Скачать fb2
Allan Quatermain

Allan Quatermain

Аннотация

    Sir Henry Rider Haggard (1856-1925), einer der bedeutendsten englischen Erzähler der Jahrhundertwende, gehört zu den Klassikern des phantastischen Abenteuerromans. Seine exotischen und farbenprächtigen Fantasy-Epen spielen vornehmlich im dunklen Herzen Afrikas, das zu jener Zeit noch weitgehend unerforscht und von wilden Völkerschaften bewohnt war und Raum bot für Spekulationen über geheimnisvolle unentdeckte Reiche und legendäre uralte Zivilisationen.
    Allan Quatermain, ein erfahrener Afrikaforscher, der einst König Salomons Diamantenminen entdeckte, ist der Zivilisation müde. Er beschließt, nach Afrika zurückzukehren und in die unbekannten Gebiete westlich von Sansibar vorzustoßen, in denen Gerüchten zufolge eine weiße Rasse leben soll.
    Gemeinsam mit dem Großwildjäger Sir Henry Curtis, dem Navy-Offizier John Good und dem ZuluHäuptling Umslopogaas bricht er in die Wildnis auf.
    Nach blutigen Kämpfen mit den wilden Massai und mannigfachen Abenteuern finden sie die ersten Spuren dieser legendären Rasse, die - seit Jahrhunderten völlig von der Umwelt abgeschlossen - in einem unzugänglichen Hochtal im Herzen Afrikas lebt.
    Mit den Stichen der Originalausgabe und einem Nachwort von Dr. Franz Rottensteiner.

    Titel der englischen Originalausgabe
    ALLAN QUATERMAIN
    Deutsche Übersetzung von Joachim Pente Die Stiche der Originalausgabe entstanden nach Zeichnungen von Charles H. M. Kerr
    Umschlagbild: Vicente Segrelles/Norma





VORWORT DES AUTORS


    23. Dezember
    Soeben habe ich meinen Jungen zu Grabe getragen, meinen armen, schönen Jungen, der mein ganzer Stolz war. Es bricht mir das Herz. Es ist ein schwerer Schlag, den einzigen Sohn auf solche Weise zu verlieren, aber so es des Herrn Wille ist, so soll er geschehen. Wer bin ich, daß ich mich beklagen sollte? Das große Rad des Schicksals dreht sich unerbittlich weiter, und es zermalmt uns alle eines Tages; den einen früher, den andern später - wann, das spielt keine Rolle; letztendlich kann keiner ihm entrinnen. Wir werfen uns nicht vor dieses Rad, wie die armen Inder; wir fliehen vor ihm in alle Himmelsrichtungen - wir flehen um Erbarmen; allein - es nützt uns nichts; das schwarze Rad des Schicksals donnert über uns hinweg und hinterläßt nichts als Staub.
    Der arme Harry! Wie zeitig doch sein Ende gekommen war! Sein Leben sollte doch gerade erst beginnen! Er machte sich so gut in dem Krankenhaus. Seine letzte Prüfung hatte er mit Auszeichnung bestanden, was mich mit großem Stolz erfüllte; viel mehr noch als ihn, glaube ich. Und dann mußte er in jenes Hospital für Pockenkranke gehen. Er schrieb mir noch, er habe keine Furcht vor den Pocken, und er wolle unbedingt sein Wissen darüber erweitern. Und nun hat eben diese Krankheit ihn dahingerafft, und ich, alt, grau und verwittert, wie ich bin, bin der einzige, der geblieben ist, ihn zu betrauern, und ich habe weder Kind noch Enkel, die mir in meiner Trau-er Trost spenden könnten. Ich hätte ihn vor diesem grausamen Schicksal bewahren können - ich habe genug Geld für uns beide; mehr als genug - »König Salomons Schatzkammern«[1] haben mir Mittel im Überfluß eingebracht. Aber ich sagte mir, laß den Jungen seinen Lebensunterhalt selbst verdienen, laß ihn hart arbeiten, damit er sich der wohlverdienten Ruhe erfreuen kann. Und nun hat die ewige Ruhe ihn ereilt, noch bevor er richtig zu arbeiten begonnen hatte. Oh, mein guter Sohn, mein armer Sohn!
    Ich bin wie der Mann aus dem Gleichnis in der Bibel, der viele Güter anhäufte und Scheunen dafür erbaute - Güter für meinen Jungen, und Scheunen, diese darin zu bewahren; und nun hat der Herr ihn zu sich gerufen, und ich bin übriggeblieben, allein und verzweifelt. Wäre doch meine Seele von mir gegangen und nicht die meines armen Jungen!
    Wir beerdigten ihn heute nachmittag im Schatten des grauen alten Kirchturms in dem Dorf, in dem mein Haus steht. Es war ein trauriger, düsterer Dezembernachmittag, und der Himmel war bleischwer vor Schnee. Es fiel jedoch nicht viel. Der Sarg war neben dem Grab aufgestellt, und ein paar große Flocken ließen sich auf ihm nieder. Wie weiß sie schienen auf dem schwarzen Tuch! Es gab eine kleine Verzögerung - man hatte vergessen, die Seile, an denen der Sarg in das Grab hinabgelassen wird, mitzubringen. Wir baten ein paar Schritte zurück und warteten schweigend, daß man sie hole. Sanft fielen die dicken Flocken auf den Sarg; eine neben die andere - wie eine vom Himmel herabgesandte Weihe, und auf Harrys Leichentuch zerschmolzen die Flocken zu Tränen. Aber das war noch nicht alles: ein kleines Rotkehlchen kam keck herbeigeflogen und setzte sich auf den Sarg, wo es laut zu singen begann. Da überwältigte mich der Schmerz, und ich brach zusammen. Ebenso erging es Sir Henry Curtis, einem wahren Baum von einem Mann. Und auch Captain Good mußte sich schmerzerfüllt abwenden, wie ich trotz meiner eigenen unendlichen Trauer bemerkte.
    Diese Worte, unterzeichnet mit >Allan Quatermain<, sind ein Auszug aus meinen Tagebuchaufzeichnungen. Diese Worte wurden vor mehr als zwei Jahren geschrieben. Ich schreibe den Auszug deshalb hier, weil mir scheint, daß er den treffendsten Anfang darstellt für die Geschichte, die ich mich hier und jetzt zu schreiben anschicke; möge Gott mich solange am Leben erhalten, bis ich sie vollendet habe! Wenn nicht -nun, so macht es nichts. Den obigen Tagebuchauszug schrieb ich ungefähr siebentausend Meilen entfernt von dem Orte, an dem ich jetzt liege und langsam und unter unsäglichen Mühen diese Worte schreibe. Zu meiner Seite steht ein hübsches Mädchen und wedelt die Fliegen von meinem Antlitz. Harry ist dort, und ich bin hier; und doch fühle ich irgendwie, daß ich nicht mehr weit von Harry entfernt bin.


    Wenn ich in England weilte, pflegte ich in einem sehr schönen Haus zu leben - ich nenne es zumindest >schön<, vergleichsweise gesehen, wenn ich nach dem Standard der Häuser gehe, an die ich mich während meiner langen Aufenthalte in Afrika gewöhnt hatte. Nun, dieses Haus, von dem ich spreche, stand keine fünfhundert Yard entfernt von der alten Kirche, neben der Harry seine letzte Ruhe gefunden hat. Dorthin begab ich mich, nachdem die Bestattungszeremonie beendet war, und nahm etwas zu mir; denn es ist nicht gut, fast Hungers zu sterben, auch wenn man soeben noch alle seine irdische Hoffnung zu Grabe getragen hat. Ich konnte jedoch kaum etwas herunterbekommen, und so verfiel ich bald darauf, unstet auf und ab zu gehen, oder besser ausgedrückt: zu humpeln - ich bin auf einer Seite lahm, seit mich einmal ein Löwe gebissen hat. Ich humpelte also auf und ab und hin und her und ging wie gehetzt in meinem Vestibül umher (mein Haus in England verfügt über ein solches). An allen vier Wänden dieses Vestibüls waren Gehörne angebracht - insgesamt wohl etwa hundert, deren Träger ich alle eigenhändig geschossen hatte. Es sind durchwegs prächtige Exemplare, da ich niemals Hörner behalte, die nicht in jeder Hinsicht makellos sind, es sei denn, daß dann und wann besondere Umstände und Erlebnisse, die mit ihrem Erwerb verbunden waren, mich dazu anhielten, sie als Andenken zu bewahren. In der Mitte des Raumes jedoch, über dem großen Kamin, befand sich eine von Jagdtrophäen freie Stelle; dort hatte ich alle meine Gewehre aufgehängt. Einige davon besaß ich schon seit vierzig Jahren - uralte Vorderlader, die heutzutage niemand mehr eines Blickes würdigen würde. Eines von ihnen war ein Elefantengewehr mit schmalen Streifen von Rimpi oder grüner Haut um den Griff und das Schloß, von der Art, wie die Holländer sie besaßen; »Roer« nennen sie es. Dieses Gewehr war von dem Vater des Buren, von dem ich es vor vielen Jahren gekauft hatte, wie er mir damals erzählte, in der Schlacht am Blutigen Fluß benutzt worden, kurz nachdem Dingaan in Natal eingefallen war und sechshundert Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet hatte, woraufhin die Buren jenen Ort, an dem sie gestorben waren, »Weenen« genannt hatten. Das heißt soviel wie »Ort des Weinens«. Und diesen Namen trägt das besagte Gewehr bis zum heutigen Tage, und es wird bis in alle Zeiten so heißen. Manch einen Elefanten habe ich mit dieser alten Büchse erlegt. Sie bedurfte lediglich einer Handvoll Schwarzpulvers und einer Kugel von drei Unzen Gewicht, und schon schoß sie wie der Teufel.
    So schritt ich also auf und ab, und mein Blick hing unverwandt auf den Gewehren und auf den Hörnern, die ich mit eben jenen Gewehren erbeutet hatte; und da erwuchs allmählich in mir eine große Sehnsucht -übermächtig regte sich in mir der Wunsch, fortzugehen von hier - fort von dem Orte, an dem ich satt und wohlgenährt lebe, wieder zurück in jenes wilde Land, in dem ich mein Leben verbracht hatte, in dem ich meine liebe Frau kennengelernt hatte und wo der arme Harry geboren wurde. Zurück in das Land, in dem ich so vieles, Gutes wie Böses, erlebt hatte. Der Hunger auf die Wildnis hatte mich wieder überkommen; ich konnte dieses Dasein hier nicht länger ertragen. Ja, ich würde fortgehen und so sterben, wie ich gelebt hatte: bei den wilden Tieren und den Eingeborenen. Und während ich noch in meinem Vestibül auf und ab schritt, erwachte in mir wieder die Sehnsucht, das Mondlicht zu betrachten, wie es silbrigweiß über den unendlichen Steppen glänzte und über dem ge-heimnisvollen Buschmeer; zu beobachten, wie in weiter Ferne das Wild in einer langen Linie über die Hügelkämme zum Wasser zieht. Leidenschaft kann übermächtig sein im Augenblick des Todes, so sagt man, und mein Herz war tot in jener Nacht. Jedoch -ungeachtet meines Leides - ich glaube, kein Mann, der vierzig Jahre lang ein Leben geführt hat wie ich, kann sich ungestraft und ohne Schaden an sich zu nehmen an ein Leben in diesem steifen, gespreizten und spröden England gewöhnen; dieses Land mit seinen kunstvoll zurechtgestutzten Hecken und seinen kultivierten Feldern, mit seinen steifen, förmlichen Umgangsformen und seinen Massen wohlgekleideter Menschen. Unweigerlich beginnt er, sich wieder nach dem herben Atem der Wüstenluft zu sehnen; ja - unerträglich wird in ihm diese Sehnsucht. Er träumt wieder von dem herrlichen Anblick der Zulu-Impis, wie sie in die Reihen ihrer Feinde hineinbrechen wie die Brandung auf einen Felsen, und sein Herz erhebt sich rebellierend gegen die Enge, die das Leben in der Zivilisation ihm aufzwingt. Ja! Diese Zivilisation, wohin wird sie den Menschen noch führen! Vierzig Jahre und länger habe ich unter den Wilden gelebt und sie und ihre Art zu leben studiert. Und jetzt lebe ich seit einigen Jahren hier in England, und seither habe ich mein Bestes getan, auf meine eigene, einfältige Weise vom Wesen der Kinder des Lichts zu lernen. Und was habe ich gefunden? Daß man einen großen Abgrund zugestopft hat? Nein, nur einen ganz kleinen, einen, wie ihn der Gedanke eines einfachen, schlichten Mannes mit Leichtigkeit zu überspringen vermag. Ich behaupte, so wie der Wilde, so ist auch der weiße Mann, nur mit dem Unterschied, daß der letztere erfindungsreicher ist und mehr von der Gabe der Logik und der Kombination besitzt. Und noch ein Unterschied: der Wilde - so wie ich ihn kennengelernt habe - ist in einem großen Ausmaße frei von der Gier nach Geld, die sich wie eine Krebsgeschwulst in das Herz des weißen Mannes frißt. So niederschmetternd der Gedanke auch sein mag; aber in allen wesentlichen Dingen sind die Söhne der Zivilisation mit dem Wilden identisch. Ich wage zu behaupten, daß die höchst zivilisierte und mit den Segnungen der Kultur versehene weiße Lady, die diese Worte liest, für die Gedanken eines alten Trottels mit dem simplen Geist eines Jägers nicht viel mehr als ein Lächeln übrig hat, wenn sie an ihre schwarze, perlengeschmückte Geschlechtsgenossin denkt; nicht viel anders wird sich der gepflegte, kultivierte und eitle Müßiggänger verhalten, der mit gezierten Manieren in seinem Club sein Dinner einnimmt, dessen Kosten allein so hoch sind, daß sich eine hungernde Familie eine ganze Woche davon ernähren könnte. Aber, liebe Lady, so sagt doch, was sind das für schöne Dinge, die Ihr selbst dort um Euren Hals tragt? Haben sie nicht eine überaus frappierende Ähnlichkeit mit den Perlenketten, die die Wilde sich um ihren Hals hängt, besonders dann, wenn Ihr Euer wunderschönes, tief ausgeschnittenes Kleid tragt? Die Art, in der Ihr Euch beim Klange von Hörnern und Trommeln im Kreise dreht, Euer Gefallen an Färbemitteln und allerlei Puder, die Art, in der Ihr Euch ach so gern dem reichen Krieger unterwerft, der sich Euch zum Heiraten gefangen hat, und die Schnelligkeit, mit der sich Euer Geschmack an aller Art gefiederten Kopfschmuckes wandelt - all dies deutet doch auf eine gewisse Ver-wandtschaft hin; und schließlich vergeßt nicht, daß Ihr in den fundamentalen Prinzipien Eurer Natur ohnehin nicht anders seid als jene schwarzen Frauen. Und was Euch anbetrifft, verehrte Herren der Schöpfung, die Ihr ebenfalls über meine Worte lacht: Gesetzt, zu Euch kommt ein Mann und schlägt Euch ins Gesicht, während Ihr gerade Eure exquisiten Tafelfreuden genießt, dann werden wir ja sehen, wieviel von einem Wilden auch in Euch steckt.
    Mit Exempeln solcher Art könnte ich nun endlos fortfahren, aber wozu wäre das schon gut! Zivilisation ist nichts weiter als eine mit einer dünnen Silberschicht überzogene Art der Wildheit. Die ist nichts weiter als aufgeblasene Hoffart; sie kommt daher, gleichsam wie ein Nordlicht, das bald wieder erlischt, und das den Himmel nur noch schwärzer als vorher erscheinen läßt. Aus dem Boden der Barbarei ist sie emporgesprossen wie ein Baum, und ich glaube, daß sie früher oder später auch wieder zu Boden fallen wird wie ein Baum, sie wird untergehen, so wie einst die ägyptische Zivilisation untergegangen ist, oder wie die griechische untergangen ist oder die römische, und wie so viele andere schon zuvor, an die die Welt sich heute kaum noch erinnert. Verstehen Sie mich jedoch nun nicht als jemanden, der in Bausch und Bogen alle unsere modernen Institutionen verdammt, die doch zum Teil den gesammelten Erfahrungsschatz der Menschheit darstellen, angewandt zu unser aller Wohl. Natürlich gibt es große Errungenschaften - Hospitäler zum Beispiel; und doch: bedenken Sie, wir sind es, die die kranken Menschen heranziehen, mit denen sie sich füllen. In der Wildnis gibt es diese nicht. Auch wird sich hier die Frage aufwerfen: Wie viele dieser segensreichen Einrichtungen verdanken wir dem Christentum als einer von der Zivilisation gesondert zu betrachtenden Institution? Und so neigt sich die Waage wieder zur anderen Seite, und das Ganze sieht so aus: hier ein Gewinn -dort ein Verlust, und über beiden Waagschalen Mutter Naturs großer Durchschnittswert, deren Gesamtsumme einen der Faktoren darstellt in jener gewaltigen Gleichung, in der das Resultat ebenso groß sein wird wie die unbekannte Größe ihres Zweckes.
    Ich entschuldige mich nicht und bitte nicht um Nachsicht wegen dieser meiner Abschweifung, insbesondere, da dies ein Vorwort ist, über das alle jungen Leute und die, denen es niemals gefällt, nachzudenken (und das ist eine sehr schlechte Angewohnheit), natürlich leicht hinweglesen werden. Es erscheint mir überaus wünschenswert, daß wir manchmal versuchen, unsere eigenen Grenzen, die die Natur uns gesetzt hat, zu erkennen und zu verstehen, damit wir nicht vom Stolz auf unser Wissen allzusehr in die Höhe getragen werden. Der Geist des Menschen ist fast unbegrenzt, und er dehnt sich wie ein elastisches Band, aber die menschliche Natur ist wie ein eiserner Ring. Wir können, soviel wir auch wollen, an seiner Innenseite entlanggehen, wir können ihn auf Hochglanz polieren, wir können ihn sogar auf einer Seite ein wenig flachdrücken, wodurch er sich auf der anderen ein wenig nach außen drückt, aber wir werden niemals, solange die Welt besteht und der Mensch existiert, in der Lage sein, seinen Durchmesser zu vergrößern. Er ist das einzig Feste, Unveränderliche -unverrückbar wie die Sterne, dauerhafter noch und härter als die mächtigsten Gebirge, unveränderbar wie die Wege des Ewigen. Die menschliche Natur ist das Kaleidoskop Gottes, und die kleinen Splitter gefärbten Glases, unsere Leidenschaften, Hoffnungen, Ängste, Freuden und unser Trachten nach Gut und Böse und was weiß ich noch alles; sie drehen sich in Seiner mächtigen Hand so sicher und unaufhaltsam, wie es auch die Sterne tun, und unablässig formen sie sich zu neuen Mustern und Kombinationen. Die einzelnen Elemente des Ganzen bleiben jedoch dieselben, und auf immer und ewig wird die Anzahl der bunten Glassplitter gleich bleiben; sie wird weder größer noch kleiner werden.
    Da dies so ist, sehen wir einmal die Sache aus Gründen der Anschaulichkeit so: wir bestehen aus zwanzig Teilen; neunzehn davon sind wild und einer zivilisiert. Und wenn wir wirklich unser Wesen verstehen wollen, dann müssen wir auf die neunzehn ungezähmten, wilden Teile unserer Natur achten, und nicht auf den einen zwanzigsten, welcher, wiewohl in Wirklichkeit so unbedeutend, die neunzehn anderen überlagert und verdeckt und dadurch ihr eigentliches Wesen verändert erscheinen läßt, just wie die Schuhwichse den Stiefel in einem anderen Glanze erstrahlen läßt oder das Furnier die rohe Tischplatte. Und eben auf diese neunzehn dauerhaften und nützlichen »wilden« Teile unseres Wesens fallen wir in der Not zurück, und nicht auf den einen geschliffenen, in Wirklichkeit jedoch so substanzlosen. Sollte man nicht verlangen können, daß die Zivilisation unsere Tränen fortwischt? Und doch weinen wir, und oft kann nichts uns Trost spenden. Sie verabscheut doch zutiefst das Kriegswesen; und doch kämpfen wir für Haus und Hof, für Ehre und Ruhm, und wir frohlocken im Kampfe. Und dergleichen Exempel lassen sich zahllose finden, in allen Bereichen unseres Lebens.
    Wenn unser Herz uns wehtut und unser Haupt in den Staub geschickt wird, dann läßt uns die Zivilisation völlig im Stich. Dann kriechen wir zurück und legen uns wie kleine Kinder an die große Brust von Mutter Natur, auf daß sie doch unseren Schmerz lindern möge und uns vergessen mache, oder daß sie uns zumindest der Erinnerung an den von ihr selbst vollführten Schlag entledige. Wer hat nicht schon einmal in seiner unendlichen Gram die Sehnsucht verspürt, an dem Antlitz der allumfassenden Mutter emporzublicken; auf einem hohen Berge zu liegen und den Lauf der Wolken zu betrachten, die dort oben am Himmel entlangziehen; dem Tosen der Brandung zu lauschen, die sich im ewigen Rhythmus am Gestade bricht; sein eigenes armseliges kleines Leben für eine Weile mit ihrem gewaltigen Atem verschmelzen zu lasen? Wer hat in solchen Momenten nicht schon den Wunsch verspürt, den beruhigenden, steten Schlag ihres ewigen Herzens zu spüren, sein Leiden zu vergessen und sein eigenes Ich gänzlich aufsaugen zu lassen von jener ungeheuren, unmerklich pulsierenden Energie, aus der wir sind, aus der wir entstanden, und mit der wir wieder eins werden, die uns unser Leben gab und die uns eines fernen Tages auch wieder unser Ende bringen wird.
    Und so geschah es also, daß ich, als ich in meiner tiefen Trauer so in meinem eichenholzgetäfelten Vestibül meines Hauses in Yorkshire auf und ab schritt, daß ich mich wieder einmal danach sehnte, mich in die Arme von Mutter Natur zu werfen. Nicht die Natur, wie Ihr sie kennt, verehrter Leser, die Natur, die da aus wohlgepflegten Wäldern winkt oder uns in Gestalt wohlbestellter Kornfelder zulächelt, sondern jene Natur, die so ist, wie sie an jenem Tage war, als das Schöpfungswerk vollendet wurde, unbefleckt noch vom schmutzigen Schweiße der Menschheit. Ich wollte wieder dort hin, wo die wilden Tiere waren, zurück in das Land, dessen Geschichte keiner kennt, zurück zu den wilden Eingeborenen, die ich liebe, obwohl einige von ihnen beinahe ebenso gnadenlos sind wie die Politische Ökonomie. Vielleicht konnte ich dort lernen, an den armen Harry in seinem kühlen Grab zu denken, ohne das Gefühl zu haben, als breche mir das Herz entzwei.
    Doch Schluß nun mit diesem egoistischen Gerede, und ich will auch nichts mehr davon erwähnen. Aber wenn Ihr, deren Blick vielleicht eines Tages auf diese meine zu Papier gebrachten Gedanken fallen sollte, schon an dieser Stelle angekommen seid, dann bitte ich Euch, auszuharren und weiterzulesen, denn was ich Euch zu berichten habe, sind die abenteuerlichsten Begebenheiten; sie sind noch nie berichtet worden und werden nie wieder berichtet werden.
    Allan Quatermain

1
Des Konsuls Garn

    »Es ist sehr freundlich von euch, einmal vorbeizuschauen«, sagte ich, »es muß ziemlich anstrengend gewesen sein, durch den tiefen Schnee zu stapfen.«
    Sie schwiegen; Sir Henry stopfte mit gemessenen Bewegungen seine Pfeife und zündete sie mit einem glühenden Span an. Als er sich zu diesem Zwecke nach vorn beugte, hatten die Flammen im Kamin gerade ein gasiges Stück Fichtenholz erwischt und loderten hell auf. Dadurch trat die ganze Szene plastisch hervor, und ich mußte unwillkürlich denken, wie prächtig dieser Mann doch aussieht! Ein ruhiges, stark ausgeprägtes Gesicht, markante Züge, große graue Augen, blonder Bart und ebensolche Haare -kurz, ein prächtiges Exemplar von einem Menschen. Seine Statur entsprach ganz seinem Gesicht. Nie zuvor habe ich breitere Schultern oder eine mächtigere Brust gesehen. Sir Henrys Statur ist in der Tat so gewaltig, daß er trotz seiner Größe von fast sechseinhalb Fuß nicht lang wirkt. Wie ich ihn so betrachtete, konnte ich nicht umhin, mir vorzustellen, was für einen kuriosen Kontrast mein kleiner, vertrockneter Körper im Gegensatz zu diesem formidablen Mannsbild abgeben mußte. Stellt Euch einen kleinen, runzligen Mann vor, mit gelblicher Gesichtshaut, dreiundsechzig Jahre alt, mit dürren Händen, großen braunen Augen, grauem, kurzgeschnittenen Haar, das vom Kopf absteht wie die Borsten einer alten, abgenutzten Scheuerbürste - das Ganze von einem Gesamtgewicht (in Kleidern) von knapp über einem Zentner -und Ihr werdet Euch ein recht gutes Bild machen können von Allan Quatermain, genannt der Jäger, oder, in der Sprache der Eingeborenen, >Macumazahn<-Anglice, d.h. der, der in der Nacht über einen klaren Blick verfügt, oder, auf gut Englisch, ein gerissener Bursche, den man nicht so leicht hereinlegen kann.
    Good, der andere Besucher, hat weder mit Curtis noch mit mir Ähnlichkeit; er ist klein, dunkelhaarig und beleibt - sehr beleibt, um ehrlich zu sein. Er hat lebhaft funkelnde, schwarze Augen. In eines davon hat er sein unvermeidliches Monokel geklemmt. Wenn ich >beleibt< sage, dann ist das eine wohlwollende Untertreibung: ich bedauere es außerordentlich, unumwunden feststellen zu müssen, daß Good in den letzten Jahren geradezu abstoßend fett geworden ist. Sir Henry behauptet immer, das sei eine Folge des Müßiggangs und allzu üppiger Ernährung. Good ist davon verständlicherweise überhaupt nicht erbaut, kann diesen Vorwurf jedoch auch nicht entkräften.
    Nachdem wir eine Weile schweigend beieinandergesessen hatten, nahm ich ein Streichholz und zündete die Lampe an, die auf dem Tisch stand, da das Zwielicht allmählich eine düstere Stimmung zu verbreiten begann, wie sie einem besonders dann aufs Gemüt schlägt, wenn man nicht einmal eine Woche zuvor die ganze Hoffnung seiner alten Tage zu Grabe getragen hat. Als nächstes nahm ich aus einem Schrank, der hinter der Wandtäfelung verborgen war, eine Flasche Whisky und einige Gläser und Wasser. Diese Dinge mache ich am liebsten, wenn ich allein bin; es irritiert mich, beständig jemand an meiner Seite zu haben, so als wäre ich ein achtzehn Monate altes Baby. Curtis und Good hatten die ganze Zeit über geschwiegen; vermutlich fühlten sie instinktiv, daß sie in diesem Moment nichts hätten sagen können, was mir über meine Trauer hinweghelfen konnte. So begnügten sie sich damit, mich durch ihre bloße Anwesenheit und ihr unausgesprochenes Mitgefühl ein wenig aufzumuntern. Seit dem Begräbnis war es erst ihr zweiter Besuch. Ich glaube, daß uns ganz einfach die Tatsache, daß jemand bei uns ist, in den dunkelsten Stunden unseres Grams Trost spendet; nicht seine Worte sind es, die uns aufrichten; oft haben sie nur den zweifelhaften Erfolg, uns zu reizen. Wenn ein schlimmer Sturm droht, sucht das Wild immer den Schutz der Herde; gleichzeitig aber verstummt es.
    Sie saßen still da, rauchten und tranken Whisky mit Wasser, und ich stand, ebenfalls rauchend, am Feuer und schaute sie an.
    Schließlich brach ich das Schweigen. »Meine lieben Freunde«, hob ich an, »wie lange ist es her, seit wir von Kukuanaland zurückgekehrt sind?«
    »Drei Jahre«, antwortete Good. »Warum fragst du?«
    »Ich frage deshalb, weil ich glaube, daß ich lange genug die Zivilisation genossen habe. Ich werde wieder zurück in die Wildnis gehen.«
    Sir Henry lehnte seinen Kopf zurück in die Sessellehne und ließ dann sein lautes, schallendes Lachen ertönen. »Es ist wirklich zu lustig«, sagte er, noch immer lachend. »Findest du nicht auch, Good?«
    Good strahlte mich mit geheimnisvollem Blick durch sein Monokel an und murmelte: »Ja, lustig -sehr lustig in der Tat.«
    »Ich verstehe nicht ganz«, sagte ich und schaute die beiden abwechselnd an. Ich bin nämlich kein großer Freund von Geheimnissen.
    »Wirklich nicht, alter Knabe?« fragte Sir Henry. »Dann will ich es mal erklären. Als Good und ich den Weg hier heraufkamen, hatten wir ein Gespräch.«
    »Was einem ja nicht sonderlich schwerfällt, wenn Good dabei ist«, warf ich spöttisch ein; Good plaudert nämlich überaus gern. »Und worüber habt ihr euch unterhalten?«
    »Nun, was meinst du wohl?« ließ mich Sir Henry raten.
    Ich schüttelte den Kopf. Es war unwahrscheinlich, daß ich das Richtige treffen würde; Good redet über so vieles.
    »Nun, dann will ich es verraten: wir sprachen über einen kleinen Plan, den ich mir ausgeheckt habe; nämlich, falls du auch dazu bereit bist, unsere Siebensachen zusammenzupacken und wieder nach Afrika auf eine Expedition zu gehen.«
    Bei diesen Worten machte ich buchstäblich einen Luftsprung. »Das kann doch nicht wahr sein!« rief ich.
    »Doch es ist aber wahr, und Good ist derselben Meinung; nicht wahr, Good?«
    »So ist es«, sagte der andere Gentleman.
    »Hör zu, alter Knabe«, fuhr Sir Henry mit beträchtlicher Begeisterung in seiner Stimme und seinen Gesten fort. »Ich habe es ebenfalls satt, völlig satt, hier tatenlos herumzusitzen mit der einzigen Beschäftigung, den Landedelmann zu spielen, und das in einem Land, das noch einmal an seinen Landedelmännern ersticken wird. Schon seit mehr als einem Jahr hat mich eine Ruhelosigkeit gepackt wie bei einem alten Elefanten, der Gefahr wittert. Ich träume ständig von Kukuanaland und Gagool und den Minen des Königs Salomon. Ich versichere dir, ich leide an einer immer unerträglicher werdenden Sucht. Ich bin es leid, Fasanen und Rebhühner zu schießen. Ich will endlich wieder einmal auf Großwildjagd gehen. Du kennst ja sicher selber das Gefühl - wer einmal Branntwein und Wasser gekostet hat, dessen Gaumen kann keine Milch mehr schmecken. Das Jahr, das wir zusammen unten in Kukuanaland verbracht haben, bedeutet mir mehr als all die übrigen Jahre meines Lebens zusammengerechnet. Vielleicht mag man mich einen Dummkopf schelten, daß ich so darunter leide, hier zu sein, aber ich kann nichts dagegen machen; ich will unbedingt wieder dorthin gehen, und, was noch viel mehr ist, ich werde es in die Tat umsetzen.« Er schwieg einen Augenblick lang, um dann weiterzusprechen: »Und warum, so frage ich mich, sollte ich eigentlich nicht gehen? Ich habe weder Frau noch Eltern, noch sonst jemand, dessentwegen ich hierbleiben müßte. Sollte mir etwas zustoßen, dann geht die Baronetswürde an meinen Bruder George und seinen Jungen über, wie es schließlich und endlich ohnehin der Fall sein würde. Ich bin für niemanden hier von allzu großer Wichtigkeit.«
    »Großartig«, jubelte ich, »ich habe mir immer gedacht, daß du früher oder später wieder Heimweh kriegen würdest. Und wie ist es bei dir, Good? Welche Gründe haben dich dazu bewogen, daß du den Wunsch hast, wieder auf Wanderschaft zu gehen? Gibt es einen?«
    »Es gibt einen!« sagte Good mit feierlicher Betonung in der Stimme. »Ich tu nie etwas ohne Grund; und es ist keine Frau im Spiel - zumindest, wenn das der Grund sein sollte, dann müßten es wohl schon mehrere sein.«
    Ich schaute ihn noch einmal an. Good ist wirklich von einer manchmal überwältigenden Frivolität. »Nun, was ist es dann?« fragte ich.
    »Nun, wenn du es wirklich wissen willst, dann werde ich es dir sagen, obwohl ich ja nicht gern von solch delikaten und im höchsten Maße persönlichen Dingen rede: der Grund ist, ich werde langsam zu fett.«
    »Sei still, Good!« rief Sir Henry. »Und nun, Qua-termain, sag uns, was schlägst du vor? Wohin sollen wir gehen?«
    Bevor ich antwortete, zündete ich meine Pfeife an, die ausgegangen war. »Habt ihr schon einmal vom Mount Kenia gehört?« fragte ich.
    »Kenne ich nicht«, sagte Good.
    »Habt ihr jemals von der Insel Lamu gehört?«
    fragte ich weiter.
    »Nein. Doch halt, warte einmal - liegt sie nicht ungefähr 300 Meilen nördlich von Sansibar?«
    »Ja. Nun hört einmal gut zu. Ich habe folgenden Plan: Wir gehen zuerst nach Lamu und von dort aus etwa 250 Meilen landeinwärts bis zum Mount Kenia. Von dort aus orientieren wir uns weiter landeinwärts bis zum Mount Lekakisera. Das sind noch einmal 200 Meilen, oder etwa annähernd. Weiter ist meines Wissens noch nie ein Weißer ins Landesinnere vorgedrungen. Und dann, falls wir so weit kommen, gehen wir von dort aus geradewegs ins unbekannte Landesinnere. Was haltet ihr von diesem Vorhaben, Freunde?«
    »Ziemlich abenteuerlicher Plan«, sagte Sir Henry nachdenklich.
    »Du hast recht«, gab ich zur Antwort, »es ist wirklich ein ziemliches Abenteuer, aber ich gehe davon aus, daß wir alle drei ja auf der Suche nach großen Abenteuern sind. Wir wollen einen Tapetenwechsel; und den werden wir bekommen - und was für einen! Mein ganzes Leben lang war ich von dem Wunsch beseelt, jenes Gebiet kennenzulernen, und jetzt bin ich fest dazu entschlossen, diesem Wunsch nachzugeben, bevor ich sterbe. Der Tod meines armen Sohnes hat die letzten Bande zwischen mir und der Zivilisation zerrissen. Ich will wieder zu meinen Eingeborenen zurück. Und jetzt werde ich euch noch etwas erzählen: Seit vielen Jahren habe ich immer wieder Gerüchte davon gehört, es gebe eine große weiße Rasse, die angeblich irgendwo in jener Gegend beheimatet sein soll. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, nachzuforschen, ob in diesen Gerüchten etwas Wahres steckt. Wenn ihr Burschen Lust habt mitzukommen, das wäre eine tolle Sache; wenn nicht, dann werde ich alleine aufbrechen.«
    »Du kannst auf mich rechnen, obwohl ich nicht an deine weiße Rasse glaube«, sagte Sir Henry Curtis, wobei er sich erhob und mir seinen Arm auf die Schulter legte.
    »Dito«, sagte Good trocken; »ich werde mich sofort darauf einrichten und ein bißchen was für meinen Körper tun. Was auch immer passiert; laßt uns zum Mount Kenia aufbrechen und zu der anderen Stelle mit dem unaussprechlichen Namen und nach einer weißen Rasse forschen, die es nicht gibt. Mir ist es recht; ich bin dabei.«
    »Was meinst du, wann wir aufbrechen können?« fragte Sir Henry.
    »Auf den Tag genau in einem Monat«, antwortete ich. »Mit dem Dampfer der British India; und seid nicht so sicher, daß Dinge nur deshalb nicht zu existieren brauchen, weil ihr zufällig noch nichts von ihnen gehört habt. Erinnert euch nur an die Minen des Königs Salomon!«
    Etwa vierzehn Wochen waren seit diesem Gespräch vergangen, und der Schauplatz dieser Geschichte ist inzwischen ein völlig anderer.
    Nach zahlreichen Überlegungen und Nachforschungen kamen wir zu dem Entschluß, als Ausgangspunkt unserer Reise zum Mount Kenia einen Ort in der Nähe der Tanamündung zu wählen, und nicht Mombasa, das über hundert Meilen näher zu Sansibar lag. Zu diesem Entschluß veranlaßten uns gewisse Informationen, die uns ein deutscher Handelsmann gab, den wir auf dem Dampfer in Aden kennengelernt hatten. Ich glaube, er war der schmutzigste Deutsche, den ich je kennengelernt habe; aber sonst war der Kerl in Ordnung, und er konnte uns eine Menge wertvoller Informationen geben. »Lamu«, sagte er mit einem schrecklichen deutschen Akzents. »Sie fahren nach Lamu - oh, es ist wunderschön dort!« Dabei strahlte sein feistes Gesicht vor Entzükken. »Anderthalb Jahre lebe ich schon dort und habe noch nie mein Hemd gewechselt - noch nie!«


