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Der Graf von Sainte-Hermine

Der Graf von Sainte-Hermine

Аннотация

    Hector de Sainte-Hermine sitzt zwischen den Stühlen: Er hat geschworen, seine Familie zu rächen, die von der Französischen Revolution ausgelöscht wurde, doch irgendwie begeistert ihn dieser Napoleon Bonaparte auch, der Frankreich nun mit großem Enthusiasmus regiert. Seine Zerrissenheit führt ihn in die entlegensten Ecken der Welt, als Freibeuter, Abenteurer und schließlich als Waffengefährte Napoleons in die Schlacht von Trafalgar. Der letzte und unvollendete Roman von Alexandre Dumas wartet mit allem auf, was man vom Großmeister der Mantel-und-Degen-Geschichten erwartet: Rasante Kampfszenarien und romantisch-sehnsüchtigen Liebesgeschichten wechseln sich ab mit politischen und philosophischen Ausführungen. Erst 1990 wurde die Manuskripte des als Fortsetzungsroman angelegten Buchs entdeckt, der französische Forscher Claude Schopp puzzelte die Einzelteile zusammen. Er versah die Erzählung dann auch mit einem Anhang, der dem scheinbar auf ewig unvollendeten Roman doch noch ein würdiges Ende setzt. Spannender Lesestoff, der bald verfilmt werden dürfte - wahrscheinlich mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.

    Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.  


Der Graf von Sainte-Hermine

1
Joséphines Schulden

    »Da wären wir also in den Tuilerien«, sagte der Erste Konsul zu seinem Sekretär Bourrienne, als sie den Palast betraten, der die vorletzte Station Ludwigs XVI. zwischen Versailles und dem Schafott gewesen war. »Jetzt liegt es an uns, dort zu bleiben.«
    Diese schicksalsträchtigen Worte fielen gegen vier Uhr nachmittags am 30. Pluviôse des Jahres VIII, dem 19. Februar 1800.
    Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Einzug des Ersten Konsuls in den Tuilerienpalast beginnt unsere Geschichte, die sowohl mein Buch Les Blancs et les Bleus fortsetzt (dessen Ende, wie man sich erinnern wird, Pichegrus Flucht aus Sinnamary bildet) als auch meinen Roman Les Compagnons de Jéhu (den die Hinrichtung Ribiers, Jahiats, Valensolles’ und Sainte-Hermines beschließt).  

    General Bonaparte – damals noch General – ließen wir in dem Augenblick zurück, als er nach seinem Ägyptenfeldzug erstmals wieder französischen Boden betrat. Seit dem 24. Vendémiaire des Jahres VII (16. Oktober 1799) war er nicht untätig geblieben.
    Zuerst hatte er den 18. Brumaire inszeniert; diesen aufsehenerregenden Prozess gewann er zwar in erster Instanz, doch ein Berufungsverfahren durch die Nachwelt ist heute noch anhängig.
    Danach überschritt er die Alpen wie Hannibal oder Karl der Große.
    Dann gewann er mithilfe von Desaix und Kellermann zu guter Letzt die Schlacht von Marengo, die er eigentlich verloren hatte.
    Darauf schloss er den Frieden von Lunéville.
    Und schließlich führte er just an dem Tag, an dem er David im Tuilerienpalast die Büste des Brutus aufstellen ließ, die Anrede »Madame« wieder ein.
    Den Unbelehrbaren steht es frei, weiterhin Citoyen zu sagen, doch Citogenne sagen von nun an nur noch Rüpel und Bauernlümmel. Dass im Tuilerienpalast nur feine Leute verkehren, versteht sich von selbst.
    Wir befinden uns also am 30. Pluviôse des Jahres IX, anders gesagt: am 19. Februar 1801, im Tuilerienpalast, Wohnsitz des Ersten Konsuls Bonaparte.
    Wir wollen versuchen, der gegenwärtigen Generation, die bereits zwei Drittel eines Jahrhunderts von jener Epoche trennen, eine Vorstellung von diesem Kabinett zu vermitteln, in dem so viele Ereignisse ihren Anfang nahmen, und uns nach besten Kräften bemühen, mit der Feder das Porträt des sagenumwobenen Mannes zu zeichnen, der darauf sinnt, nicht allein Frankreich zu verändern, sondern die ganze Welt umzustürzen.  

    Das Kabinett war ein großes Zimmer, weiß gestrichen, mit vergoldeten Stukkaturen, und enthielt zwei Tische.
    Der eine – ausnehmend schön – war für den Ersten Konsul bestimmt, der mit dem Rücken zum Kamin daran zu sitzen pflegte, zu seiner Rechten das Fenster. Ebenfalls zu seiner Rechten hielt sich in einem Nebenraum Duroc auf, Bonapartes persönlicher Adjutant seit vier Jahren. Durch diesen Raum gelangte man in die Schreibstube, in der Landoire arbeitete, ein treuer Bediensteter, der das Vertrauen des Ersten Konsuls genoss, und in die Prachtgemächer mit Blick in den Hof.
    Wenn der Erste Konsul in seinem Sessel mit Löwenkopfornamenten, dessen rechte Lehne er so manches Mal mit dem Federmesser malträtiert, am Schreibtisch sitzt, hat er eine gewaltige Bibliothek vor Augen, von oben bis unten voller Kisten und Kartons.
    Ein wenig rechts von der Bibliothek befindet sich die zweite große Flügeltür des Kabinetts. Sie führt unmittelbar in ein Paradeschlafzimmer. Aus diesem Schlafzimmer gelangt man in den großen Empfangssalon, an dessen Decke Le Brun Ludwig XIV. im Galakostüm gemalt hat. Ein zweiter Maler von fraglos geringerem Können war so frech, die Perücke des großen Königs mit einer Kokarde in den Farben der Trikolore zu verzieren, was Bonaparte so belassen hat, damit er Besucher auf diese Ungehörigkeit hinweisen und selbstgefällig äußern kann, was für Dummköpfe die Mitglieder des Konvents doch gewesen seien.
    Gegenüber dem einzigen Fenster dieses großen Raumes, aus dem man in den Garten sieht, schließt sich ein Ankleideraum an, der zum Privatgemach des Konsuls führt und bei dem es sich um nichts Geringeres handelt als die persönliche Kapelle der Maria von Medici. Von dort gelangt man zu einer kleinen Treppe, die im Schlafzimmer Madame Bonapartes endet, das im Zwischengeschoss liegt.
    Wie Marie-Antoinette, der sie in mehr als einer Hinsicht ähnelte, verabscheute Joséphine die großen Prunkgemächer. Deshalb hatte sie sich im Tuilerienpalast eine kleine Zuflucht geschaffen, nicht unähnlich den Privaträumen Marie-Antoinettes in Versailles.
    Aus diesem Ankleideraum trat der Erste Konsul zu jener Zeit fast ausnahmslos, wenn er morgens sein Arbeitszimmer aufsuchte – fast ausnahmslos, denn hier, in den Tuilerien, ließ er sich zum ersten Mal ein eigenes Schlafzimmer einrichten, in das er sich zurückzog, wenn es zu spät wurde oder wenn Zwistigkeiten im Verlauf des Abends zu einem Disput und zu ehelichem Schmollen geführt hatten, Zwistigkeiten, wie sie sich, wenngleich noch selten, bemerkbar zu machen begannen.
    Der zweite, überaus bescheidene Schreibtisch stand nahe am Fenster. Der Sekretär, der dort arbeitete, blickte auf das dichte Laub der Kastanienbäume; wenn er die Spaziergänger im Garten sehen wollte, musste er sich von seinem Stuhl erheben. Er saß mit dem Rücken zum Profil des Ersten Konsuls, so dass es nur einer leichten Kopfbewegung bedurfte, wenn Bonaparte ihm ins Gesicht sehen wollte. Da Duroc sich nur selten in seinem Kabinett aufhielt, gab der Sekretär dort seine Audienzen.
    Dieser Sekretär ist Bourrienne.
    Die gewandtesten Maler und Bildhauer haben darin gewetteifert, Bonapartes und später Napoleons Züge auf die Leinwand zu bannen oder in Marmor zu meißeln. Doch die Menschen aus seiner nächsten Umgebung behaupten, es gebe kein Bildnis des Empereurs von vollkommener Ähnlichkeit, obwohl sie die Züge dieses außergewöhnlichen Menschen an Statuen und Porträts sehr wohl wiedererkennen.
    Zur Zeit seines Konsulats konnte man seinen auffälligen Schädel malen oder in Stein hauen, seine herrliche Stirn, seine an den Schläfen klebenden und auf die Schultern fallenden Haare, sein mageres, längliches, sonnenverbranntes Gesicht und den nachdenklichen Gesamteindruck, den er ausstrahlte.
    Zur Kaiserzeit konnte man einen Kopf abbilden, der wie eine antike Medaille aussah; man konnte auf die Wangen die krankhafte Blässe auftragen, die einen vorzeitigen Tod verhieß, die Haare ebenholzschwarz färben, um die Farblosigkeit der Wangen zu betonen, doch weder Meißel noch Palette verstanden es jemals, das rastlose Feuer seiner Augen oder den düsteren Ausdruck seines Blicks auszudrücken, wenn er sich auf etwas heftete.
    Dieser Blick gehorchte dem Willen des Mannes so geschwind wie ein Blitz. Im Zorn war kein Blick erschreckender, in der Güte kein Blick zärtlicher als der seine.
    Man hätte meinen können, für jeden der Gedanken, die in seinem Inneren aufeinanderfolgten, hätte er einen eigenen Gesichtsausdruck gehabt. Er war von kleinem Wuchs, kaum einen Meter und siebzig, doch Kléber, der ihn um einen Kopf überragte, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »General! Sie sind so groß wie der Größte!« Und wahrhaftig sah er aus, als wäre er einen Kopf größer als Kléber.
    Er hatte ausnehmend schöne Hände; darauf war er stolz, und er pflegte sie wie eine Frau. Beim Gespräch betrachtete er sie voller Selbstgefälligkeit; er zog stets nur den linken Handschuh an und ließ die Rechte unbekleidet unter dem Vorwand, jenen, denen er die Hand reichte, eine besondere Ehre zu erweisen, in Wahrheit jedoch, um sie zu betrachten und sich mit einem Batisttaschentuch die Nägel zu polieren.
    Monsieur de Turenne, zu dessen Obliegenheiten die Kleidung des Kaisers gehörte, ließ zuletzt nur noch linke Handschuhe für ihn anfertigen, wodurch er jährlich sechstausend Francs sparte.
    Ruhe war ihm unerträglich; sogar in seinen Privaträumen wanderte er auf und ab. Er beugte sich dabei leicht vor, als drücke das Gewicht der Gedanken sein Haupt nieder, und hielt die Hände auf dem Rücken gefaltet, ohne zu posieren. Versunken in die Gedanken, denen er sich bei diesen Spaziergängen überließ, zuckte er oft unwillkürlich mit der rechten Schulter und verzog den Mund.
    Diese nervösen Tics, eine harmlose Marotte, wurden von manchen für krankhafte Zuckungen gehalten, denn es ging das Gerücht, Bonaparte leide an epileptischen Anfällen.
    Das Baden war ihm eine regelrechte Leidenschaft: Er verbrachte zwei bis drei Stunden in der Wanne, ließ sich dort die Zeitungen vorlesen und Pamphlete, die ihm die Polizei gemeldet hatte. Wenn er in der Wanne saß, ließ er ununterbrochen heißes Wasser nach, ohne sich darum zu scheren, ob die Wanne überfloss. Wenn Bourrienne es vor lauter feuchtem Wasserdampf nicht mehr aushielt, bat er darum, das Fenster öffnen zu lassen oder sich zurückziehen zu dürfen. Im Allgemeinen wurde seiner Bitte stattgegeben.
    Unabhängig von allen betreffenden Gerüchten schlief Bonaparte gern; oft genug sagte er klagend zu seinem Sekretär, der ihn um sieben Uhr weckte: »Ach! Lassen Sie mich noch einen Augenblick schlafen!« Und er sagte: »Betreten Sie mein Schlafzimmer nachts so selten wie möglich; wecken Sie mich nie einer guten Nachricht wegen – gute Nachrichten sind nicht eilig; aber wecken Sie mich auf der Stelle, wenn es eine schlechte Nachricht gibt, denn dann darf man keine Zeit verlieren.«
    Sobald Bonaparte aufgestanden war, rasierte und frisierte ihn sein Kammerdiener Constant. Während der Rasur las Bourrienne ihm die Zeitungen vor, wobei der Moniteur stets den Anfang machte; Aufmerksamkeit schenkte Bonaparte ohnedies nur englischen und deutschen Blättern. Wenn Bourrienne den Namen einer der zehn oder zwölf französischen Zeitungen jener Zeit nannte, sagte er: »Weiter, weiter, die drucken nur das, was ich ihnen erlaube.«
    Wenn Bonaparte angekleidet war, begab er sich mit Bourrienne in sein Kabinett. Dort lagen die Briefe des Tages zum Lesen und die Berichte des Vortags zum Abzeichnen. Er las und gab an, welche Antworten er wünschte, und danach zeichnete er die Berichte ab.
    Um Punkt zehn Uhr wurde die Tür geöffnet, und der Diener verkündete: »Es ist angerichtet für den Herrn General!«
    Das schlichte Frühstück bestand aus drei Gängen und einem Dessert. Einer der Gänge war fast immer ein Hühnergericht mit Olivenöl und Zwiebeln, ähnlich dem Gericht, das man Bonaparte zum ersten Mal am Morgen der Schlacht von Marengo serviert hatte und das seither »Hühnchen Marengo« heißt.
    Bonaparte trank wenig Wein, ausschließlich Bordeaux und Burgunder, und nach dem Frühstück und dem Diner nahm er eine Tasse Kaffee.
    Wenn er nachts länger als üblich arbeitete, brachte man ihm gegen Mitternacht eine Tasse Schokolade.
    Schon früh am Tag schnupfte er Tabak, beschränkte sich allerdings auf drei oder vier Prisen täglich, kleine Prisen aus sehr eleganten goldenen oder emaillierten Tabaksdosen.  

    An besagtem Tag war Bourrienne wie gewöhnlich um halb sieben in sein Kabinett gekommen, hatte die Briefe geöffnet und auf dem großen Schreibtisch angeordnet, die wichtigsten zuunterst, damit Bonaparte sie als letzte las und sie ihm im Gedächtnis haften blieben.
    Dann, als die Wanduhr sieben Uhr schlug, sagte er sich, dass es Zeit sei, den General zu wecken.
    Zu seinem großen Erstaunen hatte er jedoch Madame Bonaparte allein im Bett und in Tränen aufgelöst vorgefunden.
    Es muss kaum eigens gesagt werden, dass Bourrienne einen Schlüssel zu Bonapartes Schlafgemach besaß und den Raum zu jeder Tages- oder Nachtzeit aufsuchen konnte.
    Als er Joséphine allein und in Tränen vorfand, wollte er sich zurückziehen. Joséphine aber, die Bourrienne gernhatte und wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte, winkte ihn her und bat ihn, sich zu setzen.
    Besorgt trat er näher.
    »Madame«, sagte er, »ist dem Ersten Konsul vielleicht etwas zugestoßen?«
    »Nein, Bourrienne, nein«, erwiderte Joséphine. »Es geht um mich, nicht um ihn...«
    »Und worum, Madame?«
    »Ach, mein lieber Bourrienne! Ich bin so unglücklich!«
    Bourrienne konnte sich das Lachen nicht verbeißen. »Ich wette, ich weiß, worum es geht«, sagte er.
    »Meine Lieferanten...«, stammelte Joséphine.
    »Weigern sich, Sie weiterhin zu beliefern?«
    »Ach! Wenn es weiter nichts wäre!«
    »Sie sind doch nicht etwa so unverschämt zu erwarten, dass man sie bezahlt?«, fragte Bourrienne lachend.
    »Sie drohen mir, mich gerichtlich zu verfolgen! Stellen Sie sich meine Ratlosigkeit vor, mein lieber Bourrienne, wenn Bonaparte eine gerichtliche Zahlungsaufforderung in die Hände fiele!«
    »Das würden sie nie und nimmer wagen!«
    »Ich weiß es leider besser.«
    »Das kann ich nicht glauben.«
    »Sehen Sie selbst!« Und Joséphine holte unter ihrem Kissen ein Blatt Papier mit dem Briefkopf der Republik hervor.
    Es war eine gerichtliche Zahlungsaufforderung an den Ersten Konsul über den Betrag von vierzigtausend Francs, zahlbar für Handschuhe, geliefert an seine Ehefrau Madame Bonaparte.
    Der Zufall hatte die Mahnung von ihrem Empfänger abgelenkt und der Ehefrau in die Hand gespielt. Sie war im Namen einer Madame Giraud erhoben.
    »Zum Teufel!«, sagte Bourrienne. »Damit ist nicht zu spaßen! Haben Sie Ihrem gesamten Hofstaat erlaubt, sich bei dieser Dame auszustatten?«
    »Nein, mein lieber Bourrienne. Diese Handschuhe für vierzigtausend Francs waren nur für mich.«
    »Nur für Sie?«
    »Ja.«
    »Aber dann haben Sie seit zehn Jahren keine Rechnungen mehr bezahlt, oder?«
    »Ich habe mich mit meinen Lieferanten geeinigt und sie alle am ersten Januar des vergangenen Jahres bezahlt, alles in allem an die dreihunderttausend Francs. Und weil ich mich so gut an Bonapartes Zornesausbruch damals erinnere, mache ich mir heute so große Sorgen.«
    »Und seit dem ersten Januar vergangenen Jahres haben Sie Handschuhe für vierzigtausend Francs benötigt?«
    »So scheint es zu sein, Bourrienne, wenn man diesen Betrag von mir verlangt.«
    »Hm! Und was soll ich jetzt tun?«
    »Wenn Bonaparte heute Morgen gute Laune hat, dann wünschte ich, Sie könnten diskret die Situation andeuten.«
    »Warum ist er eigentlich nicht bei Ihnen? Hat es Streit zwischen Ihnen gegeben?«, fragte Bourrienne.
    »Nein, ganz und gar nicht. Gestern Abend ging er in bester Laune mit Duroc aus, um die Stimmung der Pariser zu taxieren, wie er es nennt. Er wird spät zurückgekommen sein, und um mich nicht zu wecken, hat er in seinem Junggesellenzimmer geschlafen.«
    »Und wenn er gute Laune hat und ich Ihre Schulden anspreche und er mich fragt, auf welche Höhe sie sich belaufen, was sage ich ihm dann?«
    »Ach! Bourrienne!« Joséphine versteckte den Kopf unter der Bettdecke.
    »Der Betrag ist also erschreckend hoch?«
    »Entsetzlich hoch.«
    »Und wie viel ist es?«
    »Ich wage es Ihnen nicht zu sagen.«
    »Dreihunderttausend Francs?«
    Joséphine seufzte.
    »Sechshunderttausend?«
    Ein erneuter Seufzer Joséphines, ausdrücklicher als zuvor.
    »Ich muss gestehen, dass Sie mir Angst machen«, sagte Bourrienne.
    »Ich habe die ganze Nacht gerechnet, mit meiner Freundin Madame Hulot, die sich hervorragend darauf versteht, denn wie Sie wissen, lieber Bourrienne, verstehe ich von der Rechenkunst überhaupt nichts.«
    »Und Sie schulden?«
    »Mehr als zwölfhunderttausend Francs.«
    Bourrienne zuckte unwillkürlich zurück. »Sie haben recht«, sagte er, diesmal ohne zu lachen, »der Erste Konsul wird vor Zorn außer sich sein.«
    »Wir sagen ihm einfach nur die Hälfte«, sagte Joséphine.
    »Ganz schlecht«, sagte Bourrienne und schüttelte den Kopf. »Sagen Sie ihm alles, wenn Sie es schon ansprechen, das rate ich Ihnen.«
    »Nein, Bourrienne, nein, niemals!«
    »Aber wie wollen Sie die zweiten sechshunderttausend Francs aufbringen?«
    »Ach! Als Erstes mache ich nie wieder Schulden, denn das macht einen wirklich zu unglücklich.«
    »Und die sechshunderttausend Francs?«, wiederholte Bourrienne.
    »Ich werde sie nach und nach mit meinen Ersparnissen abtragen.«
    »Sie irren sich. Der Erste Konsul, der auf die gewaltige Summe von sechshunderttausend Francs nicht gefasst ist, wird sich über zwölfhunderttausend Francs nicht mehr aufregen als über sechshunderttausend, ganz im Gegenteil: Je heftiger der Schlag, desto betäubter wird er sein. Er wird Ihnen die zwölfhunderttausend Francs geben, und Sie sind Ihrer Sorgen ledig.«
    »Nein, nein«, rief Joséphine, »versuchen Sie mich nicht zu überreden, Bourrienne. Ich kenne ihn, er würde in einen fürchterlichen Zorn geraten, und ich kann es nicht ertragen, wenn er tobt und wütet.«
    Im selben Augenblick ertönte die Klingel, mit der Bonaparte den Büroschreiber rief, zweifellos um zu erfahren, wo sich Bourrienne befand.
    »Hören Sie?«, sagte Joséphine. »Er ist schon in seinem Arbeitszimmer. Gehen Sie schnell zu ihm, wenn er gute Laune hat – Sie wissen schon...«
    »Zwölfhunderttausend Francs, richtig?«, fragte Bourrienne.
    »Nein, sechshunderttausend Francs, um Gottes willen, keinen Sou mehr!«
    »Sind Sie ganz sicher?«
    »Ich flehe Sie an!«
    »Wohlan.«
    Und Bourrienne eilte die kleine Treppe empor, die in das Kabinett des Ersten Konsuls führte.

2
Wie es dazu kam, dass die Freie und Hansestadt Hamburg Joséphines Schulden bezahlte

    Als Bourrienne in das große Kabinett zurückkehrte, sah er den Ersten Konsul neben seinem Schreibtisch die Morgenpost lesen, die Bourrienne bereits geöffnet und vorbereitet hatte.
    Bonaparte trug die Uniform eines Divisionsgenerals der Republik: blauer Rock ohne Epauletten mit einem einzelnen umlaufenden goldenen Lorbeerzweig, hirschlederne Kniehose, rote Weste mit breiten Aufschlägen und Stulpenstiefel.
    Als er das Geräusch der Schritte seines Sekretärs vernahm, drehte er sich halb um. »Ah, Bourrienne, Sie sind es«, sagte er. »Ich habe nach Landoire geklingelt, damit er Sie ruft.«
    »Ich war zu Madame Bonaparte gegangen, weil ich Sie dort wähnte, General.«
    »Nein, ich habe im Paradeschlafzimmer übernachtet.«
    »Hoho!«, sagte Bourrienne. »Im Bett der Bourbonen!«
    »Meiner Treu, ja.«
    »Und wie haben Sie darin geschlafen?«
    »Schlecht; zum Beweis bin ich hier, ohne dass Sie mich wecken mussten. Das ist alles viel zu weich für mich.«
    »Haben Sie die drei Briefe gelesen, die ich für Sie beiseitegelegt habe, General?«
    »Ja, die Witwe eines Feldwebels der konsularischen Garde, der bei Marengo gefallen ist, bittet mich, die Patenschaft ihres Kindes zu übernehmen.«
    »Was soll ich ihr antworten?«
    »Dass ich annehme. Duroc wird mich vertreten; das Kind wird Napoléon heißen, und die Mutter erhält eine Leibrente von fünfhundert Francs, übertragbar auf ihren Sohn.«
    »Und der, die im Glauben an Ihr Glück drei Zahlen für die Lotterie von Ihnen genannt haben will?«
    »Das ist eine Verrückte; aber da sie auf meinen Stern vertraut und davon überzeugt ist zu gewinnen, wenn ich ihr die drei Zahlen nenne, obwohl sie noch nie gewonnen hat, werden Sie ihr antworten, dass man nur an den Tagen in der Lotterie gewinnt, an denen man nicht spielt, und der Beweis besteht darin, dass sie an keinem der Tage, an denen sie gespielt hat, in der Lotterie gewonnen hat, dafür aber an dem Tag, an dem sie vergaß zu spielen, und zwar dreihundert Francs.«
    »Ich schicke ihr also dreihundert Francs?«
    »Ja.«
    »Und der letzte Brief, General?«
    »Ich begann ihn zu lesen, als Sie eintraten.«
    »Lesen Sie weiter, er wird Sie interessieren.«
    »Lesen Sie ihn mir vor; die Schrift ist zittrig und ermüdet mein Auge.«
    Bourrienne ergriff lächelnd den Brief.
    »Ich weiß, warum Sie lachen«, sagte Bonaparte.
    »Oh, das glaube ich nicht, General«, erwiderte Bourrienne.
    »Sie denken sich, dass jemand, der meine Schrift entziffern kann, jede Schrift lesen kann, sogar die von Katzen und Staatsanwälten.«
    »Meiner Treu, da haben Sie recht.«
    Bourrienne begann:

    Jersey, 26. Februar 1801
    General, ich hoffe, Sie nach der Rückkehr von Ihren weiten Reisen in Ihrem Alltag stören zu dürfen, ohne Ihnen lästig zu fallen, und mich Ihnen in Erinnerung zu bringen. Es wird Sie wohl überraschen, welch unbedeutende Sache Gegenstand des Briefes ist, den Ihnen zu schreiben ich die Ehre habe. Sie werden sich erinnern, General, dass Ihr Herr Vater seinerzeit, als er sich genötigt sah, Ihre Brüder aus der Schule in Autun zu nehmen, und Sie bei dieser Gelegenheit in Brienne besuchte, kein Bargeld bei sich hatte. Er bat mich um fünfundzwanzig Louisdor, die ich ihm bereitwillig lieh; nach seiner Rückkehr hatte er keine Gelegenheit, sie mir zurückzugeben, und als ich Ajaccio verließ, bot mir Ihre gnädige Frau Mutter an, Silbergeschirr zu versetzen, um mir das Geld zu geben. Dieses Angebot lehnte ich ab und sagte zu ihr, wenn sie sich in der Lage sehe, es zu erstatten, würde ich den Schuldschein Ihres Vaters Monsieur Souires überlassen, so dass sie es nach eigenem Ermessen regeln könne. Ich nehme an, dass ihr dies noch nicht möglich erschien, als die Revolution kam.
    Sie werden es vielleicht befremdlich finden, General, dass ich Sie um eines so geringen Geldbetrags wegen in Ihrer Tätigkeit zu stören wage, doch meine Lebensumstände sind hart, und dieser kleine Geldbetrag ist für mich ein großer Betrag geworden. Aus meinem Vaterland vertrieben, gezwungen, auf dieser Insel Zuflucht zu suchen, die mir verhasst ist, wo alles so kostspielig ist, dass man reich sein muss, um dort zu leben, empfände ich es als große Wohltat von Ihnen, wenn Sie mir diesen kleinen Betrag anweisen ließen, der mir in früheren Zeiten gleichgültig gewesen wäre.

    Bonaparte nickte zustimmend. Bourrienne sah die Kopfbewegung.
    »Sie erinnern sich an diesen wackeren Mann, General?«, fragte er.
    »Gewiss«, sagte Bonaparte, »so gut, als wäre es gestern gewesen: Der Betrag wurde in meiner Gegenwart in Brienne abgezählt; er heißt Durosel, wenn ich mich nicht täusche.«
    Bourrienne warf einen Blick auf die Unterschrift.
    »In der Tat«, sagte er, »doch er hat einen zweiten Namen, der berühmter ist als der erste.«
    »Und wie lautet er?«
    »Durosel Beaumanoir.«
    »Wir müssen herausfinden, ob er zu den bretonischen Beaumanoirs gehört; das ist ein Name, auf den man stolz sein kann.«
    »Soll ich fortfahren?«
    »Selbstverständlich.«
    Bourrienne fuhr fort:

    Sie werden verstehen, General, dass es einen Sechsundachtzigjährigen, der seinem Vaterland nahezu sechzig Jahre lang ohne Unterbrechung gedient hat, schwer ankommt, dass man ihm überall die Tür weist und er in Jersey Zuflucht suchen muss, um dort mit den spärlichen Mitteln sein Leben zu fristen, welche die Regierung den französischen Emigranten zur Verfügung stellt.
    Ich sage: französische Emigranten, weil man mich gezwungen hat zu emigrieren; nicht im Traum wäre ich darauf verfallen, und ich habe mir kein anderes Vergehen vorzuwerfen als das, der dienstälteste General des Kantons und mit dem großen Ludwigskreuz ausgezeichnet gewesen zu sein.
    Eines Abends wollte man mich ermorden; die Tür wurde eingetreten, doch durch das Geschrei meiner Nachbarn gewarnt, hatte ich gerade genug Zeit zu fliehen, ohne mehr mitzunehmen als das, was ich am Leibe trug. Da ich erkannte, dass es lebensgefährlich wäre, in Frankreich zu bleiben, ließ ich alles, was ich besaß, zurück, Vermögen wie Möbel, und da ich in meinem Vaterland nicht mehr sicher war, kam ich hierher zu meinem älteren Bruder, einem Deportierten, der kindisch geworden ist und den ich um nichts in der Welt im Stich lassen würde. Meiner achtzigjährigen Schwägerin hat man das Leibgedinge, das ich ihr aus meinem Besitz zukommen ließ, unter dem Vorwand vorenthalten, mein Besitz sei beschlagnahmt, was bedeutet, dass ich bankrott sterben werde, wenn kein Wunder geschieht, was ich sehr bezweifle.
    Ich muss gestehen, General, dass ich mich auf den neuen Stil nicht verstehe, doch im alten Stil verbleibe ich als
    Ihr ergebener Diener
    DUROSEL BEAUMANOIR

    »Wohlan! General, was sagen Sie?«
    »Ich sage«, erwiderte der Erste Konsul mit leicht belegter Stimme, »dass es mich zutiefst erschüttert, dergleichen zu erfahren. Diese Schuld ist eine heilige Schuld, Bourrienne. Schreiben Sie General Durosel, ich werde den Brief unterzeichnen. Sie werden ihm zehntausend Francs schicken, bis wir mehr für ihn tun können, denn das bin ich diesem Mann schuldig, der meinem Vater geholfen hat; ich werde mich um ihn kümmern... Aber apropos Schulden, Bourrienne: Ich muss mit Ihnen über eine ernste Sache sprechen.«
    Bonaparte setzte sich; seine Stirn verfinsterte sich.
    Bourrienne blieb neben ihm stehen.
    »Ich muss mit Ihnen über Joséphines Schulden sprechen.«
    Bourrienne fuhr zusammen. »Sehr wohl«, sagte er. »Und wer hat Ihnen dazu geraten?«
    »Die Stimme des Volkes.«
    Bourrienne verbeugte sich, als verstehe er nicht ganz, wage aber nicht nachzufragen.
    »Stell dir vor, Bourrienne« (wenn Bonaparte erregt war, kam es vor, dass er sich vergaß und seinen alten Kameraden duzte), »stell dir vor, ich habe mich mit Duroc unter die Leute gemischt, um zu hören, was geredet wird.«
    »Und haben Sie viel Schlechtes über den Ersten Konsul zu hören bekommen?«
    »Tatsächlich«, sagte Bonaparte lachend, »hätte ich fast Prügel bezogen, weil ich Schlechtes über ihn gesagt habe; ohne Duroc und die Hiebe, die er mit seinem Knüppel verteilt hat, wären wir wahrscheinlich festgenommen und der Polizeiwache von Château-d’Eau vorgeführt worden.«
    »Aber das erklärt nicht, wie mitten unter den Lobreden auf den Ersten Konsul die Rede auf die Schulden Madame Bonapartes gekommen sein kann.«
    »Mitten unter den Lobreden auf den Ersten Konsul wurden sehr wenig schmeichelhafte Dinge über seine Frau geäußert. Es hieß, Madame Bonaparte ruiniere ihren Mann mit ihren Toiletten, sie mache überall Schulden, das unscheinbarste ihrer Kleider koste hundert Louisdors und der schlichteste ihrer Hüte zweihundert Francs. Ich glaube kein Wort davon, Bourrienne, das weißt du; aber kein Rauch ohne Feuer. Letztes Jahr habe ich Schulden von dreihunderttausend Francs beglichen. Man hat sich darauf berufen, dass ich aus Ägypten kein Geld geschickt hatte. Schön und gut. Aber das hier ist eine andere Sache. Joséphine erhält von mir sechstausend Francs im Monat für ihre Toilette, und ich erwarte, dass sie damit auskommt. Mit übler Nachrede dieser Art wurde die arme Marie-Antoinette dem Volk verhasst gemacht. Du musst Joséphine zur Rede stellen, Bourrienne, und Ordnung in diese Geschichte bringen.«
    »Sie können sich nicht vorstellen«, erwiderte Bourrienne, »wie froh ich bin, dass Sie von sich aus dieses Thema zur Sprache bringen. Heute Morgen, als Sie mich bereits ungeduldig erwarteten, bat mich Madame Bonaparte genau darum, mit Ihnen über die missliche Lage zu sprechen, in der sie sich befindet.«
    »Missliche Lage, Bourrienne! Was verstehen Sie darunter?«, fragte Bonaparte, der seinen Sekretär jetzt nicht mehr duzte.
    »Ich verstehe darunter, dass ihr das Leben schwer gemacht wird.«
    »Und durch wen?«
    »Durch ihre Gläubiger.«
    »Ihre Gläubiger! Ich dachte, ich hätte sie von ihren Gläubigern befreit.«
    »Vor einem Jahr, ja.«
    »Nun?«
    »Nun, die Situation hat sich im Verlauf dieses Jahres grundlegend geändert. Vor einem Jahr war sie die Ehefrau des Generals Bonaparte, heute ist sie die Ehefrau des Ersten Konsuls.«
    »Bourrienne, damit muss ein für alle Mal Schluss sein. Ich will nie wieder solche Dinge zu hören bekommen.«
    »Das ist ganz meine Meinung, General.«
    »Es darf kein anderer als Sie damit befasst sein, all diese Schulden zu bezahlen.«
    »Ich könnte mir nichts Besseres wünschen. Geben Sie mir die erforderlichen Mittel, und die Sache wird im Handumdrehen erledigt sein, dafür lege ich die Hand ins Feuer.«
    »Wie viel benötigen Sie?«
    »Wie viel ich benötige? Nun, ja, hm...«
    »Nun?«
    »Nun! Das ist genau das, was Madame Bonaparte Ihnen nicht zu sagen wagt.«
    »Wie! Was sie mir nicht zu sagen wagt? Und du?«
    »Ich genauso wenig, General.«
    »Du auch nicht! Dann muss es bodenlos sein!«
    Bourrienne seufzte hörbar.
    »Alles in allem«, fuhr Bonaparte fort, »wenn ich letztes Jahr die Schulden bezahlt habe und dir jetzt dreihunderttausend Francs gebe...«
    Bourrienne schwieg. Bonaparte betrachtete ihn beunruhigt.
    »Sag endlich etwas, du Dummkopf!«
    »Nun denn! Mit dreihunderttausend Francs, General, geben Sie mir nur die Hälfte des geschuldeten Betrags.«
    »Die Hälfte!«, rief Bonaparte und erhob sich. »Sechshunderttausend Francs! Sie muss – sechshunderttausend Francs?«
    Bourrienne nickte zustimmend.
    »Hat sie Ihnen diesen Betrag gestanden?«
    »Ja, General.«
    »Und wie soll ich diese sechshunderttausend Francs aufbringen? Vielleicht aus den fünfhunderttausend Francs, die ich als Konsul verdiene?«
    »Nun ja, sie vermutet sicherlich, dass Sie hie und da ein paar hunderttausend Francs zurückgelegt haben.«
    »Sechshunderttausend Francs!«, wiederholte Bonaparte. »Und zur gleichen Zeit, in der meine Frau sechshunderttausend Francs für ihre Toilette ausgibt, gebe ich der Witwe und den Waisen tapferer Soldaten, die vor den Pyramiden und bei Marengo fielen, hundert Francs Rente! Und so viel kann ich noch nicht einmal allen von ihnen geben! Ein ganzes Jahr lang müssen sie von diesen hundert Francs leben, während Madame Bonaparte Kleider für hundert und Hüte für fünfundzwanzig Louisdor trägt. Sie haben sich sicher verhört, Bourrienne, es können nicht sechshunderttausend Francs sein.«
    »Ich habe mich nicht verhört, General, und Madame Bonaparte ist sich erst gestern über ihre Lage klar geworden, als sie eine Rechnung über vierzigtausend Francs für Handschuhe erhielt.«
    »Was sagen Sie da?«, rief Bonaparte.
    »Ich sagte, vierzigtausend Francs für Handschuhe, General. Was sollen wir tun? So ist es nun einmal. Sie hat gestern Abend mit Madame Hulot ihre Rechnungen nachgezählt. Die ganze Nacht über hat sie geweint, und heute Morgen habe ich sie in Tränen aufgelöst vorgefunden.«
    »Bah! Soll sie nur weinen! Soll sie weinen vor Scham oder besser noch vor Gewissensbissen! Vierzigtausend Francs für Handschuhe! In welchem Zeitraum?«
    »In einem Jahr«, erwiderte Bourrienne.
    »In einem Jahr! Der Lebensunterhalt von vierzig Familien! Bourrienne, ich will alle Unterlagen sehen.«
    »Wann?«
    »Auf der Stelle. Es ist acht Uhr, Cadoudal hat um neun Uhr Audienz, ich habe genug Zeit. Auf der Stelle, Bourrienne, auf der Stelle!«
    »Sie haben recht, General, bringen wir es zu Ende, wenn wir schon dabei sind.«
    »Holen Sie mir die Rechnungen, und zwar alle, ohne Ausnahme; wir werden sie gemeinsam durchsehen.«
    »Unverzüglich, General.«
    Und Bourrienne lief die Treppe hinunter, die zu Madame Bonaparte führte.
    Wieder allein, ging der Erste Konsul mit großen Schritten auf und ab, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und überließ sich dem nervösen Zucken von Schulter und Mund, während er murmelte: »Ich hätte bedenken sollen, was Junot mir bei den Quellen von Messoudia gesagt hat, ich hätte auf meine Brüder Joseph und Lucien hören sollen, die mir geraten haben, sie nach meiner Rückkehr nicht wiederzusehen. Aber wie soll man Hortense und Eugène widerstehen! Die lieben Kinder! Sie haben mich zu ihr zurückgeführt!
    Oh, die Scheidung! In Frankreich könnte ich sie erlangen und mich von dieser Frau befreien, die mir kein Kind gebiert und mich ruiniert!«
    »Nun gut«, sagte Bourrienne, der eben zurückkam, »sechshundertausend Francs werden Sie nicht in den Ruin stürzen, und Madame Bonaparte ist noch jung genug, um Ihnen einen Knaben zu schenken, der in vierzig Jahren Ihre Nachfolge als Konsul auf Lebenszeit antreten wird.«
    »Du warst schon immer auf ihrer Seite, Bourrienne!«, sagte Bonaparte und zwickte seinen Sekretär schmerzhaft ins Ohr.
    »Ich kann es nicht ändern, General, ich bin immer auf der Seite der Schönen, Guten und Schwachen.«
    Mit unverhohlenem Zorn ergriff Bonaparte den Armvoll Papiere, die Bourrienne mitbrachte, und zerknüllte die Blätter wutentbrannt. Dann hielt er eine Rechnung aufs Geratewohl hoch und las vor: »Achtunddreißig Hüte... in einem Monat! Setzt sie etwa jeden Tag zwei Hüte auf? Reiherfedern für eintausendachthundert Francs! Und Federbüsche für achthundert Francs!«, woraufhin er die Rechnung hinwarf und sich eine andere vornahm: »Parfumeriehandlung Mademoiselle Martin; dreitausendunddreihundert Francs für Rouge, davon eintausendsiebenhundertneunundvierzig Francs allein im Monat Juni. Rouge für hundert Francs der Tiegel! Merken Sie sich diesen Namen, Bourrienne, dieses liederliche Frauenzimmer namens Mademoiselle Martin gehört nach Saint-Lazare expediert, haben Sie mich gehört?«
    »Ja, General.«
    »Aha, jetzt kommen die Kleider! Monsieur Leroy... Früher hatte man Schneiderinnen, heute unterhält man Damenschneider, weil das offenbar moralischer ist. Hundertfünfzig Kleider jährlich; vierhunderttausend Francs für Kleider! Aber wenn das so weitergeht, bleibt es nicht bei sechshunderttaussend Francs, sondern wir werden in kürzester Zeit bei einer Million angelangt sein, bei zwölfhunderttausend Francs.«
    »Oh, General«, sagte Bourrienne schnell, »manche Rechnungen wurden bereits beglichen.«
    »Drei Kleider für fünftausend Francs!«
    »Ja«, sagte Bourienne, »aber es sind auch solche für fünfhundert Francs darunter.«
    »Machen Sie sich über mich lustig, Monsieur?«, fragte Bonaparte mit gerunzelter Stirn.
    »Nein, General, nach Scherzen ist mir nicht zumute, aber ich sage Ihnen, dass es Ihrer nicht würdig ist, einer solchen Bagatelle wegen in Rage zu geraten.«
    »Ludwig XVI. war immerhin König und ist wegen solcher Dinge in Rage geraten, obwohl er fünfundzwanzig Millionen Zivilliste bezog!«
    »General, Sie sind ein größerer König als Ludwig XVI. und werden es sein, wenn es Ihnen beliebt. Außerdem war Ludwig XVI. ein bedauernswerter Mann, das müssen Sie einräumen.«
    »Ein wackerer Mann, Monsieur.«
    »Ich frage mich, was der Erste Konsul davon halten würde, wenn die Leute ihn für einen wackeren Mann hielten.«
    »Wenn diese Kleider für fünftausend Francs wenigstens Gewänder wären wie die schönen Toiletten aus der Zeit Ludwigs XVI., mit Volants, mit Reifrock, mit Schößchen, für die man fünfzig Meter Stoff benötigte, das könnte ich ja noch verstehen, aber diese Kleider, die wie Säcke aussehen oder besser wie Regenschirme im Futteral!«
    »Der Mode muss man sich beugen, General.«
    »Ganz genau, und das versetzt mich so in Rage. Wir bezahlen nicht für den Stoff. Wenn es so wäre, dann profitierten wenigstens die Manufakturen davon; nein, wir bezahlen für den eleganten Schnitt eines Monsieur Leroy: fünfhundert Francs für Stoff und viertausendfünfhundert Francs für den Zuschnitt. Die Mode! Heutzutage muss man sechshunderttausend Francs auftreiben, um die Mode zu bezahlen.«
    »Haben wir denn nicht vier Millionen zur Hand?«
    »Vier Millionen! Wie kommen Sie darauf?«
    »Ich meine das Geld, das der Senat von Hamburg Ihnen dafür bezahlt hat, dass Sie die Auslieferung der beiden Iren ermöglichten, deren Leben Sie verschont haben.«
    »Ach ja, Napper-Tandy und Blackwall.«
    »Ich glaube, es sind sogar viereinhalb Millionen, die Ihnen der Senat unmittelbar und durch die Vermittlung des Monsieur Chapeau-Rouge ausgezahlt hat.«
    »Meiner Treu«, sagte Bonaparte, der lachen musste, weil die Erinnerung an den Streich, den er der Freien und Hansestadt gespielt hatte, ihn in gute Laune versetzte, »ich weiß nicht, ob ich mit meinem Handeln nicht ein bisschen weit gegangen bin, aber ich kam gerade aus Ägypten zurück und habe die Hamburger so behandelt, wie ich es mir den Paschas gegenüber angewöhnt hatte.«
    In diesem Augenblick schlug es neun Uhr.
    Die Tür wurde geöffnet, und Rapp, der Dienst hatte, meldete, dass Cadoudal und seine zwei Aides de Camp im Audienzsaal warteten.
    »Wohlan, einverstanden«, sagte Bonaparte zu Bourrienne, »nehmen Sie sechshunderttausend Francs aus diesem Topf und sehen Sie zu, dass ich nie wieder von dieser Sache zu hören bekomme!«
    Und Bonaparte verließ das Zimmer, um dem bretonischen General Audienz zu gewähren.
    Kaum war die Tür geschlossen, klingelte Bourrienne; Landoire erschien sofort.
    »Sagen Sie Madame Bonaparte, dass ich eine gute Nachricht für sie habe, sie aber bitten muss, mich aufzusuchen, weil ich mein Kabinett nicht verlassen kann, da ich dort allein bin, haben Sie mich verstanden, Landoire? Da ich dort allein bin.«
    Auf die Worte hin, dass es sich um eine gute Nachricht handele, eilte Landoire zur Treppe.
    Jedermann liebte Joséphine abgöttisch, Bonaparte nicht ausgenommen. 

3
Die Compagnons de Jéhu

    Es war nicht das erste Mal, dass Bonaparte versuchte, den berüchtigten Partisanen Cadoudal der Seite der Republik zuzuführen und an sich zu binden.
    Etwas, was ihm kurz nach der Rückkehr aus Ägypten widerfahren war und Folgen gezeitigt hatte, die wir nachstehend schildern werden, hatte sich seinem Gedächtnis nachdrücklich eingeprägt.
    Am 17. Vendémidiaire des Jahres VIII (9.Oktober 1799) war Bonaparte an Land gegangen, ohne sich vorher der Quarantäne unterzogen zu haben, obwohl er aus Alexandria kam.
    Unverzüglich hatten er und sein bevorzugter Aide de Camp Roland de Montrevel eine Postkutsche bestiegen und waren nach Paris aufgebrochen.
    Gegen vier Uhr nachmittags desselben Tages erreichten sie Avignon, machten fünfzig Schritte von der Porte d’Oulle entfernt halt, vor dem Palais de l’Égalité, das nach und nach wieder seinen früheren Namen Palais-Royal annahm, den es seit Beginn des 18. Jahrhunderts getragen hatte und heute noch trägt; Bonaparte stieg aus der Postkutsche in dem dringenden Bedürfnis, das zwischen vier und sechs Uhr nachmittags alle Sterblichen verspüren, dem Bedürfnis nach einer Mahlzeit, gut oder schlecht.
    Bonaparte unterschied sich von seinem Gefährten nur durch entschiedeneres Auftreten und größere Wortkargheit, doch der Gastwirt wandte sich sogleich an ihn mit der Frage, ob er allein zu speisen wünsche oder an der Wirtstafel.
    Bonaparte überlegte kurz; da die Nachricht von seiner Landung sich noch nicht im Land hatte verbreiten können, jedermann ihn noch in Ägypten wähnte und er und sein Gefährte mehr oder weniger die Kleidung jener Zeit trugen, war sein stets wacher Wunsch, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, stärker als seine Besorgnis, erkannt zu werden, und da ihm das Speisen an der Wirtstafel, an der soeben aufgetragen wurde, das Warten ersparen würde, erwiderte er, er wolle dort seine Mahlzeit einnehmen.
    Dann wandte er sich an den Postillon, der ihn gefahren hatte: »In einer Stunde sollen die Pferde bereit sein.«
    Der Gastwirt wies den Neuankömmlingen den Weg zur Wirtstafel; Bonaparte trat als Erster in den Speisesaal, Roland folgte ihm.
    Die zwei jungen Männer – Bonaparte war neunundzwanzig oder dreißig Jahre alt, Roland sechsundzwanzig – setzten sich an das Tischende, mit einem Abstand von drei oder vier Gedecken zu den anderen Essensgästen.
    Jeder, der gereist ist, weiß, welche Wirkung Neuankömmlinge auf eine Wirtstafel haben: Alle Blicke richten sich auf sie, sofort sind sie Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit.
    Die anderen Gäste waren Stammgäste des Gasthauses sowie einige Reisende, mit der Schnellpost auf dem Weg von Marseille nach Lyon, und ein Weinhändler aus Bordeaux, der sich aus Gründen in Avignon aufhielt, die man noch erfahren wird.
    Dass die Neuankömmlinge sich mit Bedacht abseits der anderen gesetzt hatten, steigerte deren Neugier nur umso mehr.
    Obwohl sie gleich gekleidet waren – Stulpenstiefel und Kniehose, Gehrock mit langen Schößen, Reisemantel und breitkrempiger Hut – und den Anschein der Gleichheit zu erwecken suchten, schien der als Zweiter Eingetretene seinem Gefährten eine Ehrerbietung entgegenzubringen, die der Altersunterschied nicht rechtfertigte, sondern die einen Rangunterschied zu verraten schien. Zudem nannte er ihn Citoyen, während der andere ihn einfach Roland nannte.
    Doch es geschah, was in solchen Fällen zu geschehen pflegt: Nach einer Minute ausgiebigen Beäugens der neuen Gäste wandte man den Blick von ihnen ab und widmete sich wieder den Gesprächen, die für einen Augenblick verstummt waren.
    Es ging um ein Thema, das für die Reisenden von größtem Interesse war: die thermidorianische Reaktion und die neu entfachten lebhaften Hoffnungen der Royalisten; ungeniert war die Rede von einer baldigen Wiedereinsetzung des Hauses Bourbon, was höchstens noch sechs Monate auf sich warten lassen konnte, da Bonaparte in Ägypten festgehalten wurde. Lyon, eine der Städte, die während der Revolution am meisten gelitten hatten, war wie selbstverständlich das Hauptquartier der Verschwörung.
    Eine wahre provisorische Regierung hatte sich gebildet, mit königlichem Rat, königlicher Verwaltung, königlichem Stab und königlichen Armeen.
    Um diese Armeen zu besolden und um den unablässigen Krieg in der Vendée und im Morbihan zu bezahlen, brauchte es allerdings Geld und noch mehr Geld. England gab Geld, aber knauserig; nur die Republik konnte den Sold für ihre Gegner aufbringen. Statt jedoch einen schäbigen Handel mit ihr anzustreben, auf den sie nie und nimmer eingegangen wäre, hatte der königliche Rat Räuberbanden aufgestellt, deren Aufgabe das Entwenden von Staatseinnahmen war und das Überfallen der Kutschen, in denen öffentliche Gelder transportiert wurden. Das Bürgerkriegsdenken mit seinen lockeren Moralbegriffen betrachtete das Plündern der Schnellkutsche des Schatzamts nicht als Diebstahl, sondern als kriegerische Operation, als Waffengang.
    Eine dieser Banden war auf der Straße von Lyon nach Marseille tätig, und als die Neuankömmlinge bei Tisch Platz genommen hatten, war gerade die Rede davon gewesen, dass sie eine Kutsche der Schnellpost mit sechzigtausend Francs Regierungsgeldern überfallen hatte. Dieser Überfall hatte sich am Abend zuvor zwischen Marseille und Avignon, zwischen Lambesc und Pont-Royal ereignet.
    Die Räuber, wenn man die edlen Erleichterer des Staatssäckels so nennen will, hatten vor dem Kutscher, dem sie eine Quittung über den Betrag ausgehändigt hatten, kein Hehl daraus gemacht, dass das Geld das Land sicherer überqueren würde, als sein Gefährt gewährleisten konnte, und dazu bestimmt war, die Armee Cadoudals in der Bretagne zu unterstützen.
    All das war neu, unerhört, ja schier unvorstellbar für Bonaparte und Roland, die Frankreich vor zwei Jahren verlassen hatten und sich nicht träumen ließen, welche unermessliche Korruption sich unter der väterlichen Regierung des Direktoriums in allen Gesellschaftsklassen breitgemacht hatte.
    Der Zwischenfall hatte sich auf der Straße ereignet, auf der auch sie gekommen waren, und derjenige, der davon berichtete, war selbst ein Hauptakteur dieses Überfalls durch Wegelagerer: der Weinhändler aus Bordeaux.
    Am neugierigsten auf Einzelheiten waren neben Bonaparte und seinem Begleiter, die sich mit Zuhören begnügten, die Reisenden der Schnellpost, die auf ihre Weiterreise warteten. Die anderen Gäste, die aus der näheren Umgebung stammten, waren mit solchen Katastrophen so wohlvertraut, dass sie jederzeit Einzelheiten hätten beisteuern können, statt davon zu hören. Der Weinhändler stand im Mittelpunkt der Neugier, und es muss gesagt werden, dass er sich seiner Rolle würdig erwies, denn er antwortete auf alle Fragen, die man ihm stellte, mit größter Liebenswürdigkeit.
    »Sie behaupten also, Citoyen«, sagte ein dicker Mann, an den sich blass und zitternd eine hagere Frau schmiegte, deren Knochen man fast klappern zu hören vermeinte, »dieser Raubüberfall habe auf der Straße stattgefunden, auf der wir herkamen!«
    »Ja, Citoyen. Ist Ihnen zwischen Lambesc und Pont-Royal eine Stelle aufgefallen, wo die Straße ansteigt und sich zwischen zwei Hügeln verengt, eine sehr steinige und felsige Stelle?«
    »O ja, mein Lieber«, fiel die Frau ein und drückte den Arm ihres Mannes, »das ist mir aufgefallen, und ich habe sogar gesagt, daran erinnerst du dich doch gewiss: Was für ein unguter Ort! Da komme ich lieber tagsüber vorbei als nachts.«
    »Aaah, Madaaame«, sagte ein junger Mann, der die lässige Aussprache der Zeit besonders affektiert praktizierte und der an der Wirtstafel offenbar den Ton angab, »wissen Sie denn nicht, dass es für die Herrschaften der Compagnons de Jéhu keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht gibt?«
    »Wahrhaftig«, stimmte der Weinhändler zu, »so ist es, denn man hat uns um zehn Uhr vormittags am helllichten Tag überfallen.«
    »Und wie viele waren es?«, fragte der Dicke.
    »Vier, Citoyen.«
    »Auf der Straße unterwegs?«
    »Nein, sie kamen zu Pferde, bis an die Zähne bewaffnet und maskiert.«
    »Das ist ihre Aaart, das ist ihre Aaart«, sagte der junge Mann affektiert. »Und dann haben sie sicher gesagt: Wehren Sie sich nicht, es wird Ihnen kein Haar gekrümmt; wir wollen nur das Geld der Regierung.«
    »Wort für Wort, Citoyen.«
    »Jaaa«, fuhr der verblüffend gut informierte Zeitgenosse fort. »Zwei sind abgestiegen, haben die Zügel ihrer Pferde ihren Kumpanen zugeworfen und den Kutscher aufgefordert, ihnen das Geld auszuhändigen.«
    »Citoyen«, sagte der Dicke staunend, »Sie erzählen das Ganze wahrhaftig so, als wären Sie dabei gewesen!«
    »Monsieur war vielleicht dabei«, sagte Roland.
    Der junge Mann bedachte den Offizier mit einem kampflüsternen Blick. »Citoyen«, sagte er, »ich weiß nicht, ob Sie beabsichtigten, unhöflich zu mir zu sein, doch das können wir nach dem Essen regeln. Jedenfalls kann ich Ihnen versichern, dass meine politischen Ansichten so beschaffen sind, dass ich Ihren Verdacht nicht als Beleidigung auffasse, solange er nicht als Beleidigung beabsichtigt gewesen sein sollte. Gestern Vormittag gegen zehn Uhr, just zu dem Zeitpunkt, als die Schnellpost vier Meilen von hier entfernt war, speiste ich hier, wie diese Herren Ihnen bestätigen können, und zwar zwischen den Herren, die links und rechts neben mir zu sitzen mir in diesem Augenblick die Ehre erweisen.«
    »Und wie viele Männer«, fragte Roland den Weinhändler, »waren Sie in der Kutsche?«
    »Wir waren sieben Männer und drei Frauen.«
    »Sieben Männer, ohne den Kutscher zu rechnen?«, wiederholte Roland.
    »Sehr wohl«, erwiderte der Mann aus Bordeaux.
    »Acht Männer haben sich von vier Banditen ausrauben lassen! Ich muss Ihnen gratulieren, Monsieur.«
    »Wir wussten, mit wem wir es zu tun hatten«, erwiderte der Weinhändler, »und wir hüteten uns, zur Waffe zu greifen.«
    »Warum das?«, fragte Roland. »Sie hatten es doch mit Strauchdieben zu tun, mit Galgenstricken, mit Straßenräubern.«
    »Aber keineswegs, denn sie haben sich ja ausgewiesen.«
    »Ausgewiesen?«
    »Sie haben gesagt: Wir sind keine Straßenräuber, wir sind Mitglieder der Compagnons de Jéhu. Jede Gegenwehr ist zwecklos, meine Herren; fürchten Sie sich nicht, meine Damen.«
    »So ist es«, sagte der junge Mann, der das große Wort an der Wirtstafel zu führen schien, »sie geben sich immer zu erkennen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt.«
    »Oho«, sagte Roland, indes Bonaparte schwieg, »was ist denn dieser Jéhu für ein Zeitgenosse, dass seine Gefährten so erlesene Umgangsformen haben? Ist er ihr Anführer?«
    »Monsieur«, sagte ein Mann, dessen Kleidung den ehemaligen Priester wittern ließ und der offenbar in Avignon wohnte und zu den Stammgästen der Wirtstafel gehörte, »wenn Sie in der Lektüre der Heiligen Schrift bewanderter wären, als Sie es allem Anschein nach sind, dann wüssten Sie, dass dieser Zeitgenosse namens Jéhu vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden das Zeitliche gesegnet hat und aus einleuchtenden Gründen heutzutage keine Schnellposten auf den Reisestraßen überfallen kann.«
    »Herr Abbé«, erwiderte Roland, »trotz Ihres verschnupften Tons machen Sie mir den Eindruck eines äußerst gebildeten Mannes, und deshalb bitte ich Sie, einem armen Unwissenden nähere Auskünfte über diesen Jéhu zu erteilen, der vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden gestorben ist und sich dennoch der Ehre erfreut, Gefährten zu besitzen, die sich mit seinem Namen schmücken.«
    »Monsieur«, fuhr der Geistliche im gleichen säuerlichen Ton fort wie zuvor, »Jéhu war ein König Israels, den Elisa salbte unter der Bedingung, dass Jéhu Ahab und seine Sippe ausrottete und Isebel erschlug und alle Priester Baals vernichtete.«
    »Herr Abbé«, sagte der junge Offizier lachend, »ich danke Ihnen für die Erläuterung. Ich bezweifle nicht, dass sie zutrifft und sicherlich überaus gelehrt ist, aber ich muss gestehen, ich bin um keinen Deut klüger als zuvor.«
    »Aaaber, Citoyen«, warf wieder der Stutzer ein, »begreifen Sie etwa nicht, dass Jéhu seine Majestät Ludwig XVIII. ist, auserwählt von Gott und gesalbt unter der Bedingung, dass er die Verbrechen der Republik bestraft und die Priester des Baal erschlägt, anders gesagt die Girondisten, Cordeliers, Jakobiner, Thermidorianer und alle Übrigen, die zu dem abscheulichen Zustand beigetragen haben, den man seit sieben Jahren die Revolution nennt?«
    »Aha!«, sagte Roland. »Ich beginne zu verstehen; aber zählen Sie zu jenen, die von den Compagnons de Jéhu ausgerottet werden sollen, auch die tapferen Soldaten, die Frankreichs Grenzen gegen die Mächte des Auslands verteidigt haben, und die herausragenden Generäle, die ihre Armeen in Tirol, im Departement Sambre-et-Meuse und in Italien angeführt haben?«
    »Aber sicherlich und mehr noch als alle anderen.«
    Rolands Augen sprühten Blitze, er blähte die Nasenflügel, presste die Lippen aufeinander und erhob sich von seinem Stuhl; doch sein Gefährte zog ihn am Rock, so dass er sich wieder setzen musste und das Wort »Schlingel«, das er seinem Gegenüber ins Gesicht schleudern wollte, nicht aussprach.
    Und derjenige, der soeben seine Macht über seinen Gefährten bewiesen hatte, ergriff mit ruhiger Stimme zum ersten Mal das Wort: »Citoyen, Sie müssen zwei Reisende entschuldigen, die vom anderen Ende der Welt kommen, fast wie aus Amerika oder Indien, die Frankreich seit zwei Jahren nicht gesehen haben und nichts von alldem wissen, was sich dort zugetragen hat, und die begierig darauf sind, es zu erfahren.«
    »Sagen Sie, was Sie wissen wollen«, sagte der junge Mann, der die Beleidigung, die auszusprechen Roland im Begriff gewesen war, offenbar nicht recht wahrgenommen hatte.
    »Ich dachte«, fuhr Bonaparte fort, »die Bourbonen hätten sich mit ihrem Exil abgefunden; ich dachte, die Polizei verhinderte, dass es Banditen oder Diebe auf den Straßen geben kann; und ich dachte, General Hoche hätte die Vendée befriedet.«
    »Aber woher kommen Sie denn? Woher nur?«, rief der junge Mann und begann zu lachen.
    »Ich sagte es doch, Citoyen, vom anderen Ende der Welt.«
    »Nun gut! Ich werde es Ihnen erklären: Die Bourbonen sind nicht reich; die Emigranten, deren Vermögen verkauft wurde, sind ruiniert. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, ohne Geld zwei Armeen im Westen zu unterhalten und in den Bergen der Auvergne eine dritte auf die Beine zu stellen. Nun, indem die Compagnons de Jéhu die Schnellpost überfallen und die Geldkassetten der Steuereintreiber plündern, erklären sie sich zu den Steuereinnehmern der royalistischen Generäle. Fragen Sie Charette, Cadoudal oder Teyssonnet.«
    »Aber«, warf der Weinhändler aus Bordeaux ängstlich ein, »wenn die Herren Compagnons de Jéhu es nur auf das Geld der Regierung abgesehen haben...«
    »Selbstverständlich nur auf das Geld der Regierung; sie haben noch nie einen Bürger ausgeraubt.«
    »Und wie kommt es dann«, fragte der Weinhändler etwas mutiger, »dass sie außer dem Geld der Regierung einen versiegelten Geldsack mit zweihundert Louisdor entwendet haben, der mir gehört?«
    »Mein werter Monsieur«, erwiderte der junge Mann, »ich sagte Ihnen, dass es sich um einen Irrtum handeln muss und dass Ihnen dieses Geld eines Tages erstattet werden wird, so wahr ich Alfred de Barjols bin.«
    Der Weinhändler seufzte hörbar und schüttelte den Kopf mit der Miene eines Menschen, dessen Zweifel allen Beteuerungen zum Trotz nicht völlig ausgeräumt wurden.
    Doch als hätte das Eintreten des jungen Edelmanns, der seinen Namen und damit auch seinen gesellschaftlichen Rang enthüllt hatte, das Zartgefühl jener geweckt, für die er sein Wort gegeben hatte, kam ein Pferd angaloppiert und blieb vor der Tür des Gasthauses stehen; man vernahm Schritte im Flur, die Tür zum Speisesaal wurde aufgerissen, und auf der Schwelle erschien ein maskierter und bis an die Zähne bewaffneter Mann.
    Alle Blicke richteten sich auf ihn.
    »Meine Herren«, sagte er in der unnatürlichen Stille, die sein unerwartetes Erscheinen ausgelöst hatte, »befindet sich unter Ihnen ein Reisender mit Namen Jean Picot, der in der Schnellpost fuhr, die von den Compagnons de Jéhu zwischen Lambesc und Pont-Royal überfallen wurde?«
    »Ja«, sagte der Weinhändler in größtem Erstaunen.
    »Sind das vielleicht Sie, Monsieur?«, fragte der Maskierte.
    »Das bin ich.«
    »Hat man Ihnen nichts entwendet?«
    »O doch, man hat mir einen Geldsack mit zweihundert Louisdor entwendet, den ich dem Kutscher anvertraut hatte.«
    »Und ich muss hinzufügen«, sagte Monsieur Alfred de Barjols, »dass Monsieur soeben erst davon sprach und sein Geld als verloren betrachtete.«
    »Monsieur hat sich getäuscht«, sagte der maskierte Unbekannte. »Wir führen Krieg gegen die Regierung, aber nicht gegen einzelne Bürger. Wir sind Partisanen, keine Strauchdiebe. Hier haben Sie Ihre zweihundert Louisdor, Monsieur, und wenn künftig ein ähnlicher Irrtum geschehen sollte, dann fordern Sie Ihr Eigentum zurück und berufen Sie sich auf den Namen Morgan.«
    Und mit diesen Worten setzte der Maskierte zur Rechten des Weinhändlers einen Geldsack ab und ging, nachdem er sich mit einer höflichen Geste von den Anwesenden verabschiedet hatte, die vor Entsetzen oder vor Verblüffung über solchen Wagemut sprachlos waren.
    Im selben Augenblick wurde Bonaparte gemeldet, dass die Pferde vorgespannt waren.
    Roland bezahlte den Wirt, während Bonaparte sich erhob und sich anschickte, die Kutsche zu besteigen.
    Als er sich anschließend zu seinem Reisegefährten gesellen wollte, sah er sich Alfred de Barjols gegenüber.
    »Verzeihen Sie, Monsieur«, sagte dieser, »aber Sie haben einen Ausruf unterdrückt, der unzweideutig mir galt; darf ich erfahren, was der Grund für diese Zurückhaltung war?«
    »Oh, Monsieur«, sagte Roland, »der Grund für diese Zurückhaltung ist schlicht der, dass mein Gefährte mich am Rock gezogen hat und ich deshalb, um ihn nicht zu verärgern, darauf verzichtet habe, Sie als Schlingel zu titulieren, wie es meine Absicht war.«
    »Wenn es Ihre Absicht war, mir diesen Schimpf anzutun, Monsieur, darf ich dann die Absicht für die Tat nehmen?«
    »Wenn es Ihnen genehm ist, Monsieur...«
    »Es ist mir genehm, denn es gibt mir Gelegenheit, Satisfaktion von Ihnen zu verlangen.«
    »Monsieur«, sagte Roland, »mein Reisegefährte und ich sind in großer Eile, wie Sie unschwer sehen können; wenn Sie aber meinen, eine Stunde würde uns genügen, um unsere Meinungsverschiedenheit auszutragen, dann würde ich bereitwillig diese Stunde Verspätung auf mich nehmen.«
    »Eine Stunde wird genügen, Monsieur.«
    Roland salutierte und eilte zur Postkutsche.
    »Aha«, sagte Bonaparte. »Du schlägst dich?«
    »Ich konnte nicht anders, General«, erwiderte Roland. »Aber mein Gegner ist sehr entgegenkommend; es wird nicht länger dauern als eine Stunde. Sobald wir fertig sind, nehme ich ein Pferd und werde Sie gewiss bis Lyon eingeholt haben.«
    Bonaparte zuckte die Schultern.
    »Raufbold!«, sagte er; dann reichte er ihm die Hand und fügte hinzu: »Sieh zu, dass du wenigstens nicht ums Leben kommst, ich brauche dich in Paris.«
    »Ach, seien Sie unbesorgt, General, zwischen Valence und Vienne werden Sie mich wiedersehen.«
    Bonaparte fuhr ab.
    Eine Meile hinter Valence hörte er ein Pferd im Galopp und ließ die Kutsche anhalten.
    »Ach, Roland, du bist es«, sagte er. »Offenbar ist alles gut ausgegangen.«
    »Ganz ausgezeichnet«, sagte Roland, der die Miete für das Pferd entrichtete.
    »Hast du dich geschlagen?«
    »Ja, mein General.«
    »Und wie?«
    »Mit Pistolen.«
    »Und?«
    »Ich habe ihn erschossen, mein General.«
    Roland nahm wieder seinen Platz neben Bonaparte ein, und die Postkutsche folgte im Galopp ihrem Weg. 

4
Der Sohn des Müllers von der Guerche

    Bonaparte benötigte Roland in Paris, damit er ihm half, den 18. Brumaire zu inszenieren. Nach diesem erfolgreichen Coup kam ihm wieder in Erinnerung, was er mit eigenen Augen und Ohren an der Wirtstafel in Avignon erlebt hatte. Er beschloss, die Compagnons de Jéhu unerbittlich zu verfolgen, und bei der ersten Gelegenheit schickte er ihnen Roland mit unbeschränkten Vollmachten auf den Hals.
    Im weiteren Verlauf dieses Buches werden wir sehen, was es mit dieser Gelegenheit auf sich hatte, ermöglicht durch eine Frau, die sich rächen wollte, nach welch fürchterlichem Kampf die vier Anführer der Vereinigung Roland in die Hände fielen, und wie sie ihr Ende fanden, ohne das Ansehen zu entehren, das sie sich geschaffen hatten.
    Roland kehrte im Triumph nach Paris zurück. Nun ging es darum, Cadoudal nicht etwa gefangen zu nehmen, denn man wusste, dass dies unmöglich war, sondern zu versuchen, ihn für die Sache der Republik zu gewinnen.
    Wieder wurde Roland von Bonaparte mit diesem Auftrag betraut.
    Roland machte sich auf den Weg, holte in Nantes Erkundungen ein, schlug den Weg nach La Roche-Bernard ein, und nachdem er dort abermals Erkundungen eingezogen hatte, machte er sich in Richtung des Dorfs Muzillac auf.
    In der Tat befand sich dort Cadoudal.
    Betreten wir mit Roland das Dorf, nähern wir uns der vierten Hütte zur Rechten, heften wir unser Auge auf einen Schlitz des Fensterladens, und sehen wir uns um.
    Vor uns haben wir einen Mann im Gewand der wohlhabenden Bauern des Morbihan. Kragen, Knopflöcher und Hutkrempe säumt lediglich eine fingerbreite Goldborte. Der Rock ist aus grauem Tuch gefertigt, mit grünem Kragen. Vervollständigt wird die Kleidung des Mannes durch eine bretonische Hose und lederne Gamaschen, die bis zum Knie reichen.
    Auf einem Stuhl liegt sein Säbel, auf dem Tisch und in Reichweite ein Paar Pistolen. In den Läufen einiger Karabiner spiegelt sich ein lebhaftes Kaminfeuer.
    Cadoudal sitzt an dem Tisch, auf dem seine Pistolen liegen; der Schein einer Lampe beleuchtet sein Gesicht und die Papiere, die er aufmerksam liest. Sein Gesicht ist das eines Dreißigjährigen: eine offene und fröhliche Miene, eingerahmt von blonden Kräusellocken, beseelt von großen blauen Augen; ein Lächeln würde zwei Reihen weißer Zähne enthüllen, die Zange oder Bürste des Zahnarztes noch nie berührt haben.
    Wie Du Guesclin, dessen Landsmann er ist, hat er einen großen runden Kopf, und deshalb ist er als General Rundkopf ebenso bekannt wie als Georges Cadoudal.
    Sein Vater war Landwirt in dem Kirchspiel Kerléano, und Georges hatte am Gymnasium von Vannes eine ausgezeichnete Schulbildung erhalten, als in der Vendée die ersten royalistischen Aufstände aufflackerten. Cadoudal erfuhr davon, sammelte seine Jagd- und Zechkumpane, überquerte an ihrer Spitze die Loire und bot Stofflet seine Dienste an.
    Als ehemaliger Jagdaufseher Monsieur de Mauleviers hatte Stofflet seine Vorbehalte gegenüber dem Adel und noch mehr gegenüber dem Bürgertum; bevor er sich mit Cadoudal verbündete, wollte er wissen, worauf er sich einließ, und Cadoudal war begierig, sich im Kampf zu beweisen.
    Schon am nächsten Tag kam es zu einem Gefecht. Als Stofflet sah, wie die Weißen vorpreschten, ohne sich um Bajonette und Kugelhagel zu scheren, sagte er unwillkürlich zu Monsieur de Bonchamps, der sich neben ihm befand: »Wenn dieser Rundkopf kein Loch in den Schädel bekommt, wird er es noch weit bringen.«
    Seit dieser Zeit haftete Cadoudal der Name Rundkopf an.
    Georges kämpfte in der Vendée bis zur Niederlage von Savenay, bei der die Hälfte der Aufständischen den Tod fand und die andere Hälfte sich in alle Winde zerstreute.
    Nachdem er drei Jahre lang wahre Wunder an Kraft, Gewandtheit und Tapferkeit vollbracht hatte, überschritt er die Loire abermals und kehrte in das Morbihan zurück.
    In seinem Geburtsland führte Cadoudal auf eigene Rechnung Krieg. Als Oberbefehlshaber, den seine Soldaten vergötterten und dem sie bedingungslos gehorchten, erfüllte er Stofflets Prophezeiung; er trat die Nachfolge eines La Rochejacquelein, d’Elbée, Bonchamps, Lescure, Charette und sogar Stofflets selbst an, und seither kann er es an Ruhm mit ihnen aufnehmen und ist ihnen an Macht sogar überlegen, da er fast der Einzige ist, der noch gegen die Herrschaft Bonapartes kämpft, der seit zwei Monaten Erster Konsul ist und im Begriff steht, die Schlacht von Marengo zu schlagen.  

    Vor drei Tagen hat Cadoudal erfahren, dass General Brune, der Sieger von Alkmaar und von Castricum, der Retter Hollands, zum Oberfehlshaber der republikanischen Armeen im Westen ernannt wurde und in Nantes eingetroffen ist mit dem Auftrag, ihn, Cadoudal, und seine Chouans zu vernichten, koste es, was es wolle.
    Nun denn! Cadoudal muss dem Oberbefehlshaber zeigen, dass er keine Furcht kennt und dass man mit Einschüchterungsversuchen bei ihm überhaupt nichts ausrichten kann.
    Müßig spielt er mit dem Gedanken an aufsehenerregende Aktionen, durch die man die Republikaner aus der Fassung bringen könnte, doch schon bald hebt er den Kopf, denn er hört ein Pferd galoppieren. Der Reiter gehört zu seinen Männern, denn er hat ungehindert die Chouans passiert, die an der Straße von La Roche-Bernard auf der Lauer liegen, und Muzillac erreicht.
    Der Reiter hält vor der Tür des Häuschens, in dem Georges sich befindet, betritt die Gasse und sieht sich seinem Anführer gegenüber.
    »Ah, du bist es, Branche-d’Or«, sagte Cadoudal. »Wo warst du?«
    »In Nantes, General.«
    »Welche Nachrichten bringst du?«
    »Ein Aide de Camp General Bonapartes hat General Brune begleitet und kommt in besonderer Mission, die Ihnen gilt.«
    »Mir?«
    »Ja.«
    »Weißt du, wie er heißt?«
    »Roland de Montrevel.«
    »Hast du ihn gesehen?«
    »Wie ich Sie sehe.«
    »Wie ist er?«
    »Ein schöner junger Mann, sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt.«
    »Wann wird er kommen?«
    »Ein, zwei Stunden nach mir, nehme ich an.«
    »Hast du ihm den Weg bereitet?«
    »Ja, man wird ihn nicht aufhalten.«
    »Wo befindet sich die Vorhut der Republikaner?«
    »In La Roche-Bernard.«
    »Wie viele sind es?«
    »Ungefähr tausend.«
    In diesem Augenblick galoppierte ein Pferd heran.
    »Oha!«, sagte Branche-d’Or. »Sollte er das schon sein? Unmöglich!«
    »So ist es, denn dieser Reiter kommt aus der Richtung von Vannes.«
    Der Reiter hielt sein Pferd vor der Tür an und trat ein. Obwohl er in einen weiten Mantel gehüllt war, erkannte Cadoudal ihn.
    »Bist du es, Cœur-de-Roi?«, fragte er.
    »Ja, General.«
    »Woher kommst du?«
    »Aus Vannes, wohin Sie mich geschickt hatten, damit ich die Blauen überwache.«
    »Und was kannst du berichten?«
    »Sie stehen kurz vor dem Hungertod, und General Harty will heute Nacht die Vorratsspeicher von Grand-Champ überfallen, um an Lebensmittel zu kommen. Er wird den Überfall selbst anführen, und die Kolonne wird aus höchstens hundert Mann bestehen, damit sie beweglich genug ist.«
    »Bist du müde, Cœur-de-Roi?«
    »Aber nein, General.«
    »Und dein Pferd?«
    »Es ist schnell gelaufen, aber es kann noch drei bis vier Meilen bewältigen, bevor es umfällt. Zwei Stunden Ruhe -«
    »Zwei Stunden Ruhe und eine doppelte Ration Hafer, damit es sechs Meilen schafft!«
    »Es wird sie schaffen, General.«
    »Du wirst in zwei Stunden aufbrechen und in meinem Namen den Befehl geben, das Dorf Grand-Champ bei Tagesanbruch zu evakuieren.«
    Cadoudal hielt inne und lauschte aufmerksam.
    »Aha«, sagte er, »das wird er wohl sein. Ich höre den Galopp eines Pferdes, das sich von La Roche-Bernard nähert.«
    »Das ist er«, sagte Branche-d’Or.
    »Wer ist es?«, fragte Cœur-de-Roi.
    »Jemand, den der General erwartet.«
    »Kommt, Freunde, lasst mich allein«, sagte Cadoudal. »Du, Cœur-de-Roi, begibst dich so schnell wie möglich nach Grand-Champs; du, Branche-d’Or, nimmst im Hof mit dreißig Mann Aufstellung, die du als Boten in alle Winkel des Landes aussenden kannst. Sorge dafür, dass das Beste, was man bekommen kann, als Abendmahlzeit für zwei Personen vorbereitet wird.«
    »Verlassen Sie das Haus, General?«
    »Nein, ich gehe nur demjenigen entgegen, der gerade ankommt. Verschwinde in den Hof, er soll dich nicht sehen!«
    Cadoudal erschien auf der Türschwelle, als ein Reiter sein Pferd anhielt und sich ratlos umblickte.
    »Er ist hier, Monsieur«, sagte Cadoudal.
    »Wer soll hier sein?«, fragte der Reiter.
    »Der, den Sie suchen.«
    »Woher wollen Sie wissen, dass ich jemanden suche?«
    »Das ist nicht schwer zu erraten.«
    »Und wen suche ich?«
    »Georges Cadoudal; das ist nicht schwer zu erraten.«
    »Oh!«, sagte der junge Mann erstaunt. Er sprang vom Pferd und wollte es an einem Fensterladen anbinden.
    »Werfen Sie ihm die Zügel über den Hals«, sagte Cadoudal, »und machen Sie sich keine Gedanken, Sie werden Ihr Pferd vorfinden, sobald Sie es benötigen. In der Bretagne geht nichts verloren, Sie befinden sich im Land der Ehrlichkeit«, und er wies auf die Tür: »Erweisen Sie mir die Ehre, diese ärmliche Hütte zu betreten, Monsieur Roland de Montrevel«, sagte er, »das ist der einzige Palast, den ich Ihnen heute Nacht als Dach über dem Kopf anbieten kann.«
    Trotz aller Selbstbeherrschung konnte Roland seine Überraschung nicht verbergen, und im Lichtschein des Kaminfeuers, das eine unsichtbare Hand wieder entfacht hatte, sah Cadoudal ihm an, dass er vergeblich zu erraten versuchte, wie der von ihm Gesuchte von seinem Kommen hatte wissen können. Doch da Roland seine Neugier nicht über Gebühr verraten wollte, setzte er sich auf den Stuhl, den Cadoudal ihm anbot, und hielt seine Stiefelsohlen an das wärmende Feuer.
    »Ist das Ihr Hauptquartier?«, fragte er.
    »Ja, Oberst.«
    »Es scheint mir ein wenig nachlässig bewacht zu sein«, sagte Roland, der sich umsah.
    »Das sagen Sie«, erwiderte Georges, »weil Ihnen zwischen La Roche-Bernard und hier niemand begegnet ist, nicht wahr?«
    »Nichts und niemand, wahrhaftig.«
    »Aber das beweist doch nicht, dass die Straße nicht bewacht gewesen wäre«, sagte Georges lachend.
    »Zum Henker, wenn sie nicht von den Käuzchen bewacht wurde, die mich offenbar von Baum zu Baum begleitet haben; in diesem Fall nehme ich meine Behauptung natürlich zurück, General.«
    »So ist es in der Tat«, sagte Cadoudal, »die Käuzchen sind meine Schildwachen, Wachen mit scharfen Augen, denn sie haben den Menschen die Fähigkeit voraus, auch im Dunkeln zu sehen.«
    »Dennoch hätte ich keine Menschenseele gefunden, die mir den Weg gezeigt hätte, wenn ich nicht so vorausschauend gewesen wäre, mir in La Roche-Bernard den Weg erklären zu lassen.«
    »Sie hätten unterwegs jederzeit rufen können: ›Wo finde ich Georges Cadoudal?‹, und jederzeit hätte Ihnen eine Stimme geantwortet: ›Im Dorf Muzillac, es ist das vierte Haus auf der rechten Seite.‹ Sie haben niemanden gesehen, Oberst. Aber in ebendieser Sekunde wissen an die fünfzehnhundert Männer, dass Monsieur Roland de Montrevel, Aide de Camp des Ersten Konsuls, eine Unterredung mit dem Müller von Kerléano hat.«
    »Aber wenn Ihre fünfzehnhundert Männer wissen, dass ich Aide de Camp des Ersten Konsuls bin, warum haben sie mich dann ungeschoren passieren lassen?«
    »Weil sie Ordre hatten, Sie nicht nur ungeschoren zu lassen, sondern Ihnen notfalls sogar zu Hilfe zu kommen.«
    »Sie wussten also, dass ich auf dem Weg zu Ihnen war?«
    »Ich wusste, dass Sie auf dem Weg waren, und auch, warum.«
    »Dann muss ich es Ihnen nicht eigens sagen.«
    »O doch, vorausgesetzt, Sie sagen mir etwas, was ich gerne höre.«
    »Der Erste Konsul wünscht den Frieden, Frieden mit allen, nicht nur mit Einzelnen. Mit Abbé Bernier, mit d’Autichamp, Châtillon und Suzannet hat er Frieden geschlossen; es schmerzt ihn, Sie allein abseitsstehen und ihm störrisch trotzen zu sehen, denn er schätzt Sie als tapferen und loyalen Gegner. Und deshalb hat er mich als unmittelbaren Unterhändler zu Ihnen geschickt. Welche Bedingungen stellen Sie für einen Friedensschluss?«
    »Oh, nichts weiter«, sagte Cadoudal lachend. »Der Erste Konsul überlässt den Thron Seiner Majestät Ludwig XVIII., wird sein Kronfeldherr, sein Generalstatthalter, der Befehlshaber über seine Armeen zu Lande und zu Wasser, und ich erkläre den Waffenstillstand auf der Stelle zum Friedensabkommen und werde zu seinem ersten ergebenen Soldaten.«
    Roland zuckte die Schultern. »Sie wissen, dass das unmöglich ist«, sagte er, »und dass der Erste Konsul dieses Verlangen unmissverständlich zurückgewiesen hat.«
    »So ist es. Und deshalb bin ich bereit, die Kriegshandlungen wiederaufzunehmen.«
    »Wann?«
    »Heute Nacht. Sie kommen gerade im richtigen Augenblick, um das Schauspiel mitzuerleben.«
    »Und doch wissen Sie, dass die Generäle d’Autichamp, Châtillon, Suzannet und Abbé Bernier die Waffen gestreckt haben?«
    »Sie sind Generäle der Vendée und können im Namen der Vendée tun, was sie wollen. Ich bin Bretone und Chouan und kann im Namen der Bretonen und der Chouans tun, was ich will.«
    »Sie überantworten dieses unselige Land also einem Vernichtungskrieg, General?«
    »Ich überantworte seine Christen und Royalisten dem Martyrium.«
    »General Brune befindet sich in Nantes mit den achttausend Gefangenen, die uns die Engländer ausgeliefert haben.«
    »So viel Glück hätten sie bei uns nicht, Oberst. Die Blauen haben uns gelehrt, keine Gefangenen zu machen. Was die Anzahl unserer Gegner betrifft, scheren wir uns um solche Kleinigkeiten im Allgemeinen nicht.«
    »Aber wenn General Brune mit seinen achttausend Gefangenen und den zwanzigtausend Soldaten, die er von General Hédouville übernimmt, nichts ausrichten kann, dann wird der Erste Konsul persönlich gegen Sie antreten – wenn es sein muss, mit hunderttausend Mann, das wissen Sie.«
    »Wir werden uns der Ehre bewusst sein, die er uns damit erweist«, sagte Cadoudal, »und uns bemühen, ihm zu beweisen, dass wir würdig sind, gegen ihn zu kämpfen.«
    »Er wird Ihre Städte in Schutt und Asche legen.«
    »Wir werden uns in unsere Hütten zurückziehen.«
    »Er wird sie verbrennen.«
    »Dann werden wir in den Wäldern leben.«
    »Sie werden sich eines Besseren besinnen, General.«
    »Erweisen Sie mir die Ehre, vierundzwanzig Stunden mit mir zu verbringen, und Sie werden sehen, dass mein Entschluss gefasst ist.«
    »Und wenn ich annehme?«
    »Wäre ich überglücklich. Allerdings dürfen Sie nicht mehr verlangen, als ich Ihnen anbieten kann: ein Strohdach über dem Kopf, eines meiner Pferde als Reittier und freies Geleit, wenn Sie mich verlassen.«
    »Einverstanden.«
    »Und Ihr Wort, Monsieur, dass Sie sich nicht den Ordres widersetzen, die ich erteile, und meine Überraschungsangriffe nicht zu vereiteln versuchen.«
    »Dafür bin ich viel zu neugierig; ich gebe Ihnen mein Wort, General.«
    »Was auch immer vor Ihren Augen geschieht?«, beharrte Cadoudal.
    »Was auch immer vor meinen Augen geschieht. Ich verzichte auf die Rolle des Handelnden und begnüge mich mit der des Zuschauers, denn ich will zum Ersten Konsul sagen können: Das sah ich mit eigenen Augen.«
    Cadoudal lächelte. »Gut!«, sagte er. »Sie werden sehen.«
    Kaum hatte er gesprochen, wurde die Tür geöffnet, und zwei Bauern trugen einen gedeckten Tisch mit einer dampfenden Terrine Kohlsuppe und Speck herein; zwischen zwei Gläsern stand ein riesiger Krug frisch gezapften schäumenden Apfelmosts. Gedeckt war für zwei Personen – eine unmissverständliche Einladung zum Abendessen an die Adresse des Obersten.
    »Sehen Sie, Monsieur de Montrevel«, sagte Cadoudal, »meine Leute hoffen, dass Sie mir die Ehre erweisen werden, mit mir zu speisen.«
    »Und sie täuschen sich nicht«, erwiderte Roland, »denn ich bin halb verhungert, und hätten Sie mich nicht eingeladen, wäre ich Gefahr gelaufen, mir gewaltsam etwas zu essen zu beschaffen.«
    »Sie müssen verzeihen, dass ich Ihnen nur schlichte Kost anbieten kann«, sagte Cadoudal. »Ich verfüge nicht über eine Kriegskasse wie Ihre Generäle, und da Sie meine armen Bankiers auf das Schafott geschickt haben, sind mir die Nahrungsmittel knapp geworden. Ich will Ihnen das nicht zum Vorwurf machen, denn ich weiß, dass Sie ohne List und Tücke gehandelt haben und dass es ein ehrlicher Handel zwischen Soldaten war. Es gibt nichts daran zu tadeln, ganz im Gegenteil: Ich habe Ihnen für den Geldbetrag zu danken, den Sie mir aushändigen ließen.«
    »Eine der Bedingungen, unter denen Mademoiselle de Fargas uns die Mörder ihres Bruders ausgeliefert hat, war die, dass das Geld, das sie in Ihrem Namen verlangt hat, Ihnen übergeben wird. Der Erste Konsul und ich haben nur unser Wort gehalten.«
    Cadoudal verneigte sich; als Ehrenmann fand er das völlig selbstverständlich.
    Dann wandte er sich an einen der beiden Bretonen, die den Tisch hereingetragen hatten: »Was hast du uns noch anzubieten, Brise-Bleu?«
    »Ein Hühnerfrikassee, General.«
    »Das ist der Speisezettel Ihres Diners, Herr von Montrevel.«
    »Ein wahres Festmahl; ich befürchte nur eines.«
    »Was wäre das?«
    »Solange wir essen, steht nichts zu befürchten, aber wenn es ans Trinken geht...«
    »Ah! Sie mögen keinen Apfelmost«, sagte Cadoudal. »Verwünscht! Das bringt mich in Verlegenheit. Apfelmost und Wasser, daraus besteht mein ganzer Weinkeller, wie ich gestehen muss.«
    »Darum geht es mir nicht. Auf wessen Gesundheit werden wir trinken?«
    »Das bringt Sie in Verlegenheit, Monsieur de Montrevel«, sagte Cadoudal mit unnachahmlicher Würde. »Wir werden auf die Gesundheit Frankreichs trinken, das unser beider Mutter ist. Wir dienen unserem Heimatland mit unterschiedlichen Ansichten, aber, wie ich hoffe, mit gleicher Liebe.«
    »Auf Frankreich, Monsieur!«, sagte Cadoudal und schenkte ein.
    »Auf Frankreich, General!«, erwiderte Roland und stieß mit Cadoudal an.
    Und beide setzten sich fröhlich, beruhigten Gewissens, und machten sich mit dem gesunden Appetit junger Männer über die Kohlsuppe her. 

