete für Tessa darauf hin, daß sie keine gewöhnlichen Diebe oder Vergewaltiger waren, daß sie sich auf sie konzentrierten, weil sie hergekommen war, um Janices Tod zu untersuchen. Aber sie fragte sich, wie sie auf ihre Ankunft in der Stadt aufmerksam geworden waren, und warum sie sich entschieden hatten, so überhastet gegen sie vorzugehen, ohne abzuwarten, ob sie einfach Janices Belange in der Stadt in Ordnung bringen und wieder weggehen würde. Nur sie und ihre Mutter wußten, daß sie auf eigene Faust eine Morduntersuchung durchführen wollte.
    Gänsehaut überzog ihre nackten Beine, sie kam sich nur mit Höschen und T-Shirt bekleidet plötzlich verwundbar vor. Sie ging rasch zum Schrank und zog Jeans und einen Pullover an.
    Sie war nicht allein in dem Motel. Es gab noch andere Gä -ste. Mr. Quinn hatte das gesagt. Vielleicht nicht viele, vielleicht nur noch zwei oder drei. Aber wenn es zum Schlimmsten käme, könnte sie schreien, die anderen Gäste würden es hören, und ihre Angreifer müßten sich aus dem Staube machen.
    Sie nahm ihre Rockports, in die sie die weißen Tennissok-ken gestopft hatte, und ging wieder zur Tür.
    Leise, heisere Stimmen zischten am anderen Ende des Flurs - dann dröhnte ein ohrenbetäubender Lärm durch das ganze Motel, und sie schrie auf und zuckte überrascht zusammen. Sofort folgte ein weiterer Knall. Sie hörte, wie in einem anderen Zimmer die Tür nachgab.
    Eine Frau schrie, ein Mann brüllte etwas, aber die anderen Stimmen erfüllten Tessa mit einem Schauer des Entsetzens. Es waren mehrere, drei, vielleicht vier, und sie waren unheimlich und auf schockierende Weise wild. Schrilles, wolfsähnliches Knurren drang aus dem angrenzenden Flur, gefolgt von mörderischem Fauchen, schrillem und erregtem Quietschen, einem eisigen Winseln, das die Verkörperung von Blutgier war, und anderen Lauten, die man kaum beschreiben konnte, aber am schlimmsten war, daß diese anderen unmenschlichen Stimmen, die eindeutig zu Bestien gehörten, und nicht zu Menschen, auch ein paar verständliche Worte hervorstießen:    »...brauchen,    brauchen...holt sie,
    holt...holt, holt... Blut, Flittchen, Blut...«
    Tessa lehnte sich an die Tür, an der sie sich stützend festhielt, und versuchte sich einzureden, daß die Worte, die sie hörte, von dem Mann und der Frau gesprochen wurden, in deren Zimmer eingebrochen worden war, aber sie wußte, daß das nicht stimmte, denn sie hörte den Mann und die Frau schreien. Die Schreie waren schrecklich, fast unerträglich, voller Entsetzen und Qual, als würden sie zu Tode geprügelt werden, oder schlimmer, viel schlimmer, als würden sie zerrissen werden, zerfetzt, in Stücke gerissen und ausgeweidet.
    Vor ein paar Jahren war Tessa in Nordirland gewesen und hatte einen Dokumentarfilm über die Sinnlosigkeit der unnötigen Gewalt dort gedreht, und sie hatte unglücklicherweise einen Friedhof besucht, wo gerade die Bestattung eines Mannes aus der endlosen Reihe der >Märtyrer< -katholisch oder protestantisch spielte keine Rolle mehr, beide Fraktionen hatten mehr als genügend - stattfand, und die Menge der Trauernden hatte sich plötzlich in eine Meute Wilder verwandelt. Sie waren vom Friedhof in die umliegenden Straßen gezogen und hatten nach Angehörigen des anderen Glaubens gesucht, bis sie wenig später zwei britische Armeeoffiziere in Zivil in einem nicht gekennzeichneten Fahrzeug entdeckt hatten. Der Mob hatte allein durch seine Größe das Auto eingekesselt, die Fenster eingeschlagen und die Friedenshüter auf den Gehweg herausgezerrt. Tessas beide technische Assistenten hatten das Weite gesucht, aber sie hatte sich mit der Videokamera auf der Schulter in des Tohuwabohu gestürzt, und ihr war zumute gewesen, als hätte sie durch das Objektiv aus dieser Welt hinaus in die Hölle selbst gesehen. Wilde Augen, von Wut und Haß verzerrte Gesichter, die Trauer vergessen, der Blutgier ergeben, so hatten die Trauernden unablässig auf die gestürzten Briten eingetreten, dann hatten sie sie auf die Füße gezogen und auf sie eingeschlagen und sie immer wieder gegen das Auto gestoßen, bis ihre Wirbelsäulen brachen und ihre Schädel barsten, dann hatten sie sie fallengelassen und wieder getreten und geprügelt und mißhandelt, obwohl sie da schon längst tot gewesen waren. Sie hackten heulend und kreischend, fluchend und Parolen singend, die zu unverständlichen Silbenketten gerieten, auf die zerschmetterten Leiber ein, aber sie waren keine irdischen Vögel, weder Bussarde noch Geier, sondern wie Dämonen, die aus der Hölle emporgeschwebt waren und die toten Männer nicht nur in der Absicht zerfetzten, ihr Fleisch zu verzehren, sondern auch vom heißen Verlangen erfüllt, ihre Seelen herauszureißen und zu stehlen. Zwei der rasenden Männer hatten Tessa bemerkt, ihr die Videokamera weggerissen und am Boden zertrümmert und sie selbst umgeworfen. Einen schrecklichen Augenblick war sie überzeugt gewesen, sie würden sie in ihrer Wut ebenfalls in Stücke reißen. Zwei bückten sich und zerrten an ihrer Kleidung. Ihre Gesichter waren so haßverzerrt, daß sie nicht mehr menschlich wirkten, sondern wie Steinfiguren, die von Kirchendächern herabgestiegen waren. Sie hatten alles Menschliche in sich aufgegeben und die in den Genen codierten Geister der Primitiven, von denen sie abstammten, freigelassen. »Um Gottes willen!« hatte sie geschrien. »Um Gottes Willen, bitte!« Vielleicht war es die Erwähnung Gottes, vielleicht auch der Klang einer menschlichen Stimme, die nicht zum heiseren Knurren eines Tieres geworden war, die sie irgendwie veranlaßte, von ihr abzulassen und innezuhalten. Diese Gelegenheit hatte sie genützt, um sich aufzurappeln und vor ihnen zu fliehen, sie hatte sich durch den wogenden, blutgierigen Mob in Sicherheit gebracht.
    Was sie jetzt am anderen Ende des Motelflurs hörte, war genauso. Oder noch schlimmer.
    Sam fing an zu schwitzen, obwohl die Heizung des Streifenwagens nicht eingeschaltet war, und jeder neuerliche Windhauch versetzte ihn in Angst und Schrecken, während er das Submenü B abrief, das die geplanten Verwandlungen von sechs Uhr des kommenden Morgens bis achtzehn Uhr des Abends zeigte. Über diesen Namen stand: 450 VERWANDLUNGEN GEPLANT. Harry Talbots Name stand auch nicht auf dieser Liste.
    Möglichkeit C, achtzehn Uhr Dienstagabend bis Mitternacht desselben Tages, informierte ihn darüber, daß 274 Verwandlungen geplant waren. Auf dieser dritten und letzten Liste stand Harry Talbots Name.
    Sam zählte im Geiste die Zahlen der in den drei Verwandlungszeiträumen genannten Personen zusammen - 380, 450 und 274 - und stellte fest, daß das 1104 ergab, die Zahl auf der Liste bevorstehender Verwandlungen. Zählte man dazu nun 1967, die Zhl der bereits als verwandelt Gelisteten, ergab das zusammen die Summe 3071, was wahrscheinlich der Gesamtbevölkerung von Moonlight Cove entsprach. Wenn die Uhr das nächste Mal Mitternacht schlüge, weniger als dreiundzwanzig Stunden von jetzt an, würde die gesamte Stadt verwandelt sein - was, zum Teufel, das auch immer heißen mochte.
    Er schaltete sich aus dem Submenü aus und wollte gerade den Automotor abschalten, als das Wort ALARM auf dem VDT erschien und zu blinken anfing. Er bekam Angst, weil er sicher war, daß sie ihn als Eindringling entlarvt hatten, der in ihrem System herumspionierte; er mußte einen versteckten Alarm im System ausgelöst haben.
    Aber anstatt die Tür aufzureißen und die Flucht zu ergreifen, betrachtete er den Bildschirm weiter, weil die Neugier ihn festhielt.
    TELEFONÜBERWACHUNG DEUTET AUF ANWESENHEIT
    EINES FBI-AGENTEN IN MOONLIGHT COVE HIN.
    ORT DES ANRUFES:
    ÖFFENTLICHER FERNSPRECHER, SHELL-TANKSTELLE,
    OCEAN AVENUE.
    Der Alarm hatte etwas mit ihm zu tun, aber nicht, weil er momentan in einem ihrer Streifenwagen saß und der New Wave/Moonhawk-Verschwörung auf die Schliche kam. Offenbar waren die Dreckskerle auch in die Datenbänke der Telefongesellschaft eingeklinkt und durchsuchten diese Aufzeichnungen in regelmäßigen Abständen, um herauszufinden, wer von welchem Apparat welche Nummer angerufen hatte - sogar von sämtlichen öffentlichen Telefonzellen der Stadt, die unter normalen Umständen sicheres Kommunikationsmittel für einen Agenten gewesen wären. Sie waren paranoid, auf ihre Sicherheit bedacht, und sie verfügten über ein elektronisches Netz, dessen Umfang und Ausmaß mit jeder neuerlichen Enthüllung erstaunlicher würde.
    ZEIT DES ANRUFS:
    19.31 UHR, MONTAG,
    13. OKTOBER.
    Wenigstens hatten sie keine minütliche oder auch nur stündliche Überwachung bei der Telefongesellschaft. Ihr Computer durchsuchte deren Aufzeichnungen offenbar nach einem programmierten Plan, vielleicht alle sechs oder acht Stunden. Sonst hätten sie schon kurz nach seinem Anruf bei Scott an diesem Abend nach ihm zu suchen angefangen.
    Nach der Legende ANRUF AN folgte seine Telefonnummer, dann sein Name und die Adresse in Sherman Oaks. Gefolgt von:
    ANRUF GETÄTIGT VON:
    SAMUEL H. BOOKER.
    ZAHLUNGSMITTEL:
    TELEFONKREDITKARTE
    ART DER KARTE:
    AUF FIRMENKONTO.
    ANSCHRIFT DER FIRMA:
    FEDERAL BUREAU OF INVESTIGATION,
    WASHINGTON, D. C.
    Sie würden die Motels des gesamten County durchsuchen, aber da er im einzigen Motel in Moonlight Cove selbst abgestiegen war, würde es eine kurze Suche werden. Er fragte sich, ob er noch Zeit hätte, ins Cove Lodge zurückzukehren, sein Auto zu holen, nach Aberdeen Wells, die nächste Stadt, zu fahren und dort das Büro des FBI in San Francisco von einer nicht überwachten Telefonzelle aus anzurufen. Er hatte genügend herausgefunden, um zu wissen, daß hier etwas verdammt Seltsames vor sich ging, das ausreichte, ein Eingreifen des FBI und eine ausführliche Ermittlung einzuleiten.
    Aber die nächsten Worte, die auf dem Bildschirm aufleuchteten, überzeugten ihn davon, daß er geschnappt werden würde, ehe er die Stadt verlassen könnte, wenn er ins Cove Lodge zurückkehrte und sein Auto holte. Und wenn sie ihn in die Finger bekämen, würde er vielleicht zu einer weiteren Zahl in ihrer häßlichen Unfalltodstatistik.
    Sie kannten seine Adresse, daher war Scott möglicherweise auch in Gefahr - nicht gleich, nicht in Los Angeles, aber vielleicht morgen.
    DIALOGWIEDERGABE
    WATKINS: SHOLNICK, SIND SIE EINGESCHALTET?
    SHOLNICK: HIER.
    WATKINS: VERSUCHEN SIE ES IM COVE LODGE.
    SHOLNICK: SCHON UNTERWEGS.
    Ein Beamter namens Sholnick war schon unterwegs, um herauszufinden, ob Sam sich als Gast im Cove Lodge eingetragen hatte. Seine Tarnung, die Sam dem Portier erzählt hatte -daß er ein erfolgreicher Börsenmakler war, der sich überlegte, ob er in dieser oder einer anderen Küstenstadt seinen vorzeitigen Ruhestand verbringen wollte - war aufgeflogen.
    WATKINS: PETERSON?
    PETERSON: HIER.
    Sie mußten ihre Namen wahrscheinlich nicht eintippen. Die Konsole jedes Mannes würde ihn beim Hauptcomputer ausweisen, der dann den Namen automatisch vor den getippten Input stellte. Sauber, schnell, leicht zu handhaben.
    WATKINS: UNTERSTÜTZEN SIE SHOLNICK.
    PETERSON: GUT.
    WATKINS: NICHT TÖTEN, BEVOR WIR IHN VERHÖRT HABEN.
    In ganz Moonligt Cove unterhielten sich Polizisten über Computer miteinander, und nicht per Funk, wo man sie leicht hätte abhören können. Obwohl Sam sie ohne ihr Wis -sen belauschen konnte, hatte er den Eindruck, als wäre er gegen einen tüchtigen Gegner angetreten, der fast so allmächtig wie Gott war.
    WATKINS: DANBERRY?
    DANBERRY: HIER. HQ.
    WATKINS: OCEAN AVENUE-ZUBRINGER ZUR AUTOBAHN SPERREN.
    DANBERRY: ALLES KLAR.
    WATKINS: WAS IST MIT DEM MÄDCHEN DER FOSTERS?
    Sam war verblüffte, Shaddacks Namen auf dem Bildschirm zu sehen. Das Alarm hatte offenbar seinen Computer zu Hause aktiviert und möglicherweise auch einen akustischen Alarm ausgelöst und ihn geweckt.
    WATKINS: NOCH AUF FREIEM FUSS.
    SHADDACK: DÜRFEN NICHT RISKIEREN, DASS BOOKER SIE FINDET.
    WATKINS: HABE WACHEN UM DIE GANZE STADT AUFGESTELLT. DIE WERDEN SIE ERWISCHEN, WENN SIE KOMMT.
    SHADDACK: SIE HAT ZUVIEL GESEHEN.
    Sam hatte in Zeitschriften und Zeitungen über Thomas Shaddack gelesen. Der Mann war eine Berühmtheit, das Computergenie des Jahrhunderts, und außerdem sah er irgendwie zwielichtig aus.
    Da ihn dieser enthüllende Dialog so sehr fasziniert hatte, weil er den berühmten Mann und seine gekaufte Polizeitruppe belastete, war Sam die wahre Bedeutung des Gesprächs zwischen Chief Watkins und Danberry nicht sofort aufgegangen: Danberry... Hier. HQ... Ocean-Zubringer zur Autobahn sperren... Alles klar. Jetzt wurde ihm klar, daß Officer Danberry im Hauptquartier war, HQ, und das war das Rathaus, was bedeutete, er würde jeden Augenblick zur Hintertür herauskommen und zu einem der Streifenwagen laufen.
    »Oh, Scheiße.« Sam ergriff die Zünddrähte und zog sie auseinander.
    Der Motor hustete und ging aus, der Bildschirm wurde dunkel.
    Einen Sekundenbruchteil später riß Danberry die Hintertür des Rathauses auf und stürmte auf den Parkplatz.
    Als die Schreie aufhörten, erwachte Tessa aus ihrer Trance des Entsetzens und lief schnurstracks zum Telefon. Die Leitung war immer noch tot.
    Wo war Quinn? Das Büro des Motels war um diese Zeit geschlossen, aber hatte der Manager nicht ein angrenzendes Apartment? Er würde auf den Lärm reagieren. Oder gehörte er zu der wilden Meute im Flur?
    Sie hatten eine Tür aufgebrochen. Sie konnten auch ihre aufbrechen.
    Sie nahm einen der Lehnstühle vom Tisch am Fenster, eilte damit zur Tür, kippte ihn und klemmte ihn unter den Türknauf.
    Sie glaubte nicht mehr, daß sie deshalb hinter ihr her waren, weil sie Janices Schwester war und die Wahrheit aufdecken wollte. Diese Erklärung paßte nicht zum Angriff auf die anderen Gäste, die nichts mit Janice zu tun hatten. Es war verrückt. Sie begriff nicht, was vor sich ging, aber sie verstand die Bedeutung dessen, was sie gehört hatte, nur zu genau: Ein psychopathischer Killer - nein, mehrere, wie man dem Lärm entnehmen konnte, den sie gemacht hatten, ein bizarrer Kult wie die Manson-Family oder noch schlimmer -streifte durch das Motel. Sie hatten bereits zwei Menschen getötet, und sie konnten sie auch töten, und zwar offenbar ausschließlich aus Spaß an der Freude. Sie kam sich vor wie in einem Alptraum.
    Sie rechnete damit, daß die Wände sich durchbiegen und auf die amorphe Weise von Orten in Alpträumen zerfließen würden, aber sie blieben fest, starr und die Farben der Gegenstände waren so leuchtend und klar, daß dies unmöglich ein Alptraum sein konnte.
    Sie zog sich hektisch Socken und Schuhe an, weil es sie nervös machte, barfuß zu sein, wie sie sich zuvor in ihrer Nackheit verwundbar gefühlt hatte - als könnte der Tod durch korrekte Kleidung ferngehalten werden.
    Sie hörte die Stimmen wieder. Aber nicht mehr am Ende des Flurs. Näher bei ihrer eigenen Zimmertür. Sie kamen näher. Sie wünschte sich, die Tür hätte einen Spion gehabt, durch den sie nach draußen sehen konnte, aber es gab keinen.
    Zwischen Tür und Schwelle klaffte jedoch ein zwei Zentimeter breiter Schlitz, daher ließ sich Tessa zu Boden sinken, drückte das Gesicht gegen den Teppich und blinzelte auf den Flur hinaus. Aus dieser Perspektive sah sie etwas so schnell an ihrem Zimmer vorbeihuschen, daß sie es nicht deutlich erkennen konnte, aber sie sah seine Füße, und das veränderte ihre Perspektive der Geschehnisse nachdrücklich. Dies war kein Beispiel menschlicher Mordlust, wie sie schon einmal eines in Nordirland erlebt hatte - und dem sie beinahe zum Opfer gefallen wäre. Dies war statt dessen eine Begegnung mit dem Unbekannten, ein Riß in der Wirklichkeit, ein plötzliches Überwechseln aus der normalen Welt ins Unglaubliche. Es waren ledrige, dunkelhäutige, haarige Füße, breit und flach und verblüffend lang, mit Zehen, die so vorspringend und gelenkig waren, daß sie beinahe die Funkhon von Fingern zu haben schienen.
    Etwas stieß gegen ihre Tür. Fest.
    Tessa sprang auf und aus dem Foyer hinaus.
    Irre Stimmen ertönten auf dem Flur: dieselbe unheimliche Mischung von schrillen Tierlauten, dazwischen atemlos hervorgestoßene gesprochene, jedoch weitgehend zusammenhanglose Worte.
    Sie ging ums Bett herum zum Fenster, löste den Riegel und schob den beweglichen Flügel zur Seite.
    Die Tür erbebte wieder. Das Poltern war so laut, daß sich Tessa wie in einer Trommel fühlte. Dank des Stuhls würde sie nicht so leicht nachgeben wie die Tür des anderen Zimmers, aber sie würde auch nur noch ein paar Stöße aushalten.
    Sie setzte sich auf den Sims, schwang die Beine hinaus und sah nach unten. Der nebelfeuchte Fußweg glänzte im gelblichen Schein der Laternen etwa dreieinhalb Meter unter dem Fenster. Ein leichter Sprung.
    Sie schlugen wieder gegen die Tür. Holz splitterte.
    Tessa stieß sich vom Fenstersims ab. Sie landete auf dem nassen Weg und rutschte zwar, fiel aber aufgrund der gerillten Gummisohlen nicht hin.
    Oben, im Zimmer, aus dem sie geflohen war, splitterte Holz lauter als vorher, belastetes Metall kreischte, als das Schloß nachzugeben begann.
    Sie war nahe beim nördlichen Ende des Gebäudes. Sie glaubte zu sehen, wie sich in dieser Richtung etwas in der Dunkelheit bewegte. Es konnte nichts weiter als ein Nebelschwaden gewesen sein, der vom Wind ostwärts geweht worden war, aber sie wollte kein Risiko eingehen, daher lief sie nach Süden, und das endlos schwarze Meer jenseits des Geländes war rechts von ihr. Als sie das Ende des Gebäudes erreicht hatte, hallte ein Bersten durch die Nacht - die Tür zu ihrem Zimmer brach -, und es folgte das Heulen der Meute, als sie auf der Suche nach ihr eindrang.
    Sam hätte nicht aus dem Auto herausgekonnt, ohne Danber-rys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vier Streifenwagen standen dem Polizisten zur Verfügung, daher hatte Sam eine Chance von fünfundsiebzig Prozent, daß er unentdeckt bleiben würde, wenn er im Auto bliebe. Er glitt, so weit er konnte, auf dem Fahrersitz hinab und lehnte sich nach rechts, über die Computertastatur am Armaturenbrett.
    Danberry ging zum nächsten Auto in der Reihe.
    Sam preßte den Kopf auf die Konsole und verdrehte den Hals, so daß er zum Beifahrerfenster hinaussehen konnte; er beobachtete, wie Danberry die Tür des anderen Streifenwagens auf schloß. Er betete, daß ihm der Polizist auch weiterhin den Rücken zukehren würde, denn das Innere des Autos, in dem Sam lag, wurde vom schwefligen Schein der Parkplatzleuchten erhellt. Wenn Danberry in seine Richtung sähe, würde er Sam entdecken.
    Der Polizist stieg in den Streifenwagen ein und schlug die Tür zu, und Sam seufzte erleichtert. Der Motor sprang an. Danberry fuhr vom Parkplatz. Als er auf der Straße war, jagte er den Motor hoch, die Reifen drehten einen Augenblick durch und quietschten, bevor sie faßten, und dann war er verschwunden.
    Sam wollte das Auto noch einmal kurzschließen und her-ausfinden, ob Watkins und Shaddack immer noch miteinander in Verbindung waren, aber er wußte, er durfte es nicht wagen, noch länger zu bleiben. Wenn die Menschenjagd weiterginge, würden sicher noch mehr Polizisten zum Einsatz kommen.
    Weil er sie nicht wissen lassen wollte, daß er in ihrem Computer spioniert oder ihre Unterhaltung belauscht hatte
    - je ahnungsloser er ihrer Meinung nach war, desto erfolgloser würde ihre Suche sein -, schraubte Sam das Zündschloß wieder mit seinen Werkzeugen in die Lenksäule. Er stieg aus, drückte den Türknopf hinunter und machte die Tür zu.
    Er wollte die Gegend nicht über die Straße verlassen, weil es möglich war, daß ein Streifenwagen von dem einen oder anderen Ende einbiegen und ihn mit den Scheinwerfern anstrahlen würde. Statt dessen lief er schnell über den schmalen Weg am Parkplatz und öffnete eine Tür in einem schmiedeeisernen Zaun. Er kam in den Garten eines etwas heruntergekommenen viktorianischen Hauses, dessen Besitzer das Gestrüpp so hatten verwildern lassen, daß es aussah, als würde eine makaber gezeichnete Familie aus der Feder von Gahan Wilson hier hausen. Er ging leise an der Seite des Hauses vorbei, über den Vorgarten und zum Pacific Drive, einen Block südlich der Ocean Avenue.
    Die Stille der Nacht wurde nicht von Sirenen gestört. Er hörte keine Rufe, keine hastigen Schritte, keine alarmierenden Schreie. Aber er wußte, er hatte eine Bestie mit vielen Köpfen geweckt, und diese unvergleichlich gefährliche Hydra würde nun in der Stadt nach ihm suchen.
    Mike Peyser wußte nicht, was er tun sollte, wußte es nicht, er hatte Angst, war verwirrt und hatte Angst, daher konnte er nicht klar denken, aber er mußte schnell und klar denken, wie ein Mensch, aber der wilde Teil in ihm drängte sich im-mer wieder vor; sein Verstand arbeitete rasch, und er war messerscharf, aber er konnte nicht länger als ein paar Minuten einem zusammenhängenden Gedankengang folgen. Schnelles Denken, blitzschnelles Denken, reicht nicht aus, ein Problem wie dieses zu lösen; er mußte schnell und tiefschürfend denken. Aber seine Konzentration war nicht mehr, was sie einmal gewesen war.
    Als es ihm endlich gelang, mit Schreien aufzuhören und vom Küchenboden aufzustehen, eilte er ins dunkle Eßzimmer, durchs unbeleuchtete Wohnzimmer, durch den kurzen Flur ins Schlafzimmer, dann weiter ins Bad, teilweise auf allen Vieren, erhob sich aber auf die Hinterfüße, als er die Schlafzimmerschwelle überschritten hatte, konnte sich jedoch nicht ganz aufrichten, war aber immerhin flexibel genug, halb aufrecht zu stehen. Im Bad, das nur schwach und leicht flackernd vom Mondlicht erhellt wurde, das durch das kleine Fenster auf den Spiegel des Medizinschränkchens fiel, packte er den Waschbeckenrand und sah in den Spiegel vor dem Medizinschränkchen, wo er nur ein schattenhaftes Spiegelbild von sich erkennen konnte, ohne Einzelheiten.
    Er wollte glauben, daß er tatsächlich wieder in seine natürliche Gestalt zurückgekehrt war, daß das Gefühl, im verwandelten Stadium gefangen zu sein, nur eine Halluzination war, ja, ja, das wollte er glauben, mußte es unbedingt glauben, glauben, obwohl er nicht völlig aufrecht stehen konnte, obwohl er die Unterschiede in seinen unglaublich langfingrigen Händen und der seltsamen Haltung des Kopfes auf den Schultern bemerkte, und nicht zuletzt daran, wie der Rücken sich mit den Hüften vereinte. Er mußte es glauben.
    Mach das Licht an, sagte er sich.
    Er konnte es nicht.
    Mach das Licht an.
    Er hatte Angst.
    Aber er mußte das Licht einschalten und sich ansehen.
    Er umklammerte das Waschbecken und konnte sich nicht bewegen.
    Mach das Licht an.
    Statt dessen beugte er sich zu dem dunklen Spiegel und betrachtete die undeutliche Spiegelung, sah wenig mehr als den bersteinfarbenen Glanz seltsamer Augen.
    Mach das Licht an.
    Er stieß ein dünnes Wimmern von Zorn und Entsetzen aus.
    Shaddack, dachte er plötzlich, Shaddack, er mußte es Shaddack erzählen, vielleicht würde Tom Shaddack wissen, was zu tun war, Shaddack war seine beste Hoffnung, möglicherweise seine einzige Hoffnung, Shaddack.
    Er ließ das Waschbecken los, sank zu Boden, eilte aus dem Bad ins Schlafzimmer, zum Telefon auf dem Nachttisch. Beim Laufen wiederholte er den Namen immer wieder mit einer abwechselnd schrillen und kehligen, schrillen und flüsternden Stimme, als wäre er ein Zauberwort: »Shaddack, Shaddack, Shaddack, Shaddack...«
    Tessa Lockland suchte in einer rund um die Uhr geöffneten Münzwäscherei vier Blocks östlich des Cove Lodge und einen halben Block von der Ocean Avenue entfernt Schutz. Sie wollte an einem hellen Ort sein, und die Reihen der Neonlichter an der Decke ließen keinen Schatten entstehen. Sie war allein in der Wäscherei, saß auf einem zerschrammten gelben Plastikstuhl und starrte die Reihen von Wäschetrockneröffnungen an, als würde das Verstehen durch eine kosmische Quelle zu ihnen kommen, die durch diese gläsernen Kreis e kommunizieren würde.
    Als Dokumentarfilmemacherin mußte sie ein Auge für die Muster des Lebens haben, die einem Film den erzählerischen und visuellen Zusammenhang geben konnten, daher bereitete es ihr keine Mühe, die Muster von Dunkelheit, Tod und unbekannten Kräften in dieser heimgesuchten kleinen Stadt zu erkennen. Die fanatischen Geschöpfe im Hotel wa-ren sicherlich die Ursache der Schreie gewesen, die sie zuvor am Strand gehört hatte, und ihre Schwester war zweifellos von eben diesen Wesen getötet worden, was immer sie, zum Teufel, auch sein mochten. Was in gewisser Weise erklärte, weshalb die Behörden so versessen darauf gewesen waren, daß Marion der Verbrennung von Janices Leichnam zustimmte - nicht weil die sterblichen Überreste vom Meerwasser zerfressen und halb von Fischen verzehrt worden waren, sondern weil die Verbrennung Verletzungen vertuschen half, die bei der unvoreingenommenen Autopsie unbeantwortete Fragen aufgeworfen hätten. Darüber hinaus sah sie Spiegelungen der Korruption der hiesigen Behörden in der äußeren Erscheinung der Ocean Avenue, wo zu viele Schaufenster leer waren und es zu vielen Geschäften schlecht ging, was in einer Stadt, in der Arbeitslosigkeit praktisch nicht existierte, unerklärlich war. Ihr war eine Aura des Ernstes an den Leuten aufgefallen, die sie auf der Straße getroffen hatte, und ebenso eine Hektik und Zielstrebigkeit, die in einer ruhigen nördlichen Küstenstadt, wohin sich das Tohuwabohu des modernen Lebens kaum je verirrte, befremdlich wirkte.
    Aber daß ihr dieses Muster aufgefallen war, bot noch keine Erklärung dafür, warum die Polizei Janices wahre Todesursache verheimlichen wollte. Oder warum die Stadt trotz ihres offensichtlichen Wohlstands in einer wirtschaftlichen Depression zu sein schien. Oder was, in Gottes Namen, diese Alptraumgeschöpfe im Motel gewesen waren. Muster waren Hinweise auf zugrundeliegende Wahrheiten, aber ihre Fähigkeit, sie zu erkennen, bedeutete nicht, daß sie die Antworten finden und die Wahrheit enthüllen könnte, auf die die Muster hindeuteten.
    Sie saß zitternd unter dem Neonlicht und atmete die schwachen Spuren von Waschmitteln, Bleichmitteln, Weichspülern und den abgestandenen Geruch der Kippen in zwei freistehenden, mit Sand gefüllten Aschenbechern ein, während sie zu überlegen versuchte, was sie als nächstes tun sollte. Sie hatte ihre Entschlossenheit, Janices Tod aufzuklären, nicht verloren. Aber sie war nicht mehr so vermessen zu denken, daß sie ganz alleine Detektiv spielen könnte. Sie brauchte Hilfe, und die würde sie wahrscheinlich bei County- oder Staatsbehörden holen müssen.
    Aber zunächst mußte sie einmal mit heiler Haut aus Moonlight Cove hinauskommen.
    Das Auto stand beim Cove Lodge, aber sie wollte nicht dorthin zurückkehren, um es zu holen. Diese... Geschöpfe mochten immer noch dort sein oder es aus den dichten Büschen und Bäumen oder den in der Stadt allgegenwärtigen dunklen Schatten heraus beobachten. Wie Carmel, Kalifornien, das auch an der Küste lag, war Moonlight Cove eine Stadt, die buchstäblich in den Wald am Meer gebaut war. Tessa bewunderte Carmel, weil die Werke von Menschenhand und der Natur so gefällig miteinander verschmolzen waren, wo Geographie und Architektur häufig das Werk ein und desselben Bildhauers zu sein schienen1. Momentan jedoch machten die Üppigkeit und die kunstvollen nächtlichen Schatten Moonlight Cove nicht anmutig und schön; vielmehr schien sich diese Stadt in den dünnsten Mantel der Zivilisation zu hüllen, unter dem etwas Wildes - sogar Urzeitliches - wartete und lauerte. Die Baumhaine und dunklen Straßen waren nicht die Heimat der Schönheit, sondern des Unheimlichen und des Todes. Sie hätte Moon-light Cove wesentlich anziehender gefunden, wenn jede Straße, jede Gasse, jeder Rasen und jeder Park mit demselben Übermaß an Neonlicht erhellt gewesen wäre wie die Wäscherei, in der sie Zuflucht gesucht hatte.
    Vielleicht war die Polizei mittlerweile als Reaktion auf die Schreie und den Aufruhr im Cove Lodge eingetroffen. Aber sie würde sich nicht sicherer fühlen, wenn sie dorthin zurückkehrte, nur weil die Bullen da waren. Die Polizei war Teil des Problems. Sie würden ihr Fragen nach der Ermordung der beiden anderen Gäste stellen. Sie würden herausfinden, daß Janice ihre Schwester gewesen war, und sie brauchte ihnen nicht zu erzählen, daß sie in die Stadt gekommen war, um die Umstände von Janices Tod aufzudek-ken, denn das würden sie auch von selbst vermuten. Wenn sie an einer Verschwörung beteiligt waren, die wahre Natur von Janices Tod zu vertuschen, würden sie wahrscheinlich nicht zögern, sich Tessas auf eine nachdrückliche und endgültige Art und Weise anzunehmen.
    Sie mußte auf das Auto verzichten.
    Aber der Teufel sollte sie holen, wenn sie sich bei Nacht und Nebel aus der Stadt schliche. Sie würde auf der Autobahn vielleicht mitgenommen werden - vielleicht sogar von einem ehrlichen Trucker und nicht von einem mobilen Psychopathen -, aber sie würde zwischen Moonlight Cove und der Straße durch eine dunkle, ländliche Gegend laufen müssen, wo das Risiko, auf weitere dieser mordlüsternen Bestien zu treffen, die die Moteltür eingeschlagen hatten, sicher noch größer war.
    Selbstverständlich hatten sie sie an einem öffentlichen und hell erleuchteten Ort verfolgt. Sie konnte nicht davon ausgehen, daß sie in dieser Wäscherei sicherer war als im dunklen Wald. Wenn die dünne Haut der Zivilisation aufplatzte und das urzeitliche Entsetzen hervorbrach, dann war man nirgendwo sicher, nicht einmal auf den Stufen einer Kirche, wie sie es in Nordirland und anderswo gelernt hatte.
    Dennoch würde sie sich ans Licht halten und die Dunkelheit meiden. Sie war durch eine unsichtbare Wand zwischen der Wirklichkeit, wie sie sie immer gekannte hatte, und einer anderen, feindlicheren Welt getreten. Solange sie in dieser Zwielichtzone blieb, schien es klug, davon auszugehen, daß Schatten noch weniger Sicherheit und Schutz boten als hell erleuchtete Orte.
    Aber damit hatte sie keinen Plan, wie sie vorgehen sollte. Sie konnte nur in der Wäscherei sitzenbleiben und auf den Morgen warten. Bei Tageslicht riskierte sie vielleicht den langen Fußmarsch zur Autobahn.
    Das blanke Glas der Wäschereifenster erwiderte ihren starrenden Blick.
    Ein Herbstfalter stieß leise gegen die Plastikverkleidung der Neonlichter.
    Da sie nicht kühn nach Moonlight Cove hineingehen konnte, wie sie es vorgehabt hatte, verließ Chrissie die Holliwell Road und ging in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Sie blieb im Wald und schlich vorsichtig von Baum zu Baum, wobei sie sich bemühte, jedes Geräusch zu vermeiden, das die Wachtposten unter den Bäumen möglicherweise hätten hören können.
    Nach ein paar Metern, als die Männer sie bestimmt nicht mehr sehen oder hören konnten, schritt sie wackerer aus. Schließlich kam sie zu einem der Häuser an der Landstraße. Das einstöckige Ranchhaus lag hinter einem großen Vorgarten; es wurde von mehreren Pinien und Fichten abgeschirmt und war im schwachen Mondschein kaum auszumachen. Weder drinnen noch draußen brannten Lichter, und alles war still.
    Sie brauchte Zeit zum Nachdenken und mußte aus der kalten, klammen Nacht fortkommen. Sie hoffte, daß keine Hunde auf dem Grundstück waren, und eilte zur Garage, wobei sie sich vom Kiesweg fernhielt, um keinen unnötigen Lärm zu machen. Es gab, wie sie vermutet hatte, neben dem großen Tor, durch das das Auto hinein- und hinausfuhr, noch eine kleine Seitentür. Sie war unverschlossen. Sie trat in die Garage und machte die Tür hinter sich zu.
    »Chrissie Foster, Geheimagentin, drang tapfer und kühn durch eine Seitentür ins Lager des Feindes ein«, sagte sie leise.
    Das Leuchten des untergehenden Mondes drang durch die Scheiben der Tür und durch zwei hohe, schmale Fenster an der Westseite herein, aber es reichte nicht aus, etwas zu erhellen. Sie konnte nur dunkel ein paar Krümmungen von Chrom und Glas sehen, die eben ausreichten, die Anwesenheit von zwei Autos anzudeuten.
    Sie tastete sich mit der Vorsicht einer Blinden zum ersten Fahrzeug, streckte beide Hände vor sich aus und hatte ständig Angst, sie könnte etwas umstoßen. Das Auto war nicht verschlossen. Sie schlüpfte hinter das Lenkrad und ließ die Tür offenstehen, damit das tröstliche Innenlicht anblieb. Sie vermutete, daß, wenn jemand im Haus aufwachte und nach draußen sah, er dieses Licht durchs Garagenfenster sehen konnte, aber dieses Risiko mußte sie eingehen.
    Sie suchte im Handschuhfach, in den Ablagen an den Türen und unter den Sitzen, weil sie hoffte, etwas zu essen zu finden, da viele Leute Schokoriegel oder Erdnüsse oder Kekse im Auto aufbewahrten, damit sie während der Fahrt etA was zu knabbern hatten. Sie hatte zwar am Nachmittag gegessen, als sie in der Vorratskammer eingesperrt gewesen war, aber das war jetzt zehn Stunden her. Ihr Magen knurrte. Sie ging nicht davon aus, daß sie einen Eisbecher mit heißen Früchten oder ein Aspiksandwich finden würde, aber sie hatte sich doch mehr erhofft als einen einzigen Kaugummistreifen und einen grünen Verbandskasten, den sie staubig und schmutzig und voller Teppichfusseln unter dem Sitz hervorgeholt hatte.
    Sie sagte, als würde sie Zeitungsschlagzeilen lesen: HUNGERTOD IM LAND DES ÜBERFLUSSES. EINE MODERNE TRAGÖDIE.
    JUNGES MÄDCHEN TOT IN GARAGE AUFGEFUNDEN. >!CH WOLLTE NUR EIN PAAR ERDNÜSSE<, MIT IHREM EIGENEN BLUT GESCHRIEBEN.
    Im anderen Auto fand sie zwei Schokoriegel mit Mandeln.
    Danke, Gott. Deine Freundin Chrissie.
    Sie schlang den ersten Riegel hinunter, aber den zweiten nahm sie in kleinen Bissen zu sich und ließ ihn auf der Zunge zergehen.
    Beim Essen dachte sie über verschiedene Möglichkeiten nach, wie sie nach Moonlight Cove gelangen könnte. Als sie mit der Schokolade fertig war...
    SCHOKOLADENSÜCHTIGES KLEINES MÄDCHEN STRIBT IN VERLASSENER GARAGE DEN KARIESTOD
    .. .hatte sie sich einen Plan ausgedacht.
    Ihre gewöhnliche Schlafenszeit lag schon Stunden zurück, und sie war erschöpft von den anstrengenden körperlichen Aktivitäten der Nacht, daher wollte sie nur hier im Auto bleiben, den Bauch voll Milchschokolade und Mandeln, und ein paar Stunden schlafen, bevor sie den Plan in die Tat umsetzte. Sie gähnte und glitt den Sitz hinunter. Ihr ganzer Körper schmerzte, ihre Augen waren so schwer, als hätte ein übereifriger Bestattungsunternehmer sie mit Münzen beschwert.
    Die Vorstellung, sie wäre ein Leichnam, war so beunruhigend, daß sie auf der Stelle aus dem Auto ausstieg und die Tür schloß. Wenn sie im Auto einschliefe, würde sie wahrscheinlich erst am anderen Morgen aufwachen, wenn sie jemand fand. Vielleicht waren die Leute, denen die Autos hier in der Garage gehörten, auch verwandelt, wie ihre Eltern, in diesem Fall wäre ihr Untergang besiegelt.
    Draußen zitterte sie im kalten Wind, als sie wieder zur Landstraße ging und sich nach Norden wandte. Sie kam an zwei weiteren stillen und dunklen Häusern vorbei, einem weiteren Waldstück, schließlich kam sie zu einem vierten Haus, ebenfalls ein einstöckiges Gebäude im Rancherstil mit Holzschindeln als Dach und Rotholz-Fachwerk.
    Sie kannte die Leute, die hier wohnten, Mr. und Mrs. Eu-lane. Mrs. Eulane betrieb die Cafeteria in der Schule, Mr. Eu-lane war Gärtner mit vielen Kunden in Moonlight Cove. Mr. Eulane fuhr jeden Morgen sehr früh mit seinem weißen Lieferwagen, auf dessen Ladefläche er Rasenmäher und Hek-kenscheren und Rechen und Schaufeln und Säcke voll Torf und Dünger und alles andere hatte, was ein Gärtner brauchen konnte, in die Stadt; wenn er Mrs. Eulane in der Schule absetzte, waren noch nicht viele Schüler da, danach ging er zu seiner eigenen Arbeit. Chrissie dachte sich, daß sie ein Versteck hinten auf dem Wagen finden könnte, wenn sie sich zwischen Mr. Eulanes Gartengeräten und Vorräten verkroch..
    Der Lieferwagen stand in der Garage der Eulanes, die unverschlossen war, wie die andere auch. Aber dies war schließlich das Land, in dem die Menschen einander noch vertrauten - das war gut, obwohl es außerirdischen Invasoren einen zusätzlichen Vorteil verschaffte.
    Das einzige Fenster war klein und lag an der dem Haus gegenüberliegenden Wand, daher wagte Chrissie es, das Licht einzuschalten, als sie eintrat. Sie kletterte leise an der Seitenklappe des Lastwagens hinauf und kroch zwischen die Gartengeräte, die in den beiden hinteren Dritteln der Ladefläche, bei der Heckklappe, verstaut waren. Weiter vorne, an der Rückwand des Führerhauses, befand sich zwischen Fünfzig-Pfund-Säcken Kunstdünger, Schneckenkorn und Blumenerde ein fast einen Meter hoher Stapel zusammengelegter Jutesäcke, in denen Mr. Eulane gemähtes Gras verpackte, das zur Müllkippe mußte. Sie konnte ein paar Säcke als Matratzen und andere als Zudecke benützen und sich bis zum Morgen hinlegen, und sie konnte bis Moonlight Cove zwischen den Säcken und dem Kunstdünger versteckt bleiben.
    Sie kletterte von dem Lieferwagen herunter, schaltete das Garagenlicht aus, dann tastete sie sich durch die Dunkelheit und kletterte vorsichtig wieder hinauf. Sie machte sich ein Nest in den Säcken. Die Jute kratzte etwas. Nachdem jahrelang frisch gemähtes Gras darin transportiert worden war, hatten sie den Geruch angenommen, was anfangs schön war, aber rasch stören würde. Aber wenigstens bewahrten die Sackschichten ihre Körperwärme, so daß es ihr nach wenigen Minuten zum ersten Mal in dieser Nacht richtig warm war.
    Im Schutze der Dunkelheit, (dachte sie), verbarg sich die junge Chrissie, die ihren verräterischen Menschengeruch mit dem Geruch von Gras verdeckte, der in den Jutesäcken hing, auf schlaue Weise vor den Außerirdischen - oder gar Werwölfen -, deren Geruchssinn fast so gut wie der von Bluthunden war.
    Sam suchte vorübergehend Schutz auf dem unbeleuchteten Spielplatz der Thomas Jefferson Grundschule in der Palomi-ne Street im südlichen Teil der Stadt. Er saß auf einer Schaukel, hielt sich mit beiden Händen an den Ketten fest und schaukelte sogar tatsächlich ein wenig, während er über seine Möglichkeiten nachdachte.
    Er konnte Moonlight Cove nicht mit dem Auto verlassen. Sein Mietwagen stand beim Motel, wo er festgenommen werden würde, wenn er sich zeigte. Er hätte ein Auto stehlen können, aber er erinnerte sich an die Unterhaltung per Computer, als Loman Watkins Danberry befohlen hatte, die Ocean Avenue zwischen der Stadt und dem Autobahnzubringer abzusperren. Sie würden jede Fluchtmöglichkeit abgeriegelt haben.
    Er konnte über Nebenstraßen fahren, sich Schritt für Schritt zur Stadtgrenze und dann durch Wald und Feld zur Autobahn vorarbeiten. Aber Watkins hatte auch gesagt, daß er Wachen um die ganze Stadt herum auf gestellt hatte, um die >Tochter der Fosters< zu erwischen. Sam vertraute zwar auf seine Instinkte und die Fähigkeit zu überleben, aber er hatte seit dem Krieg vor zwanzig Jahren keinerlei Erfahrung mehr mit Fluchtmaßnahmen in offenem Gelände gehabt. Wenn Wachen um die Stadt herum standen, um das Mädchen abzufangen, würde Sam wahrscheinlich einer direkt in die Arme laufen.
    Er war zwar bereit, sich erwischen zu lassen, aber er durfte ihnen erst in die Hände fallen, wenn er einen Anruf zum Bureau durchbekommen hatte, um zu berichten und um Verstärkung zu bitten. Wenn er zu einer weiteren Zahl in der Statistik dieser Unfalltod-Hauptstadt der Welt würde, würde das FBI an seiner Stelle neue Männer schicken, und schlußendlich würde die Wahrheit ans Licht kommen, aber möglicherweise zu spät.
    Während er im rasch dünner werdenden Nebel und weitgehend vom Wind angestoßen sanft hin und her schwang, dachte er über diese Pläne nach, die er auf dem Bildschirm gesehen hatte. Innerhalb der nächsten dreiundzwanzig Stunden sollte jeder in der Stadt >verwandelt< werden. Obwohl er keine Ahnung hatte, in was die Menschen verwandelt werden sollten, gefiel ihm das Wort nicht. Und er hatte das Gsfühl, wenn die Pläne erfüllt wären und jeder in Moonlight Cove verwandelt worden wäre, würde es nicht leichter sein, das Rätsel zu lösen, als eine unendliche Zahl laserverschweißter, nach Art eines chinesischen Puzzles zusammengesetzter Titankisten aufzubrechen.
    Okay, als erstes müßte er also ein Telefon finden und das FBI anrufen. Die Telefone in Moonlight Cove wurden überwacht, aber es war ihm einerlei, ob der Anruf bei der Computerroutineuntersuchung entdeckt oder sogar Wort für Wort aufgezeichnet werden würde. Er brauchte nur dreißig Sekunden oder eine Minute Zeit, um mit dem Bureau zu sprechen, dann würde zahlenmäßig starke Hilfe geschickt werden. Dann mußte er nur noch in Bewegung bleiben und die Polizei ein paar Stunden abhängen, bis die Agenten einträfen.
    Er konnte nicht einfach zu einem Haus gehen und jemanden fragen, ob er einmal telefonieren könnte, weil er nicht wußte, wem er trauen könnte. Morris Stein hatte gesagt, wenn man einen oder zwei Tage in der Stadt wäre, bekäme man das paranoide Gefühl, daß einen überall Augen ansähen und der große Bruder nur eine Armeslänge entfernt wäre. Sam hatte dieses Stadium der Paranoia in nur wenigen Stunden erreicht und bewegte sich rasch darüber hinaus in einen Zustand ständiger nervlicher Anspannung und unablässigen Argwohns, wie er ihn seit den Tagen des Dschungelkriegs vor zwanzig Jahren nicht mehr erlebt hatte.
    Eine öffentliche Telefonzelle. Aber nicht die bei der ShellTankstelle, wo er schon einmal telefoniert hatte. Ein Mann, der gesucht wurde, wäre närrisch, noch einmal einen Ort aufzusuchen, an dem er bekanntermaßen schon einmal gewesen war.
    Er erinnerte sich nach seinem Rundgang durch die Stadt an eine oder zwei weitere Telefonzellen. Er stand von der Schaukel auf, steckte die Hände in die Jackentaschen, beugte die Schultern gegen den kalten Wind und ging über den Schulhof zur angrenzenden Straße.
    Er dachte an die Foster-Tochter, von der Shaddack und Watkins per Computer gesprochen hatten. Wer war sie? Was hatte sie gesehen? Er vermutete, daß sie ein Schlüssel war, diese Verschwörung zu verstehen. Was sie gesehen hatte, konnte möglicherweise erklären, was mit >verwan-deln< gemeint war.
    Die Wände schienen zu bluten. Rote Flüssigkeit floß in zahlreichen Strömen, als würde sie aus dem Verputz quellen, über die gelbe Farbe.
    Loman Watkins, der in dem im zweiten Stock gelegenen Zimmer des Cove Lodge stand, war entsetzt... aber gleichzeitig seltsam erregt.
    Der gräßlich zerbissene und zerfetzte Leichnam des Mannes lag in der Nähe des zerwühlten Bettes. Die tote Frau, die in einem noch schlimmeren Zustand war, lag außerhalb des Zimmers im Flur, eine scharlachrote Masse auf dem orangefarbenen Teppich.
    Die Luft stank nach Blut, Erbrochenem, Fäkalien, Urin -eine Mischung von Gerüchen, die Loman immer besser kannte, da die Opfer der Regressiven Woche für Woche, Tag für Tag immer häufiger auftauchten. Aber diesesmal spürte er, wie noch nie vorher, etwas ungemein Anziehendes unter der beißenden Oberfläche des Gestanks. Er atmete tief ein, war aber nicht sicher, warum ihn dieses furchtbare Gemetzel so faszinierte. Aber er konnte die Faszination nicht leugnen - und ihr auch nicht widerstehen, ebensowenig wie ein Hund dem Geruch des Fuchses widerstehen kann. Obwohl er sich dem verlockenden Geruch nicht widersetzen konnte, machte ihm seine Reaktion darauf Angst, und das Blut in seinen Adern schien immer kälter zu werden, je mehr Lust er an dem biologischen Ge -stank empfand.
    Barry Sholnick, der Beamte, den Loman via Computer ins Cove Lodge geschickt hatte, damit er Samuel Booker festnähme, und der anstelle des FBI-Agenten dieses Gemetzel vorgefunden hatte, stand jetzt am Fenster in der Ecke und betrachtete den Toten eingehend. Er war schon lange im Motel, länger als alle anderen, und betrachtete das Opfer inzwischen mit der Gleichgültigkeit, die Polizisten kultivieren mußten, als wären zerfetzte und verstümmelte Leichen am Schauplatz nicht bedeutender als die Möbelstücke. Und doch konnte Sholnick den Blick nicht von dem zerstückelten Leichnam, dem blutverschmierten Wrack und den blutbespritzten Wänden abwenden.
    Wir verabscheuen, was aus den Regressiven geworden ist und was sie tun, dachte Loman, aber auf eine kranke Weise beneiden wir sie auch um ihre unvergleichliche Freiheit.
    Etwas in ihm - und er vermutete, in allen Neuen Menschen - schrie danach, sich zu den Regressiven zu gesellen. Loman verspürte, wie schon vor dem Haus der Fosters, den Wunsch, die neue Kontrolle über seinen Körper nicht dazu zu benützen, sich höher zu entwickeln, wie Shaddack das beabsichtigt hatte, sondern um in ein wildes Stadium zurückzusinken. Er sehnte sich danach, auf eine Bewußtseinsebene hinabzusinken, auf der ihn keine Gedanken über Sinn und Zweck des Lebens quälen würden, auf der intellektuelle Herausforderungen nicht existierten, auf der er ein Geschöpf sein würde, dessen Existenz fast ausschließlich vom Empfinden geprägt sein würde, auf der jede Entscheidung einzig und allein auf der Basis getroffen werden würde, ob sie ihm Vergnügen bereitete, eine von komplizierten Gedankengängen freie Ebene. O Gott, von der Last der Zivilisation und Intelligenz befreit zu sein!
    Sholnick gab tief in der Kehle ein Knurren von sich.
    Loman sah von dem Toten auf.
    Ein wildes Licht brannte in Sholnicks Augen.
    Bin ich so blaß wie er? fragte sich Loman. Ebenso hohläugig und seltsam?
    Sholnick hielt dem Blick seines Chefs einen Moment stand, dann wandte er sich ab, als wäre er bei einer beschämenden Tat ertappt worden.
    Lomans Herz schlug heftig.
    Der dunkle, anziehende Geruch. Der Geruch der Jagd, des Tötens.
    Er wandte sich von der Leiche ab und ging auf den Flur hinaus, aber dort lag der Leichnam der Frau - zerfetzt, verstümmelt, nackt -, und auch da fand er keine Erleichterung. Bob Trott, der erst vor kurzem zur Truppe gestoßen war, als das Personal vor einer Woche auf zwölf erhöht worden war, stand über dem verwüsteten Leichnam. Er war ein großer Mann, acht Zentimeter größer und dreißig Pfund schwerer als Loman, mit einem Gesicht voll schroffer Flächen und scharfer Kanten. Er sah mit einem schwachen, unheiligen Lächeln auf den Kadaver hinab.
    Erhitzt, mit verschwimmender Sicht und Augen, die im grellen Neonlicht schmerzten, sagte Loman schrill: »Trott, kommen Sie mit mir.« Er ging den Flur entlang zum anderen Zimmer, in das eingebrochen worden war. Trott folgte ihm mit offensichtlichem Widerwillen.
    Als Loman die eingeschlagene Tür dieses Zimmers erreichte, tauchte Paul Amberlay, ein weiterer seiner Beamten, an der Nordtreppe auf. Er kam vom Büro der Motels zurück, wohin Loman ihn geschickt hatte, damit er das Gästebuch studierte. »Das Paar in Zimmer vierundzwanzig hieß Jenks, Sarah und Charles«, berichtete Amberlay. Er war fünfundzwanzig, hager und sehnig und intelligent. Da das Gesicht des jungen Beamten spitz zulief und die Augen tief in den Höhlen lagen, hatte er Loman immer an einen Fuchs erinnert. »Sie sind aus Portland.«
    »Und hier in sechsunddreißig?«
    »Tessa Lockland aus San Diego.«
    Loman blinzelte. »Lockland?«
    Amberlay buchstabierte.
    »Wann hat sie sich eingetragen?«
    »Erst heute abend.«
    »Janice Capshaw, die Frau des Priesters«, sagte Loman. »Ihr Mädchenname war Lockland. Ich mußte mich am Telefon mit ihrer Mutter herumärgern, und die war in San Diego. Lästige alte Schlampe. Eine Million Fragen. Ich hatte Mühe, sie zu einer Einäscherung zu überreden. Sie sagte, ihre andere Tochter wäre außer Landes, irgendwo total weit weg, könnte nicht erreicht werden, würde aber innerhalb eines Monats herkommen, um das Haus zu räumen und Mrs. Capshaws Angelegenheiten zu regeln. Ich schätze, das ist sie.«
    Loman führte sie in Tessa Locklands Zimmer, zwei Türen von Zimmer vierzig entfernt, in dem Booker wohnte. Wind heulte durch das offene Fenster. Zertrümmerte Möbel, zer-rissene Bettwäsche und Glas von einem zerschmetterten Fernseher lagen überall verstreut; aber kein Blut. Sie hatten das Zimmer schon nach einer Leiche durchsucht, aber keine gefunden; das offene Fenster deutete darauf hin, daß die Bewohnerin geflohen war, bevor die Regressiven die Tür eingeschlagen hatten.
    »Booker ist also da draußen«, sagte Loman. »Und wir müssen davon ausgehen, daß er die Regressiven gesehen oder beim Töten gehört hat. Er weiß, daß hier etwas nicht stimmt. Er versteht es nicht, aber er weiß genug... zuviel.«
    »Wir müssen davon ausgehen, daß er sich den Arsch aufreißt, um das verdammte FBI anzurufen«, sagte Trott.
    Loman stimmte zu. »Und jetzt haben wir auch noch diese Schlampe Lockland, die wahrscheinlich denken wird, daß ihre Schwester gar keinen Selbstmord begangen hat, daß sie von denselben Wesen getötet wurde, die das Paar aus Portland umgebracht haben... «
    »Dann wäre es logisch«, sagte Amberlay, »daß sie direkt zu uns kommt, zur Polizei. Sie wird uns einfach in die Arme laufen.«
    »Vielleicht«, sagte Loman ohne Überzeugung. Er fing an, die Trümmer zu durchsuchen. »Helft mir, ihre Handtasche zu finden. Da sie ihre Tür einschlagen wollten, wird sie aus dem Zimmer geflohen sein, ohne ihre Handtasche mitzunehmen.«
    Sie fanden sie eingeklemmt zwischen dem Bett und einem Nachttisch.
    Loman kippte den Inhalt auf die Matratze. Er ergriff die Brieftasche, blätterte die Plastikhüllen mit den Kreditkarten und Fotos durch, bis er ihren Führerschein gefunden hatte. Laut Daten des Führerscheins war sie dreiunddreißig, wog zweiundfünfzig Kilo, blond und blauäugig. Loman hielt den Ausweis hoch, damit Trott und Amberlay das Foto sehen konnten.
    »Sieht gut aus«, sagte Amberlay.
    »Davon hätte ich gerne einen Bissen«, sagte Trott.
    Die Wortwahl seines Beamten verschaffte Loman eine Gänsehaut. Er fragte sich, ob Trott den >Bissen< als anderes Wort für Sex gebraucht hatte, oder ob er ein sehr reales unterbewußtes Verlangen ausdrückte, die Frau zu zerfetzen, wie die Regressiven das Paar aus Schottland zerfetzt hatten.
    »Wir wissen, wie sie aussieht«, sagte Loman. »Das hilft uns weiter.«
    Trotts schroffe, scharfgeschnittene Gesichtszüge waren nicht geschaffen, zärtliche Gefühle wie Liebe oder Hingabe auszudrücken, aber sie waren vollkommen angemessen für die animalische Gier und den Drang zur Gewalt, der tief in ihm brodelte. »Möchten Sie, daß wir sie festnehmen?«
    »Ja. Sie weiß im Grunde genommen nichts, aber andererseits weiß sie zuviel. Sie weiß, daß das Paar hier im Flur getötet wurde, und sie hat möglicherweise einen Regressiven gesehen.«
    »Vielleicht haben die Regressiven sie durch das Fenster verfolgt und erwischt«, sagte Amberlay. »Vielleicht finden wir ihre Leiche irgendwo draußen auf dem Motelgelände.«
    »Könnte sein«, sagte Loman. »Aber wenn nicht, müssen wir sie finden und festnehmen. Haben Sie Callan verständigt?«
    »Ja«, sagte Amberlay.
    »Wir müssen hier saubermachen«, sagte Loman. »Wir müssen bis Mittwoch alles geheimhalten. Wenn alle die Verwandlung hinter sich haben, wenn Moonlight Cove sicher ist, können wir uns darauf konzentrieren, die Regressiven aufzuspüren und zu eleminieren.«
    Trott und Amberlay sahen Loman in die Augen, dann einander an. In den Blicken, die sie miteinander wechselten, sah Loman die dunkle Erkenntnis, daß sie alle potentielle Regressive waren, daß auch sie den Ruf nach dem unbelasteten primitiven Stadium verspürten. Das war ein Wissen, das keiner auszusprechen wagte, denn das hätte das Eingeständnis bedeutet, daß Moonhawk ein Projekt voller Fehler war, das sie alle zum Untergang verurteilte.
    Mike Peyser hörte das Freizeichen und mühte sich mit den Knöpfen ab, die für seine langen, zinkenähnlichen Finger zu klein und zu dicht nebeneinander lagen. Plötzlich wurde ihm klar, daß er Shaddack nicht anrufen konnte, daß er nicht wagen würde, Shaddack anzurufen, obwohl sie einander schon seit über zwanzig Jahren kannten, seit sie an der Stanfort Universität studiert hatten, er konnte Shaddack nicht anrufen, obwohl Shaddack ihn zu dem gemacht hatte, was er war, weil Shaddack ihn jetzt als Außenseiter betrachten würde, als Regressiven und Shaddack würde ihn in einem Labor einsperren und ihn mit der Zärtlichkeit behandeln, die der Vivisektionist einer weißen Ratte vorbehielt, oder aber er würde ihn vernichten, weil er eine Gefahr für die stattfindende Verwandlung von Moonlight Cove war. Peyser kreischte vor Frustration. Er riß das Telefon aus der Wand und warf es durchs Zimmer, wo es den Ankleidespie -gel traf und zerschmetterte.
    Seine plötzliche Erkenntnis, daß Shaddack mehr ein mächtiger Gegner als ein Freund und Mentor war, war der letzte völlig klare und rationelle Gedanke, den Peyser eine ganze Weile hatte. Seine Angst war eine Falltür, die sich unter ihm auftat und ins Dunkel des vorzeitlichen Verstandes fallenließ, den er des Vergnügens einer nächtlichen Jagd wegen freigesetzt hatte. Er ging hin und her durchs Haus, manchmal hektisch, manchmal verstohlen schleichend, aber ohne zu wissen, warum er abwechselnd aufgeregt, deprimiert oder von verzehrenden Bedürfnissen erfüllt war und mehr von seinen Gefühlen als von seinem Verstand geleitet war.
    Er erleichterte sich in einer Ecke das Wohnzimmers, schnupperte an seinem eigenen Urin und ging dann in die Küche, um noch mehr Eßbares zu suchen. Hin und wieder klärte sich sein Denken, und er versuchte, seinen Körper in seine zivilisiertere Gestalt zurückzurufen, aber wenn seine Zellen dem Willen nicht gehorchten, versank er wieder im Dunkel tierischer Gedanken. Er war einige Male klar genug, die Ironie zu erkennen, daß er von einem Prozeß, der ihn zum Übermenschen hätte machen sollen, zum Wilden gemacht worden war; aber diese Richtung seiner Gedanken war so finster, daß er sie nicht ertragen konnte, wodurch das neuerliche Absinken in den wilden Bewußtseinszustand fast willkommen war.
    Sowohl im Griff des primitiven Bewußtseins, wie auch dann, wenn sich die Wolken von seinem Verstand zurückzogen, dachte er wiederholt an den Jungen, Eddie Valdoski, den Jungen, den zarten Jungen, und er erregte sich an der Erinnerung an Blut, süßes Blut, frisches Blut, das in der kalten Nachtluft dampfte.
    Obwohl sie körperlich und geistig erschöpft war, konnte Chrissie nicht schlafen. Sie hing zwischen den Jutesäcken auf Mr. Eulanes Lieferwagen am dünnen Seil des Wachseins und wollte nichts mehr, als loslassen und in Bewußtlosigkeit fallen.
    Sie fühlte sich unvollständig, als wäre etwas unterlassen worden - und plötzlich weinte sie. Vergrub das Gesicht in der wohlriechenden und leicht kratzenden Jute und weinte, wie sie es seit Jahren nicht mehr getan hatte, so herzzerreißend wie ein Baby. Sie weinte um ihre Mutter und ihren Vater, die sie vielleicht für immer verloren hatte, und die nicht sauber vom Tod geholt worden waren, sondern von etwas Verderbtem, Schmutzigem, Unmenschlichem, Satanischem. Sie weinte um die Jugend, die sie hätte haben können - Pferde und Wiesen am Meer und Bücher, die sie am Strand lesen konnte - und die wahrscheinlich für immer dahin war. Sie weinte auch über einen Verlust, den sie verspürte, aber nicht bezeichnen konnte, doch sie vermutete, es wäre Unschuld oder vielleicht der Glaube, daß das Gute über das Böse triumphierte.
    Keine der Heldinnen aus Büchern, die sie kannte, hätte so unbeherrscht geschluchzt, und Chrissie schämte sich ihrer Tränenflut. Aber weinen war ebenso menschlich wie irren, und vielleicht mußte sie sich zum Teil wenigstens beweisen, daß sie in keine Saat des Bösen gepflanzt worden war, wie sie in ihren Eltern gekeimt und Wurzeln entwickelt hatte. Wenn sie weinte, war sie noch Chrissie. Daß sie weinen konnte, war der Beweis - niemand hatte ihre Seele gestohlen. Sie schlief.
    Sam hatte an einer Union 76-Tankstelle einen Block nördlich der Ocean noch eine Telefonzelle gesehen. Die Tankstelle war aufgegeben worden. Die Fenster waren staubig, in einem hing ein hastig gemaltes Schild ZU VERKAUFEN, als wäre es dem Besitzer im Grunde genommen einerlei, ob die Anlage verkauft würde oder nicht, als hätte er das Schild nur geschrieben, weil es von ihm erwartet wurde. Trockene, abgefallene Blätter und verdorrte Piniennadeln von den umstehenden Bäumen waren an die Zapfsäulen geweht worden und lagen dort wie Schneeverwehungen.
    Die Telefonzelle stand an der Südwand des Gebäudes und war von der Straße her einsichtig. Sam trat ein, zog aber die Tür nicht zu, weil er fürchtete, einen Stromkreis zu schließen, der das Licht einschalten und ihn damit für vorbeikommende Polizisten sichtbar machen würde.
    Die Leitung war tot. Er warf einen Münze ein und hoffte, das würde das Freizeichen aktivieren. Die Leitung blieb tot.
    Er spielte an der Gabel, in der der Hörer hing. Seine Münze kam wieder heraus.
    Er versuchte es noch einmal, vergeblich.
    Er glaubte, daß Telefonzellen auf dem Gelände von Tankstellen oder privaten Geschäften manchmal gemeinschaftlich geführt wurden, wobei sich die Telefongesellschaft und der Unternehmer, der die Zelle auf seinem Grundstück zuließ, den Gewinn teilten. Vielleicht hatten sie das Telefon abgestellt, als die Union 76 zugemacht hatte.
    Aber er vermutete, daß die Polizei ihren Computerkontakt zur Telefongesellschaft dazu benützt hatte, alle Münzfernsprecher in Moolight Cove lahmzulegen. In dem Augenblick, als sie erfahren hatten, daß ein Agent des FBI unerkannt in der Stadt weilte, hatten sie extreme Maßnahmen ergreifen müssen, um zu verhindern, daß er mit der Außenwelt Verbindung aufnähme.
    Vielleicht überschätzte er ihre Fähigkeiten aber auch. Er mußte noch ein Telefon ausprobieren, ehe er die Hoffnung aufgab, Kontakt mit dem Bureau zu bekommen. Beim Spazierengehen nach dem Essen war er an einer Münzwäscherei vorbeigekommen, die einen halben Block nördlich der Ocean Avenue und zwei Blocks westlich der Union 76 lag. Er war ziemlich sicher, daß er ein Telefon darin gesehen hatte, als er durch die Scheibe gespäht hatte - an der rückwärtigen Wand, im Anschluß an eine Reihe von Edelstahltrocknern im Industrieformat.
    Er verließ die Union 76. Er hielt sich, soweit es ging, fern von den Straßenlaternen - die die Seitenstraßen nur am ersten Block nördlich und südlich der Ocean Avenue erhellten
    - und ging durch dunkle Gassen, wenn er konnte. Er schlich durch die dunkle Stadt zu der Stelle, wo sich die Wäscherei seiner Erinnerung zufolge befand. Er wünschte sich, der Wind würde aufhören und einen Rest des zunehmend dünner werdenden Nebels zurücklassen.
    An einer Kreuzung einen Block nördlich der Ocean und einen halben Block von der Wäscherei entfernt, lief er beinahe direkte vor einen Polizisten, der nach Süden Richtung Stadtmitte fuhr. Der Streifenwagen war einen halben Block von der Kreuzung entfernt, fuhr langsam und beobachtete beide Straßenseiten. Zum Glück sah er gerade in die andere Richtung, als Sam in den unvermeidbaren Lichtschein der Lampe an der Straßenecke trat.
    Sam hastete rückwärts und drückte sich in den dunklen Schatten im tiefen Eingang eines dreigeschossigen Hauses, in dem einige der Selbständigen der Stadt untergebracht waren: Ein Schild links von der Tür listete einen Zahnarzt, zwei Anwälte, einen praktischen Arzt und einen Chiropraktiker auf. Wenn der Streifenwagen an der Kreuzung links einböge und an ihm vorbeiführe, würde er wahrscheinlich entdeckt werden. Aber wenn er geradeaus weiter zur Ocean führe oder rechts abböge und sich nach Westen wandte, würde er unbemerkt bleiben.
    Er drückte sich gegen die verschlossene Tür, so weit er konnte, in den Schatten, und wartete, bis das nervtötend langsame Auto die Kreuzung erreichte; und das hatte Sam einen Moment Zeit zum Nachdenken und stellte fest, daß Moonlight Cove selbst für halb zwei Uhr morgens ungewöhnlich still und die Straßen seltsam verlassen waren. In Kleinstädten gab es sicher ebenso wie in Großstädten Nachtschwärmer, es hätten ein oder zwei Fußgänger unterwegs sein sollen, hin und wieder ein Auto, irgendein Anzeichen von Leben, abgesehen von einem Streifenwagen.
    An der Kreuzung bog der schwarzweiße Wagen rechts ab und fuhr nach Westen, weg von ihm.
    Obwohl die Gefahr vorbei war, blieb Sam in dem dunklen Eingang stehen und verfolgte im Geiste seinen Weg vom Cove Lodge zum Rathaus, von dort zur Union 76 und schließlich bis zu seiner mo mentanen Position. Er konnte sich nicht erinnern, daß er an einem Haus vorbeigekommen wäre, in dem Musik spielte, ein Fernseher lief oder Gelächter von Menschen auf eine Party hindeutete. Er hatte keine jungen Leute gesehen, die sich in parkenden Autos einen letzten Kuß gaben. Die wenigen Restaurants und Gasthäuser waren offenbar geschlossen, das Kino hatte dichtgemacht, und, abgesehen von ihm und der Polizei, hätte Moonlight Cove eine Geisterstadt sein können. Die Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Küchen hätten nur von verwesenden Leichen bevölkert sein können - oder von Robotern, die tagsüber für Menschen galten und nachts aus Gründen der Energieersparnis abgeschaltet wurden, wenn es nicht notwendig war, die Illusion von Leben aufrechtzuerhalten.
    Das Wort >Verwandlung< beunruhigte ihn zunehmend mehr, ebenso wie seine geheimnisvolle Bedeutung im Zusammenhang mit dem Projekt Moonhawk, als er aus dem Eingang trat, um die Ecke bog und die hell erleuchtete Straße entlang zur Wäscherei lief. Er sah das Telefon, als er die Glastür aufstieß.
    Er eilte halb durch den langen Raum - rechts Trockner, eine Doppelreihe Waschmaschinen Rücken an Rücken in der Mitte, ein paar Stühle am Ende der Reihe, weitere Stühle an der linken Wand, zusammen mit Süßigkeitenautomaten und Waschmittelspendern und einem Tisch, um Wäsche zusammenzulegen -, bis er bemerkte, daß die Wäscherei gar nicht verlassen war. Eine kleine Blondine in verblichenen Jeans und einem blauen Pullover saß auf einem der gelben Plastikstühle. Keine Waschmaschine und kein Trockner lief, und die Frau schien keinen Wäschekorb bei sich zu haben.
    Sie verblüffte ihn so sehr - eine lebende Person, ein lebender Mensch in dieser grabesstillen Nacht -, daß er stehenblieb und blinzelte.
    Sie kauerte auf dem Rand des Stuhls und war augenscheinlich nervös. Ihre Augen waren aufgerissen. Sie hatte die Hände im Schoß verkrampft. Sie schien den Atem anzuhalten.
    Als ihm klar wurde, daß er ihr Angst machte, sagte Sam: »Tut mir leid.«
    Sie sah ihn an, als wäre sie ein Kaninchen, das sich dem Fuchs gegenübersieht.
    Als ihm bewußt wurde, daß er wild dreinblicken mußte, vielleicht sogar panisch wirkte, fügte er hinzu: »Ich bin nicht gefährlich.«
    »Das sagen sie alle.«
    »Tatsächlich?«
    »Aber ich bin es.«
    Er sagte verwirrt: »Was sind Sie?«
    »Gefährlich.«
    »Wirklich?«
    Sie stand auf. »Ich habe den schwarzen Gürtel.«
    Zum ersten Mal seit Tagen huschte ein aufrichtiges Lächeln über Sams Gesicht. »Können Sie mit bloßen Händen töten?«
    Sie sah ihn einen Augenblick blaß und zitternd an. Als sie schließlich sprach, war ihr gekränkter Zorn exzessiv. »He, machen Sie sich nicht über mich lustig, Arschloch, sonst schlage ich Sie zusammen, daß Sie sich beim Laufen wie ein Sack Bruchglas anhören.«
    Von ihrer Heftigkeit überrascht, nahm Sam allmählich die Einzelheiten in sich auf, die ihm beim Eintreten aufgefallen waren. Keine Waschmaschinen oder Trockner in Betrieb. Kein Waschkorb. Kein Waschmittelkarton und keine Weichspülerflasche.
    »Was stimmt nicht?« fragte er plötzlich argwöhnisch.
    »Nichts, wenn Sie mir vom Leibe bleiben.«
    Er fragte sich, ob sie wußte, daß die hiesige Polizei scharf darauf war, ihn zu erwischen. Aber das schien verrückt. Woher sollte sie es wissen? »Was haben Sie hier zu suchen, wenn Sie nichts zu waschen haben?«
    »Was geht Sie das an? Gehörte Ihnen diese Klitsche?« wollte sie wissen.