    Und so kam es, daß wir, auf der Insel angekommen, das Schiff mit unserem ganzen Hab und Gut verließen, und, da wir nicht wußten, wohin wir gehen sollten, frech direkt zum Hause des Konsuls Ihrer Majestät marschierten, wo man uns einen sehr gastfreundlichen Empfang bereitete.
    Lamu ist ein sehr eigentümlicher Ort, aber was mir als erstes ins Gedächtnis kommt, wenn ich an diesen Ort zurückdenke, ist sein unüberbietbarer Gestank und der allgegenwärtige Schmutz. Letzterer ist geradezu unerträglich. Direkt unterhalb des Konsulatsgebäudes liegt der Strand, oder besser ausgedrückt, eine Schlammgrube, die diesen Namen trägt. Bei Ebbe liegt dieser »Strand« frei und dient als Deponie für den gesamten Müll und Abfall, den die Stadt hervorbringt. Dies ist auch der Ort, an dem die Frauen Kokosnüsse in den Schlamm eingraben. Sie lassen sie dort liegen, bis die äußere Schale verfault ist. Nach einiger Zeit graben sie sie wieder aus; die dadurch gewonnenen Fasern benutzen sie dann zur Herstellung von Matten und ähnlichen Dingen. Da dieses Verfahren schon seit Generationen angewandt wird, kann man den Zustand der Küste kaum noch mit Worten beschreiben; es bedarf schon einiger Phantasie dazu. Ich habe während meines Lebens schon viele abscheuliche Gerüche ertragen müssen, aber der entsetzliche Gestank, der von dem Strand in Lamu herüberwehte, als wir beim Schein des Mondes nicht unter, sondern auf dem gastfreundlichen Dach unseres Freundes, des Konsuls, saßen, übertraf bei weitem alles bisher Dagewesene. Als er mir in die Nase stieg, verblaßte die Erinnerung an alle üblen Gerüche zuvor zu einem Nichts. Kein Wunder, daß die Menschen in Lamu an Fieber erkranken. Und dennoch entbehrte der Ort nicht eines gewissen Liebreizes; er zeichnete sich durch eine eigentümliche, anheimelnde Schlichtheit aus, obwohl er möglicherweise - wahrscheinlich sogar - sehr schnell seinen Reiz auf den Betrachter verlieren würde und langweilig werden würde.
    »Nun, was ist euer Ziel, Gentlemen?« fragte unser Freund, der gastfreundliche Konsul, als wir nach dem Dinner unsere Pfeifen angezündet hatten.
    »Wir haben vor, zum Mount Kenia vorzustoßen, und von da aus weiter zum Mount Lekakisera«, antwortete Sir Henry. »Quatermain ist da etwas zu Ohren gekommen; in dem weiter landeinwärts liegenden unerforschten Gebiet soll angeblich eine weiße Rasse existieren.«
    Der Konsul machte plötzlich einen interessierten Eindruck und sagte, er selbst habe auch schon davon gehört.
    »Was habt Ihr davon gehört?« fragte ich.
    »Ach, nicht viel. Alles, was ich davon weiß, habe ich einem Brief entnommen, den ich vor ungefähr einem Jahr von Mackenzie, dem schottischen Missionar, erhielt. Seine Missionsstation, die >Highlands<, befindet sich an der äußersten schiffbaren Stelle des Tana. In dem Brief stand etwas darüber.«
    »Habt Ihr den Brief hier?«
    »Nein. Ich habe ihn vernichtet; aber ich erinnere mich, daß der Missionar darin von einem Mann berichtete, der in seiner Station eingetroffen war und erzählte, er habe in einer Entfernung von zwei Monatsreisen jenseits des Mount Lekakisera, in einer Gegend, die noch nie eines Europäers Fuß betreten hat -soweit ich zumindest orientiert bin -, einen See namens Laga entdeckt. Von da aussei er weiter innordöstlicher Richtung vorgedrungen, und nach einem Monat unsäglicher Strapazen, die er auf einem Marsch durch Wüsten, tiefes Dornengestrüpp und riesige Berge erlitten hätte, sei er schließlich in ein Land gelangt, in dem Weiße wohnen, die dort in Gebäuden aus Stein hausen. Dort habe man ihn eine ganze Weile sehr gastfreundlich aufgenommen und bewirtet, bis schließlich die Priester dieses Landes das Gerücht in Umlauf gesetzt hätten, er sei ein Teufel. Daraufhin hätten die Leute ihn fortgejagt. Acht Monate brauchte er, um sich bis zu Mackenzies Station durchzuschlagen. Wie ich hörte, war er todkrank, als er dort eintraf, und starb kurz darauf. Das ist alles, was ich darüber weiß. Wenn Ihr mich fragt; ich glaube, die Geschichte ist von Anfang bis Ende erlogen. Wenn Ihr jedoch mehr darüber erfahren wollt, dann rate ich Euch, den Tana hinaufzufahren und Euch bei Mak-kenzie nach weiteren Einzelheiten zu erkundigen.«
    Sir Henry und ich schauten uns an. Hier war zumindest ein Ansatzpunkt.
    »Ich glaube, wir werden zu Mr. Mackenzie fahren«, sagte ich.
    »Das ist natürlich das beste, was Ihr machen könnt«, gab der Konsul zur Antwort. »Aber ich warne Euch: Euer Marsch dorthin wird sicherlich mit einigen Gefahren verbunden sein; wie ich hörte, sind die Masai in der Gegend, ziemlich unangenehme Zeitgenossen, wie Ihr wahrscheinlich wißt. Das beste wird sein, Ihr sucht Euch einige gute Männer als persönliche Diener und als Jäger aus und mietet Euch von Dorf zu Dorf jeweils neue Träger. Das wird wahrscheinlich eine Menge Unannehmlichkeiten mit sich bringen, aber vielleicht ist es insgesamt gesehen billiger und vorteilhafter, als eine Karawane aufzustellen. Außerdem wird die Gefahr des Desertierens geringer sein.«
    Ein glücklicher Zufall wollte es, daß sich in Lamu gerade eine Gruppe von Wakwafi Askari (Kriegern) aufhielt. Die Wakwafi, eine Mischung aus Masai und Wataveta, sind eine feine, starke Rasse, deren Krieger alle männlichen Tugenden aufweisen. Sie besitzen viele der guten Qualitäten, über die auch die Zulu verfügen, und besitzen die ausgeprägte Fähigkeit zur Zivilisation. Darüberhinaus sind sie als große Jäger bekannt. Folgendes war geschehen: Diese hervorragenden Männer waren erst kurz zuvor von einer langen Expedition mit einem Engländer namens Jutson zurückgekehrt. Dieser war in Mombasa, einer Hafenstadt, die ungefähr 150 Meilen unterhalb von Lamu lag, aufgebrochen und war um den Kilimandscharo, einen der höchsten bekannten Berge Afrikas, herumgereist. Der arme Kerl war auf dem Rückweg, nur noch einen Tagesmarsch von Mombasa entfernt, am Fieber gestorben. Ein hartes Schicksal, so kurz vor dem rettenden Hafen zugrunde zu gehen, wenn man schon so viele Gefahren glorreich überstanden hat, aber es war nun einmal der Lauf der Dinge. Seine Jäger hatten ihn begraben und waren dann nach Lamu gekommen. Unser Freund, der Konsul, schlug uns vor, den Versuch zu machen, diese Männer bei uns zu verdingen. Gesagt, getan, am folgenden Morgen machten wir uns in Begleitung eines Dolmetschers auf den Weg zu der Gruppe.
    Wir trafen sie zur rechten Zeit in einer Lehmhütte am Stadtrand an. Drei der Männer saßen draußen vor der Hütte. Es waren prächtige, offenherzig dreinblik-kende Burschen von mehr oder weniger zivilisiertem äußeren Erscheinen. Wir eröffneten ihnen vorsichtig, warum wir gekommen waren; zunächst mit geringem Erfolg. Sie erklärten uns, sie wären im Augenblick nicht in der Verfassung, an solch einen Plan auch nur zu denken, erschöpft und müde, wie sie seien von der langen und beschwerlichen Reise; darüberhinaus wären sie in tiefer Trauer über den Verlust ihres Herrn. Sie hätten vor, nach Hause zurückzukehren und sich daselbst eine Weile auszuruhen. All dies hörte sich alles andere als vielversprechend an. Um zunächst einmal auf ein anderes Thema zu kommen, fragte ich sie danach, wo sich die anderen Männer aus ihrer Gruppe befänden. Man habe mir gesagt, es wären insgesamt sechs, und ich könne lediglich drei sehen. Einer der Männer sagte, sie schliefen in der Hütte und ruhten sich noch von den Strapazen aus - »der Schlaf zog an ihren Augenlidern, und der Kummer machte ihre Herzen schwer wie Blei: es war das Beste für sie, sich schlafenzulegen, denn der Schlaf bringt Vergessen. Aber sie müßten jetzt aufgewacht sein.«
    Im selben Augenblick kamen sie gähnend aus der Hütte. Die beiden ersten Männer gehörten offensicht-lich zur selben Rasse wie die, mit denen wir gerade gesprochen hatten; sie trugen auch die gleiche Kleidung. Das Erscheinen des dritten und letzten hingegen traf mich wie ein überraschender Schlag. Der Mann war großgewachsen und breit, ich würde sagen, er war weit größer als sechs Fuß, dabei jedoch hager, mit schlanken, drahtigen Armen und Beinen. Schon der erste Blick verriet mir, daß es kein Wakwa-fi war: er war ein reinrassiger Zulu. Als er aus der Hütte heraustrat, hielt er gerade mit seiner schmalen, aristokratischen Hand sein Gesicht halb verdeckt, um ein Gähnen zu verbergen. Aus diesem Grunde konnte ich nur erkennen, daß es sich um einen »Keshla«, oder einen Beringten[3], handelte. Auch konnte ich erkennen, daß er ein großes, dreieckiges Loch in seiner Stirn hatte. Eine Sekunde später nahm er die Hand vom Gesicht, und zum Vorschein kam ein kräftiges Zulugesicht mit einem spöttisch lächelnden, humorvollen Mund, einem kurzen wolligen Bart, mit einem Anflug von Grau darin, und zwei braunen Augen, deren Blick scharf war wie der eines Falken. Ich erkannte den Mann sofort wieder, obwohl ich ihn zwölf Jahre lang nicht mehr gesehen hatte. »Sei gegrüßt, Umslopogaas!« sagte ich ganz ruhig in der Sprache der Zulu.
    Der riesige Mann (der in seinem eigenen Volk berühmt ist als »der Sprecht« oder auch als »der Schlächter«) fuhr zusammen, und fast hätte er die langstielige Streitaxt, die er in der Hand hielt, fallen lassen. Im selben Moment hatte er mich schon erkannt, und dann begrüßte er mich überschwenglich mit einem blumenreichen Wortschwall, dem seine Gefährten, die Wakwafi, mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen zuhörten.
    »Koos (Anführer)«, begann er, »Koos-y-Pagate! Koos-y-um-cool! (Anführer aus alter Zeit - mächtiger Anführer) Koos! Baba! (Vater) Macumazahn, alter Jäger, Totschläger der Elefanten, Verspeiser der Löwen, Schlauer und Gerissener! Achtsamer! Tapferer! Schneller! Der, dessen Schuß niemals fehlgeht, dessen Schlag immer trifft, der eine Hand ergreift und sie bis zum Tode festhält (d.h. der ein treuer Freund ist). Koos! Baba! Weise ist die Stimme unseres Volkes, die da sagt: >Der Berg trifft niemals mit dem Berg zusammen, aber bei Tagesanbruch oder am Abend wird der Mann wieder mit dem Mann zusammentreffen.< Siehe! Ein Bote kam aus Natal hergereist. >Macuma-zahn ist tot!< rief er. >Das Land wird Macumazahn nicht mehr wiedererblicken.< Dies war vor vielen Jahren. Doch nun, siehe da! An diesem Orte des Gestankes finde ich Macumazahn, meinen Freund, wieder. Da ist kein Platz für Zweifel. Die Mähne des alten Schakals ist ein wenig grau geworden; doch ist nicht sein Auge so scharf, sind nicht seine Zähne so spitz wie eh und je? Ha! Ha! Macumazahn, erinnerst du dich daran, wie du die Kugel mitten in das Auge des wütend angreifenden Büffel jagtest? Erinnerst du dich ...?«
    Ich hatte ihn nicht unterbrochen, da ich bemerkte, welch tiefen Eindruck seine enthusiastische Begrüßungsrede auf die fünf Wakwafi machte, die zumindest einen Teil dessen, was er sagte, zu verstehen schienen. Nun jedoch hielt ich es für an der Zeit, seinen Redeschwall einzudämmen; nichts auf der Welt ist mir so zuwider wie die Angewohnheit der Zulu, jemanden in höchsten Tönen zu preisen - >bongern< -wie sie es nennen. »Ruhe jetzt!« rief ich. »Ward all dein lärmender Redefluß gedämmt, seit ich dich das letzte Mal sah, so daß er nun so mächtig aus dir hervorbricht und uns gleichsam überschwemmt? Was tust du hier mit diesen Männern - du, der du Stammesführer in Zululand warst, als ich dich zum letzten Male sah? Wie kommt es, daß du so fern deiner Heimat bist und ich dich hier mit Fremden zusammen vorfinde?«
    Umslopogaas stützte sich auf seine lange Streitaxt (die nichts anderes war als ein Schlachtbeil, mit einem wunderschönen Griff aus Rhinozeroshorn), und sein grimmiges Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an.
    »Mein Vater«, begann er, »ich habe dir etwas zu erzählen, aber ich kann es nicht vor den Ohren dieser Unwürdigen (umfagozana) - er deutete dabei auf die Wakwafi Askari - aussprechen. Es ist nur für dein Ohr bestimmt. Mein Vater, dieses will ich dir nun berichten« - und hier wurde sein Gesicht wieder grimmig, »eine Frau verriet mich an den Feind und bedeckte meinen Namen mit Schande - ja, meine eigene Frau, ein Mädchen mit rundem Gesicht, betrog mich. Aber ich entrann dem Tode; ja, ich überwand jene, die gekommen waren, um mich abzuschlachten. Ich führte nur drei mächtige Hiebe mit dieser meiner Axt Inkosi-kaas - sicherlich kann sich mein Vater noch an sie erinnern, einen nach rechts, einen nach links, und einen nach vorn, aber es reichte, um drei Männer tot zu Boden zu strecken. Und dann floh ich, und, wie mein Vater weiß, sind meine Füße, auch jetzt noch, da ich alt bin, wie die Füße der Saasaby[4], und kein Mann auf der Welt kann mich einholen, wenn ich ihm einmal entsprungen bin. Also flog ich davon, und auf meiner Fährte hetzten die Boten des Todes, und ihre Stimmen waren wie die Stimme des Hundes, der seiner Beute nachjagt. Aus meinem eigenen Kraal floh ich, und beim Laufen sah ich die, die mich verraten hatte, wie sie gerade Wasser von einer Quelle schöpfte. Ich flog auf sie zu wie der Schatten des Todes, und als ich sie erreicht hatte, streckte ich sie mit meiner Axt nieder, und ihr Haupt sank herunter und fiel in die Wasserschale. Dann floh ich weiter nach Norden. Tag um Tag zog ich weiter; drei Monate reiste ich, ohne zu rasten und ohne zu ruhen. Ich lief immer weiter, um in der Ferne das Vergessen zu finden. Und so traf ich auf die Expedition des weißen Jägers, der jetzt tot ist, und schließlich gelangte ich hierher mit seinen Dienern. Ich habe nichts mitgenommen; ich, der ich von hoher Geburt war, ja, vom Geblüt Chakas, des großen Königs - ein Häuptling, Hauptmann des Regiments der Nkomobakosi -, bin nun ein Umherirrender an einem fremden Orte, ein Mann ohne Kraal. Nichts habe ich mitgenommen außer dieser meiner Axt; von all meiner Habe ist nur sie mir geblieben. Sie haben mein Vieh aufgeteilt; sie ha-ben mir meine Frauen weggenommen; und meine Kinder kennen mich nicht mehr. Doch mit dieser meiner Axt ...« - er schwang die wunderbare Waffe in einer kreisförmigen Bewegung über seinem Haupt, so daß sie ein zischendes Geräusch erzeugte, als sie durch die Luft schnitt -, »mit dieser meiner Axt werde ich mir einen neuen Pfad zum Glück bahnen. Ich habe gesprochen!«
    Ich schaute ihn an und schüttelte den Kopf. »Umslopogaas«, sagte ich, »ich kenne dich aus alter Zeit. Immer voller Ehrgeiz, immer dabei, Pläne zum großen Ruhm auszuhecken; ich fürchte, dieses Mal hast du dir zuviel zugemutet. Vor vielen Jahren, als du Ränke schmieden wolltest gegen Cetywayo, den Sohn des Panda, da warnte ich dich, und du hörtest auf meinen Rat. Doch nun, da ich nicht in deiner Nähe war, um dir in den Arm zu fallen, da hast du mit eigenen Füßen die Fallgrube durchbrochen, die du selbst gegraben hast. Ist es nicht so? Aber was geschehen ist, ist geschehen. Wer kann den abgestorbenen Baum wieder zum Grünen bringen; wer kann das Licht, das im letzten Jahre leuchtete, noch einmal erblicken? Wer kann das gesprochene Wort bewahren oder den Geist der Gefallenen wieder zum Leben erwecken? Was die Zeit verschlingt, das kommt nie wieder zurück. Laß es dem Vergessen anheimfallen!
    Und nun höre, Umslopogaas! Ich kenne dich als einen großen Krieger und als einen tapferen Mann, der treu ist bis in den Tod. Selbst in Zululand, wo alle Männer tapfer sind, gab man dir den Ehrennamen >der Schlächter<, und nachts erzählt man sich am Feuer von deiner Stärke und von deinen großen Taten. Höre, was ich dir nun sage! Du siehst dort jenen großen Mann stehen, meinen Freund ...« - ich deutete auf Sir Henry - »Er ist ein eben solcher Krieger wie du, und da er genauso stark ist wie du, könnte er dich über seine Schulter werfen. Incubu ist sein Name. Und du siehst auch den anderen, den mit dem runden Bauch, dem leuchtenden Auge und dem freundlichen Gesicht. Bougwan (Glasauge) ist sein Name, und er ist ein guter und aufrechter Mann. Er gehört zu jenem seltsamen Stamme, der sein Leben auf dem Wasser verbringt und in schwimmenden Kraals lebt.
    Nun, wir drei die du hier siehst, wollen gerne ins Landesinnere reisen, jenseits des Dongo Egere, des großen weißen Berges (Mount Kenia), und tief in das unbekannte Gebiet dahinter. Wir wissen nicht, was wir dort finden werden; wir wollen auf die Jagd gehen und Abenteuer erleben und neue Gebiete entdek-ken, da wir es müde sind, daheim am Ofen zu sitzen und jeden Tag dieselben alten Dinge zu sehen. Willst du mit uns kommen? Dir soll das Kommando über alle unsere Diener zufallen. Was jedoch mit dir geschehen wird, weiß ich nicht. Schon einmal reisten wir drei zusammen, so wie jetzt, auf der Suche nach Abenteuern. Mit uns ging ein Mann so wie du - Um-bopa war sein Name. Und siehe da! Wir ließen ihn zurück als König eines großen Landes, mit zwanzig Impis (Regimentern). Jedes davon zählte 3000 federgeschmückte Krieger, die alle auf seinen Befehl hörten. Was dir widerfahren wird, kann ich nicht wissen; vielleicht wartet auf dich und auf uns der Tod. Willst du das Glück mit beiden Händen ergreifen und mit uns kommen, oder fürchtest du dich, Umslopogaas?«
    Der große Mann lächelte. »Du irrst, Macumazahn«, antwortete er. »Zu meiner Zeit schmiedete ich Ränke und machte viele Pläne, aber nicht Ehrgeiz war es, der mich zur Strecke brachte, sondern - Schande über mich, daß ich das bekennen muß - das Antlitz einer schönen Frau. Laß es nun geschehen sein. Wir werden also wieder die alten Zeiten erleben, Macuma-zahn, da wir zusammen große Kämpfe durchstanden und in Zululand jagten. Ja, ich werde mit euch kommen. Leben oder Tod, was macht es schon, solange die Axt ihr Ziel erreicht und schnell und hart trifft. Ich werde alt, ich werde alt, und ich habe noch nicht genug gekämpft! Und doch bin ich ein Krieger unter Kriegern; seht meine Narben!« - bei diesen Worten zeigte er auf die zahllosen Narben, Stichwunden und Schnitte, mit denen sein Oberkörper und seine Arme und Beine übersät waren. »Seht das Loch in meinem Kopf; das Gehirn spritzte mir dort heraus; dennoch tötete ich den, dem ich diesen Hieb zu verdanken hatte, und lebe noch immer. Weißt du, wie viele Männer ich in fairem Zweikampf tötete, Macumazahn? Schau, diese Axt kann dir erzählen, wie viele es waren.« Er deutete auf die lange Reihe von Kerben, die er in den hörnernen Griff seiner Waffe geschnitzt hatte. »Zähle sie, Macumazahn - hundertdrei - und ich habe nur die gezählt, die ich aufgeschlitzt habe[5]
    »Schweig nun«, entgegnete ich, da ich bemerkte, daß der Blutrausch ihn allmählich wieder überkam. »Schweig! Zu Recht nennt man dich den >Schlächter<. Wir wollen nicht von deinen Bluttaten hören. Bedenket wenn du uns wirklich begleiten willst; wir kämpfen nur zur Selbstverteidigung! Nun hör, wir brauchen Begleiter. Diese Männer hier ...« - ich zeigte auf die Wakwafi, die sich während unseres >indaba< (Gesprächs) ein wenig zurückgezogen hatten - »sagen, sie wollen nicht mitkommen.«
    »Wollen nicht mitkommen!« schrie Umslopogaas voller Entrüstung. »Wo ist der Hund, der da sagt, er wolle nicht mitkommen, wenn mein Vater es befiehlt? Du da ...« - und mit einem Riesensatz sprang er auf den Wakwafi zu, mit dem ich zuerst gesprochen hatte, packte ihn am Arm und zerrte ihn zu uns. - »Du Hund!« rief er und schüttelte den erschrockenen Mann durch wie ein Lumpenbündel. »Sagtest du, du wollest nicht mit meinem Vater gehen? Sag das noch einmal, und ich erwürge dich« - seine langen Finger legten sich um die Gurgel des armen Kerls, »dich und die anderen, mit denen du zusammen bist. Hast du vergessen, wie ich es mit deinem Bruder machte?«
    »Ja, ja, wir werden mit dem weißen Mann gehen«, brachte der Mann keuchend hervor.
    »Weißer Mann!« ereiferte sich Umslopogaas in gespieltem Zorn, den jedoch die leiseste Provokation sehr schnell in echten verwandeln konnte. »Von wem sprichst du, frecher Hund?«
    »Wir werden mit dem großen Häuptling mitgehen.«
    »So!« sagte Umslopogaas, nun wieder in ruhigem Ton. Er löste seinen Griff so plötzlich, daß der Mann strauchelte und hintenüberfiel. »Ich dachte mir doch, daß ihr mitkommen würdet.«
    »Dieser Umslopogaas scheint eine eigentümliche Überlegenheit über seine Gefährten zu haben«, bemerkte Good später gedankenverloren.