5
Die Falle

    Man wird sich denken können, dass Cadoudal weder so ausführlich noch so wohlwollend geschildert würde, wäre er nicht dazu bestimmt, eine der Hauptpersonen unserer Erzählung abzugeben, und wir begäben uns nicht in die Gefahr, uns zu wiederholen, wäre es uns nicht darum zu tun, durch ein möglichst genaues Porträt dieses außergewöhnlichen Mannes die Hochachtung, die Bonaparte für ihn hegte, verständlich zu machen.
    Indem wir sein Handeln beobachten, indem wir zeigen, wie er sich zu helfen weiß, werden wir am ehesten die Avancen begreifen, einem Gegner gegenüber gemacht von jemandem, zu dessen Gepflogenheiten dies nicht einmal seinen Freunden gegenüber zählte.
    Beim Ton einer Glocke, die ein Ave Maria erklingen ließ, zog Cadoudal seine Uhr.
    »Elf Uhr«, sagte er.
    »Ich stehe zu Ihren Diensten«, erwiderte Roland.
    »Wir haben eine kriegerische Unternehmung in etwa sechs Wegstunden Entfernung vor. Wollen Sie sich vorher ausruhen?«
    »Ich?«
    »Ja, wenn Sie wollen, können Sie eine Stunde schlafen.«
    »Danke, das ist nicht nötig.«
    »Dann«, sagte Cadoudal, »brechen wir auf, sobald Sie bereit sind.«
    »Und Ihre Männer?«
    »Ach ja, meine Männer. Meine Männer stehen bereit.«
    »Wo denn das?«, fragte Roland.
    »Überall.«
    »Zum Teufel! Das würde ich gerne sehen!«
    »Sie werden es sehen.«
    »Und wann?«
    »Wenn es Ihnen beliebt. Meine Männer sind ausgesprochen diskret und lassen sich nur blicken, wenn ich sie dazu auffordere.«
    »Und wenn ich sie sehen will...?«
    »Werden Sie es mir sagen, ich mache ein Zeichen, und sie werden sich zeigen.«
    Roland begann zu lachen.
    »Glauben Sie mir nicht?«, fragte Cadoudal.
    »Ganz im Gegenteil – nur... Brechen wir auf, General.«
    »Brechen wir auf.«
    Die beiden jungen Männer hüllten sich in ihre Mäntel und verließen das Haus.
    »Zu Pferde!«, sagte Cadoudal.
    »Welches ist für mich bestimmt?«, fragte Roland.
    »Ich dachte mir, es wäre Ihnen recht, Ihr Pferd frisch und ausgeruht vorzufinden, und deshalb habe ich zwei meiner Pferde für diese Unternehmung bestimmt. Wählen Sie selbst, sie stehen einander in nichts nach, und in ihren Pistolenhalftern befindet sich jeweils ein exzellentes Paar Pistolen englischen Fabrikats.«
    »Bereits geladen?«, fragte Roland.
    »Und zwar gut geladen, Oberst, denn das ist eine Aufgabe, die ich keinem anderen anvertraue.«
    »Zu Pferde dann«, sagte Roland.
    Cadoudal und sein Begleiter saßen auf und schlugen den Weg nach Vannes ein. Cadoudal ritt neben Roland, und in zwanzig Schritt Entfernung folgte ihnen Branche-d’Or, der Generalstabschef der Armee, wie Georges ihn genannt hatte.
    Die Armee selbst blieb unsichtbar. Die Straße, die so gerade verlief, als wäre sie mit dem Lineal gezogen, wirkte völlig verlassen.
    Die zwei Reiter legten etwa eine halbe Wegstunde zurück.
    Nach Ende dieser Zeit fragte Roland ungeduldig: »Zum Teufel auch, wo stecken Ihre Männer?«
    »Meine Männer? Zu unserer Rechten, zu unserer Linken, vor uns, hinter uns, überall. Ich scherze nicht, Oberst. Halten Sie mich etwa für so tollkühn, dass ich mich ohne Aufklärer mitten unter derart erfahrene und wachsame Männer wie Ihre Republikaner wagen würde?«
    Roland schwieg einen Augenblick und sagte dann zweifelnd: »Wenn ich mich recht erinnere, General, sagten Sie, ich brauchte es nur zu sagen, wenn ich Ihre Männer sehen wollte. Nun gut, jetzt will ich sie sehen!«
    »Ganz oder teilweise?«
    »Wie viele, sagten Sie, haben Sie bei sich?«
    »Dreihundert.«
    »Wohlan! Dann will ich hundertfünfzig von ihnen sehen.«
    »Halt!«, rief Cadoudal.
    Und er hielt seine Hände wie einen Trichter vor den Mund und ließ den Ruf des Käuzchens ertönen, gefolgt vom Ruf der Schleiereule, mit dem Unterschied allerdings, dass der Ruf des Käuzchens nach rechts erfolgte und der Schleiereulenruf in die linke Richtung.
    Kaum waren die letzten Töne des klagenden Rufes verstummt, sah man zu beiden Seiten der Straße Gestalten auftauchen, die den Graben zwischen Straße und Unterholz überquerten und links und rechts neben den Pferden Aufstellung bezogen.
    »Wer führt rechts das Kommando?«, fragte Cadoudal.
    »Ich, General«, erwiderte ein Bauer, der vortrat.
    »Wer bist du?«
    »Moustache.«
    »Und wer ist es links?«, fragte der General.
    »Ich, Chante-en-Hiver«, erwiderte ein zweiter Bauer, der sich ebenfalls näherte.
    »Wie viele Männer führst du an, Moustache?«
    »Hundert, mein General.«
    »Und wie viele Männer führst du an, Chante-en-Hiver?«
    »Fünfzig.«
    »Insgesamt also einhundertundfünfzig?«, fragte Cadoudal.
    »Ja«, erwiderten die zwei bretonischen Anführer.
    »War das Ihre Schätzung, Oberst?«, fragte Georges lachend.
    »Sie können zaubern, General.«
    »O nein! Ich bin ein armer Chouan, ein bedauernswerter Bretone wie jeder andere. Ich kommandiere eine Truppe, in der sich jeder Kopf darüber im Klaren ist, was er tut, in der jedes Herz für die zwei großen Grundsätze unserer Welt in den Kampf zieht: Religion und Königtum«, und an seine Männer gewandt fragte Cadoudal: »Wer befehligt die Vorhut?«
    »Fend-l’Air«, erwiderten die zwei Chouans.
    »Und die Nachhut?«
    »La Giberne.«
    »Dann können wir also unbesorgt weiterreiten?«, fragte Cadoudal seine zwei Freischärler.
    »Ganz genauso, als ginge es zur Messe in Ihrer Dorfkirche«, erwiderte Fend-l’Air.
    »Reiten wir also weiter«, sagte Cadoudal zu Roland, bevor er sich wieder an seine Männer wandte: »Verstreut euch, Burschen«, sagte er.
    Im gleichen Augenblick sprangen alle wie ein Mann in den Graben und waren verschwunden.
    Einige Sekunden lang hörte man das Rascheln von Zweigen im Unterholz, das Geräusch von Schritten im Gebüsch, dann herrschte Stille.
    »Wohlan!«, sagte Cadoudal, »denken Sie, dass ich mit solchen Männern etwas von Ihren Blauen zu befürchten hätte, seien sie noch so tapfer und geschickt?«
    Roland seufzte. Er teilte Cadoudals Ansicht ganz und gar.
    Weiter ging es.
    Eine Wegstunde von La Trinité entfernt zeigte sich auf der Straße ein dunkler Punkt, der schnell größer wurde.
    Mit einem Mal veränderte er sich nicht mehr.
    »Was ist das?«, fragte Roland.
    »Ein Mensch«, sagte Cadoudal.
    »Das kann ich sehen«, erwiderte Roland. »Aber wer ist dieser Mensch?«
    »Angesichts seiner Schnelligkeit hätten Sie erraten können, dass es sich um einen Boten handelt.«
    »Warum hält er inne?«
    »Sicherlich deshalb, weil er drei Männer zu Pferde gesehen hat und nicht weiß, ob er näher kommen oder zurückweichen soll.«
    »Was wird er tun?«
    »Er wartet ab, bevor er sich entscheidet.«
    »Worauf wartet er?«
    »Auf ein Zeichen, zum Teufel.«
    »Und auf dieses Zeichen wird er antworten?«
    »Nicht allein antworten, er wird auch gehorchen. Wollen Sie, dass er näher kommt oder dass er zurückweicht? Dass er sich versteckt?«
    »Ich wünsche, dass er näher kommt«, sagte Roland, »denn auf diese Weise werden wir die Nachricht erfahren, die er überbringt.«
    Der bretonische Anführer ließ den Ruf des Kuckucks so täuschend echt ertönen, dass Roland sich unwillkürlich umsah.
    »Das war ich«, sagte Cadoudal, »suchen Sie nicht weiter.«
    »Der Bote wird also herkommen?«
    »Er wird nicht kommen, er kommt gerade.«
    Tatsächlich hatte der Bote sich wieder aufgemacht und näherte sich schnellen Schritts, und nach wenigen Sekunden stand er vor seinem General.
    »Aha«, sagte dieser, »bist du es, Monte-à-l’Assaut?«
    Der General beugte sich vom Pferd, und Monte-à-l’Assaut sagte ihm etwas ins Ohr.
    »Bénédicte hatte mich bereits vorgewarnt«, sagte Georges.
    Nachdem Cadoudal ein paar Worte mit Monte-à-l’Assaut gewechselt hatte, ahmte er zweimal den Ruf der Eule nach und einmal den der Schleiereule, und sofort umringten ihn seine dreihundert Gefolgsleute.
    »Bald sind wir da«, sagte er zu Roland. »Jetzt müssen wir die Straße verlassen.«
    Oberhalb des Dorfs Trédion ging es querfeldein, wie von Cadoudal angegeben, dann gelangten sie nach Treffléan, vorbei an Vannes zur Linken. Doch statt die Ortschaft zu durchqueren, nahm der bretonische Anführer den Umweg links um das Dorf herum, der ihn zum Saum des Wäldchens führte, das sich zwischen Grand-Champ und Larré erstreckt.
    Seit dem Verlassen der Landstraße hatten seine Männer sich um ihn geschart. Cadoudal schien auf Nachrichten zu warten, bevor er sich weiter vorwagte.
    In der Richtung von Treffléan und Saint-Nolff begann graues Dämmerlicht den Horizont zu färben, Vorbote des Tageslichts, doch der dichte, dampfende Nebel, der vom Erdboden aufstieg, machte es unmöglich, weiter als auf fünfzig Schritt zu sehen.
    Mit einem Mal war in etwa fünfhundert Schritt Entfernung ein Hahnenschrei zu vernehmen.
    Georges spitzte die Ohren; die Chouans sahen einander lachend an. Der Hahnenschrei erklang wieder, diesmal näher.
    »Das ist er«, sagte Cadoudal. »Er antwortet.«
    In Rolands unmittelbarer Nähe erklang Hundegeheul, so täuschend ähnlich, dass der junge Mann wider besseres Wissen mit dem Blick nach dem Tier suchte, das dieses finstere Geheul ausstieß. Im gleichen Augenblick sah man mitten im Nebel einen Mann, der sich den zwei Reitern schnell näherte.
    Cadoudal trat drei Schritte vor und legte den Finger auf den Mund, um dem anderen zu bedeuten, leise zu sprechen.
    »Wohlan, Fleur-d’Épine«, sagte Georges, »haben wir sie?«
    »Wie die Maus in der Mausefalle. Kein Einziger wird nach Vannes zurückkehren, wenn Sie wollen, General.«
    »Ausgezeichnet. Wie viele sind es?«
    »Hundert Mann, befehligt von General Harty persönlich.«
    »Wie viele Wagen?«
    »Siebzehn.«
    »Sind sie weit von hier?«
    »Ungefähr eine Dreiviertelwegstunde.«
    »Auf welcher Straße?«
    »Auf der von Grand-Champ nach Vannes.«
    »Ausgezeichnet.«
    Cadoudal rief seine vier Oberleutnants herbei und gab jedem seine Befehle. Jeder von ihnen wiederum ließ den Ruf der Schleiereule ertönen und verschwand mit fünfzig Mann.
    Der Nebel wurde zunehmend dichter, und in hundert Schritt Entfernung verschwanden die jeweils fünfzig Mann wie Schatten.
    Cadoudal blieb mit hundert Mann und Fleur-d-Épine zurück.
    »Wohlan, General«, sagte Roland, als er ihn zurückkommen sah, »verläuft alles nach Ihren Wünschen?«
    »Mehr oder weniger ja«, erwiderte Cadoudal, »und in einer Viertelstunde werden Sie sich selbst ein Bild machen können.«
    »Nicht wenn dieser dichte Nebel anhält.«
    Cadoudal sah sich um.
    »In einer halben Stunde wird er sich vollständig gelichtet haben. Wollen Sie die halbe Stunde nutzen, um etwas zu essen und einen Morgentrunk zu nehmen?«
    »Meiner Treu, General«, sagte Roland, »ich muss gestehen, dass die fünf oder sechs Stunden Marschieren mir gewaltiges Magenknurren beschert haben.«
    »Und ich«, sagte Georges, »gestehe gerne, dass ich vor einem Kampf so gut wie möglich zu speisen pflege. Wenn man im Begriff steht, in die Ewigkeit einzugehen, sollte man das nach Möglichkeit mit vollem Bauch tun.«
    »Aha!«, sagte Roland. »Sie werden also kämpfen?«
    »Deshalb bin ich hier, und da wir es mit Ihren Freunden, den Republikanern, und General Harty persönlich zu tun haben, bezweifle ich, dass sie sich ohne Gegenwehr ergeben werden.«
    »Und wissen die Republikaner, dass ihnen ein Kampf mit Ihnen bevorsteht?«
    »Sie ahnen nichts davon.«
    »Sie bereiten Ihnen eine Überraschung?«
    »Nicht ganz; sobald sich in zwanzig Minuten der Nebel lichtet, werden sie uns so deutlich sehen, wie wir sie sehen werden. Brise-Bleu«, sagte Cadoudal, »hast du ein Frühstück für uns?«
    Der Chouan, der offenbar Proviantmeister war, nickte, ging in den Wald und kam mit einem Esel zurück, der zwei Körbe trug.
    Im Handumdrehen war ein Mantel auf einer Erderhebung ausgebreitet, und darauf servierte Brise-Bleu ein gebratenes Hühnchen, ein Stück kaltes Selchfleisch, Brot und Buchweizenfladen; und da man sich im Feld befand, hatte er es für erforderlich gehalten, sich den Luxus einer Flasche Wein und eines Glases zu erlauben.
    »Sehen Sie?«, sagte Cadoudal zu Roland.
    Roland bedurfte keiner weiteren Einladung; er sprang vom Pferd und reichte den Zügel einem Chouan. Cadoudal tat es ihm gleich.
    »Und jetzt«, sagte Georges, zu seinen Männern gewandt, »habt ihr zwanzig Minuten Zeit, das Gleiche zu tun, was wir tun, und diejenigen, die es versäumen, diese Zeit zu nutzen, werden mit leerem Magen in den Kampf ziehen.«
    Man hätte meinen können, dass jeder der Männer nur auf diese Aufforderung gewartet hatte, um ein Stück Brot und einen Buchweizenfladen aus der Tasche zu ziehen und dem Beispiel des Generals und seines Gastes zu folgen, wenn auch ohne gebratenes Huhn.
    Da sie nur ein Glas hatten, tranken beide abwechselnd daraus.
    Der Tag brach an, während sie nebeneinander frühstückten, und im Morgenlicht sahen sie aus wie zwei Freunde während einer Jagdpause.
    Jeden Augenblick wurde der Nebel lichter, wie Cadoudal vorausgesagt hatte.
    Auf der Landstraße zwischen Grand-Champ und Plescop tauchte eine Reihe von Wagen auf, die sich im Wald verlor; die Wagen bewegten sich nicht, allem Anschein nach von einem unerwarteten Hindernis überrascht.
    In der Tat waren eine halbe Viertelwegstunde vor dem ersten Wagen die zweihundert Chouans von Monte-à-l’Assaut, Chante-en-Hiver, la Giberne und Fend-l’Air zu erkennen, die den Weg versperrten.
    Die knapp hundert Republikaner hatten haltgemacht und warteten darauf, dass der Nebel sich vollständig hob, um die Zahl ihrer Gegner einzuschätzen und zu sehen, mit wem sie es zu tun hatten.
    Beim Anblick dieses Trüppchens, das von der vierfachen Zahl Gegner umstellt war, und beim Anblick der Uniformen, deren Farbe den Republikanern die Bezeichnung der Blauen eingebracht hatte, erhob Roland sich schnell.
    Cadoudal hingegen blieb gelassen im Gras liegen und beendete seine Mahlzeit.
    Ein Blick genügte, und Roland wusste, dass die Republikaner verloren waren. Cadoudal verfolgte die unterschiedlichen Gefühle, die das Mienenspiel des jungen Mannes offenbarte.
    »Nun denn!«, sagte er nach einem Augenblick schweigenden Beobachtens, »finden Sie meine Aufstellung gelungen, Oberst?«
    »Sie könnten sie sogar als Vorsichtsmaßnahme bezeichnen, General«, sagte Roland mit spöttischem Lächeln.
    »Ist es nicht die Gepflogenheit des Ersten Konsuls«, fragte Cadoudal, »jeden Vorteil zu nutzen, den ihm der Zufall verschafft?«
    Roland biss sich auf die Lippen.
    »General«, sagte er, »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten, den Sie mir hoffentlich nicht verweigern werden.«
    »Welchen?«
    »Die Erlaubnis, mich mit meinen Kameraden umbringen zu lassen.«
    Cadoudal erhob sich. »Mit dieser Bitte habe ich gerechnet«, sagte er.
    »Sie gewähren sie mir also?«, sagte Roland, dessen Augen vor Freude funkelten.
    »Ja, aber zuerst muss ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlangen«, sagte der royalistische Anführer mit vollendeter Würde.
    »Ich bitte darum, Monsieur.«
    Und Roland wartete, kaum minder ernst und stolz als der Anführer der Royalisten.
    Das alte und das neue Frankreich fanden sich in diesen zwei Männern verkörpert.

6
Der Kampf der Hundert

    Roland hörte zu.
    »Die Gefälligkeit, die ich von Ihnen verlange, Monsieur, ist die, dass Sie als mein Unterhändler gegenüber General Harty fungieren.«
    »Zu welchem Zweck?«
    »Ich habe ihm mehrere Vorschläge zu unterbreiten, bevor wir den Kampf beginnen.«
    »Ich vermute«, sagte Roland, »dass zu den Vorschlägen, die in Ihrem Namen zu überbringen ich die Ehre habe, nicht etwa jener zählt, dass er die Waffen niederlegen soll?«
    »Im Gegenteil, Oberst. Dieser Vorschlag hat vor allen anderen Vorrang.«
    »General Harty wird nichts dergleichen tun«, sagte Roland und ballte die Fäuste.
    »Das ist anzunehmen«, erwiderte Cadoudal gelassen.
    »Und?«
    »Dann lasse ich ihm die Wahl zwischen zwei anderen Vorschlägen, die anzunehmen ihm freisteht, ohne dass er seine Ehre beschmutzen oder seinen Ruf beschädigen würde.«
    »Darf ich sie erfahren?«, fragte Roland.
    »Sie werden sie rechtzeitig erfahren; haben Sie die Freundlichkeit, den ersten zuerst zu hören.«
    »Nennen Sie ihn.«
    »General Harty und seine hundert Mann sind von einer dreimal so großen Streitmacht umzingelt; das wissen Sie, und das können Sie ihm sagen. Ich biete an, ihnen kein Haar zu krümmen, unter der Bedingung, dass sie die Waffen niederlegen und schwören, fünf Jahre lang nicht gegen die Vendée oder die Bretagne zu kämpfen.«
    »Diese Botschaft erübrigt sich«, sagte Roland.
    »Es wäre aber klüger, als sich und seine hundert Mann dem sicheren Tod auszuliefern.«
    »Mag sein, aber ihm wird es lieber sein, sie und sich dem sicheren Tod auszuliefern.«
    »Dennoch wäre es klug, ihm zuvor diesen Vorschlag zu unterbreiten.«
    »Sie haben recht«, sagte Roland. »Mein Pferd?«
    Man brachte es ihm, er sprang auf und legte eilig die Strecke zurück, die zwischen ihm und dem aufgehaltenen Geleitzug lag.
    Groß war das Erstaunen General Hartys, als er einen Offizier in der blauen Uniform der Republikaner herbeireiten sah. Er trat dem Unterhändler drei Schritte entgegen, und dieser wies sich aus, erzählte, wie er unter die »Weißen« geraten war, und richtete Cadoudals Vorschlag aus.
    Wie der junge Offizier vorausgesehen hatte, sagte General Harty nein. Roland trieb sein Pferd wieder zum Galopp an und kehrte zu Cadoudal zurück.
    »Er sagt nein!«, rief er, sobald er in Hörweite war.
    »In diesem Fall«, sagte Cadoudal, »überbringen Sie ihm meinen zweiten Vorschlag; ich will mir nichts vorwerfen müssen, wenn ich es mit einem in Ehrendingen so erfahrenen Mann zu tun habe, wie Sie einer sind.«
    Roland salutierte.
    »Hier mein Vorschlag«, sagte Cadoudal. »General Harty sitzt wie ich zu Pferd; er soll sich mit mir auf dem freien Feld zwischen unseren Truppen treffen, mit Säbel und Pistolen bewaffnet, genau wie ich. Und dann werden wir die Sache unter uns austragen... Wenn ich ihn töte, werden seine Männer sich zu den von mir aufgeführten Bedingungen ergeben, fünf Jahre lang nicht gegen uns zu kämpfen; denn Sie verstehen sicherlich, dass ich keine Gefangenen machen kann. Wenn er mich tötet, haben seine Männer freien Abzug und können mit ihren Wagen ungehindert nach Vannes zurückkehren. So, ist das nun ein Vorschlag, den Sie annehmen können, Oberst?«
    »Alles in allem ja«, sagte Roland.
    »Gut; aber Sie sind nicht General Harty. Geben Sie sich also einstweilen mit der Rolle des Unterhändlers zufrieden. Und wenn dieser Vorschlag, den ich an seiner Stelle ohne zu zögern anehmen würde, ihm noch immer nicht passt, nun, dann kommen Sie wieder her, und da ich so gutmütig bin, werde ich einen dritten machen.«
    Roland galoppierte davon. Die Republikaner und General Harty erwarteten ihn ungeduldig, und er richtete ihnen die Botschaft aus.
    »Oberst«, sagte der General, »ich bin dem Ersten Konsul Rechenschaft für mein Betragen schuldig. Sie sind sein Aide de Camp, und Ihnen obliegt es, nach Ihrer Rückkehr in Paris für mich Zeugnis abzulegen. Wie würden Sie an meiner Stelle handeln? Was Sie tun würden, will auch ich tun.«
    Roland zuckte zusammen. Tiefer Ernst trat auf seine Züge, und er überlegte.
    Nach wenigen Sekunden sagte er: »General, ich würde es nicht tun.«
    »Nennen Sie mir Ihre Gründe«, erwiderte Harty, »damit ich weiß, ob sie mit meinen übereinstimmen.«
    »Der Ausgang eines Duells ist reine Glücksache; von einem solchen Zufall darf man das Geschick hundert tapferer Männer nicht abhängig machen; und in einer Situation wie dieser, die jeden Einzelnen auf gleiche Weise betrifft, ist es an jedem Einzelnen, sich seiner Haut so wacker wie möglich zu wehren.«
    »Ist das Ihre Ansicht, Oberst?«
    »Ja, bei meiner Ehre.«
    »Es ist auch die meine. Überbringen Sie dem royalistischen General meine Antwort.«
    So schnell, wie er zu Harty geritten war, kehrte Roland zu Cadoudal zurück.
    Lächelnd vernahm Cadoudal die Antwort des republikanischen Generals. »Ich hatte es nicht anders erwartet«, sagte er.
    »Wie war Ihnen das möglich, wenn ich ihm geraten habe, so zu antworten?«
    »Vorhin waren Sie aber gegenteiliger Ansicht.«
    »Ja, doch völlig zutreffend haben Sie mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich nicht General Harty bin. Lassen Sie uns Ihren dritten Vorschlag hören«, sagte Roland mit leiser Verärgerung, denn allmählich ging ihm auf, dass General Cadoudal sich seit Aufnahme der Verhandlungen am längeren Hebel befand.
    »Der dritte Vorschlag«, sagte Cadoudal, »ist ein Befehl, der Befehl an dreihundert meiner Männer, sich zurückzuziehen. General Harty hat hundert Mann, ich behalte nur einen. Messieurs, seit der Schlacht der Dreißig ist es Gepflogenheit der Bretonen, sich Fuß gegen Fuß, Brust gegen Brust, Mann gegen Mann zu schlagen, lieber ein Mann gegen vier als vier gegen einen. Wenn General Harty siegt, wird er über unsere Leichen hinweg nach Vannes zurückkehren, ohne dass die dreihundert Mann, die nicht an dem Kampf teilnehmen, ihm ein Haar krümmen werden, und wenn er besiegt wird, wird er nicht behaupten können, einer Übermacht erlegen zu sein. Gehen Sie, Monsieur de Montrevel, bleiben Sie bei Ihren Freunden, ich gebe Ihnen meinerseits den Vorteil, in der Übermacht zu sein, denn Sie allein sind zehn Mann wert.«
    Robert lüpfte seinen Hut.
    »Was sagen Sie dazu, Monsieur?«, fragte Cadoudal.
    »Ich pflege zu grüßen, was Größe besitzt, und ich grüße Sie.«
    »Oberst«, sagte Cadoudal, »ein letztes Glas Wein. Jeder von uns wird auf das trinken, was er liebt, was er mit Bedauern auf der Erde zurücklassen wird, was er im Himmel wiederzusehen hofft.«
    Er ergriff das einzige Glas, füllte es zur Hälfte und reichte es Roland.
    »Wir haben nur ein Glas, Monsieur de Montrevel; trinken Sie als Erster.«
    »Warum als Erster?«
    »Weil Sie erstens mein Gast sind und weil außerdem ein Sprichwort sagt, wer nach einem anderen trinke, kenne dessen Gedanken. Ich will wissen, was Sie denken, Monsieur de Montrevel.«
    Roland leerte das Glas auf einen Zug und reichte es Cadoudal zurück.
    Dieser füllte es abermals zur Hälfte und leerte es ebenfalls.
    »Wohlan! Und nun«, fragte Roland, »kennen Sie nun meine Gedanken?«
    »Helfen Sie mir«, sagte Cadoudal lachend.
    »Nun gut! Was ich denke, ist Folgendes«, sagte Roland mit seiner gewohnten Offenheit, »ich denke, dass Sie ein tapferer Krieger sind, General, und dass es mir eine Ehre wäre, wenn Sie mir die Hand reichen würden, bevor wir uns im Zweikampf gegenüberstehen.«
    Die zwei jungen Männer drückten einander die Hand – wie zwei Freunde, die Abschied nehmen, nicht wie zwei Gegner vor dem Kampf.
    Was sich soeben ereignet hatte, war von schlichter und zutiefst würdevoller Größe. Beide salutierten.
    »Viel Glück!«, sagte Roland zu Cadoudal. »Erlauben Sie mir zu hoffen, dass mein Glückwunsch vergebens ist. Ich gestehe, dass er von meinen Lippen kommt, nicht aber aus dem Herzen.«
    »Gott beschütze Sie, Monsieur de Montrevel«, sagte Cadoudal, »und ich hoffe, dass mein Wunsch in Erfüllung geht, denn er ist uneingeschränkt das, was ich denke.«
    »An welchem Signal werden wir erkennen, dass Sie bereit sind?«, fragte Roland.
    »An einem Gewehrschuss in die Luft.«
    »Einverstanden, General.«
    Und im Galopp überquerte Roland zum dritten Mal den Zwischenraum zwischen dem royalistischen und dem republikanischen General.
    Als er sich entfernte, streckte Cadoudal die Hand aus. »Ihr seht diesen jungen Mann«, sagte er zu seinen Chouans.
    Alle Blicke folgten Roland. »Ja, General«, erwiderten die Chouans.
    »Wohlan! Bei der Seele eurer Väter sei sein Leben euch heilig! Ihr könnt ihn gefangen nehmen, aber lebendigen Leibes und ohne dass ihm ein Haar gekrümmt wird.«
    »Jawohl, General«, erwiderten die Chouans einfach.
    »Und jetzt, meine Freunde«, fuhr Cadoudal mit lauterer Stimme fort, »vergesst nicht, dass ihr die Nachkommen der dreißig Helden seid, die zwischen Ploërmel und Josselin, zehn Wegstunden von hier entfernt, gegen dreißig Engländer kämpften und siegten! Unsere Vorfahren hat dieser Kampf der Dreißig unsterblich gemacht; seid ebenso ruhmreich wie sie in eurem Kampf der Hundert. Leider«, fügte er mit leiserer Stimme hinzu, »haben wir es diesmal nicht mit Engländern zu tun, sondern mit unseren Brüdern.«
    Der Nebel hatte sich vollständig gelichtet, und die ersten Strahlen der Frühlingssonne versahen die Ebene von Plescop mit einer gelblichen Äderung; alles, was sich zwischen den zwei Truppen abspielen sollte, würde gut zu erkennen sein.
    Während Roland zu den Republikanern zurückkehrte, galoppierte Branche-d’Or davon und ließ gegen General Harty und seine Blauen nur Cadoudal mit seinen hundert Mann zurück.
    Die Truppen, die nicht mehr gebraucht wurden, teilten sich in zwei Hälften, deren eine nach Plumergat marschierte, die andere nach Saint-Avé. Die Straße blieb frei.
    Branche-d’Or kam zu Cadoudal zurück. »Ihre Ordres, General!«, sagte er.
    »Es ist nur eine«, erwiderte der General der Chouans. »Nimm acht Mann und folge mir. Wenn du siehst, dass der junge Republikaner, mit dem ich gefrühstückt habe, unter sein Pferd fällt, wirfst du dich auf ihn mit deinen acht Mann und nimmst ihn gefangen, bevor er Zeit hat, sich zu befreien.«
    »Ja, General.«
    »Du weißt, dass ich ihn unversehrt wiederhaben will.«
    »Abgemacht, General.«
    »Such dir deine Männer aus, und wenn er euch sein Ehrenwort gegeben hat, kannst du tun, was dir beliebt.«
    »Und wenn er es nicht geben will?«
    »Dann fesselt ihr ihn so, dass er nicht fliehen kann, und passt bis zum Ende des Kampfes auf ihn auf.«
    Branche-d’Or stieß einen Seufzer aus. »Das wird eine traurige Sache sein«, sagte er, »Maulaffen feilzuhalten, während die anderen sich vergnügen.«
    »Gott ist gütig«, sagte Cadoudal, »er wird für uns alle genug zu tun haben«, und als er sah, dass die Republikaner sich formiert hatten: »Ein Gewehr!«
    Man reichte ihm eines.
    Er schoss in die Luft.
    Im gleichen Augenblick ertönten aus den Reihen der Republikaner Trommelwirbel.
    Cadoudal richtete sich in den Steigbügeln auf: »Kinder«, rief er mit klangvoller Stimme, »habt ihr alle euer Morgengebet verrichtet?«
    Fast alle Stimmen antworteten: »Ja, ja!«
    »Wer noch keine Zeit dazu hatte oder es vergessen hat«, wiederholte Cadoudal, »soll es jetzt tun!«
    Fünf, sechs Bauern knieten nieder und beteten.
    Die Trommeln näherten sich schnell.
    »General! General!«, riefen einige ungeduldig. »Sie kommen!«
    Der General breitete die Arme aus und deutete auf die knienden Freischärler.
    »Es wird Zeit«, riefen die Ungeduldigen.
    Die einzelnen Betenden erhoben sich, nachdem sie ihr Gebet beendet hatten.
    Die Republikaner hatten bereits ein Drittel der Strecke zurückgelegt, als der Letzte aufstand. Sie marschierten in drei Reihen zu dreißig Mann mit angelegtem Bajonett, die Offiziere als Schlussreihe. Roland ritt an der Spitze der ersten, General Harty zwischen der ersten und der zweiten Reihe; nur sie waren zu Pferde. Unter den Chouans gab es nur einen einzigen Reiter: Cadoudal. Branche-d’Or hatte sein Pferd an einen Baum angebunden, um zu Fuß mit den acht Männern zu kämpfen, die beauftragt waren, Roland gefangen zu nehmen.
    »General«, sagte Branche-d’Or, »die Gebete sind verrichtet, alle Männer stehen bereit.«
    Cadoudal vergewisserte sich und rief dann mit lauter Stimme: »Auf, Burschen, jetzt vergnügt euch!«
    Kaum war die Erlaubnis erteilt, als die Chouans unter dem Ruf »Es lebe der König!« in die Ebene stürmten, mit der einen Hand die Hüte schwenkend, mit der anderen die Gewehre.
    Doch statt eng geschlossen zu marschieren wie die Republikaner, schwärmten sie aus und bildeten einen riesigen Halbmond, dessen Mittelpunkt Georges auf seinem Pferd war.
    Im Handumdrehen waren die Republikaner überrannt, und das Gewehrfeuer prasselte los. Fast alle Männer Cadoudals waren Wilderer und somit ausgezeichnete Schützen. Zudem waren sie mit englischen Karabinergewehren von der doppelten Reichweite normaler Gewehre bewaffnet.
    Die Chouans hatten das Feuer auf weite Entfernung eröffnet, aber vereinzelte todbringende Kugeln fanden ihren Weg in die Reihen der Republikaner.
    »Vorwärts!«, rief General Harty.
    Seine Soldaten marschierten weiter mit angelegtem Bajonett, doch innerhalb weniger Sekunden war vor ihnen niemand mehr zu sehen, denn Cadoudals hundert Mann waren als Truppe verschwunden und hatten sich in Tirailleure verwandelt, in lockerer Formation zum Halbmond angeordnet.
    General Harty ließ seine Männer nach rechts und nach links Aufstellung nehmen, und dann ertönte das Kommando: »Feuer!«, doch das Ergebnis war gleich null. Die Republikaner zielten auf einzelne Männer; die Chouans hingegen schossen in die Menge, so dass jeder Schuss, den sie abgaben, traf.
    Roland erkannte die missliche Lage: Er sah sich um und erblickte inmitten des Rauchs Cadoudal, aufrecht im Sattel und reglos wie ein Reiterstandbild.
    Der Anführer der Royalisten erwartete ihn.
    Roland stieß einen Schrei aus und preschte auf ihn los.
    Cadoudal trieb sein Pferd zum Galopp an, um den Weg für sein Gegenüber abzukürzen, hielt aber fünfzig Schritt von Roland entfernt an.
    »Aufgepasst!«, sagte Cadoudal zu Branche-d’Or und dessen Männern.
    »Seien Sie unbesorgt, General, wir sind da«, sagte Branche-d’Or.
    Cadoudal zog eine Pistole aus dem Halfter und lud sie, Roland preschte mit gezücktem Säbel heran, an den Hals seines Pferdes geschmiegt. Als sie nur mehr zwanzig Schritt voneinander entfernt waren, hob Cadoudal langsam die Hand und zielte auf Roland.
    Als es zehn Schritt waren, schoss er.
    Das Pferd, auf dem Roland saß, hatte einen weißen Stern an der Stirn. Die Kugel traf mitten in den Stern. Das tödlich getroffene Pferd stürzte und wälzte sich mit seinem Reiter vor Cadoudals Füßen.
    Cadoudal gab dem eigenen Pferd die Sporen und setzte über Pferd und Reiter hinweg. Branche-d’Or und seine Männer hielten sich bereit und stürzten sich dann wie Raubkatzen auf Roland, der unter seinem Pferd eingezwängt war.
    Der junge Mann ließ seinen Säbel fallen und wollte seine Pistolen ergreifen, doch bevor er die Hand zum Halfter führen konnte, hielten zwei Männer ihn an den Armen fest, während die anderen das Pferd wegzogen.
    Alles verlief so geschwind und reibungslos, dass außer Zweifel stand, dass dieses Manöver von langer Hand geplant worden war.
    Roland schnaubte vor Zorn. Branche-d’Or trat zu ihm und nahm den Hut ab. »Ich ergebe mich nicht«, rief Roland.
    »Es ist nicht nötig, dass Sie sich ergeben, Monsieur«, erwiderte der Chonan mit ausgesuchter Höflichkeit.
    »Und warum nicht?«, fragte Roland, der seine Kräfte in einem ebenso verzweifelten wie aussichtslosen Aufbäumen erschöpfte.
    »Weil Sie unser Gefangener sind, Monsieur.«
    Daran gab es nichts zu deuten. Roland wusste keine Antwort.
    »Dann töten Sie mich«, rief er zuletzt.
    »Wir wollen Sie nicht töten, Monsieur.«
    »Was wollt ihr dann?«
    »Dass Sie uns Ihr Ehrenwort geben, sich nicht wieder am Kampf zu beteiligen; unter dieser Bedingung lassen wir Sie frei.«
    »Niemals!«, rief Roland.
    »Verzeihen Sie, Monsieur«, sagte Branche-d’Or, »aber was Sie da tun, ist nicht ehrenhaft.«
    »Nicht ehrenhaft! Elender Schuft! Du wagst es, mich zu beleidigen, weil ich mich nicht wehren und dich nicht bestrafen kann.«
    »Ich bin kein Schuft, und ich will Sie nicht beleidigen, Monsieur de Montrevel; ich habe nur sagen wollen, dass Sie unserem General neun Männer vorenthalten, die ihm nützlich sein könnten, wenn Sie sich weigern, uns Ihr Wort zu geben, so dass wir Sie bewachen müssen. So hat der Rundkopf nicht an Ihnen gehandelt. Er hatte dreihundert Mann mehr als Sie und hat sie weggeschickt. Und jetzt sind wir nur mehr einundneunzig gegen einhundert.«
    Rolands Gesicht errötete heftig und wurde sodann totenbleich. »Du hast recht, Branche-d’Or«, sagte er. »Ich lasse mich überreden und ergebe mich; du kannst mit deinen Gefährten am Kampf teilnehmen.«
    Die Chouans stießen Freudenrufe aus, ließen Roland los und stürzten sich in das Getümmel, Hüte und Gewehre schwenkend und »Es lebe der König!« rufend.

7
Weiße und Blaue

    Roland verharrte einen Augenblick, aus der Umarmung der Chouans befreit, doch doppelt handlungsunfähig: körperlich durch den Sturz von seinem Pferd, moralisch durch sein Ehrenwort. Er setzte sich auf die kleine Erhebung, auf der noch der Mantel lag, der beim Frühstück als Tischtuch gedient hatte. Von dort aus konnte Roland das ganze Gefecht überblicken, und hätten nicht Tränen der Schande seine Augen verschleiert, wäre ihm keine Einzelheit entgangen.
    Cadoudal saß mitten in Feuer und Rauch aufrecht auf seinem Pferd wie ein böser Geist des Krieges, unverwundbar und unerbittlich wie dieser.
    Allmählich versiegten Rolands Tränen, getrocknet vom Feuer des Zorns. Inmitten der grünen Getreidehalme, die zu sprießen begannen, lagen die Leichname eines Dutzends Chouans verstreut; die Republikaner, auf der Straße zusammengedrängt, hatten bereits mehr als doppelt so viele Verluste zu beklagen. Die Verwundeten schleppten sich über das Niemandsland, bäumten sich auf wie Schlangen, denen das Rückgrat zerschlagen war, und kämpften weiter, die Republikaner mit dem Bajonett, die Chouans mit dem Messer. Verwundete, die niemanden in der Nähe hatten, mit dem sie Mann gegen Mann kämpfen konnten, luden ihr Gewehr, erhoben sich mühsam auf ein Knie, feuerten und fielen um.
    Auf beiden Seiten wurde der Kampf erbarmungslos geführt, ohne Unterbrechung, unerbittlich. Geradezu spürbar ergoss der Bürgerkrieg, dieser Krieg ohne Mitleid, ohne Gnade, ohne Milde, das Gefäß seines Zorns über das Schlachtfeld.
    Cadoudal umrundete zu Pferde die geschlossene Schanze der Republikaner, feuerte auf zwanzig Schritt Entfernung abwechselnd mit seinen Pistolen und einem doppelläufigen Gewehr, das er nach dem Schießen einem Chouan zuwarf und geladen entgegennahm, wenn er das nächste Mal vorbeikam. Mit jedem Schuss streckte er einen Soldaten nieder. Bei seiner dritten Umrundung erwies ihm General Harty die Ehre, ein ganzes Peloton auf ihn feuern zu lassen.
    Er verschwand in Feuer und Rauch, und man sah ihn und sein Pferd zu Boden sinken wie vom Blitzschlag getroffen.
    Zehn oder zwölf Republikaner sprangen hervor, doch ebenso viele Chouans traten ihnen entgegen.
    Ein schrecklicher Nahkampf entbrannte; zwangsläufig waren die Chouans mit ihren Messern im Vorteil.
    Unvermutet hatte Cadoudal sich aufgerichtet, in jeder Hand eine Pistole: das Todesurteil für zwei Soldaten, und zwei Soldaten fielen.
    An die dreißig Chouans hatten sich zu einem Dreieck um ihn geschart. Cadoudal bildete einen spitzen Winkel des Dreiecks; er hatte das Gewehr eines toten Gegners aufgehoben und benutzte es als Keule.
    Mit jedem Keulenschlag schmetterte er einen Mann zu Boden, dann durchbrach er das Bataillon, und Roland sah ihn auf der anderen Seite auftauchen. Wie ein Wildschwein sich erneut auf den Jäger stürzt, den es zu Fall gebracht hat, und ihm die Eingeweide zerfetzt, begab er sich in die klaffende Wunde zurück und riss sie noch weiter auf.
    General Harty sammelte ungefähr zwanzig Mann um sich und führte mit angelegtem Bajonett einen Vorstoß auf die Chouans, die ihn umzingelten; zu Fuß ging er an der Spitze seiner zwanzig Soldaten im von Kugeln durchlöcherten Waffenrock, aus zwei Wunden blutend. Seinem Pferd war der Bauch aufgeschlitzt worden.
    Zehn seiner Männer fielen, bevor die Umzingelung durchbrochen werden konnte, doch dann war es gelungen.
    Die Chouans wollten den General verfolgen, Cadoudal aber rief mit Donnerstimme: »Ihr hättet ihn nicht durchlassen dürfen! Aber wenn er nun einmal durchgebrochen ist, soll er sich ungehindert zurückziehen!«
    Die Chouans gehorchten ihrem Anführer gewissenhaft, wie sie all seine Anordnungen befolgten.
    »Und jetzt stellt das Feuer ein!«, rief Cadoudal. »Keine Toten mehr! Nur noch Gefangene!«
    Der Kampf war beendet. Die Chouans sammelten sich um den Leichenberg und die vereinzelten mehr oder weniger schwer Verwundeten, die sich unter den Toten noch regten.
    Sich zu ergeben bedeutete oft genug den sicheren Tod in diesem schrecklichen Krieg, in dem Gefangene immer wieder füsiliert wurden: seitens der Blauen, weil sie Chouans und Vendéens als Strauchdiebe betrachteten, und seitens der Weißen, weil sie republikanische Gefangene nicht versorgen konnten.
    Die republikanischen Soldaten warfen ihre Gewehre so weit weg wie möglich, um sie nicht ausliefern zu müssen. Als die Chouans näher kamen, zeigten sie ihnen ihre offenen Patronentaschen: Sie hatten ihre Munition bis auf die letzte Patrone verfeuert.
    Cadoudal ging zu Roland.
    Während des ganzen erbitterten Kampfes war der junge Mann auf der Stelle sitzen geblieben und hatte gewartet, den Blick auf das Gefecht gebannt, die Haare schweißgetränkt, die Brust wogend. Als er sah, wie vernichtend die Republikaner geschlagen wurden, hatte er das Gesicht mit den Händen bedeckt und die Stirn zu Boden gesenkt.
    Cadoudal trat zu ihm, ohne dass Roland die Schritte zu hören schien. Langsam hob der junge Offizier den Kopf. Zwei Tränen rollten ihm die Wangen hinunter. »General«, sagte er, »verfahren Sie nach Belieben mit mir; ich bin Ihr Gefangener.«
    »Oho!«, sagte Cadoudal lachend. »Einen Abgesandten des Ersten Konsuls nimmt man nicht gefangen, man bittet ihn um einen Gefallen.«
    »Welchen? Ich stehe zu Ihren Diensten.«
    »Ich habe keine Lazarette für die Verwundeten und keine Gefängnisse für die Gefangenen; übernehmen Sie die Überführung der republikanischen Soldaten, Gefangene wie Verwundete, nach Vannes.«
    »Wie bitte, General?«, rief Roland.
    »Ich übergebe sie Ihrer Verantwortung. Ich bedaure, dass Ihr Pferd tot ist; ich bedaure, dass auch meines tot ist, aber Branche-d’Ors Pferd ist noch da: Nehmen Sie es.«
    Der junge Mann wollte widersprechen.
    »Habe ich nicht zum Tausch das Pferd, das Sie in Muzillac zurückließen?«, sagte Georges.
    Roland begriff, dass er der Größe seines Gegenübers am ehesten gerecht würde, wenn er sich so geradlinig und schlicht wie möglich gab. »Werde ich Sie wiedersehen, General?«, fragte er, während er aufstand.
    »Das glaube ich nicht, Monsieur. Meine Operationen verlangen meine Anwesenheit bei Port-Louis, Ihre Pflicht ruft Sie in das Palais Luxembourg.«
    Damals residierte dort noch Bonaparte.
    »Was soll ich dem Ersten Konsul berichten, General?«
    »Sie werden ihm sagen, was Sie gesehen haben, und Sie müssen ihm unbedingt ausrichten, dass ich mich durch den Besuch, den er mir verspricht, sehr geehrt fühle.«
    »Nach allem, was ich gesehen habe, bezweifle ich sehr, dass Sie jemals auf meine Hilfe angewiesen sein dürften, Monsieur«, sagte Roland, »aber vergessen Sie dennoch nie, dass Sie in der engeren Umgebung General Bonapartes einen Freund haben.«
    Und er reichte Cadoudal die Hand.
    Der Anführer der Royalisten ergriff sie mit der gleichen Offenheit und Ungezwungenheit wie vor dem Kampf.
    »Adieu, Monsieur de Montrevel«, sagte er, »und ich muss Sie gewiss nicht eigens bitten, sich für General Harty zu verwenden? Eine Niederlage wie die seine ist so ruhmreich wie jeder Sieg.«
    Unterdessen hatte man Oberst de Montrevel das Pferd Branche-d’Ors gebracht. Er schwang sich in den Sattel.
    Roland ließ den Blick über das Schlachtfeld schweifen, stieß einen Seufzer aus und galoppierte mit einem letzten Abschiedsgruß in Cadoudals Richtung über die Felder davon, um auf der Straße nach Vannes den Wagen mit Verwundeten und Gefangenen zu erwarten, den er zu General Harty eskortieren sollte.
    Cadoudal hatte jedem seiner Männer den Betrag von zehn Francs auszahlen lassen. Roland musste unwillkürlich denken, dass der royalistische Anführer leicht großzügig sein konnte mit dem Geld des Direktoriums, das Morgan und seine bedauernswerten Gefährten um den Preis ihres Lebens in den Westen befördert hatten.
    Am nächsten Tag war Roland in Vannes; in Nantes nahm er die Postkutsche, und zwei Tage später war er in Paris.
    Kaum hatte Bonaparte von seiner Ankunft erfahren, ließ er ihn in sein Kabinett bringen. »Wohlan!«, sagte er, als Roland eintrat. »Wie ist dieser Cadoudal? Und war es die Mühe wert, ihn aufzusuchen?«
    »General«, erwiderte Roland, »wenn Cadoudal bereit wäre, sich uns für eine Million anzuschließen, dann geben Sie ihm zwei und verkaufen Sie ihn nicht unter vier Millionen zurück.«
    So beredt diese Antwort war, genügte sie Bonaparte keineswegs; Roland musste ihm in aller Ausführlichkeit seine Begegnung mit Cadoudal im Dorf Muzillac schildern, den nächtlichen Marsch, so ungewöhnlich von Chouans als Aufklärern begleitet, und schließlich das Gefecht, in dem General Harty nach wahren Wundern der Tapferkeit unterlegen war.  

    Männer wie Cadoudal waren ganz nach Bonapartes Sinn. Oft hatte er mit Roland über Cadoudal gesprochen, und immer wieder hatte er gehofft, eine Niederlage könnte den bretonischen Anführer dazu bewegen, der royalistischen Sache abtrünnig zu werden. Doch dann hatte Bonaparte die Alpen überquert und den Bürgerkrieg über dem Krieg im Ausland vergessen oder dem Anschein nach vergessen. Am 20. und 21. Mai hatte er den Sankt Bernhard überschritten; bei Turbigo hatte er am 31. desselben Monats das Tessin durchquert, hatte Mailand am 2. Juni betreten und die Nacht des 2. Juni in Montebello damit verbracht, sich mit General Desaix zu beraten, der aus Ägypten zurückgekommen war; am 12. Juni hatte die Armee an der Scrivia Stellung bezogen, und am 14. Juni hatte Bonaparte die Schlacht bei Marengo geschlagen, in deren Verlauf Roland, des Lebens überdrüssig, einen Munitionswagen in Brand gesetzt und sich dabei in die Luft gesprengt hatte.
    Zwar gab es niemanden mehr, mit dem er über Cadoudal sprechen konnte, doch Bonaparte musste immer wieder an ihn denken. Am 28. Juni war er wieder in Lyon. Den Rest des Jahres hatte er damit verbracht, den Frieden von Lunéville auszuarbeiten.
    Man schrieb bereits die ersten Tage des Jahres 1801, als der Erste Konsul von Brune einen Brief erhielt, dem folgendes Schreiben Cadoudals beigelegt war.

    General,
    gälte es nur gegen die fünfunddreißigtausend Mann zu kämpfen, die Sie im Morbihan aufgestellt haben, zögerte ich nicht, die Kampagne fortzusetzen, die ich seit über einem Jahr führe, und ich würde sie durch einen Scharmützelkrieg Mann für Mann vernichten. Doch andere würden an ihre Stelle treten, und Folge einer Fortdauer dieses Krieges wären unvorstellbare Schrecknisse.
    Bestimmen Sie den Tag eines Gesprächs auf Ihr Ehrenwort; ich werde mich furchtlos bei Ihnen einfinden, allein oder in Begleitung. Ich werde für mich und für meine Männer verhandeln und werde Ansprüche nur für sie erheben.
    GEORGES CADOUDAL
    Bonaparte schrieb unterhalb der Signatur Cadoudals:  

    Sofort Verabredung treffen und alle Bedingungen erfüllen, vorausgesetzt, Georges und seine Leute legen die Waffen nieder.
    Verlangen, dass er mich unter Ihrem sicheren Geleit in Paris aufsucht. Ich will diesen Mann aus der Nähe kennenlernen und beurteilen.  

    Bonaparte hatte den Brief mit eigener Hand beantwortet und sogar die Anschrift geschrieben, die lautete: »An General Brune, Oberbefehlshaber der Armee im Westen.«
    General Brune hatte sein Lager auf der Straße von Vannes nach Muzillac aufgeschlagen, auf der sich die Schlacht der Hundert abgespielt hatte, die General Harty verloren und die Roland mit angesehen hatte.
    Georges suchte ihn auf, von lediglich zwei Aides de Camp begleitet, die mit Rücksicht auf den feierlichen Anlass auf ihre Spitznamen verzichtet und ihre bürgerlichen Namen Sol de Grisolles und Pierre Guillemot wieder angenommen hatten.
    Brune reichte ihm die Hand und führte ihn an den Rand eines Grabens, an dem alle vier sich niederließen.
    Im selben Augenblick, in dem sie das Gespräch eröffnen wollten, erschien Branche-d’Or mit einem Brief von solcher Wichtigkeit, wie man ihm erklärt hatte, dass er ihn dem General unbedingt sofort überbringen musste. Die Blauen hatten ihn bis zu seinem Anführer durchdringen lassen; dieser nahm den Brief mit Brunes Erlaubnis entgegen und las ihn.
    Nach der Lektüre faltete er mit unbewegter Miene den Brief zusammen, legte ihn in seinen Hut und wandte sich an Brune. »Ich höre, General«, sagte er.
    Nach zehn Minuten war alles geregelt. Die Chouans kehrten alle nach Hause zurück, Offiziere wie Soldaten, unbehelligt jetzt und in Zukunft dank des Gelöbnisses ihres Anführers, dass sie die Waffen ohne seinen Befehl nicht wieder ergreifen würden.
    Er für sein Teil verlangte, das Land, die Mühle und das Haus in seinem Besitz zu verkaufen, ohne irgendeine andersgeartete Entschädigung anzunehmen, um sich bereit erklären zu können, von dem so erlösten Geld in England zu leben.
    Was eine Begegnung mit dem Ersten Konsul betraf, erklärte er, er betrachte dies als große Ehre und sei bereit, nach Paris aufzubrechen, sobald er sich mit einem Notar in Vannes über den Verkauf seines Besitzes und mit Brune über sicheres Geleit verständigt haben würde.
    Für seine zwei Aides de Camp, die er als Zeugen für seine Unterredung mit Bonaparte nach Paris mitnehmen zu dürfen erbat, verlangte er lediglich die gleichen Bedingungen wie für die anderen: dass die Vergangenheit vergessen sei und die Zukunft unbehelligt.
    Brune ließ sich Feder und Tinte bringen.
    Das Abkommen wurde auf einer Trommel aufgesetzt. Man gab es Georges zu lesen, der es unterzeichnete und von seinen Aides de Camp unterzeichnen ließ. Brune unterschrieb zuletzt und versprach mit seinem persönlichen Ehrenwort, dass alles wie vereinbart ausgeführt werden würde.
    Während eine Kopie des Abkommens verfasst wurde, nahm Cadoudal den Brief, den er erhalten hatte, aus seinem Hut und zeigte ihn Brune. »Lesen Sie, General«, sagte er. »Sie werden sehen, dass nicht Geldmangel mich dazu bewogen hat, Frieden mit Ihnen zu schließen.«
    In der Tat verkündete der Brief, der aus England kam, ein Geldbetrag von dreihunderttausend Francs sei bei einem Bankier in Nantes hinterlegt mit der Anweisung, dieses Geld Georges Cadoudal auszuhändigen.
    Cadoudal ergriff die Feder und schrieb auf die Rückseite des Briefes:

    Monsieur,
    schicken Sie das Geld nach London zurück. Ich habe mit General Brune Frieden geschlossen und kann daher keine Gelder annehmen, die für Kriegszwecke bestimmt sind.
    GEORGES CADOUDAL
    Drei Tage nach Unterzeichnung des Abkommens besaß Bonaparte eine Kopie des Schriftstücks, an deren Rand Brune die Einzelheiten vermerkt hatte, die wir dem Leser soeben unterbreitet haben.
    Zwei Wochen später hatte Georges seinen Besitz veräußert und einen Betrag von sechzigtausend Francs erlöst. Am 13. Februar kündigte er Brune an, er wolle nach Paris aufbrechen, und am 18. verkündete der Moniteur in der Rubrik »Bekanntmachungen«:

    Georges Cadoudal begibt sich nach Paris, um die Regierung aufzusuchen. Er ist um die dreißig, Sohn eines Müllers, liebt den Krieg, hat eine gute Erziehung erhalten und zu General Brune gesagt, man habe seine ganze Familie guillotiniert, er wünsche sich mit der Regierung zu verbünden, und man möge seine Verbindungen zu England vergessen, die er nur geknüpft habe, um sich dem Regime von 1793 zu widersetzen und der Anarchie, die im Begriff zu stehen schien, ganz Frankreich zu verschlingen.
    Bonaparte hatte gewusst, warum er zu Bourrienne, der ihm die französischen Zeitungen vorlesen wollte, gesagt hatte: »Nicht nötig, Bourrienne; die drucken nur das, was ich ihnen erlaube.«
    Es war nicht zu übersehen, dass die Zeitungsmeldung nicht nur aus Bonapartes Kabinett stammte, sondern auch mit seiner gewohnten Schläue verfasst war, dieser Mischung aus Voraussicht und Gehässigkeit. Aus Voraussicht malte der Erste Konsul eine Rehabilitierung Cadoudals aus und unterstellte ihm den Wunsch, der Regierung zu dienen, aus Gehässigkeit warf er ihm vor, sich gegen die Ereignisse von 1803 ausgesprochen zu haben.
    Am angekündigten Tag war Cadoudal aufgebrochen, war am 16. Februar in Paris eingetroffen, hatte am 17. den Moniteur mit der Meldung über ihn gelesen und für einen Augenblick mit dem Gedanken gespielt, kehrtzumachen, ohne Bonaparte gesprochen zu haben, weil ihn die Form der Meldung kränkte, sich dann jedoch gesagt, es sei besser, die angebotene Audienz wahrzunehmen, dem Ersten Konsul den Treueid zu schwören und sich wie zu einem Duell in die Tuilerien zu begeben, nämlich in Begleitung seiner zwei Sekundanten und Offiziere Sol de Grisolles und Pierre Guillemot.
    Durch Vermittlung des Kriegsministers hatte er den Tuilerienpalast von seiner Ankunft in Paris benachrichtigen lassen und umgehend die Bestätigung seiner Audienz für den nächsten Tag, den 19. Februar, um neun Uhr vormittags erhalten.
    Und zu dieser Audienz begab sich der Erste Konsul Bonaparte in unserem ersten Kapitel so eilig und neugierig.

8
Die Begegnung

    Die drei royalistischen Anführer warteten im großen Empfangssalon, den man offiziell weiterhin den Salon Ludwigs XIV. und inoffiziell den Salon der Kokarde nannte. Alle drei trugen die Uniform der royalistischen Heerführer, denn das hatte Cadoudal zur Bedingung gemacht.
    Diese Uniform bestand aus einem weichen Filzhut mit weißer Kokarde und einem grauen Rock mit grünem Kragen, bei Cadoudal mit goldener Tresse, bei den rangniederen Offizieren mit silberner. Dazu trugen sie bretonische Hosen, lange graue Gamaschen und Westen aus weißem Pikeestoff.
    Die drei Offiziere traten vor, den Säbel an der Seite.
    Duroc berührte bei ihrem Anblick Bonapartes Arm, und der Erste Konsul blieb stehen und sah seinen Aide de Camp an.
    »Was ist los?«, fragte Bonaparte.
    »Sie haben ihre Säbel«, sagte Duroc leise.
    »Und wenn schon!«, erwiderte Bonaparte. »Sie sind schließlich keine Gefangenen. Oder?«
    »Schon gut«, sagte Duroc, »ich werde die Tür offen lassen.«
    »Ha! Das werden Sie auf keinen Fall tun! Es sind Gegner, aber loyale Gegner. Haben Sie vergessen, was unser armer Kamerad Roland uns von ihnen erzählt hat?«
    Schnellen Schritts und ohne Zögern betrat er den Salon, in dem die drei Chouans warteten, und bedeutete Rapp und zwei weiteren Offizieren, die sich zweifellos auf besondere Ordre dort aufhielten, den Raum zu verlassen.
    »Aha, da sind Sie endlich!«, sagte Bonaparte, der Cadoudal zwischen seinen beiden Gefährten aufgrund der Beschreibung erkannte, die ihm gemacht worden war. »Unser gemeinsamer Freund, den wir leider in der Schlacht von Marengo verloren haben, Oberst Roland de Montrevel, hat nur das Beste über Sie berichtet.«
    »Das wundert mich nicht«, erwiderte Cadoudal. »Während der kurzen Zeit, in der ich die Ehre der Bekanntschaft Monsieur Roland de Montrevels hatte, ist mir sein überaus ritterliches Betragen aufgefallen. Sie wissen, wer ich bin, General, doch es obliegt mir, Ihnen die zwei Männer vorzustellen, die mich begleiten und die Ehre Ihrer Gegenwart genießen.«
    Bonaparte verneigte sich leicht, wie um anzudeuten, dass er zuhöre.
    Cadoudal legte dem älteren der Offiziere die Hand auf den Arm. »Als junger Mann in die Kolonien verbannt, hat Monsieur Sol de Grisolles die Meere überquert, um nach Frankreich zurückzukehren, und dabei Schiffbruch erlitten; allein und ohnmächtig wurde er auf einer Planke mitten im Ozean aufgefischt, als die Wogen ihn zu verschlingen drohten. Unter der Revolution eingekerkert, durchbrach er die Wand seines Verlieses und konnte fliehen. Am Tag darauf kämpfte er in unseren Reihen. Ihre Soldaten waren fest entschlossen, ihn gefangen zu nehmen, koste es, was es wolle. Während der Friedensverhandlungen dringen sie in das Haus ein, das ihm als Zuflucht dient. Allein bietet er fünfzig Soldaten die Stirn; bald genug hat er keine Munition mehr und muss sich entscheiden, ob er sich ergeben oder aus einem Fenster in zwanzig Fuß Höhe springen will. Er zögert nicht, springt, stürzt mitten unter Republikaner, fällt, steht auf, tötet zwei von ihnen, verwundet drei, läuft los und entkommt im Hagel der Kugeln, die ihm um die Ohren pfeifen, ohne ihn zu treffen. Und dieser hier«, Cadoudal blickte zu Pierre Guillemot, »wurde vor einigen Tagen während einer Rast auf einem Bauernhof überrascht. Ihre Leute waren in sein Zimmer eingedrungen, bevor er zu Säbel oder Karabiner greifen konnte. Er nimmt eine Axt und spaltet dem ersten Soldaten, der ihm entgegentritt, den Kopf. Die Republikaner weichen zurück, Guillemot, der seine Axt schwingt, erreicht die Tür, pariert einen Bajonettstoß, der ihn nur ritzt, und jagt querfeldein davon; ein Schlagbaum mit Schildwache versperrt ihm den Weg, er tötet die Schildwache und läuft weiter; ein Blauer, ein schnellerer Läufer als Pierre, droht ihn einzuholen, Guillemot dreht sich um, reißt ihm mit einem Axthieb die Brust auf und entkommt als freier Mann zu mir und meinen Chouans. Was mich betrifft -«, fuhr Cadoudal mit einer bescheidenen Verbeugung fort.
    »Was Sie betrifft«, unterbrach ihn Bonaparte, »weiß ich mehr über Sie, als Sie mir erzählen könnten. Sie haben die Heldentaten Ihrer Väter übertroffen, denn statt einer Schlacht der Dreißig haben Sie eine Schlacht der Hundert geschlagen, und später einmal wird man den Krieg, den Sie geführt haben, den ›Krieg der Riesen‹ nennen«, dann, indem er einen Schritt vortrat: »Kommen Sie, Georges, ich muss mit Ihnen sprechen.«
    Georges folgte ihm, wenn auch zögernd. Offensichtlich wäre ihm lieber gewesen, dass seine zwei Begleiter die Worte hören konnten, die zwischen ihm und dem Oberhaupt der französischen Republik gewechselt wurden.
    Stattdessen wahrte Bonaparte so lange Schweigen, bis sie außer Hörweite waren.
    »Hören Sie, Georges«, sagte er, »Männer von Ihrer Tatkraft benötige ich, um das Werk zu vollenden, das ich begonnen habe. Ich hatte ein Herz aus Erz an meiner Seite, auf das ich mich wie auf mich selbst verlassen konnte. Sie kannten ihn: Roland de Montrevel. Ein Kummer, dessen Ursache ich mir nie erklären konnte, hat ihn in den Selbstmord getrieben, denn nichts anderes als Selbstmord war sein Tod. Wollen Sie einer der Meinen sein? Ich habe Ihnen den Rang eines Obersten anbieten lassen, das ist unter Ihrer Würde: Ich biete Ihnen den Rang eines Divisionsgenerals an.«
    »General, ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen«, erwiderte Georges, »aber nähme ich an, müssten Sie mich verachten.«
    »Und warum?«, fragte Bonaparte erzürnt.
    »Weil ich den Bourbonen Treue geschworen habe und ihnen die Treue halten will.«
    »Hm, hm«, sagte der Erste Konsul, »gibt es denn keinen Weg, Sie für meine Seite zu gewinnen?«
    Cadoudal schüttelte den Kopf.
    »Man hat mich bei Ihnen verleumdet«, sagte Bonaparte.
    »General«, fragte der royalistische Offizier, »erlauben Sie mir, Ihnen alles, was ich gehört habe, zu wiederholen?«
    »Warum nicht! Denken Sie, mir gebräche es am erforderlichen Gleichmut, Gutes wie Böses, was über mich geredet wird, zu ertragen?«
    »Vergessen Sie nicht«, sagte Cadoudal, »dass es nicht meine Worte sind, sondern die Worte, die ich gehört habe.«
    »Sprechen Sie sie aus«, sagte der Erste Konsul mit leicht beunruhigtem Lächeln.
    »Es wird behauptet, Ihre glückliche Rückkehr aus Ägypten, die unterwegs von keinem einzigen englischen Geschwader gestört wurde, verdanke sich einem Abkommen zwischen Ihnen und dem englischen Kommodore Sidney Smith, und dieses Abkommen habe zum Gegenstand, dass man Sie ungehindert nach Frankreich zurückkehren ließ und Sie sich dafür verpflichteten, den Thron unserer einstigen Herrscher wiederzuerrichten.«
    »Georges«, sagte Bonaparte, »Sie gehören zu denjenigen, deren Achtung mir etwas wert ist und bei denen ich mich nicht verleumdet wissen will. Seit meiner Rückkehr aus Ägypten habe ich zwei Briefe des Grafen von Provence erhalten. Wenn es dieses Abkommen mit Sir Sidney Smith wirklich gäbe, glauben Sie nicht, dass Seine Königliche Hoheit es dann wenigstens in einem der zwei Briefe erwähnt hätte, die mir zu schreiben er mir die Ehre erwiesen hat? Nun gut! Sie werden beide Briefe lesen und sich selbst vergewissern können, ob der Vorwurf, den man mir macht, begründet ist.«
    Da sie sich beim Auf- und Abwandern im Gespräch wieder der Tür genähert hatten, riss Bonaparte sie auf.
    »Duroc«, befahl er, »lassen Sie sich von Bourrienne in meinem Namen die zwei Briefe von Monsieur dem Grafen von Provence und meine Antwort aushändigen; sie befinden sich in der mittleren Schublade meines Schreibtischs, in der roten Mappe«, und während Duroc seinen Auftrag ausführte, fuhr er fort: »Was seid ihr Plebejer nur für ein kurioser Menschenschlag mit eurer inbrünstigen Verehrung eurer einstigen Könige! Angenommen, ich führte ihre Herrschaft wieder ein – wozu ich nicht die mindeste Neigung habe, wie ich nicht eigens betonen muss -, was hätten Sie dann davon, Ihr Blut für die Wiedereinführung dieser Herrschaft vergossen zu haben? Nicht einmal die Bestätigung des Rangs, den Sie sich verdient haben. Ein Müllerssohn als Oberst! Das wäre ja noch schöner! Und haben Sie jemals in einer königlichen Armee einen Oberst von nichtadeliger Herkunft gesehen? Haben Sie jemals erlebt, dass ein Mann es bei diesen Undankbaren aus eigenem Verdienst oder gar mittels geleisteter Dienste zu einer höheren Stellung gebracht hätte? Bei mir dagegen, Georges, können Sie alles erreichen, was Sie wollen, denn je weiter ich komme, desto weiter kommen jene, die mich begleiten. Aha! Sehen Sie, da haben wir die Briefe. Gib her, Duroc.«
    Duroc reichte ihm drei Papiere. Das erste, das Bonaparte entfaltete, trug das Datum des 20. Februar 1800; wir geben den Brief des Grafen von Provence in seinem ursprünglichen, unveränderten Wortlaut wieder.