    »Nein. Und erzählen Sie mir nicht, daß sie Ihnen gehört.«
    Sie sah ihn böse an.
    Er betrachtete sie und merkte erst allmählich, wie attraktiv sie war. Ihre Augen waren so leuchtend blau wie ein Junihimmel, ihre Haut so rein wie Frühlingsluft, und sie schien an dieser dunklen Oktoberküste völlig fehl am Platze zu sein, geschweige denn in einer schäbigen Wäscherei um ein Uhr dreißig am Morgen. Als ihm ihre Schönheit endlich völlig zu Bewußtsein gekommen war, fielen ihm auch andere Dinge auf, auch das Ausmaß ihrer Angst, das sich in ihren Augen, den Linien um sie herum und an ihrem Mund zeigte. Es war eine Angst, die größer war als jede mögliche Bedrohung, die von ihm ausgehen konnte. Wäre er ein zwei Meter großer, hundertfünfzig Kilo schwerer, tätowierter Rocker mit einem Revolver in einer und einem zehn Zoll langen Dolch in der anderen Hand und wäre er Psalmen an Satan singend in die Wäscherei gestürzt, dann wären ihr blutleeres Gesicht und das Entsetzen in ihren Augen verständlich gewesen. Aber er war nur Sam Booker, dessen größter Vorteil als Agent sein durch und durch normales Äußeres war, sowie seine Aura der Harmlosigkeit.
    Da ihn ihre Angst nervös machte, sagte er: »Das Telefon.«
    »Was?«
    Er deutete auf den Münzfernsprecher.
    »Ja«, sagte sie, als wollte sie bestätigen, daß es sich tatsächlich um ein Telefon handelte.
    »Ich wollte nur telefonieren.«
    »Oh.«
    Er behielt sie im Auge, während er zum Telefon ging, seine Münze einwarf, aber kein Freizeichen bekam. Er holte die Münze wieder heraus und versuchte es noch einmal. Nichts.
    »Verdammt!« sagte er.
    Die Blondine war zur Tür geschlichen. Sie blieb stehen, als erwartete sie, daß er sich auf sie stürzen und sie niederzerren würde, wenn sie versuchte, die Wäscherei zu verlas -sen.
    Moonlight Cove erzeugte in Sam eine übermächtige Paranoia. Er betrachtete seit ein paar Stunden jeden Menschen in der Stadt als potentiellen Gegner. Und plötzlich wurde ihm klar, daß das seltsame Verhalten dieser Frau auf dieselbe Geisteshaltung wie seine zurückzuführen war. »Ja, natürlich, Sie sind nicht von hier, nicht aus Moonlight Cove?«
    »Und?«
    »Ich auch nicht.«
    »Und?«
    »Und Sie haben etwas gesehen.«
    Sie starrte ihn an.
    Er sagte: »Etwas ist geschehen, Sie haben etwas gesehen, und Sie haben Angst, und ich wette, dazu haben Sie verdammt guten Grund.«
    Sie sah aus, als wollte sie zur Tür stürzen.
    »Warten Sie«, sagte er hastig. »Ich bin vom FBI.« Seine Stimme krächzte ein wenig. »Wirklich.«
    Weil er ein Nachtmensch war und es immer vorgezogen hatte, tagsüber zu schlafen, befand sich Thomas Shaddack in seinem teakholzgetäfelten Arbeitszimmer, trug einen grauen Jogginganzug und arbeitete am Computer an einem Aspekt des Projekts Moonhawk, als Evan, sein Nachtdiener, durchläutete und ihm sagte, daß Loman Watkins vor der Tür stünde.
    »Bringen Sie ihn zum Turm«, sagte Shaddack. »Ich werde gleich zu ihm kommen.«
    Heutzutage trug er selten etwas anderes als Jogginganzüge. Er hatte mehr als zwanzig im Schrank - zehn schwarze, zehn graue und ein paar marineblaue. Sie waren angenehmer als andere Kleidung, und indem er seine Wahlmöglichkeiten beschränkte, sparte er Zeit, die er ansonsten damit vergeudet hätte, die Garderobe des Tages zusammenzustellen, eine Aufgabe, für die er kein Geschick hatte. Mode interessierte ihn nicht. Außerdem war er schlaksig - große Füße, dünne Beine, knotige Knie, lange Arme, knochige Schultern
    - und so dünn, daß er nicht einmal in maßgeschneiderten Anzügen gut aussah. Kleidungsstücke hingen entweder seltsam an ihm herunter oder betonten seine Magerkeit in einem solchen Ausmaß, daß er wie der personifizierte Tod aussah, ein unglücklicher Vergleich, der sich zusätzlich durch seine weiße Haut, das fast schwarze Haar, scharfgeschnittene Züge und gelbliche Augen aufdrängte.
    Er trug die Jogginganzüge sogar zu den Aufsichtsratssitzungen von New Wave. Wenn man auf seinem Gebiet ein Genie war, dann erwarteten die Leute, daß man exzentrisch war. Und wenn man über ein Privatvermögen verfügte, das in die hunderte Millionen ging, dann akzeptierten sie das Exzentrische kommentarlos.
    Sein ultramodernes Betonhaus am Rand der Klippe an der Nordspitze der Bucht war ebenfalls Ausdruck seiner kalkulierten Nonkonformität. Die drei Stockwerke waren wie die Schichten einer Torte, aber jede Schicht hatte eine andere Größe als die anderen - die größte oben, die kleinste in der Mitte -, und sie waren nicht konzentrisch, sondern versetzt, und verliehen dem Haus bei Tage das Aussehen einer gigantischen, avantgardistischen Skulptur. Wenn nachts die Myriaden Fenster erleuchtet waren, sah es nicht mehr wie eine Skulptur, sondern wie das raumfahrende Mutterschiff einer erobernden außerirdischen Streitmacht aus.
    Der Turm war etwas Exzentrisches auf dem Exzentrischen, er erhob sich abseits der Mitte vom dritten Stock weitere zwölf Meter in die Höhe. Er war nicht rund, sondern oval, nicht wie ein Turm, in dem eine Prinzessin auf ihren umherziehenden Prinzen harrte oder in dem ein Ritter seine Feinde gefangenhielt und folterte, er erinnerte vielmehr an den Turm eines U-Boots. Man konnte den großen, verglasten Raum ganz oben entweder mit dem Fahrstuhl erreichen, oder mittels einer Treppe, die spiralförmig an der Innenseite der Turmwand verlief und den Metallkern umkreiste, in dem sich der Fahrstuhlschacht befand.
    Shaddack ließ Watkins aus schierem Vergnügen zehn Minuten warten und beschloß dann, mit dem Fahrstuhl hinaufzufahren. Das Innere des Lifts war mit poliertem Messing verkleidet, daher schien es, obwohl die Geschwindigkeit langsam war, als würde er im Inneren einer Gewehrkugel fahren.
    Er hatte den Turm fast als Nachgedanken zum Entwurf des Architekten angefügt, aber er war sein Lieblingsort in dem riesigen Haus geworden. Diese hohe Stätte bot ungehinderten Ausblick auf das stille (oder sturmgepeitschte), sonnenglitzernde (oder nachtumhüllte) Meer im Westen. Nach Osten und Süden hin sah er hinaus und hinab auf die ganze Stadt Moonlight Cove; sein Gefühl der Überlegenheit wurde durch diesen erhöhten Ausblick auf die einzigen anderen sichtbaren Menschenwerke deutlich gesteigert. Aus diesem Zimmer hatte er erst vor vier Monaten den Mondfalken zum dritten Mal in seinem Leben gesehen, ein Anblick, der den wenigsten Menschen auch nur ein einziges Mal zuteil wurde - was er als Zeichen dafür wertete, daß er der einflußreichste Mensch werden sollte, der jemals auf Erden gewandelt war.
    Der Fahrstuhl blieb stehen. Die Türen gingen auf.
    Als Shaddack den spärlich erleuchteten Raum betrat, der den Fahrstuhlschacht umgab, erhob sich Loman Watkins rasch aus seinem Sessel und sagte respektvoll: »Guten Abend, Sir.«
    »Bitte setzen Sie sich, Chief«, sagte er gnädig, sogar herablassend, aber mit einem subtilen Unterton in der Stimme, der ihr gegenseitiges Verständnis bekräftigte, daß es Shad-dack war, und nicht Watkins, der entschied, wie formell oder entspannt die Zusammenkunft sein würde.
    Shaddack war der einzige Sohn von James Randolph Shad-dack, einem inzwischen verstorbenen Richter aus Phoenix. Die Familie war nicht wohlhabend gewesen, aber solide, gehobene Mittelschicht, und diese Position auf der wirtschaftlichen Leiter, verbunden mit dem Prestige des Richteramtes, verlieh James beträchtliches Gewicht in seiner Gemeinde. Und Macht. Während seiner ganzen Kindheit und Jugend war Tom fasziniert gewesen, wie sein Vater, der neben seinem Richteramt auch politisch aktiv gewesen war, diese Macht nicht nur dazu benutzt hatte, materielle Vorzüge zu erhalten, sondern auch, andere zu kontrollieren. Diese Kontrolle - die Ausübung von Macht ausschließlich um der Macht willen -hatte James am meisten angesprochen, und das hatte auch seinen Sohn von frühester Jugend an fasziniert.
    Heute hatte Thomas Shaddack Macht über Loman Wat-kins und Moonlight Cove, weil er reich war, weil er der größte Arbeitgeber in der Stadt war, weil er die Räder des politischen Systems in Händen hatte, und wegen des Projekts Moonhawk, das er nach der ihm dreimal zuteil gewordenen Vision genannt hatte. Aber seine Fähigkeit, sie zu manipulieren, überstieg alles, was dem alten James als Richter und Freizeitpolitiker vergönnt gewesen war. Er besaß Macht über Leben und Tod - buchstäblich. Wenn er in einer Stunde entschied, daß sie alle sterben mußten, dann würden sie alle zusammen noch vor Mitternacht tot sein. Darüber hinaus konnte er sie zum Tode verurteilen und mußte ebensowenig damit rechnen, dafür bestraft zu werden, wie ein Gott, wenn er Feuer auf seine Untertanen herabregnen ließ.
    Die einzigen Lichtquellen in dem Raum waren hinter einer Verkleidung über den breiten Fenstern verborgen, die von der Decke bis zehn Zentimeter über den Boden reichten. Die indirekte Beleuchtung verlief um den ganzen Raum herum und erhellte den Plüschteppich auf sanfte Weise, warf aber keinen Schein auf die gewaltigen Scheiben. Wäre die Nacht klar gewesen, hätte Shaddack dennoch den Schalter neben dem Fahrstuhl gedrückt und das Zimmer in fast völlige Dunkelheit gehüllt, damit seine geisterhafte Spiegelung, und die der modernen Möbel, nicht störend auf das Glas zwischen ihm und der Welt fielen, über der er residierte. Aber er ließ die Lichter an, weil immer noch ein Rest milchiger Nebel an den Glasscheiben vorbeiwirbelte und man wenig sehen konnte, da die Mondsichel schon den Horizont erreicht hatte.
    Shaddack schritt barfuß über den anthrazitfarbenen Teppichboden. Er ließ sich in einen zweiten Sessel nieder und sah Loman Watkins über einen kleinen Cocktailtisch aus weißem Marmor hinweg an.
    Der Polizist war vierundvierzig, weniger als drei Jahre älter als Shaddack, aber er war Shaddacks genaues Gegenteil: einsfünfundsiebzig, neunzig Kilo, kräftige Knochen, breite Schultern und Brust, stiernackiger Hals. Auch sein Gesicht war breit und so offen und arglos wie das von Shaddack verschlossen und verschlagen war. Seine blauen Augen sahen in die gelblich-braunen von Shaddack, aber nur einen Moment, dann sah er seine kräftigen Hände an, die er im Schoß so fest gefaltet hatte, daß die spitzen Knöchel drohten, die straffe Haut aufzureißen. Die dunkelbraune Kopfhaut war unter dem Bürstenschnitt des braunen Haares zu sehen.
    Watkins' offensichtliche Unterwürfigkeit gefiel Shaddack, aber die sichtliche Angst des Polizeichefs machte ihn noch mehr an; man konnte sie deutlich am Zittern erkennen, das der Mann - mit geringem Erfolg - zu unterdrücken versuchte, und an dem gequälten Gesichtsausdruck, der die Farben seiner Augen dunkler machte. Aufgrund des Projekts Moonhawk, aufgrund dessen, was mit ihm geschehen war, war Loman Watkins den meisten anderen Menschen überlegen, aber er war gleichzeitig jetzt und für alle Zeiten so sicher wie eine Laborratte, die festgeschnallt und an Elektroden angeschlossen war, in Shaddacks Gewalt, war der Gnade des Wissenschaftlers ausgeliefert, der Experimente mit ihm durchführte. Shaddack war in gewisser Weise Watkins' Schöpfer, und er besaß in Watkins' Augen die Position und Macht eines Gottes.
    Als er sich im Sessel zurücklehnte und die blassen Hände mit den langen Fingern über der Brust faltete, spürte Shaddack, wie seine Männlichkeit anschwoll und steif wurde. Aber nicht Loman Watkins erregte ihn, denn er verspürte überhaupt keinerlei homosexuelle Neigungen; nicht Wat-kins' Äußeres erregte ihn, sonder das Wissen um die grenzenlose Autorität, die er über den Mann hatte. Macht erregte Shaddack leichter und vollkommener als sexuelle Stimuli. Schon wenn er als Heranwachsender Bilder von nackten Frauen in erotischen Magazinen betrachtet hatte, hatten ihn nicht bloße Brüste, Hintern oder lange Beine angemacht, sondern die Vorstellung, diese Frauen zu beherrschen, sie völlig zu kontrollieren, ihr Leben in seinen Händen zu halten. Wenn eine Frau ihm mit unverhohlener Angst ansah, fand er sie unendlich anziehender, als hätte sie ihn voll Verlangen angesehen. Und da er auf Schrecken mehr ansprach als auf Lust, hing seine Erregung nicht von Geschlecht oder Alter oder körperlicher Attraktivität der Person ab, die vor ihm zitterte.
    Shaddack, der die Unterwürfigkeit des Polizisten genoß, fragte: »Haben Sie Booker?«
    »Nein, Sir.«
    »Warum nicht?«
    »Er war nicht im Cove Lodge, als Sholnick dorthin kam.«
    »Er muß gefunden werden.«
    »Wir werden ihn finden.«
    »Und verwandeln. Wir werden nicht nur verhindern, daß er jemandem erzählt, was er gesehen hat... sondern wir werden ihn zu einem von uns in den Reihen des FBI machen. Das wäre ein Ding. Seine Anwesenheit hier könnte sich zu einem unglaublichen Plus für das Projekt entwickeln.«
    »Nun, ob Booker ein Plus ist oder nicht, es gibt schlimmeres als ihn. Regressive haben Gäste der Motels angegriffen. Quinn wurde entweder verschleppt und getötet und an einer Stelle liegengelassen, wo wir ihn nicht gefunden haben... oder er war selbst einer der Regressiven und ist jetzt flüchtig... und macht das, was sie auch immer nach dem Töten machen, vielleicht den gottverdammten Mond anheulen.«
    Shaddack hörte sich den Bericht mit zunehmendem Mißfallen und Aufregung an.
    Watkins, der auf der Stuhlkante kauerte, beendete den Bericht, blinzelte und sagte: »Diese Regressiven machen mir verdammte Angst.«
    »Sie sind beunruhigend«, stimmte Shaddack zu.
    In der Nacht des vierten September hatten sie einen Regressiven, Jordan Coombs, im Kino an der Hauptstraße in die Enge getrieben. Coombs war Hausmeister bei New Wave gewesen. Aber in jener Nacht war er mehr Affe als Mensch, obwohl eigentlich keins von beidem, sondern etwas so Seltsames und Wildes, daß man es nicht mit einem einzigen Wort beschreiben konnte. Der Ausdruck >Regressive< war nur dann zutreffend, hatte Shaddack herausgefunden, wenn man nie einer dieser Bestien von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Denn wenn man einmal eine aus der Nähe gesehen hatte, vermittelte >regressiv< nur unzulänglich das Grauen des Dings, tatsächlich waren alle Worte /um Scheitern verurteilt. Auch ihr Versuch, Coombs lebend zu erwischen, war zum Scheitern verurteilt gewesen, denn er war zu aggressiv und kräftig gewesen, sich fangen zu lassen; um sich selbst zu retten, hatten sie ihm den Kopf wegpusten müssen.
    Jetzt sagte Watkins: »Sie sind mehr als beunruhigend. Viel mehr als nur das. Sie sind- psychopathisch.«
    »Ich weiß, daß sie psychopathisch sind«, sagte Shaddack ungeduldig. »Ich selbst habe ihrem Zustand einen Namen gegeben: metamorphosebedingte Psychose.«
    »Sie haben Spaß am Töten.«
    Thomas Shaddack runzelte die Stirn. Er hatte das Problem der Regressiven nicht vorhergesehen, aber er weigerte sich zu glauben, daß sie mehr als eine unbedeutende Anomalität in der ansonsten vorbildlichen Verwandlung der Bewohner von Moonlight Cove waren. »Ja, richtig, sie haben Spaß am Töten, und sie sind in ihrem regressiven Stadium buchstäblich zum Töten geschaffen, aber wir müssen nur ein paar identifizieren und eliminieren. Statistisch gesehen machen sie einen vernachlässigbaren Prozentsatz der Verwandelten aus.«
    »So vernachlässigbar vielleicht auch nicht«, sagte Watkins zögernd; er konnte Shaddack nicht in die Augen sehen und war nur äußerst widerwillig der Überbringer schlechter Neuigkeiten. »Aufgrund der grausamen Verbrechen der letzten Zeit würde ich schätzen, daß wir unter den neunzehnhundert Verwandelten bislang fünfzig oder sechzig dieser Regressiven haben.«
    »Lächerlich!«
    Hätte er zugegeben, daß eine größere Zahl Regressive existieren könnte, hätte sich Shaddack auch eingestehen müssen, daß seine Forschungen mit Makeln behaftet waren, daß er mit zu wenig Rücksicht auf mögliche Katastrophen aus dem Labor gehastet und ins Versuchsstadium übergegangen war, und daß seine enthusiastische Anwendung der revolutionären Entdeckung des Projekts Moonhawk an den Menschen von Moonlight Cove ein tragischer Fehler gewesen war. So etwas konnte er niemals zugeben.
    Er hatte sich sein ganzes Leben lang nach der n-ten Potenz von Macht gesehnt, die jetzt fast in seiner Reichweite war, und er war psychologisch außerstande, von dem von ihm vorherbestimmten Kurs abzuweichen. Er hatte sich seit der Pubertät gewisse Freuden versagt, denn hätte er seinen Bedürfnissen entsprechend gehandelt, wäre er vom Gesetz verfolgt und gezwungen worden, einen hohen Preis zu zahlen. Diese Jahre des Verweigerns hatten einen ungeheuren inneren Druck erzeugt, den er mit aller Verzweiflung erleichtern mußte. Er hatte seine antisozialen Begierden in seiner Arbeit sublimiert, seine Energien in gesellschaftlich akzeptable Unternehmungen gebündelt - was ironischerweise zu Entdeckungen geführt hatte, die ihn immun gegenüber den Behörden machten und es ihm damit freistellen würden, seinen lange unterdrückten Neigungen ohne Angst vor Zensur oder Strafe nachzugehen.
    Zudem war er nicht nur psychologisch, sondern auch in praktischer Hinsicht zu weit gegangen, um jetzt noch umzukehren. Er hatte etwas Revolutionäres in die Welt gebracht. Aufgrund seiner Macht lebten neunzehnhundert Neue Menschen auf der Welt, die sich von den anderen Menschen ebenso unterschieden, wie sich die Cro-Magnons von ihren primitiven Vorfahren, den Neandertalern, unterschieden hatten. Er besaß ebensowenig die Fähigkeit, was er getan hatte, ungeschehen zu machen, wie andere Wissenschaftler und Techniker das Rad oder die Atombombe ««erfunden machen konnten.
    Watkins schüttelte den Kopf. »Tut mir leid... aber ich halte das überhaupt nicht für lächerlich. Fünfzig bis sechzig Regressive. Oder mehr. Möglicherweise viel mehr.«
    »Sie brauchen Beweise, um mich davon zu überzeugen. Sie müssen mir die Namen nennen. Sind Sie in der Lage, einen zu identifizieren - abgesehen von Quinn?«
    »Alex und Sharon Foster, glaube ich. Und vielleicht sogar Ihr eigener Mann, Tucker.«
    »Unmöglich.«
    Watkins beschrieb, was er beim Haus der Fosters gefunden hatte - und die Schreie, die er im fernen Wald gehört hatte.
    Shaddack dachte widerstrebend über die Möglichkeit nach, daß Tucker einer dieser Degenerierten sein könnte. Die Wahrscheinlichkeit, daß seine Kontrolle über den innersten Kreis der Vertrauten nicht so absolut war, wie er dachte, beunruhigte ihn zutiefst. Wenn er der Männer, die ihm an nähesten standen, nicht sicher sein konnte, wie konnte er dann seiner Fähigkeit sicher sein, die Massen zu beherrschen? »Vielleicht sind die Fosters Regressive, aber ich bezweifle, daß Tucker einer ist. Doch selbst wenn er einer wäre, hieße das, daß Sie vier gefunden haben. Nicht fünfzig oder sechzig. Nur vier. Was glauben Sie, wer sind all die anderen, die Ihrer Meinung nach da draußen sind?«
    Loman Watkins betrachtete den Nebel, der sich in ständig wechselnden Mustern gegen die Scheiben des Turms preßte. »Sir, ich fürchte, es ist nicht leicht. Ich meine... denken Sie darüber nach. Wenn der Staat oder die Bundesbehörden herausfinden, was Sie getan haben, wenn sie begreifen könnten, was Sie getan haben, und es wirklich glauben, und wenn sie uns dann daran hindern wollten, die anderen außerhalb von Moonlight Cove zu verwandeln, dann würde es ihnen verflucht schwerfallen, uns aufzuhalten, oder nicht? Schließlich können wir Verwandelten... wir halten uns unerkannt unter normalen Menschen auf. Wir scheinen wie sie zu sein, unverwandelt, kein Unterschied.«
    »Und?«
    »Nun... das ist genau das Problem, das wir mit den Regressiven haben. Sie sind Neue Menschen wie wir, aber das, was sie von uns unterscheidet, die Verderbtheit im Inneren, ist unmöglich zu sehen; sie sind ebenso ununterscheidbar von uns wie wir von den unverwandelten Alten Menschen.«
    Shaddacks eisenharte Erektion war erschlafft. Watkins' Negativismus erfüllte ihn mit Ungeduld, er stand vom Sessel auf und ging zum nächsten der großen Fenster. Er steckte die Hände in die Taschen seines Sweatshirts und betrachtete die vage Spiegelung seines langen, wölfischen Gesichts, das in seiner Durchsichtigkeit geisterhaft wirkte, im Fenster. Er sah sich selbst in die Augen, dann hastig an dem Spiegelbild vorbei in die Dunkelheit hinaus, wo duftender Wind vom Meer den Webstuhl der Nacht bediente, um ein zerbrechliches Tuch aus Nebel zu wirken. Er kehrte Watkins den Rücken zu, weil er nicht wollte, daß der Mann sah, wie besorgt er war, und er mied den gläsernen Blick seiner eigenen Augen, weil er sich selbst nicht eingestehen wollte, daß seine Besorgtheit von Adern der Angst marmoriert war.
    Er bestand darauf, die Stühle umzustellen, damit man sie von der Straße aus nicht so leicht sehen konnte. Tessa war argwöhnisch und wollte nicht neben ihm sitzen. Er sagte, daß er geheim arbeitete und daher keinen FBI-Ausweis bei sich hatte, aber er zeigte ihr alles andere in der Brieftasche: Führerschein, Kreditkarten, Bibliotheksausweis, Videoleih-karte, Fotos seines Sohnes und seiner verstorbenen Frau, einen Gutschein für ein kostenloses Schokoladenplätzchen in jedem Mrs. Fields-Geschäft, ein Bild von Goldie Hawn, das er aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hatte. Würde ein mörderischer Wahnsinniger einen Keksgutschein mit sich herumschleppen? Nach einer Weile, nachdem er sie ihre Geschichte vom Massaker im Cove Lodge wiederholt hatte erzählen lassen und dabei unablässig nach Einzelheiten gefragt hatte, nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie ihm alles erzählt hatte und er alles begriff, fing sie an, ihm zu vertrauen. Wenn er nur so getan hätte, als wäre er ein Agent, wäre seine Schauspielerei nicht so weit gegangen oder ausführlich gewesen.
    »Sie haben aber nicht gesehen, wie jemand ermordet wurde?«
    »Sie wurden ermordet«, beharrte sie. »Wenn Sie ihre Schreie gehört hätten, würden Sie daran keinen Zweifel haben. Ich stand schon in einem Mob in Nordirland und habe mit angesehen, wie sie Menschen zu Tode geprügelt haben. Ich habe einmal in einem Stahlwerk gedreht, als geschmolzenes Metall davonspritzte und auf Gesichter und Körper der Arbeiter geriet. Ich war bei den Meskitoindianern im Dschungel von Zentralamerika, als sie mit Bomben angegriffen wurden - Millionen winzige Stahltrümmer, die Körper von Tausenden winziger Nadeln durchbohrt -, und ich habe ihre Schreie gehört. Ich weiß, wie sich ein Todesschrei anhört. Und das waren die schlimmsten, die ich jemals gehört habe.«
    Er sah sie lange an, dann sagte er: »Sie sehen... aus...«
    »Niedlich?«
    »Ja.«
    »Und deshalb unschuldig? Deshalb naiv?«
    »Ja.«
    »Mein Fluch.«
    »Nicht manchmal auch ein Vorteil?«
    »Manchmal«, gab sie zu. »Hören Sie, Sie wissen etwas, also verraten Sie mir eines: Was geht in dieser Stadt vor sich?«
    »Etwas geschieht mit den Menschen hier.«
    »Was?«
    »Das weiß ich nicht. Zunächst einmal interessieren sie sich nicht mehr für Filme. Das Kino mußte schließen und sie interessieren sich nicht mehr für Luxusgüter, Geschenkartikel, solche Sachen, denn auch diese Geschäfte mußten alle schließen. Sie finden nichts mehr an Champagner...« Er lächelte dünn. »Sämtliche Kneipen müssen dichtmachen. Sie scheinen sich nur noch für das Essen zu interessieren. Und das Töten.«
    Tom Shaddack, der immer noch am Turmfenster stand, sagte: »Also gut, Loman, wir werden Folgendes tun. Alle Mitarbeiter von New Wave sind verwandelt worden, daher werde ich Ihnen hundert davon zuteilen, damit sie die Polizei verstärken. Sie können Sie als Hilfe bei Ihren Ermittlungen einsetzen, wie Sie es für richtig halten - ab sofort. Wenn Ihnen so viele zur Verfügung stehen, werden Sie sicherlich einen der Regressiven auf frischer Tat ertappen können... und die Wahrscheinlichkeit, daß Sie diesen Booker finden, nimmt auch zu.«
    Die Neuen Menschen brauchten keinen Schlaf. Die zusätzlichen Deputies konnten auf der Stelle zum Einsatz kommen.
    Shaddack sagte: »Sie können zu Fuß und mit Autos durch die Straßen ziehen - leise, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Mit dieser Unterstützung, werden Sie mindestens einen Regressiven erwischen, vielleicht alle. Wenn wir einen im zu-rückgebildeten Stadium erwischen können, wenn wir eine Möglichkeit haben, einen zu untersuchen, könnte ich vielleicht einen Test entwickeln - physisch oder psychologisch -, mit dem wir die Degenerierten unter den Neuen Menschen aufspüren können.«
    »Ich fühle mich nicht geeignet, damit fertigzuwerden.«
    »Es ist eine Sache der Polizei.«
    »Nein, eigentlich nicht.«
    »Es ist nichts anderes, als würden Sie einen gewöhnlichen Killer jagen«, sagte Shaddack gereizt. »Sie wenden dieselben Vorgehensweisen an.«
    »Aber... «
    »Was denn?«
    »Regressive könnten sich unter den Männern befinden, die Sie mir zuteilen.«
    »Das ist nicht möglich.«
    »Aber... wie können Sie so sicher sein?«
    »Ich sagte Ihnen, das ist nicht möglich«, antwortete Shad-dack schneidend und betrachtete weiterhin das Fenster, Nacht, Nebel.
    Sie schwiegen beide einen Augenblick.
    Dann sagte Shaddack: »Sie müssen alles daransetzen, diese verdammten Abweichler zu finden. Alles, haben Sie mich verstanden? Wenn wir ganz Moonlight Cove der Verwandlung unterzogen haben, möchte ich mindestens einen haben, den ich studieren kann.«
    »Ich dachte... «
    »Ja?«
    »Nun, ich dachte...«
    »Los doch, los doch. Was dachten Sie?«
    »Nun... daß Sie vielleicht die Verwandlungen verschieben würden, bis wir herausgefunden haben, was hier vorgeht.«
    »Verflucht, nein!« Shaddack wandte sich vom Fenster ab und sah den Polzeichef böse an, der zufriedenstellend zusammenzuckte. »Diese Regressiven sind ein unbedeutendes Problem, sehr unbedeutend. Was, zum Teufel, wissen Sie schon davon? Sie sind nicht derjenige, der eine neue Rasse, eine neue Welt, entwickelt hat. Ich bin es. Es war mein Traum, meine Vision. Ich hatte Intelligenz und Mut genug, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und ich weiß, daß es sich um eine Anomalie handelt, die keinerlei Bedeutung hat. Deshalb wird die Verwandlung nach Plan weitergehen.«
    Watkins sah auf seine Hände, deren Knöchel weiß hervorstanden.
    Shaddack schritt beim Sprechen barfuß an der gekrümmten Glaswand entlang und wieder zurück. »Wir haben inzwischen genügend Dosen für die verbleibende Bevölkerung der Stadt. Wir haben tatsächlich heute abend eine neue Staffel Verwandlungen eingeleitet. Bis zur Dämmerung werden Hunderte zur Herde gestoßen sein, der Rest bis Mitternacht. Bevor nicht jeder in der Stadt zu uns gehört, besteht die Möglichkeit, daß wir entdeckt werden, das Risiko, daß jemand eine Warnung nach draußen gibt. Nachdem wir jetzt die Probleme mit der Herstellung der Biochips überwunden haben, müssen wir Moonlight Cove rasch übernehmen, damit wir mit der Sicherheit weitermachen können, die ein wohlbehaltener Heimatstützpunkt bietet. Verstanden?«
    Watkins nickte.
    »Verstanden?« wiederholte Shaddack.
    »Ja. Ja, Sir.«
    Shaddack kam wieder zu seinem Sessel und setzte sich. »Und was ist jetzt mit dieser anderen Sache, wegen der Sie mich angerufen haben, diese Valdoski-Angelegenheit?«
    »Eddie Valdoski, acht Jahre als«, sagte Watkins und sah seine Hände an, die er jetzt buchstäblich wand, als wollte er etwas auspressen, so wie man Wasser aus einem Lappen auswringt. »Er wurde ein paar Minuten vor acht tot aufgefunden. Im Graben an der Landstraße. Er war... gefoltert... gebissen und zerfetzt worden.«
    »Glauben Sie, daß es einer der Regressiven war?«
    »Ganz sicher.«
    »Wer fand die Leiche?«
    »Eddies Eltern. Sein Vater. Der Junge hatte im Garten gespielt, und dann... verschwand er bei Sonnenuntergang. Sie fingen an zu suchen, fanden ihn nicht, bekamen Angst, rie-fen uns an, suchten weiter, während wir unterwegs waren... und fanden den Jungen, kurz bevor meine Leute eintrafen.«
    »Die Valdoskis sind demnach nicht verwandelt?«
    »Sie waren es nicht. Aber jetzt sind sie es.«
    Shaddack seufzte. »Wenn sie zur Herde gehören, wird es wegen dem Jungen keine Schwierigkeiten geben.«
    Der Polizeichef hob den Kopf und fand den Mut, Shad-dack wieder direkt anzusehen. »Das macht den Jungen nicht wieder lebendig.« Seine Stimme war rauh.
    Shaddack sagte: »Das ist natürlich eine Tragödie. Dieses regressive Element unter den Neuen Menschen war nicht vorherzusehen. Aber keine große Errungenschaft in der Ge -schichte der Menschheit war ohne Opfer.«
    »Er war ein guter Junge«, sagte der Polizist.
    »Haben Sie ihn gekannt?«
    Watkins blinzelte. »Ich war mit George Valdoski, seinem Vater, an der High School. Ich war Eddies Taufpate.«
    Shaddack wählte seine Worte sorgfältig, als er sagte: »Eine schreckliche Sache. Und wir werden den Regressiven finden, der es getan hat. Wir werden sie alle finden und eliminieren. Vorläufig müssen wir uns mit dem Wissen trösten, daß Eddie für eine große Sache gestorben ist.«
    Watkins sah Shaddack mit unverhohlenem Staunen an. »Große Sache? Was wußte Eddie von einer großen Sache? Er war acht Jahre alt.«
    »Dennoch«, sagte Shaddack mit härterer Stimme. »Eddie fiel einer unerwarteten Nebenwirkung der Verwandlung von Moonlight Cove zum Opfer, was ihn zu einem Teil dieses wunderbaren historischen Ereignisses macht.« Er wußte, Watkins war ein Patriot gewesen, der auf absurde Weise stolz auf die Flagge und sein Vaterland war, und er ging davon aus, daß der Mann immer noch einen Teil dieser Sentimentalität empfand, auch nach der Verwandlung, daher sagte er: »Hören Sie mir zu, Loman. Während des Unabhängigkeitskrieges, als die Kolonisten für ihre Freiheit kämpften, starben auch unschuldige Zuschauer, Frauen und Kinder, nicht nur die Kämpfer, und auch diese Menschen sind nicht vergeblich gestorben. Sie waren ebenso Märtyrer wie die Soldaten, die auf dem Schlachtfeld gefallen sind. Das ist bei jeder Revolution so. Wichtig ist, daß die Gerechtigkeit siegt und man sagen kann, daß die Opfer für eine edle Sache gefallen sind.«
    Watkins wandte den Blick von ihm ab.
    Shaddack erhob sich wieder aus dem Sessel und ging um den niedrigen Cocktailtisch herum zu dem Polizisten. Er sah auf Watkins' gesenkten Kopf hinab und legte eine Hand auf die Schulter des Mannes.
    Watkins zuckte vor der Berührung zurück.
    Shaddack bewegte die Hand nicht, und er sprach mit dem Nachdruck eines Predigers. Aber er war ein kalter Prediger, dessen Botschaft nicht die heiße Leidenschaft religiöser Überzeugung hatte, sondern die eiskalte Kraft der Logik, der Vernunft. »Sie sind jetzt einer der Neuen Menschen, und das bedeutet nicht nur, daß Sie kräftiger und schneller sind als gewöhnliche Menschen, und es bedeutet nicht nur, daß Sie praktisch immun gegen Krankheiten sind und Ihre Verletzungen besser heilen, als es sich jeder Mediziner je hätte träumen lassen. Es bedeutet auch, daß Sie scharfsinniger und vernünftiger sind als die Alten Menschen. Wenn Sie also sorgfältig und im Zusammenhang mit dem Wunder, das wir hier vollbringen, über Eddies Tod nachdenken, werden Sie einsehen, daß der Preis, den er bezahlte, nicht zu hoch war. Gehen Sie diese Situation nicht gefühlsmäßig an, Loman; das entspricht eindeutig nicht der Art der Neuen Menschen. Wir schaffen eine Welt, die leistungsfähiger sein wird, geordneter und wesentlich stabiler, weil Männer und Frauen die Fähigkeit besitzen werden, ihre Gefühle zu beherrschen, jedes Problem mit der analytischen Kälte eines Computers anzugehen. Betrachten Sie Eddie Valdoskis Tod als weiteres Datum im großen Datenstrom der Geburt der Neuen Menschen. Sie haben jetzt die Macht in sich, über menschliche Emotionen hinauszuwachsen, und wenn Sie die überwunden haben, werden Sie zum ersten Mal in ihrem Leben wahres Glück und wahren Frieden finden.«
    Nach einer Weile hob Loman Watkins den Kopf. Er drehte sich um und sah zu Shaddack auf. »Wird das wirklich zu Frieden führen?«
    »Ja.«
    »Wenn alle verwandelt sind, wird endlich eine Brüderschaft existieren?«
    »Ja.«
    »Frieden?«
    »Ewig.«
    Talbots Haus in der Conquistador war ein dreistöckiges Rotholzwerk mit jeder Menge Fenstern. Das Grundstück lag am Hang, steile Steinstufen führten vom Gehweg zu einer schmalen Veranda. Keine Straßenlaternen erhellten diesen Block, und auch auf Talbots Grundstück befanden sich keine Wegleuchten oder Gartenlampen, wofür Sam dankbar war.
    Tessa Lockland stand dicht hinter ihm auf der Veranda, als er klingelte, wie sie den ganzen Weg von der Wäscherei dicht bei ihm geblieben war.
    Er konnte die Klingel drinnen über das lärmende Rascheln des Windes in den Bäumen hören.
    Tessa, die zur Conquistador zurücksah, sagte: »Manchmal wirkt es wie eine Leichenhalle, nicht wie eine Stadt, von Toten bewohnt, aber dann... «
    »Dann?«
    »...kann man trotz der Stille und des Schweigens die Energie des Ortes spüren, gewaltige gespeicherte Energie, als wäre eine riesige, verborgene Maschine direkt unter den Straßen, direkt unter dem Boden... und als wären auch die Häuser voller Maschinen, alle eingeschaltet und aktiv, mit Kolben und Zahnrädern, die nur darauf warteten, daß jemand die Kupplung losläßt und sie alle in Bewegung setzt.«
    Das war ganz genau Moonlight Cove, aber Sam war nicht imstande gewesen, die Stimmung des Ortes in Worte zu kleiden.
    Er läutete noch einmal und sagte:
    »Ich dachte, um Filme zu machen, müsse man so gut wie analphabetisch sein.«
    »Das sind die meisten Regisseure in Hollywood auch, aber ich bin eine ausgestoßene Dokumentarfilmerin, daher darf ich noch denken - solange es nicht zuviel wird.«
    »Wer ist da?« sagte eine blecherne Stimme, die Sam erschreckte. Sie kam aus einem Lautsprecher, den er nicht gesehen hatte. »Wer ist da, bitte?«
    Sam beugte sich dicht an die Sprechanlage. »Mr. Talbot? Harold Talbot?«
    »Ja. Wer sind Sie?«
    »Sam Booker«, sagte er leise, so daß man seine Stimme außerhalb von Talbots Veranda nicht hören konnte. »Tut mir leid, daß ich Sie wecke, aber ich komme als Antwort auf Ihren Brief vom achten Oktober.«
    Talbot schwieg. Dann klickte die Sprechanlage, und er sagte: »Ich bin im dritten Stock. Ich brauche Zeit, um nach unten zu kommen. In der Zwischenzeit schicke ich Moose. Bitte geben Sie ihm Ihren Ausweis, damit er ihn mir bringen kann.«
    »Ich habe keinen FBI-Ausweis«, sagte Sam. »Ich bin inkognito hier.«
    »Führerschein?« fragte Talbot.
    »Ja.«
    »Das genügt.« Er schaltete ab.
    »Moose?« sagte Tessa.
    »Keine Ahnung«, sagte Sam.
    Sie warteten beinahe eine Minute und fühlten sich auf der einsichtigen Veranda verwundbar, und sie erschraken beide, als ein Hund durch eine Klappe herauskam, die sie vorher nicht bemerkt hatten, und zwischen ihren Beinen dahinlief. Sam erkannte einen Augenblick nicht, was es war, und taumelte überrascht rückwärts und verlor beinahe das Gleichgewicht.
    Tessa bückte sich, um den Hund zu streicheln, und flüsterte: »Moose?«
    Mit dem Hund war ein wenig Licht auf die Veranda herausgekommen, aber jetzt, wo die Klappe wieder geschlossen war, war es fort. Der Hund war schwarz und in der Nacht kaum zu sehen.
    Sam kauerte neben ihm, ließ sich die Hand von ihm lecken und sagte: »Und dir soll ich meinen Ausweis geben?«
    Der Hund wuffte leise, als wollte er zustimmen.
    »Du wirst ihn fressen«, sagte Sam.
    Tessa sagte: »Das wird er nicht.«
    »Woher wissen Sie das?«
    »Er ist ein guter Hund.«
    »Ich traue ihm nicht.«
    »Schätze, das ist Ihr Job.«
    »Hm?«
    »Niemandem zu trauen.«
    »Und meine Natur.«
    »Vertrauen Sie ihm«, beharrte sie.
    Er gab ihm seine Brieftasche. Der Hund nahm sie Sam aus der Hand, hielt sie zwischen den Zähnen und ging durch die Klappe wieder ins Haus.
    Sie standen noch ein paar Minuten auf der dunklen Veranda, während Sam versuchte, sein Gähnen zu unterdrücken. Es war zwei Uhr morgens, und er überlegte, ob er zu seiner Liste der vier Gründe weiterzuleben noch einen fünften zufügen sollte: Gutes mexikanisches Essen, Guinness Stout, Goldie Hawn, Angst vor dem Sterben und der Wunsch zu schlafen. Seliges Schlafen. Dann hörte er das Poltern und Klirren von Schlössern und Riegeln, die mühsam entfernt wurden, schließlich ging die Tür auf und offenbarte eine spärlich erleuchtete Diele.
    Harry Talbot, der einen blauen Pyjama und einen grünen Morgenmantel anhatte, saß in seinem motorisierten Rollstuhl. Er hatte den Kopf immerfort schief gelegt, eine fragende Haltung, die ebenfalls Teil seines Vietnam-Erbes war. Er war ein hübscher Mann, wenn auch sein Gesicht vorzeitig gealtert war und zu tiefe Falten für einen Vierzigjährigen aufwies. Sein dichtes Haar war halb weiß, die Augen uralt. Sam konnte sehen, daß Talbot einst ein durchtrainierter junger Mann war, aber die Jahre der Lähmung hatten ihn weich gemacht. Eine Hand lag mit nach oben gekehrter Handfläche und nach innen gekrümmten Fingern nutzlos im Schoß. Er war ein lebendes Mahnmal dafür, was hätte sein können, für zerstörte Hoffnungen, vernichtete Träume - eine grimmige Erinnerung an einen zwischen die Seiten der Zeit gedrückten Krieg.
    Als Tessa und Sam eintraten und die Tür hinter sich zuzogen, streckt Harry Talbot die rechte Hand aus und sagte:
    »Mein Gott, bin ich froh, Sie zu sehen!« Sein Lächeln verwandelte ihn erstaunlich. Es war das strahlende, breite, gütige und aufrichtige Lächeln eines Mannes, der glaubte, daß er im Schoß der Götter saß und so viele Segnungen erfahren hatte, daß er sie gar nicht mehr zählen konnte.
    Moose gab Sam seine Brieftasche unverspeist zurück.
    Als er Shaddacks Haus an der Nordspitze verlassen hatte, und bevor er ins Hauptquartier zurückkehrte, um die Aufgaben an die ihm von New Wave zugeteilten hundert Männer zu verteilen, fuhr Loman Watkins zu seinem Haus im Iceberry Way im nördlichen Teil der Stadt. Es war ein bescheidenes zweistöckiges Haus im Monterey-Stil, mit drei Schlafzimmern, weiß gestrichen, mit blauen Verzierungen, das zwischen Nadelbäumen stand.
    Er stand einen Augenblick neben dem Streifenwagen in der Einfahrt und betrachtete es. Er hatte es einmal geliebt, als wäre es ein Schloß, aber er konnte diese Liebe nicht mehr in sich finden. Er erinnerte sich an viel Glück im Zusammenhang mit diesem Haus und mit seiner Familie, aber er konnte die Erinnerung an dieses Glück nicht fühlen. Das Leben in diesem Haus war von viel Lachen gesegnet gewesen, aber dieses Lachen war jetzt verstummt, die Erinnerung daran so sehr verblaßt, daß sie nicht einmal ein Lächeln des Gedenkens hervorbringen konnte. Davon abgesehen, daß sein Lächeln heutzutage ohnehin nur vorgeblich war, ohne eine Spur Humor.
    Seltsam war, Lachen und Glück hatten bis letzten August zu seinem Leben gehört. Erst innerhalb der vergangenen Monate, seit der Verwandlung, war alles anders geworden. Und doch schienen es uralte Erinnerungen zu sein.
    Komisch.
    Eigentlich überhaupt nicht komisch.
    Als er hineinging, stellte er fest, daß das Erdgeschoß dunkel und still war. Ein vager, schaler Geruch hing in den verlassenen Zimmern.
    Er ging die Treppe hinauf. Im unbeleuchteten Flur im ersten Stock sah er ein schwaches Leuchten unter der Tür von Dennys Zimmer hervorkommen. Er trat ein und fand den Jungen am Schreibtisch, vor dem Computer. Der PC hatte einen übergroßen Monitor, der derzeit die einzige Lichtquelle im Zimmer war.
    Denny sah nicht vom Terminal auf.
    Der Junge war achtzehn Jahre alt, kein Kind mehr; daher war er zusammen mit seiner Mutter verwandelt worden, kurz nach Loman selbst. Er war fmf Zentimeter größer als sein Vater und sah besser aus. Er war in der Schule immer gut gewesen, und bei Intelligenztests hatte er so gut abgeschnitten, manchmal stimmte es Loman fast unheimlich, daß sein Kind so intelligent war. Er war immer stolz auf Drnny gewesen.
    Als er jetzt neben seinem Sohn stand und auf ihn hinuntersah, versuchte Loman, diesen Stolz wiederauferstehen zu lassen, konnte ihn aber nicht empfinden. Denny hatte sich seine Gunst nicht verscherzt; er hatte nichts getan, das Miß -fallen seines Vaters zu erregen. Aber Stolz schien, wie andere Emotionen, eine Last für das höhere Denken der Neuen Menschen zu sein und behinderte wirksamere Denkmuster.
    Denny war schon vor der Veränderung ein Computerfanatiker gewesen, einer der Jungs, die sich selbst Hacker nannten, für die Computer nicht nur Hilfsmittel waren, nicht nur Spiel und Spaß, sondern eine Lebensweise. Nach der Verwandlung hatte man sich seine Erfahrung und Intelligenz bei New Wave zunutze gemacht. Er bekam ein leistungsfähigeres Heimterminal und eine moderne Verbin-düng mit dem Supercomputer im Hauptsitz von New Wave - ein Moloch, in dem sich, so Denny, viertausend Meilen Kabel und dreiunddreißigtausend superschnelle Datenverarbeitungseinheiten befanden -, den sie aus Gründen, die Loman nicht verstand, Sonne nannten, doch vielleicht lag es daran, daß die Forschungen bei New Wave so sehr von der großen Maschine abhängig waren, daß sich alles um sie drehte.
    Während Loman neben seinem Sohn stand, flackerten umfangreiche Daten über den Bildschirm. Worte, Zahlen, Kurven und Diagramme kamen und gingen mit einer solchen Geschwindigkeit, daß nur jemand von New Wave mit irgendwie geschärften Sinnen und einer gesteigerten Konzentrationsfähigkeit eine Bedeutung darin erkennen konnte.
    Loman konnte sie nicht lesen, weil er nicht die Ausbildung hatte, die Denny von New Wave bekommen hatte. Außerdem hatte er weder die Zeit gehabt noch die Notwendigkeit verspürt zu lernen, wie er seine neuerlangte Konzentrationsfähigkeit voll einsetzen könnte.
    Aber Denny absorbierte den fließenden Datenstrom, er sah den Bildschirm ausdruckslos ab, runzelte nicht die Stirn, sein Gesicht war vollkommen entspannt. Seit seiner Verwandlung war der Junge ebenso eine solide elektronische Wesenheit, wie er Fleisch und Blut war, und dieser neue Teil von ihm sprach mit einer Vertrautheit auf den Computer an, die weit über die Mensch-Maschine-Beziehung hinausging, wie die alten Menschen sie gekannt hatten.
    Loman wußte, daß sein Sohn sich über das Projekt Moon-hawk informierte. Er würde schließlich einmal zu der Arbeitsgruppe bei New Wave gehören, die die Software und Hardware des Projekts ständig verbesserte und weiterentwickelte und so daran arbeitete, daß jede Generation Neuer Menschen überlegener - und damit effizienter - als die vorangegangene sein würde.
    Ein endloser Datenstrom floß über den Bildschirm.
    Denny sah den Bildschirm so lange ohne zu blinzeln an, daß seine Augen getränt hätten, wäre er einer der Alten Menschen gewesen.
    Das Licht der ständig wechselnden Daten tanzte an den Wänden und jagte unablässig Schatten durch das Zimmer.
    Loman legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter.
    Denny sah nicht auf und reagierte auch sonst nicht. Er bewegte die Lippen, als würde er sprechen, gab aber keinen Laut von sich. Er redete mit sich selbst und schien seinen Vater gar nicht zu bemerken.
    In einem geschwätzigen, evangelistischen Augenblick hatte Thomas Shaddack davon gesprochen, daß er eines Tages ein Interface erfinden würde, mit dem man einen Computer direkt mit einer chirurgisch eingepflanzten Buchse am Ansatz der menschlichen Wirbelsäule verbinden könnte, um so künstliche und natürliche Intelligenz zu verschmelzen. Loman hatte nicht begriffen, warum so etwas klug oder erstrebenswert war, und Shaddack hatte gesagt: »Die Neuen Menschen sind eine Brücke zwischen Mensch und Maschine, Loman. Aber eines Tages wird unsere Rasse diese Brücke völlig überquert haben und eins mit den Maschinen werden, denn erst dann wird die Menschheit vollkommen effizient sein und totale Kontrolle haben.«
    »Denny«, sagte Loman leise.
    Der Junge antwortete nicht.
    Schließlich ging Loman aus dem Zimmer.
    Am Ende des Flurs, auf der anderen Seite, befand sich das Elternschlafzimmer. Grace lag im Dunkeln auf dem Bett.
    Seit der Verwandlung konnte natürlich bloßer Mangel an Licht nicht verhindern, daß sie etwas sah, denn ihre Sehkraft war drastisch verbessert. Sie konnte selbst in diesem Zimmer - ebenso wie Loman - die Umrisse der Möbel und ihre Beschaffenheit sehen, wenn auch wenige Einzelheiten. Für sie war die Nachtwelt nicht mehr schwarz, sondern dunkelgrau.
    Er setzte sich auf den Bettrand. »Hallo.«
    Sie sagte nichts.
    Er legte ihr eine Hand auf den Kopf und strich über das lange, kastanienfarbene Haar. Er berührte ihr Gesicht und stellte fest, daß das Gesicht tränenfeucht war, eine Einzel-heit, die er nicht einmal mit seinen verbesserten Augen wahrnehmen konnte.
    Weinte. Sie weinte, und das packte ihn, denn er hatte noch nie einen der Neuen Menschen weinen gesehen.
    Sein Herz schlug schneller, ein kurzes aber herrliches Pulsieren der Hoffnung lief durch ihn hindurch. Vielleicht war das Absterben von Emotionen nur ein vorübergehendes Stadium.
    »Was ist?« fragte er. »Warum weinst du?«
    »Ich habe Angst.«
    Der Puls der Hoffnung ließ rasch nach. Angst hatte sie zum Weinen gebracht, Angst und die damit verbundene Einsamkeit, und er wußte bereits, daß diese beiden Empfindungen Teil der schönen neuen Welt waren, diese und keine anderen.
    »Angst wovor?«
    »Ich kann nicht schlafen«, sagte Grace.
    »Aber du mußt nicht schlafen.«
    »Nicht?«
    »Keiner von uns muß mehr schlafen.«
    Vor der Verwandlung mußten Männer und Frauen schlafen, weil der menschliche Körper als rein biologischer Mechanismus schrecklich uneffizient war. Ruhezeit war erforderlich, um zu entspannen und die Schäden des Tages zu reparieren, um mit den Toxischen Substanzen fertig zu werden, die tagsüber von der externen Welt aufgenommen worden waren, und mit denjenigen, die intern erzeugt wurden. In den Neuen Menschen war jede Körperfunktion hervorragend reguliert worden. Die Arbeit der Natur war stark verbessert. Jedes Organ, jedes System, jede Zelle funktionierte mit größerer Effizienz, schaffte Abfallstoffe schneller als vorher weg und reinigte und regenerierte sich zu jeder Tages -zeit. Das wußte Grace ebensogut wie er.
    »Ich sehne mich nach Schlaf«, sagte sie.
    »Du spürst nur die Macht der Gewohnheit.«
    »Der Tag hat jetzt zu viele Stunden.«
    »Wir werden die Zeit totschlagen. Die neue Welt wird eine regsame sein.« »Was werden wir in dieser neuen Welt machen, wenn sie kommt?«
    »Das wird uns Shaddack sagen.«
    »Derweil... «
    »Geduld«, sagte er.
    »Ich habe Angst.«
    »Geduld.«
    »Ich sehne mich nach Schlaf, dürste danach.«
    »Wir müssen nicht schlafen«, sagte er und demonstrierte die Geduld, die er von ihr verlangt hatte.
    »Wir brauchen keinen Schlaf«, sagte sie geheimnisvoll, »aber wir müssen schlafen.«
    Sie schwiegen eine Weile.
    Dann nahm sie sein Hand in ihre und führte sie zu ihrer Brust. Sie war nackt.
    Er versuchte, sich von ihr wegzuziehen, weil er Angst vor dem hatte, was passieren könnte, was früher schon passiert war, seit der Veränderung, wenn sie sich geliebt hatten. Nein. Nicht geliebt. Sie liebten einander nicht mehr. Sie machten Sex. Kein Gefühl, abgesehen vom körperlichen Empfinden, keine Zärtlichkeit oder Leidenschaft. Sie stießen heftig und schnell aneinander, schoben und zogen, spannten und rieben sich aneinander und bemühten sich, die Reizung der Nervenenden zu maximieren. Keiner kümmerte sich um den anderen, nur um sich selbst, um die eigene Befriedigung. Da ihr Gefühlsleben nicht mehr sehr reichhaltig war, versuchten sie, diesen Verlust durch Sinnesfreuden wieder wettzumachen, vornehmlich Essen und Sex. Aber ohne den emotionalen Faktor war jedes Erlebnis... hohl, und sie versuchten, diese Leere durch Übertreibung auszugleichen; eine schlichte Mahlzeit wurde zum Festschmaus; ein Festschmaus wurde zu einer rückhaltslosen Lektion in Gier. Und Sex verkam zu einem wilden, animalischen Kopulieren.
    Grace zog ihn ins Bett.
    Er wollte nicht. Er konnte sich nicht weigern. Konnte sich buchstäblich nicht weigern.
    Sie zog schwer atmend und vor Erregung zitternd an seiner Kleidung und stieg auf ihn. Sie gab seltsame, unartikulierte Laute von sich.
    Lomans Erregung kam ihrer gleich und stieg weiter, und er stieß gegen sie, in sie, verlor jegliches Gefühl für Zeit und Ort, existierte nur noch, um das Feuer in seinen Lenden zu schüren, unbarmherzig zu schüren, bis es zu unerträglicher Hitze wurde, Hitze, Reibung und Hitze, feucht und heiß, Hitze, er schürte die Hitze bis zum Brennpunkt, an dem sein ganzer Körper zu lodern anfangen würde. Er veränderte die Stellung, nagelte sie fest, hämmerte sich in sie, in sie, in, in, zog sie so heftig an sich, daß er ihr weh tun mußte, aber das war ihm einerlei. Sie ergriff ihn und krallte sich an ihn, ihre Fingernägel gruben sich in seine Arme, ließen Blut fließen, und er riß an ihr, riß ebenfalls, weil ihn das Blut erregte, der Geruch des Blutes, des süßen Blutes, so erregend, Blut, und es machte nichts, daß sie einander verletzten, denn es waren oberflächliche Wunden, die innerhalb von Sekunden heilen würden, da sie Neue Menschen waren; ihre Körper waren effizient; Blut floß kurz, dann schlössen sich die Wunden, und sie krallten erneut, erneut. Was er wirklich wollte - was sie beide wollten -, war: sich gehen lassen, sich dem wilden Geist im Inneren ergeben, sämtliche Hemmungen der Zivilisation abstreifen, einschließlich des Hindernisses der höheren menschlichen Gestalt, wild werden, Amok laufen, sich ergeben, regressiv werden, denn dann würde Sex noch mehr Kitzel bieten, noch reineren Kitzel; sich gehenlassen, dann würde die Leere gefüllt werden; sie würden Erfüllung finden, und wenn der Sex vorbei wäre, könnten sie zusammen jagen, jagen und töten, still und geschwind, anmutig und geschwind, beißen reißen, tief und fest zubeißen, jagen und töten, Sperma und dann Blut, süßes, wohlriechendes Blut...
    Loman war eine Zeitlang desorientiert.
    Als er wieder ein Gefühl für Zeit und Ort hatte, sah er zuerst zur Tür und stellte fest, daß sie offen war; Denny hätte sie sehen können, wenn er den Flur entlang gekommen wäre - hatte sie wahrscheinlich gesehen -, aber Loman war es einerlei, ob sie gesehen oder gehört worden waren. Scham und Sittsamkeit waren zwei Opfer der Verwandlung.
    Als er sich der Welt um ihn herum wieder voll bewußt wurde, stahl sich Angst in sein Herz, und er berührte sich rasch selbst - Gesicht, Arme, Brust, Beine -, um sich zu ver-gewissem, daß er in keiner Weise anders war, als er sein sollte. Beim Sex wuchs das Wilde in ihm, und manchmal glaubte er, daß er sich wirklich verwandelte, regressiv wurde, wenn der Orgasmus näherrückte, und sei es auch nur ein wenig regressiv. Aber wenn er wieder zu sich kam, hatte er bisher noch keinen Beweis dafür gefunden.
    Aber diesmal war er blutverschmiert.
    Er schaltete die Nachttischlampe ein.
    »Mach das Licht aus«, sagte Grace sofort.
    Aber nicht einmal seine gesteigerte Nachsicht genügte ihm. Er wollte sie genau ansehen, um festzustellen, ob sie irgendwie... anders war.
    Sie war nicht regressiv geworden. Und wenn doch, war sie bereits wieder in die höhere Gestalt zurückgekehrt. Ihr Körper war blutverschmiert, ein paar Schwellungen waren zu sehen, wo er sie verletzt hatte und noch nicht wieder alles verheilt war.
    Er schaltete das Licht aus und setzte sich auf die Bettkante.
    Da die regenerierende Kraft ihrer Körper durch die Verwandlung enorm verbessert worden war, heilten oberflächliche Schnitte und Kratzer innerhalb von Minuten; man konnte richtiggehend zusehen, wie das Fleisch seine Wunden ausmerzte. Sie waren jetzt nicht mehr anfällig für Krankheiten, das Immunsystem war so aggressiv geworden, daß den meisten Viren oder Bakterien gar nicht genügend Zeit blieb, sich zu vermehren. Siaddack glaubte, daß sich auch ihre Lebenserwartung gesteigert hätte, vielleicht könnten sie Jahrhunderte alt werden.
    Sie konnten selbstverständlich getötet werden, aber nur von Verletzungen, die das Herz zerrissen, das Gehirn zerschmetterten oder die Lunge vernichteten und so den Zustrom von Sauerstoff zum Gehirn unterbanden. Würde eine Vene oder Arterie aufgerissen, würde die Blutzufuhr dahin in den paar Minuten, die zum Verheilen erforderlich waren, drastisch gesenkt. Würde ein lebenswichtiges Organ verletzt, abgesehen von Herz, Gehirn oder Lunge, könnte der Körper stundenlang weiter funktionieren, während hastige Regenerierungsmaßnahmen stattfänden. Sie waren noch nicht so zuverlässig wie Maschinen, denn Maschinen konnten nicht sterben; mit den richtigen Ersatzteilen konnte eine Maschine sogar wieder aus Trümmern aufgebaut und zum Funktionieren gebracht werden; aber sie waren diesem Maß körperlicher Beständigkeit näher, als jemand außerhalb von Moonlight Cove es für möglich gehalten haben würde.
    Jahrhunderte leben...
    Manchmal dachte Loman darüber nach.
    Jahrhunderte leben, und nur Angst und körperliche Emp -findungen zu kennen...
    Er stand vom Bett auf, ging nach nebenan ins Bad und duschte rasch, um das Blut zu entfernen.
    Er konnte sich im Spiegel nicht in die Augen sehen.
    Als er wieder im Schlafzimmer war, zog er, ohne das Licht anzumachen, eine frische Uniform an, die er aus dem Schrank holte.
    Grace lag immer noch auf dem Bett.
    Sie sagte: »Wenn ich nur schlafen könnte.«
    Er spürte, daß sie immer noch still weinte.
    Als er aus dem Zimmer ging, machte er die Tür hinter sich zu.
    Sie versammelten sich in der Küche, was Tessa gefiel, weil zu ihren glücklichsten Kindheitserinnerungen Familienkonferenzen und Schwätzchen in der Küche ihres Hauses in San Diego gehörten. Die Küche war das Herz des Hauses und in gewisser Weise das Herz der Familie. Irgendwie wurden die größten Probleme bedeutungslos, wenn man sich in einer Küche darüber unterhielt, die nach Kaffee und heißer Scho-kolade roch, und an einem Stück selbstgebackenen Kuchen knabberte. In einer Küche fühlte man sich sicher.
    Harry Talbots Küche war groß, denn sie war umgebaut worden, damit sie den Erfordernissen eines Mannes im Rollstuhl genügte; daher bot sie jede Menge Platz zwischen der Kochinsel in der Mitte, die nieder gebaut war - wie die Theken entlang der Wände -, damit man sie aus der sitzenden Haltung erreichen konnte. Ansonsten war es eine Küche wie viele andere: Schränke, die in einem angenehmen cremefarbenen Ton gestrichen waren; hellgelbe Keramikfliesen; ein leise summender Kühlschrank. Die Jalousien der Fenster ließen sich mit einem Knopf an einer der Arbeitsplatten elektrisch bedienen, und Harry ließ sie herunter.
    Nachdem sie versucht hatten zu telefonieren und feststellen mußten, daß die Leitung tot war, daß nicht nur die Münzfernsprecher, sondern das gesamte Telefonnetz der Stadt lahmgelegt worden war, setzten sich Sam und Tessa gemäß Harrys Wunsch an einen runden Tisch in der Ecke, während Harry mit einer Mr.-Coffee-Maschine einen guten kolumbianischen Kaffee machte. »Sie sehen aus, als würden Sie frieren«, sagte er. »Das wird Ihnen gut tun.«
    Tessa, die fror und müde war und das Koffein brauchte, lehnte das Angebot nicht ab. Tatsächlich faszinierte es sie, wir Harry sich trotz seiner schweren Behinderung so gut zu helfen wußte, daß er für unerwartete Besucher den großzügigen Gastgeber spielen konnte.
    Er holte mit seiner gesunden Hand und ein paar raffinierten Bewegungen eine Packung Apfel-Zimt-Brötchen aus dem Brotkasten, einen halben Schokoladenkuchen aus dem Kühlschrank, Teller und Gabeln und Papierservietten. Als Sam und Tessa ihre Hilfe anboten, lehnte er das Angebot mit einem Lächeln ab.
    Sie spürte, daß er nicht versuchte, ihnen oder sich selbst etwas zu beweisen. Es machte ihm einfach Spaß, Gesellschaft zu haben, selbst zu dieser Stunde und unter diesen bizarren Umständen. Vielleicht war es ein seltenes Ereignis.
    »Keine Sahne«, sagte er. »Nur Beutelmilch.«
    »Das reicht«, sagte Sam.
    »Und ich fürchte, auch kein elegantes Milchkännchen aus Porzellan«, sagte Harry und stellte den Milchbeutel auf den Tisch.
    Tessa fing an zu überlegen, ob sie einen Dokumentarfilm über Harry drehen sollte, über den Mut, den es erforderte, unter diesen Umständen unabhängig zu bleiben: Sie wurde trotz der Geschehnisse der vergangenen Stunden vom Sirenengesang ihres Berufes angezogen. Aber sie hatte schon vor langer Zeit herausgefunden, daß man die Kreativität eines Künstlers nicht abschalten konnte; das Auge einer Filmemacherin konnte man nicht so leicht abdecken wie die Linse einer Kamera. Sogar während sie über den Tod ihrer Schwester trauerte, waren ihr Hinfalle für Projekte gekommen, erzählerische Konzepte, interessante Einstellungen und Winkel. Sogar im Schrecken des Krieges, als sie mit afghanischen Rebellen geflohen war, während sowjetische Flugzeuge den Boden hinter ihnen bombardierten, freute sie sich darüber, was sie auf Film bekam und was sie zu Hause im Schneidraum damit machen könnte - und ihr dreiköpfiges Team hatte genauso reagiert. Daher fühlte sie sich nicht mehr verlegen oder schuldig, weil sie rund um die Uhr Künstlerin war, selbst in tragischen Zeiten; für sie war das natürlich und Teil davon, kreativ und am Leben zu sein.
    Der Harrys Bedürfnissen angepaßte Rollstuhl verfügte über eine Hydraulik, mit der man den Sitz ein paar Zentime -ter heben konnte. Er setzte sich neben Tessa und gegenüber von Sam hin.
    Moose lag in der Ecke, sah zu und hob ab und zu den Kopf, als würde er sich für ihre Unterhaltung interessieren -obwohl ihn wahrscheinlich eher der Geruch des Schokoladenkuchens anregte. Aber der Labrador kam nicht herüber und schnupperte herum und winselte nach Leckerbissen, und Tessa war von seiner Disziplin beeindruckt.
    Während sie die Kaffeekanne herumreichten und Kuchen und Brötchen aßen, sagte Harry: »Sie haben mir gesagt, was Sie hierher geführt hat, Sam - nicht nur mein Brief, sondern auch diese sogenannten Unfälle.« Er sah Tessa an; und weil sie an seiner rechten Seite saß, erweckte sein ständig geneig-ter Kopf den Eindruck, als würde er sich von ihr weglehnen und sie voll Argwohn oder zumindest Skepsis ansehen, obwohl sein herzliches Lächeln dieses Verhalten Lügen strafte. »Und was ist mit Ihnen, Miß Lockland?«
    »Bitte nennen Sie mich Tessa. Nun... meine Schwester war Janice Capshaw...«
    »Richard Capshaws Frau, die Frau des lutheranischen Priesters?« sagte er überrascht.
    »Ganz recht.«
    »Die kamen mich häufig besuchen. Ich war kein Mitglied ihrer Gemeinde, aber so waren sie eben. Wir wurden Freunde. Sie kam auch nach seinem Tod noch ab und zu vorbei. Ihre Schwester war eine gütige und wunderbare Frau, Tes-sa.« Er stellte die Tasse weg und streckte ihr seine gute Hand entgegen. »Sie war mein Freund.«
    Tessa nahm die Hand. Sie war ledrig und schwielig von der Arbeit und sehr kräftig, als würde sich die ganze Kraft seines gelähmten Körpers durch dieses gesunde Glied ausdrücken.
    »Ich habe zugesehen, wie sie sie in Callans Bestattungsinstitut ins Krematorium gebracht haben«, sagte Harry. »Durch mein Teleskop. Ich beobachte. Das ist die hauptsächliche Beschäftigung in meinem Leben. Beobachten.« Er errötete leicht. Er hielt Tessas Hand fester. »Nicht nur schnüffeln. Eigentlich überhaupt nicht schnüffeln. Ich... nehme Anteil. Oh, ich lese auch gerne, und ich habe eine Menge Bücher, und ich denke auch bestimmt jede Menge nach, aber in erster Linie bringt mich das Beobachten durch. Wir gehen später nach oben. Ich zeige Ihnen das Teleskop, die ganze Anlage. Ich denke, Sie werden verstehen. Ich hoffe es jedenfalls. Wie dem auch sei, ich habe gesehen, wie sie Janice in jener Nacht zu Callan gebracht haben... aber ich erfuhr erst zwei Tage später, wer es gewesen war, als die Geschichte ihres Todes in der Lokalzeitung stand. Ich konnte nicht glauben, daß sie so gestorben ist, wie es dort stand. Ich glaube es immer noch nicht.«
    »Ich auch nicht«, sagte Tessa. »Darum bin ich hier...«
    Harry ließ Tessas Hand mit einem letzten Drücken widerwillig los. »In letzter Zeit sieht man viele Leichen, die meisten werden bei Nacht zu Callan geschafft, und die Polizei ist auch häufig dabei und überwacht alles - verdammt seltsam für eine kleine Stadt wie diese.«
    Sam sagte von der anderen Seite des Tisches: »Zwölf Unfälle oder Selbstmorde in weniger als zwei Monaten.«
    »Zwölf?« sagte Harry.
    »Wußten Sie nicht, daß es so viele sind?«
    »Oh, es sind wesentlich mehr.«
    Sam blinzelte.
    Harry sagte: »Ich habe zwanzig gezählt.«
    Nachdem Watkins gegangen war, begab sich Shaddack wieder zum Computerterminal in seinem Arbeitszimmer, stellte die Verbindung zu Sonne her, dem Supercomputer von New Wave, und machte sich wieder an die Arbeit an einem problematischen Aspekt des derzeitigen Projekts. Es war zwar halb drei Uhr morgens, aber er würde noch ein paar Stunden tätig sein, denn er ging immer frühestens bei Dämmerung ins Bett.
    Er war erst ein paar Minuten am Terminal, als sein Privattelefon läutete.
    Bis Booker gefaßt war, ließ der Computer der Telefongesellschaft ausschließlich Gespräche zwischen Verwandelten zu, von einem Verwandelten zu einem Verwandelten. Andere Leitungen waren unterbrochen, Telefonate zur Außenwelt wurden unterbrochen, bevor sie überhaupt zustande kommen konnten. Telefonanrufe nach Moonlight Cove wurden von einem Tonband beantwortet, das einen Fehler im Netz vorschützte, binnen vierundzwanzig Stunden wieder volle Einsatzbereitschaft versprach und Bedauern über die Unannehmlichkeit ausdrückte.
    Daher wußte Shaddack, der Anrufer mußte einer der Verwandelten sein, und auch einer seiner engsten Mitarbeiter bei New Wave, da der Anruf über seine Privatleitung kam.
    Eine Digitalanzeige unter dem Telefon zeigte die Nummer, von der der Anruf getätigt wurde, und er erkannte sie als Nummer von Mike Peyser. Er nahm den Hörer ab und sagte: »Shaddack.«
    Der Anrufer atmete abgehackt und keuchend ins Telefon, sagte aber nichts.
    Shaddack sagte stirnrunzelnd: »Hallo?«
    Nur Atmen.
    Shaddack sagte: »Mike, sind Sie das?«
    Die Stimme, die ihm schließlich antwortete, war kehlig und heiser, aber mit einem schrillen Unterton, flüsternd und dennoch laut, Peysers Stimme und doch auch wieder nicht, seltsam:»...etwas stimmt nicht, etwas stimmt nicht, kann mich nicht verändern, kann nicht... stimmt nicht... stimmt nicht...«
    Shaddack wollte nur widerstrebend eingestehen, daß er Mike Peysers Stimme in diesen seltsamen Betonungen und unheimlichen Kadenzen erkannte. Er sagte: »Wer ist da?«
    »...brauche, brauche... brauche, will, ich brauche...«
    »Wer ist da?« verlangte Shaddack wütend zu wissen, aber in Gedanken stellte er eine andere Frage: Was ist da?
    Der Anrufer gab einen Laut von sich, der ein Stöhnen des Schmerzes, ein Wimmern heftigsten Zorns, ein dünner Schrei der Frustration und ein Fauchen war, das alles zu einem einzigen Plärren verschmolz. Der Hörer fiel ihm mit einem heftigen Poltern aus der Hand.
    Shaddack legte seinen eigenen Hörer weg, wandte sich wieder seinen VDT zu, schaltete sich ins Datennetz der Polizei ein und gab eine dringende Nachricht an Loman Wat-kins durch.
    Sam Booker saß im Schlafzimmer im dritten Stock auf dem Stuhl, bückte sich über das Okular und beobachtete den Hinterhof von Callans Bestattungsinstitut. Der Wind, der immer noch gegen die Fenster stürmte und die Bäume auf der Hü-gelflanke schüttelte, auf der fast ganz Moonlight Cove erbaut war, hatte den Nebel bis auf wenige Schwaden verweht. Die Lichter des Zufahrtsweges waren gelöscht worden, die Rückseite von Callans Institut lag in Dunkelheit, abgesehen vom schwachen Licht, das von den zugezogenen Fenstern des Krematoriumflügels ausging. Sie waren zweifellos emsig damit beschäftigt, die Leichen des Ehepaars einzuäschern, das im Cove Lodge ermordet worden war.
    Tessa saß hinter Sam auf dem Bettrand und tätschelte Moose, der den Kopf in ihrem Schoß liegen hatte.
    Harry saß daneben im Rollstuhl. Er aß beim Licht einer Taschenlampe in einem spiralgebundenen Notizbuch, in dem er sich Aufzeichnungen über die außergewöhnlichen Vorgänge im Krematorium gemacht hatte.