2
Die schwarze Hand

    Alsbald verließen wir Lamu, und zehn Tage später befanden wir uns an einem Ort namens Charra, am Ufer des Tanaflusses. In der Zwischenzeit hatten wir schon so manches Abenteuer mitgemacht, worüber ich jedoch hier nicht im einzelnen berichten will. Unter anderem besuchten wir eine verfallene Stadt, von denen es an dieser Küste eine ganze Reihe gibt. Sie müssen einstmals, nach ihrer Ausdehnung und den zahlreichen Überresten von Moscheen und steinernen Gebäuden zu urteilen, stark bevölkert gewesen sein. Diese verfallenen Städte sind sehr alt. Sie müssen -wie ich glaube - zu den Zeiten des Alten Testaments Stätten von großem Reichtum und enormer Macht gewesen sein. Sie waren wohl Stützpunkte des Handelsverkehrs mit Indien und anderen überseeischen Gebieten. Doch nun ist ihr Ruhm längst Geschichte -die Jagd auf schwarze Sklaven hat ihrer Blütezeit ein Ende gesetzt -, und wo einst reiche Kaufleute aus allen Teilen der damals zivilisierten Welt sich niedergelassen und ihre Waren auf den menschengefüllten Marktplätzen feilgeboten hatten, da hielt jetzt der Löwe des Nachts Hof; und wo einst das Stimmengewirr der Sklaven und der laute Ruf der Händler und Käufer erscholl, da hallt nun sein schreckliches Gebrüll in den ausgestorbenen und hohlen Gassen wider. In einer solchen Stadt entdeckten wir auf einer Anhöhe unter einem Haufen von Dreck, überwuchert mit Ranken, zwei der schönsten steinernen Torwege, die ich je gesehen hatte. Die Reliefs auf ihnen waren exzellent, und ich bedaure nur, daß wir keine Möglichkeit hatten, sie mitzunehmen. Zweifelsohne waren sie einst die Eingänge zu einem Palast gewesen, von dem jedoch nicht eine Spur mehr zu sehen war, obwohl es wahrscheinlich ist, daß seine Ruinen unter dem Hügel verborgen sind.
    Fort! Verschüttet und verweht! Der Weg, den alles dereinst gehen muß. Wie die vornehmen Herren und Damen, die einst in ihren Mauern lebten, so hatten auch diese Städte ihre Blüte erlebt, und nun sind sie verfallen wie Babylon und Ninive, und wie es auch London und Paris einst sein werden. Nichts auf der Welt ist für immer von Bestand. Das ist ein unauslöschliches Gesetz. Männer und Frauen, Königreiche und stolze Städte, Herrschaftshäuser, Fürstentümer und Weltreiche, Berge, Flüsse und unendlich tiefe Seen, Welten, ja Universen, sie alle haben ihre Blütezeit, und sie alle müssen einst untergehen. In einem Ort wie diesem, verfallen, ausgestorben und vergessen, da kann ein religiöser Mensch ein Symbol des universellen Schicksals erkennen. Denn in diesem unseren System, da ist kein Platz für Stillstand - nichts und niemand kann auf dem Wege verweilen und den Gang der Dinge aufhalten; weder die Aufwärtsbewegung der Dinge, zum Leben hin, noch den Fall der Dinge, abwärts, zum Tode hin. Die Fügung, dieser gestrenge Herr, sie bewegt uns und alle Dinge weiter, unaufhaltsam weiter, bergan und bergab und geradeaus; es gibt keine Rast für die müden Beine, bis uns zu guter Letzt der Schlund verschluckt und wir von den Gestaden des Vergänglichen hinabgerissen werden in die unendliche See des Ewigen.
    In Charra kam es zwischen uns und dem Anführer der Träger, die wir bis dorthin gemietet hatten, zu einem heftigen Streit. Er wollte uns einen erheblichen Extralohn abpressen. Im Verlaufe dieses Streites drohte er uns damit, uns die Masai - später mehr von ihnen - auf den Hals zu hetzen. In derselben Nacht lief er gemeinsam mit allen Trägern, die wir gemietet hatten, davon und nahm den größten Teil der Waren mit, die wir in seine Obhut gegeben hatten. Zu unserem Glück hatten sie jedoch unsere Gewehre, die Munition und unsere persönliche Habe an Ort und Stelle gelassen; nicht aus Freundlichkeit, sondern einfach weil sich die Waffen in der Obhut der fünf Wakwafi befunden hatten. Nach diesem Zwischenfall war es klar für uns, daß wir von Karawanen und Trägern ein für allemal genug hatten. Es gab auch in der Tat wirklich nicht mehr viel, was noch den Aufwand einer Karawane gerechtfertigt hätte. Wie sollte es nun weitergehen?
    Es war Good, der schließlich auf die Lösung des Problems kam. »Hier ist doch Wasser«, sagte er und deutete auf den Tanafluß, »und erst gestern noch sah ich eine Gruppe von Eingeborenen, die mit Kanus Flußpferde jagte. Wenn ich richtig verstanden habe, dann liegt Mr. Mackenzies Missionsstation doch am Ufer des Tana. Warum nehmen wir nicht einfach Kanus und paddeln flußaufwärts bis zu der Station?«
    Es braucht wohl nicht sonderlich erwähnt zu werden, daß dieser brillante Vorschlag mit großem Beifall aufgenommen wurde. Ich machte mich unverzüglich auf den Weg, passende Kanus von den in der Umgebung lebenden Eingeborenen zu kaufen. Innerhalb von drei Tagen gelang es mir, zwei große Kanus zu erwerben; beide waren aus je einem einzigen Stamm leichten Holzes gefertigt, den man ausgehöhlt hatte, und jedes der beiden Kanus vermochte sechs Personen mitsamt Gepäck zu tragen. Die beiden Boote kosteten uns nahezu unsere gesamte restliche Habe, bestehend aus Tuchen und diversen anderen Waren.
    Am Tag darauf fuhren wir los. Im ersten Kanu befanden sich Good, Sir Henry und drei unserer Wak-wafi-Begleiter; im zweiten ich, Umslopogaas und die beiden anderen Wakwafi. Da wir stromaufwärts fahren mußten, waren wir gezwungen, in jedem Kanu mit vier Paddeln zu arbeiten. Das bedeutete, daß wir alle, mit Ausnahme von Good, wie Galeerensklaven rudern mußten. Es war fürchterlich anstrengend. Ich sage, mit Ausnahme von Good, denn kaum hatte er seinen Fuß ins Boot gesetzt, war er in seinem Element und übernahm das Kommando über die Gruppe. Er ließ uns ordentlich schuften. An Land ist Good ein gutherziger, jovialer Mensch, hat immer einen Scherz parat; in einem Boot jedoch war Good, wie wir nur allzu bald zu unserem Verdruß feststellen mußten, ein wahrer Dämon. Der erste Grund war natürlich: er wußte alles, was mit Schiffen zusammenhing, und wir wußten nichts. Welches nautische Problem auch auftauchte: von der Torpedoausrüstung eines Kriegsschiffes bis zur bestmöglichen Art, ein afrikanisches Kanu zu manövrieren, Good war eine unerschöpfliche Informationsquelle, was wir, um es milde auszudrücken, nicht waren. Auch was die Disziplin anbetraf, war er unerbittlich, und, um es klipp und klar auszudrücken: er kam wie der leibhaftige Royal Navy-Offizier über uns und zahlte uns all die Sticheleien, mit denen wir ihn an Land so gern und häufig aufzogen, doppelt und dreifach heim. Andererseits jedoch muß ich neidlos anerkennen, daß er die Boote auf eine bewundernswerte Art im Griff hatte.
    Am zweiten Tag unserer Fahrt gelang es Good mit Hilfe von einigen Tüchern und Stangen, in beiden Booten je ein Segel anzubringen, wodurch unsere Anstrengungen nicht unerheblich erleichtert wurden. Aber die Strömung war sehr stark und wir schafften bestenfalls zwanzig Meilen pro Tag. Es war uns das Beste erschienen, im Morgengrauen abzulegen und bis etwa halb elf zu paddeln. Danach war für gewöhnlich die Sonne zu heiß, um größere Anstrengungen zu unternehmen. Wir legten dann am Ufer an, vertäuten unsere Kanus und aßen unser karges Mahl. Danach schliefen wir oder vertrieben uns die Zeit anderweitig bis etwa gegen drei Uhr, worauf wir wieder ablegten. Wir ruderten dann weiter, bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Das war der Zeitpunkt, das Nachtquartier aufzuschlagen. Sobald wir angelegt hatten, pflegte Good sofort mit Hilfe der As-kari einen kleinen »scherm«, d.h. eine Einfriedung zu errichten, wozu er Dornbuschzweige zusammensuchte. Alsdann machte er ein Feuer. Ich, Sir Henry und Umslopogaas gingen dann gewöhnlich los, um etwas Geeignetes für den Kochtopf zu schießen. Im allgemeinen war dies keine sehr schwierige Aufgabe, da das Ufer des Tana von allen möglichen Arten von Wild im Überfluß bevölkert war. Eines Abends schoß Sir Henry eine junge Giraffenkuh, deren Markknochen ein exzellentes Mahl abgaben; ein paar Abende später rückte ich mit einem Wasserbüffel an; und einmal gelang es Umslopogaas (der, wie die meisten Zulus, nicht besonders gut mit einem Gewehr umge-hen konnte) zu seiner überaus großen Befriedigung, eine schöne, fette Elenantilope mit einer Martini, die ich ihm geliehen hatte, zu erlegen. Ab und zu bereicherten wir unsere Speisekarte mit Perlhühnern oder Buschtrappgänsen (paau) - beides hier sehr häufig vorkommende Tiere -, die wir mit einer Schrotflinte schossen; oder wir fingen uns ein paar der herrlichen gelben Fische, von denen der Tana nur so wimmelt, und die - soweit ich weiß - die Haupternährungsquelle der Krokodile darstellen.
    Drei Tage nach unserem Aufbruch ereignete sich etwas, das auf nahendes Unheil schließen ließ. Wir manövrierten die Boote gerade ans Ufer, um wie gewöhnlich unser Nachtquartier aufzuschlagen, als wir plötzlich eine Gestalt erblickten, die kaum vierzig Yards entfernt auf einer Hügelkuppe stand und unser Kommen beobachtete. Ein Blick genügte; ich war sicher - obwohl ich noch nie mit eigenen Augen ein Mitglied des Stammes gesehen hatte -, daß es sich bei dem Mann um einen Masai Elmoran, d.h., um einen jungen Krieger, handelte. Und in der Tat, auch wenn ich Zweifel gehabt hätte, so wären diese sehr schnell beseitigt worden: aus den Mündern unserer Wakwafi ertönte fast einstimmig der Schreckensruf: »Masai!« Die Wakwafi sind, wie ich - glaube ich - schon erwähnte, selbst Masaimischlinge.
    Und was für ein Bild, wie er da oben in seinem wilden Kriegsschmuck stand! Obwohl ich ja zeit meines Lebens an den Anblick von Wilden gewöhnt war; ich konnte mich nicht erinnern, jemals zuvor einen ähnlich furchteinflößenden und ehrfurchtgebietenden Anblick vor mir gehabt zu haben! Was mir als erstes auffiel, war die enorme Größe des Mannes. Er war bestimmt so groß wie Umslopogaas und von schöner, wenn auch etwas zu hagerer Gestalt. Und sein Gesicht! Er sah wirklich aus wie ein Teufel. In der Rechten hielt er einen Speer von bestimmt fünfeinhalb Fuß Länge. Die geschliffene Spitze war zweieinhalb Fuß lang und wohl an die drei Zoll breit. An ihrem Fuße befand sich ein eiserner Widerhaken, der mehr als einen Fuß maß. Mit der Linken hielt er einen großen, hervorragend gefertigten länglichen Schild aus Büffelhaut, der mit fremdartigen heraldischen Emblemen bemalt war. Über seinen Schultern trug er einen riesigen Umhang aus Habichtfedern, und um seinen Hals hatte er ein »naibere« gewunden, ein Baumwollband, ungefähr siebzehn Fuß lang anderthalb Fuß breit, in dessen Mitte ein farbiger Streifen entlanglief. Den Umhang aus gegerbtem Ziegenleder, der zu Friedenszeiten seine normale Kluft darstellte, hatte er lose um seine Hüften geschlungen; er diente ihm jetzt als Gürtel, durch den er auf der rechten Seite sein kurzes Schwert mit birnenförmiger Klinge, auf der linken seinen gewaltigen Knüppel gesteckt hatte. Das Schwert war aus einem einzigen Stück Stahl gefertigt und steckte in einer hölzernen Scheide. Aber das wahrscheinlich Bemerkenswerteste und Eindrucksvollste an seiner Kleidung war sein Kopfschmuck aus Straußenfedern. Er war am Kinn befestigt und ging vor den Ohren her zur Stirn. Er hatte die Form einer Ellipse und umrahmte das Gesicht des Kriegers völlig, so daß der diabolische Ausdruck auf seinem Gesicht aus einer Art federnem Feuerrad hervorzuspringen schien. Um die Fußknöchel trug er Fransen aus schwarzem Haar, und vom oberen Teil seiner Waden hingen lange, dornenartige Sporen herab, an denen Büschel aus dem prächtig schwarzen, welligen Haar des Colobusaffen befestigt waren.
    Das also war die kunstvolle Tracht des Masai Elmo-ran, der von dem Hügel herab das Herannahen unserer Kanus beobachtete. Man muß diese Krieger, um sie in all ihrer Pracht wirklich würdigen zu können, selbst gesehen haben. Nur ist es leider so, daß die, die einmal einen Blick davon erhaschen, meist nicht mehr die Gelegenheit haben, sie jemandem zu beschreiben. Natürlich konnte ich die einzelnen Details seines Kriegsschmuckes nicht bei diesem ersten Zusammentreffen ausmachen, da ich in der Tat von dem Gesamteindruck, den er auf mich machte, überwältigt war, aber ich hatte später noch Gelegenheit genug, die Einzelheiten seiner Kleidung, die diesen Gesamteindruck ausmachen, gebührend kennenzulernen.
    Während wir noch überlegten, was wir tun sollten, reckte sich der Masaikrieger zu ehrfurchtgebietender Haltung hoch, machte eine drohende Gebärde mit seinem Speer, wandte sich um und verschwand hinter dem Hügel.
    »Halloo!« rief Sir Henry aus dem anderen Boot, wobei er seine Hände vor dem Mund zu einem Trichter formte. »Unser freundlicher Karawanenführer hat sein Wort gehalten und die Masai auf uns gehetzt. Haltet ihr es nicht für zu gefährlich, jetzt an Land zu gehen?«
    Ich hielt es unter diesen Umständen auf jeden Fall für ziemlich gefährlich, an Land zu gehen; andererseits hatten wir keine Möglichkeit, in den Kanus zu kochen, und wir hatten in den Booten auch nichts, was wir roh hätten verzehren können. Da war natürlich guter Rat teuer. Schließlich war es Umslopogaas, der die Lage erst einmal erleichterte, indem er sich freiwillig als Kundschafter meldete. Er kroch in das Buschwerk schnell und gewandt wie eine Schlange, während wir die Boote im Strom hielten und auf ihn warteten. Eine halbe Stunde später kehrte er zurück und meldete, daß weit und breit kein Masai zu sehen wäre. Er hatte jedoch die Stelle entdeckt, an der sie erst kurz zuvor ihr Lager aufgeschlagen hatten, und verschiedene Anzeichen hatten darauf hingedeutet, daß sie etwa eine Stunde zuvor das Lager verlassen hatten und weitergezogen waren. Der Mann, den wir gesehen hatten, war ohne Zweifel zurückgelassen worden, um den anderen zu melden, wie wir uns verhielten.
    Wir entschlossen uns daraufhin, an Land zu gehen, stellten eine Wache auf, trafen alle Vorbereitungen und nahmen unser Abendessen ein. Nach dem Essen berieten wir über unsere Lage. Es war natürlich denkbar, daß das Auftauchen des Masaikriegers überhaupt nichts mit uns zu tun hatte, sondern daß er zu einer Gruppe gehörte, die sich auf einem Raubund Plünderungszug gegen irgendeinen anderen Stamm befand. Unser Freund, der Konsul, hatte uns nämlich berichtet, daß solche Züge zur Zeit wieder an der Tagesordnung waren. Aber wenn wir an die Drohung des Karawanenführers zurückdachten und uns die drohende Gebärde vergegenwärtigten, mit der der Masai Elmoran seinen Speer auf uns gerichtet hatte, dann schien diese Erklärung sehr unwahrscheinlich. Im Gegenteil: allem Augenschein nach hatte die Gruppe es auf uns abgesehen; sie schienen nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten, in der sie uns angreifen konnten. Wenn dies der Fall war -woran keiner von uns ernstlich zweifelte -, dann gab es für uns zwei Möglichkeiten: entweder weiterzuziehen, oder den Rückzug anzubeten. Die letztere Möglichkeit wurde jedoch auf der Stelle verworfen, denn es war klar, daß wir mit denselben Gefahren konfrontiert sein würden, ob wir nun weiterzögen oder zurückführen. Außerdem hatten wir uns dazu entschlossen, unsere Fahrt um jeden Preis fortzusetzen. Unter diesen Umständen hielten wir es jedoch für sehr gefährlich, am Ufer zu übernachten. Wir stiegen also wieder in unsere Kanus, paddelten bis in die Mitte des Stromes, der an dieser Stelle nicht sehr breit war, und verankerten sie dort mit Hilfe von großen Steinen, die wir an Seile aus Kokosnußfasern banden, von denen wir in jedem der Boote im Überfluß hatten.
    Hier jedoch fraßen uns die Moskitos beinahe bei lebendigem Leibe. Das - in Verbindung mit der Sorge um unsere nicht sehr aussichtsreiche Lage - brachte mich, im Gegensatz zu den anderen, völlig um den Schlaf. Ich lag also wach, rauchte, dachte über viele Dinge nach, und lauschte den pausenlosen Attacken der Moskitos des Tanaflusses. Da ich jedoch ein sehr praktisch veranlagter Mensch bin, kreisten meine Gedanken hauptsächlich darum, wie wir den schurkischen Masai entwischen konnten. Es war eine wunderschöne Nacht. Der Mond stand am Himmel, und ich war - abgesehen von der Moskitoplage, der Gefahr, die wir liefen, am Fieber zu erkranken, wenn wir an einem solchen Orte schliefen, dem Krampf, den ich durch die beengte Lage in dem Kanu allmählich in meinem rechten Bein verspürte, sowie dem fürchterlichen Geruch, den der Wakwafi der direkt neben mir schlief, ausströmte - guter Dinge und in angenehmer Stimmung. Das Mondlicht spielte auf der Oberfläche des Wassers, das unaufhaltsam an uns vorbeirauschte, dem Meere zu, wie das Leben der Menschen dem Tode entgegenfließt, und es glitzerte an den Stellen, wo die Bäume keine Schatten warfen und das Mondlicht ungehindert auf das Wasser treffen konnte, wie Silberfolie. In der Nähe der Ufer jedoch war es sehr dunkel, und der Nachtwind sang mit einem tiefen Seufzen sein trauriges Lied im Schilf. Zu unserer Linken, auf der entfernteren Seite des Ufers, war eine kleine Einbuchtung mit einem Sandstrand, auf dem keine Bäume standen. Dort konnte ich die schemenhaften Umrisse einer Gruppe von Antilopen erkennen die sich langsam auf das Wasser zubewegten. Plötzlich erscholl ein unheilvolles Röhren, und sie stoben blitzschnell davon. Nach einer Weile erkannte ich die mächtige Gestalt Seiner Majestät, des Löwen, der nun ans Wasser gekommen war, um mit gierigem Trunk sein Nachtmahl zu beschließen. Kurz darauf verschwand er wieder, und dann vernahm ich, etwa fünfzig Yards oberhalb von uns, den knisternden Laut berstenden Schilfes. Einige Minuten später tauchte eine riesige schwarze Masse aus dem Wasser auf, kaum zwanzig Yards von mir entfernt, und gab ein schnaubendes Geräusch von sich. Es war der Kopf eines Flußpferdes. Lautlos tauchte es wieder unter, nur um unmittelbar danach ein paar Yards neben unserem Kanu wieder aufzutauchen. Das war mir nun doch entschieden zu nah, und ich fühlte mich ziemlich unbehaglich, zumal das Flußpferd sich nun auch noch ganz augenscheinlich dazu animiert fühlte, herauszukriegen, was in drei Teufels Namen das für ein Ding war, das da so dicht neben ihm auf dem Wasser schaukelte. Es öffnete sein riesiges Maul, wahrscheinlich, um zu gähnen, und verhalf mir damit zu einem hervorragenden Einblick in das Innere seines mit riesigen Zähnen ausgestatteten Rachens. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, mit welcher Leichtigkeit es unser Kanu mit einem einzigen Biß zermalmen konnte. Schon halb entschlossen, ihm eins aus meiner großkalibrigen Büchse zu verpassen, überlegte ich mir dann doch, es besser in Ruhe zu lassen und abzuwarten, bis es tatsächlich das Boot angriff. Im selben Augenblick verschwand es auch schon wieder unter der Wasseroberfläche und ward nicht mehr gesehen.
    Als ich, noch nach dem Flußpferd Ausschau haltend, meinen Blick über das rechte Ufer schweifen ließ, kam es mir so vor, als sähe ich eine dunkle Gestalt zwischen den Bäumen entlanghuschen. Ich habe sehr gute Augen, und ich war ziemlich sicher, etwas gesehen zu haben; es war mir jedoch unmöglich, zu sagen, ob es sich um einen Vogel, ein Tier oder einen Menschen gehandelt hatte. In diesem Moment jedoch schob sich eine große dunkle Wolke vor den Mond, und es wurde mit einem Schlag stockfinster. Zur gleichen Zeit erhob sich, obwohl alle anderen Geräusche des Waldes verstummt waren, das langgezogene Geheul einer gehörnten Eule, deren Ruf ich sehr gut kannte. Nach einer Weile verstummte auch dieser Laut, und außer dem Rascheln der Bäume und des Schilfs im Winde herrschte nun absolute Stille.
    Aber irgendwie war ich auf unerklärliche Weise plötzlich nervös geworden. Es gab eigentlich keinen besonderen Grund für meine Nervosität, abgesehen von den alltäglichen Gefahren natürlich, die dem Rei-senden in Zentralafrika auf Schritt und Tritt begegnen können. Und dennoch war ich es. Wenn mich irgend etwas fürchterlich in Rage bringt, weil ich einfach an so etwas nicht glauben will, dann sind das Vorahnungen. Und genau eine solche hatte ich in diesem Augenblick: ich war ganz plötzlich erfüllt, ja besessen von der unbezweifelbaren Vorahnung, daß eine schreckliche Gefahr herannahe. Ich wollte mich indessen um keinen Preis von diesem Gefühl irre machen lassen, obschon ich spürte, daß mir der kalte Schweiß auf der Stirn stand. Ich wollte die anderen nicht in Aufruhr bringen. Ich wurde von Sekunde zu Sekunde unruhiger, und mein Puls jagte wie der eines Sterbenden; das entsetzliche Gefühl, in ohnmächtigem Schrecken befangen zu sein, ein Gefühl, das jedem vertraut ist, der dann und wann an Alpträumen leidet, ließ meine Nerven förmlich flattern. Dennoch war mein Wille immer noch stärker als meine Furcht, und ich zwang mich dazu, ruhig in meiner mehr als unbequemen Position in dem Kanu zu verharren. (Ich saß eigentlich mehr, als daß ich lag, im Bug des Kanus zusammengekauert.) Nur dann und wann drehte ich meinen Kopf ein wenig, um Umslopogaas und die beiden Wakwafi im Blickfeld zu haben, die neben respektive hinter mir schliefen.
    Von weitem hörte ich ein leises Platschen: das Flußpferd. Dann ertönte wieder das langgezogene Heulen der Eule; es hörte sich unnatürlich an; eher wie ein Schrei[6]. Der Wind sang in den Baumwipfeln sein Klagelied; sein seufzender Ton ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Über mir hing der tiefschwarze Busen der Wolken, und unter mir gluckerte unheilvoll die schwarze Flut des Wassers, und ich fühlte mich, als sei nur noch ich alleine mit dem Tod zwischen den beiden schaurigen Elementen. Ich kam mir trostlos und verlassen vor.
    Plötzlich stockte mir der Atem, und das Herz schien stehenzubleiben. War es nur eine Einbildung, oder bewegten wir uns tatsächlich von der Stelle? Ich wandte den Blick, um nach dem anderen Kanu zu schauen, das längs dem unseren liegen mußte. Ich konnte es nicht sehen; statt dessen sah ich eine dürre, krallenartige Hand, die sich langsam über den Rand des kleinen Bootes schob. Es mußte ein Alptraum sein! Im selben Moment tauchte ein dunkles, diabolisch verzerrtes Gesicht aus dem Wasser auf. Das Kanu wippte mit einem kurzen Ruck auf die Seite, ein Messer blitzte auf, und dann zerriß ein grauenhafter Schrei die Luft. Es war der Wakwafi, der neben mir lag (derselbe arme Kerl, dessen Ausdünstungen mich so gestört hatten). Etwas Warmes spritzte mir ins Gesicht. Im Bruchteil einer Sekunde brach der Bann, der mich gelähmt hatte; ich wußte jetzt nur zu gut, daß es kein Alptraum war, sondern daß die Masai uns vom Wasser her angriffen. Ich griff nach der erstbesten Waffe, die mir in die Hand geriet. Es war Umslopo-gaas' Streitaxt. Ich holte aus und hieb sie mit aller Kraft in die Richtung, aus der das Aufblitzen des Messers gekommen war. Die Schneide traf den Arm eines Mannes genau an der Stelle, an der der Arm auf dem dicken hölzernen Bootsrand auflag. Krachend durchschlug sie den Arm und fuhr in das Holz. Der Hieb hatte den Arm ein Stück oberhalb des Handgelenkes vom Körper abgetrennt! Der Mann gab nicht den geringsten Laut von sich. Wie ein Gespenst war er aus dem Dunkel aufgetaucht, und wie ein Gespenst verschwand er wieder. Zurück ließ er eine blutige Hand, die noch immer ein großes Messer umklammert hielt, oder besser ein kurzes Schwert, das tief im Herzen unseres armen Dieners steckte.
    Augenblicklich entstand ein völliger Wirrwarr, und ich glaubte zu sehen - ob zu Recht oder zu Unrecht, weiß ich nicht -, wie mehrere Köpfe sich auf das rechtsseitige Ufer zubewegten, auf das auch wir jetzt rasch zutrieben; sie hatten unser Ankerseil mit einem Messer durchtrennt. Kaum hatte ich das erkannt, als ich auch schon durchschaute, was sie damit bezweckten: das Boot sollte ans rechte Ufer treiben (denn genau dorthin zog uns die Strömung). Dort stand dann sicherlich schon eine Gruppe Masai bereit, die nur darauf warteten, uns ihre schaufelförmigen Speerspitzen in den Leib zu bohren. Ich nahm eines der Paddel, gab Umslopogaas das andere (der überlebende Askari war zu verängstigt und verstört, um in diesem Augenblick von irgendeinem Nutzen zu sein), und gemeinsam ruderten wir aus Leibeskräften zur Mitte des Stroms hin, und keine Sekunde zu früh! Schon im allernächsten Moment wären wir auf Grund gelaufen, und das hätte unser Ende bedeutet.
    Sobald wir auf sicherer Distanz waren, machten wir uns daran, das Boot wieder stromaufwärts zu paddeln, zu der Stelle, an der das andere Kanu vertäut lag. Das war in der Dunkelheit ein verdammt schwieriges und gefährliches Stück Arbeit. Als einzi-gen Orientierungspunkt hatten wir die hallenden Rufe von Goods Stentorstimme, die er in kurzen Abständen wie ein Nebelhorn erschallen ließ, um uns die Richtung zu weisen. Aber schließlich schlossen wir zu dem anderen Kanu auf. Erleichtert stellten wir fest, daß die anderen überhaupt nicht behelligt worden waren. Mit Sicherheit hatte der Mann, dem ich den Arm abgehackt hatte, und der unser Tau durchgeschnitten hatte, auch das Tau des anderen Kanus durchschneiden sollen, aber davon hatte ihn wohl der unwiderstehliche Drang abgehalten, einen von uns zu ermorden, als sich ihm die Chance dazu bot. Dieser Tatsache, die einen von uns das Leben und ihn seine Hand gekostet hatte, verdankten wir alle zweifelsohne die Rettung vor einem Massaker. Wäre nicht diese grausige Hand über dem Bootsrand aufgetaucht - ein Anblick, den ich bis zur Stunde meines Todes nie wieder vergessen werde -, dann wäre das Kanu, noch bevor ich die Lage erkannt hätte, unweigerlich an Land getrieben, und diese Geschichte wäre niemals geschrieben worden.