    Ungeachtet des Anscheins, den ihr Betragen erwecken mag, können Männer wie Sie, Monsieur, niemals Gefühle der Besorgnis einflößen. Sie haben einen herausragenden Platz eingenommen, und ich weiß Ihnen dafür Dank. Sie wissen besser als jeder andere, was es an Kraft und Durchsetzungsvermögen erfordert, um eine große Nation glücklich zu machen. Retten Sie Frankreich vor der Selbstzerfleischung, und Sie erfüllen den inbrünstigsten Wunsch meines Herzens. Geben Sie ihm seinen König zurück, und künftige Generationen werden Ihr Andenken segnen. Der Staat wird Ihrer stets so dringend bedürfen, dass ich meine Dankesschuld und die meines Vorfahren durch keinen bedeutenden Posten begleichen könnte.
    LOUIS
    »Sehen Sie darin auch nur die Spur eines Abkommens?«, fragte Bonaparte.
    »Mein General, ich muss Ihnen recht geben«, erwiderte Georges. »Aber Sie haben diesen Brief nicht beantwortet?«
    »Ich muss gestehen, dass ich die Sache nicht für sonderlich dringend hielt und erst einen zweiten Brief abwarten wollte, bevor ich einen Entschluss fasste. Nun, ich musste nicht lange warten. Wenige Monate später erreichte mich folgender undatierte Brief:

    Seit Langem, General, dürften Sie wissen, dass Sie meine Achtung erworben haben. Zweifelten Sie daran, dass ich mich dankbar zu zeigen vermöchte, nennen Sie Ihren Platz und entscheiden Sie über das Geschick Ihrer Freunde. In meinen Grundsätzen bin ich Franzose, mildtätig aus Neigung, und verstünde es aus Vernunft obendrein zu sein.
    O nein, der Sieger von Lodi, von Castiglione, von Arcoli, der Eroberer Italiens und Ägyptens, kann dem Ruhm keine nichtige Berühmtheit vorziehen. Dennoch verlieren Sie kostbare Zeit: Wir können Frankreichs Ruhm gewährleisten, und ich sage »wir«, da ich dafür auf Bonaparte angewiesen bin und er es ohne mich nicht vermöchte.
    General, Europa hat den Blick auf Sie gerichtet, der Ruhm harrt Ihrer, und ich wünsche mir inbrünstig, meinem Volk den Frieden zu geben.
    LOUIS
    Sie sehen, Monsieur«, sagte Bonaparte, »auch im zweiten keine Spur von einem Abkommen.«
    »Darf ich fragen, General, ob Sie diesen Brief beantwortet haben?«
    »Ich wollte ihn von Bourrienne beantworten lassen und unterschreiben, doch Bourrienne machte mich darauf aufmerksam, dass die Briefe des Grafen von Provence handschriftlich verfasst waren und es geziemender wäre, mit eigener Schrift zu antworten, sei sie noch so unleserlich. – Da es sich um keine Bagatelle handelte, habe ich mich nach Kräften bemüht und recht entzifferbar den Brief geschrieben, dessen Abschrift wir hier haben.«
    Und er zeigte Georges eine Kopie seines Briefes an den Grafen von Provence, von Bourrienne geschrieben. Der Brief enthielt folgenden abschlägigen Bescheid:

    Monsieur, ich habe Ihren Brief erhalten; ich danke Ihnen für die schmeichelhaften Dinge, die Sie darin äußern.
    Wünschen Sie nicht, nach Frankreich zurückzukehren; Sie müssten über Berge zahlloser Leichen gehen.
    Opfern Sie Ihre Wünsche dem Frieden und dem Wohlergehen Frankreichs, und die Geschichte wird es Ihnen vergelten.
    Das Ihrer Familie widerfahrene Leid lässt mich nicht unberührt, und mit Freuden erführe ich, dass Sie auf nichts verzichten müssen, was Ihnen das Leben auf Ihrem Ruhesitz versüßen kann.
    BONAPARTE
    »Und das«, fragte Georges, »ist wahrhaftig Ihr letztes Wort, nicht wahr?«
    »Mein letztes Wort.«
    »Obwohl es in der Geschichte einen Fall gegeben hat -«
    »In der englischen Geschichte, nicht in unserer, Monsieur«, unterbrach ihn Bonaparte. »Ich soll Moncks Rolle einnehmen? Besten Dank! Müsste ich wählen und wollte ich jemanden nachahmen, dann wählte ich lieber die Rolle Washingtons. Monck lebte in einer Zeit, in der die Vorurteile, die wir 1789 bekämpft und vom Sockel gestürzt haben, unangefochten herrschten; Monck wollte König werden, was er nicht konnte, und Diktator mit nicht mehr Erfolgsaussichten; dafür bedurfte es Cromwells überlegener Fähigkeiten. Richard, sein Sohn, konnte sich nicht im Sattel halten – ein Schwachkopf, typischer Sohn eines großen Mannes. Und dann, als Krönung des Ganzen, die Restauration unter Charles II.! Ein liederlicher Hof statt eines frömmlerischen Hofes! Er ahmte das Beispiel seines Vaters nach und zerschlug mehrere Parlamente, wollte als Alleinherrscher regieren, schuf sich ein Ministerium aus Lakaien, das ihm für seine Ausschweifungen dienlicher war als für seine Regierungsgeschäfte. In seiner Vergnügungssucht scheute er vor nichts zurück, um sich Geld zu verschaffen: An Ludwig XIV. verkaufte er Dünkirchen, das für England eine Schlüsselstellung besaß, was Frankreich betrifft; unter dem Vorwand einer erfundenen Verschwörung ließ er Algernon Sidney hinrichten, der zwar zu jenem Ausschuss zählte, der beauftragt war, Charles I. hinzurichten, doch hatte Sidney sich geweigert, an der Sitzung teilzunehmen, in der das Urteil gefällt wurde, und sich noch störrischer geweigert, das Schriftstück zu unterzeichnen, das die Hinrichtung des Königs anordnete. Cromwell starb 1685, das heißt im Alter von neunundfünfzig Jahren. In den zehn Jahren, die er an der Macht war, konnte er vieles anfangen und nur wenig vollenden. Zudem war sein Ziel eine völlige Umgestaltung: politisch durch die republikanische Regierung anstelle der Monarchie, in religiöser Hinsicht durch die Abschaffung der katholischen Religion zugunsten der protestantischen. Nun gut! Lassen Sie mich so lange leben wie Cromwell; neunundfünfzig Jahre, das ist nicht viel, oder? Ich habe noch dreißig Jahre vor mir, das Dreifache von Cromwells Lebensspanne; und bedenken Sie, dass ich nichts umstürze, sondern mich damit begnüge weiterzumachen; ich verändere nichts, sondern veredle es.«
    »Sehr gut«, entgegnete Cadoudal lachend. »Und wie stand es mit dem Direktorium?«
    »Das Direktorium war keine Regierung«, sagte Bonaparte. »Wie hätte auf einer so verkommenen Grundlage wie der des Direktoriums eine Regierung möglich sein sollen? Wäre ich nicht aus Ägypten zurückgekehrt, wäre es von ganz allein zusammengebrochen. Ich musste es nur anstoßen. Frankreich wollte davon nichts mehr wissen, und der beste Beweis ist der Empfang, den es mir bei meiner Rückkehr bereitet hat. Was hatten sie aus dem Frankreich gemacht, das ich so hoffnungsvoll hinterlassen hatte? Ein armes Land, allseits vom Feind bedroht, der drei seiner Grenzen bereits überschritten hatte. Ich hatte Frieden hinterlassen und fand Krieg vor; ich hatte Siege hinterlassen und fand Niederlagen vor; ich hatte die Millionen aus Italien hinterlassen und fand allerorten blutsaugerische Gesetze und Elend vor. Was geschah mit den zehntausend Soldaten, die meinen Ruhm teilten, die ich alle beim Namen kannte? Sie sind tot. Während ich Malta einnahm, Alexandria, Kairo, während ich mit der Spitze unserer Bajonette Frankreichs Namen in Thebens Pylone und die Obelisken von Karnak einmeißelte, während ich mich anschickte, am Fuß des Tabor die Niederlage des letzten Königs von Jerusalem zu rächen – was taten sie da mit meinen besten Generälen? Humbert ließen sie in Irland gefangen nehmen; Championnet ließen sie in Neapel verhaften und mit Schmutz bewerfen; mit seinem Rückzug hat Schérer die Spur des Sieges verwischt, die ich in Italien gezogen hatte; den Engländern wurde ermöglicht, die holländischen Grenzen entlang einzudringen; Raimbault wurde in Turin getötet, David in Alkmaar, Joubert in Novi. Und als ich Verstärkung von ihnen verlangte, um Ägypten zu halten, Munition, um es zu verteidigen, und Getreide, um es zu besäen, da schickten sie mir Gratulationsschreiben und teilten mir mit, die Armée de l’orient habe sich um das Vaterland verdient gemacht.«
    »Sie dachten, Sie würden das alles in Akko finden, General.«
    »Das war meine einzige Niederlage, Georges«, sagte Bonaparte, »und hätte ich gesiegt, dann hätte ich ganz Europa aus der Fassung gebracht, glauben Sie mir! Hätte ich gesiegt! Ich will Ihnen sagen, wie ich dann vorgegangen wäre: Ich hätte in der Stadt die Schatzkammern des Paschas geplündert und mir Waffen für dreihunderttausend Mann beschafft; ganz Syrien, das sich über Djasars Blutrünstigkeit empörte, hätte ich aufgewiegelt und bewaffnet, ich hätte Damaskus und Aleppo belagert, meine Armee hätte ich während des Vordringens im Land mit allen Unzufriedenen gefüllt, ich hätte den Völkern die Abschaffung der Knechtschaft und der Tyrannenherrschaft der Paschas verkündet, in Konstantinopel wäre ich mit bewaffneten Menschenmengen angekommen, ich hätte das Osmanische Reich gestürzt, hätte im Orient ein neues Großreich begründet, das mir einen Platz in der Nachwelt garantierte, und über Andrinopel oder Wien wäre ich nach Vernichtung des Habsburgerreichs nach Paris zurückgekehrt!«
    »Cäsar, der den Krieg gegen die Parther zu führen gedenkt«, erwiderte Cadoudal unbeeindruckt.
    »Ha! Ich wusste doch«, sagte Bonaparte mit unfrohem Lachen, »dass wir bei Cäsar ankommen würden. Nun denn! Sie sehen, dass ich bereit bin, Sie die Diskussion in jede Richtung wenden zu lassen, die Ihnen beliebt. Angenommen, Cäsar wäre mit neunundzwanzig Jahren, also in meinem Alter, nicht der größte Wüstling Roms und der am höchsten verschuldete Patrizier seiner Zeit gewesen, sondern der erste Citoyen seines Stadtstaates; angenommen ferner, er hätte seinen Gallischen Krieg hinter sich gehabt, seinen ägyptischen Feldzug bewältigt und seinen Krieg in Spanien glücklich zu Ende gebracht; angenommen also, er wäre zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzig und nicht fünfzig Jahre alt gewesen – denn die Siegesgöttin liebt die jungen Sieger und lässt die alten im Stich -, denken Sie nicht, dass er dann sowohl Cäsar als auch Augustus gewesen wäre?«
    »Gewiss«, erwiderte Cadoudal lebhaft, »wenn er nicht trotz alledem von den Dolchen des Brutus, des Cassius und des Casca gemeuchelt worden wäre.«
    »Auf einen Meuchelmord also rechnen meine Widersacher!«, sagte Bonaparte melancholisch. »In diesem Fall wird die Sache ein leichtes Spiel sein und am allerleichtesten für Sie, denn Sie sind mein Gegner. Wer sollte Sie daran hindern, mich in diesem Augenblick niederzumachen, wie Brutus Cäsar niedermachte, wenn Sie seine Überzeugung teilen?«
    »Nein«, sagte Georges. »Nein, wir rechnen nicht auf einen Meuchelmord, und ich glaube, es erforderte äußerst drastische Umstände, damit einer von uns freiwillig zum feigen Mörder würde. Aber mit den Wechselfällen des Krieges muss man rechnen.
    Ein einziger Trommelschlag kann Sie all Ihres Einflusses berauben, eine Kugel kann Sie den Kopf kosten wie Marschall Berwick oder Sie tödlich verwunden wie Joubert oder Desaix. Und was soll dann aus Frankreich werden? Sie sind kinderlos, und Ihre Brüder -«
    Bonaparte richtete einen durchdringenden Blick auf Cadoudal, der seinen Satz mit einem Schulterzucken beendete.
    Bonaparte ballte zähneknirschend die Fäuste.
    Georges hatte die Achillesferse seines Gegenübers entdeckt.
    »Ich räume ein«, sagte Bonaparte, »dass Sie recht haben, wenn man es unter diesem Gesichtspunkt betrachtet; ich setze jeden Tag mein Leben aufs Spiel, und es kann mir jeden Tag genommen werden; Sie mögen nicht an die Vorsehung glauben, ich vertraue auf sie. Ich vertraue darauf, dass sie nicht ziel- und planlos wirkt. Ich bin überzeugt, sie hat es deshalb so eingerichtet, dass am 13. August 1769, auf den Tag genau ein Jahr nachdem Ludwig XV. das Edikt erlassen hatte, das Korsika an Frankreich anschloss, in Ajaccio ein Kind geboren wurde, das später einmal der Mann des 13. Vendémiaire und des 18. Brumaire sein würde, weil sie mit diesem Kind Großes im Sinn hatte. Dieses Kind bin ich, und bis heute hat die Vorsehung in allen Fährnissen ihre Hand über mich gehalten. Wenn ich eine Sendung habe, kenne ich keine Furcht, denn die Sendung ist mein Schutzpanzer; sollte ich mich aber täuschen und keine Sendung haben, sollte ich von zweiundzwanzig Messerstichen getroffen werden wie Cäsar, statt die nächsten fünfundzwanzig oder dreißig Jahre zu erleben, die ich für die Vollendung meines Werks als nötig betrachte, sollte mir der Kopf weggeschossen werden wie Berwick, sollte mir eine Kugel in die Brust beschieden sein wie Joubert oder Desaix: dann wird die Vorsehung ihre Gründe dafür haben, und sie wird wissen, was für Frankreich das Beste ist. Die Vorsehung, Georges, glauben Sie mir, die Vorsehung lässt eine große Nation nie im Stich. Wir sprachen von Cäsar, Sie führten ihn mir vor Augen, wie er zu Füßen der Statue des Pompejus zusammenbrach, ermordet von Brutus, Cassius und Casca. Als die trauernden Römer den Diktator zu Grabe trugen, als das Volk die Häuser seiner Mörder niederbrannte, als die Ewige Stadt beim Anblick des Trunkenbolds Antonius und des Heuchlers Lepidus erbebte und in allen Himmelsrichtungen der Welt nach dem genialen Kopf Ausschau hielt, der den unablässigen Bürgerkriegen ein Ende setzen würde, hätte niemand ernsthaft den Schüler aus Apollonia, den jungen Octavius, in Betracht gezogen. Wer hätte mit diesem Bankierssohn aus Velletri gerechnet, weiß bestäubt vom Mehl seiner Ahnen? Wer hätte sich um diesen schwächlichen Knaben geschert, dem alles Furcht einjagte, Hitze, Kälte, Donner? Wer hätte in ihm den künftigen Herrscher über die Welt geahnt, als er wie ein Nachtvogel bleich und mit blinzelnden Augen angehinkt kam, um Cäsars alte Kumpane vorbeidefilieren zu sehen? Nicht einmal der weitsichtige Cicero. Ornandum et tollendum, lautete seine Devise. Aber dieses Kind, das bei seinem ersten Auftreten gefeiert und bei erstbester Gelegenheit beiseitegeschafft werden sollte, dieses Kind täuschte geschickt alle Grauköpfe im Senat und regierte Rom, das Cäsar ermordet hatte, weil es keinen König wollte, fast genauso lange wie Ludwig XIV. Frankreich. Georges, Georges, stellen Sie sich nicht gegen die Vorsehung, die mich leitet, denn sonst wird die Vorsehung Sie vernichten.«
    »Wohlan denn!«, sagte Georges, der sich verneigte, »dann werde ich wenigstens vernichtet, weil ich dem Weg und der Religion meiner Väter gefolgt bin, und Gott wird mir vielleicht meinen Irrtum vergeben, weil er von einem frommen Gläubigen und treuen Sohn begangen wurde.«
    Bonaparte legte dem jungen Mann die Hand auf die Schulter.
    »Nun gut!«, sagte er. »Aber bleiben Sie neutral. Lassen Sie die Geschehnisse ihren Lauf nehmen, lassen Sie die Throne wackeln und die Kronen fallen; üblicherweise müssen die Zuschauer bezahlen, ich aber werde Sie für das Zuschauen bezahlen.«
    »Und wie viel wollen Sie mir dafür bezahlen, Citoyen Erster Konsul?«, fragte Cadoudal.
    »Hunderttausend Francs jährlich«, erwiderte Bonaparte.
    »Wenn Sie einem einfachen Partisanenführer hunderttausend Francs jährlich geben, wie viel bieten Sie dann dem Fürsten an, für den er gekämpft hat?«
    »Nichts, Monsieur«, sagte Bonaparte ungnädig. »Sie bezahle ich für Ihren Mut, nicht für Ihre Überzeugungen; ich will Ihnen zeigen, dass für mich, den Mann meiner Taten, die anderen nur durch ihre Taten existieren. Nehmen Sie an, Georges, ich bitte Sie.«
    »Und wenn ich ablehne?«
    »Handeln Sie falsch.«
    »Und es steht mir frei, mich an einen Ort meiner Wahl zurückzuziehen?«
    Bonaparte ging zu der Tür, die ins Kabinett führte, und öffnete sie. »Duroc!«, rief er.
    Duroc erschien.
    »Sorgen Sie dafür«, sagte Bonaparte, »dass sich Monsieur Cadoudal und seine zwei Freunde in Paris so ungehindert bewegen können wie in ihrem Feldlager in Muzillac; und wenn sie Pässe für irgendein Land haben wollen, hat Fouché Ordre, sie ihnen auszustellen.«
    »Ihr Wort genügt mir, Citoyen Erster Konsul«, sagte Cadoudal mit einer Verneigung. »Ich werde heute Abend aufbrechen.«
    »Darf man fragen, wohin?«
    »Nach London, General.«
    »Umso besser.«
    »Warum umso besser?«
    »Weil Sie dort die Menschen, für die Sie gekämpft haben, aus größter Nähe erleben werden.«
    »Und?«
    »Und wenn Sie sie erlebt haben werden -«
    »Was dann?«
    »Dann werden Sie sie mit jenen vergleichen, gegen die Sie gekämpft haben. Doch sobald Sie Frankreich einmal verlassen haben, Oberst -« Bonaparte hielt inne.
    »Ich höre«, sagte Cadoudal.
    »Nun denn! Kehren Sie nur zurück, wenn Sie mich vorher davon verständigt haben, denn sonst muss ich Sie als Gegner behandeln.«
    »Das wäre mir eine Ehre, General, denn damit würden Sie mir zeigen, dass ich jemand bin, den man fürchten muss.«
    Georges salutierte und verließ den Ersten Konsul.
    Am nächsten Tag stand in der Zeitung zu lesen:

    Im Anschluss an die Audienz, die der Erste Konsul Georges Cadoudal gewährt hat, bat Letzterer um die Erlaubnis, sich als freier Mann nach England zurückzuziehen.
    Diese Erlaubnis wurde ihm unter der Bedingung gewährt, dass er nur mit regierungsseitiger Genehmigung nach Frankreich zurückkehren wird.
    Georges Cadoudal hat sein Wort gegeben, alle Rebellenführer, die auf seiner Seite gekämpft haben, von ihrem Eid zu entbinden, der durch seine Unterwerfung gegenstandslos geworden ist.
    Und wahrhaftig schrieb Georges noch am Abend seines Gesprächs mit dem Ersten Konsul in alle Gegenden Frankreichs, in denen er Vertraute besaß:

    Da ein fortwährender Krieg mir Frankreich ins Unglück zu stürzen und mein Land zu zerstören schien, entbinde ich Euch von dem Treueschwur, den Ihr geleistet habt und auf den ich mich nur dann erneut berufen würde, wenn die französische Regierung das Wort bräche, das sie mir gegeben hat und das ich in Eurem Namen wie in meinem Namen angenommen habe.
    Sollte sich hinter einem geheuchelten Frieden Verrat verbergen, würde ich abermals an Eure Treue appellieren, und auf Eure Treue, das weiß ich mit Gewissheit, wäre Verlass.
    GEORGES CADOUDAL
    Den Namen jedes einzelnen Vertrauten und Anführers schrieb Cadoudal wie das ganze Rundschreiben mit eigener Hand.

9
Zwei Waffenbrüder

    Während sich im Salon Ludwigs XIV. diese bemerkenswerte Begegnung ereignete, zog Joséphine im Wissen, dass Bourrienne allein war, ihren Morgenmantel an, wischte sich die geröteten Augen, puderte sich das Gesicht dick mit Reispuder, schlüpfte in die türkischen Pantoffeln aus himmelblauem Samt mit Goldstickerei und stieg schnell die Treppe hinauf, die von ihrem Schlafzimmer in die Privatkapelle der Maria von Medici führte.
    Vor der Tür des Kabinetts blieb sie stehen und presste beide Hände auf ihr Herz; mit ihren anmutigen Augen sah sie sich vorsichtig um, und als sie sich überzeugt hatte, dass Bourrienne tatsächlich ganz allein war, durchquerte sie mit lautlosen Trippelschritten das Kabinett und legte ihm die Hand auf die Schulter.
    Der Sekretär drehte sich lächelnd um, denn an der leichten Berührung erkannte er, wem die Hand gehörte.
    »Und?«, fragte Joséphine. »War er sehr zornig?«
    »Nun«, sagte Bourrienne, »ich muss gestehen, dass es ein gewaltiger Gewittersturm war, nur ohne Regen. Aber mit Donner und Blitzen wurde nicht gespart.«
    »Und«, fragte Joséphine ungeduldig, denn darauf richtete sich ihr ganzes Interesse, »wird er zahlen?«
    »Ja.«
    »Hat er Ihnen die sechshunderttausend Francs gegeben?«
    »Das hat er«, sagte Bourrienne.
    Joséphine klatschte in die Hände wie ein Kind, dem man eine Strafe erlässt.
    »Aber in Zukunft«, fügte Bourrienne hinzu, »machen Sie um Himmels willen keine Schulden mehr oder wenigstens vernünftige Schulden.«
    »Was verstehen Sie unter ›vernünftigen Schulden‹, Bourrienne?«, fragte Joséphine.
    »Wie soll ich das wissen? Am besten wäre es, nie wieder welche zu machen.«
    »Sie wissen, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, Bourrienne«, erwiderte Joséphine im Brustton der Überzeugung.
    »Machen Sie Schulden von fünfzigtausend, von hunderttausend Francs.«
    »Aber Bourrienne, wenn meine jetzigen Schulden bezahlt sind – und Sie haben durchblicken lassen, Sie könnten mit den sechshunderttausend Francs alle Schulden bezahlen -«
    »Ja, was dann?«
    »Ja, dann! Dann werden die Lieferanten mir wieder Kredit gewähren.«
    »Und er?«
    »Er?«
    »Der Erste Konsul hat beteuert, es sei das letzte Mal gewesen, dass er für Ihre Schulden aufkommt.«
    »Das hat er letztes Jahr auch gesagt, Bourrienne«, sagte Joséphine mit ihrem bezaubernden Lächeln.
    Bourrienne sah sie entgeistert an. »Ich bin sprachlos«, sagte er, »Sie machen mir Angst. Zwei oder drei Jahre Frieden, und die paar armseligen Millionen, die wir aus Italien mitgebracht haben, werden dahin sein. In der Zwischenzeit will ich Ihnen wenigstens einen guten Rat geben, und zwar den, ein bisschen Zeit vergehen zu lassen, damit seine schlechte Laune sich verflüchtigen kann, bevor Sie ihm wieder unter die Augen treten.«
    »Ach! Du lieber Himmel! Sie haben völlig recht – umso mehr, als ich heute Vormittag mit einer Landsmännin aus den Kolonien verabredet bin, einer Freundin meiner Familie, der Gräfin von Sourdis mit ihrer Tochter, und nichts wäre abscheulicher, als wenn er seinem Zorn freien Lauf ließe vor diesen Damen, die ich in der eleganten Welt kennengelernt habe und die zum ersten Mal in den Tuilerienpalast kommen.«
    »Was gäben Sie dafür, wenn ich ihn hier festhielte, auch zum Mittagessen, und ihn erst zum Diner zu Ihnen ließe?«
    »Was Sie nur wollen, Bourrienne.«
    »Nun gut. Greifen Sie zu Feder und Papier, und schreiben Sie mit Ihrer hübschen kleinen Schrift...«
    »Was?«
    »Schreiben Sie!«
    Joséphine setzte die Feder auf das Papier.
    »Ich ermächtige Bourrienne, all meine Rechnungen aus dem Jahr 1800 zu begleichen und nach eigenem Ermessen die Rechnungsbeträge um die Hälfte oder sogar um zwei Drittel zu verringern.«
    »Getan!«
    »Datieren Sie es.«
    »19. Februar 1801.«
    »Und unterzeichnen Sie es.«
    »Joséphine Bonaparte. Ist es so richtig?«
    »Ausgezeichnet. Und jetzt gehen Sie, kleiden Sie sich an und empfangen Sie Ihre Freundin; der Erste Konsul wird Sie nicht stören.«
    »Bourrienne, Sie sind wahrhaftig ein reizender Mensch.«
    Und sie reichte ihm die Spitze ihrer Fingernägel zum Handkuss.
    Bourrienne küsste ehrerbietig die dargebotenen Krallen und klingelte nach dem Bürodiener, der an der Schwelle des Kabinetts erschien.
    »Landoire«, sagte Bourrienne, »sagen Sie dem Hausdiener, dass der Erste Konsul heute in seinem Kabinett zu Mittag speisen wird. Er soll den Beistelltisch und zwei Gedecke bringen lassen; wir werden ihn benachrichtigen, wenn aufgetragen werden soll.«
    »Und wer wird mit dem Ersten Konsul speisen, Bourrienne?«, fragte Joséphine neugierig.
    »Das muss Sie nicht kümmern, solange es jemand ist, der ihn in gute Laune versetzt.«
    »Aber wer ist es?«
    »Wäre Ihnen lieber, er speiste mit Ihnen zu Mittag?«
    »O nein, Bourrienne, o nein!«, rief Joséphine. »Er soll speisen, mit wem er will, und sich erst zum Diner blicken lassen.«
    Damit entschwand sie. Eine Gazewolke rauschte vorbei, und Bourrienne war allein.
    Zehn Minuten darauf wurde die Tür des Paradeschlafzimmers geöffnet, und der Erste Konsul kam zurück.
    Er trat zu Bourrienne und stemmte die Fäuste auf den Schreibtisch seines Sekretärs.
    »Wohlan, Bourrienne«, sagte er, »jetzt habe ich den berühmten Georges mit eigenen Augen gesehen.«
    »Und welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?«
    »Er ist einer der alten Bretonen aus der niederbretonischen Bretagne«, sagte er, »aus dem gleichen Granit gehauen wie ihre Menhire und Dolmen, und ich müsste mich sehr täuschen, sollte ich nicht noch mit ihm zu tun haben. Er kennt keine Furcht und hat keine Wünsche. Solche Männer sind zum Fürchten, Bourrienne.«
    »Zum Glück sind sie selten«, erwiderte sein Sekretär lachend. »Sie werden es am besten wissen, denn Sie haben genug Maulhelden und Windfahnen erlebt.«
    »Apropos Windfahne, hast du Joséphine gesehen?«
    »Kurz bevor Sie kamen.«
    »Ist sie zufrieden?«
    »Ein Stein von der Größe Montmartres ist ihr von der Seele genommen.«
    »Warum hat sie nicht auf mich gewartet?«
    »Sie hat sich vor einer Strafpredigt gefürchtet.«
    »Bah! Sie weiß, dass ihr die nicht erspart bleibt.«
    »Ja, aber wenn man bei Ihnen Zeit gewinnt, hat man Aussicht auf gute Laune. Außerdem erwartete sie um elf Uhr eine Dame aus ihrem Freundeskreis.«
    »Wer ist es?«
    »Eine Kreolin aus Martinique.«
    »Und sie heißt?«
    »Gräfin von Sourdis.«
    »Und wer sind diese Sourdis? Kennt man den Namen?«
    »Das fragen Sie mich?«
    »Gewiss doch. Kannst du etwa nicht das französische Adelsbuch auswendig aufsagen?«
    »Nun gut! Es ist eine Familie mit sowohl ausgesprochen klerikaler als auch militärischer Ausrichtung, die sich bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. An dem französischen Vorstoß nach Neapel war, wenn ich mich recht erinnere, ein Graf von Sourdis beteiligt, der in der Schlacht von Garigliano wahre Heldentaten vollbrachte.«
    »Die der Ritter Bayard so vollendet verlor.«
    »Was halten Sie von dem Ritter ohne Furcht und Tadel?«
    »Dass er seinen Namen verdient hat und gestorben ist, wie zu sterben der Wunsch jedes Soldaten sein sollte; aber ich habe keine hohe Meinung von all diesen tapferen Schwertfechtern: Als Generäle waren sie nichts wert. Franz I. war bei Pavia ein Dummkopf und bei Marignan ein Zauderer. Aber kehren wir zu den Sourdis zurück.«
    »Gut. Unter Heinrich IV. gibt es eine Äbtissin von Sourdis, in deren Armen Gabrielle stirbt; sie war Parteigängerin der d’Estrées. Außerdem gibt es einen Grafen von Sourdis, Regimentsoberst unter Ludwig XV., der in der leichten Kavallerie bei Fontenoy große Tapferkeit bewiesen hat. Danach verliere ich sie in Frankreich aus den Augen; wahrscheinlich sind sie nach Amerika ausgewandert. In Paris haben sie das alte Stadtpalais Sourdis hinterlassen, das im Marais zwischen der Rue d’Orléans und der Rue d’Anjou liegt, und die Sackgasse Sourdis, die von der Rue des Fossés-Saint-Germain-l’Auxerrois abgeht. Wenn ich mich nicht täusche, hat unsere Gräfin von Sourdis, die, nebenbei gesagt, sehr reich ist, vor Kurzem das schöne Stadtpalais am Quai Voltaire als Wohnsitz erworben, das man von der Rue Bourbon aus betritt und das Sie aus den Fenstern des Pavillon Marsan sehen können.«
    »Bravo! Solche Antworten lasse ich mir gefallen. Diese Sourdis scheinen mir nach Madames Faubourg Saint-Germain zu tendieren.«
    »Aber nicht allzusehr. Sie sind sehr eng mit Doktor Cabanis verwandt, der, wie Sie wissen, unsere politischen Ansichten teilt. Er ist sogar Taufpate des jungen Fräuleins.«
    »Aha! Das rückt die Sache in ein etwas besseres Licht. Diese ganzen Witwen von Stande aus dem Faubourg Saint-Germain sind ein schlechter Umgang für Joséphine.«
    In diesem Augenblick drehte er sich um und erblickte den Tisch. »Habe ich gesagt, dass ich hier zu Mittag speisen will?«, fragte er gebieterisch.
    »Nein«, erwiderte Bourrienne, »ich dachte mir nur, es wäre heute besser so.«
    »Und wer erweist mir die Ehre, mit mir zu speisen?«
    »Jemand, den ich eingeladen habe.«
    »Angesichts der Laune, in der ich mich vorhin befand, hätten Sie sich ziemlich sicher sein müssen, dass dieser Jemand mir nicht ungelegen kommt.«
    »Ich war mir dessen völlig sicher.«
    »Und wer ist es?«
    »Jemand, der von sehr weit her kommt und gerade ankam, als Sie im Salon Georges empfingen.«
    »Ich hatte keine andere Audienz als die mit Georges.«
    »Der betreffende Jemand ist ohne Audienz gekommen.«
    »Sie wissen, dass ich niemanden ohne Anmeldung empfange.«
    »Diesen Jemand werden Sie empfangen.«
    Bourrienne stand auf, trat an den Schreibtisch der Offiziere und sagte nur die vier Worte: »Der Erste Konsul ist da.«
    Bei diesen Worten sprang ein junger Mann mit einem Satz in das Kabinett des Ersten Konsuls; kaum fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt, trug er die Dienstuniform eines Generals.
    »Junot!«, rief Bonaparte voller Freude. »Zum Henker, Bourrienne, du hattest recht, dass der hier keine Anmeldung braucht, um empfangen zu werden! Her mit dir, Junot!«
    Und als der junge General Bonapartes Hand ergreifen wollte, um sie zu küssen, breitete der Erste Konsul die Arme aus und drückte ihn an sein Herz.  

    Unter den jungen Offizieren, die ihm ihren Aufstieg verdankten, schätzte Bonaparte Junot ganz besonders. Kennengelernt hatten sie sich bei der Belagerung von Toulon.
    Bonaparte hatte damals die Batterie von Sansculotten befehligt. Er verlangte jemanden mit schöner Handschrift. Junot trat vor und stellte sich vor.
    »Setz dich da drüben hin«, sagte Bonaparte und deutete auf die Schulterwehr der Batterie, »und schreibe, was ich dir diktiere.«
    Junot gehorchte. Als er den Brief beendete, explodierte eine von den Engländern geworfene Bombe zehn Fuß von ihm entfernt und hüllte ihn in Staub.
    »Schon gut«, sagte Junot lachend, »das kommt uns zupass, auf diese Weise sparen wir uns den Streusand für die Tinte.«
    Diese Worte entschieden sein Schicksal.
    »Willst du bei mir bleiben?«, fragte ihn Bonaparte. »Ich sorge für dich.«
    »Mit Vergnügen«, erwiderte Junot.
    Beide hatten einander instinktiv erkannt.
    Als Bonaparte zum General ernannt wurde, beförderte er Junot zu seinem Aide de Camp.
    Als Bonaparte aus dem Dienst entlassen war, hatten die zwei jungen Männer ihr trauriges Los geteilt und von den zwei-, dreihundert Francs gelebt, die Junot monatlich von seiner Familie erhielt.
    Nach dem 13. Vendémiaire hatte Bonaparte zwei weitere Aides de Camp, Muiron und Marmont, doch Junot blieb sein Liebling.
    In der Funktion eines Generals nahm Junot an dem Äyptenfeldzug teil. Damals musste er sich zu seinem großen Bedauern von Bonaparte trennen. Bei der Schlacht von Foli tat er sich durch wahren Heldenmut hervor, und mit einem einzigen Pistolenschuss tötete er den Anführer der gegnerischen Armee. Als Bonaparte Ägypten verließ, schrieb er ihm:

    Ich verlasse Ägypten, mein lieber Junot, und kann Dich nicht mitnehmen, weil Du uns nicht rechtzeitig erreichen würdest, bevor wir in See stechen. Ich hinterlasse Kléber jedoch die Ordre, Dich im Lauf des Monats Oktober nachzuschicken. Wo und in welcher Position ich mich auch befinden werde – verlasse Dich darauf, dass ich Dir die herzliche Freundschaft, die ich für Dich empfinde, handfest beweisen werde.
    Mit freundschaftlichem Gruß, Dein
    BONAPARTE
    Bei der Rückkehr auf einem heruntergekommenen Transportschiff war Junot den Engländern in die Hände gefallen, und seitdem hatte Bonaparte nichts von ihm gehört.
    »Ach! Da bist du endlich!«, rief der Erste Konsul, der seine Freude über Junots unverhofftes Erscheinen kaum bezähmen konnte. »Du warst also so dumm, dich von den Engländern gefangen nehmen zu lassen! Aber wie konntest du auch fünf Monate vertrödeln, statt so schnell wie möglich aufzubrechen, wie ich es dir geraten hatte?«
    »Zum Henker! Weil Kléber mich festgehalten hat. Sie machen sich keine Vorstellung von seinen unermüdlichen Schikanen.«
    »Vermutlich wollte er verhindern, dass ich mich mit zu vielen Freunden umgebe. Ich wusste schon immer, dass er mich nicht mag, aber ich habe ihm nicht zugetraut, dass er seine Feindseligkeit auf so elende Weise offenbart. Kennst du seinen Brief an das Direktorium? Nun, jedenfalls«, fügte Bonaparte mit frommem Augenaufschlag hinzu, »hat sein tragisches Ende all das aufgewogen, und Frankreich und ich haben in ihm einen großen Verlust zu beklagen. Ein unersetzlicher Verlust aber ist der Verlust von Desaix, mein Freund, ach! Desaix! Ein Unglück, wie es Nationen heimsuchen kann.«
    Bonaparte wanderte eine Weile wortlos, ganz in seinen Schmerz versunken, auf und ab, um dann brüsk vor Junot stehen zu bleiben. »Und jetzt, was willst du jetzt tun? Ich habe dir gesagt, dass ich dir meine Freundschaft beweisen werde, wenn ich mich dazu in der Lage befinde. Was für Pläne hast du? Willst du wieder dienen?«
    Und indem er ihn verstohlen beobachtete, sagte er mit gespielter Leutseligkeit: »Würde es dir gefallen, zur Rheinarmee abkommandiert zu werden?«
    Röte färbte Junots Wangen. »Wollen Sie mich schon loswerden?«, fragte er, fuhr aber nach einem Augenblick fort: »Wenn Sie es befehlen, werde ich hingehen und General Moreau zeigen, dass die Offiziere der Italienarmee ihr Handwerk in Ägypten nicht verlernt haben.«
    »Schon gut!«, sagte der Erste Konsul lachend. »Nicht so stürmisch, mein Freund! Seien Sie unbesorgt, Monsieur Junot, Sie werden mich nicht verlassen; General Moreau schätze ich sehr, doch nicht so sehr, dass ich ihm meine besten Freunde zum Geschenk machen würde«, und in ernsthafterem Ton und mit leicht gerunzelter Stirn fuhr er fort: »Junot, ich werde dich zum Kommandanten von Paris ernennen. Das ist ein Vertrauensposten, ganz besonders zum gegenwärtigen Zeitpunkt, und eine bessere Wahl könnte ich nicht treffen. Aber« – er sah sich um, als befürchte er, man könne ihn belauschen – »du musst gut überlegen, bevor du ja sagst; wir müssen dich um zehn Jahre älter machen, denn der Kommandant von Paris muss mir treu ergeben sein und zugleich von höchster Vorsicht und größter Aufmerksamkeit für alles, was meine Sicherheit betrifft.«
    »Oh, mein General«, rief Junot, »in dieser Hinsicht -«
    »Halt den Mund oder sprich leiser«, sagte Bonaparte. »Wie gesagt, es geht um meine Sicherheit. Gefahren lauern allerorten. Wäre ich noch General Bonaparte, der sich in Paris mehr oder weniger durchschlägt, vor oder sogar nach dem 13. Vendémiaire, dann wäre mir nicht bange und ich könnte ihnen die Stirn bieten, denn dann wäre mein Leben meine Angelegenheit und so viel wert, wie ich befände, also nicht allzu viel. Aber jetzt bin ich nicht länger mein eigener Herr. Das kann ich nur einem Freund anvertrauen, Junot: Mein Schicksal wurde mir enthüllt, und es ist eng verbunden mit dem einer großen Nation; aus diesem Grund ist mein Leben in Gefahr. Den Mächten, die Frankreich besetzen und unter sich aufteilen wollen, bin ich bei ihrem Vorhaben im Weg.«
    Nachdenklich verharrte er für einen Augenblick und fuhr sich dann mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen unwillkommenen Gedanken verscheuchen. Mit der geistigen Beweglichkeit, die ihn zwanzig verschiedene Dinge gleichzeitig angehen ließ, sagte er dann unvermittelt: »Ich ernenne dich also zum Kommandanten von Paris; aber dafür musst du heiraten, das erfordert nicht nur die Würde des Amtes, das du ausfüllen wirst, es ist auch in deinem eigenen Interesse. Apropos – achte darauf, unbedingt eine vermögende Frau zu finden.«
    »Ja, aber gefallen soll sie mir auch. Was tun? Erbinnen sind samt und sonders so hässlich wie die Sünde.«
    »Nun, dann mach dich heute noch an die Arbeit, denn von heute an wirst du Kommandant von Paris sein. Suche dir ein passendes Haus, nicht zu weit vom Tuilerienpalast entfernt, damit ich dich rufen lassen kann, wenn ich dich brauche; sieh dich um und triff deine Wahl unter den Damen aus Joséphines und Hortenses Umgebung. Ich würde dir Hortense geben, aber sie scheint in Duroc verliebt zu sein, und ich will ihrer Neigung keinen Zwang antun.«
    »Es ist serviert für den Ersten Konsul!«, sagte der Diener und brachte das Tablett.
    »Setzen wir uns zu Tisch«, sagte Bonaparte. »Möge in acht Tagen das Haus gefunden und die Frau ausgewählt sein!«
    »General«, sagte Junot, »mit den acht Tagen für das Haus bin ich einverstanden, aber für die Frau will ich fünfzehn Tage haben.«
    »Gewährt«, sagte Bonaparte.

10
Zwei junge Mädchen

    Im gleichen Augenblick, in dem die zwei Waffenbrüder sich zu Tisch begaben, wurden Madame Bonaparte die Gräfin von Sourdis und Mademoiselle Claire de Sourdis angekündigt.
    Die Damen umarmten einander und bildeten für einen Moment ein elegantes Ensemble, indem sie sich, wie in der feinen Welt üblich, über tausenderlei Kleinigkeiten von ihrem Wohlergehen bis zum Wetter austauschten. Dann ließ Madame Bonaparte Madame Sourdis auf einer Chaiselongue neben sich Platz nehmen, während Hortense Claire entführte, die in ihrem Alter war, um ihr den Palast zu zeigen, den sie noch nicht kannte.
    Die zwei jungen Mädchen bildeten einen reizenden Kontrast: Hortense war frisch wie eine Blume, samtig wie ein Pfirsich, mit goldenem Haar, das ihr gelöst bis zu den Knien reichte, Arme und Hände ein wenig mager, wie so oft bei jungen Mädchen, bevor die Natur letzte Hand an sie legt und sie zur Frau macht; in ihrer anmutigen Gestalt vereinigte sich französische Lebhaftigkeit mit kreolischer morbidezza, und blaue Augen von unendlicher Sanftmut vollendeten den liebreizenden Gesamteindruck.
    Ihre Gefährtin stand ihr an Anmut und Schönheit in nichts nach; wie Hortense war auch sie Kreolin, von gleichem Liebreiz, jedoch von andersgearteter Schönheit. Claire war größer als ihre Freundin und hatte den samtigen Teint, mit dem die Natur ihre bevorzugten Schönheiten in Mittelmeerländern begünstigt, saphirblaue Augen, ebenholzschwarzes Haar, eine Taille, die man mit zwei Händen umspannen konnte, und entzückend kleine Hände und Füße.
    Beide hatten eine hervorragende Erziehung genossen. Hortenses Erziehung war nach der Unterbrechung durch die erzwungene Lehrzeit und seit der Entlassung ihrer Mutter aus dem Gefängnis mit so wachem Verstand und unermüdlichem Fleiß fortgesetzt worden, dass von der Unterbrechung nichts zu merken war. Sie zeichnete gefällig, spielte ausgezeichnet Klavier und komponierte und verfasste Romanzen, von denen einige bis in unsere Tage überlebt haben, da sie ihre Beliebtheit nicht dem sozialen Rang der Verfasserin verdanken, sondern ihrem künstlerischen Wert.
    Beide malten, beide musizierten, beide sprachen mehrere Fremdsprachen.
    Hortense zeigte Claire ihr Atelier, ihre Kreidezeichnungen, ihr Musikzimmer, ihre Voliere.
    Dann setzten sie sich in ein kleines, von Redouté ausgemaltes Boudoir neben der Voliere.
    Das Gespräch kam auf die Abendgesellschaften, die zu jener Zeit prachtvoller denn je wiederauflebten, auf die Bälle, die voller Begeisterung besucht wurden, auf die schönen Tänzer – Monsieur de Trénis, Monsieur Laffitte, Monsieur d’Almivar, die zwei Messieurs de Caulaincourt. Beide beklagten bitter, dass sie auf den Bällen genötigt waren, mindestens eine Gavotte und ein Menuett zu tanzen. Und wie von allein kam es zu dem Austausch zweier Fragen.
    Hortense fragte: »Kennen Sie den Citoyen Duroc, Aide de Camp bei meinem Stiefvater?« Und Claire fragte: »Begegnen Sie bisweilen dem Citoyen Hector de Sainte-Hermine?«
    Claire kannte Duroc nicht, Hortense nicht Hector.
    Hortense wäre fast in Versuchung geraten zu gestehen, dass sie Duroc liebte, denn ihr Stiefvater, der Duroc sehr schätzte, ermutigte diese Liebschaft.
    In der Tat zählte Duroc zu jenen bezaubernden Generälen, die im Tuilerienpalast zu jener Zeit wie in einer Pflanzschule gediehen. Er war keine achtundzwanzig Jahre alt, von äußerst vornehmem Auftreten, mit großen, leicht hervorstehenden Augen, von überdurchschnittlicher Körpergröße und schlanker, eleganter Gestalt.
    Ein Schatten aber lag über dieser Liebe: Bonaparte ermutigte sie, Joséphine hingegen begünstigte eine andere Verbindung. Joséphine wollte Hortense mit einem der jüngeren Brüder Bonapartes verheiraten, mit Louis.  

    Joséphine hatte in Bonapartes Familie zwei geschworene Feinde, Joseph und Lucien, deren Interesse an Joséphines Betragen weit über jede Indiskretion hinausging. Fast wäre es ihnen gelungen, Bonaparte nach seiner Rückkehr aus Ägypten zu einer Trennung von ihr zu bewegen. Sie drängten ihn ständig, sich scheiden zu lassen, unter dem Vorwand, ein männlicher Erbe sei für Bonapartes ehrgeizige Ziele unerlässlich, und sie hatten umso leichteres Spiel, als sie damit allem Anschein nach gegen ihre eigenen Interessen handelten.
    Joseph und Lucien waren verheiratet, Joseph ehrbar und schicklich. Er hatte die Tochter eines Monsieur Clary geehelicht, eines reichen Händlers aus Marseille, und war so zum Schwager Bernadottes geworden. Eine dritte Tochter war noch zu vergeben gewesen, reizender sogar als ihre Schwestern, und Bonaparte hielt um ihre Hand an. »Meiner Treu, nein«, hatte der Vater gesagt, »ein Bonaparte in der Familie genügt mir.« Hätte er eingewilligt, wäre der ehrbare Händler aus Marseille eines schönen Tages Schwiegervater eines Kaisers und zweier Könige gewesen.
    Lucien hingegen war eine Ehe eingegangen, wie man sie in der Gesellschaft als unausgewogen zu bezeichnen pflegte. 1774 oder 1795, als Bonaparte nur dafür berühmt war, Toulon erobert zu haben, wurde Lucien zum Magazinverwalter des Dörfchens Saint-Maximin ernannt. Als echter Republikaner, der sich selbst Brutus getauft hatte, konnte Lucien auf keinen Fall gestatten, dass ein Heiliger sich in seiner Umgebung aufhielt, und folglich hatte er Saint-Maximin analog zu sich selbst umgetauft, und zwar in Marathon.
    Citoyen Brutus, wohnhaft in Marathon, das klang gut.
    Miltiades hätte besser gepasst, aber als Lucien sich Brutus nannte, konnte er noch nicht ahnen, dass es ihn nach Saint-Maximin verschlagen würde.
    Lucien-Brutus wohnte im einzigen Hotel von Saint-Maximin-Marathon. Dieses Hotel führte ein Mann, dem es niemals in den Sinn gekommen wäre, seinen Namen zu ändern, und der sich weiterhin Constant Boyer nannte.
    Boyer hatte eine Tochter, ein bezauberndes Geschöpf namens Christine; es kommt vor, dass solche Blumen auf Misthaufen erblühen, solche Perlen sich im Kehricht finden.
    In Saint-Maximin-Marathon gab es weder Unterhaltung noch Gesellschaft, doch weder das eine noch das andere entbehrte Lucien-Brutus, denn Christine Boyer ersetzte ihm beides.
    Sie war jedoch ebenso klug wie schön; es gab keine Möglichkeit, sie zur Geliebten zu machen, und in einem Augenblick der Liebe und des Verdrusses heiratete Lucien sie, und Christine Boyer wurde nicht zu Christine Brutus, sondern zu Christine Bonaparte.
    Der General des 13. Vendémiaire, der über seine Zukunft allmählich klar sah, war außer sich vor Zorn. Er schwor, dem Ehemann niemals zu verzeihen, die Ehefrau niemals kennenzulernen, und schickte das Paar nach Deutschland, wo er Lucien eine bescheidene Position gab.
    Später wurde er milder, empfing die Ehefrau und hatte nichts dagegen, seinen Bruder Lucien-Brutus, der nunmehr Lucien-Antoine hieß, anlässlich des 18. Brumaire wieder in die Arme zu schließen.  

    Diese Brüder Bonapartes waren wie gesagt Joséphines Erzfeinde, weshalb sie Louis auf ihre Seite ziehen und als Bollwerk gegen die anderen benutzen wollte, indem sie ihn mit Hortense verheiratete.
    Hortense wehrte sich gegen dieses Vorhaben mit aller Macht. Louis war zu jener Zeit ein hübscher junger Mann mit sanftem Blick und freundlichem Lächeln; er glich seiner Schwester Caroline, die vor Kurzem Murat geheiratet hatte, und war fast noch ein Kind mit seinen knapp zwanzig Jahren. Er liebte Hortense nicht, er verabscheute sie nicht, sondern tat, was man ihn hieß.
    Hortense wiederum verabscheute nicht Louis, sondern liebte Duroc.
    Was sie Claire de Sourdis anvertraute, machte dieser Mut, sich ihr ebenfalls zu öffnen. Leider hatte sie nicht viel zu erzählen.
    Sie liebte, wenn man es so nennen will – besser gesagt, sie schwärmte für einen schönen jungen Mann von drei- oder vierundzwanzig Jahren. Er war blond, hatte schöne schwarze Augen, für einen Mann etwas zu ebenmäßige Züge, kleine Hände und Füße wie eine Frau und war alles in allem so vollendet beschaffen, von solcher Harmonie und Ausgewogenheit, dass man wohl ahnen konnte, dass diese dem Anschein nach so zerbrechliche Hülle geradezu herkulische Kräfte barg: Zu einer Zeit, als Chateaubriand und Byron noch nicht den Typus eines René oder Manfred in Mode gebracht hatten, war die bleiche Stirn des jungen Hector von einem seltsam schwermütig stimmenden Schicksal gezeichnet, denn in seiner Familie wurde von schrecklichen Überlieferungen gemurmelt, über die niemand Genaueres wusste und die sich hinter dem jungen Mann abzeichneten wie Blutspuren, obwohl er noch nie übertriebene Trauer um jene Verwandten bezeigt hatte, die der Republik zum Opfer gefallen waren, und auf jenen Bällen und geselligen Veranstaltungen, die den Grimm der Verstorbenen besänftigen sollten, noch nie seinen Schmerz und Kummer zur Schau gestellt hatte. Zudem hatte er es nicht nötig, durch exzentrisches Gebaren Blicke auf sich zu ziehen, wenn er sich in Gesellschaft begab, denn wie von allein hefteten sich aller Blicke auf ihn. Nie war es seinen Gefährten – nicht unbedingt im Vergnügen, sondern eher Jagd- und Reisegefährten – gelungen, ihn zu einer der Unternehmungen junger Leute zu verlocken, auf die sich selbst die Sprödesten wenigstens einmal im Leben einlassen, und niemand konnte sich entsinnen, ihn jemals auch nur lächeln gesehen zu haben, geschweige denn offen und fröhlich lachen.
    Früher einmal waren die Sainte-Hermines den Sourdis verwandtschaftlich verbunden gewesen, und wie es in großen Häusern üblich ist, war die Erinnerung an diese Verbindung beiden Familien teuer geblieben. Und so hatte der junge Sainte-Hermine, wenn er sich zufällig in Paris aufhielt, es nie versäumt, Madame de Sourdis nach ihrer Rückkehr aus den Kolonien einen förmlichen Höflichkeitsbesuch abzustatten.
    Seit einigen Monaten begegneten die jungen Leute einander in der Gesellschaft, doch außer Grüßen, wie die Etikette sie verlangte, hatten sie keine weiteren Worte gewechselt, und die knappen Begrüßungen wurden insbesondere seitens des jungen Mannes mit auffallender Nüchternheit geäußert. Blieben die Münder auch stumm, hatten die Augen doch umso beredter gesprochen. Hector hatte seine Blicke nicht annähernd so im Zaum wie seine Worte, und jedes Mal wenn er Claire begegnete, sagten seine Blicke ihr, wie schön und wie begehrenswert sie ihm erschien.
    Bei den ersten Begegnungen hatten diese seelenvollen Blicke Claire im Innersten berührt, und da Sainte-Hermine ihr als vollendeter Kavalier erschien, hatte sie unwillkürlich begonnen, ihn ebenfalls selbstvergessen zu betrachten; dann hatte sie gehofft, er werde beim ersten Ball mit ihr tanzen und ein Wort oder Händedruck werde seinen so sprechenden Blicken zu Hilfe kommen. Doch merkwürdigerweise und für diese Zeit ungewöhnlicherweise war Sainte-Hermine, dieser elegante Kavalier, der sich mit Saint-Georges im Kampf übte, der mit Pistolen schoss wie Junot oder Fournier, kein Tänzer.
    Dies war eine weitere Besonderheit neben all den anderen; auf den Bällen, die er besuchte, stand Sainte-Hermine kühl und unbewegt in einer Fensternische oder in einer Ecke des Salons, Gegenstand der Verwunderung aller tanzwütigen jungen Leute, die sich fragten, welches Gelübde ihnen einen so eleganten Tänzer vorenthalten mochte, der immer mit so vollendetem Geschmack nach der neuesten Mode gekleidet war.
    Noch unverständlicher war Claire die halsstarrige Zurückhaltung des Grafen von Sainte-Hermine ihr gegenüber, zumal ihre Mutter den jungen Mann ganz besonders ins Herz geschlossen zu haben schien und nur Gutes über seine von der Revolution dezimierte Familie und über ihn selbst zu sagen hatte. Geld konnte kein Hindernis für eine Ehe zwischen ihnen sein. Beide waren Einzelkinder, und ihrer beider Vermögen waren ungefähr gleich groß.
    Man kann sich denken, welchen Eindruck im Herzen dieses kreolischen jungen Mädchens eine solche Verbindung körperlicher und seelischer Eigenschaften bewirken musste, wie sie der geheimnisvolle schöne junge Mann besaß, dessen Bild Claires Erinnerung heimsuchte und im Begriff war, sich ihres Herzens zu bemächtigen.
    Hortense hatte ihre Wünsche und Hoffnungen schnell genug offenbart: Duroc zu heiraten, den sie liebte, und Louis Bonaparte, den sie nicht liebte, nicht zu heiraten – so war das Geheimnis beschaffen, das sie ihrer Freundin anzuvertrauen hatte, was sie in wenigen Worten auch tat. Claires romantische Schwärmerei war nicht so leicht abzutun. Ausführlich schilderte sie ihrer Freundin Hectors Erscheinung und drang in das Geheimnis, das ihn umgab, so weit vor, wie sie konnte; erst als ihre Mutter zweimal nach ihr gerufen hatte und sie bereits aufgestanden war und Hortense zum Abschied umarmt hatte, sagte sie – ganz im Stil Madame de Sévignés, die der Ansicht war, das Postskriptum sei der wichtigste Teil eines Briefes – gewissermaßen als Postskriptum und als komme ihr der Gedanke in ebendiesem Moment: »Apropos, liebe Hortense, ich vergaß, Sie etwas zu fragen.«
    »Und was?«
    »Es heißt, Madame de Permon werde einen großen Ball geben.«
    »Ja, Loulou hat mich mit ihrer Mutter besucht und hat uns persönlich eingeladen.«
    »Werden Sie hingehen?«
    »Aber gewiss.«
    »Meine liebe Hortense«, sagte Claire im allerzärtlichsten Ton, »ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.«
    »Um einen Gefallen?«
    »Ja. Können Sie mir und meiner Mutter eine Einladung verschaffen? Wäre das möglich?«
    »Aber sicherlich, das hoffe ich jedenfalls.«
    Claire tat vor Freude einen Luftsprung.
    »Oh, vielen Dank!«, sagte sie. »Wie werden Sie es anstellen?«
    »Ich könnte Loulou um eine Einladung bitten, aber ich will es lieber über Eugène bewerkstelligen, denn er ist mit dem Sohn Madame de Permons eng befreundet und wird ihn um alles bitten, was Sie verlangen können.«
    »Und ich werde zu dem Ball Madame de Permons eingeladen?«, rief Claire beglückt.
    »Gewiss«, erwiderte Hortense; dann sah sie ihre Freundin aufmerksam an und fragte: »Wird er hingehen?«
    Claire wurde kirschrot, senkte den Blick und flüsterte: »Ich glaube ja.«
    »Du zeigst ihn mir, nicht wahr?«, sagte Hortense, zum vertraulichen »Du« wechselnd.
    »Oh, du wirst ihn auch ohne Hilfe sofort erkennen, liebe Hortense! Habe ich dir nicht gesagt, dass man ihn in der größten Menschenmenge sofort bemerkt?«
    »Wie ich es bedaure, dass er nicht tanzt!«, sagte Hortense.
    »Und ich erst!«, seufzte Claire.
    Die zwei jungen Mädchen umarmten einander zum Abschied, wobei Claire Hortense ermahnte, ihre Einladung nicht zu vergessen.
    Drei Tage später erhielt Claire Sourdis das ersehnte Schreiben.

11
Der Ball bei Madame de Permon

    Der Ball, für den sich Mademoiselle Hortenses Freundin eine Einladung erbeten hatte, war das Stadtgespräch der vornehmen Pariser Kreise jener Tage. Madame de Permon hätte ein viermal so großes Haus wie das ihre benötigt, um alle empfangen zu können, die ihren Ehrgeiz dareingesetzt hatten, an ihrer Abendgesellschaft teilzunehmen; sie hatte mehr als hundert Herren und mehr als fünfzig Damen abschlägig bescheiden müssen, doch als gebürtige Korsin, seit frühester Kindheit mit allen Mitgliedern der Familie Bonaparte engstens befreundet, erfüllte sie bereitwillig Eugènes Bitte, so dass Mademoiselle de Sourdis und ihre Mutter zwei Eintrittskarten erhielten.
    Madame de Permon, deren Einladungen so begehrt waren, war trotz ihres bürgerlichen Namens eine der vornehmsten Damen der feinen Welt, denn sie stammte von den Comnènes ab, die Konstantinopel sechs Kaiser geschenkt hatten, Iraklion einen und Trabzon zehn.
    Ihr Vorfahre Constantin Comnène hatte auf der Flucht vor den Muselmanen zusammen mit dreitausend treuen und ergebenen Gefolgsleuten zuerst im Taygetos-Gebirge Zuflucht gesucht und danach in den Bergen Korsikas, wo er sich dauerhaft niederließ, nachdem er dem Senat von Genua das Gebiet von Paomina, von Salogna und von Revinda abgekauft hatte.
    Ungeachtet dieser kaiserlichen Herkunft hatte Mademoiselle de Comnène aus Liebe einen schönen Bürgerlichen namens Monsieur de Permon geheiratet, der vor zwei Jahren gestorben war und seine Witwe mit einem achtundzwanzigjährigen Sohn, einer vierzehnjährigen Tochter sowie zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Livres Rente zurückgelassen hatte.
    Madame de Permons vornehme Herkunft in Verbindung mit ihrer bürgerlichen Heirat öffnete ihren Salon sowohl der alten Aristokratie als auch der entstehenden Demokratie, die sich im Kriegshandwerk, in den Künsten und in den Wissenschaften hervortat und sich auf diesen Gebieten Namen schuf, die es bald mit den berühmtesten der alten Monarchie aufnehmen sollten. In diesem Salon begegnete man einem de Mouchy, einem de Montcalm, dem Fürsten von Chalais, den beiden Brüdern de Laigle, Charles und Just de Noailles, den Montaigus, den drei Rastignacs, dem Grafen von Caulaincourt und seinen Söhnen Armand und Auguste, Albert d’Orsay und den Montbretons. Ein Sainte-Aulaire und Talleyrand sah sich in Tuchfühlung mit einem Hoche, Rapp, Duroc, Trénis, Laffitte, Dupaty, Junot, Anisson oder Laborde.
    Mit ihren fünfundzwanzigtausend Livres Rente – einem Betrag, der heutigen fünfzigtausend Francs entspricht – konnte Madame de Permon sich eines der elegantesten und luxuriösesten Häuser von Paris leisten. Besonders verschwenderisch huldigte sie ihrer Vorliebe für Blumen und Pflanzen, ein damals wenig verbreiteter Geschmack. Das Haus glich einem wahren Treibhaus: Das Vestibül war mit Bäumen und Blumen so überreich ausstaffiert, dass von den Wänden nichts mehr zu sehen war, und zugleich so geschickt mit farbigem Glas beleuchtet, dass man sich in einem Feenpalast wähnte.
    Zu jener Zeit versammelte man sich, um nach Herzenslust zu tanzen, und deshalb begannen die Bälle zu früher Stunde. Um neun Uhr abends waren die Empfangsräume Madame de Permons hell erleuchtet und geöffnet; die Dame des Hauses, ihre Tochter Laure und ihr Sohn Albert erwarteten die Gäste im Salon.
    Madame de Permon, noch immer eine Schönheit, trug ein Kleid aus weißem Seidenkrepp, verziert mit doppelten Narzissenbüscheln. Das Kleid war im griechischen Stil geschnitten, an der Brust gekreuzt und an den Schultern mit zwei Diamantspangen gehalten; von Leroy in der Rue des Petits-Champs, dessen Kleider und Kopfbedeckungen besonders gefragt waren, hatte sie eine bauschige Toque aus weißem Krepp anfertigen lassen sowie Narzissenbüschel, ähnlich wie die an ihrem Kleid, die in ihrem jettschwarzen Haar steckten und aus den Falten der Toque hervorlugten. Vor sich hielt sie ein riesengroßes Bukett aus Narzissen und Veilchen, und als einzigen Schmuck trug sie an jedem Ohr einen Diamanten im Wert von fünfzehntausend Francs. Der Hut war von Leroy gefertigt und ihr von Charbonnier ins Haar drapiert, die Blumen stammten von Madame Roux, der hervorragendsten Pariser Floristin.
    Die Toilette ihrer Tochter Laure de Permon war auffallend schlicht, denn die Mutter war der Ansicht, dass das junge Mädchen mit seinen sechzehn Jahren im Haus der Eltern nur mit der eigenen Schönheit glänzen und keinesfalls versuchen dürfe, andere durch seine Toilette auszustechen; es trug ein Kleid aus rosa Taft von gleichem Schnitt wie das Kleid der Mutter, eine Krone aus weißen wilden Narzissen, weiße Wildnarzissen am Saum des Kleides, perlenbesetzte Spangen und Perlenohrringe.
    Doch die unangefochtene Schönheitskönigin dieser Abendgesellschaft, die nicht zuletzt zu Ehren der Familie Bonaparte gegeben wurde – sogar der Erste Konsul hatte versprochen zu kommen -, würde Madame Leclerc sein, Madame Laetitias Liebling und auch der ihres Bruders Bonaparte, wie es hieß; um ihren Auftritt besonders triumphal zu gestalten, hatte sie Madame de Permon gebeten, sich bei ihr ankleiden zu dürfen. Ihr Kleid war von Madame Germon geschneidert, der berühmte Friseur Charbonnier war bestellt worden und hatte bei dieser Gelegenheit auch Madame de Permon frisiert, und nun hielt Madame Leclerc sich bereit, um im richtigen Augenblick zu erscheinen: dann, wenn die Räume sich zu füllen beginnen, aber noch nicht allzu gefüllt sind.
    Einige der hübschesten Frauen wie Madame Méchin, Madame de Périgord und Madame Récamier waren bereits anwesend, als um halb zehn Madame Bonaparte, ihre Tochter und ihr Sohn angekündigt wurden. Madame de Permon erhob sich und durchschritt das Esszimmer bis zur Hälfte, was sie bis dahin für niemanden getan hatte.
    Joséphine trug eine Krone aus Mohnblüten und goldenen Ähren sowie ein weißes Kreppkleid mit ebensolcher Verzierung. Hortense war ebenfalls in Weiß gekleidet und trug Veilchen als einzigen Schmuck.
    Fast gleichzeitig kam die Gräfin von Sourdis mit ihrer Tochter – die Mutter in einer butterblumengelben Tunika mit Vergissmeinnichtschmuck, die Tochter mit griechischer Frisur und in einer golden und purpurn bestickten Tunika aus weißem Seidentaft.
    Es ist nicht zu leugnen, dass Claire in dieser Aufmachung ganz entzückend aussah und dass sich die goldenen und purpurnen Bänder in ihren schwarzen Haaren bezaubernd ausnahmen. Ihre schmale Taille umgürtete ein Strick aus goldenen und purpurnen Schnüren.
    Auf ein Zeichen seiner Schwester eilte Eugène de Beauharnais zu den Neuankömmlingen, ergriff die Gräfin von Sourdis an der Hand und geleitete sie zu Madame de Permon. Diese erhob sich und hieß Madame de Sourdis zu ihrer Linken Platz nehmen; zu ihrer Rechten saß Joséphine; Hortense hatte Claire den Arm gereicht und sich mit ihrer Freundin nicht weit von ihren Müttern gesetzt.
    »Und?«, fragte Hortense voller Neugier.
    »Er ist da«, sagte Claire, vor Aufregung bebend.
    »Wo?«, fragte Hortense noch neugieriger.
    »Dort drüben«, sagte Claire, »folge meinem Blick, dort, es ist der in dem granatfarbenen Samtrock mit den engen chamoisfarbenen Beinkleidern und den Ballschuhen mit kleinen Diamantschnallen; eine größere Schnalle, aber ganz ähnlich, steckt an dem Schmuckband seines Huts.«
    Hortenses Blick folgte Claires Blick.
    »Oh, du hast recht!«, sagte sie. »Er ist so schön wie ein Antinoos. Aber ich muss sagen, so melancholisch, wie du ihn geschildert hast, wirkt er ganz und gar nicht; ich habe sogar den Eindruck, dass er uns ausgesprochen gewinnend zulächelt, dein schöner trauriger Fremdling.«
    In der Tat zeigte die Miene des Grafen von Sainte-Hermine, der Mademoiselle de Sourdis seit ihrem Eintreten nicht aus den Augen verloren hatte, einen Ausdruck großer, stiller Freude, und als er sah, dass Claire und ihre Freundin den Blick auf ihn gerichtet hatten, trat er schüchtern, doch keineswegs linkisch auf sie zu und verneigte sich höflich.
    »Mademoiselle, hätten Sie die Güte«, sagte er zu Claire, »mir den ersten Reel oder die erste Anglaise zu gewähren, die Sie tanzen werden?«
    »Den ersten Reel, Monsieur, gewiss«, stammelte Claire, die kreidebleich geworden war, als der Graf sich genähert hatte, und die jetzt spürte, wie die Röte in ihre Wangen stieg.
    »Von Mademoiselle de Beauharnais«, fuhr Hector fort, der sich vor Hortense verbeugte, »erwarte ich nichts als die Worte aus ihrem Mund, die mir meinen Platz unter ihren zahlreichen Bewunderern zuweisen werden.«
    »Die erste Gavotte, Monsieur, wenn es Ihnen recht ist«, erwiderte Hortense, denn sie wusste, dass Duroc, im Übrigen ein gewandter Tänzer, keine Gavotte tanzte.
    Graf Hector entfernte sich nach einer dankenden Verneigung und schlenderte zu dem Zirkel um Madame de Contades, die soeben eingetroffen war und deren Schönheit und Toilette alle Blicke auf sich gezogen hatten. Im selben Augenblick ging ein Murmeln der Bewunderung durch den Raum, das verkündete, dass eine Rivalin ihr die Krone der Schönheit streitig zu machen gedachte; der Wettstreit war eröffnet, denn mit dem Tanzen würde bis zur Ankunft des Ersten Konsuls gewartet werden.
    Die furchterregende Rivalin, die in den Ring trat, war niemand anders als Pauline Bonaparte, von vertrauten Freunden Paulette genannt, Ehefrau des Generals Leclerc, der am 18. Brumaire Bonaparte so trefflich unterstützt hatte.
    Madame Leclerc verließ das Zimmer, in dem sie sich angekleidet hatte; bewundernswert kokett zog sie erst beim Eintreten ihre Handschuhe aus, was die Schönheit ihrer runden weißen Arme mit den Armbändern aus Gold und Kameen ganz unvergleichlich zur Geltung brachte.
    Ihre Frisur schmückten Bänder aus weichem Leder, gemustert wie Leopardenfell, sowie goldene Trauben: die vollkommene Nachbildung der Kamee einer Bacchantin; die Klarheit ihrer Züge verlieh ihr das Recht, sich mit der Antike zu messen, und ihr Kleid aus zartestem indischem Musselin – gewebte Luft, wie Juvenal es ausdrückt – war am Saum mehrere Fingerbreit mit einer purpurnen Girlande bestickt. An den Schultern hielten die Tunika Kameen von unschätzbarem Wert, und die kurzen, leicht plissierten Puffärmel mit schmaler Einfassung waren ebenfalls von Kameen gerafft. Der Gürtel unmittelbar unterhalb der Brust wie bei griechischen Statuen war ein flacher Ring aus bronzefarbenem Gold, dessen Verschluss ein kostbarer Edelstein bildete.
    Dieser liebreizende Anblick war von so vollendeter Harmonie, dass bei Madame Leclercs Erscheinen wie gesagt ein Raunen der Bewunderung laut wurde, das sich ohne Rücksicht auf die anderen Damen in die weiteren Räume fortsetzte.
    »Incessu patuit dea«, sagte Dupaty, als sie an ihm vorbeiging.
    »Citoyen Dichter, was sagen Sie da Böses über mich in einer Sprache, die ich nicht verstehe?«, fragte Madame Leclerc lächelnd.
    »Wie soll das angehen«, erwiderte Dupaty, »Sie als Römerin, Madame, wollen des Lateins nicht mächtig sein?«
    »Ich habe es vergessen.«
    »Es ist ein Vergilisches Hemistichon, Madame, über das Erscheinen der Venus vor Äneas; Abbé Delille hat es mit den Worten übertragen: Sie wandelt, und ihr Schritt verrät die Göttin.«
    »Reichen Sie mir den Arm, Sie Schmeichler, und tanzen Sie zur Strafe den ersten Reel mit mir.«
    Dupaty ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hielt ihr den Arm hin, streckte das Bein und ließ sich von Madame Leclerc zu einem Boudoir führen, das sie unter dem Vorwand betrat, es sei dort weniger warm als in den Empfangsräumen, in Wahrheit aber, weil es in diesem Boudoir ein riesengroßes Kanapee gab, das der göttlichen Kokette erlaubte, nach Gutdünken ihre Toilette und ihre Person zur Schau zu stellen.
    Im Vorbeigehen hatte sie einen herausfordernden Blick auf Madame de Contades gerichtet, diejenige, die bis zu ihrer Ankunft die Schönste oder wenigstens die Bezauberndste gewesen war; zu ihrer nicht geringen Genugtuung sah Madame Leclerc, dass alle Verehrer, die den Sessel Madame de Contades’ umschwärmt hatten, entfleucht waren und sich nun um ihr Kanapee scharten.
    Madame de Contades biss sich die Lippen blutig. Doch in dem Köcher der Rache, den jede Frau unfehlbar zur Hand hat, fand sie wohl einen jener vergifteten Pfeile, die tödliche Wunden bohren, denn sie rief Monsieur de Noailles zu sich.
    »Charles«, sagte sie, »reichen Sie mir den Arm, damit ich dieses Wunder an Toilette und Schönheit, das mir all meine Schmetterlinge abspenstig gemacht hat, aus der Nähe bestaunen kann.«
    »Aha!«, sagte der junge Mann. »Sie wollen ihr wohl zeigen, dass sich unter den Schmetterlingen eine Biene versteckt hat! Stechen Sie nur zu, Gräfin, stechen Sie nur zu! Die Bonapartes sind allesamt von so neuem Adel, dass es nicht schaden kann, sie ab und zu daran zu erinnern, dass sie sich mit unserem alten Adel nicht messen können. Lassen Sie uns diese Parvenü vom Scheitel bis zur Sohle begutachten, und ich wette, Sie werden das Kainszeichen ihrer plebejischen Herkunft entdecken.«
    Und der junge Mann folgte lachend Madame de Contades, die mit ihren geblähten Nasenflügeln aussah, als verfolgte sie die Fährte einer Wildbeute.
    Sie erreichte die Gruppe von Bewunderern um die schöne Madame Leclerc und machte so resolut Gebrauch von Ellbogen und Schultern, dass sie bis in die erste Reihe vordrang.
    Madame Leclerc lächelte beim Anblick von Madame de Contades; sie glaubte, selbst ihre Rivalin sähe sich genötigt, ihr zu huldigen. Und wahrhaftig erhob Madame de Contades ihre Stimme und stimmte in die allgemeine Bewunderung ein.
    Doch mit einem Mal stieß sie einen Schrei aus, als hätte sie eine entsetzliche Entdeckung gemacht: »O Gott, wie abscheulich!«, rief sie. »Wie ist es möglich, dass eine solche Scheußlichkeit ein Meisterwerk der Natur entstellt! Sollte es also wahr sein, dass es auf Erden nichts Vollkommenes gibt? Mein Gott, wie furchtbar traurig!«
    Dieses befremdliche Lamentieren bewirkte, dass sich alle Blicke auf Madame de Contades richteten, sodann auf Madame Leclerc und danach zu Madame de Contades zurückkehrten; offenbar erwartete man eine Erklärung ihres Jammerns, doch da sie weiterhin in beredten Worten die Unvollkommenheit der menschlichen Rasse beklagte, ohne Einzelheiten zu nennen, fragte ihr Kavalier schließlich: »Aber was sehen Sie denn nur, was denn?«
    »Was ich sehe? Was ich sehe? Sehen Sie etwa nicht die zwei monströsen Ohren, die von diesem bezaubernden Kopf abstehen? Wenn ich solche Ohren hätte, ließe ich sie mir stutzen, und zwar gehörig, was umso leichter wäre, als sie keinen Rand besitzen.«
    Madame de Contades hatte kaum ausgesprochen, als sich alle Blicke auf Madame Leclerc hefteten, diesmal nicht um sie zu bewundern, sondern um ihre Ohren zu betrachten, denen bislang niemand die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
    In der Tat waren die Ohren der armen Paulette, wie ihre Vertrauten sie nannten, von ungewöhnlicher Form: Sie bestanden aus weißem Knorpel, der dem Inneren einer Auster ähnelte und den die Natur, wie von Madame de Contades bemerkt, zu säumen vergessen hatte.
    In diesem Augenblick vernahm man einen vorfahrenden Wagen und die Pferde der Eskorte, und der Ruf: »Der Erste Konsul!« lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit von der sonderbaren Szene ab, die sich soeben ereignet hatte.
    Doch während sich die in Tränen aufgelöste Madame Leclerc in das Zimmer flüchtete, in dem sie sich angekleidet hatte, und der Erste Konsul den Salon durch die eine Tür betrat, verließ Madame de Contades ihn durch die andere in dem Wissen, wie ungehörig ihr Triumph war, so dass sie dessen Früchte nicht zu genießen wagte.

12
Das Menuett der Königin

    Madame de Permon trat vor den Ersten Konsul und begrüßte ihn voller Ehrerbietung. Bonaparte jedoch ergriff ihre Hand und küsste diese mit vollendeter Galanterie.
    »Habe ich recht gehört, verehrte Freundin«, sagte er, »dass Sie den Ball nicht vor meiner Ankunft eröffnen wollten? Doch wenn ich erst um ein Uhr morgens hätte kommen können, hätten dann all diese hübschen jungen Leute um meinetwillen warten müssen?«
    Er musterte den Salon mit einem schnellen Blick und sah, dass einige Damen des Faubourg Saint-Germain sich bei seinem Eintreten nicht erhoben hatten. Er runzelte die Stirn, ließ sich jedoch weiter nichts anmerken.
    »Kommen Sie, Madame de Permon«, sagte er, »lassen Sie den Ball beginnen; die jungen Leute sollen sich amüsieren, und der Tanz ist nun einmal ihr liebster Zeitvertreib. Es heißt, Loulou tanze wie Mademoiselle Chameroi. Wer hat mir das gesagt? Das war Eugène, oder?«
    Eugène errötete bis an die Haarwurzeln, denn er war der Verehrer der jungen Ballerina.
    Bonaparte sprach weiter. »Das möchte ich unbedingt sehen. Wenn es Ihnen recht ist, Madame de Permon, werden wir den Monaco tanzen, denn andere Tänze beherrsche ich nicht.«
    »Belieben Sie zu scherzen?«, erwiderte Madame de Permon. »Seit dreißig Jahren habe ich nicht mehr getanzt.«
    »Jetzt scherzen Sie«, sagte Bonaparte, »denn Sie sehen heute Abend aus, als wären Sie die Schwester Ihrer Tochter«, und da er Monsieur de Talleyrand erblickte: »Ah, Talleyrand, gut, dass ich Sie sehe! Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.« Und er verschwand in das kleine Boudoir, in dem Madame Leclerc dem Außenminister ihr Leid geklagt hatte.
    Die Musik setzte ein, die Tänzer eilten zu ihren Tänzerinnen, der Ball begann.
    Mademoiselle de Beauharnais tanzte mit Duroc und führte ihn zu Claire und dem Grafen von Sainte-Hermine. Alles, was ihre Freundin ihr über den jungen Mann erzählt hatte, hatte ihr lebhaftes Interesse geweckt.
    Die Reels, die unseren heutigen Contredanses entsprechen, bestanden wie diese aus vier Figuren; allerdings hatte der tonangebende Tänzer jener Zeit, Monsieur de Trénis, die letzte Figur durch eine eigene Figur ersetzt, die bis zum heutigen Tag trénis genannt wird.
    Monsieur de Sainte-Hermine tat sich als Tänzer nicht minder hervor als auf allen anderen Gebieten. Er war Schüler Vestris II., des legitimen Sohns des Gottes des Tanzes, und machte seinem Meister alle Ehre.  

    Jene, denen das traurige Los beschieden war, zu Beginn unseres Jahrhunderts zu erleben, was von den eleganten Tänzern der Zeit des Konsulats noch übrig war, können sich vielleicht am ehesten eine Vorstellung davon machen, welche Bedeutung seinerzeit ein eleganter junger Mann der Vervollkommnung der Tanzkunst beimaß. Ich erinnere mich, in meiner Kindheit gegen 1812 oder 1813 die Messieurs Montbreton gesehen zu haben, die auf dem Ball Madame de Permons tanzten, den ich zu schildern versuche, und als ich sie sah, waren sie vierzig Jahre alt. Anlässlich des großen Fests von Villers-Cotterêts fand ein großer Ball statt, Treffpunkt der Aristokratie der Schönheit und der neuen Aristokratie, die in unseren Hinterwäldlerregionen zahlreicher vertreten war als der alte Adel und von jenen, deren Taten ich berichte, kaum weniger geschätzt wurde als jener. Sei’s drum! Die Messieurs de Montbreton kamen von ihrem Château de Corcy, die Messieurs de Laigle aus Compiègne, die einen aus drei, die anderen aus sieben Wegstunden Entfernung. Raten Sie, auf welche Weise. In ihrem Kabriolett? Gewiss doch, aber in dem Kabriolett saß ihr Lakai, während seine Herren sich hinten am Wagen festhielten und in ihren feinen Tanzschuhen auf dem Brett, das der Platz des Lakaien war, die ganze Fahrt über ihre raffiniertesten und zierlichsten Tanzschritte übten, bis sie pünktlich zu Ballbeginn eintrafen, sich kurz den Rock abbürsten ließen und sich in die Contredanses stürzten.  