    »Das erste - jedenfalls das erste ungewöhnliche Ereignis, das mir auffiel -, war in der Nacht des achtundzwanzigsten August«, sagte Harry. »Zwanzig Minuten vor Mitternacht. Sie brachten vier Leichen auf einmal mit dem Leichenwagen des städtischen Krankenhauses. Mit Polizeibegleitung. Die Leichen waren in Plastiksäcken, daher konnte ich sie nicht sehen, aber die Polizisten und Arzthelfer und die Leute von Callan waren deutlich zu sehen... und... nun, aufgeregt. Das habe ich in ihren Gesichtern gesehen. Und Angst. Sie sahen sich immer zu den benachbarten Häusern und dem Weg hin um, als fürchteten sie, jemand könnte sie dabei beobachten, was sie taten - was seltsam war, weil sie doch nur ihre Pflicht taten, oder nicht? Wie dem auch sei, später las ich in der. Lokalzeitung, daß die Familie Mayser bei einem Brand ums Leben gekommen war, und da wußte ich, daß sie in jener Nacht zu Callan gebracht worden waren. Ich nehme an, sie sind ebensowenig bei einem Brand gestorben, wir Ihre Schwester Selbstmord begangen hat.«
    »Wahrscheinlich nicht«, sagte Tessa.
    Sam, der immer noch den Hinterhof des Bestattungsinstituts beobachtete, sagte: »Die Maysers habe ich auf meiner Liste. Sie kamen bei den Ermittlungen im Fall Bustamente-Sanchez ans Licht.«
    Harry räusperte sich und sagte: »Sechs Tage später, am dritten September, wurden kurz nach Mitternacht zwei Leichen zu Callan gebracht. Das war noch seltsamer, denn sie kamen nicht mit dem Leichen- oder Krankenwagen. Zwei Polizeiautos fuhren hinter dem Institut auf, und sie luden vom Rücksitz eines jeden einen Leichnam aus; beide waren in blutige Laken gewickelt.«
    »Am dritten September?« sagte Sam. »An diesem Datum habe ich niemanden auf meiner Liste. Sanchez und die Bus-tamentes waren am fünften. Am dritten wurden keine Totenscheine ausgestellt. Diesen beiden tauchten nie in den offiziellen Unterlagen auf.«
    »Auch in der Lokalzeitung stand nichts darüber, daß jemand gestorben wäre«, sagte Harry.
    Tessa sagte: »Also wer waren diese beiden Menschen?«
    »Vielleicht waren sie von außerhalb und hatten das Pech, daß sie in etwas Gefährliches hineingestolpert sind«, sagte Sam. »Menschen, deren Tod vollkommen vertuscht werden konnte, damit niemand erfährt, wo sie gestorben sind. Sie verschwanden einfach irgendwo unterwegs.«
    »Sanchez und die Bustamentes starben in der Nacht des fünften«, sagte Harry, »und dann Jim Armes in der Nacht des siebten.«
    »Armes verschwand auf dem Meer«, sagte Sam, sah vom Teleskop auf und betrachtete den Mann im Rollstuhl stirnrunzelnd.
    Sie haben den Leichnam nachts um elf zu Callan gebracht«, sagte Harry und sah wegen Einzelheiten in sein Notizbuch. »Die Jalousien der Krematoriumsfenster waren nicht heruntergelassen, daher konnte ich alles sehen, fast so gut, als wäre ich selbst in dem Raum gewesen. Ich habe den Leichnam gesehen... den schrecklichen Zustand, in dem er sich befand. Und das Gesicht. Ein paar Tage später, als die Zeitung einen Artikel über Armes' Verschwinden brachte, erkannte ich ihn als den Jungen, den sie verbrannt hatten.«
    Das große Schlafzimmer lag in völliger Dunkelheit, abgesehen vom Licht der Taschenlampe, das Harry mit der Hand abschirmte und auf das offene Notizbuch beschränkte. Die weißen Seiten schienen in einem eigenen Licht zu glühen, als wären sie die Seiten eines magischen oder heiligen - oder unheüigen - Buches.
    Harry Talbots mitgenommenes Äußeres wurde vom Widerschein dieser Seiten spärlich beleuchtet, und das eigentümliche Licht betone die Linien seines Gesichts und ließ ihn älter aussehen, als er war. Sam wußte, jede Linie stand für ein tragisches Ereignis und für Leid. Sympathie regte sich in ihm. Kein Mitleid. Er konnte niemanden bemitleiden, der so entschlossen war wie Talbot. Aber Sam war sich über Kummer und Einsamkeit von Harrys abgeschiedenem Leben im klaren. Während er den an den Rollstuhl gefesselten Mann betrachtete, wuchs Sams Zorn auf die Nachbarn. Warum hatten sie ihn nicht öfter zum Essen eingeladen oder an ihren Feiertagspartys teilnehmen lassen? Warum hatten sie ihn so sehr sich selbst überlassen, daß er nur mittels Fernglas und Teleskop am gesellschaftlichen Leben dieser Stadt teilnehmen konnte? Sam empfand stechende Verzweiflung über die Unwilligkeit der Menschen, sich zu öffnen, über die Art, wie sie sich selbst und andere isolierten. Dann mußte er bestürzt an sein eigenes Unvermögen denken, mit seinem Sohn zu kommunizieren, was seine Stimmung weiter verschlechterte.
    Zu Harry sagte er: » Was meinen Sie damit, der Zustand, in dem sich Armes' Leichnam befand?«
    »Zerfetzt. Zerstückelt.«
    »Er ist nicht ertrunken?«
    »Sah nicht so aus.«
    »Zerfetzt... Was genau meinen Sie damit?« fragte Tessa.
    Sam wußte, sie dachte an die Leute, deren Schreie sie im Motel gehört hatte - und an ihre Schwester.
    Harry zögerte, dann sagte er: »Nun, ich sah ihn auf dem Tisch im Krematorium, bevor sie ihn in den Ofen schoben. Er war... ausgeweidet worden. Beinahe geköpft. Schrecklich. .. zerrissen. Er sah so schlimm aus, als wäre er auf eine Tellermine getreten und von den Splittern zerfetzt worden.«
    Sie saßen schweigen da und dachten über diese Beschreibung nach.
    Nur Moose schien unberührt. Er gab einen leisen Laut der Zufriedenheit von sich, als Tessa ihn hinter den Ohren kraulte.
    Sam dachte, daß es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, ein niederes Tier zu sein, ein Wesen der Gefühle, ohne die Last des Intellekts. Oder, das andere Extrem, ein wirklich intelligenter Computer, nur Intellekt und überhaupt keine Gefühle. Die große Doppelbelastung von Gefühlen und hoher Intelligenz lag nur auf den Menschen und sie machte das Leben so schwer; man dachte immer darüber nach, was man empfand, anstatt einfach dem Augenblick zu folgen, oder man versuchte immer, in einer gegebenen Situation das zu empfinden, was man empfinden zu müssen glaubte. Gedanken und Urteilsvermögen wurden unweigerlich von Gefühlen beeinflußt - manchmal auf unterbewußter Ebene, so daß man nicht einmal völlig begriff, warum man bestimmte Entscheidungen traf, sich auf bestimmte Weise verhielt. Emotionen umwölkten das Denken; aber wenn man zu eingehend über seine Gefühle nachdachte, nahm man ihnen die Schärfe. Der Versuch, inbrünstig zu empfinden und gleichzeitig völlig klar zu denken, war, als würde man versuchen, mit sechs Keulen gleichzeitig zu jonglieren, während man mit einem Einrad auf dem Hochseil rückwärts fuhr.
    »Nach dem Artikel über Armes' Verschwinden in der Zeitung«, fuhr Harry fort, »wartete ich auf eine Korrektur, aber es wurde keine abgedruckt, und da wurde mir allmählich klar, daß die seltsamen Vorkommnisse bei Callan nicht nur seltsam waren, sondern möglicherweise kriminell - und daß die Polizei darin verwickelt war.«
    »Paula Parkins wurde auch zerrissen«, sagte Sam.
    Harry nickte. »Angeblich von ihren Dobermännern.«
    »Dobermänner?« fragte Tessa.
    Sam hatte ihr in der Wäscherei erzählt, daß ihre Schwester nur einer von vielen seltsamen Todesfällen und Selbstmorden war, aber er hatte ihr keine Einzelheiten der anderen erzählt. Jetzt erzählte er ihr rasch von Parkins.
    »Nicht von ihren eigenen Hunden«, stimmte Tessa zu. »Sie wurde von dem zerrissen, was auch Armes tötete. Und die Leute heute im Cove Lodge.«
    Harry hörte zum erstenmal von den Morden im Cove Lodge. Sam mußte ihm alles erklären, auch, wie er und Tes-sa einander in der Wäscherei begegnet waren.
    Harrys vorzeitig gealtertes Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an. Zu Tessa sagte er: »Äh... Sie haben diese Täter im Cove Lodge nicht gesehen? Keinen einzigen Blick?«
    »Nur einen Fuß durch einen Spalt unter der Tür.«
    Harry wollte etwas sagen, tat es aber nicht, sondern saß nachdenklich schweigend da.
    Er weiß etwas, dachte Sam. Mehr als wir.
    Aus irgendwelchen Gründen wollte Harry ihnen nicht mitteilen, was er wußte, denn er wandte sich wieder dem Notizbuch auf seinem Schoß zu und sagte: »Zwei Tage nach Paula Parkins' Tod wurde gegen halb zehn Uhr abends eine Leiche zu Callan gebracht.«
    »Das wäre der elfte September?« fragte Sam.
    »Ja.«
    »Keine Aufzeichnungen, daß an diesem Tag ein Totenschein ausgestellt worden ist.«
    »Auch nichts in der Zeitung.«
    »Fahren Sie fort.«
    Harry sagte: »Am fünfzehnten September...«
    »Steve Heinz, Laura Dalcoe. Angeblich hat er sie getötet und sich dann selbst das Leben genommen«, sagte Sam. »Streit unter Liebenden, wollte man uns glauben machen.«
    »Auch eine schnelle Einäscherung«, bemerkte Harry. »Und drei Nächte später, am achtzehnten, wurden kurz nach eins, kurz bevor ich zu Bett gehen wollte, noch zwei Leichen zu Callan gebracht.«
    »Auch darüber existieren keine offiziellen Aufzeichnungen«, sagte Sam.
    »Noch zwei von außerhalb, die auf einen Besuch oder nur zum Essen von der Autobahn abfuhren?« fragte Tessa. »Oder vielleicht jemand aus einem anderen Teil des County, der auf der Landstraße an der Stadt vorbeifuhr?«
    »Könnten auch Leute von hier gewesen sein«, sagte Harry. »Ich meine, es gibt immer ein paar Leute, die nicht lange hier leben, Neuankömmlinge, die ihre Häuser mieten statt kaufen und keine nennenswerten Verbindungen zur Ge -meinde haben. Wenn man die Morde an ihnen vertuschen wollte, könnte man sich immer eine akzeptable Geschichte ausdenken, daß sie wegen eines neuen Jobs weggezogen seien, oder so, und die Nachbarn würden es glauben.«
    Wenn die Nachbarn nicht schon >verwandelt< waren und sich an der Vertuschungsaktion beteiligten, dachte Sam.
    »Dann am dreiundzwanzigsten September«, sagte Harry, »das muß der Leichnam Ihrer Schwester gewesen sein, Tes-sa.«
    »Ja.«
    »Da wußte ich schon, daß ich jemandem sagen müßte, was ich gesehen hatte. Jemand mit Befugnis. Aber wem? Ich traute keinem Einheimischen, weil ich gesehen hatte, wie die Polizei ein paar Leichen gebracht hatte, die nie in offiziellen Berichten auftauchten. Den County-Sheriff? Der hätte eher Watkins als mir geglaubt, oder nicht? Verflucht, es denken sowieso alle, daß Krüppel ein wenig verschroben sind - ich meine, nicht richtig im Kopf -, sie setzen körperliche Behinderung wenigstens ein wenig mit geistiger Behinderung gleich, wenigstens unterbewußt. Daher nahm ich an, daß sie Vorurteile haben und mir nicht glauben würden, und es ist, zugegeben, ja auch eine wilde Geschichte, die Leichen, geheime Einäscherungen...« Er machte eine Pause. Sein Gesicht wurde düster. »Die Tatsache, daß ich ein Kriegsveteran mit Auszeichnungen bin, hätte mich nicht glaubwürdiger gemacht. Das ist schon lange her, für manche Vorgeschichte. Tatsächlich... hätten sie mir den Krieg zweifellos ein wenig zum Vorwurf gemacht. Post-Vietnam-Stress-Syndrom, so nennt man das. Der arme Harry ist schließlich übergeschnappt - verstehen Sie denn nicht - wegen des Krieges.«
    Bisher hatte Harry nüchtern gesprochen, ohne Gefühlsregung. Aber seine letzten Worte waren wie ein Stück Glas, das gegen die Oberfläche eines wogenden Sees gehalten wurde und Gefilde darunter sichtbar machte - in diesem Fall Gefilde von Leid, Einsamkeit und Entfremdung.
    Jetzt drangen nicht nur Gefühle in seine Stimme ein, sie brachten sie sogar ein paarmal dazu, überzuschlagen. »Und ich muß gestehen, ein Grund, warum ich nicht versucht habe, es jemandem zu sagen, war der, daß ich... Angst hatte. Ich hatte keine Ahnung, was los war. Ich konnte nicht wissen, wieviel auf dem Spiel stand. Ich wußte nicht, ob sie mich zum Schweigen bringen, mich eines nachts in den Ofen von Cal-lans schieben würden. Man sollte meinen, daß ich tollkühn wäre, nachdem ich schon soviel verloren habe, und mir keine Gedanken mehr zu machen brauche, noch mehr zu verlieren, vielleicht zu sterben; aber so ist es nicht, ganz und gar nicht. Für mich ist das Leben wahrscheinlich kostbarer als für Menschen, die heil und gesund sind. Dieser behinderte Körper hat mich so sehr gebremst, daß ich die letzten zwanzig Jahre außerhalb des Wirbels von Aktivitäten verbracht habe, in dem die meisten von Ihnen existieren, und dadurch hatte ich Zeit, die Welt wirklich zu sehen, ihre Schönheit und Vielfalt. Letztendlich hat meine Behinderung mich dazu gebracht, das Leben noch mehr zu bewundern und zu lieben. Deshalb hatte ich Angst, sie könnten zu mir kommen und mich umbringen, und deshalb habe ich niemandem erzählt, was ich gesehen habe. Gott stehe mir bei, denn wenn ich früher ausgesagt hätte, wenn ich das FBI früher angerufen hätte, wären vielleicht ein paar Menschen gerettet worden. Vielleicht... wäre Ihre Schwester gerettet worden.«
    »Das sollten Sie nicht einmal denken«, sagte Tessa sofort. »Hätten Sie anders gehandelt, wären Sie jetzt zweifellos Asche, die man aus dem Ofen von Callan gekratzt und ins Meer geworfen hätte. Das Schicksal meiner Schwester war besiegelt. Und Sie hätten es nicht verhindern können.«
    Harry nickte, dann schaltete er die Taschenlampe aus und machte das Zimmer noch dunkler, obwohl er noch nicht mit den Informationen in seinem Notizbuch durch war. Sam vermutete, Tessas spontane Großzügigkeit hatte Harry Tränen in die Augen getrieben, und er wollte nicht, daß es jemand sähe.
    »Am fünfundzwanzigsten«, fuhr er fort, da er nicht unbedingt im Notizbuch lesen mußte, »wurde um Viertel nach zehn eine Leiche zu Callan gebracht. Auch das war unheimlich, denn sie wurde weder vom Kranken- noch vom Lei-chenwagen oder dem Polizeiauto gebracht. Sie wurde von Loman Watkins gebracht...«
    »Dem Polizeichef«, sagte Sam für Tessa.
    »...aber er war mit seinem Privatwagen da, und ohne Uniform«, sagte Harry. »Sie holten die Leiche aus dem Kofferraum. Sie war in eine Decke gewickelt. Auch in dieser Nacht waren die Jalousien nicht heruntergelassen, und ich konnte mit dem Tele nahe rankommen. Ich kannte die Leiche nicht, aber wohl den Zustand, in dem sie sich befand - derselbe wie Armes.«
    »Zerrissen?« fragte Sam.
    »Ja. Dann kam das FBI in die Stadt, um den Fall Busta-mente-Sanchez zu untersuchen, und als ich das in der Zeitung las, war ich sehr erleichtert, denn ich dachte mir, es würde endlich alles ans Licht kommen, es würde Enthüllungen und Erklärungen geben. Aber in der Nacht des vierten Oktober wurden zwei weitere Leichen bei Callan weggeschafft... «
    »Da war unser Team in der Stadt«, sagte Sam. »Mitten in den Ermittlungen. Sie wußten nicht, daß während dieser Zeit irgendwelche Totenscheine ausgestellt wurden. Sie sagen, das passierte direkt unter ihren Nasen?«
    »Klar. Ich muß nicht ins Notizbuch sehen; ich erinnere mich ganz deutlich daran. Die Leichen wurden im Campingfahrzeug von Reese Dorn gebracht. Er gehört zur hiesigen Polizei, aber in jener Nacht hatte er keine Uniform an. Sie brachten die Toten ins Institut, und die Jalousien waren offen, daher konnte ich sehen, wie sie beide Leichen gleichzeitig in den Ofen schoben, als hätten sie es echt eilig, sie loszuwerden. Und spät in der Nacht des siebenten fanden auch Aktivitäten bei Callan statt, aber der Nebel war so dicht, daß ich nicht beschwören kann, ob weitere Leichen weggeschafft wurden. Und zuletzt... heute nacht. Der Leichnam eines Kindes. Eines kleinen Kindes.«
    »Plus die beiden, die im Cove Lodge getötet wurden«, sagte Tessa. »Das macht über zwanzig Opfer, nicht die zwölf, wegen derer Sam hierher geschickt wurde. Diese Stadt ist zum Schlachthaus geworden.«
    »Es könnten noch mehr sein, als wir denken«, sagte Harry.
    »Wie das?«
    »Nun, ich beobachte das Institut schließlich nicht jeden Abend die ganze Zeit über. Und ich gehe meist gegen halb zwei, aber nie später als zwei ins Bett. Wer sagt, daß ich nicht Besuche übersehen habe, daß nicht weitere Leichen in den frühen Morgenstunden gebracht wurden?«
    Sam dachte darüber nach, während er wieder durch das Okular sah. Die Rückfront von Callans Institut blieb dunkel und still. Er drehte das Teleskop langsam nach rechts und suchte die Nachbarschaft in nördlicher Richtung ab.
    Tessa sagte: »Aber warum wurden sie getötet?«
    Niemand wußte eine Antwort.
    »Und von was?« fragte sie.
    Sam studierte einen Friedhof weiter nördlich an der Conquistador, dann seufzte er, sah auf und erzählte ihnen von seinem Erlebnis an diesem Abend am Iceberry Way. »Ich dachte, es waren Halbstarke, Jugendkriminelle, aber jetzt glaube ich, es waren dieselben Wesen, die das Paar im Cove Lodge getötet haben, dieselben, deren Fuß Sie unter der Tür gesehen haben.«
    Er konnte förmlich sehen, wie Tessa in der Dunkelheit frustriert die Stirn runzelte, als sie sagte: »Aber was sind sie?«
    Harry Talbot zögerte. Dann: »Schreckgespenster.«
    Er wagte nicht, die Sirene einzuschalten, und auf der letzten Viertelmeile machte er sogar die Scheinwerfer aus, so näherte sich Loman um zehn nach drei Uhr morgens mit zwei Autos, fünf Männern und Schrotflinten dem Haus von Mike Peyser. Loman hoffte, sie würden die Gewehre nur zur Einschüchterung einsetzen müssen. Bei ihrer einzigen B;geg-nung mit einem Regressiven - Jordan Coombs am vierten September -, waren sie nicht auf dessen Wut vorbereitet gewesen und hatten ihm den Kopf wegpusten müssen, um die eigene Haut zu retten. Shaddack hatte nur einen Leichnam untersuchen können. Er war wütend über die vertane Chance gewesen, die Psychologie - und die funktionierende Physiologie - eines dieser metamorphosebedingten Psychopathen zu untersuchen. Unglücklicherweise war ein Betäubungsgewehr nicht von Nutzen, da die Regressiven Neue Menschen waren, die schlecht geworden waren, und alle Neuen Menschen, regressiv oder nicht, hatten einen radikal veränderten Metabolismus, der nicht nur wundersam schnelle Heilung ermöglichte, sondern auch die schnelle Absorption, Verdauung und Unschädlichmachung toxischer Substanzen wie Gifte und Betäubungsmittel. Man hätte einen Regressiven nur dann ruhigstellen können, wenn er einer dauernden Infusion zugestimmt hätte, was verdammt unwahrscheinlich war.
    Mike Peysers Haus war ein einstöckiger Bungalow mit Vorder- und Hinterveranda an West- und Ostseite, gut erhalten und auf einem Grundstück von sechs Ar; von einigen großen Gummibäumen abgeschirmt, die ihre Blätter noch nicht verloren hatten. In keinem Fenster brannte Licht.
    Loman schickte einen Mann zur Nord- und einen zur Südseite, damit Peyser nicht durch ein Fenster entkommen konnte. Einen dritten Mann postierte er vor der Vorderveranda, damit er den Eingang im Auge behielte. Mit den beiden anderen Männern - Sholnick und Pennyworth - ging er ums Haus herum und leise die Stufen zur hinteren Veranda hinauf.
    Jetzt, wo der Nebel fortgeweht worden war, war die Sicht gut. Aber der heulende, pfeifende Wind war ein Hintergrundlärm, der andere Geräusche übertönte, die sie vielleicht hören mußten, während sie Peyser verfolgten.
    Pennyworth stellte sich links von der Tür an die Hauswand, Sholnick rechts. Beide hatten halbautomatische Schrotflinten.
    Loman drückte die Klinke. Die Tür war nicht verschlossen. Er stieß sie auf und trat zurück.
    Seine beiden Männer betraten einer nach dem anderen die Küche und senkten die Schrotflinten, um zu feuern, obwohl sie wußten, der Befehl lautete, Peyser lebend zu fangen, wenn es möglich war. Aber sie hatten nicht vor, sich selbst zu opfern, nur um Shaddack die Bestie lebend zu bringen. Einen Augenblick später fand einer den Lichtschalter.
    Loman, der selbst eine Schrotflinte Kaliber 20 hatte, betrat das Haus nach ihnen. Leere Schüsseln, zerbrochene Teller und schmutzige Tupperbehälter lagen auf dem Boden verstreut, dazu ein paar Rigatoni mit roter Tomatensauce, ein halber Fleischklops, Eierschalen, ein Stück Kuchenkruste und andere Essensreste. Einer von vier Stühlen am Frühstückstisch lag auf der Seite; ein weiterer war an einer Schrankreihe in Stücke gehauen worden und hatte ein paar Keramikfliesen zersplittert.
    Direkt geradeaus führte ein Türbogen ins Eßzimmer. Restlicht aus der Küche erhellte vage Tisch und Stühle dort.
    Links, neben dem Kühlschrank, befand sich eine Tür. Barry Sholnick machte sie vorsichtig auf. Ein Regal mit Konservendosen auf dem Treppenabsatz. Stufen führten in den Keller hinunter.
    »Dort sehen wir später nach«, sagte Loman leise. »Wenn wir mit dem Haus fertig sind.«
    Sholnick nahm lautlos einen Stuhl vom Frühstückstisch und klemmte ihn schräg unter die Türklinke, damit nichts aus dem Keller kommen und ihnen nachschleichen konnte, wenn sie in die anderen Zimmer gingen.
    Sie standen einen Augenblick da und lauschten.
    Windböen hämmerten gegen das Haus. Ein Fenster klapperte. Vom Dachboden oben konnte man das Ächzen von Dachbalken hören, und von noch weiter oben das Klirren loser Dachziegeln.
    Seine Männer fragten Loman stumm, was sie tun sollten. Pennyworth war erst fünfundzwanzig, hätte für achtzehn gelten können und hatte ein so frisches und argloses Gesicht, daß man ihn eher für einen Vertreter religiöser Flugschriften als für einen Polizisten hätte halten können. Shol-nick war zehn Jahre älter und hatte ein härteres Aussehen.
    Loman winkte sie zum Eßzimmer.
    Sie traten ein und schalteten dabei die Lichter ein. Das Eß-zimmer war leer, daher gingen sie vorsichtig ins Wohnzimmer.
    Pennyworth drückte auf einen Schalter an der Wand und schaltete damit eine Chrom- und Messing-Lampe an, eines der wenigen nicht zertrümmerten Möbelstücke. Die Kissen von Sofa und Sesseln waren zerfetzt; überall lagen Klumpen der Schaumgummifüllung, die wie giftige Pilze aussahen. Bücher waren aus den Regalen gezogen und in Fetzen gerissen worden. Eine Keramiklampe, ein paar Vasen und die Glasplatte eines Kaffeetischchens waren zerschmettert worden. Die Türen des Fernsehschränkchens waren abgerissen, der Bildschirm eingeschlagen. Hier waren blinde Wut und wilde Kraft am Werk gewesen.
    Das Zimmer roch stark nach Urin... und nach etwas weniger Stehendem und nicht so Bekanntem. Möglicherweise der Geruch des Wesens, das für die Zerstörung verantwortlich war. Zu diesem schwächeren Geruch gehörte die saure Ausdünstung von Schweiß, aber es war auch etwas Seltsameres dabei, etwas, das Loman gleichzeitig den Magen umdrehte und vor Angst verkrampfte.
    Links führte ein Hur zu den Schlafzimmern und Bädern. Loman deckte ihn mit der Schrotflinte ab.
    Die beiden Deputies gingen in die Diele, die durch einen seitlichen Türbogen mit dem Wohnzimmer verbunden war. Rechts befand sich ein Schrank, direkt neben der Eingangstür. Sholnick stellte sich mit gesenkter Schrotflinte davor. Penny worth riß die Tür von der Seite auf. In dem Schrank befanden sich nur Mäntel.
    Der einfache Teil der Suche lag hinter ihnen. Vor ihnen lag der schmale Flur mit drei Türen, eine halb offen, die beiden anderen angelehnt, dunkle Zimmer dahinter. Dort gab es weniger Bewegungsfreiheit und mehr dunkle Stellen, von denen ein Angreifer zuschlagen konnte. Der Wind heulte in den Erkern. Er strich über eine Regenrinne und erzeugte einen leisen, klagenden Ton.
    Loman hatte nie zu den Vorgesetzten gehört, die ihre Leute in die Gefahr schickten und selbst in Sicherheit zurückblieben. Er hatte zwar Stolz und Selbstachtung und Pflichtgefühl zusammen mit anderen Eigenschaften und Empfindungen der Alten Menschen abgestreift, aber seine Pflicht war immer noch eine Gewohnheit in ihm - tatsächlich weniger bewußt, als vielmehr ein Reflex -, und er handelte so, wie er es vor der Verwandlung getan haben würde. Er trat als erster in den Flur, wo rechts und links je eine Tür warteten. Er ging rasch ans Ende, zur zweiten Tür links, die halb offen war; er kickte sie nach innen und sah im Licht vom Flur ein kleines, leeres Badezimmer, bevor die Tür von der Wand abprallte und wieder zufiel.
    Pennyworth nahm das erste Zimmer links. Er trat ein und hatte den Lichtschalter gefunden, bis Loman dorthin kam. Es war ein Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Arbeitstisch, zwei Stühlen, Schränken, hohen Bücherregalen voll von Büchern mit grellbunten Rücken und zwei Computern. Loman trat ein und zielte auf den Schrank, wo Pennyworth vorsichtig erst die eine und dann die andere Spiegeltür beiseite rollte.
    Nichts.
    Barry Sholnick blieb auf dem Flur, er richtete die Schrotflinte auf das Zimmer, in dem sie noch nicht nachgesehen hatten. Als Loman und Pennyworth wieder zu ihm kamen, schoß Sholnick diese Tür mit dem Lauf der Schrotflinte ganz auf. Während sie aufschwang, schnellte er zurück, weil er sicher war, daß ihn etwas aus der Dunkelheit heraus anspringen würde, aber nichts geschah. Er zögerte, dann trat er unter die Tür, tastete mit einer Hand nach dem Lichtschalter, fand ihn, sagte: »Oh, mein Gott«, und trat hastig wieder auf den Flur heraus.
    Loman sah an seinem Deputy vorbei in das Zimmer und erblickte eine Höllengestalt, die auf dem Boden kauerte und sich an die gegenüberliegende Wand drückte. Es war ein Regressiver, zweifellos Peyser, aber er sah dem regressiven Jordan Coombs nicht so ähnlich, wie Loman erwartet hatte. Es gab Gemeinsamkeiten, ja, aber nicht viele.
    Loman drängte sich an Sholnick vorbei und ging über die Schwelle. »Peyser?«
    Das Ding am anderen Ende des Zimmers blinzelte ihn an und bewegte den verzerrten Mund. Mit einer Stimme, die flüsternd und doch kehlig, wild und doch gequält war, wie es nur die Stimme eines halbwegs intelligenten Wesens sein konnte, sagte es: »...Peyser, Peyser, Peyser, ich, Peyser, ich, ich... «
    Auch hier war der Geruch von Urin, aber jetzt war dieser andere Geruch vorherrschend - beißend, moschusartig.
    Loman ging weiter in das Zimmer. Pennyworth folgte ihm. Sholnick blieb an der Tür stehen. Loman blieb zwölf Schritte von Peyser entfernt stehen, und Pennyworth ging zur Seite und hielt die Flinte bereit.
    Als sie Jordan Coombs am vierten September in dem vernagelten Kino in die Ecke gedrängt hatten, hatte dieser sich in einem Zustand befunden, der irgendwie an einen Gorilla mit gedrungenem, kräftigem Körper erinnert hatte. Mike Peyser dagegen hatte ein weitaus hagereres Äußeres, sein Körper, der an die Schlafzimmerwand gedrückt war, sah mehr wölfisch als affenähnlich aus. Die Hüften befanden sich in einem Winkel zur Wirbelsäule und verhinderten so, daß er vollkommen aufrecht stehen oder sitzen konnte, und seine Beine wirkten an den Schenkeln zu kurz und an den Schienbeinen zu lang. Er war von dichtem Haarwuchs bedeckt, aber nicht so dicht, daß man ihn als Pelz hätte bezeichnen können.
    »Peyser, ich, ich, ich...«
    Coombs' Gesicht war teilweise menschenähnlich gewesen, aber größtenteils das eines höheren Primaten, mit knochiger Stirn, flacher Nase und einem vorstehenden Kiefer mit großen, häßlichen, scharfen Zähnen, gleich denen eines Pavians. Mike Peysers gräßlich entstelltes Äußeres enthielt dagegen eine Spur Wolf, oder Hund; Mund und Nase waren zu einer deformierten Schnauze vorgezogen. Die breite Stirn erinnerte an die eines Affen, wirkte aber übertrieben, und in den blutunterlaufenen Augen, die in schattigen Höhlen tief unter dem knochigen Riff der Stirn lagen, war ein Ausdruck der Wut und des Entsetzens, der durch und durch menschlich war.
    Peyser hob eine Hand, deutete auf Loman und sagte: »...hilf mir, mir, hilf, etwas stimmt nicht, stimmt nicht, stimmt nicht, hilf...«
    Loman betrachtete die mutierte Hand voll Angst und Staunen zugleich, er erinnerte sich daran, wie seine eigene Hand angefangen hatte, sich zu verändern, als er an diesem Abend beim Haus der Fosters den Ruf der Regressiven vernommen hatte. Verlängerte Finger. Große, grobe Knöchel. Scharfe Krallen anstelle von Fingernägeln. Menschliche Hände, was Form und Anzahl der Finger anbetraf, aber ansonsten vollkommen fremd.
    Scheiße, dachte Loman, diese Hände, diese Hände. Ich habe sie im Kino gesehen, oder im Fernsehen, als wir die Kassette Howling ausgeliehen hatten. Rob Bottin. Das war der Name des Spezialeffektemachers, der den Werwolf geschaffen hatte. Er erinnerte sich daran, weil Danny vor der Verwandlung völlig vernarrt in Spezialeffekte gewesen war. Diese Hände sahen fast genauso wie die gottverdammten Hände des Werwolfs in Howling aus!
    Das war so verrückt, daß man kaum darüber nachdenken konnte. Das Leben ahmte die Fantasie nach. Fleisch gewordene Fantasie. Während sich das zwanzigste Jahrhundert zunehmend seinem letzten Jahrzehnt näherte, war der wissenschaftliche und technologische Fortschritt an einem Scheidepunkt angekommen, wo der Traum der Menschheit von einem besseren Leben häufig erfüllt, wo aber auch Alpträume zu Wirklichkeit gemacht werden konnten. Peyser war ein böser, böser Traum, der aus dem Unterbewußtsein gekrochen und Fleisch geworden war; man konnte ihm nicht entkommen, indem man aufwachte; er würde nicht verschwinden, so wie die Ungeheuer, die den Schlaf heimsuchten.
    »Wie kann ich dir helfen?« fragte Loman argwöhnisch.
    »Erschießen Sie ihn«, sagte Pennyworth.
    Loman antwortete heftig: »Nein!«
    Peyser hob die beiden Hände mit den verzerrten Fingern und sah sie einen Moment an, als sähe er sie zum erstenmal. Er gab ein Stöhnen von sich, dann ein dünnes und klägliches Wimmern, »...verändern, kann mich nicht mehr verändern, kann nicht, habe es versucht, will es, brauche es, will es, will es, kann nicht, habe es versucht, kann nicht...«
    Sholnick sagte von der Tür: »Großer Gott, er steckt fest -er ist gefangen. Ich dachte, die Regressiven könnten sich durch Willenskraft zurückverwandeln.«
    »Können sie«, sagte Loman.
    »Er nicht«, sagte Sholnick.
    »Das behauptet er«, stimmte Penny worth mit schneller, nervöser Stimme zu. »Er sagte, er kann sich nicht verändern.«
    Loman sagte: »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber die anderen Regressiven können sich verändern, denn wenn sie es nicht könnten, hätten wir sie mittlerweile alle gefunden. Sie streifen ihr verändertes Stadium ab und wandeln wieder unter uns.«
    Peyser schien sie gar nicht zu bemerken. Er starrte seine Hände an und wimmerte kehlig, als würde ihn entsetzen, was er sah.
    Dann fingen seine Hände an, sich zu verändern.
    »Sehen Sie«, sagte Loman.
    Loman hatte noch nie so eine Verwandlung gesehen; er war von Neugier, Staunen und Entsetzen gepackt. Die Krallen gingen zurück. Das Fleisch war plötzlich so formbar wie weiches Wachs; es quoll auf, schlug Blasen, pulsierte nicht im rhythmischen Fluß von Blut in den Adern, sondern seltsam, obszön; es nahm neue Formen an, als würde ein unsichtbarer Bildhauer daran arbeiten. Loman hörte Knochen krachen, bersten, wenn sie aufgebrochen und neu gebildet wurden; das Fleisch schmolz und verfestigte sich mit ekelerregenden feuchten Lauten wieder. Die Hände wurden beinahe menschlich. Dann verloren Gelenke und Unterarme etwas von ihrem grobschlächtigen, wölfischen Äußeren. Man sah in Peysers Gesicht, daß sich die menschliche Seele bemühte, den Wilden zu vertreiben, der momentan die Kontrolle hatte; die Züge des Raubtiers wichen einem sanfteren, zivilisierten Gesicht. Es war, als wäre der monströse Peyser nur die Spiegelung einer Bestie im Wasser, eines Sees, aus dem jetzt der wahre, menschliche Peyser emporstieg.
    Er war zwar kein Wissenschaftler, kein Genie der Mikro -technologie, nur ein Polizist mit High-School-Abschluß; dennoch wußte Loman, daß diese grundlegende und rasche Verwandlung nicht nur den drastisch verbesserten Stoffwechselvorgängen und der Fähigkeit der Neuen Menschen, sich selbst zu heilen, zugeschrieben werden konnte. Einerlei, welche gewaltigen Fluten von Hormo nen, Enzymen und anderen biologischen Chemikalien Peysers Körper jetzt erzeugen konnte, es war unmöglich, daß Knochen und Fleisch in einer so kurzen Zeitspanne so nachdrücklich verändert werden konnten. Im Verlauf von Tagen oder Wochen ja, aber nicht innerhalb von Sekunden. Es war sicherlich physisch unmöglich. Und doch geschah es. Was bedeutete, daß in Mike Peyser eine andere Kraft am Werk war, mehr als nur biologische Vorgänge, etwas Geheimnisvolles und Furchteinflößendes.
    Plötzlich hörte die Verwandlung auf. Loman konnte sehen, daß Peyser sich bemühte, wieder völlig menschlich zu werden; er biß die halb menschlichen, aber immer noch wolfsähnlichen Kiefer zusammen und knirschte mit den Zähnen, in seinen seltsamen Augen war ein Ausdruck von Verzweiflung und eiserner Entschlossenheit, aber es nützte nichts. Einen Augenblick zitterte er am Rand der menschlichen Gestalt. Man hatte den Eindruck, wenn er die Verwandlung nur noch einen Schritt weiterbringen würde, nur noch einen winzigen Schritt, dann würde er eine Schwelle überschreiten, nach der die restliche Verwandlung beinahe automatisch stattfinden würde, ohne äußerste Willensanstrengung, so mühelos wie ein abwärts fließender Bach. Aber er konnte nicht über diese Schwelle springen.
    Pennyworth gab einen leisen, erstickten Laut von sich, als würde er Peysers Verzweiflung teilen.
    Loman sah seinen Deputy an. Auf Pennyworths Gesicht glitzerte ein dünner Schweißfilm.
    Loman stellte fest, daß er ebenfalls schwitzte; er spürte, wie eine Schweißperle an seiner linken Schläfe hinabrann. Es war warm in dem Bungalow - ein Ölofen klickte an und aus -, aber nicht so warm, daß man hätte schwitzen sollen.
    Es war ein kalter Angstschweiß, aber auch mehr als das. Er spürte auch eine Beklemmung in der Brust, einen Kloß in der Kehle, der das Schlucken erschwerte, und er atmete schnell, als wäre er hundert Treppenstufen emporgelaufen...
    Peyser stieß einen dünnen Schmerzensschrei aus und wurde wieder regressiv. Mit dem spröden, berstenden Ge -räusch von Knochen und dem ölig-feuchten Laut von aufgeweichtem und wieder erstarrtem Fleisch kam die wilde Bestie wieder zum Vorschein, nach einem Augenblick war Peyser wieder so, wie sie ihn zuerst gesehen hatten: eine Kreatur der Hölle.
    Ja, eine Kreatur der Hölle, aber beneidenswert kräftig und von einer seltsamen, schrecklichen Schönheit erfüllt. Verglichen mit dem Menschenkopf, war die vorwärtsgestreckte Haltung des großen Schädels linkisch, und dem Ding fehlte die anmutige Einwärtskrümmung der menschlichen Wirbelsäule, dennoch besaß es eine ganz ureigene, dunkle Anmut.
    Sie standen einen Augenblick schweigend da.
    Peyser kauerte mit gesenktem Kopf auf dem Boden.
    Schließlich sagte Sholnick von der Tür: »Mein Gott, er ist gefangen.«
    Mike Peysers Problem ließ sich möglicherweise auf einen Fehler in der Technologie zurückführen, mittels derer die Verwandlung von einem Alten in einen Neuen Menschen bewerkstelligt wurde, aber Loman vermutete, daß Peyser immer noch über die Fähigkeit verfügte, sich neu zu formen, daß er wieder zu dem Menschen werden konnte, zu dem er so verzweifelt werden wollte, daß ihm aber der Wunsch fehlte, wieder wirklich menschlich zu werden. Er war zum Regressiven geworden, weil er diesen veränderten Zustand erstrebenswert fand; vielleicht hielt er ihn auch für so ungleich erstrebenswerter und befriedigender, daß er gar nicht mehr richtig ins höhere Dasein zurückkehren wollte.
    Peyser hob den Kopf und sah Loman und dann Pennyworth an, schließlich Sholnick und zuletzt wieder Loman. Das Entsetzen über seinen Zustand war nicht mehr zu sehen. Zorn und Entsetzen waren aus seinen Augen verschwunden. Er schien sie mit seiner verzerrten Schnauze anzulächeln, und eine neue Wildheit - beunruhigend und faszinierend zugleich - erschien in seinen Augen. Er hob die Hände wieder vors Gesicht und spannte die langen Finger, klickte mit den Krallen aneinander und betrachtete sich selbst mit einer Art Verwunderung.
    »...jagen, jagen, verfolgen, jagen, töten, Blut, Blut, brauche, brauche es...«
    »Wie zum Teufel sollen wir ihn lebend mitnehmen, wenn er nicht mitkommen will?« Pennyworths Stimme war seltsam belegt und etwas nuschelnd.
    Peyser griff sich mit einer Hand an die Genitalien und kratzte sich abwesend. Er sah wieder Loman an, dann in die Nacht hinaus, die ans Fenster drängte.
    »Ich fühle...« Sholnick ließ den Satz unvollendet.
    Pennyworth fehlten ebenfalls die Worte: »Wenn wir... nun, wir könnten... «
    Der Druck in Lomans Brust war größer geworden. Sein Hals war noch mehr zugeschnürt, er schwitzte immer noch.
    Peyser stieß einen sanften, wabernden Schrei aus, wie ihn Loman unheimlicher noch nie gehört hatte, ein Ausdruck der Sehnsucht, aber auch eine animalische Herausforderung an die Nacht, eine Verkündigung seiner Kraft und der Zuversicht in seine eigene Stärke und Verschlagenheit. In dem engen Schlafzimmer hätte der Schrei schrill und unangenehm sein sollen, aber statt dessen entfachte er in Loman dasselbe unaussprechliche Sehnen, das er schon beim Haus der Fosters empfunden hatte, als er die drei Regressiven einander in der Ferne und der Nacht etwas zurufen gehört hatte.
    Loman biß die Zähne so fest zusammen, daß seine Kiefer schmerzten, und versuchte, dem unheiligen Drang zu widerstehen.
    Peyser ließ noch einen Schrei los, dann sagte er: »Laufen, jagen, frei, frei, brauche es, frei, brauche es, kommt mit mir, kommt, kommt, brauche es, brauche...«
    Loman spürte, wie er die Schrotflinte losließ. Der Lauf senkte sich. Die Mündung war auf den Boden gerichtet, nicht mehr auf Peyser.
    »...laufen, frei, frei, müssen...«
    Hinter Loman erklang ein nervenzerfetzender Schrei der Befreiung.
    Er sah zur Schlafzimmertür und bekam gerade noch mit, wie Sholnick die Schrotflinte fallen ließ. Gesicht und Hände des Deputy wiesen sachte Veränderungen auf. Er zog die schwarze Uniformjacke aus, warf sie beiseite, riß das Hemd auf. Seine Wangen- und Kieferknochen zerflossen und strömten nach vorne, die Stirn wurde fliehend, während er in den verwandelten Zustand überwechselte.
    Als Harry Talbot ihnen alles über die Schreckgespenster gesagt hatte, beugte sich Sam auf dem hohen Stuhl zum Okular des Teleskops. Er schwang das Instrument nach links, bis er das unbebaute Grundstück neben dem Bestattungsinstitut im Visier hatte, wo die Geschöpfe zuletzt in Erscheinung getreten waren.
    Er war nicht sicher, wonach er suchte. Er glaubte nicht, daß die Schreckgespenster um genau die gleiche Zeit exakt zum selben Ort zurückkehren würden, damit er sie sich in aller Bequemlichkeit betrachten könnte. Und das niedergetrampelte Gras und Buschwerk, wo sie erst vor ein paar Stunden gewesen waren, enthielt keinerlei Hinweise, die ihm verraten hätten, was sie waren oder in welchem Auftrag sie unterwegs waren. Vielleicht versuchte er nur, die fantastische Vorstellung von affen-hunde-reptilienähnlichen Schreckgespenstern in der Wirklichkeit zu verwurzeln, sie im Geiste mit diesem unbebauten Grundstück in Verbin -dung zu bringen, um sie dadurch konkreter zu machen, damit er mit ihnen fertigwerden konnte.
    Wie auch immer, Harry hatte außer dieser noch eine andere Geschichte zu berichten. Während sie in dem verdunkelten Zimmer saßen, als würden sie sich um ein ausgebranntes Lagerfeuer herum Gespenstergeschichten erzählen, sagte er ihnen, wie ei mitarigeserien hatte, wie Denver Simpson, Doc Fitz, Reese Dorn und Paul Hawthorne damals Ella Simpson überwältigt, sie nach oben ins Schlafzimmer gebracht und ihr dann eine gewaltige Injektion mit einer goldfarbenen Flüssigkeit gegeben hatten.
    Sam bediente das Teleskop nach Harrys Anweisungen, und so gelang es ihm, das Haus der Simpsons zu finden und anzuvisieren, das auf der anderen Seite der Conquistador und gleich nördlich des katholischen Friedhofs lag. Alles war dunkel und reglos.
    Tessa, die noch auf dem Bett saß und den Hund streichelte, sagte: »Das muß alles irgendwie zusammenhängen: diese >Unglücksfälle<, was diese Männer mit Ella Simpson gemacht haben, und diese... Schreckgespenster.«
    »Ja, das hängt alles miteinander zusammen«, stimmte Sam zu. »Und New Wave Mikrotechnologie ist der Knoten, der es zusammenhält.«
    Er erzählte ihnen, was er herausgefunden hatte, als er hinter dem Rathaus in dem Streifenwagen spioniert hatte.
    »Moonhawk?« fragte sich Tessa. »Verwandlungen? In was, um Himmels willen, verwandeln sie die Menschen?«
    »Ich weiß nicht.«
    »Doch sicher nicht in diese... Schreckgespenster.«
    »Nein, den Sinn dessen würde ich nicht sehen, und soviel ich mitbekommen habe, wurden bereits zweitausend Menschen in der Stadt... dieser Behandlung unterzogen, verwandelt, was auch immer, zum Teufel, es ist. Wenn so viele von Harrys Schreckgespenstern unterwegs wären, wären sie überall; in der Stadt würde es von ihnen wimmeln, wie in einem Zoo in der Twilight-Zone.«
    »Zweitausend«, sagte Harry. »Das sind zwei Drittel der ganzen Stadt.«
    »Und der Rest bis Mitternacht«, sagte Sam. »Nicht mehr ganz einundzwanzig Stunden von jetzt an.«
    »Ich auch, schätze ich?« fragte Harry.
    »Ja. Ich habe in ihrer Liste nach Ihnen gesucht. Ihre Verwandlung ist im letzten Stadium geplant, zwischen sechs Uhr kommenden Abends und Mitternacht. Sie haben also noch etwa vierzehneinhalb Stunden, bis sie zu Ihnen kommen werden.«
    »Das ist verrückt«, sagte Tessa.
    »Ja«, stimmte Sam zu. »Vollkommen verrückt.« »Das kann alles nicht wahr sein«, sagte Harry. »Aber wenn es nicht wahr ist, warum stehen mir dann die Haare zu Berge?«
    »Sholnick!«
    Barry Sholnick warf das Uniformhemd weg, kickte die Schuhe fort und war so begierig, sämtliche Kleidungsstücke abzustreifen und seine Regression vollkommen zu machen, daß er nicht auf Loman achtete.
    »Barry, hören Sie um Gottes willen auf, lassen Sie das nicht geschehen«, sagte Pennyworth flehentlich. Er war blaß und zitterte. Er sah von Sholnick zu Peyser und wieder zurück, und Loman vermutete, daß Pennyworth denselben degenerierten Trieb verspürte, dem sich Sholnick ergeben hatte.
    »...frei laufen, jagen, Blut, Blut, müssen...«
    Peysers verlockender Gesang bohrte sich wie ein Stachel durch Lomans Gehirn, und er wollte, daß er damit aufhörte. Nein, in Wahrheit war es kein Stachel, der seinen Schädel spaltete, denn es war überhaupt nicht schmerzhaft, tatsächlich war es erregend und seltsam melodisch, drang ihm bis ins Innerste und durchbohrte ihn nicht wie ein Schaft aus Metall, sondern wie Musik. Darum wollte er, daß es aufhörte; weil es ihn ansprach, ihn in seinen Bann zog; er wollte seine Verantwortung und seine Sorgen abstreifen, wollte sich vor dem zu komplizierten Leben des Intellekts zurückziehen in eine Existenz, die nur auf Gefühlen basierte, auf körperlichem Verlangen, in eine Welt, deren Grenzen von Sex und Nahrung und dem Nervenkitzel der Jagd bestimmt waren, eine Welt, wo Zwistigkeiten und Bedürfnisse einzig und allein durch Muskelkraft ausgetragen und erfüllt wurden, wo er nie wieder denken, sich Sorgen machen oder sich um etwas kümmern müßte.
    »...Erfüllung, Erfüllung, Erfüllung, Erfüllung, töten...«
    Sholnicks Körper beugte sich nach vorne, als sich die Wirbelsäule neu bildete. Sein Rücken verlor die konkave Krümmung, die der menschlichen Gestalt eigen ist. Seine Haut schien Schuppen zu weichen...
    »...Kommt, schnell, schnell, die Jagd, Blut, Blut...«
    ...und als Sholnicks Gesicht neu geformt wurde, klaffte sein Mund unmöglich weit auf und öffnete sich fast von einem Ohr bis zum anderen, wie das Maul eines ewig grinsenden Reptils.
    Der Druck in Lomans Brust wurde mit jeder Sekunde größer. Ihm war heiß, er schwitzte, aber die Hitze kam aus seinem Inneren, als würde sein Stoffwechsel mit einer Ge -schwindigkeit rasen, die das Tausendfache der Normalen betrug, um ihn für die Verwandlung bereit zu machen. »Nein.« Schweiß strömte an ihm herab. »Nein!« Ihm war, als wäre das Zimmer ein Kessel, in dem er auf seine Essenz ausgekocht werden würde; er konnte fast spüren, wie sein Fleisch zu schmelzen anfing.
    Pennyworth sagte: »Ich will, ich will, ich will«, aber er schüttelte heftig den Kopf und versuchte zu leugnen, was er wollte. Er weinte und zitterte und war weiß wie ein Laken.
    Peyser erhob sich aus seiner kauernden Haltung und trat von der Wand weg. Er bewegte sich geschmeidig, rasch, und obwohl er sich in seinem veränderten Zustand nicht vollkommen aufrecht halten konnte, war er größer als Lo-man, eine furchteinflößende und zugleich verführerische Gestalt.
    Sholnick kreischte.
    Peyser entblößte die scharfen Zähne und zischte Loman etwas zu, als wollte er sagen: Entweder kommst du zu uns, oderdu stirbst.
    Mit einem Schrei, der sich aus Verzweiflung und Freude zusammensetzte, warf Neu Pennyworth die Schrotflinte weg und legte die Hände vor das Gesicht. Als hätte diese Berüh-rung eine chemische Reaktion ausgelöst, fingen sowohl seine Hände wie auch das Gesicht an, sich zu verformen.
    Hitze explodierte in Loman und er brülle wortlos, aber ohne die Freude, die Pennyworth ausgedrückt hatte, und ohne Sholnicks orgiatischen Schrei. Er riß die Schrotflinte hoch, solange er sich noch in der Gewalt hatte, und feuerte eine Ladung auf Peyser ab.
    Der Schuß erwischte den Regressiven in der Brust und warf ihn in einem gewaltigen Blutschwall gegen die Wand. Peyser sackte winselnd, nach Luft ringend zusammen und wand sich auf dem Boden wie ein nicht ganz totgetretener Käfer, und er war nicht tot. Vielleicht hatten Herz und Lunge keine ausreichenden Verletzungen abbekommen. Wenn sein Blut, noch mit Sauerstoff versorgt, durch seinen Körper gepumpt würde, dann würde der Schaden bereits behoben; seine Unverwundbarkeit war in gewisser Weise noch größer als die übernatürlichen Kräfte eines Werwolfs, denn ihn konnte man nicht einfach mit einer Silberkugel töten; er würde einen Augenblick später so kräftig wie eh und je wieder aufstehen.
    Eine Hitzewelle nach der anderen jagte durch Loman, und jede war heißer als die vorhergehende. Er verspürte Druck von innen, jetzt nicht mehr nur in der Brust, sondern in jedem Körperteil. Ihm blieben nur noch Sekunden, in denen sein Verstand klar genug sein würde zu handeln, und sein Wille stark genug, Widerstand zu leisten. Er lief zu Peyser, hielt ihm die Schrotflinte gegen die wogende Regressiven-brust und feuerte noch eine Ladung in ihn.
    Diese Ladung mußte das Herz zerschmettert haben. Der Körper zuckte vom Boden empor, als der Schuß in ihn eindrang. Peysers Monstergesicht verzerrte sich, dann erstarrte es mit offenen, blicklosen Augen und Lippen, die unmenschlich große, scharf aussehende Zähne entblößten.
    Hinter Loman schrie jemand.
    Er wirbelte herum und sah das Sholnick-Ding auf sich zukommen. Er feuerte eine dritte und vierte Ladung, die Shol-nick in der Brust und im Magen traf.
    Der Deputy stürzte heftig zu Boden und kroch in Richtung Flur, weg von Loman.
    Neil Pennyworth hatte sich vor dem Bett auf dem Boden in eine embryonale Haltung zusammengerollt. Er sang, aber nicht von Blut und Bedürfnissen und der Freiheit; er schrie den Namen seiner Mutter, immer wieder, als wäre er ein verbaler Talisman, der ihn vor dem Bösen beschützen konnte, das ihn holen wollte.
    Lomans Herz schlug so heftig, daß das Pochen von außen zu kommen schien, als würde jemand in einem anderen Zimmer des Hauses eine Trommel schlagen. Er war halb davon überzeugt, daß er seinen gesamten Körper in diesem Pulsschlag erbeben spüren konnte, und daß er sich mit jedem Schlag auf eine unmerkliche und dennoch teuflische Weise veränderte.
    Er trat hinter Sholnick, stand über ihm, dann stieß Loman dem Regressiven die Mündung in den Rücken, etwa an der Stelle, wo er das Herz vermutete, und drückte ab. Sholnick stieß einen schrillen Schrei aus, als er spürte, wie ihn die Mündung berührte, aber er war zu schwach, sich herumzudrehen und Loman das Gewehr zu entreißen. Der Schuß machte dem Schrei für immer ein Ende.
    Das Blut dampfte in dem Zimmer. Der komplexe Geruch war so süß und anziehend, daß er an die Stelle von Peysers verführerischem Gesang trat und Loman zur Regression treiben wollte.
    Er lehnte sich an den Schrank, machte die Augen zu und versuchte, sich zusammenzunehmen. Er klammerte sich mit beiden Händen an der Schrotflinte fest, und zwar nicht wegen ihres Wertes für die Verteidigung - sie enthielt keine Munition mehr -, sondern weil es eine kunstvoll gefertigte Waffe war, was bedeutete, sie war ein Gegenstand der Zivilisation, eine Erinnerung daran, daß er ein Mensch war, der Gipfel der Evolution, und daß er der Versuchung nicht erliegen durfte, seine Werkzeuge und sein Wissen wegzuwerfen und gegen die niederen Vergnügungen und Befriedigungen eines Tieres einzutauschen.
    Aber der Blutgeruch war so stark und verlockend...
    Er versuchte verzweifelt, sich mit allem zu beeindrucken, was er verlieren würde, wenn er sich ergab, und er dachte an Grace, seine Frau, und erinnerte sich, wie sehr er sie einst geliebt hatte. Aber jetzt konnte er nicht mehr lieben, wie alle Neuen Menschen. Gedanken an Grace konnten ihn nicht retten. Tatsächlich sah er Bilder ihrer letzten animalischen Paarung vor sich, und sie war nicht mehr Grace für ihn; sie war einfach weiblich, und die Erinnerung an ihr wildes Kopulieren erregte ihn und zog ihn noch näher an den Strudel der Regression.
    Der übermächtige Wunsch zu degenerieren weckte das Gefühl in ihm, als wäre er in einem Wirbel und würde nach unten gesogen werden, nach unten gesogen, nach unten, und er vermutete, daß sich so der Werwolf fühlen mußte, wenn er zum Nachthimmel aufsah und am Horizont den Vollmond aufgehen sah. Der Konflikt tobte in ihm:
    ...Blut...
    ...Freiheit...
    -    nein. Verstand, Wissen -
    ...Jagen...
    ...Töten...
    -    nein. Forschen, Lernen -
    ...Essen...
    ...Laufen...
    ...Jagen...
    ...Ficken...
    ...Töten...
    -    nein, nein! Musik, Kunst, Sprache -
    Das Chaos in ihm wuchs.
    Er versuchte, dem Sirenengesang der Wildheit mit Vernunft entgegenzutreten, aber das schien nicht zu funktionieren, daher dachte er an Denny, seinen Sohn. Er mußte an seiner Menschlichkeit festhalten, und sei es nur Dennys wegen. Er versuchte, die Liebe zu beschwören, die er einst für seinen Sohn empfunden hatte, versuchte diese Liebe neu in sich erstehen zu lassen, bis er sie hinausschreien könnte, aber er vernahm nur ein Flüstern vergangener Gefühle tief in der Dunkelheit seines Verstandes. Seine Fähigkeit zu lieben war auf dieselbe Weise von ihm gewichen, wie Materie nach dem Urknall, der das Universum erschaffen hatte, vom Zentrum der Existenz fortgestrebt war; die Liebe zu Denny war jetzt so fern und vergangen, daß sie wie ein Stern am anderen Ende des Universums war, dessen Licht man nur schwach sehen konnte und das wenig Energie zu leuchten und gar keine Energie, Wärme zu spenden, mehr hatte. Doch selbst der Hauch eines Gefühls war etwas, um das er das Bild von sich selbst als menschlich aufbauen konnte, menschlich, in erster Linie Mensch, kein Ding, das auf allen Vieren lief, oder mit am Boden schleifenden Knöcheln, sondern ein Mensch, ein Mensch.
    Sein fliegender Atem wurde etwas langsamer. Sein Herzschlag verlangsamte sich von einem unmöglich schnellen dubdubdubdubdubdubdubdubdub zu schätzungsweise hundert oder hundertzwanzig Schlägen pro Minute, immer noch schnell, als liefe er, aber besser. Auch sein Kopf wurde klarer, aber nicht völlig klar, weil der Geruch des Blutes ein unausweichliches Parfüm war.
    Er stieß sich vom Schrank ab und stolperte zu Pennyworth.
    Der Deputy hatte sich immer noch in der engsten Embryo-nalhalrung zusammengerollt, die ein erwachsener Mann einnehmen konnte. Spuren der Bestie waren an seinen Händen und im Gesicht zu erkennen, aber er war deutlich menschlicher geworden. Daß er den Namen seiner Mutter sang, schien ebensogut zu wirken, wie die dünne Lebenslinie der Liebe für Loman gewirkt hatte.
    Loman nahm seine verkrampfte Hand von der Schrotflinte, streckte sie Pennyworth entgegen und nahm ihn am Arm. »Kommen Sie, verschwinden wir von hier, Junge, weg von dem Geruch.«
    Pennyworth begriff und erhob sich umständlich. Er beugte sich zu Loman und ließ sich aus dem Zimmer führen, weg von den beiden toten Regressiven, den Flur entlang ins Wohnzimmer.
    Hier erstickte der Uringestank sämtliche Spuren des Blutgeruchs, die aus dem Schlafzimmer hierher gezogen sein konnten. Das war besser. Es war kein übler Geruch mehr, wie vorhin, sondern ätzend und säubernd.
    Loman ließ Pennyworth in einen Sessel sinken, das einzi-ge gepolsterte Möbelstück im Zimmer, das nicht in Fetzen gerissen worden war.
    »Alles in Ordnung?«
    Pennyworth sah zu ihm auf, zögerte, dann nickte er. Sämtliche Spuren der Bestie waren von Gesicht und Händen verschwunden, aber sein Fleisch war seltsam schwammig und immer noch im Stadium der Veränderung begriffen. Sein Gesicht schien von einem heftigen Anfall von Nesselausschlag geschwollen zu sein, große Beulen zogen sich von der Stirn zum Kinn und von einem Ohr zum anderen, und er hatte auch lange diagonale Wülste, die auf der Haut wütend rot leuchteten. Doch diese Phänomene verschwanden, noch während Loman hinsah, und Neil Pennyworth hatte seine Menschlichkeit wieder vollkommen zurückgewonnen. Jedenfalls seine leibliche Menschlichkeit.
    »Sicher?« fragte Loman.
    »Ja.«
    »Bleiben Sie hier.«
    »Ja.«
    Loman ging in die Diele und machte die Eingangstür auf. Der Deputy, der draußen stand, war aufgrund der Schüsse und Schreie im Haus so nervös, daß er beinahe auf seinen Vorgesetzten geschossen hätte, bis ihm klar wurde, wen er vor sich hatte.
    »Was, zum Teufel, geht da vor?« sagte der Deputy.
    »Nehmen Sie per Computer Verbindung zu Shaddack auf«, sagte Loman. »Er muß sofort hierher kommen. Auf der Stelle. Ich muß ihn sofort sprechen.«
    Sam zog die schweren blauen Vorhänge zu, und Harry schaltete das Nachttischlämpchen an. So schwach es war, zu düster, um mehr als die Hälfte der Schatten zu verscheuchen, es tat Tessa dennoch in den Augen weh, die bereits müde und blutunterlaufen waren.
    Sie sah das Zimmer zum erstenmal richtig. Es war spartanisch möbliert: der Stuhl; der hohe Tisch neben dem Stuhl; das Teleskop; eine lange, schwarze Kommode im modernen orientalischen Stil; zwei passende Nachttischchen; in einer Ecke ein kleiner Kühlschrank; ein verstellbares Krankenhausbett, übergroß, ohne Decke, aber mit vielen Kissen und bunten Laken mit einem Muster roter, orangefarbener, purpurner, grüner, gelber, blauer und schwarzer Kleckse und Linien, wie eine gigantische Leinwand, die von einem wahnsinnigen und farbenblinden abstrakten Künstler bemalt worden war.
    Harry sah ihre und Sams Reaktion auf die Laken, und sagte: »Das ist eine Geschichte für sich, aber Sie müssen zuerst die Vorgeschichte erfahren. Meine Haushälterin, Mrs. Huns-bok, kommt einmal die Woche vorbei, sie erledigt den größten Teil meiner Einkäufe für mich. Aber ich schicke auch Moose jeden Tag auf einen Botengang, und wenn es nur ist, um die Zeitung zu holen. Er hat diese... nun, eine Art Satteltaschen umgeschnallt, auf jeder Seite eine, ich lege einen Zettel und etwas Geld in eine Tasche, und er geht zum hiesigen Kaufhaus - wenn er die Taschen umgeschnallt hat und ich nicht bei ihm bin, geht er nur dorthin. Der Junge dort in der Lebensmittelabteilung, Jimmy Ramis, kennt mich ziemlich gut. Jimmy liest den Zettel, legt einen Beutel Milch oder ein paar Schokoriegel oder was ich auch immer haben möchte, in die Satteltasche, legt auch das Wechselgeld hinein, und Moose bringt mir alles. Er ist ein guter, zuverlässiger Hund, der beste. Sie bilden sie bei Canine Companions for Independence wirklich sehr gut aus. Wenn Moose meine Zeitung oder einen Beutel Milch in der Tasche hat, verfolgt er nie eine Katze.«
    Der Hund hob den Kopf von Tessas Schoß und hechelte und grinste, als würde ihm das Lob gefallen.
    »Eines Tages kam er mit den paar Dingern heim, wegen derer ich ihn fortgeschickt hatte, und außerdem hatte er einen Satz Laken und Kissenbezüge. Ich rief Jimmy Ramis an und fragte ihn, was das sollte, und Jimmy sagte, er wüßte nicht, wovon ich spräche, er hätte diese Laken nie gesehen.
    Jimmys Vater gehört das Kaufhaus, und ihm gehört auch der Restpostenladen an der Landstraße. Er bekommt jede Menge Restposten und Sachen, die sich nicht so gut verkauft haben, wie die Hersteller erwarteten. Er kauft sie manchmal zu zehn Prozent des ursprünglichen Preises ein, und ich könnte mir denken, daß es ihm selbst in seinem Restpostengeschäft schwerfiel, diese Laken zu verkaufen. Jimmy hat sie zweifellos gesehen, fand sie reichlich albern und beschloß, einen Spaß mit mir zu machen. Aber am Telefon sagte Jimmy: >Harry, wenn ich etwas von diesen Laken wüßte, würde ich es Ihnen sagen, aber ich weiß nichts davon. < Und ich sagte: >Willst du mir einreden, daß Moose sie aus freien Stücken gekauft hat, mit seinem eigenen Geld?< Und Jimmy sagte: >Nein, ich schätze, er ist irgendwo zum Ladendieb geworden worauf ich sagte: >Und wie konnte er sie so ordentlich in seine Satteltaschen packen?< Sagt Jimmy: >Ich weiß nicht, Harry, aber er ist ein verdammt kluger Hund - auch wenn es so aussieht, als hätte er nicht den besten Geschmacks«
    Tessa sah, wie Harry die Geschichte genoß und sie begriff auch, warum sie ihm solche Freude bereitete. Zunächst einmal war der Hund Kind, Bruder und Freund, alles in einem vereint, und Harry war stolz, daß die Leute Moose für klug hielten. Wichtiger war aber, Jimmys kleiner Scherz machte Harry zu einem Teil seiner Gemeinde, nicht nur zu einem ans Haus gefesselten Invaliden, sondern zu einem aktiv am Leben der Stadt Beteiligten. In seinem einsamen Leben gab es zu wenige solcher Vorfälle.
    »Und du bist ein kluger Hund«, sagte Tessa zu Moose.
    Harry sagte: »Wie dem auch sei, als Mrs. Hunsbok das nächste Mal kam, habe ich sie gebeten, das Bett damit zu beziehen, als Witz, aber dann gefielen sie mir irgendwie.«
    Nachdem er die Vorhänge am zweiten Fenster zugezogen hatte, ging Sam wieder zum Stuhl, setzte sich, drehte sich zu Harry herum und sagte: »Das sind die grellsten Laken, die ich je gesehen habe. Halten Sie sie nachts nicht wach?«
    Harry lächelte. »Mich kann nichts wachhalten. Ich schlafe wie ein Baby. Die Leute werden von Sorgen wegen der Zu-kunft, darüber, was ihnen zustoßen könnte, wachgehalten. Aber mir ist das Schlimmste schon zugestoßen. Oder sie liegen wach und denken über die Vergangenheit nach, über das, was gewesen ist; und auch das tue ich nicht, weil ich es einfach nicht wage.« Während er sprach, verblaßte sein Lächeln. »Und was jetzt? Was machen wir als nächstes?«
    Tessa hob den Kopf des Hundes behutsam vom Schoß, stand auf, strich sich ein paar Hundehaare von den Jeans und sagte: »Nun, die Telefone funktionieren nicht, daher kann Sam das FBI nicht anrufen, und wenn wir die Stadt zu Fuß verlassen, riskieren wir eine Begegnung mit Wat-kins' Wachen oder diesen Schreckgespenstern. Wenn Sie keinen Heimfunker kennen, der uns sein Gerät benützen lassen würde, sehe ich nur eine Möglichkeit, nämlich zu fahren.«
    »Vergessen Sie die Straßensperren nicht«, sagte Harry.
    »Dann werden wir wohl mit einem Lastwagen fahren müssen, mit etwas Großem und Bösem, überfahren die verdammte Straßensperre einfach, fahren zur Autobahn und dann aus ihrem Bezirk hinaus. Und selbst wenn wir von der Countypolizei angehalten würden, machte das nichts, denn Sam könnte sie dazu bringen, das FBI anzurufen, die Wahrheit seiner Aussage festzustellen, und dann würden sie auf unserer Seite sein.«
    »Wer ist hier eigentlich der Bundesagent?« fragte Sam.
    Tessa merkte, wie sie errötete. »Tut mir leid. Sehen Sie, eine Dokumentarfilmerin ist fast immer auch ihre eigene Produzentin, manchmal Produzentin, Autorin und Regis -seurin in einem. Das heißt, wenn der künstlerische Teil hinhauen soll, muß zuerst der finanzielle Teil klappen, daher bin ich daran gewöhnt, jede Menge Planungen und Logistik zu machen. Ich wollte Ihnen nicht auf die Zehen treten.«
    »Da dürfen Sie jederzeit drauf treten.«
    Sam lächelte, und er gefiel ihr, wenn er lächelte. Sie merkte, daß sie sich sogar ein wenig zu ihm hingezogen fühlte. Er war weder hübsch noch häßlich, und auch nicht, was die meisten Menschen mit >unscheinbar< bezeichneten. Er war mehr... schwer zu beschreiben, aber mit angenehmem Äußeren. Sie spürte eine Dunkelheit in ihm, die tiefer reichte als seine momentanen Sorgen über die Ereignisse in Moonlight Cove - vielleicht Trauer über einen Verlust, vielleicht lange unterdrückter Zorn über ein Unrecht, das ihm widerfahren war, vielleicht ein allgemeiner Pessimismus, der damit zusammenhing, daß er bei seiner Arbeit mit den schlimmsten Elementen der Gesellschaft zu tun hatte. Aber wenn er lächelte, war er wie verwandelt.
    »Wollen Sie wirklich mit einem Lastwagen durchbrechen?« fragte Harry.
    »Vielleicht als allerletztes Mittel«, sagte Sam. »Aber dazu müßten wir einen finden, der groß genug ist, und stehlen, und das ist an sich schon problematisch genug. Außerdem haben sie vielleicht Gewehre an den Straßensperren, oder automatische Waffen. Gegen so etwas wollte ich nicht einmal mit einem Mack-Lastwagen anfahren. Man kann mit einem Panzer in die Hölle fahren, aber der Teufel wird einen trotzdem bekommen, daher ist es das Beste, gar nicht erst dorthin zu gehen.«
    »Aber wohin gehen wir dann?« fragte Tessa.
    »Schlafen«, sagte Sam. »Es gibt einen Ausweg, eine Methode, das Bureau zu benachrichtigen. Ich sehe ihn aus den Augenwinkeln, aber wenn ich ihn direkt ansehen will, verschwindet er. Das liegt daran, daß ich müde bin. Ich brauche ein paar Stunden in der Falle, damit ich wieder frisch werde und klar denken kann.«
    Nach allem, was sich im Cove Lodge zugetragen hatte, war auch Tessa erschöpft, aber sie war irgendwie überrascht, daß sie nicht nur schlafen konnte, sondern es auch wollte. Als sie in ihrem Motelzimmer stand und die Schreie der Sterbenden und das wilde Kreischen der Killer gehört hatte, hätte sie nicht gedacht, daß sie jemals wieder schlafen könnte.
    Shaddack kam um fünf Minuten vor vier Uhr morgens bei Peysers Haus an. Er fuhr seinen anthrazitfarbenen Lieferwagen mit den dunkel getönten Scheiben und nicht den Mercedes, weil im Lieferwagen ein Computerterminal an der Konsole zwischen den Sitzen montiert war, dort, wo der Hersteller eigentlich eine Klimaanlage vorgesehen hatte. Da die bisherige Nacht so ereignisreich gewesen war, hielt es Shaddack für eine gute Idee, in Reichweite der Verbindung zu bleiben, die wie ein silbernes Spinnennetz durch ganz Moonlight Cove gesponnen war.
    Als Shaddack durch den Vorgarten zur Veranda ging, rollte ferner Donner über den Horizont des Pazifik. Der heftige Wind, der den Nebel nach Osten geweht hatte, hatte auch einen Sturm vom Westen gebracht. Im Verlauf der vergangenen Stunden hatten brodelnde Wolken den Himmel überzogen und die funkelnden Sterne zugedeckt, die kurz zwischen dem Abziehen des Nebels und dem Aufkommen der Sturmwolken zu sehen gewesen waren. Jetzt war die Nacht sehr dunkel und still. Er zitterte in seinem Kaschmirmantel, unter dem er immer noch den Jogginganzug trug.
    Ein paar Polizisten saßen in Streifenwagen am Gehweg. Sie beobachteten ihn, blasse Gesichter hinter staubigen Scheiben, und der Gedanke gefiel ihm, daß sie ihn voll Unterwürfigkeit und Angst ansahen, denn er war in gewissem Sinne ihr Schöpfer.
    Loman Watkins wartete im vorderen Zimmer auf ihn. Das Haus war verwüstet. Neil Pennyworth saß auf dem einzigen unbeschädigten Möbelstück; er sah ziemlich erschüttert aus und konnte Shaddack nicht in die Augen sehen. Watkins ging auf und ab. Ein paar Blutspritzer besudelten seine Uniform, aber er schien unverletzt; wenn er Verletzungen abbekommen hatte, mußten sie unbedeutend gewesen und bereits verheilt sein. Es war wahrscheinlich das Blut von jemand anderen.
    »Was ist passiert?« fragte Shaddack.
    Watkins achtete nicht auf die Frage, sondern sagte zu seinem Beamten: »Gehen Sie raus zu den Wagen, Neu. Bleiben Sie dicht bei den anderen Männern.«
    »Ja, Sir«, sagte Pennyworth. Er war auf dem Sessel zusammengesunken, hatte den Kopf gesenkt und betrachtete seine Schuhspitzen.
    »Es wird alles gut, Neu.«
    »Das glaube ich auch.«
    »Das war keine Frage, es war eine Feststellung. Es wird alles gut. Sie haben genügend Kraft, Widerstand zu leisten. Das haben Sie schon bewiesen.«
    Pennyworth nickte, stand auf und ging zur Tür.
    Shaddack sagte: »Was soll das alles?«
    Watkins wandte sich zum Flur am anderen Ende des Zimmers und sagte: »Kommen Sie mit.« Seine Stimme war kalt und hart wie Eis, von' Wut und Angst gezeichnet, aber eindeutig ohne den widerwilligen Respekt, mit dem er seit seiner Verwandlung im August zu Shaddack gesprochen hatte.