3
Die Missionsstation

    Wir befestigten das verbliebene Ende unseres Taus an dem anderen Kanu und warteten im Sitzen auf das Herannahen der Morgendämmerung. Immer wieder beglückwünschten wir uns zu unserer glücklichen Rettung, die wir wirklich mehr der Gunst der Vorsehung zu verdanken hatten als unserer eigenen Vorsicht oder Tapferkeit. Endlich graute der Morgen; selten hatte mich der Anblick des Lichts mit größerer Dankbarkeit erfüllt, obwohl es - zumindest, was mein Kanu betraf - einen gespenstischen Anblick enthüllte. Am Boden des kleinen Bootes lag zusammengekrümmt der unglückliche Askari; das kurze Schwert steckte in seiner Brust, und die abgehackte Hand hielt noch immer den Griff umklammert. Ich konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. Wir zogen also so schnell wie möglich den Stein hoch, der dem anderen Kanu als Anker gedient hatte, banden ihn an dem Ermordeten fest und kippten ihn über Bord. Er sank sofort auf den Grund. Das letzte, was wir von ihm sahen, waren ein paar Luftblasen! O weh! Wenn eines Tages unsere letzte Stunde gekommen ist, dann werden die meisten von uns, so wie er, nichts weiter als ein paar Blasen zurücklassen, die Zeugnis von unserem vergangenen Dasein ablegen; und diese Blasen werden schnell zerplatzen. Die Hand seines Mörders warfen wir in den Strom, wo sie langsam unterging. Das Schwert, dessen elfenbeinerner Griff mit Einlegearbeiten aus Gold verziert war (offenbar arabischer Herkunft), behielt ich für mich, um es als Jagdmesser zu benutzen. Es sollte sich noch als sehr nützlich erweisen.
    Nachdem ein Mann in mein Kanu umgestiegen war, machten wir uns erneut auf den Weg. Die Stimmung war sehr niedergeschlagen, und die nahe Zukunft schien uns alles andere als rosig. Wir waren alle von der Hoffnung beseelt, noch vor Einbruch der Nacht die >Highlands< zu erreichen, Mackenzies Missionsstation. Zu allem Überfluß fing es kaum eine Stunde nach Sonnenaufgang in Strömen zu regnen an. Wir waren sofort bis auf die Haut durchnäßt. Alle paar Minuten mußten wir Wasser aus unseren Kanus schöpfen. Und da der Regen den Wind niederschlug, konnten wir auch mit unseren Segeln nichts mehr anfangen und mußten, so gut es eben ging, zusehen, wie wir mit unseren Paddeln vorankamen.
    Um elf Uhr machten wir an einer offenen Stelle des linken Flußufers halt. Da der Regen ein wenig nachgelassen hatte, gelang es uns, ein Feuer anzuzünden und ein paar Fische, die wir schnell gefangen hatten, zu rösten. Wir wagten nicht, vom Ufer wegzugehen, um nach Wild zu suchen. Um zwei Uhr brachen wir wieder auf und nahmen ein paar geröstete Fische als Vorrat mit. Kurze Zeit später wurde der Regen heftiger als je zuvor. Darüberhinaus wurde es immer schwieriger, die Boote auf dem Fluß zu manövrieren, da inzwischen zahlreiche Felsen aufgetaucht waren, die aus dem Wasser ragten; dazu liefen wir ständig Gefahr, in einer der Untiefen auf Grund zu laufen. Die durch den heftigen Regen reißend gewordene Strömung tat ein übriges, ein Vorankommen fast unmöglich zu machen. Es war uns sehr bald klar, daß wir das gastliche Haus des Reverend Mackenzie auf keinen Fall mehr vor Einbruch der Nacht erreichen würden - eine Aussicht, die alles andere als geeignet war, unsere Stimmung zu heben. Obwohl wir uns bis zur Erschöpfung verausgabten - mehr als eine Meile pro Stunde konnten wir beim besten Willen nicht schaffen. Wir rechneten damit, um fünf Uhr nachmittags (um diese Zeit würden wir alle völlig ermattet sein) noch immer ungefähr zehn Meilen unterhalb der Missionsstation zu sein. Wir mußten uns also wohl oder übel daran machen, die bestmögliche Lösung für das Übernachtungsproblem zu suchen. Nach unseren jüngsten Erlebnissen wagten wir nicht mehr, an Land zu gehen, insbesondere, da die Ufer des Tana an dieser Stelle mit dichtem Buschwerk bewachsen waren, welches eine vorzügliche Deckung für mindestens fünftausend Masai bot.
    Ich bereitete mich innerlich schon wieder darauf vor, eine weitere Nacht in dem Kanu zu verbringen, als wir ein Stück stromaufwärts eine kleine, felsige Insel von ungefähr fünfzehn Yards im Quadrat erspähten, die fast in der Mitte des Flusses lag. Wir steuerten auf sie zu, zogen die Kanus ans Ufer, gingen an Land und versuchten es uns so bequem wie möglich zu machen, was unter den gegebenen Umständen nicht gerade leicht war. Das Wetter hatte sich um keinen Deut geändert, es war einfach abscheulich. Es goß wie aus Kübeln, und nach kurzer Zeit klapperten uns vor Kälte die Zähne. Ein Feuer anzuzünden war völlig unmöglich. Wenigstens ein Gutes hatte der Regen indessen: unsere Askari erklärten übereinstimmend, daß nichts auf der Welt die Masai dazu bringen konnte, uns bei diesem Wetter anzugreifen, da sie nichts so sehr haßten, wie im Nassen herumzulaufen, vielleicht - wie Good mutmaßte -weil sie den Gedanken an eine Wäsche nicht ausstehen können. Wir aßen etwas von dem faden, vom Regen durchweichten Fisch - mit Ausnahme von Umslopogaas, der, wie die meisten Zulus, keinen Fisch mag - und tranken einen Schluck Brandy, von dem wir glücklicherweise noch ein paar Flaschen hatten, und dann begann das, was mit einer einzigen Ausnahme - nämlich, als wir drei, Sir Henry, Good und ich, beinahe im Schnee des Sheba während unserer Reise nach Kukuanaland vor Kälte gestorben wären - die unangenehmste, qualvollste Nacht war, die ich je erlebt hatte. Sie schien endlos zu sein, und mehr als einmal hatte ich die Befürchtung zwei unserer As-kari würden vor Nässe und Kälte erfrieren. Und in der Tat; hätte ich ihnen nicht in regelmäßigen Abständen ein wenig von dem Brandy eingeflößt, dann wären sie mit Sicherheit gestorben; kein Afrikaner kann Kälte lange ertragen. Erst läßt sie ihn erstarren und lähmt ihn, dann bringt sie ihn um. Ich sah deutlich, daß selbst der alte Eisenfresser Umslopogaas fürchterlich unter ihr litt. Im seltsamen Gegensatz zu den Askari jedoch, die ohne Unterlaß stöhnten und ihr Los bejammerten, ertrug er die Kälte, ohne auch nur einen einzigen Laut der Klage von sich zu geben. Zu allem Überfluß vernahmen wir gegen ein Uhr nachts wieder das unheilvolle Geheul der Eule, so daß wir uns auf der Stelle genötigt sahen, uns auf einen erneuten Angriff vorzubereiten. Ich glaube nicht, daß wir, wenn sie es tatsächlich versucht hätten, noch echten Widerstand hätten leisten können. Aber entweder war die Eule dieses Mal echt, oder die Masai fühlten sich selbst zu elend, um noch an eine Offensive zu denken - die sie nur äußerst selten, wenn überhaupt, im Buschland unternehmen; jedenfalls war von ihnen weit und breit nichts zu sehen.
    Endlich, nach einer wahren Ewigkeit, glitt die Dämmerung über das Wasser, eingehüllt in geisterhaft anmutende Dunstschleier, und mit dem Heraufkommen des Tageslichts hörte der Regen auf. Und dann ging die wunderbare, herrliche Sonne auf, die den Schleier des Dunstes zerriß und die kalte Luft schnell aufwärmte. Benommen und aufs äußerste erschöpft rappelten wir uns auf und kamen taumelnd auf unseren Füßen zu stehen. Dankbar gaben wir uns den erquickenden Strahlen der Sonne hin. Ich kann sehr gut nachempfinden, warum primitive Völker zu Sonnenanbetern werden, insbesondere dann, wenn sie durch ihre Lebensumstände häufig der Kälte ausgeliefert sind.
    Eine halbe Stunde später machten wir schon wieder schnelle Fahrt mit Hilfe eines frischen Windes. Unsere Lebensgeister waren mit dem Sonnenschein zurückgekehrt, und wir lachten schon wieder über die Schwierigkeiten und Gefahren, die uns tags zuvor noch beinahe zermalmt hätten.
    Gutgelaunt fuhren wir weiter bis gegen elf Uhr. Als wir gerade wie gewohnt eine Pause einlegen wollten, um uns auszuruhen und uns etwas zum Essen zu schießen, sahen wir von weitem hinter einer scharfen Biegung des Flusses ein äußerst solide wirkendes Haus im europäischen Baustil. Rings um das Haus, das wunderschön auf einem Hügel gelegen war, zog sich eine Veranda. Das Ganze war umgeben von einer hohen Steinmauer mit einem Graben am Außenrand.
    Direkt dem Haus gegenüber stand eine riesige, das Haus in Schatten tauchende Kiefer, deren Wipfel wir schon seit zwei Tagen durch das Fernglas gesehen hatten, ohne jedoch zu wissen, daß es sich um den Orientierungspunkt der Missionsstation handelte. Ich war der erste, der das Haus erblickte, und unwillkürlich stieß ich einen lauten Jubelschrei aus, in den die anderen, eingeschlossen die Eingeborenen, freudig einfielen. Jetzt war natürlich kein Gedanke mehr an Rast. Mit neuen Kräften paddelten wir weiter, denn wir hatten, obwohl das Haus ganz nahe zu sein schien, noch ein ordentliches Stück Weg vor uns. Gegen ein Uhr endlich befanden wir uns am Anfang der Flußbiegung, in der das Haus lag. Wir steuerten das Ufer an, kletterten aus den Kanus, und just in dem Moment, als wir die Boote auf den Strand zogen, erblickten wir drei Gestalten, in ordentlich aussehende englische Kleider gehüllt, die eilig den Hügel heruntergelaufen kamen, um uns zu begrüßen. Noch ein paar Schritte durch das Gehölz, und dann standen sie vor uns.
    »Ein Gentleman, eine Lady und ein Mädchen«, rief Good nach einem prüfenden Blick durch sein Monokel aus, »in zivilisierten Kleidern kommen durch einen zivilisierten Garten, um uns hier, an einem solchen Orte, zu begrüßen! Hol mich der Teufel, wenn das nicht das Komischste ist, was wir je erlebt haben!«
    Good hatte recht: Die Szene wirkte in der Tat sehr komisch - mehr wie eine Szene aus einem Traum oder einer italienischen Oper als der Wirklichkeit. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit wurde auch keineswegs dadurch in Mitleidenschaft gezogen, daß wir in gutem, breitem Schottisch angesprochen wurden, welches ich jedoch leider hier nicht reproduzieren kann.
    »Willkommen, meine Herren«, begrüßte uns Mr. Mackenzie, ein grauhaariger, etwas eckig erscheinender Mann mit roten Wangen und einem freundlichen Gesicht; »ich hoffe, es geht Ihnen allen gut. Meine Eingeborenen berichteten mir vor einer Stunde, sie hätten zwei Kanus mit weißen Männern erspäht, die den Fluß heraufkämen. Und da wollten wir Sie gleich hier in Empfang nehmen.«
    »Ich darf Ihnen sagen, daß wir uns sehr freuen, einmal wieder einen Europäer hier zu sehen«, ergänzte die Lady, eine bezaubernde, sehr gut aussehende Frau.
    Wir nahmen unsere Hüte ab und stellten uns vor.
    »Sicherlich sind Sie alle fürchterlich müde und hungrig, meine Herren«, sagte Mrs. Mackenzie. »Also treten Sie ein; wir freuen uns wirklich, endlich wieder einmal Weiße bei uns zu Gast zu haben. Der letzte Weiße, der hierher kam, war Alphonse - Sie werden Alphonse gleich sehen -, und das ist nun schon ein Jahr her.«
    Mittlerweile waren wir den Hügel hinaufgegangen, dessen unterer Teil mit Quittenzäunen und hie und da mit rohen Steinwällen in Kaffirgärten aufgeteilt war, in denen gerade Mais, Kürbis, Kartoffeln usw. zur Reife gelangt waren. In den Ecken dieser Gärten standen in kleinen Gruppen ordentliche, gepflegte, pilzförmige Hütten. Dann wohnten Mr. Mackenzies Eingeborene, deren Frauen und Kinder nun aus den Hütten gelaufen kamen, um uns, während wir den Hügel hinaufstiegen, zu begrüßen. Mitten durch die Gärten schlängelte sich der Pfad, der zum Haus führte. Er war auf beiden Seiten von einer Reihe von Orangenbäumen gesäumt, die - obwohl erst vor zehn Jahren angepflanzt - in dem milden Klima des Hochlands unterhalb des Mount Kenia, dessen Fuß ungefähr 5000 Fuß über dem Meeresspiegel liegt, schon zu einer imposanten Größe herangewachsen waren, und die nun mit goldenen Früchten beladen waren. Nach einem beschwerlichen Anstieg von ungefähr einer Viertelmeile - der Hügel war ziemlich steil - kamen wir an einen wunderschönen Quittenzaun, der ebenfalls mit Früchten bedeckt war und der, wie Mr. Mackenzie uns erzählte, ein Grundstück von ungefähr vier Morgen Land umschloß, auf dem sein privater Garten, sein Haus, die Kirche und diverse Nebengebäude standen. Die Fläche nahm die ganze Kuppe des Hügels in Anspruch. Und was für ein Garten es war! Der Anblick eines schönen Gartens hatte schon immer mein Herz höher schlagen lassen, und ich hätte vor Freude die Arme in die Luft werfen können, als ich den von Mr. Mackenzie erblickte. Reihe an Reihe standen da alle bekannten Sorten von europäischen Obstbäumen, alle gepfropft; auf der Kuppe dieses Hügels herrschte ein so mildes Klima, daß beinahe alle in England üblichen Gemüsearten, Bäume und Blumen üppig gediehen, sogar mehrere Arten des Apfels, der normalerweise in einem zu heißen Klima holzig wird und sich hartnäckig weigert, zu einer halbwegs eßbaren Frucht heranzureifen. Außerdem wuchsen in seinem Garten Erdbeeren, Tomaten (welch wunderbare Tomaten!), Melonen, Gurken; kurz, jede Art von Gemüse und Obst.
    »Was für einen wunderschönen Garten Sie haben!«, rief ich enthusiastisch, voller Bewunderung für dieses Prachtstück von Garten (und auch nicht ganz ohne Neid).
    »Ja«, erwiderte der Missionar, »es ist ein sehr guter Garten; er hat mir meine Mühen wirklich gedankt. Aber in erster Linie habe ich dem Klima zu danken. Wenn Sie hier einen Pfirsichkern in den Boden stek-ken, dann trägt er im vierten Jahr schon Früchte, und Rosen blühen schon nach einem Jahr. Es ist ein hervorragendes Klima.«
    Wir kamen jetzt an einen zehn Fuß breiten, wassergefüllten Graben, hinter dem eine acht Fuß hohe, mit Schießscharten versehene Steinmauer war. Die Mauerkrone war dicht gesprenkelt mit scharfen Steinen, die in den noch weichen Mörtel hineingedrückt worden waren.
    »Das da«, sagte Mr. Mackenzie und zeigte auf den Graben und die Mauer, »ist mein magnum opus; dies und die Kirche, die sich auf der anderen Seite des Hauses befindet. Zusammen mit zwanzig Eingeborenen habe ich zwei Jahre dafür gebraucht, den Graben zu ziehen und die Mauer zu errichten; denn erst als das geschafft war, fühlte ich mich sicher. Und nun kann ich allen Wilden in Afrika Trotz bieten, da die Quelle, die den Graben speist, sich innerhalb der Mauer befindet; sie fließt winters wie sommers von der Kuppe des Hügels, und im Haus befindet sich ein ständiger Lebensmittelvorrat, der uns vier Monate lang reicht.«
    Wir schritten über eine hölzerne Planke und betraten durch eine winzig schmale Öffnung in der Mauer das, was Mrs. Mackenzie als ihre Domäne bezeichnete - den Blumengarten, dessen Schönheit ich wirklich nicht mit Worten beschreiben kann. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor solche Rosen, solche Gardenien oder Kamelien gesehen zu haben. (Die Samen oder Sprosse dafür waren alle aus England geschickt worden.) Ein Eckchen des Gartens beherbergte eine Sammlung zwiebelförmiger Wurzeln, die zum größten Teil Flossie, Mr. Mackenzies kleine Tochter, in der Umgebung der Missionsstation gesammelt hatte. Einige davon waren von wirklich seltener Schönheit. In der Mitte des Gartens, genau gegenüber der Veranda, sprudelte ein wunderschöner Springbrunnen von herrlich klarem Wasser aus dem Boden und fiel in ein steinernes Becken, das man mit viel Sorgfalt so gebaut hatte, daß es alles Wasser auffing. Von dort aus rann das Wasser durch einen Überlauf in eine Auffangrinne, die es wiederum in den Wassergraben rings um die Außenmauer leitete. Der Wassergraben seinerseits diente als kleiner Stausee, der immer einen nie versiegenden Vorrat an Wasser enthielt, mit dem man alle die unterhalb liegenden Gärten berieseln konnte.
    Das Haus selbst, ein massives, einstöckiges Gebäude, war mit Steinplatten gedeckt und hatte eine hübsche Veranda. Das Gebäude bestand aus vier Flügeln, die ein Viereck bildeten. Drei dieser Flügel waren Wohn- und Schlafräume, der vierte beherbergte die Küchen, die somit abseits vom Haus lagen - in einem heißen Land eine sehr vorteilhafte Lösung. Inmitten des quadratischen Innenhofes befand sich das vielleicht Bemerkenswerteste, das wir an diesem zauberhaften Orte bisher gesehen hatten: ein einzelner Nadelbaum, wie er in zahlreichen Spielarten im Hochland dieses Teils von Afrika freistehend anzutreffen ist. Dieser großartige Baum, der - wie Mr. Mackenzie uns mitteilte - den Orientierungspunkt für einen Umkreis von fünfzig Meilen darstellte (wir selbst hatten ihn ja schon während der letzten vierzig Meilen unserer Reise ständig sehen können), mußte wohl an die dreihundert Fuß hoch sein. Der Stamm hatte einen Yard über dem Boden gemessen etwa sechzehn Fuß im Durchmesser. Bis zu einer Höhe von etwa siebzig Fuß war der braune, nach oben hin immer schlanker werdende Stamm bar jeglicher Äste. Erst dort entsprangen dem Stamm wunderschöne, dunkelgrüne Zweige, die von unten wie gigantische Farne aussahen. Sie gingen waagerecht vom Stamm ab, und da sie weit über das Haus und den Blumengarten hinausragten, spendeten sie beiden ein hohes Maß an wohltuendem Schatten, ohne jedoch - da sie so hoch waren - den Zugang von ausreichend Licht und Luft zu verhindern.
    »Was für ein schöner Baum!« rief Sir Henry begeistert.
    »Ja, Sie haben recht; es ist ein wunderschöner Baum. Meines Wissens gibt es in der ganzen Umgegend keinen, der ihm auch nur annähernd gleichkommt«, antwortete Mr. Mackenzie. »Ich nenne ihn meinen Wachtturm. Wie Sie sehen können, habe ich am untersten Ast eine Strickleiter befestigt. Und wenn ich nun sehen will, was in einem Umkreis von fünfzehn Meilen vor sich geht, dann brauche ich bloß hinaufzuklettern und ein Fernglas mitzunehmen. Aber Sie sind jetzt sicherlich sehr hungrig, und ich bin sicher, daß das Essen fertig ist. Treten Sie ein, liebe Freunde; es ist zwar nur ein bescheidenes Heim, aber für diese wilde Gegend ist es gut genug. Und dann will ich Ihnen noch etwas verraten: wir haben einen französischen Koch.« Mit diesen Worten führte er uns auf die Veranda.
    Während ich hinter ihm herging und mir den Kopf darüber zerbrach, was in drei Teufels Namen er wohl damit gemeint haben könnte, erschien plötzlich aus einer Tür, die vom Haus auf die Veranda führte, ein flinker kleiner Mann. Er trug einen sauberen, blauen Baumwollanzug, Schuhe aus gegerbtem Fell, und fiel sofort ins Auge wegen seines geschäftigen Gehabes und Gesichtsausdruckes sowie wegen seines mächtigen schwarzen Schnauzbartes, dessen Spitzen er kunstvoll nach oben gezwirbelt hatte, so daß sie wie die Hörner eines Büffels in die Luft ragten.
    »Madame 'eißt mich zu sagen, daß das Dinner serviert ist. Messieurs, meine Empfehlung.« Plötzlich bemerkte er Umslopogaas, der hinter uns herbummelte und mit seiner Streitaxt spielte, und er warf verdutzt die Hände in die Luft. »Ah, mais quel hom-me!« stieß er auf Französisch hervor. »Quel sauvage affreux! Sehen Sie doch nur seine große 'ackbeil und das große Loch in seinem Kopf!«
    »Ja«, rief Mr. Mackenzie, »aber was redest du denn da, Alphonse?«
    »Was rede isch da!« rief der kleine Franzose, der noch immer wie gebannt Umslopogaas anstarrte, dessen Anblick ihn ungemein zu faszinieren schien. »Warum ich von ihm rede« - und er zeigte mit dem Finger auf Umslopogaas, »von ce monsieur noir«.
    Über diese Geste und das »monsieur noir« mußten wir alle laut lachen, und Umslopogaas, der inzwischen bemerkt hatte, daß es um ihn ging, legte grimmig die Stirn in Falten; denn nichts ärgerte ihn mehr, als wenn seine Würde durch eine persönliche Frechheit angekratzt wurde.
    »Parbleu!« rief Alphonse. »Er ist wütend - er macht eine Grimasse. Sein Gesicht gefällt mir nischt. Isch verschwinde.« Und das tat er auch mit bemerkenswerter Geschwindigkeit.
    Mr. Mackenzie fiel herzlich in unser lautes Gelächter ein, von dem wir uns noch immer nicht erholt hatten. »Er ist schon ein eigentümlicher Mensch, dieser Alphonse. Ich werde Ihnen nach und nach mal seine Geschichte erzählen; in der Zwischenzeit wollen wir erst einmal das Ergebnis seiner Kochkünste probieren.«
    »Dürfte ich fragen«, sagte Sir Henry, nachdem wir das wirklich ausgezeichnete Mittagessen beendet hatten, »wie Sie in dieser Einöde an einen französischen Koch geraten sind?«
    »Oh«, antwortete Mrs. Mackenzie, »er kam aus freien Stücken vor einem Jahr zu uns und fragte, ob wir irgendeine Verwendung für ihn hätten. Er hatte in Frankreich in irgendwelchen Schwierigkeiten gesteckt und war dann nach Sansibar geflohen, wo er feststellte, daß die französische Regierung schon um seine Auslieferung nachgesucht hatte. Daraufhin schlug er sich Hals über Kopf in die Büsche, floh ins Landesinnere und wurde halbverhungert von der Karawane aufgelesen, die gerade auf dem Weg war, uns unseren alljährlichen Warenvorrat zu liefern. Die Männer brachten ihn dann zu uns. Sie sollten ihn einmal dazu bringen, Ihnen die Geschichte selbst zu erzählen.«
    Nach dem Essen zündeten wir unsere Pfeifen an, und Sir Henry gab unserem Gastgeber eine ausführli-che Beschreibung unserer Fahrt bis zur Missionsstation. Als er fertig war, machte Mr. Mackenzie ein ernstes Gesicht.
    »Es ist ganz offensichtlich, daß diese schurkischen Masai Sie verfolgen, und ich danke dem Herrn, daß Sie dieses Haus sicher erreicht haben. Ich glaube nicht, daß sie es wagen werden, Sie hier anzugreifen. Dennoch ist es sehr ungünstig, daß fast alle meine Männer zur Küste hinuntergefahren sind mit Elfenbein und anderen Waren. Die Karawane besteht aus zweihundert Männern, und aus diesem Grund habe ich im Augenblick nicht mehr als zwanzig Männer zu Verteidigungszwecken zur Verfügung, falls die Masai uns wirklich angreifen sollten. Ich will trotzdem sofort die nötigen Anweisungen geben.« Er ging ans Fenster, rief einen Schwarzen, der gerade draußen im Garten zu tun hatte, und redete mit ihm in einem Suaheli-Dialekt. Der Mann hörte genau zu, nickte und verschwand.
    »Ich hoffe inbrünstig, daß wir Sie in keinerlei Schwierigkeiten bringen«, sagte ich sehr beunruhigt, als er sich wieder hingesetzt hatte. »Ehe wir Ihnen durch unsere Anwesenheit diese blutrünstigen Schurken auf den Hals locken, ziehen wir lieber weiter und versuchen, so durchzukommen.«
    »Das werden Sie gefälligst bleibenlassen. Wenn die Masai kommen, dann kommen sie eben, und dann ist die Sache ein für allemal erledigt. Ich denke, daß wir ihnen einen warmen Empfang bereiten können. Nicht für alle Masai auf der Welt würde ich einem Menschen die Tür weisen.«
    »Das erinnert mich daran«, sagte ich, »daß der Konsul in Lamu mir erzählt hat, er hätte von Ihnen einen Brief erhalten, in dem Sie schrieben, in Ihrer Station sei ein Mann eingetroffen, der behauptet habe, er wäre mit einem weißen Volk im Innern des Landes in Berührung gekommen. Glauben Sie, daß an dieser Geschichte etwas Wahres dran war? Ich frage deshalb, weil ich ein- oder zweimal in meinem Leben Gerüchte von Eingeborenen, die von weit oben aus dem Norden kamen, gehört habe, daß eine solche Rasse existiere.«
    Anstelle einer Antwort ging Mr. Mackenzie kurz aus dem Raum und kam mit einem sehr merkwürdigen Schwert wieder. Es war lang, und die gesamte Klinge, die sehr dick und schwer war, war bis auf einen Rand, der von der Scheide nach innen gemessen etwa ein Viertelzoll breit war, mit Ornamenten geschmückt, und zwar so, wie wir mit einer Laubsage dünne Holzplatten bearbeiten, also durchbrochen. Hier jedoch handelte es sich um Stahl! Er war auf sehr kunstvolle Art so durchbrochen, daß die Festigkeit des Schwertes nicht beeinträchtigt war. Allein diese Tatsache war schon merkwürdig genug, aber noch weitaus beeindruckender war die Tatsache, daß alle Kanten der Löcher, die man in die Klinge geschnitten hatte, mit wunderschönen Einlegearbeiten aus Gold versehen waren, das man auf eine mir völlig unerklärliche Weise auf den Stahl aufgeschweißt hatte[7].
    »Haben Sie jemals ein solches Schwert gesehen?« fragte Mr. Mackenzie.
    Wir alle betrachteten es mit prüfenden Blicken und schüttelten den Kopf.
    »Nun, ich zeige es Ihnen deswegen, weil der Mann, der es mitbrachte, behauptete, es von jenem weißen Volk zu haben, und weil es mehr oder weniger ein Hinweis dafür ist, daß an der Geschichte, die ich sonst als glatte Lüge angesehen hätte, wohl doch etwas Wahres ist. Passen Sie auf: Ich werde Ihnen alles erzählen, was ich über diese Angelegenheit weiß; es ist nicht viel. Eines späten Nachmittags - es war kurz vor Sonnenuntergang - saß ich gerade auf der Veranda, als ein Mann auf mich zugehumpelt kam und sich vor mir niederkauerte. Er sah elend, abgerissen und halb verhungert aus. Auf meine Frage, woher er käme und was er wolle, antwortete er mit einer langen, unzusammenhängend erscheinenden Erzählung. Er erzählte etwas von einem Stamm weit oben im Norden, dem er angehört habe, und daß dieser Stamm von einem anderen vernichtet worden wäre. Er und ein paar andere Überlebende wären dann noch weiter nach Norden getrieben worden bis an einen See namens Laga. Von dort aus schlug er sich anscheinend zu einem anderen See durch, der irgendwo in den Bergen liegen soll. Er nannte ihn >einen See ohne Bo-den<. Dort seien seine Frau und sein Bruder an einer Infektionskrankheit gestorben - vermutlich Pocken -, woraufhin die Leute ihn wieder aus ihrem Dorf hinaus in die Wildnis gejagt hätten. Zehn Tage lang sei er halbverhungert in den Bergen herumgeirrt, bis er in einen dichten Dornenwald geraten sei. Dort fanden ihn eines Tages einige Weiße, die dort zufällig auf der Jagd waren. Sie nahmen ihn mit in eine Stadt, in der alle Leute weiß waren und in Steinhäusern lebten. Dort hielt man ihn eine Woche in einem Haus eingeschlossen, bis eines Nachts ein Mann mit weißem Bart, den er wohl für eine Art >Medizinmann< hielt, zu ihm kam und ihn untersuchte. Daraufhin wurde er fortgeführt und wieder zurück durch den Dornen-wald gebracht, an dessen Rand man ihn mit Lebensmitteln versorgte, ihm dieses Schwert gab (das behauptete er zumindest) und ihn laufen ließ.«
    »Und was machte er dann?« fragte Sir Henry, der mit atemlosem Interesse zugehört hatte.
    »Oh! Seiner Erzählung nach scheint er noch fürchterliche Strapazen und Entbehrungen durchgemacht zu haben. Er muß wochenlang von Wurzeln und Beeren gelebt haben und von ein paar Tieren, die er ab und zu fangen und töten konnte. Irgendwie schaffte er es dann doch, zu überleben, und schließlich schlug er sich in kleinen Etappen nach Süden durch und kam hierher. Von den Einzelheiten seiner langen Reise konnte ich leider nichts mehr erfahren; ich sagte ihm, er solle am nächsten Morgen wieder zu mir kommen, und beauftragte einen meiner Eingeborenenhäuptlinge, die Nacht über für ihn zu sorgen. Der Häuptling nahm den Mann mit, aber da der Mann an Krätze litt, weigerte sich die Frau des Häuptlings, ihn in die Hütte zu lassen, aus Furcht, sie könne sich anstecken. Man gab ihm ein paar Decken und sagte ihm, er solle draußen übernachten. Zufällig trieb sich gerade zu der Zeit ein Löwe in der Gegend herum. Wie es der Teufel will, wittert er den unglückseligen Wanderer, springt ihn an und beißt ihm fast den Kopf ab, ohne daß die Leute auch nur das Geringste davon merken. Das war sein Ende und das Ende seiner Geschichte von dem weißen Volk. Ob sie nun wahr ist oder nicht, vermag ich auch nicht zu sagen. Was halten Sie davon, Mr. Quatermain?«


    Ich schüttelte den Kopf und antwortete: »Ich weiß es nicht. Dieser große Kontinent hält so viele merkwürdige Dinge in seinem Herzen versteckt, daß ich mich hüten werde, ein Urteil abzugeben. Es täte mir leid, sagen zu müssen, daß an der Geschichte nichts Wahres ist. Nun denn, wir haben jedenfalls die feste Absicht, es herauszufinden. Wir haben vor, zum Le-kakisera zu reisen. Vorausgesetzt, wir kommen überhaupt so weit, wollen wir von dort aus zu diesem Laga-See vorstoßen. Und wenn jenseits dieses Sees tatsächlich Weiße leben, dann werden wir alles daransetzen, sie zu finden.«
    »Sie sind sehr wagemutig«, sagte Mr. Mackenzie mit einem Lächeln, und damit war das Thema beendet.

4
Alphonse und seine Annette

    Nach dem Essen machten wir einen Rundgang durch die ganze Missionsstation, die ich als die erfolgreichste und auch schönste ihrer Art von allen, die ich in Afrika gesehen habe, bezeichnen würde. Als wir auf die Veranda zurückkehrten, fanden wir Umslopogaas damit beschäftigt, die Gelegenheit wahrzunehmen und seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: dem Säubern der Gewehre. Dies war die einzige Arbeit, die er machte, oder um die man ihn bitten konnte. Es war nämlich unter der Würde eines Zuluhäuptlings, körperliche Arbeit zu verrichten. Diese jedoch tat er gern, und er machte sie auch mit großer Sorgfalt. Es war schon ein seltsamer Anblick, dem großen Zulu zuzuschauen, wie er da auf der Erde saß, seine Streitaxt hinter sich an die Wand gelehnt, und wie er mit seinen langen, aristokratischen Händen mit peinlicher Sorgfalt, ja fast zärtlich, den Mechanismus der Hinterlader säuberte. Er hatte für jedes der Gewehre einen Namen. Die Doppelläufige von Sir Henry hieß »Donnerer«; eine andere, meine 500 Express, die einen besonders scharfen Knall hatte, war »Die-Kleine-die-wie-eine-Peitsche-spricht«; die Winchester-Repetierge-wehre waren »Die-Frauen,-die-so-schnell-sprechen,-daß-man-die-Worte-nicht-auseinanderhalten-kann«; die sechs Martinis waren »Das niedere Volk«; und so weiter mit allen anderen Gewehren. Es war schon sehr sonderbar, wenn man ihm zuhörte, wie er mit jedem einzelnen Gewehr sprach, während er es reinigte, so als sei es ein lebendiges Wesen, und das alles mit dem drolligsten Humor. Dasselbe tat er auch mit seiner Streitaxt, die er als einen sehr intimen Freund zu betrachten schien. Manchmal unterhielt er sich stundenlang mit ihr und erzählte ihr von allen seinen großen, vergangenen Abenteuern - von denen einige wahrhaft schrecklich genug waren. Mit einem Anflug von grimmigem Humor hatte er sie »Inkosi-kaas«, getauft, welches das Zuluwort für »Anführerin« oder »weiblicher Häuptling« ist. Lange Zeit hatte ich mir keinen Reim darauf machen können, warum er ihr ausgerechnet diesen Namen gegeben hatte. Schließlich hatte ich ihn danach gefragt, und er hatte mir erklärt, die Axt sei deswegen ganz offensichtlich weiblich, weil sie die Angewohnheit der Frauen habe, ihre Nase ganz tief in anderer Leute Dinge zu stecken, und eine Führerin sei sie doch ganz klar deswegen, weil alle Männer vor ihr niederfielen, mit Stummheit geschlagen bei dem Anblick ihrer Schönheit und Macht. Ebenso, wie er ihr von ihren gemeinsamen Abenteuern erzählte, so fragte er sie auch in kniffligen Situationen um Rat. Auf die Frage, warum er das tue, sagte er, er mache es deshalb, weil Inkosi-kaas zwangsläufig ungeheuer weise geworden sein müsse, da sie schon »in die Köpfe so vieler Leute hineingeschaut habe«.
    Ich hob die Axt auf und schaute mir die fürchterliche Waffe aus der Nähe an. Sie war, wie ich schon sagte, eine Art Schlachtbeil. Der Griff, der aus einem einzigen riesigen Rhinozeroshorn gefertigt war, hatte eine Länge von drei Fuß und drei Zoll. Er war ungefähr einen und einen Viertelzoll dick und hatte am Ende einen Knauf, der so dick war wie eine Mandari-ne und verhindern sollte, daß die Hand vom Griff rutschte. Dieser Horngriff war trotz seiner Massivität so flexibel wie Schilfrohr und damit praktisch unzerbrechlich. Aber um doppelt sicherzugehen, daß er auch hielt, war er an den Stellen, wo die Hand ihn umfaßte, im Abstand von jeweils ein paar Zoll mit Kupferdraht umwickelt. Kurz vor der Stelle, an der der Griff ins Blatt eintrat, befanden sich zahlreiche Kerben; eine für jeden Mann, der mit der Axt im Kampfe getötet worden war. Das Blatt selbst bestand aus edelstem Stahl - vermutlich, ja höchstwahrscheinlich, europäischer Provenienz; Umslopogaas wußte selber nichts Genaueres vom Ursprung der Axt - er hatte sie von einem Häuptling erbeutet, den er vor vielen, vielen Jahren im Zweikampf getötet hatte. Sie war nicht sehr schwer - meiner Schätzung nach wog sie nicht mehr als zweieinhalb Pfund. Die Schneide hatte eine leichte Konkavwölbung - nicht, wie sonst bei den Streitäxten der Wilden üblich, konvex - und war scharf wie eine Rasierklinge. An ihrer breitesten Stelle maß sie etwa fünfdreiviertel Zoll. Auf der anderen Seite, gegenüber der Schneide, ragte ein dicker Dorn hervor, etwa vier Zoll lang. Die letzten zwei Zoll davon waren hohl und wie eine Lederstanze geformt. Sie hatte seitlich eine Öffnung, die dazu diente, alles, was sich in den Hohlraum am Ende der Stanze drückte, oben wieder herauszuschieben. In dieser Hinsicht ähnelte sie in der Tat exakt dem Schlachtbeil eines Metzgers. Mit eben dieser stanzenartigen Spitze schlug Umslopogaas, wie wir später entdeckten, auf seinen Gegner ein; er hieb damit ein sauberes, rundes Loch in den Schädel seines Kontrahenten. Die breite Schneide benutzte er nur zum Rundschlag, oder auch bisweilen im Handgemenge. Ich glaube, er betrachtete den Dorn als ein für einen geschickten Sportsmann angemesseneres, da schwieriger zu handhabendes Gerät. Die Art und Weise, in der er im Zweikampf mit dem spitzen Ding auf den Schädel seines Opfers einhieb, hatte ihm auch den Namen »der Specht« eingebracht. In seiner Hand war dieser Stachel aus Stahl eine fürchterliche Waffe, die äußerst wirksam war.
    So sah also Inkosi-kaas aus, Umslopogaas Axt, die bemerkenswerteste und fürwahr todbringendste Nahkampfwaffe, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Er hätschelte und umsorgte sie wie ein Kind und legte sie fast nie aus der Hand, es sei denn, während er aß, und dann hatte er sie immer quer unter seinen Beinen liegen.
    Ich hatte gerade Umslopogaas seine Axt zurückgegeben, als Miß Flossie kam und mich zu ihrer Blumensammlung entführte. Sie zeigte mir afrikanische Lilien und zahlreiche blütentragende Sträucher und Stauden, von denen mir mehrere Arten völlig unbekannt waren, und von denen auch - soviel ich weiß -die botanische Wissenschaft keine Kenntnis hat. Ich fragte sie, ob sie schon einmal etwas von der >Goyali-lie< gesehen oder gehört habe, von der mir Reisende berichtet hatten, die dieser seltenen Blume gelegentlich in Zentralafrika ansichtig, und von der vollendeten, majestätischen Schönheit dieser Blume in den Bann gezogen worden waren. Diese Lilie, von der die Eingeborenen behaupten, sie blühe nur alle zehn Jahre einmal, gedeiht nur in dürrem, unfruchtbarem Boden. Sie hat eine im Verhältnis zu ihrer Blüte nur sehr kleine Wurzel, die im allgemeinen etwa vier Pfund wiegt. Diese Blume (die ich nur zu bald unter Umständen, die dazu angetan waren, ihren Anblick immer in mein Gedächtnis einzubrennen, zum ersten Mal erblicken sollte), ist von solch erlesener, unübertroffener Schönheit, und die Süße ihres Duftes ist so betörend, daß mir einfach die Worte fehlen, sie zu beschreiben. Die Blüte - es ist nur eine einzige - steht auf einem dicken, fleischigen Stengel, der seitlich abgeflacht ist. Der, den ich sah, hatte einen Durchmesser von vierzehn Zoll. Die ganze Blume ähnelt in ihrer trompetenartigen Form ein wenig einer aufrecht stehenden, gewöhnlichen »Longiflorum«. Der Stengel verbreitert sich zu einem wunderschönen grünen Kelch, der in seiner frühen Wachstumsphase dem einer Wasserrose nicht unähnlich ist. Sobald die Blüte sich jedoch öffnet, platzt der grüne Kelch auf und teilt sich in vier einzelne Blätter, die sich anmutig zurückkräuseln, auf den Stengel zu. Dann kommt die Blüte selbst, ein einziger großer Bogen von atemberaubendem Weiß, welcher wiederum einen Kelch aus tiefem, samtigem Karmesinrot umschließt, aus dessen Mitte ein goldfarbener Stempel entspringt. Nie habe ich eine Blume gesehen, die dieser in ihrer bezaubernden Schönheit und ihrem unbeschreiblichen Duft gleichkam, und da ich glaube, daß sie nur sehr wenigen bekannt ist, habe ich mir die Freiheit genommen, sie so ausführlich zu beschreiben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, daß mir, als ich sie zum ersten Mal sah, mit einem Schlag klar wurde, daß selbst in einer Blume etwas von der majestätischen Größe ruht, die ihren Schöpfer auszeichnet. Zu meiner großen Freude bestätigte Miß Flossie mir, daß sie diese Blume sehr gut kenne, und daß sie - leider erfolglos - versucht habe, sie in ihrem Garten zu ziehen. Sie sagte, daß die Blume in dieser Jahreszeit in voller Blüte stehe, und daß sie glaube, mir ein Exemplar verschaffen zu können.
    Danach fragte ich sie, ob sie sich nicht alleine fühlte unter all den Eingeborenen und so ganz ohne Kameradinnen in ihrem eigenen Alter.
    »Allein?« rief sie erstaunt aus. »O nein, nicht im geringsten! Ich fühle mich so glücklich wie ein Fisch im Wasser; außerdem habe ich meine eigenen Freunde und Kameraden. Was für ein schrecklicher Gedanke, unterzugehen in einer Menge weißer Mädchen, die alle so sind wie ich! Wo wäre denn dann noch ein Unterschied? Hier«, sagte sie und warf stolz ihren Kopf hoch, »bin ich ich; und alle Eingeborenen im Umkreis kennen die >Wasserrose< - so nennt man mich nämlich hier - und sind bereit, zu tun, was ich will. Aber in den Büchern, die ich über die kleinen Mädchen in England gelesen habe, ist das ganz anders. Jeder sieht sie als eine Last an, und sie müssen das tun, was ihre Erzieherinnen wollen. Oh! Ich glaube, es würde mir das Herz brechen, wenn ich so eingesperrt wäre und nicht frei sein könnte wie hier -frei wie der Wind.«
    »Würde es dir denn nicht gefallen, etwas zu lernen?« wollte ich wissen.
    »Ich lerne doch hier etwas! Vater unterrichtet mich in Latein, Französisch und Mathematik.«
    »Und fürchtest du dich niemals unter all diesen wilden Männern?«
    »Ob ich mich fürchte? O nein! Sie tun mir nie was Böses. Sie glauben, daß ich >Ngai< (von göttlicher Herkunft) bin, weil ich so weiß bin und blondes Haar habe. Und schauen Sie ...« - sie griff mit ihrer kleinen Hand in das Mieder ihres Kleides und zog einen doppelläufigen, vernickelten Derringer hervor -, »ich trage ihn immer geladen bei mir, und wenn jemand versuchen sollte, mir was anzutun, dann würde ich auf ihn schießen. Einmal habe ich einen Leoparden erschossen, der auf meinen Esel springen wollte, als ich gerade vorbeiritt. Ich war zu Tode erschrocken, aber ich schoß ihm ins Ohr, und er fiel tot um. Und jetzt habe ich sein Fell über meinem Bett hängen. Schauen Sie doch einmal!« fuhr sie mit veränderter Stimme fort, wobei sie mich am Arm faßte und mit dem Finger auf etwas weit Entferntes deutete. »Ich sagte Ihnen doch vorhin, daß ich Kameraden habe; dort hinten ist einer von ihnen.«
    Ich folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten Arm - und zum ersten Mal sah ich den majestätischen Gipfel des Mount Kenia. Bisher war der Berg die ganze Zeit über im Dunst verborgen gewesen, doch jetzt erstrahlte seine Schönheit unverhüllt aus vielen tausend Fuß Entfernung zu uns herüber, auch wenn der Fuß des Berges noch immer von Dunst umgeben war, so daß der stolze Gipfel, der fast zwanzigtausend Fuß in den Himmel ragt, sich wie eine Vision aus einem Märchen ausnahm, wie er dort zwischen Himmel und Erde schwebte, wie auf einem luftigen Wolkenbette. Die würdevolle Erhabenheit und die strahlende Schönheit dieses weißen Gipfels zu beschreiben vermag meine Feder nicht. Da stand er, aufrecht, erhaben und rein - eine gleißende weiße Pracht, deren spitze Krone gleichsam das Blau des Himmels zu durchbohren schien. Und wie ich so stand und gemeinsam mit dem kleinen Mädchen den Anblick jenes gewaltigen Berges in mich aufnahm, da fühlte ich, wie mein Herz gleichsam einen Sprung tat vor unbeschreiblicher Freude, und für einen Augenblick durchströmten meinen Geist große, wundervolle Gedanken, während die Strahlen der untergehenden Sonne den schneebedeckten Gipfel in Licht badeten. Mr. Mackenzies Eingeborene nennen den Berg den »Finger Gottes«, und für mich war er ein Zeichen des ewigen Friedens und der reinen, erhabenen Stille, die gewiß hoch über unserer fieberkranken Welt ruht. Irgendwo hatte ich einmal eine Zeile aus einem Gedicht gelesen:
    »Schön ist, was ewige Freude gewährt.«