    Nun gut! Beglückt hatte Mademoiselle de Beauharnais und stolz hatte Mademoiselle de Sourdis gesehen, dass der Graf von Sainte-Hermine, den man noch nie tanzen gesehen hatte, es an Können und Anmut mit den besten Tänzern unter den Anwesenden aufnehmen konnte.
    Doch während Hortenses Neugier in dieser Hinsicht befriedigt war, plagte sie eine andere Ungewissheit nicht minder – hatte der junge Mann sich Claire anvertraut, hatte er ihr den Grund seiner früheren Schwermut, seines langen Schweigens und seines plötzlichen Frohsinns verraten?
    Sie eilte zu ihrer Freundin und zog sie in eine Fensternische. »Was hat er dir gesagt?«, fragte sie atemlos.
    »Etwas Wichtiges in Hinsicht auf das, was ich dir erzählt habe.«
    »Darfst du es mir verraten?«
    »Sicherlich.« Claire senkte die Stimme und sagte leise: »Er hat gesagt, er wolle mir ein Familiengeheimnis anvertrauen.«
    »Dir?«
    »Mir, niemandem sonst. Deshalb hat er mich gebeten, bei meiner Mutter die Erlaubnis zu erwirken, dass er als Verwandter eine Stunde lang mit mir sprechen darf, wenn nötig unter ihren Augen, doch außerhalb ihrer Hörweite. Sein Lebensglück hängt davon ab, wie er mir versichert hat.«
    »Wird deine Mutter es erlauben?«
    »Ich hoffe es, sie liebt mich so zärtlich. Ich habe ihm versprochen, noch heute meine Mutter um die Erlaubnis zu bitten und ihm ihre Antwort gegen Ende des Balls mitzuteilen.«
    »Weißt du eigentlich, dass er sehr gut aussieht, dein Graf, und so göttlich tanzt wie Gardel?«
    Die Musik stimmte eine neue Contredanse an und rief die beiden Mädchen auf ihre Plätze zurück, und es wurde noch leidenschaftlicher getanzt als zuvor.
    Wie gesagt, waren die jungen Freundinnen mit den Tanzkünsten Monsieur de Sainte-Hermines hochzufrieden, doch der Reel, den er getanzt hatte, war nur eine gewöhnliche Contredanse. Tänzer, die man auf die Probe stellen wollte, mussten sich zu jener Zeit zwei Prüfungen unterziehen, der Gavotte und dem Menuett.
    Hortense und Claire warteten auf die Darbietung des jungen Grafen bei der Gavotte, die er auf Verlangen der Mademoiselle de Beauharnais mit ihr tanzen würde.
    Die Gavotte, die wir heute nur noch als historischen Tanz kennen, der uns zutiefst lächerlich erscheint, war unter dem Direktorium, unter dem Konsulat und sogar zur Zeit des Empire von herausragender Bedeutung. Wie sich der Schlangenleib, dem man den Kopf abgeschlagen hat, noch geraume Zeit windet, so konnte sich auch die Gavotte lange nicht zum Sterben entschließen; mit ihren höchst komplizierten und schwierig auszuführenden Figuren eignete sie sich eher für die Theaterbühne als für einen Salon. Ein Paar, das sie tanzte, benötigte viel Platz, und selbst in einem großen Ballsaal konnten kaum mehr als vier Paare gleichzeitig diesen Tanz ausführen.
    Unter den vier Paaren, die in Madame de Permons großem Saal die Gavotte tanzten, erregten der Graf von Sainte-Hermine und Mademoiselle de Beauharnais den einhelligsten Beifall. Der Beifall war so laut, dass er Napoleon aus seinem Gespräch mit Monsieur de Talleyrand riss und aus dem Boudoir, in dem sie sich unterhielten, hinauslockte. Bei den letzten Tanzfiguren erschien er auf der Türschwelle und sah den Triumph Hortenses und ihres Partners.
    Nach der Gavotte winkte Bonaparte Hortense herbei, die zu ihm trat und ihm die Stirn zum Kuss bot.
    »Mein Kompliment, Demoiselle«, sagte Bonaparte, »man sieht, dass Sie Unterricht in diesen eleganten Künsten genossen haben und dass dieser Unterricht auf fruchtbaren Boden gefallen ist; aber wer ist der schöne junge Herr, mit dem Sie getanzt haben?«
    »Ich kenne ihn nicht, General«, antwortete Hortense. »Ich habe ihn heute Abend zum ersten Mal gesehen. Er hat mich um den Tanz gebeten, als er kam, um Mademoiselle de Sourdis, mit der ich mich unterhielt, um einen Tanz zu bitten. Eigentlich hat er mich gar nicht um den Tanz gebeten, sondern gesagt, er stehe zu meinen Diensten, und ich habe erwidert, ich wolle die Gavotte tanzen und welcher Tanz es sein wird.«
    »Aber seinen Namen werden Sie doch wissen?«
    »Er ist der Graf von Sainte-Hermine.«
    »Hm!«, sagte Bonaparte mit übellauniger Miene. »Schon wieder Faubourg Saint-Germain. Die gute Madame Permon kennt offenbar kein größeres Vergnügen, als ihr Haus mit meinen Feinden zu füllen. Beim Eintreten habe ich eine Madame de Contades in die Flucht gejagt, eine Irre, die mir nicht mehr Verdienste zugestehen will als dem einfachsten Unterleutnant meiner Armee; wenn die Rede auf meine Siege in Italien und Ägypten kommt, soll sie jedes Mal sagen, mit ihren Augen könnte sie das Gleiche ausrichten wie ich mit dem Schwert. Wie verdrießlich«, fuhr Bonaparte fort und fasste Hortenses Tanzpartner genauer ins Auge, »er gäbe einen herrlichen Husarenoffizier ab«, und dann schickte er Hortense mit einer Handbewegung zu ihrer Mutter zurück und sagte: »Monsieur de Talleyrand, Sie wissen doch so vieles, können Sie mir etwas über eine Familie Sainte-Hermine berichten?«
    »Warten Sie einen Augenblick«, sagte Monsieur de Talleyrand, stützte das Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen und legte den Kopf zurück, wie er es immer tat, wenn er nachdachte. »Im Jura, in der Gegend von Besançon, gibt es Sainte-Hermines. Ja, den Vater habe ich gekannt: ein ausgesprochen vornehmer Mann, wurde 1793 guillotiniert. Er hat drei Söhne hinterlassen. Was aus ihnen geworden ist? Ich weiß es nicht. Dieser junge Mann müsste einer der drei sein oder vielleicht ein Neffe, obwohl ich von einem Bruder des Vaters nie gehört habe. Soll ich mich eingehender erkundigen?«
    »O nein, das ist die Sache nicht wert.«
    »Es wäre nicht schwierig. Ich sah ihn vorhin, nein, er spricht immer noch mit Mademoiselle de Sourdis, und über ihre Mutter könnte ich ohne Weiteres -«
    »Nein, nicht nötig. Vielen Dank! Und diese Sourdis, was sind das für Leute?«
    »Bester Adel.«
    »Das wollte ich nicht wissen. Wie denken sie?«
    »Ich glaube, die Familie besteht nur noch aus zwei Frauen, die auf unserer Seite stehen oder sich nichts sehnlicher wünschen als das. Cabanis, der großen Einfluss auf sie hat, hat die Damen vor einigen Tagen erwähnt. Die junge Dame soll verheiratet werden, mit einer Million Mitgift, wenn ich mich nicht täusche. Das wäre nicht übel für einen Ihrer Adjutanten.«
    »Sind Sie der Ansicht, dass Madame Bonaparte mit ihnen verkehren kann?«
    »Selbstverständlich.«
    »Das meinte Bourrienne auch; ich danke Ihnen. Aber was ist mit Loulou? Sie sieht aus, als wolle sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Liebe Madame de Permon, welchen Tort tun Sie Ihrer Tochter an, ausgerechnet an diesem Tag?«
    »Sie soll das Menuett der Königin tanzen und weigert sich.«
    Bei den Worten »Menuett der Königin« musste Bonaparte lächeln.
    »Und warum weigert sie sich?«
    »Was weiß ich! Eine törichte Laune! Loulou, Sie sind ein dummes Kind, denn wozu haben wir Gardel und Saint-Amand als Tanzlehrer, wenn Sie daraus keinerlei Nutzen ziehen!«
    »Aber, Mama«, erwiderte Mademoiselle de Permon, »nichts täte ich lieber, als dieses Menuett zu tanzen, obwohl ich es nicht ausstehen kann, aber ich wage nicht, es mit einem anderen Partner als mit Monsieur de Trénis zu tanzen, denn ihm habe ich diesen Tanz versprochen.«
    »Und warum ist er dann nicht hier?«, fragte Madame de Permon. »Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht.«
    »Er hat uns wissen lassen, dass er zwei andere Bälle vor dem unseren besuchen muss und erst sehr spät kommen könne.«
    »Oh«, sagte Bonaparte, »das freut mich aber, dass es in Frankreich einen Mann gibt, der noch beschäftigter ist, als ich es bin. Doch dass Monsieur de Trénis wortbrüchig wurde, Mademoiselle Loulou, ist kein Grund, uns des Vergnügens zu berauben, Sie das Menuett der Königin tanzen zu sehen. Er ist nicht da, Sie sind daran nicht schuld, nehmen Sie sich einen anderen Tänzer.«
    »Nimm Gardel«, sagte Madame de Permon.
    »Aber er ist mein Tanzlehrer«, sagte Loulou.
    »Na, dann nimm Laffitte; schließlich ist er der beste Tänzer von ganz Paris nach Gardel.«
    Monsieur Laffitte ließ sich im Salon sehen.
    »Monsieur Laffitte, Monsieur Laffitte, kommen Sie her!«, rief Madame de Permon.
    Monsieur Laffitte trat überaus nonchalant und elegant näher. Er war ausgesucht gekleidet und sah sehr gut aus.
    »Monsieur Laffitte«, sagte Madame de Permon, »erweisen Sie mir den Gefallen, mit meiner Tochter das Menuett der Königin zu tanzen.«
    »Wie bitte?«, rief Monsieur Laffitte. »Madame, Sie tun mir zu viel der Ehre an, weiß Gott. Das wird ein Duell mit Monsieur de Trénis«, fügte er lachend hinzu, »aber dieses Wagnis gehe ich gerne ein; allerdings rechnete ich nicht mit dieser Ehre und habe deshalb keinen Hut bei mir.«
    Um die letzten Worte zu verstehen, muss der geneigte Leser wissen, dass die Verbeugung bei diesem Menuett, sein Höhepunkt, sein choreographischer Dreh- und Angelpunkt, mit einem Hut à la Ludwig XV. und mit keinem anderen Hut zu geschehen hatte.
    Ein passender Hut wurde gesucht und im Handumdrehen gefunden. Das Menuett wurde unter größtem Beifall getanzt, und als Monsieur Laffitte Mademoiselle de Permon zu ihrem Platz zurückbrachte, begegnete er Monsieur de Trénis, der völlig außer Atem erschien, weil er sich verspätet hatte, seine Verabredung mit Mademosielle Laure wahrzunehmen.
    Monsieur de Trénis blieb vor den beiden Tänzern stehen, verblüffter noch als erzürnt. Das Menuett, das er hatte tanzen sollen, wie jedermann wusste, war nicht nur ohne ihn getanzt worden, sondern obendrein, wie sich dem leise verebbenden Beifall entnehmen ließ, mit nicht geringem Erfolg.
    »Oh, Monsieur«, sagte Mademoiselle de Permon verschämt, »ich habe bis nach Mitternacht auf Sie gewartet, sehen Sie selbst die Uhrzeit, und das Menuett war für elf Uhr angekündigt. Um Mitternacht schließlich hat meine Mutter darauf bestanden, dass ich es mit Monsieur Laffitte tanze«, fuhr sie fort und fügte kichernd hinzu: »Und der Erste Konsul hat es befohlen.«
    »Mademoiselle«, sagte Trénis ernst, »wenn Madame de Permon dieses Opfer von Ihnen verlangte, war sie als Herrin des Hauses dazu befugt, und sie schuldete das Menuett ihren Gästen. Bedauerlicherweise war ich verspätet, und sie war im Recht; wenn jedoch der Erste Konsul« – und Monsieur de Trénis, der eine gute Handbreit größer war als der Erste Konsul, maß ihn verächtlich von oben herab – »befehlen lässt, einen Tanz zu beginnen, der ohne mich nicht getanzt werden kann, dann überschreitet er seine Befugnisse, und zwar bei Weitem. Ich werde ihn nicht auf den Schlachtfeldern eines Besseren belehren wollen, und er sollte es in meinen Salons genauso halten. Ich werde seine Lorbeeren nicht schmälern, und er sollte es mit den meinen ebenso halten«, und indem er stolz neben Madame de Permon Platz nahm: »Zum Glück bin ich Philosoph genug, mich darüber zu trösten, dass ich diesen Tanz nicht mit Ihnen tanzen konnte, insbesondere da das Versäumnis meine Schuld war, so dass ich Ihnen meiner Verspätung wegen nicht gram sein kann, dass Sie Ihr Wort nicht hielten; dennoch hätte dieses Menuett der Königin uns den Lorbeerkranz des Tanzens eingebracht. Ich hätte es voller Ernst und Tiefsinn getanzt, nicht traurig wie Monsieur Laffitte. Nun, es hat mir dennoch gefallen. Oh, diesen Anblick werde ich nie vergessen, nie!«
    Um Monsieur de Trénis hatte sich ein großer Kreis von Zuhörern gebildet, die dem Erguss seines Kummers lauschten, darunter der Erste Konsul, dem diese Art von Sprache so neu war, dass er versucht war zu glauben, er habe es mit einem Geisteskranken zu tun.
    »Monsieur de Trénis«, sagte Mademoiselle de Permon, »ich verstehe Sie nicht. Was habe ich getan, um Sie zu kränken?«
    »Was Sie getan haben? Madame, Sie, die Sie so tanzen, dass es mir ein Vergnügen ist, mit Ihnen zu tanzen, Sie, die Sie Ihr Menuett mit Gardel geübt haben – oh, es lässt sich nicht in Worte fassen! Sie tanzen dieses Menuett mit jemandem, der sicherlich ein guter Tänzer ist, aber ein Tänzer, der sich für die Contredanse eignet und für mehr nicht. Jawohl, für mehr nicht! Nein, Madame, nein, nie in seinem Leben hat er je die große Reverenz mit dem Hut auszuführen verstanden! O nein, ich wiederhole es, nie in seinem Leben!«
    Und als er auf manchen Mienen ein Lächeln entdeckte: »Ha! Das finden Sie komisch! Nun, ich werde Ihnen sagen, warum er noch nie verstanden hat, die große Reverenz auszuführen, die feierliche Verbeugung, die den Maßstab für die Beurteilung eines Menuetttänzers bildet: Das liegt daran, dass er nicht weiß, wie er seinen Hut aufzusetzen hat; und dieses Wissen, meine Herren, ist das Einzige, worauf es ankommt, fragen Sie nur die Damen, die ihre Hüte von Leroy anfertigen, sie sich aber von Charbonnier aufsetzen lassen! Ha! Fragen Sie nur Gardel, was es mit dem Aufsetzen des Hutes auf sich hat, er wird es Ihnen sagen können. Seinen Hut aufsetzen kann jeder, mehr oder weniger richtig, wie ich annehme. Aber die Würde, aber der Schwung, mit denen die Bewegung des Arms und des Unterarms zu erfolgen hat... Sie gestatten?«
    Und Monsieur de Trénis nahm den unförmigen Dreispitz aus den Händen dessen, der ihn hielt, und trat vor einen Spiegel, wo er, gefolgt von der Hälfte der Gäste, die sich an seine Fersen geheftet hatten, die Melodie der Reverenz des Menuetts summte und mit vollendeter Anmut und unvergleichlicher Feierlichkeit salutierte; dann setzte er den Hut mit all der Förmlichkeit ab, die ein solcher Anlass zu verlangen schien.
    Bonaparte, auf Monsieur de Talleyrand gestützt, war ihm gefolgt.
    »Fragen Sie ihn doch«, sagte er zu Letzterem, »wie er sich mit Monsieur Laffitte versteht; nach seinem Ausfall gegen mich«, fügte er lachend hinzu, »wage ich es nicht mehr, das Wort an ihn zu richten.«
    Monsieur de Talleyrand formulierte die Wünsche des Ersten Konsuls so feierlich, als erkundigte er sich nach dem Stand der Beziehungen zwischen England und Amerika seit dem letzten Krieg.
    »Ach, wir verstehen uns so gut«, erwiderte Monsieur de Trénis, »wie zwei Männer von Talent wie wir uns auf so sensiblem Terrain verstehen können. Ich muss allerdings einräumen, dass er als Rivale sehr großzügig und gutherzig ist und mir meinen Erfolg nicht im Geringsten neidet. Vielleicht macht der eigene Erfolg ihn nachsichtig. Sein Tanz ist kraftvoll und lebhaft. Bei den ersten acht Schritten der Gavotte Panurge ist er mir überlegen, ganz zweifellos. Aber was die jetés betrifft, oh, da kann er mir nicht das Wasser reichen, nicht im Mindesten. In puncto Sehnigkeit übertrifft er mich fast immer, aber ich bin ihm in Sachen Geschmeidigkeit weit voraus.«
    Bonaparte betrachtete ihn und lauschte ihm sprachlos vor Verblüffung.
    »Nun«, fragte Monsieur de Talleyrand, »sind Sie jetzt beruhigt, Citoyen Erster Konsul? Es wird zu keinem Krieg zwischen Monsieur de Trénis und Monsieur Laffitte kommen. Ich wünschte, das Gleiche könnte ich auch von Frankreich und England sagen.«
    Während der unterbrochene Ball Monsieur de Trénis Gelegenheit bot, sich über seine Theorie zum Aufsetzen des Dreispitzes zu verbreiten, verhandelte Claire mit ihrer Mutter einen Gegenstand, der ihr mindestens ebenso am Herzen lag, wie es Monsieur de Talleyrand und dem Ersten Konsul daran gelegen zu sein schien, den Frieden zwischen den zwei herausragendsten Tänzern von ganz Paris und damit den Weltfrieden zu bewahren.
    Der junge Graf, der Claire nicht eine Sekunde lang aus den Augen ließ, las ihrer lächelnden Miene ab, dass ihre Verhandlungen offenbar zum gewünschten Erfolg geführt hatten, und er täuschte sich nicht.
    Unter dem Vorwand, sich in einem Salon zu erfrischen, in dem sich weniger Leute aufhielten, nahm Mademoiselle de Sourdis Mademoiselle de Beauharnais am Arm, und als sie an dem Grafen vorbeiging, sagte sie leise: »Meine Mutter gestattet, dass Sie morgen Nachmittag um drei Uhr bei uns vorsprechen.«

13
Die drei Sainte-Hermines: Der Vater

    Am nächsten Tag klopfte Hector de Sainte-Hermine im selben Augenblick, in dem es am Pavillon de l’Horloge drei Uhr schlug, an die Tür des Stadtpalais der Madame de Sourdis, dessen prachtvolle Terrasse mit Blick auf den Quai Voltaire Orangenbäumchen und Oleanderbüsche zierten.
    Die Tür, an die Hector klopfte, öffnete sich auf die Rue de Beaune. Es war der Haupteingang. Eine kleinere Tür, unscheinbar bis zur Unkenntlichkeit, in der gleichen Farbe wie das Mauerwerk, ging auf den Quai.
    Die Tür wurde geöffnet, der Türsteher fragte nach dem Namen des Besuchers und ließ ihn ein; ein Hausdiener, wahrscheinlich von Madame de Sourdis instruiert, erwartete ihn im Vorraum.
    »Madame lässt sich entschuldigen«, sagte er, »sie kann nicht empfangen, aber Mademoiselle befindet sich im Garten und wird Madame vertreten.«
    Er ging voran, um dem Grafen den Weg zu weisen; Hector folgte ihm zu der Tür, die in den Garten führte. »Nehmen Sie diesen Weg«, sagte der Diener zu ihm. »Mademoiselle befindet sich an seinem Ende in der Laube aus Jasmin.«
    Unter den Strahlen einer milden Märzsonne sah Claire in ihrem Hermelinpelz fast aus, als wollte sie erblühen wie eine jener ersten Frühlingsblumen, deren frühes Erscheinen ihnen den Namen Schneeglöckchen beschert hat. Unter ihren Füßen lag ein Teppich aus Smyrna, um ihre himmelblauen Samtpantoffeln vor der Kälte des Bodens zu schützen.
    Obwohl sie Sainte-Hermine erwartete und sicherlich die Schläge der Turmuhr vernommen hatte, färbte bei seinem Anblick ein rosiges Erröten ihre bleichen Wangen, bevor die Lilienblässe zurückkehrte. Lächelnd erhob sie sich.
    Der junge Graf schritt schneller aus. Als er sie erreichte, deutete sie auf das Fenster des Salons, aus dem man in den Garten sah; hinter diesem Fenster saß ihre Mutter, die auf diese Weise ein Auge auf die jungen Leute hatte, ohne hören zu können, was gesprochen wurde.
    Sainte-Hermine verbeugte sich tief zum Zeichen seines Dankes und seiner Hochachtung.
    Claire wies ihm einen Stuhl und setzte sich wieder.
    »Mademoiselle«, sagte er, »ich will nicht versuchen, Ihnen das Glück zu schildern, das es mir bedeutet, für einen Augenblick allein mit Ihnen sprechen zu können: Auf diesen Augenblick, den der Himmel in seiner Güte mir zuteilwerden ließ und von dem Glück oder Unglück meines künftigen Lebens abhängen wird, wartete ich seit einem Jahr, doch erst seit drei Tagen durfte ich auf ihn hoffen. Sie waren so gütig, mir bei dem Ball zu sagen, dass Ihnen meine Seelenpein aufgefallen sei, als ich die Freude und den Schmerz empfand, in Ihrer Gegenwart zu weilen, meine Seelenpein, Sie zu sehen, Schmerz und Freude, die mir das Herz zerrissen. Ich werde Ihnen den Grund nennen – vielleicht ein wenig weitschweifig, doch ich kann mich nur verständlich machen, wenn ich den Bericht, den Sie hören werden, in der Ausführlichkeit halte, die er erfordert.«
    »Sprechen Sie, Monsieur«, sagte Claire. »Alles, was Sie mir sagen können, wird meine ungeteilte Aufmerksamkeit finden, dessen kann ich Sie versichern.«  

    »Wir entstammen – besser gesagt: ich entstamme, denn ich bin der Letzte unseres Hauses – einem angesehenen Geschlecht im Jura. Mein Vater war Stabsoffizier unter Ludwig XVI. und zählte am 10. August zu seinen Verteidigern; doch statt die Flucht zu ergreifen wie die Fürsten und Höflinge, blieb er bei ihm. Nach dem Tod des Königs hoffte er, dass noch nicht alles verloren sei und dass man die Königin aus dem Temple-Gefängnis retten könne; es gelang ihm, beträchtliche Geldmittel aufzubringen und in der Stadtverwaltung einen jungen Mann aus dem Süden Frankreichs namens Toulan ausfindig zu machen, der in die Königin verliebt war und alles für sie tun würde. Mein Vater beschloss, sich diesem Mann anzuvertrauen oder vielmehr dessen Stellung im Temple zu benutzen, um die Gefangene zu befreien.
    Da mein ältester Bruder Léon de Sainte-Hermine es leid war, der Sache, an die zu glauben man ihn gelehrt hatte, nicht dienen zu können, erbat er von meinem Vater die Erlaubnis, Frankreich zu verlassen und in die Armee des Prinzen von Condé einzutreten, was er nach erfolgter Erlaubnis unverzüglich tat.
    Unterdessen wurde ein Plan gefasst.
    Noch immer gab es viele Neugierige, darunter auch ergebene Bediente, die von den diensthabenden städtischen Beamten, in deren Zuständigkeit dies fiel, die Gunst erbaten, die Königin zu sehen.
    Da die Königin zweimal täglich hinunterkam und im Garten spazieren ging, verteilten die Beamten ihre Freunde auf dem Weg, den die hohe Gefangene nehmen musste, und wenn der Beamte wegsah, konnte man unter Umständen ein Wort mit ihr wechseln oder ihr einen Brief zustecken.
    Gewiss war all das lebensgefährlich, doch es gibt Augenblicke, in denen man dem Leben keinen großen Wert beimisst.
    Toulan stand in der Schuld meines Vaters; Dankbarkeit und Liebe bewegten ihn dazu, folgendem Plan zuzustimmen:
    Unter dem Vorwand, die Königin sehen zu wollen, sollten meine Eltern, verkleidet als reiche Bauern aus dem Jura, die mit dem Akzent von Leuten aus der Gegen von Besançon sprachen, den Temple aufsuchen und Monsieur Toulan sprechen wollen.
    Toulan würde sie an dem Spazierweg der Königin positionieren.
    Zwischen den Gefangenen im Temple und ihren royalistischen Anhängern gab es eine Vielzahl von Signalen, mit deren Hilfe sie sich verständigten wie Schiffe auf dem Meer.
    Am Tag des Besuchs meiner Eltern hatte die Königin beim Verlassen ihres Zimmers einen Strohhalm vorgefunden, der an der Wand lehnte, was bedeutete: ›Seien Sie wachsam, man hat Sie nicht vergessen.‹
    Die Königin sah den Strohhalm nicht, aber Madame Élisabeth, weniger in Gedanken versunken, sah ihn und machte ihre Schwägerin darauf aufmerksam.
    Die zwei Gefangenen bemerkten, dass Toulan an diesem Tag Dienst hatte.
    Toulan war bis zum Wahnsinn in die Königin verliebt. Diese hatte im Wissen um die Liebe des unglücklichen jungen Mannes auf einen Zettel, den sie immer im Mieder verborgen bei sich trug, die Worte geschrieben: Ama poco che teme la morte! (Wenig liebt, wer den Tod fürchtet!) Als sie Toulan erblickte, steckte sie ihm das Billett zu.
    Ohne zu wissen, was es enthielt, geriet Toulan vor Freude außer sich. Noch am selben Tag würde er der Königin beweisen, dass er den Tod nicht fürchtete.
    Er brachte meine Eltern in das Treppenhaus des Turms, wo die Königin sie beim Vorbeigehen fast berühren musste.
    Meine Mutter hielt einen großen Strauß Nelken in der Hand. Beim Anblick der Nelken rief die Königin: ›Oh, was für schöne Blumen! Und wie herrlich sie duften!‹
    Meine Mutter zog die schönste Nelke aus dem Strauß und reichte sie der Königin. Diese blickte zu Toulan, um zu sehen, ob sie sie nehmen dürfe. Toulan nickte unmerklich. Die Königin nahm die Blume.
    Unter gewöhnlichen Umständen wäre all dies nicht weiter schwierig gewesen, doch in jenen Tagen klopfte einem das Herz bis zum Hals und man wagte kaum zu atmen.
    Die Königin begriff sogleich, dass in dem Blütenkelch der Nelke ein Billett versteckt war, und sie nahm sie und verbarg sie unter ihrem Brusttuch.
    Öfter als einmal hat mein Vater uns erzählt, wie tapfer die Gräfin von Sainte-Hermine sich gehalten habe, dass ihre Gesichtsfarbe jedoch fahler gewesen sei als die Steine des Gefängnisturms.
    Die Königin war so mutig, ihren gewohnten Spaziergang nicht abzukürzen. Zu ihrer gewohnten Stunde ging sie wieder hinauf, und erst als sie sich mit Schwester und Tochter allein wusste, holte sie aus ihrem Mieder die Blume hervor.
    In der Tat barg der Blütenkelch ein Billett; mit feiner, aber ausgezeichnet lesbarer Schrift war auf Seidenpapier folgender tröstliche Ratschlag geschrieben:  

    ›Übermorgen, Mittwoch, bitten Sie, in den Garten gehen zu dürfen, was man Ihnen gestatten wird, da Ordre besteht, Ihnen diese Gunst zu gewähren, wenn Sie sie erbitten. Nach drei, vier Runden stellen Sie sich müde, nähern sich der Cantine im Garten und bitten Madame Plumeau, sich zu ihr setzen zu dürfen.
    Sie müssen darauf achten, diese Erlaubnis um Punkt elf Uhr vormittags zu erbitten, damit Ihre Befreier ihr Handeln mit dem Ihren abstimmen können.
    Kurz darauf stellen Sie sich, als gehe es Ihnen schlechter und als würden Sie ohnmächtig. Man wird die Türen verschließen, um Ihnen zu Hilfe zu kommen, und Sie bleiben allein mit Madame Élisabeth und Madame Royale. Unverzüglich wird die Falltür zum Keller geöffnet werden. Stürzen Sie sich mit Schwester und Tochter in diese Öffnung, und Sie werden alle drei gerettet sein.‹  

    Das Zusammentreffen dieser drei Dinge ließ die Gefangenen Zuversicht fassen: Toulans Anwesenheit, der Strohhalm im Flur und die genauen Angaben des Billetts.
    Was riskierten sie schon bei ihrem Fluchtversuch? Das Leben konnte ihnen kaum schwerer gemacht werden, als es der Fall war. Sie beschlossen, so zu handeln, wie es ihnen in dem Billett empfohlen wurde.
    Am Mittwoch, dem übernächsten Tag, las die Königin hinter zugezogenen Bettvorhängen nochmals das Billett, das meine Mutter ihr in der Nelke zugesteckt hatte, um keine der Instruktionen zu übersehen, die es enthielt, zerriss es dann in winzige Schnipsel und begab sich um neun Uhr in das Zimmer der Madame Royale.
    Sie verließ das Zimmer gleich darauf und rief nach den Wachen, die gerade beim Essen saßen, so dass sie zweimal rufen musste, bis eine der Wachen erschien.
    ›Was willst du, Citoyenne?‹, fragte die Wache.
    Marie-Antoinette erklärte, dass Madame Royale mangels Bewegung erkrankt sei, dass man sie nur mittags hinauslasse, wenn die Sonne so stark brenne, dass sie nicht spazieren gehen könne, und dass sie um die Erlaubnis bitte, die Zeit ihres täglichen Spaziergangs vorzuverlegen, den sie lieber zwischen zehn und zwölf Uhr statt zwischen zwölf Uhr und zwei Uhr machen wolle; die Königin bat die Wache, ihre Bitte General Santerre vorzutragen, dem die Entscheidungsgewalt oblag, und fügte hinzu, sie werde zutiefst dankbar sein.
    Die letzten Worte hatte die Königin so anmutig und bezaubernd geäußert, dass die Wache ihr nicht widerstehen konnte; der Mann lüpfte seine rote Mütze und sagte: ›Madame, der General wird in einer halben Stunde kommen, und sobald er da ist, wird man ihn um alles bitten, was Sie wünschen‹ – und wie um sich Mut zu machen, dass er im Recht sei, sich den Wünschen der Gefangenen zu fügen, dass er aus Vernunft handle und nicht aus Schwäche, wiederholte er: ›Das ist nur recht und billig! Alles in allem ist das nur recht und billig!‹
    ›Was ist recht und billig?‹, fragte ihn die andere Wache.
    ›Dass diese Frau mit ihrer kranken Tochter spazieren geht.‹
    ›Schon gut‹, erwiderte der andere, ›dann soll sie mit ihr auf die Place de la Révolution vor dem Temple kommen, dann kann sie dort spazieren gehen.‹
    Die Königin hörte die Antwort der zweiten Wache und erschauerte, doch sie wich nicht ab von ihrem Vorhaben, die erhaltenen Instruktionen peinlich genau zu befolgen.
    Um halb zehn traf Santerre ein. Dieser Santerre war kein übler Mensch, ein wenig schroff, ein wenig brutal; zu Unrecht hatte man ihn beschuldigt, den schrecklichen Trommelwirbel angeordnet zu haben, der dem König auf dem Schafott die letzten Worte abschnitt, was er nie verwunden hatte. Doch war er so unvorsichtig gewesen, sich sowohl mit der Generalversammlung als auch mit der Kommune anzulegen, was ihn beinahe den Kopf gekostet hatte.
    Er erteilte die Erlaubnis, um die ersucht wurde.
    Eine der Wachen ging zur Königin hinauf und teilte ihr mit, dass der General ihrer Bitte stattgebe.
    ›Ich danke Ihnen, Monsieur‹, sagte sie mit dem bezaubernden Lächeln, das Barnave und Mirabeau in ihr Verderben gelockt hat; dann wendete sie sich an ihren kleinen Hund, der auf die Hinterpfoten aufgerichtet hinter ihr lief: ›Komm, Black, freu dich mit mir, wir werden spazieren gehen‹, und an die Wache gewendet: ›Wir dürfen hinausgehen; um wie viel Uhr?‹
    ›Um zehn Uhr; war das nicht die Stunde, die Sie selbst vorschlugen?‹
    Die Königin verneigte sich, die Wache verließ das Zimmer.
    Die drei Frauen blieben allein zurück und wechselten Blicke, in denen sich Hoffnung und Freude mischten. Madame Royale warf sich der Königin in die Arme, Madame Élisabeth trat zu ihr und reichte ihr stumm die Hand.
    ›Beten wir‹, sagte die Königin, ›aber beten wir so, dass niemand uns beten sieht.‹ Alle drei beteten schweigend.
    Die Uhr schlug zehn. Waffenlärm drang bis zu der Königin.
    ›Das ist die Wachablösung‹, sagte Madame Élisabeth.
    ›Dann wird man uns jetzt holen‹, sagte Madame Royale.
    Die Königin sah, wie ihre Schwägerin und ihre Tochter erbleichten. ›Nur Mut‹, sagte sie, obwohl sie selbst erbleichte.
    ›Es ist zehn Uhr‹, hörten sie von unten rufen, ›bringt die Gefangenen herunter!‹
    ›Hier sind wir, Citoyens‹, erwiderte die Königin.
    Die erste Tür wurde aufgeschlossen. Durch sie gelangte man in einen finsteren Flur. Dank dem Dämmerlicht konnten die Gefangenen ihre Erregung verbergen.
    Der kleine Hund lief ihnen freudig voraus. Doch als er die Tür des Raums erreichte, den sein Herr bewohnt hatte, hielt er inne, schob seine Schnauze in den Schlitz unter der Tür, schnaufte heftig und ließ nach einigen kläglichen Lauten das tiefe und schmerzliche Bellen ertönen, das man gemeinhin als Totengeheul bezeichnet.
    Die Königin ging schnell an ihm vorbei, sah sich jedoch einige Schritte weiter genötigt, an der Mauer Halt zu suchen. Die zwei anderen Frauen traten zu ihr und verharrten reglos. Der kleine Black lief zu ihnen.
    ›Was ist?‹, rief eine Stimme. ›Kommt sie herunter oder nicht?‹
    ›Wir kommen schon‹, antwortete die Wache, die sie begleitete.
    ›Gehen wir‹, sagte die Königin, die sich zusammenriss. Und es gelang ihr, die Treppe hinunterzusteigen.
    Als sie den Fuß der Wendeltreppe erreicht hatte, erklang ein Trommelwirbel – nicht um die Königin zu ehren, sondern um ihr zu verstehen zu geben, dass sie sich angesichts solcher Vorsichtsmaßnahmen jeden Fluchtversuch aus dem Kopf schlagen könne.
    Die schwere Tür öffnete sich langsam, ächzend und quietschend.
    Die drei Gefangenen befanden sich im Hof. Schnell begaben sie sich in den Garten. Die Mauern des Hofs bedeckten Schmähinschriften und obszöne Kritzeleien, die sie zur Zielscheibe hatten und mit denen die Soldaten sich die Zeit vertrieben.
    Das Wetter war herrlich, die Sonne schien noch nicht so heiß, dass es unerträglich gewesen wäre.
    Die Königin ging ungefähr eine Dreiviertelstunde lang spazieren; dann, als es etwa zehn vor elf war, näherte sie sich der Cantine, in der eine Frau namens Mutter Plumeau Wurstwaren, Wein und Schnaps an die Soldaten verkaufte.
    Die Königin befand sich bereits auf der Schwelle der Cantine, im Begriff, einzutreten und um Erlaubnis zu bitten, sich zu setzen, als sie sah, dass der Schuster Simon an einem der Tische saß, wo er soeben seine Mittagsmahlzeit beendete.
    Unwillkürlich wich sie zurück: Simon war einer ihrer unflätigsten Widersacher. Sie trat einen Schritt zurück und rief ihren kleinen Hund zu sich, der vor ihr in den Raum gesprungen war.
    Black aber war unverzüglich zu einer Falltür in den Keller gelaufen, in dem die Witwe Plumeau ihre Lebensmittel und ihre Getränke aufbewahrte. Aufmerksam beschnüffelte er den Rand der Falltür.
    Zitternd, denn sie erriet, was den Hund irritierte, rief die Königin Black zu sich, doch der Hund schien sie nicht zu hören oder wollte nicht hören.
    Unversehens begann er zu knurren und dann laut zu bellen.
    Als der Schuster sah, mit welcher Hartnäckigkeit der kleine Hund seiner Herrin den Gehorsam verweigerte, zuckte es ihm wie eine Erleuchtung durch das Hirn. Er sprang zur Tür und rief: ›Zu den Waffen! Verrat! Zu den Waffen!‹
    ›Black! Black!‹, rief die Königin mit verzweifelter Stimme und tat einige Schritte in die Cantine. Doch der Hund gehorchte ihr nicht, sondern bellte immer wütender.
    ›Zu den Waffen!‹, schrie Simon wie am Spieß. ›Zu den Waffen! Im Keller der Citoyenne Plumeau halten sich Aristokraten versteckt, um die Königin zu retten. Verrat! Verrat!‹
    ›Zu den Waffen!‹, riefen die Wachen. Vereinzelte Nationalgardisten griffen zum Gewehr und liefen zur Königin, zu ihrer Tochter und ihrer Schwägerin, nahmen sie zwischen sich und führten sie zum Turm zurück.
    Black rührte sich nicht von der Stelle, obwohl seine Herrin nicht mehr im Raum war; dieses eine Mal hatte der Instinkt das arme Tier getäuscht, denn es hatte die Rettung für eine Gefahr gehalten.
    Ein Dutzend Nationalgardisten war in die Cantine eingedrungen. Simon zeigte ihnen voller Eifer die Kellertür, an der Black noch immer bellte.
    ›Dort sind sie, unter der Falltür!‹, rief Simon. ›Ich habe gesehen, wie die Falltür sich bewegt hat, das schwöre ich!‹
    ›Legt an!‹, riefen die Wachen.
    Geräuschvoll legten die Nationalgardisten ihre Gewehre an.
    ›Dort!‹, rief Simon. ›Dort, dort!‹
    Der Offizier ergriff den Ring der Falltür, und zwei kräftige Männer kamen ihm zu Hilfe, doch die Falltür ließ sich nicht bewegen.
    ›Sie halten die Falltür von innen fest!‹, rief Simon. ›Schießt durch die Tür, schießt!‹
    ›Und was ist mit meinen Flaschen?‹, rief die Citoyenne Plumeau. ›Sie werden meine Flaschen in Scherben schießen!‹
    Simone schrie noch immer: ›Feuer!‹
    ›Gib endlich Ruhe, du Schreihals‹, befahl der Offizier. ›Und ihr holt Äxte und schlagt die Falltür ein.‹
    Seine Leute taten wie geheißen.
    ›Und jetzt‹, sagte der Offizier, ›haltet euch bereit, und sobald die Falltür geöffnet wird, eröffnet ihr das Feuer.‹
    Die Axt fuhr in die Bohlen, zwanzig Gewehre senkten sich der Öffnung entgegen, die sich jeden Augenblick erweiterte.
    Doch niemand war dahinter zu erkennen. Der Offizier entzündete eine Fackel und warf sie in den Keller. Der Keller war leer.
    ›Folgt mir‹, rief der Offizier und stürzte sich in den Keller. ›Vorwärts!‹, riefen die Nationalgardisten, die ihrem Anführer folgten.
    ›Oh, Frau Plumeau!‹, rief Simon und drohte der Wirtin mit der Faust, ›du stellst deinen Keller den Aristokraten zur Verfügung, damit sie die Königin entführen!‹
    Doch Simon beschuldigte die gute Frau zu Unrecht. Die Kellerwand war eingeschlagen; ein unterirdischer Gang von drei Fuß Breite und fünf Fuß Höhe, dessen Boden viele Füße festgetreten hatten, führte in Richtung der Rue de la Corderie.
    Der Offizier eilte in diesen Gang, der wie der Eingang eines Schützengrabens aussah, doch nach zehn Schritten stand er vor einem Eisengitter. ›Halt‹, sagte er zu den Soldaten, die hinter ihm herstürmten, ›hier geht es nicht weiter. Vier Mann sollen hier Wache halten und jeden töten, der sich zu zeigen wagt. Ich werde meinen Bericht verfassen. Die Aristokraten haben versucht, die Königin zu entführen.‹
    Diese Verschwörung wurde später unter dem Namen Nelkenverschwörung bekannt; ihre drei Hauptakteure waren mein Vater, der Ritter von Maison-Rouge und Toulan, und meinen Vater und Toulan hat sie auf das Schafott gebracht. Der Ritter von Maison-Rouge, der sich bei einem Gerber im Faubourg Saint-Victor versteckt hielt, entkam allen Nachstellungen.
    Doch bevor er starb, verpflichtete mein Vater meinen älteren Bruder, seinem Beispiel zu folgen und wie er für die Krone zu sterben.«
    »Und Ihr Bruder?«, flüsterte Claire, die sein Bericht sichtlich ergriffen hatte. »Hat er dem Wunsch Ihres Vaters gehorcht?«
    »Das werden Sie erfahren«, erwiderte Hector, »wenn Sie mir gestatten fortzufahren.«
    »Oh, sprechen Sie weiter! Bitte!«, rief Claire, »Ich lausche Ihnen mit Ohren und Herz!«

14
Léon de Sainte-Hermine

    »Einige Zeit nach der Hinrichtung meines Vaters starb meine Mutter, die bei der Nachricht seines Todes erkrankt war.
    Von diesem neuen Unglück konnte ich meinem Bruder Léon nicht berichten. Seit dem Kampf bei Berchem hatte man nicht mehr von ihm gehört; ich schrieb meinem Bruder Charles in Avignon, der sich auf der Stelle nach Besançon aufmachte.
    Ich werde Ihnen berichten, was wir über die Schlacht bei Berchem und über das Los meines Bruders erfuhren, und zwar vom Prinzen von Condé, zu dem meine Mutter, die im Sterben lag, in ihrer Ratlosigkeit hatte schicken lassen; der Bote war jedoch erst nach ihrem Tod zurückgekehrt, am selben Tag wie mein Bruder.
    Am 4. Dezember 1793 hatte der Prinz von Condé in Berchem sein Hauptquartier. Pichegru führte zwei Angriffe gegen ihn aus, ohne ihn von Berchem wegzudrängen oder sich dort halten zu können, nachdem er Condé weggedrängt hatte.
    Nach der abermaligen Einnahme der Ortschaft durch die Emigranten vollführte Léon wahre Wunder an Mut, drang als Erster in das Dorf ein und ward nicht mehr gesehen. Obwohl seine Gefährten ihm auf dem Fuß folgten, konnten sie ihn nirgends ausmachen. Man suchte unter den Toten, fand ihn jedoch nicht. Die allgemeine Ansicht war die, dass er sich auf der Verfolgung der Republikaner zu weit vorgewagt hatte und von ihnen gefangen genommen worden war.
    Die Gefangennahme kam dem Todesurteil gleich, denn jeder Gefangene, den man bewaffnet ergriff, wurde der Form halber vor ein Kriegsgericht gestellt und füsiliert.
    Nichts mehr zu hören bestätigte uns in dieser schmerzlichen Überzeugung, bis man uns den Besuch eines jungen Mannes aus Besançon ankündigte, der von der Rheinarmee kam. Er war fast noch ein Kind, kaum vierzehn Jahre alt, der Sohn eines alten Freundes meines Vaters. Er war ein Jahr jünger als ich, wir waren gemeinsam erzogen worden. Sein Name war Charles N.
    Ich sah ihn als Erster. Ich wußte, dass er seit drei Monaten bei General Pichegru weilte. Ich lief auf ihn zu und rief: ›Charles, du bist es! Bringst du uns Nachrichten von meinem Bruder?‹ – ›Leider ja‹, erwiderte er. ›Ist dein Bruder Charles da?‹ – ›Ja‹, antwortete ich. ›Nun‹, erwiderte er, ›lass ihn rufen, denn das, was ich dir zu sagen habe, gilt auch ihm.‹ Ich rief meinen Bruder. Er kam herbei. ›Charles ist gekommen‹, sagte ich, ›und er hat Neuigkeiten von Léon.‹ – ›Schlechte Neuigkeiten, nicht wahr?‹ – ›Ich fürchte es, denn sonst hätte er sie uns bereits gesagt.‹
    Ohne darauf zu antworten, zog mein junger Freund mit traurigem Lächeln eine Polizeimütze aus seiner Weste und reichte sie meinem Bruder. ›Nunmehr sind Sie das Familienoberhaupt‹, sagte er, ›und deshalb kommt diese Hinterlassenschaft Ihnen zu.‹
    ›Was ist das?‹, fragte mein Bruder.
    ›Das ist die Mütze, die er trug, als er erschossen wurde‹, erwiderte Charles.
    ›Er ist also tot?‹, fragte mein älterer Bruder trockenen Auges, während ich gegen meinen Willen weinen musste.
    ›Ja.‹
    ›Und er ist tapfer gestorben?‹
    ›Wie ein Held.‹
    ›Der Herr sei gepriesen! Unsere Ehre ist unversehrt. In der Mütze ist sicherlich etwas verborgen?‹
    ›Ein Brief.‹
    Mein Bruder betastete die Mütze, erkannte die Stelle, an der sich der Brief befand, schnitt die Naht der Mütze mit einem Taschenmesser auf und entnahm ihr den Brief, den er öffnete.  

    An meinen Bruder Charles.
    Zuerst und vor allen Dingen verheimliche meinen Tod vor unserer Mutter so lange wie möglich.  

    ›Ist er gestorben, ohne zu wissen, dass unsere arme Mutter ihm in das Grab vorausgegangen ist?‹, fragte mein Bruder.
    ›Nein‹, sagte Charles, ›ich habe es ihm gesagt.‹
    Mein Bruder sah wieder auf den Brief und las weiter:

    Ich wurde in Berchem gefangen genommen. Mein Pferd brach zusammen und begrub mich unter sich. Ich konnte mich nicht wehren.
    Ich warf meinen Säbel weg, und vier Republikaner befreiten mich.
    Man brachte mich auf die Festung Auenheim, um mich dort zu füsilieren; wenn kein Wunder geschieht, kann mich nichts mehr retten.
    Mein Vater hatte dem König sein Wort gegeben, für die royalistische Sache zu sterben, und er hat es gehalten.
    Ich gab meinem Vater mein Wort, für dieselbe Sache einzustehen, und werde sterben.
    Du hast mir Dein Wort gegeben. Nun ist die Reihe an Dir. Wenn Du stirbst, wird Hector uns rächen.
    Bete am Grab meiner Mutter.
    Gib Hector einen väterlichen Kuss.
    Adieu
    LÉON DE SAINTE-HERMINE
    P.S. Ich weiß nicht, wie ich Dir diesen Brief zukommen lassen kann, Gott wird es einrichten.
    Mein Bruder küsste den Brief, reichte ihn mir, damit auch ich ihn küsste, und drückte ihn an sein Herz. Dann sagte er zu Charles: ›Und du hast seinem Tod beigewohnt?‹
    ›Ja!‹, erwiderte Charles.
    ›Nun, dann erzähle es mir in allen Einzelheiten.‹<
    ›Das ist nicht schwer‹, sagte Charles. ›Ich war auf dem Weg von Straßburg zum Hauptquartier des Generals Citoyen Pichegru in Auenheim, als ich kurz hinter Sessenheim von einem kleinen Trupp Infanteristen eingeholt wurde, ungefähr zwanzig Soldaten, die ein Hauptmann zu Pferde befehligte. Die zwanzig Männer marschierten in zwei Reihen.
    Mitten auf der Straße ging zu Fuß ein Kavallerist, was an den Sporen seiner Armeestiefel leicht zu erkennen war; von Kopf bis Fuß war er in einen weiten weißen Mantel gehüllt, der nur seinen Kopf sehen ließ, ein junges, intelligentes Gesicht, das mir undeutlich bekannt vorkam; er trug eine Polizeimütze, was in der französischen Armee nicht üblich ist.
    Der Hauptmann sah mich neben dem jungen Mann im weißen Mantel gehen, und da ich noch jünger aussehe, als ich es bin, fragte er mich wohlwollend:
    „Wohin des Weges, mein junger Citoyen?“
    „Zum Hauptquartier des Generals Pichegru; ist es noch weit?“
    „Noch ungefähr zweihundert Schritte“, erwiderte der junge Mann im weißen Mantel. „Sehen Sie, am Ende des Weges, auf den wir eingebogen sind, befinden sich die ersten Häuser von Auenheim.“
    Ich wunderte mich, dass er mir das Dorf mit einer Kopfbewegung wies statt mit einer Geste.  

    „Danke“, sagte ich und beeilte mich, schneller zu gehen, um ihn von meiner Gegenwart zu befreien, die ihn zu stören schien, doch er rief mich zurück.
    „Meiner Treu, junger Freund“,sagte er, „wenn Sie es nicht allzu eilig haben, sollten Sie mit uns gehen, denn dann könnte ich Sie bitten, mir Neuigkeiten aus Ihrer Gegend zu berichten.“
    „Aus meiner Gegend?“fragte ich überrascht.
    „Zum Kuckuck!“, sagte er, „sind Sie etwa nicht aus Besançon oder zumindest aus der Franche-Comté?“
    Ich sah ihn erstaunt an; seine Sprache, sein Gesicht, seine Haltung – alles weckte in mir Kindheitserinnerungen. Offenbar hatte ich diesen schönen jungen Mann früher einmal gekannt.
    „Aber vielleicht wollen Sie Ihr Inkognito wahren“, sagte er lachend.
    „O nein, Citoyen“, entgegnete ich. „Ich musste nur daran denken, dass Theophrast, der ursprünglich Tyrtamos hieß und den die Athener den Schönredner nannten, nach fünfzig Jahren in Athen von einer Obstverkäuferin als Mann aus Lesbos wiedererkannt wurde.“
    „Sie sind ein gebildeter Herr“, sagte mein Reisegefährte; „das ist in den gegenwärtigen Zeiten ein Luxus.“
    „O nein“, sagte ich wieder. „Ich bin auf dem Weg zu General Pichegru, der selbst sehr gebildet ist, und ich hoffe, dank eines Empfehlungsschreibens von ihm als Sekretär angestellt zu werden. Und du, Citoyen“, fügte ich neugierig hinzu, „gehörst du zur Armee?“
    Er begann zu lachen. „Nicht genau“, sagte er.
    Ich sagte: „Dann bist du der Verwaltung attachiert.“
    „Attachiert“, wiederholte er lachend. „Meiner Treu, so kann man es wahrhaftig bezeichnen, Monsieur. Allerdings bin ich nicht der Verwaltung attachiert, sondern mir selbst.“
    „Aber Sie siezen mich und sagen laut Monsieur zu mir“, sagte ich leise. „Befürchten Sie denn nicht, dass Sie das Ihre Stellung kosten kann?“
    „Oho, Hauptmann, haben Sie das gehört?“rief der junge Mann im weißen Mantel lachend. „Der junge Citoyen befürchtet, ich könnte meine Stellung verlieren, weil ich ihn sieze und Monsieur zu ihm sage. Wüssten Sie jemanden, der meine Stellung gern hätte? Ich würde sie ihm jederzeit abtreten!“
    „Armer Teufel!“murmelte der Hauptmann schulterzuckend.
    „Sagen Sie, junger Mann“, fragte mein Reisegefährte, „da Sie aus Besançon kommen, denn daher kommen sie, nicht wahr?“
    Ich nickte.
    „Dann kennen Sie sicher eine Familie namens Sainte-Hermine.“
    „Ja“, antwortete ich, „eine Witwe und drei Söhne.“
    „Drei Söhne, ganz genau; ja“, fügte er seufzend hinzu, „noch sind es drei. Danke. Wann haben Sie Besançon verlassen?“
    „Vor sieben oder acht Tagen.“
    „Dann können Sie mir Neuigkeiten berichten?“
    „Gewiss, aber traurige Neuigkeiten.“
    „Erzählen Sie.“
    „Am Tag vor meiner Abreise waren mein Vater und ich auf der Beerdigung der Gräfin.“
    „Oh!“, rief der junge Mann und richtete den Blick zum Himmel. „Die Gräfin ist tot!“
    „Ja!“
    „Umso besser!“
    Und aus seinen Augen rollten zwei große Tränen.
    „Wie können Sie so sprechen!“, rief ich. „Die Gräfin war eine wahre Heilige!“
    „Umso besser“, wiederholte der junge Mann, „dass sie ihrem Leiden erlegen ist und nicht vor Kummer sterben muss, wenn sie erfährt, dass ihr Sohn erschossen wurde.“
    „Was sagen Sie da?“, rief ich. „Der Graf von Sainte-Hermine wurde erschossen? “
    „Noch nicht, aber er wird erschossen werden.“
    „Und wann?“
    „Sobald wir das Fort von Auenheim erreicht haben werden.“
    „Befindet sich dort der Graf von Sainte-Hermine?“
    „Nein, er ist auf dem Weg dorthin.“
    „Und man wird ihn erschießen?“
    „Sobald ich angekommen sein werde.“
    „Sind Sie für die Hinrichtung zuständig?“
    „Nein, aber ich werde das Zeichen für das Feuer geben. Diese Gunst wird einem tapferen Soldaten, den man mit der Waffe in der Hand überwältigt hat, nicht verweigert, selbst wenn er ein Emigrant ist.“
    „Großer Gott!“, rief ich voller Entsetzen. „Dann sind Sie...?“
    Der junge Mann lachte schallend. „Jetzt wissen Sie, warum ich lachen musste, als Sie mir zur Vorsicht rieten. Und warum ich meine Stellung jedem abgetreten hätte, der sie haben wollen könnte, denn ich musste nicht befürchten, sie zu verlieren; wie Sie so richtig sagten, bin ich attachiert.“
    Und erst da schüttelte er seinen Mantel mit einer Bewegung seiner Schultern, und ich sah, dass ihm Hände und Arme gebunden waren.
    „Aber dann“, rief ich noch entsetzter als zuvor, „dann sind Sie -“
    „Der Graf von Sainte-Hermine, junger Mann. Sie sehen, wie recht ich hatte, als ich sagte, dass meine Mutter gut daran getan hatte zu sterben.“
    „Großer Gott!“, rief ich verzweifelt.
    „Zum Glück“, sagte der Graf mit zusammengepressten Lippen, „leben meine Brüder.“‹
    ›O ja‹, riefen wir wie aus einem Mund, ›und wir werden seinen Tod rächen. ‹«  

    »Es war also Ihr Bruder, der zu seiner Hinrichtung geführt wurde?«, fragte Mademoiselle de Sourdis.
    »Ja«, antwortete Hector. »Genügt Ihnen dies, oder wollen Sie erfahren, wie er starb? Die Einzelheiten, die unsere Herzen bis zum Zerspringen klopfen machten, können für jemanden, der den armen Léon nicht gekannt hat, von keinem großen Interesse sein.«
    »Oh, sagen Sie mir alles, alles!«, rief Mademoiselle de Sourdis, »ersparen Sie mir nichts. War Monsieur Léon de Sainte-Hermine denn nicht mein Verwandter, und habe ich nicht das Recht, ihm bis zum Grab zu folgen?«
    »Dies sagten wir auch zu Charles, der seinen Bericht fortsetzte.  

    ›... Sie können sich denken, welche Erschütterung es für mich war, zu erfahren, dass auf diesen schönen jungen Mann in seiner Jugendblüte, der so sicheren Schrittes ging und so unbeschwert mit mir scherzte, der Tod wartete.
    Zudem war er ein Landsmann von mir, Oberhaupt einer unserer vornehmsten Familien, nämlich der Graf von Sainte-Hermine.
    Ich näherte mich ihm. „Gibt es kein Mittel, Sie zu retten?“, fragte ich leise.
    „Ich muss gestehen, dass ich keines wüsste“, erwiderte er, „denn wüsste ich eines, ergriffe ich es, ohne zu zögern.“
    „Da ich mich nicht in der glücklichen Lage sehe, Ihnen diesen Dienst zu erweisen, wäre es mir lieb, wenn ich mich von Ihnen in dem Wissen verabschieden könnte, Ihnen zu etwas nutze gewesen zu sein, dazu beigetragen zu haben, Ihnen den Tod erträglicher zu machen, Ihnen das Sterben erleichtert zu haben, wenn ich Sie schon nicht vor dem Tod bewahren konnte.“
    „Seit Sie hier sind, trage ich mich mit einem Gedanken.“
    „Sagen Sie ihn.“
    „Es ist vielleicht nicht ganz ungefährlich, und ich fürchte, Sie könnten sich ängstigen.“
    „Ich bin zu allem bereit, wenn ich Ihnen damit einen Dienst erweisen kann.“
    „Ich möchte meinem Bruder Nachricht von mir zukommen lassen.“
    „Ich bin bereit, sie ihm zu überbringen.“
    „Es ist aber ein Brief.“
    „Ich werde ihn ihm aushändigen.“
    „Ich könnte ihn dem Hauptmann geben. Er ist ein wackerer Mann und würde ihn wahrscheinlich dem Empfänger überbringen lassen.“
    „Bei dem Hauptmann ist es anzunehmen“, erwiderte ich, „bei mir können Sie sichergehen.“
    „Dann hören Sie mir gut zu.“
    Ich trat noch näher zu ihm.
    „Der Brief ist schon geschrieben“, sagte er, „und in meine Polizeimütze eingenäht.“
    „Gut.“
    „Sie werden den Hauptmann bitten, meiner Hinrichtung beiwohnen zu dürfen.“
    „Ich!“, erwiderte ich, und ich spürte, wie mir der kalte Schweiß ausbrach.
    „Verschmähen Sie es nicht: Eine Hinrichtung ist immer sehenswert. Viele besuchen Hinrichtungen zum Vergnügen.“
    „Nie hätte ich den Mut dazu.“
    „Ach, das geht schneller, als Sie denken.“
    „Niemals, niemals!“
    „Lassen wir das jetzt“, sagte der Graf. „Sie werden sich damit begnügen, meinen Brüdern, wenn Sie sie zufällig sehen, zu sagen, dass Sie mir begegnet sind, als ich zur Hinrichtung geführt wurde.“
    Und er begann die Melodie von Vive Henry IV zu pfeifen.
    Erregt trat ich zu ihm.
    „Verzeihen Sie mir“, sagte ich, „ich werde alles tun, was Sie von mir verlangen.“
    „Hoppla! Sie sind ein guter Junge, ich danke Ihnen.“
    „Nur...“
    „Was?“
    „Sie müssen den Hauptmann darum bitten, dass ich zusehe. Ich könnte es nie verwinden, wenn man glauben sollte, ich hätte aus Neugier und zum Vergnügen -“
    „Gewiss, gewiss, ich werde ihn bitten, Sie als meinen Landsmann anwesend sein zu lassen; das wird er erlauben. Ich werde darum bitten, meinem Bruder etwas hinterlassen zu dürfen, was mir gehört hat, meine Mütze beispielsweise; so etwas kommt alle Tage vor; außerdem ist eine Polizeimütze nichts Verdächtiges, nicht wahr?“
    „Nein.“
    „In dem Augenblick, in dem ich das Feuer befehle, werde ich die Mütze fortwerfen; beeilen Sie sich nicht zu sehr, sie aufzuheben, erst wenn ich tot sein werde -“
    „Oh!“, rief ich erbleichend und am ganzen Körper zitternd.
    „Hat jemand einen Schluck Branntwein für meinen jungen Landsmann? “, fragte Ihr Bruder. „Ihm ist kalt.“
    „Komm her, mein lieber Junge“, sagte der Hauptmann und reichte mir seine Feldflasche.
    Ich nahm einen Schluck. „Danke, Hauptmann“, sagte ich.
    „Gern geschehen. Einen Schluck für Sie, Citoyen Sainte-Hermine?“, rief er dem Gefangenen zu.
    „Tausend Dank, Hauptmann“, erwiderte dieser, „ich trinke nie geistige Getränke.“
    Ich gesellte mich wieder zu ihm.
    „Und wenn ich dann tot bin“, fuhr er fort, „nehmen Sie die Mütze unauffällig an sich, als wäre es nicht weiter wichtig. Doch Sie wissen, dass mein letzter Wunsch, der Wunsch eines Sterbenden, heilig ist und dass der Brief meinem Bruder übergeben werden muss. Wenn die Mütze Ihnen beschwerlich ist, entnehmen Sie ihr den Brief und werfen Sie sie weg. Aber den Brief, den werden Sie nicht verlieren, nicht wahr?“
    „Nein“, versprach ich, bemüht, meine Tränen zu unterdrücken.
    „Sie werden ihn nicht aus den Augen lassen?“
    „Nein, nein! Seien Sie unbesorgt!“
    „Und Sie werden ihn eigenhändig meinem Bruder übergeben?“
    „Ja, eigenhändig.“
    „Meinem Bruder Charles, dem älteren der beiden; er hat Ihren Vornamen, das kann man sich leicht merken.“
    „Ihm und niemandem sonst.“
    „Setzen Sie alles daran! Nun gut! Er wird Sie ausfragen, und Sie werden ihm berichten, wie ich gestorben bin, und er wird sagen:,Nun, ich hatte einen tapferen Bruder‘, und wenn er an der Reihe sein wird, wird er sterben wie ich.“
    Wir erreichten eine Weggabelung: Eine Straße führte zum Hauptquartier General Pichegrus, die andere zu dem Fort, das unser Ziel war.
    Ich wollte etwas sagen, doch kein Wort drang aus meinem Mund. Bittend sah ich zu Ihrem Bruder.
    Er lächelte. „Hauptmann“, sagte er, „eine Bitte.“
    „Welche? Wenn es in meiner Macht steht …“
    „Es ist vielleicht eine Schwäche, aber es wird ja unter uns bleiben, nicht wahr? Wenn ich sterbe, möchte ich einen Landsmann in die Arme schließen. Wir sind beide Kinder des Jura, dieser junge Mann und ich. Unsere Familien wohnen in Besançon und sind befreundet. Irgendwann wird er nach Hause zurückkehren und erzählen, wie wir einander zufällig begegnet sind und dass er mich bis zum letzten Augenblick begleitet hat.“
    Der Hauptmann sah mich an; ich weinte.
    „Gewiss doch!“, sagte er. „Wenn es Ihnen beiden Vergnügen bereitet! “
    „Ich glaube nicht“, sagte Ihr Bruder lachend, „dass es ihm großes Vergnügen bereitet, aber mir wird es ein Vergnügen sein.“
    „Wenn Sie es wünschen.“
    „Sie sind einverstanden?“
    „Einverstanden“, erwiderte der Hauptmann.
    Ich trat zu dem Gefangenen.
    „Sehen Sie“, sagte er, „bislang klappt alles ganz vorzüglich.“
    Wir stiegen den Hügel hinauf, wiesen uns aus und verschwanden unter der Zugbrücke.
    Im Hof warteten wir auf den Hauptmann, der dem Oberst Rapport erstattete und ihm den Befehl zur Hinrichtung überbrachte.
    Nach wenigen Minuten erschien er auf der Türschwelle.
    „Bist du bereit?“, fragte er den Gefangenen.
    „Wann immer es Ihnen beliebt, Hauptmann“, erwiderte dieser.
    „Hast du uns noch etwas mitzuteilen?“
    „Nein, aber ich habe noch eine Gunst zu erbitten.“
    „Alles, was ich gewähren kann, sei dir gewährt.“
    „Danke, Hauptmann.“
    Der Hauptmann trat zu Ihrem Bruder. „Auch wenn wir unter verschiedenen Fahnen dienen“, sagte er, „sind wir dennoch Franzosen, und tapfere Männer erkennen einander unfehlbar. Was wünschst du?“
    „Zuerst dass man mir die Fesseln abnimmt, mit denen ich aussehe wie ein Strauchdieb.“
    „Du hast recht; nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab.“
    Ich stürzte mich auf die Hände des Grafen und hatte ihn entfesselt, bevor einer der Soldaten sich ihm nähern konnte.
    „Oh!“, sagte der Graf, streckte die Hände aus und schüttelte sich unter seinem Mantel. „Das tut gut, wieder frei zu sein.“
    „Und jetzt?“, fragte der Hauptmann. „Was wünschst du jetzt?“
    „Ich will das Zeichen zum Feuern geben.“
    „So wird es sein. Und was weiter?“
    „Ich möchte meiner Familie ein Andenken zukommen lassen.“
    „Du weißt, dass wir keine Briefe von politischen Gefangenen entgegennehmen dürfen. Alles andere ja.“
    „Oh, ich will niemandem Scherereien bereiten. Hier ist mein junger Landsmann Charles, der mich zu meiner Hinrichtung begleiten wird, wie Sie es erlaubt haben, und der es übernehmen wird, meiner Familie etwas mitzubringen, keinen Brief, sondern irgendetwas, was mir gehört hat, beispielsweise meine Polizeimütze.“
    „Ist das alles?“, fragte der Hauptmann.
    „Meiner Treu, ja“, antwortete der Graf, „es wird Zeit. Ich bekomme allmählich kalte Füße, und kalte Füße kann ich von allen Dingen am wenigsten ausstehen. Auf, Hauptmann, denn ich nehme an, Sie werden mich begleiten.“
    „Das ist meine Pflicht.“
    Der Graf salutierte und drückte mir lachend die Hand, als hätte er Grund zur Freude.
    „Wohin?“, fragte er.
    „Hierher“, sagte der Hauptmann und trat an die Spitze des Zuges.
    Wir folgten ihm, vorbei an einer Poterne, und betraten dann einen zweiten Hof, auf dessen Befestigungen Wachposten patrouillierten. Am Ende des Hofs befand sich eine hohe Mauer, in Kopfhöhe von Einschüssen zernarbt.
    „Aha!“, sagte der Gefangene. Und er ging aus freien Stücken zu der Mauer, vor der er stehen blieb.
    Der Gerichtsschreiber verlas das Urteil.
    Ihr Bruder nickte, als wolle er die Richtigkeit des Urteils bestätigen. Dann sagte er: „Wenn es Ihnen recht ist, Hauptmann, hätte ich kurz etwas mit mir zu besprechen.“
    Der Hauptmann und seine Soldaten begriffen, dass er beten wollte, und traten beiseite.
    Für einen Augenblick verharrte er reglos, mit gekreuzten Armen, den Kopf zur Brust gesenkt, und bewegte die Lippen, ohne dass ein Wort zu vernehmen war.
    Dann richtete er den Kopf auf: Er lächelte. Er umarmte mich, und dabei sagte er mir leise ins Ohr die Worte Karls I.: „Erinnere dich.“
    Weinend nickte ich.
    Dann sprach der Verurteilte mit fester Stimme: „Habt Acht!“
    Die Soldaten nahmen Aufstellung.
    Er nahm seine Polizeimütze ab, als wolle er nicht mit bedecktem Kopf den Befehl zum Feuern geben, warf sie in die Luft, und sie fiel neben meinen Füßen nieder.
    „Seid ihr bereit?“, fragte der Graf.
    „Ja“, erwiderten die Soldaten.
    „Aufstellung, angelegt, Feuer! Es lebe der – “
    Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden; laute Schüsse waren gefallen, und sieben Kugeln hatten seine Brust durchdrungen. Er fiel mit der Stirn voran auf den Boden, und ich fiel auf die Knie und weinte so heftig, wie ich in diesem Augenblick weine.‹<  

    Wahrhaftig war das arme Kind in Tränen ausgebrochen, als es uns den Tod unseres Bruders berichtete. Ach, und auch wir, Mademoiselle, das kann ich Ihnen versichern, weinten bittere Tränen. Mein Bruder Charles, der nun zum Familienoberhaupt geworden war, las den Brief ein zweites Mal, umarmte Charles, streckte den Arm aus und schwor bei der heiligen Reliquie, die uns von unserem Bruder geblieben war, ihn zu rächen.«
    »Oh, was für eine traurige Geschichte, Monsieur!«, sagte Claire, die sich die Tränen abwischte.
    »Soll ich fortfahren?«, fragte Hector.
    »Ach, ich glaube ja«, sagte das junge Mädchen. »Noch nie habe ich etwas Fesselnderes und zugleich Schmerzlicheres gehört.«

15
Charles de Sainte-Hermine (1)


    Hector de Sainte-Hermine schwieg für eine kurze Weile, damit Mademoiselle de Sourdis sich beruhigen konnte, bevor er weitersprach.
    »Sie sagten: ›Was für eine traurige Geschichte.‹ Aber sie wird noch trauriger werden.
    Acht Tage nach der Ankunft meines jungen Freundes in Besançon und der Lektüre des Briefs unseres Bruders Léon verschwand mein Bruder Charles.
    Er hinterließ mir folgenden Brief:

    Ich muss Dir nicht eigens sagen, mein lieber Junge, wo ich mich aufhalte und was ich tue.
    Wie Du Dir denken kannst, bin ich mit dem Werk der Rache beschäftigt, um meinen Schwur einzulösen.
    Du bist nun allein; doch Du bist sechzehn Jahre alt und hast das Unglück zum Herrn; unter solchen Umständen reift man schnell zum Mann.
    Was ich unter einem Mann verstehe, weißt Du: eine unerschütterliche Eiche, die in der Antike wurzelt und deren Krone in die Zukunft reicht, ein Baum, der Hitze wie Kälte die Stirn bietet, Wind wie Regen, Sturm wie Eisen und Gold.
    Ertüchtige Deinen Körper ebenso wie Deinen Geist. Werde gewandt in allen körperlichen Übungen; an Lehrern und Geld wird es Dir nicht mangeln.
    Gib auf dem Land für Pferde, Gewehre, Waffen, Reitlehrer und Fechtlehrer zwölftausend Francs im Jahr aus. In Paris gib das Doppelte aus, doch stets mit dem Ziel, Dich zum Mann auszubilden.
    Sorge dafür, dass Du stets zehntausend Francs in Gold bei Dir trägst, die Du dem erstbesten unbekannten Boten geben kannst, der sie im Namen und mit der Unterschrift Morgans verlangen wird, indem er Dir einen versiegelten Brief überbringt, dessen Siegel ein Dolch ist.
    Nur Du wirst wissen, dass es sich bei diesem Morgan um mich handelt.
    Befolge treulich die Instruktionen, die ich Dir eher als Ratschläge denn als Befehle erteile.
    Lies diesen meinen Brief mindestens einmal im Monat.
    Halte Dich stets bereit, meine Nachfolge anzutreten, mich zu rächen und zu sterben.
    Dein Bruder
    CHARLES
    Und jetzt, Mademoiselle«, fuhr Hector fort, »jetzt, da Sie wissen, dass Morgan und Charles de Sainte-Hermine ein und derselbe sind, muss ich Ihnen Leben und Schicksal meines Bruders nicht mehr Schritt für Schritt nachzeichnen.
    Der Ruhm des Anführers der Compagnons de Jéhu hat sich durch ganz Frankreich und sogar bis ins Ausland verbreitet. Zwei Jahre lang war das Land von Marseille bis Nantua sein Reich.
    Zwei weitere Briefe habe ich von ihm erhalten, mit seinem Siegel und seiner Unterschrift versehen.
    Beide Male erbat er von mir den genannten Geldbetrag, und beide Male schickte ich ihm das Geld.
    Der Name Morgan flößte im Süden Frankreichs ebenso Schrecken ein wie Liebe.
    Alle Royalisten betrachteten die Compagnons de Jéhu als ritterliche Kämpfer für das legitime Herrscherhaus, und beleidigende Bezeichnungen wie Banditen, Strauchdiebe oder Wegelagerer konnten ihnen nichts von diesem Nimbus rauben.
    Bei mehreren Gelegenheiten hatte ihr Anführer Morgan wahre Wundertaten an Kraft, Mut und Großzügigkeit verrichtet.
    Die royalistischen Aufstände im Süden hatten den Charakter eines veritablen Bürgerkriegs gegen die Regierung erlangt; dort konnte man sich laut rühmen, Mitglied der Compagnons de Jéhu zu sein, ohne von den Behörden dafür belangt zu werden.
    Unter dem Direktorium standen die Zeichen günstig für die Aufständischen; die Regierung war zu schwach für den Krieg gegen das Ausland und erst recht für den Krieg im eigenen Land.
    Doch dann kehrte Bonaparte aus Ägypten zurück.
    Der Zufall wollte, dass er in Avignon Augen- und Ohrenzeuge eines der waghalsigen Husarenstücke wurde, die den Ruf der Compagnons de Jéhu als edle und idealistische Räuber schufen.
    Neben den Geldern der Regierung hatten sie versehentlich einen Betrag von zweihundert Louisdor mitgenommen, der einem Weinhändler aus Bordeaux gehörte. Der Weinhändler beklagte sich an der Wirtstafel über das Unrecht, das man ihm angetan hatte, als mitten am helllichten Tag mein Bruder das Gasthaus betrat, maskiert und bis an die Zähne bewaffnet, zur Wirtstafel schritt und vor dem Jammernden den Geldsack mit den zweihundert Louisdor absetzte, für deren versehentliches Entwenden er sich entschuldigte.
    An dieser Wirtstafel speisten auch General Bonaparte und sein Adjutant Roland de Montrevel, die all dies miterlebten. Roland geriet mit Monsieur de Barjols in Streit, schlug sich mit ihm, tötete ihn und reiste Bonaparte nach Paris nach.
    Bonaparte hatte begriffen, mit was für Männern er es zu tun hatte, dass sie es waren und nicht die Engländer, die für die Chouannerie verantwortlich waren, und er nahm sich vor, sie zu vernichten. Er schickte Roland mit unumschränkten Vollmachten in den Süden.
    Es fand sich jedoch kein Verräter, der Roland diejenigen ausgeliefert hätte, die er vernichten wollte. Menschen, Höhlen, Wälder, Berge – sie alle hielten denen die Treue, die ihrem König die Treue hielten. Erst ein unvorhergesehener Zwischenfall brachte durch die Hand einer Frau jenen das Verderben, denen ganze Regimenter nichts hatten anhaben können.
    Sie haben von den schrecklichen politischen Unruhen gehört, die Avignon einem Erdbeben gleich erschütterten. Bei einem dieser Handgemenge, in denen die Gegner einander fühllos, gnadenlos und erbarmungslos abschlachten, in denen auf den Gegner eingeschlagen wird, solange er lebt, röchelt, atmet, und weiter auf ihn eingeschlagen wird, wenn er schon lange kein Lebenszeichen mehr von sich gibt, war ein Monsieur de Fargas umgekommen – ermordet, verbrannt, aufgefressen von diesen Kannibalen, die jeden Menschenfresserstamm der pazifischen Inseln weit in den Schatten gestellt haben. Seine Mörder waren Liberale.
    Er hinterließ einen Sohn und eine Tochter, die dem Gemetzel entkamen und fliehen konnten. Die Natur hatte die Gemüter der Kinder vertauscht: Dem jungen Mann hatte sie das Herz des Mädchens gegeben und dem Mädchen das Herz des Mannes.
    Lucien und Diana schworen, ihren Vater zu rächen; Diana musste Lucien stützen. Er trat den Compagnons de Jéhu bei. Bald darauf wurde Lucien gefangen genommen, und da er die Folter durch Schlafentzug nicht ertragen konnte, nannte er die Namen seiner Komplizen.
    Um ihn vor der Rache seiner einstigen Gefährten zu schützen, verlegte man ihn aus dem Gefängnis von Avignon in das von Nantua. Acht Tage darauf wurde das Gefängnis von Nantua nachts überfallen, der Gefangene wurde entführt und in die Kartause von Seillon gebracht.
    Zwei Tage später wurde der Leichnam Luciens nachts auf die Place de la Préfecture geworfen, gegenüber dem Hôtel Grottes de Ceyzériat, in dem seine Schwester Diana wohnte. Der Leichnam war nackt; in seinem Herzen steckte der wohlbekannte Dolch der Compagnons de Jéhu. An dem Dolch war ein Zettel befestigt, und auf diesem Zettel stand in Luciens Schrift geschrieben:

    Ich sterbe, weil ich meinen heiligen Schwur gebrochen habe, und ich weiß, dass ich den Tod verdiene. Der Dolch, den man in meinem Herzen finden wird, bezeugt, dass ich nicht von der Hand eines feigen, hinterhältigen Meuchelmörders sterbe, sondern gerichtet durch gerechte Rache.
    Bei Tagesanbruch weckte Diana der Tumult unter ihren Fenstern. Irgendetwas sagte ihr, dass dieser Lärm mit ihr zu tun habe und dass ein neues Unglück ihrer harre.
    Sie warf sich einen Hausmantel über, riss das Fenster auf, ohne sich die Haare aufzustecken, die vom Schlaf gelöst waren, und lehnte sich über die Brüstung.
    Kaum hatte sie einen Blick auf die Straße geworfen, stieß sie einen lauten Schrei aus, stürzte die Treppe hinunter, außer sich, aufgelösten Haares, totenbleich, warf sich auf den Leichnam, der Mittelpunkt des Auflaufs war, und rief: ›Mein Bruder! Mein Bruder!‹  

    Ein Fremder hatte Luciens Martertod beigewohnt. Es war ein Abgesandter Cadoudals, der verschiedene bindende Befehle mit sich führte, die ihm alle Türen öffneten. Als Ausweis diente ihm ein Brief, den ich als Abschrift bei mir habe, weil ich darin erwähnt werde.  

    ›Mein lieber Morgan...‹ – Sie erinnern sich«, unterbrach sich Hector, »dass mein Bruder diesen Namen angenommen hatte?« Dann fuhr er fort:

    Mein lieber Morgan, Sie haben gewiss nicht vergessen, dass Sie mir auf unserer Versammlung in der Rue des Postes von sich aus anboten, als mein Kassenführer zu fungieren, sollte ich den Krieg allein fortsetzen, ohne Unterstützung aus dem Landesinneren oder von außerhalb. All unsere Kämpfer sind im Gefecht gefallen oder wurden standrechtlich erschossen. D’Autichamp hat sich der Republik unterworfen; ich allein bin in meiner Überzeugung nicht wankend geworden und in meinem Morbihan unbesiegbar.
    Mit einer Armee von zwei- bis dreitausend Mann kann ich das Land halten; diese Armee verlangt keinen Sold, doch sie muss ernährt, sie muss mit Waffen und Munition versorgt werden; seit Quiberon haben uns die Engländer nichts mehr zukommen lassen.
    Geben Sie uns Geld, und wir geben unser Blut – nicht dass ich behaupten wollte – weiß Gott nicht! -, dass Sie mit dem Ihren geizten! O nein! Ihre Hingabe an die Sache ist am größten und übertrifft die unsere bei Weitem: denn wenn man uns fasst, werden wir nur füsiliert, Sie aber sterben auf dem Schafott. Sie schreiben mir, Sie verfügten über beträchtliche Mittel: Sorgen sie dafür, dass ich jeden Monat mit fünfunddreißigtausend bis vierzigtausend Francs rechnen kann, das wird mir genügen.
    Ich schicke Ihnen unseren gemeinsamen Freund Coster Saint-Victor; sein Name genüge, auf dass Sie ihm vertrauen. Ich habe ihm die Verhaltensmaßregeln eingeschärft, die ihn bis zu Ihnen bringen werden. Geben Sie ihm die ersten vierzigtausend Francs, wenn Sie so viel entbehren können, und bewahren Sie das restliche Geld für mich auf, denn Ihnen nützt es nicht annähernd so viel wie mir. Sollten Sie in Ihrer Heimat zu großem Ungemach ausgesetzt sein und dort nicht bleiben können, durchqueren Sie Frankreich und kommen Sie zu mir.
    Von fern oder nah, ich liebe Sie und danke Ihnen
    GEORGES CADOUDAL,
    kommandierender General der Armee der Bretagne
    P. S. Sie haben, wie ich hörte, mein lieber Morgan, einen jüngeren Bruder von neunzehn oder zwanzig Jahren: Sollten Sie mich nicht als unwürdig erachten, ihn im Waffengebrauch zu unterweisen, senden Sie ihn zu mir, und er wird mein Aide de Camp sein.
    »Nach Rücksprache mit all seinen Gefährten antwortete mein Bruder:

    Mein lieber General,
    Ihr wackerer Bote hat uns Ihren Brief überbracht. Wir haben an die einhundertfünfzigtausend Francs zur Hand und können Ihrem Wunsch entsprechen. Unser neuer Mitstreiter, den ich mit dem Namen Alkibiades bezeichnen werde, wird heute Abend aufbrechen und die ersten vierzigtausend Francs mitnehmen. Jeden Monat werden Sie bei demselben Bankhaus die Summe beziehen, die Sie benötigen. Im Falle unseres Todes oder unserer Auflösung wird das Geld an ebenso vielen verschiedenen Orten vergraben werden, wie wir Beträge von jeweils vierzigtausend Francs haben. Beigelegt finden Sie die Liste all derer, die wissen, wo sich die Beträge befinden. Bruder Alkibiades kam gerade rechtzeitig, um einer Hinrichtung beizuwohnen. Er hat gesehen, wie wir mit Verrätern verfahren.
    Ich danke Ihnen, mein lieber General, für das edle Angebot, das Sie meinem jüngeren Bruder machen. Ich beabsichtige jedoch, ihn vor jeder Gefahr zu bewahren, bis es an ihm sein wird, meinen Platz einzunehmen. Mein Vater starb unter der Guillotine und vermachte meinem älteren Bruder die Aufgabe, ihn zu rächen. Mein älterer Bruder wurde füsiliert und vermachte mir seine Rache. Ich werde vermutlich auf dem Schafott sterben, wie Sie sagten, und ich werde meinem Bruder die Rache vermachen. Dann wird er den Weg beschreiten, dem wir folgten, und er wird wie wir zum Triumph der guten Sache beitragen, oder er wird sterben, wie wir gestorben sind.
    Es bedarf eines so machtvollen Beweggrundes, wenn ich mir erlaube, ihm Ihren Schutz vorzuenthalten, und ich bitte Sie dennoch um Ihr Wohlwollen für ihn.
    Senden Sie uns, soweit dies möglich sein sollte, unseren geliebten Freund Alkibiades wieder. Es wäre uns eine doppelte Freude, Ihnen unsere Botschaft durch diesen Boten zukommen zu lassen.
    MORGAN
    Wie mein Bruder sagte, hatte Coster Saint-Victor der Bestrafung beigewohnt. Lucien de Fargas war vor seinen Augen abgeurteilt und hingerichtet worden. Gegen Mitternacht hatten zwei Reiter die Kartause von Seillon durch die gleiche Pforte verlassen: Der eine, Coster Saint-Victor, machte sich auf den Weg in die Bretagne und zu Cadoudal, dem er Morgans vierzigtausend Francs überbrachte; der andere, der Graf von Ribier, hatte quer über seinem Pferd den Leichnam Lucien de Fargas’ liegen, den er auf die Place de la Préfecture werfen würde.«  

    Hector hielt für einen Augenblick inne.
    »Verzeihen Sie«, sagte er, »aber mein anfangs schlichter Bericht nimmt allmählich ausufernde Formen an und wird zu einem wahren Roman. Ich muss dem Gang der Ereignisse folgen, doch ich will Sie nicht mit all diesen Katastrophen ermüden und werde mich so knapp wie möglich fassen, was ich schon zuvor getan hätte, hätte ich nicht befürchtet, vollends unverständlich zu klingen.«
    »Kürzen Sie nichts ab, ganz im Gegenteil, ich bitte Sie darum«, sagte Mademoiselle de Sourdis. »Die Knappheit würde nur das Interesse schmälern. All Ihre Personen interessieren mich lebhaft, ganz besonders Mademoiselle de Fargas.«
    »Wohlan, von ihr wollte ich gerade wieder sprechen.  