    Shaddack mißfiel diese Wandlung in Watkins, und sie erfüllte ihn mit Unbehagen, daher folgte er ihm wieder in den Flur.
    Der Polizist blieb vor einer geschlossenen Tür stehen und drehte sich zu Shaddack um. »Sie haben gesagt, Sie hätten unsere biologische Effizienz gesteigert, indem Sie uns diese. .. Biochips injiziert haben.«
    »Eigentlich eine unrichtige Bezeichnung. Es sind keine Chips, sondern unglaublich winzige Mikrokugeln.«
    Trotz der Regressiven und einiger anderer Probleme, die im Zusammenhang mit dem Projekt Moonhawk aufgetaucht waren, war Shaddacks Stolz angesichts seiner Errungenschaft ungetrübt. Fehler konnte man ausmerzen. Man konnte Schnitzer aus dem System eliminieren. Er war immer noch das Genie seiner Zeit; er spürte nicht nur, daß das stimmte, sondern wußte es ebenso, wie er genau wußte, in welcher Richtung er jeden Morgen nach der auf gehenden Sonne schauen mußte.
    Genie...
    Der gewöhnliche Silikonmikrochip, der die Computerrevolution ermöglicht hatte, war so groß wie ein Fingernagel gewesen und hatte eine Million Schaltkreise enthalten, die durch Fotolithografie eingeätzt wurden. Der kleinste Schaltkreis auf diesem Chip war ein Hundertstel so breit wie ein menschliches Haar gewesen. Durchbrüche in der Röntgenlithografie, die Verwendung gigantischer, Synchrotron genannter Teilchenbeschleuniger, machte es schließlich möglich, eine Milliarde Schaltkreise auf einen Chip zu prägen, mit Leitungen, die nur noch ein Tausendstel eines menschlichen Haars maßen. Die Dimensionen zu verkleinern war der wichtigste Weg, Computergeschwindigkeit zu erzielen und Funktion und Möglichkeiten zu erweitern.
    Die von New Wave entwickelten Mikrokugeln maßen nur ein Viertausendstel soviel wie ein Mikrochip. Auf jeder befanden sich eine Viertelmillion Schaltkreise. Dies war durch eine radikal neue Form der Röntgenlithografie bewerkstelligt worden, die es ermöglichte, Schaltkreise auf erstaunlich winzige Oberflächen zu ätzen, wobei man diese Oberflächen nicht vollkommen stillhalten mußte.
    Die Verwandlung von Alten Menschen in Neue Menschen begann mit der Injektion Hunderttausender dieser Mikrokugeln in Lösung in den Blutkreislauf Sie waren von biologisch interaktiver Funktion, aber das Material selbst war biologisch inert, daher wurde das Immunsystem nicht ausgelöst. Es gab verschiedene Arten von Mikrokugeln. Manche waren herztropisch, was bedeutete, sie bewegten sich durch die Adern zum Herzen und nisteten sich dort ein, indem sie sich an die Wände der Blutgefäße klammerten, die den Herzmuskel versorgten. Manche Mikrokugeln waren lungentropisch, lebertropisch, nierentropisch, darmtropisch, und so weiter. Sie lagerten sich in Gruppen an diesen Stellen ab und waren so entworfen, daß sich ihre Schaltkreise verbanden, wenn sie Kontakt hatten.
    Diese im ganzen Körper verteilten Gruppen bildeten schließlich fünfzig Milliarden verwendbare Schaltkreise, die das Potential für Datenverarbeitung in einem deutlich größeren Umfang als die größten Supercomputer der achtziger Jahre hatten. In gewisser Weise war ein Super-Supercompu-ter durch Injektion in den menschlichen Körper gebracht worden.
    Moonlight Cove und die umliegende Gegend lagen ständig im Einfluß von Mikrowellenstrahlungen durch Parabolantennen auf dem Dach des Hauptgebäudes von New Wave. Ein Bruchteil dieser Übertragungen deckte den Polizeicomputer ab, einen weiteren Bruchteil konnte man dazu verwenden, die Mikrokugeln in den Neuen Menschen aufzuladen.
    Eine kleine Anzahl Kugeln waren aus einem anderen Material und dienten als Energieumwandler und Energieverteiler. Wenn einer der Alten Menschen seine dritte Injektion von Mikrokugeln erhalten hatte, reagierten diese Energiekugeln sofort auf die Mikrowellenausstrahlungen und wandelten diese in elektrische Ströme um, die sie im gesamten Netz verteilten. Die erforderliche Menge Strom, um das System zu bedienen, war außerordentlich gering.
    Andere spezielle Kugeln in jeder Gruppe waren Erinnerungsspeicher. Einige davon enthielten das Programm, das das System steuerte; dieses Programm wurde in dem Augenblick aktiviert, wenn Strom durch das Netz floß.
    Shaddack sagte zu Watkins: »Ich kam schon vor langer Zeit zu der Überzeugung, daß das grundlegende Problem mit dem menschlichen Tier seine äußerst emotionale Natur ist. Ich habe es von dieser Last befreit. Damit habe ich es nicht nur geistig, sondern auch körperlich gesünder gemacht.«
    »Wie? Ich weiß so wenig, wie die Ve rwandlung vonstatten geht.«
    »Sie sind jetzt ein kybernetischer Organismus - das bedeutet, teils Mensch, teils Maschine -, aber Sie müssen das nicht verstehen, Loman. Sie benutzen auch ein Telefon und haben keine Ahnung, wie man ein Telefonsystem baut. Sie wissen nicht, wie ein Computer funktioniert, aber Sie können einen benutzen. Und Sie müssen auch nicht wissen, wie der Computer in Ihnen funktioniert, um ihn benutzen zu können.«
    Watkins' Augen waren von Angst umwölkt. »Benutze ich ihn... oder er mich?«
    »Selbstverständlich benutzt er Sie nicht.«
    »Selbstverständlich...«
    Shaddack fragte sich, was sich heute nacht hier abgespielt hatte, daß sich Watkins in einem solchen Angstzustand befand. Er war neugieriger denn je zu sehen, was sich in dem Schlafzimmer befand, vor dessen Schwelle sie standen. Aber er war sich auch darüber im klaren, daß Watkins in einem gefährlich erregten Zustand war, der es erforderlich machte, sich die Zeit zu nehmen, um diese Angst zu vertreiben, auch wenn es frustrierend war.
    »Loman, die Ballungen der Mikrokugeln in Ihnen bilden keinen Verstand. Das System ist nicht wirklich intelligent. Es ist ein Diener, Ihr Diener. Es befreit Sie von toxischen Emotionen.«
    Starke Emotionen - Haß, Liebe, Neid, Eifersucht, die ganze lange Liste menschlicher Empfindungen - destabilisierten regelmäßig die biologischen Funktionen des Körpers. Medizinische Forscher hatten herausgefunden, daß verschiedene Emotionen die Produktion verschiedener Gehirnchemikalien anregten, und daß diese Chemikalien ihrerseits wieder verschiedene Organe und Gewebe im Körper anregten, ihre Funktion auf eine weniger produktive Weise entweder zu steigern oder zu verringern oder sonstwie zu verändern. Shaddack war davon überzeugt, daß ein Mensch, dessen Körper von Emo tionen und Gefühlen beherrscht wurde, kein vollkommen gesunder Mensch sein und niemals völlig klar denken konnte.
    Der Mikrokugelcomputer in jedem Neuen Menschen überwachte jedes Organ im Körper. Wenn er die Produktion verschiedener Aminosäurebausteine und anderer Chemikalien, die als Reaktion auf starke Emotionen gebildet wurden, wahrnahm, setzte er elektrische Stimuli ein, um das Gehirn und andere Organe zu überwinden und den Zustrom abzuschalten, womit die körperlichen Konsequenzen der Emo -tion, wenn nicht die Emotion selbst, beseitigt wurden. Gleichzeitig stimulierte der Mikrokugelcomputer die Produktion anderer Substanzen, die bekanntermaßen die Emo -tionen unterdrückten, und behandelte so nicht nur die Ursache, sondern auch die Wirkung.
    »Ich habe Sie von allen Emotionen befreit, außer der Angst«, sagte Shaddack, »die zum Selbstschutz erforderlich ist. Da Ihre Körperchemie jetzt keinen großen Schwankungen mehr unterworfen ist, können Sie klarer denken.«
    »Soweit ich bisher mitbekommen habe, bin ich nicht mit einem Mal zum Genie geworden.«
    »Nun, Sie bemerken jetzt vielleicht noch keine größere geistige Beweglichkeit, aber das werden Sie noch.«
    »Wann?«
    »Wenn Ihr Körper restlos von den Überresten einer lebenslangen emotionalen Pollution befreit ist. Derweil ist Ihr innerer Computer« - er tippte Watkins sachte gegen die Schulter - »auch darauf programmiert, komplexe elektrische Stimuli zu verwenden, um den Körper dazu zu bringen, völlig neue Aminosäurebausteine zu erzeugen, die Ihre Blutgefäße reinigen und von Krankheitserregern freihalten, Krebszellen in dem Augenblick vernichten, wenn sie entstehen, und die eine Vielzahl anderer Funktionen ausüben, Sie weitaus gesünder als normale Menschen machen und Ihre Lebenserwartung zweifellos drastisch verlängern.«
    Shaddack hatte erwartet, daß der Heilungsprozeß bei den Neuen Menschen beschleunigt sein würde, aber er wäre überrascht gewesen von der fast wunderbaren Schnelligkeit, mit der sich ihre Verletzungen schlössen. Er konnte immer noch nicht begreifen, wie neues Gewebe so schnell gebildet werden konnte; seine momentane Arbeit am Projekt Moonhawk konzentrierte sich darauf, eine Erklärung für diesen Effekt zu finden. Die Heilung wurde nicht ohne ihren Preis bewerkstelligt, denn der Stoffwechsel war auf fantastische Weise beschleunigt; gespeichertes Körperfett wurde in großem Maße verbrannt, um eine Wunde innerhalb von Sekunden oder Minuten zu schließen, der Geheilte war Pfunde leichter, schweißgebadet und hungrig wie ein Wolf.
    Watkins runzelte die Stirn und strich sich mit einer zitternden Hand über das schwitzende Gesicht. »Ich kann vielleicht einsehen, daß der Heilungsprozeß beschleunigt ist, aber was gibt die Möglichkeit, uns so vollkommen neu zu gestalten, in eine andere Gestalt zu degenerieren? Sicher können doch nicht einmal Eimer voll von diesen biologischen Chemikalien unseren gesamten Körper auflösen und binnen einer Minute neu aufbauen. Wie kann das sein?«
    Shaddack sah dem anderen Mann einen Moment in die Augen, dann wandte er sich ab, hüstelte und sagte: »Hören Sie, ich kann Ihnen das alles später erklären. Jetzt möchte ich Peyser sehen. Ich hoffe, es ist Ihnen gelungen, ihn ohne größere Schäden ruhigzustellen.«
    Als Shaddack nach der Tür griff, um sie aufzustoßen, packte ihn Watkins am Handgelenk und hielt ihn zurück. Shaddack war schockiert. Er ließ es nicht zu, daß er berührt wurde.
    »Nehmen Sie die Hand von mir.«
    »Wie kann der Körper so schnell völlig neu geformt werden?«
    »Ich sagte Ihnen, wir unterhalten uns später darüber.«
    »Jetzt.« Watkins' Entschlossenheit war so stark, daß sie tiefe Linien in sein Gesicht zeichnete. »Also gut. Ich habe solche Angst, daß ich nicht mehr klar denken kann. Ich kann mit diesem Ausmaß an Angst nicht leben, Shaddack. Sehen Sie mich an. Ich schlottere. Mir ist, als würde ich in Stücke gerissen werden. In eine Million Stücke. Sie wissen nicht, was heute nacht hier vorgefallen ist, sonst würden Sie ebenso empfinden. Ich muß es wissen: Wie können sich unsere Körper so schnell umwandeln?«
    Shaddack zögerte. »Ich arbeite daran.«
    Watkins ließ überrascht sein Handgelenk los und sagte: »Sie... Sie meinen, Sie wissen es nicht?«
    »Es ist eine unerwartete Nebenwirkung. Ich fange an, Sie zu verstehen« ... das war gelogen ... »aber ich muß noch eine Menge arbeiten.« Zuerst mußte er die phänomenalen Heilkräfte der Neuen Menschen verstehen, die zweifellos ein Aspekt desselben Prozesses waren, der es ihnen ermöglichte, sich vollkommen in submenschliche Gestalten zu verwandeln.
    »Sie setzen uns dem allen aas und wissen nicht, was es uns antun kann?«
    »Ich wußte, daß es ein Vorzug sein würde, eine große Ga -be«, sagte Shaddack ungeduldig. »Kein Wissenschaftler kann jemals alle Nebenwirkungen vorhersagen. Er muß mit dem Wissen handeln, daß mögliche Nebenwirkungen nicht schwerer wiegen als die Vorteile.«
    »Aber sie wiegen schwerer als die Vorteile«, sagte Watkins, der dem Zorn so nahe kam wie es einem Neuen Menschen nur möglich war. »Mein Gott, wie haben Sie uns das nur antun können?«
    »Ich habe es für Sie getan.«
    Watkins sah ihn an, dann stieß er die Schlafzimmertür auf und sagte: »Sehen Sie sich das an.«
    Shaddack betrat das Zimmer, wo der Teppich feucht von Blut war - und die Wände waren damit bespritzt. Er verzog das Gesicht angesichts des Gestanks. Er fand alle biologischen Gerüche überaus abstoßend, möglicherweise deshalb, weil sie eine Erinnerung daran waren, daß menschliche Wesen weitaus weniger effizient und sauber waren als Maschinen. Nachdem er beim ersten Leichnam stehengeblieben war - der mit dem Gesicht nach unten nahe der Tür lag -und ihn betrachtet hatte, sah er durch das Zimmer zum zweiten Leichnam. »Zwei? Zwei Regressive, und Sie haben beide umgebracht? Zwei Möglichkeiten, die Psychologie dieser Degenerierten zu studieren, und Sie haben beide Möglichkeiten vernichtet?«
    Waikins ließ sich von dieser Kritik nicht beeindrucken. »Es handelte sich hier um eine Situation, bei der es um Tod oder Leben ging. Ich konnte nicht anders handeln.«
    Er schien in einem Maße wütend zu sein, das sich mit der Persönlichkeit eines Neuen Menschen nicht vereinbaren ließ. Aber wahrscheinlich war das Gefühl, das seine eisige Gleichgültigkeit zunichte machte, weniger Wut als vielmehr Angst. Angst war akzeptabel.
    »Peyser war regressiv, als wir hierher kamen«, fuhr Watkins fort. »Wir haben das ganze Haus durchsucht und ihn in diesem Zimmer gestellt.«
    Während Watkins diese Konfrontation in allen Einzelheiten beschrieb, überkam Shaddack eine Angst, die er sich nicht anmerken ließ und sich nicht einmal eingestehen woll-te. Als er sprach, ließ er in seiner Stimme nur Zorn mitschwingen, keine Furcht: »Sie wollen mir sagen, daß Ihre Männer, Sholnick und Pennyworth, daß sogar Sie selbst regressiv sind?«
    » Sholnick war regressiv, ja. In meinen Augen ist Pennyworth es nicht - jedenfalls noch nicht -, weil er dem Drang erfolgreich Widerstand leistete. Wie ich ihm widerstanden habe.« Watkins wahrte kühn Augenkontakt und sah nicht einmal weg, was Shaddack weiter beunruhigte. »Was ich Ihnen hier sage, ist das, was ich Ihnen vorhin mit so vielen Worten bei Ihnen zu Hause zu erklären versucht habe. Jeder von uns, jeder verdammte von uns, ist ein potentieller Regressiver. Es ist keine seltene Krankheit unter den Neuen Menschen. Es ist in uns allen. Sie haben ebensowenig eine neue und bessere Menschheit geschaffen, wie Hitlers Politik genetischer Zuchtwahl eine Herrenrasse hervorgebracht hätte. Sie sind nicht Gott; Sie sind Dr. Moreau.«
    »Sie werden nicht so mit mir sprechen«, sagte Shaddack und fragte sich, wer dieser Moreau war. Der Name war ihm vage vertraut, aber er kam nicht darauf. »Ich würde vorschlagen, Sie vergessen nicht, wer ich bin, wenn Sie mit mir reden.«
    Watkins senkte die Stimme, weil er sich möglicherweise daran erinnerte, daß Shaddack die Neuen Menschen so mühelos auslöschen konnte, wie er eine Kerze ausblasen würde. Aber er sprach dennoch nachdrücklich und mit zu wenig Respekt weiter. »Sie haben immer noch nicht auf die schlechteste Nachricht reagiert.«
    »Und das wäre?«
    »Haben Sie mir nicht zugehört? Ich sagte, Peyser saß fest. Er konnte sich nicht zurückverwandeln.«
    »Ich bezweifle sehr stark, daß er in seinem veränderten Zustand gefangen war. Neue Menschen haben völlige Kontrolle über ihre Körper, mehr Kontrolle als ich je erwartet hätte. Wenn er nicht in seine menschliche Gestalt zurückkehren konnte, so war das ein streng psychologisches Problem. Er wollte gar nicht mehr zurückkehren.«
    Watkins sah ihn einen Moment an, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Sie sind doch nicht wirklich so vernagelt, oder? DÖS ist dasselbe. Verdammt, es ist völlig einerlei, ob etwas mit dem Mikrokugelnetz in seinem Inneren schiefging, ober ob es rein psychologisch war. Wie auch immer, die Wirkung war dieselbe: Er saß fest, war gefangen, in diese degenerierte Form eingesperrt.«
    »Sie werden nicht so mit mir sprechen«, wiederholte Shaddack heftig, als würde die Wiederholung des Befehls dieselbe Wirkung haben wie beim Abrichten eines Hundes.
    Trotz ihrer physiologischen Überlegenheit und ihrem Potential für geistige Überlegenheit, waren die Neuen Menschen immer noch auf enttäuschende Weise Menschen, und in dem Ausmaß, wie sie Menschen waren, waren sie weitaus weniger effektiv als Maschinen. Bei einem Computer mußte man einen Befehl nur einmal eingeben. Der Computer nahm ihn immer zur Kenntnis und handelte entsprechend. Shad-dack fragte sich, ob es ihm je gelingen würde, die Neuen Menschen in dem Maße vollkommen zu machen, daß künftige Generationen so reibungslos und zuverlässig funktionieren würden wie der durchschnittliche IBM-PC.
    Schweißnaß, blaß, mit seltsamen und gequälten Augen, so war Watkins eine einschüchternde Gestalt. Als der Polizist zwei Schritte machte, um die Entfernung zwischen ihnen zu überwinden, hatte Shaddack Angst und wollte zurückweichen, aber er behielt seine Position bei und sah Watkins so trotzig in die Augen, wie er einen gefährlichen deutschen Schäferhund angesehen haben würde, wäre er von einem gestellt worden.
    »Sehen Sie sich Sholnick an«, sagte Watkins und deutete auf den Leichnam za ihren Füßen. Er drehte den toten Mann mit der Schuhspitze um.
    Obwohl er von Schrotschüssen zerfetzt und blutüberströmt war, war Sholnicks bizarre Mutation unübersehbar. Seine blicklos starrenden Augen waren möglicherweise das furchteinflößendste an ihm gelb, die Iris schwarz, aber nicht rund, wie beim Menschen, sondern längliche Ovale, wie die Augen einer Schlange.
    Draußen rollte Donner durch die Nacht, lauter als Shad-dack ihn gehört hatte, als er durch Peysers Vorgarten gegangen war.
    Watkins sagte: »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann unterziehen sich diese Degenerierten einer freiwilligen Devolution.«
    »Ganz recht.«
    »Sie sagten, die gesamte Geschichte der menschlichen Evolution sei in unseren Genen gespeichert, daß wir immer noch Spuren dessen in uns haben, was die Rasse einmal gewesen ist, und daß die Regressiven dieses genetische Material irgendwie anzapfen und sich zu Geschöpfen entwickeln, die weiter unten auf der Leiter der Evolution stehen.«
    »Worauf wollen Sie hinaus?«
    »Diese Erklärung ergab einen verrückten Sinn, als wir Coombs im September im Kino erwischt haben und ihn uns genau ansehen konnten. Er war mehr Affe als Mensch, irgend etwas dazwischen.«
    »Das ergab keinen verrückten Sinn; es ergab völlig klaren Sinn.«
    »Aber, mein Gbtt, sehen Sie sich doch einmal Sholnick an. Sehen Sie ihn an! Als ich ihn erschossen habe, hatte er sich in ein Geschöpf verwandelt, das teils Mensch und teils... verdammt, ich weiß nicht, teils Echse oder Schlange war. Wollen Sie mir erzählen, daß wir uns aus Reptilien entwickelt haben, daß wir noch Echsengene von vor zehn Millionen Jahren in uns haben?«
    Shaddack steckte beide Hände in die Manteltaschen, damit sie seine Angst nicht durch ein Zittern oder eine nervöse Geste verrieten. »Das erste Leben auf der Erde war im Meer, dann kroch etwas an Land - ein Fisch mit rudimentären Beinen -, und aus diesem Fische entwickelten sich die früheren Reptilien, irgendwann spalteten sich die Säugetiere ab. Wenn wir nicht tatsächlich Bruchstücke dieses genetis chen Materials frühester Reptilien in uns haben - was meine feste Überzeugung ist -, so verfügen wir zumindest über Rassenerinnerungen an jenes Stadium der Evolution, die auf eine andere Weise, die wir nicht verstehen, in uns kodiert sind.«
    »Sie halten mich hin, Shaddack.«
    »Und Sie gehen mir auf die Nerven.«
    »Das ist mir scheißegal. Kommen Sie her, kommen Sie, sehen Sie sich Peyser genauer an. Er war einer Ihrer alten Freunde, nicht? Sehen Sie sich gut und genau an, was er war, als er gestorben ist.«
    Peyser lag flach auf dem Rücken, nackt, das rechte Bein ausgestreckt, das linke angewinkelt unter sich, ein Arm seitlich weggestreckt, der andere über der Brust, die von einigen Schrotsalven zerfetzt worden war. Körper und Gesicht -mit seiner unmenschlichen Schnauze und den Zähnen, aber dennoch vage als das von Mike Peyser erkennbar - gehörten einer schrecklichen Mißgeburt, einem Hundemann oder Werwolf, etwas, das entweder in eine alte Jahrmarktsausstellung oder einen alten Horror-Film gehörte. Die Haut war rauh. Der fleckige Pelz war drahtig. Die Hände sahen kräftig aus, die Krallen spitz.
    Weil seine Faszination seine Angst und seinen Ekel überwand, zog Shaddack den Mantel hoch, damit der Saum nicht über den blutigen Leichnam strich, und beugte sich über Peysers Leichnam, um ihn sich genauer anzusehen.
    Watkins kauerte sich auf der anderen Seite der Kadavers nieder.
    Während ein weiterer Donner-Erdrutsch am Nachthimmel herabrollte, starrte der Tote mit Augen zur Schlafzimmerdecke, die zu menschlich für sein sonstiges verzerrtes Äußeres waren.
    »Wollen Sie mir sagen, daß wir uns irgendwann einmal aus Hunden oder Wölfen entwickelt haben?« fragte Wat-kins.
    Shaddack antwortete nicht.
    Watkins beharrte auf dem Thema. »Wollen Sie mir einreden, daß wir Hundegene in uns haben, die wir anzapfen können, wenn wir uns verwandeln wollen? Soll ich etwa annehmen, daß Gott eine Rippe aus einem prähistorischen Las-sie genommen und daraus den Mann gemacht hat, bevor er eine Rippe des Mannes nahm, um die Frau zu schaffen?«
    Shaddack berührte neugierig eine von Mike Peysers Händen, die so sicher zum Töten geschaffen war wie das Bajo-nett eines Soldaten. Sie fühlte sich wie Fleisch an, nur kälter als die eines lebenden Menschen.
    »Das kann man nicht biologisch erklären«, sagte Watkins und sah Shaddack über den Leichnam hinweg an. »Diese Wolfsgestalt konnte Peyser nicht aus einer in seinen Genen gespeicherten Rassenerinnerung herausziehen. Also, wie konnte er sich so verwandeln? Hier sind nicht nur Biochips am Werk, sondern noch etwas anderes... etwas Seltsame -res.«
    Shaddack nickte. »Ja.« Eine Erklärung war ihm eingefallen, die ihn erregte. »Etwas ungleich Seltsameres... aber vielleicht verstehe ich es.«
    »Dann sagen Sie es mir. Ich würde es gerne verstehen. Verdammt, wenn es nicht so ist. Ich würde es wirklich gerne genau verstehen. Bevor es mir zustößt.«
    »Es gibt eine Theorie, daß die Gestalt eine Funktion des Bewußtseins ist.«
    »Hm?«
    »Sie behauptet, wir sind das, was wir denken, was wir sind. Ich spreche hier nicht von Pop-Psychologie, daß man sein kann, was man will, wenn man sich nur selbst gut leiden kann, nichts dergleichen. Ich meine, wir könnten physisch das Potential in uns haben, das zu sein, was wir denken, die von unserem genetischen Erbe diktierte Sasis der Gestalt zu überwinden.«
    »Papperlapapp«, sagte Watkins ungeduldig.
    Shaddack stand auf. Er streckte die Hände wieder in die Manteltaschen. »Ich will es einmal so ausdrücken: Die Theorie besagt, daß das Bewußtsein die größte Macht des Universums ist, daß es die stoffliche Welt nach ihrem Willen formen kann.«
    »Bewußtsein über Materie.«
    »Richtig.«
    »Wie ein Talk-Show-Zauberer, der einen Löffel verbiegen oder eine Uhr zum Stillstehen bringen kann.«
    »Ich vermute, diese Leute sind meistens Scharlatane. Aber, ja, vielleicht ist diese Macht wirklich in uns. Wir wissen nur nicht, wie wir sie anzapfen sollen, weil wir uns Jahrmillio-nen lang von der stofflichen Welt haben beherrschen lassen. Wir sind durch Gewohnheit, Stasis und dadurch, daß wir der Ordnung den Vorzug über das Chaos geben, der Gnade der materiellen Welt ausgeliefert. Aber worüber wir uns hier unterhalten«, sagte er und deutete auf Sholnick und Peyser, »das ist komplexer und aufregender, als einen Löffel mit dem Verstand zu verbiegen. Peyser verspürte aus Gründen, die ich nicht verstehe, den Drang, regressiv zu werden, möglicherweise einzig wegen des Nervenkitzels... «
    »Wegen des Nervenkitzels.« Watkins' Stimme wurde leiser, beinahe gedämpt, und sie war von solcher Wut und Angst erfüllt, diß Shaddack noch mulmiger zumute wurde. »Animalische Macht ist aufregend. Animalische Bedürfnisse. Man verspürt animalischen Hunger, animalische Lust, Blutdurst - und man fühlt sich dazu hingezogen, weil es so... einfach und übermächtig scheint, so natürlich. Es ist die Freiheit.«
    »Freiheit?«
    »Freiheit von der Verantwortung, von Sorgen, vom Druck der zivilisierten Welt, vom allzu häufigen Denken. Der Wunsch, regressiv zu werden, ist außerordentlich stark, weil man spürt, daß das Leben danach viel einfacher und aufregender sein wird«, sagte Watkins und sprach damit offensichtlich das aus, was er selbst empfunden hatte, als er sich zu jenem veränderten Zustand hingezogen fühlte. »Wenn man zum Tier wird, besteht das Leben nur noch aus Empfindungen, nur Schmerz und Lust, ohne etwas intellektualisie-ren zu müssen. Das ist jedenfalls ein Teil davon.«
    Shaddack war stumm; ihn beunruhigte die Leidenschaft, mit der Watkins - normalerweise kein allzu offener Mensch
    - vom Drang, regressiv zu werden, gesprochen hatte.
    Ein weiteres Dröhnen ließ den Himmel erbeben, noch heftiger als die vorhergehende. Der erste Donnerschlag brachte die Schlafzimmerfenster zum Klirren.
    Shaddack sagte mit wirbelnden Gedanken: »Wie auch immer, das Entscheidende ist, als Peyser diesen Drang verspürte, zur Bestie zu werden, zum Jäger, entwickelte er sich nicht entlang des menschlichen genetischen Stammbaums zurück. Seiner Meinung nach ist der Wolf offenbar der größte aller Jäger, die erstrebenswerteste Form für ein Raubtier, daher wollte er wolfsähnlich werden.«
    »Einfach so«, sagte Watkins skeptisch.
    »Ja, einfach so. Verstand über Materie. Die Metamorphose ist weitgehend ein geistiger Vorgang. Oh, selbstverständlich kommt es zu körperlichen Veränderungen. Aber wir sprechen hier möglicherweise nicht von einer völligen Verwandlung der Materie... nur von biologischen Strukturen. Die grundlegenden Nukleotiden bleiben dieselben, aber ihre Abfolge verändert sich drastisch. Strukturelle Gene werden durch Willenskraft in Operatorgene verwandelt...«
    Shaddacks Stimme überschlug sich, als seine Erregung zunahm, die Angst überflügelte und ihn atemlos machte. Er hatte mit dem Projekt Moonhawk viel mehr erreicht als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Die erstaunliche Errungenschaft war Ursache seiner plötzlichen Freude und eskalierenden Furcht: Freude, weil er den Menschen die Fähigkeit gegeben hatte, ihre körperliche Erscheinung zu bestimmen, und irgendwann einmal vielleicht alle Materie durch reine Willenskraft zu formen; und Angst, weil er nicht sicher war, ob die Neuen Menschen lernen konnten, ihre Fähigkeiten richtig zu kontrollieren und anzuwenden... oder ob er sie auch weiterhin würde beherrschen können.
    »Die Gabe, die ich Ihnen gegeben habe - computerunterstütze Physiologie und Befreiung von Emotionen - entfesselt die Macht des Verstandes über die Materie. Sie ermöglicht dem Bewußtsein, die Gestalt zu bestimmen.«
    Watkins schüttelte den Kopf; es stieß ihn eindeutig ab, was Shaddack sagte. »Peyser wurde vielleicht freiwillig, was er war. Vielleicht wollte es Sholnick auch. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es wollte. Als mich der Drang überkam, mich zu verändern, habe ich dagegen angekämpft wie ein ehemaliger Süchtiger, der den Wunsch nach Heroin ausschwitzt. Ich wollte es nicht. Es kam über mich... so wie die Macht des Vollmonds über einen Werwolf kommt.«
    »Nein«, sagte Shaddack. »Unbewußt wollten Sie die Veränderung, Loman, und Sie wollten sie zweifellos teilweise auch auf einer bewußten Ebene. Sie müssen sie bis zu einem gewissen Grad gewollt haben, denn Sie haben so nachdrücklich davon gesprochen, wie anziehend die Regression war. Sie haben der Macht von Verstand über den Körper nur des -halb widerstanden, weiß Sie die Verwandlung eine Kleinigkeit beunruhigender als faszinierend fanden. Wenn Sie etwas von Ihrer Angst davor verlieren... oder wenn der veränderte Daseinszustand nur eine Kleinigkeit anziehender wird... nun, dann wird sich Ihr psychologisches Gleichgewicht verlagern, und Sie werden sich neu gestalten. Aber es wird keine externe Kraft am Wirken sein. Ihr eigener Verstand wird es tun.«
    »Warum konnte Peyser dann nicht zurückkehren?«
    »Wie ich sagte, und wie Sie angedeutet haben, weil er es nicht wollte.«
    »Er war gefangen.«
    »Nur von seinem eigenen Verlangen.«
    Watkins sah auf den grotesken Leichnam des Regressiven hinunter. »Was haben Sie uns angetan, Shaddack?«
    »Haben Sie nicht verstanden, was ich gesagt habe?«
    »Was haben Sie uns angetan?«
    »Dies ist ein großes Geschenk!«
    »Keine Gefühle zu haben, abgesehen von Angst?«
    »Das befreit Ihren Verstand, und gibt Ihnen die Kraft, Ihre ureigene Gestalt zu kontrollieren«, sagte Shaddack aufgeregt. »Ich kann nur nicht verstehen, warum die Regressiven sich allesamt für einen submenschlichen Zustand entschieden haben. Sie haben doch sicher die Kraft in sich, eine Evolution durchzumachen, keine Devolution, sich über das menschliche Dasein hinaus zu etwas Höherem, Saubererem, Reinerem zu erheben. Vielleicht haben sie sogar die Macht, zu einem Wesen reinsten Bewußtseins zu werden, Intellekt ohne irgend eine stoffliche Gestalt. Warum haben sich diese Neuen Menschen statt dessen alle entschieden, regressiv zu werden?«
    Watkins hob den Kopf, und seine Augen hatten einen halb toten Ausdruck, als hätten sie den Tod vom Anblick des Leichnams absorbiert. »Was nützt es, die Macht eines Gottes zu haben, wenn man nicht gleichzeitig die schlichten Freuden eines Menschen erleben kann?«
    »Aber Sie können alles erleben und tun, was Sie wollen«, sagte Shaddack verzweifelt.
    »Liebe nicht.«
    »Was?«
    »Keine Liebe oder Haß oder Freude oder ein anderes Gefühl, außer Angst.«
    »Aber die brauchen Sie nicht. Daß Sie sie nicht haben, hat Sie frei gemacht.«
    »Sie sind kein Dummkopf«, sagte Watkins, »daher nehme ich an, Sie verstehen nicht, weil Sie'psychologisch... verdreht, verdorben sind.«
    »Sie dürfen nicht so zu mir sprechen...«
    »Ich versuche, Ihnen klarzumachen, warum alle die submenschliche Gestalt der übermenschlichen vorgezogen haben. Der Grund dafür ist, daß es für ein denkendes Wesen von hoher Intelligenz keine Freude geben kann, die frei von Emotionen ist. Wenn man den Menschen ihre Emotionen nimmt, dann nimmt man ihnen ihre Freude, daher suchen sie ein verändertes Dasein, in dem komplexe Emotionen und Freude nicht zusammenhängen - das Leben eines Tieres, das nicht denkt.«
    »Unsinn. Sie sind...«
    Watkins unterbrach ihn wieder schneidend. »Hören Sie mir zu, um Gottes willen! Soweit ich mich erinnere, hat sogar Moreau seine Geschöpfe angehört.«
    Sein Gesicht war jetzt gerötet, nicht mehr blaß. Seine Augen sahen nicht mehr tot aus; sie hatten wieder einen gewissen wilden Ausdruck. Er war nur einen oder zwei Schritte von Shaddack entfernt und schien über ihm aufzuragen, obwohl er der kleinere der beiden war. Er sah ängstlich aus, sehr ängstlich und - und gefährlich.
    Er sagte: »Nehmen Sie Sex - ein ganz grundsätzliches menschliches Vergnügen. Damit Sex vollkommen befriedigend wird, muß er von Liebe oder zumindest Zuneigung begleitet sein. Für einen psychologisch gestörten Menschen kann Sex auch gut sein, wenn er mit Haß oder Stolz der Be-herrschung verbunden ist; für einen perversen Menschen können selbst negative Gefühle den Akt angenehm machen. Aber wenn es ohne Gefühle gemacht wird, ist es sinnlos, dumm, nur der Paarungsimpuls eines Tieres, nur die rhythmische Funktion einer Maschine.«
    Ein Blitz versengte die Nacht und erleuchtete kurz das Schlafzimmerfenster, gefolgt von einem Donnerschlag, der das ganze Haus zu erschüttern schien. Dieses Himmelslicht war einen Sekundenbruchteil heller als der schwache Schein der Nachttischlampe.
    In dem unheimlichen Licht glaubte Shaddack zu sehen, wie etwas mit Loman" Watkins' Gesicht vor sich ging... eine Verlagerung in der Zusammensetzung der Gesichtszüge. Aber als der Blitz vorbei war, sah Watkins wieder ganz wie er selbst aus, daher mußte Shaddack es sich eingebildet haben.
    Watkins sprach mit großer Nachdrücklichkeit, mit der Leidenschaft nackter Angst, weiter und sagte: »Aber es ist nicht nur Sex. Dasselbe gilt für andere körperliche Freuden. Zum Beispiel essen. Ja, ich schmecke immer noch ein Stück Schokolade, wenn ich eines esse, aber der Geschmack gibt mir nur einen Bruchteil der Befriedigung, die ich vor der Verwandlung empfand. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
    Shaddack antwortete nicht, und er hoffte, nichts an seinem Verhalten verriete, daß er sich der Verwandlung nicht unterzogen hatte. Er wartete selbstverständlich darauf, bis der Vorgang durch weitere Generationen Neuer Menschen weiter verfeinert worden wäre. Aber er vermutete, daß Watkins nicht gut auf die Offenbarung reagieren würde, daß ihr Schöpfer sich selbst nicht der Segnung unterzogen hatte, die er über sie brachte.
    Watkins sagte: »Und wissen Sie, warum die Befriedigung geringer ist? Wenn wir vor der Verwandlung Schokolade aßen, hatte der Geschmack Tausende Assoziationen für uns. Wenn wir Schokolade aßen, erinnerten wir uns unbewußt daran, wie wir zum ersten Mal welche gegessen haben, und wir erinnerten uns im Unterbewußtsein daran, wie der Ge -schmack mit Ferien und allen möglichen Feiern zusammen-hing, und wegen alledem verschaffte uns der Geschmack ein gutes Gefühl. Wenn ich jetzt Schokolade esse, ist es nur ein Geschmack, ein guter Geschmack, aber er verschafft mir kein gutes Gefühl mehr. Er sollte es tun, ich kann mich erinnern, daß dieses >gute Gefühl< einmal dazugehört hat, aber jetzt nicht mehr. Der Geschmack von Schokolade erzeugt keine gefühlsmäßigen Echos mehr. Es ist ein leeres Gefühl, dessen Wirkung mir genommen wurde. Mir wurde alles genommen, außer ckr Angst, und alles ist jetzt grau - seltsam, grau, öd -, als wäre ich halb tot.«
    Die linke Seite von Watkins' Kopf blähte sich auf. Der Wangenknochen wurde größer. Das Ohr veränderte seine Form und wurde spitz.
    Shaddack wich fassungslos vor ihm zurück.
    Watkins folgte ihm, sprach mit erhobener Stimme und etwas nuschelnd, aber deshalb nicht weniger nachdrücklich, nicht mit echtem Zorn, aber mit Angst und einer beängstigenden Spur Wildheit: »Warum, zum Teufel, sollte sich einer von uns zu einer höheren Stufe mit noch weniger Freuden des Körpers und des Herzens verändern wollen? Intellektuelle Freuden reichen nicht aus, Shaddack. Das Leben besteht aus mehr. Ein Leben, das nur intellektuell ist, ist unerträglich.«
    Während sich Watkins' Stirn langsam nach hinten krümmte und wegschmolz wie eine Schneemauer in der Sonne, bildeten sich dicke Knochenwülste um die Augen herum.
    Shaddack wich in den Kleiderschrank zurück.
    Watkins, der immer noch näherkam, sagte: »Herrgott! Begreifen Sie es immer noch nicht? Selbst ein Mann, der ans Krankenbett gefesselt und vom hals abwärts gelähmt ist, hat mehr in seinem Leben als nur intellektuelle Interessen; niemand hat ihm seine Gefühle und Emotionen geraubt; niemand hat ihn zu Angst und reinem Intellekt reduziert. Wir brauchen Freuden, Shaddack, Freuden, Freuden. Ohne sie ist das Leben gräßlich. Freuden machen das Leben lebenswert.«
    »Aufhören.«
    »Sie haben es uns unmöglich gemacht, eine freudige Freisetzung von Emotionen zu erleben, daher können wir auch die Freuden des Fleisches nicht mehr erleben. Weil wir Lebewesen einer höheren Ordnung sind und den emotionalen Aspekt brauchen, um wahrhafte Freude an körperlicher Lust zu empfinden. Bei Menschen heißt es diesbezüglich alles oder nichts.«
    Watkins' Hände, die er an den Seiten zu Fäusten geballt hatte, wurden länger, mit geschwollenen Knöcheln und tabaksbraunen, spitzen Nägeln.
    »Sie verändern sich«, sagte Shaddack.
    Watkins achtete nicht auf ihn; er begann, undeutlicher zu sprechen, als seine Mundform sich langsam zu verändern anfing: »Daher fallen wir in den wilden veränderten Zustand zurück. Wir flüchten vor unserem Intellekt. Im Mantel der Bestie sind die Freuden des Fleisches unsere einzigen Freuden, die des Fleisches, des Fleisches... aber wenigstens kümmert uns nicht mehr, was wir verloren haben, daher bleibt das Vergnügen intensiv, so intensiv, tief und süß, süß, so süß. Sie haben... haben unser Leben unerträglich gemacht, grau und tot, tot, alles tot, tot... daher müssen wir Verstand und Körper zurückentwickeln... um eine lohnende Existenz zu finden. Wir... wir müssen fliehen... vor den schrecklichen Grenzen dieses eingeengten Lebens... dieses sehr eingeengten Lebens, das Sie uns gegeben haben. Menschen sind keine Maschinen. Menschen... Menschen... Menschen sind keine Maschinen*.«
    »Sie werden regressiv. Um Gottes willen, Loman!«
    Watkins blieb stehen schien desorientiert. Dann schüttelte er den Kopf, wie um die Verwirrung gleich einem Schleier abzuschütteln. Er hob die Hände, sah sie an und schrie entsetzt auf. Er sah an Shaddack vorbei zum Spiegel über der Kommode, und sein Schrei wurde lauter, schriller.
    Plötzlich nahm Shaddack überdeutlich den Gestank von Blut wahr, an den er sich gewöhnt hatte. Watkins mußte ihn noch deutlicher gespürt haben, ja, aber nicht voll Ekel, nein, überhaupt nicht voll Ekel, sondern voll Erregung.
    Wieder leuchtete ein Blitz und erschütterte Donner die Nacht, und plötzlich regnete es wahre Sturzbäche, die an die Fenster schlugen und auf das Dach trommelten.
    Watkins sah vom Spiegel zu Shaddack und hob eine Hand, als wollte er ihn schlagen, dann drehte er sich herum und stolperte aus dem Zimmer hinaus auf den Flur, weg vom durchdringenden Gestank des Blutes.
    Draußen sank er auf die Knie, dann auf die Seite. Er rollte sich zu einer Kugel zusammen, schlotterte heftig, stammelte, wimmerte, fauchte und sagte dazwischen immer wieder: »Nein, nein, nein, nein.«
    Als er nicht mehr dicht am Abgrund taumelte und sich wieder unter Kontrolle hatte, setzte Loman sich auf und lehnte sich an die Wand. Er war wieder schweißnaß und wurde von Hunger geschüttelt. Die teilweise Verwandlung und die Energie, die aufgeweckt worden war, ihren weiteren Verlauf zu verhindern, hatten ihn erschöpft. Er war erleichtert, fühlte sich aber auch unerfüllt, als wäre ein großer Preis in seiner Reichweite gewesen und gerade weggezogen worden, als er ihn berührt hatte.
    Ein hohles, irgendwie pochendes Geräusch umgab ihn. Zuerst dachte er, es wäre ein inneres Geräusch, nur in seinem Kopf, möglicherweise das leise Rauschen von Gehirnzellen, die aufloderten und an der Anstrengung abstarben, den regressiven Drang zu unterdrücken. Dann wurde ihm klar, daß es der Regen war, der auf dem Dach des Bungalows dröhnte.
    Als er die Augen wieder aufmachte, war sein Sehvermögen beeinträchtigt. Er klärte sich, und er sah Shaddack an, der auf der anderen Seite des Flurs stand, direkt hinter der offenen Schlafzimmertür. Hager, mit langem Gesicht und so blaß, daß man ihn für einen Albino halten konnte, mit diesen gelblichen Augen und in dem dunklen Übermantel - so sah der Mann wie eine Erscheinung aus, möglicherweise wie der Tod selbst.
    Wäre dies der Tod gewesen, wäre Loman möglicherweise einfach aufgestanden und hätte ihn umarmt. Statt dessen sagte er, während er genügend Kraft zum Aufstehen sammelte: »Keine Verwandlungen mehr. Sie müssen die Verwandlungen stoppen.«
    Shaddack sagte nichts.
    »Sie werden nicht aufhören, nicht?«
    Shaddack sah ihn nur an.
    »Sie sind verrückt«, sagte Loman. »Sie sind vollkommen verrückt, und doch habe ich keine andere Wahl, als zu tun, was Sie verlangen... oder mich selbst umzubringen.«
    »Sprechen Sie nie wieder so mit mir. Niemals. Vergessen Sie nicht, wer ich bin.«
    »Ich weiß, wer Sie sind«, sagte Loman. Er richtete sich mühsam auf, war aber benommen und schwach. »Sie haben das ohne meine Zustimmung mit mir gemacht. Und wenn die Zeit kommt, da ich dem Wunsch, regressiv zu werden, nicht mehr widerstehen kann, wenn ich in die Wildheit versinke, wenn ich keine Scheißangst mehr vor Ihnen habe, werde ich irgendwie genügend Verstand behalten, mich auch daran zu erinnern, wo Sie sind, und dann werde ich zu Ihnen kommen.«
    »Sie drohen mir?« sagte Shaddack, offensichtlich maßlos verblüfft.
    »Nein«, sagte Loman. »Drohen ist nicht das richtige Wort.«
    »Sollte es auch besser nicht sein. Denn wenn mir etwas zustößt, ist Sonne programmiert, einen Befehl auszusenden, der von den Mikrokugelballungen in Ihnen empfangen wird und... «
    »...uns alle auf der Stelle tötet«, sagte Loman für ihn. »Ja, ich weiß. Sie haben es mir gesagt. Wenn Sie gehen, gehen wir alle mit Ihnen, genau wie vor Jahren die Leute in Jones -town, die zusammen mit ihrem Reverend Jim ihren vergifteten Saft getrunken und ins Gras gebissen haben. Sie sind unser Reverend Jim Jones, ein Jim Jones des High-Tech-Zeitalters, Jim Jones mit einem Silikonherzen und dichtgepackten Halbleitern zwischen den Ohren. Nein, ich drohe Ihnen nicht, Reverend Jim, denn >drohen< ist ein zu dramatisches Wort dafür. Ein Mann, der eine Drohung ausstößt, muß starke Emp findungen haben, muß vor Wut glühen. Ich bin ein Neuer Mensch. Ich habe nur Angst. Mehr kann ich nicht haben. Angst. Daher ist es keine Drohung. Nichts dergleichen. Es ist ein Versprechen.«
    Shaddack trat durch die Schlafzimmertür in den schmalen Flur. Ein kalter Luftzug schien ihn zu begleiten. Vielleicht bildete es sich Loman nur ein, aber der Flur schien kälter zu sein, nachdem Shaddack ihn betreten hatte.
    Sie sahen einander lange an.
    Schließlich sagte Shaddack: »Sie werden auch weiterhin tun, was ich sage.«
    »Ich habe keine andere Wahl«, stellte Loman fest. »So haben Sie mich gemacht - ohne eine andere Wahl. Ich bin völlig in Ihrer Hand, o Herr, aber nicht Liebe hält mich dort -sondern Angst.«
    »Das ist besser«, sagte Shaddack.
    Er kehrte Loman den Rücken zu und ging den Flur entlang, ins Wohnzimmer, aus dem Haus und hinaus in die Nacht und den Regen.

Teil Zwei
TAGESANBRUCH IM HADES

    Es gelang mir nicht, etwas Falsches und Schreckliches zu verhindern. Ich empfand ein gräßliches Gefühl der Ohnmacht.
    ANDREJ SACHAROW

    Macht beschränkt noch mehr als sie korrumpiert, sie senkt die Gabe, in die Zukunft zu schauen und steigert die Hast des Handelns.
    WILL UND ARIEL DURANT


    1
    Vor der Dämmerung und nach weniger als einer Stunde Schlaf wurde Tessa Lockland durch Kälte in ihrer rechten Hand und das schnelle, heiße Lecken einer Zunge geweckt. Ihr Arm war über den Rand der Matratze gefallen, die Hand baumelte dicht über dem Teppich, und etwas da unten probierte aus, wie sie schmeckte.
    Sie richtete sich kerzengerade im Bett auf und wagte nicht zu atmen.
    Sie hatte vom Gemetzel im Cove Lodge geträumt, von kaum erblickten, schlurfenden und schnellen Bestien mit gefährlichen Zähnen und Krallen gleich scharf geschliffenen, gekrümmten Klingen. Jetzt dachte sie, daß der Alptraum Wirklichkeit geworden wäre, daß Harrys Haus von diesen Kreaturen erstürmt worden und die suchende Zunge Vorbotin eines plötzlichen, wilden Bisses war.
    Aber er war nur Moose. Sie konnte ihn im schwachen Schein der Nachtbeleuchtung, die vom Flur durch die Tür hereinschien, gerade noch erkennen, und dann konnte sie endlich auch wieder atmen. Er legte die Vorderpfoten auf die Matratze, da er zu wohlerzogen war, ganz aufs Bett zu springen. Er winselte leise und schien nur ein wenig Zuwendung zu wollen.
    Sie war sicher, daß sie die Tür vor dem Zubettgehen zugemacht hatte. Aber sie hatte hinreichend Beispiele für Mooses Klugheit gesehen und sie konnte davon ausgehen, daß er eine Tür aufmachen könnte, wenn er es wollte. Plötzlich wurde ihr auch deutlich, daß das Innere von Talbots Haus mit Einrichtungen versehen war, die es Moose leichter machten: keine Knöpfe, sondern Klinken, die das Schloß öffneten, wenn sie von einer Hand oder Pfote niedergedrückt wurden.
    »Einsam?« fragte sie und kraulte den Labrador sanft hinter den Ohren.
    Der Hund winselte erneut und ließ sich ihre Zärtlichkeiten gefallen.
    Dicke Regentropfen klatschten ans Fenster. Sie fielen mit solcher Wucht herunter, daß sie sie draußen durch die Bäume platschen hören konnte. Wind wehte beharrlich gegen das Haus.
    »Nun, Kumpel, wie einsam du auch immer sein magst, ich bin bestimmt tausendmal müder, daher wirst du dich wohl zurückhalten müssen.«
    Als sie aufhörte, ihn zu streicheln, begriff er. Er ließ sich widerstrebend auf den Boden nieder, trottete zur Tür, sah sich noch einen Augenblick zu ihr um, ging auf den Flur hinaus, sah in beide Richtungen und wandte sich nach links.
    Das Licht vom Flur war minimal, aber es störte sie. Sie stand auf und machte die Tür zu, und als sie sich im Dunkeln zum Bett zurückgetastet hatte, wußte sie, daß sie nicht gleich wieder einschlafen würde.
    Zunächst einmal hatte sie sämtliche Kleidungsstücke an -Jeans und T-Shirt und Pullover - und nur die Schuhe ausgezogen, und so fühlte sie sich nicht besonders wohl. Aber sie hatte nicht die Nerven, sich auszuziehen, denn dann würde sie sich so verwundbar fühlen, daß sie bestimmt gar nicht mehr schlafen könnte. Nach den Geschehnissen im Cove Lodge wollte Tessa darauf vorbereitet sein, schnell zu handeln.
    Außerdem war sie im einzigen Gästeschlafzimmer - es gab noch eines, aber das war nicht möbliert -, und Matratze und Steppdecke rochen leicht muffig, da sie jahrelang nicht benutzt worden waren. Es war einmal das Zimmer von Harrys Vater gewesen, dem auch das Haus gehört hatte, der aber vor siebzehn Jahren gestorben war, drei Jahre, nachdem sie Harry aus dem Krieg zurückgebracht hatten. Tessa hatte darauf bestanden, daß sie ohne Laken auskam, einfach auf der Decke schlafen oder, falls sie fror, unter die Decke schlüpfen und auf der bloßen Matratze liegen konnte. Nachdem sie Moose hinausgeschickt und die Tür zugemacht hatte, war ihr kalt, und als sie unter die Decke schlüpfte, schien in dem muffigen Geruch ein Hauch Mehltau mitzuschwingen, schwach, aber unangenehm.
    Sie hörte über das Prasseln des Regens hinweg den aufwärts fahrenden Fahrstuhl summen. Wahrscheinlich hatte Moose ihn gerufen. War er nachts immer so rege?
    Sie war zum Umfallen erschöpft, aber jetzt doch zu wach, ihre Gedanken einfach abzuschalten. Diese Gedanken waren zutiefst besorgniserregend.
    Nicht das Massaker im Cove Lodge. Nicht die grausigen Geschichten von Leichen, die wie Abfall ins Krematorium geschaufelt wurden. Nicht die Frau Parkins, die von unbekannten Tieren in Stücke gerissen worden war. Nicht die monströsen nächtlichen Jäger. Diese makabren Bilder trugen zweifellos dazu bei, den Kanal zu festigen, in den ihre Ge -danken flössen, aber sie waren größtenteils nur ein ernster Hintergrund für persönlichere Überlegungen zu ihrem Leben und der Richtung, die es nahm.
    Da sie vor kurzer Zeit dem Tod begegnet war, war sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewußter denn je. Das Leben war endlich. In der Regsamkeit und Hektik des täglichen Lebens wurde dieser Gedanke allzu oft vergessen.
    Jetzt konnte sie nicht anders, sie mußte darüber nachdenken, und sie fragte sich, ob sie zu sorglos mit ihrem Leben umging, zu viele Jahre verschwendete. Ihre Arbeit war befriedigend. Sie war eine glückliche Frau; für eine Lockland war es fast unmöglich, nicht glücklich zu sein, da sie alle auf Humor eingeschworen waren. Aber sie mußte sich in aller Ehrlichkeit eingestehen, daß sie nicht das bekam, was sie wirklich wollte. Wenn sie auf ihrem derzeitigen Kurs bliebe, würde sie es nie bekommen.
    Sie wollte eine Familie und einen Ort, wohin sie gehörte. Das lag natürlich an ihrer Kindheit und Jugend in San Diego, wo sie ihre große Schwester Janice vergöttert und sich in der Liebe ihrer Eltern wohlgefühlt hatte. Das große Ausmaß an Glück und Sicherheit in ihrer Jugend ermöglichte ihr, mit Elend, Verzweiflung und Terror zurechtzukommen, die sie manchmal erlebte, wenn sie an einem ambitionierten Dokumentarfilm arbeitete. Die beiden ersten Jahrzehnte ihres Lebens waren so voller Glück gewesen, daß sie alles Nachfolgende ausglichen.
    Der Fahrstuhl war im zweiten Stock angekommen, dann fuhr er mit einem leisen Poltern und neuerlichem Summen weiter nach unten. Sie fand es faszinierend, daß Moose, der daran gewöhnt war, den Fahrstuhl für und mit seinem Herrn zu benützen, ihn nachts selbst benützte, obwohl es über die Treppe schneller gegangen wäre. Auch Hunde konnten Gewohnheitstiere sein.
    Sie hatten zu Hause auch Hunde gehabt, als sie noch ein Kind gewesen war, zuerst einen Apportierhund namens Barney, danach einen irischen Setter namens Mickey Finn...
    Janice hatte vor sechzehn Jahren geheiratet und war von zu Hause fortgegangen, als Tessa achtzehn gewesen war, und danach hatte die Entropie, die blinde Kraft der Auflösung, das behagliche Leben in San Diego zunichte gemacht. Tessas Dad war drei Jahre später gestorben, kurz nach seiner Beerdigung hatte sich Tessa auf den Weg gemacht, um ihre Werbespots, Dokumentationen und Reisefilme zu machen, und sie hatte zwar regelmäßigen Kontakt mit ihrer Mutter und Schwester gehalten, aber die goldene Zeit war vorbei gewesen.
    Jetzt lebte Janice nicht mehr. Und Marion würde nicht ewig leben, auch dann nicht, wenn sie das Fallschirmspringen wirklich sein ließe.
    Tessa wünschte sich vor allen Dingen, diese häusliche Idylle mit einem Mann und eigenen Kindern neu erschaffen zu können. Sie hatte mit dreiundzwanzig einen Mann geheiratet, der Kinder mehr wollte, als er sie gewollt hatte, und als sie herausfanden, daß sie keine Kinder bekommen konnte, hatte er sie verlassen. Adoption genügte ihm nicht. Er wollte Kinder, die biologisch seine eigenen waren. Vierzehn Monate vom Tag der Eheschließung bis zur Scheidung. Sie hatte sehr gelitten.
    Danach hatte sie sich mit einem Eifer auf ihre Arbeit gestürzt, wie sie ihn vorher nicht gekannt hatte. Sie war einsichtig genug zu erkennen, daß sie durch ihre Kunst versuchte, die ganze Welt zu erreichen, als wäre sie eine einzige große Familie. Indem sie komplizierte Geschichten und Themen in dreißig, sechzig oder neunzig Minuten Film zwängte, versuchte sie, die Welt zu verkleinern, sie auf das Wesentliche zu reduzieren, auf die Größe einer Familie.
    Aber als sie nun in Harry Talbots Gästezimmer wach lag, wußte sie, daß sie niemals völlige Befriedigung finden würde, wenn sie ihr Leben nicht radikal veränderte und das, was sie sich so sehr wünschte, direkter suchte. Es war unmöglich, eine Person mit Tiefe zu sein, wenn einem die Liebe zur Menschheit fehlte, aber diese verallgemeinerte Liebe konnte sehr schnell dünn und bedeutungslos werden, wenn man keine Familie hatte, die einem nahestand; denn in der Familie sah man tagtäglich die speziellen Dinge in speziellen Menschen, die in der Verlängerung eine umfassendere Liebe zu anderen Mitmenschen rechtfertigte. In ihrer Kunst suchte sie nach dem Spezifischen, aber ihr fehlte ein Gefühlsleben.
    Während sie Staub und den schwachen Mehltaugeruch einatmete, war ihr, als hätte ihr Potential als Persönlichkeit so lange brachgelegen wie dieses Gästezimmer. Aber nachdem sie jahrelang keine Verabredung mehr gehabt hatte, nachdem sie sich vor ihrem gebrochenen Herzen in harte Arbeit geflüchtet hatte, wie sollte sich eine vierunddreißig-jährige Frau jetzt dem Teil ihres Lebens öffnen, dem sie sich absichtlich verschlossen hatte? In diesem Augenblick fühlte sie sich unfruchtbarer als jemals seit sie erfahren hatte, daß sie nie eigene Kinder haben könnte. Und die Frage, wie sie ihr Leben neu gestalten könnte, schien derzeit wichtiger zu sein als herauszufinden, woher die Schreckgespenster kamen und was sie waren.
    Kontakt mit dem Tod konnte seltsame Gedanken wecken.
    Nach einer Weile überwand Müdigkeit ihre innere Aufruhr, und sie schlief wieder ein. Kurz bevor sie endgültig einschlummerte, wurde ihr klar, daß Moose vielleicht in ihr Zimmer gekommen wir, weil er gespürt hatte, daß etwas im Haus nicht stimmte. Vielleicht hatte er versucht, sie zu warnen. Aber er wäre sicher aufgeregter gewesen und hätte gebellt, wenn wirklich Gefahr bestanden hätte.
    Dann schlief sie ein.
    2
    Shaddack kehrte von Peyser zu seinem uraltmodernen Haus an der Nordspitze der Bucht zurück, blieb aber nicht lange. Er machte drei Schinkensandwiches, packte sie ein und legte sie mit mehreren Dosen Coke in eine Kühltasche. Die Tasche brachte er nebst ein paar Decken und einem Kis sen in den Lastwagen. Er holte aus dem Waffenschrank in seinem Arbeitszimmer eine Smith-Wesson 357 Magnum, eine halbautomatische Remington-Schrotflinte Kaliber 12 mit Pistolengriff und jede Menge Munition für beide. Solchermaßen ausgerüstet, machte er sich im Sturm auf, durch Moonlight Cove und die Umgebung zu kreuzen; er hatte die Absicht, in Bewegung zu bleiben und die Situation per Computer zu verfolgen, bis die erste Phase von Projekt Moonhawk um Mitternacht, weniger als neunzehn Stunden von jetzt an, beendet sein würde.
    Watkins' Drohung machte ihn nervös. Wenn er in Bewegung bliebe, würde er nicht so leicht zu finden sein, wenn Watkins regressiv würde, sein Versprechen hielte und ihn verfolgte. Um Mitternacht, wenn die letzten Verwandlungen vollbracht wären, würde Shaddack seine Macht konsol-diert haben. Dann könnte er sich um den Polizisten kümmern.
    Watkins würde geschnappt und eingesperrt werden, bevor er sich verwandelte. Dann könnte Shaddack ihn auf dem Labortisch festschnallen, seine Psychologie und Physiologie studieren und eine Erklärung für diese Seuche der Regression finden.
    Er akzeptierte Watkins' Erklärungen nicht. Sie wurden nicht regressiv, um dem Leben als Neue Menschen zu entkommen. Hätte er diese Theorie akzeptiert, hätte er sich eingestehen müssen, daß das Projekt Moonhawk eine fatale Katastrophe war, daß die Verwandlung kein Segen für die Menschheit war, sondern ein Fluch, und daß seine ganze Arbeit in ihrer Wirkung nicht nur irregeleitet, sondern sogar gemeingefährlich war. Das konnte er niemals zugeben.
    Als Schöpfer und Herr der Neuen Menschen, hatte er gottgleiche Macht kennengelernt. Diese wollte er nicht mehr hergeben.
    Die regennassen Straßen waren kurz vor der Dämmerung verlassen, abgesehen von den Autos - manche waren Streifenwagen, manche nicht -, in denen jeweils zwei Männer fuhren, um entweder Booker, Tessa Lockland, die Tochter der Fosters oder Regressive auf Streifzügen zu finden. Sie konnten zwar nicht durch die stark getönten Scheiben des Lieferwagens sehen, wußten aber ganz bestimmt, wem das Fahrzeug gehörte.
    Shaddack kannte viele, denn sie arbeiteten bei New Wave und gehörten zum Kontingent der einhundert, die er erst vor ein paar Stunden der Polizei zur Verfügung gestellt hatte. Ihre Gesichter hinter den vom Regen überspülten Windschutzscheiben schwebten wie blasse Scheiben im dunklen Inneren ihrer Autos und waren so ausdruckslos, daß sie Schaufensterpuppen oder Roboter hätten gehören können.
    Andere gingen zu Fuß durch die Stadt, waren aber verstohlener und hielten sich in den dunklen Schatten und Nebenstraßen. Von ihnen sah er keinen.
    Shaddack fuhr auch an zwei Verwandlungsteams vorbei, die leise, und zielstrebig von einem Haus zum anderen schlichen. Jedesmal, wenn sie eine Verwandlung abgeschlossen hatten, gab das Team die Daten in ein VDT im Auto ein, damit das zentrale System bei New Wave über ihren Fortschritt informiert blieb.
    Als er an einer Kreuzung hielt und die Tabelle auf seinem eigenen VDT abrief, stellte er fest, daß in der Verwandlungsphase von Mitternacht bis sechs Uhr morgens nur noch fünf Personen übrigblieben. Sie waren dem Zeitplan ein wenig voraus.
    Heftiger Regen fiel von Westen und schimmerte im Licht der Scheinwerfer so silbern wie Eis. Bäume schüttelten sich, als hätten sie Angst. Und Shaddack blieb in Bewegung und zog durch die Nacht, als wäre er ein seltsamer Raubvogel, der es vorzog, im Sturmwind zu jagen.
    3
    Tucker führte, und so hatten sie gejagt, getötet, gebissen und gerissen, gekrallt und gebissen, gejagt und getötet und die Beute gefressen, Blut getrunken, Blut, warm und süß, dickflüssig und warm, süß und dickflüssig, Blut, hatten das Feuer in ihrem Fleisch gelöscht, das Feuer mit Nahrung gekühlt. Blut.
    Tucker hatte allmählich festgestellt, daß das Feuer um so weniger intensiv brannte, je länger sie in ihrem verwandelten Dasein blieben, und es um so leichter war, in der submenschlichen Gestalt zu bleiben. Etwas sagte ihm, er sollte sich Sorgen darüber machen, daß es ihm immer leichter fiel, sich an de Gestalt der Bestie zu klammern, aber er konnte nicht viel Sorgen dafür entwickeln, was teilweise daran lag, daß sich sein Verstand nicht mehr länger als ein paar Sekunden auf komplexe Gedanken konzentrieren konnte.
    Sie waren im Mondenschein über die Felder und Hügel gelaufen, frei gelaufen und gerannt, frei, so frei im Monden-schein und Nebel, im Nebel und Wind, und Tucker hatte sie geführt, hatte nur angehalten, um zu töten und zu fressen, oder um sich mit dem Weibchen zu paaren, das ihre eigene Lust mit einer Aggressivität nahm, die aufregend, wild und erregend war.
    Dann kam der Regen.
    Kalt.
    Prasselnd.
    Auch Donner, und grelles Licht am Himmel.
    Ein Teil von Tucker schien zu wissen, was diese langen, zackenförmigen Lichter waren, die den Himmel zerrissen. Aber er konnte sich nicht richtig erinnern, und er hatte Angst, raste in den Schutz von Bäumen, wenn das Licht ihn auf offenem Gelände überraschte, kauerte sich mit dem Weibchen und dem anderen Männchen nieder, bis der Himmel wieder dunkel geworden und eine Weile so geblieben war.
    Tucker suchte nach einem Ort, wo sie Zuflucht vor dem Sturm finden könnten. Er wußte, sie sollten dorthin zurückkehren, wo sie aufgebrochen waren, aber er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau das gewesen war. Zudem hätte die Rückkehr dorthin bedeutet, daß sie ihre Freiheit aufgeben und ihre angeborenen Identitäten wieder hätten annehmen müssen. Sie wollten laufen und streifen und töten und sich paaren und frei sein, frei. Wenn sie zurückkehrten, könnten sie nicht mehr frei sein, daher liefen sie weiter, überquerten eine Straße mit harter Oberfläche, liefen in die höheren Hügel, hielten sich von den wenigen Häusern der Gegend fern.
    Die Dämmerung rückte näher, sie zeichnete sich noch nicht am östlichen Horizont ab, aber se rückte näher, und Tucker wußte, sie mußten einen Unterschlupf finden, bevor es hell würde, einen Ort, wo sie sich nebeneinander zusammenrollen könnten, drunten in der Dunkelheit, um Wärme zu teilen, Dunkelheit und Wärme, sicher zusammengerollt mit Erinnerungen an Blut und Paarung, Dunkelheit und Wärme und Blut und Paarung. Dort würden sie nicht in Gefahr sein, sicher vor einer Welt, in der sie fremd waren, und ebenfalls sicher davor, wieder in die menschliche Gestalt zurückkehren zu müssen. Wenn es wieder Nacht würde, könnten sie herauskommen und umherstreifen und töten, töten, beißen und töten, und vielleicht würde der Tag kommen, da es so viele ihrer Art in der Welt gäbe, daß sie nicht mehr in der Minderzahl wären und auch bei Tage umherstreifen könnten, aber nicht jetzt, noch nicht.
    Sie kamen an einen Feldweg, und Tucker hatte eine vage Erinnerung, wo er sich befand, das Wissen, daß dieser Weg sie rasch zu einem Ort führen könnte, der den Schutz böte, den er und seine Meute brauchten. Er folgte ihm weiter in die Hügel und ermutigte seine Gefährten mit leisem, zuversichtlichem Knurren. Nach wenigen Minuten kamen sie zu einem Gebäude, einem großen, verfallenen alten Haus, dessen Fenster eingeschlagen waren und dessen Tür schief in halb zerfallenen Scharnieren hing. Andere graue Bauwerke ragten aus dem Regen auf: eine Scheune, die in einem noch schlimmeren Zustand als das Haus war, mehrere Nebengebäude, die größtenteils verfallen waren.
    Große, handgemalte Schilder waren zwischen zwei Fenster im ersten Stock an die Hauswand genagelt worden, ein Schild über dem anderen, mit verschiedenen Handschriften, als wäre das zweite erst viel später als das erste aufgehängt worden. Er wußte, sie bedeuteten etwas, aber er konnte sie nicht lesen, obwohl er sich anstrengte, sich an die vergessene Sprache der Rasse zu erinnern, der auch er einst angehört hatte.
    Die beiden Mitglieder seiner Meute standen neben ihm. Auch sie sahen zu den dunklen Buchstaben auf weißem Grund empor. Verschwommene Symbole in Regen und Halbdunkel. Seltsame und geheimnisvolle Runen.
    IKARUS KOLONIE
    Und darunter:
    DAS IKARUS KOLONIE-RESTAURANT NATURKOST
    An der verfallenen Scheune befand sich ein anderes Schild -Flohmarkt -, aber das sagte Tucker ebensowenig wie die Schilder am Haus selbst, und nach einer Weile kam er zu dem Ergebnis, daß es einerlei war, ob er sie verstand. Wichtig war, es waren keine Menschen in der Nähe, kein frischer Geruch oder Vibrationen von menschlichen Wesen, daher war dies vielleicht das Versteck, das er suchte, ein Bau, eine Hütte, ein warmer und dunkler Unterschlupf, warm und dunkel, sicher und dunkel.
    Sam hatte sich mit einer Decke und einem Kissen ein Bett auf dem langen Sofa im Wohnzimmer gemacht, welches direkt an die Diele im Erdgeschoß angrenzte. Er wollte im Erdgeschoß schlafen, damit er wach würde, falls jemand eindringen wollte. Dem Plan zufolge, den Sam auf dem VDT im Streifenwagen gesehen hatte, sollte Harry Talbot erst am kommenden Abend verwandelt werden. Er bezweifelte, daß sie ihren Plan beschleunigen würden, weil sie wußten, daß sich ein FBI-Agent in Moonlight Cove aufhielt. Aber er konnte keine unnötigen Risiken eingehen.
    Sam litt häufig an Schlaflosigkeit, aber das machte ihm in dieser Nacht nicht zu schaffen. Nachdem er die Schuhe ausgezogen und sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, lauschte er ein paar Minuten dem Regen und versuchte, an nichts zu denken. Wenig später schlief er ein.
    Er träumte von Karen, seiner verstorbenen Frau, die, wie immer in seinen Alpträumen, im Endstadium ihrer Krebskrankheit war, ausgezehrt aussah und Blut spuckte, nachdem die Chemotherapie versagt hatte. Er wußte, er mußte sie retten. Er konnte es nicht. Er kam sich winzig, ohnmächtig und schrecklich ängstlich vor.
    Aber der Alptraum weckte ihn nicht.
    Schließlich verlagerte sich der Traum vom Krankenhaus in ein dunkles und verfallenes Gebäude. Es sah aus wie ein von Salvador Dali entworfenes Hotel: Die Flure zweigten wahllos ab; manche waren kurz, andere so lang, daß man ihr Ende nicht sehen konnte; Wände und Böden befanden sich in surrealistischen Winkeln zueinander, die Türen zu den Zimmern waren von unterschiedlicher Größe, manche so klein, daß nur eine Maus durchgekonnt hätte, andere groß genug für einen Menschen, wieder andere in einem Maßstab, der einem sechs Meter großen Riesen genügt hätte.
    Er fühlte sich zu bestimmten Zimmern hingezogen. Wenn er sie betrat, fand er in jedem eine Person aus seinem vergangenen oder gegenwärtigem Leben.
    Er begegnete Scott in mehreren Zimmern und führte unbefriedigende, zusammenhanglose Unterhaltungen mit ihm, die alle mit einer unvernünftigen Feindseligkeit von Seiten Scotts endeten. Unterschiede in Scotts Alter machten den Alptraum noch schlimmer: manchmal war er ein mürrischer Sechzehnjähriger und manchmal zehn oder erst vier oder fünf. Aber er war in jeder Inkarnation entfremdet, kalt, reizbar und voll verzehrendem Haß. »Das ist nicht richtig, das stimmt nicht, so bist du nicht gewesen, als du jünger warst«, sagte Sam einem siebenjährigen Scott, und der Junge gab eine obszöne Antwort.
    Scott war in jedem Zimmer, ohne Rücksicht auf sein Alter, von riesigen Postern von Black Metal-Rockern mit schwarzer Lederkleidung und Ketten umgeben, die satanische Symbole auf Stirn oder Handflächen zur Schau stellten. Das Licht war flackernd und seltsam. Sam sah in einer dunklen Ecke etwas lauern, eine Kreatur, von der Scott wußte, die der Junge nicht fürchtete, die Sam aber eine Heidenangst machte.
    Aber auch dieser Alptraum weckte ihn nicht.
    In anderen Zimmern dieses surrealistischen Hotels fand er sterbende Menschen, jedesmal dieselben - Arnie Taft und Carl Sorbino. Sie waren zwei Agenten, mit denen er gearbeitet hatte und die vor seinen Augen erschossen worden waren.
    Der Eingang zu einem Zimmer war eine Autotür - die funkelnde Tür eines blauen 54er Buick, um genau zu sein. Dahinter fand er eine enorme Kammer mit grauen Wänden, in dem sich Fahrersitz, Lenkrad und Armaturenbrett des Autos befanden, und sonst nichts, gleich Teilen eines prähistorischen Skeletts, die auf einer weiten Fläche öden Sandes lagen. Eine grüngekleidete Frau saß am Steuer, sie hatte den Kopf von ihm abgewandt. Er wußte natürlich, wer sie war, und er wollte das Zimmer auf der Stelle verlassen, aber er konnte es nicht. Er wurde sogar zu ihr hingezogen. Er setzte sich neben sie, und plötzlich war er sieben Jahre alt, wie am Tag des Unfalls, aber er sprach mit der Stimme des Erwachsenen. »Hallo, Mom.« Sie drehte sich zu ihm um und zeigte, daß die rechte Seite ihres Gesichts eingedrückt war, ein Auge aus der Höhle gequetscht und Knochen durch die aufgeplatzte Haut ragten. In der Wange konnte man abgebrochene Zähne sehen, daher schenkte sie ihm nur ein halbes teuflisches Grinsen.