    Diese Stelle fiel mir in diesem Moment ein, und zum erstenmal wurde mir vollkommen bewußt, was der Dichter damit aussagen wollte. Armselig wäre in der Tat der Mensch, der jenen mächtigen, schneebedeckten Gipfel - jenes alte weiße Grab der Jahrtausende -betrachten könnte, ohne dabei seine eigene, gänzliche Bedeutungslosigkeit zu spüren, und den nicht der Wunsch überkommen würde, Gott - oder wie immer auch er Ihn nennt - aus tiefstem Herzen zu lobpreisen. Solche hehren Momente sind wie Visionen des Geistes; weit reißen sie das Fenster der Kammer auf, welche unser eigenes kleines, selbstsüchtiges Ich ist. Sie lassen etwas von dem Atemhauch in uns herein, der in den wogenden Sphären wallt, und für einen Moment wird unsere Dunkelheit erhellt vom weit entfernten Schein jenes weißen Lichts, in dem der Thron des Herrn erstrahlt.
    O ja, schöne Dinge sind in der Tat ein ewiger Quell der Freude, und ich kann gut verstehen, was die kleine Flossie damit meinte, als sie vom Mount Kenia als ihrem Kameraden sprach. Ebenso wie Umslopogaas, der wilde, alte Zulu, als ich ihm den Gipfel zeigte, der da in weiter Ferne leuchtete, als er sagte: »Ein Mann könnte ihn tausend Jahre betrachten, ohne daß sein Durst, ihn zu sehen, gestillt wäre.« Er gab jedoch sogleich dieser seiner poetischen Empfindung eine etwas andere Einfärbung, als er in einer Art Singsang, und mit einem Anflug jener seltsam anmutenden Imagination, die für ihn so bemerkenswert war, hinzufügte, er wünschte, wenn er einst tot wäre, daß sein Geist für immer auf dem schneebedeckten Gipfel sitzen solle und mit dem unheimlichen Heulen des Wirbelwindes oder auf einem Blitzstrahl hinabfahren möge und »töten, töten, töten«.
    »Wen willst du denn dann noch töten, du alter Bluthund?« wollte ich wissen.
    Diese Frage verwirrte ihn, aber nach einem Augenblick des Nachdenkens antwortete er: »Die anderen Schatten.«
    »Du würdest also sogar nach deinem Tode noch fortfahren zu morden?«
    »Ich morde nicht«, erwiderte er hitzig; »ich töte in fairem Zweikampf. Ein Mann ist dazu geboren, zu töten. Wer nicht tötet, wenn das Blut in ihm kocht, ist eine Frau und kein Mann. Die, die nicht töten, sind Sklaven. Ich sage, ich töte in fairem Kampfe. Und wenn ich einmal im >Reich der Schatten< bin, wie ihr Weißen es nennt, dann hoffe ich, auch dort in fairem Kampfe töten zu können. Möge mein Schatten verflucht sein und bis ins Mark verdorren, wenn er anfängt, hinterrücks zu morden wie ein Buschmann mit seinen giftigen Pfeilen!« Mit diesen Worten schritt er stolz und würdevoll davon und ließ mich betreten zurück.
    Jetzt kehrten auch die Späher, die unser Gastgeber am frühen Morgen ausgeschickt hatte, um nach den Masai Ausschau zu halten, zurück und berichteten, sie hätten die ganze Umgebung in einem Umkreis von fünfzehn Meilen durchkämmt, ohne auch nur einen einzigen Elmoran gesehen zu haben. Sie glaubten, diese wilden Gesellen hätten die Verfolgung aufgegeben und wären wieder dahin zurückgekehrt, woher sie gekommen waren. Mr. Mackenzie seufzte erleichtert, als er das hörte, und auch wir waren beruhigt, denn von den Masai hatten wir wirklich einstweilen genug. Es herrschte bei allen die Auffassung vor, die Masai hätten eine weitere Verfolgung als aussichtslos angesehen, als sie feststellen mußten, daß wir die Missionsstation, deren Wehrhaftigkeit sie offensichtlich kannten, erreicht hatten. Wie irrig diese Auffassung war, sollte sich bald herausstellen. Nachdem die Späher wieder gegangen waren und auch Flossie und Mrs. Mackenzie sich zur Nachtruhe begeben hatten, kam Alphonse, der kleine Franzose, zu uns, und Sir Henry, der sehr gut Französisch spricht, bat ihn, zu erzählen, was ihn nach Zentralafrika verschlagen hatte. Er tat es auch, aber in einem so herrlichen Kauderwelsch, daß es mir schwerfällt, es hier wiederzugeben.
    »Mein Großvater«, begann er, »war Soldat der Garde und diente unter Napoleon. Er war bei dem Rückzug aus Moskau dabei und lebte zehn Tage von seine eigene Gamaschen und ein Paar, das er hatte gestohlen von eine Kamerad. Er war immer betrun-ken - er starb betrunken, und ich kann mich erinnern, daß isch 'abe gespielt Trommel auf seinem Sarg. Mein Vater ... «
    An dieser Stelle machten wir den Vorschlag, er solle doch die Geschichte seiner Vorfahren nicht in allzu epischer Breite vortragen und lieber etwas schneller auf seine eigene Geschichte zu sprechen kommen.
    »Bien, messieurs!« sagte der drollige kleine Mann und machte eine höfliche Verbeugung. »Isch wollte nur demonstrieren, daß das militärische Prinzip nischt vererbbar ist. Meine Großvater war ein großartige Mann, eine Fresser von Feuer und Gamaschen, mehr als sechs Fuß groß, breite Proportion. Sein Erkennungszeichen war sein Moustache. Isch 'abe geerbt den Moustache und - und sonst nichts.
    Messieurs, isch bin eine Koch und isch bin geboren in Marseille. In diese schöne Stadt isch 'abe verbracht meine glückliche Jugend. Viele Jahre isch 'abe gespült die Teller in Hotel Continental. Ah, das war goldene Zeit!« Er gab einen tiefen Seufzer von sich. »Isch bin ein Franzose. Muß isch noch sagen, Messieurs, daß isch bewundere Schönheit? Nein; isch bewundere alles, was ist schön. Messieurs, wir lieben alle Rosen in einem Garten, aber wir pflücken nur eine. Isch pflückte eine, Messieurs, aber sie stach mir in den Finger. Sie war eine Zimmermädchen und hieß Annette. Sie 'atte eine 'inreißende Figur und das Gesischt von eine Engel, und ihr 'erz - helas, Messieurs, das isch 'ätte gern besessen! - war schwarz und glitschig wie eine frischgefettete Stiefel. Isch liebte sie bis zur Raserei isch betete sie an bis zur Verzweiflung. Sie er'ob misch - in jeder 'insicht; sie inspirierte misch.
    Nie zuvor 'atte isch gekocht wie isch jetzt kochte (denn in 'otel sie 'atten misch befördert), wo Annette, meine 'eißgeliebte Annette, misch anläschelte. Nie ...«
    - seine männliche Stimme verfiel in ein herzzerreißendes Schluchzen - »nie isch werde wieder so gut kochen.« Dann brach er in Tränen aus.
    »Kopf hoch!« versuchte Sir Henry ihn aufzumuntern und klopfte ihm kräftig auf den Rücken. »Man weiß nie, was noch alles passieren kann. Ihrem Essen von heute nach zu urteilen, sind Sie jedenfalls schon wieder auf dem besten Wege der Genesung.«
    Alphonse hörte auf zu weinen und begann seinen Rücken zu massieren. »Monsieur will bestimmt misch trösten, aber seine 'and ist sehr schwer. Isch erzähle weiter: Wir liebten uns, und wir waren beide glück-lisch mit der Liebe von die andere. Die Vögel in ihre kleine Nester konnten nicht glücklischer sein als Alphonse und seine Annette. Dann kam der Schlag -sapristi! - isch darf nischt daran denken! Messieurs werden vergeben, wenn isch weine. Isch hatte eine schleschte Los; ich wurde 'erangezogen zu Militärdienst. So wollte Schicksal sisch räschen an misch, weil isch Herz von Annette gewonnen hatte.
    Der schrecklische Moment kam; isch mußte gehen. Isch versuchte wegzulaufen, aber brutale Soldaten fingen misch wieder ein und schlugen misch mit Kolben von Muskete, bis sisch die Spitzen von meinem Moustache vor Schmerz aufrollten. Isch 'atte eine Cousin, eine Tuch'ändler, wohl'abend, aber sehr 'äß-lisch. Er 'atte eine gute Nummer gezogen, und er 'atte Mitleid mit mir, als sie misch mit dem Gewehr knufften. >Dir, mein liebe Cousin<, sagte isch zu ihm, >dir, in dessen Adern fließt das blaue Blut von unserem 'elden'aften Großvater, dir vertraue isch Annette an. Wache gut über sie, während isch jage nach Ruhm auf dem Feld der Ehre.<
    >Sei guten Mutes<, sagte er, >das werde isch tun.< Und - verdammt - das tat er auch; und wie!
    Isch ging fort. Isch lebte in die Kaserne und aß schwarze Suppe. Isch bin eine feinfühlige Mann und von Natur aus ein Poet, und isch litt 'öllenqualen in dieser scheußlichen, rauhen Umgebung. Da war eine Feldwebel, und er 'atte einen Rohrstock. Ah, diese Rohrstock, wie er wirbelte! Helas, niemals isch werde ihn vergessen!
    Eines Morgens kam die Nachrischt; mein Bataillon sollte nach Tongking. Der Feldwebel und die anderen brutalen Scheusale waren überglücklisch. Isch - isch 'olte ein Erkundigungen über Tongking. Sie waren nicht sehr nach meine Geschmack. In Tongking gibt es wilde Chinesen, die einen aufschlitzen. Mein künstlerisches Zartgefühl - denn isch bin auch ein Künstler - war angewidert von dem Gedanken, daß isch sollte werden aufgeschlitzt. Die wahre Mann entscheidet sisch schnell. Isch entschied misch. Isch beschloß, nischt aufgeschlitzt zu werden. Isch desertierte.
    Isch erreischte Marseille, als alter Mann verkleidet. Isch ging zu dem Haus von meine Cousin - der, in dessen Adern das heroische Blut von meine Großvater fließt -, und da saß Annette. Es war gerade die Zeit der Kirschen. Sie hatten eine doppelte Kirsche mit zwei Stielen. Mein Cousin steckte die Kirsche in den Mund und Annette die andere. Dann saugten sie die Kirschen mit den Stielen ein, bis ihre Lippen sisch berührten. Und dann - ah, wie fürchterlisch, daß isch das sagen muß, dann küßten sie sisch. Das Spielschen war 'übsch anzusehen, aber es machte misch rasend. Das 'elden'afte Blut von meine Großvater begann in mir zu kochen. Isch stürzte in die Küsche. Isch schlug mit der Krücke von die alte Mann, als die isch verkleidet war, auf meine Cousin ein. Er fiel hin - isch 'atte ihn getötet! O weh! Isch glaube, daß isch ihn wirklisch getötet habe! Annette kreischte. Die Gendarmes kamen. Isch floh. Isch erreischte den 'afen. Isch versteckte misch auf einem Schiff. Das Schiff stach in See. Der Kapitän entdeckte misch und verprügelte misch. Er packte die Gelegenheit beim Schopf. Von einem ausländischen 'afen schickte er einen Brief zur Polizei. Er brachte mich nischt an Land zurück, weil isch so gut kochte. Isch mußte während der ganzen Fahrt nach Sansibar für ihn kochen. Als isch Lohn forderte, trat er misch. Das Blut von meine 'eroische Großvater begann wieder in mir zu kochen, und isch schüttelte die Faust vor sein Gesischt und schwor ihm Rache. Er trat misch noch einmal. In Sansibar war ein Telegramm. Isch verwünschte die Mann, die 'at den Telegraph erfunden. Und jetzt verwünsche isch ihn wieder. Isch sollte ver'aftet werden wegen Desertion, wegen Mord und que sais-je? Isch entfloh aus dem Gefängnis. Isch floh, isch ver'unger-te. Isch traf die Männer von Monsieur le Cure. Sie brachten misch 'ier'er. Und nun bin isch 'ier, ich bin voll von Kummer. Aber isch gehe nischt zurück nach Frankreich. Besser, mein Leben zu riskieren in diese schrecklische Wildnis, als ins Zucht'aus zu kommen.«
    Er hielt einen Augenblick inne, und wir erstickten fast vor Lachen. Wir mußten unsere Gesichter abwenden.
    »Ah! Sie weinen, Messieurs«, sagte Alphonse. »Kein Wunder, es ist eine traurige Geschischte.«
    »Vielleicht wird das heldenhafte Blut Ihres Großvaters schließlich doch noch triumphieren«, sagte Sir Henry. »Vielleicht werden auch Sie noch seine Größe erlangen. Wir werden jedenfalls sehen. Und jetzt schlage ich vor, daß wir alle zu Bett gehen. Ich bin todmüde, und wir hatten letzte Nacht auf diesem verdammten Felsen nicht viel Schlaf.«
    Wir folgten gern seinem Vorschlag. Es war schon ein eigentümliches Gefühl nach unseren jüngsten Erlebnissen, sich wieder in einem ordentlichen Zimmer in ein sauberes Bett mit frischen, weißen Laken zu legen.

5
Umslopogaas gibt ein Versprechen ab

    Am nächsten Morgen vermißte ich beim Frühstück Flossie. Ich fragte, wo sie sei.
    »Nun«, sagte ihre Mutter, »als ich heute morgen aufstand, fand ich außen an meiner Tür einen Zettel, auf dem - Aber lesen Sie doch selbst, ich habe die Nachricht hier.« Sie reichte mir den Zettel, auf dem folgendes zu lesen war:

    Liebste Mutter! Es wird gerade hell, und ich habe mich zu den Hügeln aufgemacht, um Mr. Quatermain eine Blüte der Lilie zu suchen, die er so sehr mag. Ich habe den weißen Esel mitgenommen. Warte bitte nicht auf mich, ich bin bald wieder da. Das Kindermädchen und ein paar der Boys sind auch mit. Zu essen haben wir auch mitgenommen, da wir vielleicht den ganzen Tag über wegbleiben. Ich bin nämlich entschlossen, die Lilie zu finden, und wenn ich zwanzig Meilen dafür laufen muß.
    Flossie