    Drei Tage nachdem der nächtens auf den Platz in Bourg-en-Bresse gebrachte Tote als Lucien de Fargas identifiziert worden und von seiner Schwester ehrerbietig bestattet worden war, sprach im Palais du Luxembourg eine junge Frau vor, die Citoyen Direktoriumsmitglied Barras sprechen wollte.
    Citoyen Barras weilte auf einer Sitzung. Der Kammerdiener, der gesehen hatte, dass die Dame jung und hübsch war, führte sie in das rosa Boudoir, das wohlbekannt war als Schauplatz der wollüstigen Audienzen des Citoyen Direktoriumsmitglied.
    Nach einer Viertelstunde kam der Kammerdiener in das Boudoir und kündigte den Citoyen und das Direktoriumsmitglied Barras an.
    Barras trat mit siegesgewohntem Schritt ein, legte seinen Hut auf einen Tisch und näherte sich der Besucherin mit den Worten: ›Madame, Sie wünschen mich zu sehen, da bin ich!‹
    Die junge Frau erhob sich, als Barras auf sie zukam, hob ihren Schleier und enthüllte ein Gesicht von außergewöhnlicher Schönheit.
    Überwältigt blieb Barras stehen.
    Dann streckte er die Hand aus, um die ihre zu ergreifen und sie zum Hinsetzen zu bewegen, doch sie hielt ihre Hände in ihrem langen Schleier verborgen und sagte: ›Verzeihung, doch ich will stehen, wie es sich für eine Bittende geziemt.‹
    ›Eine Bittende!‹, sagte Barras. ›O nein, eine Frau wie Sie bittet nicht, sie befiehlt – oder verlangt wenigstens.‹
    ›Genau darum ist es mir zu tun: Im Namen der Erde, die uns beide hervorgebracht hat, im Namen meines Vaters, der mit dem Ihren befreundet war, im Namen der geschundenen Menschheit und der missachteten Gerechtigkeit komme ich, um Rache zu verlangen.‹
    ›Rache?‹
    ›Rache‹, wiederholte Diana.
    ›Das ist ein hartes Wort‹, sagte Barras, ›aus einem so jungen und schönen Mund.‹
    ›Monsieur, ich bin die Tochter des Grafen von Fargas, der in Avignon durch die Hand der Republikaner ums Leben kam, und die Schwester des Vicomte de Fargas, der vor Kurzem in Bourg-en-Bresse von den Compagnons de Jéhu ermordet wurde.‹
    ›Sind Sie sich dessen sicher, Mademoiselle?‹
    Das junge Mädchen reichte Barras einen Dolch und ein Blatt Papier.
    ›Die Form dieses Dolchs ist wohlbekannt‹, sagte sie, ›und der Brief sollte jeden Zweifel ausräumen, was den Meuchelmord und seine Hintergründe betrifft, wenn der Dolch Ihnen nichts sagt.‹
    Barras betrachtete die Waffe neugierig. ›Und dieser Dolch?‹, fragte er.
    ›Steckte in der Brust meines Bruders.‹
    ›Der Dolch allein wäre noch kein Beweis‹, sagte Barras, ›man hätte ihn entwenden können oder eigens schmieden, um den Verdacht in eine falsche Richtung zu lenken.‹
    ›Gewiss, doch lesen Sie den Brief, von meines Bruders Hand geschrieben und von ihm unterzeichnet.‹
    Barras las:

    Ich sterbe, weil ich meinen heiligen Schwur gebrochen habe, und ich weiß, dass ich den Tod verdiene. Der Dolch, den man in meinem Herzen finden wird, bezeugt, dass ich nicht von der Hand eines feigen, hinterhältigen Meuchelmörders sterbe, sondern gerichtet durch gerechte Rache.
    LUCIEN DE FARGAS
    ›Und die Schrift ist die Ihres Bruders?‹, fragte Barras.
    ›Ganz gewiss, ja.‹
    ›Und was bedeuten die Worte: »Ich sterbe nicht von der Hand eines feigen, hinterhältigen Meuchelmörders, sondern gerichtet durch gerechte Rache«?‹
    ›Das heißt, dass mein Bruder, nachdem er Ihren Schergen in die Hände gefallen war und von ihnen gefoltert wurde, seinem Schwur untreu wurde und die Namen seiner Komplizen offenbart hat. Ich‹, sagte Diana mit unfrohem Lachen, ›hätte mich den Verschwörern anschließen sollen, nicht mein Bruder.‹
    ›Wie kommt es‹, fragte Barras, ›dass ein solcher Mord unter solchen Umständen begangen wurde, ohne dass ich bisher Kenntnis davon erlangt hätte?‹
    ›Das spricht nicht für Ihre Polizei!‹, antwortete Diana lächelnd.
    ›Nun denn‹, sagte Barras, ›wenn Sie so gut unterrichtet sind, dann nennen Sie uns die Namen derjenigen, die Ihren Bruder ermordet haben, und sobald sie verhaftet sind, wird ihre Bestrafung nicht auf sich warten lassen. ‹
    ›Wüsste ich ihre Namen‹, erwiderte Diana, ›hätte ich mich nicht an Sie gewendet, sondern sie erdolcht.‹
    ›Nun gut‹, sagte Barras, ›dann suchen Sie nach Ihnen, und wir werden ebenfalls suchen.‹
    ›Ich soll nach ihnen suchen!‹, wiederholte Diana. ›Ist das meine Aufgabe, bin ich die Regierung, bin ich die Polizei, ist es meine Sache, über die Sicherheit der Bürger zu wachen? Man verhaftet meinen Bruder und steckt ihn ins Gefängnis; das Gefängnis gehört der Regierung, also ist diese für meinen Bruder verantwortlich; das Gefängnis öffnet seine Türen und verrät seinen Gefangenen: Die Regierung schuldet mir dafür Rechenschaft. Und da Sie das Regierungsoberhaupt sind, komme ich zu Ihnen und verlange: Geben sie mir meinen Bruder zurück.‹
    ›Sie haben Ihren Bruder geliebt?‹
    ›Abgöttisch.‹<
    ›Sie wollen ihn rächen?‹
    ›Ich gäbe mein Leben um das seiner Mörder.‹
    ›Und wenn ich Ihnen einen Weg anböte herauszufinden, wer ihn ermordet hat, würden Sie annehmen?‹
    Diana zögerte kurz, dann sagte sie heftig: ›Ich würde annehmen.‹
    ›Gut‹, sagte Barras, ›helfen Sie uns, und wir werden Ihnen helfen.‹
    ›Was soll ich tun?‹
    ›Sie sind schön, sehr schön sogar.‹
    ›Es geht hier nicht um meine Schönheit‹, sagte Diana ohne jede Schüchternheit.
    ›Im Gegenteil‹, sagte Barras, ›im Gegenteil, es geht in erster Linie darum. In dem großen Kampf, den wir das Leben nennen, wurde der Frau die Schönheit gegeben, und zwar nicht bloß als Geschenk des Himmels, an dem sich das Auge eines Liebhabers oder Gatten erfreuen mag, sondern als Waffe, die gleichermaßen zum Angriff wie zur Verteidigung dient.‹
    ›Sprechen Sie weiter‹, sagte Diana.
    ›Die Compagnons de Jéhu haben vor Cadoudal keine Geheimnisse. Er ist ihr wahrer Anführer, für ihn arbeiten sie; er weiß die Namen all ihrer Mitglieder vom ersten bis zum letzten Mann.‹
    ›Und weiter?‹, fragte Diana.
    ›Weiter? Nichts einfacher als das. Sie reisen in die Bretagne, gesellen sich zu Cadoudal, gerieren sich als Opfer Ihres Eintretens für die royalistische Sache, verschaffen sich sein Vertrauen, und Sie werden leichtes Spiel haben: Cadoudal wird sich unweigerlich in Sie verlieben, und früher oder später werden Sie die wahren Namen der Männer erfahren, nach denen wir vergeblich suchen. Teilen Sie uns die Namen mit, mehr verlangen wir nicht von Ihnen, und Ihre Rache wird befriedigt werden. Und falls Ihr Einfluss so weit reicht, dass sie sogar diesen halsstarrigen Sektierer dazu bewegen können, sich wie die anderen zu unterwerfen, dann muss ich Ihnen sicherlich nicht eigens sagen, wie großzügig die Regierung -‹
    Diana streckte gebieterisch die Hand aus. ›Sehen Sie sich vor, Citoyen Direktoriumsmitglied, noch ein Wort, und Sie beleidigen mich.‹
    Und nach kurzem Schweigen: ›Ich bedinge mir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit aus‹, sagte sie.
    ›Lassen Sie sich Zeit, Mademoiselle‹, sagte Barras. ›Ich werde Ihnen zu Diensten stehen.‹
    ›Morgen hier, um neun Uhr abends‹, sagte Mademoiselle de Fargas, nahm Barras ihren Dolch aus der Hand und den Brief ihres Bruders von dem Tisch, auf den sie ihn gelegt hatte, verbarg Brief und Dolch in ihrem Mieder, verneigte sich vor Barras und ging.
    Am nächsten Tag kündigte man ihm um die gleiche Stunde Mademoiselle Diana de Fargas an.
    Er eilte in das rosa Boudoir. ›Nun, meine schöne Nemesis?‹, fragte er.
    ›Ich habe mich entschieden, Monsieur; allerdings benötige ich einen Geleitbrief, mit dem ich mich vor den republikanischen Behörden ausweisen kann. In dem Leben, das ich führen werde, kann ich jederzeit bewaffnet auf Seiten der Gegner der Republikaner ergriffen werden; Sie lassen Frauen und Kinder erschießen, Sie führen einen Ausrottungskrieg: Das ist Ihre Sache, die Sie mit Gott abmachen müssen. Aber ich könnte dabei gefasst werden, und ich will auf keinen Fall füsiliert werden, bevor ich mich gerächt habe.‹
    ›Mit diesem Ansinnen habe ich gerechnet; und um Ihre Abreise nicht zu verzögern, habe ich bereits alle Ausweispapiere vorbereiten lassen, die Sie benötigen werden. Ordres des Generals Hédouville werden jene, vor denen Sie sich fürchten müssten, in Ihre Verteidiger verwandeln; und mit diesem Geleitbrief können Sie Bretagne und Vendée von einem Ende zum anderen bereisen.‹
    ›Sehr gut, Monsieur!‹, sagte Diana. ›Ich danke Ihnen.‹
    ›Darf ich Sie, ohne indiskret zu sein, fragen, wann Sie abzureisen gedenken? ‹
    ›Heute Abend noch; meine Pferde und meine Postkutsche erwarten mich am Zaun des Palais du Luxembourg.‹
    ›Erlauben Sie mir eine indiskrete Frage – es ist meine Pflicht, sie Ihnen zu stellen.‹
    ›Fragen Sie, Monsieur.‹
    ›Haben Sie Geld?‹
    ›Ich habe sechstausend Francs in Gold in dieser Kassette bei mir, was mehr als sechzigtausend Francs in Assignaten entspricht. Sie sehen, dass ich unbesorgt auf eigene Faust Krieg führen kann.‹
    Barras reichte der schönen Besucherin die Hand, doch sie schien diese Aufmerksamkeit nicht zu bemerken.
    Sie verneigte sich untadelig und verließ den Raum.
    ›Was für eine bezaubernde Viper‹, sagte Barras. ›Ich wäre nicht gern derjenige, der ihr Blut erwärmt.‹

16
Mademoiselle de Fargas

    Der Zufall wollte, dass Mademoiselle de Fargas und Coster Saint-Victor sich kurz vor dem Dorf La Guerche begegneten, anders gesagt, drei Wegstunden von Cadoudals Lager entfernt.
    Coster Saint-Victor, einer der elegantesten Männer jener Zeit, der mit dem Ersten Konsul Bonaparte um die Gunst mehr als einer der hübschesten Schauspielerinnen wetteiferte, hatte kaum gesehen, dass eine schöne Frau in offener Kalesche vorbeifuhr, als er die erste Gelegenheit ergriff, sich ihr zu nähern, sobald die Kalesche langsamer wurde, was ihm umso leichter fiel, als er dem Postwagen zu Pferde folgte.
    Diana wollte dem Fremden zuerst in kalter Würde begegnen, doch er begrüßte sie so höflich, und seine Worte und Komplimente waren so wohlgewählt, dass sie sich nur so lange unnahbar zeigte, wie es die guten Sitten unter Reisenden erforderten.
    Zudem befand sie sich in einem ihr fremden Land, in dem an jeder Wegbiegung Gefahren lauern konnten. Der Reisende, der so offenkundig ihre Bekanntschaft gesucht hatte, schien mit dem Land bestens vertraut zu sein; er konnte ihr nützlich sein, ihr beispielsweise verraten, wo Cadoudal sich aufhielt.
    Beide hatten einander Falschheiten anvertraut.
    Coster Saint-Victor hatte gesagt, er heiße d’Argentan und sei Steuereinnehmer der Regierung in Dinan.
    Diana hatte ihm erwidert, sie heiße Mademoiselle de Rotrou und sei Postverwalterin in Vitré.
    Und von falscher Auskunft zu falscher Auskunft hatten sie einander eine wahre Auskunft offenbart: dass nämlich beide auf der Suche nach Cadoudal waren.
    ›Kennen Sie ihn?‹, hatte d’Argentan gefragt.
    ›Ich habe ihn nie gesehen‹, hatte Diana erwidert.
    ›Dann, Mademoiselle, wäre es mir eine Ehre, Ihnen meine Dienste anzubieten‹, hatte der falsche d’Argentan gesagt. ›Cadoudal ist mein Freund, und wir sind dem Ort, an dem wir ihm begegnen sollten, so nahe, dass ich Ihnen wohl ohne Gefahr offenbaren darf, dass ich nicht der Regierung, sondern ihm als Steuereinnehmer diene. Sollten Sie eine Empfehlung benötigen, Mademoiselle, wäre ich doppelt glücklich, dass der Zufall – oder soll ich sagen: die Vorsehung? – unsere Wege einander kreuzen ließ.‹
    ›Ich will Ihre Offenheit erwidern‹, sagte Diana, ›und Ihnen gestehen, dass ich so wenig Postverwalterin in Vitré bin, wie Sie Steuereinnehmer in Dinan sind. Ich bin die letzte Überlebende einer vornehmen royalistischen Familie, die auf Rache sinnt und bei ihm dienen will.‹
    ›Und in welcher Eigenschaft?‹, fragte d’Argentan.
    ›In der Eigenschaft einer Freiwilligen‹, erwiderte Diana.
    Coster sah sie verblüfft an und sagte dann: ›Alles in allem, warum nicht? Dumouriez hatte zwei Demoiselles de Fernig als Aides de Camp. Wir leben in einer so verrückten Zeit, dass man sich auf alles einstellen muss, selbst auf Dinge, die man nicht glauben wollte.‹
    Und damit war diese Frage erledigt.
    In La Guerche waren sie einer Abteilung republikanischer Soldaten auf dem Weg nach Vitré begegnet.
    Beim Verlassen des Dorfes stießen sie auf gefällte Bäume, die den Weg versperrten.
    ›Oh, zum Henker!‹, rief Coster. ›Es nähme mich nicht wunder, wenn Cadoudal hinter diesem Hindernis steckte!‹
    Er hielt an, bedeutete Dianas Kutsche, ebenfalls zu halten, und ließ einmal den Ruf des Käuzchens und einmal den der Schleiereule ertönen.
    Rabengeschrei antwortete ihm.
    ›Unsere Freunde haben uns erkannt; bleiben Sie hier, ich werde Sie abholen. ‹
    Zwei Männer erschienen, schufen einen Weg durch die Barrikade, und Diana sah, dass ihr Weggefährte sich einem der Männer in die Arme warf, der Cadoudal sein musste.
    Dieser Mann näherte sich ihrem Wagen und nahm seinen Hut ab.
    ›Mademoiselle‹, sagte er, ›ob Sie weiterreisen oder mir die Ehre erweisen wollen, meine Gastfreundschaft anzunehmen – ich muss Ihnen raten, sich zu beeilen, denn in weniger als einer Stunde werden die Republikaner hier sein, und Sie sehen, dass wir bereit sind, sie zu empfangen.‹
    Er wies auf die Barrikade.
    ›Ganz davon abgesehen‹, fuhr er fort, ›dass ich in den Ginsterbüschen fünfzehnhundert Männer versteckt habe, die eine Musik anstimmen werden, wie Sie sie noch nie gehört haben dürften.‹
    ›Monsieur‹, sagte Diana, ›ich wollte Sie um Ihre Gastfreundschaft bitten, doch ich danke dem Geschick, das mir erlaubt, ein Schauspiel zu erleben, das ich mir schon immer ersehnt habe, nämlich ein Gefecht.‹
    Cadoudal verbeugte sich, machte seinen Männern ein Zeichen, woraufhin eine Schneise für die Kutsche geschaffen wurde, und Diana fand sich auf der anderen Seite der Barriere wieder.
    Sie sah sich um; neben den Männern in den Ginsterbüschen, von denen Cadoudal gesprochen hatte, sah sie Tausende, die auf dem Bauch lagen, den Karabiner neben sich.
    An die fünfzig Reiter hielten ihre Pferde am Zügel, im Unterholz verborgen.
    ›Madame‹, sagte Cadoudal zu Diana, ›verargen Sie es mir bitte nicht, dass ich mich jetzt meinen Aufgaben als Anführer widme; sobald ich sie erledigt habe, werde ich mich meinen anderen Aufgaben zuwenden.‹
    ›Auf, Messieurs, auf‹, sagte Diana, ›und machen Sie sich keine Sorgen meinetwegen. Wenn Sie nur ein Pferd hätten -‹
    ›Ich habe zwei‹, sagte d’Argentan. ›Das kleinere stelle ich Ihnen gerne zur Verfügung. Es ist allerdings für den Kampf und für einen Mann gesattelt. ‹
    ›Genau das, was ich benötige‹, sagte Diana, und als sie sah, dass der junge Mann seine Satteltasche vom Pferd nahm, rief sie lachend: ›Danke, Herr Steuereinnehmer aus Dinan!‹
    Dann schloss sie das Verdeck ihres Wagens.
    Zehn Minuten später ertönten in einer Viertelmeile Entfernung von der Barrikade in den Bergen die ersten Gewehrsalven, und das Gefecht begann.
    Bei diesen ersten Schüssen wurde die Tür der Kalesche geöffnet, und ein junger Mann entstieg ihr, elegant als Chouan ausstaffiert. Seine Jacke war aus Samt, aus seinem weißen Gürtel ragten die Griffe zweier doppelläufiger Pistolen, er trug einen Filzhut mit wehender weißer Feder und hatte einen leichten Säbel umgegürtet.
    Mit einer Behändigkeit, die den geübten Reiter verriet, sprang er auf das Pferd, das der Diener Coster Saint-Victors hielt, und nahm seinen Platz unter den vierzig oder fünfzig Kavalleristen ein, die der bretonische General befehligte.  

    Das Gefecht werde ich überspringen«, sagte Hector. »Ich begnüge mich damit zu sagen, dass die Blauen vernichtend geschlagen wurden und sich nach mutiger Gegenwehr um ihren Oberst Hulot im Dorf La Guerche sammelten.
    Dieser Kampf hatte für Cadoudal und seine Leute kein besonderes materielles Ergebnis, doch seine moralische Wirkung war unschätzbar.
    Cadoudal hatte nicht nur mit seinen zweitausend Mann vier- oder fünftausend kampferprobten erfahrenen Soldaten die Stirn geboten, sondern er hatte den Gegner in die Stadt zurückgezwungen, die dieser verlassen wollte, was vier oder fünf gegnerische Tote gefordert hatte.
    Diana hatte in der ersten Reihe gekämpft, immer wieder mit ihrem Karabiner geschossen und mehrmals im Nahkampf ihre Pistolen benutzt.
    Coster Saint-Victor kehrte aus dem Gefecht mit einem Bajonettstich durch den Arm zurück, seine Chouanjacke über die Schulter geworfen.
    ›Monsieur‹, sagte die junge Frau zu Cadoudal, der das Gefecht in der ersten Reihe bestritten hatte, immer wieder vor Pulverdampf unsichtbar, ›Sie wollten mich nach dem Gefecht sprechen, um aus meinem eigenen Mund zu hören, warum ich mich Ihnen anschließen will und was ich von Ihnen wünsche: Das Gefecht ist beendet, ich wünsche, in Ihre Truppe einzutreten. ‹
    ›Und in welchem Rang, Madame?‹, fragte Cadoudal.
    ›Im Rang eines einfachen Freiwilligen: Ich habe bewiesen, dass Getöse und Rauch mir keine Angst machen.‹
    Cadoudals Stirn verfinsterte sich, und seine Miene nahm einen strengen Ausdruck an.
    ›Madame‹, sagte er, ›dieser Vorschlag ist weniger harmlos, als es den Anschein haben mag. Ich werde Ihnen etwas Sonderbares erzählen: Da ich zuerst für eine kirchliche Laufbahn bestimmt war, habe ich alle Gelübde mit ganzem Herzen abgelegt und sie immer befolgt. In Ihnen, das bezweifle ich nicht, hätte ich einen bezaubernden Aide de Camp von unstreitiger Kühnheit. Für mich sind Frauen so tapfer wie Männer. Und von Epicharis, die sich mit den Zähnen die Zunge abbiss, um unter der Folter, der Nero sie unterziehen ließ, ihre Komplizen nicht zu verraten, bis zu Charlotte Corday, die ein Ungeheuer vom Antlitz der Welt tilgte, vor dem die Menschen erzitterten, haben sie uns in jedem Jahrhundert immer wieder Proben ihres Mutes gegeben. Doch in unseren religiösen Landgegenden, vor allem in der alten Bretagne, bestehen Vorurteile, vor deren Hartnäckigkeit der militärische Ruhm eines Charette bedeutungslos wurde, und diese Vorurteile können einen Kombattanten nötigen, auf Dienste wie die von Ihnen angebotenen zu verzichten. Manche unserer Anführer hatten Schwestern und Töchter gemeuchelter Royalisten in ihren Feldlagern, doch diesen schuldeten sie Hilfe und Schutz.‹
    ›Und wer sagt Ihnen, Monsieur‹, rief Diana, ›dass ich nicht Tochter oder Schwester eines gemeuchelten Royalisten bin – oder sogar beides – und dass ich nicht dieses Recht hätte, das Sie eben erwähnten?‹
    ›Und wie kommt es dann‹, mischte sich lächelnd d’Argentan ein, ›dass Ihr Ausweis von Barras unterzeichnet ist und Sie als Leiterin einer Poststelle in Vitré ausweist?‹
    ›Hätten Sie die Güte, mir Ihren Ausweis zu zeigen?‹, fragte Diana den falschen d’Argentan.
    ›Ha! Meiner Treu, gut gegeben‹, rief Cadoudal, den Dianas Kaltblütigkeit und Hartnäckigkeit beeindruckten.
    ›Und dann werden Sie mir sicherlich erklären, wie Sie dazu kommen, sich als Freund, wenn nicht gar beinahe rechter Arm General Cadoudals in Ihrer Funktion als Steuereinnehmer aus Dinan auf republikanischem Territorium frei zu bewegen?‹
    ›Ja, sprich‹, sagte Cadoudal, ›erkläre Mademoiselle, wie es kommt, dass du Steuereinnehmer in Dinan bist, und sie wird dir erklären, wie es dazu kommt, dass sie Postverwalterin in Vitré ist.‹
    ›Oh, das ist ein Geheimnis, das ich vor unserem keuschen Freund Cadoudal nicht gerne enthülle. Aber wenn Sie mich drängen, dann werde ich Ihnen auf die Gefahr hin, ihn erröten zu machen, verraten, dass er in Paris in der Rue des Colonnes nahe dem Theater Feydeau eine gewisse Demoiselle Aurélie de Saint-Amour versteckt hält, welcher der Citoyen Barras nichts abschlagen kann und die mir nichts abschlagen kann.‹
    ›Und‹, sagte Cadoudal, ›der Name d’Argentan in dem Ausweis meines Freundes verbirgt einen Namen, der ihm als Geleitwort bei allen Banden von Chouans, Vendéens und Royalisten mit weißer Kokarde in ganz Frankreich und im Ausland dient. Ihr Reisegefährte, Mademoiselle, der nun, da er nichts mehr befürchten muss, auch nichts mehr zu verbergen hat, ist kein Steuereinnehmer der Regierung in Dinan, sondern Sendbote zwischen General Rundkopf und den Compagnons de Jéhu.‹
    Bei der Erwähnung dieses Namens zuckte Diana unmerklich zusammen.
    ›Ich muss gestehen‹, sagte der falsche d’Argentan, ›dass ich einer furchterregenden Hinrichtung beigewohnt habe: Der Vicomte de Fargas, der seine Bruderschaft verraten hat, wurde vor meinen Augen erdolcht.‹
    Diana spürte, wie das Blut ihren Wangen entwich. Hätte sie ihren Namen genannt, würde sie ihn nennen, wäre ihr ganzes Unterfangen vergeblich gewesen. Der Schwester des von den Compagnons de Jéhu gerichteten Vicomte de Fargas würde man niemals Namen oder Aufenthalt dieser Bruderschaft verraten.
    Sie schwieg daher und tat so, als warte sie darauf, dass Cadoudal wieder das Wort ergriff.
    Cadoudal deutete ihr Schweigen wie erwartet und fuhr fort: ›Er heißt nicht d’Argentan, sondern Coster Saint-Victor; und hätte er bisher keinen anderen Beweis seiner Gesinnung gegeben als die Verwundung, die er heute für unsere heilige Sache erhalten hat -‹
    ›Wenn Sie weiter nichts als eine Verwundung zum Beweis unserer Ernsthaftigkeit verlangen‹, sagte Diana ungerührt, ›das können Sie haben.‹
    ›Und wie?‹, fragte Cadoudal.
    ›Sehen Sie selbst!‹ Mit diesen Worten zog Diana aus ihrem Gürtel den scharfen Dolch, der ihren Bruder getötet hatte, und durchbohrte ihren Arm an der gleichen Stelle, an der Coster verwundet worden war, mit einem so gewaltigen Stoß, dass die Klinge auf der anderen Seite des Arms heraustrat.
    Dann zeigte sie ihren durchbohrten Arm Cadoudal und sagte: ›Sie wollen wissen, ob ich von edler Geburt bin? Sehen Sie selbst! Mein Blut ist, wie ich hoffe, nicht minder blau als das Monsieur Coster Saint-Victors. Sie wollen wissen, mit welchem Recht ich Ihr Vertrauen verlange? Dieser Dolch beweist Ihnen, dass ich mit den Compagnons de Jéhu in Verbindung stehe. Sie wollen wissen, wie ich heiße? Ich bin die Nachfahrin jener Römerin, die sich ein Messer in den Arm stach, um ihrem Ehemann zu beweisen, dass sie nicht schwach war. Ich heiße Porcia!‹
    Coster Saint-Victor schrak zurück. Cadoudal, der die Heldin der Rache voller Bewunderung ansah, sagte: ›Ich kann bestätigen, dass das Messer, mit dem die junge Frau sich verwundet hat, in der Tat der Dolch der Compagnons de Jéhu ist, und zum Beweis lege ich den gleichen Dolch vor, den mir der Anführer der Bruderschaft drei Tage vor meiner Aufnahme überreicht hat.‹
    Und er nahm einen Dolch aus seiner Brusttasche, völlig gleich dem Dolch, der den Arm der Mademoiselle de Fargas durchstoßen hatte.
    Cadoudal reichte Diana die Hand. ›Mademoiselle, von diesem Augenblick an‹, sagte er, ›bin ich Ihr Vater, wenn Sie keinen Vater mehr haben, und wenn Sie keinen Bruder mehr haben, sind Sie meine Schwester. Da wir in einer Zeit leben, in der ein jeder gezwungen ist, seinen Namen unter einem anderen zu verbergen, werden Sie sich als die Römerin, die Sie sind, Porcia nennen. Von dieser Stunde an werden Sie zu uns zählen, Mademoiselle, und da Sie vom ersten Augenblick an Ihrem Rang als Anführerin gerecht wurden, werden Sie der Ratsversammlung beiwohnen, die ich abhalte, sobald der Wundarzt Ihre Wunde versorgt haben wird.‹
    ›Danke, General‹, sagte Diana. ›Was den Wundarzt betrifft, benötige ich ihn so wenig wie Monsieur Coster Saint-Victor; meine Verwundung ist nicht bedeutender als die seine.‹
    Und sie zog den Dolch aus der Wunde, in der er immer noch gesteckt hatte, und zerschnitt ihren Ärmel der Länge nach, so dass ihr schöner Arm ganz zu sehen war.
    Dann sagte sie zu Coster Saint-Victor: ›Kamerad, hätten Sie die Güte, mir Ihre Krawatte zu borgen?‹  

    Diana de Fargas blieb zwei Jahre lang in der Armée de Bretagne und in Cadoudals unmittelbarer Umgebung unter dem Namen Porcia, und niemand erfuhr ihren wahren Namen.
    Zwei Jahre lang nahm sie an allen Kämpfen teil, die stattfanden, teilte alle Gefahren und alle Strapazen des Anführers, dessen Sache sie sich verschrieben zu haben schien.
    Zwei Jahre lang unterdrückte sie ihren Hass auf die Compagnons de Jéhu, rühmte ihre Taten und pries die Namen eines Morgan, d’Assas, d’Adler und Montbar.
    Zwei Jahre lang belagerte sie der schöne Coster Saint-Victor, dem noch nie eine Frau widerstanden hatte, vergeblich mit seiner Liebe.
    Und nach diesen zwei Jahren wurde ihr langes, beharrliches Warten belohnt.
    Unvermittelt brach der 18. Brumaire über Frankreich herein.
    Die erste Aufmerksamkeit des neuen Diktators richtete sich auf die Vendée und die Bretagne. Cadoudal begriff, dass es zu einem echten Krieg kommen würde und dass er für diesen Krieg Geld benötigen würde – Geld, das ihm die Compagnons de Jéhu verschaffen konnten.
    Coster Saint-Victor war am Oberschenkel durch einen Schuss verwundet; ihn konnte man als Geldeinnehmer nicht schicken.
    Cadoudals Blick fiel auf Diana, die er nach wie vor nur als Porcia kannte: Sie hatte ihm so viele Beweise ihrer Hingabe und ihres Mutes gegeben, dass er sich neben Coster Saint-Victor niemanden sonst denken konnte, den er mit diesem Auftrag betrauen wollte.
    Als Frau konnte sie ungehindert in Frankreich reisen. Und in ihrer Kutsche konnte sie beträchtliche Geldbeträge transportieren.
    Cadoudal besprach sich mit dem Verwundeten, der völlig seiner Meinung war.
    Diana wurde an das Bett des Verwundeten gerufen, und Cadoudal eröffnete ihr seine Absichten – dass sie sich mittels eines doppelten Schreibens Cadoudals und Coster Saint-Victors mit den Compagnons de Jéhu in Verbindung setzen und Cadoudal das Geld bringen sollte, das er dringender denn je benötigte, da die Feindseligkeiten unerbittlich wie nie zuvor zu entbrennen schienen.
    Dianas Herz tat bei diesen Worten einen Freudensprung, doch mit keiner Regung verriet sie, was sich in ihrem Herzen abspielte.
    ›Mag die Aufgabe noch so schwierig sein‹, sagte sie, ›wird es doch mein größter Wunsch sein, sie zu erfüllen; doch außer den Briefen des Generals und Monsieur Coster Saint-Victors werde ich alle topographischen Auskünfte benötigen, alle Parolen und bindenden Befehle, die mir helfen können, in das Herz der Bruderschaft vorzudringen.‹
    Coster Saint-Victor gab sie ihr. Sie reiste ab, ein Lächeln auf den Lippen und Rachedurst im Herzen.

17
Die Höhlen von Ceyzériat

    Als Diana in Paris ankam, erbat sie eine Audienz bei dem Ersten Konsul Bonaparte. Es war wenige Tage nach Rolands Rückkehr von seinen Verhandlungen mit Cadoudal. Roland interessierte sich bekanntlich nicht sonderlich für Frauen. Er sah Porcia, zerbrach sich jedoch nicht weiter den Kopf über sie. Möglicherweise hielt er sie gar nicht für eine Frau, sondern für einen Chouan. Barras war entmachtet, und Diana verschwendete keinen Gedanken an ihn.
    In ihrem Audienzbegehren gab sie an, sie wisse, wie man der Compagnons de Jéhu habhaft werden könne, und sie sei bereit, unter bestimmten Bedingungen, die sie mit dem Ersten Konsul persönlich auszumachen wünsche, dieses Wissen zu offenbaren.
    Bonaparte verabscheute nichts mehr als Frauen, die sich in die Politik einmischten.
    Er befürchtete, es mit einer Abenteurerin zu tun zu haben, und ließ ihren Brief Fouché übergeben, den er beauftragte, sich diese Mademoiselle Diana de Fargas näher anzusehen.  

    Kennen Sie Fouché, Mademoiselle?«, fragte Hector, der seinen Bericht unterbrach.
    »Nein, Monsieur«, antwortete Claire.
    »Er ist der Inbegriff der Abscheulichkeit. Augen wie aus Stein, die in verschiedene Richtungen blicken, gelbe, spärliche Haare, ein aschfarbener Teint, eine platte Nase, ein schiefer Mund voller scheußlicher Zähne, ein fliehendes Kinn und ein rötlicher Bart, der wie Schmutz im Gesicht klebt – das ist Fouché.  

    Das Schöne ekelt sich naturgemäß vor dem Hässlichen.
    Als Fouché sich bei Diana einfand, halb unterwürfig, halb anmaßend und durchdrungen von der geheuchelten Demut des einstigen Zöglings des Priesterseminars, weckte er in ihr höchsten moralischen und physischen Abscheu.
    Man hatte ihr den Polizeiminister angekündigt; dieser Titel öffnete alle Türen und hatte Fouché auch Dianas Tür geöffnet; als sie jedoch dieses Scheusal erblickte, schrak sie instinktiv auf ihrem Kanapee zurück und vergaß sogar, Fouché zum Sitzen aufzufordern.
    Er nahm sich ungefragt einen Sessel; und da Diana ihn weiterhin mit unverhüllt angewiderter Miene betrachtete, sagte er: ›Nun, kleine Dame, wir haben also Enthüllungen, die wir der Polizei machen wollen, und einen Handel, den wir ihr anzubieten gedenken?‹
    Diana sah sich mit solchem Erstaunen um, dass der gewandte Politiker begriff, dass diese Verwunderung nicht gespielt war. ›Wonach suchen Sie?‹, fragte er.
    ›Nach der Person, an die Sie sich wenden, Monsieur.‹
    ›Das sind Sie, Mademoiselle‹, erwiderte Fouché dreist.
    ›Da täuschen Sie sich, Monsieur‹, sagte Diana. ›Ich bin keine kleine Dame, ich bin eine große Dame, Tochter des Grafen von Fargas, der in Avignon ermordet wurde, und Schwester des Vicomte de Fargas, der in Bourg ermordet wurde. Ich bin nicht gekommen, um der Polizei Enthüllungen zu machen oder irgendeinen Handel anzubieten. So etwas überlasse ich denen, die in der bedauernswerten Lage sind, ihre Leiter oder Angestellten zu sein. Ich kam, um Gerechtigkeit zu verlangen‹, sagte sie und erhob sich, ›und da ich bezweifle, dass Sie mit dieser keuschen Göttin auch nur entfernt zu tun haben, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie zu der Einsicht gelangen wollten, dass Sie sich offenbar in der Tür geirrt haben, als Sie zu mir kamen.‹
    Und als sie sah, dass Fouché sich nicht von der Stelle rührte – sei es vor Verblüffung, sei es aus Dreistigkeit -, verließ sie den Salon und ging in ihr Zimmer, das sie verriegelte.
    Zwei Stunden später kam Roland de Montrevel, um sie im Auftrag des Ersten Konsuls abzuholen.
    Roland führte sie mit aller Höflichkeit, die ihn seine vornehme Erziehung unter der Aufsicht seiner Mutter Damen gegenüber gelehrt hatte, in den Audienzsalon, dann ging er, Bonaparte zu benachrichtigen.
    Nach wenigen Minuten erschien der Erste Konsul. ›So, so!‹, sagte er, als Diana sich verneigte, was er mit einem wohlwollenden Nicken erwiderte, ›hat dieser Bauernstoffel Fouché mal wieder gedacht, er hätte es mit einer seiner Straßendirnen zu tun, und sich Ihnen gegenüber höchst unpassend aufgeführt? Sie müssen ihn entschuldigen: Was kann man anderes von einem ehemaligen Oratorianerhilfslehrer erwarten?‹
    ›Ich habe nichts anderes erwartet, Citoyen Erster Konsul, doch von Ihnen hätte ich einen anderen Boten erwarten dürfen.‹
    ›Sie haben recht‹, sagte Bonaparte, ›und Sie haben mir weiß Gott zwei Lektionen auf einmal erteilt. Da bin ich nun: Sprechen Sie; es scheint, als hätten Sie mir etwas Interessantes mitzuteilen.‹
    ›Sie können nicht zuhören, ohne sich zu bewegen; mir ist wichtig, dass Sie zuhören; wollen wir auf und ab gehen?‹
    ›Gehen wir‹, sagte Bonaparte. ›Das missfällt mir so an den Frauen: Wenn ich ihnen eine Audienz gewähre, wollen sie sitzen.‹
    ›Mag sein. Aber wenn man zwei Jahre lang Ordonnanz bei Cadoudal war, ist einem das Gehen selbstverständlich.‹
    ›Sie waren zwei Jahre lang Ordonnanz bei Cadoudal?‹
    ›Ja.‹
    ›Und wie kommt es, dass mein Aide de Camp Roland Sie weder gesehen noch von Ihnen gehört hat?‹
    ›Das kommt daher, dass man mich in der Bretagne nur unter dem Namen Porcia kennt und dass ich mich die ganze Zeit, die er in Cadoudals Nähe war, ferngehalten habe.‹
    ›Aha! Dann haben Sie sich einen Dolch durch den Arm gestoßen, um Ihre Aufnahme in die Reihen der Chouans zu bewirken?‹
    ›Hier ist die Narbe‹, sagte Diana und streifte den Ärmel ihres Kleides zurück.
    Bonaparte warf einen Blick, der nur der Narbe galt, auf ihren herrlichen Arm. »Das ist eine merkwürdige Verwundung‹, sagte er.
    ›Der Dolch, der sie geschlagen hat, ist noch merkwürdiger‹, sagte Diana. ›Hier ist er.‹ Und sie zeigte dem Ersten Konsul den Eisendolch der Compagnons de Jéhu.
    Bonaparte ergriff ihn und betrachtete aufmerksam das Messer, von dessen starrer Form etwas Schreckliches ausging. ›Und woher haben Sie diesen Dolch?‹, fragte er.
    ›Aus der Brust meines Bruders, in dessen Herzen er steckte.‹
    ›Erzählen Sie, aber schnell, meine Zeit ist kostbar.‹
    ›Nicht kostbarer als die der Frau, die seit zwei Jahren auf ihre Rache wartet.‹
    ›Sind Sie Korsin?‹
    ›Nein, aber ich spreche zu einem Korsen; er wird mich verstehen.‹
    ›Was wollen Sie?‹
    ›Ich will das Leben derer, die meinem Bruder das seine genommen haben. ‹
    ›Wer ist es?‹
    ›Ich sagte es in meinem Brief, es sind die Compagnons de Jéhu.‹
    ›Sie haben auch gesagt, Sie wüssten, wie man sie gefangen nehmen kann.‹
    ›Ich habe ihre Parolen und zwei Briefe, einen von Cadoudal, einen von Coster Saint-Victor, an ihren Anführer Morgan.‹
    ›Sind Sie sicher, dass Sie sie ergreifen werden?‹
    ›Völlig sicher, vorausgesetzt, man stellt mir einen tapferen und intelligenten Mann zur Seite, beispielsweise Monsieur Roland de Montrevel, und genügend Soldaten.‹
    ›Und Sie sagten, Sie würden Ihre Bedingungen nennen: Wie lauten sie?‹
    ›Erstens, dass ihnen keine Gnade gewährt wird.‹
    ›Diebe und Mörder begnadige ich grundsätzlich nicht.‹
    ›Zweitens, dass man mich den Auftrag, den ich auszuführen habe, auch ausführen lässt.‹
    ›Wie lautet er?‹
    ›Ich soll das Geld abholen, das Cadoudal benötigt und das der Grund ist, warum er mir seine Geheimnisse anvertraut hat.‹
    ›Sie verlangen, nach eigenem Gutdünken über dieses Geld zu verfügen? ‹
    ›Ah! Citoyen Erster Konsul‹, sagte Mademoiselle de Fargas, ›mit diesen Worten haben Sie die gute Erinnerung geschmälert, die ich mir ansonsten von unserer Unterhaltung bewahrt hätte.‹
    ›Was zum Teufel wollen Sie mit diesem Geld anstellen?‹
    ›Ich will sichergehen, dass es seiner Bestimmung zugeführt wird.‹
    ›Ich soll Ihnen gestatten, denjenigen Geld zu schicken, die gegen mich Krieg führen? Niemals!‹
    ›Dann gestatten Sie mir, mich von Ihnen zu verabschieden, General, denn wir haben nichts mehr zu besprechen.‹
    ›Oho! Was für ein Dickkopf!‹, rief Bonaparte.
    ›Nicht mit dem Kopf weist man schändliche Ansinnen zurück, sondern mit dem Herzen.‹
    ›Ich kann doch nicht allen Ernstes meinen Gegnern Waffen liefern!‹
    ›Haben Sie volles Vertrauen in Monsieur Roland de Montrevel?‹
    ›Ja.‹
    ›Und Sie wissen, dass er nichts tun wird, was Ihrer Ehre und Frankreichs Interessen abträglich sein könnte?‹
    ›Selbstverständlich.‹
    ›Nun, dann beauftragen Sie ihn mit diesem Unternehmen. Ich werde mich mit ihm darüber verständigen, wie wir es durchführen wollen, und mit ihm die Bedingungen aushandeln, unter denen ich mich daran beteilige. ‹
    ›Gut‹, sagte Bonaparte. Und ohne zu zaudern, wie er in allen Dingen zu handeln pflegte, rief er Roland herbei, der vor der Tür wartete: ›Komm zu uns, Roland!‹
    Roland trat ein.
    ›Du hast unbeschränkte Vollmachten, handele im Einverständnis mit Madame, und schaffe mir endlich diese Herren Straßenräuber vom Halse, die unsere Postkutschen anhalten und ausrauben und sich dabei als untadelige Edelmänner gerieren.‹
    Dann, mit der Andeutung einer Verbeugung, wandte er sich an Diana de Fargas. ›Vergessen Sie nicht‹, sagte er, ›dass ich Sie mit größtem Vergnügen wiedersehen werde, wenn Sie Erfolg haben.‹
    ›Und wenn ich scheitern sollte?‹
    ›Geschlagene kenne ich nicht.‹
    Obwohl Roland nichts für Operationen übrig hatte, an denen Frauen beteiligt waren, stand Diana de Fargas ihrem Geschlecht so fern, dass er sie von Anfang an wie einen wackeren Kameraden behandelte, mit einer Vertraulichkeit, die ihr ebenso zusagte, wie ihr Fouchés Dreistigkeit widerstrebt hatte. Innerhalb von einer Stunde hatten sie alles besprochen und beschlossen, noch am Abend auf verschiedenen Wegen nach Bourg-en-Bresse aufzubrechen, wo sie ihr Hauptquartier aufschlagen wollten.
    Man kann sich denken, dass Diana de Fargas, die sich wieder als Chouan gekleidet hatte und sich Porcia nannte, im Besitz aller erforderlichen Auskünfte, des bindenden Befehls, der Parolen und der Briefe Cadoudals und Coster Saint-Victors ohne Schwierigkeiten in die Kartause von Seillon eindringen konnte, in der sich die vier Anführer der Compagnons de Jéhu versammelt hatten.
    Keiner von ihnen ließ sich träumen – nicht dass es sich um eine Frau handelte, was trotz der Männerkleidung leicht zu erkennen war, sondern dass es sich bei dieser Frau um Mademoiselle de Fargas handelte, die Schwester desjenigen, den sie ermordet hatten, um ihn für seinen Verrat zu bestrafen.
    Da der Geldbetrag, den Cadoudal verlangte – hunderttausend Francs -, in der Abtei von Seillon nicht vollständig vorrätig war, verabredeten die Anführer sich für Mitternacht in den Höhlen von Ceyzériat, um Diana dort die fehlenden vierzigtausend Francs auszuhändigen.
    Nachdem Diana Roland davon unterrichtet hatte, ließ dieser sofort den Gendarmeriehauptmann und den Dragoneroberst rufen, die in der Stadt stationiert waren.
    Als sie eintrafen, wies er sich aus. In dem Dragoneroberst fand er ein passives Instrument vor; er stellte sich samt der Anzahl Soldaten, die Roland verlangen würde, zur Verfügung doch anders verhielt es sich mit dem Gendarmeriehauptmann, einem alten Haudegen voller Hass auf die Compagnons de Jéhu, die ihn, wie er sagte, seit drei Jahren zum Narren hielten.
    Zehnmal hatte er sie erspäht, erblickt, verfolgt, und jedes Mal waren sie ihm entkommen, wie der alte Soldat gestehen musste, sei es, weil sie die besseren Pferde hatten, sei es, weil sie schlauer, geschickter oder strategisch überlegen waren.
    Einmal war er zufällig im Wald von Seillon auf ihre Fährte gestoßen, ohne dass sie damit rechneten: Tapfer hatten sie sich dem Kampf gestellt, hatten drei seiner Männer getötet und sich mit zwei Verwundeten zurückgezogen.
    Er hatte jede Hoffnung aufgegeben, ihrer jemals Herr zu werden, und hegte nur noch einen Wunsch, nämlich den, nie wieder von der Regierung gezwungen zu werden, sich mit ihnen zu befassen, als Roland ihn aus seiner Ruhe weckte oder, besser gesagt, aus dem Stupor riss, in den die Verzweiflung ihn gestürzt hatte.
    Doch als Roland die Höhlen von Ceyzériat als den Treffpunkt erwähnte, der seiner Gefährtin genannt worden war, blickte der alte Hauptmann ihn nachdenklich an, nahm dann seinen Dreispitz ab, als wäre dieser dem ungehinderten Entfalten seiner Gedanken hinderlich, legte ihn auf den Tisch, blinzelte und sagte: ›Warten Sie, warten Sie! Die Höhlen von Ceyzériat, die Höhlen von Ceyzériat … die halten wir.‹
    Und er setzte seinen Hut wieder auf.
    Der Dragoneroberst lächelte von einem Ohr zum anderen. ›Er hält sie!‹, sagte er.
    Roland und Diana wechselten einen zweifelnden Blick. Sie hatten keineswegs das gleiche Vertrauen wie der Oberst in den alten Hauptmann.
    ›Erklären Sie uns das‹, sagte Roland.
    ›Als die Demagogen die Kirche von Brou zerstören wollten‹, sagte der alte Hauptmann, ›hatte ich einen Einfall …‹
    ›Das wundert mich nicht‹, sagte Roland.
    ›Ich wollte nicht nur unsere Kirche retten, sondern auch die herrlichen Grabmale, die sich in ihr befinden.‹
    ›Und wie?‹, fragte Roland.
    ›Indem ich die Kirche zum Furagemagazin für die Kavallerie erklärte.‹
    ›Ich verstehe‹, sagte Roland, ›das Heu hat den Marmor gerettet. Sie haben recht, mein Freund, das ist ein Einfall.‹
    ›Und da die Kirche mir zugeteilt war, wollte ich sie in allen Einzelheiten erkunden.‹
    ›Hauptmann, wir lauschen Ihnen andächtig.‹
    ›Nun, am Ende der Krypta entdeckte ich eine kleine Tür, durch die man in ein Untergeschoss gelangt, und nach einem Weg von etwa einer Viertelmeile mündet dieses Untergeschoss, das mit einem Gitter verschlossen ist, in die Höhlen von Ceyzériat.‹
    ›Ha!‹, rief Roland. ›Ich beginne zu verstehen.‹
    ›Ich verstehe gar nichts‹, sagte der Dragoneroberst.
    ›Es ist doch sonnenklar‹, warf Mademoiselle de Fargas ein.
    ›Erklären Sie es dem Oberst, Diana‹, sagte Roland, ›und zeigen Sie ihm, dass Sie nicht vergebens zwei Jahre lang Aide de Camp bei Cadoudal waren. ‹
    ›Ja, erklären Sie es mir‹, sagte der Oberst, der die Beine spreizte, sich auf seinen Säbel stützte und die Augen weit aufriß, so dass er beim Anblick des Himmels blinzeln musste.
    ›Gut‹, sagte Mademoiselle de Fargas. ›Der Hauptmann durchquert mit zehn oder fünfzehn Mann die Kirche von Brou und nimmt Aufstellung am Ende des Untergeschosses. Wir greifen mit etwa zwanzig Mann vom Höhleneingang aus an. Die Compagnons de Jéhu werden durch den zweiten Zugang fliehen wollen, von dem sie wissen, und dort werden sie auf den Hauptmann und seine Männer stoßen, so dass sie in der Falle stecken.‹<
    ›Meiner Treu! Ganz genau! Das ist es!‹, rief der Hauptmann voller Bewunderung, dass eine Frau seinen Plan erraten hatte.
    ›Wie dumm von mir!‹, sagte der Dragoneroberst und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
    Roland nickte unauffällig, aber zustimmend. Dann wandte er sich an den Hauptmann: ›Aber worauf es ankommt, Hauptmann, ist, dass Sie zuerst da sind und durch die Kirche kommen. Die Gefährten Jéhus werden sich erst in der Dunkelheit in die Höhlen begeben und zweifellos von der anderen Seite aus. Ich werde mit Mademoiselle de Fargas kommen, als Chouans verkleidet. Ich werde die vierzigtausend Francs an mich nehmen, mich mittels der Parole den zwei Wächtern nähern und sie erdolchen. Das Geld werden wir verstecken und unter Bewachung eines Gendarmen zurücklassen. Dann kehren wir in die Höhle zurück und greifen die Compagnons de Jéhu an. Sie werden zu fliehen versuchen und hinter dem Gitter auf den Hauptmann und seine Gendarmen treffen, die ihnen den Weg versperren; sie werden in der Falle sitzen und sich entweder ergeben oder bis zum letzten Mann erschießen lassen müssen.‹
    ›Ich werde vor Tagesanbruch auf meinem Posten sein‹, sagte der Hauptmann. ›Ich nehme Lebensmittel für den ganzen Tag mit, und am Abend geht es auf in den Kampf!‹
    Er zog den Säbel, führte einen Fechthieb gegen die Mauer und steckte den Säbel wieder in die Scheide.
    Roland wartete, bis die heroische Geste ausgekostet war, und klopfte dem alten Soldaten dann auf die Schulter. ›An Ihrem Plan und an meinem gibt es nichts zu verändern. Um Mitternacht werden Mademoiselle de Fargas und ich in die Höhlen eindringen, um unser Geld in Empfang zu nehmen, und eine Viertelstunde später, beim ersten Gewehrschuss, den Sie hören: Auf in den Kampf, wie Sie sagen, mein lieber Hauptmann!‹
    ›Auf in den Kampf!‹, rief der Dragoneroberst wie ein Echo.
    Roland wiederholte nochmals alles, was man vereinbart hatte, damit jeder sich gut einprägte, was er zu tun hatte, und verabschiedete sich dann von den beiden Offizieren, die er erst am Schauplatz ihres Kampfes wiedersehen würde.
    Alles ging vor sich wie vereinbart.
    Diana de Fargas und Roland betraten unter dem Namen und in der Kleidung von Bruyère und von Branche-d’Or die Höhlen von Ceyzériat, nachdem sie das Passwort mit den zwei Wachen getauscht hatten, die am Fuß des Hügels und am Eingang der Höhle stationiert waren.
    Doch eine unerwartete Schwierigkeit stellte sich heraus: Morgan war in dringenden Angelegenheiten abwesend. Monbart und die zwei anderen Anführer d’Assas und Adler führten in seiner Abwesenheit das Kommando.
    Sie hegten keinerlei Argwohn und übergaben Diana und Roland die vierzigtausend Francs.
    Den getroffenen Vorbereitungen ließ sich ablesen, dass die Compagnons de Jéhus die Nacht in der Höhle verbringen wollten.
    Doch ihr Oberhaupt war nicht da.
    Wenn Roland und Diana ihr Coup gelänge, wäre der Erfolg dadurch geschmälert, dass sie Morgan nicht mit den anderen zusammen einfingen. Vielleicht käme Morgan im Verlauf der Nacht zurück, aber wann?
    Alles war in die Wege geleitet, und es wäre sicherlich besser, drei Anführer zu fassen, als alle vier entwischen zu lassen. Und solange der vierte nicht das Land verließ, würde man ihn als Einzelnen leichter fassen können als vier Anführer mit ihren Helfern. Vielleicht würde er sich sogar stellen, wenn er keinen Rückhalt mehr hatte.
    Zwei Blicke, zwischen Roland und Diana getauscht, genügten, und sie wussten, dass sich an ihren Plänen nichts geändert hatte.
    Roland näherte sich der Wache und nannte das Passwort. Nach wenigen Sekunden taumelte die Wache und fiel mit dem Gesicht zu Boden. Roland hatte sie erstochen.
    Die zweite Wache fiel wie die erste ohne einen Laut.
    Und dann erschienen auf das vereinbarte Signal hin der Oberst und seine zwanzig Mann. Der Oberst war kein Mann von Geist, aber ein tapferer alter Haudegen, auf den nicht weniger Verlass war als auf seinen Säbel. Diesen Säbel zog er aus der Scheide und stellte sich an die Spitze seiner Männer. Roland ging zu seiner Rechten, Diana zu seiner Linken.
    Sie hatten sich keine zwanzig Schritte vorwärtsbewegt, als zwei Gewehrschüsse ertönten: einer der Wegelagerer, die Montbar nach Ceyzériat geschickt hatte, war auf Rolands Dragoner gestoßen.
    Die eine Kugel traf nicht, die andere zerschmetterte einem Mann den Arm.
    Dann der Ruf: ›Zu den Waffen!‹
    Im nächsten Augenblick zeigte sich im Lichtschein der brennenden Fackeln in einer der Kammern links und rechts des Hauptteils der Grotte ein Mann, der mit rauchendem Gewehr in der Hand um sein Leben rannte. ›Zu den Waffen!‹, schrie er. ›Zu den Waffen! Die Dragoner kommen!‹
    ›Ich bin der Kommandant!‹, rief Montbar. ›Löscht alle Lichter und zieht euch in die Kirche zurück.‹
    Seine Männer gehorchten so prompt, wie man es tut, wenn man die Gefahr erkannt hat.
    Montbar, der mit den verschlungenen Gängen der Höhlen vertraut war, verschwand darin mit seinen Gefährten, doch mit einem Mal war ihm, als höre er keine vierzig Schritte entfernt ein leise geäußertes Kommando und danach das Klicken, mit dem Gewehre geladen werden.
    ›Halt!‹, flüsterte er mit ausgebreiteten Armen.
    ›Feuer!‹, befahl eine Stimme.
    ›Flach auf den Boden!‹ rief Montbar.
    Kaum hatte er diese Worte gesprochen, erleuchtete eine gewaltige Detonation die Höhle. Alle, die sich auf Montbars Befehl zu Boden geworfen hatten, spürten, wie die Kugeln über ihre Köpfe sausten. Zwei, drei Männer, die sich nicht rechtzeitig geduckt hatten oder den Befehl nicht verstanden hatten, wurden getötet.
    In dem kurzzeitigen Lichtschein erkannten Montbar und seine Gefährten die Uniformen der Gendarmen.
    ›Feuer!‹, rief nun seinerseits Montbar; zwölf oder mehr Gewehrschüsse ertönten und erhellten abermals die Höhle.
    Drei Compagnons de Jéhu lagen reglos da.
    ›Sie haben uns den Rückzug abgeschnitten‹, sagte Montbar. ›Wir müssen kehrtmachen; wenn wir überhaupt eine Chance haben, dann dem Wald entgegen.‹<
    Er lief los, gefolgt von seinen Gefährten.
    Eine zweite Gewehrsalve der Gendarmen war zu hören; ein Seufzen und das Geräusch eines Körpers, der zu Boden fiel, verrieten, dass sie nicht folgenlos geblieben war.
    ›Voran, Freunde‹, rief Montbar, ›verkaufen wir ihnen unsere Haut so teuer wie möglich!‹
    Doch je weiter er vordrang, desto stärker fiel Montbar Rauchgeruch auf, der ihn beunruhigte. ›Mir scheint, diese Schufte wollen uns ausräuchern‹, sagte er.
    ›Das hatte ich befürchtet‹, sagte Adler.
    ›Sie glauben wohl, sie hätten es mit Füchsen zu tun.‹
    ›Unsere Krallen werden ihnen zeigen, dass wir Löwen sind.‹
    Der Rauch wurde immer dichter, der Feuerschein greller. Sie erreichten die letzte Wegbiegung.
    Fünfzig Schritt vor dem Höhleneingang war ein Scheiterhaufen entzündet, nicht um sie auszuräuchern, sondern um Licht zu spenden. Im Feuerschein sah man die Karabinergewehre und Säbel der Soldaten schimmern.
    ›Auf‹, rief Montbar, ›sterben wir, aber töten wir zuerst!‹
    Und er stürzte sich als Erster in den Lichtschein und schoss beide Läufe seines Jagdgewehrs auf die Dragoner ab. Dann schleuderte er sein nutzlos gewordenes Gewehr fort, zog die Pistolen aus dem Gürtel und warf sich mit gesenktem Kopf den Dragonern entgegen.
    Ich will gar nicht erst versuchen«, fuhr der junge Graf fort, »Ihnen zu schildern, was sich daraufhin ereignete; es war ein entsetzliches Handgemenge, begleitet von einem Orkan der Verwünschungen, Gotteslästerungen und Schreie der Verwundeten, als dessen Blitze Pistolenschüsse den Rauch durchzuckten; und als die Pistolen abgeschossen waren, wurde zum Dolch gegriffen.
    Die Gendarmen kamen mittlerweile hinzu und mischten sich unter die Kämpfenden, über die sich roter Rauch senkte, dann hob und sich wieder senkte. Wutgeheul war zu hören, Todesröcheln, das Seufzen Sterbender.
    Dieses Gemetzel währte eine Viertelstunde oder vielleicht zwanzig Minuten; dann sah man in den Höhlen von Ceyzériat zwanzig Tote liegen: dreizehn Dragoner und Gendarmen, neun Compagnons de Jéhu.
    Fünf Compagnons hatten überlebt; von der Übermacht überwältigt, von Wunden bedeckt, waren sie lebendigen Leibes gefangen genommen worden. Mademoiselle de Fargas bedachte sie mit dem Blick der antiken Nemesis. Die verbliebenen Gendarmen und Dragoner umringten sie mit gezücktem Säbel.
    Der alte Hauptmann hatte einen gebrochenen Arm, dem Oberst war eine Kugel durch den Oberschenkel gefahren. Roland, über und über vom Blut seiner Gegner bespritzt, hatte keinen Kratzer abbekommen.
    Zwei der Gefangenen mussten auf Bahren getragen werden.
    Fackeln wurden entzündet, und man machte sich auf den Weg in die Ortschaft. Als man die Landstraße erreichte, war ein galoppierendes Pferd zu vernehmen. Roland blieb stehen und versperrte die Straße. ›Geht weiter‹, sagte er zu den anderen, ›ich werde abwarten, wer der Reiter ist.‹
    ›Wer da?‹, rief Roland, als der Reiter keine zwanzig Schritte mehr entfernt war.
    ›Ein weiterer Gefangener, Monsieur‹, erwiderte der Reiter. ›Ich konnte an dem Kampf nicht teilnehmen. Aber ich will das Schafott mit den anderen teilen! Wo sind meine Freunde?‹
    ›Dort, Monsieur‹, sagte Roland.
    ›Verzeihen Sie‹, sagte Morgan zu den Gendarmen, ›ich verlange einen Platz unter meinen drei Freunden, dem Vicomte de Jahiat, dem Grafen von Valensolles und dem Marquis de Ribier. Ich bin der Graf Charles de Sainte-Hermine.‹
    Die drei Gefangenen stießen einen Ruf der Bewunderung aus, und in diesen Ruf mischte sich Dianas Freudenschrei. Sie hielt ihre Beute gepackt: Keiner der vier Anführer war ihr entkommen.
    Am selben Abend wurden die vierhunderttausend Francs der Compagnons de Jéhu in die Bretagne expediert, wie Roland es Cadoudal zugesagt hatte.
    Rolands Auftrag war beendet; die Compagnons de Jéhu waren der Justiz überantwortet. Roland kehrte zum Ersten Konsul zurück, reiste in die Bretagne, wo er sich erfolglos bemühte, Cadoudal für die Sache der Republik zu gewinnen, kehrte nach Paris zurück, begleitete den Ersten Konsul auf seinem Feldzug in Italien und fiel in der Schlacht von Marengo.
    Diana de Fargas war zu verstrickt in ihren Hass und zu rachedurstig, als dass sie darauf verzichtet hätte, diese bis zur Neige auszukosten. Der Prozess stand bevor, sollte schnell geführt und mit einer vierfachen Hinrichtung beendet werden, der sie unbedingt beiwohnen wollte.
    In Besançon von der Verhaftung meines Bruders informiert, eilte ich nach Bourg-en-Bresse, wo die Geschworenen tagen würden.
    Die Untersuchung nahm ihren Verlauf.
    Es gab insgesamt sechs Gefangene, die fünf aus der Höhle und den, der sich freiwillig gestellt hatte. Zwei waren so schwer verwundet, dass sie innerhalb von acht Tagen nach ihrer Festnahme an ihren Verletzungen starben.
    Sie hätten von einem Militärgericht abgeurteilt und zum Tod durch Erschießen verurteilt gehört, doch das verhinderte das Gesetz, dem zufolge seit Neuestem politische Verfahren von Zivilgerichten zu führen waren. Die Hinrichtungsform der Zivilgerichte war das Schafott.
    Die Guillotine ist entehrend, das Füsilieren ist es nicht. Vor einem Militärtribunal hätten die Gefangenen alles gestanden; vor dem Zivilgericht stritten sie alles ab.
    Unter den Namen d’Assas, d’Adler, de Montbar und de Morgan verhaftet, erklärten sie, diese Namen noch nie gehört zu haben und folgendermaßen zu heißen: Louis-André de Jahiat, geboren in Bâgé-le-Châtel, Departement Ain, siebenundzwanzig Jahre alt; Raoul-Frédéric-Auguste de Valensolles, geboren in Sainte-Colombe, Departement Rhône, neunundzwanzig Jahre alt; Pierre-Auguste de Ribier, geboren in Bollène, Departement Vaucluse, sechsundzwanzig Jahre alt, und Charles de Sainte-Hermine, geboren in Besançon, Departement Doubs, vierundzwanzig Jahre alt.

18
Charles de Sainte-Hermine (2)


    Die Gefangenen gestanden, sich zusammengerottet zu haben mit dem Ziel, sich den Banden Monsieur de Teyssonnets anzuschließen, der in den Bergen der Auvergne eine Armee aufstellte; sie leugneten jedoch beharrlich, jemals das Geringste mit den Wegelagerern namens d’Assas, Adler, Montbar und Morgan zu tun gehabt zu haben. Dies konnten sie umso unbesorgter tun, als die Überfälle auf die Postkutschen stets von Maskierten verübt worden waren; nur in einem einzigen Fall war das Gesicht eines ihrer Anführer zu sehen gewesen, und das war der Fall meines Bruders.  

    Während des Überfalls auf eine Eilpost zwischen Lyon und Vienne hatte ein zehn- oder zwölfjähriger Knabe, der sich im Wagen des Aufsehers befand, dessen Pistole ergriffen und auf die Compagnons de Jéhu geschossen. Der Aufseher hatte aus Vorsicht keine Kugeln geladen gehabt, doch die Mutter des Knaben, die das nicht wissen konnte, war vor Angst um ihr Leben und das ihres Kindes ohnmächtig geworden. Mein Bruder hatte sich sogleich um sie gekümmert, hatte ihr Riechsalz gegeben und versucht, sie zu beruhigen. Mit einer ihrer Bewegungen hatte sie Morgan versehentlich die Maske abgestreift und das Gesicht des Grafen von Sainte-Hermine erblickt.  

    Doch die Sympathie, die den Angeklagten entgegengebracht wurde, war so groß, dass jedes ihrer Alibis durch Briefe und Zeugenaussagen bestätigt wurde, und auch die Dame, die das Gesicht des Banditen Morgan gesehen hatte, sagte aus, sie erkenne ihn in keinem der vier Angeklagten wieder.
    In der Tat hatte nur der Staatsschatz unter ihren Überfällen zu leiden gehabt, was niemanden groß interessierte, da niemand zu sagen gewusst hätte, wem dieser gehörte.
    Sie standen im Begriff, freigesprochen zu werden, als der Vorsitzende des Gerichts sich unvermutet und überraschend an die Dame wandte, die ohnmächtig geworden war, und sie fragte: ›Madame, wären Sie so freundlich, mir zu sagen, welcher dieser Herren so ritterlich war, Ihnen die Hilfe zukommen zu lassen, die Ihr Zustand verlangte?‹
    Überrumpelt von dieser unerwarteten Höflichkeit, in dem Glauben, während ihrer Abwesenheit seien Geständnisse erfolgt, und in der Überzeugung, durch ihre Worte nun dem Angeklagten nicht mehr zu schaden, sondern ihm vielleicht sogar zu nützen, wies die Dame auf meinen Bruder und sagte: ›Herr Vorsitzender, das war der Graf von Sainte-Hermine.‹
    Da sie alle das gleiche Alibi hatten, fielen alle vier in diesem Augenblick dem Henker anheim.
    ›Zum Henker, Hauptmann‹, sagte Jahiat und betonte das Wort ›Hauptmann‹, ›das wird dich lehren, ritterlich zu sein.‹
    Ein Freudenschrei ertönte mitten im Gerichtshof: der Schrei der Diana de Fargas, die ihren Triumph auskostete.
    ›Madame‹, sagte mein Bruder mit einer Verbeugung zu der Dame, die ihn wiedererkannt hatte, ›Sie haben soeben vier Köpfe auf einmal rollen lassen.‹
    Als sie erkannte, was sie angerichtet hatte, warf die Dame sich auf die Knie und bat um Verzeihung.
    Zu spät!
    Ich war im Gerichtshof und hätte fast das Bewusstsein verloren. Meine Liebe zu meinem Bruder war der Sohnesliebe nahe.
    Noch am selben Tag wurden die Gefangenen, die ihre ganze Fröhlichkeit wiedererlangt hatten und nichts mehr abstritten, zum Tode verurteilt.
    Drei der Angeklagten weigerten sich, gegen das Urteil Berufung einzulegen, während Jahiat, der vierte, hartnäckig darauf beharrte und sagte, er habe einen Plan. Um von seinen Gefährten nicht verdächtigt zu werden, aus Angst vor dem Sterben so zu handeln, erklärte er ihnen, er habe zarte Bande zu der Tochter des Gefängniswärters geknüpft und hoffe, während der Frist von sechs oder acht Wochen, die ihnen die Berufung verschaffen würde, durch sie eine Fluchtmöglichkeit zu finden.
    Die drei anderen machten keine Schwierigkeiten mehr und unterzeichneten ihre Berufungsgesuche.
    Bei dem Gedanken an eine eventuelle Flucht klammerte sich jede dieser jungen Seelen wieder an das Leben. Nicht dass sie den Tod gefürchtet hätten, doch ein Tod auf dem Schafott bot keinen Reiz und keinen Ruhm. Also ließen sie Jahiat zum Nutzen und Frommen ihres Zirkels seinem Verführungsvorhaben nachgehen und bemühten sich, so fröhlich wie möglich zu leben.
    Die Berufung, die nur ein Kassationsgesuch war, ließ ihnen keinerlei Hoffnung: Der Erste Konsul hatte sich unmissverständlich geäußert; er wollte all diese Banden um jeden Preis vernichten und ausrotten.
    Zur großen Verzweiflung der ganzen Stadt waren unsere Helden, die jedermanns Sympathie hatten, dem Tod geweiht. Ich ließ nichts unversucht, um zu meinem Bruder zu gelangen, doch vergebens.
    Die Sympathie, die den Angeklagten entgegengebracht wurde, konnte wahrhaftig nicht verwundern: Sie waren jung, strahlend schön, bewundernswert elegant, selbstsicher, ohne arrogant zu sein, liebenswürdig zum Publikum und höflich zu ihren Richtern, wenn auch bisweilen spöttisch. Und sie entstammten den vornehmsten Familien der Gegend.
    Diese vier Angeklagten, deren Ältester keine dreißig Jahre alt war, die sich gegen die Guillotine wehrten, aber nicht gegen das Füsilieren, die den Tod verlangten, die zugaben, ihn verdient zu haben, allerdings den Tod eines Soldaten, waren bewundernswert in ihrer Jugend, ihrem Mut und ihrer Großherzigkeit.
    Wie man sich denken kann, wurde die Berufung abgelehnt.
    Jahiat war es gelungen, Charlotte, die Tochter des Gefängniswärters, in ihn verliebt zu machen, doch der Einfluss des schönen Kindes reichte nicht aus, um den Gefangenen einen Weg zur Flucht zu verschaffen. Nicht dass der Oberwärter, ein wackerer Mann namens Comtois, im Herzen Royalist, doch vor allem ein redlicher Mann, die Angeklagten nicht zutiefst bedauert hätte. Einen Arm hätte er geopfert, um Ungemach von ihnen abzuhalten, doch er war nicht bereit, sich mit sechzigtausend Francs bestechen zu lassen, um ihnen die Flucht zu ermöglichen.
    Drei Gewehrschüsse verrieten den Verurteilten, dass ihr Urteil nicht aufgehoben worden war.
    Am Abend desselben Tages brachte Charlotte jedem der Gefangenen ein Paar geladene Pistolen und einen Dolch in ihr Verlies; mehr konnte das arme Kind nicht für sie tun.
    Die drei Gewehrschüsse, die den Verurteilten ihr Schicksal mitteilten, hatten den Polizeikommissar erschreckt, der alle Bewaffneten zusammenzog, deren er habhaft werden konnte.
    Um sechs Uhr morgens wurde auf der Place du Bastion das Schafott errichtet; sechzig Kavalleristen hatten vor dem Gitter des Gefängnishofs Aufstellung genommen. Hinter den Kavalleristen drängten sich an die tausend Zuschauer.
    Die Hinrichtung war für sieben Uhr vorgesehen. Um sechs Uhr betraten die Gefängniswärter das Verlies der Gefangenen, die sie am Abend unbewaffnet und in Ketten zurückgelassen hatten. Die Gefangenen waren ohne Fesseln und bis zu den Zähnen bewaffnet. Zudem hatten sie sich wie Athleten für den Kampf gerüstet: den Oberkörper entblößt, die Hosenträger auf der Brust gekreuzt, die breiten Gürtel um die Taille mit Waffen gespickt.
    In dem Augenblick, in dem am wenigsten damit zu rechnen war, wurde Kampfgetümmel laut. Dann sah man die vier Gefangenen aus dem Kerker stürmen.
    Die Menge schrie auf wie ein Mann; jeder begriff, dass etwas Schreckliches bevorstand, als man die vier erblickte, Gladiatoren gleich, die in die Arena treten.
    Es gelang mir, in die erste Reihe vorzudringen.
    Als sie den Hof erreichten, sahen sie, dass das riesige Eisengitter geschlossen war und hinter dem Gitter auf der Straße die reglose Reihe der berittenen Gendarmen mit den Karabinern auf den Knien ein unüberwindliches Hindernis bildete. Sie blieben stehen, traten zusammen und schienen sich kurz zu beraten.
    Dann trat Valensolles, der Älteste der vier, an das Gitter und verneigte sich mit einem anmutigen Lächeln voller Noblesse vor den Kavalleristen: ›Wohlan, denn, meine Herren.‹ Dann drehte er sich zu seinen Gefährten um: ›Adieu, meine Freunde‹, sagte er. Und er schoss sich in die Schläfe. Sein Leichnam drehte sich dreimal um sich selbst und fiel mit dem Gesicht zu Boden.
    Daraufhin löste sich Jahiat aus der Gruppe, trat an das Gitter, zog seine zwei Pistolen und richtete sie auf die Gendarmen. Er drückte nicht ab, doch mehrere Gendarmen, die sich bedroht wähnten, senkten ihre Karabiner und feuerten. Zwei Kugeln durchschlugen Jahiats Körper.
    ›Danke, meine Herren‹, sagte er. ›Ich danke Ihnen, dass ich als Soldat sterben darf.‹ Und er fiel auf den toten Valensolles.
    Unterdessen hatte Ribier offenbar überlegt, auf welche Weise er sterben wollte. Nun schien er sich entschieden zu haben.
    Eine Säule trug das Gewölbe; Ribier ging auf die Säule zu, zog einen Dolch aus seinem Gürtel, drückte die Dolchspitze an seine linke Brust und den Griff an die Säule, umfasste die Säule mit beiden Armen, verneigte sich zu einem letzten Gruß vor den Zuschauern und danach vor seinen Freunden und presste seinen Körper dann eng an die Säule, bis die ganze Klinge des Dolchs in seiner Brust verschwunden war. Einen Augenblick stand er noch aufrecht, dann überzog Totenblässe sein Antlitz, und seine Arme fielen herab; seine Knie gaben nach, und er sank tot am Fuß der Säule zu Boden.
    Die Menge war vor Entsetzen stumm und wie erstarrt.
    Die Anwesenden erfasste schier Bewunderung: Sie begriffen, dass diese heldenhaften Banditen sterben wollten, doch einen selbst gewählten Tod, wie antike Gladiatoren, in Würde, nicht schmachvoll.
    Mein Bruder stand als Letzter auf den Stufen der Freitreppe; erst in diesem Augenblick gewahrte er mich unter den Zuschauern. Er sah mich an und legte einen Finger vor den Mund. Ich begriff, dass er mir Schweigen gebot. Ich nickte, doch ich konnte mir die Tränen nicht verbeißen. Er machte ein Zeichen, dass er sprechen wolle. Alle verstummten.
    Gott allein weiß, mit welchem Schmerz ich auf seine Worte wartete.
    Wer einem solchen Schauspiel beiwohnt, ist auf Worte ebenso begierig wie auf Taten, vor allem wenn Erstere Letztere erklären. Ohnehin konnte die Menge sich nicht beklagen: Man hatte ihr vier Köpfe versprochen, die auf die gleiche eintönige Weise fallen sollten. Stattdessen wurden ihr vier unterschiedliche Todesarten geboten, vier geradezu pittoreske, dramatische, überraschende Todeskämpfe – denn niemand zweifelte daran, dass der Anführer sich einen ebenso originellen Tod ausdenken würde wie seine Gefährten.
    Charles hielt weder Pistole noch Dolch in der Hand. Beides steckte in seinem Gürtel.
    Er umschritt Valensolles’ Leichnam und stellte sich zwischen Jahiat und Ribier. Von dort aus verbeugte er sich lächelnd vor den Zuschauern wie ein Artist von seinem Publikum.
    Die Menge brach in Applaus aus.
    So schaulustig die Menge war, wage ich dennoch zu behaupten, dass unter ihr kein Einziger weilte, der nicht einen Teil des eigenen Lebens gegeben hätte, um das Leben des letzten Compagnon de Jéhu zu retten.
    ›Meine Herren‹, sagte Charles, ›Sie sind gekommen, um uns sterben zu sehen; drei von uns sind bereits tot. Nun bin ich an der Reihe. Gerne will ich Ihre Neugier befriedigen, doch ich möchte Ihnen einen Tauschhandel vorschlagen.‹<
    ›Sprechen Sie! Sprechen Sie!‹, wurde von allen Seiten gerufen. ›Alles, was Sie verlangen, soll Ihnen gewährt werden!‹
    ›Bis auf Ihr Leben!‹, rief eine Frauenstimme, dieselbe, die bei der Urteilsverkündung einen Freudenschrei ausgestoßen hatte.
    ›Bis auf mein Leben, selbstverständlich‹, wiederholte mein Bruder. ›Mein Freund Valensolles hat sich erschossen, mein Freund Jahiat wurde erschossen, mein Freund Ribier hat sich erdolcht, und mich würden Sie gerne guillotiniert sehen. Das verstehe ich.‹
    Angesichts der Kaltblütigkeit und Gelassenheit, mit der er diese sarkastischen Worte sagte, ging ein Beben durch die Menge.
    ›Nun‹, sagte Charles, ›gutherzig, wie ich bin, habe ich nichts dagegen, es Ihnen mit dem Sterben ebenso recht zu machen wie mir selbst. Ich bin bereit, mir den Kopf abschneiden zu lassen, aber ich will freiwillig zum Schafott gehen, wie zu einem Essen oder zu einem Ball, und ich bestehe darauf, dass mich niemand anrührt. Wer mir näher kommt‹ – und er deutete auf seine zwei Pistolen – ›auf den schieße ich. Abgesehen von Monsieur‹, sagte Charles und wies auf den Henker, ›aber das geht nur uns beide an und erfordert auf beiden Seiten nichts als gute Umgangsformen. ‹
    Das schien der Menge zuzusagen, denn von überall ertönten zustimmende Rufe.
    ›Hören Sie das?‹, sagte Charles zu dem Gendarmerieoffizier. ›Zeigen Sie sich entgegenkommend, Hauptmann, und es wird keine Schwierigkeiten geben.‹<
    Der Gendarmerieoffizier war nur zu bereit, Entgegenkommen zu zeigen. ›Wenn ich Ihnen Hände und Füße nicht fesseln lasse‹, sagte er, ›versprechen Sie dann, nicht zu entfliehen?‹
    ›Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort‹, sagte Charles.
    ›Wohlan!‹, sagte der Gendarmerieoffizier, ›dann treten Sie beiseite, und lassen Sie uns die Leichname Ihrer Gefährten mitnehmen.‹
    ›Das ist nur recht und billig‹, sagte Charles und dann, an die Menge gewendet: ›Sie sehen, nicht ich bin schuld an der Verzögerung, sondern diese Herren sind es.‹ Und er wies auf den Henker und seine zwei Gehilfen, die die Toten in einen Karren luden.
    Ribier war noch nicht tot: Er öffnete die Augen. Sein Blick schien jemanden zu suchen. Charles dachte, er suche ihn. Er ergriff seine Hand. ›Hier bin ich, lieber Freund‹, sagte er, ›sei unbesorgt: Ich bin dabei!‹ Ribier schloss die Augen, seine Lippen bewegten sich, doch kein Ton drang aus seinem Mund. Am Rand seiner Wunde kräuselte sich rötlicher Schaum.
    ›Monsieur de Sainte-Hermine‹, fragte der Offizier, als die Toten und der Halbtote weggeschafft waren, ›sind Sie bereit?‹
    ›Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Monsieur‹, erwiderte Charles und verneigte sich mit ausgesuchter Höflichkeit.
    ›Dann kommen Sie.‹
    Charles wollte sich unter die Soldaten einreihen.
    ›Wäre es Ihnen lieber, Monsieur‹, fragte der Offizier, ›den Weg im Wagen zurückzulegen?‹
    ›Zu Fuß, Monsieur, unbedingt zu Fuß; ich lege Wert darauf, dass man sieht, dass ich mich aus einer Grille heraus guillotinieren lasse. Führe ich im Wagen, könnte man denken, die Furcht wäre mir in die Beine gefahren.‹<
    Wie ich vielleicht schon sagte, war die Guillotine auf der Place du Bastion errichtet worden; um dorthin zu gelangen, musste man zuerst die Place des Lices überqueren, die so heißt, weil in früheren Tagen dort Reiterspiele abgehalten wurden, und dann an der Mauer des Gartens des Palais Monbazon entlanggehen.
    Der Karren führte den Zug an, gefolgt von einem Dutzend Dragoner. Danach kam der Verurteilte, der hin und wieder zu mir blickte. In einem Abstand von etwa zehn Schritten folgten ihm die Gendarmen unter Leitung ihres Hauptmanns.
    Am Ende der Gartenmauer wendete der Zug sich nach links. Durch die Öffnung zwischen dem Garten und der Markthalle erblickte mein Bruder mit einem Mal das Schafott.
    Bei diesem Anblick wurden mir die Knie weich.
    ›Pah!‹, sagte Charles. ›Das ist die erste Guillotine, die ich sehe; ich wusste nicht, dass sie ein so hässliches Ungetüm ist.‹
    Und mit einer blitzschnellen Bewegung riss er seinen Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn sich bis zum Heft in die Brust.
    Der Gendarmeriehauptmann gab seinem Pferd die Sporen und streckte den Arm aus, doch mein Bruder zog eine seiner doppelläufigen Pistolen aus dem Gürtel und zielte auf ihn. ›Halt!‹, rief er, ›es war abgemacht, dass niemand mich berührt. Ich sterbe allein, oder wir sterben zu dritt – Sie haben die Wahl.‹
    Der Hauptmann hielt inne und ließ sein Pferd einen Schritt zurück tun.
    ›Gehen wir weiter‹, sagte mein Bruder und machte sich tatsächlich wieder auf den Weg.
    Mit Augen und Ohren hing ich an dem geliebten Opfer und ließ mir kein Wort, keine Geste entgehen; ich erinnerte mich an das, was er Cadoudal geschrieben hatte, als er mich nicht unter ihm dienen lassen wollte, da er mich zu seinem Nachfolger und Rächer bestimmt hatte. In meinem Herzen gelobte ich, alles zu tun, was er von mir verlangte.
    Unterdessen ging er weiter; das Blut rann aus seiner Wunde.
    Als er das Schafott erreichte, zog Charles den Dolch aus seiner Brust und stieß ihn ein zweites Mal hinein. Er stand noch immer. ›Wahrhaftig‹, rief er zornentbrannt,›man sollte meinen, meine Seele wäre an meinen Körper gefesselt!‹
    Die Gehilfen des Henkers hoben Valensolles, Jahiat und Ribier von dem Karren.
    Valensolles und Jahiat waren tot, und ihre Köpfe fielen unter der Guillotine, ohne dass ein Tropfen Blut vergossen wurde.
    Ribier ließ einen Klagelaut ertönen: Er lebte noch. Als das Fallbeil seinen Kopf abtrennte, floss das Blut in Strömen, und ein Schauer lief durch die Menge.
    Nun war mein armer Bruder an der Reihe; er hatte mich zuletzt fast ununterbrochen angesehen.
    Die Gehilfen wollten ihm auf das Schafott helfen.
    ›O nein!‹, sagte er. ›Rührt mich nicht an. So war es ausgemacht.‹ Und er stieg die sechs Stufen hinauf, ohne zu straucheln.
    Oben angekommen, riss er den Dolch aus seiner Brust und versetzte sich einen dritten Stich. Dann erklang ein schauriges Lachen aus seinem Mund, und aus den drei Wunden spritzte das Blut.
    ›Meiner Treu‹, sagte er zu dem Henker, ›mir reicht es jetzt, sieh du, wie du zurechtkommst‹, und mir rief er zu: ›Wirst du dich erinnern, Hector?‹
    ›Ja, Bruder‹, erwiderte ich.
    Und er legte sich freiwillig auf das Brett vor dem Fallbeil.
    ›So‹, sagte er zu dem Henker, ›ist es so recht?‹
    Die einzige Antwort war das Herabsausen des Fallbeils, doch mittels der unbezähmbaren Lebenskraft, die ihm nicht erlaubt hatte, von eigener Hand zu sterben, fiel sein Kopf nicht in den Korb wie die der anderen, sondern sprang darüber hinweg, rollte das ganze Schafott entlang und fiel dann zu Boden.
    Ich zwängte mich durch die Reihe der Soldaten, die als Barriere vor der Menge standen und sie von dem Schafott fernhielten, stürzte mich auf den geliebten Kopf, bevor man mich aufhalten konnte, ergriff ihn mit beiden Händen und küsste ihn. Seine Augen öffneten sich für eine Sekunde, seine Lippen bebten unter den meinen.
    Oh, ich schwöre es bei Gott, er hatte mich erkannt.
    ›Ja, ja, ja!‹, sagte ich zu ihm, ›sei unbesorgt, ich werde dir gehorchen.‹<
    Die Soldaten wollten mich zuerst fortdrängen, doch einzelne Stimmen riefen: ›Es ist sein Bruder!‹, und man ließ mich in Ruhe.«

19
Hector de Sainte-Hermine

    Seit zwei Stunden währte Hectors Bericht. Claire weinte so hemmungslos, dass Hector innehielt, unschlüssig, ob er fortfahren solle. Er schwieg und befragte sie mit dem Blick; auch in seinen Augen standen Tränen.
    »Oh, fahren Sie fort, ich bitte Sie!«, sagte Claire.
    »Ich würde es mir als Gnade erbitten«, sagte er, »denn von mir war noch nicht die Rede.«
    Claire reichte ihm die Hand. »Wie sehr haben Sie gelitten!«, flüsterte sie.
    »Warten Sie ab«, sagte er. »Sie werden sehen, es liegt in Ihrer Hand, mich für alles zu entschädigen.  