    Und plötzlich waren sie, in der Zeit zurückgeschlendert, in ihrem wirklichen Auto. Vor ihnen auf der Autobahn ra-ste der Betrunkene in seinem weißen Lieferwagen auf sie zu, raste über die durchgezogene, doppelte gelbe Linie und mit überhöhter Geschwindigkeit in ihre Richtung. Sam schrie auf - »Mom!« -, aber sie konnte dem Lieferwagen diesesmal ebensowenig ausweichen wie vor fünfunddreißig Jahren. Er raste auf sie zu, als wären sie ein Magnet, und prallte frontal in sie hinein. Er dachte, daß es so im Zentrum einer Atombombenexplosion sein mußte: ein gewaltiges Dröhnen, gefolgt vom Kreischen reißenden Metalls. Alles wurde schwarz. Als er dann wieder aus der Dunkelheit emporschwamm, war er im Wrack eingeklemmt. Er befand sich seiner toten Mutter von Angesicht zu Angesicht gegenüber und sah in ihre leere Augenhöhle. Er fing an zu schreien.
    Auch dieser Alptraum weckte ihn nicht.
    Danach war er in einem Krankenhaus, wie nach dem Unfall, denn das war das erste Mal von insgesamt sechs gewesen, als er fast gestorben wäre. Aber er war kein Junge mehr, sondern ein erwachsener Mann, und er lag auf dem Operationstisch und wurde operiert, ein Notfall, weil ihm während derselben Schießerei, bei der Carl Sorbino gestorben war, in die Brust geschossen worden war. Während sich das Ärzteteam an seinem Körper zu schaffen machte, schwebte er aus seinem Körper heraus und beobachtete sie, wie sie an seinem Leichnam arbeiteten. Er war erstaunt, aber nicht ängstlich, genau wie er sich gefühlt hatte, als es kein Traum gewesen war.
    Als nächstes war er in einem Tunnel und rast grellem Licht entgegen, auf die andere Seite zu. Diesesmal wußte er, was er am anderen Ende finden würde, denn er war schon einmal dort gewesen, im wirklichen Leben, nicht im Traum. Er hatte entsetzliche Angst davor, wollte es nicht noch einmal durchmachen, wollte nicht hinsehen, nicht ins Jenseits. Aber er bewegte sich schneller, schneller, schneller durch den Tunnel, schoß durch ihn hindurch, und sein Entsetzen wuchs parallel zur Geschwindigkeit. Daß er sich noch einmal ansehen mußte, was auf der anderen Seite lag, war schlimmer als seine Traumkonfrontationen mit Scott, schlimmer als das eingedrückte einäugige Gesicht seiner Mutter, unendlich viel schlimmer (schneller, schneller), unerträglich, und daher begann er zu schreien (schneller) und schreien (schneller) und schreien...
    Dieser Traum weckte ihn.
    Er fuhr kerzengerade auf dem Sofa hoch und unterdrückte den Schrei gerade noch, ehe er ihm über die Lippen kommen konnte.
    Einen Augenblick später merkte er, daß er nicht allein in dem dunklen Wohnzimmer war. Er hörte, wie sich vor ihm etwas bewegte, und er bewegte sich gleichzeitig, riß den 38er Revolver aus dem Halfter, das er abgenommen und neben das Sofa gelegt hatte.
    Es war Moose.
    »He, Junge.«
    Der Hund wuffte leise.
    Sam streckte die Hand aus, um den dunklen Kopf zu tätscheln, aber der Hund ging schon wieder weg. Die Nacht war nur unwesentlich weniger schwarz als das Innere des Hauses, daher waren die Fenster nur als verschwommene, graue Rechtecke zu sehen. Moose ging zu einem an der Seite das Hauses, legte die Pfoten auf den Sims und drückte die Schnauze an die Scheibe.
    »Mußt du hinaus?« fragte Sam, obwohl sie ihn kurz vor dem Zubettgehen zehn Minuten hinausgelassen hatten.
    Der Hund reagierte nicht, sondern blieb seltsam steif am Fenster stehen.
    »Ist etwas da draußen?« fragte Sam und wußte die Antwort noch bevor er die Frage zu Ende gesprochen hatte.
    Er durchquerte das dunkle Zimmer rasch und vorsichtig. Er stieß gegen Möbel, warf aber nichts um, und gesellte sich zu dem Hund am Fenster.
    In dieser Stunde vor der Dämmerung schien die regengepeitschte Nacht am dunkelsten zu sein, aber Sams Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt. Er konnte die Seitenwand des Nachbarhauses sehen, die nur sechs Meter entfernt war. Der steil ansteigende Boden zwischen den beiden Häusern war nicht mit Gras bepflanzt, sondern mit einer Vielzahl von Büschen und einigen Pinien, die alle im böigen Wind schwankten und bebten.
    Er sah die beiden Schreckgespenster schnell, weil sie sich gegen die Windrichtung bewegten und daher einen deutlichen Kontrast gegen den Sturmtanz der Vegetation bildeten. Sie waren beide etwa drei Meter vom Fenster entfernt und hasteten den Hang abwärts zur Conquistador. Sam konnte zwar keine Einzelheiten von ihnen erkennen, aber er sah an ihren gebückten Bewegungen und dem schlurfenden und doch seltsamen Gang, daß sie keine gewöhnlichen Menschen waren.
    Als sie neben einer der größeren Pinien stehenblieben, sah einer zu Talbots Haus, und Sam erblickte die sanft leuchtenden, vollkommen fremden Bernsteinaugen. Er war einen Augenblick gebannt, aber nicht so sehr starr vor Angst, sondern vor Staunen. Dann wurde ihm klar, daß das Geschöpf direkt ins Fenster zu starren schien, als könnte es ihn sehen, und plötzlich sprang es direkt auf ihn zu.
    Sam duckte sich unter den Sims, drückte sich an die Wand unter dem Fenster und zog Moose mit sich herunter. Der Hund schien die Gefahr zu spüren, denn er bellte oder winselte nicht und leistete keinen Widerstand, sondern lag mit dem Bauch auf den Boden gepreßt da und ließ sich still dort festhalten.
    Einen Sekundenbruchteil später hörte Sam über Wind und Regen hinweg die Geräusche verstohlener Bewegungen auf der anderen Seite der Mauer, an der er kauerte. Ein leises Wuseln. Kratzen.
    Er hielt den 38er in der rechten Hand und machte sich bereit, falls das Ding kühn genug sein sollte, durch das Fenster einzudringen.
    Ein paar Sekunden verstrichen still. Dann weitere.
    Sam ließ die linke Hand auf Mooses Rücken. Er konnte den Hund zittern spüren.
    Tick-tick-tick.
    Nach den langen Sekunden der Stille erschreckte das plötzliche Ticken Sam, denn er war gerade zu dem Ergebnis gekommen, daß die Kreaturen weitergezogen sein mußten.
    Tick-tick-tick-tick.
    Es klopfte gegen das Glas, als wollte es dessen Festigkeit erproben oder den Mann rufen, den es dort stehen gesehen hatte.
    Tick-tick. Pause. Tick-tick-tick.
    Tucker führte seine Meute aus Schlamm und Regen auf die windschiefe Veranda des Hauses. Die Dielen ächzten unter ihrem Gewicht. Ein loser Laden klapperte im Wind; alle anderen waren schon längst verfault und heruntergefallen.
    Er bemühte sich, ihnen seine Absichten mitzuteilen, mußte aber feststellen, daß es ihm sehr schwerfiel, sich an die notwendigen Worte zu erinnern oder sie hervorzubringen. Zwischen Knurren und Fauchen und leisem Paarungsmurmeln gelang es ihm nur hervorzustoßen: »...hier ...verstecken ...hier ...sicher...«
    Das andere Männchen schien die Fähigkeit zu sprechen vollkommen verloren zu haben, denn es brachte überhaupt keine Worte mehr zustande.
    Das Weibchen sagte mit sichtlichen Schwierigkeiten: »...sicher ...hier ...zuHause ...«
    Tucker studierte seine beiden Gefährten einen Augenblick und stellte fest, daß sie sich während ihres nächtlichen Abenteuers verändert hatten. Bisher hatte das Weibchen etwas Katzenhaftes gehabt - schlank, geschmeidig, mit Katzenohren und spitzen Zähnen, die sie entblößte, wenn sie vor Angst, Wut oder sexuellem Verlangen fauchte. Zwar hatte sie immer noch etwas von einer Katze an sich, aber sie war mehr wie Tucker geworden, wölfisch, mit einem großen Kopf und einer Schnauze, die mehr hundeartig als katzenhaft war. Sie hatte auch wolfsgleiche Beine und Füße, die von einer Kreuzung zwischen Mensch und Wolf zu stammen schienen, keine Pfoten, aber auch keine Hände, mit Klauen versehen, die länger und mörderischer als die eines Wolfs waren. Das andere Männchen, einst eine einmalige Erscheinung, die ein paar insektenhafte Züge mit dem allgemeinen Erscheinungsbild einer Hyäne vereint hatte, hatte sich inzwischen ebenfalls weitgehend Tuckers Äußerem angeglichen.
    Tucker war durch eine stumme Übereinkunft zum Anführer der Meute geworden. Nachdem sie sich seiner Herrschaft unterworfen hatten, hatten seine Anhänger offensichtlich seine Gestalt als Modell für ihre eigene benützt. Ihm wurde klar, daß dies eine wichtige Wendung der Ereignisse war, vielleicht sogar eine ominöse.
    Er wußte nicht, warum ihn das beunruhigen sollte, und er besaß nicht mehr die geistige Klarheit, sich so lange zu konzentrieren, bis er es begriff. Das drängendere Problem einer Zuflucht beanspruchte seine Aufmerksamkeit.
    ...hier... sicher... hier...«
    Er führte sie durch die aufgebrochene, halb offene Tür in die Diele des verfallenen Hauses. Der Verputz war rissig und abgebröckelt, an manchen Stellen fehlte er völlig, dort waren Gitter zu sehen, die an die Gebeine eines halb verwesten Leichnams erinnerten. In dem leeren Wohnzimmer hingen lange Streifen Tapete herunter, als würde das Haus im Prozeß einer Verwandlung seine Haut abstreifen, die so dramatisch war wie die, die Tucker und seine Meute durchgemacht hatten.
    Er folgte Gerüchen durch das Haus, und das war interessant, nicht erregend, aber eindeutig interessant. Seine Gefährten folgten ihm, während er Flecken von Schimmel untersuchte, Pilze, die in einer dunklen Ecke des Eßzimmers wuchsen, Kolonien schwach leuchtender Pilze im Zimmer auf der anderen Seite des Flurs, mehrere Häufchen Rattenkot, die mumifizierten Überreste eines Vogels, der durch eine der zerbrochenen Scheiben hereingeflogen war und sich an der Wand einen Flügel gebrochen hatte, und den noch erhaltenen Kadaver eines kranken Koyoten, der in die Küche gekrochen war, um zu sterben.
    Im Verlauf dieser Untersuchung stellte Tucker fest, daß das Haus keinen idealen Unterschlupf bot. Die Zimmer wa-ren zu groß und zugig, besonders dort, wo die Fenster herausgebrochen waren. Es hing zwar kein Geruch von Menschen in der Luft, aber er spürte, daß immer noch welche hierher kamen, nicht regelmäßig, aber dennoch häufig genug, daß sie ein Ärgernis werden konnten.
    Aber in der Küche fand er den Eingang zum Keller, und diese unterirdische Zuflucht nahm er aufgeregt zur Kenntnis. Er führte die anderen die quietschende Treppe hinunter in diese finstere Dunkelheit, wo keine kalten Winde sie erreichen konnten, wo Boden und Wände trocken waren, und wo die Luft einen sauberen, zitronenähnlichen Geruch hatte, der aus den Wänden kam.
    Er ging davon aus, daß Eindringlinge selten in den Keller gingen. Und wenn doch... würden sie in ein Gehege kommen, aus dem sie nicht mehr entkommen könnten.
    Es war eine vollkommene, fensterlose Heimstatt. Tucker ging die Wände des Raumes ab, seine Krallen klickten und schabten über den Boden. Er schnupperte in Ecken und untersuchte den verrosteten Ofen. Er war überzeugt, daß sie in Sicherheit waren. Sie konnten sich in der sicheren Gewißheit zusammenrollen, daß man sie nicht finden würde, und falls man sie durch Zufall doch fände, könnten sie den einzigen Fluchtweg abschneiden und den Eindringling rasch aus dem Weg schaffen.
    An diesem tiefen, dunklen und geheimen Ort konnten sie werden, was sie wollten, und niemand würde sie sehen.
    Dieser letzte Gedanke verblüffte Tucker. Alles werden, was sie wollten?
    Er war nicht sicher, woher dieser Gedanke kam oder was er bedeutete. Plötzlich wurde ihm klar, daß er mit seiner Regression einen Prozeß eingeleitet hatte, der sich inzwischen seiner bewußten Kontrolle entzog, daß ein primitiver Teil seines Verstandes jetzt auf Dauer die Oberhoheit hatte. Panik ergriff ihn. Er war füher häufig in diesen veränderten Zustand übergewechselt und hatte immer wieder zurück gekonnt. Aber jetzt... Seine Angst war nur einen Augenblick klar, weil er sich nicht auf das Problem konzentrieren konnte, sich nicht einmal erinnerte, was er mit >Regression< mein-te, und weil er wenig später von dem Weibchen abgelenkt wurde, das sich mit ihm paaren wollte.
    Bald darauf waren die drei ineinander verschlungen, krallten nacheinander, stießen und schlugen um sich. Ihre schrillen, erregten Schreie schallten durch das Haus, gleich Geisterstimmen in einem Spukhaus.
    Tick-tick-tick.
    Sam war versucht, sich zu erheben, durch das Fenster zu sehen und die Kreaturen von Angesicht zu Angesicht zu konfrontieren, denn er brannte darauf herauszufinden, wie sie aus der Nähe aussahen.
    Aber da diese Kreaturen eindeutig gewalttätig waren, hätte ein solche Konfrontation sicher zu einem Angriff und einer Schießerei geführt, was die Aufmerksamkeit der Nachbarn und damit der Polizei erregt haben würde. Er durfte sein derzeitiges Versteck nicht aufs Spiel setzen, denn er konnte nirgendwo anders hingehen.
    Er umklammerte den Revolver mit einer Hand, ließ die andere auf Moose und blieb unter dem Fenstersims und lauschte. Er hörte Stimmen, aber entweder sprachen sie keine Worte oder waren so gedämpft, daß die Worte nicht durch das Glas über seinem Kopf drangen. Das zweite Geschöpf hatte sich zu dem ersten an der Seitenmauer des Hauses gesellt. Sein Knurren hörte sich wie ein unterdrückter Streit an.
    Danach Schweigen.
    Sam kauerte noch eine Weile an derselben Stelle und wartete ab, ob die Stimme wieder zu sprechen anfangen oder eines der Wesen mit den Bernsteinaugen wieder ans Fenster klopfen würde - tick-tick -, aber nichts geschah. Als schließlich seine Arm- und Beinmuskeln sich verkrampften, nahm er die Hand von Moose und richtete sich zum Fenster hin auf. Er rechnete halb damit, daß das Schreckgespenst da sein würde, aber es war fort.
    Der Hund begleitete ihn, als er im Erdgeschoß von Zimmer zu Zimmer ging und zu sämtlichen Fenstern an den vier Seiten des Hauses hinaussah. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn die Kreaturen versucht hätten, sich irgendwo gewaltsam Zutritt zu verschaffen.
    Aber das Haus war völlig still, abgesehen vom Regen, der auf das Dach trommelte und in den Regenrinnen blubberte.
    Er kam zur Überzeugung, daß sie fort und ihr Interesse an dem Haus reiner Zufall gewesen war. Sie hatten nicht speziell nach ihm gesucht, nur nach Beute. Sie hatten ihn zweifellos am Fenster erblickt und wollten ihn nicht gehen lassen, falls er sie gesehen hatte. Aber falls sie gekommen waren, um mit ihm persönlich abzurechnen, hatten sie sich offenbar entschieden, daß sie sich einen Einbruch und eine lautstarke Konfrontation ebenso wenig leisten konnten wie er, nicht im Herzen der Stadt. Sie waren verstohlene Geschöpfe. Hin und wieder stießen sie einen unheimlichen Schrei aus, der über Moonlight Cove hallte, aber nur dann, wenn sie sich im Griff einer seltsamen Leidenschaft befanden. Und bisher hatten sie ihre Angriffe auf Menschen beschränkt, die relativ isoliert lebten.
    Als er wieder im Wohnzimmer war, schob er den Revolver ins Halfter und streckte sich auf dem Sofa aus.
    Moose setzte sich und sah ihn noch eine Weile an, als könnte er nicht glauben, daß er sich wieder ruhig hinlegen und schlafen konnte, nachdem er gesehen hatte, was da durch Nacht und Regen schlich.
    »Einige meiner Träume waren schlimmer als das, was heute nacht da draußen ist«, sagte er zu dem Hund. »Wenn ich leicht zu verängstigen wäre, würde ich wahrscheinlich nie wieder schlafen können.«
    Der Hund gähnte, stand auf und ging in den dunklen Flur hinaus, wo er in den Fahrstuhl sprang. Der Motor summte, als der Lift den Labrador nach oben brachte.
    Während er darauf wartete, daß er wieder einschliefe, versuchte Sam, seine Träume in eine angenehmere Form zu bringen, indem er sich auf Dinge konzentrierte, von denen er gerne träumen würde: gutes mexikanisches Essen, kaum gekühltes Guinness Stout und Goldie Hawn, die noch strahlender als gewöhnlich aussehen würde, in einem mexikanischen Restaurant sitzen, und sie würden essen und Guinness trinken und lachen.
    Aber als er wieder eingeschlafen war, träumte er von seinem Vater, einem übellaunigen Alkoholiker, dem er mit sieben Jahren in die Hände fiel, nachdem seine Mutter bei dem Autounfall ums Leben gekommen war.
    Chrissie, die sich in den Stapel nach Gras duftender Jutesäcke auf dem Lieferwagen des Gärtners gekuschelt hatte, wachte auf, als das automatische Garagentor mit einem Ächzen md Rasseln aufging. Sie hätte sich beinahe überrascht aufgerichtet und dadurch verraten. Aber sie erinnerte sich rechtzeitig, wo sie war, und behielt den Kopf unter dem obersten halben Dutzend der Säcke, die sie als Decke verwendete. Sie versuchte, sich im Stapel der Säcke zu verkriechen.
    Sie hörte Regen aufs Dach prasseln. Er fiel auf den Schotterweg vor der Tür und erzeugte ein zischelndes Geräusch, so wie tausend Speckstreifen in einer riesigen Bratpfanne. Chrissie hatte Hunger. Bei diesem Geräusch wurde sie noch hungriger.
    »Hast du meinen Vesperkoffer, Sarah?«
    Chrissie kannte Mr. Eulane nicht so gut, daß sie seine Stimme erkannt hätte, aber sie vermutete, daß er es war, denn Sarah Eulane, deren Stimme Chrissie kannte, antwortete sofort:
    »Es, es wäre mir wirklich lieber, wenn du gleich wieder heimfahren würdest, nachdem du mich in der Schule abgesetzt hast. Nimm einen Tag frei. Du solltest bei dem schlechten Wetter nicht arbeiten.«
    »Nun, bei diesem Guß kann ich kein Gras mähen«, sagte er. »Aber ich kann ein paar Sachen erledigen. Ich werde eben den Gummianorak anziehen. Der hält mich knochentrocken. Mit diesem Anorak hätte Moses durch das Rote Meer gehen können und wäre nicht auf Gottes Wunder angewiesen gewesen.«
    Als sie die Luft atmete, die gefiltert durch den rauhen Stoff der Säcke kam, verspürte Chrissie ein Kitzeln in der Nase bis zu den Stirnhöhlen. Sie hatte Angst, daß sie niesen müßte.
    DUMMES JUNGES MÄDCHEN NIEST, FÄLLT DADURCH IN DIE HÄNDE GIERIGER AUSSERIRDISCHER; LEBENDIG AUFGEGESSEN; »EIN LECKERER KLEINER HAPPEN«, SAGTE AUSSERIRDISCHE KÖNIGIN,» BRINGT UNS NOCH MEHR EURER ELFJÄHRIGEN BLONDEN WEIBCHEN.«
    Sarah öffnete die Beifahrertür dicht neben Chrissies Versteck und sagte: »Du wirst dir den Tod holen, Ed.«
    »Glaubst du wirklich, daß ich so eine zarte Primel bin?« fragte er neckend, während er die Fahrertür aufmachte und einstieg.
    »Ich glaube, du bist ein welker, alter Löwenzahn.«
    Er lachte. »Das hast du gestern nacht nicht gedacht.«
    »Doch das habe ich. Aber du bist mein welker, alte Löwenzahn, und ich möchte nicht, daß du einfach so vom Winde verweht wirst.«
    Eine Tür wurde zugeschlagen, dann die andere.
    Als sie sicher war, daß sie sie nicht sehen konnten, zog Chrissie die Jutesäcke weg und streckte den Kopf heraus. Sie hielt sich die Nase zu und atmete durch den Mund, bis das Kitzeln in den Stirnhöhlen nachließ.
    Während Ed Eulane den Motor anließ, ihn etwas im Leerlauf heulen ließ und dann rückwärts aus der Garage fuhr, konnte Chrissie hören, wie sie sich im Fahrerhaus unterhielten. Sie konnte nicht alles verstehen, was sie sagten, aber sie schienen einander immer noch zu necken.
    Kalter Regen schlug ihr ins Gesicht, und sie zog den Kopf sofort wieder unter den Sack und ließ nur einen winzigen Spalt offen, durch den frische Luft herein konnte. Wenn sie während der Fahrt nieste, würde das durch Regen und Motorenlärm nicht zu hören sein.
    Als sie an die Unterhaltung dachte, die sie in der Garage mitangehört hatte, und als sie jetzt hörte, wie Mr. Eulane im Führerhaus lachte, dachte Chrissie, daß sie ihnen vertrauen könnte. Wenn sie Außerirdische wären, würden sie keine albernen Scherze und verliebtes Geplänkel machen. Sie würden es vielleicht tun, wenn sie vor Nichtaußerirdischen eine Schau abzögen und versuchten, so zu tun, als wären sie immer noch Ed und Sarah Eulane, aber nicht, wenn sie unter sich waren. Wenn Außerirdische allein waren, ohne nicht verwandelte Menschen in der Nähe, unterhielten sie sich wahrscheinlich über... nun, Planeten, die sie eingesackt hatten, das Wetter auf dem Mars, den Preis von Treibstoff für fliegende Untertassen und Rezepte, wie man Menschen köstlich zubereitete. Wer konnte das schon sagen? Aber sie unterhielten sich sicher nicht so, wie sich die Eulanes unterhielten.
    Andererseits...
    Vielleicht hatten diese Außerirdischen Ed und Sarah Eula-ne nur in der Nacht übernommen, vielleicht fühlten sie sich noch nicht wohl in ihren Menschenrollen. Vielleicht übten sie das Menschsein in der Abgeschiedenheit, damit sie in der Öffentlichkeit als Menschen durchgehen konnten. Wenn Chrissie sich ihnen zeigte, würden sie wahrscheinlich verdammt sicher Tentakel bekommen oder sich Hummerscheren aus der Brust wachsen lassen, und sie würden sie lebend verspeisen, ohne Beilagen, oder sie würden sie ausstopfen, auf eine Holzscheibe montieren und auf ihrem Heimatplaneten ins Wohnzimmer hängen, oder sie würden ihr das Gehirn aus dem Kopf klopfen, es in ihr Raumschiff montieren und als billigen Kontrollmechanismus für ihre Kaffeemaschine verwenden.
    Mitten in einer außerirdischen Invasion konnte man sein Vertrauen nur widerstrebend und nach einigem Nachdenken verschenken. Sie beschloß, sich an ihren ursprünglichen Plan zu halten.
    Die Fünfzig-Pfund-Plastiksäcke Kunstdünger und Torf und Schneckenkorn, die rings um ihre Jutenische gestapelt waren, beschützten sie vor einem Teil des Regens, aber es kam immer noch genügend durch, daß die oberen Schichten der Jutesäcke durchnäßt waren. Als sie aufbrachen, war sie trocken und mollig warm, aber als sie sich mit nach Cras riechendem Regenwasser vollgesogen hatte, fror sie bis auf die Knochen.
    Sie spähte ein paarmal hinaus, um festzustellen, wo sie sich befanden. Als sie sah, daß sie von der Landstraße in die Ocean Avenue einbogen, streifte sie die durchnäßten Jutesäcke ab und kroch aus ihrem Versteck.
    In der Rückwand des Fahrerhauses befand sich ein Fenster, das bedeutete, die Eulanes konnten sie sehen, wenn sie sich umdrehten. Mr. Eulane konnte sie vielleicht sogar im Rückspiegel sehen, wenn sie nicht ganz unten bliebe. Aber sie mußte zur Ladeklappe des Lieferwagens und sich zum Absprang bereit machen, bis sie Our Lady of Mercy passierten.
    Sie ging auf Händen und Knien zwischen den Gartengeräten durch - und über sie hinüber. Als sie die Heckklappe erreichte, kauerte sie sich dort nieder, senkte den Kopf und zitterte kläglich im Regen.
    Sie überquerten den Shasta Way, die erste Kreuzung am Stadtrand, und fuhren durchs Geschäftsviertel der Ocean Avenue. Sie waren nur vier Blocks von der Kirche entfernt.
    Chrissie war überrascht, daß keine Menschenseele auf den Gehwegen zu sehen war und keine Autos auf den Straßen fuhren. Es war früh - sie sah auf die Uhr, 7:03 -, aber nicht so früh, daß alle noch zu Hause in den Betten sein konnten. Sie vermutete, daß das Wetter auch etwas mit dem verlassenen Eindruck zu tun hatte, den die Stadt machte; bei diesem miesen Wetter ging niemand aus, wenn er nicht unbedingt mußte.
    Aber es gab noch eine andere Möglichkeit: Vielleicht hatten die Außerirdischen einen so großen Teil von Moonlight Cove übernommen, daß sie es nicht mehr für nötig hielten, die Charade des alltäglichen Lebens aufrechtzuerhalten; da die endgültige Eroberung nur noch Stunden entfernt war, konzentrierten sie ihre sämtlichen Bemühungen darauf, die letzten zu suchen, die nicht besessen waren. Das war so beunruhigend, daß sie gar nicht darüber nachdenken wollte.
    Als sie noch einen Block von Our Lady of Mercy entfernt waren, kletterte Chrissie auf das weiße Brett der Heckklappe. Sie schwang ein Bein darüber, dann das andere, und hielt sich mit beiden Händen am Brett fest, die Füße auf der Heckstoßstange. Sie konnte die Hinterköpfe der Eulanes durch das Fenster sehen, und wenn sie sich umdrehten -oder wenn Mr. Eulane in den Rückspiegel sähe - würden sie sie entdecken.
    Sie rechnete damit, von einem Passanten gesehen zu werden, der schreien würde: »He, du da, hast du den Verstand verloren, die Füße so aus dem Lastwagen hängen zu lassen?« Aber es waren keine Fußgänger unterwegs, und sie kamen ohne weitere Zwischenfälle zur nächsten Kreuzung.
    Die Bremsen quietschten, als Mr. Eulane vor einem Stop-schild bremste.
    Als der Lieferwagen hielt, sprang Chrissie von der Heckklappe herunter.
    Mr. Eulane bog an der Kreuzung links ab. Er fuhr in Richtung Thomas Jefferson Grundschule in der Palomino, ein paar Blocks südlich, wo Mrs. Eulane arbeitete und wo Chris -sie an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen im Schulzim-mer der sechsten Klasse sitzen würde.
    Sie lief über die Kreuzung, platschte durch das schmutzige Wasser im Rinnstein und rannte die Stufen zum Eingang von Our Lady of Mercy hinauf. Triumph wärmte sie, denn ihr war zumute, als hätte sie gegen alle Chancen eine sichere Zuflucht erreicht.
    Sie hatte eine Hand auf dem Verzierten Messinggriff der geschnitzten Eichentür, und so wartete sie und sah noch einmal nach rechts und links. Die Fenster von Geschäften, Büros und Wohnungen waren so frostblank wie Augen mit grauem Star. Kleinere Bäume beugten sich mit dem heftigen Wind, die größeren Bäume wogten, und das waren die einzigen Bewegungen, abgesehen vom Regen, der verweht wurde. Der Wind war ungleichmäßig, böig; manchmal hörte er damit auf, den Regen unablässig nach Osten zu peitschen, und sammelte ihn zu Schleiern, die er dann die Ocean Avenue entlang wehte; wenn sie die Augen zukniff und nicht auf die Kälte achtete, hätte sie fast glauben können, daß sie in einer verlassenen Geisterstadt war und zusah, wie Sandteufel durch die einsamen Straßen rollten.
    An der Kreuzung bei der Kirche hielt ein Polizeiauto an dem Stopschild. Zwei Männer saßen darin. Keiner sah in ihre Richtung.
    Sie vermutete bereits, daß man der Polizei nicht trauen konnte. Sie zog die Kirchentür auf und schlüpfte rasch hinein, bevor sie in ihre Richtung sahen.
    In dem Augenblick, als sie den eichenfurnierten Vorbau betreten hatte und die nach Weihrauch und Myrrhe duftende Luft einatmete, fühlte Chrissie sich sicher. Sie trat durch den Bogen ins Kirchenschiff, tauchte die Finger ins Weihwasserbecken zur Rechten, bekreuzigte sich und ging den Mittelgang bis zur vierten Bankreihe von hinten entlang. Sie machte einen Knicks, bekreuzigte sich noch einmal und setzte sich.
    Die Messe war im Gange. Außer ihr waren nur noch zwei Gläubige anwesend, und das schien eine skandalös armselige Anzahl zi sein. Es war natürlich so, daß ihre Eltern, soweit sie sich erinnern konnte, sie zwar immer zur Sonntagsmesse mitgenommen hatten, sie aber nur einmal im Leben werktags zur Messe brachten, was schon vier Jahre her war, daher wußte sie nicht, ob für gewöhnlich mehr Leute zur Messe an Werktagen kamen. Sie vermutete jedoch, daß die Anwesenheit der Außerirdischen - oder Dämonen, was auch immer - in Moonligt Cove für die geringe Besucherzahl verantwortlich war. Zweifellos waren Außerirdische aus dem Weltall gottlos oder, noch schlimmer, beteten ein dunkle Gestalt an, die Yahgag oder Scogblatt oder so ähnlich hieß.
    Sie stellte überrascht fest, daß der Priester, der die Messe -mit Unterstützung eines Meßknaben - las, nicht Pater Castelli war. Es war der junge Priester - der Dekan, wie sie ihn nannten -, den die Erzdiezöse Pater Castelli im August zugeteilt hatte. Sein Name war Pater O'Brien. Sein Vorname war Tom, und er folgte dem Beispiel seines Vorgesetzten und bestand manchmal darauf, daß die Gläubigen ihn Pater Tom nannten. Er war nett - wenn auch nicht so nett oder klug oder amüsant wie Pater Castelli -, aber sie konnte ihn ebensowenig Pater Tom nennen wie den älteren Priester Pater Jim. Ebensogut hätte sie den Papst Johnny nennen können. Ihre Eltern unterhielten sich manchmal darüber, wie sehr sich die Kirche verändert hatte, wie sie im Laufe der Jahre immer weniger formell geworden war, und sie sprachen zustimmend von diesen Veränderungen. Chrissie wünschte sich in ihrem konservativen Herzen, sie wäre zu der Zeit geboren und erzogen worden, als die Messe in Latein gelesen wurde, elegant und geheimnisvoll, als das regelrecht alberne Ritual, den Gläubigen rings um einen herum >Frieden zu geben< noch nicht zum Gottesdienst gehört hatte. Sie war einmal in einer Kathedrale in San Francisco zur Messe gegangen, als sie im Urlaub waren, und dieser Gottesdienst war speziell gewesen, in Latein, gemäß der alten Liturgie, und das hatte ihr gefallen. Immer schnellere Flugzeuge zu bauen, Fernseher v>n Schwarzweiß zu Farbe zu verbessern, Leben mit besserer medizinischer Versorgung zu retten, die alten, sperrigen Platten durch Compact-dics zu ersetzen - diese Veränderungen waren alle wünschenswert und gut. Aber es gab Dinge im Leben, die man nicht verändern sollte, weil man an ihnen gerade ihre Unveränderlichkeit schätzte. Wenn man in einer Welt unablässiger, rapider Veränderungen in allen Bereichen lebte, wohin sollte man sich dann wenden, wenn man Stabilität suchte, einen Ort der Ruhe und des Friedens inmitten von Lärm und Hektik? Diese Wahrheit war Chrissie so einsichtig, daß sie sich manchmal fragte, warum die Erwachsenen nicht darauf kämen. Manchmal waren die Erwachsenen Holzköpfe. Sie blieb nur ein paar Minuten in der Messe sitzen, gerade lange genug, daß sie ein Gebet sprechen und die Heilige Jungfrau bitten konnte, ihr beizustehen, und bis sie sich vergewissert hatte, daß Pater Castelli nicht irgendwo im Kirchenschiff war - wie ein gewöhnlicher Gläubiger auf einer Bank saß, was er mnchmal tat - oder hinten in einem der Beichtstühle wartete. Dann stand sie auf, machte einen Knicks, bekreuzigte sich und ging in den Vorbau, wo kerzenförmige elektrische Glühbirnen schwach hinter den bernsteinfarbenen Glasscheiben von zwei an der Wand befestig -ten Lampen leuchteten. Sie machte die Tür einen Spalt auf und sah auf die verregnete Straße hinaus.
    In diesem Augenblick kam ein Polizeiauto die Ocean Avenue herunter. Es war nicht dasselbe, das sie beim Betreten der Kirche gesehen hatte. Es war neuer, und es saß nur ein Beamter darin. Dieser fuhr langsam und suchte die Straße genau ab, als suchte er nach jemandem.
    Als der Streifenwagen die Kreuzung erreichte, wo Our Lady of Mercy war, fuhr ein anderes Auto an ihm vorbei, das vom Meer kam. Das war kein Streifenwagen, sondern ein blauer Chevy. Zwei Männer saßen darin, die sich alles eingehend ansahen und nach links und rechts in den Regen spähten, wie es der Polizist machte. Obwohl die Männer im Chevy und der Polizist einander nicht winkten oder sonstwie Zeichen gaben, spürte Chrissie, daß sie alle nach demselben Ausschau hielten. Die Polizei hatte sich mit einem Zivilistenteam zusammengetan, um nach jemandem oder etwas zu suchen.
    Mir, dachte sie.
    Sie suchten nach ihr, weil sie zuviel waßte. Weil sie gestern morgen im oberen Flur die Außerirdischen in ihren Eltern gesehen hatte. Weil sie als einzige der Eroberung der menschlichen Rasse im Wege stand. Und vielleicht, weil sie ausgezeichnet schmecken würde, wenn sie sie mit ein paar marsianischen Kartoffeln kochten.
    Sie hatte zwar mittlerweile herausgefunden, daß die Außerirdischen ein paar Menschen übernommen hatten, aber sie hatte keine Beweise dafür, daß sie wirklich andere verspeisten; dennoch war sie fest davon überzeugt, daß sie sich gerade in diesem Augenblick einen Imbiß aus Leichenteilen bereitet hatten. Das schien einfach zutreffend zu sein.
    Als der Streifenwagen und der blaue Chevy vorbei waren, stieß sie die schwere Tür ein paar Zentimeter weiter auf und steckte den Kopf in den Regen hinaus. Sie sah noch einmal nach rechts und links, um sich wirklich zu vergewissern, daß niemand zu Fuß oder im Auto unterwegs war. Nach-dem sie sich überzeugt hatte, ging sie hinaus und lief nach Osten zur Ecke der Kirche. Als sie an der Straßenkreuzung in beide Richtungen gesehen hatte, eilte sie an der Kirchenmauer entlang zur hinten gelegenen Pforte.
    Das zweistöckige Haus war ganz aus Backsteinen erbaut, mit Schwellen aus gemeißelten Granit und einer weißgestrichenen Veranda mit vorstehenden Erkern, und es sah respektabel genug für die Behausung eines Priesters aus. Die alten Bäume am Weg schützten sie vor dem Regen, aber sie war schon durchnäßt. Als sie die Veranda erreicht hatte und zur Eingangstür ging, erzeugten ihre Tennisschuhe schmatzende Geräusche.
    Als sie gerade auf den Klingelknopf drücken wollte, zögerte sie. Sie hatte Angst, daß sie in einen Unterschlupf der Außerirdischen spazieren könnte - eine unwahrscheinliche Vorstellung, die man aber nicht leichtfertig von der Hand weisen sollte. Außerdem überlegte sie, daß Pater O'Brien möglicherweise die Messe las, damit sich Pater Castelli, der immer hart arbeitete, ein seltenes Schläfchen gönnen konnte, und sie wollte ihn auf gar keinen Fall stören, wenn das der Fall war.
    Die junge Chrissie, dachte sie, war unbestreitbar mutig und schlau, aber trotzdem so höflich, daß es ihr schlecht bekam. Während sie auf der Veranda des Priesters stand und über die Anstandsregeln für einen Besuch am frühen Morgen nachdachte, wurde sie plötzlich von sabbernden Außerirdischen mit neun Augen gepackt und auf der Stelle verspeist. Glücklicherweise war sie so tot, daß sie nicht mehr hören konnte, wie sie rülpsten und furzten, nachdem sie sie gegessen hatten, denn ihr Gefühl für Anstand wäre davon sicherlich aufs Gröbste verletzt worden.
    Sie klingelte. Zweimal.
    Einen Augenblick später tauche eine schemenhafte und seltsam unförmige Gestalt hinter den diamantförmigen, gesprungenen Scheiben der oberen Türhälfte auf. Sie hätte sich beinahe herumgedreht und wäre weggelaufen, sagte sich aber, daß das Glas das Bild verzerrte und die Gestalt dahin -ter gar nicht mißgebildet war.
    Pater Castelli machte die Tür auf und blinzelte überrascht, als er sie sah. Er trug schwarze Hosen, ein schwarzes Hemd, den Priesterkragen und eine fadenscheinige graue Jacke, also hatte er Gott sei Dank, nicht fest geschlafen. Er war klein, etwa einen Meter siebzig groß, und rundlich, aber nicht richtig dick, mit schwarzem Haar, das an den Schläfen grau wurde. Nicht einmal seine kühne Hakennase konnte die Wirkung seiner ansonsten weichen Züge beeinflussen, die ihm ein sanftes und gütiges Aussehen verliehen.
    Er blinzelte noch einmal - Chrissie sah ihn das erste Mal ohne seine Brille - und sagte: »Chrissie?« Er lächelte, und sie wußte, sie hatte richtig gehandelt, als sie zu ihm gekommen war, denn sein Lächeln war gütig und offen und herzlich. »Was führt dich denn so früh und bei diesem Wetter hierher?« Er sah an ihr vorbei auf die Veranda und den Fußweg dahinter. »Wo sind deine Eltern?«
    »Pater«, sagte sie und war nicht überrascht, ihre Stimme brechen zu hören, »ich muß mit Ihnen reden.«
    Sein Lächeln erlosch. »Ist etwas geschehen?«
    »Ja, Pater. Etwas Schreckliches. Etwas furchtbar Schreckliches.«
    »Dann komm herein, komm herein. Du bist ja tropfnaß!« Er führte sie in die Diele und machte die Tür zu. »Mein liebes Kind, was soll das alles bedeuten?«
    »Außerirdische, P-p-pater«, sagte sie, und die Kälte ließ sie stottern.
    »Komm mit in die Küche«, sagte er. »Das ist der wärmste Raum im Haus. Ich habe gerade das Frühstück gemacht.«
    »Ich ruiniere den Teppich«, sagte sie und deutete auf den Läufer, der durch den ganzen Flur lag, und Eichendielen rechts und links davon.
    »Oh, mach dir deshalb keine Sorgen. Er ist alt, hält aber jede Mißhandlung aus. So wie ich! Möchtest du heiße Schokolade? Ich mache gerade Frühstück, und auch einen Topf dampfend heißen Kakao.«
    Sie folgte ihm dankbar durch den spärlich erleuchteten Flur, der nach Zitronenpolitur und Holzdesinfektionsmittel und ganz schwach nach Weihrauch roch.
    Die Küche war anheimelnd. Ein ausgetretener gelber Lino-leumboden. Hellgelbe Wände. Dunkle Holzschränke mit Porzellangriffen. Graue und gelbe Arbeitsplatten aus Kunststoff. Es gab Geräte - Kühlschrank, Herd, Mikrowelle, Toaster, elektrischer Dosenöffner - wie in jeder anderen Küche auch, was sie überraschte, aber als sie eingehender darüber nachdachte, wußte sie nicht zu sagen, warum sie gedacht hatte, es wäre anders. Auch Priester brauchten Küchengeräte. Sie könnten nicht einfach Engel herbeirufen, damit diese ihnen Toast rösteten oder ein Wunder vollbrächten und einen Topf heiße Schokolade machten.
    Es roch herrlich in der Küche. Die Schokolade kochte. Toast röstete. Würste zischten auf kleiner Flamme auf dem Gasherd.
    Pater Castelli führte sie zu einem der vier gepolsterten Vinylsitze am Frühstückstisch aus Chrom und Kunststoff, dann wuselte er herum und kümmerte sich um sie, als wäre sie ein Kücken und er die Glucke. Er eilte nach oben, kam mit zwei frischen, sauberen Badehandtüchern zurück und sagte: »Trockne dir mit einem die Haare und tupf deine nassen Kleider ab, und dann wickle das andere wie einen Schal um dich. Das wird dich wärmen.« Während sie seinen Anweisungen folgte, ging er ins Badezimmer am unteren Flur und holte zwei Aspirin. Diese legte er vor ihr auf den Tisch und sagte: »Ich bringe die etwas Orangensaft, damit du sie nehmen kannst. Orangensaft enthält viel Vitamin C. Aspirin und Vitamin C sind wie ein steifer Grog; sie klopfen die Erkältung aus dir raus, noch bevor sie sich niederlassen kann.« Als er mit dem Saft zurückkam, stand er einen Augenblick da, sah auf sie herunter und schüttelte den Kopf, und sie dachte sich, daß sie mitgenommen und erbarmenswert aussehen mußte. »Gutes Mädchen, was hast du dr um Himmels willen nur gedacht?« Er schien nicht gehört zu haben, daß sie etwas von Außerirdischen sagte, als sie bei ihm eingetreten war. »Nein, warte. Das kannst du mir beim Frühstück erzählen. Möchtest du Frühstück?«
    »Ja, bitte, Pater. Ich bin am Verhungern. Ich habe seit gestern nachmittag nur zwei Schokoriegel gegessen.«
    »Nur Schokoriegel?« Er seufzte. »Schokolade ist eine Gnade Gottes, aber sie ist auch ein Werkzeug, das der Teufel benützt, um uns in Versuchung zu führen - die Versuchung der Völlerei.« Er strich sich über den runden Bauch. »Ich selbst habe diese spezielle Gnade oft genossen, aber ich wäre niemals« - er betonte das Wort >niemals< übertrieben und blinzelte ihr zu - »niemals, nicht einmal dem Ruf des Teufels nach Völlerei gefolgt! Aber sieh her, wenn du nur Schokolade ißt, werden dir die Zähne ausfallen. Daher... ich habe eine Menge Würste, die ich mit dir teilen kann. Ich wollte mir auch ein paar Eier machen. Möchtest du auch ein paar Eier?«
    »Ja, bitte.«
    »Und Toast?«
    »Ja.«
    »Wir haben ein paar herrliche Zimtbrötchen hier auf dem Tisch. Und natürlich die heiße Schokolade.«
    Chrissie schluckte die beiden Aspirin mit Orangensaft.
    Während er sorgfältig Eier in die heiße Bratpfanne schlug, sah Pater Castelli sie wieder an. »Geht es dir gut?«
    »Ja, Pater.«
    »Bist du sicher?«
    »Ja. Jetzt. Jetzt geht es mir gut.«
    »Es ist schön, Gesellschaft beim Frühstück zu haben«, sagte er.
    Chrissie trank den restlichen Saft.
    Er sagte: »Wenn Pater O'Brien mit der Messe fertig ist, möchte er nie etwas essen. Nervöser Magen.« Er kicherte. »Sie haben alle Probleme mit dem Magen, wenn sie neu sind. In den ersten Monaten haben sie da oben auf dem Altar eine Heidenangst. Weißt du, es ist so eine heilige Pflicht, die Messe zu lesen, und die jungen Priester haben immer Angst, sie könnten sie auf eine Weise vermasseln, die... oh, ich weiß nicht... die eine Beleidigung Gottes wäre, schätze ich. Aber Gott läßt sich nicht so leicht beleidigen. Wenn er das täte, hätte er sich die menschliche Rasse schon längst vom Hals geschafft! Alle jungen Priester kommen irgendwann einmal zu dieser Erkenntnis, dann geht es ihnen gut. Dann kommen sie von der Messe zurück und sind bereit, das Lebensmittelkontingent der ganzen Woche bei einem einzigen Frühstück zu verschlingen.«
    Sie wußte, daß er nur redete, um sie zu beruhigen. Er hatte bemerkt, wie durcheinander sie war. Er wollte sie beruhigen, damit sie sich auf gelassene, vernünftige Weise miteinander unterhalten konnten. Das störte sie nicht. Sie brauchte es, beruhigt zu werden.
    Nachdem er alle vier Eier aufgeschlagen hatte, wendete er die Würstchen mit einer Gabel, dann machte er eine Schublade auf und holte eine Kelle heraus, die er zur Eierpfanne legte. Während er Teller, Messer und Gabeln auf den Tisch legte, sagte er: »Du siehst mehr als nur ein wenig ängstlich aus, Chrissie, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen. Du kannst dich jetzt beruhigen. Wenn ein junger Priester nach so vielen Jahren des Trainings und der Ausbildung Angst haben kann, bei der Messe einen Fehler zu machen, dann kann jeder vor allem Möglichen Angst haben. Die meisten Ängste denken wir uns selber aus, und wir können sie mühelos loswerden, wenn wir sie uns vergegenwärtigen.«
    »Diese vielleicht nicht«, sagte sie.
    »Wir werden sehen.«
    Er lud Eier und Würste von den Pfannen auf die Teller.
    Die Welt schien zum erstenmal seit vierundzwanzig Stunden wieder in Ordnung zu sein. Während Pater Castelli das Essen auf die Teller schaufelte und sie aufforderte zuzugreifen, seufzte Chrissie vor Erleichterung und Hunger.
    Shaddack ging für gewöhnlich erst nach der Dämmerung zu Bett, daher gähnte er dienstagmorgen um sieben Uhr und rieb sich die Augen, während er durch Moonlight Cove fuhr und nach einer Stelle suchte, wo er den Lieferwagen verstecken und ein paar Stunden wohlbehalten und sicher vor Loman Watkins schlafen könnte. Der Tag war bewölkt, grau und trüb, trotzdem tat das Sonnenlicht seinen Augen weh.
    Er erinnerte sich an Paula Parkins, die im September von Regressiven in Stücke gerissen wjrden war. Ihr sechzig Ar großes Grundstück lag abgeschieden am ländlichsten Ende der Stadt. Die Familie der Toten - in Colorado - hatte es über den hiesigen Makler zum Verkauf angeboten, aber es war nicht verkauft worden. Dorthin fuhr er, parkte in der leeren Garage, machte den Motor aus und zog das große Tor hinter sich zu.
    Er aß ein Schinkensandwich und trank eine Cola. Er wischte sich Krümel von den Fingern, rollte sich auf den Decken hinten im Wagen zusammen und wollte schlafen.
    Er litt nie an Schlaflosigkeit, was vielleicht daran lag, daß er sich seiner Rolle im Leben so sicher war, seines Schicksals, und er sich nicht um das Morgen zu sorgen brauchte. Er war durch und durch davon überzeugt, daß er die Zukunft nach seinen Wünschen gestalten konnte.
    Shaddack hatte sein ganzes Leben lang Zeichen gesehen, wie einmalig er war, Omen, die seinen letztendlichen Triumph bei jedem seiner Unterfangen prophezeiten.
    Anfangs waren ihm diese Zeichen nur aufgefallen, weil Don Runningdeer sie ihm gezeigt hatte. Runningdeer war Indianer gewesen - von welchem Stamm, konnte Shaddack nie herausfinden -, der daheim in Phoenix als Gärtner und Faktotum für den Richter, Shaddacks Vater, gearbeitet hatte. Runningdeer war schlank und schnell gewesen, mit ledri-gem Gesicht, Muskelsträngen und schwieligen Händen; seine Augen waren stechend und schwarz wie Öl gewesen, unglaublich fesselnde Augen, vor denen man sich manchmal abwenden mußte... und vor denen man sich manchmal nicht abwenden konnte, wie sehr man es auch wünschen mochte. Der Indianer interessierte sich für den jungen Tommy Shaddack und ließ ihn manchmal im Garten oder bei Reparaturen im Haushalt helfen, wenn weder der Richter noch Tommys Mutter anwesend waren und mißbilligen konnten, daß ihr Junge gewöhnliche Arbeiten erledigte oder sich mit gesellschaftlich Niedergestellten< einließ. Was bedeutete, daß er im Alter von fünf bis zwölf Jahren fast ständig mit Runningdeer zusammen war (das war die Zeit, die der Indianer für den Richter gearbeitet hatte), weil seine Eltern fast nie da waren und es nicht sehen und Einwände erheben konnten.
    Eine seiner frühesten deutlichen Erinnerungen war die an Runningdeer und das Zeichen der Schlange, die sich selbst verzehrte.
    Er war fünf Jahre alt und saß mit einer Sammlung Tonka-Spielsachen auf der hinteren Veranda des großen Hauses in Phoenix, aber er interessierte sich mehr für Runningdeer als für die Miniaturlastwagen und Autos. Der Indianer hatte Jeans und Halbstiefel an, aber in der grellen Mittagssonne kein Hemd, und er schnitt die Hecken mit einer riesigen Schere mit Holzgriffen. Die Muskeln in Runningdeers Rücken, Schultern und Armen arbeiteten geschmeidig, streckten und spannten sich, und Tommy war fasziniert von der Körperkraft des Mannes. Tommys Vater, der Richter, war mager, knochig und blaß. Tommy selbst war mit seinen fünf Jahren schon deutlich seines Vaters Sohn, hell und groß für sein Alter und erschreckend dünn. An dem Tag, als er Tommy die Schlange zeigte, sie sich selbst verzehrte, arbeitete Runningdeer gerade zwei Wochen für die Shaddacks, und Tommy fühlte sich zunehmend zu ihm hingezogen, ohne den Grund dafür zu verstehen. Runningdeer lächelte ihm oft zu und erzählte ihm komische Geschichten von sprechenden Koyoten und Klapperschlangen und anderen Tieren der Wüste. Manchmal nannte er Tommy >Kleiner Häuptlinge das war der erste Spitzname, den ihm jemand gegeben hatte. Sein Mutter nannte ihn immer Tommy oder Tom; der Richter nannte ihn Thomas. Und so saß er zwischen seinen Tonka-Spielzeugen, mit denen er immer seltener spielte, bis er schließlich ganz damit aufhörte und Runningdeer wie hypnotisiert beobachtete.
    Er war nicht sicher, wie lange er an jenem heißen Wüstentag gebannt im Schatten der Veranda lag, aber nach einer Weile stellte er überrascht fest, daß Runningdeer ihn rief.
    »Kleiner Häuptling, komm her und sieh dir das an.«
    Er war so benommen, daß er zuerst gar nicht reagieren konnte. Seine Arme und Beine funktionierten nicht. Er schien zu Stein geworden zu sein.
    »Komm schon, komm schon, Kleiner Häuptling. Das mußt du dir ansehen.«
    Schließlich sprang Tommy auf und lief zum Rasen, zu den Hecken um den Swimming-pool, wo Runningdeer geschnitten hatte.
    »Dies ist etwas sehr Seltenes«, sagte Runningdeer mit feierlicher Stimme und deutete auf eine grüne Schlange, die auf den von der Sonne gewärmten Fliesen um den Pool herum zu seinen Füßen lag.
    Tommy wich ängstlich zurück.
    Aber der Indianer packte ihn am Arm, hielt ihn fest und sagte: »Hab keine Angst. Es ist nur eine harmlose Gartenschlange. Sie wird dir nichts tun. Sie ist sogar als Zeichen für dich hergeschickt worden.«
    Tommy sah das vierzig Zentimeter lange Reptil mit aufgerissenen Augen an; es hatte sich zu einem O zusammengerollt und den Schwanz im Mund, als würde es sich selbst verzehren. Die Schlange war reglos, ihre glasigen Augen blinzelten nicht. Tommy dachte, sie wäre tot, aber der Indianer versicherte ihm, daß sie lebte.
    »Dies ist ein großes und mächtiges Zeichen, das alle Indianer kennen«, sagte Runningdeer. Er kauerte sich vor der Schlange nieder und zog den Jungen mit herunter. »Es ist ein Zeichen«, flüsterte er, »ein übernatürliches Zeichen, das von den großen Geistern geschickt worden ist, und es gilt immer einem kleinen Jungen, daher muß es für dich sein. Ein mächtiges Zeichen.«
    Tommy betrachtete die Schlange staunend und sagte: »Zeichen? Was meinst du damit? Das ist kein Zeichen. Es ist eine Schlange.«
    »Ein Omen. Eine Offenbarung. Ein heiliges Zeichen«, sagte Runningdeer.
    Während sie vor der Schlange kauerten, erklärte er Tommy die Sache mit einer durchdringenden Flüsterstimme, ohne dabei seinen Arm loszulassen. Die Sonne schien grell auf die betonierte Fläche. Hitzeflimmern stieg davon auf. Die Schlange lag so reglos, daß sie ein ungemein detailliertes Juwelenhalsband hätte sein können, und gar keine richtige Schlange - jede Schuppe ein Smaragd, zwei Rubine als Augen. Nach einer Weile verfiel Tommy wieder in die seltsame Trance, die er schon auf der Veranda erlebt hatte, und Run-ningdeers Stimme stahl sich schlangengleich in seinen Kopf, tief in den Schädel hinein, wo sie sich durch sein Gehirn wand und schnitt.
    Noch seltsamer, es schien fast, als wäre die Stimme gar nicht mehr die von Runningdeer, sondern die der Schlange. Er betrachtete die Viper unablässig und vergaß beinahe, daß Runningdeer da war, denn was die Schlange ihm zu sagen hatte, war so faszinierend und aufregend, daß es Tommys Sinne herausforderte und seine volle Aufmerksamkeit verlangte, obwohl er nicht ganz begriff, was er hörte. Dies ist ein Zeichen des Schicksals, sagte die Schlange, ein Zeichen der Macht und des Schicksals, und du wirst ein sehr mächtiger Mann werden, weit mächtiger als dein Vater, ein Mann, vor dem sich andere verbeugen werden, ein Mann, dem man gehorchen wird, ein Mann, der die Zukunft niemals fürchten wird, denn er wird die Zukunft machen, und du wirst alles haben, alles auf der Welt. Aber das, sagte die Schlange, muß vorläufig unser Geheimnis bleiben. Niemand darf erfahren, daß ich dir diese Botschaft überbracht habe, daß dieses Zeichen gegeben wurde, denn wenn sie wissen, daß es dein Schicksal ist, Macht über sie zu haben, werden sie dich töten, dir in der Nacht die Kehle durchschneiden, das Herz herausreißen und dich in einem tiefen Graben zur Ruhe legen. Sie dürfen nicht wissen, daß du der kommende König bist, der Gott auf Erden, sonst werden sie dich zerschmettern bevor deine Kräfte ganz erblüht sind. Geheimnis. Dies ist unser Geheimnis. Ich bin die Schlange, die sich selbst verzehrt, und jetzt, da ich diese Botschaft überbracht habe, werde ich mich selbst auffressen und verschwinden, und niemand wird erfahren, daß ich hier gewesen bin. Vertraue dem Indianer, aber sonst niemandem.
    Niemandem. Niemals.
    Tommy verlor neben dem Pool das Bewußtsein und war zwei Tage krank. Der Arzt verblüfft. Der Junge hatte kein Fieber, keine erkennbare Schwellung der Lymphdrüsen, keine Übelkeit, keine Gelenk- oder Muskelschmerzen, überhaupt keine Schmerzen. Er litt lediglich an einem umfassenden Unwohlsein und war so lethargisch, daß er nicht einmal einen Comic halten wollte; selbst das Fernsehen war zuviel Anstrengung. Er hatte keinen Appetit. Er schlief vierzehn Stunden täglich und war die restliche Zeit wie benommen. »Vielleicht ein schwacher Hitzschlag«, sagte der Arzt, »wenn er in ein paar Tagen nicht darüber hinweg ist, bringen wir ihn zur Untersuchung ins Krankenhaus.«
    Tagsüber, wenn der Richter im Gerichtssaal war oder sich mit seinen Anlagenberatern traf, und wenn Tommys Mutter im Country Club oder bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung weilte, schlich Runningdeer ab und zu ins Haus und setzte sich zehn Minuten zu dem Jungen ans Bett. Er erzählte Tommy Geschichten mit seiner leisen und seltsam rhythmischen Stimme.
    Miß Karval, die Haushälterin und zeitweise Amme, wußte genau, daß weder der Richter noch Mrs. Shaddack die Krankenbesuch des Indianers oder seine sonstigen Aktivitäten mit Tommy gutheißen würden. Aber Miß Karval hatte ein gütiges Herz und mißbilligte die mangelnde Aufmerksamkeit, die die Shaddacks ihrem Sprößling schenkten. Und sie mochte den Indianer. Sie sah nicht hin, weil sie nichts Schlechtes darin sah - wenn Tommy versprach, seinen Eltern nicht zu verraten, wieviel Zeit er mit Runningdeer verbrachte.
    Als sie gerade beschlossen hatten, den Jungen zur Untersuchung ins Krankenhaus zu bringen, erholte er sich wieder, und die Diagnose des Arztes - Hitzschlag - wurde akzeptiert. Von diesem Tage an verbrachte Tommy seine Zeit fast täglich mit Runningdeer, wenn seine Eltern aus dem Haus gegangen waren, bis einer von ihnen zurückkehrte. Als er zur Schule ging, kam er nach dem Unterricht sofort nach Hause; er war nie interessiert, wenn andere Kinder ihn zum Spielen zu sich einluden, denn er brannte darauf, ein paar Stunden mit Runningdeer zu verbringen, bevor sein Vater oder seine Mutter am Spätnachmittag wiederkamen.
    Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr machte der Indianer Tommy deutlich auf Zeichen aufmerksam, die sein großes - wenn auch bislang noch unbekanntes - Schicksal andeuteten. Ein Büschel vierblättriger Kleeblätter unter dem Schlafzimmerfenster des Jungen. Eine tote Rate, die im Swimming-pool trieb. Ein paar zirpende Grillen in der Schreibtischschublade des Jungen, als er eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam. Gelegentlich tauchten Münzen auf, wo er keine hingelegt hatte - ein Penny in jedem seiner Schuhe im Schrank; einen Monat später ein glänzender Silberdollar in einem Apfel, den Runningdeer für ihn schälte - und der Indianer betrachtete alle Münzen voller Ehrfurcht und erklärte, daß sie die mächtigsten Zeichen von allen waren.
    »Geheimnis«, flüsterte Runningdeer geheimnisvoll am Tag nach Tommys neuntem Geburtstag, als der Junge berichtete, daß er um Mitternacht leise Glocken unter seinem Fenster läuten gehört hatte.
    Als er aufstand, hatte er nur eine Kerze auf dem Rasen brennen gesehen. Er achtete sorgfältig darauf, seine Eltern nicht zu wecken, und schlich hinaus, um die Kerze genauer zu betrachten, aber sie war nicht mehr da.
    »Behalte diese Zeichen immer für dich, sonst werden sie bemerken, daß du ein Kind des Schicksals bist und eines Tages unermeßliche Macht über sie haben wirst, dann werden sie dich jetzt töten, solange du noch ein Junge bist, und schwach.«
    »Wer sind >sie<?« fragte Tommy.
    »Sie, eben sie, alle«, antwortete der Indianer geheimnisvoll.
    »Aber wer?«
    »Zum Beispiel dein Vater.«
    »Der nicht.«
    »Der ganz besonders«, flüsterte Runningdeer. »Er ist ein mächtiger Mann. Es gefällt ihm, Macht über andere zu haben, einzuschüchtern, zu drohen, um seinen Willen durchzusetzen. Du hast gesehen, wie sich die Menschen vor ihm verbeugen und kriechen.«
    Tommy hatte tatsächlich bemerkt, wie respektvoll alle mit seinem Vater sprachen - besonders seine zahlreichen Freunde in der Politik -, und ein paarmal hatte er auch die beunruhigenden und wahrscheinlich aufrichtigeren Blicke gesehen, die sie hinter dem Rücken des Richters miteinander wechselten. Von Angesicht zu Angesicht schienen sie ihn zu bewundern, sogar zu verehren, aber wenn er nicht hinsah, schienen sie ihn nicht nur zu fürchten, sondern sogar zu verabscheuen.
    »Er ist nur zufrieden, wenn er alle Macht besitzt, und die wird er nicht so ohne weiteres aus der Hand geben, für keinen, nicht einmal für seinen Sohn. Wenn er herausfindet, daß es dein Schicksal ist, größer und mächtiger zu werden, als er es ist... dann kann dir niemand mehr helfen. Nicht einmal ich.«
    Wäre ihr Familienleben mehr von Liebe beherrscht gewesen, hätte Tommy die Warnung des Indianers vielleicht kaum akzeptieren können. Aber sein Vater unterhielt sich selten mehr als beiläufig mit ihm, berührte ihn noch seltener
    - und niemals gab es eine Umarmung oder einen Kuß.
    Manchmal brachte Runningdeer dem Jungen selbstgemachte Plätzchen mit. »Kaktusplätzchen«, nannte er sie, und es gab immer nur eines für jeden, die sie gemeinsam aßen, wenn sie entweder auf der Veranda saßen und der Indianer seine Vesperpause machte, oder wenn Tommy seinem Mentor bei verschiedenen Aufgaben über das achtzig Ar große Grundstück folgte. Kurz nachdem er das Kaktusplätzchen gegessen hatte, war der Junge in einer seltsamen Stimmung. Er fühlte sich euphorisch. Wenn er sich bewegte, schien er zu schweben. Die Farben waren leuchtender, schöner. Das eindrucksvollste aber war Runningdeer: sein Haar war unglaublich schwarz, die Haut wunderschön bronzefarben, die Zähne strahlten weiß, die Augen so dunkel wie das Ende des Universums. Jedes Geräusch - sogar das metallische schnip-schnip-schnip der Heckenschere, das Dröhnen eines Flugzeugs, das auf dem Weg zum Flughafen von Phoenix über ihnen hinwegzog, das insektenhafte Summen der PoolPumpe - wurde Musik; die Welt war voller Musik, aber das musikalischste von allem war Runningdeers Stimme. Auch Gerüche wurden deutlicher: Blumen, gemähtes Gras, das Öl, mit dem der Indianer die Werkzeuge einölte. Sogar der Schweißgeruch wurde angenehm. Runningdeer roch wie frischgebackenes Brot und Heu und Kupferpennys.
    Tommy konnte sich selten daran erinnern, was Running-deer gesagt hatte, nachdem sie ihre Kaktusplätzchen gegessen hatten, aber er erinnerte sich, daß der Indianer mit besonderer Eindringlichkeit zu ihm sprach. Vieles hatte mit dem Zeichen des Mondfalken zu tun. »Wenn die großen Geister das Zeichen des Mondfalken schicken, dann weiß man, man wird unermeßliche Macht bekommen und unverwundbar sein. Unverwundbar! Aber wenn du den Mondfalken siehst, dann bedeutet das, daß die großen Geister eine Gegenleistung von dir erwarten, eine Tat, die wirklich beweist, daß du würdig bist.« Daran erinnerte sich Tommy, aber sonst an fast nichts. Normalerweise wurde er nach einer Stunde müde und ging auf sein Zimmer, um zu schlafen; dann waren seine Träume besonders lebhaft und wirkten echter als das wirkliche Leben, und immer kam der Indianer darin vor. Es waren furchteinflößende und zugleich tröstliche Träume.
    An einem regnerischen Samstag im November, als Tommy zehn Jahre alt war, saß er auf einem Hocker neben der Werkbank am Ende der Garage, die vier Autos Platz bot und sah zu, wie Runningdeer ein elektrisches Messer reparierte, das der Richter immer dazu benützte, am Erntedankfest und an Weihnachten den Truthahn zu schneiden. Die Luft war angenehm kühl und für Phoenix ungewöhnlich feucht. Runningdeer und Tommy sprachen vom Regen, den bevorstehenden Ferien und jüngsten Ereignissen in der Schule. Sie unterhielten sich nicht immer über Zeichen oder das Schicksal, sonst hätte Tommy den Indianer wohl kaum so gut leiden mögen; Runningdeer war ein großartiger Zuhörer.
    Als der Indianer das elektrische Messer repariert hatte, schaltete er es ein. Die Klingen sausten so schnell hin und her, daß die Schnittkante verschwamm.
    Tommy applaudierte.
    »Siehst du das?« fragte Runningdeer, hielt das Messer hoch und blinzelte ins Licht der Glühbirnen an der Decke.
    Grelle Funken stoben von den rasenden Klingen, als wären sie emsig damit beschäftigt, das Licht selbst zu schneiden.
    »Was?« fragte Tommy.
    »Dieses Messer, kleiner Häuptling. Es ist eine Maschine. Eine unnütze Maschine, keine wirklich wichtige Maschine wie ein Auto, ein Flugzeug oder ein elektrischer Rollstuhl. Mein Bruder ist... verkrüppelt... und muß mit einem elektrischen Rollstuhl fahren. Hast du das gewußt, Kleiner Häuptling?«
    »Nein.«
    »Einer meiner Brüder ist tot, der andere verkrüppelt.«
    »Das tut mir leid.«
    »Eigentlich sind es nur meine Halbbrüder, aber andere habe ich nicht.«
    »Wie ist das passiert? Warum?«
    Runningdeer ging nicht auf die Frage ein. »Auch wenn der Zweck dieses Messers nur darin besteht, einen Truthahn zu zerlegen, den man ebenso gut mit der Hand zerlegen könnte, ist es trotzdem effizient und klug. Die meisten Maschinen sind viel effizienter und klüger als Menschen.«
    Der Indianer senkte das Schneidegerät etwas und sah Tommy direkt an. Er hielt das summende Messer zwischen sie und sah über die rasende Klinge hinweg in Tommys Augen.
    Der Junge geriet in einen ähnlichen Bann wie nach dem Verzehr der Kaktusplätzchen, obwohl sie keine gegessen hatten.
    »Der weiße Mann setzt viel Vertrauen in Maschinen«, sagte Runningdeer. »Er denkt, Maschinen seien immer viel zuverlässiger und klüger als Menschen. Wenn du in der Welt des weißen Mannes wahrhaft groß werden willst, Kleiner Häuptling, mußt du versuchen, so gut du kannst, zur Maschine zu werden. Du mußt effizient sein. Du mußt unablässig arbeiten, wie eine Maschine. Du mußt entschlossen dein Ziel verfolgen und darfst dich nicht von Begierden oder Emotionen ablenken lassen.«
    Er bewegte die summende Klinge langsam auf Tommys Gesicht zu, bis der Junge bei dem Versuch, sie weiter anzusehen, zu schielen anfing.
    »Damit könnte ich dir die Nase abschneiden, die Lippen wegreißen, die Wangen aushöhlen und Ohren abtrennen... «
    Tommy wollte vom Hocker herunter und weglaufen.
    Aber er konnte sich nicht bewegen.
    Er merkte, daß der Indianer ihn an einem Handgelenk festhielt.
    Aber selbst wenn er ihn nicht festgehalten hätte, hätte er nicht weglaufen können. Er war wie gelähmt. Aber nicht nur vor Angst. Der Augenblick hatte etwas Verführerisches an sich; das Potential der Gewalt war auf eine seltsame Weise... aufregend.
    »...könnte die Rundung deines Kinns abschneiden, dich skalpieren, die Knochen freilegen, und du würdest verbluten oder an einer anderen Ursache sterben, aber... «
    Die Klinge war nur noch fünf Zentimeter von seinem Ge -sicht entfernt.
    »...aber die Maschine würde weitermachen...«
    Zwei Zentimeter.
    »...das Messer würde immer noch summen und schneiden, summen und schneiden... «
    Ein Zentimeter.
    »...weil Maschinen nicht sterben...«
    Tommy konnte den sanften Hauch spüren, den die beiden unablässig summenden Klingen erzeugten.
    »...Maschinen sind effizient und zuverlässig. Wenn du es in der Welt des Weißen Mannes zu etwas bringen willst, Kleiner Häuptling, mußt du wie eine Maschine werden.«
    Runningdeer schaltete das Messer ab. Er legte es weg.
    Er ließ Tommy nicht los.
    Er beugte sich dicht zu ihm und sagte: »Wenn du groß werden möchtest, wenn du die großen Geister zufriedenstellen möchtest, wenn sie dir das Zeichen des Mondfalken schicken, dann mußt du entschlossen sein, tüchtig, kalt, verbissen und darfst nicht an die Konsequenzen denken, genau wie eine Maschine.«
    Danach unterhielten sie sich oft darüber, so sehr auf eine Aufgabe fixiert und so zuverlässig wie eine Maschine zu sein, besonders wenn sie Kaktusplätzchen aßen. Als er in die Pubertät kam, träumte Tommy immer seltener von sexuellen Dingen, sondern zunehmend von Bildern des Mondfalken und von Menschen, die äußerlich normal aussahen, im Inneren aber nur aus Kabeln und Transistoren und klickenden Metallschaltern bestanden.
    Im Sommer seines zwölften Jahres, nachdem er sieben Jahre in der Gesellschaft des Indianers verbracht hatte, erfuhr der Junge, was mit Runningdeers Halbbrüdern passiert war. Wenigstens einen Teil davon. Den Rest reimte er sich zusammen.
    Er und der Indianer saßen auf der Veranda, aßen zu Mittag und beobachteten die Regenbogen, die im Nebel der Rasensprenger auftauchten und wieder verschwanden. Er hatte seit jenem Tag an der Werkbank vor mittlerweile mehr als eineinhalb Jahren mehrmals nach Runningdeers Brüdern gefragt, aber der Indianer hatte nie darauf geantwortet. Dieses-mal jedoch sah Runningdeer zu den fernen, dunstigen Bergen und sagte: »Ich erzähle dir ein Geheimnis.«
    »Gut.«
    »So geheim, wie die Zeichen, die du bekommen hast.«
    »Klar.«
    »Ein paar weiße Männer, Collegejungs, betranken sich und fuhren in der Gegend herum, sie suchten vielleicht nach Frauen, aber ganz bestimmt nach Ärger. Sie trafen meine Brüder zufällig auf dem Parkplatz eines Restaurants. Einer meiner Brüder war verheiratet, und seine Frau war bei ihm, und die Collegejungs fingen an, Verspottet-die-Indianer zu spielen, aber die Frau meines Bruders gefiel ihnen auch sehr gut. Sie wollten sie und waren so betrunken, daß sie dachten, sie könnten sie einfach nehmen. Es kam zum Kampf. Sie waren fünf gegen meine zwei Brüder, und sie haben einen mit einer Eisenstange totgeschlagen. Der andere wird nie wieder gehen können. Sie haben die Frau meines Bruders mitgenommen und sie mißbraucht.«
    Diese Enthüllung schockierte Tommy.
    Schließlich sagte der Junge: »Ich hasse weiße Männer.«
    Runningdeer lachte.
    »Wirklich«, sagte Tommy. »Was wurde aus den Jungs, die es getan haben? Sind sie jetzt im Gefängnis?«
    »Kein Gefängnis.« Runningdeer lächelte den Jungen an. Ein grimmiges, humorloses Lächeln. »Ihre Väter waren mächtige Männer. Geld. Einfluß. Daher sprach der Richter sie wegen >Mangel an Beweisen< frei.«
    »Mein Vater hätte Richter sein sollen. Er hätte sie nicht da-vonkommenlassen. «
    »Nicht?« sagte der Indianer.
    »Niemals.«
    »Bist du ganz sicher?«
    Tommy sagte unbehaglich: »Nun... klar bin ich sicher.«
    Der Indianer schwieg.
    »Ich hasse weiße Männer«, sagte Tommy, aber diesesmal mehr, um die Gunst des Indianers zu erringen, als aus innerster Überzeugung.
    Runningdeer lachte wieder und tätschelte Tommys Hand.