    »Hoffentlich macht sie nichts Unvernünftiges«, sagte ich. Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken. »Ich hatte wirklich nicht die Absicht, Flossie wegen der Blume Unannehmlichkeiten zu bereiten.«
    »Ach, Flossie kann schon für sich selbst sorgen«, sagte ihre Mutter. »So etwas tut sie oft. Sie ist eben ein echtes Kind der Wildnis.« Mr. Mackenzie jedoch, der in diesem Augenblick hereinkam und den Zettel selbst zum erstenmal las, machte ein ziemlich ernstes Gesicht, auch wenn er nichts sagte.
    Nach dem Frühstück nahm ich ihn beiseite und fragte ihn, ob es nicht möglich wäre, jemanden hinter dem Mädchen herzuschicken und es wieder zurück nach Hause zu holen. Ich dachte dabei natürlich noch immer an die Möglichkeit, daß noch Masai in der Gegend waren. Und wenn Flossie in deren Hände geraten sollte, dann wäre das sicherlich nicht ungefährlich.
    »Ich fürchte, das hätte keinen Zweck«, sagte er. »Inzwischen kann sie schon fünfzehn Meilen entfernt von hier sein, und es ist unmöglich zu sagen, welchen Weg sie genommen hat. Dort hinten sind die Hügel.« Er deutete auf eine lange Hügelkette, die sich beinahe parallel zum Verlauf des Tanaflusses hinzog und in der Ferne allmählich in eine mit dichtem Buschwerk bewachsene Ebene überging.
    Ich schlug vor, auf den großen Baum im Innenhof zu klettern und die Umgebung mit dem Fernglas abzusuchen. Mr. Mackenzie gab noch schnell ein paar seiner Leute Anweisung, Flossies Fährte zu folgen, und dann stiegen wir auf den Baum. Der Aufstieg war trotz der beidseitig befestigten, soliden Strickleiter eine nicht ganz einfach zu bewältigende Aufgabe, zumindest für eine Landratte. Good hingegen kletterte so behende hinauf, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes gemacht.
    Als wir die Höhe erreichten, auf der die ersten farnförmigen Äste aus dem Stamm kamen, stiegen wir ohne jede Schwierigkeit auf eine Plattform aus Brettern, die quer über mehrere Äste genagelt waren. Die Plattform bot Platz für mindestens ein Dutzend Leute. Die Aussicht, die sich uns von hier oben bot, war überwältigend. Meilenweit, soweit das Fernglas reichte, wogte der Busch in alle Richtungen wie ein grünes Meer, nur hie und da unterbrochen durch das hellere Grün bebauter Flächen oder durch die glitzernde Oberfläche eines Sees. Im Nordwesten erhob der Mount Kenia sein mächtiges Haupt, und wir konnten fast von seinem Fuße aus den Lauf des Tana verfolgen, der sich wie eine silbern glänzende Schlange durch das Meer von Grün wand, bis er, weit außerhalb unserer Sichtweite, in den Ozean mündete. Es ist ein herrliches Land, und es bedarf nur der Hand des zivilisierten Menschen, um zu einem höchst produktiven zu werden.
    Aber soviel wir auch schauten, von Flossie und ihrem weißen Esel war nichts zu sehen, so daß wir schließlich enttäuscht wieder hinunterkletterten. Als ich auf die Veranda kam, traf ich Umslopogaas an, der dort saß und mit langsamen Bewegungen seine Axt schärfte. Er tat dies mit dem kleinen Wetzstein, den er ständig bei sich trug.
    »Was tust du, Umslopogaas?« fragte ich ihn.
    »Ich rieche Blut«, lautete seine Antwort. Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.
    Nach dem Mittagessen stiegen wir wieder auf den Baum und suchten die Umgebung mit einem Fernglas ab, aber auch diesmal ohne Erfolg. Als wir wieder unten waren, war Umslopogaas noch immer damit beschäftigt, Inkosi-kaas zu schärfen, obwohl sie schon eine Klinge wie ein Rasiermesser hatte. Vor ihm stand Alphonse und beäugte ihn mit einer Mischung aus Furcht und Faszination. Umslopogaas bot in der Tat einen furchterregenden Anblick: Er hockte da, in der Manier der Zulus, die Beine über Kreuz, schaute mit drohenden Augen aus seinem wilden und dennoch intelligenten Gesicht und schärfte ohne Unterlaß seine mörderische Axt.
    »Oh, das Ungeheuer, der schrecklichste Mann!« rief der kleine französische Koch, wobei er in höchster Verwunderung die Arme hob. »Sehen Sie nur das Loch in seinem Kopf! Die 'aut darauf schägt auf und ab wie die von eine kleine Bebe! Aber wer würde schon so eine Bebe auf den Schoß nehmen?« Bei diesem Gedanken fing er laut prustend an zu lachen.
    Umslopogaas schaute von seiner Beschäftigung auf, und ein drohender Glanz trat in seine Augen.
    »Was sagt die kleine >Büffelkuh<?« (Umslopogaas hatte ihm diesen Namen gegeben wegen seines Schnauzbartes und seines weibisch anmutenden Gehabes.) »Er soll sich vorsehen, sonst stutze ich ihm seine Hörner. Hüte dich, kleiner Affe, hüte dich!«
    Zu seinem Unglück jedoch lachte Alphonse, der inzwischen seine Furcht überwunden zu haben schien, immer lauter über »ce drole d'un monsieur noir«. Gerade wollte ich ihm die Warnung zurufen, daß er besser damit aufhören solle, als plötzlich der riesige Zulu mit einem gewaltigen Satz von der Veranda sprang und vor Alphonse landete. In seinen Augen leuchtete eine Art bösartiger Begeisterung. Er begann, seine Axt im Kreise dicht über dem Kopf des Franzosen wirbeln zu lassen.
    »Bewegen Sie sich nicht!« rief ich. »Bleiben Sie ganz still stehen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Er wird Ihnen nichts tun.« Ich bezweifle, daß Alphonse mich überhaupt hörte. Zu seinem Glück schien der Schreck ihn fast versteinert zu haben, so daß er sich auch ohne meine Warnung nicht vom Fleck rührte.
    Was dann folgte, war die außergewöhnlichste Darbietung mit dem Schwert, oder besser, mit der Axt, die ich jemals gesehen habe. Zuerst kreiste die Axt über Alphonses Kopf, mit einem scharfen Pfeifton und einer so immensen Geschwindigkeit, daß die Schneide aussah wie ein durchgehendes Band aus blitzendem Stahl. Der wirbelnde Kreis kam immer näher an den Kopf des unglückseligen Alphonse, bis er schließlich wie eine Sense durch den Haarschopf des Kochs fuhr. Plötzlich änderte der singende Kreis seine Richtung, und nun flog die Schneide buchstäblich am Körper des Franzosen entlang, immer auf und ab, nie mehr als ein Achtelzoll von den Gliedmaßen entfernt, ohne sie jedoch auch nur zu streifen. Es war ein faszinierender Anblick: Der kleine Mann, dem offenbar klar geworden war, daß er sich nicht bewegen durfte, ohne einen raschen Tod zu riskieren, stand zur Salzsäure erstarrt da, während sein schwarzer Peiniger sich drohend über ihm erhoben hatte und ihn mit den stählernen Blitzen seiner Axt gleichsam einwickelte. Dies ging so länger als eine Minute, bis ich plötzlich das pfeifende Ungeheuer seitlich am Kopf des Franzosen vorbeihuschen sah. Es folgte ein bogenförmiger Schwung nach außen, und dann blieb die Schneide abrupt hoch erhoben in der Luft stehen. Ein schwarzes, buschiges Etwas fiel im selben Moment zu Boden; es war eine der hochgezwirbelten Bartspitzen des kleinen Franzosen.
    Umslopogaas lehnte sich auf den Stiel von Inkosi-kaas und brach in ein langanhaltendes, dröhnendes Lachen aus. Alphonse sank, überwältigt und ermattet vor Furcht, auf die Knie, während wir wie gebannt dastanden, noch immer gefangen in atemloser Faszination über diese Lehrstunde nahezu übermenschlicher Meisterschaft in der Handhabung einer Waffe. »Inkosi-kaas ist scharf genug!« rief Umslopogaas. »Der Hieb, der der Büffelkuh das eine Horn abschnitt, hätte ausgereicht, den Schädel eines Mannes vom Scheitel bis zum Kinn zu spalten. Nur wenige hätten ihn so führen können wie ich; und keiner hätte ihn außer mir so führen können, daß er nicht auch die Schulter mit abgehackt hätte. Sieh her, du kleines Kalb! Glaubst du noch immer, daß man ungestraft über mich lachen kann? Nur um Haaresbreite bist du dem Tode entronnen. Lache nicht noch einmal, sonst wird diese Haaresbreite schwinden! Ich habe gesprochen!«
    »Was soll diese Narretei?« rief ich Umslopogaas empört zu. »Bist du verrückt geworden? Zwanzigmal warst du nahe daran, den Mann zu töten!«
    »Und doch habe ich ihn nicht getötet, Macumazahn. Dreimal erschien in mir, als Inkosi-kaas noch über ihm kreiste, das Begehren, ihm ein Ende zu bereiten und sie ihm mit lautem Krachen durch den Schädel fahren zu lassen. Und doch tat ich es nicht. Nein, es war nur ein Scherz. Aber sag der >Kuh<, daß es nicht gut ist, einen wie mich zu verspotten. Und nun gehe ich mir einen Schild machen, Macumazahn, denn ich rieche Blut; fürwahr, ich rieche Blut. Hast du nie gesehen, wenn vor der Schlacht plötzlich die Geier am Himmel erscheinen? Sie riechen das Blut, Macumazahn, und meine Nase ist feiner als ihre. Dort hinten ist eine getrocknete Ochsenhaut; daraus werde ich mir einen Schild machen.«
    »Da haben Sie aber einen ungemütlichen Gefolgsmann bei sich«, sagte Mr. Mackenzie, der Zeuge dieser außergewöhnlichen Szene gewesen war. »Er hat Alphonse zu Tode erschreckt; schauen Sie doch nur!« Er machte eine Geste in die Richtung des kleinen Franzosen, der sich wieder aufgerappelt hatte und mit kalkweißem Gesicht und zitternden Knien ins Haus wankte. »Ich glaube kaum, daß er noch einmal seine Späße mit >le monsieur noir< treiben wird.«
    »Ja«, antwortete ich, »mit Umslopogaas ist nicht gut Kirschen essen. Wenn man ihn reizt, dann ist er wie ein Rasender; und doch hat er auf seine Weise ein weiches Herz. Ich erinnere mich noch, wie er vor Jahren mal wochenlang ein krankes Kind gesundpflegte. Er ist schon ein eigenartiger Mensch, aber er ist treu wie Gold und eine ehrliche Haut, und wenn Gefahr droht, dann ist er eine Stütze von unschätzbarem Wert.«
    »Er sagt, er rieche Blut«, fuhr Mr. Mackenzie fort. »Ich will nur hoffen, daß er nicht recht behält. Ich beginne mir langsam große Sorgen wegen meiner Tochter zu machen. Sie muß sehr weit gegangen sein, sonst wäre sie schon längst wieder hier. Es ist schon halb vier.«
    Ich erinnerte ihn daran, daß Flossie doch Proviant mitgenommen hatte und auch, wenn alles glatt abliefe, nicht vor Einbruch der Dunkelheit zu erwarten sei. Dabei machte ich mir längst selber große Sorgen und fürchtete, daß der Missionar nicht merken würde, wie wenig ich von dem, was ich gesagt hatte, überzeugt war.
    Kurz darauf kehrten die Männer zurück, die Mr. Mackenzie ausgesandt hatte, um nach Flossie zu suchen. Sie hatten wohl die Fährte des Esels ein paar Meilen verfolgen können, hatten sie dann jedoch auf steinigem Boden verloren und nicht wiederfinden können. Daraufhin hatten sie die ganze Umgebung der Stelle, an der die Spur aufhörte, durchkämmt, jedoch ohne Erfolg.
    Der Nachmittag schleppte sich träge dahin; die Stimmung war sehr gedrückt. Als allmählich die Abenddämmerung hereinbrach und von Flossie noch immer kein Lebenszeichen gekommen war, wuchs die Besorgnis fast ins Unerträgliche. Die arme Mutter schien von ihrer Furcht arg mitgenommen und machte einen äußerst niedergeschlagenen Eindruck. Der Vater indessen behielt einen bewundernswert kühlen Kopf. Alles, was getan werden konnte, wurde auch getan. In alle Himmelsrichtungen wurden erneut Späher ausgesandt; Schüsse wurden abgefeuert und der Ausguck auf dem großen Baum wurde nun ständig besetzt gehalten. Aber auch diese Maßnahmen fruchteten nichts.
    Die Nacht kam, und von der kleinen blonden Flossie war nach wie vor nichts zu sehen.
    Um acht Uhr aßen wir zu Abend. Es war ein trauriges Mahl, Mrs. Mackenzie war gar nicht bei Tisch erschienen. Wir drei schwiegen die ganze Zeit über; denn abgesehen von unserer natürlichen Sorge um das Verbleiben der kleinen Flossie lastete schwer das Gefühl auf uns, daß wir es waren, die unseren freundlichen Gastgeber in diese traurige Lage gebracht hatten. Kurz bevor das Essen beendet war, stand ich auf, entschuldigte mich und verließ die Tafel. Ich wollte nach draußen und die Situation überdenken. Ich ging auf die Veranda, zündete meine Pfeife an und setzte mich auf einen Stuhl, der etwa zwölf Fuß von der rechten Seite des Gebäudekomplexes entfernt stand, das heißt - der aufmerksame Leser wird sich gewiß daran erinnern - genau gegenüber einer der engen Türen des Schutzwalles, der das Haus und den Blumengarten umschloß. Ich hatte etwa sechs oder sieben Minuten dort gesessen, als ich glaubte, das Geräusch einer sich öffnenden oder schließenden Tür wahrzunehmen. Ich schaute angestrengt in die Richtung der Tür und horchte, aber da sich nichts tat, war ich ziemlich sicher, mich getäuscht zu haben. Es war stockfinster; der Mond war noch nicht aufgegangen.
    Eine Minute war verstrichen, als plötzlich etwas Rundes mit einem weichen, dumpfen Aufschlag auf den Steinfußboden der Veranda fiel und an mir vorbeikullerte.
    Ich blieb einen Moment lang regungslos sitzen und überlegte, was das Ding sein konnte. Ich kam schließlich zu dem Ergebnis, daß es sich um ein Tier handeln müsse. Da schoß mir mit einem Mal ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf, und ich sprang mit einem Satz auf. Das runde Ding lag nur ein paar Schritte von mir entfernt regungslos auf dem Boden. Ich streckte meine Hand danach aus; es rührte sich nicht. Ein Tier war es also ganz eindeutig nicht. Ich berührte es vorsichtig mit der Hand. Es fühlte sich weich und warm an. Hastig hob ich es hoch und hielt es gegen das matte Licht der Sterne.
    Es war ein frisch abgetrennter Menschenkopf!
    Ich bin ein alter Haudegen und nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen, aber ich gestehe freimütig, daß mir übel wurde beim Anblick dieses grausigen Fundes. Wie war der Kopf hierhergelangt? Wes-sen Kopf war es? Ich legte ihn wieder auf den Boden und rannte zu der schmalen Tür. Nichts zu hören, niemand zu sehen. Ich wollte schon in die Dunkelheit außerhalb des Schutzwalles hinausgehen, als mir bewußt wurde, daß ich damit riskierte, erstochen zu werden. Ich trat also wieder zurück in den Schutz der Mauer, zog die Tür zu und verriegelte sie. Dann ging ich zurück auf die Veranda und rief mit so ruhiger Stimme, wie ich konnte, Curtis. Anscheinend hatte mich dennoch der Klang meiner Stimme verraten, denn nicht nur Sir Henry kam aufgeregt herausgelaufen, sondern auch Good und Mackenzie hatten sich vom Tisch erhoben und kamen auf die Veranda.
    »Was ist passiert?« rief der Geistliche mit nervöser Stimme.
    Es blieb mir keine Wahl; ich mußte ihnen alles erzählen.
    Mr. Mackenzie wurde unter seiner rosigen Gesichtshaut totenbleich. Wir standen unmittelbar neben der Flurtür, und in dem daraus fallenden Licht konnte ich alles recht gut erkennen. Mackenzie ergriff den Kopf bei den Haaren und hielt ihn ins Licht.
    »Es ist der Kopf von einem der Männer, die Flossie begleitet haben«, brachte er keuchend hervor.
    Wir standen wie angewurzelt da und starrten uns gegenseitig entsetzt an. Was sollten wir nun tun?
    Im selben Moment klopfte es an der Tür, die ich gerade noch verriegelt hatte, und eine ängstliche Stimme rief: »Öffne, mein Vater, öffne!«
    Die Tür wurde aufgeschlossen, und herein stürzte ein zu Tode verängstigter Mann. Es war einer der Späher, die Mackenzie ausgesandt hatte.
    »Mein Vater«, schrie er, »die Masai sind hinter uns her! Ich sah eine riesige Anzahl von ihnen um den Hügel herumkommen. Sie sind auf dem Weg zu dem alten steinernen Kraal unten an dem kleinen Fluß. Mein Vater, mache dein Herz stark! Mitten unter ihnen sah ich den weißen Esel, und auf ihm ritt die Wasserrose (Flossie). Ein Elmoran führte den Esel und neben ihm ging weinend das Kindermädchen. Die Männer, die am Morgen mit ihr gegangen sind, konnte ich nicht erkennen.«
    »Lebte das Kind?« fragte Mackenzie mit heiserer Stimme.
    »Sie war weiß wie der Schnee, mein Vater, aber wohlbehalten. Sie kamen ganz dicht an mir vorbei, und als ich von meinem Versteck aufblickte, sah ich ganz deutlich ihr Gesicht im Licht der Sterne.«
    »Gott stehe ihr und uns bei!« brachte der Geistliche mit einem Stöhnen hervor.
    »Zu wie vielen sind sie?« wollte ich wissen.
    »Mehr als zweihundert - zweihundert und ein halbes Hundert.«
    Wieder warfen wir uns einen Blick zu. Was sollten wir in dieser Lage tun? Ein lautes, forderndes Rufen an der Tür schreckte uns aus unseren Gedanken auf.
    »Öffne die Tür, weißer Mann; öffne die Tür! Hier ist ein Bote - ein Bote, der mit dir sprechen will.«
    Umslopogaas rannte zur Mauer, hielt sich mit seinen langen Armen an der Krone fest, zog sich ein Stück hoch und schaute über die Mauer hinweg nach draußen.
    »Ich sehe nur einen einzelnen Mann«, meldete er. »Er ist bewaffnet und trägt einen Korb bei sich.«
    »Öffne die Tür!« rief ich ihm zu. »Nimm deine Axt, stell dich neben den Eingang und laß den Mann herein. Sollte noch ein weiterer folgen, dann töte ihn.«
    Der Zulu öffnete die Tür. Rasch stellte er sich in den Schatten der Mauer und hob seine Axt, bereit, sofort zuzuschlagen. Just in diesem Augenblick ging der Mond auf. Ein paar Sekunden warteten wir gespannt, und dann kam ein Masai Elmoran zur Tür hereinstolziert. Er trug den vollen Kriegsschmuck, wie ich ihn schon beschrieben habe. Bei sich hatte er einen großen Korb. Die Spitze seines Speers blitzte hell im Mondlicht auf, während er auf uns zuging. Er war von athletischer Statur. Sein Alter schätzte ich auf etwa fünfunddreißig Jahre. Tatsächlich schien keiner der Masai, die ich bisher gesehen hatte, kleiner als sechs Fuß zu sein, obwohl die meisten von ihnen noch ziemlich jung waren. Der Masai blieb vor uns stehen, setzte den Korb ab und rammte seinen Speer in den Boden, so daß er aufrecht stand.
    »Laßt uns sprechen«, sagte er. »Der erste Bote, den wir zu euch sandten, konnte nicht sprechen.« Er zeigte auf den Kopf, der auf dem Steinfußboden lag. Nun, da der Mond auf ihn schien, gab er einen grausigen Anblick ab. »Aber ich habe Worte zu sagen, wenn ihr Ohren habt, sie zu hören. Auch Geschenke habe ich mitgebracht« - er wies auf den Korb, der auf der Erde stand, und stieß ein solch unverschämtes Lachen aus, wie man es kaum beschreiben kann, aber welches man doch bewundern mußte, wenn man bedachte, daß er sich praktisch in der Höhle des Löwen befand.
    »Sprich weiter!« sagte Mr. Mackenzie.
    »Ich bin der >Lygonani< (Kriegshauptmann) einer Abteilung der Masai vom Guasa Amboni. Ich verfolgte mit meinen Männern diese drei weißen Män-ner« - er deutete auf Sir Henry, Good und mich -, »aber sie waren zu schlau für uns und konnten hierher fliehen. Wir haben mit ihnen einen Streit auszufechten und werden sie töten.«
    »Werdet ihr das wirklich, mein Freund?« sagte ich mehr zu mir selbst.
    »Als wir diese Männer verfolgten, fingen wir heute morgen zwei schwarze Männer, eine schwarze Frau, einen weißen Esel und ein weißes Mädchen. Einen der schwarzen Männer töteten wir - sein Kopf liegt dort auf dem Boden. Der andere konnte uns entkommen. Die schwarze Frau, das kleine weiße Mädchen und den weißen Esel nahmen wir mit. Als Beweis für das, was ich sage, habe ich diesen Korb mitgebracht. Das weiße Mädchen trug ihn bei sich. Ist es nicht der Korb deiner Tochter?«
    Mr. Mackenzie nickte. Der Krieger fuhr fort: »Gut! Mit dir und deiner Tochter haben wir keinen Streit, wir wollen auch nichts von euch - nur dein Vieh. Wir haben es schon eingefangen - zweihundertvierzig Köpfe - ein Tier für den Vater eines jeden Kriegers.«
    Mr. Mackenzie seufzte tief; seine Viehherde bedeutete ihm sehr viel. Er hatte sie mit Sorgfalt und unter großen Mühen herangezogen.
    »So. Außer daß wir dein Vieh nehmen, wird nichts geschehen, aber nur ...«, fügte er freimütig hinzu, wobei er einen Blick auf die Mauer warf, »weil dieser Platz zu schwer einzunehmen ist. Aber mit diesen Männern ist es etwas anderes! Tage und Nächte haben wir sie verfolgt; wir müssen sie töten. Wenn wir unverrichteter Dinge zu unserem Kraal zurückkehren, dann werden alle Mädchen uns verspotten und verhöhnen. So lästig es auch sein mag; sie müssen sterben.
    Nun habe ich einen Vorschlag für dich. Wir möchten nicht gerne das kleine Mädchen töten; es ist zu hübsch, um ihm ein Leid zuzufügen. Auch ist es sehr tapfer. Gib uns einen dieser drei Männer - Leben gegen Leben -, und wir werden sie freilassen, dazu noch die schwarze Frau. Dies ist ein großzügiges Angebot, weißer Mann. Wir wollen nur einen, nicht alle drei. Wir werden eine andere Gelegenheit abwarten, bis wir auch die anderen beiden töten können. Ich suche mir nicht einmal den Mann heraus, der mir am besten gefallen würde - nämlich der Große dort« - er zeigte auf Sir Henry -, »er sieht sehr kräftig aus und würde nicht so schnell sterben.«
    »Und wenn ich sage, ich liefere den Mann nicht aus?« fragte Mr. Mackenzie.
    »Tu das nicht, weißer Mann!« erwiderte der Masai. »Denn in diesem Fall wird deine Tochter sterben, sobald der Morgen graut. Die Frau, die bei ihr ist, sagt, du hättest keine anderen Kinder. Wenn sie älter wäre, dann würde ich sie als Sklavin nehmen; da sie aber noch so jung ist, werde ich sie mit meinen eigenen Händen töten - mit diesem Speer. Wenn du willst, kannst du Zeuge ihrer Hinrichtung werden. Ich gebe dir freies Geleit dazu.« Dann lachte der Schurke aus vollem Halse über seinen brutalen Scherz.
    In der Zwischenzeit hatte ich fieberhaft nachgedacht, wie man es häufig in Notsituationen tut. Ich war entschlossen, mich selbst gegen Flossie austauschen zu lassen. Ich wage kaum, das zu erwähnen, aus lauter Furcht, man könnte mich mißverstehen. Daß um Himmels willen bei keinem der Gedanke aufkomme, daran sei irgend etwas Heroisches oder sonst so ein Unsinn. Es war lediglich eine Frage des gesunden Menschenverstandes und zudem ein Gebot der Gerechtigkeit, die mich dazu verleiteten, mich als Tauschobjekt anzubieten. Mein Leben war alt und wertlos, ihres hingegen war jung und voller Zukunft. Ihren Tod hätten sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter kaum verwinden können; mein Tod hingegen hätte bei niemandem eine sonderlich große Lücke hinterlassen; im Gegenteil - gewisse wohltätige Institutionen hätten allen Grund gehabt, sich darüber zu freuen. Außerdem trug indirekt ich die Schuld daran, daß das liebe kleine Mädchen in diese schlimme Situation geraten war. Und nicht zuletzt war ich der Meinung, daß ein Mann weit besser dafür gewappnet war, dem Tode in einer so schrecklichen Gestalt zu begegnen, als ein kleines Kind. Das heißt nicht, daß ich beabsichtigte, mich von diesen Bestien langsam und grauenvoll zu Tode martern zu lassen -dazu steckt viel zuviel von einem Feigling in mir; denn von Natur aus bin ich ein sehr furchtsamer Mensch. Mein Plan war, mich nach dem geglückten Austausch, wenn das Mädchen in Sicherheit war, sofort zu erschießen. Ich bin sicher, daß der Allmächtige die besonderen Umstände des Falles in Betracht gezogen und mir den Selbstmord verziehen hätte. All dies und vieles andere schoß mir innerhalb von nur ein paar Sekunden durch den Kopf.
    »Hören Sie, Mackenzie«, rief ich. »Sagen Sie dem Mann, daß ich mich für Flossie austauschen lassen will. Die einzige Bedingung, die ich stelle, ist die, daß sie mich erst dann töten, wenn Flossie unversehrt hier im Haus angelangt ist.«
    »Was?« entfuhr es Sir Henry und Good gleichzeitig. »Das läßt du schön bleiben!«
    »Nein, nein«, mischte sich Mr. Mackenzie ein, »ich werde um keinen Preis meine Hände mit dem Blut eines Menschen besudeln. Wenn es Gottes Entscheidung ist, daß meine Tochter diesen schrecklichen Tod erleidet, so soll Sein Wille geschehen. Sie sind ein tapferer Mann, Quatermain (was auf keinen Fall stimmt), und ein edelgesinnter dazu, aber ich werde nicht zulassen, daß Sie in den Tod gehen.«
    »Wenn sich keine andere Lösung finden läßt, dann werde ich gehen!« sagte ich in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
    »Diese Angelegenheit ist zu wichtig, als daß wir sie auf der Stelle entscheiden könnten«, sagte Mackenzie, an den Elmoran gewandt. »Wir müssen die Sache erst überdenken. Du wirst unsere Antwort noch vor dem Morgengrauen erhalten.«
    »Wie du willst, weißer Mann«, sagte der Wilde in gleichgültigem Ton. »Aber vergiß nicht: Wenn deine Antwort zu spät eintrifft, dann wird die kleine weiße Knospe niemals zu einer Blume heranwachsen. Denn hiermit werde ich die Knospe abschneiden.« Bei diesen Worten faßte er an den Speer, der neben ihm im Boden steckte. »Wenn ich nicht genau wüßte, daß deine Männer nicht hier sind, würde ich glauben, daß du uns hereinlegen und in der Nacht angreifen willst. Aber ich weiß von der Frau, die bei dem Mädchen ist, daß alle deine Männer bis auf zwanzig unten an der Küste sind. Es ist nicht klug, weißer Mann«, fügte er mit einem höhnischen Lachen hinzu, »für deinen >Boma< (Kraal) nur eine so kleine Besatzung zu haben. Ich wünsche dir eine gute Nacht, weißer Mann, und auch euch, ihr anderen weißen Männer, deren Augen ich bald für immer schließen werde, wünsche ich eine gute Nacht. Beim Morgengrauen erwarte ich eure Antwort. Wenn nicht, dann wird alles so geschehen, wie ich es gesagt habe; vergeßt das nicht.« Dann wandte er sich Umslopogaas zu, der die ganze Zeit hinter ihm gestanden und ihn beäugt hatte. »Öffne mir die Tür, Bursche, aber schnell!«
    Das war zuviel für den Geduldsfaden des alten Häuptlings. Während der letzten zehn Minuten hatte es ihm schon gewaltig in den Fingern gejuckt, und bei dem Gedanken, es dem Masai Lygonani zu geben, war ihm buchstäblich das Wasser im Munde zusammengelaufen. Und jetzt das - da war das Maß voll. Er legte seine große Hand auf die Schulter des Elmorans und drehte den Masai so zu sich herum, daß sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. Dann schob er sein wutverzerrtes Gesicht ganz nahe an die höhnisch grinsende, bösartige federumrahmte Fratze des Masai und knurrte leise:
    »Siehst du mich?«
    »Ja, Bursche, ich sehe dich.«
    »Und siehst du das hier?« Bei diesen Worten hielt er ihm Inkosi-kaas ganz dicht vor das Gesicht.
    »Ja, Bursche, auch dein Spielzeug sehe ich; und was ist damit?«
    »Du räudiger Hund von einem Masai, du jämmerlicher, prahlerischer Windbeutel, du elende Memme, die sich an kleinen Kindern vergreift, mit diesem >Spielzeug< werde ich dir deine Gliedmaßen der Reihe nach abhacken. Sei froh, daß du als Bote hier bist, sonst würde ich hier, auf der Stelle, deine stinkenden Glieder über das Gras verstreuen.«
    Der Masai schüttelte seinen großen Speer und lachte laut und ausgiebig. »Ich wünschte, wir könnten uns Mann gegen Mann gegenüberstehen. Dann würden wir ja sehen.« Dann wandte er sich ab und ging, immer noch lachend, auf die Tür zu.
    »Du wirst mir noch früh genug Mann gegen Mann gegenüberstehen, hab keine Angst«, erwiderte Ums-lopogaas, immer noch in demselben drohenden Tonfall. »Du wirst mir Auge in Auge gegenüberstehen, mir, Umslopogaas, vom Blute des Chaka, aus dem Volke der Amazulu, Hauptmann im Regiment der Nkomabakosi! Du wirst mir gegenüberstehen wie schon so viele vor dir, und du wirst dich Inkosi-kaas beugen, wie ebenfalls schon viele vor dir. Ja, lache nur weiter! In der übernächsten Nacht werden die Schakale lachen, wenn sie dir mit ihren Zähnen das Fleisch von den Rippen reißen!«
    Als der Lygonani fort war, hatte einer von uns die Idee, den Korb zu öffnen, den er als Beweis dafür mitgebracht hatte, daß Flossie sich in seiner Hand befand. Als wir den Deckel hoben, fanden wir ein wunderschönes, vollständiges Exemplar der Goyalilie, die ich ja schon ausführlich beschrieben habe. Sie war voll aufgeblüht und gänzlich unversehrt. Darunter lag eine Botschaft in Flossies kindlicher Handschrift. Sie war mit Bleistift auf einen Fetzen fettiges Papier geschrieben, in das der Proviant eingepackt gewesen war:

    Liebste Eltern! lautete die Anrede. Die Masai haben uns gefangen, als wir mit der Lilie auf dem Heimweg waren. Ich versuchte ihnen zu entkommen, aber es ist mir nicht gelungen. Sie haben Tom umgebracht; der andere Mann ist fortgelaufen. Dem Kindermädchen und mir haben sie nichts getan, aber sie sagen, sie wollen uns gegen einen von Mr. Quatermains Begleitern eintauschen. Das will ich auf keinen Fall! Laßt nicht zu, daß irgend jemand sein Leben für meines opfert. Versucht, sie während der Nacht anzugreifen. Sie wollen drei der Ochsen, die sie gestohlen haben, schlachten und damit ein Festmahl abhalten. Ich habe ja meine Pistole, und wenn bis zum Morgengrauen keine Hilfe gekommen ist, werde ich mich erschießen. Sie sollen mich nicht töten! Wenn ich sterben sollte, dann vergeßt mich nie, liebste Eltern. Ich habe schreckliche Angst, aber ich vertraue auf Gott. Ich wage nicht, noch mehr zu schreiben, weil sie anfangen, es zu merken. Lebt wohl.
    Flossie

    Quer über die Rückseite war gekritzelt: Liebe Grüße an Mr. Quatermain. Sie werden den Korb zu euch bringen, und er wird die Lilie bekommen.
    Als ich diese Zeilen las, die jenes kleine, tapfere Mädchen in einer Lage geschrieben hatte, die schrecklich und aussichtslos genug gewesen wäre, selbst einen starken Mann in tiefste Verzweiflung sinken zu lassen, da traten mir Tränen in die Augen, und in meinem Innersten schwor ich, sie nicht dem Tode auszuliefern, wenn mein Leben doch reichen sollte, sie zu retten.
    Unmittelbar nachdem wir die Nachricht gelesen hatten, begannen wir eifrig und leidenschaftlich, ja heftig, über die Situation zu diskutieren. Wieder sagte ich, daß ich gehen würde, und wieder lehnte Mak-kenzie es strikt ab, und Curtis und Good legten als die wahrhaft treuen Männer, die sie sind, feierlich das Versprechen ab, mitzugehen, wenn ich wirklich gehen sollte, und Seite an Seite mit mir zu sterben.
    »Jedenfalls«, sagte ich schließlich, »müssen wir unbedingt noch vor der Morgendämmerung etwas unternehmen.«
    »Dann laßt uns unsere Chance wahrnehmen und sie mit allen verfügbaren Leuten angreifen!« schlug Sir Henry vor.
    »Ja, das ist gut!« knurrte Umslopogaas auf Zulu. »Du hast gesprochen wie ein Mann, Incubu. Wovor sollen wir uns fürchten? Zweihundertfünfzig Masai, fürwahr! Wie viele sind wir? Der Häuptling dort« - er deutete auf Mr. Mackenzie - »hat zwanzig Mann. Du, Macumazahn, hast fünf Männer, und dazu kommen fünf weiße Männer. Das sind insgesamt dreißig Mann - wahrlich genug. Höre, Macumazahn, der du schlau und erfahren im Kriege bist. Was sagt das Mädchen? Diese Männer essen und feiern; so soll es denn ihr Totenmahl sein! Was sagte der Hund, den ich beim Morgengrauen in Stücke zu hauen gedenke? Daß er keinen Angriff befürchte, weil wir so wenige seien. Kennst du den alten Kraal, in dem die Masai ihr Lager aufgeschlagen haben? Ich habe ihn heute morgen gesehen; er sieht so aus«; er beschrieb mit dem Finger ein Oval auf dem Fußboden. »Hier ist der große Eingang. Er ist angefüllt mit Dornengestrüpp und öffnet sich zu einer steilen Anhöhe hin. Nun, Incubu, du und ich, wir werden ihn mit Äxten gegen hundert Mann halten, die versuchen, auszubrechen! Nun seht; so soll die Schlacht gehen: Wenn das Licht auf den Hörnern der Ochsen zu schimmern beginnt - nicht vorher, sonst ist es zu dunkel, und nicht später, sonst wachen sie auf und erblicken uns -, soll Bougwan mit zehn Männern um den Kraal herumkriechen bis zu der Stelle am anderen Ende des Kraals, wo der schmale Eingang ist. Dort töten sie lautlos den Wachtposten, so daß er keinen Laut von sich gibt, und halten sich bereit. Dann kriechen Incubu, ich und einer der Askari - der mit der breiten Brust, er ist ein tapferer Mann - zu dem breiten Eingang, der mit Dornenbüschen gefüllt ist, und töten auch dort den Wachtposten, und dann beziehen wir, mit Streitäxten bewaffnet, unsere Stellung - jeder an einer Seite des Pfades, der zum Eingang führt, und der dritte ein paar Schritte vom Eingang entfernt, um die zu töten, die es schaffen, an den beiden am Tor vorbeizukommen. An der Stelle wird der größte Ansturm kommen. Es bleiben sechzehn Mann übrig. Laßt uns diese Männer in zwei Gruppen aufteilen. Mit einer davon sollst du gehen, Macumazahn, und mit einer der >Betmann< (Mr. Mackenzie). Sie sollen, mit Gewehren bewaffnet, auf die Seiten des Kraals gehen; eine Gruppe zur Rechten und eine zur Linken. Und wenn du, Macumazahn, wie ein Ochse brüllst, dann sollen alle aus ihren Gewehren das Feuer auf die schlafenden Masai eröffnen; sie müssen dabei aufpassen, daß sie nicht das kleine Mädchen treffen. Dann soll Bougwan am anderen Ende des Kraals seinen Kriegsschrei ausstoßen, über die Mauer springen und mit seinen zehn Männern die Masai zum Zweikampf stellen. Und es wird so sein, daß die Soldaten, benommen von der Speise und dem Schlaf, verwirrt vom Feuer der Gewehre, vom Fallen der Männer und von den Speeren Bougwans, aufspringen und wie gehetztes Wild auf den dornenbewehrten Eingang zustürzen. Und dann werden von beiden Seiten die Kugeln in sie hineinfahren, und am Eingang stehen Incubu und ich und warten auf jene, die den Feuerhagel überstanden haben und zum Eingang gelangt sind. Das ist mein Plan, Macumazahn; wenn du einen besseren hast, dann nenne ihn!«
    Als er mit der Darlegung seines Plans fertig war, erklärte ich den anderen die Einzelheiten desselben, die sie nicht ganz verstanden hatten. Und einhellig und vorbehaltlos teilten sie meine Bewunderung für diesen klugen, wohldurchdachten Plan, den der alte Zulu da ausgeheckt hatte. Auf seine Art war Umslopogaas sicherlich der vortrefflichste General, den ich je kennengelernt habe. Nach einer kurzen Debatte entschlossen wir uns, den Plan, so wie er stand, zu akzeptieren, da er unter diesen Umständen das einzig Mögliche war und - angesichts der Tatsache, daß wir eigentlich auf verlorenem Posten standen - wenigstens ein Fünkchen Hoffnung auf Erfolg in uns weckte. Eine Hoffnung, die uns in Anbetracht der gewaltigen Übermacht und der Grausamkeit unserer Widersacher ohnehin nur theoretisch zu sein schien.
    »Du alter Löwe«, sagte ich anerkennend zu Umslopogaas, »du verstehst es ebenso, zu beißen, wie auf der Lauer zu liegen. Du weißt genau, wann man zupacken und wann man warten muß.«
    »Ja, ja, Macumazahn«, gab er zur Antwort. »Seit dreißig Jahren bin ich Krieger, und ich habe vieles erlebt. Es wird ein großer Kampf werden. Ich rieche Blut - ich sage dir, ich rieche Blut.«