    Valensolles, Jahiat und Ribier hatte ich nur flüchtig gekannt, doch durch meinen Bruder, ihren Komplizen und ihren Gefährten im Tod, war ich ihr Freund. Ich erhob Anspruch auf die Leichname und ließ sie bestatten. Danach kehrte ich nach Besançon zurück; ich ordnete meine Familienangelegenheiten und wartete. Worauf ich wartete, wusste ich nicht; auf etwas mir Unbekanntes, das mein Schicksal entscheiden würde.
    Ich fühlte mich nicht verpflichtet, mein Schicksal zu suchen, sondern nur, mich ihm zu unterwerfen, sobald es sich zeigte.
    Ich war auf alles gefasst.
    Eines Morgens wurde mir der Chevalier de Mahalin angekündigt.
    Diesen Namen hatte ich noch nie gehört, doch er berührte schmerzlich eine Saite in meinem Herzen, als wäre er mir bekannt.
    Es war ein Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von untadeliger Haltung und ausgesuchter Höflichkeit. ›Monsieur le Comte‹, sagte er zu mir, ›Sie wissen vielleicht, dass die Compagnons de Jéhu, die so empfindlich getroffen und ihrer vier Anführer beraubt wurden, im Begriff sind, sich wieder zusammenzufinden; ihr Anführer ist der berühmte Laurent, der hinter dieser volkstümlichen Bezeichnung einen der aristokratischsten Adelsnamen ganz Südfrankreichs verbirgt. Ich frage Sie im Auftrag unseres Hauptmanns, der in unserer Truppe einen hochrangigen Platz für Sie vorgesehen hat, ob Sie einer der Unseren werden und so das Wort halten wollen, das Sie Ihrem Bruder gegeben haben.‹<
    ›Monsieur le Chevalier‹, sagte ich, ›es hieße lügen, wollte ich behaupten, dass ich für dieses Leben eines fahrenden Ritters recht große Begeisterung aufbrächte, doch ich habe mein Wort meinem Bruder verpfändet, wie er mir das seine verpfändet hatte; ich bin bereit.‹
    ›Soll ich Ihnen nur den Ort unseres Sammelns nennen‹, fragte der Chevalier de Mahalin, ›oder wollen Sie mich begleiten?‹
    ›Ich werde Sie begleiten, Monsieur.‹
    Ich hatte einen Diener, der mein Vertrauen genoss, einen gewissen Saint-Bris, der schon unter meinem Bruder gedient hatte. Ihm übertrug ich die Verwaltung des Hauses und meiner Angelegenheiten. Ich ergriff meine Waffen, bestieg mein Pferd und ritt davon.
    Unser Sammelort befand sich zwischen Vizille und Grenoble.
    Nach zwei Tagen hatten wir ihn erreicht.
    Laurent, unser Anführer, war seines Rufes wahrhaft würdig.
    Er war ein Mensch, zu dessen Taufe Feen eingeladen waren, die ihm jede eine gute Eigenschaft zum Geschenk machte, doch die eine Fee, die vergessen wurde, hatte sich mit einem Charaktermangel gerächt, der alle Tugenden aufwog. Seiner überaus südländischen und folglich überaus männlichen Schönheit – denn südländisch bedeutet schwarze Augen, schwarze Haare, schwarzer Bart -, dieser überaus südländischen Schönheit gesellte sich ein bezaubernder Ausdruck von Güte und Herzlichkeit bei. Nach einer stürmischen Jugend sich selbst überlassen, hatte er keine solide Bildung erhalten, doch er besaß Lebensart, Ungezwungenheit, die Umgangsformen des Edelmannes, die durch nichts zu ersetzen sind, und jene unwiderstehliche Anziehungskraft, der man nachgibt, ohne zu wissen, warum. Zugleich aber war er von heftiger Wesensart und so aufbrausend, dass es jeder Beschreibung spottete; seine vornehme Erziehung half ihm, diese Unbeherrschtheit eine Zeit lang zu zügeln, doch unversehens brach sie sich immer wieder Bahn, und der zornentbrannte Laurent hatte nichts Menschliches mehr an sich. Dann zirkulierten die Worte: ›Laurent ist tobsüchtig, das wird Tote geben.‹
    Die Justiz hatte sich mit Laurents Bande beschäftigt, wie sie es mit Saint-Hermines Bande getan hatte. Gewaltige Streitkräfte wurden eingesetzt; Laurent und einundsiebzig seiner Männer wurden gefasst und nach Yssingeaux geschafft, wo sie sich für ihre Taten und Untaten vor einem Sondergerichtshof verantworten sollten, der eigens im Departement Haute-Loire einberufen worden war, um über sie zu richten.
    Doch zu jener Zeit weilte Bonaparte noch in Ägypten, und die Macht lag in zitternden Händen. Die Kleinstadt Yssingeaux empfing eine Garnison, nicht Gefangene. Die Anklage war kleinlaut, Zeugenaussagen waren ängstlich, die Verteidigung war tollkühn.
    Laurent hatte die Verteidigung übernommen, und er beschuldigte sich aller ihnen zur Last gelegten Taten. Seine einundsiebzig Gefährten wurden freigesprochen, er allein wurde zum Tode verurteilt.
    Er ging so sorglos in das Gefängnis zurück, wie er es verlassen hatte. Doch die überwältigende Schönheit, mit der die Natur ihn bedacht hatte, diese körperliche Empfehlung, wie Montaigne sie nennt, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Alle Frauen betrauerten sein Los, und bei manchen hatte sich das Mitleid zu einem zärtlicheren Gefühl gesteigert.
    Die Tochter des Gefängniswärters zählte zu Letzteren, ohne dass er dies wusste; zwei Stunden nach Mitternacht wurde Laurents Verlies geöffnet wie das des Piero de Medici, und wie das Mädchen aus Ferrara flüsterte ihm das Mädchen aus Yssingeaux die süßen Worte zu: Non temo nulla, bentivoglio! (Fürchte nichts, ich liebe dich!)
    Diesen rettenden Engel hatte Laurent bisher nur durch die Gitterstäbe seiner Zelle gesehen, doch Herz und Sinne des Mädchens hatte er mit der ihm eigenen Anziehungskraft bezaubert.
    Wenige Worte wurden gesprochen, Ringe wurden gewechselt, und Laurent war frei. Ein Pferd wartete im Nachbardorf, wo seine Verlobte sich ihm anschließen sollte. Der Tag brach an.
    Während seiner Flucht hatte Laurent in der Morgendämmerung den Henker und seine Gehilfen das schauerliche Gerüst errichten sehen.
    Die Hinrichtung war auf zehn Uhr vormittags festgesetzt worden; man hatte sich mit dem Termin beeilt, denn am Tag nach dem Urteilsspruch war Markttag, und man wollte die Hinrichtung in Anwesenheit möglichst vieler Bauern aus den umliegenden Dörfern abhalten.
    Und als die ersten Sonnenstrahlen die fertig aufgebaute Guillotine auf dem Platz beschienen und sich herumsprach, wer der berühmte arme Sünder war, der sie besteigen sollte, dachte niemand mehr an den Markt, sondern alle Gedanken richteten sich auf die Hinrichtung.
    Unterdessen wartete Laurent im Nachbardorf voller Unruhe – nicht ob des eigenen Schicksals, sondern um derjenigen willen, die ihn gerettet hatte und die nicht kam, aufgehalten durch einen zufälligen Umstand. Laurent verlor die Geduld und erkundete zu Pferde die Gegend um Yssingeaux, wobei er sich der Ortschaft immer mehr näherte, bis er zuletzt Opfer seiner Erregung wurde, die sich nicht mehr zügeln ließ, und jede Vorsicht über Bord warf: Er glaubte, diejenige, auf die er vergeblich wartete, sei bei ihrer Flucht überrascht worden und müsse nun möglicherweise als seine Komplizin die Strafe erleiden, die für ihn bestimmt gewesen war. Er reitet in die Stadt, treibt sein Pferd zum Galopp an, vorbei an den Menschengruppen und unter den erstaunten Ausrufen all derer, die den Gefangenen, dessen Guillotinierung sie beizuwohnen gedacht hatten, frei und zu Pferde sehen, kreuzt die Gendarmen, die ihn aus dem Gefängnis holen wollten, erreicht den Platz mit der wartenden Guillotine, macht die Gesuchte ausfindig, bahnt sich einen Weg zu ihr, hebt sie unter den Achseln hoch, wirft sie hinter sich auf das Pferd und verschwindet im Galopp unter dem Beifall all jener, die sich versammelt hatten, um seine Enthauptung zu beklatschen, und nun stattdessen seine Flucht und seine Rettung beklatschen.
    So war unser Anführer, so war der Nachfolger meines Bruders, so war der Mann, unter dem ich das Waffenhandwerk erlernte.
    Drei Monate lang führte ich dieses aufregende Leben, schlief im Mantel, das Gewehr in der Hand, die Pistolen im Gürtel. Dann verbreitete sich das Gerücht von einem Waffenstillstand. Ich kam nach Paris, nachdem ich versprochen hatte, bei der ersten Aufforderung zu meinen Gefährten zurückzukehren. Ich hatte Sie gesehen – verzeihen Sie, dass ich mir dieses Geständnis erlaube – und musste Sie wiedersehen.
    Ich sah Sie wieder; und falls Ihr Blick zufällig auf mir verharrt haben sollte, entsinnen Sie sich gewiss meiner tiefen Traurigkeit und meiner Gleichgültigkeit oder beinahe Abneigung gegenüber allen Freuden und Vergnügungen.
    Wie hätte ich in meiner unsicheren Lage, in der ich nicht dem eigenen Gewissen folgte, sondern einer schicksalhaften, absoluten, unausweichlichen Bestimmung, in der ich jederzeit bei einem Überfall auf eine Eilpost getötet oder verwundet werden konnte oder, schlimmer noch, gefangen genommen – wie hätte ich mich in dieser Lage erdreisten können, zu einem stillen und sanften jungen Mädchen, einer Blume jener Welt, in der sie erblüht und deren Gesetze sie befolgt, zu einem solchen Mädchen zu sagen: ›Ich liebe Sie, wollen Sie einen Ehemann, der sich selbst für vogelfrei erklärt hat und für den das größte Glück darin bestünde, kaltblütig mit einem Gewehrschuss getötet zu werden?‹
    Nein, ich begnügte mich damit, Sie zu sehen, mich an Ihrem Anblick zu berauschen, mich überall dort einzufinden, wo Sie anzutreffen waren, Gott anzuflehen, den Waffenstillstand in einen Frieden zu verwandeln, ohne zu hoffen, dass er ein solches Wunder wirken würde!
    Vor wenigen Tagen nun kündeten die Zeitungen von Cadoudals Ankunft in Paris und von seiner Unterredung mit dem Ersten Konsul; am selben Abend hieß es in denselben Zeitungen, der bretonische General habe sein Wort gegeben, nicht mehr gegen Frankreich zu kämpfen, wenn der Erste Konsul seinerseits nicht mehr gegen die Bretagne und ihn kämpfen werde.
    Und am Tag darauf« – Hector holte ein Blatt Papier aus der Tasche – »am Tag darauf erhielt ich diesen Rundbrief von Cadoudals eigener Hand:

    Da ein fortwährender Krieg mir Frankreich ins Unglück zu stürzen und mein Land zu zerstören schien, entbinde ich Euch von dem Treueschwur, den Ihr geleistet habt und auf den ich mich nur dann erneut berufen würde, wenn die französische Regierung das Wort bräche, das sie mir gegeben hat und das ich in Eurem Namen wie in meinem Namen angenommen habe.
    Sollte sich hinter einem geheuchelten Frieden Verrat verbergen, würde ich abermals an Eure Treue appellieren, und auf Eure Treue, das weiß ich mit Gewissheit, wäre Verlass.
    GEORGES CADOUDAL
    Stellen Sie sich meine Freude vor, als ich diese ersehnte Beurlaubung erhielt. Ich war wieder im Besitz meiner selbst und nicht mehr von meinem Vater und meinen Brüdern einem Königshaus verpfändet, das ich nur durch die Hingabe meiner Familie und die Unglücksfälle kannte, die diese Hingabe über uns gebracht hat. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt, ich besaß hunderttausend Francs Rente, ich liebte! Und dürfte ich annehmen, dass meine Liebe erwidert wird, stünde mir die Paradiespforte offen, die bis dahin der Würgeengel bewacht hatte. O Claire, Claire, deshalb sah ich so fröhlich aus auf dem Ball der Madame de Permon. Ich konnte Sie um dieses Gespräch bitten; ich konnte Ihnen gestehen, dass ich Sie liebe.«
    Claire senkte den Blick und schwieg. Das war fast eine Antwort.
    »Alles, was ich Ihnen soeben erzählt habe«, fuhr Hector fort, »ist über unsere Gegend hinaus nicht bekannt; in Paris weiß niemand davon. Ich hätte es Ihnen verschweigen können, doch das wollte ich nicht. Ich wollte Ihnen mein ganzes Leben erzählen, Ihnen erklären, welche Schicksalsfügung mich dazu gebracht hat, Ihnen endlich alles zu sagen und auf einen Freispruch aus Ihrem Mund zu hoffen, falls ich mich eines Vergehens oder gar eines Verbrechens schuldig gemacht haben sollte.«
    »Oh, mein teurer Hector!«, rief Claire, überwältigt von der stummen Leidenschaft, die sie seit fast einem Jahr beherrschte. »O ja, ich verzeihe Ihnen, ich spreche Sie frei...«, und vergessend, dass ihre Mutter zusah: »Ich liebe Sie!«, und sie warf ihm die Arme um den Hals.
    »Claire!«, rief Madame de Sourdis, weniger erzürnt als vor allem erstaunt.
    »Mutter!«, erwiderte Claire errötend und vor Scham fast in den Boden versinkend.
    »Claire!«, sagte Hector und ergriff ihre Hand. »Vergessen Sie nicht, dass alles, was ich sagte, nur für Ihre Ohren bestimmt war, dass es ein Geheimnis zwischen Ihnen und mir ist, dass ich von niemand anderem Vergebung erwarte, da ich niemand anderen liebe. Vergessen Sie das nie, und vergessen Sie vor allem nicht, dass ich erst dann wirklich leben werde, wenn Ihre Mutter die Frage, die ich Ihnen gestellt habe, beantwortet haben wird. Claire, Sie haben gesagt, dass Sie mich lieben, und ich stelle unser Glück unter den Schutz Ihrer Liebe.«
    Und er verließ das Haus, ohne jemandem zu begegnen, so frei und fröhlich wie ein Gefangener, dem das Leben geschenkt wurde.
    Madame de Sourdis erwartete ungeduldig ihre Tochter. Claires Unbesonnenheit, sich dem jungen Grafen von Sainte-Hermine in die Arme zu werfen, hatte sie aufs Höchste befremdet. Sie erwartete eine Erklärung.
    Die Erklärung war kurz und unmissverständlich. Als das junge Mädchen vor seiner Mutter stand, fiel es auf die Knie und sagte nur die Worte: »Ich liebe ihn!«
    Die Natur bildet unseren Charakter für die Epochen, die er zu durchleben hat. Die Epoche, die soeben durchlebt worden war, lieferte dafür ein schlagendes Beispiel; dieser angeborenen Willensstärke verdankten es Charlotte Corday und Madame Roland, dass die eine zu Marat, die andere zu Robespierre sagen konnten: »Ich hasse dich«, während Claire zu Hector sagen konnte: »Ich liebe dich
    Ihre Mutter hob sie auf, hieß sie neben sich Platz nehmen und fragte sie aus, doch sie erfuhr nur Folgendes:
    »Meine geliebte Mutter, Hector hat mir ein Familiengeheimnis verraten, das er seiner Ansicht nach vor aller Welt verbergen muss, mit Ausnahme jener, die er zu seiner Frau machen will; und diejenige bin ich. Er bittet Sie um die Gunst, ihm Gehör zu schenken, damit er Sie um meine Hand bitten kann, und ich wünsche es mir so sehnlich wie er; er ist ungebunden, er hat hunderttausend Francs Rente, wir lieben einander; die Entscheidung liegt bei Ihnen, Mutter, aber eine abschlägige Antwort würde ihn und mich ins Unglück stürzen!«
    Nachdem sie all das entschieden und zugleich ehrerbietig gesagt hatte, verneigte Claire sich vor ihrer Mutter und trat einen Schritt zurück.
    »Und wenn ich einverstanden bin?«, fragte Madame de Sourdis.
    »Oh, Mutter!« rief Claire und warf sich ihr in die Arme. »Wie gütig Sie sind und wie sehr ich Sie liebe!«
    »Und jetzt, da ich dein Herz beruhigt habe, setze dich, damit wir uns vernünftig unterhalten können«, sagte Madame de Sourdis.
    Sie setzte sich auf ein Kanapee, und Claire nahm ihr gegenüber auf einem Kissen Platz, die Hände in den Händen ihrer Mutter.
    »Mutter, ich höre Ihnen zu«, sagte Claire selig lächelnd.
    »In Zeiten wie den unseren«, sagte Madame de Sourdis, »ist es unumgänglich, der einen oder anderen Partei anzugehören. Ich vermute, dass Hector de Sainte-Hermine der royalistischen Partei angehört. Gestern unterhielten wir uns mit deinem Patenonkel Doktor Cabanis, der nicht nur ein herausragender Heilkundiger ist, sondern auch ein überaus kluger Mann. Er hat mich zu der Freundschaft beglückwünscht, die Madame Bonaparte mir bezeigt, und lässt dir empfehlen, die Freundschaft zu ihrer Tochter zu pflegen, denn dort liegt seiner Ansicht nach die Zukunft.
    Cabanis ist Hausarzt des Ersten Konsuls; er hält ihn für einen Mann mit weitgesteckten Zielen, der sich nicht mit dem zufriedengeben wird, was er bisher erreicht hat. Einen 18. Brumaire wagt man nicht um den Sessel eines Konsuls willen, sondern um den Thron zu erlangen.
    Jene, die sich seinem Glücksflug anschließen, bevor die Wolke zerstoben ist, die uns die Zukunft verbirgt, werden mit ihm vom Wirbel seines Geschicks großen Dingen entgegengetragen. Er hat eine Vorliebe für große, für reiche Familien, die er um sich schart; in dieser Hinsicht gibt es an Sainte-Hermine nichts auszusetzen, er hat hunderttausend Francs Rente und kann seine Herkunft bis zu den Kreuzzügen zurückverfolgen; seine ganze Familie ist für die royalistische Sache gestorben, anders gesagt: Sie muss ihn nicht mehr kümmern. Er ist im richtigen Alter, um mit den politischen Ereignissen noch nichts zu tun zu haben. Er hat sich keiner Seite verpflichtet, sein Vater und seine Brüder sind für das alte Frankreich gestorben. An ihm ist es nun, für das neue Frankreich zu leben, indem er eine Position unter dem Ersten Konsul ausfüllt. Vergiss bitte nicht, dass ich diese Schritte in eine neue Richtung seiner Gefühle keineswegs zu einer Bedingung für eure Heirat mache. Es wäre mir eine große Freude, Hector auf unserer Seite zu sehen; doch wenn er sich dem verweigert, dann weil sein Gewissen es ihm gebietet, und das Gewissen des Menschen ist nur Gott Rechenschaft schuldig; der Ehemann meines Kindes und mein geliebter Schwiegersohn wird er dennoch sein.«
    »Wann darf ich ihm schreiben, Mutter?«, fragte Claire.
    »Wann du willst, mein Kind«, erwiderte Madame de Sourdis.
    Claire schrieb am selben Abend, und am nächsten Tag klopfte Hector kurz vor der Mittagsstunde, das heißt so früh, wie irgend schicklich war, an die Tür des Stadtpalais.
    Diesmal wurde er zu Madame de Sourdis geführt, die ihm die Arme wie eine Mutter entgegenstreckte.
    Er drückte sie an sein Herz, als Claire die Tür öffnete und bei dem Anblick ihrer Umarmung ausrief: »O Mutter, ich bin so glücklich!«
    Madame de Sourdis öffnete abermals die Arme und hielt beide Kinder an ihr Herz gedrückt.
    Die Heirat war beschlossene Sache; nun musste mit dem jungen Grafen nur noch die Frage seiner Haltung zu dem Ersten Konsul erörtert werden.
    Hector setzte sich auf das Kanapee zwischen Madame de Sourdis und Claire und hielt die Rechte und die Linke seiner Schwiegermutter und seiner Verlobten.
    Claire erläuterte Hector die Ansicht Cabanis’ über Bonaparte und den Vorschlag ihrer Mutter. Hector betrachtete sie mit ungeminderter Aufmerksamkeit, während sie so wortgetreu wie möglich wiederholte, was Madame de Sourdis am Vorabend zu ihr gesagt hatte.
    Als sie ausgesprochen hatte, verneigte Hector sich vor Madame de Sourdis und sagte zu Claire, die er noch eindringlicher ansah als zuvor: »Claire, versetzen Sie sich nach allem, was ich Ihnen gestern erzählt habe – und ich bedaure nicht, dass ich so weitschweifig war -, ganz und gar an meine Stelle und antworten Sie Ihrer Mutter an meiner statt. Ihre Antwort wird die meine sein.«
    Das junge Mädchen überlegte für einen Augenblick; dann warf sie sich ihrer Mutter in die Arme. »Ach, Mutter!«, rief sie und schüttelte den Kopf. »Er kann nicht! Das Blut seines Bruders trennt sie.«
    Madame de Sourdis senkte den Kopf; unstreitig erlitt sie eine spürbare Enttäuschung. Sie hatte sich für ihren Schwiegersohn eine hohe Stellung in der Armee erträumt und für ihre Tochter eine hohe Position bei Hofe.
    »Madame«, sagte Hector, »glauben Sie bitte nicht, ich zählte zu jenen, die sich damit brüsten, das alte Regime auf Kosten des neuen zu rühmen, oder dass ich für die Verdienste des Ersten Konsuls blind wäre. Bei Madame Permon sah ich ihn neulich zum ersten Mal, und ich fühlte mich von ihm angezogen und nicht etwa abgestoßen. Ich bewundere seine Feldzüge von 1796 und 1797 als Meisterleistungen moderner Strategie und Feldherrnkunst. Weniger Begeisterung bringe ich dem Ägyptenfeldzug entgegen, das muß ich gestehen, denn er konnte kein glückliches Ergebnis zeitigen und war nur die Maske, die unermessliche Ruhmsucht kaschieren sollte. Bonaparte hatte gekämpft und gesiegt, wo Marius und Pompejus gekämpft und gesiegt hatten. Er wollte ein Echo wecken, das seit den Namen Alexanders und Cäsars verstummt war, und das war verlockend, doch ein teurer Traum, der sein Land hundert Millionen und dreißigtausend Männer kostete! Der letzte Feldzug, die Schlacht von Marengo, wurde aus privatem Ehrgeiz unternommen, um den 18. Brumaire zu legitimieren und um die ausländischen Regierungen zu nötigen, die französische Regierung anzuerkennen. Jedermann weiß, dass Bonaparte sich bei Marengo nicht mit Ruhm bedeckt hat, sondern nur Glück im Spiel hatte, denn als er im Begriff stand, die Partie zu verlieren, hielt er zwei Asse in der Hand – und was für Asse! -, Kellermann und Desaix. Der 18. Brumaire wiederum war ein Handstreich, dessen Gelingen den Anstifter keineswegs rechtfertigt. Denkt man sich ein Scheitern statt des Erfolgs, wäre dieser Versuch der Regierungsumstürzung nur eine Rebellion, ein Verbrechen an der Nation, und das hätte die Familie Bonaparte mindestens drei Köpfe gekostet. Der Zufall war ihm gewogen, als er aus Alexandria zurückkehrte, der Zufall war auf seiner Seite bei Marengo, die Kühnheit war in Saint-Cloud seine Rettung; doch kein besonnener und leidenschaftsloser Mann wird drei Blitzschläge für das Morgengrauen eines neuen Tages halten, mögen sie noch strahlend leuchten. Wäre ich völlig unbelastet von meiner Herkunft, wäre meine Familie nicht zutiefst verwurzelt in royalistischer Erde, dann stünde ich nicht an, mich der Karriere dieses Mannes anzuschließen, obwohl ich in ihm nichts anderes sehe als einen kühnen Abenteurer, der ein einziges Mal für Frankreich in den Krieg zog, während er die anderen Male Krieg im eigenen Interesse führte. Und um Ihnen zu beweisen, dass ich nicht voreingenommen bin, verspreche ich Ihnen, dass ich mich bei seinem ersten Unternehmen zum Wohle Frankreichs vorbehaltlos seiner Sache anschließen werde, denn bereitwillig räume ich ein, dass ich zu meinem eigenen Erstaunen, obwohl ich seinetwegen den Tod meines Bruders beklagen muss und trotz seiner Fehler Bewunderung für ihn empfinde und ihn unwillkürlich schätze; das macht der Einfluss, den besondere Naturen auf die Menschen ihrer Umgebung ausüben und dem ich unterliege.«
    »Ich verstehe«, sagte Madame de Sourdis, »doch um eine Sache will ich Sie bitten.«
    »Sie können mich um nichts bitten, ich habe Ihnen zu gehorchen.«
    »Gestatten Sie, dass ich die Einwilligung des Ersten Konsuls und Madame Bonapartes zu Claires Eheschließung einhole? Ich bin mit Madame Bonaparte freundschaftlich so eng verbunden, dass ich es tun muss. Alles andere wäre unhöflich.«
    »Sicherlich, doch unter der Bedingung, dass wir darauf verzichten, wenn sie sie verweigern.«
    »Wenn sie sie verweigern, können Sie Claire entführen, und ich werde Ihnen die Entführung verzeihen und Sie besuchen, wo Sie auch weilen mögen, doch seien Sie unbesorgt, sie werden sie nicht verweigern.«
    Und so wurde Madame de Sourdis erlaubt, den Ersten Konsul und Madame Bonaparte um ihre Einwilligung zu der Heirat von Mademoiselle Claire und dem Grafen Hector de Sainte-Hermine zu bitten.

20
Fouché

    Einen Mann gab es, den Bonaparte im gleichen Maße verabscheute, fürchtete und ertrug. Es ist der Mann, den wir kurz bei Mademoiselle de Fargas sahen, als sie die Bedingungen stellte, unter denen sie die Compagnons de Jéhu ausliefern wollte.
    Der Abscheu, den Bonaparte empfand, rührte von dem Instinkt her, mit dem Tiere mehr noch als Menschen vor Dingen zurückscheuen, die ihnen schaden können.
    Joseph Fouché, der Polizeiminister, war in der Tat sowohl hässlich als auch schädlich. Selten ist das Hässliche gütig, und Fouchés Moral oder eher Unmoral entsprach völlig seiner Hässlichkeit.
    Bonaparte betrachtete Menschen nur als Mittel zum Zweck oder Hindernisse. Für den General Bonaparte war Fouché am 18. Brumaire nützlich gewesen. Für den Ersten Konsul Bonaparte konnte Fouché hinderlich werden. Wer zugunsten des Konsulats gegen das Direktorium konspiriert hatte, konnte zugunsten irgendeiner anderen Regierungsform gegen das Konsulat konspirieren. Fouché musste man also stürzen, nachdem man ihn befördert hatte, was beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht so leicht war. Fouché zählte zu denen, die sich bei ihrem Aufstieg an allen Unebenheiten festhalten, an alle Kanten klammern und auf allen Stufen, die sie erklommen haben, Rückhalt besitzen, weil sie keinen Halt, keine Hilfe je vergessen.
    Mit der Republik verband Fouché der Tod des Königs, für den er gestimmt hatte; mit der Terreur verbanden ihn seine blutigen Taten als Konventskommissar in Lyon und Nevers, mit den Thermidorianern verband ihn seine Rolle beim Sturz Robespierres, mit Bonaparte der 18. Brumaire und mit Joséphine deren Angst vor Fouchés Erzfeinden Joseph und Lucien, während ihn mit den Royalisten wiederum die Gefälligkeiten verbanden, die er Einzelnen von ihnen als Polizeiminister erwies, nachdem er als Prokonsul ihre Klasse zerschlagen hatte. Als Herrscher über die öffentliche Meinung hatte er sich einen Teil von ihr dienstbar gemacht, und seine Polizei war weder die Polizei der Regierung noch die Polizei des Ersten Konsuls oder die Polizei aller, was sie hätte sein sollen, sondern schlicht und einfach Fouchés Polizei. In ganz Paris, in ganz Frankreich ließ er durch seine Spitzel und Agenten das Loblied auf seine Gewandtheit in den höchsten Tönen singen; überall wurde von Beweisen seiner unvorstellbaren Schläue und Geschicklichkeit gemunkelt, und der größte Beweis dieser Fähigkeiten war, dass alle an sie glaubten.
    Fouché war seit dem 18. Brumaire Polizeiminister; niemand verstand, warum Bonaparte ihm so großen Einfluss zugestand, Bonaparte selbst am allerwenigsten, denn dieser Einfluss ärgerte ihn. Sobald Fouché den Raum verlassen hatte, sobald die geradezu hypnotische Wirkung nachließ, die er ausübte, sträubte sich alles in Bonaparte gegen Fouchés Macht über ihn; er sprach zornig, bitter, boshaft von ihm. Sobald Fouché erschien, kuschte der Löwe, vielleicht nicht gezähmt, aber besänftigt.
    Besonders missfiel Bonaparte, dass Fouché sich für seine Pläne künftiger Größe überhaupt nicht erwärmen konnte, ganz im Gegensatz zu Joseph und Lucien, die ihn darin nicht nur unterstützten, sondern ihn dazu anstachelten. Eines Tages hatte er offen mit Fouché darüber gestritten.
    »Nehmen Sie sich in Acht«, hatte der Polizeiminister gesagt, »wenn Sie das Königtum wieder einführen, werden Sie den Bourbonen in die Hand spielen, und diese werden eines schönen Tages den Thron besteigen, den Sie wiederrichtet haben werden. Niemand kann sich erdreisten, voraussagen zu wollen, welche Verkettung von Zufällen, Ereignissen und Katastrophen eintreten müsste, um zu einem solchen Ergebnis zu führen, doch es erfordert nicht mehr als gewöhnliche Intelligenz, um zu begreifen, wie lange Sie und Ihr Nachfolger mit solchen Ereignissen rechnen müssen. Unter dem Ancien Régime, das Sie augenscheinlich ansteuern – wenn nicht im Grundsätzlichen, dann zumindest in der Form -, wird die Anwartschaft auf den Thron Familiensache sein und nicht eine Frage der Regierungsart. Wenn Frankreich schon auf die errungene Freiheit verzichten und sich wieder der monarchistischen Willkürherrschaft beugen soll, warum sollte es dann nicht gleich das alte Herrschergeschlecht zurückhaben wollen, das ihm Heinrich IV. und Ludwig XIV. geschenkt hat, während Sie ihm nur die Tyrannei des Schwertes gaben?«
    Bonaparte hatte zugehört und sich dabei auf die Lippen gebissen, doch er hatte zugehört. Aber insgeheim hatte er beschlossen, das Polizeiministerium aufzulösen, und da er sich am selben Tag nach Mortefontaine begab, um den Montag mit seinem Bruder Joseph zu verbringen, hatte er Josephs und Luciens Drängen nachgegeben und das erforderliche Dekret unterzeichnet, hatte es eingesteckt und sich am nächsten Tag voller Zufriedenheit mit seinem Entschluss und im Wissen, welcher Schlag dies für Joséphine sein würde, nach Paris zurückbegeben. Er war besonders reizend zu ihr. Das ermutigte die arme Frau, die in Fröhlichkeit wie Traurigkeit, Übellaunigkeit wie Munterkeit ihres Mannes nur die Scheidung lauern sah; und als er in ihrem Boudoir saß und Bourrienne Anordnungen erteilte, huschte sie leise neben ihn, setzte sich ihm auf die Knie, fuhr ihm zärtlich mit den Fingern durch die Haare, verharrte mit der Hand auf seinem Mund, damit er sie küsste, und sagte, als sie auf ihrer heißen Hand den ersehnten Kuß spürte: »Warum hast du mich gestern nicht mitgenommen?«
    »Wohin?«, fragte Bonaparte.
    »Nun, dorthin, wo du warst.«
    »Ich war in Mortefontaine, und da ich weiß, dass zwischen dir und Joseph eine gewisse Feindseligkeit besteht...«
    »Oh, du kannst ruhig auch sagen: zwischen Lucien und mir. Ich sage, zwischen Lucien und mir, weil sie mich feindselig behandeln. Ich bin niemandem gegenüber feindselig. Ich würde deine Brüder nur zu gerne lieben, aber sie können mich nicht leiden. Nun denn! Du wirst verstehen, wie besorgt ich bin, wenn ich dich bei ihnen weiß.«
    »Sei unbesorgt, gestern war nur von Politik die Rede.«
    »Ja, von Politik wie zwischen Cäsar und Mark Anton: Sie haben dich die königliche Augenbinde anprobieren lassen.«
    »Wie? So gut kennst du dich in der römischen Geschichte aus?«
    »Teurer Freund, ich lese von der ganzen römischen Geschichte nur die des Cäsar, und jedes Mal, wenn ich sie lese, muss ich zittern.«
    Schweigen trat ein, und Bonaparte runzelte die Stirn; doch da Joséphine begonnen hatte, sprach sie todesmutig weiter.
    »Ich flehe dich an, Bonaparte«, sagte sie, »ich flehe dich an, lass dich nicht zum König ernennen. Hinter alledem steckt nur dieser garstige Lucien, höre nicht auf ihn; er stürzt uns noch alle ins Verderben.«
    Bourrienne, der seinem einstigen Mitschüler oft genug den gleichen Rat gegeben hatte, erbleichte vor Furcht, dass Bonaparte in Zorn geraten könne.
    Doch dieser brach ganz im Gegenteil in Gelächter aus. »Du bist verrückt, meine arme Joséphine«, sagte er. »Diese Ammenmärchen reden dir deine alten Weiber aus dem Faubourg Saint-Germain ein, deine La Rochefoucauld und wie sie alle heißen. Du langweilst mich, verschone mich mit diesem Gerede!«
    Im selben Augenblick wurde der Polizeiminister angekündigt.
    »Haben Sie etwas mit ihm zu besprechen?«, fragte Bonaparte.
    »Nein«, erwiderte Joséphine. »Sicherlich wollte er Sie aufsuchen und hat die Gelegenheit genutzt, um mich zu begrüßen.«
    »Wenn Sie fertig sind, schicken Sie ihn zu mir«, sagte Bonaparte und erhob sich, »komm, Bourrienne.«
    »Wenn Sie nichts Geheimes mit ihm zu besprechen haben, empfangen Sie ihn hier, dann bleibt mir Ihre Gesellschaft länger erhalten.«
    »Ich vergaß wahrhaftig«, sagte Bonaparte, »dass Fouché zu Ihren Freunden zählt.«
    »Zu meinen Freunden?«, wiederholte Joséphine. »Ich erlaube mir nicht, Freunde unter Ihren Ministern zu haben.«
    »Oh«, sagte Bonaparte, »das wird er nicht mehr lange sein. Nein, ich habe nichts Geheimes mit ihm zu besprechen«, und mit perfider Miene sagte er zu Constant, der Fouché angekündigt hatte: »Lassen Sie den Polizeiminister herein.«
    Fouché erschien und wirkte überrascht, Bonaparte bei seiner Gemahlin anzutreffen.
    »Madame«, sagte Fouché, »heute Vormittag habe ich nicht mit dem Ersten Konsul zu tun, sondern mit Ihnen.«
    »Mit mir?«, fragte Joséphine erstaunt und beinahe erschrocken.
    »Oho!«, sagte Bonaparte und zwickte lachend das Ohr seiner Frau, was anzeigte, dass er wieder guter Laune war. Joséphine stiegen Tränen in die Augen, denn diese Gunstbezeigung Bonapartes war fast immer, vielleicht unbeabsichtigt, ausgesprochen schmerzhaft. Doch tapfer lächelte sie weiter.
    »Ich hatte gestern«, sagte Fouché, »Besuch von Doktor Cabanis.«
    »Du lieber Himmel!«, sagte Bonaparte. »Und was wollte dieser Philosoph in Ihrer Räuberhöhle?«
    »Er wollte wissen, ob ich glaube, dass Sie einer bevorstehenden Heirat in seiner Familie zustimmen würden, bevor man sich offiziell an Sie wendet, und wenn ja, ob Sie sich dann dafür verwenden würden, die Zustimmung des Ersten Konsuls zu erwirken.«
    »Ha, ha! Siehst du, Joséphine«, sagte Bonaparte lachend, »man behandelt dich bereits wie eine Königin.«
    Joséphine versuchte zu lachen und sagte: »Die dreißig Millionen Franzosen, die in diesem Land leben, können nach eigenem Gutdünken und ohne meinen Segen heiraten; wer treibt es mit der Höflichkeit mir gegenüber gar so weit?«
    »Die Gräfin von Sourdis, der Sie die Ehre erweisen, sie bisweilen zu empfangen. Sie verheiratet ihre Tochter Claire.«
    »Und mit wem?«
    »Mit dem jungen Grafen von Sainte-Hermine.«
    »Sagen Sie Cabanis«, antwortete Joséphine, »dass ich von ganzem Herzen ihrem Ehebund zustimme, und sofern Bonaparte nicht spezielle Gründe hat, dies anders zu sehen als ich...«
    Bonaparte setzte eine nachdenkliche Miene auf. Dann sagte er zu Fouché: »Kommen Sie zu mir, wenn Sie bei Madame waren. Komm jetzt, Bourrienne.« Und er stieg die kleine Treppe hinauf.
    Kaum waren Bonaparte und sein Sekretär gegangen, legte Joséphine Fouché die Hand auf den Arm. »Er war gestern in Mortefontaine«, sagte sie.
    »Ich weiß«, sagte Fouché.
    »Wissen Sie, worüber er mit seinen Brüdern gesprochen hat?«
    »Ja.«
    »Ging es um mich? Ging es um die Scheidung?«
    »Nein, in dieser Hinsicht können Sie beruhigt sein; es ging um etwas ganz anderes.«
    »Ging es um das Königtum?«
    »Nein.«
    Joséphine atmete auf. »Ah!«, sagte sie. »Dann kümmert mich herzlich wenig, worüber sie gesprochen haben.«
    Fouché lächelte sein gewohnt spöttisch-finsteres Lächeln. »Obwohl Sie einen Ihrer Freunde verlieren werden?«, fragte er.
    »Ich?«
    »Ja.«
    »…«
    »Zweifellos, denn seine Interessen waren auch Ihre.«
    »Und wer ist das?«
    »Ich darf Ihnen seinen Namen nicht nennen; sein Sturz ist noch ein Geheimnis. Ich will Ihnen nur vorsorglich raten, einen neuen Freund zu suchen.«
    »Und wo soll ich den finden?«
    »In der Familie des Ersten Konsuls: Sie haben zwei seiner Brüder gegen sich, nehmen Sie den dritten für sich ein.«
    »Louis?«
    »Ganz genau.«
    »Er will meine Tochter unbedingt mit Duroc verheiraten.«
    »Ja, aber Duroc liegt diese Heirat keineswegs so dringend am Herzen, wie man erwarten könnte, und diese Gleichgültigkeit kränkt den Ersten Konsul.«
    »Hortense bricht jedes Mal in Tränen aus, wenn die Rede darauf kommt, und ich will nicht das Ungeheuer sein, das seine Tochter opfert; Hortense behauptet, ihr Herz gehöre ihr nicht mehr.«
    »Pah!«, machte Fouché. »Wer hat schon ein Herz?«
    »Ach«, sagte Joséphine, »ich habe ein Herz, das gestehe ich gerne.«
    »Sie?«, fragte Fouché mit seinem hässlichen Lachen. »Sie haben kein Herz, Sie haben -«
    »Seien Sie auf der Hut!«, warnte Joséphine, »sonst entschlüpft Ihnen am Ende eine Impertinenz.«
    »Ich schweige, als Polizeiminister schweige ich; man sollte meinen, ich stünde im Begriff, mein Berufsgeheimnis zu verraten. Aber jetzt, da ich Ihnen nichts mehr zu erzählen habe, lassen Sie mich dem Ersten Konsul eine Neuigkeit verkünden, die er aus meinem Mund ganz gewiss nicht erwartet.«
    »Und welche?«
    »Dass er gestern meine Amtsenthebung unterzeichnet hat.«
    »Also verliere ich?«, sagte Joséphine fragend.
    »Mich«, sagte Fouché.
    Joséphine, die sich der Schwere dieses Verlusts in der Tat bewusst war, stieß einen Seufzer aus und fuhr sich mit der Hand über die Augen.
    »Oh, seien Sie unbesorgt«, sagte Fouché und trat näher, »es wird nicht für lange sein.«
    Um keine zu große Vertrautheit zu verraten, verließ Fouché Joséphines Gemächer durch die Haupttür und trat durch den Pavillon de l’Horloge wieder ein, bevor er zu Bonapartes Kabinett hinaufging.
    Der Erste Konsul arbeitete mit Bourrienne. »Ah!«, sagte er, als er Fouché erblickte, »Sie werden mich aufklären, jawohl.«
    »Worüber, Sire?«
    »Darüber, wer dieser Sainte-Hermine ist, der meine Einwilligung erbittet, um Mademoiselle de Sourdis zu heiraten.«
    »Damit wir uns richtig verstehen, Citoyen Erster Konsul: Nicht der Graf von Sainte-Hermine erbittet Ihre Einwilligung, um Mademoiselle de Sourdis zu heiraten, Mademoiselle de Sourdis erbittet Ihre Einwilligung, um Monsieur de Sainte-Hermine zu heiraten.«
    »Ist das nicht ein und dasselbe?«
    »Nicht ganz: Die Sourdis sind eine bedeutende Familie und freundschaftlich verbunden; die Sainte-Hermines sind eine bedeutende Familie, deren Freundschaft es zu gewinnen gilt.«
    »Sie haben mir also geschmollt.«
    »Mehr noch, sie haben Sie bekriegt.«
    »Als Republikaner oder als Royalisten?«
    »Als Royalisten; der Vater wurde 93 guillotiniert, der älteste Sohn füsiliert; der zweitälteste, den Sie kennengelernt haben, wurde in Bourg-en-Bresse guillotiniert.«
    »Den ich kennengelernt habe?«
    »Entsinnen Sie sich eines Maskierten, der während Ihrer Mahlzeit in Avignon einen Geldsack mit zweihundert Louisdor zurückbrachte, den man versehentlich einem Weinhändler aus Bordeaux in der Eilpost geraubt hatte?«
    »Oh, gewiss doch! Ach, Fouché, solche Männer könnte ich gebrauchen.«
    »Einem ersten Herrscher dient man nicht aus Hingabe, Citoyen Erster Konsul, sondern aus Eigeninteresse.«
    »Sie haben recht, Fouché. Ach! Wäre ich doch mein Enkel! Nun gut. Und der Dritte?«
    »Der Dritte wird Ihr Freund sein, wenn Sie wollen.«
    »Und wie das?«
    »Zweifellos bittet Madame de Sourdis, die gewandte Schmeichlerin, Sie mit seinem Einverständnis um Ihre Zustimmung zur Heirat ihrer Tochter, als wären Sie ein Fürst. Geben Sie Ihre Einwilligung, Sire, und Monsieur Hector de Sainte-Hermine wird nicht anders können, als sich von einem Gegner in einen Freund zu verwandeln.«
    »Schon gut«, sagte Bonaparte, »ich werde darüber nachdenken«, und dann fragte er, händereibend bei dem Gedanken, dass man ihm gegenüber inzwischen Formen wahrte, als hätte man es mit einem König zu tun: »Und welche Neuigkeit bringen Sie, Fouché?«
    »Nur eine, aber sie hat eine gewisse Bedeutung, vor allem für mich.«
    »Und das wäre?«
    »Dass Sie gestern in dem grünen Salon in Mortefontaine dem Innenminister Lucien Bonaparte meine Amtsenthebung und meine Aufnahme in den Senat diktiert und sie danach unterzeichnet haben.«
    Bonaparte machte eine jedem Korsen wohlvertraute Geste, die mit zwei Bewegungen des Daumens auf der Brust ein Kreuzzeichen beschreibt, und sagte: »Wer hat Ihnen diesen Bären aufgebunden, Fouché?«
    »Einer meiner Spitzel, hol’s der Teufel!«
    »Er hat Sie belogen.«
    »Er hat mich so wenig belogen, dass sich das Dekret dort drüben befindet, auf dem Stuhl, in der Seitentasche Ihres grauen Gehrocks.«
    »Fouché«, sagte Bonaparte, »wenn Sie hinkten wie Talleyrand, wüsste ich mit Sicherheit, dass Sie der Teufel sind.«
    »Sie leugnen es nicht mehr, nicht wahr?«
    »Meiner Treu, nein! Außerdem ist Ihre Entlassung so ehrenvoll, wie man es sich nur wünschen kann...«
    »Ich verstehe: In meinem Zeugnis wird versichert, dass während der Dauer meiner Dienstzeit kein Silbergeschirr aus Ihrem Haushalt entwendet wurde.«
    »Da die Befriedung Frankreichs ein Polizeiministerium überflüssig gemacht hat, versetze ich dessen Minister in den Senat, um ihn dort jederzeit zur Hand zu haben, falls ich das Ministerium wieder einrichten will. Ich weiß wohl, mein lieber Fouché, dass Sie im Senat nicht mehr die Verwaltung des Glücksspiels leiten werden, diese unerschöpfliche Goldgrube, aber Sie besitzen bereits ein unermesslich großes Vermögen, das Sie nicht genießen können, und Ihr Landbesitz in Pontcarré, den Sie unablässig vergrößern, ist wahrhaftig groß genug für Sie.«
    »Habe ich Ihr Wort«, fragte Fouché, »dass, falls es wieder einen Polizeiminister geben sollte, dieser kein anderer sein wird als ich?«
    »Das haben Sie«, sagte Bonaparte.
    »Danke. Darf ich jetzt Cabanis davon informieren, dass seine Nichte Mademoiselle de Sourdis Ihre Einwilligung zu ihrer Heirat mit dem Grafen von Sainte-Hermine hat?«
    »Das dürfen Sie.«
    Bonaparte beugte leicht den Kopf, Fouché erwiderte dies mit einer tiefen Verbegung und ging.
    Der Erste Konsul wanderte eine Zeit lang auf und ab, stumm, die Hände auf dem Rücken; dann blieb er abrupt hinter dem Sessel seines Sekretärs stehen. »Haben Sie das gehört, Bourrienne?«, fragte er.
    »Was, General?«
    »Das, was dieser Teufel Fouché gesagt hat.«
    »Ich höre nichts als das, was zu hören Sie mir befehlen.«
    »Er wusste, dass ich ihn abgesetzt hatte, dass ich es in Mortefontaine getan hatte und dass das Dekret seiner Amtsenthebung in der Tasche meines grauen Gehrocks steckt.«
    »Ach«, sagte Bourrienne, »das erfordert keine Hexerei, dafür muss er nur den Kammerdiener Ihres Bruders anständig bezahlen.«
    Bonaparte schüttelte den Kopf. »Dennoch«, sagte er, »ist dieser Fouché ein gefährlicher Mann.«
    »Gewiss«, sagte Bourrienne, »doch Sie müssen zugeben, dass ein Mann, dessen Scharfsinn Sie so verblüfft, in unseren heutigen Zeiten überaus nützlich ist.«
    Der Erste Konsul sah nachdenklich drein; dann sagte er: »Ich habe ihm schließlich versprochen, dass ich ihn zurückhole, sobald es Schwierigkeiten gibt, und es ist gut denkbar, dass ich mein Wort halten werde.«
    Der Bürodiener erschien.
    »Landoire«, sagte Bonaparte, »sehen Sie aus dem Fenster, ob ein Wagen mit Pferden bereit ist.«
    Landoire verließ den Raum und beugte sich aus dem Fenster. »Ja, General«, sagte er.
    Der Erste Konsul zog seinen Gehrock an und ergriff seinen Hut. »Ich fahre in den Staatsrat«, sagte er.
    Nach einigen Schritten blieb er stehen. »Apropos, gehen Sie zu Joséphine und sagen Sie ihr, dass ich nicht nur mit der Heirat Mademoiselle de Sourdis’ einverstanden bin, sondern dass Madame Bonaparte und ich sogar ihren Ehevertrag mit unterzeichnen werden.«

21
In welchem Kapitel Fouché daran arbeitet, in das Polizeiministerium zurückzukehren, aus dem er noch nicht ausgeschieden ist

    Fouché verließ den Tuilerienpalast zornentbrannt. Er war ein kluger Kopf, aber ein kluger Kopf mit begrenztem Wirkungsfeld. Ohne seine Polizei war Fouché nur von zweitrangiger Bedeutung.
    Er hatte ein nervöses, reizbares, ängstliches Naturell, und die Natur schien ihm schielende Augen und große Ohren verliehen zu haben, damit er gleichzeitig in verschiedene Richtungen sehen und in alle Richtungen lauschen konnte. Bonaparte hatte ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen: Indem er die Polizei verlor, verlor er die Oberaufsicht über das Glücksspiel, die ihm jährlich mehr als zweihunderttausend Francs einbrachte. Unvorstellbar reich, hatte Fouché nur eines im Sinn, nämlich das Vermögen zu mehren, das zu genießen ihm nicht gegeben war, und sein Ehrgeiz, die Grenzen seines Landbesitzes in Pontcarré zu weiten, war kaum geringer als Bonapartes Ehrgeiz, Frankreichs Grenzen weit in das Ausland zu versetzen.
    Er ging nach Hause, begab sich in sein Kabinett und warf sich in seinen Sessel, ohne mit einer Menschenseele ein Wort gewechselt zu haben. Seine Gesichtsmuskeln bebten wie die Meeresoberfläche bei Sturm. Nach einigen Minuten glätteten sich seine Züge: Fouché war der Einfall gekommen, den er gesucht hatte, und das matte Lächeln, das auf seine Züge trat, verriet, dass zumindest Windstille eingekehrt war, wenngleich das schöne Wetter noch auf sich warten ließ.
    Er ergriff die Klingelschnur über seinem Schreibtisch und zog daran mit noch leicht bebender Hand.
    Der Bürodiener erschien.
    »Monsieur Dubois!«, rief Fouché.
    Der Bürodiener machte eine Kehrtwendung und verschwand.
    Unmittelbar darauf wurde die Tür geöffnet, und Dubois trat ein.
    Dubois war ein Mann mit sanften, ruhigen Zügen und mildem Lächeln, alles andere als modisch gekleidet, aber mit größter Reinlichkeit, wie die weiße Krawatte und die Manschetten bezeigten.
    Er trat näher, wobei er sich leicht in den Hüften wiegte und wie ein Tanzlehrer mit den Schuhsohlen über den Teppich glitt.
    »Monsieur Dubois«, sagte Fouché, der sich in seinem Sessel zurücklehnte, »heute bin ich auf all Ihre Intelligenz und all Ihre Verschwiegenheit angewiesen.«
    »Ich kann dem Herrn Minister allein meine Verschwiegenheit zusichern«, sagte Dubois. »Der Wert meiner Intelligenz bemisst sich nur in Abhängigkeit von der Ihren.«
    »Schon gut, schon gut, Monsieur Dubois«, sagte Fouché etwas gereizt. »Keine Komplimente. Haben Sie in Ihrer Behörde einen Mann, dem man vertrauen kann?«
    »Zuerst müsste ich wissen, wofür er benötigt wird.«
    »Das ist wahr. Er soll in die Bretagne fahren und dort drei Banden von Fußbrennern ins Leben rufen: Eine, die wichtigste, soll auf der Straße von Vannes nach Muzillac operieren; die zwei anderen kann er einrichten, wo er will.«
    »Ich höre«, sagte Dubois, als er sah, dass Fouché innehielt.
    »Die eine soll sich ›Cadoudals Bande‹ nennen und so tun, als wäre Cadoudal selbst ihr Anführer.«
    »Nach dem, was Eure Exzellenz mir sagen -«
    »Dieses eine Mal lasse ich es durchgehen«, rief Fouché lachend, »insbesondere Sie mich nicht mehr lange so nennen können.«
    Dubois verneigte sich, und als Fouché ihn mit einer Geste dazu aufforderte, fuhr er fort: »Nach dem, was Eure Exzellenz mir sagen, wird ein Mann gebraucht, der notfalls im zerstreuten Gefecht kämpft.«
    »Der notfalls alles tut.«
    Monsieur Dubois überlegte und schüttelte dann den Kopf. »So jemanden habe ich nicht unter meinen Leuten«, befand er.
    Als Fouché verärgert eine Handbewegung machte, sagte er: »Warten Sie, warten Sie einen Augenblick. Gestern hat sich mir ein gewisser Chevalier de Mahalin vorgestellt, ein Bursche, der bei den Compagnons de Jéhu war und den es nur nach einer Sache gelüstet, wie er behauptet, nämlich nach gefährlichen Aufträgen, die gut bezahlt sind. Ein Spieler in der ganzen Bedeutung des Wortes, bereit, sein Leben wie sein Geld auf einen Würfelwurf zu setzen. Das ist unser Mann.«
    »Haben Sie seine Adresse?«
    »Nein; doch er kommt heute zwischen ein und zwei Uhr in mein Büro, und jetzt ist es eins. Er ist entweder schon dort oder wird bald eintreffen.«
    »Dann holen Sie ihn und bringen Sie ihn her.«
    Als Monsieur Dubois gegangen war, stand Fouché auf und holte einen Karton, dem er ein Dossier entnahm, das er auf seinen Schreibtisch legte.
    Es war das Dossier über Pichegru.
    Er studierte es mit größter Aufmerksamkeit, bis Monsieur Dubois in Begleitung des Mannes, über den sie gesprochen hatten, zurückkam.
    Es war derselbe, der Hector de Sainte-Hermine an sein feierliches Gelöbnis erinnert und ihn in Laurents Bande eingeführt hatte. Als ihm dort die Arbeit ausgegangen war, hatte sich der wackere Edelmann anderswo nach Betätigung umgesehen.
    Er mochte zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren zählen, war von angenehmem Äußeren, mehr schön als hässlich, mit gewinnendem Lächeln, und man hätte ihn für durch und durch einnehmend halten können, wäre in seinen Augen nicht etwas Verstörendes, Beunruhigendes gewesen, das sich dem Gemüt jener, die mit ihm zu tun hatten, sogleich mitteilte. Im Übrigen war er nach der Mode der Zeit gekleidet, nicht schlicht, sondern eher elegant.
    Fouché maß ihn mit dem Blick, mit dem er einen Menschen moralisch einzuschätzen pflegte. In diesem Mann erriet er die Liebe zum Geld, Mut in der Verteidigung, weniger beim Angriff, und den unbezähmbaren Willen, in seinen Unternehmungen erfolgreich zu sein.
    Das war der Mann, den er suchte.
    »Monsieur«, sagte Fouché, »man hat mir hinterbracht, Sie wollten in die Dienste der Regierung eintreten. Ist das wahr?«
    »Es ist mein größter Wunsch.«
    »Und in welcher Funktion?«
    »In jeder Funktion, in der es Schläge zu kassieren und Geld einzustecken gibt.«
    »Kennen Sie die Bretagne und die Vendée?«
    »In- und auswendig. Ich war dreimal zu General Cadoudal entsendet.«
    »Hatten Sie mit den anderen Anführern zu tun?«
    »Mit einigen, vor allem mit einem Leutnant Cadoudals, den man seiner Ähnlichkeit mit dem General wegen Georges II. nannte.«
    »Ei der Teufel!«, sagte Fouché. »Der könnte uns sehr nützlich sein. Trauen Sie sich zu, drei Banden von jeweils zwanzig Mann aufzustellen?«
    »In einem Land, dessen Gemüter noch vom Bürgerkrieg erhitzt sind, kann man jederzeit drei Banden von je sechzig Mann aufstellen. Geht es um einen Zweck, den man offenbaren kann, werden die braven Bürger Ihnen Ihre sechzig Mann stellen, und Sie werden nicht viel mehr dafür benötigen als schöne Worte und hochtrabendes Gerede. Wenn es um einen etwas trüberen Zweck geht, werden Sie dafür weniger reine Gewissen und käufliche Arme finden, doch die sind natürlich kostspieliger.«
    Fouché bedachte Dubois mit einem Blick, der bedeutete: »Mein Lieber, da haben Sie einen prächtigen Fund getan«, und zu dem Chevalier sagte er: »Monsieur, innerhalb von zehn Tagen benötigen wir drei Banden von Fußbrennern, zwei im Morbihan, eine in der Vendée, und alle drei sollen in Cadoudals Namen tätig werden. In einer von ihnen soll ein Maskierter sich Cadoudal nennen und so tun, als wäre er der ehemalige bretonische Anführer.«
    »Nicht weiter schwierig, aber teuer, wie ich bereits sagte.«
    »Genügen fünfzigtausend Francs?«
    »O ja, das ist mehr als genug.«
    »Dann wäre das geklärt; wenn Sie Ihre drei Banden auf die Beine gestellt haben, könnten Sie dann nach England gehen?«
    »Nichts leichter als das, wenn man bedenkt, dass ich englischer Herkunft bin und Englisch wie meine Muttersprache spreche.«
    »Kennen Sie Pichegru?«
    »Dem Namen nach.«
    »Haben Sie Mittel und Wege, sich mit ihm bekannt zu machen?«
    »Ja.«
    »Wenn ich Sie frage, welche Mittel -«
    »Würde ich es Ihnen nicht sagen; auch ich muss meine Geheimnisse haben, sonst wäre ich wertlos für Sie.«
    »Sie haben recht. Sie werden nach England reisen, Sie werden Pichegru auf den Zahn fühlen und in Erfahrung bringen, ob er gegebenenfalls nach Paris zurückkehren würde; wenn er es wollte und Geld benötigen sollte, können Sie es ihm im Namen von Fauche-Borel anbieten; merken Sie sich diesen Namen.«
    »Der Name des Schweizer Buchhändlers, der ihm schon im Auftrag des Prinzen von Condé Avancen gemacht hat, ich kenne ihn; und wenn er Geld benötigen und nach Paris kommen wollen sollte, an wen habe ich mich dann zu wenden?«
    »An Monsieur Fouché auf seinem Landsitz in Pontcarré, merken Sie sich das gut; auf keinen Fall an den Polizeiminister.«
    »Und dann?«
    »Dann kehren Sie nach Paris zurück, wo Sie weitere Anweisungen erhalten werden. Monsieur Dubois, Sie zahlen dem Chevalier fünfzigtausend Francs aus. Und noch etwas, Chevalier.«
    Der Chevalier drehte sich um.
    »Wenn Sie Coster Saint-Victor begegnen sollten, bringen Sie ihn dazu, nach Paris zurückzukehren.«
    »Droht ihm nicht die Verhaftung?«
    »Nein, es wird ihm alles erlassen werden, das dürfen Sie mir glauben.«
    »Was soll ich ihm sagen, um ihn zu überzeugen?«
    »Dass alle Frauen von Paris ihm nachtrauern und ganz besonders Mademoiselle Aurélie de Saint-Amour; sagen Sie ihm außerdem, seine galante Karriere wäre unvollständig, wenn er nach Barras nicht auch den Ersten Konsul zum Rivalen gehabt hätte. Das wird ihn dazu bewegen, herzukommen, es sei denn, heilige Bande hielten ihn in London fest.«
    Als die Tür geschlossen war, ließ Fouché durch eine Ordonnanz folgenden Brief zu Dr. Cabanis bringen:

    Mein lieber Doktor,
    der Erste Konsul, den ich bei Madame Bonaparte sah, hat äußerst wohlwollend das Begehren der Madame de Sourdis hinsichtlich der Heirat ihrer Tochter aufgenommen, und er schenkt dieser Heirat seine volle Zustimmung.
    Unsere liebe Schwester kann Madame Bonaparte den fraglichen Besuch machen, je eher, desto besser.
    Seien Sie meiner aufrichtigen Freundschaft versichert, lieber Freund
    IHR J. FOUCHÉ Am Tag darauf fand sich Madame de Sourdis in besagter Absicht im Tuilerienpalast ein und stieß auf eine vor Freude jubilierende Joséphine und eine in Tränen aufgelöste Hortense.
    Hortenses und Louis Bonapartes Heirat war so gut wie beschlossen, und das war der Grund für Hortenses Kummer und Joséphines Freude.
    Was war geschehen?
    Als Joséphine aus Bonapartes Gebaren erraten hatte, dass er aus unerfindlichen Gründen guter Laune war, ließ sie ihn bitten, nach seiner Rückkehr vom Staatsrat zu ihr zu kommen.
    Doch bei seiner Rückkehr hatte der Erste Konsul Cambacérès vorgefunden, der auf ihn wartete, um ihm Erklärungen zu einigen Punkten des Code Napoléon zu geben, die ihm noch nicht klar genug erschienen.
    Sie hatten bis spät in die Nacht gearbeitet, und dann war Junot gekommen, um Bonaparte seine Hochzeit mit Mademoiselle de Permon zu melden.
    Diese Heirat stimmte den Ersten Konsul nicht annähernd so zufrieden wie die der Mademoiselle de Sourdis. Zum einen war er früher einmal in Madame de Permon verliebt gewesen und hatte beabsichtigt, sie zu heiraten; Madame de Permon hatte seinen Antrag abgelehnt, und das hatte er ihr nie ganz verziehen; zum anderen hatte er Junot empfohlen, eine reiche Erbin zu ehelichen, und stattdessen hatte Junot die Tochter eines Bankrotteurs gewählt. Die Mutter entstammte einem alten byzantinischen Herrschergeschlecht, und das junge Mädchen, das Bonaparte vertraulich Loulou nannte, war eine Comnène, doch seine Mitgift betrug nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Francs.
    Bonaparte sagte Junot zu, ihm mit hunderttausend Francs unter die Arme zu greifen. Als Gouverneur von Paris würde er Einkünfte in Höhe von fünfhunderttausend Francs beziehen. Damit musste er auskommen.
    Joséphine hatte den ganzen Abend ungeduldig auf ihren Ehemann gewartet, doch dieser hatte mit Junot gespeist und war mit ihm ausgegangen. Um Mitternacht sah sie ihn im Schlafrock und mit einem Seidentuch auf dem Kopf eintreten, was bedeutete, dass er erst am nächsten Morgen in sein Zimmer zurückgehen würde, und die Freude, die sie bezeigte, verriet, dass sie für ihr langes Warten entschädigt werden würde.
    Während solcher nächtlichen Besuche erlangte Joséphine all ihren Einfluss auf Bonaparte wieder.
    Nie zuvor hatte sie die Heirat Hortenses mit Louis Bonaparte hartnäckiger verlangt, und als der Erste Konsul zurück in seine Räume ging, hatte er so gut wie eingewilligt.
    Joséphine hielt Madame de Sourdis zurück, um ihr eingehend von ihrem Glück zu berichten; Claire schickte sie zu Hortense, damit sie diese tröstete.
    Claire versuchte gar nicht erst, Trost anzubieten, denn sie wusste nur zu gut, was es sie gekostet hätte, auf Hector zu verzichten.
    Sie weinte mit Hortense und riet ihr zu, sich an den Ersten Konsul zu wenden, der sie gewiss zu sehr liebte, um sie in ihr Unglück zu stürzen.
    Mit einem Mal kam Hortense ein eigenartiger Gedanke, den sie ihrer Freundin mitteilte – der Gedanke, mit der Erlaubnis ihrer beiden Mütter Mademoiselle Lenormand zu befragen.
    Joséphine hatte sie seinerzeit aufgesucht, und es ist bekannt, was sie ihr geweissagt hat.
    Und nun wollte Hortense erfahren, ob ihr Traum Wirklichkeit werden würde.
    Mademoiselle de Sourdis wurde mit der Aufgabe betraut, den Wunsch der beiden vorzutragen und die Erlaubnis zu erwirken, ihn in die Tat umzusetzen.
    Die Verhandlungen dauerten lange. Hortense lauschte an der Tür und unterdrückte ihr Schluchzen.
    Claire kam freudig zurück: die Erlaubnis war erteilt, allerdings unter der Bedingung, dass Mademoiselle Louise, Madame Bonapartes erste Kammerfrau, die deren ungeteiltes Vertrauen genoss, den beiden jungen Damen nicht von der Seite wich.
    Mademoiselle Louise wurde geholt und mit strengsten Instruktionen versehen. Sie gelobte hoch und heilig, sich daran zu halten, und die jungen Damen bestiegen tiefverschleiert den unauffälligen Wagen ohne Wappen, den Madame de Sourdis für ihre Vormittagsbesuche zu benutzen pflegte.
    Der Kutscher wurde angewiesen, vor dem Haus Nummer sechs in der Rue de Tournon zu halten, ohne dass man ihm einen Namen nannte.
    Mademoiselle Louise stieg wie angewiesen als Erste aus; sie wusste, dass Mademoiselle Lenormand am Ende des Hofs wohnte, dass man dort drei Stufen die Treppe hinaufgehen und dann an der rechten Tür klopfen musste.
    Sie klingelte, man öffnete, ließ sie eintreten und führte sie auf Mademoiselle Louises Bitte in einen kleinen Raum, der normalerweise den Besuchern nicht zugänglich war.
    Die jungen Mädchen wurden aufgefordert, nacheinander einzutreten, in der Reihenfolge der ersten Buchstaben ihres Nachnamens, denn Mademoiselle Lenormand wurde nie in Anwesenheit mehrerer Personen tätig.
    So kam es, dass Hortense Beaumarchais die Erste war.
    Nach einer halben Stunde des Wartens wurde sie vorgelassen.
    Mademoiselle Louise war schrecklich nervös, da man ihr eingeschärft hatte, keines der jungen Mädchen aus den Augen zu lassen. Blieb sie bei Claire, entwischte ihr Hortense. Begleitete sie Hortense, entzog sich Claire ihrer Aufsicht.
    Die Frage war so wichtig, dass man sie mit Mademoiselle Lenormand erörterte, die einen Vorschlag hatte, wie alles unter einen Hut gebracht werden konnte.
    Mademoiselle Louise blieb bei Claire, doch die Tür zu dem Kabinett wurde nicht geschlossen, so dass Hortense sichtbar blieb, gleichzeitig aber weit genug von ihren Begleiterinnen entfernt war, dass diese die leise gemurmelten Worte der Seherin nicht vernehmen konnten.
    Selbstverständlich hatte Hortense darum gebeten, dass alle Tarotkarten gelegt wurden.
    Was Mademoiselle Lenormand in ihren Karten sah, schien sie stark zu beeindrucken; ihre Gesten und ihr Gesichtsausdruck kündeten von wachsendem Erstaunen.
    Als sie ihre Karten abgelegt und sich die Handfläche des jungen Mädchens genau angesehen hatte, erhob sie sich und sagte nachdrücklich einen einzigen Satz zu Hortense, den diese mit sichtlich ungläubiger Miene vernahm.
    Auf alle weiteren Fragen Hortenses blieb die Pythia stumm und sagte nur die Worte: »Das Orakel hat gesprochen, glauben Sie dem Orakel!«
    Dann bedeutete sie ihr mit einer Handbewegung, dass sie gehen und ihrer Freundin Platz machen solle.
    Obwohl Mademoiselle de Beauharnais die Idee gehabt hatte, Mademoiselle Lenormand aufzusuchen, war Claire durch das, was sie mit angesehen hatte, fast ebenso neugierig geworden wie ihre Freundin, und sie ließ sich nicht zweimal bitten, das Allerheiligste der Prophetin zu betreten.
    Doch dass ihr Schicksal Mademoiselle Lenormand nicht weniger erstaunen würde als das ihrer Freundin Hortense, damit hatte Claire nicht gerechnet.
    Mit der Sicherheit einer Frau, die weiß, was sie tut, und die zögert, etwas zu sagen, was völlig unwahrscheinlich klingt, mischte Mademoiselle Lenormand ihre Karten dreimal neu, betrachtete die rechte Handfläche und dann die linke, entdeckte beide Male die Linie des gebrochenen Herzens, die Glückslinie, die bis zur Herzlinie verläuft und sich bei Saturn verzweigt, und dann sprach sie so feierlich, wie sie Mademoiselle de Beauharnais geweissagt hatte, ihr Orakel für Mademoiselle de Sourdis, die daraufhin totenbleich und mit tränennassen Augen zu Mademoiselle Louise und Hortense zurückkehrte.
    Solange sie unter dem Dach Mademoiselle Lenormands weilten, hatten die jungen Mädchen kein Wort gesagt und einander keine Fragen gestellt. Man hätte meinen können, sie fürchteten, ein Wort oder eine Frage müssten das Haus unweigerlich zum Einsturz bringen.
    Doch sobald sie im Wagen saßen und der Kutscher seine Pferde lostraben ließ, fragten beide wie aus einem Mund: »Was hat sie Ihnen gesagt?«
    Hortense, die als Erste bei der Seherin gewesen war, antwortete zuerst. »Sie hat gesagt: ›Du wirst die Frau eines Königs und die Mutter eines Kaisers, und du wirst im Exil sterben.‹ Und was hat sie dir gesagt?«, fragte sie neugierig.
    »Sie hat gesagt: ›Du wirst vierzehn Jahre lang die Witwe eines Lebenden sein und dein restliches Leben lang die Gattin eines Toten!‹«

22
In welchem Kapitel Mademoiselle de Beauharnais die Frau eines Königs ohne Thron und Mademoiselle de Sourdis die Witwe eines lebenden Ehemannes werden

    Sechs Wochen waren vergangen, seit die jungen Mädchen die Sibylle der Rue de Tournon aufgesucht hatten. Mademoiselle de Beauharnais hatte ungeachtet ihrer Tränen Louis Bonaparte geheiratet, und Mademoiselle de Sourdis stand im Begriff, noch am selben Abend den Heiratsvertrag mit dem Grafen von Sainte-Hermine zu unterzeichnen.
    Die Abneigung, die Mademoiselle de Beauharnais dem jüngsten Bruder des Ersten Konsuls entgegenbrachte, hatte nichts mit seiner Person zu tun. Sie liebte Duroc, das war alles. Liebendes Herz, blindes Herz.
    Louis Bonaparte war zu jener Zeit dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahre alt, ein schöner junger Mann von etwas kühlem Äußeren, der im Übrigen seiner Schwester Caroline frappierend ähnlich sah, sehr gebildet, mit literarischen Neigungen, sehr aufrecht, sehr gütig und vor allem sehr anständig, der unwandelbaren Überzeugung, dass ein Königstitel an den Geboten und Pflichten des menschlichen Gewissens nichts ändern kann; er war der vielleicht einzige Fürst, der ein fremdes Volk regiert und in diesem Volk etwas wie Dankbarkeit und Liebe geweckt hat, ähnlich wie Desaix in Oberägypten der gerechte Sultan gewesen war.
    Bevor wir uns von diesem Mann mit seinem loyalen Herzen und dem bezaubernden Geschöpf, das er heiratete, verabschieden, wollen wir erzählen, wie es so abrupt zu dieser Heirat gekommen war, für die es keinen anderen Grund gab als Joséphines ununterbrochenes und beharrliches Taktieren.
    Wir erwähnten bereits, warum Joséphine gegen eine Heirat ihrer Tochter mit Duroc war.
    »Duroc«, sagte sie bei jedem Anlass zu Bourrienne, »wäre mir keine Hilfe; Duroc verdankt alles der Freundschaft Bonapartes und würde es nie wagen, sich gegen die Brüder seines Beschützers zu stellen; dagegen hat Bonaparte Louis sehr gern, und Louis hat keinen Ehrgeiz und wird nie welchen haben. Louis wäre ein Gegengewicht zu Joseph und Lucien.«
    Bonaparte wiederum sagte sich: »Duroc und Hortense lieben sich. Meine Frau kann sagen, was sie will, sie passen zueinander und werden heiraten; ich mag Duroc, er stammt aus gutem Hause. Habe ich denn nicht Murat Caroline und Leclerc Pauline gegeben? Ich kann Duroc Hortense geben; er ist ein tapferer Bursche und nicht weniger tüchtig als jene. Er ist bereits Divisionsgeneral; es gibt keinen ernsthaften Einwand gegen diese Ehe; und für Louis habe ich andere Pläne.«
    An ebenjenem Tag, an dem die jungen Mädchen Mademoiselle Lenormand aufsuchten, hatte Hortense auf Drängen ihrer Freundin beschlossen, ihren Stiefvater noch einmal um Beistand anzuflehen, und als sie nach dem Abendessen allein waren, kniete sie vor ihm nieder mit der Anmut, die ihr eigen war, und sagte ihm unter all den Liebkosungen, die ihr so große Macht über das Herz des Ersten Konsuls verschafften, dass dieser Ehebund sie auf ewig ins Unglück stürzen würde, und ohne Louis zu schmälern, erklärte sie, dass sie Duroc liebe und dass niemand als Duroc sie glücklich machen könne.
    Bonaparte hatte seinen Entschluss gefaßt. »Gut«, sagte er. »Wenn du ihn unbedingt heiraten willst, dann sollst du ihn heiraten, aber nur zu meinen Bedingungen. Nimmt Duroc sie an, dann steht deinem Glück nichts im Wege, aber wenn nicht, dann habe ich mich zum letzten Mal Joséphines Wünschen widersetzt, und du wirst Louis heiraten.«
    In dem Tatendrang, den ein gefasster Entschluss auslöst, mag er noch so unerquickliche Begleitumstände mit sich bringen, begab der Erste Konsul sich sofort in sein Kabinett hinauf.
    Dort angekommen, sah er sich nach Duroc um. Wie gesagt befand sich Duroc als ewiger Bummler selten auf seinem Posten.
    »Wo steckt Duroc?«, fragte Bonaparte sichtlich verärgert.
    »Er ist ausgegangen«, erwiderte Bourrienne.
    »Und wo vermuten Sie ihn?«
    »In der Oper.«
    »Wenn er zurückkommt, sagen Sie ihm, dass ich ihm Hortense versprochen habe; er wird sie heiraten, und ich bestehe darauf, dass es innerhalb von zwei Tagen geschieht. Ich gebe ihm fünfhunderttausend Francs und ernenne ihn zum Kommandanten der achten Division. Am Tag nach seiner Hochzeit wird er mit seiner Frau nach Toulon abreisen und dort leben. Ich will keinen Schwiegersohn unter meinem Dach. Da ich die Sache hinter mich bringen will, sagen Sie mir heute noch, ob ihm das zusagt.«
    »Oh, das kann ich mir nicht vorstellen«, erwiderte Bourrienne.
    »Nun gut! Dann wird sie Louis heiraten.«
    »Wird sie das wollen?«
    Um zehn Uhr kehrte Duroc zurück; Bourrienne teilte ihm die Absichten des Ersten Konsuls mit, doch Duroc schüttelte den Kopf. »Der Erste Konsul erweist mir eine große Ehre«, sagte er, »aber unter solchen Bedingungen würde ich nie im Leben heiraten; da mache ich lieber einen Spaziergang zum Palais-Royal.« Und er nahm seinen Hut und verabschiedete sich mit einer Sorglosigkeit, die Bourrienne unerklärlich vorkam und die beweist, dass Hortense sich getäuscht hatte, was die Tiefe der Gefühle angeht, die der Adjutant des Ersten Konsuls ihr entgegenbrachte oder entgegenzubringen vorgab.
    In dem kleinen Haus in der Rue Chantereine fand die Eheschließung von Mademoiselle Beauharnais und Louis Bonaparte statt. Ein Priester vollzog die kirchliche Trauung, und bei diesem Anlass ließ Bonaparte auch Madame Murats Ehe den Segen der Kirche erteilen.
    Weit davon entfernt, wie die Hochzeit der armen Hortense unter Kummer und Tränen zu verlaufen, versprach Claires Hochzeit eitel Sonnenschein und Freude; die Liebenden ließen einander nur zwischen elf Uhr abends und zwei Uhr nachmittags aus den Augen und verbrachten die übrige Zeit miteinander. Die vornehmsten Händler, die begehrtesten Juweliere von ganz Paris hatte Hector abgesucht, um ein Brautgeschenk zu finden, das seiner Verlobten würdig war; in den feinen Kreisen sprach man davon wie von einem Weltwunder, und Mademoiselle de Sourdis erhielt sogar Briefe, in denen man darum bat, sie besuchen zu dürfen.
    Madame de Sourdis hatte lediglich mit einer schriftlichen Zustimmung des Konsuls und Madame Bonapartes gerechnet, und es hatte sie aufs Höchste erstaunt, dass er sich selbst eingeladen hatte, den Ehevertrag zu unterzeichnen; solche Gunstbeweise wurden nur seinen engsten Freunden zuteil, denn zu ihnen gehörte zwangsläufig ein Geldgeschenk oder ein anderweitiges Präsent, und ohne geizig zu sein, war der Erste Konsul doch sparsam genug und warf nicht gerne Geld aus dem Fenster.
    Der Einzige, der diese Gunst mit recht gemischten Gefühlen betrachten musste, war Hector de Sainte-Hermine. Bonapartes offenkundiger Wunsch, die Familie seiner Verlobten zu ehren, stimmte ihn besorgt. Wiewohl jünger als seine Brüder und daher der royalistischen Sache weniger verschrieben als diese, empfand Hector zwar eine gewisse Bewunderung für den Ersten Konsul, doch mehr nicht. Den qualvollen Tod, den sein Bruder vor seinen Augen erlitten hatte, konnte er ebenso wenig vergessen wie das blutige Geschehen, dessen Abschluss dieser Tod war. Letzten Endes war er auf Befehl des Ersten Konsuls gestorben, denn trotz lebhaftester Bitten hatte dieser weder Gnade walten lassen noch einen Aufschub gewährt. Und so kam es, dass Hector beim Anblick des Ersten Konsuls jedes Mal kalter Schweiß auf die Stirn trat, ihm die Knie zitterten und er den Blick abwenden mußte. Er fürchtete nur eines: durch seine soziale Stellung, durch sein Vermögen eines Tages genötigt zu werden, entweder in die Armee einzutreten oder das Exil zu wählen. Claire hatte er bereits gewarnt, dass er lieber Frankreich verlassen wolle, als einen militärischen Rang oder einen Beamtenposten anzunehmen. Claire hatte ihm versichert, sie werde ihm völlig freie Hand lassen; sie hatte sich von ihrem Verlobten nur versprechen lassen, dass sie ihn begleiten dürfe. Mehr verlangte dieses Herz voller Zärtlichkeit und Liebe nicht.
    Claude-Antoine Régnier, der später zum Herzog von Massa erhoben werden sollte, war bei Fouchés Entlassung zum Oberrichter ernannt und zum Leiter der Polizei befördert worden. Zweimal wöchentlich arbeitete er mit Bonaparte, dem diese Art Arbeit zusagte: Er hatte Zugriff auf die Polizei über Junot, den Gouverneur von Paris, über Duroc, seinen Adjutanten, und über Régnier, den Polizeipräfekten.
    An dem Tag, an dem der Erste Konsul den Ehevertrag der Mademoiselle de Sourdis unterzeichnen wollte, hatte er eine Stunde mit Régnier verbracht. Die Nachrichten klangen beunruhigend. Vendée und Bretagne waren wieder einmal Unruheherde, und diesmal nicht eines Bürgerkriegs bei Tageslicht, sondern lichtscheuer Taten von Fußbrennerbanden, die Bauernhöfe und Schlösser heimsuchten und Bauern und Landbesitzer mit den abscheulichsten Foltern dazu brachten, ihr Geld herauszurücken. In den Zeitungen war inzwischen die Rede von den Unglücklichen, denen Füße und Hände bis auf die Knochen verbrannt worden waren.
    Bonaparte hatte Régnier ausrichten lassen, er solle ihm alle Unterlagen über diese Vorgänge mitbringen.
    Fünf solcher Vorfälle waren in den letzten acht Tagen bekannt geworden: Der Erste hatte sich in Berric an den Quellen des Flüsschens Sulé zugetragen, der Zweite in Plescop, der Dritte in Muzillac, der Vierte in Saint-Nolff und der Fünfte in Saint-Jean-de-Brébelay.
    Angeführt wurden die Banden offenbar von drei Häuptlingen, doch über diesen schien es einen Oberkommandanten zu geben. Und wenn man den Polizeispitzeln glauben wollte, handelte es sich dabei um Cadoudal, der das Bonaparte gegebene Wort nicht gehalten hatte, sich nicht nach England zurückgezogen hatte, sondern in die Bretagne zurückgekehrt war, um dort einen neuen Aufstand anzuzetteln.
    Bonaparte, der sich zu Recht etwas auf seine Menschenkenntnis zugutehielt, schüttelte den Kopf, als der Oberrichter Cadoudal so niedrige Untaten zuschreiben wollte. Wie denn! Dieser Mann von überragender Intelligenz, der mit ihm die Interessen von Völkern und von Königen diskutiert hatte, ohne einen Deut von seinen Überzeugungen abzuweichen, dieser Mann so reinen Gewissens, dass er sich damit begnügte, in London von seinem Erbe zu leben, so ehrgeizlosen Herzens, dass er sich dem Rang eines Adjutanten des bedeutendsten Generals ganz Europas verweigerte, und so selbstlosen Seelenadels, dass er auf hunderttausend Francs im Jahr verzichtete, um nicht mit ansehen zu müssen, wie andere sich gegenseitig zerfleischten – dieser Mann sollte sich zu dem schändlichen Gewerbe des Fußbrenners herabgelassen haben, dem verworfensten Brigantentum, das sich denken ließ!
    Unmöglich.
    Dies hatte Bonaparte seinem neuen Präfekten mit größter Entschiedenheit ins Gesicht gesagt. Dann hatte er angeordnet, die gewandtesten Polizisten mit weitestreichenden Vollmachten in die Bretagne zu schicken, wo sie diese elenden Räuberbanden Tag und Nacht verfolgen sollten.
    Régnier hatte versprochen, noch am selben Tag seine fähigsten Leute auf den Weg zu schicken.
    Da es inzwischen schon fast zehn Uhr abends war, hatte Bonaparte Joséphine mitteilen lassen, sie solle sich bereithalten, mit ihm und dem jungen Ehepaar Madame de Sourdis zu besuchen.
    Das prachtvolle Stadtpalais, das die Gräfin bewohnte, funkelte in seiner Beleuchtung; es war ein milder, sonniger Tag gewesen, und erste Blüten und Blätter schickten sich an, ihr wattiges Gefängnis zu verlassen. Sanfte Frühlingslüfte kosten die blühenden Fliederbüsche, die von den Fenstern des Hauses bis zur Terrasse reichten; in den geheimnisvollen und duftenden Laubengewölben brannten farbige Ampeln, und aus den geöffneten Fenstern drangen harmonische Klänge und süße Düfte, während sich hinter den zugezogenen Vorhängen die Schatten der Gäste bewegten.
    Diese Gäste waren die eleganteste Gesellschaft von ganz Paris: Regierungsbeamte in Form des prächtigen Generalstabs aus Offizieren, deren ältester fünfunddreißig Jahre zählte: Murat, Marmont, Junot, Duroc, Lannes, Moncey, Davout – Helden in einem Alter, in dem ein gewöhnlicher Sterblicher es mit Mühe und Not zum Hauptmann gebracht hat; Dichter: Lemercier, noch berauscht vom Erfolg seines Agamemnon; Legouvé, der gerade Eteokles zur Aufführung gebracht und Le Mérite des Femmes veröffentlicht hatte, Chénier, der seit seinem Timoléon keine Theaterstücke mehr schrieb und sich wieder der Politik zugewendet hatte; Chateaubriand, der vor den Niagarafällen und unter den Kuppeln der amerikanischen Urwälder zu Gott zurückgefunden hatte; die eleganten Tänzer, ohne die kein großer Ball vorstellbar gewesen wäre: Trénis, Laffitte, Dupaty, Garat, Vestris; die glänzenden Sterne, die in der Morgenröte des Jahrhunderts aufgetaucht waren: Madame Récamier, Madame Méchin, Madame de Contades, Madame Regnault de Saint-Jean-d’Angély; und nicht zuletzt die vornehme Jugend jener Zeit: Caulaincourt, Narbonne, Longchamp, Matthieu de Montmorency, Eugène de Beauharnais, Philippe de Ségur und viele andere.
    Denn sobald sich herumgesprochen hatte, dass der Erste Konsul und Madame Bonaparte nicht nur kommen würden, sondern sogar den Ehevertrag unterzeichnen wollten, hatte sich jedermann um eine Einladung bemüht. Das große Stadtpalais der Madame de Sourdis, dessen Parterre und erster Stock geöffnet waren, quoll über vor Gästen, die auf der Terrasse nach Luft schnappten und sich von der Gluthitze erholten, die in den Salons herrschte.
    Um Viertel vor elf Uhr verließ die Reitereskorte mit Fackeln in den Händen die Tuilerien; sie musste nur die Brücke überqueren. Der Dreispänner mit den galoppierenden Pferden, eingerahmt von Fackellicht, sauste wie ein Wirbelwind aus Lärm und Blitzen dahin und in den Hof des Stadtpalais.
    Auf der Stelle bildete sich in der dichtgedrängten Menge eine Gasse, die sich in das Haus hinein fortsetzte und im Salon zum Kreis weitete, der es Madame de Sourdis und Claire erlaubte, dem Ersten Konsul und Joséphine entgegenzugehen.
    Hector de Sainte-Hermine folgte den Damen. Beim Anblick Bonapartes erbleichte er sichtlich, ging aber weiter.
    Madame Bonaparte umarmte Mademoiselle de Sourdis und legte ihr ein Perlencollier um den Arm, das fünfzigtausend Francs wert war.
    Bonaparte begrüßte die Damen und trat auf Hector zu.
    Hector, der sich nicht vorstellen konnte, dass Bonaparte mit ihm sprechen wollte, trat beiseite, um dem Ersten Konsul den Weg freizumachen, doch dieser blieb vor ihm stehen.
    »Monsieur«, sagte Bonaparte, »wenn ich nicht befürchten müsste, abgewiesen zu werden, hätte auch ich ein Geschenk für Sie mitgebracht, ein Patent für die konsularische Garde, doch ich weiß, dass es Wunden gibt, denen man Zeit lassen muss, damit sie sich schließen.«
    »Niemand hat eine glücklichere Hand, solche Wunden zu heilen, als Sie, General, aber dennoch...« Hector seufzte und führte sich das Taschentuch vor die Augen. Nach einigen Sekunden hatte er seine Fassung wiedererlangt. »Verzeihen Sie, General«, sagte der junge Mann, »ich wünschte, ich wäre Ihrer Güte würdiger.«
    »Das kommt davon, wenn man zu viel Herz hat, junger Mann«, sagte Bonaparte, »man wird immer im Herzen verwundet.«
    Er ging zu Madame de Sourdis zurück, wechselte ein paar Worte mit ihr und machte Claire ein Kompliment.
    Dann fiel sein Blick auf den jungen Vestris. »Da ist ja Vestris der Jüngere«, sagte er, »der mir letzthin eine Gefälligkeit erwies, für die ich ihm unendlich dankbar bin: Nach einer Erkrankung trat er wieder in der Oper auf, sein erster Auftritt war für den Tag vorgesehen, an dem in den Tuilerien empfangen wird, und er hat seinen Auftritt verlegt, um meinen Empfang nicht zu kompromittieren. Kommen Sie, Monsieur Vestris, krönen Sie Ihre Galanterie, indem Sie diese beiden Damen bitten, eine Gavotte für uns zu tanzen.«
    »Citoyen Ereste Konsul«, erwiderte der Sohn des götteliche Vestris mit dem italienischen Akzent, den die Familie nie verloren hatte, »wir haben glückelicheweise die Gavotte, die ich für Mademoiselle de Coigny komponiert habe und die Madame Récamier und Mademoiselle de Sourdis tanze wie zweie Engel. Wir brauchen nur eine Harfe und ein Horn, wenn Mademoiselle de Sourdis das Tamburin übernimmte. Und Madame Récamier ist unvergeleichelich in ihrem Tanz mit dem Schal.«
    »Kommen Sie, meine Damen«, sagte der Erste Konsul, »Sie werden Monsieur Vestris nicht seine Bitte abschlagen, der ich mich mit allen Kräften anschließe.«
    Mademoiselle de Sourdis hätte auf dieses öffentliche Lob gern verzichtet, doch sie wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich auch nur zu zieren, wenn ihr Tanzlehrer sie aufforderte und der Erste Konsul sie bat. Ihre Toilette war für diesen Tanz wie geschaffen: Das brünette Mädchen trug ein weißes Kleid und einen Kopfschmuck aus Weinreben, von dem ihm zwei Trauben auf die Schultern hingen; auf die Tunika war rötliches Herbstlaub gestickt.
    Madame Récamier trug ihre gewohnte weiße Toilette und ihren roten indischen Kaschmirschal. Der von ihr kreierte Tanz mit dem Schal war mit großem Erfolg aus den Salons auf die Theaterbühnen gelangt.
    Madame Récamiers Triumphe in diesem Tanz oder besser in dieser Pantomime sind bis in unsere Tage Gesprächsstoff geblieben, und jeder weiß, dass keine Bajadere des Theaters, die sich mit Haut und Haaren der Bühne verschrieben hatte, jemals diese Mischung aus Verworfenheit und Keuschheit zu erzeugen wusste, mit der die Göttin der Salons unter dem Fließen des schmiegsamen Stoffes ihre Reize zu enthüllen und zugleich zu verbergen verstand.
    Die Gavotte wurde seit etwa einer Viertelstunde unter wachsendem Applaus vorgeführt, in den auch der Erste Konsul einstimmte. Auf ein Zeichen Bonapartes brach der ganze Saal in Beifallsstürme aus, in deren Mittelpunkt Vestris zu schweben schien, wie vom Gott der Choreographie der Erde entrückt, denn die Anmut der Gesten und Bewegungen schrieb er allein sich zu.
    Als der Tanz beendet war, erschien ein livrierter Lakai und sagte leise etwas zu der Gräfin von Sourdis, woraufhin diese anordnete: »Öffnen Sie den Salon.«
    Daraufhin öffneten sich lautlos zwei Schiebetüren, und in einem hell erleuchteten Salon von atemberaubender Eleganz sah man an einem Tisch mit zwei Kandelabern zwei Gerichtsbeamte sitzen, vor denen der Ehevertrag in Erwartung der Unterschriften lag, die ihn bald bedecken sollten.
    Nur etwa zwanzig Personen durften diesen Salon betreten, diejenigen, die den Vertrag unterzeichen würden, der allen Übrigen, die bereit waren zuzuhören, vorgelesen wurde.
    Mitten während der Verlesung des Vertrags betrat ein zweiter livrierter Lakai so unauffällig wie möglich den kleinen Salon, schlich sich an den Grafen von Sainte-Hermine heran und flüsterte: »Der Chevalier de Mahalin verlangt, Sie unverzüglich zu sprechen.«
    »Lassen Sie ihn warten«, sagte Sainte-Hermine, »am besten in dem kleinen Kabinett des großen Salons.«
    »Herr Graf, er sagt, er müsse Sie auf der Stelle sprechen; selbst wenn Sie die Feder in der Hand hielten, bittet er Sie, sie niederzulegen und mit ihm zu sprechen, bevor Sie unterschreiben... oh, sehen Sie, dort steht er in der Tür.«
    Mit einer Geste des Schmerzes, die wie eine Geste der Verzweiflung aussah, wandte der Graf sich um und verließ den Raum in Begleitung des Dieners und des Chevaliers.
    Nur wenige bemerkten diesen Zwischenfall, und diejenigen, die ihn bemerkten, maßen ihm keine sonderliche Bedeutung bei.
    Bonaparte, dem es stets damit eilte, zu beenden, was er begonnen hatte, die Tuilerien zu verlassen, wenn er dort weilte, und sie aufzusuchen, wenn er sie verlassen hatte, ergriff nach erfolgter Verlesung des Vertrags die Feder, die auf dem Tisch bereitstand, und unterzeichnete das Schriftstück, ohne sich darum zu scheren, ob er als Erster an der Reihe war, und so, wie er vier Jahre später dem Papst die Krone aus den Händen nehmen und sie Joséphine auf das Haupt setzen würde, drückte er ihr jetzt die Feder in die Hand.
    Joséphine unterzeichnete.
    Die Feder wurde von ihr an Madame de Sourdis weitergereicht, die sich mit einer gewissen instinktiven Unruhe vergebens nach dem Grafen von Sainte-Hermine umsah und, als sie ihn nirgends erblicken konnte, den Vertrag unterschrieb, um ihre Unruhe und die unerklärliche Angst, die sie überkam, vor den Anwesenden zu überspielen.
    Doch nach ihr war der Graf an der Reihe, und nun suchten ihn alle Blicke vergebens.
    Man musste ihn rufen. Er antwortete nicht.
    Stille trat ein; die Gäste sahen einander verwundert an, außerstande, sich zu erklären, was dieses Verschwinden in einem solchen Augenblick und diese Missachtung jeglicher Formen zu bedeuten haben mochten.
    Schließlich fand sich jemand, der sagte, während des Verlesens des Vertrags sei ein unbekannter junger Mann von ausgesuchter Eleganz in den Raum eingedrungen, habe dem Grafen etwas zugeflüstert und ihn mitgenommen, und der Graf sei ihm gefolgt, wie man dem Henker folgt, nicht aber einem Freund.
    Aber vielleicht hatte der Graf nur den Salon verlassen und nicht das Haus.
    Madame de Sourdis ließ einen Diener kommen und wies ihn an, sich mit anderen Dienern auf die Suche nach dem Grafen zu machen.
    Gesagt, getan. Während einiger Minuten waren neben dem schweren Atmen sechshundert höchst überraschter Anwesender nur die Rufe der Lakaien über die Etagen hinweg zu hören.
    Schließlich kam einer der Lakaien auf die Idee, die Kutscher im Hof zu befragen. Mehrere von ihnen hatten zwei junge Männer, einen davon ohne Kopfbedeckung, von der Freitreppe eilen und mit den Worten: »Zur Eilpost!« in einen Wagen springen sehen. Der Wagen war im Galopp losgefahren. Und einer der Kutscher hatte in dem jungen Mann ohne Kopfbedeckung den Grafen von Sainte-Hermine erkannt.
    Die Gäste sahen einander in stummer Verblüffung an, bis eine Stimme in das Schweigen sagte: »Wagen und Eskorte für den Ersten Konsul!«
    Ehrerbietig machte man Platz für Monsieur und Madame Bonaparte und Madame Louis Bonaparte, doch kaum hatten sie den Salon verlassen, als alle anderen in wilder Hast aufbrachen und hinausstürzten, als stünden die Gemächer in Flammen.
    Weder Madame de Sourdis noch Claire versuchten irgendjemanden aufzuhalten, und nach einer Viertelstunde waren sie allein.
    Mit einem schmerzlichen Ausruf eilte Madame de Sourdis zu ihrer Tochter, die zitterte und kurz vor einer Ohnmacht zu stehen schien.
    »O Mutter, Mutter!«, rief das junge Mädchen, das in Schluchzen ausbrach und sich, der Ohnmacht nahe, in die Arme der Gräfin warf, »die Weissagung der Sibylle ist eingetreten, und meine Witwenschaft nimmt ihren Anfang!«