    In eben diesem Sommer, gegen Ende August, kam Run-ningdeer an einem sengend heißen Tag zu Tommy und sagte mit geheimnisvoller, vielsagender Stimme: »Heute nacht ist Vollmond, Kleiner Häuptling. Geh in den Garten und betrachte ihn eine Weile. Ich glaube, heute wird das Zeichen schließlich kommen, das bedeutendste Zeichen von allen.«
    Als der Mond aufgegangen war, kurz nach Mitternacht, ging Tommy hinaus und stand am Rand des Pools, wo Run-ningdeer ihm vor sieben Jahren die Schlange gezeigt hatte, die sich selbst verzehrte. Er sah lange Zeit zur Mondscheibe hinauf, deren langgezogene Reflektion auf dem Wasser im Swimming-pool schimmerte. Es war ein aufgedunsener gelber Mond, der tief am Himmel hing und riesig groß war.
    Wenig später kam der Richter auf die Veranda und rief ihn, und Tommy sagte: »Hier.«
    Der Richter kam zu ihm an den Pool. »Was machst du hier, Thomas?«
    »Ich beobachte... «
    »Was?«
    In diesem Augenblick sah Tommy den Umriß des Falken vor dem Mond. Er hatte jahrelang gesagt bekommen, daß er ihn eines Tages sehen würde, war auf ihn und alles, was er bedeutete, vorbereitet worden, und plötzlich war er da, im Flug einen Augenblick vor der runden Mondlampe erstarrt.
    »Da!« sagte er und vergaß einen Moment, daß er nur dem Indianer vertrauen konnte.
    »Was da?« fragte der Richter.
    »Hast du es nicht gesehen?«
    »Nur den Mond.«
    »Du hast nicht hingeschaut, sonst hättest du ihn gesehen.«
    »Was gesehen?«
    Daß sein Vater das Zeichen nicht gesehen hatte, war für Tommy ein weiterer Beweis, daß er etwas Besonderes war und das Zeichen nur ihm gegolten hatte - was ihn daran erinnerte, er konnte seinem eigenen Vater nicht trauen. Er sagte: »Äh... eine Sternschnuppe.«
    »Du stehst hier draußen und hältst nach Sternschnuppen Ausschau?«
    »Eigentlich sind sie Meteore«, sagte Tommy, der zu schnell plapperte. »Weißt du, heute nacht soll die Erde durch einen Meteorgürtel ziehen, daher kann man viele sehen.«
    »Seit wann interessierst du dich für Astronomie?«
    »Interessiert mich nicht.« Tommy zuckte die Achseln. »Ich wollte nur wissen, wie so etwas aussieht. Ziemlich langweilig.« Er wandte sich vom Pool ab und ging zum Haus zurück, und der Richter folgte ihm nach einem Augenblick.
    Am nächsten Tag, Mittwoch, erzählte der Junge Running-deer vom Mondfalken. »Aber er hat mir keine Botschaft gebracht. Ich weiß nicht, was die großen Geister von mir verlangen, damit ich mich als würdig erweise.«
    Der Indianer lächelte und sah ihn eine unbehaglich lange Zeit schweigend an. Dann sagte er: »Kleiner Häuptling, darüber werden wir uns beim Essen unterhalten.«
    Miß Karval hatte mittwochs frei, Runningdeer und Tommy waren ganz allein im Haus. Sie saßen beim Mittagessen nebeneinander auf der Veranda. Der Indianer schien nur Kaktusplätzchen mitgebracht zu haben, und Tommy hatte auch keinen Appetit auf etwas anderes.
    Der Junge aß die Plätzchen schon lange nicht mehr wegen ihres Geschmacks, sondern wegen der Wirkung. Und die war im Laufe der Jahre immer stärker geworden.
    Bald befand sich der Junge in dem erstrebenswerten traumähnlichen Zustand, in dem die Farben leuchtend und die Geräusche laut und die Gerüche durchdringend und alle Dinge tröstlich und ansprechend waren. Er und der Indianer unterhielten sich fast eine Stunde, und am Ende dieses Ge -sprächs begriff Tommy, daß die großen Geister von ihm erwarteten, er solle in vier Tagen seinen Vater umbringen, am Sonntagmorgen. »Das ist mein freier Tag«, sagte Runningdeer, »das heißt, ich bin nicht da und kann dich nicht unterstützen. Aber das ist wahrscheinlich die Absicht der großen Geister - daß du dich ganz allein als würdig erweisen mußt. Aber wir haben wenigstens die nächsten Tage, es zu planen, damit du am Sonntag vorbereitet bist.«
    »Ja«, sagte der Junge verträumt. »Ja. Wir planen es gemeinsam.«
    Am Spätnachmittag kam der Richter von einer geschäftlichen Sitzung im Anschluß an eine Gerichtsverhandlung nach Hause. Er beschwerte sich über die Hitze und ging sofort nach oben, um zu duschen. Tommys Mutter war eine halbe Stunde vorher heimgekommen. Sie saß in einem Sessel im Wohnzimmer, hatte die Füße auf einen Polsterschemel gelegt und las die neueste Ausgabe von Town & Coun-try; dazu trank sie einen, wie sie es nannte »Cocktail vor der Cocktailstunde<. Sie sah kaum auf, als der Richter herein-kam und verkündete, daß er duschen würde.
    Kaum war sein Vater nach oben gegangen, ging Tommy in die Küche und holte ein Fleischmesser vom Regal beim Herd.
    Runningdeer war draußen und mähte den Rasen.
    Tommy ging ins Wohnzimmer, lief zu seiner Mutter und küßte sie auf die Wange. Der Kuß überraschte sie, aber noch mehr das Messer, das er ihr dreimal in die Brust stieß. Er ging mit demselben Messer nach oben und rammte es dem Richter in den Magen, als dieser aus der Duschkabine herauskam.
    Er ging in sein Zimmer und zog sich aus. Er hatte kein Blut auf den Schuhen, nur wenig auf den Jeans, aber eine Menge auf dem Hemd. Nachdem er sich rasch im Waschbecken gewaschen und alle Spuren des Blutes hinuntergespült hatte, zog er sich frische Jeans und ein sauberes Hemd an. Er wickelte die blutigen Kleidungsstücke sorgfältig in ein Handtuch und trug sie auf den Dachboden, wo er sie in einer Ecke hinter einer Seemannskiste verstaute. Er könnte sie später wegschaffen.
    Unten ging er am Wohnzimmer vorbei, ohne seine tote Mutter anzusehen. Er ging schnurstracks ins Arbeitszimmer des Richters und machte die untere rechte Schreibtischschublade auf. Er zog den Revolver des Richters hinter einem Aktenstapel hervor.
    In der Küche schaltete er die Deckenbeleuchtung aus, so daß das einzige Licht durchs Fenster kam, ein paar Teile des Raums lagen in düsteren Schatten. Er legte das Messer auf die Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank, in den Schatten. Er legte den Revolver auf einen der Stühle am Tisch und zog den Stuhl nur ein Stück hervor, wodurch der Revolver leicht zu ergreifen, aber nicht leicht zu sehen war.
    Er ging durch die Verandatür der Küche auf die Veranda hinaus und rief Runningdeer. Der Indianer hörte den Jungen über das Dröhnen des Rasenmähers nicht, sah aber auf und sah ihn winken. Er schaltete den Rasenmäher stirnrunzelnd ab und kam über den halb gemähten Rasen zur Veranda. »Ja, Thomas?« sagte er, weil er wußte, daß der Richter und Mrs. Shaddack zu Hause waren.
    »Meine Mutter braucht deine Hilfe für irgend etwas«, sagte Tommy. »Sie hat mich gebeten, dich zu holen.«
    »Meine Hilfe?«
    »Ja. Im Wohnzimmer.«
    »Was will sie denn?«
    »Sie braucht Hilfe beim... nun, es ist einfacher, dir das zu zeigen, anstatt es lange zu erklären.«
    Der Junge folgte ihm durch die Verandatür in die große Küche, am Kühlschrank vorbei zur Tür der Diele.
    Tommy blieb unvermittelt stehen, drehte sich herum und sagte: »Ach ja, Mutter hat gesagt, du wirst das Messer brauchen, das hinter dir auf der Platte, neben dem Kühlschrank.«
    Runningdeer drehte sich um, sah das Messer im Schatten auf der Arbeitsplatte liegen und hob es auf. Er riß die Augen auf. »Kleiner Häuptling, an dem Messer ist Blut. An dem Messer ist...«
    Tommy hatte schon den Revolver vom Küchenstuhl genommen. Als der Indianer sich überrascht zu ihm umdrehte, hielt Tommy die Waffe mit beiden Händen fest und feuerte, bis die Trommel leer war, obwohl ihm der Rückstoß schrecklich in Armen und Schultern weh tat und ihn beinahe umgeworfen hätte. Der Indianer wurde von mindestens zwei Kugeln getroffen, eine zerfetzte Runningdeer den Hals.
    Der Indianer fiel heftig zu Boden. Das Messer fiel ihm aus der Hand und rutschte polternd über den Boden.
    Tommy kickte das Messer mit einem Schuh näher an den Leichnam heran, damit es tatsächlich so aussah, als hätte der sterbende Mann es in der Hand gehabt.
    Der Junge hatte die Botschaft der großen Geister besser verstanden als sein Mentor. Sie wollten, daß er sich sofort von allen freimachte, die Macht über ihn hatten: der Richter, seine Frau und Runningdeer. Nur dann könnte er sein eigenes, hochgestecktes Ziel der Macht erreichen.
    Er hatte die drei Morde mit der Kaltblütigkeit eines Computers geplant und mit maschinenhafter Effizienz ausgeführt. Er empfand nichts. Keine Emotionen hatten sein Handeln beeinträchtigt. Nun, um die Wahrheit zu sagen, er hatte ein wenig Angst und war aufgeregt - sogar ausgelassen -, aber diese Empfindungen hatten ihn nicht abgelenkt.
    Nachdem er Runningdeers Leichnam einen Augenblick angesehen hatte, ging Tommy zum Telefon in die Küche, wählte die Nummer der Polizei und meldete hysterisch, daß der Indianer, der Rache brüllte, seine Eltern ermordet und er, Tommy, den Indianer mit dem Revolver seines Vaters erschossen hätte. Aber er gab es nicht so zusammenhängend preis. Er war so hysterisch, daß sie es ihm aus der Nase ziehen mußten. Er war durch die Geschehnisse sogar so am Boden zerstört und durcheinander, daß sie drei oder vier Mi-nuten geduldig auf ihn einreden mußten, damit er aufhörte zu stammeln und ihnen seinen Namen und die Adresse nennen konnte. Er hatte die Hysterie den ganzen Nachmittag über in Gedanken geübt, seit dem Mittagessen mit dem Indianer. Jetzt war er zufrieden, daß er sich so überzeugend anhörte.
    Er ging vor das Haus, setzte sich in die Einfahrt und weinte bis die Polizei eintraf. Seine Tränen waren aufrichtiger als seine Hysterie. Er weinte vor Erleichterung.
    In seinem späteren Leben hatte er den Mondfalken noch zweimal gesehen. Er sah ihn, wenn er ihn sehen mußte, wenn er die Rückversicherung brauchte, daß ein Weg, den er eingeschlagen hatte, richtig war.
    Aber er brachte nie wieder jemanden um - weil es nicht mehr nötig war.
    Seine Großeltern mütterlicherseits nahmen ihn bei sich auf und zogen ihn in einem anderen Teil von Phoenix auf. Weil er diese schreckliche Tragödie mitgemacht hatte, gaben sie ihm mehr oder weniger alles, was er wollte, als wäre es unbeschreiblich grausam gewesen, ihm etwas zu verweigern, als könnte das den letzten Tropfen hinzufügen, der das Faß zum Überlaufen brächte und ihn zerbrechen ließe. Er war Alleinerbe des Anwesens seines Vaters, zu dem noch fette Lebensversicherungspolicen kamen; daher war eine erstklassige Ausbildung gewährleistet, und er besaß genügend Kapital, mit dem er nach seinem Abschluß an der Universität den Start ins Leben bewerkstelligen konnte. Die Welt lag vor ihm und war voller Möglichkeiten. Und dank Runningdeer hatte er den zusätzlichen Vorteil, daß er ohne jeden Zweifel wußte, er hatte ein großes Schicksal vor sich und die Mächte des Schicksals und des Himmels wollten, daß er unvergleichliche Macht über andere Menschen erlangte.
    Nur ein Verrückter tötete ohne zwingenden Grund.
    Von wenigen seltenen Ausnahmen abgesehen, war Mord einfach keine effiziente Methode, Probleme zu lösen.
    Während er jetzt zusammengerollt im Lieferwagen in Paula Parkins' dunkler Garage lag, vergegenwärtigte sich Shad-dack wieder einmal, daß er ein vom Schicksal Auserwählter war, daß er den Mondfalken dreimal gesehen hatte. Er verdrängte sämtliche Ängste vor Loman Watkins und dem Scheitern seiner Pläne aus seinem Denken. Er seufzte und schlief ein.
    Er träumte seinen altbekannten Traum. Die riesige Maschine. Halb Metall und halb Fleisch. Pochende Stahlkolben. Menschliche Herzen, die zuverlässig alle Arten von Flüssigkeiten pumpten. Blut und Öl, Eisen und Knochen, Plastik und Sehnen, Kabel und Nerven.
    Chrissie war erstaunt, wieviel Priester aßen. Der Tisch in der Pfarreiküche bog sich fast unter der Last der Speisen: ein gewaltiger Teller voll Würstchen, Eier, ein Körbchen Toast, ein Päckchen Plundergebäck, ein weiteres mit Blaubeerbröt-chen, eine Schüssel Bratkartoffeln, die im Ofen gewärmt worden waren, frisches Obst und ein Beutel Marshmallows für die heiße Schokolade. Sicher, Pater Castelli war mollig, aber Chrissie hatte immer gedacht, daß Priester in allem entsagend waren, daß sie sich wenigstens einige Freuden des Essens und Trinkens verweigerten, so wie sie der Ehe entsagten. Wenn Pater Castelli bei jeder Mahlzeit so viel aß, müßte er eigentlich doppelt so viel wiegen. Nein, dreimal so viel!
    Beim Essen erzählte sie ihm von den Außerirdischen, die ihre Eltern übernommen hatten. Um Pater Castellis Neigung zu religiösen Antworten zu genügen, und um ihn bei der Stange zu halten, ließ sie die Hintertür möglicher dämonischer Besessenheit offen, obwohl sie selbst der Erklärung, es handle sich um außerirdische Invasoren, den Vorzug gab. Sie sagte ihm, was sie gestern nachmittag im oberen Flur gesehen hatte, wie sie in die Speisekammer gesperrt worden und später von Tucker und ihren Eltern in ihren seltsamen neuen Gestalten gejagt worden war.
    Der Priester drückte Erstaunen und Sorge aus, er wollte mehrmals genauere Einzelheiten wissen, aber er hörte nicht merklich auf zu essen. Er aß sogar mit solcher Gier, daß seine Tischsitten darunter litten. Seine Nachlässigkeit überraschte Chrissie ebensosehr wie sein unermeßlicher Appetit. Er hatte ein paarmal Eidotter auf dem Kinn, als sie den Mut aufbrachte, es ihm zu sagen, machte er einen Witz darüber und wischte ihn weg. Aber einen Augenblick später sah sie hoch, und wieder war Eidotter dort. Er ließ ein paar Minia-turmarschmallows fallen, was ihn nicht weiter zu stören schien. Sein schwarzes Hemd war völlig voller Brosamen, winziger Wurststückchen, Kartoffeln, Gebäckkrümel, Brötchenkrümel. ..
    Sie fing an zu denken, daß sich Piter Castelli der Sünde der Vollere! so schuldig machte, wie man es nur konnte.
    Aber sie liebte ihn trotz seiner Eßgewohnheiten, denn er zweifelte nicht einmal an ihrem Verstand oder an ihrer wilden Geschichte. Er hörte interessiert und ernsthaft zu, schien aufrichtig besorgt und sogar verängstigt von dem zu sein, was sie ihm erzählte. »Nun, Chrissie, es gibt schätzungsweise tausend Filme über außerirdische Invasionen, feindliche Geschöpfe von anderen Welten, und es gibt schätzungsweise zehntausend Bücher darüber, und ich habe immer gesagt, daß sich der menschliche Verstand nichts ausdenken kann, was in Gottes Welt nicht möglich wäre. Also, wer weiß, hmmmm? Wer kann sagen, daß sie nicht hier in Moonlight Cove gelandet sind? Ich bin Filmfan, und unheimliche Filme haben mir immer am besten gefallen, aber ich hätte mir nie träumen lassen, daß ich mich selbst einmal mitten in einem echten unheimlichen Film befinden würde.« Er war aufrichtig. Er hatte sie nie herablassend behandelt.
    Obwohl Pater Castelli mit ungedämpftem Appetit weiteraß, beendete Chrissie das Frühstück und ihre Geschichte zur gleichen Zeit. Es war warm in der Küche, daher trocknete sie allmählich, und nur ihr Hosenboden und die Tennis -schuhe waren noch naß. Sie fühlte sich hinreichend wiederhergestellt, daß sie, nachdem sie jetzt in Sicherheit war, darüber nachdenken konnte, was vor ihr lag. »Was jetzt?« Wir müssen die Armee benachrichtigen, Pater, finden Sie nicht auch?«
    »Vielleicht die Armee und die Marines«, sagte er nach einem Augenblick des Überlegens. »Die Marines werden mit dieser Situation vielleicht besser fertig.«
    »Glauben Sie...«
    »Was denn, mein Kind?«
    »Glauben Sie, es besteht eine Möglichkeit... nun, eine Möglichkeit, daß ich meine Eltern wiederbekomme? Ich meine, so, wie sie waren?«
    Er legte das Brötchen weg, das er zum Mund geführt hatte, und griff über den Tisch, zwischen Tellern und Schüsseln hindurch, um ihre Hand zu nehmen. Seine Finger waren etwas fettig von Butter, aber das störte sie nicht, weil er so beruhigend und tröstend war; und augenblicklich brauchte sie eine Menge Trost und Beruhigung.
    »Du wirst mit deinen Eltern vereint werden«, sagte Pater Castelli mit großem Mitgefühl. »Das kann ich dir felsenfest versprechen.«
    Sie biß sich auf die Unterlippe und versuchte, Tränen zurückzuhalten.
    »Ich verspreche es dir«, wiederholte er.
    Und plötzlich blähte sich sein Gesicht auf. Nicht wie ein Ballon, der aufgeblasen wurde. Es blähte sich nur an manchen Stellen auf, an anderen nicht, wogte und pulsierte, als wäre sein Schädel zu Gallerte geworden und würden sich Würmer unter der Haut bewegen.
    »Ich verspreche es dirl«
    Chrissie war so entsetzt, daß sie nicht einmal schreien konnte. Sie konnte sich einen Augenblick nicht bewegen. Sie war vor Angst gelähmt und wie am Stuhl festgewachsen, und sie besaß nicht einmal genügend motorische Kontrolle, zu blinzeln oder Atem zu holen.
    Sie konnte seine Knochen laut brechen-krachen-platzen hören, als sie sich auflösten und mit unfaßbarer Geschwindigkeit neu formten. Sein Fleisch gab ein abstoßendes, blubberndes Geräusch von sich, als es sich so mühelos wie heißes Wachs zu neuen Gestalten formte.
    Der Schädel des Priesters dehnte sich aufwärts und schwoll zu einem Knochenkamm an, das Gesicht war jetzt überhaupt nicht mehr menschlich, sondern teils fischähnlich, teils insektenhaft, vage wespenähnlich und mit einer Spur Schakal darin; und mit stechenden, haßerfüllten Augen.
    Schließlich schrie Chrissie unbeherrscht: »Nein!« Ihr Herz schlug so heftig, daß jeder Schlag schmerzhaft war. »Nein, geh weg, laß mich in Ruhe, laß mich gehen!«
    Sein Kiefer wurde länger, dann platzte er bis fast zu den Ohren auf, ein bedrohliches Grinsen, das Doppelreihen unglaublich spitzer Zähne entblößte.
    »Nein, nein!«
    Sie versuchte aufzustehen.
    Sie merkte, daß er immer noch ihre linke Hand hielt.
    Er sprach mit einer unheimlichen Stimme, die sie an die ihrer Mutter und Tuckers erinnerte, als sie sie gestern nacht bis zum Eingang des Abflußrohrs verfolgt hatten:
    »...brauche, brauche... will... gib mir... gib mir... brauche...«
    Er sah nicht wie ihre Eltern aus, als diese sich verwandelt hatten. Warum sahen nicht alle Außerirdischen gleich aus?
    Er riß den Mund weit auf und fauchte sie an, dickflüssiger, gelber Speichel zog sich in Fäden von den oberen zu den unteren Zahnreihen. Etwas bewegte sich in seinem Mund, eine seltsam aussehende Zunge; diese schnellte ihr entgegen wie ein Jack-in-the-Box und entpuppte sich als Mund im Mund, noch mehr kleinere und sogar noch spitzere Zähne an einem Stiel, die dazu entworfen worden waren, in enge Höhlen vorzudringen und Beute zu fressen, die sich dort verkrochen hatte.
    Pater Castelli wurde zu etwas seltsam Vertrautem: dem Wesen aus dem Film Allen. Nicht gerade dieses Monster in allen Einzelheiten, aber ziemlich ähnlich.
    Sie war in einem Film gefangen, wie der Priester gesagt hatte, einem wahrhaften Horror-Streifen: zweifellos einem seiner Favoriten. Konnte Pater Castelli jede Gestalt annehmen, die er wollte, und wurde er nur deshalb zu diesem Ge -schöpf, weil es ihm gefiel und weil es Chrissies Erwartungshaltung gegenüber außerirdischen Invasoren erfüllte?
    Das war verrückt.
    Auch der Körper des Priesters veränderte sich unter der Kleidung. An manchen Stellen hing das Hemd herunter, als wäre der Körper darunter weggeschmolzen, aber an anderen Stellen spannten die Nähte, wenn sich neue Knochenwüchse und nichtmenschliche Wülste bildeten. Hemdenknöpfe sprangen weg. Stoff riß. Der Priesterkragen platzte und hing schief an dem gräßlich neu geformten Hals.
    Sie keuchte und gab ein eigentümliches uh-uh-uh-uh-uh-Geräusch im Hals von sich, mit dem sie nicht aufhören konnte, während sie versuchte, sich von ihm loszureißen. Sie stand auf, stieß den Stuhl um, aber er hielt sie immer noch fest. Er war sehr stark. Sie konnte sich nicht losreißen.
    Auch seine Hände hatten angefangen, sich zu verwandeln. Die Finger wurden länger. Sie waren von einer hornähnlichen Substanz überzogen - glatt, hart und schwarzglänzend - und glichen eher Scheren als menschlichen Händen.
    »...brauche... will, will... brauche...«
    Sie ergriff das Frühstücksmesser, schwang es hoch über den Kopf und stieß mit aller Kraft zu, hieb es ihm direkt über dem Handgelenk in den Unterarm, wo das Fleisch immer noch ansatzweise menschlich aussah. Sie hatte gehofft, das Messer würde ihn am Tisch festnageln, aber sie spürte, daß es nicht ganz durch ihn hindurch und bis ins Holz ging.
    Sein Schrei war so schrill und durchdringend, daß er Chrissie durch Mark und Bein zu gehen schien.
    Er öffnete die schuppige Dämonenhand. Sie riß sich von ihm los. Glücklicherweise war sie schnell, denn er krampfte die Hand einen Sekundenbruchteil später wieder zusammen und kniff ihr in die Fingerspitzen, konnte sie aber nicht festhalten.
    Die Küchentür befand sich auf der Seite des Priesters. Dorthin konnte sie nicht gelangen, ohne ihm den Rücken zuzukehren.
    Mit einem Schrei, der halb Kreischen und halb Brüllen war, riß er das Messer aus seinem Arm und warf es beiseite. Er fegte mit einem einzigen Hieb seines bizarr mutierten Ar-mes, der jetzt zwanzig oder dreißig Zentimeter länger war als vorher, Schüsseln und Teller vom Tisch. Der Arm ragte als Ansammlung alptraumhafter Knoten und Flächen und Schuppen der dunklen, chitinartigen Substanz, die seine Haut ersetzt hatte, aus dem Hemdsärmel hervor.
    Maria, Mutter Gottes, bete für mich; reinste Mutter, bete für mich; keuscheste Mutter, bete für mich. Bitte, dachte Chrissie.
    Der Priester packte den Tisch und warf ihn ebenfalls beiseite, als würde er nur ein paar Gramm wiegen. Er krachte gegen den Kühlschrank.
    Jetzt trennte sie nichts mehr von ihm.
    Dem Ungeheuer.
    Sie machte einen Ausfall in Richtung Küchentür, aber nur ein paar Schritte.
    Der Priester - der gar kein Priester mehr war; ein Ding, das sich manchmal als Priester verkleidete - wandte sich nach rechts, um ihr den Weg abzuschneiden und sie zu packen.
    Sie warf sich sofort herum, wie es immer ihre Absicht gewesen war, und lief in die entgegengesetzte Richtung, zu der Tür, die in den Flur führte; sie sprang über verstreuten Toast und Würstchenketten. Der Trick funktionierte. Ihre nassen Schuhe putschten und quietschten auf dem Linoleum, und sie war an ihm vorbei, bevor ihm klargeworden war, daß sie nach links wollte.
    Sie vermutete, daß er nicht nur stark, sondern auch schnell sein würde. Zweifellos schneller als sie. Sie konnte hören, wie er ihr folgte.
    Wenn es ihr nur gelänge, zur Eingangstür zu kommen, zur Veranda und hinaus in den Vorgarten, dann wäre sie wahrscheinlich in Sicherheit. Sie ging davon aus, daß er ihr nicht aus dem Haus und hinaus auf die Straße folgen würde, wo ihn andere sehen könnten. Es waren sicher noch nicht alle in Moonlight Cove von diesen Außerirdischen übernommen worden, und bevor nicht der letzte Mensch in der Stadt übernommen worden war, könnten sie nicht in ihrem verwandelten Stadium herumspazieren und auf ungebührliche Weise kleine Mädchen verspeisen.
    Nicht weit. Nur zur Eingangstür und ein paar Stufen hinunter.
    Sie hatte zwei Drittel der Entfernung zurückgelegt und rechnete jeden Augenblick damit, daß eine Kralle ihr Hemd hinten zerreißen würde, als vor ihr die Tür aufging. Der andere Priester, Pater O'Brien, trat ein und blinzelte überrascht.
    Sie wußte sofort, daß sie ihm auch nicht trauen durfte. Er konnte nicht zusammen mit Pater Castelli im selben Haus gelebt haben, ohne daß der Same der Außerirdischen auch in ihn gelegt worden wäre, Samen, Sporen, schleimige Parasiten, Geister - womit die Übernahme auch immer bewerkstelligt wurde. Es war zweifellos auch in Pater O'Brien gerammt oder injiziert worden.
    Da sie nicht vor und zurück und auch nicht durch die Tür rechts ins Wohnzimmer konnte, weil das eine Sackgasse war, packte sie den Treppenpfosten, an dem sie gerade vorbeikam, und schwang sich auf die Treppe. Sie hastete in den ersten Stock hinauf.
    Unter ihr schlug die Eingangstür zu.
    Als sie auf dem Absatz war und die zweite Treppe hinaufwollte, hörte sie, wie beide ihr folgten.
    Der obere Flur war weiß verputzt und hatte einen dunklen Holzboden und eine Holzdecke. Auf beiden Seiten waren Zimmer.
    Sie lief zum Ende des Flurs in ein Schlafzimmer, in dem nur eine schlichte Kommode, ein Nachttischchen, ein Doppelbett mit weißer Überwurfdecke, ein Bücherregal voller Taschenbücher und ein Kruzifix an der Wand waren. Sie warf die Tür hinter sich zu, machte sich aber nicht die Mühe, sie abzuschließen oder zu verriegeln. Dazu hatte sie keine Zeit. Sie würden sie ohnehin innerhalb von Sekunden zertrümmern. Sie wiederholte ständig »Mariamuttergottes, Mariamuttergottes«, ein atemloses und verzweifeltes Flüstern, und raste durch das Zimmer zum Fenster, das von smaragdgrünen Vorhängen eingerahmt wurde. Regen trommelte gegen das Glas.
    Ihre Verfolger waren im oberen Flur. Ihre Schritte dröhnten durch das Haus.
    Sie packte die Griffe am Rahmen und versuchte, das Fenster hochzuziehen. Es bewegte sich nicht. Sie griff nach dem Riegel, aber der war schon zurückgeschoben.
    Sie rissen die Türen weiter hinten am Flur auf, direkt nach der Treppe, und suchten nach ihr.
    Das Fenster war entweder von Farbe verklebt oder von Feuchtigkeit aufgequollen. Sie trat zurück.
    Die Tür hinter ihr barst auf, und etwas fauchte.
    Sie senkte ohne sich umzudrehen den Kopf, verschränkte die Arme vor dem Gesicht und warf sich durch das Fenster, wobei sie sich fragte, ob sie sich umbringen würde, indem sie aus dem ersten Stock sprang, dachte aber, daß es darauf ankam, wo sie landete. Gras wäre gut. Der Gehweg wäre schlecht. Die Spitzen des schmiedeeisernen Zauns wären ganz schlecht.
    Das Geräusch berstenden Glases hallte noch in der Luft, als sie auf einem Verandavordach sechzig Zentimeter unter dem Fenster landete, was wirklich einem Wunder gleichkam
    - sie war auch unverletzt -, daher sagte sie immer weiter Mariamuttergottes, während sie durch den prasselnden Regen zum Rand des Daches rollte. Als sie ihn erreichte, hielt sie sich dort einen Augenblick fest, die linke Seite auf dem Dach, die rechte wurde von der ächzenden und zunehmend kippenden Regenrinne gehalten, und sah zum Fenster zurück.
    Etwas Wölfisches und Groteskes folgte ihr.
    Sie ließ sich fallen. Sie landete auf der linken Seite auf dem Gehweg, stieß sich sämtliche Knochen, klappte die Zähne so heftig aufeinander, daß sie glaubte, sie würden einzeln ausfallen, und schürfte sich eine Hand böse am Beton auf.
    Aber sie blieb nicht liegen und bedauerte sich selbst. Sie rappelte sich auf und wandte sich, vor Schmerzen gekrümmt, vom Haus ab und lief zur Straße.
    Sie war unglücklicherweise nicht vor dem Pfarrhaus, sondern im Garten dahinter. Die Rückwand von Our Lady of Mercy begrenzte den Rasen rechts, eine zwei Meter hohe Backsteinmauer umgab den Rest des Grundstücks.
    Wegen der Mauer und der Bäume auf beiden Seiten konn-te sie die angrenzenden Häuser im Süden und Westen auf der anderen Seite des Weges, der neben dem Grundstück verlief, nicht sehen. Und wenn sie die Nachbarn der Pfarrei nicht sehen konnte, konnten diese sie auch nicht sehen, selbst wenn sie zufällig aus dem Fenster geschaut hätten.
    Diese Abgeschiedenheit erklärte, warum das Wolf-Ding es wagte, auf das Dach herauszukommen und sie im offenen -wenn auch grau und mißfälligen - Tageslicht zu verfolgen.
    Sie überlegte kurz, ob sie ins Haus gehen sollte, durch die Küche, den Flur, zur Eingangstür hinaus und auf die Straße, denn damit würden sie als allerletztes rechnen. Aber dann dachte sie: Bist du verrückt?
    Sie machte sich nicht die Mühe, um Hilfe zu rufen. Ihr klopfendes Herz schien so sehr angeschwollen zu sein, daß die Lungen keinen Platz zum Ausdehnen mehr hatten, und sie bekam kaum genügend Luft, um bei Bewußtsein, auf den Beinen und in Bewegung zu bleiben. Sie hatte keine Luft zum Schreien. Außerdem, selbst wenn jemand sie rufen hörte, würde er nicht unbedingt erkennen können, woher die Rufe kamen; bis man sie gefunden hätte, würde sie entweder in Stücke gerissen oder besessen sein, da das Rufen sie entscheidende Sekunden kosten würde.
    Statt dessen eilte sie über den ausgedehnten Rasen und hinkte dabei ein wenig, um einen gedehnten Muskel zu entlasten, wurde aber nicht langsamer. Sie wußte, sie konnte die zwei Meter hohe Mauer nicht schnell genug überklettern, sich in Sicherheit bringen, schon gar nicht mit einer auf ge schürften Hand, daher betrachtete sie im Laufen die Bäume. Sie brauchte einen dicht bei der Mauer; vielleicht konnte sie dort hinaufklettern, an einem Ast entlangkriechen und auf den Weg oder in den Nachbargarten springen.
    Sie hörte über das Plätschern und Gurgeln des Regens ein leises Knurren hinter sich und riskierte einen Blick über die Schulter. Das Pater O'Brien-Wolfding, das nur noch Fetzen eines Hemdes trug und Schuhe und Hosen ganz abgestreift hatte, sprang vom Verandadach, um sie zu verfolgen.
    Schließlich sah sie einen geeigneten Baum - bemerkte aber im nächsten Augenblick ein Tor an der Südwestecke der Mauer. Sie hatte es bisher nicht gesehen, weil es von ein paar Büschen, an denen sie gerade vorbeigelaufen war, vor ihren Blicken verborgen worden war.
    Sie rang keuchend nach Luft, senkte den Kopf, preßte die Arme an die Seiten und lief zu dem Tor. Sie schlug mit der Hand auf den Riegel und hieb ihn aus dem Schlitz, in dem er steckte; dann platzte sie auf die Straße hinaus. Sie bog nach links ab, weg von der Ocean Avenue in Richtung Jaco-bi Street, und lief durch tiefe Pfützen fast bis zum Ende des Blocks, bevor sie einen Blick zurück riskierte.
    Nichts war ihr durch das Tor der Pfarrei gefolgt.
    Sie war zweimal in den Händen der Außerirdischen gewesen, und sie war ihnen zweimal entkommen. Sie wußte, wenn sie ein drittes Mal gefangen würde, würde sie nicht mehr so viel Glück haben.
    Kurz nach neun Uhr, nach alles in allem weniger als vier Stunden Schlaf, erwachte Sam Booker durch das leise Klirren und Scheppern von jemandem, der in der Küche arbeitete. Er setzte sich auf dem Sofa im Wohnzimmer auf, rieb sich die müden Augen, zog Schuhe und Schulterhalfter an und ging den Flur entlang.
    Tessa Lockland summte leise, während sie Pfannen, Schüsseln und Lebensmittel auf der rollstuhlgerechten Arbeitsplatte beim Herd aufreihte und das Frühstück vorbereitete.
    »Guten Morgen«, sagte sie strahlend, als Sam die Küche betrat.
    »Was soll daran gut sein?« fragte er.
    »Hören Sie doch nur, der Regen«, sagte sie. »Bei Regen fühle ich mich immer sauber und frisch.«
    »Mich deprimiert er immer.«
    »Und es ist schön, in einer warmen, trockenen Küche zu sein, wo man dem Sturm gemütlich zuhören kann.«
    Er kratzte über die Bartstoppeln seiner unrasierten Wangen. »Mir kommt es hier drinnen etwas überladen vor.«
    »Wie dem auch sei, wir sind noch am Leben, und das ist gut.«
    »Schätze schon.«
    »Gott im Himmel!« Sie hämmerte eine leere Bratpfanne auf den Herd und sah ihn böse an. »Sind alle FBI-Agenten wie Sie?«
    »In welcher Hinsicht?«
    »Sind alle Sauertöpfe?«
    »Ich bin kein Sauertopf.«
    »Sie sind der klassische Trübsalbläser.«
    »Nun, das Leben ist kein Jahrmarkt.«
    »Nicht?«
    »Das Leben ist hart und bitter.«
    »Vielleicht. Aber ist es nicht auch ein Jahrmarkt?«
    »Sind alle Domkumentarfilmerinnen wie Sie?«
    »In welcher Hinsicht?«
    »Blauäugig.«
    »Das ist lächerlich. Ich bin nicht blauäugig.«
    »Ach nein?«
    »Nein.«
    »Wir sind hier in einer Stadt gefangen, in der die Wirklichkeit vorübergehend aufgehoben zu sein scheint, in der Menschen von unbekannten Lebewesen zerrissen werden, in der nachts Schreckgespenster durch die Straßen ziehen, ein verrücktes Computergenie die menschliche Biologie auf den Kopf gestellt zu haben schein, wir alle höchstwahrscheinlich heute vor Mitternacht getötet oder >verwandelt< werden, und als ich hier hereinkomme, grinsen Sie und sind ausgelassen und summen ein Stück der Beatles.«
    »Nicht der Beatles.«
    »Hm?«
    »Rolling Stones.«
    »Und das ist ein Unterschied?«
    Sie seufzte. »Hören Sie, wenn Sie mithelfen wollen, dieses Frühstück zu essen, dann werden Sie auch mithelfen, es zuzubereiten, also stehen Sie nicht nur hier herum und quengeln.«
    »Schon gut, schon gut, was soll ich machen?«
    »Gehen Sie zuerst dort zur Sprechanlage und rufen Sie Harry, ob er schon wach ist. Sagen Sie ihm, Frühstück in... hmmmmmm... vierzig Minuten. Pfannkuchen und Eier und gebratener Speck.«
    Sam drückte auf den Knopf der Sprechanlage und sagte: »Hallo, Harry«, und Harry, der bereits wach war, antwortete auf der Stelle. Er sagte, er würde in einer halben Stunde unten sein.
    »Was jetzt?« wandte sich Sam an Tessa.
    »Holen Sie Eier und Milch aus dem Kühlschrank - aber sehen Sie um Gottes willen nicht in die Kartons.«
    »Warum nicht?«
    Sie grinste. »Weil sonst die Eier schlecht und die Milch sauer werden.«
    »Sehr witzig.«
    »Dachte ich mir.«
    Während sie den Pfannkuchenteig zubereitete und sechs Eier in eine Glasschüssel schlug und würzte, damit sie sie rasch in die Pfanne kippen konnte, wenn sie sie brauchte, Sam Anweisungen gab, den Tisch zu decken und ihr bei anderen Kleinigkeiten zu helfen, Zwiebeln zu hacken und Speck in Streifen zu schneiden, summte oder sang Tessa abwechselnd Songs von Patti La Belle und den Pointer Sisters. Sam wußte, wessen Musik es war, weil sie es ihm sagte, sie sagte jeden Song an, als wäre sie ein Diskjockey oder als würde sie hoffen, sie könnte ihn bilden oder aufmuntern. Während sie arbeitete und sang, tanzte sie auf der Stelle, wackelte mit dem Hinterteil, rollte mit den Hüften, drehte die Schultern, schnippte manchmal mit den Fingern und ging richtig mit.
    Es machte ihr wirklich Spaß, aber er wußte, sie zog ihn auch etwas auf, was ihr ebenfalls Freude bereitete. Er bemühte sich, seine mürrische Stimmung zu erhalten, und wenn sie ihn anlächelte, lächelte er nicht zurück, aber verdammt, sie war so niedlich. Ihr Haar war zerzaust, und sie trug überhaupt kein Make-up, und ihre Kleidung war zerknittert, weil sie darin geschlafen hatte, aber das etwas zerknautschte Aussehen machte sie nur um so liebenswerter.
    Manchmal ließ sie ihr leises Singen und Summen sein, um ihm eine Frage zu stellen, aber sie sang und tanzte weiter auf der Stelle, während er antwortete. »Haben Sie sich schon überlegt, was wir tun können, um aus der Klemme zu kommen, in der wir uns befinden?«
    »Ich habe eine Idee.«
    »Patti La Belle, >New Attitüde««, sagte sie und meinte den Song, den sie sang. »Ist diese Idee ein finsteres, tiefes Geheimnis?«
    »Nein. Aber ich brauche ein paar Informationen und muß mit Harry reden, daher werde ich es beim Frühstück erzählen.«
    Er beugte sich, ihren Anweisungen folgend, über die niedrige Arbeitsplatte und schnitt dünne Scheiben von einem Stück Cheddar ab, als sie lange genug zu singen aufhörte, um ihn zu fragen: »Warum haben Sie gesagt, das Leben sei hart und bitter?«
    »Weil es so ist.«
    »Aber es ist auch voller Spaß...«
    »Nein.«
    »... und Schönheit...«
    »Nein.«
    »... und Hoffnung...«
    »Unsinn.«
    »Ist es.«
    »Ist es nicht.«
    »Doch, ist es.«
    »Ist es nicht.«
    »Warum sind Sie so negativ?«
    »Weil ich es sein will.«
    »Aber warum wollen Sie es sein?«
    »Herrgott, Sie geben wohl nie Ruhe.«
    »Pointer Sisters, >Neutron Dance<.« Sie sang ein Stück und tanzte auf der Stelle, während sie Eierschalen und andere Abfälle in den Mülleimer warf. Dann unterbrach sie die Melodie und sagte: »Was ist Ihnen zugestoßen, daß Sie sagen, das Leben sei nur hart und bitter?«
    »Das interessiert Sie doch gar nicht.«
    »Doch, sicher.«
    Er war fertig mit dem Käse und legte das Messer weg. »Wollen Sie es wirklich wissen?«
    »Wirklich.«
    »Meine Mutter wurde bei einem Verkehrsunfall getötet, als ich sieben war. Ich war bei ihr im Auto, wäre beinahe selbst gestorben, war länger als eine Stunde mit ihr in dem Wrack eingeschlossen, von Angesicht zu Angesicht, und sah in ihre leere Augenhöhle und ihr eingedrücktes Ge -sicht. Danach mußte ich bei meinem Vater leben, von dem sie geschieden war, und er war ein böser Hurensohn, Alkoholiker, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft er mich verprügelt hat, oder gedroht, mich zu verprügeln, oder mich auf einen Stuhl in der Küche gefesselt, wo er mich dann stundenlang alleine ließ, bis ich nicht mehr konnte und mir in die Hosen machte, und wenn er kam und mich losband und sah, was ich getan hatte, verprügelte er mich deswegen.«
    Es überraschte ihn, wie ihm das alles über die Lippen kam, als wären die Schleusen seines Unterbewußtseins geöffnet worden, so daß sich der ganz Schlamm daraus ergoß, der sich in langen Jahren stoischer Selbstbeherrschung angesammelt hatte.
    »Kaum hatte ich die High School abgeschlossen, zog ich aus und absolvierte das Junior College, hauste in billigen Bruchbuden, teilte das Bett jede Nacht mit Armeen von Küchenschaben, meldete mich sobald ich konnte beim Bureau, weil ich Gerechtigkeit in der Welt sehen wollte, weil ich daran mitarbeiten wollte, der Welt Gerechtigkeit zu bringen, weil es so wenig Gerechtigkeit und Fairness in meinem Leben gegeben hatte. Aber ich mußte erfahren, daß die Gerechtigkeit in mehr als der Hälfte aller Fälle nicht triumphiert. Die Bösen kommen davon, so sehr man sich auch anstrengt, sie zu Fall zu bringen, weil die Bösen ziemlich oft verdammt gerissen sind, und die Guten werden nie so böse, wie sie sein müßten, um ihre Arbeit richtig zu machen. Als Agent sieht man häufig die kranke Kehrseite der Gesellschaft, man hat es mit dem Abschaum zu tun, mit dem einen oder anderen Abschaum, und man wird mit jedem Tag zynischer, ekelt sich mehr vor den Menschen und hat sie satt.«
    Er sprach so schnell, daß er fast atemlos war.
    Sie hatte aufgehört zu singen.
    Er fuhr mit einem außergewöhnlichen Mangel emotionaler Selbstbeherrschung fort und sprach so schnell, daß seine Worte manchmal zusammenhingen: »Und meine Frau ist gestorben, Karen, sie war wunderbar, Sie hätten sie gemocht, alle haben sie gemocht, aber sie bekam Krebs und starb, unter Schmerzen, schrecklich, nicht so leicht wie Ali McGraw im Film, nicht mit einem Seufzer und einem Lächeln und einem leisen Lebewohl, sondern unter Qualen. Und später habe ich auch meinen Sohn verloren. Oh, er lebt noch, sechzehn, er war neun, als seine Mutter starb, jetzt ist er sechzehn, er ist körperlich und geistig am Leben, aber emotional ist er tot, im Herzen ausgebrannt, kalt im Inneren, so verdammt kalt. Er mag Computer und Computerspiele und das Fernsehen, und er hört Black Heavy Metal. Wissen Sie, was Black Heavy Metal-Musik ist? Das ist Heavy Metal Rock mit einem Schuß Satanismus, das mag er, weil es ihm sagt, daß es keine moralischen Werte gibt, daß alles relativ ist, daß seine Entfremdung richtig ist, daß die Kälte in seinem Inneren richtig ist, es sagt ihm, daß alles gut ist, was gut scheint. Wissen Sie, was er einmal zu mir gesagt hat?«
    Sie schüttelte den Kopf.
    »Er sagte zu mir: >Menschen sind nicht wichtig. Menschen zählen nicht. Nur Sachen sind wichtig. Geld ist wichtig, Alkohol ist wichtig, meine Stereoanlage ist wichtig, alles, was dafür sorgt, daß es mir gutgeht, aber ich bin nicht wichtig< Er sagt zu mir, daß Atombomben bedeutsam seien, weil sie eines Tages all die schönen Sachen in die Luft jagen würden, und nicht, weil sie die Menschen in die Luft jagten - schließlich seien die Menschen nichts, nur umweltverschmutzende Tiere, die die Welt verseuchen. Das sagte er. Er sagt mir, daß das seine Überzeugungen seien. Er sagt mir, er könne mir das alles beweisen. Er sagt, wenn ich das nächste Mal Leute um einen Porsche herumstehen sähe, die das Auto bewunderten, soll ich mir ihre Gesichter genau ansehen und würde feststellen, daß ihnen mehr an dem Auto als an sich selbst läge. Und sie bewunderten die Baukunst, nicht in dem Sinne, daß sie an die Menschen dächten, die das Auto gebaut hätten. Es sei, als wäre der Porsche organisch, als würde er wachsen oder sich irgendwie selbst schaffen. Sie bewunderten ihn um seiner selbst willen, und nicht die menschliche Erfindungsgabe und Kunstfertigkeit, die er repräsentiere. Das Auto lebe mehr als sie selbst. Sie zögen Energie aus dem Auto, aus den geschmeidigen Kurven, aus dem Kitzel, wenn sie sich seine Kraft in ihren Händen vorstellen, daher werde das Auto realer und viel wichtiger als die Menschen, die es bewundern.«
    »Das ist dummes Zeug«, sagte Tessa überzeugt.
    »Aber das sagte er mir, und ich weiß, daß es Mist ist, und ich versuche, vernünftig mit ihm zu reden, aber er weiß auf alles eine Antwort - denkt er jedenfalls. Und ich frage mich manchmal... wenn ich nicht selbst so verdrossen wäre, so lebensüberdrüssig, so angeekelt von den Menschen, könnte ich denn überzeugender argumentieren? Wenn ich nicht so wäre, wie ich bin, könnte ich meinen Sohn dann retten?«
    Er verstummte.
    Er bemerkte, daß er zitterte.
    Sie schwiegen beide einen Augenblick.
    Dann sagte er: »Darum sage ich, daß das Leben hart und bitter ist.«
    »Tut mir leid, Sam.«
    »Ist nicht Ihre Schuld.«
    »Ihre auch nicht.«
    Er verpackte den Cheddar in Zellophan und legte ihn wieder in den Kühlschrank, während sie sich wieder ihrem Pfannkuchenteig zuwandte.
    »Aber Sie hatten Karen«, sagte sie. »Es gab Liebe und Schönheit in Ihrem Leben.«
    »Gewiß.«
    »Nun, dann...«
    »Aber es war nicht von Dauer.«
    »Nichts währt ewig.«
    »Genau das meine ich«, sagte er.
    »Aber das bedeutet nicht, daß wir das Schöne nicht genießen können, solange wir es haben. Wenn Sie immer in die Zukunft sehen und sich fragen, wann dieser Augenblick der Freude aufhören wird, dann werden Sie im Leben nie wahre Freude kennenlernen.«
    »Genau das meine ich«, wiederholte er.
    Sie ließ den Holzlöffel in der Edelstahlrührschüssel und drehte sich zu ihm um. »Aber das ist falsch. Ich meine, es gibt im Leben Augenblicke der Freude, des Staunens, der Lust... und wenn wir die Gelegenheit nicht beim Schöpf ergreifen, wenn wir Gedanken an die Zukunft nicht manchmal abstellen und den Augenblick genießen, dann haben wir keine Erinnerungen an Freude, die uns durch schlechte Zeiten bringen - und keine Hoffnung.«
    Er sah sie an und bewunderte ihre Schönheit und Vitalität. Aber dann dachte er daran, wie sie altern würde, wie sie gebrechlich werden und sterben würde, wie alles sterben mußte, und er ertrug es nicht mehr, sie anzusehen. Er sah statt dessen zum regennassen Fenster über der Spüle hinaus. »Nun, es tut mir leid, wenn ich Ihnen die Stimmung verdorben habe, aber Sie müssen zugeben, daß Sie darum gebeten haben. Sie wollten unbedingt wissen, wie ich so ein Trübsalbläser sein kann.«
    »Oh, Sie sind kein Trübsalbläser«, sagte sie. »Sie gehen weit darüber hinaus. Sie sind ein regelrechter Dr. Doom.«
    Er zuckte die Achseln.
    Sie wandten sich wieder ihrer Küchenarbeit zu.
    Nachdem sie durch die Tür in der Mauer der Pfarrei geflohen war, blieb Chrissie länger als eine Stunde in Bewegung, während sie überlegte, was sie jetzt machen sollte. Sie hatte vorgehabt, in die Schule zu gehen und Mrs. Tokawa ihre Geschichte zu erzählen, wenn Pater Castelli ihr nicht helfen könnte. Aber jetzt war sie nicht mehr bereit, Mrs. Tokawa zu vertrauen. Nach ihrer Begegnung mit den Priestern war ihr klargeworden, daß die Außerirdischen wahrscheinlich sämtliche mächtigen Leute in Moonlight Cove als ersten Schritt ihrer Eroberung übernommen hatten. Sie wußte bereits, daß die Priester besessen waren. Sie war sicher, daß auch die Polizei übernommen worden war, daher mußte sie logischerweise annehmen, daß auch die Lehrer unter den ersten Opfern gewesen waren.
    Während sie von Viertel zu Viertel schlich, verfluchte sie den Regen abwechselnd und war dankbar darum. Ihre Schuhe, die Jeans und das Flanellhemd waren wieder durchnäßt, und sie fror durch und durch. Aber das trübe, graue Licht und der Regen hielten die Leute in den Häusern und boten ihr wenigstens etwas Schutz. Zusätzlich wurde ein dünner kalter Nebel vom Meer hereingeweht, als der Wind etwas nachließ, der zwar nicht annähernd so dicht wie gestern nacht war, nur ein schwacher Dunst, der sich an die Bäume klammerte, aber ausreichend, einem kleinen Mädchen, das durch diese unfreundlichen Straßen schlich, etwas zusätzlichen Schutz zu bieten.
    Auch das Gewitter der vergangenen Nacht hatte sich verzogen. Sie lief nicht mehr Gefahr, von einem plötzlichen Blitzstrahl gegrillt zu werden, was wenigstens ein gewisser Trost war
    JUNGES MÄDCHEN VON BLITZ GERÖSTET UND ANSCHLIESSEND VON AUSSERIRDISCHEN VERSPEIST ; DIE INVASOREN AUS DEM ALL MÖGEN MENSCHLICHE KARTOFFELCHIPS: »WENN WIR SIE GRILLEN KÖNNEN«, SAGTE DIE AUSSERIRDISCHE KÖNIGIN, »PASSEN SIE PERFEKT ZU EINEM ZWIEBELDIP.«
    Sie schlich, wenn sie ging, durch Nebenstraßen und Gärten, überquerte Straßen nur, wenn es unbedingt nötig war, und dann immer schneller, denn dort sah sie zu viele Männer in Zweiergruppen mit ernsten Gesichtern und stechenden Augen in langsam fahrenden Autos sitzen, bei denen es sich eindeutig um Patrouillen handelte. Zweimal wäre sie ihnen sogar auf Nebenstraßen beinahe in die Hände gelaufen und mußte sich hastig in Deckung werfen, damit sie sie nicht entdeckten. Etwa eine Viertelstunde, nachdem sie durch die Pfarreitür geflohen war, bemerkte sie mehr Patrouillen in dieser Gegend, eine plötzliche Zunahme der Anzahl von Autos und Männern zu Fuß. Die Patrouillen zu Fuß machten ihr am meisten Angst. Zwei Männer in Regenkleidung waren besser für eine Suche gerüstet als Männer in Autos, und ihnen konnte man auch schwerer entkommen. Sie hatte entsetzliche Angst, sie könnte ihnen unerwartet über den Weg laufen.
    Tatsächlich verbrachte sie mehr Zeit in Verstecken als unterwegs, einmal kauerte sie eine Weile hinter Mülltonnen in einer Seitenstraße. Sie suchte Zuflucht unter einer Trauerweide, deren Äste den Boden beinahe wie einen Rock streiften und ein dunkles und weitgehend trockenes Versteck boten. Zweimal kroch sie unter parkende Autos und blieb eine Weile liegen.
    Sie blieb nie länger als fünf oder zehn Minuten an einer Stelle. Sie hatte Angst, ein von den Außerirdischen besessener Übereifriger könnte sie sehen, wie sie in ein Versteck kroch, und die Polizei anrufen und sie melden. Dann säße sie in der Falle.
    Als sie das unbebaute Grundstück an der Jupiter Lane erreichte, das neben Callans Bestattungsinstitut lag, und sich tief im tiefsten Unterholz verkrochen hatte - trockenes Gras und knisterndes Chapparal -, fragte sie sich allmählich, ob ihr jemals einfallen würde, wen sie um Hilfe bitten könnte. Sie verlor zum ersten Mal, seit ihre Prüfung begonnen hatte, die Hoffnung.
    Eine riesige Fichte breitete ihre Äste über einen Teil des Grundstücks, und ihr Gebüsch befand sich darunter, daher war sie größtenteils vor dem Regen geschützt. Noch wichtiger war, sie war, auf der Seite liegend und im hohen Gras, weder von der Straße noch den Fenstern der umliegenden Häuser zu sehen.
    Dennoch hob sie immer wieder argwöhnisch den Kopf, um sich rasch umzusehen und sich zu vergewissern, daß sich niemand an sie heranschlich. Dabei sah sie einmal über den Weg am hinteren Rand des Grundstücks hinweg nach Osten, zur Conquistador, und sah das große Rotholz- und Glas-Gebäude an der Ostseite dieser Straße. Talbots Haus. Sie erinnerte sich sofort an den Mann im Rollstuhl.
    Er war letztes Jahr in der Thomas-Jefferson-Schule gewesen, um während der Awareness Days - der Gedenkwoche
    - zu den Schülern der fünften und sechsten Klasse zu sprechen. Er war in dem einwöchigen Programm, das weitgehend Zeitverschwendung gewesen war, der einzig interessante Redner gewesen. Er hatte ihnen von den Schwierigkeiten und erstaunlichen Fähigkeiten behinderter Menschen erzählt.
    Zuerst hatte er Chrissie leid getan, sie hatte ihn halb zu Tode bemitleidet, weil er in seinem Rollstuhl so hilflos ausgesehen hatte, mit seinem halb verstümmelten Körper, nur einer beweglichen Hand und einem ständig schief sitzenden Kopf. Aber während sie ihm zuhörte, war ihr klargeworden, daß er    einen wunderbaren    Sinn für Humor besaß und    sich selbst nicht leid tat,    daher    kam es ihr immer absurder    vor, daß sie    ihn bedauern    sollte.    Sie hatten Gelegenheit, ihm    Fragen zu    stellen, und    er hatte intime Einzelheiten seines    Lebens erzählt, seinen Kummer und seine Freuden, und schließlich hatte sie ihn gehörig bewundert.
    Und sein Hund Moose war die Wucht gewesen.
    Als sie das Rothol/- und Glas-Haus von Harry Talbot jetzt über die Spitzen des regennassen hohen Grases hinweg betrachtete und an ihn und Moose dachte, fragte sich Chrissie, ob sie vielleicht dorthin gehen könnte.
    Sie verzog sich wieder ins Gestrüpp und dachte ein paar Minuten darüber nach.
    Ein an den Rollstuhl gefesselter Krüppel gehörte sicher zu den allerletzten, die die Außerirdischen übernehmen würden - wenn sie ihn überhaupt haben wollten.
    Sie schämte sich sofort, weil sie so etwas dachte. Ein an den Rollstuhl gefesselter Krüppel war kein Mensch zweiter Klasse. Er hatte den Außerirdischen ebensoviel zu bieten wie jeder andere.
    Andererseits... würde eine Bande Außerirdischer Behinderte im selben Licht sehen? Erwartete sie da nicht zuviel? Immerhin waren sie ja Außerirdische. Ihre Wertvorstellungen konnten nicht dieselben sein wie von Menschen. Wenn sie herumzogen und ihren Samen - oder Sporen oder schleimigen Babylarven oder was auch immer - in Menschen einpflanzten, und wenn sie Menschen verspeisten, dann durfte man wohl nicht erwarten, daß sie behinderte Menschen mit dem nötigen Respekt behandelten, ebensowenig wie sie wahrscheinlich alten Damen über die Straße helfen würden.
    Harry Talbot.
    Je mehr sie über ihn nachdachte, desto überzeugter wurde Chrissie, daß er bis jetzt der schrecklichen Aufmerksamkeit der Außerirdischen entgangen sein müßte.
    Nachdem sie ihn Dr. Doom genannte hatte, spritzte sie Bratfett in die Pfanne, damit die Pfannkuchen nicht kleben bleiben würden.
    Sie schaltete den Ofen ein und stellte einen Teller hinein, auf den sie die Pfannkuchen schichten konnte, damit sie warm blieben, während sie weitere machte.
    Dann sagte sie in einem Tonfall, der ihm sofort ihre Absicht klarmachte, ihn davon zu überzeugen, sein trostloses Bild vom Leben aufzugeben: »Sagen Sie mir...«
    »Können Sie denn noch keine Ruhe geben?«
    »Nein.«
    Er seufzte.
    Sie sagte: »Wenn Sie so verdammt düster sind, warum bringen Sie sich dann...«
    »Nicht selbst um?«
    »Warum nicht?«
    Er lachte verbittert. »Ich habe während der Fahrt von San Francisco hierher ein kleines Spiel mit mir gespielt - ich habe die Gründe gezählt, warum es sich lohnt, weiterzuleben. Mir sind nur vier eingefallen, aber ich schätze, das genügt, schließlich hänge ich ja immer noch hier herum.«
    »Und die wären?« »Erstens - gutes mexikanisches Essen.«
    »Da kann ich zustimmen.«
    »Zweitens - Guinness Stout.«
    »Ich selbst ziehe Heineken Dark vor.«
    »Das schmeckt gut, ist aber kein Grund weiterzuleben. Guinness ist ein Grund weiterzuleben.«
    »Was ist Nummer drei?«
    »Goldie Hawn.«
    »Sie kennen Goldie Hawn?«
    »Nee. Vielleicht will ich das gar nicht, weil ich möglicherweise enttäuscht wäre. Ich spreche von ihrer Leinwandpersönlichkeit, der idealisierten Goldie Hawn.«
    »Sie ist Ihr Traum-Mädchen, was?«
    »Mehr als das. Sie... verdammt, ich weiß nicht... sie wirkt überhaupt nicht vom Leben gezeichnet, unbeschädigt, vital und glücklich und unschuldig und... lustig.«
    »Glauben Sie, Sie werden sie je kennenlernen?«
    »Das soll wohl ein Witz sein.«
    Sie sagte: »Wissen Sie was?«
    »Was?«
    »Ich glaube, wenn Sie Goldie Hawn sehen würden, wenn sie während einer Party zu Ihnen käme und etwas Komisches sagen würde, etwas Niedliches, und wenn sie auf ihre Weise kichern würde, würden Sie sie nicht einmal erkennen.«
    »Oh, ich würde sie erkennen, keine Bange.«
    »Nein, das würden Sie nicht. Sie wären zu sehr damit beschäftigt, darüber zu brüten, wie unfair, ungerecht, hart, grausam, öde, gräßlich und dumm das Leben ist, daß Sie die Gelegenheit nicht ergreifen würden. Sie würden die Gelegenheit nicht einmal bemerken. Sie wären so sehr in Ihrem Dunstkreis der Niedergeschlagenheit gefangen, daß Sie nicht sehen würden, wer sie ist. Aber welches ist Ihr vierter Grund weiterzuleben?«
    Er zögerte: »Angst vor dem Sterben.«
    Sie blinzelte ihn an. »Das verstehe ich nicht. Wenn das Leben so schrecklich ist, warum sollte man dann Angst vor dem Tod haben?« »Ich bin einmal beinahe gestorben. Ich war auf dem Operationstisch und bekam eine Kugel aus der Brust operiert, und ich wäre fast über den Jordan gegangen. Ich schwebte aus meinem Körper heraus und sah den Ärzten eine Weile zu, und dann raste ich immer schneller einen dunklen Tunnel entlang auf grelles Licht zu - das ganze verdammte. Szenario.«
    Sie war beeindruckt und fasziniert. Ihre klaren blauen Augen waren groß und interessiert. »Und?«
    »Ich habe gesehen, was auf der anderen Seite liegt.«
    »Es ist Ihnen ernst, nicht?«
    »Verdammt ernst.«
    »Sie wollen mir erzählen, Sie wissen, daß es ein Leben nach dem Tod gibt?«
    »Ja.«
    »Einen Gott?«
    »Ja.«
    Sie sagte verblüfft: »Aber wenn Sie wissen, daß es einen Gott gibt und wir von dieser Welt in eine andere ziehen, dann muß Ihnen doch klar sein, daß das Leben eine Bedeutung, einen Sinn, hat.«
    »Und?«
    »Nun, Zweifel am Sinn des Lebens sind bei den meisten Menschen die Ursache für Depressionen und Niedergeschlagenheit. Die meisten von uns... wenn wir erlebt hätten, was Sie erlebt haben, würden wir uns nie wieder Gedanken oder Sorgen machen. Wir hätten Kraft, mit jedem Widersacher fertig zu werden, weil wir wüßten, daß es einen Sinn hat und es ein Leben im Jenseits gibt. Also, was ist mit Ihnen los, Mister? Warum wurden Sie danach nicht erleuchtet? Sind Sie einfach ein dickköpfiger Trottel oder was?«
    »Trottel?«
    »Beantworten Sie meine Frage.«
    Der Fahrstuhl klackte und fuhr vom ersten Stock hinauf.
    »Harry kommt«, sagte Sam.
    »Beantworten Sie meine Frage.«
    »Sagen wir einfach, was ich gesehen habe, hat mir keine Hoffnung gemacht. Es hat mich durch und durch verängstigt.« »Nun? Lassen Sie mich nicht hängen? Was haben Sie auf der anderen Seite gesehen?«
    »Wenn ich Ihnen das sage, werden Sie mich für verrückt halten.«
    »Sie haben nichts zu verlieren. Ich glaube schon, daß Sie verrückt sind.«
    Er seufzte und schüttelte den Kopf und wünschte sich, er hätte es nie zur Sprache gebracht. Wie hatte sie ihn dazu gebracht, so rückhaltlos offen zu sein?
    Der Fahrstuhl war im dritten Stock und hielt an.
    Tessa stieß sich von der Arbeitsplatte ab, kam auf ihn zu und sagte: »Verraten Sie mir, was Sie gesehen haben, gottverdammt.«
    »Sie werden es nicht verstehen.«
    »Was bin ich - eine Schwachsinnige?«
    »Oh, Sie werden verstehen, was ich gesehen habe, aber nicht, was es für mich bedeutet.«
    »Verstehen Sie denn, was es für Sie bedeutet?«
    »O ja«, sagte er ernst.
    »Werden Sie es mir freiwillig sagen, oder muß ich eine Vorlegegabel aus dem Regal holen und es aus Ihnen herausfoltern?«
    Der Fahrstuhl fuhr vom dritten Stock herunter.
    Er sah zum Flur. »Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen.«
    »Nicht, hm?«
    »Nein.«
    »Sie haben Gott gesehen, wollen aber nicht darüber sprechen.«
    »Ganz recht.«
    »Bei den meisten ist es so - wenn sie Gott gesehen haben, wollen sie über nichts anderes mehr sprechen. Wenn jemand Gott gesehen hat, gründet er eine Religion auf diesem Erlebnis und erzählt Millionen davon.«
    »Aber ich...«
    »Tatsache ist, soweit ich weiß, verändert es die Menschen für alle Zeiten, wenn sie dem Tod so nahe kommen. Und immer zum Besseren. Wenn sie pessimistisch waren, werden sie Optimisten. Wenn sie Atheisten waren werden sie Gläubige. Ihre Wertvorstellungen verändern sich, sie lernen, das Leben zu lieben, sie strahlen gottverdammt! Aber Sie nicht. O nein, Sie werden noch mürrischer, noch grimmiger, noch verdrossener.«
    Der Fahrstuhl kam im Erdgeschoß zum Stillstand und verstummte.
    »Harry kommt«, sagte Sam.
    »Erzählen Sie mir, was Sie gesehen haben.«
    »Vielleicht kann ich es Ihnen erzählen«, sagte er und war überrascht, daß er tatsächlich mit ihr darüber sprechen wollte, wenn Zeit und Ort richtig waren. »Vielleicht Ihnen. Aber später.«
    Moose kam in die Küche, er hechelte und grinste sie an, und Harry folgte einen Augenblick später.
    »Guten Morgen«, sagte Harry fröhlich.
    »Haben Sie gut geschlafen?« fragte Tessa ihn und schenkte ihm ein aufrichtig liebevolles Lächeln, um das Sam ihn beneidete.
    Harry sagte: »Tief und fest - aber nicht wie ein Toter, Gott sei Dank.«
    »Pfannkuchen?« fragte Tessa ihn.
    »Stapelweise, bitte.«
    »Eier?«
    »Dutzende?«
    »Toast?«
    »Laibe.«
    »Ich mag Männer mit Appetit.«
    Harry sagte: »Ich bin die ganze Nacht gelaufen, darum habe ich Hunger.«
    »Gelaufen?«
    »Im Traum. Ich wurde von Schreckgespenstern verfolgt.«
    Während Harry eine Packung Hundefutter unter einem Schränkchen hervorholte und Mooses Schüssel in der Ecke füllte, ging Tessa zur Pfanne, fettete sie wieder ein, sagte Sam, daß er für die Eier verantwortlich sei, und verteilte den ersten Pfannkuchenteig aus der Schüssel in der Pfanne. Nach einem Augenblick sagte sie: »Patti La Belle, >Stir It Up<«, und fing wieder an zu singen und auf der Stelle zu tanzen.
    »He, ich kann Ihnen Musik geben, wenn Sie Musik wollen.«
    Er rollte zu einem unter dem Tresen angebrachten Radio, das weder Tessa noch Sam bemerkt hatten, schaltete es ein und drehte den Sendersuchlauf bis er einen gefunden hatte, der »I Heard It Through the Grapevine« von Gladys Knight und den Pips spielte.
    »Hervorragend«, sagte Tessa und hüpfte, wiegte und wippte so enthusiastisch, daß sich Sam nicht erklären konnte, wie sie den Pfannkuchenteig so ordentlich in die Pfanne kippen konnte.
    Harry lachte und drehte den motorisierten Rollstuhl im Kreis, als würde er mit ihr tanzen.
    Sam sagte: »Ist Ihnen denn nicht klar, daß die Welt um uns herum zusammenbricht?«
    Sie achteten gar nicht auf ihn, und er vermutete, daß er es nicht anders verdiente.
    Chrissie erreichte auf Umwegen, indem sie sich in Regen und Nebel und allen Schatten hielt, die sie finden konnte, den Weg östlich der Conquistador. Sie betrat den Garten von Talbots Haus durch eine Tür im Rotholzzaun und sprang von einem Busch zum nächsten, wobei sie zweimal beinahe in Hundehäufchen trat - Moose war ein erstaunlicher Hund, aber nicht ohne Fehler -, bis sie die Stufen der Veranda erreicht hatte.
    Sie hörte drinnen Musik spielen. Es war ein Oldie aus der Zeit, als ihre Eltern Teenager gewesen waren. Es war sogar eines ihrer Lieblingsstücke gewesen. Chrissie konnte sich zwar nicht mehr an den Titel erinnern, aber den Namen der Gruppe kannte sie noch - Junior Walker and the All-Stars.
    Sie dachte sich, daß die Musik und der Regen ihre Anna-herung übertönen würden, und schlich die Stufen zur Rotholzveranda hinauf und gebückt bis zum nächsten Fenster. Sie kauerte eine Weile unter dem Sims und belauschte die drinnen. Sie unterhielten sich, lachten oft und sangen manchmal die Songs im Radio mit.
    Sie hörten sich nicht wie Außerirdische an. Sie hörten sich ganz wie normale Menschen an.
    Würde Außerirdischen die Misik von Stevie Wonder und den Four Tops und den Pointer Sisters gefallen? Kaum. Für menschliche Ohren hörte sich außerirdische Musik wahrscheinlich an, als würden Ritter in Rüstungen Dudelsack spielen, während sie gleichzeitig inmitten einer Meute kläffender Hunde eine Steintreppe hinunterfielen. Mehr wie Twisted Sisters als die Pointer Sisters.
    Schließlich erhob sie sich so weit, daß sie über den Sims und durch einen Spalt im Vorhang sehen konnte. Sie sah Mr. Talbot in seinem Rollstuhl, Moose und einen fremden Mann und eine Frau. Mr. Talbot klopfte mit der guten Hand den Takt auf der Armlehne des Rollstuhls, und Moose wedelte heftig und unrhythmisch mit dem Schwanz dazu. Der andere Mann schaufelte mit einem Heber Eier aus Bratpfannen auf Teller, wobei er die Frau ab und zu böse ansah, weil ihm vielleicht die Art mißfiel, wie sie mit der Musik mitging, obwohl er selbst mit dem rechten Fuß den Rhythmus tapp-ste. Die Frau machte Pfannkuchen und stapelte sie auf einen Teller im Ofen, sie hüpfte und wippte und tanzte beim Arbeiten; sie bewegte sich anmutig.
    Chrissie kauerte sich wieder hinunter und dachte darüber nach, was sie gesehen hatte. Wenn sie Menschen waren, war an ihrem Verhalten nichts Außergewöhnliches, aber wenn sie Außerirdische waren, würden sie sicher nicht zu Radio -musik hüpfen, während sie das Frühstück machten. Chrissie konnte sich kaum vorstellen, daß Außerirdische - wie das Ding, das sich als Pater Castelli verkleidet hatte - einen Sinn für Humor oder ein Gespür für Rhythmus haben würden. Außerirdische kümmerten sich sicherlich nur darum, wie sie neue Wirtskörper übernehmen und neue Rezepte finden könnten, wie man zarte Kinder kochte.
    Dennoch beschloß sie zu warten, bis sie die Möglichkeit haben würde, ihnen beim Essen zuzusehen. Nach allem, was Tucker und ihre Mutter gestern nacht auf der Wiese gesagt hatten und was sie beim Frühstück mit Pater Castelli gesehen hatte, war sie der Überzeugung, daß Außerirdische heißhungrig waren und jeder den Appetit von einem halben Dutzend Menschen hatte. Wenn sich Harry Talbot und seine Freunde beim Essen nicht als völlige Schweine entpuppten, könnte sie ihnen wahrscheinlich vertrauen.
    Loman war in Peysers Haus geblieben und hatte das Aufräumen und den Abtransport der Leichen der Regressiven mit Callans Leichenwagen überwacht. Er hatte Angst, es seine Leute alleine machen zu lassen, weil er fürchtete, der Anblick der mutierten Leichen oder der Geruch des Blutes würde sie anregen, selbst andere Daseinsformen anzunehmen. Er wußte, daß alle - nicht zuletzt er selbst - auf einem Drahtseil über dem Abgrund balancierten. Aus demselben Grund folgte er dem Leichenwagen zum Bestattungsinstitut und blieb bei Callan und seinem Assistenten, bis die Leichen von Peyser und Sholnick den Rammen des Krematoriums übergeben worden waren.
    Dann informierte er sich über den Stand der Suche nach Booker, Lockland und Chrissie Foster und nahm einige Änderungen in den Fahrplänen der Streifen vor. Er war im Büro, als der Bericht von Castelli hereinkam, und er fuhr direkt zur Pfarrei von Our Lady of Mercy, um aus erster Hand zu erfahren, wie ihnen das Mädchen hatte entkommen können. Sie waren voll der Entschuldigungen, aber die meisten klangen lahm. Er vermutete, daß sie regressiv geworden waren, um mit dem Mädchen zu spielen, weil es ihnen Nervenkitzel verschaffte, und während sie mit ihr spielten, hatten sie ihr versehentlich eine Möglichkeit gegeben zu entweichen. Selbstverständlich gestanden sie die Regression nicht ein.
    Loman verstärkte die Patrouillen in der unmittelbaren Umgebung, aber von dem Mädchen war keine Spur zu sehen. Sie war untergetaucht. Dennoch, da sie in die Stadt gekommen war, anstatt Richtung Autobahn zu fliehen, würden sie sie wahrscheinlich noch vor Ende des Tages finden und verwandeln können.
    Um neun Uhr kehrte er in sein Haus am Iceberry Way zurück, um zu frühstücken. Seit er in Peysers blutüberströmtem Bad beinahe regressiv geworden war, schlotterten seine Kleidungsstücke an ihm. Er hatte ein paar Pfund verloren, als der katabolische Prozeß sein eigenes Fleisch verbrannt hatte, um die gewaltige Energie aufzubringen, die zur Regression notwendig war - und um der Regression Widerstand zu leisten.