6
Die Nacht vergeht

    Wie man sich gewiß vorstellen kann, hatte die gesamte Bewohnerschaft der Missionsstation beim ersten Anzeichen des Auftauchens der Masai im Innern des Steinwalles Zuflucht gesucht. Nun standen sie alle - Männer, Frauen und zahllose Kinder - dicht zusammengedrängt in kleinen Gruppen beieinander, sprachen in ehrfürchtigem Ton von den grausamen Sitten und Bräuchen der Masai und beklagten schon im voraus das schreckliche Los, das ihrer harrte, wenn es diesen blutrünstigen Wilden gelänge, die Mauer zu überwinden.
    Unmittelbar nachdem wir uns auf den Plan, den Umslopogaas vorgeschlagen hatte, geeinigt hatten, schickte Mr. Mackenzie nach vier aufgeweckten Burschen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren und beauftragte sie, von verschiedenen Stellen aus das Lager der Masai zu beobachten und in regelmäßigen Abständen zu melden, was sich dort tat. Weitere Jungen, ja sogar Frauen, wurden längs der Mauer in bestimmten Abständen postiert, um uns im Falle eines Überraschungsangriffes frühzeitig warnen zu können.
    Nachdem diese Maßnahmen in die Wege geleitet worden waren, trommelte unser Gastgeber die zwanzig Mann, die seine ganze Streitmacht darstellten, auf dem Innenhof zusammen und hielt eine ernste Ansprache. Es war in der Tat eine beeindruckende Szene - keiner der Anwesenden wird sie so leicht vergessen können. Direkt neben dem mächtigen Stamm des Baumes stand der Missionar, den eckigen Körper mit einem Arm gegen den Stamm gelehnt; den anderen Arm hielt er ausgestreckt empor, während er sprach. Er stand barhäuptig da, und sein offenes, freundliches Gesicht spiegelte deutlich die Seelenqual wider, die er litt. Neben ihm auf einem Stuhl saß seine arme Frau, das Gesicht in den Händen vergraben. Daneben stand Alphonse, überaus kummervoll dreinblickend, und hinter ihm standen wir drei. Im Hintergrund war Umslopogaas riesige Gestalt zu sehen, wie üblich auf den Stiel seiner Axt gestützt. Im Vordergrund, die Gesichter uns zugewandt, standen und hockten die wehrfähigen Männer - einige mit Gewehren in der Hand, andere mit Speeren und Schilden bewaffnet. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten sie jedem Wort, das über die Lippen des Sprechers kam. Das weiße Licht des Mondes, das durch die Äste des großen Baumes fiel, tauchte die Szene in einen fremdartigen, wilden Glanz, und das melancholische Seufzen des Nachtwindes, der durch die Nadeln des Baumes über uns strich, verstärkte nur das Gefühl tiefer Traurigkeit, dessen die ohnehin tragische Situation auch so nicht entbehrte.
    »Männer!« sprach Mr. Mackenzie, nachdem er alle Umstände des Falles klar und offen vor ihnen dargelegt und ihnen den Plan, der unsere letzte Hoffnung war, in allen Einzelheiten erklärt hatte - »Männer! Seit vielen Jahren bin ich wie ein guter Freund zu euch! Ich habe euch Schutz und Obdach geboten, ich bin euch Lehrer und Beschützer gewesen, ich habe euch und die euren vor Schaden bewahrt, und zusammen sind wir glücklich und wohlhabend geworden. Ihr selber habt verfolgen können, wie meine kleine Tochter - die Wasserrose, wie ihr sie nennt -aufwuchs, wie sie Jahr für Jahr größer wurde: vom zarten Säugling zum fröhlichen Kinde, und vom Kinde zum Mädchen. Sie war die Spielgefährtin eurer Kinder, und wenn ihr krank wart, so half sie euch gesundpflegen. Und darum habt ihr sie immer geliebt.«
    »So war es und so ist es«, sagte eine tiefe Stimme. »Und wir werden unser Leben einsetzen, sie zu retten!«
    »Ich danke euch von ganzem Herzen - ich danke euch. Ich bin von der tiefen Gewißheit erfüllt, daß ihr in dieser Stunde der Bedrängnis, da ihr Leben an einem seidenen Faden hängt, den wilde und grausame Menschen - die fürwahr >nicht wissen, was sie tun< -abschneiden wollen, daß ihr in dieser Stunde höchster Not alles, was in euren Kräften steht, tun werdet, um sie zu retten, und um mich und ihre Mutter vor dem gebrochenen Herzen zu bewahren. Denkt auch an eure eigenen Frauen und Kinder. Wenn sie stirbt, wird nach ihrem Tode ein Angriff auf uns hier erfolgen, und im günstigsten Falle können wir unsere eigene Haut retten; aber eure Häuser und Gärten werden zerstört werden, und ihr werdet all eure Habe und euer Vieh verlieren. Ich bin, wie ihr wißt, ein Mann des Friedens. Niemals in all diesen vielen Jahren habe ich meine Hand gegen einen Menschen erhoben, um sein Blut zu vergießen. Doch nun sage ich euch: kämpft! Im Namen des Herrn, der uns hieß, unser Leben und unser Haus zu verteidigen, sage ich euch, kämpft! Schwört mir«, rief er mit doppelter Leidenschaft in der Stimme, »schwört mir, daß ihr bis zum letzten Mann, bis zum letzten Blutstropfen Seite an Seite mit mir und diesen tapferen weißen Männern euer Letztes geben werdet, um meine Tochter vor einem grausamen Tode zu bewahren!«
    »Sprich nicht weiter, mein Vater«, sagte wieder die tiefe Stimme, die einem der Ältesten der Missionsstation gehörte, einem kräftigen, entschlossenen Mann; »wir schwören es. Wer diesen Eid bricht, soll wie ein räudiger Hund sterben, und seine Knochen sollen den Schakalen zum Fraß vorgeworfen werden! Es ist ein gewaltiges Wagnis, mein Vater, mit so wenigen so viele anzugreifen, aber wir werden es tun, auch wenn wir dabei untergehen. Wir schwören es!«
    »Ja, wir schwören es«, stimmten die anderen ein.
    »Ja, wir schwören es«, sagte ich.
    »Es ist gut«, sagte Mr. Mackenzie. »Ihr seid brave Männer, auf die man in der Not bauen kann, und die sich nicht wie ein Schilfrohr dem Winde beugen. Und nun, liebe Freunde, laßt uns gemeinsam - Schwarze wie Weiße - niederknien und in Demut zu Seinem mächtigen Thron aufschauen. Lasset uns beten, daß Er, in dessen Hand unser aller Leben liegt, der Herr ist über Leben und Tod, uns armen Sündern gnädig sei, daß er uns stark mache, auf daß wir in der Schlacht, die uns im ersten Lichte des Morgens bevorsteht, mit seiner Hilfe obsiegen.«
    Mit diesen Worten fiel er auf die Knie, und wir alle folgten seinem Beispiel, bis auf Umslopogaas, der noch immer im Hintergrund stand, grimmig auf seine Axt gelehnt. Der wilde alte Zulu hatte keine Götter, und es gab nichts, was er verehrte, es sei denn, seine Streitaxt Inkosi-kaas.
    »O Gott aller Götter«, begann der Geistliche, und seine tiefe Stimme, die vor Bewegung zitterte, hallte durch die Stille und brach sich trotz der Zweige an dem grünen Dach des Baumes, das sich hoch über uns wölbte; »Beschützer der Elenden und Geknechteten, Zuflucht der Bedrohten, Bewahrer der Hilflosen, erhöre unser Flehen! Allmächtiger Vater, zu dir kommen wir in Bescheidenheit und Demut. Erhöre unser Gebet! Ein einziges Kind gabst du uns - ein unschuldiges Kind, erzogen im Glauben an Dich -, und nun schwebt über ihm der drohende Schatten des Todesschwertes, und es ist in der Hand wilder Menschen, in der Erwartung eines furchtbaren Todes. Stehe ihm bei, o Gott, und gib ihm in dieser Stunde deinen Trost. Errette es, o himmlischer Vater! O du Gott der Schlacht, in dessen Hände das Schicksal aller Menschen liegt, sei mit uns in der Stunde des Haders. Wenn wir in den Schatten des Todes treten, mache uns stark. Lasse deinen göttlichen Atem in die Reihen unseres Feindes fahren, auf daß er in alle Winde verstreut werde. Verwandle seinen Stolz in Nichts und seine Kraft in Wasser. Gib uns deinen Schutz und führe uns sicher durch die Schlacht. Wirf über uns den Schild deiner unendlichen Macht. Vergiß uns nicht in der Stunde unserer höchsten Not. Hilf uns zu verhindern, daß der Grausame unsere Kinder vor die Felsen schmettert. Erhöre unser Flehen! Und für die von uns, die jetzt noch stark und gesund vor dir auf der Erde knien und vielleicht bei Sonnenaufgang schon vor deinem Thron stehen, erhöre unser Gebet! Mache sie rein, o Herr! Befreie sie von ihren Sünden gegen das Blut des Lammes! Und wenn ihr Geist sie verläßt, so empfange ihn im Himmel der Gerechten! Schreite voran, o Herr, schreite voran, wenn wir uns in die Schlacht stürzen, so wie du es beim Volke Israel getan hast. O Gott des Kampfes, erhöre unser Flehen!«
    Er hielt inne, und nach einem Augenblick des Schweigens erhoben wir uns. Wir mußten nun mit aller Sorgfalt unsere Vorbereitungen treffen. Es war jetzt - wie Umslopogaas treffend bemerkte - an der Zeit, mit dem >Schwätzen< aufzuhören und zu handeln. Die Männer, die die einzelnen Gruppen bilden sollten, wurden sorgfältig ausgesucht und mit noch größerer Sorgfalt und Akribie auf ihre Aufgaben vorbereitet. Sie erhielten präzise Instruktionen, was sie in welchem Moment zu tun hatten. Nach langer Überlegung kamen wir zu der Überzeugung, daß die zehn Männer, die von Good angeführt werden sollten, und die die Aufgabe hatten, das Lager zu stürmen, nicht mit Feuerwaffen ausgerüstet werden sollten; das heißt, mit Ausnahme von Good, der sowohl einen Revolver als auch ein kurzes Schwert hatte - das Masaischwert, das ich aus dem Körper des armen Kerls, der in dem Kanu ermordet worden war, herausgezogen hatte. Wir befürchteten nämlich, daß, wenn sie Feuerwaffen trügen und die Masai von drei Seiten zugleich unter Kreuzfeuer genommen würden, auch ein paar von unseren eigenen Leuten getroffen werden könnten. Außerdem schien es uns allen, daß die Aufgabe, die sie zu erfüllen hatten, am besten mit dem kalten Stahl erledigt werden konnte - besonders trat natürlich Umslopogaas dafür ein, der, wie man sich leicht denken kann, ein leidenschaftlicher Verfechter des kalten Stahls war.
    Wir verfügten über vier Winchester-Repetierge-wehre sowie ein halbes Dutzend Martinis. Ich selbst nahm eines der Repetiergewehre - mein eigenes; eine ausgezeichnete Waffe für diesen Zweck, wo es auf möglichst schnelles Feuern ankam. Anstelle des schwerfälligen Mechanismus, mit dem sie im allgemeinen ausgerüstet sind, hatte es ordentliche Klappenvisiere. Mr. Mackenzie nahm ebenfalls eins, und die restlichen beiden gingen an zwei von seinen Männern, die sie bedienen konnten und als gute Schützen bekannt waren. Die Martinis und ein paar andere Gewehre aus dem Besitz von Mr. Mackenzie wurden zusammen mit einem ausreichenden Vorrat an Munition an die übrigen Eingeborenen verteilt, die die beiden Gruppen bilden sollten, deren Aufgabe es war, das Feuer von beiden Seiten des Kraals auf die schlafenden Masai zu eröffnen. Zum Glück waren mehr oder weniger alle ausreichend mit der Bedienung eines Gewehres vertraut.
    Was Umslopogaas anbetrifft; er war - wie wir wissen - mit seiner Axt bewaffnet. Um es hier noch einmal in Erinnerung zu rufen: Er, Sir Henry und der stärkste der Askari hatten die Aufgabe, den dornenbewehrten Eingang des Kraals gegen den voraussichtlichen Ansturm der Ausbrechenden zu verteidigen. Dazu waren natürlich Gewehre ungeeignet. Also machten Sir Henry und der Askari sich daran, sich auf die gleiche Weise wie der Zulu zu bewaffnen. Zufällig verfügte Mr. Mackenzie in seinem kleinen Lagerhaus über eine Auswahl von Axteisen mit Hammerrücken aus bestem englischen Stahl. Sir Henry suchte sich eines davon aus; es wog etwa zweieinhalb Pfund und hatte eine sehr breite Schneide. Der Askari wählte ein etwas kleineres. Nachdem Umslopogaas die beiden Axteisen mit einer zusätzlichen Schneide versehen hatte, befestigten wir sie an dreieinhalb Fuß lange Stiele, von denen Mr. Mackenzie glücklicherweise noch ein paar auf Vorrat hatte. Sie waren aus einem leichten, aber außergewöhnlich harten, bruchsicheren Holz eines einheimischen Baumes. Es ähnelt dem Holz der englischen Esche, ist jedoch elastischer. Nachdem wir zwei passende Stiele mit großer Sorgfalt ausgewählt hatten und ihre Enden mit Kerben versehen hatten, um ein Abgleiten der Hand zu verhindern, steckten wir die Axteisen so fest wie eben möglich auf das andere Ende der Stiele und tauchten die Waffen eine halbe Stunde lang in einen Eimer Wasser, damit das Holz aufquoll und sich so stark in dem Steckloch des Eisens ausdehnte, daß höchstens das Verbrennen des Stieles das Eisen wieder freigegeben hätte. Nachdem Umslopogaas diese wichtige Prozedur eigenhändig durchgeführt hatte, begab ich mich in mein Zimmer und öffnete eine kleine, metallbeschlagene Holzkiste, die ich seit unserer Abfahrt aus England noch nicht aufgemacht hatte. Sie enthielt - nun, was glaubt Ihr wohl? - nicht mehr und nicht weniger als vier Panzerhemden.
    Auf einer früheren Reise, die wir drei in einen anderen Teil Afrikas gemacht hatten, verdankten wir einmal unser Leben Panzerhemden, die die Eingeborenen hergestellt hatten. Und da ich mich daran noch erinnern konnte, hatte ich, bevor wir uns auf unsere jetzige abenteuerliche Expedition begeben hatten, angeregt, daß wir uns wieder passende Hemden aus Eisengewebe anfertigen lassen sollten. Das war gar nicht so einfach, denn die Kunst des Herstellens von Rüstungen ist derweil ausgestorben. Aber wenn man den Handwerkern in Birmingham nur lange genug auf die Nerven fällt und auch anständig bezahlt, dann sind sie auch fähig, aus Stahl so ziemlich alles zu machen. Schließlich befanden wir uns jedenfalls in dem Besitz der herrlichsten Panzerhemden aus Stahl, die man sich vorstellen kann. Es waren Meisterstücke handwerklichen Könnens. Das Gewebe war zusammengesetzt aus Tausenden und Abertausenden winziger, aber fester Ringe aus bestem Stahl. Diese Hemden (eigentlich waren es eine Art Jerseys mit stählernen Ärmeln) waren mit luftdurchlässigem Waschleder gefüttert; sie hatten nicht den typisch metallischen Glanz von Stahl, sondern die bräunliche Farbe eines Gewehrlaufes. Meines wog genau sieben Pfund; es schmiegte sich so sanft an den Körper an, daß ich das Gefühl hatte, es tagelang wie eine zweite Haut tragen zu können, ohne mich daran wundzuscheuern. Sir Henry besaß gleich zwei; ein normales -nämlich einen Jersey mit herunterhängenden Klappen, die auch der oberen Partie der Oberschenkel noch einen gewissen Schutz boten - und dazu ein zweites, das er selbst entworfen hatte. Es war nach dem Muster der Kleider geschnitten, die man als Hemdhosen oder »Kombination« feilbietet, und wog zwölf Pfund. Diese kombinierte Hemdhose, deren Gesäßteil aus Waschleder bestand, schützte zwar den gesamten Körper bis hinunter zu den Knien, aber es war doch ein wenig hinderlich, weil man es längs des Rückens schnüren mußte. Außerdem beeinträchtigte es mit seinen zwölf Pfund Gewicht doch ziemlich die Bewegungsfreiheit. Zu diesen Hemden gehörten noch Kopfbedeckungen, die wie aus vier Einzelteilen bestehende braunwollene Reisekappen aussahen. Dazu hatten sie noch Ohrenklappen. Diese Kappen waren ebenfalls mit Stahlgewebe überzogen, so daß sie einen ausgezeichneten Schutz für den Kopf darstellten.
    Es mutet fast ein bißchen lächerlich an, wenn man heutzutage von Kettenhemden als einem Schutz spricht - heute, wo nicht mehr Pfeile durch die Luft fliegen, sondern Kugeln, gegen die diese Hemden natürlich völlig machtlos sind. Aber da, wo man es mit Wilden zu tun hat, die mit Äxten oder ähnlichen Waffen ausgerüstet sind, stellen diese Hemden in der Tat einen trefflichen Schutz dar. Und wenn sie gut gearbeitet sind und gut passen, machen sie den Träger gegen primitive Waffen fast unverwundbar. Oft ist mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß, wenn die englische Regierung während der Kolonialkriege, besonders dem gegen die Zulus, doch nur auf die Idee gekommen wäre, ihre Männer mit solchen Panzerhemden auszustatten, manch ein Mann heute noch leben könnte, der längst tot und vergessen ist.
    Angesichts der Situation, in der wir steckten, beglückwünschten wir uns für unsere weise Voraussicht, die Hemden mitgenommen zu haben, und für das Glück, das wir gehabt hatten, daß nicht auch sie von unseren schurkischen Trägern gestohlen worden waren, als sie uns mit fast allen unseren Ausrüstungsgegenständen davongelaufen waren. Da Curtis zwei besaß und sich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen hatte, die Kombination anzuziehen - das zusätzliche Gewicht von drei oder vier Pfund war für einen Mann von seiner Körperkraft keine wesentliche Beeinträchtigung, ganz abgesehen davon, daß der fast vollkommene Schutz, den die Kombination bot, für einen Mann, der ohne jeglichen Schild kämpfte, von enormer Wichtigkeit war -, machte ich den Vorschlag, daß er das andere Hemd Umslopogaas lieh, der ja auf ebenso gefährlichem wie ruhmvollem Posten kämpfen sollte. Curtis war sofort einverstanden, und er rief den Zulu zu sich. Umslopogaas brachte Curtis' Axt mit, die er inzwischen fertig hatte und die seiner kritischen Prüfung standgehalten hatte. Als wir ihm das stählerne Hemd zeigten und ihm eröffneten, daß er es tragen solle, stand er diesem Plan zuerst ablehnend gegenüber. Dreißig Jahre lang habe er in seiner eigenen Haut gekämpft, und nun wolle er nicht auf seine alten Tage noch in einer Haut aus Eisen kämpfen. Daraufhin nahm ich einen schweren Speer, breitete das Hemd auf dem Boden aus und hieb den Speer mit aller Kraft darauf. Mit lautem Klirren federte die Waffe von dem Hemd zurück, ohne auch nur einen Kratzer auf dem Gewebe aus gehärtetem Stahl zu hinterlassen. Diese Demonstration schaffte es schon fast, ihn umzustimmen. Und als ich ihm dann noch eindringlich klarmachte, daß er in einer Situation, in der jeder Mann zehnfach zählte, nicht einfach aufgrund altmodischer Vorurteile einen so hervorragenden Schutz für Leib und Leben in den Wind schlagen durfte, und daß er außerdem, wenn er ein solches Hemd trug, auf einen Schild verzichten und mit beiden Händen kämpfen konnte, gab er schließlich nach und streifte sich die »Eisenhaut« über. Und in der Tat - obwohl das Hemd ja für Sir Henry angefertigt worden war, paßte es dem riesigen Zulu wie eine zweite Haut. Die beiden Männer waren fast gleichgroß. Und obwohl Curtis den größeren Eindruck machte, bin ich fast geneigt zu sagen, daß der Unterschied eher der Einbildung zuzuschreiben ist als der Realität. In Wirklichkeit, würde ich sagen, war er vielleicht ein wenig stämmiger, aber eigentlich nicht größer. Vielleicht hatte er etwas muskulösere Arme. Umslopogaas hatte vergleichsweise dünne Arme, diese aber hatten die Stärke von Drahtseilen. Jedenfalls, wie sie nun beide so dastanden, die Axt in der Hand, in braune Kettenhemden gehüllt, die wie eine zweite Haut ihre mächtigen Oberkörper umschmiegten, dabei jeden Muskel und jede Kontur nachzeichneten, gaben sie in der Tat das Bild eines Paars ab, vor dem sich wohl selbst noch eine Gruppe von zehn starken Männern gefürchtet hätte.
    Es war nun fast ein Uhr morgens. Wie die Späher berichteten, schickten sich die Masai allmählich an, schlafenzugehen, nachdem sie das Blut der Ochsen getrunken und gewaltige Mengen Fleisch verzehrt hatten. An den beiden Eingängen des Kraals hatten sie Posten aufgestellt. Flossie, so sagten die Späher, befand sich nicht weit von der auf der westlichen Seite gelegenen Mauer des Kraals entfernt, etwa in der Mitte. Bei ihr befanden sich das Kindermädchen und der weiße Esel, den man an einen Holzpflock gebunden hatte. Ihre Füße hatte man zusammengebunden, und um sie herum lagen Masaikrieger.
    Da wir im Augenblick absolut nichts tun konnten als warten, aßen wir etwas und gingen uns für ein paar Stunden schlafen legen. Der gute alte Umslopo-gaas war einfach bewundernswert: So als mache der bevorstehende Kampf nicht den geringsten Eindruck auf ihn, legte er sich einfach auf die Erde und war in Sekundenschnelle in tiefen Schlaf gesunken. Ich weiß nicht, wie es den anderen erging; ich für mein Teil fand jedenfalls keinen Schlaf. Ich muß zu meinem Leidwesen gestehen, daß ich, wie immer bei solchen Ereignissen, Angst verspürte. Nun, da mein anfängli-cher Enthusiasmus über Umslopogaas vortrefflichen Plan schon ein wenig verflogen war, muß ich der Wahrheit halber zugeben, daß mir die Situation alles andere als behagte. Wir waren alles in allem dreißig Mann; viele davon verfügten zweifellos über nur sehr ungenügende Kampferfahrung, und mit diesen dreißig Mann wollten wir zweihundertundfünfzig Masai angreifen! Zweihundertundfünfzig Masai, die zu den heißblütigsten, todesmutigsten, schrecklichsten Wilden Afrikas gerechnet werden, und die zu allem Überfluß auch noch durch eine Steinmauer geschützt waren! Es war in der Tat ein Unternehmen, das schon an Wahnsinn grenzte. Und was das Ganze noch hirnverbrannter machte, war die Wahrscheinlichkeit, daß die Wachtposten uns bemerken und Alarm schlagen würden, wenn wir versuchten, unsere Posten einzunehmen. Eines war sonnenklar: wenn das geschehen sollte; nämlich, daß die Wachtposten uns entdeckten - und jedes kleinste Geräusch, und sei es bloß das Knacken eines Astes, konnte das schon bewirken, dann war es um uns geschehen, denn das ganze Lager würde in Sekundenschnelle in Aufruhr geraten. Unsere einzige, wiewohl geringe Chance lag in einem Überraschungsangriff.
    Das Bett, in dem ich lag, während mir diese wenig tröstlichen Gedanken durch den Kopf gingen, stand dicht bei einem offenen Fenster, das auf die Veranda hinausging. Plötzlich hörte ich, wie von draußen ein seltsames Geräusch hereindrang - eine Art Stöhnen, gepaart mit Weinen. Eine Weile hörte ich gespannt zu, konnte mir jedoch keinen Reim darauf machen. Schließlich stand ich auf und ging ans Fenster. Ich lehnte mich hinaus und starrte ins Dunkel. Da sah ich die Umrisse einer menschlichen Gestalt, die am Ende der Veranda kniete und sich unablässig mit den Händen vor die Brust schlug. Es war niemand anders als Alphonse! Da ich sein französisches Gemurmel nicht verstehen konnte und wissen wollte, was er da überhaupt trieb, rief ich ihn an und fragte ihn, was er da mache.
    »Ah, Monsieur«, sagte er mit einem tiefen Seufzer, »isch mache Gebet für die Seelen von denen, die isch 'eute nacht töten werde.«
    »Könnten Sie das nicht ein bißchen leiser machen?«
    Alphonse machte sich davon, und ich war von seinem Gestöhne befreit.
    Langsam ging die Zeit herum, bis schließlich nach einer wahren Unendlichkeit Mr. Mackenzie den Kopf zum Fenster hereinsteckte und flüsterte - denn von nun an mußte natürlich alles in absoluter Stille geschehen: »Drei Uhr. Wir müssen um halb vier los.«
    Ich bat ihn, hereinzukommen, und er kam in mein Zimmer. Und ich muß sagen, wäre die Situation eine andere, weniger traurige gewesen, dann wäre ich bei seinem Anblick in schallendes Gelächter ausgebrochen, so wie er sich für die bevorstehende Schlacht ausstaffiert hatte: er trug den schwarzen Schwalbenschwanz eines Geistlichen, dazu einen schwarzen, breitkrempigen Hut. Beides hatte er, wie er mir erklärte, aufgrund des vorzüglichen Tarneffekts angezogen. In der Hand hielt er das Winchester-Repetiergewehr, das wir ihm geliehen hatten. Und in einem elastischen Crickettgürtel von der Art, wie englische Schuljungen ihn tragen, steckten ein riesiges Schnitzmesser mit dazugehörigem Stichblatt und ein langläufiger Colt.
    »Ah, mein Freund«, sagte er, als er mich auf seinen Gürtel starren sah, »Sie fragen sich sicher, was ich mit meinem Schnitzmesser will. Ich dachte mir, es kann mir noch ganz nützlich werden, wenn es zum Nahkampf kommen sollte. Es ist aus hervorragendem Stahl, und ich habe schon manches Schwein damit geschlachtet.«
    Mittlerweile waren alle aufgestanden und zogen sich an. Ich zog eine leichte Norfolk-Jacke über mein Panzerhemd, damit ich eine Tasche für meine Patronen hatte, und schnallte meinen Revolver um. Good folgte meinem Beispiel. Sir Henry hingegen zog außer seinem Kettenhemd, der Stahlkappe und einem Paar >Veldtschoonen<, das sind weiche Lederschuhe, nichts weiter an. Vom Knie abwärts waren seine Beine nackt. Seinen Revolver schnallte er über das Hemd und die Taille.
    In der Zwischenzeit inspizierte Umslopogaas die Männer, die sich im Innenhof unter dem großen Baum versammelt hatten. Er ging von einem zum anderen und achtete sorgfältig darauf, daß jeder richtig bewaffnet und gekleidet war. Im letzten Augenblick nahmen wir noch eine Änderung vor. Da zwei der Männer, die eigentlich zu den beiden mit Gewehren ausgestatteten Gruppen gehörten, nur wenig bzw. überhaupt nicht mit dem Umgang von Schußwaffen vertraut waren, sich aber als außerordentlich geschickt mit dem Speer herausstellten, legten wir ihre Gewehre wieder fort, gaben ihnen Schilde und lange Speere von der Art, wie auch die Masai sie hatten, und teilten sie der Gruppe von Curtis, Ums-lopogaas und dem Askari zu, damit sie ihnen dabei helfen konnten, den großen Eingang zu halten. Es war uns nämlich inzwischen klar geworden, daß drei Männer, und waren sie noch so mutig und stark, für diese Aufgabe einfach zu wenig waren.

7
Ein gewaltiges und blutiges Gemetzel

    Als alle Vorbereitungen getroffen waren, harrten wir noch eine Weile in der kalten, stummen Finsternis der Nacht aus und warteten auf den Augenblick des Aufbruchs. Diese endlos sich dahinschleppende Viertelstunde war vielleicht der Moment, der am meisten an den Nerven zerrte. Die Minuten quälten sich dahin wie auf bleiernen Füßen, und die tiefe, weihevolle Stille, die dräuendes Unheil zu verkünden schien, lastete schwer auf den Gemütern. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal weit vor dem Morgengrauen aufstehen mußte, um der Hinrichtung eines Mannes beizuwohnen; damals durchlebte ich sehr ähnliche Gefühle. Der Unterschied lag jedoch darin, daß hier und jetzt meine Gefühle weit stärker aufgewühlt waren durch das Element des Persönlichen, Hautnahen, dem natürlich jemand, der selber von einer Sache betroffen ist, weit stärker unterliegt als ein noch so mitfühlender Beobachter. Die ernsten Gesichter der Männer, denen nur allzu bewußt war, daß die heranrückende Stunde für manch einen von ihnen, ja vielleicht sogar für alle, die letzte sein konnte -die letzte vor der langen Reise in das Unbekannte oder in die Vergessenheit; das gleichsam atemlose Flüstern, in dem sie miteinander sprachen; die Manier, in der Sir Henry unablässig und in Gedanken versunken seine Axt inspizierte; die Art, in der Good mit zittrigen Fingern immer wieder sein Monokel putzte; all dies sprach Bände darüber, wie sehr die Nerven aller Beteiligten bis zum Zerreißen gespannt waren. Allein Umslopogaas, der, wie gewöhnlich auf Inkosi-kaas gelehnt, dastand und ab und zu eine kleine Prise Schnupftabak nahm, schien von alledem nicht im geringsten berührt zu sein. Seinen eisernen Nerven konnte wirklich nichts auf der Welt etwas anhaben.
    Der Mond sank immer weiter zum Horizont hinunter, bis er schließlich untergegangen war. Er ließ die Welt in totaler Dunkelheit zurück - bis auf einen ganz schwachen, grauen Streifen am östlichen Horizont, der blaß und matt die herannahende Morgendämmerung ankündigte.
    Mr. Mackenzie blickte auf die Uhr, die er in der Hand hielt. Neben ihm, an seinen Arm geklammert, stand seine Frau. Nur mit großer Mühe konnte sie ihr Schluchzen unterdrücken.
    »Zwanzig vor vier«, sagte der Missionar. »Um zwanzig nach vier wird es hell genug sein für einen Angriff. Captain Good sollte sich nun auf den Weg machen. Er muß einen Vorsprung von drei oder vier Minuten haben.«
    Good putzte noch einmal sein Monokel, nickte uns scherzhaft zu - was ihn, wie ich glaube, eine enorme Überwindung kostete, nahm noch einmal - höflich wie er war - seine stahlüberzogene Mütze vor Mrs. Mackenzie ab und machte sich auf den Weg zu seinem Posten am hinteren Eingang des Kraals, den er nur auf einigen Umwegen über Schleichpfade erreichen konnte, die jedoch den Eingeborenen bekannt waren.
    Kaum war er mit seinen Leuten in der Dunkelheit verschwunden, da tauchte einer der Späher auf und berichtete, daß dem Anschein nach nun alle in dem Masailager mit Ausnahme der beiden Wachtposten am vorderen und hinteren Eingang fest schliefen. Das war auch für uns das Zeichen zum Aufbruch. Als erster ging der Führer. Hinter ihm kamen Sir Henry, Umslopogaas, der Wakwafi Askari und die beiden Eingeborenen von Mr. Mackenzies Station, die mit Schilden und langen Speeren bewaffnet waren. Danach kam ich mit Alphonse und fünf Eingeborenen; wir waren alle mit Gewehren ausgerüstet. Den Schluß bildete Mr. Mackenzie, gefolgt von den restlichen sechs Eingeborenen.
    Der Viehkraal, in dem die Masai ihr Lager aufgeschlagen hatten, lag am Fuße des Hügels, auf dem das Haus stand. Das waren nach grober Schätzung achthundert Yards. Die ersten fünfhundert Yards davon legten wir möglichst geräuschlos, aber dennoch strammen Schrittes zurück. Danach durften wir uns nur noch kriechend vorwärtsbewegen. Lautlos wie ein Leopard, der seine Beute gewittert hat, schoben wir uns vorwärts. Wie gespenstische Schatten glitten wir von Busch zu Busch und von Stein zu Stein. Als ich auf diese Weise schon ein gutes Stück vorangekommen war, drehte ich mich zufällig um und sah hinter mir den gefürchteten Alphonse mit leichenblassem Gesicht und zitternden Knien einherwanken. Sein Gewehr, dessen Hahn gespannt war, zielte genau auf meinen Rücken. Ich hielt an, brachte vorsichtig das Gewehr in >Sicherheit<, und dann gingen wir weiter. Alles ging wie am Schnürchen, bis plötzlich, etwa hundert Yards vor dem Kraal, seine Zähne mit höllischem Getöse zu klappern begannen.
    »Wenn Sie nicht sofort damit aufhören, lege ich Sie um«, zischelte ich wütend. Der Gedanke, daß wir alle wegen eines zähneklappernden Kochs unser Leben verlieren könnten, war zuviel für mich. Ich befürchtete, daß er uns noch mit seinem Lärm verraten würde, und wünschte mir aus tiefster Seele, daß wir ihn gar nicht mitgenommen hätten.
    »Aber, Monsieur, isch kann nischts dagegen machen«, flüsterte er zurück, »es ist die Kälte.«
    Da steckten wir nun schön in der Tinte. Glücklicherweise kam mir eine Idee: In der Tasche des Mantels, den ich anhatte, befand sich noch ein Fetzen von einem schmutzigen Lumpen, den ich vor einiger Zeit zum Gewehrreinigen benutzt hatte. »Stecken Sie sich den Lappen in den Mund!« flüsterte ich und drückte ihm den Fetzen in die Hand. »Und wenn ich noch den geringsten Laut von Ihnen höre, dann sind Sie ein toter Mann!« Ich wußte, daß ich damit das Geklappere erst einmal abgestellt hatte. Ich muß ihn dabei so grimmig angeschaut haben, als sei das mein voller Ernst; denn er gehorchte mir auf der Stelle und kroch nun weiter, ohne einen Mucks von sich zu geben.
    Wir schlichen uns lautlos an den Kraal an.
    Schließlich hatten wir uns ihm bis auf eine Entfernung von fünfzig Yards genähert. Zwischen dem Kraal und uns lag ein offener grasbewachsener Abhang. Ein einsamer Mimosenstrauch und ein paar Dornenbüsche waren die einzigen Pflanzen, die Dek-kung bieten konnten. Wir befanden uns noch in dichtem Buschwerk und brauchten im Moment keine Entdeckung zu befürchten. Es wurde allmählich hell. Die Sterne waren verblaßt, ein bleicher Glanz hatte sich im Osten erhoben und erleuchtete matt die Erde.
    Wir konnten die Umrisse des Kraals deutlich erkennen, und auch die schwach glühende Asche der langsam erlöschenden Lagerfeuer der Masai war noch von unserer Stelle aus zu sehen. Wir machten halt und suchten die nähere Umgebung des Eingangs nach dem Wachtposten ab. Schnell hatten wir ihn entdeckt. Es war ein großer, schlanker Bursche, der mit lässigem Schritt vor dem dornenbewachsenen Eingang auf- und abschritt. Er entfernte sich dabei nicht mehr als vielleicht vier Yards von dem Eingang. Wir hatten insgeheim die Hoffnung gehegt, ihn bei einem Nickerchen zu überraschen, aber es hatte nicht sollen sein. Er schien hellwach zu sein. Wenn es uns nicht gelang, diesen Mann zu töten, und zwar lautlos, dann waren wir verloren. Wir hockten da und beobachteten ihn. Nach kurzer Zeit drehte sich Umslopo-gaas, der ein paar Schritte vor mir kauerte, zu mir um und gab mir ein Zeichen. Im selben Moment lag er auch schon platt wie eine Schlange auf dem Boden, und als der Posten sich gerade einmal umwandte, glitt er geräuschlos durch das Gras nach vorn.
    Der ahnungslose Masai begann, ein kleines Lied zu summen, und Umslopogaas benutzte die Gelegenheit, sich weiter vorwärtszuschieben. Unbemerkt erreichte er den Schutz des Mimosenstrauches und verharrte einen Moment in ihm. Der Wachtposten ging noch immer auf und ab. Dann blieb er stehen, wandte sich um und schaute über die Mauer in das Lager hinein. Sofort glitt die menschliche Schlange, die sich da an ihn heranpirschte, zehn weitere Yards vor und erreichte einen der distelartigen Büsche genau in dem Augenblick, als der Elmoran sich wieder umdrehte. Sein Blick blieb ausgerechnet auf eben diesem Distelbusch haften, und irgendwie schien er den Eindruck zu haben, daß mit dem Busch etwas nicht stimmte. Er machte ein paar Schritte in Richtung des Busches - dann blieb er stehen. Er gähnte, bückte sich, hob einen kleinen Kieselstein auf und warf ihn auf den Busch. Er fiel Umslopogaas genau auf den Kopf. Glücklicherweise traf er nicht das stählerne Hemd. In diesem Fall hätte das Klirren uns verraten. Nun erwies es sich auch als ein großer Segen, daß das Hemd gebräunt war und nicht aus hell glänzendem Stahl bestand. Sonst hätte der Wachtposten es sicherlich gesehen. Offensichtlich zufrieden darüber, daß alles in Ordnung war, verzichtete der Elmoran auf weitere Nachforschungen und begnügte sich damit, auf seinen Speer gestützt dazustehen und untätig auf den Busch zu starren. Mindestens drei Minuten blieb er unbeweglich so stehen, offensichtlich in angenehme Tagträumereien versunken, während wir mit zum Zerreißen gespannten Nerven auf der Erde kauerten und jeden Moment damit rechneten, daß wir entdeckt wurden, oder daß irgendein unvorhergesehener Zwischenfall alles zunichte machte. Ich konnte deutlich hören, wie Alphonses Zähne durch den öligen Lappen gedämpft aufeinanderschlugen. Ich drehte mich zu ihm um und machte ein schrecklich drohendes Gesicht. Aber ich gebe zu, daß mein eigenes Herz denselben wilden Takt schlug wie die Kastagnetten des Franzosen. Der Schweiß rann mir in Strömen den Körper entlang, und die waschlederne Fütterung meines Hemdes klebte mir unangenehm auf der Haut. Kurz, ich war in jenem bedauernswerten Zustand, den man gerne als >Mordsschiß< zu bezeichnen pflegt.
    Endlich hatte die Qual ein Ende. Der Wachtposten blickte nach Westen. Er schien mit Befriedigung festzustellen, daß sich seine Dienstzeit dem Ende zuneigte - was ja in der Tat der Fall war, und zwar für immer und ewig -, denn er rieb sich die Hände, und begann, wieder auf- und abzumarschieren, um sich aufzuwärmen.
    In dem Augenblick, als er uns wieder den Rücken zuwandte, glitt die lange schwarze Schlange blitzschnell zu dem nächsten Dornenbusch, der nur noch ein paar Schritte von der Stelle entfernt war, an der der Masai sich jedesmal auf dem Absatz drehte.
    Jetzt kam der Posten wieder zurück und schlen-derte direkt an dem Busch vorbei. Er ahnte nicht im geringsten, was da hinter den Disteln kauerte. Hätte er auch nur einen einzigen Blick nach unten geworfen, wäre ihm dieses Etwas schwerlich entgangen -aber er tat es nicht.
    Als er vorbei war, richtete sich sein versteckter Feind auf und schlich mit ausgestrecktem Arm hinter ihm her.
    Einen Sekundenbruchteil später - der Elmoran wollte gerade kehrtmachen - machte der lange Zulu einen gewaltigen Satz, und im Licht des allmählich dämmernden Morgens konnten wir erkennen, wie sich seine langen, schlanken Finger um die Gurgel des Masai legten. Dann folgte ein wildes Zucken der beiden ineinander verschlungenen dunklen Leiber, und Sekunden später sah ich, wie der Kopf des Masai sich nach hinten bog. Ein kurzes, scharfes Knacken, das sich anhörte wie das Brechen eines trockenen Zweiges, ertönte, und dann sackte der Körper des Masai zu Boden. Er zuckte noch ein paar Sekunden konvulsivisch hin und her und blieb dann regungslos liegen.