23
Die Fußbrenner

    Erklären wir unseren Lesern das unbegreifliche Verschwinden des Verlobten von Mademoiselle de Sourdis im Augenblick der Vertragsunterzeichnung – ein Verschwinden, das die Gäste in Erstaunen, die Gräfin in Mutmaßungen unausdenklichster Art und ihre Tochter in tränenreiche Verzweiflung gestürzt hatte.
    Wie erinnerlich, hatte Fouché am Tag vor der Bekanntgabe seiner Entlassung den Chevalier de Mahalin empfangen und ihn beauftragt, im Westen Banden von Fußbrennern zu gründen, damit Fouché in sein Ministerium zurückgeholt würde.
    Diese Banden machten sich bald bemerkbar, und keine vierzehn Tage nach dem Aufbruch des Chevaliers aus Paris sprach sich herum, dass zwei Landgüter in Buré und in Saulnaye von den Fußbrennern verwüstet worden waren.
    Furcht und Schrecken verbreiteten sich im ganzen Morbihan.
    Fünf Jahre lang hatte der Bürgerkrieg in diesem bejammernswerten Land getobt, doch unter den unmenschlichsten Taten, die begangen wurden, fand sich das schändliche Treiben des Fußbrennens nicht. Um dieser Form des Folterns zu begegnen, musste man bis zu den bösen Tagen unter Ludwig XV. und den religiösen Verfolgungen unter Ludwig XIV. zurückgehen.
    Banden von zehn, fünfzehn, zwanzig Männern erschienen wie der Erde entsprossen, bewegten sich wie Schatten, folgten dem Verlauf von Schluchten, stiegen über Reisigzäune, so dass der Bauer, der sich verspätet hatte und sie in der Dunkelheit vorbeiziehen sah, sich voller Schrecken hinter Bäumen versteckte oder am Fuß einer Hecke zu Boden warf; dann drangen sie unvermutet durch ein offen stehendes Fenster, eine nachlässig geschlossene Tür in einen Bauernhof oder ein Schloss ein, überraschten und würgten die Bediensteten, entfachten mitten in der Küche ein großes Feuer und zerrten den Hausherrn oder die Hausherrin zu diesem Feuer, legten ihr Opfer auf den Fußboden, führten seine Fußsohlen an das Feuer und hielten sie hinein, bis das Opfer die Schmerzen nicht mehr ertrug und verriet, wo es sein Geld versteckt hatte; manchmal ließen die Banditen dann Gnade walten, doch andere Male, wenn sie nach erfolgtem Geständnis fürchteten, man könne sie wiedererkennen, erstachen, erhängten oder erschlugen sie die von ihnen Bestohlenen.
    Nach dem dritten oder vierten Überfall dieser Art, von den Behörden als Brandstiftung und Mord klassifiziert, wurde gemunkelt – erst leise, dann immer lauter, Cadoudal persönlich führe diese Banden an. Anführer und Banditen waren maskiert, doch jene, welche die stärkste dieser nächtlichen Einheiten gesehen hatten, beteuerten, in dem Kommandanten an seiner Größe, seiner Haltung und vor allem an seinem großen runden Kopf Georges Cadoudal erkannt zu haben.
    Zuerst wollte niemand so etwas glauben; jeder wusste, wie ritterlich Georges war, und niemand konnte sich vorstellen, dass er sich unversehens in einen elenden, schamlosen und erbarmungslosen Anführer von Fußbrennern verwandelt haben sollte.
    Dennoch verbreitete sich das Gerücht wie von allein; immer wieder wurde behauptet, man habe Georges gesehen, und schon bald verkündete Le Journal de Paris, Georges Cadoudal habe unter Missachtung seines Ehrenworts, nicht als Erster wieder zu den Waffen zu greifen, verlassen von seinen Männern, an die fünfzig Banditen zusammengetrommelt, mit denen er nun raubend und plündernd durch die Lande zog.
    Le Journal de Paris wurde auch in London ausgeliefert; vielleicht wäre die Zeitung Cadoudal nie zu Augen gekommen, doch ein Freund wies ihn darauf hin. Er las darin die Anschuldigung, die gegen ihn erhoben wurde und die eine unüberbietbare Schmähung seiner Ehre und seiner Loyalität darstellte.
    »Wohlan«, sagte er, »indem sie mir das vorwerfen, brechen sie das Bündnis, das wir geschlossen hatten: Mit Schwert und Gewehr konnten sie mir nichts anhaben, deshalb haben sie zur Verleumdung gegriffen. Sie wollen den Krieg? Den können sie haben.«
    Und am selben Abend bestieg Georges ein Fischerboot, das ihn fünf Tage später an der Küste Frankreichs zwischen Port-Louis und der Halbinsel Quiberon absetzte.
    Zur gleichen Zeit wie er machten sich zwei Männer namens Saint-Régeant und Limoëlan auf den Weg von London nach Paris, doch durch die Schlucht von Biville und durch die Normandie. Sie hatten am Tag ihrer Abreise eine Stunde mit Georges verbracht und ihre Anweisungen von ihm erhalten.
    Limoëlan war mit allen Wassern des Bürgerkriegs gewaschen, und Saint-Régeant war ein ehemaliger Marineoffizier, der vor nichts zurückschreckte und Pirat zu Lande geworden war, nachdem er Pirat zur See gewesen war. Auf solche ehrlosen Gesellen anstelle eines Guillemot oder Sol de Grisolles musste Cadoudal sich bei seinen neuen Vorhaben stützen.
    Zweifellos würden sie sich irgendwo vereinen, und sicherlich konnten sie unterwegs miteinander Kontakt halten; es stand außer Frage, dass sie zu ein und demselben Ziel aufgebrochen waren. Doch überstürzen wir nichts.
    Im späten April 1804 ritt gegen fünf Uhr abends ein in einen Mantel eingemummter Mann in den Hof des Bauernhofs von Plescop ein, der dem reichen Bauern Jacques Doley gehörte.
    Außer Jacques Doley wohnten auf dem Hof seine sechzigjährige Schwiegermutter, seine dreißigjährige Frau und ihre Kinder, ein Knabe von zehn Jahren und ein siebenjähriges Mädchen.
    Ein Dutzend Landarbeiter kam hinzu, Männer und Frauen.
    Der Vermummte verlangte, den Hausherrn zu sprechen, schloss sich mit ihm für eine halbe Stunde ein und ward nicht mehr gesehen. Jacques Doley kehrte allein zu seiner Familie zurück.
    Während des Abendessens fielen Doleys Schweigsamkeit und Geistesabwesenheit auf. Mehrmals richtete seine Frau das Wort an ihn, ohne dass er antwortete. Nach der Mahlzeit wollten die Kinder wie gewohnt mit ihm spielen, doch er wies sie sanft ab.
    Wie man weiß, speisen die Dienstboten in der Bretagne mit ihrer Herrschaft am selben Tisch; auch sie bemerkten an diesem Tag die Geistesabwesenheit und Bekümmertheit Jacques Doleys, umso mehr, als er an und für sich ein fröhlicher Mensch war.
    Da wenige Tage zuvor das Schloss von Buré überfallen worden war, hatten die Tagelöhner das ganze Essen über leise von diesem Geschehen gesprochen. Doley hatte zugehört, mehrmals den Kopf erhoben, als wolle er etwas fragen, ohne den Mund aufzumachen, und weiter zugehört. Nur die alte Frau hatte sich ab und zu bekreuzigt, und gegen Ende des Berichts hatte sich Madame Doley, die sich vor Furcht nicht mehr zu helfen wusste, neben ihren Mann gesetzt.
    Es war acht Uhr abends, und die Dunkelheit war hereingebrochen; zu dieser Stunde pflegten sich alle Landarbeiter zurückzuziehen, die einen in ihre Scheunen, die anderen in ihre Ställe. Doley machte den Eindruck, als wolle er sie nicht gehen lassen, denn er gab ihnen immer wieder etwas zu tun auf, was sie in seiner Nähe hielt, und immer wieder betrachtete er die zwei, drei zweiläufigen Gewehre, die neben dem Kamin hingen, als gelüste es ihn, sie im Zweifelsfall zu benutzen und nicht dort hängen zu lassen.
    Nach und nach gingen alle zu Bett.
    Zuletzt brachte die alte Mutter die Kinder in ihre Bettchen zwischen dem Elternbett und der Wand, kam, um Schwiegersohn und Tochter einen Gutenachtkuss zu geben, und begab sich ebenfalls zur Ruhe in eine Kammer neben der Küche.
    Daraufhin verließen Doley und seine Frau die Küche und zogen sich in ihr Schlafzimmer zurück, das mit der Küche durch eine Glastür verbunden war und zwei Fenster zum Garten hatte, verschlossen mit soliden eichenen Fensterläden, an deren oberem Ende sich zwei kleine rautenförmige Öffnungen befanden, die bei geschlossenen Läden gerade genug Licht einfallen ließen, dass man sich im Zimmer zurechtfand.
    Es war die Stunde, zu der sich Madame Doley für gewöhnlich auskleidete und zu Bett begab. Auf dem Bauernhof steht man früh auf und geht früh zu Bett; doch an diesem Abend, an dem Madame Doley sich von unbenennbaren Ängsten heimgesucht sah, konnte sie sich nicht dazu durchringen, sich zu entkleiden; zu guter Letzt entschied sie sich dazu, doch sie verlangte von ihrem Mann, vorher mit ihr alle Türen zu kontrollieren und sich zu vergewissern, dass sie auch abgeschlossen waren.
    Doley war einverstanden, zuckte die Schultern, als hielte er diese Vorsichtsmaßnahme für übertrieben, und begann die Patrouille mit der Untersuchung der Fenster und Türen der Küche; die erste Tür, an die sie gelangten, führte in die Molkerei, doch da die Molkerei keine Außentür besaß, gab Madame Doley sich damit zufrieden, dass ihr Mann sagte: »Diesen Raum kann man nur von der Küche aus betreten, und die Küche haben wir seit dem Nachmittag nicht verlassen.«
    Dann untersuchten sie die Tür zum Hof, die mit einem Eisenriegel und zwei Vorhängeschlössern versperrt war.
    Das Fenster war ebenfalls zu.
    Die Tür zur Backstube war mit einer Eichentür verschlossen, deren Schloss von außen nicht zu öffnen war.
    Es blieb die Tür zum Garten, doch um sie von draußen zu erreichen, musste man zuerst über eine Mauer von zehn Fuß Höhe springen oder sich durch eine andere Tür Einlass verschaffen.
    Madame Doley ging erleichtert zurück; ein unerklärliches Gefühl der Unruhe konnte sie dennoch nicht abschütteln.
    Doley setzte sich an seinen Schreibtisch und tat so, als sähe er seine Unterlagen durch; trotz aller Selbstbeherrschung konnte er seine Besorgnis nicht verbergen, die sich durch unwillkürliche Zuckungen und durch seine Aufmerksamkeit für die geringsten Geräusche verriet.
    Falls diese Besorgnis mit der Warnung vor der Gefahr zusammenhing, die ihm an diesem Tag erteilt worden war, dann war sie wohlbegründet.
    Gegen ein Uhr morgens verließ den Wald von Meucon in der Nähe der Ortschaft Plescop eine Gruppe von zwanzig Mann, die sich über die Felder bewegte.
    Wie eine Vorhut ritten vier Männer voraus, in die Uniform der Nationalgendarmen gekleidet; die Übrigen folgten ihnen ohne Uniform, mit Gewehren und Mistgabeln bewaffnet.
    Diese Truppe gab sich größte Mühe, nicht gesehen zu werden; sie schlich Hecken entlang, stieg in Schluchten, kletterte Hügel entlang und näherte sich immer wieder Plescop, bis sie keine hundert Schritte mehr von dem Ort entfernt war.
    Dann machte sie halt, um zu beratschlagen.
    Als Nächstes löste einer der Männer sich aus der Gruppe und beschrieb einen Bogen, bevor er sich dem Bauernhof näherte, während die anderen warteten.
    Der Aufklärer kam zurück; er hatte den Bauernhof umrundet, aber keine Stelle gefunden, an der man eindringen konnte; es wurde abermals beratschlagt, und man beschloss, sich mit Gewalt Zutritt zu verschaffen, da es mit List nicht möglich war.
    Die Bande setzte sich in Bewegung und blieb erst am Fuß der Mauer stehen.
    Seit einiger Zeit war Hundegebell zu vernehmen, ohne dass man hätte sagen können, ob es von dem Bauernhaus oder von einem der benachbarten Häuser aus ertönte.
    Am Fuß der Mauer wussten die Eindringlinge nicht weiter; zwischen ihnen und dem Hund lag offenbar nur die Mauer. Sie machten einige Schritte der Tür entgegen, der Hund begleitete sie jenseits der Mauer mit wütendem Gebell.
    Von einem Überraschungsüberfall konnte nicht mehr die Rede sein; sie waren entdeckt.
    Die als Gendarmen verkleidete Vorhut saß ab und trat an die Tür, während die übrigen Banditen sich am Fuß der Mauer verbargen.
    Der Hund hatte zur gleichen Zeit die Tür erreicht und kläffte erbitterter denn je, wobei er die Schnauze in den Türspalt zu quetschen versuchte.
    Die Stimme eines Mannes ertönte. »Was ist los, Blaireau? Was ist los, mein braver Hund?«
    Der Hund lauschte auf die Stimme und ließ ein schmerzliches Jaulen ertönen.
    Weiter weg rief eine Frauenstimme: »Du wirst doch nicht etwa die Tür aufmachen!«
    »Und warum nicht?«, fragte die Männerstimme.
    »Weil das Briganten sein könnten, du Dummkopf!«
    Dann verstummten beide.
    »Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie!«, wurde von draußen gerufen.
    »Wer sind Sie, dass Sie im Namen des Gesetzes sprechen?«, fragte die Männerstimme, die dem Gärtner gehörte.
    »Wir kommen von der Gendarmerie in Vannes, um den Bauernhof von Meister Doley zu durchsuchen, den man beschuldigt, Chouans zu beherbergen.«
    »Hör nicht auf sie, Jean«, sagte seine Frau, »das ist eine Lüge. Begreife doch: Sie sagen das nur, damit du sie hereinlässt!«
    Jean war zweifellos der Ansicht seiner Frau, denn er trug lautlos eine Leiter von einer Seite der Mauer zur anderen und stieg geräuschlos hinauf; als er oben angekommen war, sah er die vier Männer zu Pferde und die zwölf oder fünfzehn Männer, die sich am Fuß der Mauer zu verbergen trachteten.
    Unterdessen riefen die als Gendarmen verkleideten Männer weiter: »Öffnen Sie im Namen des Gesetzes!«, und drei oder vier andere hieben mit ihren Gewehrkolben auf die Tür ein, um sie mit Gewalt zu öffnen.
    Der Lärm dieser Hiebe war bis in das Schlafzimmer des Hausherrn gedrungen und hatte Madame Doleys Ängste ins Unermessliche gesteigert. Unter dem Eindruck des Entsetzens seiner Frau zögerte Doley an der Tür, bis der Unbekannte aus der Molkerei trat, ihn am Arm ergriff und sagte: »Worauf warten Sie? Sagte ich nicht, dass ich die Verantwortung für alles übernehme?«
    »Mit wem sprichst du da?«, rief Madame Doley.
    »Mit niemandem«, erwiderte Doley und wendete sich zum Garten.
    Kaum hatte er die Tür geöffnet, hörte er alles, was sich zwischen dem Gärtner, dessen Frau und den Banditen abspielte. Obwohl Doley sich so wenig wie sein Gärtner von der List täuschen ließ, rief er mit gespielter Einfalt: »He, Jean, warum weigern Sie sich, den Gendarmen zu öffnen? Sie wissen doch, dass wir uns schuldig machen, wenn wir uns den Behörden widersetzen! Entschuldigen Sie ihn, meine Herren«, fuhr er fort, während er zur Tür ging, »er hat nicht in Befolgung meiner Anordnungen gehandelt.«
    Jean hatte seinen Herrn erkannt und warf sich ihm jetzt in den Weg. »Oh, Meister Doley!«, rief er, »nicht ich täusche mich, sondern Sie gehen diesen Spitzbuben auf den Leim; es sind keine Gendarmen, sondern Straßenräuber, die sich als Gendarmen verkleidet haben. Bei allem, was Ihnen heilig ist, öffnen Sie ihnen nicht!«
    »Ich weiß, was ich zu tun habe«, erwiderte Jacques Doley, »geh zurück in deine Wohnung und schließ dich ein oder versteck dich mit deiner Frau im Weidendickicht, denn dort werden sie nicht nach dir suchen.«
    »Aber Sie! Aber Sie! Aber Sie!«
    »Ich habe jemanden bei mir, der versprochen hat, mich zu verteidigen.«
    »Holla, wird uns jetzt geöffnet?«, rief der Anführer draußen mit Donnerstimme, »oder muss ich erst die Tür einschlagen?«
    Und die Kolbenhiebe, die unmittelbar auf seine Drohung folgten, hoben die Tür aus den Angeln.
    »Aber ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen öffne«, rief Jacques Doley, und er öffnete die Tür.
    Die Banditen stürzten sich auf ihn und packten ihn am Schlafittchen.
    »Oh, meine Herren«, sagte er, »vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen aus freien Stücken geöffnet habe, vergessen Sie nicht, dass ich an die zehn Männer auf meinem Hof habe, mit deren Hilfe ich mich hätte verbarrikadieren können, so dass Sie uns nur unter großen Verlusten überwältigt hätten.«
    »Du dachtest doch, du hättest es mit den Gendarmen zu tun und nicht mit uns.«
    Jacques wies auf die Leiter, die an der Mauer lehnte. »Das hätte ich geglaubt, wenn Jean euch nicht von der Mauer aus gesehen hätte.«
    »Und was versprechen Sie sich davon, dass Sie uns öffnen?«
    »Dass Sie weniger hart sein werden: Hätte ich Ihnen nicht geöffnet, wären Sie imstande, vor Zorn meinen Hof abzubrennen.«
    »Und woher willst du wissen, dass wir deinen Hof nicht vor Freude abbrennen werden?«
    »Das wäre eine unnötige Grausamkeit. Ihr wollt mein Geld, ihr sollt es haben; doch meinen Ruin könnt ihr nicht wollen.«
    »Wohlan«, sagte der Anführer, »dieser Mann ist wenigstens vernünftig. Und hast du viel Geld?«
    »Nein, denn ich habe vor acht Tagen meine Steuern bezahlt.«
    »Zum Teufel! Das sind schlechte Neuigkeiten, die du uns da auftischst.«
    »Sie mögen schlecht sein, sind aber um nichts weniger wahr.«
    »Dann hat man uns wohl schlecht informiert, denn wir haben gehört, wir würden bei dir ein Vermögen finden.«
    »Man hat euch belogen.«
    »Einen Georges Cadoudal belügt man nicht.«
    Während dieses Wortwechsels hatten sie sich dem Haus genähert, und jetzt wurde Jacques Doley in die Küche geschubst. Die Fußbrenner, die so viel Kaltblütigkeit nicht gewohnt waren, betrachteten ihn mit größtem Erstaunen.
    »Meine Herren, meine Herren«, sagte Madame Doley, die unterdessen aufgestanden war und sich angekleidet hatte, »wir geben Ihnen gerne alles, was wir haben, und Sie werden uns doch nichts antun, nicht wahr?«
    »Na«, sagte einer der Räuber, »du kommst mir vor wie das Schwein, das quiekt, bevor es abgestochen wird.«
    »Genug geplaudert«, sagte der Anführer, »her mit dem Geld!«
    »Frau«, sagte Doley, »gib die Schlüssel heraus. Die Herren werden selbst suchen, dann können sie uns nicht vorwerfen, wir wollten sie betrügen.«
    Die Bäuerin sah ihren Mann erstaunt an.
    »Tu es«, sagte er. »Wenn ich sage: Tu es, dann tu es.«
    Die arme Frau konnte nicht verstehen, warum ihr Mann tat, was die Banditen verlangten. Sie lieferte die Schlüssel aus und sah voller Schrecken, dass der Anführer sich einem ihrer Schränke aus Nussbaum näherte, in dem die Bauern alles aufbewahren, was ihnen kostbar ist, angefangen mit ihrer Wäsche.
    Das Silberbesteck befand sich in einer Schublade.
    Der Anführer holte es heraus und warf es auf den Küchenboden, doch zur Verblüffung der Bäuerin waren es nur sechs Bestecke statt acht.
    In der zweiten Schublade befanden sich ein Beutel mit Silbergeld und ein Beutel mit Gold im Wert von insgesamt fünfzehntausend Francs, doch der Räuber konnte wühlen, so viel er wollte, er fand – zum wachsenden Erstaunen der Bäuerin – nur den Beutel mit Silber.
    Die Bäuerin sah ihren Mann an, der ihren Blick nicht erwiderte, doch einer der Fußbrenner bemerkte ihn.
    »Oho, Mütterchen«, sagte er, »dein edler Gatte will uns wohl hinters Licht führen?«
    »O nein«, rief sie, »ich schwöre Ihnen -«
    »Oder du weißt mehr als er. Dann wollen wir mit dir anfangen.«
    Die Fußbrenner leerten den Schrank, fanden aber nichts weiter. Im nächsten Schrank fanden sie nichts als vier Louisdors, fünf oder sechs Münzen im Wert von sechs Francs und Kleingeld, das in einer Holzschale versteckt war.
    »Vielleicht hast du recht«, sagte der Anführer zu dem Briganten, der die Bäuerin beschuldigt hatte, sie zu betrügen.
    »Man hat ihn vor uns gewarnt, und er hat sein Geld vergraben«, sagte einer der Banditen.
    »Tod und Teufel!«, fluchte der Anführer. »Wer wie wir die Toten aus der Erde herbeischaffen kann, der wird erst recht Geld herbeischaffen können. Los, her mit einem Bündel Reisig und einem Büschel Stroh!«
    »Wozu das?«, rief die Bäuerin schreckerfüllt.
    »Hast du etwa noch nie gesehen, wie man ein Schwein am Spieß brät?«, fragte der Anführer.
    »Jacques! Jacques!«, lamentierte die Bäuerin. »Hörst du, was sie sagen?«
    »Gewiss höre ich es«, sagte der Bauer, »aber was soll ich tun, sie haben das Sagen, wir müssen sie gewähren lassen.«
    »Gnädiger Herr im Himmel!«, rief die Frau verzweifelt, als sie zwei Banditen aus der Backstube treten sah, die ein Strohbüschel und ein Bündel Ginster mitbrachten. »Und du lässt sie einfach gewähren!«
    »Ich hoffe, dass Gott eine so abscheuliche Untat wie die Vernichtung zweier seiner Geschöpfe nicht zulassen wird, zweier Geschöpfe, die vielleicht nicht frei von Sünde sind, aber frei von jedem Verbrechen.«
    »Ha, ha!«, sagte der Anführer der Bande. »Wird er eigens einen Engel schicken, der dir gegen uns beistehen soll?«
    »Es wäre nicht das erste Mal«, sagte Jacques, »dass er ein solches Wunder wirkte.«
    »Nun, das werden wir sehen«, sagte der Anführer, »und damit er Gelegenheit hat, zwei Fliegen auf einen Streich zu erlegen, wollen wir Eber und Bache gemeinsam anzünden.«
    Schallendes Gelächter war die Antwort seiner Leute auf diesen grobschlächtigen Scherz.
    Die Briganten stürzten sich auf Jacques Doley, rissen ihm die Schlappen von den Füßen und Hosen und Strümpfe von den Beinen, zogen seiner Frau den Unterrock aus und fesselten Mann und Frau mit den Händen auf dem Rücken; dann schoben sie beide an den Schultern dem lodernden Feuer entgegen, bis ihre Füße es fast berührten.
    Bauer und Bäuerin stießen gleichzeitig einen Schmerzensschrei aus.
    »Wartet!«, brüllte einer der Briganten, »ich habe die Frischlinge gefunden, die müssen mit Vater und Mutter ins Feuer!«
    Und er kam herein, an jeder Hand ein Kind hinter sich herzerrend; er hatte die Kinder zitternd und weinend in der Bettritze des Elternbetts aufgestöbert.
    Das war mehr, als Jacques Doley ertragen konnte. »Wenn Sie ein Mann sind, dann halten Sie jetzt Ihr Wort!«, rief er.
    Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Tür der Molkerei aufgestoßen wurde und ein Mann heraustrat, mit hängenden Armen, doch in jeder Hand eine Pistole.
    »Welcher von euch nennt sich Georges Cadoudal?«, fragte er.
    »Ich«, sagte der größte und dickste der Maskierten und richtete sich zu voller Größe auf.
    »Du lügst«, sagte der Fremde.
    Er zückte eine Pistole und schoss den anderen in die Brust. »Ich bin Cadoudal«, sagte er.
    Der Tote stürzte mit voller Wucht zu Boden, und die Banditen traten erschrocken zurück, denn sie erkannten, dass ihnen tatsächlich der wahre Cadoudal gegenüberstand, den sie in England gewähnt hatten.

24
Gegenordre

    Kein Mann im ganzen Morbihan hätte es gewagt, die Hand gegen Cadoudal zu erheben, oder gezögert, seine Befehle zu befolgen. Der Unteranführer der Bande, der die zwei Kinder noch an der Hand hielt, setzte sie ab und trat zu Cadoudal mit den Worten: »General, was befehlen Sie?«
    »Binden Sie zuerst das bedauernswerte Paar los.«
    Die Banditen stürzten sich auf Bauer und Bäuerin und lösten im Handumdrehen die Fesseln. Die Frau ließ sich in einen Lehnstuhl sinken, nahm ihre Kinder in die Arme und presste sie ans Herz. Der Mann erhob sich, ging zu Cadoudal und drückte ihm die Hand.
    »Und jetzt?«, fragte der »Offizier«.
    »Jetzt«, sagte Cadoudal, »will ich wissen, ob es stimmt, dass ihr drei Banden seid.«
    »Ja, General.«
    »Wer hat euch dazu angestiftet, euch zusammenzurotten und dieses verabscheuenswürdige Gewerbe zu betreiben?«
    »Es ist jemand aus Paris gekommen, der uns versichert hat, Sie würden vor Ablauf eines Monats zu uns stoßen, und der uns in Ihrem Namen befohlen hat, uns zu sammeln.«
    »Als Chouans, das würde ich ja noch verstehen, aber als Fußbrenner! Bin ich vielleicht ein Fußbrenner?«
    »Man hat uns sogar gesagt, wir sollten den zum Anführer machen, der Georges II. hieß, weil er Ihnen so ähnlich sah, damit jeder glaubt, dass Sie unter uns weilen. Wie sollen wir unser Vergehen jetzt sühnen?«
    »Euer Vergehen besteht darin, dass ihr geglaubt habt, ich wäre imstande, Anführer einer Bande von Fußbrennern zu werden, und dafür gibt es keine Sühne. Bringt auf der Stelle den anderen Truppen meinen Befehl, sich zu zerstreuen und vor allen Dingen mit ihrem schändlichen Treiben aufzuhören. Dann benachrichtigt alle ehemaligen Anführer, insbesondere Sol de Grisolles und Guillemot, dass sie die Waffen wieder ergreifen und sich bereithalten sollen, auf mein Geheiß erneut in den Kampf zu ziehen. Aber kein Schritt, keine Handlung ohne meinen ausdrücklichen Befehl!«
    Ohne ein Wort, beinahe lautlos, zogen die Banditen sich zurück.
    Der Bauer und seine Frau räumten ihre Schränke wieder ein, die Wäsche in die Fächer, das Silberbesteck in die Schubladen. Nach einer halben Stunde waren keine Spuren des Überfalls mehr zu sehen.
    Madame Doley hatte sich nicht getäuscht: Ihr Ehemann hatte tagsüber seine Vorkehrungen getroffen. Er hatte den größten Teil des Silbergeschirrs, einen Teil des Bestecks und die Goldmünzen im Wert von ungefähr zwölftausend Francs in ein sicheres Versteck gebracht.
    Von allen Bauern ist der Bretone der misstrauischste und vielleicht auch der vorausschauendste. Trotz Cadoudals Wort hatte Doley geargwöhnt, dass die Sache schlecht ausgehen könnte, und für diesen Fall wollte er wenigstens den größeren Teil seines Vermögens in Sicherheit wissen, was ihm auch gelungen war.
    Jean und seine Frau wurden benachrichtigt, und die Türen wurden geschlossen, nachdem der Leichnam Georges’ II. hinausgeschafft worden war. Cadoudal, der seit dem Morgen nichts gegessen hatte, speiste so ungerührt zu Abend, als wäre nichts geschehen; er lehnte das Bett ab, das der Bauer ihm anbot, und schlief in der Scheune im frischen Stroh.
    Am nächsten Tag kam Cadoudals einstiger Adjutant Sol de Grisolles, kaum dass Cadoudal auf den Beinen war. Sol de Grisolles wohnte in Auray, zweieinhalb Wegstunden von Plescop entfernt. Einer der Briganten hatte ihn sofort benachrichtigt, in der Hoffnung, damit Gnade vor Cadoudal zu finden.
    Sol de Grisolles war nicht wenig erstaunt, Cadoudal wiederzusehen: Wie alle Welt hatte er ihn in London geglaubt.
    Cadoudal erzählte ihm, was vorgefallen war; auf dem Küchenboden waren noch Ruß und Blutspuren zu sehen.
    Offensichtlich hatte die Polizei ein Komplott geschmiedet, um das Abkommen mit Bonaparte zu unterminieren, indem man Cadoudal beschuldigte, es gebrochen zu haben. Falls sich das so verhielt, stand es Cadoudal frei zu tun, was er wollte; und darüber wollte er sich mit Sol de Grisolles beraten.
    Als Erstes wollte er sich unmittelbar an Bonaparte wenden und ihm schreiben, dass er aufgrund des Vorgefallenen sein Wort zurücknehme; nachdem er ihm einwandfrei dargelegt hätte, dass er mit den neuen Mordbrennereien im Westen nichts zu tun hatte und ihnen sogar unter Einsatz des eigenen Lebens ein Ende bereitet hatte, würde er ihm den Krieg erklären – nicht von Herrscher zu Herrscher, denn einen solchen Krieg konnte er nicht finanzieren, sondern einen Rachefeldzug in korsischer Manier. Und Sol de Grisolles war dazu ausersehen, Bonaparte die Vendetta anzukündigen.
    Sol de Grisolles sagte ohne Widerrede zu; er gehörte zu denen, die dem, was sie für ihre Pflicht halten, nie ausweichen.
    Als Nächstes sollte Sol de Grisolles Laurent ausfindig machen, wo er sich auch befinden mochte, und ihn auffordern, seine Compagnons de Jéhu wieder zu sammeln und loszuschlagen, während Cadoudal keinen Augenblick verlieren und sich unverzüglich nach London zurückbegeben wollte, um von dort nach Paris aufzubrechen und seine Vorhaben in die Tat umzusetzen.
    Tatsächlich verabschiedete Cadoudal sich von seinen Gastgebern, nachdem er Sol de Grisolles seine Anweisungen erteilt hatte, bat sie um Verzeihung, dass ihr Haus als Schauplatz der schrecklichen Szenen hatte dienen müssen, die sich dort abgespielt hatten, stieg auf sein Pferd, und während Sol de Grisolles sich nach Vannes aufmachte, ritt Cadoudal zu dem Strand von Erdeven und Carnac, wo sein Fischerboot zu Wasser wartete.
    Die Rückfahrt verlief so reibungslos wie die Herfahrt.
    Drei Tage später war Sol de Grisolles in Paris und erbat sich beim Ersten Konsul einen Geleitbrief und einen Gesprächstermin wegen einer Sache von höchster Dringlichkeit.
    Der Erste Konsul schickte Duroc. Sol de Grisolles entschuldigte sich mit der Höflichkeit eines Edelmanns und erklärte, nur General Bonaparte mitteilen zu können, was General Cadoudal ihm aufgetragen habe.
    Duroc ging zurück und kam wieder, um Sol de Grisolles zu holen.
    Sol de Grisolles fand Bonaparte empört und voller Zorn auf Cadoudal vor. Bonaparte ließ Cadoudals Abgesandten gar nicht erst zu Wort kommen. »So also«, sagte er, »hält Ihr General sein Wort! Er verspricht, sich nach London zurückzuziehen, und stattdessen verschanzt er sich im Morbihan, wo er Banden aushebt, mit denen er dem Gewerbe des Fußbrennens nachgeht und nach Herzenslust das Land unsicher macht wie ein Mandrin oder ein Poulailler! Aber ich habe meine Befehle gegeben, alle Behörden sind alarmiert, und wenn er gefasst wird, dann machen sie kurzen Prozess mit ihm wie mit dem erstbesten Hühnerdieb. Sagen Sie jetzt nicht, es sei alles nicht wahr: Le Journal de Paris hat darüber berichtet, und die Berichte stimmen mit den Auskünften meiner Polizei überein; zudem wurde er erkannt.«
    »Würde der Erste Konsul mir gestatten, ihm zu antworten«, fragte Sol de Grisolles, »und ihm in wenigen Worten die Unschuld meines Freundes zu beweisen?«
    Bonaparte zuckte die Schultern.
    »Aber wenn Sie sich in fünf Minuten eingestehen müssten, dass Ihre Zeitungen und Polizeiberichte im Unrecht sind und dass ich recht habe, was würden Sie dann sagen?«
    »Ich würde sagen... dass Régnier ein Idiot ist, weiter nichts.«
    »Nun, General, die Ausgabe des Journal de Paris, in der gemeldet wurde, Cadoudal habe Frankreich gar nicht verlassen, sondern Räuberbanden im Morbihan ausgehoben, kam ihm in London in die Hände; sofort hat er ein Fischerboot bestiegen und sich zur Halbinsel Quiberon begeben. Versteckt in einem Bauernhaus, das nachts von Fußbrennern überfallen wurde, hat er sein Versteck in dem Augenblick verlassen, in dem der Anführer dieser Bande, der sich seines Namens bediente, den Bauern foltern wollte. Dieser Bauer heißt Jacques Doley, das Landgut Plescop. Cadoudal trat auf den Bandenführer zu, erschoss ihn und sagte: ›Du lügst, Cadoudal bin ich.‹
    General, er hat mir aufgetragen, Ihnen auszurichten, dass Sie oder wenigstens Ihre Polizei es waren, die ihn entehren wollten, indem Sie einen Mann, der ihm täuschend ähnlich sah und den man für ihn halten konnte, zum Anführer dieser Banden machten. Er hat sich an diesem Mann gerächt; er hat ihn mitten unter seinen Leuten getötet und hat die anderen aus dem Haus verjagt, in das sie eingedrungen waren, obwohl sie zwanzig Männer waren, während er allein war.«
    »Was Sie da sagen, kann unmöglich wahr sein.«
    »Ich habe den Toten mit eigenen Augen gesehen, und hier ist die Bestätigung des Bauernpaares.« Sol de Grisolles reichte dem Ersten Konsul die Niederschrift dessen, was er ihm erzählt hatte, abgezeichnet von Monsieur und Madame Doley.
    »Und von diesem Augenblick an«, fuhr er fort, »hat er Sie von Ihrem Wort entbunden und sich von seinem Wort entbunden, und da er Ihnen nicht den Krieg erklären kann, denn seine Verteidigungsmittel haben Sie ihm genommen, erklärt er Ihnen die korsische Vendetta, den Krieg Ihrer Heimat. Seien Sie auf der Hut! Er wird auf der Hut sein!«
    »Citoyen«, rief Duroc, »haben Sie vergessen, mit wem Sie es zu tun haben?«
    »Ich habe es mit einem Mann zu tun, der uns sein Wort gab, wie wir ihm unseres gaben, der gebunden war wie wir und der so wenig wie wir das Recht hatte, es zu brechen.«
    »Er hat recht, Duroc«, sagte Bonaparte. »Jetzt wüsste ich nur gern, ob er auch die Wahrheit sagt.«
    »General, wenn ein Bretone sein Wort gibt...«, protestierte Sol de Grisolles.
    »Auch ein Bretone kann sich täuschen oder getäuscht werden. Duroc, holen Sie mir Fouché.«
    Zehn Minuten später stand Fouché im Kabinett des Ersten Konsuls.
    Sobald Bonaparte den ehemaligen Polizeiminister erblickte, rief er: »Monsieur Fouché, wo ist Cadoudal?«
    Fouché lachte. »Ich könnte Ihnen antworten, dass ich es nicht weiß.«
    »Und warum?«
    »Nun, schließlich bin ich nicht mehr Ihr Polizeiminister.«
    »Oh, Sie wissen sehr wohl, dass Sie es nach wie vor sind.«
    »In partibus, von mir aus.«
    »Keine Scherze. Jawohl, in partibus sind Sie es. Ich werde Sie als solchen behandeln; Sie führen dieselben Spitzel, und Sie sind mir für alles verantwortlich, als wären Sie noch nominell Minister. Ich habe Sie gefragt, wo Cadoudal ist.«
    »Um diese Zeit müsste er auf dem Rückweg nach London sein.«
    »Er hatte England also verlassen?«
    »Ja.«
    »Und zu welchem Zweck?«
    »Um einen Bandenchef zu erschießen, der sich erdreistet hat, seinen Namen zu benutzen.«
    »Und hat er ihn erschossen?«
    »Mitten unter seinen zwanzig Gefolgsleuten auf dem Landgut Plescop; aber Monsieur«, und er deutete auf Sol de Grisolles, »kann Ihnen mehr darüber sagen als ich, denn er war fast Zeuge der Ereignisse. Plescop liegt, wenn ich mich nicht täusche, nur zweieinhalb Meilen von Auray entfernt.«
    »Wie! Das wussten Sie alles, und Sie haben mich nicht gewarnt?«
    »Monsieur Régnier ist Polizeipräfekt, und Sie zu warnen ist seine Aufgabe; ich bin nur ein Privatier, ein Senator.«
    »Es ist also wahr«, rief Bonaparte ungehalten, »dass ehrbare Leute in diesem Gewerbe einfach nicht zu gebrauchen sind!«
    »Danke, General«, sagte Fouché.
    »Ha! Die Grille fehlte Ihnen noch, sich als ehrbaren Mann ausgeben zu wollen. An Ihrer Stelle würde ich meinen Ehrgeiz auf andere Ziele richten, weiß Gott. Monsieur de Grisolles, danke für Ihren Besuch. Als Mann und Korse nehme ich die Vendetta an, die Cadoudal mir erklärt hat. Er sei auf der Hut, wie ich auf der Hut sein werde; doch wenn er gefasst wird, dann kenne ich keine Gnade.«
    »So sieht er es auch«, sagte der Bretone mit einer tiefen Verbeugung. Dann verließ er das Kabinett des Ersten Konsuls und ließ diesen mit Fouché zurück.
    »Sie haben es gehört, Monsieur Fouché: Die Vendetta ist erklärt, jetzt ist es an Ihnen, mich zu beschützen.«
    »Machen Sie mich wieder zum Polizeiminister, und ich werde es tun.«
    »Sie sind ein rechter Einfaltspinsel, Monsieur Fouché, mögen Sie sich für noch so geistreich halten. Je weniger Sie Polizeiminister sein werden – wenigstens in den Augen der Öffentlichkeit -, desto leichter werden Sie mich beschützen können, da man sich vor Ihnen nicht in Acht nehmen wird. Außerdem kann ich das Polizeiministerium nicht ohne stichhaltige Gründe wieder einrichten, nachdem ich es vor kaum zwei Monaten aufgelöst habe. Retten Sie mich aus einer großen Gefahr, und ich gebe es Ihnen zurück. Bis dahin gewähre ich Ihnen einen Kredit von fünfhunderttausend Francs auf Geheimgelder. Tun Sie sich keinen Zwang an, und wenn der Kredit ausgeschöpft ist, sagen Sie es mir. Aber vor allem will ich, dass Cadoudal kein Haar gekrümmt wird und man ihn lebend ergreift!«
    »Man wird sich bemühen, aber dafür muss er zuerst nach Frankreich zurückkehren.«
    »Oh, seien Sie unbesorgt, das wird er tun! Ich erwarte, von Ihnen zu hören.«
    Fouché verneigte sich vor dem Ersten Konsul, eilte zu seinem Wagen zurück, sprang hinein und rief dem Kutscher zu: »Schnell nach Hause!«
    Als er ausstieg, befahl er: »Man hole sofort Monsieur Dubois und wenn möglich Victor, einen seiner fähigsten Spitzel.«
    Eine halbe Stunde später befanden sich die verlangten zwei Personen in Fouchés Kabinett.
    Obwohl Monsieur Dubois nunmehr dem neuen Polizeipräfekten unterstand, hatte er Fouché die Treue gewahrt, und das nicht aus Prinzipientreue, sondern aus Eigennutz: Er wusste, dass Fouché sich nie länger als vorübergehend in Ungnade befinden würde und dass er selbst gut beraten wäre, ihn nicht als Menschen, sondern als Füllhorn der Fortuna zu betrachten, dem man keinesfalls die Treue aufkündigen durfte. Folglich war er zusammen mit drei oder vier anderen der schlauesten Spitzel weiterhin Fouché ergeben geblieben, und als Fouché ihn rufen ließ, kam er unverzüglich.
    Auf dem Kaminsims waren Goldstücke in zwei Säulen angeordnet, als Dubois und der Polizeispitzel Victor das Kabinett des eigentlichen Polizeiministers betraten.
    Der Spitzel Victor war als Mann aus dem Volk gekleidet, denn zum Umziehen war nicht genug Zeit geblieben.
    »Wir wollten keine Sekunde verlieren«, sagte Dubois, »und ich habe Ihnen einen meiner zuverlässigsten Männer in der Kostümierung mitgebracht, die er trug, als ich Ihre Nachricht erhielt.«
    Ohne zu antworten, trat Fouché zu dem Spitzel und sah ihn mit seinem scheelen Blick an. »Verwünscht aber auch, Dubois!«, sagte er, »das ist der falsche Mann.«
    »Was für einen Mann hätten Sie gebraucht, Citoyen Fouché?«
    »Ich muss einen bretonischen Rädelsführer verfolgen lassen, vielleicht in Deutschland, mit Sicherheit in England. Ich brauche einen Mann von Stand, der ihm unauffällig in Cafés folgen kann, in Clubs, notfalls in Salons. Ich brauche einen Gentleman, und Sie bringen mir einen Limousiner Bauernlümmel!«
    »Oh, da haben Sie recht«, sagte der Agent, »Cafés, Clubs und Salons sind nicht mein Wirkungsgebiet, aber wenn Sie mich in eine Kneipe schicken, auf einen volkstümlichen Ball oder in ein Musiklokal, dann würden Sie sehen, dass ich mich dort wacker schlage.«
    Dubois starrte ihn mit unverhohlenem Erstaunen an, doch der Agent machte ihm ein Zeichen, und Dubois begriff.
    »Sie werden mir also«, sagte Fouché, »auf der Stelle jemanden besorgen, der sich auf einem Abendempfang bei dem englischen Prinzregenten sehen lassen kann. Ich werde ihm seine Instruktionen geben.« Dann nahm er zwei Louisdors von einem dritten Stapel Münzen und sagte zu dem Polizeispitzel Victor: »Nehmen Sie das, mein Freund, als Entschädigung dafür, dass Sie bemüht wurden; sollte ich Sie für Beobachtungen im volkstümlichen Milieu benötigen, werde ich Sie benachrichtigen lassen. Aber schweigen Sie über unser Gespräch.«
    »Ich schweige«, sagte der Spitzel mit seinem Limousiner Akzent, »mit Vergnügen. Sie lassen mich rufen, Sie sagen mir nichts, und Sie geben mir zwei Louis, damit ich den Mund halte. Nichts leichter als das.«
    »Schon gut, schon gut, junger Mann«, sagte Fouché, »verschwinde!«
    Die Besucher stiegen in ihren Wagen, und Fouché bezeigte leichte Ungeduld, doch da er nicht genau genug erklärt hatte, was für einen Polizeispitzel er benötigte, wusste er, dass die Verzögerung seine Schuld war, und schwieg.
    Lange musste er nicht warten. Nach einer Viertelstunde meldete man ihm denjenigen, den er erwartete.
    »Ich sagte, man solle ihn einlassen!«, rief er ungeduldig. »Herein mit ihm!«
    »Bin schon da, bin schon da, Citoyen«, sagte ein junger Mann von fünf- oder sechsundzwanzig Jahren mit schwarzem Haar und Augen, die vor Geist sprühten, untadelig gekleidet, der lebhaft, aber vollendet weltmännisch den Raum betrat. »Ich habe keinen Augenblick gesäumt, und hier bin ich!«
    Fouché beäugte ihn durch sein Lorgnon. »Sehr gut!«, sagte er. »Das ist mein Mann!«
    Und nach kurzem Schweigen, währenddessen er seine Musterung fortsetzte: »Sie wissen, worum es geht?«
    »Gewiss doch, es geht darum, einen verdächtigen Citoyen zu beschatten, mit ihm nach Deutschland zu gehen, unter Umständen nach England; nichts leichter als das, ich spreche Deutsch wie ein Deutscher, Englisch wie ein Engländer; ich werde ihn beschatten und nicht aus den Augen lassen. Sie müssen ihn mir nur zeigen oder mir sagen, wo er sich aufhält; ich muss ihn einmal gesehen haben.«
    »Er heißt Sol de Grisolles und ist Cadoudals Aide de Camp; er wohnt im Hotel L’Unité in der Rue de la Loi. Möglicherweise ist er schon abgereist; in diesem Fall müssten Sie in Erfahrung bringen, welchen Weg er eingeschlagen hat, und sich ihm an die Fersen heften. Ich muss über jeden seiner Schritte Bescheid wissen. Und das ist für Sie«, fügte Fouché hinzu und nahm die zwei Stapel Goldmünzen vom Kaminsims, »um Ihnen zu erleichtern, an Auskünfte zu kommen.«
    Der junge Mann streckte seine elegant behandschuhte Hand aus und steckte das Geld ein, ohne nachzuzählen. »Muss ich Ihnen jetzt die zwei Louisdor des Limousiner Bauernlümmels zurückgeben?«, fragte der junge Stutzer.
    »Wie! Die zwei Louisdor des Limousiner Bauernlümmels?«, wiederholte Fouché.
    »Die Sie mir vorhin gegeben haben.«
    »Sie waren das vorhin?«
    »Gewiss, und der Beweis: Hier sind sie.«
    »Gut«, sagte Fouché, »dann gehört Ihnen auch der dritte Stapel, aber als Belohnung. Gehen Sie jetzt, verlieren Sie keine Zeit; heute Abend will ich von Ihnen hören.«
    »Das werden Sie.«
    Der Spitzel ging, ebenso zufrieden mit Fouché wie dieser mit ihm.
    Am Abend erhielt Fouché folgendes erstes Bulletin:

    Ich habe im Hotel L’Unité in der Rue de la Loi ein Zimmer neben dem des Citoyen Sol de Grisolles genommen. Vom Balkon vor unseren vier Fenstern konnte ich sein Zimmer einsehen: Es enthält ein Kanapee, das, nützlich für Gespräche, an der Trennwand zu meinem Zimmer steht; ich habe ein Loch in die Wand gebohrt, das mir ermöglicht, alles zu sehen und zu hören, ohne mich aufzudrängen. Citoyen Sol de Grisolles hat den Mann, den er sehen wollte, im Hotel Mont-Blanc nicht angetroffen, er wird im Hotel L’Unité bis um zwei Uhr morgens auf ihn warten und hat dort mitgeteilt, er erwarte den späten Besuch eines Freundes.
    Ich werde als unbekannter Dritter bei diesem Besuch anwesend sein.
    DER LIMOUSINER
    P.S. Morgen in aller Frühe ein zweites Bulletin.
    Am nächsten Tag wurde Fouché bei Tagesanbruch mit einem zweiten Bulletin geweckt, das lautete wie folgt:

    Der Freund, den Citoyen Sol de Grisolles erwartete, war der berüchtigte Bandit Laurent, genannt »der schöne Laurent«, der Anführer der Compagnons de Jéhu. Der Befehl, den Cadoudals Aide de Camp für Laurent hatte, war der, alle Mitstreiter an ihr Gelübde zu erinnern. Am kommenden Samstag sollen sie ihre Überfälle wiederaufnehmen und die Schnellpost von Rouen nach Paris im Wald von Vernon überfallen. Wer sich nicht einfindet, wird mit dem Tode bestraft.
    Citoyen Sol de Grisolles reist um zehn Uhr vormittags nach Deutschland ab, und ich reise mit ihm; über Straßburg werden wir uns, soweit ich weiß, nach Ettenheim begeben, wo sich der Herzog von Enghien aufhält.
    DER LIMOUSINER
    Diese zwei Bulletins fielen als doppelter Sonnenstrahl auf Fouchés Schachbrett, denn ihr Licht erlaubte dem Polizeiminister in partibus, Cadoudals Schachbrett zu überschauen. Cadoudal hatte keine leere Drohung ausgestoßen, als er Bonaparte die Vendetta erklärte. Während seines Aufenthalts in Paris hatte er die Compagnons de Jéhu wiedererweckt, die er nur bis auf weiteres beurlaubt hatte, und seinen Adjutanten hatte er bis zum Wohnsitz des Herzogs von Enghien vorgeschickt. Überdrüssig der Ausflüchte des Sohns des Grafen von Artois und des Grafen von Artois – die einzigen Personen königlichen Geblüts, mit denen er zu tun gehabt hatte und die ihm stets nicht nur Geld und Männer versprochen hatten, sondern auch den Schutz ihrer königlichen Persönlichkeit, und die keines ihrer Versprechen gehalten hatten -, wandte er sich nun an den letzten Erben der kriegerischen Rasse der Condés, um zu erfahren, ob dieser ihm mehr zu bieten haben würde als fromme Wünsche und Ermunterungen.
    Fouché, der seine Schlingen ausgelegt hatte, wartete ruhig wie eine Spinne in ihrem Netz.
    Doch die Gendarmerie von Andelys und Vernon wurde beauftragt, Tag und Nacht gesattelte Pferde bereitzuhalten.

25
Der Herzog von Enghien (1)


    Der Herzog von Enghien wohnte wie gesagt in dem Schlösschen von Ettenheim im Großherzogtum Baden am rechten Rheinufer, zwanzig Kilometer von Straßburg entfernt. Er war der Enkel des Prinzen von Condé, der wiederum Sohn ebenjenes Prinzen von Condé war, genannt »der Einäugige«, der Frankreich unter der Regentschaft des Herzogs von Orléans so teuer zu stehen gekommen war. Ein einziger Condé, der jung starb, trennt diesen Condé von dem sogenannten großen Condé, der seinen Beinamen seinem Sieg bei Rocroi verdankt, der den Tod Ludwigs XIII. erhellt, der Einnahme von Thionville und der Schlacht von Nördlingen, und der hinsichtlich seines Geizes, seiner verderbten Sitten und seiner kaltblütigen Grausamkeiten der wahre Sohn seines Vaters Heinrich II. von Bourbon war. Seine Gier nach dem Thron stachelte ihn dazu an, als Erster zu enthüllen, dass die zwei Söhne Annas von Österreich, Ludwig XIV. und der Herzog von Orléans, nicht von Ludwig XIII. gezeugt seien, was alles in allem durchaus wahr sein konnte.
    Heinrich II. von Bourbon, dessen Name soeben fiel, ist derjenige, mit dessen Eintritt in die Geschichte das berühmte Haus Condé einen Charakterwandel durchmacht, vom Verschwender zum Geizhals wird und melancholisch statt fröhlich.
    Denn obwohl die Geschichte ihn zum Sohn Heinrichs I. von Bourbon und Prinzen von Condé erklärt, erkennt die Chronik jener Zeit diese Herkunft nicht an, sondern schreibt ihm einen anderen Vater zu. Seine Frau Charlotte de la Trémouille lebte in ehebrecherischem Verhältnis mit einem gascognischen Pagen, als nach viermonatiger Abwesenheit ihr Ehemann unerwartet und unangemeldet zurückkam. Schnell hatte die Herzogin ihren Entschluss gefasst. Die Ehebrecherin ist bereits auf halbem Weg zur Mörderin: Sie bereitete ihrem Ehemann einen königlichen Empfang. Obwohl es Winter war, besorgte sie sich prachtvolle Früchte und teilte mit ihm die schönste Birne aus dem Korb, doch sie zerteilte sie mit einem Messer, dessen Schneide auf der einen Seite vergiftet war, und reichte ihm, wie man sich denken kann, die vergiftete Hälfte.
    Der Prinz starb noch in derselben Nacht.
    Charles de Bourbon, der sich in dem Glauben wähnte, Heinrich IV. davon zu unterrichten, sagte zu ihm: »Das ist die Folge der Exkommunikation durch den Papst Sixtus V.«
    Heinrich IV., der sich kein Bonmot verkneifen konnte, erwiderte: »Ja, die Exkommunikation hat sicherlich nicht geschadet, aber es wurde nachgeholfen
    Eine Untersuchung wurde durchgeführt, und die belastendsten Anschuldigungen wurden gegen Charlotte de la Trémouille gesammelt, bis Heinrich IV. sich die Prozessunterlagen geben ließ und sie allesamt ins Feuer warf; als man ihn nach dem Grund für dieses befremdliche Vorgehen fragte, sagte er: »Lieber soll ein Bastard den Namen Condé erben, als dass ein so großer Name ausgelöscht wird.«
    Und ein Bastard erbte den Namen Condé und führte in die von ihm begründete parasitäre Linie verschiedene Laster ein, die es in der ursprünglichen Linie nicht gegeben hatte, darunter als eines der harmloseren die Liebe zur Revolte.
    Als Romancier befindet man sich in einer schwierigen Situation: Übergeht man Einzelheiten wie diese, kann der Vorwurf erhoben werden, wir verstünden von der Geschichte nicht mehr als manche Historiker; enthüllen wir sie aber, beschuldigt man uns, die königlichen Häuser in Verruf bringen zu wollen.
    Doch beeilen wir uns zu sagen, dass der junge Prinz Louis-Antoine-Henri de Bourbon keines der Laster Heinrichs II. von Bourbon besaß, den nur eine dreijährige Kerkerhaft seiner Frau annähern konnte, obwohl diese das schönste Geschöpf ihrer Zeit war, keines der Laster des großen Condé, dessen Liebschaft mit seiner Schwester Madame de Longueville Paris während der Fronde erheiterte, und keines der Laster des Louis de Condé, der als Regent die Gelder Frankreichs in seine Taschen und die der Madame de Prie umleitete.
    Stattdessen war er ein schöner junger Mann von dreiunddreißig Jahren, der mit seinem Vater und dem Grafen von Artois emigriert war, der 1792 in das Korps der Emigranten am Rheinufer eingetreten war, der zweifellos acht Jahre lang gegen Frankreich gekämpft hatte, aber aus Voreingenommenheit, für die seine fürstliche Erziehung und seine königlichen Vorurteile verantwortlich waren. Als die Armee Condés aufgelöst wurde, anders gesagt nach dem Frieden von Lunéville, hätte der Herzog von Enghien nach England gehen können wie sein Vater, sein Großvater, die anderen Fürsten und das Gros der Emigranten, doch eine seinerzeit geheime und erst im Nachhinein bekannt gewordene Herzensangelegenheit hatte ihn dazu bewegt, sich in Ettenheim niederzulassen.
    Dort lebte er wie ein beliebiger Bürger, denn sein gewaltiges Vermögen aus den Geschenken Heinrichs IV., den Besitztümern des enthaupteten Herzogs von Montmorency und den Früchten der Raubzüge Ludwigs des Einäugigen hatte die Revolution beschlagnahmt. Die Emigranten aus der Gegend von Offenburg besuchten ihn ehrerbietig. Bisweilen veranstalteten die jungen Leute im Schwarzwald große Jagdgesellschaften, bisweilen verschwand der Prinz sechs bis acht Tage lang und war plötzlich wieder da, ohne dass jemand gewusst hätte, wo er gewesen war, und dieses Verschwinden gab Anlass zu den unterschiedlichsten Vermutungen – Vermutungen, die der Prinz keineswegs entkräftete, ohne sich jemals eine Erklärung entlocken zu lassen, mochten die Mutmaßungen noch so verwegen sein.
    Eines Vormittags kam ein Mann in Ettenheim an, der sich beim Prinzen anmelden lassen wollte. Er hatte den Rhein bei Kehl überquert und war über Offenburg gekommen.
    Der Prinz war seit drei Tagen abwesend. Der Mann wartete.
    Am fünften Tag kam der Prinz zurück. Der Fremde nannte seinen Namen und die Namen derer, in deren Auftrag er kam; obwohl der Besucher keineswegs darauf bestand, den Prinzen zu sehen, sondern nachdrücklich darum bat, dass der Prinz nach eigenem Gutdünken verfahre, ließ dieser es sich angelegen sein, ihn auf der Stelle zu empfangen.
    Der Fremde war kein anderer als Sol de Grisolles.
    »Schickt Sie der wackere Cadoudal?«, fragte der Prinz. »In einer englischen Zeitung las ich, dass er London verlassen haben soll, um in Frankreich eine Ehrenkränkung zu rächen, und danach nach London zurückgekehrt sei.«
    Cadoudals Adjutant berichtete alles, wie es sich ereignet hatte, ohne Ausschmückungen und ohne Auslassungen, dann erläuterte er dem Prinzen seinen Auftrag, der darin bestanden hatte, dem Ersten Konsul die Vendetta zu erklären und Laurent in Cadoudals Namen aufzufordern, die Compagnons de Jéhu wieder zusammenzurufen, die Cadoudal zerstreut hatte.
    »Haben Sie mir vielleicht noch etwas zu sagen?«, fragte der Prinz.
    »So ist es, mein Prinz«, sagte der Bote. »Ich habe Ihnen zu sagen, dass ungeachtet des Friedens von Lunéville ein Krieg von ungeahnter Heftigkeit gegen den Ersten Konsul geführt werden wird; Pichegru, der sich mit Majestät Ihrem Vater zuletzt verständigen konnte, beteiligt sich an diesem Krieg mit allem Hass auf die französische Regierung, den ihm sein Exil in Sinnamary eingeflößt hat. Moreau, erzürnt über die laue Aufnahme seines Sieges bei Hohenlinden und erbittert darüber, dass die Rheinarmee und ihre Generäle nicht annähernd gewürdigt werden wie die Heere und Befehlshaber in Italien, wartet nur darauf, seine immense Beliebtheit in den Dienst einer Bewegung zu stellen. Und mehr noch: Es gibt etwas, wovon so gut wie niemand weiß und was ich Ihnen enthüllen soll, Prinz.«
    »Und was ist das?«
    »In der Armee bildet sich gerade eine Geheimgesellschaft.«
    »Die Gesellschaft der Philadelphes.«
    »Sie wissen davon?«
    »Ich habe davon gehört.«
    »Wissen Ihre Majestät, wer der Anführer ist?«
    »Oberst Oudet.«
    »Haben Sie ihn kennengelernt?«
    »Einmal in Straßburg, ohne dass er wusste, wer ich bin.«
    »Welchen Eindruck hat er auf Ihre Majestät gemacht?«
    »Er machte mir den Eindruck, ziemlich jung und ziemlich leichtfertig zu sein, wenn man bedenkt, welches gewaltige Unternehmen er sich erträumt hat.«
    »Mögen Ihre Majestät sich nicht täuschen«, sagte Sol des Grisolles. »Oudet ist ein Sohn der Berge aus dem Jura, mit allen seelischen und körperlichen Vorzügen des Bergbewohners.«
    »Er ist keine fünfundzwanzig Jahre alt.«
    »Bonaparte hat den Italienfeldzug mit sechsundzwanzig geführt.«
    »Er war zuerst einer der Unseren.«
    »Ja, und in der Vendée haben wir ihn erlebt.«
    »Er ist zu den Republikanern übergewechselt.«
    »Anders gesagt, er war es leid, gegen Franzosen zu kämpfen.«
    Der Prinz stieß einen Seufzer aus. »Ach!«, sagte er. »Auch ich bin es leid, so leid!«
    »Nie zuvor, sofern Ihre Majestät einem Menschen Glauben schenken wollen, der nicht zu Schmeicheleien neigt, nie zuvor sah man so widerstrebende und zugleich naturgegebene Fähigkeiten in einem Menschen vereint. Er besitzt die Leichtgläubigkeit eines Kindes und den Mut eines Löwen, die Hingabe eines jungen Mädchens und die Unerschütterlichkeit eines alten Römers. Er ist tatkräftig und unbekümmert, faul und unermüdlich, launisch und starrsinnig, sanftmütig und streng, zartfühlend und schrecklich im Zorn. Ich kann zu seiner Ehre nur eines hinzufügen, mein Prinz: Männer wie Moreau und Malet haben sich ihm als ihrem Anführer unterworfen und sind bereit, ihm zu gehorchen.«
    »Die drei Anführer der Gesellschaft sind also?«
    »Oudet, Malet und Moreau, genannt Philopoemen, Marius und Fabius. Pichegru wird sich unter dem Namen Themistokles als Vierter hinzugesellen.«
    »In dieser Verbindung scheinen sich mir ausgesprochen unvereinbare Elemente zu befinden«, sagte der Prinz.
    »Aber wirkmächtige. Entledigen wir uns zuerst Bonapartes, und wenn sein Platz frei ist, können wir uns überlegen, welchen Mann oder welche Idee wir an seine Stelle setzen wollen.«
    »Und wie wollen Sie sich Bonapartes entledigen? Doch nicht etwa durch einen Meuchelmord?«
    »Nein, im offenen Kampf.«
    »Sie glauben, Bonaparte würde sich auf einen Kampf der Dreißig einlassen?«, sagte der Prinz lächelnd.
    »Nein, mein Prinz; wir werden ihn dazu zwingen. Dreimal wöchentlich begibt er sich auf seinen Landsitz La Malmaison, begleitet von einer vierzig- oder fünfzigköpfigen Eskorte. Cadoudal wird ihn mit der gleichen Menge Männer angreifen, und Gott wird den Gerechten siegen lassen.«
    »Das wäre in der Tat kein feiger Mord«, sagte der Prinz nachdenklich, »das wäre ein Kampf.«
    »Doch um dieses Vorhaben durchzusetzen, Hoheit, benötigen wir das Mitwirken eines französischen Prinzen, tapfer und angesehen, wie Eure Hoheit es sind. Die Herzöge von Berry und von Angoulême und Ihr Vater, der Herzog von Artois, haben uns so oft Versprechungen gemacht und uns so oft im Stich gelassen, dass wir nicht mehr auf sie rechnen wollen. Ich bin gekommen, Eure Hoheit, um Ihnen im Namen von uns allen zu sagen, dass wir nichts weiter erwarten als Ihre Anwesenheit in Paris, damit nach Bonapartes Tod das Volk sich eine Rückkehr zur Monarchie unter dem Prinzen aus dem Hause Bourbon wünscht, der sich als Prätendent unmittelbar des Throns bemächtigen kann.«
    Der Prinz ergriff die Hand des Besuchers.
    »Monsieur«, sagte er, »ich danke Ihnen von Herzen für das Ansehen, das ich bei Ihnen und Ihren Freunden genieße; ich will Ihnen persönlich beweisen, dass Sie keinen Unwürdigen gewählt haben, und Ihnen ein Geheimnis enthüllen, von dem niemand weiß, nicht einmal mein Vater. Den wackeren Kämpfern Cadoudal, Oudet, Moreau, Pichegru und Malet erwidere ich: Seit neun Jahren stehe ich im Feld, seit neun Jahren setze ich täglich mein Leben aufs Spiel, was mir nichts bedeutet, doch mich erfüllt größter Abscheu für die Mächte, die sich als unsere Verbündeten ausgeben und uns nur als Werkzeuge betrachten. Diese Mächte haben Frieden geschlossen und uns in ihrem Friedensvertrag vergessen. Sei’s drum. Ich werde mich nicht allein eines vatermörderischen Krieges schuldig machen, vergleichbar dem Krieg, in dem mein Vorfahre, der große Condé, seinen Ruhm im Blut erstickt hat. Sie können einwenden, dass er Krieg gegen seinen König führte und dass ich Krieg gegen Frankreich führe. In der Sicht der neuen Prinzipien, die ich bekämpfe und zu denen ich persönlich keine Meinung habe, wäre die Entschuldigung meines Vorfahren vielleicht die, dass er nur gegen seinen König Krieg führte. Ich habe Krieg gegen Frankreich geführt, doch nur stellvertretend: Ich habe den Krieg weder erklärt noch für beendet erklärt, ich lasse Mächte walten, auf die ich keinen Einfluss habe. Ich habe zum Fatum gesagt: Du hast mich gerufen, hier bin ich, doch nun, da der Frieden geschlossen wurde, will ich nichts daran ändern. Das sind meine Worte an die Adresse unserer Freunde. Doch daneben«, sagte er, »habe ich Ihnen persönlich etwas zu sagen, Monsieur. Und Sie müssen mir schwören, dass das Geheimnis, das ich Ihnen anvertrauen werde, in Ihrer Brust verschlossen bleiben wird.«
    »Ich schwöre es, Eure Hoheit.«
    »Verzeihen Sie meine Schwäche, Monsieur, aber ich liebe.«
    Der Bote machte eine Geste.
    »Schwäche, gewiss«, wiederholte der Herzog, »zugleich jedoch Seligkeit, eine Schwäche, um derentwillen ich drei- bis viermal im Monat meinen Kopf aufs Spiel setze, wenn ich den Rhein überquere, um eine bezaubernde Frau zu besuchen, die ich vergöttere. Es geht das Gerücht, ein Zerwürfnis mit meinen Cousins oder gar mit meinem Vater hielte mich in Deutschland: O nein, Monsieur, was mich in Deutschland hält, ist eine glühende, erhabene, unbezwingbare Liebe, die stärker ist als mein Pflichtgefühl. Man fragt sich, wohin ich gehe, man wundert sich, wo ich sein mag, man hält mich für einen Verschwörer. Ach und Weh! Ich liebe, das ist alles.«
    Ja, eine Himmelsmacht ist die Liebe gewiss, wenn sie sogar einen Bourbonen von seiner Pflicht abhält, dachte sich Sol de Grisolles mit leisem Lächeln, laut aber sagte er: »Lieben Sie, Prinz, lieben Sie und genießen Sie Ihr Glück! Denn das ist unser wahres Geschick, glauben Sie mir.« Dann erhob er sich, um sich von dem Prinzen zu verabschieden.
    »Oh«, sagte der Herzog, »so einfach entkommen Sie mir nicht.«
    »Was darf ich für Eure Hoheit tun?«
    »Sie dürfen mir noch länger zuhören, Monsieur. Noch nie habe ich jemandem von meiner Liebe erzählt, aber ich ersticke schier daran. Ihnen habe ich mein Herz geöffnet, doch das war nicht genug, ich muss Ihnen noch lang und breit davon erzählen; Sie kennen jetzt die glückliche, freudige Seite meines Lebens; Ich muss Ihnen erzählen, wie schön, wie intelligent, wie ergeben sie ist. Speisen Sie mit mir zu Abend, Monsieur; nach dem Diner werden Sie mich verlassen, doch vorher werde ich zwei Stunden lang Gelegenheit gehabt haben, Ihnen von ihr zu berichten. Ich liebe sie seit drei Jahren, bedenken Sie das, und noch nie konnte ich einem Menschen von ihr erzählen.«
    Grisolles blieb zum Abendessen.
    Zwei Stunden lang sprach der Herzog von nichts anderem als von ihr. Er schilderte seine Liebe bis in die kleinsten Einzelheiten, lachte, weinte, drückte die Hände seines neuen Freundes und umarmte ihn zum Abschied.
    Sonderbare Wirkung der Sympathie!
    Von einem Tag auf den anderen hatte ein Fremder das Herz des jungen Prinzen gründlicher erobert als mancher seiner Freunde, der nie von seiner Seite gewichen war.
    Am Abend desselben Tages reiste Cadoudals Bote nach England ab, und der Polizeispitzel, der Fouché über alles Bericht zu erstatten hatte, schrieb diesem:

    Abgereist eine Stunde nach dem Bürger S. de G.
    Ihm ununterbrochen gefolgt; hinter ihm über die Brücke bei Kehl gefahren; mit ihm in Offenburg gespeist, ohne dass er Verdacht schöpfte.
    In Offenburg übernachtet. Um acht Uhr morgens mit der Post weitergereist auf eine halbe Stunde Entfernung. Im Hotel La Croix abgestiegen, Citoyen S. de G. im Hotel Rhin et Moselle.
    Da man sich über mich Gedanken machen konnte, sagte ich, mich habe ein Schreiben des letzten Fürstbischofs von Straßburg hergelockt, Monsieur de Rohan-Guéménée, berühmt für seine Rolle in der Halsbandaffäre. Ich empfahl mich ihm als Emigrant, der es nicht versäumen wollte, ihm anlässlich einer Reise, die ihn über Ettenheim führte, seine Aufwartung zu machen. Da er vor Eitelkeit schier platzt, schmeichelte ich ihm gewaltig und schmeichelte mich so gut in sein Vertrauen ein, dass er mich zum Diner einlud. Diese unerwartete Intimität nutzte ich, um ihn über den Herzog von Enghien auszufragen. Die beiden sehen sich selten, doch in einer Kleinstadt wie Ettenheim mit dreieinhalbtausend Einwohnern weiß jeder über jeden Bescheid.
    Der Prinz ist ein schöner junger Mann von zwei- oder dreiunddreißig Jahren, mit schütterem blondem Haar, groß gewachsen, wohlgestalt, mutig und höflich. Sein Leben ist geheimnisvoll; von Zeit zu Zeit verschwindet er, und niemand weiß, wohin. Unser kirchlicher Würdenträger vermutet allerdings, dass er sich nach Frankreich begibt, zumindest in diese Richtung, denn zweimal ist er ihm auf der Straße nach Straßburg begegnet, einmal auf dem Rückweg von Offenburg, einmal auf dem von Benfeld.
    Citoyen S. de G. wurde von dem Herzog von Enghien formvollendet begrüßt und zum Diner eingeladen; zweifellos hat dieser all seinen Vorschlägen zugestimmt, denn er hat ihn zum Wagen begleitet und ihm zum Abschied herzlich die Hand gedrückt.
    Citoyen S. de G. reist nach London. Er ist um elf Uhr abends aufgebrochen, ich werde ihm um Mitternacht folgen.
    Eröffnen Sie mir bitte, falls ich genötigt sein sollte, in England zu bleiben, ein Bankkonto mit einem Kredit von einigen hundert Louisdor auf den Namen des Kanzlers der französischen Botschaft, damit dieser Kredit niemandem bekannt wird.
    DER LIMOUSINER
    P.S. Vergessen Sie bitte nicht, dass die Compagnons de Jéhu übermorgen den Kampf wiederaufnehmen und als erstes Ziel die Schnellpost nach Rouen im Wald von Vernon überfallen wollen.
    Mit den vorangegangenen Erläuterungen haben unsere Leser sich das plötzliche Verschwinden Hector de Sainte-Hermines sicherlich erklären können. Durch Cadoudals Schreiben von seinem Wort befreit und durch seine Wünsche in diesem Glauben bestärkt, hatte er sich dazu entschlossen, Mademoiselle de Sourdis um ihre Hand zu bitten. Sie war ihm gewährt worden.
    Wir sahen, mit welchem Prunk der Heiratsvertrag unterzeichnet werden sollte und dass Hector die Feder bereits fast in der Hand hielt, als der Chevalier de Mahalin sich seinen Weg bis zu dem Grafen gebahnt hatte, ihn unter einen Kronleuchter gezerrt und ihm dort Cadoudals Befehl an Laurent vorgelesen hatte, die Waffen zu ergreifen, und Laurents Befehl an alle Compagnons de Jéhu, sich ab sofort bereitzuhalten.
    Hector hatte einen Schmerzensschrei ausgestoßen. Das ganze Gerüst seines Glücks brach zusammen, seine teuersten Träume, die er seit zwei Monaten gehegt hatte, waren zerstoben. Er konnte es nicht verantworten, den Vertrag zu unterzeichnen und Mademoiselle de Sourdis dem Schicksal auszuliefern, sich eines früheren oder späteren Tages als Witwe eines Mannes wiederzufinden, der als Straßenräuber auf dem Schafott geköpft wurde. Alles Ritterliche an diesem Unternehmen schwand in seinen Augen. Er sah seine Lage nicht mehr unter pittoreskem Gesichtspunkt, sondern ganz im Gegenteil durch das Vergrößerungsglas der Wirklichkeit. Nichts blieb ihm als die Flucht; er zögerte keine Sekunde, zerbrach seine ganze Zukunft wie Glas und sagte: »Fliehen wir.«
    Und er eilte mit dem Chevalier de Mahalin aus dem Haus.