    Das Haus war dunkel und still. Denny war zweifellos oben vor dem Computer, wo er gestern abend auch gewesen war. Grace war zur Thomas Jefferson zur Arbeit gegangen, wo sie unterrichtete; sie mußten die Fassade des alltäglichen Lebens aufrechterhalten, bis alle in Moonlight Cove verwandelt worden waren.
    Zur Stunde waren noch keine Kinder unter zwölf Jahren verwandelt worden, was teilweise darauf zurückzuführen war, daß sich die Techniker bei New Wave nicht sicher waren, welche Dosis für Kinder die richtige war. Dieses Problem war gelöst worden, und heute nacht würden auch die Kinder aufgenommen werden.
    In der Küche blieb Loman einen Augenblick stehen, lauschte dem Regen an den Fenstern und dem Ticken der Uhr.
    Er schenkte sich am Waschbecken ein Glas Wasser ein. Er trank es, dann noch eines und noch einmal zwei. Nach der Prüfung bei Peyser war er ausgetrocknet.
    Der Kühlschrank war voll mit fünfpfündigen Schinken, Roastbeef, einem halb verspeisten Truthahn, einer Platte Schweinegeschnetzeltem, Hühnerbrüsten, Würsten und Packungen voll Spaghetti Bolognese und Dörrfleisch. Der beschleunigte Stoffwechsel der Neuen Menschen erforderte eine proteinreiche Ernährung. Außerdem hatten sie Heißhunger nach Fleisch.
    Er nahm eine Packung Pumpernickel aus dem Brotkasten und setzte sich damit hin - und dem Roastbeef, Schinken und einem Glas Senf. Er blieb eine Weile am Tisch sitzen, schnitt oder riß dicke Scheiben Fleisch ab, legte sie auf senfbeschmiertes Brot und biß gewaltige Bissen mit den Zähnen ab. Essen bereitete ihm nicht mehr soviel Vergnügen wie damals, als er noch ein Alter Mensch gewesen war; jetzt weckten Geschmack und Geruch eine animalische Erregung in ihm, den Kitzel von Gier und Völlerei. Er war in einem gewissen Maß abgestoßen davon, wie er an dem Essen riß und es schluckte, bevor er es richtig gekaut hatte, aber jeder Versuch, sich zurückzuhalten, den er unternahm, wich bald noch fieberhafterem Schlingen. Er verfiel in eine Art Trance und war vom Rhythmus des Kauens und Schluckens wie hypnotisiert. Einmal wurde er klar genug im Kopf, um zu sehen, daß er die Hühnchenbrüste aus dem Kühlschrank geholt hatte und sie heißhungrig verzehrte, obwohl sie roh waren. Er ließ sich rasch wieder in die barmherzige Trance versinken.
    Als er mit dem Essen fertig war, ging er nach oben, um nach Denny zu sehen.
    Als er die Tür zum Zmmer des Jungen aufmachte, schien zuerst alles so zu sein, wie es gewesen war, als er es das letzte Mal gesehen hatte, gestern abend. Die Jalousien waren heruntergelassen, die Vorhänge zugezogen, das Zimmer dunkel, abgesehen vom grünlichen Leuchten des VDT. Den-ny saß vor dem Computer und studierte die Daten, die über den Bildschirm flackerten.
    Dann sah Loman etwas, das ihm eine Gänsehaut verschaffte.
    Er machte die Augen zu.
    Wartete.
    Machte sie wieder auf.
    Es war keine Illusion.
    Ihm war übel. Er wollte auf den Flur zurückgehen, die Tür zumachen und vergessen, was er gesehen hatte und weggehen. Aber er konnte sich nicht bewegen, konnte den Blick nicht abwenden.
    Denny hatte die Tastatur des Computers entfernt und auf den Boden neben den Stuhl gestellt. Er hatte die Verkleidung der Datenverarbeitungseinheit abgeschraubt. Seine Hände lagen im Schoß, aber sie waren keine richtigen Hände mehr. Die Finger waren grotesk langgezogen und endeten nicht mehr in Kuppen und Fingernägeln, sondern gingen in metallisch aussehende Kabel über, die so dick wie Lampenkordeln waren, sich ins Innere des Computers schlängelten und dort verschwanden.
    Denny brauchte die Tastatur nicht mehr.
    Er war zum Bestandteil des Systems geworden. Durch seinen Computer und die Modem-Verbindung zu New Wave war Denny eins mit der Sonne geworden.
    »Denny?«
    Er hatte eine veränderte Daseinsform angenommen, aber keine, wie sie von den Regressiven gesucht wurde.
    »Denny?«
    Der Junge antwortete nicht.
    »Denny!«
    Ein seltsames leises Klicken und pulsierende elektronische Laute kamen vom Computer.
    Loman betrat widerstrebend das Zimmer und ging zum Schreibtisch. Er sah auf seinen Sohn und erschauerte.
    Dennys Mund stand offen. Speichel troff ihm am Kinn herunter. Er war durch seinen Kontakt mit dem Computer so gefesselt, daß er sich nicht die Mühe gemacht hatte, zum Essen oder Austreten aufzustehen; er hatte sich in die Hosen uriniert.
    Seine Augen waren nicht mehr da. An ihrer Stelle saßen zwei glänzende Kugeln, die wie geschmolzenes Silber aussahen und wie Spiegel funkelten. Sie spiegelten die Daten, die vor ihnen über den Bildschirm wanderten.
    Die pulsierenden Laute, leise elektronische Oszillationen, kamen nicht vom Computer, sondern von Denny selbst.
    Die Eier waren gut, die Pfannkuchen noch besser, der Kaffee so stark, daß er fast die Bemalung der Porzellantassen ablöste, aber nicht so stark, daß man ihn kauen mußte. Beim Essen schilderte Sam ihnen den Plan, den er gemacht hatte, um eine Nachricht aus der Stadt hinaus und zum Bureau zu bringen.
    »Ihr Telefon ist immer noch tot, Harry. Ich habe es heute morgen versucht. Und ich glaube nicht, daß wir es riskieren können, zu Fuß oder mit dem Auto die Autobahn zu-errei-chen, da sie überall Straßensperren haben und Patrouillen unterwegs sind; das muß unser allerletzter Ausweg bleiben. Schließlich sind wir, soweit wir wissen, die einzigen Menschen, die sich darüber im klaren sind, daß hier etwas wirklich... Unglaubliches vor sich geht, das man unbedingt aufhalten muß. Wir und vielleicht diese kleine Foster, von der die Polizisten gestern abend über VDT gesprochen haben.«
    »Wenn sie wirklich ein kleines Mädchen ist«, sagte Tessa, »ein Kind, selbst ein Teenager, dürfte sie kaum Chancen gegen sie haben. Wir müssen davon ausgehen, daß sie sie erwischen, wenn sie sie nicht schon haben.«
    Sam nickte. »Und wenn sie uns auch festnageln, wenn wir versuchen, die Stadt zu verlassen, ist niemand mehr übrig. Daher sollten wir zuerst eine Vorgehensweise mit geringem Risiko versuchen.«
    »Gibt es denn eine Vorgehensweise mit geringen Risiken?« fragte sich Harry, während er Eidotter mit einem Stück Toast aufwischte, das er langsam und mit einer rührenden Präzision verzehrte, die daher kam, daß er nur einen Arm gebrauchen konnte.
    Sam goß ein wenig Ahornsirup über seine Pfannkuchen und nahm überrascht zur Kenntnis, wieviel er aß, schrieb seinen Appetit aber der Tatsache zu, daß es möglicherweise seine Henkersmahlzeit war; er sagte: »Sehen Sie... dies ist eine verkabelte Stadt.«
    »Verkabelt?«
    »Computerverbindungen. New Wave gab der Polizei
    Computer, daher werden sie ans Netz angeschlossen sein... «
    »Und die Schulen«, sagte Harry. »Ich erinnere mich, ich habe letzten Frühling oder Frühsommer in der Zeitung darüber gelesen. Sie haben der Grund- und der High School eine Menge Computer und Software gegeben. Eine Geste öffentlichen Interesses, wie sie es nannten.«
    »Sieht ganz so aus, als wäre das nicht der einzige Grund, was?« sagte Tessa.
    »Verdammt richtig.«
    Tessa sagte: »Sieht ganz so aus, als hätten sie ihre Computer aus denselben Gründen in den Schulen haben wollen, weshalb sie die Polizei computerisieren wollten - um alle eng mit New Wave zu verknüpfen, damit sie sie überwachen und kontrollieren konnten.«
    Sam legte die Gabel weg. »New Wave beschäftigt, wieviel, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt, nicht?«
    »Wahrscheinlich«, sagte Harry. »Moonlight Cove ist erst gewachsen, nachdem sich New Wave vor zehn Jahren hier niedergelassen hat. Es ist in gewisser Weise eine altmodische Industriestadt - das Leben hängt nicht nur vom Hauptarbeitgeber ab, sondern gruppiert sich auch gesellschaftlich um seine Person.«
    Nachdem er etwas Kaffee getrunken hatte, der so stark war, daß er beinahe wie Schnaps brannte, sagte Sam: »Ein Drittel der Bevölkerung... das läuft auf ungefähr vierzig Prozent der Erwachsenen hinaus.«
    Harry sagte: »Schon möglich.«
    »Und man muß davon ausgehen, daß alle Mitarbeiter von New Wave an der Verschwörung beteiligt sind und zu den ersten gehörten, die... verwandelt wurden.«
    Tessa nickte. »Davon gehe ich aus.«
    »Und sie müssen sich natürlich besonders für Computer interessieren, denn sie arbeiten ja in der Branche, daher kann man als sicher annehmen, daß alle einen Computer zu Hause haben.«
    Harry stimmte zu.
    »Und zweifellos kann man viele, wenn nicht alle Heim-Computer per Modem direkt mit New Wave verbinden, daher können sie abends oder an Wochenenden zu Hause arbeiten, falls erforderlich. Und da der Plan der Verwandlungen sich dem Ende nähert, möchte ich wetten, daß alle rund um die Uhr arbeiten; es müssen die halbe Nacht hindurch Daten über ihre Telefonleitungen hin und her fliegen. Wenn Harry mir jemanden in diesem Block hier nennen kann, der für New Wave arbeitet... «
    »Mehrere«, sagte Harry.
    »...dann könnte ich mich im R;gen hinausschleichen, zu ihrem Haus gehen und herausfinden, ob jemand zu Hause ist. Um diese Zeit arbeiten sie wahrscheinlich. Wenn niemand da ist, kann ich möglicherweise mit deren Telefon einen Anruf hinaus bewerkstelligen.«
    »Moment, Moment«, sagte Tessa. »Was soll das mit den Telefonen. Die Telefone funktionieren nicht.«
    Sam schüttelte den Kopf. »Wir wissen nur, daß die öffentlichen Fernsprecher nicht funktionieren und der von Harry nicht. Aber bedenken Sie: New Wave kontrolliert den Computer der Telefongesellschaft, daher können sie sich wahrscheinlich aussuchen, welche Leitungen sie lahmlegen wollen. Ich wette, sie haben die derjenigen, die diese... Verwandlung bereits hinter sich haben, nicht unterbrochen. Sie können sich ja nicht selbst isolieren. Besonders jetzt nicht, in einer Krisensituation und da ihr Plan so gut wie abgeschlossen ist. Die Chancen sind größer als fünfzig Prozent, daß sie nur die Leitungen lahmgelegt haben, die wir ihrer Meinung nach erreichen können - Telefonzellen, öffentliche Fernsprecher - wie im Motel - und die Telefone in den Häusern der Leute, die noch nicht verwandelt worden sind.«
    Angst erfüllte Loman Watkins, sättigte ihn so sehr, daß man sie aus ihm hätte auswringen können, wenn sie Substanz gehabt hätte, und zwar in rauhen Mengen, die es durchaus mit denen aufnehmen könnten, welche momentan gerade vom Himmel strömten. Er hatte Angst vor sich selbst, vor dem, was er werden könnte. Er hatte auch Angst um seinen Sohn, der in völlig fremder Gestalt am Computer saß. Und er hatte Angst vor seinem Sohn, das konnte er nicht leugnen, er ängstigte sich fast zu Tode vor ihm und konnte es nicht über sich bringen, ihn zu berühren.
    Eine Datenflut flackerte als grüner Strom über den Bildschirm. Dennys funkelnde, flüssige Silberaugen - die wie Quecksilberpfützen in den Höhlen aussahen - reflektierten den leuchtenden Strom der Buchstaben, Zahlen, Grafiken und Karten. Ohne zu blinzeln.
    Loman erinnerte sich, was Shaddack in Peysers Haus gesagt hatte, als er gesehen hatte, daß der Mann in eine wölfische Gestalt degeneriert war, die unmöglich Teil der menschlichen genetischen Geschichte gewesen sein konnte. Regression sei nicht nur - oder gar hauptsächlich - ein physischer Prozeß. Sie sei ein Beispiel, wie der Verstand über die Materie triumphierte, wie das Bewußtsein die Ge -stalt bestimmte. Weil sie keine gewöhnlichen Menschen mehr sein konnten und weil sie -das Leben als Neue Menschen ohne Gefühle einfach nicht mehr ertragen konnten, suchten sie veränderte Daseinsformen, in denen das Leben erträglicher war. Und der Junge hatte dieses Dasein gewählt, war Kraft seines Willens zu diesem grotesken Ding geworden.
    »Denny?«
    Keine Antwort.
    Der Junge war vollkommen stumm geworden. Er gab nicht einmal mehr elektronische Geräusche von sich.
    Die Metallkabel, in die die Finger des Jungen übergingen, vibrierten unablässig und pulsierten manchmal, als würde dickflüssiges, unmenschliches Blut durch sie fließen und zwischen den organischen und anorganischen Komponenten des Mechanismus wechseln.
    Lomans Herz schlug so schnell, wie er gelaufen wäre, hätte er fliehen können. Aber das Gewicht seiner Angst hielt ihn fest. Schweiß war ihm ausgebrochen. Er bemühte sich, die gewaltige Mahlzeit nicht zu erbrechen, die er gerade zu sich genommen hatte.
    Er überlegte sich verzweifelt, was er tun sollte, und sein erster Gedanke war, Shaddack anzurufen und um Hilfe zu bitten. Shaddack würde sicher verstehen, was sich hier abspielte, er würde wissen, wie man diese teuflische Metamorphose umkehren und Denny seine menschliche Gestalt wiedergeben könnte.
    Aber das war Wunschdenken. Das Projekt Moonhawk war außer Kontrolle und folgte dunklen Wegen zu mitternächtlichen Schrecken, die Tom Shaddack nicht vorhergesehen hatte und nicht abwenden konnte.
    Außerdem würde es Shaddack keine Angst machen, was Denny zustieß. Er würde entzückt sein, überschwenglich. Shaddack würde den Zustand des Jungen als höhere veränderte Daseinsform betrachten, ebenso erstrebenswert, wie die niedere Stufe der Regressiven verabscheuungswürdig und widerlich war. Hier war das, was Shaddack wirklich suchte, die erzwungene Verwandlung von Mensch in Maschine.
    In der Erinnerung konnte Loman Shaddack noch jetzt in Peysers blutbespritztem Badezimmer sagen hören:»...ich kann nur nicht verstehen, warum die Regressiven sich allesamt für einen submenschlichen Zustand entschieden haben. Sie haben doch sicher die Kraft in sich, eine Evolution durchzumachen, keine Devolution, sich über das menschliche Dasein hinaus zu etwas Höherem, Sauberem, Reinerem zu erheben...«
    Loman war sicher, daß Dennys sabbernde, silberäugige Inkarnation keine höhere Form der gewöhnlichen menschlichen Existenz war, weder sauberer noch reiner. Sie war auf ihre Weise ebenso eine Regression wie Mike Peysers Degeneration in seine wolfsähnliche Gestalt oder Coombs' Abstieg in affenartige Primitivität. Denny hatte, genau wie Pey-ser, seine intellektuelle Individualität aufgegeben, um dem Wissen um das emotionslose Leben eines Neuen Menschen zu entfliehen; anstatt zum Mitglied einer Meute submenschlicher Bestien zu werden, war er zu einer von vielen Datenverarbeitungseinheiten in einem komplexen Computernetz geworden. Er hatte den letzten Rest des Menschlichen in sich - seinen Verstand - abgestreift und war zu etwas Einfacherem als einem überlegenen und komplexen Menschen geworden.
    Ein Speichelfaden troff von Dennys Kinn und erzeugte einen nassen Fleck auf dem Jeansstoff seiner Hose.
    Empfindest du noch Angst? überlegte Loman. Du kannst nicht lieben. Nicht mehr als ich. Aber hast du jetzt noch Angst vor etwas?
    Sicher nicht. Maschinen kannten keine Angst.
    Loman konnte nach seiner Verwandlung kein anderes Gefühl als Angst mehr empfinden, und seine Tage und Nächte waren zu einer einzigen langen Prüfung der Angst unterschiedlicher Heftigkeit geworden; aber er hatte auf eine perverse Weise gelernt, die Angst zu lieben, sie zu verehren, weil sie die einzige Empfindung war, die ihn in Kontakt mit dem Mann hielt, der er vor seiner Verwandlung gewesen war. Wenn man ihm auch seine Angst nähme, würde er zu einer Maschine aus Fleisch verkommen. Dann würde sein Leben überhaupt keine menschliche Dimension mehr haben.
    Denny hatte sein letztes kostbares Gefühl aufgegeben. Er hatte nur noch wenig, mit dem er seine endlosen grauen Tage aufhellen konnte, nämlich Logik, Vernunft, endlose Ketten von Berechnungen, die niemals endende Absorption und Interpolation von Fakten. Und wenn Shaddack recht hatte, was das verlängerte Leben der Neuen Menschen anbetraf, würden diese Tage sich zu Jahren ausdehnen.
    Plötzlich gab der Junge wieder die unheimlichen elektronischen Geräusche von sich. Sie hallten von den Wänden.
    Diese Laute waren so seltsam wie die kalten, klagenden Lieder von Lebewesen, die in den tiefsten Tiefen des Meeres hausten.
    Wenn er Shaddack anrief und ihm Denny in diesem Zustand zeigte, würde er den Wahnsinnigen in seinem irren und unheiligen Vorhaben bestärken. Wenn er erst einmal verstanden hätte, was Denny geworden war, fände Shad-dack vielleicht einen Weg, alle Neuen Menschen dazu anzuregen oder zu zwingen, sich in ähnlich identische, durch und durch kybernetische Organismen zu verwandeln. Diese Vorstellung peitschte Lomans Angst zu neuen Höhen.
    Das Kind-Ding verstummte wieder.
    Loman zog den Revolver aas dem Halfter. Seine Hand zitterte heftig.
    Daten huschten immer wahnwitziger über den Schirm und schwammen gleichzeitig über die Oberfläche von Den-nys geschmolzenen Augen.
    Während er das Geschöpf betrachtete, das einmal sein Sohn gewesen war, kramte Loman Erinnerungen aus der Truhe seines Lebens vor der Verwandlung und versuchte verzweifelt, etwas von dem zu beschwören, was er einst für Denny empfunden hatte - die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, den süßen Schmerz des Stolzes, die Hoffnungen für die Zukunft des Jungen. Er erinnerte sich an Angelausflüge, die sie zusammen unternommen hatten, an Abende vor dem Fernseher, Lieblingsbücher, die sie beide gelesen und über die sie sich unterhalten hatten, viele Stunden, die sie glücklich gemeinsam an wissenschaftlichen Projekten für die Schule gearbeitet hatten, das Weihnachtsfest, zu dem Denny sein erstes Fahrrad bekommen hatte, die erste Verabredung des Jungen, als er nervös die Tochter der Talmadges nach Hause gebracht hatte, damit sie seine Eltern kennenlernte... Loman konnte Erinnerungen an all das heraufbeschwören, deutliche Bilder der Erinnerung, aber sie konnten ihn nicht glücklich machen. Er wußte, er sollte etwas empfinden, wenn er sein einziges Kind umbringen wollte, mehr als Angst, aber dazu war er nicht mehr imstande. Um das zu erhalten, was noch von einem Menschen in ihm war, sollte er sich mindestens eine Träne herauspressen können, mindestens eine, wenn er den Abzug der Smith & Wessen betätigte, aber seine Augen blieben trocken.
    Dann platzte etwas ohne Vorwarnung aus Dennys Stirn.
    Loman schrie auf und taumelte überrascht zwei Schritte zurück.
    Zuerst hielt er das Ding für einen Wurm, denn es glänzte ölig und war in Segmente unterteilt und so dick wie ein Bleistift. Aber je weiter es herauskam, desto deutlicher sah er, daß es mehr metallisch als organisch war und in einem Stecker endete, der etwa dreimal so dick war wie der >Wurm< selbst. Es schwankte vor Dennys Gesicht hin und her wie der Fühler eines unvergleichlich widerwärtigen Insekts und wurde länger und länger, bis es den Computer berührte.
    Er will, daß das passiert, sagte sich Loman.
    Das war die Macht von Verstand über Materie, keine kurzgeschlossene Genetik. Greifbar gemachte Geisteskraft, nicht amoklaufende Biologie. Dies war es, was der Junge werden wollte, und wenn dies das einzige Leben war, das er jetzt noch ertragen konnte, die einzige Existenz, die er begehrte, warum sollte er sie dann nicht bekommen dürfen?
    Der gräßliche wurmartige Fortsatz sondierte den freigelegten Mechanismus, wo einmal die Abdeckplatte gewesen war. Er verschwand im Inneren und stellte eine Verbindung her, die dem Jungen ein intimeres Band mit Sonne verschaffte, als es nur mit seinen mutierten Händen und Quecksilberaugen möglich gewesen wäre.
    Ein hohles, elektronisches Heulen, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, drang aus dem Mund des Jungen, obwohl er weder Lippen noch die Zunge bewegte.
    Lomans Angst zu handeln war größer geworden als seine Angst davor, nicht zu handeln. Er kam näher, hielt dem Jungen die Mündung des Revolvers an die rechte Schläfe und feuerte zwei Schuß ab.
    Chrissie, die auf der Veranda kauerte, sich an die Hauswand lehnte und ab und zu vorsichtig hochkam und die drei Menschen beobachtete, die um den Frühstückstisch saßen, kam allmählich zu der Überzeugung, daß sie ihnen trauen konnte. Sie konnte im dumpfen Prasseln und Rauschen des Regens und bei geschlossenem Fenster nur Bruchstücke ihrer Unterhaltung verstehen. Aber nach einer Weile war ihr klar, daß sie wußten, daß etwas in Moonlight Cove ganz und gar nicht stimmte. Die beiden Fremden schienen sich in Mr. Talbots Haus zu verstecken und waren ebenso auf der Flucht wie sie. Sie arbeiteten offenbar an einem Plan, Hilfe von den Behörden außerhalb von Moonlight Cove zu holen.
    Sie entschied sich dagegen, an die Tür zu klopfen. Sie bestand aus solidem Holz, ohne Scheiben in der oberen Hälfte, daher würden sie nicht sehen können, wer klopfte. Sie hatte genug gehört, um zu wissen, daß sie nervös waren, vielleicht nicht so gründlich mit den Nerven am Ende wie sie selbst, aber eindeutig zappelig. Ein unerwartetes Klopfen an der Tür würde ihnen allen einen Herzanfall verschaffen -oder vielleicht würden sie zu den Waffen greifen und die Tür in Stücke pusten - und sie mit ihr.
    Statt dessen stand sie auf, so daß sie deutlich zu sehen war, und klopfte an die Fensterscheibe.
    Mr. Talbot riß verblüfft den Kopf hoch und deutete mit dem Finger auf sie, aber noch während er das tat, schnellten der andere Mann und die Frau auf die Füße wie Marionetten, an deren Fäden plötzlich gezogen worden war. Moose bellte einmal, zweimal. Die drei Menschen - und der Hund
    - starrten Chrissie überrascht an. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, hätte sie ein kettensägenschwingender Wahnsinniger sein können, der eine Ledermaske vor dem verunstalteten Gesicht trug, und nicht ein in Not geratenes elfjähriges Mädchen.
    Sie vermutete aber, daß im von Außerirdischen infiltrierten Moonlight Cove im Augenblick sogar ein mitleiderregendes, vom Regen durchnäßtes, erschöpftes kleines Mädchen ein Objekt des Entsetzens für all diejenigen sein konnte, die nicht wußten, daß sie immer noch ein Mensch war. In der Hoffnung, damit ihre Ängste zerstreuen zu können, rief sie laut durch die geschlossene Fensterscheibe:
    »Helfen Sie mir, bitte, helfen Sie mir.«
    Die Maschine schrie. Ihr Schädel platzte unter der Wucht der beiden Schüsse, und sie wurde aus dem Sitz geschleudert, fiel auf den Boden des Zimmers und riß den Stuhl mit sich. Die langgezogenen Finger wurden vom Computer gerissen. Die segmentierte wurmartige Sonde riß in der Mitte zwischen dem Computer und der Stirn, aus der sie gewachsen war, in zwei Hälften. Das Ding lag zappelnd und zuckend auf dem Boden.
    Loman mußte denken, daß es eine Maschine war. Er durfte nicht daran denken, daß es sein Sohn war. Das war zu schrecklich.
    Das Gesicht war entstellt, die Wucht der Kugeln, die den Schädelknochen durchdrangen, hatten eine verformte, asymetrische, surrealistische Maske daraus gemacht.
    Die silbernen Augen waren schwarz geworden. Jetzt sah es so aus, als wären Ölpfützen, nicht Quecksilber, in den Augenhöhlen des Dings.
    Zwischen den zerschmetterten Knochenstücken sah Loman nicht nur die graue Gehirnmasse, die er erwartet hatte, sondern etwas, das wie Drahtspulen aussah, glitzernde Scherben, die fast wie Keramik wirkten, seltsame geometrische Formen. Neben Blut strömte blauer Rauch aus den Wunden.
    Die Maschine schrie immer noch.
    Die elektronischen Schreie kamen nicht mehr von dem Kind-Ding, sondern aus dem Computer auf dem Schreibtisch. Diese Laute waren so bizarr, daß sie in der Maschinenhälfte des Organismus ebenso fehl am Platze wirkten wie in der Menschenhälfte.
    Loman wurde klar, daß es keine eindeutig elektronischen Schreie waren. Sie hatten auch einen Unterton und eine Eigenheit, die auf entnervende Weise menschlich waren.
    Die Datenströme auf dem Bildschirm hörten auf zu wandern. Ein Wort wurde hundertfach wiederholt und füllte Zeile für Zeile den gesamten Bildschirm aus:
    NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN...
    Er wußte plötzlich, daß Denny nur halb tot war. Der Teil des Jungen, der im Körper gewohnt hatte, war ausgelöscht, aber ein Bruchstück seines Bewußtseins lebte irgendwie noch in diesem Computer und wurde von Silikon statt von Gehirngewebe am Leben erhalten. Dieser Teil von ihm schrie mit der maschinenkalten Stimme.
    Auf dem Bildschirm:
    Wo IST DER REST VON MIR wo IST DER REST VON MIR wo IST
    DER REST VON MIR NEIN NEIN NEIN NEIN NEIN
    NEIN NEIN...
    Loman war zumute, als wäre sein Blut Eis, das von einem Herz gepumpt wurde, welches ebenso gefroren war wie das Fleisch unten in der Tiefkühltruhe. Er hatte noch nie eine Kälte gespürt, die so tief wie diese reichte.
    Er wich von dem gestürzten Leichnam zurück, der endlich aufgehört hatte zu zucken, und richtete die Waffe auf den Computer. Er feuerte die Waffe in den Computer leer, zuerst in den Bildschirm. Da Jalousien und Vorhänge zugezogen waren, war es in dem Zimmer fast dunkel. Er schoß die Elektronik in Fetzen. Tausende Funken glommen in der Schwärze und sprühten aus der Datenverarbeitungsanlage. Dann starb die Maschine mit einem letzten Aufbäumen und Knirschen, und es herrschte wieder Dunkelheit.
    Die Luft stank nach verschmorter Isolierung. Und Schlimmerem.
    Loman ging aus dsm Zimmer und zur Treppe. Dort blieb er einen Moment stehen und lehnte sich ans Geländer. Dann ging er in die Diele hinunter.
    Er lud den Revolver nach und steckte ihn ins Halfter.
    Er ging in den Regen hinaus.
    Er stieg ins Auto ein und ließ den Motor an.
    »Shaddack«, sagte er laut.
    Tessa nahm das Mädchen sofort in ihre Obhut. Sie rührte sie nach oben, ließ Harry und Sam und Moose in der Küche, und zog ihr die nassen Sachen aus.
    »Deine Zähne klappern, Liebes.«
    »Ich kann froh sein, daß ich noch Zähne zum Klappern habe.«
    »Deine Haut ist eindeutig blau.«
    »Ich kann froh sein, daß ich noch eine Haut habe«, sagte das Mädchen.
    »Mir ist auch aufgefallen, daß du hinkst.«
    »Ja. Verstauchter Knöchel.«
    »Sicher, daß er nur verstaucht ist?«
    »Ja. Nichts Ernstes. Außerdem... «
    »Ich weiß«, sagte Tessa. »Du kannst froh sein, daß du noch Knöchel hast.«
    »Richtig. Ich könnte mir vorstellen, daß Außerirdische Knöchel besonders schmackhaft finden, so wie manche Leute Eisbein. Huch.«
    Sie saß im Gästezimmer auf der Bettkante und hatte eine Wolldecke um den nackten Körper geschlungen, und sie wartete, währen Tessa ein Laken aus dem Schrank holte sowie mehrere Sicherheitsnadeln, die sie in einem Nähkästchen im selben Schrank gesehen hatte.
    Tessa sagte: »Harrys Kleidungsstücke sind dir viel zu groß, daher wickeln wir dich vorerst in ein Laken. Bis deine Kleider trocken sind, kannst du nach unten kommen und Harrys und Sam und mir alles erzählen.«
    »War ein ziemliches Abenteuer«, sagte das Mädchen.
    »Ja, du siehst aus, als hättest du eine Menge durchgemacht.«
    »Würde ein tolles Buch werden.«
    »Magst du Bücher?«
    »O ja, ich liebe Bücher.«
    Sie wurde rot, war aber offensichtlich entschlossen, sich weltmännisch zu geben, als sie aufstand, die Decke abstreifte und sich von Tessa in das Laken hüllen ließ. Tessa steckte es als eine Art Toga zusammen.
    Während Tessa arbeitete, sagte Chrissie: »Ich glaube, ich werde eines Tages einmal ein Buch über das alles schreiben. Ich werde es Die Geißel der Außerirdischen oder vielleicht Die außerirdische Königin nennen, aber selbstverständlich nur dann, wenn sich herausstellt, daß es tatsächlich irgendwo eine Königin gibt. Vielleicht vermehren sie sich gar nicht wie Insekten oder Tiere. Vielleicht sind sie im Grunde genommen eine Art pflanzlicher Lebensform, dann müßte ich das Buch irgendwie Weltraumsamen oder Pflanzen aus der Unendlichkeit nennen oder vielleicht Mörderische Marspilze. Manchmal ist es gut, wenn man eine Alliteration im Titel verwendet. Alliterationen. Finden Sie dieses Wort nicht auch toll? Es klingt so hübsch. Ich mag Worte. Natürlich könnte man auch immer einen poetischeren Titel wählen, einen packenderen, so wie Außerirdische Wurzeln, Außerirdische Blätter. He, wenn sie Pflanzen sind, haben wir vielleicht Glück, vielleicht werden sie dann einmal von Blattläusen oder Würmern getötet, da sie keine Abwehrstoffe gegen irdische Krankheiten entwickelt haben können, so wie die Marsianer in Krieg der Welten von ein paar irdischen Viren getötet werden.«
    Tessa wollte ihr nicht sagen, daß ihre Gegner nicht von den Sternen stammten, denn ihr machte das unermüdliche Plappern des Mädchens Spaß. Dann merkte sie, daß Chris-sies linke Hand verletzt war. Die Handfläche war böse aufgeschürft, in der Mitte war das rohe Fleisch zu sehen.«
    »Das ist passiert, als ich vom Dach der Pfarrei gestürzt bin«, sagte das Mädchen.
    »Du bist vom Dach gefallen?«
    »Ja. Mann, das war aufregend. Sehen Sie, das Wolf-Ding kam durchs Fenster und hat mich verfolgt, und ich hatte keine andere Wahl. Bei dem Sturz habe ich mir auch den Knöchel verstaucht, und dann mußte ich durch den Garten zur Hintertür laufen, ehe sie mich erwischen konnten. Wissen Sie, Miß Lockland... «
    »Bitte nenn mich Tessa.«
    Chrissie war offenbar nicht daran gewöhnt, Erwachsene mit ihren Vornamen anzusprechen. Sie runzelte die Stirn und war einen Augenblick stumm, während sie über die Aufforderung, leger zu sein, nachdachte. Schließlich kam sie zum Ergebnis, daß es unhöflich wäre, nicht den Vornamen zu gebrauchen, wenn sie darum gebeten wurde.
    »Okay... Tessa. Nun, wie auch immer, ich kann nicht sagen, was die Außerirdischen als wahrscheinlichstes tun werden, wenn sie uns erwischen. Vielleicht unsere Nieren essen? Oder uns ganz verspeisen? Vielleicht schieben sie uns auch einfach nur außerirdische Mistkäfer in die Ohren, und die Käfer kriechen in unser Gehirn und übernehmen uns. Wie dem auch sei, ich finde, es lohnt sich, von einem Dach zu stürzen, um ihnen zu entkommen.«
    Als sie die Toga zusammengesteckt hatte, führte Tessa Chrissie über den Flur ins Bad und suchte im Medizin -schränkchen nach etwas, womit sie die Schürfwunde behandeln konnte. Sie fand eine Flasche Jod mit verblaßtem Etikett, eine halb leere Rolle Pflaster und eine Packung Mullstücke, die so alt waren, daß die einzelnen Papierhüllen schon vergilbt waren. Der Mull selbst sah frisch und weiß aus, das Jod war auch von der Zeit nicht verdorben worden und noch kräftig genug.
    Chrissie saß barfuß, in ihrer Toga und mit zerzaustem, trocknendem Haar auf dem heruntergeklappten Deckel der Toilette und ließ die Behandlung ihrer Verletzung stoisch über sich ergehen. Sie protestierte nicht und schrie nicht vor Schmerzen auf - verzog nicht einmal eine Miene.
    Aber sie redete. »Das war das zweite Mal, daß ich von einem Dach gestürzt bin, daher nehme ich an, ich habe einen Schutzengel, der über mich wacht. Vor etwa eineinhalb Jahren, im Frühling, bauten diese Vögel - ich glaube, sie werden Stare genannt - ein Nest auf dem Dach eines unserer Ställe daheim, und ich mußte einfach sehen, wie die Babyvögel in dem Nest aussahen, daher nahm ich eine Leiter, als meine Eltern nicht in der Nähe waren, und wartete darauf, bis die Vogelmama davonflog, um Essen zu holen, und dann kletterte ich ganz schnell hinauf, um sie mir anzusehen. Ich kann Ihnen sagen, bevor sie ihre Federn bekommen, sind Babyvögel so ziemlich das Häßlichste, das man sich vorstellen kann - ausgenommen natürlich Außerirdische. Sie waren runzlige, faltige kleine Dinger, nur Schnäbel und Augen und kleine Stummelflügel, wie mißgebildete Arme. Wenn menschliche Babys nach der Geburt so schlimm aussehen würden, hätten die ersten Menschen vor ein paar Millionen Jahren ihre Neugeborenen das Klo runtergespült -wenn sie ein Klo gehabt hätten -, und hätten nicht gewagt, weitere zu bekommen, und damit wäre die ganze menschliche Rasse ausgestorben, bevor sie richtig angefangen hätte.«
    Tessa betupfte die Verletzung immer noch mit Jod und bemühte sich erfolglos, nicht zu grinsen, und sie sah auf und stellte fest, daß Chrissie die Augen fest zudrückte, die Nase rümpfte und sich größte Mühe gab, tapfer zu sein.
    »Dann kamen Mama- und Papavogel zurück«, sagte Chrissie, »sahen mich an dem Nest und flogen mir kreischend ins Gesicht. Ich bin so erschrocken, daß ich ausrutschte und vom Dach fiel. Damals habe ich mir überhaupt nicht weh getan - aber ich bin in Pferdemist gelandet. Das ist überhaupt nicht witzig, ich kann Ihnen sagen. Ich liebe Pferde, aber sie wären noch liebenswerter, wenn man ihnen beibringen könnte, eine Kiste zu benützen, so wie Katzen.»
    Tessa war vernarrt in das Kind.
    Sam stützte die Ellbogen auf den Küchentisch, beugte sich vor und hörte Chrissie Fester aufmerksam zu. Tessa hatte die Schreckgespenster zwar im Cove Lodge beim Töten gehört und einen unter der Tür ihres Zimmers hindurch gesehen, und Harry hatte sie bei Nacht und Nebel aus der Ferne beobachtet, und Sam hatte gestern nacht zwei vor dem Fenster von Harrys Wohnzimmer gesehen, aber das Mädchen war die einzige unter ihnen, die sie mehrmals aus nächster Nähe gesehen hatte.
    Doch Sam schenkte ihr nicht nur wegen ihres einmaligen Erlebnisses seine Aufmerksamkeit. Er war fasziniert von ihrer unbeschwerten Art, ihrem Humor und ihrer Redegewandtheit. Sie besaß offensichtlich bemerkenswerte innere Kraftreserven und echte Zähigkeit, sonst hätte sie die vergangene Nacht und die Ereignisse dieses Vormittags nicht überlebt. Und doch blieb sie bezaubernd unschuldig, zäh, aber nicht hart. Sie gehörte zu den Kindern, die einem Hoffnung für die ganze verdammte Menschheit geben.
    Ein Kind wie Scott eins gewesen war.
    Daher war Sam so fasziniert von Chrissie Foster. Er sah das Kind in ihr, das Scott gewesen war. Bevor er... sich verändert hatte. Er betrachtete das Mädchen mit einem Bedauern, das so stark war, daß es sich als dumpfe Schmerzen in der Brust und einen Kloß im Hals manifestierte, und hörte ihr zu, aber nicht nur, um die Informationen zu bekommen, die sie preiszugeben hatte, sondern mit der unrealistischen Erwartung, daß er begreifen könnte, weshalb sein Sohn Unschuld und Hoffnung verloren hatte, wenn er sie studierte.
    Tucker und seine Meute schliefen in der Dunkelheit im Keller der Ikarus-Kolonie nicht, denn das brauchten sie nicht. Sie lagen zusammengerollt in der undurchdringlichen Schwärze. Von Zeit zu Zeit paarten er und das andere Männchen sich mit dem Weibchen, sie zerrten mit wilder Wut aneinander, rissen Reisch auf, das sofort wieder zu heilen anfing und ließen Blut fließen, weil es ihnen eben Lust bereitete - unmoralische Freaks beim Spielen.
    Dunkelheit und die kahle Enge ihres Betonbaus trugen zu Tuckers wachsender Desorientierung bei. Er erinnerte sich stündlich weniger an seine Existenz vor der gestrigen aufregenden Jagd. Er hatte kein Selbstwertgefühl mehr. Individualität durfte während der Jagd nicht bei der Meute ermu -tigt werden, und hier im Bau war sie eine noch weniger erstrebenswerte Eigenschaft; in diesem fensterlosen, klau-strophobisch engen Raum war es erforderlich, das Selbst der Gruppe unterzuordnen.
    Seine Tagträume waren erfüllt von Bildern dunkler, wilder Schatten, die durch nächtliche Wälder und über Wiesen im Mondschein schlichen. Wenn ihm gelegentlich eine Erin-nerung an menschliche Gestalten durch den Kopf schoß, war ihm ihr Ursprung ein Geheimnis; mehr noch, er hatte Angst davor und konzentrierte seine Fantasie alsbald wieder auf Laufen-Jagen-Paaren-Szenen, in denen er nur Teil der Meute war, ein Aspekt eines einzigen Schattens, ein Glied eines größeren Organismus und von der Notwendigkeit zu denken befreit, nur vom Verlangen erfüllt, zu sein.
    Einmal merkte er, daß er seine wolfsähnliche Gestalt aufgegeben hatte, weil sie zu einengend geworden war. Er wollte nicht mehr der Anführer der Meute sein, denn diese Position brachte zuviel Verantwortung mit sich. Er wollte überhaupt nicht denken. Nur sein. Sein. Die Einengungen aller körperlichen Formen schienen unerträglich zu sein.
    Er spürte, daß das andere Männchen und das Weibchen seine Degeneration spürten und seinem Beispiel folgten.
    Er spürte, wie sein Fleisch zerfloß, wie sich Knochen auflösten und Organe und Gefäße Form und Funktion aufgaben. Er entwickelte sich über den urzeitlichen Affen hinaus zurück, weiter zurück als das vierbeinige Ding, das vor Jahrmillionen mühsam aus dem Urmeer gekrochen war, weiter zurück, weiter zurück, bis er nur noch eine Masse pulsierenden Gewebes war, protoplasmatische Ursuppe, die in der Dunkelheit im Keller der Ikarus-Kolonie waberte.
    Loman läutete an der Tür von Shaddacks Haus an der Nordspitze, und Evan, sein Diener, antwortete.
    »Tut mir leid, Chief Watkins, aber Mr. Shaddack ist nicht hier.«
    »Wo ist er hin?«
    »Das weiß ich nicht.«
    Evan gehörte zu den Neuen Menschen. Um ganz sicherzugehen, daß er ihn beseitigt hatte, schoß er ihm zweimal in den Kopf und dann zweimal in die Brust, als er auf dem Boden der Diele lag, um Hirn und Herz zu zerstören. Oder Datenprozessor und Pumpe. Was war jetzt erforderlich - biologische oder mechanische Terminologie? Wie weit waren sie schon zu Maschinen geworden?
    Loman machte die Tür hinter sich zu und stieg über Evans' Leichnam. Nachdem er die verschossenen Patronen des Revolvers nachgefüllt hatte, durchsuchte er das riesige Haus Zimmer für Zimmer, Stockwerk für Stockwerk nach Shaddack.
    Er wünschte sich, er könnte von Rachedurst getrieben werden, könnte vor Wut verzehrt werden und Befriedigung dabei empfinden, wenn er Shaddack zu Tode prügelte, aber diese Empfindungen wurden ihm nicht gegönnt. Der Tod seines Sohnes hatte das Eis in seinem Herzen nicht schmelzen können. Er konnte weder Trauer noch Wut verspüren.
    Indem er Shaddack tötete - der ständig mittels einer einfachen Herztelemetrieeinrichtung mit dem Supercomputer bei New Wave verbunden war -, würde er ein Programm in Sonne aktivieren, das einen Todesbefehl per Mikrowelle aussenden würde. Diese Übertragung würde von sämtlichen Mikrokugelcomputern im Gewebe der Neuen Menschen empfangen werden. Wenn er den Todesbefehl erhielt, würde jeder biologisch interaktive Computer in jedem Neuen Menschen auf der Stelle das Herz seines Wirtskörpers töten. Alle Verwandelten in Moonlight Cove würden sterben. Auch er würde sterben.
    Aber das machte ihm nichts mehr aus. Seine Angst vor dem Tod war längst nicht mehr so stark wie die Angst vor dem Weiterleben, besonders da er entweder als Regressiver oder als das unvergleichlich schimmere Ding, zu dem Den-ny geworden war, weiterleben mußte.
    Er sah sich im Geiste selbst in diesem erbärmlichen Zustand - glänzende Quecksilberaugen, eine wurmgleiche Sonde, die, ohne zu bluten, aus seiner Stirn hervorbrach und eine obszöne Verbindung mit dem Computer suchte. Wenn ängstliches Zittern tödlich gewesen wäre, hätte er hier auf der Stelle sein Leben ausgeschlottert.
    Da er Shaddack nicht im Haus fand, fuhr er in Richtung New Wave, wo der Schöpfer der Neuen Welt sich zweifellos in seinem Büro befinden und emsig damit beschäftigt sein würde, Nachbarschaften für diese Hölle zu entwerfen, die er Paradies nannte.
    Kurz nach elf Uhr, als Sam aufbrach, ging Tessa mit ihm auf die hintere Veranda hinaus, machte die Tür zu und ließ Chrissie bei Harry in der Küche. Die Bäume am hinteren Rand des Grundstücks waren so hoch, daß keine Nachbarn, auch die am Hügel hoch droben nicht, in den Garten sehen konnten. Sie war sicher, daß sie im Schatten der Veranda sowieso nicht zu sehen gewesen wären.
    »Hören Sie«, sagte sie, »es ist vollkommen unsinnig, daß Sie alleine gehen.«
    »Das ist überhaupt nicht unsinnig.«
    Die Luft war feucht und kalt. Sie schlang die Arme um sich und sagte: »Ich könnte vorne an der Tür läuten und ablenken, während Sie nach hinten gehen.«
    »Ich möchte mir keine Sorgen um Sie machen müssen.«
    »Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.«
    »Ja, das glaube ich Ihnen«, sagte er.
    »Und?«
    »Aber ich arbeite allein.«
    »Sie scheinen alles alleine zu machen.«
    Er lächelte dünn. »Wollen wir uns wieder darüber streiten, ob das Leben eine Teeparty oder die Hölle auf Erden ist?«
    »Wir hatten keinen Streit. Das war eine Diskussion.«
    »Wie dem auch sei, ich habe mich für Inkognito-Einsätze gemeldet, damit ich alleine arbeiten kann. Ich will keinen Partner mehr, Tessa, weil ich keinen mehr sterben sehen möchte.«
    Sie wußte, er meinte nicht nur die anderen Agenten, die bei Einsätzen mit ihm ums Leben gekommen waren, sondern auch seine verstorbene Frau.
    »Bleiben Sie bei dem Mädchen«, sagte er. »Kümmern Sie sich um sie, falls mir etwas passiert. Sie ist Ihnen schließlich sehr ähnlich.«
    »Was?«
    »Sie gehört zu denen, die wissen, wie man das Leben liebt. Wie man es wirklich und von Herzen liebt, was auch geschehen mag. Das ist eine seltene und kostbare Gabe.«
    »Das wissen Sie auch«, sagte sie.
    »Nein. Ich habe es nie gewußt.«
    »Verdammt, jeder wird mit der Liebe zum Leben geboren. Sie haben Sie auch noch, Sam. Sie haben nur den Kontakt damit verloren, aber Sie können sie wiederfinden.«
    »Kümmern Sie sich um das Mädchen«, sagte er, wandte sich ab und ging die Verandastufen hinunter in den Regen.
    »Sie sollten besser zurückkommen, verdammt. Sie haben versprochen, mir zu erzählen, was Sie am Ende des Tunnels gesehen haben, auf der anderen Seite. Also kommen Sie besser zurück.«
    Sam verschwand im silbernen Regen und dünnen Schwa -den grauen Nebels.
    Während sie ihm nachsah, wurde Tessa klar, daß sie ihn wiederhaben wollte, auch wenn er ihr nie von der anderen Seite erzählen würde, und zwar aus vielen anderen komplexen und überraschenden Gründen.
    Das Haus der Coltranes lag zwei Häuser von Harry Talbots entfernt an der Conquistador. Zwei Stockwerke. Verwitterte Zedernmauern. Ein überdachter Balkon anstelle einer Ve -randa.
    Sam hastete rasch an der Rückseite des Hauses entlang, wo der Regen mit einem Geräusch vom Dach des Balkons troff, das an das Prasseln von Feuer erinnerte, und sah durch verglaste Schiebetüren in ein dunkles Wohnzimmer und dann durch ein Fenster in eine unbeleuchtete Küche.
    Als er die Küchentür zum Balkon erreicht hatte, zückte er den Revolver aus dem Halfter unter der Lederjacke und hielt ihn an der Seite gegen den Oberschenkel gepreßt.
    Er hätte nach vorne gehen und läuten können, das wäre den Leuten drinnen wahrscheinlich nicht so verdächtig vorgekommen. Aber das hätte bedeutet, er hätte auf die Straße gehen müssen, wo er möglicherweise nicht nur von den Nachbarn gesehen worden wäre, sondern auch von den Patrouillen, die nach Chrissies Angaben durch die Straßen zogen.
    Er klopfte in rascher Folge viermal nacheinander an die Tür. Als niemand antwortete, klopfte er noch einmal, lauter, und dann ein drittes Mal, noch lauter. Wenn jemand zu Hause gewesen wäre, hätten sie auf das Klopfen reagiert.
    Harley und Sue Coltrane mußten bei New Wave sein, wo sie arbeiteten.
    Die Tür war abgeschlossen. Er hoffte, daß sie nicht auch verriegelt sein würde.
    Er hatte seine Werkzeuge bei Harry gelassen, hatte aber eine dünne, flexible Metallplatte mitgebracht. Fernsehserien hatten die Vorstellung populär gemacht, daß jede Kreditkarte ein ausreichendes und unverdächtiges Hilfsmittel war, aber diese Plastikrechtecke verbogen sich zu häufig in der Ritze oder brachen ab, bevor die Zunge des Schlosses zurückgeschoben werden konnte. Er zog Hilfsmittel vor, deren Nützlichkeit erprobt worden war. Er schob die Platte zwischen Tür und Rahmen direkt unterhalb des Schlosses und führte sie aufwärts, wobei er Druck anwendete, als er auf Widerstand stieß. Das Schloß ging auf. Er drückte gegen die Tür, und sie war nicht verriegelt; sie ging mit einem leisen Quietschen auf.
    Er trat ein und machte die Tür leise zu, achtete aber darauf, daß das Schloß nicht wieder einrastete. Wenn er schnell hinaus mußte, wollte er sich nicht erst mit Aufschließen aufhalten müssen.
    Die Küche wurde nur vom trüben Licht des regnerischen Tages erhellt, das kaum durchs Fenster drang. Der Vinylboden, die Tapete und die Kacheln schienen die hellsten Farbtöne zu haben, denn im Halbdunkel sah alles mehr oder weniger grau aus.
    Er blieb fast eine Minute lang stehen und lauschte angestrengt.
    Die Küchenuhr tickte.
    Regen trommelte auf das Balkondach.
    Sein nasses Haar klebte ihm an der Stirn. Er strich es beiseite, aus den Augen.
    Als er sich bewegte, quietschen seine nassen Schuhe.
    Er ging direkt zum Telefon, das über einem Sekretär in der Ecke an der Wand befestigt war. Als er den Hörer abnahm, bekam er kein Freizeichen, aber die Leitung war auch nicht tot. Seltsame Laute ertönten: Klicken, leises Piepsen, schwache Oszillationen - alles verschmolz zu einer traurigen, fremdartigen Musik, einem elektronischen Klagelied.
    Sanas Nacken wurde kalt.
    Er legte den Hörer stumm und vorsichtig wieder auf die Gabel.
    Er fragte sich, was für Geräusche man in einem Telefon hören konnte, das als Modem zwischen zwei Computern benützt wurde. Arbeitete einer der Coltranes anderswo im Haus und war per Heimcomputer mit New Wave verbunden?
    Aber irgendwie spürte er, daß man das, was er im Telefon gehört hatte, nicht einfach damit erklären konnte. Es war verdammt unheimlich gewesen.
    Das Eßzimmer grenzte an die Küche. Gazevorhänge hingen vor den beiden großen Fenstern, sie filterten das asche-farbene Tageslicht noch mehr. Eine Kiste, Büffet, Tisch und Stühle waren als schwarze Blocks und schieferfarbene Schatten zu erkennen.
    Er blieb wieder stehen, um zu lauschen. Und hörte wieder nichts Ungewöhnliches.
    Das Haus war im klassisch kalifornischen Design gehalten, ohne Erdgeschoßflur. Jedes Zimmer führte direkt ins nächste, eine offene, freizügige Architektur. Er betrat das große Wohnzimmer durch einen Bogen und war froh, daß das Haus mit Teppichboden ausgelegt war, auf dem man seine Schuhe nicht hören konnte.
    Das Wohnzimmer war nicht so dunkel wie der Rest des Hauses, soweit er ihn bisher gesehen hatte, trotzdem war der hellste Farbton perlmuttgrau. Die westlichen Fenster wurden von der Vorderveranda überschattet, über die nördlichen strömte der Regen. Bleiernes Tageslicht, das durch die Scheiben drang, überzog den Raum mit einem Fleckenmuster grauer Schatten von Hunderten von Tropfen, die am Glas perlten, und Sam war so nervös, daß er beinahe spüren konnte, wie diese winzigen amöbenhaften Gespenster über ihn hinweg krochen.
    Mit der Beleuchtung und seiner Stimmung kam er sich vor wie in einem alten Schwarzweißfilm. Einem der trostlosesten Beispiele des film noir.
    Das Wohnzimmer war verlassen, aber dann ertönte unvermittelt ein Geräusch aus dem letzten Zimmer unten. Aus der südwestlichen Ecke. Hinter dem Foyer. Höchstwahrscheinlich das Aufenthaltszimmer. Ein gellendes Kreischen, bei dem er Zahnschmerzen bekam, gefolgt von einem hilflosen Schrei, der weder von einem Menschen noch von einer Maschine stammte, sondern irgendwo dazwischen lag, eine halbmetallische Stimme, die von Angst entstellt und von Verzweiflung verzerrt wurde. Dem folgte ein tiefes elektronisches Pulsieren, gleich einem lauten Herzschlag.
    Dann Stille.
    Er hatte den Revolver gezückt, hielt ihn starr vor sich und war bereit, auf alles zu schießen, was sich bewegte. Aber alles war still und ruhig.
    Das Kreischen, der unheimliche Schrei und das tiefe Pulsieren konnten unmöglich etwas mit den Schreckgespenstern zu tun haben, die er gestern nacht vor Harrys Haus gesehen hatte, oder mit den anderen Gestaltveränderern, die Chrissie beschrieben hatte. Bisher hatte er sich am meisten vor einer direkten Konfrontation mit ihnen gefürchtet. Aber plötzlich war das unbekannte Ding im Nebenzimmer furchterregender.
    Sam wartete.
    Nichts mehr.
    Er hatte das unheimliche Gbfühl, daß etwas so angestrengt nach Bewegungen von ihm lauschte wie er nach seinen.
    Er überlegte, ob er zu Harry zurückkehren und sich eine andere Möglichkeit ausdenken sollte, eine Nachricht ans FBI zu schicken, denn mexikanisches Essen und Guinness Stout und Filme mit Goldie Hawn - sogar Swing Shift - schienen plötzlich unschätzbar wertvoll zu sein, keine erbarmenswerten Gründe weiterzuleben, sondern so erlesene Freuden, daß man sie mit Worten gar nicht hinreichend beschreiben konnte.
    Nur Chrissie Fester verhinderte, daß er, so schnell er konnte, von hier verschwand. Die Erinnerung an ihre strahlenden Augen. Ihr unschuldiges Gesicht. Der Enthusiasmus und die Lebhaftigkeit, mit denen sie ihre Abenteuer geschildert hatte. Vielleicht hatte er bei Scott versagt, und vielleicht war es zu spät, den Jungen vom Abgrund zurückzuziehen. Aber Chrissie lebte noch in jedem vitalen Sinn des Wortes -körperlich, intellektuell, emotional -, und sie war auf ihn angewiesen. Niemand sonst konnte sie vor der Verwandlung retten.
    Mitternacht war nur noch wenig mehr als zwölf Stunden entfernt.
    Er schlich durch das Wohnzimmer zurück und durchquerte leise das Foyer. Er stand mit dem Rücken zur Wand neben der halb offenen Tür des Zimmers, aus dem die unheimlichen Laute gekommen waren.
    Etwas klickte da drinnen. Er erstarrte.
    Ein leises, sanftes Klicken. Nicht das Tick-tick-tick von Krallen wie die, die er gestern nacht ans Fenster klopfen gehört hatte. Mehr als wäre eine lange Reihe Relais eingerastet, als wären Dutzende Schalter umgelegt worden, als wären Dominos nacheinander umgefallen: Klick-klick-klick-klicker-klicker-klick-klick -klicker...
    Wieder Stille.
    Sam hielt den Revolver mit beiden Händen, trat vor die Tür und stieß sie mit einem Fuß auf. Er sprang über die Schwelle und ging unmittelbar hinter der Tür in Schußhaltung.
    Die Fenster waren zugezogen, die einzige Lichtquelle bildeten zwei Computerbildschirme. Beide waren mit Filtern versehen, die für schwarzen Text auf bernsteinfarbenem Hintergrund sorgten. Alles in dem Zimmer, was nicht im Schatten lag, war von dieser goldenen Strahlung erleuchtet.
    Zwei Menschen saßen vor den Terminals, einer an der rechten Zimmerwand, der andere an der linken, die Rücken zueinander gekehrt.
    »Keine Bewegung«, sagte Sam schneidend.
    Sie bewegten sich nicht und sagten nichts. Sie waren so still, daß er zuerst dachte, sie wären tot.
    Das seltsame Licht war heller als das halb ausgebrannte Tageslicht, das die anderen Zimmer vage erhellt hatte, enthüllte aber dennoch seltsam wenig. Als sich seine Augen umgestellt hatten, konnte Sam sehen, daß die beiden Menschen an den Computern nicht nur unnatürlich still waren, sondern gar keine richtigen Menschen mehr waren. Er wurde vom eisigen Griff des Entsetzens nach vorne gezogen.
    Ein nackter Mann, wahrscheinlich Harley Coltrane, saß, ohne von Sam Notiz zu nehmen, auf einem drehbaren Hok-ker rechts von der Tür, an der Westwand. Er war mit zwei dicken Kabeln, die mehr organisch als metallisch aussahen und im bernsteinfarbenen Leuchten naß glänzten, direkt mit dem VDT verbunden. Sie kamen aus dem Inneren des Datenspeichers heraus - dessen Deckplatte abgeschraubt worden war - und verliefen unterhalb der Rippen in den bloßen Oberkörper des Mannes, wo sie, ohne zu bluten, mit dem Fleisch verschmolzen. Sie pulsierten.
    »Großer Gott«, flüsterte Sam.
    Coltranes Unterarme waren völlig ohne Fleisch, nur goldene Knochen. Das Heisch der Oberarme endete glatt vier Zentimeter über den Ellbogen; aus diesen Stümpfen ragten die Knochen so sauber wie Roboterarme aus einem Metallgehäuse heraus. Die Skeletthände waren fest um die Kabel geklammert, als wären sie lediglich ein Paar Klammern.
    Als Sam näher an Coltrane heranging und genauer hinsah, stellte er fest, daß die Knochen nicht so differenziert waren, wie sie sein sollten, sondern zusammengeschweißt waren. Darüber hinaus fanden sich Metallspuren darin. Während er hinsah, fingen die Kabel so heftig an zu pulsieren, daß sie re-gelrecht vibrierten. Hätten die Klammernhände sie nicht festgehalten, wären sie wahrscheinlich entweder von dem Mann oder der Maschine abgerissen.
    Verschwinde.
    Eine Stimme sprach in ihm und riet ihm zu fliehen, und es war seine eigene Stimme, wenn auch nicht die des erwachsenen Sam Booker. Es war die Stimme des Kindes, das er gewesen war, und in das seine Angst ihn wieder verwandelte. Extremes Entsetzen ist eine tausendmal wirksamere Zeitmaschine als Nostalgie, die uns über Jahre zurückwirft in diesen vergessenen und unerträglichen Zustand der Hilflosigkeit, in dem so ein großer Teil der Kindheit verbracht wird.
    Verschwinde, lauf weg, lauf weg, verschwinde!
    Sam trotzte dem Drang zu fliehen.
    Er wollte verstehen. Was ging hier vor? Zu was waren diese Menschen geworden? Warum? Was hatte das mit den Schreckgespenstern zu tun, die durch die Nacht schlichen? Thomas Shaddack hatte offenbar durch Mikrotechnologie eine Methode gefunden, die menschliche Biologie radikal und für immer zu verändern. Soviel war Sam klar, aber nur das zu wissen und nichts anderes, war so, als würde er spüren, daß etwas im Meer lebte, ohne daß er jemals einen Fisch gesehen hätte. Noch soviel Geheimnisvolles lag unter der Oberfläche.
    Verschwinde.
    Weder der Mann vor ihm noch die Frau auf der anderen Seite des Zimmers schienen sich auch nur entfernt seiner Anwesenheit bewußt zu sein. Er war offenbar nicht in unmittelbarer Gefahr.
    Lauf weg, sagte der ängstliche Junge in ihm.
    Datenströme - Worte, Zahlen, Diagramme und Kurven in Myriaden Variationen - huschten wie wilde Sturzbäche über den bernsteinfarbenen Monitor, während Harley Coltrane den dunkel flackernden Bildschirm, ohne zu blinzeln, anstarrte. Er konnte ihn aber unmöglich so sehen, wie ihn ein gewöhnlicher Mensch sehen würde, denn er hatte keine Augen mehr. Sie waren aus den Höhlen gerissen und durch eine Gruppe anderer Sensoren ersetzt worden: winzige Perlen rubinroten Glases, kleine Drahtspulen, Chips mit gerillter Oberfläche aus einem keramikähnlichen Material, das alles funkelte leicht zurückversetzt in den tiefen schwarzen Löchern seines Schädels.
    Sam hielt den Revolver jetzt nur noch mit einer Hand. Er hielt den Finger nicht mehr direkt auf dem Abzug, sondern auf der Abzugsschlinge, weil er so stark zitterte, daß er versehentlich einen Schuß abgeben könnte.
    Die Brust der Menschmaschine hob und senkte sich. Der Mund stand offen; bitterer, übelriechender Atem kam in Wogen daraus hervor.
    An den Schläfen und den widerlich aufgequollenen Arterien im Hals war ein schneller Puls zu erkennen. Aber auch dort, wo keiner sein sollte, war ein Puls schlag: in der Mitte der Stirn; an jedem Kiefer entlang; an vier Stellen von Brust und Bauch; in den Oberarmen, wo dunkle, seilförmige Blutgefäße unter subkutanem Fett angeschwollen waren und jetzt direkt unter der Haut lagen. Der Kreislauf schien neu gestaltet und eingerichtet worden zu sein, neuen Körperfunktionen zu dienen, die erforderlich geworden waren. Schlimmer noch, die Pulsfrequenzen stimmten nicht überall überein, als schlügen mindestens zwei Herzen in ihm.
    Ein schriller Schrei drang aus dem klaffenden Mund des Dings, und Sam zuckte zusammen und schrie auch überrascht auf. Das kam den unirdischen Lauten, die er im Wohnzimmer gehört hatte und die ihn hierher gelockt hatten, ziemlich nahe, aber er hatte geglaubt, sie wären vom Computer ausgegangen.
    Sam verzog das Gesicht, während das elektronische Heulen anschwoll und schmerzhaft schrill wurde, und sah vom offenen Mund der Menschmaschine zu ihren >Augen<. Die Sensoren glommen immer noch in den Höhlen. Ein inneres Licht schien in den rubinroten Perlen, und Sam fragte sich, ob sie ihn im Infrarotspektrum oder auf eine andere Weise wahrnahmen. Konnte Coltrane ihn überhaupt sehen? Vielleicht hatte die Menschmaschine die Menschenwelt zugunsten einer anderen Wirklichkeit aufgegeben, vielleicht war Sam eine Nebensächlichkeit für ihn, die gar nicht wahrgenommen wurde.
    Das Kreischen wurde leiser und brach unvermittelt ab.
    Ohne zu bemerken, was er tat, hatte Sam den Revolver gehoben und aus einer Entfernung von etwa vierzig Zentimetern auf Harley Coltranes Gesicht gerichtet. Er stellte zu seiner Verblüffung fest, daß er auch den Finger wieder um den Abzug gekrümmt hatte und vorhatte, dieses Ding zu vernichten.
    Er zögerte. Immerhin war Coltrane noch ein Mensch - wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Wer konnte sagen, ob er seinen momentanen Zustand nicht seinem Leben als gewöhnlicher Mensch vorzog? Wer konnte sagen, ob er so nicht glücklicher war? Sam fühlte sich nicht wohl in der Rolle des Richters, aber noch unwohler in der des Henkers. Als Mann, der das Leben als Hölle auf Erden betrachtete, mußte er die Möglichkeit bedenken, daß Coltranes Zustand eine Verbesserung war, ein Entkommen.
    Die glänzenden, halborganischen Kabel zwischen Mensch und Computer summten. Sie klapperten gegen die Skeletthände, von denen sie festgeklammert wurden.
    Coltranes Atem stank nach verwesendem Fleisch und überhitzten elektronischen Komponenten.
    Sensoren leuchteten und bewegten sich in den lidlosen Augenhöhlen.
    Coltranes Gesicht, das im Schein der Monitore golden wirkte, schien zu einem endlosen Schrei erstarrt zu sein. Die Adern, die an den Kiefern und Schläfen pulsierten, schienen nicht seinen Herzschlag wiederzugeben, sondern Parasiten zu sein, die sich unter der Haut wanden.
    Sam betätigte den Abzug mit einem Erschauern des Abscheus. In dem engen Raum hallte der Schuß wie Donner.
    Coltranes Kopf wurde von der Wucht des Schusses zurückgeschleudert, dann sackte er nach vorne und kam rauchend und blutend mit dem Kinn auf der Brust zu liegen.
    Die ekelhaften Kabel schwollen an und schrumpften und schwollen wieder an, wie im Rhythmus innerer Flüssigkeiten.
    Sam spürte, daß der Mann nicht völlig tot war. Er richtete den Revolver auf den Computerschirm.
    Eine von Coltranes Skeletthänden ließ das Kabel los, das sie festgehalten hatte. Sie packte mit einem Klick-schnipp-schnapp blanker Knochen Sams Handgelenk.
    Sam schrie auf.
    Elektronische Klicks und Klacks und Piepser und Summ-töne dröhnten durch das Zimmer.
    Die höllische Hand hielt ihn mit so unglaublicher Kraft fest, daß die Knochenfinger das Fleisch zusammendrückten und dann durch die Haut schnitten. Er spürte, wie unter dem Hemdsärmel warmes Blut am Arm hinabrann. Ihm wurde mit einem Anflug von Panik klar, daß die unmenschliche Kraft der Menschmaschine ausreichend war, ihm das Handgelenk zu brechen und ihn zu verkrüppeln. Im günstigsten Fall würde seine Hand mangels Blutzirkulation taub werden und der Revolver herunterfallen.
    Coltrane bemühte sich, den halb zerschmetterten Kopf zu heben.
    Sam dachte an seine Mutter im Autowrack, an das aufgerissene Gesicht, das ihn angrinste, grinste, stumm und reglos war, aber grinste...
    Er kickte panisch gegen Coltranes Stuhl und hoffte, dieser würde wegrollen und davonwirbeln. Die Bremsen der Rollen waren festgezogen.
    Die Knochenhand drückte fester, und Sam schrie. Sein Blick verschwamm.
    Trotzdem konnte er sehen, daß Coltrane langsam, langsam den Kopf hob.
    Mein Gott, ich will dieses zerschmetterte Gesicht nicht sehen!
    Sam kickte mit dem rechten Fuß, in den er sein ganzes Gewicht verlagerte, einmal, zweimal, dreimal gegen die Kabel zwischen Coltrane und dem Computer. Sie rissen bei Coltrane ab, platzten mit einem gräßlichen Geräusch aus dem Fleisch, und der Mann sackte auf dem Stuhl zusammen. Gleichzeitig öffnete sich die Knochenhand und fiel von Sams Handgelenk ab. Sie fiel mit einem kalten Klappern auf die harte Plastikmatte unter dem Stuhl.
    Elektronische Baßtöne pulsierten wie leise Trommelschläge und hallten von den Wänden wider, während darunter ein dünnes Wimmern unablässig über drei Töne hinweg an-und abschwoll.
    Keuchend und halb im Schock preßte Sam die linke Hand um das blutende Gelenk, als könnte das die stechenden Schmerzen stillen.
    Etwas strich an seinem Bein entlang.
    Er sah nach unten und erblickte die halborganischen Kabel, blassen Schlangen ohne Köpfe gleich, die immer noch mit dem Computer verbunden und von bösem Leben erfüllt waren. Sie schienen auch gewachsen zu sein und wirkten doppelt so lang wie vorher, als sie Coltrane noch mit der Maschine verbunden hatten. Eines packte seinen linken Knöchel, während sich das andere geschmeidig um die rechte Wade schlängelte.
    Er versuchte sich loszureißen.
    Sie hielten ihn fest.
    Sie krochen an seinen Beinen hinauf.
    Er wußte instinktiv, sie suchten nacktes Fleisch an seinem Oberkörper, bei Kontakt würden sie sich in ihn graben und ihn zu einem Bestandteil des Systems machen.
    Er hielt immer noch den Revolver in der blutigen rechten Hand. Er zielte auf den Bildschirm.
    Es strömten keine Daten mehr über das bernsteinfarbene Feld. Statt dessen sah Coltranes Gesicht vom Bildschirm heraus. Seine Augen waren wieder hergestellt, und es schien, als könnte er Sam sehen, denn er sah ihn direkt an und sprach zu ihm:
    »...brauche... brauche... will... brauche...«
    Ohne auch nur einen Bruchteil zu begreifen, wußte Sam, daß Coltrane noch am Leben war. Er war nicht mit seinem Körper gestorben - zumindest war er nicht völlig dahin. Er war da, irgendwie in der Maschine.
    Wie um diese Erkenntnis zu bestätigen, beeinflußte Coltrane das Glas des Bildschirms so, daß es die konvexe Ebene seiner Oberfläche aufgab und sich den Konturen seines Ge -sichts anpaßte. Das Glas wurde so flexibel wie Gelantine, wölbte sich nach außen, als würde Coltrane tatsächlich leibhaftig in der Maschine existieren und jetzt sein Gesicht herausdrücken.
    Dies war unmöglich. Und trotzdem passierte es. Harley Coltrane schien Kraft seines Geistes die Materie zu beherrschen - eines Geistes, der nicht einmal mehr mit dem Körper verbunden war.
    Sam war wie hypnotisiert vor Angst, erstarrt, gelähmt. Sein Finger lag reglos am Abzug.
    Die Wirklichkeit war eingerissen und durch diesen Riß drang eine Alptraumwelt von unendlicher Bösartigkeit in diese Welt herüber, die Sam kannte und - plötzlich - liebte.
    Eines der schlangengleichen Kabel hatte sich bis zu seiner Brust vorgearbeitet und drang unter den Pullover auf nackte Haut. Ihm war, als wäre er von einem weißglühenden Brandeisen gestreift worden, und dieser Schmerz brach den Bann.
    Er feuerte zwei Schuß in den Computer und zerschmetterte zuerst den Bildschirm, das zweite Gesicht von Harley Coltrane, in das er eine 38er-Kugel pumpte. Sam rechnete halb damit, daß es die Kugel ohne Wirkung absorbieren würde, aber die Kathodenröhre explodierte, als wäre sie immer noch aus Glas. Der zweite Schuß zerschmetterte die Innereien des Datenspeichers und machte dem Ding, das Coltrane geworden war, endgültig den Garaus.
    Die blassen, öligen Tentakel fielen von ihm ab. Sie warfen Blasen, fingen an zu blubbern und schienen vor seinen Augen zu verwesen.
    Unheimliche elektronische Piepstöne, Knistern und Oszillationen, nicht ohrenbetäubend laut, aber unangenehm stechend, tosten durch das Zimmer.
    Als Sam zu der Frau sah, die am anderen Computer saß, an der Ostwand, stellte er fest, daß die schleimglatten Kabel zwischen ihr und der Maschine ebenfalls länger geworden waren und es ihr ermöglichten, sich mit dem Stuhl umzudrehen und ihn anzusehen. Abgesehen von diesen halborganischen Verbindungen und ihrer Nacktheit befand sie sich in einem völlig anderen, aber deshalb nicht weniger teuflischen Zustand als ihr Mann. Auch ihre Augen waren verschwunden, aber in den Höhlen leuchteten keine unterschiedlichen Sensoren. Zwei rötliche Kugeln, dreimal so groß wie gewöhnliche Augen, erfüllten grotesk vergrößerte Augenhöhlen in einem Gesicht, das ihretwegen neu gestaltet worden war; es waren weniger Augen als vielmehr augenförmige Rezeptoren, die zweifellos imstande waren, verschiedene Lichtspektren zu sehen, und tatsächlich konnte Sam ein auf dem Kopf stehendes Bild von sich selbst in jeder Linse erkennen. Ihre Beine, Bauch, Brüste, Arme, Hals und Gesicht waren dicht von aufgequollenen Blutgefäßen überzogen, die direkt unter der Haut lagen und bis zum Bersten prall gefüllt zu sein schienen, daher sah sie aus, als wäre sie ein elektronischer Schaltplan. In einigen dieser Gefäße mochte tatsächlich Blut fließen, aber in anderen pulsierten Wogen radiumähnlicher Beleuchtung, manche grün und andere schwefelgelb.
    Eine in Segmente unterteile wurmähnliche Sonde, die etwa so dick wie ein Bleistift war, brach aus ihrer Stirn hervor, als wäre sie mit der Pistole geschossen worden, und streckte sich Sam entgegen, überwand die drei Meter zwischen ihnen binnen eines Sekundenbruchteils und traf ihn über dem rechten Auge, bevor er sich ducken konnte. Die Spitze fraß sich beim Kontakt in seine Haut. Er hörte ein surrendes Geräusch, als würden sich winzige Fräsen mit eine Geschwindigkeit von tausend Umdrehungen pro Minute drehen. Blut rann an seiner Stirn und der Nase hinab. Aber er feuerte, noch während die Sonde auf ihn zuschnellte, die beiden letzten Schüsse im Revolver ab. Beide Schüsse trafen ihr Ziel. Einer drang in den Oberkörper der Frau, der zweite ging in den Computer hinter ihr und löste einen Funkenschauer und knisterte elektrische Blitze aus, die zur Decke stoben und kurz über den Verputz krochen, ehe sie erloschen. Die Sonde erschlaffte und fiel von ihm ab, bevor sie sein Gehirn mit ihrem verbinden konnte, was offenbar ihre Absicht gewesen war.