    Umslopogaas hatte all seine Kraft zusammengenommen und dem Krieger mit einem einzigen Ruck das Genick gebrochen.
    Er kniete noch eine Weile über seinem Opfer und drückte dessen Hals zu, bis er sicher war, daß von ihm keine Gefahr mehr ausging. Dann erhob er sich und machte uns ein Zeichen, daß wir herauskommen konnten. Wir krochen langsam auf allen vieren vorwärts, wie eine Horde großer Affen. Als wir den Kraal erreichten, sahen wir, daß die Masai den Eingang, der ungefähr zehn Fuß breit war, noch zusätzlich blockiert hatten - zweifelsohne, um einem Angriff vorzubeugen, indem sie ihn mit den Ästen von ein paar Mimosensträuchern vollgestopft hatten. Um so besser für uns, dachte ich. Je mehr Hindernisse den Eingang versperrten, desto schwerer würde es den Masai fallen, durchzubrechen. Nun mußten wir uns trennen; Mackenzie und seine Gruppe schlichen, in den Schatten der Mauer geduckt, zur linken Seite des Kraals, während Sir Henry und Umslopogaas sich an den Seiten des dornenbewehrten Eingangs aufstellten. Die beiden Speermänner und der Askari legten sich ein Stück vor den Eingang. Ich selbst kroch mit meinen Männern auf die rechte Seite des Kraals, der in der Länge etwa fünfzig Schritt maß.
    Als ich etwa zwei Drittel der Strecke zurückgelegt hatte, hielt ich an und postierte meine Männer in einem Abstand von vier Schritten längs der Mauer nebeneinander. Alphonse jedoch wollte ich nicht aus den Augen lassen und stellte ihn dicht neben mich. Dann wagte ich zum ersten Mal einen Blick über die Mauer. Es war nun schon ziemlich hell, und das erste, was ich erkennen konnte, war der weiße Esel, der sich genau auf der gegenüberliegenden Seite befand. Unmittelbar neben ihm erkannte ich das blasse Gesicht der kleinen Flossie, die genau da saß, wie der Späher es beschrieben hatte; nämlich etwa zehn Schritt von der Mauer entfernt. Sie war umringt von schlafenden Masaikriegern. Über den ganzen Kraal verstreut befanden sich die Überreste von Lagerfeuern. Um jede dieser Feuerstellen herumgruppiert lagen je ungefähr fünfundzwanzig Masai und schliefen. Die meisten von ihnen hatten sich fürchterlich den Bauch mit Rinderfleisch vollgeschlagen. Bisweilen reckte sich da und dort einer der Krieger, setzte sich auf, gähnte, blickte zum östlichen Horizont, der inzwischen bereits eine blaßgelbe Färbung angenommen hatte, und legte sich wieder hin. Ich beschloß, noch fünf Minuten zu warten; und zwar aus zwei Gründen: zum einen würde es bis dahin so hell geworden sein, daß man exakt zielen konnte; zum zweiten, um Good und seiner Gruppe - von der ich nichts hören oder sehen konnte - genug Zeit zu lassen, bis sie losschlagen konnten.
    Die stille Dämmerung begann, ihren immer größer werdenden Mantel über Feld und Wald zu legen -schon schaute der mächtige Mount Kenia aus seiner Hülle ewigen Schnees über das Land -, bis mit einem Male ein Strahl der noch nicht aufgegangenen Sonne seinen in den Himmel ragenden Gipfel traf und ihn in blutiges, purpurnes Rot tauchte; der Himmel über uns wurde allmählich blau; sanft wie das Lächeln einer Mutter schaute er auf uns herab. Ein Vogel stimmte sein Morgenlied an, und eine leichte Brise wehte durch das Buschwerk, um mit Millionen herabfallender Tautropfen die erwachende Welt zu erquicken. Überall war Friede, kündigte die Natur das Erwachen ihrer gewaltigen Kraft an, überall erhob sich das Glück des heranbrechenden Tages. Überall -nur nicht in den Herzen grausamer Menschen!
    Plötzlich - ich wartete gespannt auf das Signal zum Angriff und hatte mir schon meinen Mann herausgesucht, auf den ich zuerst das Feuer eröffnen wollte -ein großer Bursche, der nur drei Fuß neben der kleinen Flossie ausgestreckt auf der Erde lag - begannen Alphonses Zähne wieder zu klappern wie die Hufe einer galoppierenden Giraffe. Es machte in der Stille einen entsetzlichen Lärm. Er hatte vor lauter Angst den öligen Lappen aus dem Mund fallen lassen. Sofort wachte ein Masai, der nur drei Schritte von uns entfernt lag, auf, räkelte sich hoch und schaute mit verschlafenem Blick um sich, um nach der Ursache des Geräusches zu suchen. Außer mir vor Wut, hieb ich dem Franzosen den Kolben meines Gewehrs in die Magengrube. Das hatte zwar zur Folge, daß das Geklappere mit einem Schlag aufhörte; aber als er sich vor Schmerz krümmte, brachte er es zu allem Überfluß auch noch fertig, sein Gewehr so fallen zu lassen, daß sich ein Schuß löste. Die Kugel pfiff nur knapp einen Zoll an meinem Ohr vorbei.
    Nun bedurfte es keines Signals mehr. Von beiden Seiten des Kraals donnerte eine wogende Feuerlinie los. Ich selbst hielt genau auf meinen Masai, der direkt neben Flossie lag, und erwischte ihn gerade in dem Augenblick, als er aufspringen wollte. Im selben Moment ertönte vom anderen Ende des Kraals her ein markerschütternder Schrei, in dem ich zu meiner Freude Goods Stimme wiedererkannte, die laut gellend den Kampfeslärm übertönte. Und dann spielte sich eine Szene ab, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte und auch wohl nie wieder sehen werde und sehen möchte. Unter panischen Entsetzensschreien sprangen die Masaikrieger auf die Füße. Es war ein einziges Knäuel wirbelnder, sehniger Gliedmaßen, aus dem sich einer nach dem anderen löste. Viele von ihnen stürzten, getroffen vom Kugelhagel unseres wohlgezielten Feuers, sofort wieder zu Boden, noch bevor sie auch nur einen Schritt tun konnten. Einen Moment lang standen sie unschlüssig da. Aber als sie die Schreie und Flüche hörten, die unablässig vom anderen Ende des Kraals herüberschallten, stürzten sie völlig verwirrt und von dem Kugelhagel, der einen nach dem anderen von ihnen zu Boden riß, in wilde Panik versetzt, wie aus einem Impuls auf den dornenbewehrten Eingang zu. Während sie liefen, feuerten wir, was die Gewehre hergaben, in den immer dichter werdenden Pulk und rissen tiefe Lücken in die Reihen der Masai. Wir schossen so schnell wir nachladen konnten. Ich hatte die zehn Schüsse meines Repetiergewehrs abgefeuert und begann gerade mit dem Nachladen, als mir der Gedanke an Flossie durch den Kopf schoß. Ich blickte auf und sah den weißen Esel mit zuckenden Gliedmaßen am Boden liegen. Entweder hatte eine unserer Kugeln ihn getroffen oder der Speer eines Masaikriegers. Es war kein lebendiger Masai in der Nähe. Das schwarze Kindermädchen kniete vor Flossie auf der Erde und zerschnitt ihr mit einem Speer die Fußfesseln. In der nächsten Sekunde schon rannte das Kindermädchen auf die Mauer des Kraals zu und schickte sich an, die-se zu überklettern. Das kleine Mädchen wollte seinem Beispiel folgen. Aber offensichtlich waren Flossies Beine durch die Fesseln steif geworden und eingeschlafen. Sie konnte nur sehr langsam auf die Mauer zuhinken. Plötzlich wurden zwei Masai, die auf den Vordereingang zurannten, ihrer gewahr und stürzten auf das kleine Mädchen los, um es zu töten. Der erste der beiden Burschen erreichte das Mädchen in dem Moment, als es nach einem verzweifelten Versuch, die Mauer zu erklimmen, wieder herunterfiel und auf dem Boden landete. Ich sah, wie der Masai seinen großen Speer hob, und noch während er ausholte, fuhr ihm die Kugel aus meinem Gewehr zwischen die Rippen, und er kippte vornüber.
    Aber hinter ihm kam der andere Mann, und ich bemerkte zu meinem Entsetzen, daß ich keine Patrone mehr im Magazin hatte! Flossie hatte sich inzwischen hochgerappelt und sah nun den zweiten Mann mit hoch erhobenem Speer auf sich zueilen. Ich wandte mein Gesicht ab und wurde von einem Gefühl ohnmächtiger Wut ergriffen. Mir war zum Sterben elend. Ich wollte nicht zuschauen, wie der Masai das arme kleine Mädchen abschlachtete. Doch unwillkürlich blickte ich noch einmal auf, und da sah ich zu meinem großen Erstaunen, daß der Speer des Masai am Boden lag. Der Mann selbst wankte hin und her und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Im selben Moment sah ich ein Rauchwölkchen, das offenbar aus Flossies Richtung kam, und der Mann schlug der Länge nach auf den Boden. Mir fiel der Derringer ein, den sie immer bei sich trug! Sie hatte beide Kugeln der kleinen Pistole auf den Masai abgefeuert! Das hatte ihr das Leben gerettet. Dann lief sie wieder zu der Mauer, und mit einer erneuten Anstrengung gelang es ihr, mit Hilfe des Kindermädchens, das auf der Mauerkrone lag und ihr die Hände reichte, über die Mauer zu klettern und sich vorerst einmal in Sicherheit zu bringen.
    Es dauert eine Weile, dies alles zu erzählen, aber ich glaube, daß es in Wirklichkeit nur eine Sache von vielleicht fünfzehn Sekunden war. Bald hatte ich das Magazin meiner Winchester wieder mit Patronen gefüllt und eröffnete erneut das Feuer. Doch diesmal nicht auf die brodelnde schwarze Masse, die sich am Vordereingang des Kraals drängte, sondern auf einzeln herumirrende Masai, die über die Mauer entkommen wollten. Ich erschoß mehrere von ihnen, während ich langsam an der Mauer entlang zum vorderen Ende des Kraals hinüberging. Ich wollte sehen, wie der Kampf dort stand, und den fünfen mit meinem Gewehr zur Seite stehen. Bald hatte ich die Ecke, oder besser gesagt, die spitze Rundung des Ovals, erreicht. Vor meinen Augen spielte sich eine unbeschreibliche Szene ab.
    Ungefähr zweihundert Masai - etwa fünfzig hatten wir bis zu dem Zeitpunkt schon getötet - drängten sich inzwischen vor dem dornenbewehrten Eingang zusammen, getrieben von unseren Schüssen und von den Speeren von Goods Männern, die sie offensichtlich für eine gewaltige Streitmacht zu halten schienen. In ihrer Verwirrung war ihnen gar nicht aufgefallen, daß es sich bloß um eine zehn Mann starke Gruppe handelte. Aus unerfindlichen Gründen war keiner von ihnen auf die Idee gekommen, einen Ausbruch über die Mauer zu versuchen, was ein verhältnismäßig leichtes Unterfangen gewesen wäre. Statt dessen drängelten sie sich alle in einem dichten Klumpen vor dem Zaun aus Dornengestrüpp, der sich in der Tat als eine nur schwer zu überwindende Barriere erwies. Der erste versuchte, mit einem Riesensprung hinüberzusetzen, aber noch bevor seine Füße auf der anderen Seite den Boden berührten, sah ich Sir Henrys Axt emporschwingen und mit fürchterlicher Wucht auf seinen federgeschmückten Kopf niederfallen. Der Masai sank mitten in das Dornengestrüpp. Mit wütendem Geheul drängten die hinteren nach. Sie versuchten verzweifelt, mit einem Ruck durchzubrechen. Aber jedesmal, wenn einer die Barriere überwunden hatte, erhob sich Sir Henrys riesige Axt, und Inkosi-kaas zuckte wie ein Blitz herab, und ein Masai nach dem anderen sank tödlich verwundet in die Dornen-büsche. Bald hatte sich eine zusätzliche Barriere aus toten Leibern gebildet, die es den nachrückenden Kriegern immer schwerer machte, ins Freie zu gelangen. Gelang es einmal einem, heil an den beiden Äxten vorbeizukommen, dann wurde er unweigerlich ein Opfer des Askari und der beiden Kaffern von der Missionsstation. Wer auch diesen unversehrt entkam, den nahmen Mackenzie und ich unter Feuer.
    Das Kampfgeschehen wurde immer heftiger und wütender. Jetzt sprangen einzelne Masaikrieger auf den Berg von toten Leibern und griffen von dort aus mit ihren langen Speeren die Axtkämpfer an. Doch dank der Panzerhemden war das Resultat jedesmal dasselbe. Sofort sauste mit mächtigem Schwung die Axt herab, und wieder sank ein Masai tödlich getroffen zu Boden. Das heißt, sofern er es mit Sir Henry zu tun hatte. Wenn einer mit Umslopogaas kämpfte, war das Ergebnis zwar dasselbe; es kam jedoch auf andere Weise zustande. Nur selten gebrauchte der Zulu den wuchtigen, mit beiden Händen ausgeführten Hieb, bei dem die Schneide der Axt krachend in den Schädel des Kontrahenten fuhr. Im Gegenteil; er tat kaum mehr, als unaufhörlich auf den Kopf seines Gegners zu klopfen, wobei er mit dem Dorn der Axt pickte wie ein Specht auf verrottetes Holz. Der letzte, etwas festere Hieb, durchschlug dann die Schädeldecke des Feindes, und er fiel zu Boden, ein sauberes, kleines, kreisrundes Loch in seiner Stirn oder in seinem Schädel. Umslopogaas nahm die breite Schneide der Axt nur dann zu Hilfe, wenn er arg in Bedrängnis geriet, oder wenn er einen Schild durchschlagen wollte. Später erzählte er mir, daß er diese Art zu kämpfen für unsportlich hielt.
    Good und seine Männer waren nun dichtauf, und unsere Leute mußten damit aufhören, pausenlos mitten in die Masse von schwarzen Leibern hineinzufeuern, um nicht unsere eigenen Männer zu treffen (in der Tat waren, wie sich später herausstellte, auf diese Weise ein paar von Goods Leuten unseren eigenen Kugeln zum Opfer gefallen). Wahnsinnig vor Angst und mit der Kraft der Verzweiflung brachen nun die Masai mit einem gewaltigen Ruck durch die Dornenbüsche und den Wall von Leibern und gelangten, Curtis und Umslopogaas gleichsam wie eine Lawine hinwegfegend, ins Freie. Und nun machten wir sehr schnell Verluste. Als erster fiel der tapfere Askari, der mit der Axt bewaffnet war; ein langer Speer drang ihm in die Brust und durchbohrte seinen Körper mit solcher Wucht, daß er mindestens einen Fuß aus seinem Rücken herausragte. Und kurze Zeit später fielen auch die beiden Speermänner, die neben ihm gestanden hatten. Noch im Sterben kämpften sie wie die Löwen. Andere aus unserer kleinen Gruppe teilten alsbald ihr Schicksal. Eine Weile fürchtete ich, der Kampf wäre verloren - mit Gewißheit hing er jetzt in der Schwebe. Ich rief meinen Männern zu, ihre Gewehre wegzuwerfen, sich mit Speeren zu bewaffnen und in das Kampfgewühl zu stürzen. Todesmutig und durch den Tod ihrer Kameraden aufs äußerste erbittert, gehorchten sie. Mr. Mackenzies Leute folgten ihrem Beispiel.
    Diese Maßnahme erwies sich zwar für den ersten Moment als erfolgreich, aber noch immer war der Ausgang des Kampfes völlig ungewiß.
    Unsere Männer fochten großartig; sie warfen sich todesmutig in die dunkle Masse der Elmorane; sie schlugen stachen und töteten - und manch einer von ihnen wurde selbst getötet. Und über all dem Kampfgetöse erscholl immer wieder Goods gellender Kriegsschrei, mit dem er unseren Männern neuen Mut machte. Er selbst war immer da zu finden, wo der Kampf am heftigsten wogte. Und immer wieder, mit fast maschinenartiger Regelmäßigkeit, hoben sich die beiden Äxte und sausten herab, mit jedem Schlag Tod und Verderben säend. Aber ich konnte erkennen, daß die übermenschliche Anstrengung begann, ihre Spuren bei Sir Henry zu hinterlassen; er blutete aus mehreren Fleischwunden; sein Atem ging schnell und keuchend, und die Adern auf seinen Schläfen waren hervorgequollen und sahen aus wie blaue, knotige Schnüre. Selbst Umslopogaas, der Eiserne, war hart in Bedrängnis. Ich bemerkte, daß er aufgehört hatte, wie ein Specht auf die Schädel seiner Gegner einzuklopfen. Er nutzte jetzt die breite Schneide von Inkosi-kaas und teilte damit fürchterliche Rundschläge aus. Ich selbst begab mich nicht in das Kampfgetümmel, sondern lauerte abseits wie ein >Abstauber< vor dem gegnerischen Strafraum und schoß auf einzelne Masai sobald sich auch nur die geringste Chance dazu bot. Auf diese Weise konnte ich mich weit nützlicher machen. Ich verschoß an jenem morgen neunundvierzig Patronen, und nur die wenigsten meiner Kugeln erreichten nicht ihr Ziel.
    So verbissen und geschickt wir auch ans Werk gingen - das Pendel der Waage begann langsam, aber sicher gegen uns auszuschlagen. Es sah immer schlechter für uns aus. Wir verfügten vielleicht noch über fünfzehn oder sechzehn kampffähige Männer, die Masai hingegen hatten immer noch mindestens fünfzig. Wenn sie kühlen Kopf bewahrt hätten und sich formiert hätten, wäre der Kampf natürlich sehr schnell zu ihren Gunsten entschieden gewesen; aber gerade das taten sie nicht. Sie hatten anscheinend den Schock noch immer nicht überwunden; dazu kam, daß einige von ihnen in ihrer Verwirrung blindlings von ihren Schlafstellen weggerannt waren, ohne ihre Waffen mitzunehmen. Einige jedoch hatten sich inzwischen erholt und kämpften nun mit ihrer gewohnten Tapferkeit und Übersicht, und allein dies mußte unter normalen Umständen ausreichen, uns bald zu besiegen. Zu allem Überfluß wurde auch noch Mr. Mackenzie gerade in dem Moment, da er sein Magazin leergeschossen hatte, von einem muskulösen Burschen mit dem Kurzschwert angegriffen. Der Geistliche sah den Wilden auf sich zustürzen, warf sein Gewehr zu Boden, riß sein großes Schnitzmesser aus dem Gürtel (sein Revolver war ihm wäh-rend des Kampfes herausgefallen), und schon waren die beiden in wildem Handgemenge miteinander umschlungen. Eng umklammert rollten die beiden hinter die Mauer, und da ich selbst alle Hände voll zu tun hatte, mich meiner Haut zu wehren, blieb mir der Ausgang des Duells zunächst verborgen.
    Hin und her wogte die Schlacht. Alles drehte sich im Kreise wie ein Wirbel aus menschlichen Körpern. Inzwischen sah die Lage für uns so gut wie hoffnungslos aus. Doch da kam uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe: Umslopogaas brach - sei es aus Zufall oder Absicht - aus dem Ring der Kämpfenden aus und griff einen Krieger an, der ein paar Schritte abseits von den übrigen Kämpfenden stand. Im selben Moment kam von hinten ein anderer Masai herbeigeeilt und warf mit aller Kraft seinen langen Speer auf den Rücken des Zulu. Der Speer traf mit lautem Klirren auf das Kettenhemd und sprang wirkungslos zurück. Einen Augenblick lang stand der Mann bewegungslos da und starrte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen auf Umslopogaas Rücken - Rüstungen oder schützende Kleidung war bei diesen Stämmen etwas völlig Unbekanntes. Dann schrie er mit gellender Stimme, so laut er konnte:
    »Es sind Teufel - verhext - sie sind verhext!« Von Panik ergriffen warf er seinen Speer fort und rannte davon. Ich stoppte seinen Lauf schnell mit einer Kugel, und Umslopogaas zertrümmerte seinem Gegner den Schädel, und da griff Panik auch auf die anderen über.
    »Verhext, verhext!« schrien sie und stoben wie die Furien in alle Richtungen davon. Völlig demoralisiert warfen die meisten von ihnen noch während des Lau-fens ihre Schilde und Speere auf die Erde.
    Auf der letzten Szene dieser fürchterlichen Schlacht brauche ich nicht zu verweilen. Es war ein gewaltiges, blutiges Gemetzel, bei dem auf keiner Seite Pardon gegeben wurde. Ein Ereignis jedoch möchte ich noch genauer schildern: Gerade als ich hoffte, daß nun endlich alles vorbei wäre, kroch plötzlich unter einem Berg von Leichen ein unverletzter Masai hervor, der sich dort versteckt hatte. Er sprang wie eine Gazelle über die Sterbenden und Toten hinweg und kam schnell wie der Wind den Kraal hinaufgerannt zu der Stelle, an der ich mich gerade befand. Aber er war nicht allein; auf seinen Fersen eilte, in der ihm eigentümlichen, schwalbenartigen Bewegung Umslo-pogaas heran, und als sie sich mir näherten, erkannte ich in dem Masai den Boten aus der vergangenen Nacht. Als er merkte, daß sein Verfolger, so sehr er auch rannte, immer mehr an Boden gewann, hielt der Mann an und wirbelte herum, um sich dem Kampfe zu stellen. Umslopogaas blieb ebenfalls stehen.
    »Ha, ha«, rief er in spöttischem Ton dem Elmoran zu, »du warst es doch, mit dem ich in der vergangenen Nacht gesprochen habe - der Lygonany! Der Herold! Der Bursche, der kleine Mädchen entführt! Der so tapfer ein kleines Kind umbringen wollte! Und du hofftest, Auge in Auge Umslopogaas gegenüberzustehen, einem Induna aus dem Stamme der Maquili-sini, vom Volke der Amazulu? Schau, deine Hoffnung hat sich erfüllt! Und ich schwor, dir deine Glieder einzeln abzuhacken! Du räudiger Hund! Gib acht, ich mache es auf der Stelle!«
    Der Masai biß wütend die Zähne aufeinander und ging mit seinem Speer auf den Zulu los. Als er heran-geschossen kam, machte Umslopogaas einen raschen Schritt zur Seite, schwang Inkosi-kaas mit beiden Händen hoch über dem Kopf und hieb die breite Schneide mit solch fürchterlicher Wucht von hinten in die Schulter des Masai, daß der rasiermesserscharfe Stahl durch Knochen, Fleisch und Muskeln fuhr und fast den Kopf mitsamt einem Arm vom Körper des Elmoran abtrennte.
    »Oh!« rief Umslopogaas aus, während er den Körper seines Widersachers von oben betrachtete. »Ich habe mein Wort gehalten. Es war ein guter Hieb.«

8
Alphonses Erklärung

    Und so endete der Kampf. Als ich meinen Blick von der entsetzlichen Walstatt abwandte, fiel mir mit einem Mal schlagartig Alphonse ein. Seit jenem Moment vor etwa zwanzig Minuten - der Kampf dauerte in Wirklichkeit bei weitem nicht so lange, wie es seiner ausführlichen Beschreibung nach den Anschein hat -, als ich gezwungen war, ihm den Gewehrkolben in den Magen zu stoßen, und dabei selbst beinahe erschossen worden wäre, hatte ich nichts mehr von ihm gesehen. Nun befürchtete ich, daß der arme kleine Mann in der Schlacht gefallen war, und begann mit meinen Blicken die Reihen der Toten abzusuchen, um vielleicht irgendwo seine Leiche zu entdecken. Da ich jedoch nichts fand, kam ich zu der Überzeugung, daß er überlebt haben mußte, und ging an der Mauer des Kraals entlang zu der Stelle, an der wir zuerst postiert gewesen waren, wobei ich in regelmäßigen Abständen seinen Namen rief. Ungefähr fünfzehn Schritt von der Kraalmauer entfernt stand ein uralter Feigenbaum. Er war so alt, daß im Laufe der Jahrhunderte das Innere des Stammes weggefault war und nur noch die leere Hülle aus Rinde existierte.
    »Alphonse«, rief ich, während ich die Mauer entlanglief, »Alphonse!«
    »Oui Monsieur«, erklang hohl eine Stimme. »Hier bin ich.«
    Ich blickte mich um, konnte aber nirgends eine Menschenseele erkennen. »Wo?« schrie ich.
    »Isch bin 'ier, Monsieur, in dem Baum.«
    Ich schaute in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Und siehe da - aus einem Loch in dem Stamm des Feigenbaums, ungefähr fünf Fuß über dem Erdboden, lugte ein bleiches Gesicht hervor; dazu die beiden Enden eines Schnauzbartes, eines gekappt und das andere so bejammernswert herunterhängend wie der Schwanz eines geprügelten Hundes. Da wurde mir zum ersten Mal in aller Deutlichkeit klar, was ich schon die ganze Zeit über vermutet hatte; nämlich, daß Alphonse ein riesiger Feigling war. Ich ging zu ihm hin. »Kommen Sie aus dem Loch raus!« fuhr ich ihn an.
    »Ist es vorbei, Monsieur?« fragte er ängstlich. »Ganz vorbei? Ah, welsche Schrecken isch mußte erdulden, und welsche Gebete isch ausgestoßen 'abe!«
    »Kommen Sie raus, Sie armseliges Würstchen!« rief ich wütend, denn ich hatte nicht gerade freundliche Gefühle in seiner Gegenwart. »Es ist alles vorbei.«
    »Dann 'aben also meine Gebete ge'olfen, Monsieur? Isch komme sofort 'eraus.« Und dann stand er vor mir.
    Als wir zusammen zu den anderen gingen, die sich an dem breiten Vordereingang des Kraals, der nun einem Schlachthof ähnlich sah, versammelt hatten, sprang plötzlich ein Masai, der geflohen war und sich die ganze Zeit über hinter einem Busch versteckt hatte, auf und startete einen wütenden Angriff gegen uns. Mit einem gellenden Angstschrei raste Alphonse los; der Masai hinter ihm her. Er schien wild entschlossen, noch einen von uns mit ins Grab zu nehmen, bevor wir ihm ein Ende machen würden. Bald hatte er den armen kleinen Franzosen eingeholt; und sicherlich hätte er ihn auf der Stelle niedergestreckt, wenn ich nicht, gerade in dem Augenblick, als Alphonse einen letzten verzweifelten Haken schlug, in der irrigen Annahme, dem hinter ihm aufblitzenden Stahl dadurch entrinnen zu können, eine Kugel genau zwischen die breiten Schulterblätter des Elmoran gejagt hätte. Das brachte jedenfalls die Sache zu einem befriedigenden Abschluß; zumindest, was den Franzosen betraf. Er stolperte und fiel der Länge nach hin, und der Masai fiel direkt über ihn und zuckte noch einen Moment im Todeskampf. Darauf erhob sich ein derart markerschütterndes Geheul, daß ich befürchtete, der Masai habe Alphonse doch noch den Speer in den Rücken gestoßen, bevor meine Kugel ihn traf. Ich rannte so schnell ich konnte zu ihm hin und zerrte den Masai von ihm herunter. Und da lag Alphonse, über und über mit Blut besudelt, und zuckte krampfartig wie ein galvanisierter Frosch. Armer Kerl! dachte ich, nun hat es ihn doch noch erwischt. Ich kniete mich neben ihn und suchte, soweit seine Zuk-kungen und Verrenkungen das zuließen, nach der Wunde.
    »Oh, das fürschterliche Loch in mein Rücken!« schrie er auf. »Isch bin gemordet! Isch bin tot! Oh, Annette!«
    Ich suchte weiter, aber ich fand beim besten Willen keine Wunde. Plötzlich dämmerte es mir - der Mann war gar nicht verwundet, er war bloß zu Tode erschrocken!
    »Stehen Sie auf!« brüllte ich ihn an. »Stehen Sie auf! Schämen Sie sich überhaupt nicht? Ihnen ist kein Haar gekrümmt worden.«
    Er stand auf, völlig unversehrt. »Aber, Monsieur, isch dachte, isch wäre tot«, sagte er mit Unschuldsmiene; »isch wußte nischt, daß isch ihn besiegt 'abe.« Dann versetzte er dem toten Masai einen Tritt und rief triumphierend: »Ah, du 'und von einem Masai, du schwarze Wilde, du bist tot nun! Was für ein Sieg!«
    Angeekelt wendete ich mich von dem Kerl ab und ging zu den anderen zurück. Alphonse folgte mir wie ein Schatten und beeilte sich, ebenfalls zu den anderen zu kommen. Das erste, was ich sah, war Mr. Mak-kenzie. Er saß auf einem Stein. Um seinen Oberschenkel, aus dem er stark blutete, hatte er ein Taschentuch gebunden. Eine Speerspitze war ihm in den Oberschenkel gedrungen und hatte ihn durchbohrt. In der Hand hielt er noch immer sein geliebtes Schnitzmesser, dessen Klinge nun völlig verbogen war. Daraus schloß ich, daß er aus seinem Handgemenge mit dem Masai als Sieger hervorgegangen war.
    »Ah, Quatermain!« rief er mit zitternder, erregter Stimme, »so haben wir denn nun obsiegt! Aber es ist ein schrecklicher Anblick; fürwahr, ein schrecklicher Anblick!« Und dann verfiel er in ein breites Schottisch und starrte auf die verbogene Klinge in seiner Hand: »Es ärgert mich nur, daß ich die Klinge meines besten Schnitzmessers verbogen habe!« Dann lachte er hysterisch. Der arme Kerl, was er alles hatte durchmachen müssen; und jetzt war er völlig mit den Nerven am Ende. Was Wunder! Es muß entsetzlich sein für einen Mann des Friedens, der noch dazu ein so gutes, weiches Herz hat, sich gezwungen zu sehen, an solch einem grauenhaften Gemetzel mitzuwirken. Aber manchmal treibt uns die Ironie des Schicksals in die seltsamsten Situationen.
    Am Vordereingang des Kraals bot sich ein tragischer Anblick. Das Gemetzel war nun vorüber, und die Verwundeten waren von ihren Qualen erlöst worden; es hatte keine Gnade gegeben. Die Dornen-büsche, die den Eingang versperrt hatten, waren plattgetrampelt, und an ihrer Stelle füllten nun die Leiber von Toten den Eingang. Tote, überall Tote - sie lagen in Haufen herum; sie lagen einzeln und zu zweit in allen erdenklichen Positionen über den ganzen Kraal verstreut. Vor diesem Eingang auf einem Fleck von Leichen und von den Schilden und Spee-ren, die überall verstreut herumlagen, so wie ihre Träger sie fallengelassen hatten, standen und lagen die Überlebenden des Gemetzels, und zu ihren Füßen waren vier Verwundete. Wir waren dreißig Mann stark in den Kampf gezogen, und von diesen dreißig hatten bloß fünfzehn überlebt, und fünf davon (einschließlich Mr. Mackenzie) waren verwundet, davon zwei tödlich. Von denen, die den Eingang gehalten hatten, waren nur Curtis und der Zulu übriggeblieben. Good hatte fünf Mann verloren, ich zwei, und Mackenzie nicht weniger als fünf von den sechsen, die in seiner Gruppe gewesen waren. Diejenigen, die überlebt hatten, waren mit Ausnahme meiner Person
    - ich selbst war nie im dichten Kampfgetümmel gewesen - von Kopf bis Fuß mit Blut beschmiert - Sir Henrys Panzerhemd hätte glatt rot gefärbt sein können - und völlig erschöpft; ausgenommen Umslopo-gaas, der, wie immer auf seine Axt gelehnt, mit grimmigem Gesicht auf einem kleinen Erdwall hinter einem Berg von Toten stand und wenig mitgenommen aussah, wenngleich die Haut über dem Loch in seinem Kopf heftig pulsierte.