    Abgesehen vom grauen Tageslicht, das durch papierdünne Schlitze zwischen den Streifen der Jalousien hereinfiel, war es dunkel in dem Zimmer.
    Sam erinnerte sich irrwitzigerweise an etwas, das einmal ein Computerspezailist während eines Seminars für Agenten gesagt hatte, als er erklärte, wie das neue System des Bureaus funktionierte: »Computer funktionieren noch effektiver, wenn sie miteinander verbunden sind, was eine parallele Datenverarbeitung ermöglicht.«
    Er blutete aus Stirn und Handgelenk, während er rückwärts taumelte, auf den Lichtschalter drückte und eine Stehlampe einschaltete. Er stand da - so weit als möglich von den beiden grotesken Leichen entfernt, daß er sie noch sehen konnte -, während er den Revolver mit Patronen nachlud, die er aus der Tasche seiner Jacke holte.
    Es war unnatürlich still in dem Zimmer.
    Nichts bewegte sich.
    Sams Herz schlug so schnell, daß seine Brust mit jedem Schlag weh tat.
    Er ließ zweimal Patronen fallen, weil seine Hände so stark zitterten. Er bückte sich nicht, um sie aufzuheben. Er war halb davon überzeugt, daß in dem Augenblick, in dem er nicht in einer Position war, zielgenau zu feuern oder zu fliehen, sich herausstellen würde, daß eine der toten Kreaturen überhaupt nicht tot war und sich wie ein Blitz auf ihn stürzen würde, funkensprühend, um ihn zu packten, bevor er sich aufrichten und ihr ausweichen konnte.
    Allmählich hörte er das Prasseln des Regens wieder. Nachdem er am Morgen etwas nachgelassen hatte, fiel er jetzt wieder heftiger denn je seit Ausbruch des Sturms vergangene Nacht. Kein Donner ließ den Tag erbeben, aber das furiose Trommeln des Regens selbst - und die isolierten Hauswände - hatten das Feuer wahrscheinlich so weit gedämpft, daß die Schüsse nicht von Nachbarn gehört worden waren. Er hoffte bei Gott, daß es so war. Ansonsten würden sie wahrscheinlich schon jetzt unterwegs sein, um nach dem Rechten zu sehen und seine Flucht zu vereiteln.
    Immer noch floß Blut von den Verletzungen an der Stirn, etwas geriet ihm ins rechte Auge. Es brannte. Er wischte das Auge mit dem Armel ab und blinzelte, so gut er konnte, die Tränen fort.
    Sein Handgelenk tat höllisch weh. Aber wenn es notwendig war, könnte er den Revolver auch links halten und auf kurze Entfernung hinreichend genau treffen.
    Als der 38er geladen war, schlich Sam wieder in das Zimmer, zum rauchenden Computer an der Westwand, wo Har-ley Coltranes mutierter Leichnam auf dem Stuhl hing und die Skelettarme herunterbaumeln ließ. Er ließ die tote Menschmaschine nicht aus den Augen, während er das Telefon vom Modem nahm und auflegte. Dann nahm er den Hörer wieder ab und vernahm zu seiner Erleichterung das Freizeichen.
    Sein Mund war so trocken, daß er nicht sicher war, ob er deutlich sprechen könnte, wenn sein Anruf durchgestellt würde.
    Er wählte die Nummer des FBI-Büros in Los Angeles.
    Ein Klicken in der Leitung.
    Eine Pause.
    Eine Tonbandstimme sagte: »Wir bedauern, daß wir Ihren Anruf momentan nicht durchstellen können.«
    Er legte auf und versuchte es noch einmal.
    »Wir bedauern, daß wir Ihren Anruf momentan nicht...«
    Er knallte den Hörer auf die Gabel.
    Man konnte nicht mit allen Telefonen in Moonlight Cove direkt durchwählen. Und bei denen, die funktionierten, konnte man offenbar auch nur bestimmte Nummern wählen. Genehmigte Nummern. Das hiesige Telefonnetz war zu einer ausgedehnten Sprechanlage für die Verwandelten geworden.
    Als er sich vom Telefon abwandte, hörte er, wie sich hinter ihm etwas bewegte. Verstohlen und schnell.
    Er wirbelte herum, und die Frau war drei Schritte entfernt. Sie war nicht mehr mit dem vernichteten Computer verbunden, aber eines der organisch aussehenden Kabel verlief vom Ansatz ihrer Wirbelsäule bis zu einer Steckdose an der Wand.
    Sam, der in seinem Entsetzen frei assoziierte, dachte: Soviel zu Ihrem unbeholfenen Ungeheuer, Dr. Frankenstein, soviel zu Stürmen und Gewittern, heutzutage stecken wir einfach die Monster in die Steckdose und verpassen ihnen ihre Ladung direkt, dank Pacific Power & Light.
    Sie gab ein schlangengleiches Zischen von sich und griff nach ihm. Anstelle von Fingern hatte ihre Hand drei Vielzweckstecker wie die Interfaces, mit denen die Elemente von Heimcomputern verbunden waren, aber diese Stecker waren so spitz wie Nägel.
    Sam duckte sich zur Seite, stieß mit dem Stuhl zusammen, auf dem Harley Coltrane noch hing, und wäre um ein Haar gestürzt, aber er feuerte aus der Bewegung auf das Ding. Er schoß die Kammern mit fünf 38er Patronen leer.
    Die ersten drei Schüsse warfen sie nach hinten und zu Boden. Die anderen beiden gingen fehl und rissen Verputz von den Wänden, weil er in seiner Panik nicht aufhören konnte abzudrücken, als sie aus der Schußlinie fiel.
    Sie versuchte aufzustehen.
    Wie ein gottverdammter Vampir, dachte er.
    Er brauchte das High-Tech-Aquivalent eines Holzpfahls, eines Kreuzes oder einer Silberkugel.
    In den Arterien, die ihren nackten Körper überzogen, pulsierte immer noch Licht, aber an manchen Stellen sprühte sie Funken, so wie die Computer, als er seine Schüsse auf sie abgefeuert hatte.
    Er hatte keine Patronen mehr im Revolver.
    Er suchte in den Taschen nach Munition.
    Er hatte keine.
    Verschwinde.
    Ein elektronisches Heulen, nicht ohrenbetäubend, aber nervenzerfetzender als tausend gefeilte Fingernägel, die gleichzeitig über eine Tafel kratzten, ging von ihr aus.
    Zwei in Segmente unterteilte, wurmähnliche Sonden platzten aus ihrem Gesicht und schössen auf ihn zu. Beide fielen wenige Zentimeter vor ihm herunter - vielleicht ein Zeichen nachlassender Energie - und kehrten zu ihr zurück wie Quecksilberspritzer, die wieder von der Hauptmasse aufgesogen wurden.
    Aber sie stand auf.
    Sam stolperte zur Tür, bückte sich und hob die zwei Kugeln auf, die er beim Laden der Waffe fallengelassen hatte. Er klappte die Trommel auf, schüttelte die leeren Messinghülsen heraus, steckte die beiden letzten Schüsse hinein.
    »...brauuuuuuuuuche... brauuuuuuuuuuuche...«
    Sie war auf den Beinen und kam auf ihn zu.
    Diesesmal hielt er die Smith & Wessen mit beiden Händen, zielte sorgfältig und schoß ihr in den Kopf.
    Den Datenspeicher wegpusten, dachte er in einem Anflug von schwarzem Humor. Der einzige Weg, eine entschlossene Maschine aufzuhalten. Nimm den Datenspeicher raus, und sie ist nichts weiter als ein Schrotthaufen.
    Sie brach auf dem Boden zusammen. Das rote Licht in ihren nichtmenschlichen Augen erlosch; jetzt waren sie schwarz. Sie lag vollkommen still.
    Plötzlich loderten Flammen aus ihrem von der Kugel durchbohrten Kopf, sie schlugen aus der Wunde, den Augen, der Nase und dem offenen Mund.
    Er ging rasch zu der Steckdose, mit der sie noch verbunden war, kickte gegen den halborganischen Stecker, der aus ihrem Körper gewachsen war, und brach ihn ab.
    Die Flammen loderten immer noch aus ihr.
    Er konnte sich keinen Hausbrand leisten. Man würde die Leichen finden und die Gegend, einschließlich Harrys Haus, gründlich durchsuchen. Er sah sich um und suchte nach etwas, das er auf sie werfen konnte, um das Feuer zu erstik-ken, aber das Feuer in ihrem Schädel wurde bereits schwächer. Sekunden später war es ausgebrannt.
    Die unterschiedlichsten Gerüche hingen in der Luft, über einige davon wollte er lieber nicht nachdenken.
    Ihm war ein wenig schwindlig. Übelkeit überkam ihn. Er würgte, biß die Zähne zusammen und schluckte das Erbrochene wieder hinunter.
    Er wollte zwar nichts lieber als hier heraus, dennoch nahm er sich die Zeit, beide Computer aus dem Netz zu ziehen. Sie waren funktionsuntüchtig und unrettbar beschädigt, aber er war von der irrationalen Angst erfüllt, daß sie wie Dr. Frankensteins selbstgebauter Mensch in einer Fortsetzung nach der anderen irgendwie wieder zum Leben er-wachen würden, wenn sie mit Elektrizität in Berührung kämen.
    Unter der Tür zögerte er, lehnte sich an den Türrahmen, um seine zitternden Beine etwas zu entlasten, und betrachtete die seltsamen Leichen. Er hatte damit gerechnet, daß sie tot ihre ursprünglichen Gestalten wieder annehmen würden, so wie Werwölfe im Kino, wenn sie eine Silberkugel ins Herz bekommen hatten oder mit einem Stock mit silbernem Knauf geschlagen worden waren, sich immer ein letztes Mal verwandelten und zu ihrem gequälten, allzu menschlichen Wesen wurden, das endlich von dem Fluch befreit war. Unglücklicherweise handelte es sich hier nicht um Lykanthro-pie. Dies war keine übernatürliche Heimsuchung, sondern etwas Schlimmeres, das Menschen ohne Hilfe von Dämonen oder Gespenstern oder anderen Wesen, die in der Nacht spukten, über sich gebracht hatten. Die Coltranes blieben so, wie sie gewesen waren, monströse Halbblüter aus Fleisch und Metall, Blut und Silikon - Mensch und Maschine.
    Er konnte nicht verstehen, wie sie zu dem geworden waren, was sie waren, aber er erinnerte sich dunkel daran, daß es ein Wort dafür gab, und das fiel ihm einen Augenblick später auch ein. Cyborg: eine Person, deren physiologische Funktion von einer mechanischen oder elektronischen Einrichtung unterstützt wurde oder davon abhängig war. Menschen, die Schrittmacher trugen, um Herzrhythmusstörungen auszugleichen, waren Cyborgs, und das war gut. Leute mit Nierenversagen - die regelmäßig Dialyse erhielten - waren Cyborgs, und auch das war gut. Aber bei den Coltranes war das Konzept ins Extrem übersteigert worden. Sie präsentierten die Alptraumseiten der fortgeschrittenen Kybernetik, indem nicht nur körperliche, sondern auch geistige Funktionen von Maschinen unterstützt und wahrscheinlich sogar größtenteils von ihnen abhängig geworden waren.
    Sam begann wieder zu würgen. Er wandte sich rasch von dem verrauchten Zimmer ab und ging durch das Haus zurück zur Küchentür, durch die er eingedrungen war.
    Er war bei jedem Schritt sicher, daß er, wenn er sich umdrehte, eine Stimme hinter sich hören würde, halb menschlieh und halb elektronisch - »brauuuuuuuuche...« - und einen Coltranes auf sich zustolpern sehen würde, vom letzten kleinen Rest Strom wiederbelebt, der in Batterien gespeichert war.
    Am Haupttor von New Wave Mikrotechnologie, im Hochland an der nördlichen Grenze von Moonlight Cove, blinzelte der Wachmann, der einen schwarzen Gummiregenmantel mit dem Wahrzeichen der Firma auf der Brust trug, in die Scheinwerfer des heranfahrenden Polizeiautos. Als er Loman erkannte, winkte er ihn durch, ohne ihn anzuhalten. Loman war hier schon, bevor er und sie Neue Menschen geworden waren, bestens bekannt gewesen.
    Macht, Prestige und Rentabilität von New Wave wurden nicht in einem bescheidenen Firmensitz verborgen. Die Anlage war von einem führenden Architekten entworfen worden, der abgerundete Ecken, stumpfe Winkel und die interessanten Gegensätze von gekrümmten Wänden - manche konkav, manche konvex - bevorzugte. Die beiden großen, dreistöckigen Bauwerke - das zweite war vier Jahre nach dem ersten erbaut worden - waren mit lederfarbenen Steinen verklinkert, hatten große getönte Scheiben und fügten sich gut in die Landschaft ein.
    Von den vierzehnhundert Menschen, die hier arbeiteten, lebten fast tausend in Moonlight Cove selbst. Der Rest wohnte in den umliegenden Gemeinden des County. Aber selbstverständlich wohnten alle innerhalb der Reichweite des Mikrowellensenders auf dem Dach des Hauptgebäudes.
    Während er der Straße um die großen Gebäude herum zum Parkplatz folgte, dachte Loman: Shaddack ist auf jeden Fall unser ureigenster Reverend Jim Jones. Muß sicher sein, daß er jeden einzelnen seiner treuen Anhänger jederzeit mit sich nehmen könnte, wenn er es will. Ein moderner Pharao. Wenn er stirbt, müssen alle, die ihm dienen, auch sterben, als erwarte er, daß sie ihm in der nächsten Welt weiter dienen. Scheiße. Glauben wir überhaupt noch an eine nächste Welt?
    Nein. Religiöser Glaube kam Hoffnung gleich, und dazu war emotionale Anteilnahme nötig.
    Die Neuen Menschen glaubten ebensowenig an Gott wie an den Nikolaus. Sie glaubten nur noch an die Allmacht der Maschine und das kybernetische Schicksal der Menschheit.
    Vielleicht glaubten manche von ihnen nicht einmal daran.
    Loman nicht. Er glaubte an überhaupt nichts mehr - was ihm Angst machte, denn er hatte früher an so vieles geglaubt.
    Das Verhältnis von Umsatz und Profit von New Wave zur Anzahl der Angestellten war selbst für den Industriezweig der Mikrotechnologie hoch; die Finanzkraft, die besten Köpfe der Branche bezahlen zu können, spiegelte sich im Prozentsatz der teuren Autos wieder, die auf den zwei großen Parkplätzen standen. Mercedes. BMW. Porsche. Corvette. Cadillac Seville. Jaguar. Hochkarätige japanische Importwagen mit allem Drum und Dran.
    Nur die Hälfte der üblichen Anzahl von Autos stand auf dem Platz. Es sah so aus, als würde ein großer Prozentsatz der Angestellten zu Hause per Modem arbeiten. Wie viele waren schon wie Denny?
    Die ordentlich Reihe für Reihe auf dem Asphalt geparkten Autos erinnerten Loman an die ordentlichen Grabsteinreihen auf einem Friedhof. Die stummen Motoren, das kalte Metall, Hunderte von nassen Windschutzscheiben, die den kahlen, grauen Herbsthimmel spiegelten, schienen plötzlich Vorboten des Todes zu sein. Für Loman repräsentierte dieser Parkplatz die Zukunft der ganzen Stadt: Stille, Schweigen, der schreckliche ewige Frieden des Friedhofs.
    Wenn die Behörden außerhalb von Moonlight Cove auf das aufmerksam wurden, was sich hier abspielte, oder wenn sich herausstellte, daß tatsächlich jeder einzelne der Neuen Menschen ein Regressiver - oder etwas Schlimmeres - und das Projekt Moonhawk eine Katastrophe war, würde das Ende nicht aus vergiftetem Pruchtsaft bestehen - wie bei Re-verend Jim Jones in Jonestown, sondern aus einer tödlichen Sendung von Mikrowellen, die in die Sprache des Programms übersetzt und entsprechend handeln würden. Tausende von Herzen würden gleichzeitig stehenbleiben. Die Neuen Menschen würden wie eine einzige Person zu Boden fallen, und Moonlight Cove würde im selben Augenblick zu einem Friedhof der Unbegrabenen werden.
    Loman fuhr durch den ersten Parkplatz auf den zweiten und dort zu der Reihe, die den Top-Angestellten vorbehalten war.
    Wenn ich darauf warte, bis Shaddack einsieht, daß Moonhawk schiefgegangen ist, dachte Loman, wird er es nicht tun, weil er das Schlamassel gerne bereinigen möchte, das er angerichtet hat - nicht diese verdammte Albino-Spinne von einem Mann. Er wird uns nur des Knalleffekts wegen mitnehmen, damit er mit einem gewaltigen Paukenschlag abtreten kann und die Welt voll Ehrfurcht seiner Macht gedenkt, ein Mann mit so gewaltiger Macht, daß er Tausenden befehlen konnte, gleichzeitig mit ihm zu sterben.
    Mehr als nur ein paar Kranke würden ihn als Helden betrachten und zum Götzen machen. Ein aufstrebendes junges Genie würde ihm nacheifern wollen. Das schwebte Shad-dack zweifellos vor. Wenn Moonhawk Erfolg hätte und einmal die gesamte Menschheit verwandelt würde, wäre Shad-dack buchstäblich Herr der Welt. Und schlimmstenfalls, wenn alles schiefginge und er Selbstmord begehen müßte, um nicht den Behörden in die Hände zu fallen, würde er zu einer beinahe mythischen Gestalt dunkler Inspiration werden, dessen böse Legende Legionen der Wahnsinnigen und Machtgierigen inspirieren würde - ein Hitler für das Silikonzeitalter.
    Loman bremste am Ende der Autoreihe.
    Er wischte sich über das fettige Gesicht. Seine Hand zitterte.
    Er war von der Sehnsucht erfüllt, seine Verantwortung aufzugeben und die Existenz des Regressiven zu suchen, die frei von allen Zwängen war.
    Aber er widerstand.
    Wenn es Loman gelänge, Shaddack zuerst zu töten, bevor er Selbstmord begehen könnte, würde die Legende verblassen. Loman würde ein paar Sekunden nach Shaddack sterben, wie alle Neuen Menschen, aber immerhin würde in der Legende fortleben, daß dieser High-Tech-Jim Jones durch die Hände eines seiner eigenen Geschöpfe gestorben war. Das würde zeigen, daß seine Macht begrenzt war; man würde ihn als klugen Mann betrachten, aber nicht klug genug, ein Gott mit Makeln, der Aufstieg und Fall mit Wells' Moreau eigen hatte, und man würde sein Schaffen alles in allem als irriges Streben erkennen.
    Loman bog rechts ab, fuhr die Parkplätze des leitenden Stabes entlang und mußte enttäuscht feststellen, daß weder Shaddacks Mercedes noch sein anthrazitfarbener Lieferwagen auf den reservierten Parkplätzen standen. Aber er konnte trotzdem dasein. Möglicherweise hatte ihn jemand anders ins Büro gefahren, oder er konnte anderswo geparkt haben.
    Loman fuhr den Streifenwagen auf den für Shaddack reservierten Parkplatz. Er machte den Motor aus.
    Er hatte den Revolver im Hüftgürtel. Er hatte sich schon zweimal vergewissert, daß e voll geladen war. Er vergewisserte sich noch einmal.
    Loman hatte zwischen Shaddacks Haus und New Wave einmal angehalten und eine Nachricht geschrieben, die er auf Shaddacks Leichnam zurücklassen wollte und auf der ausdrücklich stand, daß er seinen Schöpfer getötet hatte. Wenn die Behörden der nicht verwandelten Welt in Moon-light Cove einträfen, würden sie den Zettel finden und Bescheid wissen.
    Er wollte Shaddack aber nicht nur hinrichten, weil er von edlen Absichten getrieben wurde. Ein so hehres Selbstopfer erforderte Gefühle, die er nicht mehr erzeugen konnte. Er wollte Shaddack ermorden, weil er entsetzliche Angst hatte, Shaddack könnte etwas über Denny erfahren oder könnte herausfinden, daß andere auch das geworden waren, was Denny geworden war, und würde einen Weg finden, daß sie alle die unheilige Verbindung mit Maschinen eingingen.
    Augen aus geschmolzenem Silber...
    Speichel, der aus dem offenen Mund sabberte...
    Die segmentierte Sonde, die aus der Stirn des Jungen brach und die vaginale Hitze des Computers suchte...
    Diese Bilder, die ihm das Blut gefrieren ließen, und andere zogen in einer Endlosschleife der Erinnerungen durch Lo-mans Kopf.
    Er würde Shaddack umbringen, um zu verhindern, daß er selbst gezwungen würde, das zu werden, was Denny geworden war, die Vernichtung von Shaddacks Legende würde lediglich eine angenehme Nebenwirkung sein.
    Er steckte die Waffe in den Gurt und stieg aus dem Auto aus. Er eilte durch den Regen zum Haupteingang, betrat den Marmorboden der Lobby durch die Glastür, wandte sich nach rechts, entgegengesetzt von den Fahrstühlen, und näherte sich dem Empfang. Was den Luxus anbetraf, konnte die Firma es mit den teuersten Büros der High-Tech-Firmen im berühmteren, weiter südlich gelegenen Silicon Valley aufnehmen. Fein gemaserte Marmorverkleidungen, Messingverzierungen, erlesene Kristall-Leuchter und moderne Kristall-Lüster legten Zeugnis vom Erfolg von New Wave ab.
    Die Frau am Empfang war Dora Hankins. Er kannte sie schon sein ganzes Leben lang. Sie war ein Jahr älter als er. Er war an der High School ein paarmal mit ihrer Schwester ausgegangen.
    Sie sah auf, als er näher kam, sagte aber nichts.
    »Shaddack?« fragte er.
    »Nicht da.«
    »Bist du sicher?«
    »Ja.«
    »Wann kommt er wieder?«
    »Das kann dir seine Sekretärin sagen.«
    »Ich gehe rauf.«
    »Gut.«
    Während er in den Fahrstuhl trat und auf den Knopf mit der 3 drückte, dachte Loman an die kurze Unterhaltung, die er und Dora Hankins geführt haben würden, bevor sie verwandelt worden waren. Sie hätten miteinander geplänkelt, sich das Neueste von ihren Familien erzählt und Bemerkungen über das Wetter gemacht. Jetzt nicht mehr. Unterhaltungen gehörten zu den Freuden einer vergangenen Welt. Als Verwandelte konnten sie nichts mehr damit anfangen. Loman konnte sich zwar noch daran erinnern, daß solche Unterhaltungen einmal Bestandteil des zivilisierten Lebens gewesen waren, aber er wußte nicht mehr, warum er sie einmal als wichtig angesehen hatte oder welche Art Freude sie ihm geschenkt hatten.
    Shaddacks Bürosuite lag an der nordwestlichen Ecke des dritten Stocks. Der erste Raum nach dem Flur war die Empfangshalle, in der üppige beigefarbene Edward-Fields-Tep-piche lagen und die mit plumpen Roche-Bobois-Sofas und Messingtischen mit zollstarken Glasplatten möbliert war. Einziger Kunstgegenstand war ein Gemälde von Jasper Johns - ein Original, kein Druck.
    >Was wird in der kommenden schönen neuen Welt aus den Künstlern?< überlegte Loman.
    Aber er kannte die Antwort. Es würde keine mehr geben. Kunst waren Emotionen, die mit Farbe auf Leinwand ausgedrückt wurden, als Worte auf Papier oder Musik in einer Oper. In der neuen Welt würde es keine Kunst geben. Und falls doch, würde es eine Kunst der Angst sein. Die von Schriftstellern am häufigsten benützten Worte würden Synonyme für die Dunkelheit sein. Die Musiker würden in der einen oder anderen Form Totenklagen komponieren. Die von Malern am häufigsten verwendete Farbe würde Schwarz sein.
    Vicky Lanardo, Shaddacks Privatsekretärin, saß an ihrem Schreibtisch. Sie sagte: »Er ist nicht da.«
    Die Tür zu Shaddacks geräumigem Büro hinter ihr stand offen. Kein Licht war eingeschaltet. Er wurde lediglich vom Licht des verregneten Tages erhellt, das als aschefarbene Streifen durch die Jalousien drang.
    »Wann kommt er?«
    »Ich weiß nicht.«
    »Keine Verabredungen?«
    »Keine.«
    »Wissen Sie, wo er ist?«
    »Nein.«
    Loman ging hinaus. Er schlenderte eine Weile durch die verlassenen Flure, Büros, Laboratorien und Testsäle und hoffte, er würde Shaddack entdecken.
    Aber er kam nach einer gewissen Zeit zu der Überzeugung, daß sich Shaddack nicht in der Firma aufhielt. Offenbar wollte der große Mann am letzten Tag von Moonlight Coves Verwandlung mobil bleiben.
    Wegen mir, dachte Loman. Wegen dem, was ich gestern nacht in Peysers Haus zu ihm gesagt habe. Er hat Angst vor mir, und er bleibt entweder in Bewegung oder hat sich irgendwo versteckt, wo ich ihn nur schwer finden kann.
    Loman verließ das Gebäude, ging zum Streifenwagen und machte sich auf die Suche nach seinem Schöpfer.
    Sam saß im unteren Badezimmer neben der Küche von der Taille aufwärst nackt auf der Kommode, während Tessa dieselben Maßnahmen an ihm durchführte, die sie zuvor bei Chrissie vorgenommen hatte. Aber Sams Verletzungen waren ernster als die des Mädchens.
    Die Haut war an einer centgroßen äelle auf der Stirn, direkt über dem rechten Auge, abgeschabt worden, das Fleisch in der Mitte des Kreises war völlig weggefressen, blanker Knochen war in einem Durchmesser von etwa vier Millimetern zu sehen. Es erforderte ein paar Minuten konstanten Drucks, die Blutung dieser Verletzung zu stillen, gefolgt von Jod-Desinfektion, einem Sprühverband und einer fest aufgelegten Mullbinde. Doch ungeachtet dieser Bemühungen wurde der Mull allmählich rot.
    Während sich Tessa an ihm zu schaffen machte, erzählte Sam ihr, was geschehen war.
    »...und wenn ich ihr nicht genau in den Kopf geschossen hätte, wenn ich eine Sekunde langsamer gewesen wäre, dann hätte sich, glaube ich, diese verdammte Sonde, oder was es auch immer gewesen ist, direkt in meinen Schädel gebohrt und das Gehirn so wie ihres mit diesem Computer verbunden.«
    Chrissie, die die Toga wieder gegen Jeans und Bluse ausgetauscht hatte, stand im Badezimmer und war totenblaß, wollte aber alles hören.
    Harry hatte den Rollstuhl vor die Tür gefahren.
    Moose lag vor Sam, nicht vor Harry. Der Hund schien zu merken, daß der Besucher momentan mehr Trost brauchte als Harry.
    Sam war kälter als sein Aufenthalt im kalten Regen erklären konnte. Er zitterte, ab und zu wurde das Zittern so heftig, daß seine Zähne klapperten. •
    Je länger Sam redete, desto kälter wurde es auch Tessa zumute, und wenig später hatte sich sein Zittern auf sie übertragen.
    Sein Handgelenk war auf beiden Seiten zerschnitten, wo Harley Coltrane ihn mit seiner kräftigen Knochenhand umklammert hatte. Aber es waren keine wichtigen Blutgefäße verletzt; keiner der Schnitte mußte genäht werden, und Tes-sa konnte die Blutungen rasch stillen. Die Blutergüsse, die sich gerade erst abzeichneten und frühestens in ein paar Stunden voll erblüht sein würden, würden schlimmer werden als die Schnittwunden. Er beschwerte sich über Schmerzen im Handgelenk, und seine Hand war schwach, aber sie glaubte nicht, daß Knochen gebrochen oder zerquetscht worden waren.
    »...als wäre ihnen irgendwie die Fähigkeit verliehen worden, ihre Körpergestalt zu verändern«, sagte Sam zitternd, »so daß sie sich in alles verwandeln können. Verstand über Materie, genau wie Chrissie gesagt hat, als sie uns von dem Priester erzählte, der sich in die Kreatur aus diesem Film verwandelt hat...«
    Das Mädchen nickte.
    »Ich meine, sie veränderten sich vor meinen Augen, ließen sich diese Sonden wachsen und versuchten, mich damit zu harpunieren. Und dennoch schienen sie sich bei aller un-glaublichen Kontrolle über ihre Körper, über ihre stoffliche Substanz, offenbar nur in etwas... aus einem Alptraum verwandeln zu wollen.«
    Die Verletzung am Unterleib war die geringfügigste der drei. Die Haut war, wie an der Stirn, in einem pfenniggroßen Kreis abgeschürft, aber die Sonde, die ihn dort getroffen hatte, schien mehr dazu gedacht gewesen zu sein, sich in ihn zu brennen anstatt zu fräsen. Das Fleisch war versengt, die Wunde selbst ziemlich verbrannt.
    Harry sagte im Rollstuhl: »Sam, glauben Sie, daß es wirklich Menschen sind, die sich selbst kontrollieren, die sich entschieden haben, maschinenähnlich zu werden, oder sind es Menschen, die irgendwie gegen ihren Willen von Maschinen übernommen worden sind?«
    »Ich weiß nicht«, sagte Sam. »Ich schätze, es könnte beides möglich sein.«
    »Aber wie können sie übernommen worden sein, wie konnte es geschehen, wie lassen sich solche Veränderungen im menschlichen Körper bewerkstelligen? Und wie paßt das, was mit dem Computer passiert ist, zu den Schreckgespenstern?«
    »Wenn ich das nur wüßte«, sagte Sam. »Irgendwie hängt das alles mit New Wave zusammen. Muß so sein. Und keiner von uns hier weiß besonders viel über die Beschaffenheit dieser Technologie, daher haben wir nicht einmal das Grundwissen, mit dem wir intelligente Spekulationen anstellen könnten. Für uns könnte es Magie sein, das Übernatürliche. Wir können nur dann wirklich verstehen, was hier vor sich geht, wenn wir Hilfe von außerhalb bekommen, wenn wir Moonlight Cove abriegeln, die Unterlagen und Forschungsstätten von New Wave beschlagnahmen und alles so rekonstruieren, wie Feuerwehrleute eine Brandursache anhand der Überreste in der Asche rekonstruieren können.«
    »Asche?« fragte Tessa, während Sam aufstand und sie ihm half, das Hemd anzuziehen. »Diese Worte von Feuer und Asche - und andere Dinge, die Sie gesagt haben -, hören sich ganz so an, als wären Sie der Meinung, daß die Ereignisse in Moonlight Cove immer schneller auf eine Explosion zustreben.«
    »So ist es«, sagte er.
    Er versuchte zuerst, das Hemd mit einer Hand zuzuknöpfen, aber dann ließ er es Tessa machen. Sie bemerkte, daß seine Haut immer noch kalt war und das Zittern nicht mit der Zeit nachließ.
    Er sagte: »Die vielen Morde, die sie vertuscht haben, die Wesen, die durch die Nacht streichen... man gewinnt den Eindruck, daß ein Zusammenbruch angefangen hat, daß das, was sie vorhatten, nicht wie geplant verlief und der Zusammenbruch sich immer mehr beschleunigt.« Er atmete zu flach, zu schnell. Er machte eine Pause und atmete tief durch. »Was ich im Haus der Coltranes gesehen habe... das sah nicht wie etwas aus, das jemand geplant hat, das man Menschen antun möchte oder das sie sich selbst antun wollten. Es sah wie ein außer Kontrolle geratenes Experiment aus, wie eine amoklaufende Biologie, wie eine Wirklichkeit, deren Innerstes nach außen gekehrt wurde, und ich schwöre bei Gott, wenn solche Geheimnisse in den Häusern dieser Stadt versteckt werden, dann muß das gesamte Projekt über New Wave zusammenbrechen, und zwar heftig und schnell, ob sie es zugeben wollen oder nicht. Alles geht hoch, jetzt im Augenblick, eine gigantische Explosion, und wir sind mittendrin.«
    Von dem Augenblick, als er von Regen und Blut tropfend durch die Küchentür gestolpert war, und während der ganzen Zeit, als Tessa seine Wunden gesäubert und verbunden hatte, war ihr etwas aufgefallen, das ihr mehr Angst machte als seine Blässe und das Zittern. Er berührte sie ständig. Er hatte Tessa in der Küche umarmt, als sie erschrocken stöhnend das blutende Loch in seiner Stirn bemerkt hatte, hatte sie gehalten und sich an sie gelehnt und ihr versichert, daß alles mit ihm in Ordnung war. Aber er schien sich in erster Linie selbst zu versichern, daß mit Harry und Chrissie und ihr selbst alles in Ordnung war, als hätte er damit gerechnet, daß er zurückkäme und sie wären... verwandelt. Er umarmte Chrissie, als wäre sie seine eigene Tochter, und er sagte: » Alles wird gut, alles wird gut werden«, als er sah, wie ängstlich sie war. Harry streckte ihm tröstend die Hand entgegen, und Sam nahm sie und wollte sie nicht mehr loslas -sen. Während Tessa im Bad seine Verletzungen behandelt hatte, hatte er mehrmals ihre Hände und Arme berührt und einmal ihre Wange gestreichelt, als hätte er nicht fassen können, wie weich und warm ihre Haut war. Er hatte auch Chrissie berührt, als sie im Badezimmer gestanden hatte, tätschelte ihre Schulter, hielt ihre Hand einen Augenblick und drückte sie zuversichtlich. Bisher hatte er solche Kontakte immer gemieden. Er war reserviert gewesen, verschlossen, kühl, sogar distanziert. Aber im Verlauf der halben Stunde, die er im Haus der Coltranes verbracht hatte, hatte ihn das, was er dort erlebt hatte, so durch und durch erschüttert, daß seine selbstgewählte Isolation einen breiten Sprung bekommen hatte; er wollte und brauchte auf einmal menschliche Nähe, die er noch vor kurzer Zeit nicht so erstrebenswert wie gutes mexikanisches Essen, Guinness Stout und Goldie-Hawn-Filme gefunden hatte.
    Wenn sie über das Ausmaß des Grauens nachdachte, das erforderlich war, ihn so unvermittelt und grundlegend zu verändern, hatte Tessa mehr Angst denn je, weil Sam Bookers Bekehrung der eines Sünders gleichkam, der auf dem Totenbett in die Hölle blickt und sich verzweifelt an den Gott wendet, den er einst verabscheute, und Trost und Beruhigung sucht. War er jetzt nicht mehr so sicher, daß sie davonkommen würden? Vielleicht suchte er Kontakt zu seinen Mitmenschen, den er sich so viele Jahre vorenthalten hatte, weil er der Überzeugung war, daß ihnen nur noch Stunden blieben, in denen er die Ge meinschaft mit seinen Mitmenschen erleben konnte, bevor die große, tiefe und endlose Dunkelheit über sie kam.
    Shaddack erwachte aus seinem vertrauten und tröstlichen Traum von Menschen und Maschinenteilen, die zu einem weltweiten Mechanismus unschätzbarer Macht und geheimnisvoller Ziele verbunden waren. Wie immer hatte ihn der Traum ebenso erfrischt wie der Schlaf selbst.
    Er stieg aus dem Lieferwagen aus und streckte sich. Er verschaffte sich mit Werkzeugen, die er in der Garage fand, Zutritt zum Haus der verstorbenen Paula Parkins. Er benützte ihre Toilette, dann wusch er sich Hände und Gesicht.
    Nachdem er in die Garage zurückgekehrt war, zog er das große Tor in die Höhe. Er fuhr den Wagen in die Einfahrt, wo er Daten per Mikrowelle besser empfangen und senden konnte.
    Es regnete immer noch, Vertiefungen im Rasen waren mit Wasser vollgelaufen. Erste Nebelschwaden kräuselten sich bereits in der windstillen Luft, was bedeutete, daß die Nebelbänke, die später vom Meer hereinzogen, dichter als die vergangene Nacht sein würden.
    Er nahm noch ein Schinkensandwich und eine Cola aus der Kühltasche und aß, während er den Stand von Projekt Moonhawk über das VDT des Lieferwagens abrief. Die zwischen sechs und achtzehn Uhr geplanten vierhundertfünfzig Verwandlungen wurden derzeit vollzogen. Um zwölf Uhr fünfzig, nach etwas weniger als sieben Stunden des zwölf-stündigen Programms, hatten bereits dreihundertundneun die letzte Dosis Mikrokugeln erhalten. Die Verwandlungsteams waren dem Zeitplan weit voraus.
    Er überprüfte den Stand der Suche nach Samuel Booker und Tessa Lockland. Keiner war gefaßt worden.
    Shaddack hätte ihr Verschwinden Kopfzerbrechen bereiten müssen. Aber er war unbesorgt. Schließlich hatte er den Mondfalken gesehen, nicht einmal, sondern dreimal, und er zweifelte nicht daran, daß er letztendlich alle seine Ziele erreichen würde.
    Auch die Tochter der Fosters war noch nicht wiederaufgetaucht. Auch ihretwegen machte er sich keine Gedanken. Wahrscheinlich war sie in der Nacht etwas Mörderischem über den Weg gelaufen. Manchmal konnten die Regressiven nützlich sein.
    Vielleicht waren Booker und die Lockland denselben Kreaturen zum OpfeiA gefallen. Es wäre ironisch, wenn die Regressiven - der einzige Makel des Projekts, möglicherweise sogar ein ernster - die Sicherheit des Projekts Moonhawk gewährleistet haben würden.
    Er versuchte über VDT, Tucker bei sich zu Hause und bei New Wave zu erreichen, aber der Mann war nirgendwo. Konnte Watkins recht haben? War Tucker ein Regressiver, der, wie Peyser, nicht mehr in seine menschliche Gestalt zurückkehren konnte? War er momentan dort draußen im Wald und saß in seinem veränderten Dasein fest?
    Shaddack schaltete seufzend den Computer aus. Wenn um Mitternacht alle verwandelt worden waren, würde die erste Phase von Moonhawk nicht beendet sein. Noch nicht ganz. Sie mußten offenbar einige Schlamassel beseitigen.
    Im Keller der Ikarus-Kolonie waren drei Körper zu einem geworden. Die entstandene Wesenheit war ohne feste Gestalt, ohne Skelett, ohne hervorstechende Merkmale, eine Masse pulsierenden Gewebes, das lebte, obwohl es kein Gehirn, kein Herz und keine Blutgefäße hatte, und keine irgendwie gearteten Organe. Es war urzeitlich, eine dicke Proteinsuppe, ohne Gehirn, aber bei Bewußtsein, ohne Augen, aber sehend, ohne Ohren, aber hörend, ohne Eingeweide, aber hungrig.
    Die Ballungen der Mikrokugeln im Inneren hatten sich aufgelöst. Der innere Computer konnte in der radikal veränderten Substanz des Wesens nicht mehr funktionieren, umgekehrt hatte das Wesen keinerlei Verwendung mehr für die biologische Unterstützung, für die die Mikrokugeln entworfen worden waren. Es war nicht mehr mit Sonne, dem Computer bei New Wave, verbunden. Wenn die Mikrowellensender den Todesbefehl sendeten, würde es den Befehl nicht empfangen - und leben.
    Es war zum Meister seiner Physiologie geworden, indem es sich zur unkomplizierten Essenz stofflicher Existenz reduziert hatte.
    Auch die Bewußtseinsinhalte waren zu einem verschmolzen. Dem Bewußtsein, das jetzt in der Dunkelheit hauste, fehlte ebenso eine komplexe Form wie dem amorphen, gallertartigen Körper, den es bewohnte.
    Es hatte seine Erinnerung aufgegeben, weil Erinnerungen zwangsläufig Ereignissen und Beziehungen mit Konsequenzen galten, und Konsequenzen - gut oder schlecht - bedeuteten, daß man für seine Taten verantwortlich war. Aber die Flucht vor der Verantwortung hatte das Wesen ja überhaupt erst zur Regression getrieben. Schmerzen waren auch ein Grund, die Erinnerungen abzustreifen - die Schmerzen, sich an alles zu erinnern, was man verloren hatte.
    Und es hatte ebenso die Fähigkeit aufgegeben, an die Zukunft zu denken, zu planen und zu träumen.
    Jetzt hatte es keine Vergangenheit mehr, an die es sich erinnerte, und die Vorstellung einer Zukunft lag außerhalb seiner Reichweite. Es lebte nur für den Augenblick, dachte nicht, fühlte nichts, kümmerte sich um nichts.
    Es hatte nur ein Bedürfnis. Zu überleben.
    Und zum Überleben brauchte es nur eines. Nahrung.
    Die Frühstücksteller waren vom Tisch abgeräumt worden, während sich Sam im Haus der Coltranes aufgehalten und Monster bekämpft hatte, die offenbar teils Mensch, teils Computer und teils Zombies waren - und möglicherweise, wer konnte das sagen, teils Toasterheizung. Nachdem Sam verbunden war, versammelte sich Chrissie wieder mit ihm und Tessa und Harry um den Küchentisch, um sich anzuhören, wie sie ihr weiteres Vorgehen planten.
    »Das größte Problem unserer Zeit«, sagte Sam, »ist, wie kann man den technischen Fortschritt beschleunigen, wie kann man ihn dazu benutzen, die Lebensqualität zu verbessern, ohne sich davon überwältigen zu lassen. Können wir den Computer dazu benutzen, unsere Welt neu zu planen, unser Leben neu zu gestalten, ohne ihn eines Tages blind anzubeten?« Er zwinkerte Tessa zu und sagte: »Das ist keine dumme Frage.«
    Tessa runzelte die Stirn. »Das habe ich auch nicht gesagt. Manchmal vertrauen wir den Maschinen blind, wir neigen dazu, alles, was uns der Computer sagt, als Evangelismus zu betrachten... «
    »Den alten Leitspruch zu vergessen«, warf Harry ein, »der da lautet >Müll rein, Müll raus<.«
    »Genau«, stimmte Tessa zu. »Wenn wir Daten und Analysen von Computern bekommen, tun wir manchmal so, als wären die Maschinen unfehlbar. Und das ist gefährlich, denn Computer können von einem Wahnsinnigen erdacht, entwickelt und angewendet werden, vielleicht nicht so leicht wie von einem gütigen Genie, aber ebenso wirksam.«
    Sam sagte: »Aber die Menschen haben die Neigung - nein, sogar den Wunsch, den tiefempfundenen Willen -, von Maschinen abhängig zu sein.«
    »Ja«, sagte Harry, »das liegt an unserer verdammten Veranlagung, Verantwortung, soweit es geht, von uns zu weisen. Der feige Wunsch, sich der Verantwortung zu entziehen, ist in unseren Genen gespeichert, das schwöre ich, und wir bringen es in dieser Welt nur zu etwas, wenn wir unsere natürliche Neigung, vollkommen verantwortungslos zu sein, ständig bekämpfen. Manchmal frage ich mich, ob wir das vom Teufel bekommen haben, als Eva auf die Schlange hörte und den Apfel aß - diese Abneigung gegenüber Verantwortung. Das ist die Ursache der meisten Übel.«
    Chrissie stellte fest, daß dieses Thema Harry aufbrachte. Er richtete sich mit seinem guten Arm und etwas Unterstützung durch das halb gesunde Bein höher in seinem Rollstuhl auf. Sein bisher blasses Gesicht bekam Farbe. Er ballte eine Hand zur Faust und sah sie durchdringend an, als hielte er etwas Kostbares in diesem festen Griff, als hielte er seinen Gedanken dort fest und wollte ihn nicht loslassen, bevor er ihn in allen Einzelheiten durchdacht hatte.
    Er sagte: »Die Menschen stehlen und töten und lügen und betrügen, weil sie keine Verantwortung füreinander empfinden. Politiker wollen Macht, und sie wollen Ruhm, wenn ihre Politik erfolgreich war, aber sie übernehmen selten die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht. Die Welt ist voller Menschen, die einem sagen wollen, wie man sein Leben zu leben hat, wie man sich den Himmel auf Erden schafft, aber wenn sich ihre Vorstellungen als schlecht erweisen, wenn es mit einem Dachau oder einem Gulag oder Massakern wie nach unserem Rückzug aus Südostasien endet, drehen sie sich um, sehen weg und tun so, als wären sie nicht für die Gemetzel verantwortlich.«
    Er zitterte, und Chrissie zitterte auch, obwohl sie nicht sicher war, daß sie alles verstanden hatte, was er gesagt hatte.
    »Mein Gott«, fuhr er fort, »wenn ich einmal darüber nachgedacht habe, dann habe ich tausendmal darüber nachgedacht, vielleicht zehntausendmal, und das wahrscheinlich nur wegen des Krieges.«
    »Sie meinen Vietnam?« sagte Tessa.
    Harry nickte. Er sah immer noch seine Faust an. »Wenn man im Krieg überleben wollte, mußte man jede Minute des Tages Verantwortung für sein eigenes Handeln übernehmen, ohne zu zögern. Und man mußte auch für seine Kameraden verantwortlich sein, denn man konnte nicht alleine, auf sich gestellt, überleben. Das ist vielleicht das einzige Positive daran, im Krieg zu kämpfen - er klärt das Denken und macht einem bewußt, daß Verantwortungsgefühl die guten Menschen, von den verdammten unterscheidet. Ich bedaure den Krieg nicht, nicht einmal angesichts dessen, was mir dort zugestoßen ist. Ich habe diese große Lektion gelernt, habe gelernt, in allen Belangen verantwortungsbewußt zu sein, und ich empfinde immer noch Verantwortung den Menschen gegenüber, für die wir gekämpft haben, das werde ich immer, und wenn ich manchmal daran denke, wie wir sie im Stich gelassen haben, an die Schlachtfelder, die Massengräber, dann liege ich nachts wach und weine, weil sie von mir abhängig waren; und in dem Maß, wie ich an dem Geschehen beteiligt war, habe ich sie im Stich gelassen und bin dafür verantwortlich.«
    Sie schwiegen alle.
    Chrissie verspürte einen eigentümlichen Druck in der Brust, dasselbe Gefühl, das sie immer in der Schule gehabt hatte, wenn ein Lehrer - irgendein Lehrer, irgendein Thema
    - über etwas redete, das ihr bislang unbekannt gewesen war und das sie so sehr beeindruckte, daß es ihren Eindruck von der Welt veränderte. Es kam nicht oft vor, aber es war stets ein furchteinflößendes und wunderbares Gefühl. Sie verspürte es jetzt auch, nach Harrys Worten, aber das Gefühl war zehnmal oder hundertmal stärker, als es jemals gewesen war, wenn ihr neues Wissen in Geographie oder Mathematik oder Naturwissenschaften vermittelt worden war.
    Tessa sagte: »Harry, ich finde in diesem Fall ist Ihr Verantwortungsgefühl übertrieben.«
    Er sah endlich von seiner Faust auf. »Nein. Niemals. Das Gefühl der Verantwortung für andere kann niemals übertrieben sein.« Er lächelte sie an. »Aber ich kenne Sie gerade gut genug, um zu vermuten, daß Ihnen das längst klar ist, Tessa, ob es Ihnen bewußt ist oder nicht.« Er sah Sam an und sagte: »Manche, die aus dem Krieg heimgekehrt sind, haben überhaupt nichts Gutes darin gesehen. Wenn ich sie treffe, vermute ich immer, daß sie die Lektion nie gelernt haben und gehe ihnen aus dem Weg - obwohl das wahrscheinlich unfair ist. Aber ich kann nichts dafür. Wenn ich dagegen einen Mann treffe, der seine Lektion im Krieg gelernt hat, vertraue ich ihm von ganzen Herzen. Ich würde ihm von ganzer Seele vertrauen, und das scheint in unserem Fall ja zu sein, was sie uns nehmen wollen. Sie werden uns hier herausbringen, Sam.« Er machte die Faust auf. »Daran zweifle ich nicht im geringsten.«
    Tessa schien überrascht. Sie sagte zu Sam: »Sie waren in Vietnam?«
    Sam nickte. »Zwischen dem Junior College und dem FBI.«
    »Aber das haben Sie nie erwähnt. Als wir heute morgen das Frühstück machten und Sie mir die Gründe aufgezählt haben, weshalb Sie die Welt so anders sehen als ich, haben Sie den Tod Ihrer Frau erwähnt, die Ermordung Ihrer Partner, die Situation mit Ihrem Sohn, aber nicht das.«
    Sam betrachtete sein bandagiertes Handgelenk eine Weile und sagte schließlich: »Der Krieg ist das persönlichste Erlebnis meines Lebens.«
    »Was für seltsame Worte.«
    »Überhaupt nicht seltsam«, sagte Harry. »Das intensivste und persönlichste.«
    Sam sagte: »Wenn ich nicht damit fertig geworden wäre, würde ich vielleicht immer noch darüber reden, wahrscheinlich ständig. Aber ich bin damit fertig geworden. Ich habe es verstanden. Und wenn ich mich jetzt beiläufig mit jemandem darüber unterhalten würde, den ich gerade erst kennengelernt habe, würde ich es wohl... abwerten, schätze ich.«
    Tessa sah Harry an und sagte: »Aber Sie wußten, daß er in Vietnam war?«
    »Ja.«
    »Wußten es einfach irgendwie.«
    »Ja.«
    Sam hatte sich über den Tisch gebeugt. Jetzt ließ er sich auf den Stuhl zurücksinken. »Harry, ich schwöre, daß ich alles versuchen werde, uns hier herauszubringen. Ich wünschte nur, ich würde besser verstehen, womit wir es zu tun haben. Es geht alles von New Wave aus. Aber was genau haben sie getan, und wie kann man es aufhalten? Und wie soll ich damit fertig werden, wenn ich es nicht einmal verstehe'?«
    Bis zu diesem Punkt hatte Chrissie den Eindruck gehabt, daß die Unterhaltung schlichtweg über ihren Horizont ging, obwohl alles faszinierend gewesen war und einiges das Ge -fühl zu lernen in ihr ausgelöst hatte. Jetzt spürte sie, daß sie etwas beisteuern mußte: »Sind Sie wirklich sicher, daß es keine Außerirdischen gibt?«
    »Wir sind sicher«, sagte Tessa und lächelte ihr zu, und Sam zerzauste ihr das Haar.
    »Nun«, sagte Chrissie, »ich meine, vielleicht sind Außerirdische bei New Wave gelandet und haben es als Stützpunkt benützt, und vielleicht wollen sie uns alle in Maschinen verwandeln, so wie die Coltranes, damit wir ihnen als Sklaven dienen können - was vernünftiger scheint als uns zu essen, wenn man genauer darüber nachdenkt. Schließlich sind sie Außerirdische, und das bedeutet, sie haben außerirdische Mägen und außerirdische Verdauungssäfte, und wir würden ihnen Sodbrennen oder sogar Durchfall verschaffen.«
    Sam, der auf dem Stuhl neben Chrissie saß, nahm ihre beiden Hände behutsam in seine, weil er sich ihrer Aufschürfung ebenso bewußt war wie seines zerschnittenen Handgelenks. »Chrissie, ich weiß nicht, ob du aufmerksam zugehört hast, was Harry gesagt hat...«
    »O ja«, sagte sie sofort, »ganz genau.«
    »Nun, dann wirst du begreifen, daß auch das, die Schrek-ken Außerirdischen in die Schuhe zu schieben, nur ein Weg ist, die Verantwortung von da abzuwälzen, wo sie wirklich hingehört - zu uns, den Menschen, und unserer sehr realen und sehr großen Fähigkeit, einander Böses anzutun. Es ist schwer vorstellbar, daß jemand, auch ein Verrückter, das aus den Coltranes machen wollte, was sie geworden sind, aber offenbar wollte jemand genau das. Wenn wir versuchen, die Schuld auf Außerirdische abzuwälzen - oder den Teufel oder Gott oder Trolle, was auch immer -, werden wir die Situation wahrscheinlich nicht klar genug einschätzen können, um einen Weg zu finden, uns zu retten. Verstehst du das?«
    »Irgendwie schon.«
    Er lächelte sie an. Er hatte ein sehr hübsches Lächeln, obwohl er nicht oft Gebrauch davon machte. »Ich glaube, du verstehst es besser als nur >irgendwie schon<.«
    »Mehr als nur irgendwie schon<«, stimmte Chrissie zu. »Es wäre sicher schön, wenn es Außerirdische wären, denn dann müßten wir nur ihr Nest oder ihren Stock oder was auch immer finden, müßten sie ausbrennen, vielleicht ihr Raumschiff in die Luft sprengen, und das wäre ihr Ende. Aber wenn es keine Außerirdischen sind, wenn wir es sind
    - Menschen wie wir -, die das alles getan haben, dann wird es vielleicht nie ein Ende geben.«
    Loman Watkins fuhr mit wachsender Frustration von einem Ende von Moonlight Cove zum anderen, hin und her, kreuz und quer durch den Regen, und suchte Shaddack. Er hatte das Haus an der Nordspitze noch einmal besucht, um sicherzustellen, daß Shaddack nicht dorthin zurückgekehrt war, und auch, um in der Garage nachzusehen, welches Fahrzeug fehlte. Jetzt suchte er nach Shaddacks schieferfar-benem Lieferwagen mit den getönten Scheiben, konnte ihn aber nicht finden.
    Wo immer er hinfuhr, waren die Verwandlungsteams und Suchtrupps unterwegs. Die Nichtverwandelten würden wahrscheinlich nichts Ungewöhnliches an den Leuten bemerken, die durch die Stadt schlenderten, aber Loman entgingen sie nicht.
    An den nördlichen und südlichen Straßensperren der Landstraße und an der Hauptsperre am Ostende der Ocean Avenue waren Lomans Beamte damit beschäftigt, sich um die Auswärtigen zu kümmern, die nach Moonlight Cove wollten. Auspuffgase stiegen von den parkenden Streifenwagen auf und vermischten sich mit den Nebelschwaden, die sich allmählich durch den Regen schlängelten. Die rotblauen Warnlichter spiegelten sich im nassen Asphalt, so daß es aussah, als würden Ströme sauerstoffreichen und sauerstoffarmen Blutes am Gehweg entlangfließen.
    Es gab nicht viele potentielle Besucher, weil die Stadt weder der Sitz des County noch ein hauptsächliches Einkaufsziel der Anwohner aus den umliegenden Gemeinden war. Darüber hinaus befand sie sich fast am Ende der Landstraße, und es gab keine Ziele mehr dahinter, daher gab es auch keinen Durchgangsverkehr. Diejenigen, die die Stadt besuchen wollten, wurden, wenn möglich, mit einer Geschichte über einen Giftgasunfall bei New Wave abgespeist. Diejenigen, die skeptisch waren, wurden festgenommen, ins Gefängnis gebracht und in Zellen gesperrt, bis eine Entscheidung getroffen werden konnte, ob man sie töten oder verwandeln sollte. Seit Errichtung der Quarantäne in den frühen Morgenstunden hatten nur wenige an den Straßensperren gehalten, und nur sechs waren eingesperrt worden.
    Shaddack hatte sein Experimentiergelände gut gewählt. Moonlight Cove war vergleichsweise isoliert und daher leicht zu kontrollieren.
    Loman dachte daran, die Straßensperre beseitigen zu lassen und nach Aberdeen Wells zu fahren, wo er dem CountySheriff die ganze Geschichte erzählen könnte. Er wollte alles über das Projekt Moonhawk preisgeben.
    Er hatte keine Angst mehr vor Shaddacks Wut oder dem Sterben. Nun... das stimmte nicht ganz. Er hatte Angst vor Shaddack und dem Sterben, aber sie waren weniger schlimm als die Aussicht, etwas zu werden wie Denny. Er hätte sich lieber dem Sheriff in Aberdeen und den Bundes -behörden gestellt - sogar Wissenschaftlern, die ihn aufschneiden und untersuchen wollten, wenn das Schlamassel in Moonlight Cove aufgeräumt würde -, als in der Stadt zu bleiben und die letzten Reste seiner Menschlichkeit entweder an die Regression oder eine alptraumhafte Vernetzung von Verstand und Körper mit einem Computer zu verlieren.
    Aber wenn er seinen Beamten den Befehl gäbe, die Sperre zu öffnen, würden sie argwöhnisch werden, und ihre Loyalität Shaddack gegenüber war größer als ihm gegenüber, denn sie wurden durch Angst an Shaddack gefesselt. Sie empfanden angesichts ihres Herrn und Meisters von New Wave immer noch mehr Entsetzen als vor allem anderen, denn sie hatten nicht gesehen, was aus Denny geworden war, und ihnen war nicht klar, daß die Zukunft etwas Schlimmeres für sie bereithalten könnte als Regression auf eine Stufe der Wildheit. Sie hielten sich - wie Moreaus Tiermenschen -, so gut es ging, an das Gesetz und wagten nicht, jedenfalls vorläufig noch nicht, ihren Herrn zu verraten. Sie würden Loman wahrscheinlich daran zu hindern versuchen, das Projekt Moonhawk zu sabotieren, und er würde vielleicht getötet oder, schlimmer, in eine Gefängniszelle gesteckt.
    Er durfte seine konterrevolutionären Absichten nicht preis -geben, denn dann bekäme er vielleicht nie die Möglichkeit, mit Shaddack abzurechnen. Er sah sich im Geiste in einer Zelle im Gefängnis eingesperrt, wo Shaddack ihn durch die Gitterstäbe kalt anlächelte, während sie einen Computer herein -rollten, mit dem sie ihn irgendwie verschmelzen wollten.
    Augen aus geschmolzenen Silber...
    Er blieb an diesem verregneten Tag in Bewegung und blinzelte durch die nasse Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer summten unablässig, als würden sie die Zeit wegticken. Er was sich deutlich bewußt, daß Mitternacht unaufhaltsam näherrückte.
    Er war der Puma-Mann, der auf Streifzug war, und Moreau war irgendwo da draußen im Inseldschungel von Moonlight Cove.
    Anfangs war das gallertartige Geschöpf damit zufrieden, sich von den Lebewesen zu ernähren, die es fand, wenn es seine Fühler in den Abfluß im Kellerboden streckte, oder durch feine Risse in den Mauern ins umliegende feuchte Erdreich. Käfer. Maden. Würmer. Es kannte die Namen dieser Wesen nicht mehr, aber es verzehrte sie heißhungrig.
    Bald hatte es den Vorrat an Insekten und Würmern im Umkreis von zehn Metern um das Haus herum aufgegessen. Es brauchte substantiellere Mahlzeiten.
    Es wogte und schäumte und versuchte möglicherweise, seine amorphe Gestalt in eine Form zu bringen, in der es den Keller verlassen und auf Beutesuche gehen könnte. Aber es hatte keine Erinnerungen mehr an frühere Gestalten und auch keinerlei Verlangen, sich selbst eine strukturierte Ordnung aufzuerlegen.
    Das Bewußtsein, das die Ga llertmasse bewohnte, verfügte nur noch über vagestes Wissen um seiner selbst, aber es war noch in der Lage, sich in dem Ausmaß selbst zu formen, daß es seinen Bedürfnissen genügte. Plötzlich öffneten sich eine Anzahl lippenloser, zahnloser Mäuler in der flüssigen Form.
    Schallwellen, die für das menschliche Ohr größtenteils nicht zu hören waren, entwichen ihnen.
    In dem verfallenden Gebäude über dem formlosen Ge -schöpf wuselten Dutzende von Mäusen, fraßen, bauten Nester und paarten sich miteinander. Als der Ruf aus dem Keller ertönte, blieben sie mit einem Schlag stehen.
    Das Geschöpf konnte sie in den verfallenen Wänden über sich spüren, aber es betrachtete sie nicht als Mäuse, sondern als kleine, warme Massen lebenden Fleisches. Nahrung. Treibstoff. Es wollte sie. Es brauchte sie.
    Es versuchte, diesem Verlangen durch einen wortlosen, aber anziehenden Lockruf Ausdruck zu verleihen.
    In allen Ecken des Hauses zuckten die Mäuse zusammen. Sie strichen mit den Vorderpfoten über ihre Gesichter, als wären sie durch Spinnweben gelaufen und versuchten, die klebrigen Fäden aus ihrem Pelz zu streichen.
    Auf dem Dachboden lebte eine kleine Kolonie von acht Fledermäusen, und auch sie reagierten auf den drängenden Lockruf. Sie ließen sich von den Balken herunterfallen, ai denen sie hingen, und flogen in einem hektischen, ziellosen Muster durch den langen oberen Raum, wobei sie wiederholt bis auf Bruchstücke eines Zentimeters an die Wände oder gegeneinander flogen.
    Aber nichts kam zu dem Wesen im Keller. Der Ruf hatte die kleinen Tiere, für die er gedacht gewesen war, zwar erreicht, zeigte aber nicht die gewünschte Wirkung.
    Das formlose Ding verstummte.
    Die vielen Münder schlössen sich wieder.
    Die Fledermäuse kehrten eine nach der anderen zu ihren Dachbalken zurück.
    Die Mäuse saßen noch einen Augenblick wie unter Schock da, dann gingen sie ihren üblichen Aktivitäten nach.
    Ein paar Minuten später versuchte es das urzeitliche Geschöpf noch einmal mit einem anderen Ruf, der immer noch außerhalb menschlicher Hörfähigkeit al g, aber noch verlok-kender als vorher war.
    Die Fledermäuse fielen von den Balken und flatterten in einem solchen Wirrwarr durch den Dachboden, daß ein flüchtiger Beobachter den Eindruck hätte haben können, es handelte sich um Hunderte, nicht nur um acht. Ihre Flügelschläge waren lauter als das Regenprasseln auf dem Dach.
    Die Mäuse liefen überall auf den Hinterbeinen, hatten sich aufgerichtet und die Ohren gespitzt. Die im unteren Bereich des Hauses, die näher an der Geräuschquelle waren, zitterten heftig, als sähen sie eine geduckte und grinsende Katze vor sich.
    Die Fledermäuse flogen kreischend durch ein Loch im Speicherboden und ins Zimmer darunter, wo sie unablässig flatterten und kreisten.
    Zwei Mäuse im Erdgeschoß schlichen in Richtung Küche, wo die Kellertür offenstand. Aber beide hielten verwirrt und ängstlich auf der Stufe dieses Zimmers inne.
    Unten verdreifachte das formlose Geschöpf seinen Ruf.
    Plötzlich blutete eine der Mäuse in der Küche aus den Ohren und fiel tot um.
    Im Zimmer oben prallten die Fledermäuse gegen die Wände, da ihr Radar beschädigt war.
    Das Kellergeschöpf reduzierte die Lautstärke seines Rufs ein wenig.
    Sofort schwebten die Fledermäuse aus dem oberen Zimmer in die Diele, die Treppe herunter und durch den Erdgeschoßflur. Sie flogen über eine wirre Anzahl eilender Mäuse hinweg.
    Die vielen Münder des Geschöpfs unten hatten sich vereint und eine einzige große Öffnung in der Mitte der pulsierenden Masse gebildet.
    Die Fledermäuse flogen in rascher Folge direkt in das klaffende Maul, gleich schwarzen Spielkarten, die eine nach der anderen in eine Mülltonne geworden wurden. Sie stürzten sich in das viskose Protoplasma und wurden rasch von starken Verdauungssäuren aufgelöst.
    Eine Armee von Mäusen und vier Ratten - sogar zwei Erdhörnchen, die ihr Nest in der Eßzimmerwand geflissentlich verlassen hatten - hüpften die steile Kellertreppe hinunter, stürzten übereinander und quietschten aufgeregt. Sie warfen sich in das wartende Wesen.
    Nach diesem Strom von Bewegung wurde es still im Haus.
    Das Geschöpf stellte seinen Sirenengesang ein. Vorläufig.
    Officer Neu Penniworth hatte den Auftrag, im nordwestlichen Quadranten von Moonlight Cove zu patrouillieren. Er war allein im Auto, denn sie waren trotz der hundert Leute von New Wave, die die Nacht über der Polizei von Moon-light Cove zugeteilt waren, zu wenig Personal.
    Augenblicklich zog er es ohnehin vor, ohne Partner zu arbeiten. Seit dem Zwischenfall in Peysers Haus, als der Geruch von Blut und der Anblick von Peysers veränderter Ge -stalt Penniworth zur Regression getrieben hatte, fürchtete er sich davor, in Gesellschaft anderer Menschen zu sein. Ge -stern nacht hatte er die totale Degeneration vermeiden können... aber nur um eine Winzigkeit. Wenn er jemand anderen während der Regression sah, könnte sich der Drang auch in ihm regen, und er war nicht sicher, ob er der dunklen Verlockung noch einmal widerstehen könnte.
    Er hatte ebenso Angst vor dem Alleinsein. Das Bemühen, sich an seine letzten Reste des Menschlichen zu klammern, dem Chaos Widerstand zu leisten, Verantwortung zu zeigen, wurde immer schwächer, und er sehnte sich danach, diesem neuen, harten Leben zu entkommen. Allein, ohne einen Zeugen, wenn er anfing, seine Gestalt und Substanz aufzugeben, ohne jemand, der es ihm ausredete oder gegen seinen Niedergang protestierte, wäre er verloren.
    Das Gesicht dieser Angst war so echt wie eine Eisenplatte, die das Leben aus ihm herauspreßte. Manchmal fiel es ihm schwer zu atmen, als hätte er ein Stahlband um die Lungen, so daß diese sich nicht voll ausdehnen konnten.
    Die Abmessungen des Streifenwagens schienen zu schrumpfen, bis er sich fast so eingeengt wie in einer Zwangsjacke fühlte. Das metronomhafte Pumpen der Scheibenwischer wurde lauter, jedenfalls kam es ihm so vor, bis es das Ausmaß von Kanonensalven angenommen hatte. Im Verlauf des Vormittags fuhr er wiederholt an den Straßenrand, riß die Tür auf, sprang in den Regen hinaus und atmete die kühle Luft in tiefen Zügen ein.
    Doch im Laufe des Tages sih allmählich sogar die Welt außerhalb des Autos kleiner als früher aus. Er parkte in der Holliwell Road, eine halbe Meile westlich vom Hauptsitz von New Wave, und stieg aus dem Streifenwagen aus, aber es wurde nicht besser. Er konnte den grenzenlosen Himmel nicht hinter der tiefhängenden Wolkendecke erkennen. Regen und Nebel hingen gleich halbdurchlässigen Vorhängen aus Flitter oder dünnster Seide zwischen ihm und dem Rest der Welt. Die Feuchtigkeit war zäh und hinderlich. Regen überflutete die Rinnsteine, wirbelte als schlammige Strömungen durch Straßengräben, tropfte von jedem Zweig und jedem Blatt sämtlicher Bäume, prasselte auf den Asphalt, pochte hohl auf den Streifenwagen, zischte, gurgelte, kicherte, wehte ihm ins Gesicht und schlug mit solcher Wucht auf ihn ein, daß es schien, als würde er von Tausenden winziger Hämmer in die Knie gezwungen werden, die alle für sich allein zu winzig waren, deren Wirkung sich aber in ihrer Ge -samtheit addierte.
    Neil stieg ebenso eifrig wieder in das Auto ein, wie er vorher herausgeklettert war.
    Ihm war klar, daß er weder dem klaustrophobischen Inneren des Streifenwagens oder dem nervtötenden Prasseln des Regens so verzweifelt entkommen wollte. Was ihn tatsächlich bedrückte, war sein Leben als Neuer Mensch. Da er nur Angst empfinden konnte, war er in einem emotionalen Schrank mit so engen Abmessungen eingeschlossen, daß er sich praktisch überhaupt nicht bewegen konnte. Er erstickte nicht an äußerlichen Verstrickungen und Beklemmungen; er war vielmehr durch das, was Shaddack ihm angetan hatte, von innen gefesselt.
    Was bedeutete, es gab kein Entkommen.
    Es sei denn, möglicherweise durch Regression.
    Neil konnte das Leben, wie er es jetzt leben mußte, nicht ertragen. Andererseits entsetzte ihn der Gedanke daran, in eine nicht menschliche Gestalt zu verfallen, und stieß ihn ab.
    Sein Dilemma schien unlösbar zu sein.
    Sein Unvermögen, nicht mehr an diese Zwickmühle zu denken, beunruhigte ihn fast ebensosehr wie die Zwickmühle selbst. Es ging ihm dauernd durch den Kopf. Er fand keine Ruhe.
    Es gelang ihm nur dann einigermaßen, seine Sorgen - und einen Teil der Angst - aus seinem Denken zu verdrängen, wenn er mit dem mobilen VDT im Streifenwagen arbeitete. Wenn er die Anzeigentafel des Computers abrief, ob Nachrichten auf ihn warteten, wenn er sich im Moonhawk-Plan vergewisserte, wie die restlichen Verwandlungen verliefen, oder wenn er andere Aufgaben am Computer erfüllte, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit so sehr auf die Wechselwirkung mit der Maschine, daß er vorübergehend seine Angst vergaß und die beklemmende Klaustrophobie nachließ.
    Neu hatte sich schon als Jugendlicher für Computer interessiert, aber er war nie ein Hacker geworden. So obsessiv war sein Interesse nicht. Er hatte natürlich mit Computerspielen angefangen, aber später einen billigen PC bekommen. Noch später hatte er sich mit dem Geld, das er mit einem Ferienjob verdient hatte, ein Modem gekauft. Er konnte sich nicht viele Ferngespräche leisten und verbrauchte seine Freizeit selten damit, aus dem Hinterland von Moonlight Cove in die faszinierenden Datennetze der Außenwelt einzusteigen, aber für ihn waren auch die Ausflüge ins One-li-ne-Datensystem faszinierend und amüsant.
    Als er jetzt im geparkten Auto in der Holliwell Road saß und das VDT benützte, dachte er, daß die Innenwelt des Computers bewundernswert sauber und vergleichsweise einfach, vorhersehbar und normal war. So ganz anders als die menschliche Existenz - ob Neue oder Alte Menschen. Dort drinnen herrschten Logik und Vernunft. Ursache und Wirkung und Nebenwirkung wurden immer analysiert und vollkommen deutlich gemacht. Dort drinnen war alles schwarz und weiß - und falls es grau gab, war das Grau sorgfältig abgewogen, festgelegt und bestimmt. Mit kalten Fakten konnte man besser zurechtkommen als mit Gefühlen. Ein ausschließlich aus Daten geformtes Universum, von Materie und Ereignissen abstrahiert, schien ungleich erstrebenswerter als das wirkliche Universum von Kälte und Hitze, scharf und stumpf, glatt und rauh, Blut und Tod, Schmerz und Angst.
    Neil rief ein Menü nach dem anderen ab und drang immer tiefer in die Datenspeicher von Moonhawk in Sonne vor. Er brauchte keine der Daten, die er abrief, aber die Aufgabe, sie zu erlangen, tröstete ihn.
    Er fing an, den Bildschirm des Terminals nicht mehr nur als Kathodenröhre zu sehen, auf der Informationen abgebildet wurden, sondern als Fenster in eine andere Welt. Eine Welt der Fakten. Eine Welt, in der es keine beunruhigenden Widersprüche gab... und keine Verantwortung. Da dinnen konnte man nichts fühlen; es gab nur das Bekannte und das Unbekannte, entweder einen Überfluß an Fakten zu einem bestimmten Thema, oder ein völliges Fehlen davon, aber kein Fühlen; niemals fühlen; zu fühlen war der Fluch derer, deren Existenz von Heisch und Knochen abhing.
    Ein Fenster in eine andere Welt.
    Neil berührte den Bildschirm.
    Er wünschte sich, er könnte das Fenster aufmachen und in jene Welt von Vernunft, Ordnung und Frieden hineinklettern.
    Er strich mit den Fingerspitzen der rechten Hand unabläs -sig über den warmen Glasbildschirm.
    Es war seltsam, aber er dachte an Dorothy, die mit ihrem Hund Toto von einem Tornado von den Feldern von Kansas emporgewirbelt und aus der grauen Zeit der Depression in eine ungleich faszinierendere Welt getragen worden war. Wenn nur ein elektronischer Tornado vom Bildschirm losbrechen und ihn in eine bessere Welt transportieren könnte...
    Seine Finger drangen in den Bildschirm ein.
    Er zog verblüfft die Hand zurück.
    Das Glas hatte keinen Sprung. Worte und Zahlen glommen auf der Röhre wie vorher.
    Zuerst versuchte er sich einzureden, daß er eine Halluzination gehabt hatte. Aber das glaubte er nicht.
    Er spannte die Finger. Die schienen unverletzt zu sein.
    Er sah hinaus in den sturmgepeitschten Tag. Die Scheibenwischer waren nicht eingeschaltet. Regen strömte an der Scheibe herunter und verzerrte die Welt dahinter; alles da draußen sah verdreht, mutiert, seltsam aus. In so einer Welt konnte es niemals Ordnung, Vernunft und Frieden geben.
    Er berührte den Computerbildschirm zögernd noch einmal. Er fühlte sich fest an.
    Er dachte wieder daran, wie wünschenswert die saubere, vorhersehbare Welt des Computers sein würde - und wieder glitt seine Hand durch das Glas, diesesmal bis zum Ge -lenk. Der Bildschirm hatte sich um ihn geöffnet und fest geschlossen, als wäre er eine organische Membran. Die Daten leuchteten weiter auf, die Worte und Zahlen bildeten Linien um seine eingedrungene Hand herum.
    Sein Herz schlug schnell. Er hatte Angst und war gleichzeitig aufgeregt.
    Er versuchte, die Finger in dieser geheimnisvollen inneren Wärme zu bewegen. Er konnte sie nicht spüren. Er dachte schon, sie hätten sich aufgelöst oder wären abgeschnitten wor