26
Der Wald von Vernon

    Am nächsten Samstag ritten zwei Männer gegen elf Uhr vormittags aus dem Dorf Port-Mort und folgten dem Weg von Andelys nach Vernon, vorbei an L’Isle und Pressagny, worauf sie Vernonnet erreichten, die alte Holzbrücke überquerten, auf der fünf Mühlen standen, und dem Weg von Paris nach Rouen folgten.
    Links nach dem Ende der Brücke verschwanden die zwei Reiter in der düsteren Allee, die der Wald von Bizy dort bildet, und hielten rechtzeitig an, um weiterhin beobachten zu können, was sich auf der Landstraße abspielte.
    Während sie durch Pressagny ritten, machten sich zwei andere Reiter von Rolleboise am linken Seineufer auf und ritten an Port-Villez und Vernon vorbei; als sie die Stelle des Waldes erreichten, an der schon zwei Reiter verschwunden waren, schienen sie sich zu beraten, und nach einem Moment des Zauderns begaben sie sich entschlossen in den Wald.
    Kaum hatten sie zehn Schritte zurückgelegt, hörten sie den Ruf: »Wer da?«
    »Vernon!«, erwiderten die Neuankömmlinge.
    »Versailles!«, riefen die anderen.
    In diesem Augenblick kamen auf dem Weg durch den Wald, der von Thilliers-en-Vexin nach Bizy führt, zwei weitere Reiter, die sich nach Austausch der gleichen Parole zu den anderen gesellten.
    Die sechs Männer wechselten wenige Worte, mit denen sie sich zu erkennen gaben, und warteten dann schweigend.
    Es schlug Mitternacht.
    Jeder der Wartenden zählte die zwölf Schläge mit. Fernes Räderrollen war als Nächstes zu hören. Jeder Reiter legte dem Nebenmann die Hand auf den Arm und sagte: »Horch!«
    »Ja«, erwiderten alle wie aus einem Mund. Alle hatten verstanden, und in aller Herzen fand das Räderrollen seinen Widerhall.
    Man hörte, wie Pistolen geladen wurden.
    Plötzlich sah man an einer Wegbiegung die zwei Laternen aufleuchten, von denen die Schnellpost begleitet war.
    Kein Hauch war zu vernehmen, aber Herzklopfen, das klang wie Wassertropfen, die auf einen Felsen fallen.
    Die Schnellpost kam näher.
    Als sie nur mehr zehn Schritte entfernt war, warfen sich zwei Reiter vor die Pferde, und vier bezogen vor den Wagentüren Stellung mit dem Ruf: »Compagnons de Jéhu, keine Gegenwehr!«
    Die Schnellpost blieb stehen, dann erfolgte aus den Wagentüren eine ohrenbetäubende Musketensalve, eine Stimme rief: »Galopp!«, und die Schnellpost raste davon, so schnell die vier kräftigen Percheronpferde laufen konnten.
    Zwei Compagnons de Jéhu waren auf der Strecke geblieben: Dem einen war eine Kugel von Schläfe zu Schläfe durch den Kopf gedrungen; ihm war nicht mehr zu helfen; den anderen hatte sein Pferd beim Sturz unter sich begraben, und er tastete vergebens nach seiner Pistole, die ihm beim Sturz entglitten war.
    Die anderen hatten sich in den Wald und in den Fluss gerettet mit dem Ruf: »Verrat! Rette sich, wer kann!«
    Vier Gendarmen kamen angaloppiert. Sie sprangen vom Pferd und ergriffen den Royalisten, der seine Pistole gefunden hatte und sich gerade erschießen wollte. Er war aus den Steigbügeln geglitten, und sein Pferd hatte sich nach dem Sturz aufgerichtet und war davongestürmt.
    Als der Gefangene begriff, dass er sich nicht erschießen konnte, schien ihn alle Kraft zu verlassen. Er stieß einen Seufzer aus und wurde ohnmächtig. Sein Kopf fiel auf das Pflaster, und das Blut lief aus einer großen Wunde an der Kopfhaut.
    Man brachte ihn in das Gefängnis von Vernon.
    Dort kam er zu sich, und ihm war, als erwache er aus einem Traum. Im Licht einer Lampe, die dafür da war, dass von einer Öffnung in der Tür in seine Zelle gesehen werden konnte, erkannte er das Innere einer Kerkerzelle.
    Da erinnerte er sich, beugte seinen Kopf in die Hände und schluchzte.
    Bei diesem Geräusch wurde die Tür geöffnet; der Gefängnisdirektor trat ein und fragte den Gefangenen, ob er einen Wunsch habe.
    Der Gefangene richtete sich auf, schüttelte mit einer verächtlichen Kopfbewegung die Tränen fort, die an seinen Wimpern zitterten, und sagte: »Monsieur, können Sie mir eine Pistole geben, mit der ich mir ein Loch in den Kopf schießen kann?«
    »Citoyen«, erwiderte der Direktor, »du bittest mich um das Einzige, was ich dir neben der Freiheit nicht gewähren kann.«
    Und nichts konnte den Gefangenen dazu bewegen, ein weiteres Wort zu äußern.
    Am nächsten Tag erhielt er um neun Uhr morgens abermals Besuch in seiner Zelle.
    Er saß auf dem Holzschemel, auf den er sich am Vorabend hatte fallen lassen, doch das Blut aus seiner Wunde war geronnen, so dass sein Kopf an der Wand festklebte, was verriet, dass er sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt hatte.
    Der Staatsanwalt war mit dem Untersuchungsrichter gekommen, um ihn zu vernehmen.
    Der Gefangene weigerte sich zu antworten und sagte: »Nur Monsieur Fouché persönlich werde ich antworten.«
    »Haben Sie ihm etwas zu enthüllen?«
    »Ja.«
    »Geben Sie uns Ihr Ehrenwort?«
    »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«
    Überall wurde inzwischen von dem Überfall auf die Eilpost und von der Wichtigkeit des Gefangenen, der gemacht worden war, gemunkelt.
    Der Staatswanwalt zögerte keine Sekunde lang. Er ließ einen viersitzigen Wagen vorfahren und hieß den gefesselten Gefangenen einsteigen. Er setzte sich neben ihn, ließ zwei Gendarmen gegenüber Platz nehmen und postierte einen dritten auf dem Kutschbock neben dem Kutscher.
    Der Wagen fuhr los; sechs Stunden später hielt er vor dem Stadtpalais des Citoyen Fouché.
    Der Gefangene wurde in das Vorzimmer im ersten Stock gebracht. Citoyen Fouché weilte in seinem Kabinett. Der Staatsanwalt ließ den Gefangenen mit den vier Gendarmen in dem Vorzimmer und begab sich zu Citoyen Fouché.
    Fünf Minuten später wurde der Gefangene geholt und in das Kabinett des Citoyen Senator Fouché aus Nantes gebracht.
    Niemand ahnte, dass er noch immer der wahre Polizeiminister war; er hatte sich die Marotte zugelegt, die Herkunftsbezeichnung an seinen Namen zu heften, und sie hat sich dort so gut eingefügt, dass sie ihm wie ein Adelstitel erhalten geblieben ist.
    Der Gefangene hatte unter den eng geschnürten Fesseln unterwegs sehr gelitten und litt noch immer; Fouché bemerkte es.
    »Citoyen«, sagte er, »wenn du mir dein Wort gibst, während der Zeit, die du bei mir bist, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, lasse ich dich von den Fesseln befreien, die dir großes Ungemach zu bereiten scheinen.«
    »Schreckliches Ungemach«, sagte der Gefangene.
    Fouché klingelte nach seinem Büroboten.
    »Toutain«, sagte er zu diesem, »lösen oder schneiden Sie dem Gefangenen die Fesseln ab.«
    »Was tun Sie da?«, fragte der Staatsanwalt.
    »Das sehen Sie doch«, erwiderte Fouché, »ich lasse dem Gefangenen die Fesseln abnehmen.«
    »Und wenn er seine Freiheit missbraucht?«
    »Er hat mir sein Wort gegeben.«
    »Und wenn er es nicht hält?«
    »Er wird es halten.«
    Der Gefangene stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und schüttelte seine blutigen Hände. Das Seil hatte sich in das Fleisch eingeschnitten.
    »Gut«, sagte Fouché, »wirst du jetzt auf meine Fragen antworten?«
    »Ich sagte, dass ich nur Ihnen antworten werde. Wenn wir allein sind, stehe ich Ihnen Rede und Antwort.«
    »Setze dich erst einmal, Citoyen. Herr Staatsanwalt, Sie haben richtig gehört; es handelt sich nur um eine kurze Verzögerung, und da Sie den Prozess weiterhin begleiten werden, wird es Ihnen nicht an Gelegenheit mangeln, Ihre Neugier zu befriedigen.«
    Er deutete mit dem Kopf eine Verneigung an, und dem Staatsanwalt blieb nichts anderes übrig, als auf der Stelle den Raum zu verlassen, wäre er auch noch so gern geblieben.
    »Und jetzt, Monsieur Fouché...«
    Doch dieser unterbrach den Gefangenen. »Sparen Sie sich die Mühe, Monsieur«, sagte Fouché. »Ich weiß ohnehin alles.«
    »Sie?«
    »Sie heißen Hector de Sainte-Hermine und entstammen einer vornehmen Familie des Jura; Ihr Vater starb auf dem Schafott, Ihr ältester Bruder wurde in der Festung Auenheim füsiliert. Ihr zweitältester Bruder wurde in Bourg-en-Bresse guillotiniert. Nach seinem Tod sind auch Sie den Compagnons de Jéhu beigetreten. Cadoudal hat Ihnen nach seiner Unterredung mit dem Ersten Konsul die Freiheit geschenkt, und Sie haben sie genutzt, um die Hand von Mademoiselle de Sourdis, die Sie lieben, zu erlangen. Als Sie im Begriff waren, den Ehevertrag zu unterzeichnen, den der Erste Konsul und Madame Bonaparte bereits unterschrieben hatten, erschien einer Ihrer Kameraden, um Ihnen Cadoudals Ordre zu überbringen; Sie verschwanden spurlos; vergeblich suchte man Sie überall, doch gestern fand man Sie nach dem Überfall auf die Eilpost von Rouen nach Paris, den Sie mit fünf Ihrer Gefährten verübt hatten, halb ohnmächtig unter Ihrem toten Pferd auf der Landstraße. Sie wollten mich sprechen, um mich zu fragen, ob ich Ihnen erlauben könne, einen anonymen Tod durch eigene Hand zu finden. Bedauerlicherweise steht das nicht in meiner Macht, denn sonst würde ich Ihnen diesen Dienst erweisen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.«
    Hector starrte Fouché mit einem Gesichtsausdruck der Verblüffung an, der an Schwachsinn grenzte.
    Sein Blick wanderte durch den Raum und fiel auf einen Stichel auf dem Schreibtisch des Ministers, so spitz wie eine Nadel. Er wollte danach greifen, doch Fouché fiel ihm in den Arm.
    »Sehen Sie sich vor, Monsieur«, sagte er, »oder wollen Sie Ihr Wort brechen, was eines Edelmanns unwürdig wäre?«
    »Was wollen Sie damit sagen?«, rief der junge Graf, der sich aus Fouchés Griff zu befreien versuchte.
    »Selbstmord ist Flucht.«
    Sainte-Hermine ließ den Stichel los und stürzte auf den Teppich, wo er sich wie in einem Anfall zu wälzen begann.
    Fouché betrachtete ihn; als er sah, dass der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte, sagte er: »Hören Sie mir zu, ich weiß jemanden, der Ihnen verschaffen kann, was Sie verlangen.«
    Sainte-Hermine stützte ein Knie auf und erhob sich halb. »Wer ist das?«, fragte er.
    »Der Erste Konsul.«
    »Oh!«, rief der junge Mann. »Erbitten Sie für mich von ihm, dass er mir die Gnade erweist, mich hinter einer Mauer füsilieren zu lassen, ohne dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt, ohne dass mein Name genannt wird, ohne dass jene, die mich füsilieren, jemals erfahren, wer ich bin.«
    »Geben Sie mir Ihr Wort, dass Sie hier auf mich warten und nicht zu fliehen versuchen?«
    »Sie haben mein Wort! Sie haben mein Wort, Monsieur! Aber bringen Sie mir um Himmels willen den Tod.«
    »Ich werde tun, was ich kann«, sagte Fouché lachend. »Ihr Wort...«
    »Bei meiner Ehre!«, rief Sainte-Hermine und streckte ihm die Hand hin.
    Der Staatsanwalt hatte im Nebenzimmer gewartet. »Und jetzt?«, fragte er, als Fouché eintrat.
    »Sie können nach Vernon zurückfahren«, sagte Fouché. »Hier werden Sie nicht mehr benötigt.«
    »Aber mein Gefangener?«
    »Den behalte ich.«
    Und ohne dem Beamten weitere Erklärungen zu geben, stieg Fouché eilig die Treppe hinunter und sprang mit den Worten: »Zum Ersten Konsul!« in den Wagen.

27
Die Höllenmaschine

    Die Pferde, die bei diesem Befehl wieherten, galoppierten los.
    Vor dem Tuilerienpalast blieben sie von allein stehen; er war ihnen als Halt wohlbekannt.
    Bonaparte weilte bei Joséphine; Fouché wollte nicht dort erscheinen, weil er keine Frau in die wichtige politische Frage verwickeln wollte, die sich anbahnte, und ließ seine Ankunft durch Bourrienne ausrichten.
    Sogleich kam der Erste Konsul in seine Gemächer herauf.
    »Nun, Citoyen Fouché, worum geht es?«
    »Citoyen Erster Konsul, es geht darum, dass ich so vieles mit Ihnen zu besprechen habe, dass ich keine Rücksicht darauf nehmen konnte, ob ich Sie störe oder nicht.«
    »Sie haben recht daran getan. Gut, sagen Sie alles.«
    »Vor Monsieur de Bourrienne?«, fragte Fouché sehr leise.
    »Monsieur de Bourrienne ist taub, Monsieur de Bourrienne ist stumm, Monsieur de Bourrienne ist blind«, erwiderte der Erste Konsul. »Sprechen Sie.«
    »Ich habe Cadoudals Mann von einem meiner fähigsten Spitzel verfolgen lassen«, sagte Fouché. »Noch am selben Abend hat er sich mit dem schönen Laurent getroffen, dem Anführer der Compagnons de Jéhu, der seine Leute umgehend zusammengerufen hat.«
    »Und dann?«
    »Ist er nach Straßburg abgereist, hat bei Kehl den Rhein überquert und in Ettenheim den Herzog von Enghien aufgesucht.«
    »Fouché, Sie schenken diesem jungen Mann nicht genug Beachtung; er ist der Einzige aus seiner Familie, der den Mut besaß zu kämpfen, und das recht tapfer; mir wurde sogar versichert, er sei mehrere Male nach Straßburg gekommen. Man muss ihn unbedingt überwachen.«
    »Seien Sie unbesorgt, Citoyen Erster Konsul, wir lassen ihn nicht aus den Augen.«
    »Und weiß man, was sie getan, was sie geredet haben?«
    »Was sie getan haben? Sie haben zu Abend gespeist. Was sie geredet haben, ist schwieriger zu sagen, da sie unter vier Augen blieben.«
    »Und wann haben sie sich getrennt?«
    »Gegen elf Uhr abends ist Citoyen Sol de Grisolles nach London aufgebrochen. Um Mitternacht hat mein Spitzel sich auf den Weg gemacht.«
    »Ist das alles?«
    »Nein. Das Wichtigste kommt noch.«
    »Ich höre.«
    »Die Compagnons de Jéhu sind wieder unterwegs.«
    »Seit wann?«
    »Seit gestern. Sie haben heute Nacht eine Eilpost überfallen.«
    »Und sie ausgeraubt?«
    »Nein. Ich wusste Bescheid und hatte die Kutsche mit Gendarmen gespickt, und bei der ersten Aufforderung anzuhalten, wurde nicht gehorcht, sondern gefeuert. Ein Compagnon de Jéhu wurde getötet, ein zweiter gefangen genommen.«
    »Ein elender Strauchritter?«
    »Nein«, sagte Fouché kopfschüttelnd, »ganz im Gegenteil.«
    »Ein Aristokrat?«
    »Aus bestem Hause.«
    »Hat er geplaudert?«
    »Nein.«
    »Wird er plaudern?«
    »Ich glaube nicht.«
    »Muss man seinen Namen kennen?«
    »Ich kenne ihn.«
    »Er heißt?«
    »Hector de Sainte-Hermine.«
    »Was! Der junge Mann, dessen Ehevertrag ich unterschrieben habe und der nicht aufzufinden war, als er unterschreiben sollte?«
    Fouché nickte bejahend.
    »Lassen Sie ihm den Prozess machen«, rief Bonaparte.
    »Frankreichs beste Namen werden kompromittiert sein.«
    »Dann lassen Sie ihn hinter einer Mauer füsilieren, an einer Hecke, in einem Graben.«
    »Darum soll ich Sie in seinem Namen bitten.«
    »Wohlan! Seine Bitte sei ihm gewährt.«
    »Erlauben Sie mir, ihm diese gute Nachricht zu überbringen.«
    »Wo ist er?«
    »Bei mir.«
    »Wie das, bei Ihnen?«
    »Oh, ich habe sein Wort, dass er nicht zu fliehen versuchen wird.«
    »Er ist also ein Mann von Herz?«
    »Ja.«
    »Sollte ich ihn sehen?«
    »Ganz wie Sie wollen, Citoyen Erster Konsul.«
    »Zum Teufel, nein, ich ließe mich erweichen und würde ihn begnadigen.«
    »Was unter den gegebenen Umständen das allerfalscheste Signal wäre.«
    »Sie haben recht. Auf, bis morgen soll die Sache beendet sein.«
    »Das ist Ihr letztes Wort?«
    »Ja. Adieu.«
    Fouché verneigte sich und ging.
    Fünf Minuten später befand er sich in seinem Stadtpalais.
    »Nun?«, fragte Hector mit gefalteten Händen.
    »Gewährt«, erwiderte Fouché.
    »Ohne Prozeß, ohne Aufsehen?«
    »Ihr Name wird nicht genannt werden; von jetzt an existieren Sie für niemanden mehr.«
    »Und wann wird man mich füsilieren, denn ich werde doch hoffentlich füsiliert?«
    »Ja.«
    »Wann wird man mich füsilieren?«
    »Morgen.«
    Sainte-Hermine ergriff Fouchés Hände und drückte sie voller Dankbarkeit.
    »Ach! Danke, danke!«
    »Kommen Sie jetzt.«
    Sainte-Hermine gehorchte so folgsam wie ein Kind. Der Wagen wartete noch vor der Tür. Fouché hieß ihn einsteigen und stieg nach ihm ein.
    »Nach Vincennes«, sagte er zum Kutscher.
    Hätte der junge Graf Zweifel gehegt, hätte der Name Vincennes ihn beruhigt, denn dort fanden die standgerichtlichen Exekutionen statt.
    Beide stiegen aus und wurden in die Festung geführt.
    Monsieur Harel, der Festungskommandant, eilte herbei. Fouché sagte ihm einige Worte ins Ohr, und der Kommandant verbeugte sich geflissentlich.
    »Adieu, Monsieur Fouché«, sagte Sainte-Hermine, »und tausendfachen Dank.«
    »Auf Wiedersehen«, erwiderte Fouché.
    »Auf Wiedersehen?«, rief Sainte-Hermine, »was wollen Sie damit sagen?«
    »Ach, mein Gott, wer weiß!«  

    Unterdessen waren Saint-Régeant und Limoëlan in Paris eingetroffen und hatten sich vom ersten Tag an ihrer Aufgabe gewidmet.
    Der Limousiner, wie Fouché ihn genannt hatte, weilte ebenfalls wieder in Paris und hatte Fouché von der Abreise Saint-Régeants und Limoëlans aus London und von ihrem Reiseziel benachrichtigt.
    Die beiden waren Hitzköpfe, die Georges gewissermaßen als Aufklärer vorausgeschickt hatte, während er selbst sich im Hintergrund hielt und erst dann die Bühne betreten wollte, wenn die beiden mit ihren Operationen Erfolg gehabt haben würden.
    Auf welche Weise sie den Ersten Konsul angreifen sollten, hätte niemand sagen können – unter »niemand« verstehen wir all jene, die um das Geheimnis ihrer Anwesenheit in Paris wussten -, und vielleicht hätten sie selbst es ebenso wenig gewusst.
    Der Erste Konsul war nicht schwer zu beschatten: Abends verließ er den Palast zu Fuß, tagsüber nahm er oft allein den Wagen, dreimal wöchentlich fuhr er mit einer Eskorte von drei, vier Männern nach La Malmaison, und mit vergleichbarer Eskorte besuchte er die Comédie-Française und die Oper.
    Bonaparte war kein Büchermensch: Ein Werk beurteilte er nach den Details; Corneille schätzte er, nicht seiner Verse wegen, sondern der Gedanken wegen, die sie enthielten. Wenn er unversehens französische Verse zitierte, waren die Zitate meist mehr als holperig, aber dennoch liebte er die Literatur.
    Die Musik hingegen war ihm reine Erholung. Wie jedem Italiener war sie ihm ein ganz und gar sinnlicher Genuss. Seine Stimme war so ungeübt, dass er keine zwei Noten treffen konnte, doch schätzte er alle großen Komponisten wie Gluck, Beethoven, Mozart oder Spontini.  

    Zu jener Zeit erfreuten sich die Werke Haydns besonders großer Beliebtheit, insbesondere seine Schöpfung, die er drei Jahre zuvor vollendet hatte.
    Die Lebensgeschichte des ungarischen Komponisten ist ein wahrer Roman: Sohn eines armen Wagners, der sein Einkommen damit aufbesserte, dass er sonntags als Wandermusikant in den Dörfern auf der Harfe spielte, während seine Frau dazu sang und der fünfjährige kleine Joseph auf einem Brett eine Art Begleitmusik kratzte; dem Schulmeister im benachbarten Hainburg fiel die außerordentliche musikalische Begabung des Knaben auf, er nahm ihn zu sich, unterrichtete ihn in den Grundlagen der Kompositionslehre und verschaffte ihm einen Platz im Knabenchor am Wiener Stephansdom; sieben, acht Jahre lang wurde sein Kontertenor von den Zuhörern bewundert, bis er ihn im Stimmbruch verlor; nunmehr ohne Erwerbsmöglichkeit, stand er im Begriff, in sein Heimatdorf zurückzukehren, als ein armer Perückenmacher und Musiker ihn aufnahm, beglückt, den gescheiterten Sänger zu beherbergen, dessen Stimme er jahrelang voller Freude vernommen hatte; in der Gewissheit, zumindest nicht Hungers sterben zu müssen, arbeitete Hadyn von nun an sechzehn Stunden am Tag; mit der Oper Der krumme Teufel debütierte er am Theater am Kärntnertor, und von da an war er gerettet.
    Fürst Esterhazy nahm ihn auf und behielt ihn dreißig Jahre lang bei sich. Doch als der Fürst ihm zu Hilfe kam, war Haydn bereits berühmt; mitunter ist es so, dass Fürsten großen Künstlern zu Hilfe und dennoch zu spät kommen.
    Was würde aus den Armen ohne die Armen?
    Haydn wurde nunmehr mit Ehren überhäuft, und aus Dankbarkeit hatte er die Tochter des Perückenmachers geheiratet, die ihm, wie wir nebenbei nicht verschweigen wollen, das gleiche unerreichte Glück zu bescheren wusste, wie Xanthippe es Sokrates angedeihen ließ.  

    Die französische Oper hatte Haydns Oratorium auf den Spielplan gesetzt, und der Erste Konsul hatte verkünden lassen, er werde der ersten Vorstellung beiwohnen.
    Um drei Uhr nachmittags sagte Bonaparte zu Bourrienne, mit dem er arbeitete: »Apropos, Bourrienne, Sie werden heute Abend nicht mit mir dinieren. Ich gehe in die Oper und kann Sie nicht mitnehmen. Ich werde schon von Lannier, Berthier und Lauriston begleitet, aber Sie können auf eigene Faust hingehen; Sie haben abends frei.«
    Doch als Bonaparte aufbrechen wollte, erschöpft von der Arbeit des ganzen Tages, war er unsicher, ob er tatsächlich hingehen sollte.
    Sein Zögern währte von acht Uhr bis um Viertel nach acht.
    Während dieser fünfzehn Minuten des Zögerns ereignete sich in der Nachbarschaft der Tuilerien Folgendes:
    Zwei Männer führten in die Rue Saint-Nicaise, eine enge Straße, die es nicht mehr gibt und durch die der Weg des Ersten Konsuls geführt hätte, ein Pferd und einen Karren mit einem Pulverfass; auf der Mitte der Straße holte einer der beiden vierundzwanzig Sous aus der Tasche und gab sie einem Mädchen, das er bat, das Pferd zu halten; der andere lief zu einer Stelle mit Sicht auf die Tuilerien, um von dort das Signal zu geben, während sein Kumpan sich bereithielt, um die Lunte des schrecklichen Mechanismus zu entzünden.
    Als es Viertel nach acht Uhr schlug, rief der Mann mit Sicht auf die Tuilerien: »Da ist er!«, und der Mann an der Höllenmaschine entzündete die Lunte und rannte davon. Wie ein Wirbelwind raste der Wagen des Ersten Konsuls mit seinen vier Pferden vom Louvre her, gefolgt von einer Abteilung Grenadiere zu Pferd. Als sie in die Straße einbogen, sah der Kutscher namens Germain, den der Erste Konsul César zu nennen pflegte, das Pferd und den Karren mitten auf der Straße und rief, ohne anzuhalten oder seine Pferde zu zügeln: »Aus dem Weg!«
    Er lenkte seine Pferde nach links, und das Mädchen, das befürchtete, mitsamt dem Wagen, den man ihm anvertraut hatte, über den Haufen gefahren zu werden, drückte sich auf die rechte Straßenseite. Der Wagen des Ersten Konsuls und seine Eskorte donnerten vorbei, doch sie hatten noch nicht die nächste Straßenbiegung passiert, da ertönte ein entsetzlicher Lärm, als wären zehn Artilleriegeschütze gleichzeitig abgefeuert worden.
    Der Erste Konsul sagte: »Man hat mit Kartätschen auf uns geschossen. César, halten Sie an!«
    Der Wagen hielt an.
    Bonaparte sprang heraus.
    »Wo ist der Wagen meiner Frau?«, fragte er.
    Wie durch ein Wunder hatte Madame Bonaparte sich verspätet, weil sie sich mit Rapp über die Farbe eines Kaschmirschals nicht hatte einigen können, und war dem Wagen ihres Mannes nicht unmittelbar gefolgt.
    Der Erste Konsul sah sich um und erblickte eine Wüste der Vernichtung: Mehrere Häuser waren bis auf die Grundmauern zerstört, von einem war keine einzige Mauer stehen geblieben, die Schreie der Verwundeten klangen schaurig, Tote bedeckten den Boden.
    Im Tuilerienpalast waren alle Fenster geborsten, und sämtliche Glasscheiben der Kutschen des Ersten Konsuls und Madame Bonapartes waren in tausend Scherben zersprungen. Madame Murat hatte sich so erschreckt, dass sie nicht weiterfahren wollte und in den Tuilerienpalast zurückgebracht werden musste.
    Bonaparte vergewisserte sich, dass niemand aus seiner Umgebung verwundet war. Dass Joséphines Kutsche nicht zu sehen war, bekümmerte ihn nicht; er schickte zwei Grenadiere, die ihr ausrichten sollten, er sei gesund und wohlauf und erwarte sie in der Oper.
    Dann stieg er wieder in die Kutsche und rief: »Zur Oper, so geschwind wie möglich! Niemand soll denken, ich wäre tot!«
    Das Gerücht von der Katastrophe hatte sich bereits bis zur Oper ausgebreitet; es hieß, die Meuchelmörder hätten ein ganzes Stadtviertel in die Luft gesprengt, und der Erste Konsul sei schwer verletzt; andere Gerüchte besagten, er sei tot. Und mit einem Mal öffnete sich der Eingang zu seiner Loge, und man sah ihn vorne Platz nehmen, ruhig und unerschütterlich wie gewohnt.
    Bei seinem Anblick erhob sich ein einhelliger Ruf, der allen Herzen entsprang. Für alle, ausgenommen seine persönlichen Feinde, war Bonaparte der erzene Pfeiler, der Frankreich aufrechterhielt. Alles ruhte auf ihm: der militärische Ruhm, das nationale Wohlergehen, das allgemeine Glück und der innere Frieden Frankreichs und der Frieden der ganzen Welt.
    Der Beifall verdoppelte sich, als nunmehr Joséphine erschien, bleich und zitternd, denn sie versuchte gar nicht erst, ihre Gefühle zu verbergen, einen Blick voller Besorgnis und Liebe auf den Ersten Konsul geheftet.
    Bonaparte wohnte der Aufführung nur eine Viertelstunde lang bei; dann befahl er die Rückkehr in den Tuilerienpalast; er konnte es kaum erwarten, sein zornerfülltes Herz zu erleichtern; ob aus echter Überzeugung oder aus vorgetäuschtem Furor – sein ganzer Hass auf die Jakobiner war wiedererwacht und würde sich an ihnen austoben.
    Befremdlich an allen Versuchen, sich als Dynastie zu etablieren, die in Frankreich nacheinander die zwei Napoleons, der ältere und der jüngere Zweig der Bourbonen und sogar unsere gegenwärtige Regierung unternommen haben, ist der fatale und zerstörerische Instinkt, der sie dazu antreibt, sich an dem unheilvollen Thron Ludwigs XVI. und dem antinationalen Königtum Marie-Antoinettes zu orientieren. Offenbar sind die Gegner dieser zwei Unseligen, die für die Untaten Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. büßen mussten, auch die Gegner aller neuen Throne, ganz gleich, wie nah oder fern sie dem alten Herrscherhaus stehen mögen. Bonapartes Trachten nach dem Thron war unklug, wenn nicht gar ein Fehler.
    Da die Detonation der Höllenmaschine in ganz Paris zu vernehmen gewesen war, füllte sich der Empfangssalon im Erdgeschoss mit Sicht auf die große Terrasse im Handumdrehen mit Neugierigen.
    Am Blick des Herrschers, denn das war er inzwischen, wollte man ablesen, wem man dieses neuerliche Verbrechen zuschreiben, wem man die Schuld daran geben sollte.
    Der Erste Konsul hielt mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berg, obwohl er am selben Tag eine lange Unterredung mit Fouché gehabt hatte, in deren Verlauf dieser ihm von royalistischen Umtrieben berichtet hatte. So kühl und beherrscht er in der Oper gewirkt hatte, so aufgewühlt und erregt kehrte er in den Palast zurück. Sein Vorurteil gegen die Jakobiner erfüllte ihn mit irrwitzigem Zorn.
    »Diesmal, meine Herren«, sagte er beim Eintreten, »stecken weder Adelige noch Priester, noch Chouans, noch Vendée-Aufständische dahinter; es ist das Werk der Jakobiner und nur der Jakobiner, die mich ermorden wollten. Ich weiß, wo ich diesmal nach den Tätern zu suchen habe, und davon werde ich mich nicht abbringen lassen. Das sind feige September-Mörder, schmutzbesudelte Verräter, die nur ein Ziel kennen: die Dauerverschwörung, den offenen Aufruhr, den erklärten Kampf gegen Gesellschaft und Regierung, ganz gleich welche. Es ist noch keinen Monat her, dass Sie miterlebt haben, wie Ceracchi, Aréna, Topino-Lebrun und Demerville mir nach dem Leben trachteten. Nun, und das hier sind ihre Kumpane, diese September-Blutsäufer, diese Versailles-Mörder, diese 31.-Mai-Briganten, diese Prairial-Verschwörer, diese Urheber aller Verbrechen gegen jede Regierung. Wenn man sie nicht in Ketten legen kann, muss man sie vernichten, man muss Frankreich von diesem eklen Bodensatz seines Volkes säubern: Kein Erbarmen mit Verrätern. Wo ist Fouché?«
    Ungeduldig klopfte er mit dem Fuß auf den Boden: »Wo ist Fouché?«, wiederholte er.
    Fouché erschien. Seine Kleidung war staubig und gipsbestäubt.
    »Woher kommen Sie denn?«, fragte Bonaparte.
    »Dorther, woher zu kommen meine Pflicht ist«, erwiderte Fouché. »Aus Ruinen.«
    »So, so! Wollen Sie immer noch behaupten, es seien Royalisten gewesen?«
    »Ich werde erst etwas sagen, Citoyen Erster Konsul«, erwiderte Fouché, »wenn ich genau weiß, was ich sagen werde, und wenn ich Anklage erhebe, werde ich sie gegen die wahren Schuldigen erheben, seien Sie unbesorgt.«
    »Sind die wahren Schuldigen in Ihren Augen etwa nicht die Jakobiner?«
    »Die wahren Schuldigen sind jene, die das Verbrechen begangen haben, und nach ihnen werde ich suchen.«
    »Paperlapapp! Die sind nicht schwer zu finden.«
    »Im Gegenteil, sehr schwer sogar.«
    »Ha! Ich weiß, um wen es sich handelt, ich verlasse mich nicht auf Ihre Polizei, ich bin meine eigene Polizei, ich weiß, wer dieses Verbrechen begangen hat, und ich werde diese Leute fassen und ein Exempel an ihnen statuieren. Bis morgen, Monsieur Fouché, ich harre Ihrer Entdeckungen. Bis morgen, meine Herren.«
    Bonaparte begab sich in seine Gemächer hinauf.
    In seinem Kabinett fand er Bourrienne vor. »Ach, Sie sind es«, sagte er. »Haben Sie gehört, was vorgefallen ist?«
    »Gewiss«, sagte Bourrienne. »Zu dieser Stunde hat ganz Paris davon gehört.«
    »So, so! Aber ganz Paris soll auch erfahren, wer die Täter sind.«
    »Nehmen Sie sich in Acht: Paris wird diejenigen beschuldigen, die Sie nennen.«
    »Die ich nenne, zum Henker! Ich werde die Jakobiner nennen.«
    »Fouché ist anderer Ansicht; er behauptet, es handele sich um eine Verschwörung von höchstens zwei, drei Leuten. Verschwörungen von fünf oder mehr Tätern, sagt er, seien Sache der Polizei.«
    »Fouché hat seine eigenen Gründe, nicht meiner Meinung zu sein; er hält seine schützende Hand über die Seinen – war er etwa nicht einer ihrer blutrünstigsten Anführer? Ich weiß sehr wohl, was er in Lyon und an der Loire getan hat. Ha! Lyon und die Loire, das sagt alles, was ich über ihn wissen muss. Guten Abend, Bourrienne.«
    Ruhiger ging er in seine Privaträume, denn seinem Zorn hatte er nun ausreichend Luft gemacht.
    Unterdessen war Fouché in die Ruinen zurückgekehrt, aus denen er gekommen war; um die Rue Saint-Nicaise herum hatte er einen Kordon von Polizisten Aufstellung nehmen lassen, damit der Schauplatz des Attentats so intakt wie möglich erhalten blieb.
    Auf diesen Schauplatz hatte Fouché den Limousiner oder Victor mit den vier Gesichtern geschickt; letzteren Spitznamen bei der Polizei verdankte der Spitzel der Leichtigkeit, mit der er vier einander denkbar entgegengesetzte Rollen zu spielen verstand: die des Mannes aus dem Volk, die des feinen Herrn, die des Engländers und die des Deutschen.
    Diesmal sollte er sich weder verstellen noch verkleiden, sondern nur die einzigartigen Fähigkeiten, mit denen die Natur ihn ausgestattet hatte, einsetzen, um die rätselhaftesten und verborgensten Spuren zu entdecken.
    Fouché traf ihn auf einem Mauerstück sitzend an, in Gedanken versunken.
    »Nun, Limousiner?«, fragte Fouché, der den Namen verwendete, mit dem er den Spitzel seinerzeit irrtümlich bezeichnet hatte.
    »Nun, Citoyen, ich dachte mir, ich sollte am besten den Kutscher befragen, denn er allein konnte von seinem Kutschbock aus sehen, was sich auf der Straße befand, als er in sie einfuhr. Und César hat mir Folgendes gesagt, was ich nicht bezweifle.«
    »Denkst du nicht, dass er vor Angst blind oder gar betrunken war?«
    Der Limousiner schüttelte den Kopf. »César ist ein wackerer Mann«, sagte er, »der eigentlich Germain heißt und vom Ersten Konsul persönlich César getauft wurde, als dieser sah, wie er in Ägypten mit drei Arabern kämpfte, einen von ihnen tötete und einen gefangen nahm. Vielleicht würde der Erste Konsul, der niemandem etwas verdanken will, gerne behaupten, er wäre betrunken gewesen, aber er war es nicht.«
    »Nun gut! Und was hat er gesehen?«, fragte Fouché.
    »Er hat gesehen, wie ein Mann in Richtung der Rue Saint-Honoré weglief und eine brennende Lunte hinter sich warf, und er hat ein Mädchen gesehen, das ein Pferd am Zügel hielt; das Pferd zog einen Karren mit einem Fass. Das junge Mädchen wusste sicher nicht, was dieses Fass enthielt. Es war nämlich ein Pulverfass, und der Mann, der weglief, hatte es in Brand gesetzt.«
    »Man muss das Mädchen finden und es verhören«, sagte Fouché.
    »Das Mädchen?«, erwiderte der Limousiner. »Hier, da haben Sie seinen Fuß.« Und er zeigte Fouché einen abgerissenen Fuß in einem blauen Baumwollstrumpf, der noch im Schuh steckte.
    »Und ist von dem Pferd etwas übrig?«
    »Ein Oberschenkel und der Kopf. Der Kopf hat mitten auf der Stirn einen weißen Stern. Außerdem habe ich ein paar Fetzen Fell, genug für eine Beschreibung.«
    »Und der Karren?«
    »Da müssen wir abwarten; ich habe angeordnet, alle Eisenteile, die man findet, aufzusammeln. Morgen früh werde ich sie mir ansehen.«
    »Mein lieber Freund, ich überlasse Ihnen diese Geschichte.«
    »Sehr wohl, aber mir allein.«
    »Für die Polizei des Ersten Konsuls kann ich nicht garantieren.«
    »Das macht nichts, solange Ihre Polizei mir nicht ins Handwerk pfuscht.«
    »Meine Polizei wird sich verhalten, als wäre nichts geschehen.«
    »Dann wird es keine Schwierigkeiten geben.«
    »Sie geben mir Ihr Wort?«
    »Wenn ich ein Ende einer Sache habe, will ich an das andere Ende kommen.«
    »Sehr gut, tun Sie das; am Tag Ihrer Ankunft erwarten Sie tausend Fünf-Franc-Stücke.«
    Und Fouché machte sich auf den Nachhauseweg, überzeugter denn je, dass für dieses Attentat nie und nimmer die Jakobiner verantwortlich waren.
    Am nächsten Tag wurden zweihundert Personen, deren revolutionäre Gesinnung bekannt war, festgenommen, und nachdem Bonaparte hin und her überlegt hatte, entschied er sich dafür, sie deportieren zu lassen, auf Grundlage einer Gesetzesvorlage der Konsuln, die dem Senat zur Zustimmung vorgelegt wurde.
    Am Tag vor ihrer Verhaftung wurden die Verdächtigen einer nach dem anderen vier Männern vorgeführt, die wie Arbeiter oder Handwerker aussahen. Einer der vier war Rosshändler, einer war Getreidehändler, einer Wagenvermieter und einer Böttcher.
    Keiner der vier erkannte unter den Vorgeführten einen der beiden Männer wieder, mit denen sie zu tun gehabt hatten; bislang deuteten die Untersuchungsergebnisse auf zwei, höchstens drei Täter hin, wobei der dritte – wenn es ihn gab – sich im Hintergrund gehalten hatte.
    Wie war es zu dieser vierköpfigen Kommission gekommen? Mit bewundernswertem Scharfsinn hatte der Limousiner das Pferd aus seinen Überresten zusammengesetzt. Und am Tag nach dem Attentat konnte man in allen Zeitungen und auf Anschlägen an allen Straßenecken lesen:  

    Der Polizeipräfekt teilt seinen Mitbürgern mit, dass an den Karren, auf dem sich das eisengefasste Pulverfass befand, das gestern Abend um Viertel nach acht Uhr auf der Rue Saint-Nicaise vor der Einmündung der Rue Malte auf dem Weg des Ersten Konsuls explodiert ist, eine braune Stute gespannt war, Kaltblüter, struppige Mähne, langer Schwanz, fuchsfarbene Nase, Flanken und Fesseln von hellerer Färbung, Muster an der Stirn, weiße Stellen beidseits am Rücken, auffällige Stichelhaare rechts unter der Mähne, bejahrt, ungefähr einen Meter fünfzig oder vier Fuß und sechs Zoll hoch, wohlgenährt und gepflegt, ohne Kennzeichen an Schenkeln oder Hals, die den Besitzer verrieten.
    Jeder, der Kenntnisse über den Besitzer dieser Stute hat oder der sie an den Karren angespannt gesehen hat, wird gebeten, dem Polizeipräfekten Auskunft zu geben, mündlich wie schriftlich. Der Präfekt hat eine Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der hilft, den Besitzer ausfindig zu machen. Alle sind aufgefordert, der Verwesung wegen sobald wie möglich die Überreste der Stute zu besichtigen.  

    Dieser Anschlag rief alle Pariser Pferdehändler auf den Plan.
    Schon am ersten Tag erkannte der Rosshändler, der die Stute verkauft hatte, das Tier wieder.
    Er verlangte, den Polizeipräfekten zu sprechen. Man schickte ihn zu dem Limousiner.
    Dem Limousiner nannte der Rosshändler Namen und Adresse des Getreidehändlers, dem er die Stute verkauft hatte.
    Der Limousiner behielt den Rosshändler da und ließ den Getreidehändler holen.
    Der Getreidehändler erkannte ebenfalls die Überreste der Stute und sagte aus, er habe sie an zwei Individuen verkauft, die sich als Jahrmarktshändler ausgegeben hatten. Er erinnerte sich gut an sie, da er mehrmals mit ihnen zu tun gehabt hatte, und beschrieb sie genau.
    Der eine war brünett, der andere dunkelblond; der Größere der beiden mochte an die fünf Fuß und sechs oder sieben Zoll messen, der andere etwa drei Zoll weniger; der eine machte einen militärischen, der andere einen bürgerlichen Eindruck.
    Tags darauf sprach ein Wagenvermieter vor und erkannte ebenfalls die Stute wieder, die einige Tage lang bei ihm untergestellt worden war. Auch er beschrieb die zwei Männer, und seine Schilderung deckte sich mit der des Getreidehändlers.
    Als Letzter kam der Böttcher, der das Fass verkauft und mit Eisenreifen beschlagen hatte.
    Beträchtlich erleichtert hatte dem Limousiner seine Aufgabe die allgemeine Begeisterung für den Ersten Konsul; dank ihrer hatten die Zeugen nicht darauf gewartet, vorgeladen zu werden, sondern sich freiwillig gemeldet; jeder, der zur Aufklärung dieser undurchsichtigen Sache beitragen zu können vermeinte, lief mit seinem Wissen zur Polizei, und es stand eher zu befürchten, dass die Zeugen zu dick auftrugen, als dass sie etwas verschwiegen.
    Doch all das hatte nicht viel mehr ergeben, als Fouché darin zu bestätigen, dass keiner der festgenommenen Jakobiner mit dem Attentat zu tun haben konnte; keinen der Beschuldigten hatten die vier Zeugen wiedererkannt, genau wie von Fouché erwartet.
    Dennoch zeitigte die Gegenüberstellung ein Ergebnis: Zweihundertdreiundzwanzig der mittlerweile inhaftierten Personen wurden aus der Haft entlassen. Die hundertdreißig verbliebenen jedoch verfolgte Bonaparte umso unerbittlicher.
    Daraufhin kam es im Staatsrat zu abenteuerlichen Szenen.
    Bei einem dieser Anlässe geriet der Staatsrat Réal – vormals Verwalter des Châtelet und unter der Revolution öffentlicher Ankläger, von Robespierre als Gemäßigter abgesetzt, Begründer des Journal de l’opposition und des Journal des patriotes von 1789 und nicht zuletzt Geschichtsschreiber der Republik – mit Regnault de Saint-Jean-d’Angély und mit Bonaparte aneinander. Réal vertrat die Ansicht, dass Bonaparte mit persönlichen Feinden abrechnete und nicht mit den wahren Urhebern des Attentats.
    »Aber den September-Mördern will ich endlich das Handwerk legen!«, rief Bonaparte.
    »September-Mörder!«, erwiderte Réal. »Wenn es sie gibt, mögen sie alle miteinander den Tod finden. Aber was verstehen wir unter einem September-Mörder? Monsieur Roederer, der morgen in den Augen des Faubourg Saint-Germain als September-Mörder gelten wird? Monsieur de Saint-Jean-d’Angély, der für die Emigranten ein September-Mörder sein wird, sobald sie wieder an der Macht sein werden?«
    »Gibt es etwa keine Listen dieser Männer?«
    »Oh, gewiss«, erwiderte Monsieur Réal, »gewiss gibt es Listen, und auf der ersten dieser Listen sehe ich den Namen von Baudrais, der seit fünf Jahren Richter auf Guadeloupe ist. Ich sehe auch den Namen von Pâris, dem Gerichtsschreiber des Revolutionstribunals, der vor sechs Monaten gestorben ist.«
    Bonaparte wendete sich an Monsieur Roederer. »Wer zum Teufel hat diese Listen verfasst?«, fragte er. »Es gibt in Paris doch genug unbelehrbare Anhänger von Babeufs anarchistischen Hirngespinsten!«
    »Pah«, sagte Réal, »auch ich stünde auf dieser Liste, wäre ich nicht Staatsrat, denn ich habe Babeuf und seine Mitangeklagten seinerzeit verteidigt.«
    Bonaparte verfügte über außergewöhnliche Selbstbeherrschung. »Ich sehe«, sagte er, »dass sich persönliche Gefühle in eine Staatssache gemischt haben. Wir sollten die Erörterung ein andermal gelassen und unvoreingenommen wiederaufnehmen.«
    Nicht jeder hätte Réal verziehen, vor dem gesamten Staatsrat von ihm als im Unrecht abgekanzelt worden zu sein. Doch Bonaparte, der sich nicht davon abbringen ließ, unerbittlich jene zu verfolgen, die er unbedingt unschädlich machen wollte, ließ sich von diesem ehrlichen Mann die Meinung sagen und hörte auf ihn.
    Sechs Monate später wurde Réal als Minister der Polizei übergeordnet.
    »Aber Turenne hat die Pfalz in Brand gesteckt!«, sagte man zu Bonaparte.
    »Was macht das schon«, erwiderte er, »wenn das für seine Pläne unerlässlich war!«
    Für Bonapartes Pläne war es unerlässlich, dass einhundertunddreißig Jakobiner deportiert wurden.
    Was scherte es ihn, ob sie schuldig waren oder nicht?

28
Die wahren Schuldigen

    Sobald Bonaparte das Komplott der unbekannten Attentäter, die ihm nach dem Leben getrachtet hatten, weidlich genutzt hatte, um die hundertdreißig Jakobiner, diese Opfer seines Hasses, die er zu Unrecht dieser Tat beschuldigte, deportieren zu lassen, war ihm zwangsläufig eine frühere Verschwörung in Erinnerung gekommen, die ihre vier Urheber Aréna, Topino-Lebrun, Ceracchi und Demerville in verschiedene Pariser Gefängnisse gebracht hatte. Als die Höllenmaschine explodierte, warteten sie noch auf ihr Urteil.
    Wie jemand, der seine Geschäfte ordnen will, befahl Bonaparte die umgehende Bestrafung dieses Verbrechens, die sofortige Abwicklung des verzögerten Gerichtsverfahrens und die schnellstmögliche Hinrichtung der Täter, damit all das sich im Windschatten der neuen Ereignisse abspielte.
    Und als Fouché, mittlerweile dank der Berichte seines Spitzels fest davon überzeugt, die wahren Urheber des Attentats bald in seinem Netz zappeln zu sehen, von Bonaparte wissen wollte, ob dieser irgendwelche Anordnungen für ihn habe, irgendwelche Vorkehrungen getroffen wünsche, nachdem er sein Gesetz durchgebracht hatte, das die Deportation der Jakobiner erlaubte, und nachdem die letzten Vertreter der Revolution unter den kurzsichtigen Verwünschungen des französischen Volkes das Land durchquert hatten, da trug dieser ein Gebaren zur Schau, als hätte er die Frage nicht recht verstanden, und bequemte sich nur zu der Antwort: »Verjagen Sie all diese Hinterhofkurtisanen und gefallenen Mädchen, die wie ein Fliegenschwarm die Umgebung der Tuilerien verpesten.«
    In der Tat war ihm aufgefallen, dass Prostituierte und ihre übelbeleumdeten Quartiere nicht nur im Dunstkreis beinahe aller Verschwörungen, sondern fast aller Verbrechen anzutreffen waren. Seine nächsten Worte machten Fouché jedoch klar, dass der Erste Konsul weniger an seine persönliche Sicherheit dachte als an die Verschönerung der Stadt Paris.
    »Um Gottes willen!«, rief Fouché, indem er sich unbeabsichtigt einer frommen Wendung bediente. »Denken Sie doch wenigstens an Ihre Sicherheit!«
    »Citoyen Fouché«, sagte Bonaparte lachend, »sollten Sie etwa zufällig an Gott glauben? Das würde mich gewaltig verwundern.«
    »Wenn ich schon nicht an Gott glauben sollte«, erwiderte Fouché ungehalten, »werden Sie doch aber gewiß nicht bezweifeln, dass ich an den Teufel glaube, oder? Nun, im Namen des Teufels, welch Letzterem wir, wie ich hoffe, in den nächsten Tagen die Seelen Ihrer Verschwörer überantworten werden, denken Sie an Ihre Sicherheit!«
    »Pah!«, sagte der Erste Konsul mit seiner gewohnten Kaltblütigkeit. »Denken Sie, es wäre so einfach, mich umzubringen? Ich habe keine festen Gewohnheiten, keinen geregelten Tagesablauf, alles, was ich tue, unterbreche ich von einem Augenblick auf den anderen, ich verlasse das Haus so unerwartet, wie ich zurückkehre. Bei Tisch ist es nicht anders: Ich habe keine Vorliebe für bestimmte Gerichte, ich esse, was auf den Tisch kommt, koste von dem, was neben mir steht, ebenso wie von dem am anderen Ende der Tafel. Und all das tue ich nicht systematisch, das dürfen Sie mir glauben, sondern aus schierer Neigung und Vorliebe. Doch nun, mein Lieber, da Sie so klug sind und auch diesmal die Schuldigen ausfindig machen werden, wenngleich seit dem Attentat auf mich bereits ganze fünfzehn Tage verstrichen sind – treffen Sie nur Ihre Vorkehrungen und wachen Sie über mich, denn das ist Ihre Sache.«
    Da Bonaparte sah, dass Fouché zu überlegen schien, ob diese Worte dem Kalkül entsprangen, die Öffentlichkeit zu beeindrucken, fügte er hinzu: »Glauben Sie nur nicht, meine Gelassenheit entspränge blindem Fanatismus oder gar meinem Vertrauen in den Fleiß Ihrer Polizei. Ein Mordkomplott gelangt zur Ausführung: Die Unkenntnis der Einzelheiten, die Ungewissheit des Ergebnisses, die notgedrungen große Unsicherheit, wie man sich dagegen wehren sollte, all das ist viel zu schemenhaft für einen so sachlichen Geist und einen so kompromisslosen Charakter, wie ich sie besitze. Angesichts greifbarer Hindernisse wachsen meine Intelligenz und mein Einfallsreichtum; doch was soll ich einer auf mich gezielten Falle entgegensetzen, einem Dolchstoß in einem Flur der Oper, einem Gewehrschuss aus einem Fenster, einer Höllenmaschine, die an einer Straßenecke explodiert? Jederzeit müsste ich alles fürchten. Sinnlose Schwäche! Sich allerorten vor allem in Acht nehmen: unmöglich! Die Gefahren, denen ich mich unablässig aussetze, muss ich mir nicht nur aus dem Sinn schlagen, ich muss mich von dem bloßen Gedanken daran befreien, indem ich sie vergesse, gründlich vergesse. Denn ich vermag«, fügte er hinzu, »meine Gedanken zu leiten oder sie wenigstens so weit zu lenken, dass ich meine Gefühle und Handlungen meinem Willen unterwerfen kann: Was ich ein für alle Mal als außerhalb meiner Mittel und meines Beliebens erachte, werde ich nie wieder mit der geringsten Aufmerksamkeit bedenken; und von Ihnen verlange ich nichts weiter, als mir meine Ruhe zu lassen, denn meine Ruhe ist meine Stärke.«
    Da Fouché abermals verlangte, der Erste Konsul solle sich vorsehen, sagte er zuletzt: »Schluss jetzt, gehen Sie nach Hause. Lassen Sie Ihre Männer festnehmen, wenn Sie meinen, sie überführt zu haben, lassen Sie sie aufhängen, füsilieren, guillotinieren, nicht weil sie mich ermorden wollten, sondern weil sie Tölpel sind, die mich verfehlt haben und stattdessen zwölf Citoyens getötet und sechzig verletzt haben.«
    Fouché begriff, dass angesichts Bonapartes gegenwärtiger Geistesverfassung nichts auszurichten war. Er ging nach Hause und traf dort den Limousiner an, der auf ihn wartete.
    Dieser Mann, dessen Gewandtheit ihm Fouchés ganzes Vertrauen gesichert hatte, wusste inzwischen, dass seit dem Anschlag mit der »Höllenmaschine« drei Männer spurlos verschwunden waren, die von der Polizei überwacht worden waren, weil man argwöhnte, sie seien Chouans, nach Paris gekommen in der Absicht, den Ersten Konsul zu ermorden; völlig zutreffend schloss er, dass diese drei die Urheber des Verbrechens sein mussten, denn sonst wären sie nicht untergetaucht, sondern hätten nicht gezögert, sich zu zeigen, damit man sie auf keinen Fall verdächtigte. Er wusste, wer die drei waren: Limoëlan, ein alter Vendée-Kämpfer, Saint-Régeant und Carbon.
    Von Limoëlan und Saint-Régeant fehlte jede Spur, doch im Faubourg Saint-Marcel entdeckte der Spitzel eine Schwester Carbons, die dort mit ihren zwei Töchtern wohnte. Er mietete ein Zimmer im selben Stockwerk und hielt sich mehrere Tage lang so auffällig wie möglich dort verborgen; am dritten Tag, besser gesagt in der dritten Nacht, schleppte er sich nach lautem Jammergeschrei, das die dünnen Wände sicherlich nicht vor den Ohren seiner Nachbarn verborgen hatten, bis vor ihre Wohnungstür, klingelte und sank an der Wand auf die Knie.
    Eine der Töchter öffnete die Tür, sah ihn entkräftet dort lehnen, kaum des Sprechens fähig.
    »Oh, Mama«, rief sie, »es ist unser armer Nachbar, der den ganzen Tag so gejammert hat!«
    Die Mutter kam hinzu, half ihm auf die Beine, nahm ihn mit in die Wohnung und setzte ihn auf einen Stuhl; dann fragte sie, wie sie und ihre Töchter ihm trotz ihrer Armut helfen könnten.
    »Ich sterbe Hungers«, erwiderte der Limousiner, »ich habe seit drei Tagen nichts gegessen. Ich wage mich nicht auf die Straße, wo es von Polizeispitzeln wimmelt, denn ich bin mir sicher, dass sie nach mir suchen.«
    Carbons Schwester flößte ihm ein Glas Wein ein und reichte ihm dann ein Stück Brot, das er verschlang, als hätte er tatsächlich drei Tage lang nichts zu sich genommen. Und da die Frauen befürchteten, die Polizeispitzel seien ihretwegen unterwegs, der Schwester und der Nichten Carbons wegen, fragten sie ihren Nachbarn, was er getan habe.
    Indem er sich stellte, als gäbe er ihren Fragen nach, gestand er oder gab er vor zu gestehen, dass er von Cadoudal nach Paris geschickt worden war, um sich Saint-Régeant und Limoëlan anzuschließen. Doch als er am Tag nach dem Attentat in Paris angekommen war, hatte er sich über keinen der beiden kundig machen können. Dies war umso unerfreulicher, als er um ein unfehlbares Mittel wusste, sie nach England zu bringen. An diesem ersten Tag ihrer Bekanntschaft vertrauten die alte Dame und ihre Töchter sich dem Fremden noch nicht an; sie gaben ihm jedoch Brot und eine Flasche Wein und versprachen ihm, für ihn zu sorgen, solange er auf ihrer Etage wohnte, wenn er für seine Lebensmittel bezahlte, denn sie lebten zwar nicht im Elend, doch in größter Armut.
    Am zweiten Tag ihrer Bekanntschaft erfuhr er, dass Carbon der Bruder der alten Dame war und sich bis zum 7. Nivôse bei ihr aufgehalten hatte. Dann hatte eine Demoiselle de Cicé ihn im Auftrag von Limoëlans Beichtvater abgeholt und zu einem kleinen Nonnenorden von Sacré-Cœur gebracht, unter dem Vorwand, er sei ein Priester, der den Eid auf die Verfassung verweigert hatte und deshalb noch nicht nach Frankreich zurückkehren dürfe; da er nicht länger warten wolle, sei er nach Frankreich zurückgekommen, denn er rechne täglich damit, von der Liste der Emigranten gestrichen zu werden. Im Übrigen war er bei den Nonnen sicher aufgehoben, und seine Beschützerinnen, die dem Ersten Konsul für sein Einlenken ihrer Religionsausübung gegenüber dankbar waren, feierten jeden Tag eine Messe für den Erhalt seiner kostbaren Existenz, an welcher teilzunehmen Carbon niemals versäumte.
    Über die Verschwörung der Attentäter mit der Höllenmaschine war die alte Dame vorzüglich unterrichtet, denn sie hatte sich unter ihren Augen abgespielt; sie zeigte dem Limousiner das letzte der zwölf Pulverfässer, mit denen das große Fass gefüllt worden war.
    Das letzte Faß enthielt noch an die zwölf Pfund Pulver; der Limousiner erkannte, dass es sich um englisches Schießpulver allererster Güte handelte; die anderen Fässer waren zu Feuerholz zersägt worden, und Limoëlan hatte sogar gesagt: »Gehen Sie sorgsam damit um, meine Damen, das ist teuer erkauftes Holz!«
    Sie zeigte ihm auch die Kittel, mit denen sich Limoëlan und Carbon verkleidet hatten; was aus dem Kittel Saint-Régeants geworden war, wusste sie nicht.
    Nun galt es nur noch herauszufinden, in welchem Nonnenkloster Carbon sich aufhielt. Die drei Damen wussten es auch nicht, doch der vorgebliche Chouan behauptete so beharrlich, er müsse seine Flucht mit Carbon abstimmen, dass dessen Schwester zuletzt versprach, ihm Carbons Adresse am nächsten Tag zu bringen.
    Da sie wusste, wo sie Mademoiselle de Cicé antreffen konnte, suchte sie diese auf und erhielt von ihr die gewünschte Auskunft.
    Die Messen für das Seelenheil des Ersten Konsuls waren öffentlich, und so konnte der Limousiner mit zwei Polizisten in die Kirche eindringen. In einer Ecke des Chors sah er einen Mann, der so andächtig betete, dass es sich um niemand anderen als Carbon handeln konnte.
    Der Spitzel wartete, bis fast alle gegangen waren; dann näherte er sich Carbon und nahm ihn ohne jede Gegenwehr fest, so überrascht war sein Opfer.
    Carbon gab sofort alles zu. Das Geständnis war die einzige Hoffnung, die ihm blieb. Er verriet auch Saint-Régeants Versteck. Es befand sich in der Rue du Bac.
    Als Saint-Régeant festgenommen wurde und erfuhr, dass sein Komplize alles gestanden hatte, machte er keinerlei Ausflüchte, sondern legte folgendes Geständnis ab, das wir dem von ihm unterzeichneten Protokoll entnehmen:  

    »Alles, was der Polizist Victor über den Kauf des Pferdes, das Unterstellen des Karrens bei einem Getreidehändler und den Kauf eines Fasses gesagt hat, ist wahr.
    Wir mussten einen Tag bestimmen und wählten den Abend, an dem der Erste Konsul in der Oper das Oratorium Die Schöpfung besuchen sollte.
    Wir wussten, dass er durch die Rue Saint-Nicaise kommen würde, eine der engsten Straßen in der Nähe der Tuilerien, und dort wollten wir unsere Bombe aufstellen. Der Wagen des Ersten Konsuls sollte um Viertel nach acht vorbeikommen. Punkt acht Uhr war ich mit dem Karren zur Stelle, während sich Limoëlan und Carbon an zwei Portalen des Louvre versteckt hielten, um mich gegebenenfalls zu benachrichtigen. Wie ich als Kärrner verkleidet, hatten sie mir geholfen, den Karren dort abzustellen, wo die Rue de Malte in die Rue Saint-Nicaise einmündet; daraufhin hatten sie ihren Posten bezogen. Fünf Minuten verstrichen. Da ich kein Zeichen erhalten hatte, verließ ich den Karren und vertraute die Zügel des Pferdes einem Bauernmädchen an, dem ich dafür vierundzwanzig Sous gab, und ging die Straße bis zu den Tuilerien entlang.
    Plötzlich hörte ich Limoëlan rufen: ›Da kommt er!‹, und im gleichen Moment vernahm ich das Geräusch eines näher kommenden Wagens und einer Eskorte. Ich lief zu dem Karren zurück und dachte mir dabei: Gott im Himmel, wenn Bonaparte für Frankreichs Frieden notwendig ist, dann wende den Anschlag von seinem Haupt ab und leite ihn auf mich! Dann habe ich dem Mädchen zugerufen: ›Lauf weg!‹ und habe den Zunder entzündet, der das Pulver auf dem Karren in Brand gesetzt hat.
    Wagen und Eskorte hatten mich schon eingeholt. Das Pferd eines Grenadiers hat mich an eine Häusermauer gedrückt; ich bin gestürzt, habe mich aufgerappelt und bin zum Louvre gelaufen, aber nach wenigen Schritten ohnmächtig geworden. Als Letztes sah ich den Feuerschein des Zunders funkeln und dann die Silhouette des Mädchens neben dem Karren; dann habe ich nichts mehr gesehen, gehört oder gespürt!
    Als ich wieder zu mir kam, lag ich unter dem Portal des Louvre. Wie lange ich dort ohnmächtig gelegen hatte, wüsste ich nicht zu sagen. Der kühle Lufthauch hat mich zur Besinnung gebracht; ich wusste wieder, wer ich war, und erinnerte mich an alles, doch zwei Dinge verwunderten mich: dass ich noch am Leben war und dass ich mich in Freiheit befand. Blut floss mir aus Nase und Mund. Zweifellos hatte man mich für einen der vielen harmlosen Passanten gehalten, die von der teuflischen Maschine verwundet worden waren. So schnell ich konnte, lief ich zur Brücke, verknotete meinen Kittel und warf ihn in den Fluss. Ich wusste nicht, wohin; ich hatte erwartet, bei der Explosion zerfetzt zu werden, und mich nicht um einen Unterschlupf für den Fall meines Überlebens gekümmert. Ich fand Limoëlan zu Hause vor, wo wir zusammen wohnten. Als er meinen Zustand sah, holte er einen Beichtvater und einen Arzt. Der Beichtvater war sein Onkel, Monsieur Picot de Colsrivière, der Arzt ein junger Mann aus seinem Freundeskreis. Von ihnen haben wir dann erfahren, dass das Attentat gescheitert war.
    ›Ich war von Anfang an gegen den Zunder‹, sagte Limoëlan. ›Hättest du auf mich gehört und mit mir den Platz getauscht, dann hätte ich die Sprengladung mit einem glühenden Holzscheit entzündet. Ich wäre in Stücke gerissen worden, gewiss, aber ich hätte Bonaparte ins Jenseits befördert. ‹«  

    Das war alles, was aus Saint-Régeant herauszubekommen war, aber mehr benötigte man nicht.
    Limoëlan, der sich schämte, bei seinem Unternehmen gescheitert zu sein, und der davon überzeugt war, dass ein politischer Attentäter entweder zu triumphieren oder umzukommen habe, kehrte nicht zu Georges Cadoudal zurück und setzte keinen Fuß mehr nach England. Da er ebenso fromm wie stolz war, sah er in seinem Handeln Gottes Willen, war nicht bereit, sich der Justiz der Menschen zu unterwerfen, und schiffte sich in Saint-Malo als einfacher Matrose ein.
    Man erfuhr nur, dass er in die Fremde gegangen sei und sich von der Welt zurückgezogen habe; selbst seine engsten Verbündeten wussten nichts von seinem Schicksal. Fouché aber ließ ihn nicht aus den Augen und beobachtete noch lange das entlegene Kloster, in dem er die Priesterweihe empfangen hatte. Er stand nur mit seiner Schwester in Briefwechsel, und am Kopf eines seiner Briefe las Desmarets, der Chef der Geheimpolizei, folgende bemerkenswerte Beschwörung, die Limoëlan offenbar verfasst hatte, weil er fürchtete, englische Kreuzer könnten seine Briefe abfangen:
    »O Engländer! Lasst diesen Brief seinen Bestimmungsort erreichen... er stammt von einem, der für Eure Sache viel getan und viel darum gelitten hat.«  

    Noch zwei weitere Royalisten waren in die Verschwörung verwickelt, doch tauchen sie nur schemenhaft im Hintergrund auf. Sie hießen Joyaut und Lahaye Saint-Hilaire.
    Beide konnten wie Limoëlan die Gunst der Stunde und das Kesseltreiben gegen die Jakobiner zur Flucht nutzen; sie gingen nach England und berichteten Cadoudal vom Scheitern des letzten Attentats.
    Saint-Régeant und Carbon wurden zum Tode verurteilt. Trotz seiner Aussagen und seiner Beihilfe zum Auffinden und Verhaften seines Komplizen wurde Carbon keine Strafmilderung gewährt.
    Als Bonaparte auf das Gerichtsverfahren angesprochen wurde, schien er es völlig vergessen zu haben; er sagte nur: »Wenn das Urteil gefällt ist, soll es vollstreckt werden. Mich geht das nichts an.«
    Am 21. April starben Carbon und Saint-Régeant auf dem Schafott, das noch von dem Blut Arénas und seiner drei Komplizen gerötet war.
    Vergeblich haben wir nach Berichten über den Tod der zwei Verurteilten gesucht. Offenbar wünschte die Regierung, dass dem Sterben dieser zwei Unglückseligen keinerlei weiter gehende Bedeutung zugemessen wurde. Der Bericht ihres Todes in Le Moniteur ist nur eine Zeile lang und besagt:
    »Am Tag X und zur Stunde X sind Carbon und Saint-Régeant hingerichtet worden.«
    Am Tag nach ihrer Hinrichtung reiste der Limousiner mit geheimen Befehlen nach London ab.

29
König Ludwig von Parma

    Wenn die Existenz eines Menschen für die Interessen, die Ehre und das Schicksal einer großen Nation von überragendem Gewicht ist, wenn aller Gedanken dem Erfolg oder Misserfolg dieses Menschen und seines Geschicks gelten und alle sich in Spekulationen ergehen, welche Folgen Erfolg oder Misserfolg, Aufstieg oder Fall zeitigen könnten, stehen Freund und Feind einander gegenüber und erwägen, was Hass oder Hingabe, entgegengebracht dem Mann, der sich erhebt, aber jeden Augenblick fallen kann, ihnen einbringen mögen. Das ist die Stunde der Wahrsager, der Vorahnungen, der Voraussagen. Selbst die Träume üben ihren geheimen Einfluss aus, und jeder lässt sich nur zu gerne in das unbekannte Land der Zukunft entführen von einem jener leichten und flüchtigen Führer, die dem Reich der Nacht durch die hörnerne oder elfenbeinerne Pforte entweichen. Die einen sehen – von Natur aus ängstlich oder aus gewohnheitsmäßiger Schwarzseherei – bei jedem Anlass die schrecklichsten Dinge voraus und liegen aller Welt mit absurden Warnungen vor eingebildeten Gefahren in den Ohren, die anderen wiederum sehen alles im rosigsten Licht, reden sich die Dinge und die Zukunft schön und bestärken Cäsar oder Bonaparte unbekümmert in deren Blindheit für alles außer dem angestrebten Ziel, während eine dritte Partei – die Partei der Verlierer, auf die sich der große Mann, dem Zufall und Vorsehung in die Hände spielen, stützt, indem er sie zertritt – ihrem ohnmächtigen Zorn mit finsteren Verwünschungen und Plakaten voller Drohungen und blutrünstigen Ankündigungen Luft macht.
    Und inmitten der geistigen Strömungen solch unseliger Zeiten, ja sogar aus diesen Strömungen heraus keimen bisweilen verbrecherische Gedanken, an denen sich schwache oder düstere Geister berauschen – heillose Zustände, denen derjenige, der sie geschaffen hat, nur durch den Tod entkommen zu können scheint.
    Solche Zustände herrschten unter Cäsar, der sich zum König krönen wollte, unter Heinrich IV., der Maria von Medici und Concino Concini den Prozess machen wollte, und nach dem 18. Brumaire unter Bonaparte, der zwischen der Rolle eines Augustus und der eines Washington zauderte.
    Unter diesen Umständen kann es leicht geschehen, dass ein Preis auf den Kopf ausgesetzt wird, der die Zukunft zu bergen scheint, dass er der allgemeinen Ruhe geopfert werden soll, und die Frage ist dann nur, wer als Erster zum Dolch eines Brutus oder zum Messer eines Ravaillac greift, um das Hindernis zu beseitigen, das seinen Wünschen, Grundsätzen oder Hoffnungen im Weg steht.
    Wahrhaftig war das ganze erste Jahr des Konsulats von einer schier endlosen Kette der Verschwörungen gegen den Ersten Konsul begleitet gewesen. Feinde, die er sich mit dem 13. Vendémiaire geschaffen hatte, mit dem 18. Fructidor, mit dem 18. Brumaire, Royalisten, Republikaner, Compagnons de Jéhu, Vendée-Aufständische und Chouans konspirierten bei Nacht und im Wald, auf den Landstraßen, in den Cafés, ja sogar im Theater.
    Ergrimmt ob des Handstreichs von Saint-Cloud, Bonapartes letztem politischen Handstreich, besorgt ob der möglichen Folgen, besorgt auch durch Bonapartes beharrliches Schweigen auf die Briefe Ludwigs XVIII., versetzten sich Royalisten und Republikaner, die beiden einzigen politischen Parteien im damaligen Frankreich, kurz: die Weißen und die Blauen, in Rage, indem sie laut Rache und Tod forderten.
    »Wie soll ich nicht konspirieren?«, hatte Aréna zu seinen Richtern gesagt. »Alle Welt konspiriert heutzutage. Auf den Straßen, in den Salons, auf den Kreuzungen und öffentlichen Plätzen, überall wird konspiriert.«
    »Die Luft ist voller Dolche«, wird sogar Fouché sagen, um das Denken dieser Verschwörer zu schildern und um Bonaparte aus seiner Untätigkeit zu wecken.
    In allen Einzelheiten kennen wir den schrecklichen Krieg der Vendée und der Bretagne, die Verschwörung der Wälder gegen die Stadt, untrennbar verbunden mit den Namen La Rochejacquelein, Bonchamps, d’Elbée, Charette und Lescure. In allen Einzelheiten kennen wir die Verschwörung der Compagnons de Jéhu zum Straßenraub, die vor unseren Augen Valensolles, Jahiat, Ribier und Sainte-Hermine mit dem Leben bezahlt haben, doch mit keiner Silbe erwähnten wir bisher die Verschwörung der Straße eines Metge, eines Veycer und eines Chevalier, die von Standgerichten abgeurteilt und füsiliert wurden.
    In wenigen Zeilen berichteten wir von der Verschwörung zum Mord im Theater, an der Topino-Lebrun, Demerville, Ceracchi und d’Aréna beteiligt waren. Dann sahen wir die Verschwörung Limoëlans, Carbons und Saint-Régeants zum Attentat an der Straßenkreuzung heraufziehen und verfolgten die Attentäter von der Rue Saint-Nicaise bis zur Place de Grève. Und bald werden wir die Verschwörung Pichegrus, Cadoudals und Moreaus heraufziehen sehen.
    Doch sobald es den Anschein hatte, als beruhige sich die Lage, als auf den Frieden von Lunéville mit Österreich der Frieden von Amiens mit England folgte, als Franz I., diese Verkörperung der politischen Reaktion in Europa, zuließ, dass sich vor seiner Tür in Italien Republiken bildeten, als Georg II. von England bereit war, von dem Wappen Heinrichs IV. die drei Bourbonenlilien zu tilgen, als Ferdinand von Neapel den Engländern seine Häfen versperrte, als Bonaparte sich unmissverständlich im Tuilerienpalast eingerichtet hatte und seine Frau mit einer Etikette umgab, die zwar noch weit entfernt von kaiserlicher Etikette war, aber fürstliche Etikette bereits bei Weitem überstieg, als Joséphine zum Ausgehen die Begleitung von vier Ehrendamen und vier Offizieren benötigte, als sie in ihren Gemächern Empfänge gab und in den Gemächern des Erdgeschosses mit Blick auf den Garten Minister empfing, Diplomaten, vornehme Ausländer, als sich, angeführt vom Außenminister, die Gesandten aller europäischen Mächte einfanden, durch den Frieden nach Paris gelockt, als die Tür zu den Gemächern des Ersten Konsuls sich unversehens öffnete und er mit dem Hut auf dem Kopf all diese Gesandten begrüßte, die sich vor ihm verbeugten, als am zweiten Jahrestag des 18. Brumaire das Fest des Friedens gefeiert wurde, als man miterlebte, wie derjenige, den zwei Kammern seinerzeit kurzzeitig für vogelfrei erklärt hatten, mit dem Papst, dem Gesandten Gottes, so umsprang, wie er es mit den Gesandten irdischer Könige getan hatte, als die Kirchen wieder geöffnet waren und Kardinal Caprara in Notre-Dame das Tedeum singen ließ, als Chateaubriand, der den aus Frankreich verjagten Gott im Schatten der Urwälder Amerikas und in den Wasserfällen des Niagara gefunden hatte, seinen Geist des Christentums in jener Stadt veröffentlichte, in der man fünf Jahre zuvor mit Robespierre den Kult des Höchsten Wesens gefeiert und der Göttin Vernunft gehuldigt hatte, zu deren Tempel man Philippe-Augustes alte Basilika umgewandelt hatte, als Rom sich mit der Revolution versöhnt hatte und der Papst dem Mann die Hand reichte, der das Abkommen unterzeichnet hatte, das ihn seiner Länder beraubte, als zu guter Letzt der Sieger von Montebello, von Rivoli, der Pyramiden und von Marengo den beiden gesetzgebenden Versammlungen den Frieden zu Lande durch den Vertrag von Lunéville und den Frieden zu Meere durch den Vertrag von Amiens brachte sowie den Frieden mit dem Himmel durch das Konkordat, die Amnestie für alle Verfolgten und ein unerreichtes Gesetzbuch, als er zum Lohn für seine Dienste das Konsulat auf Lebenszeit erhielt, ja fast die Krone, als schließlich klar wurde, dass nichts von dem eingetreten war, was sich England in seiner erbitterten Feindschaft ersehnt hatte, als für einen Augenblick die Hoffnung erlaubt schien, dass dieser Diktator künftig so weise sein würde, wie er in der Vergangenheit groß gewesen war, im Besitz jener Widersprüche, die Gott in keinem anderen Menschen je vereinte: Kraft und Instinkt des großen Heerführers sowie Glück und Ruhm des Begründers eines Reiches, als man hoffen wollte, dass dieser Mann Frankreich der Freiheit entgegenführen werde, nachdem er es so groß gemacht hatte, mit Ruhm überhäuft, an die Spitze der Nationen gestellt hatte – da erschrak England und redete sich ein, es habe die Pflicht, unter Hintanstellung von Recht und Moral diesem neuen Washington, kaum minder machtvoll als jener in seiner gesetzgeberischen Eigenschaft, doch weitaus beeindruckender als Feldherr, in den Arm zu fallen.
    Doch schon bald ergab sich für den Ersten Konsul die Gelegenheit, Europas Erstaunen und Zweifel noch zu steigern. Da der König von Spanien ihn in seinem Krieg gegen Portugal unterstützt hatte, hatte er ihm für den Infanten von Parma, der mit seiner Tochter verheiratet war, das Königreich Etrurien versprochen.
    Mit dem Frieden von Lunéville war dieses Versprechen ratifiziert worden. Die Infanten von Parma kamen auf ihrem Weg in die Toskana von der Pyrenäengrenze nach Paris, um die Befehle des Ersten Konsuls entgegenzunehmen. Bonaparte legte großen Wert darauf, das Infantenpaar den Franzosen zu zeigen und es in Paris herumzuführen, bevor er es den Thron in Florenz einnehmen heißen würde. An Kontrasten jeder Art entzündete sich die Phantasie des Ersten Konsuls, der sich allmählich dem Eindruck hingab, er könne alles bewerkstelligen, was er wollte. Die Vorstellung eines Königs, hervorgebracht von einer Republik, war so recht nach seinem Sinn, so wahrlich antik und von erhaben römischem Geist; nicht weniger nach seinem Sinn war zu zeigen, dass er keineswegs fürchtete, einen Bourbonen in Frankreich zu sehen; enthob sein Ruhm ihn nicht jedem Vergleich mit diesem alten Herrscherhaus, das er vielleicht nicht vom Thron gestoßen, doch in seiner Bedeutung abgelöst hatte? Zudem war es für ihn die erste Gelegenheit, Paris in glanzvollem Rahmen von all seinen revolutionären Wunden genesen zu zeigen und als einfacher Konsul einen Prunk zu entfalten, wie ihn zu jener Zeit nur die wenigsten Könige pflegten, denn diese hatte der Krieg ruiniert, der Frankreich reich gemacht hatte.
    Bonaparte beriet sich mit seinen zwei Kollegen. Zu dritt erwogen sie ausführlich, welche Ehrenbekundungen König und Königin von Etrurien bezeigt werden sollten. Man kam überein, sie inkognito als Graf und Gräfin von Livorno zu empfangen. Unter diesem Namen sollten sie mit der gleichen Etikette behandelt werden, die unter Ludwig XVI. dem Zarewitsch Paul von Russland und Joseph II. erwiesen worden war.
    Entsprechende Ordre wurde an alle zivilen und militärischen Behörden der Departements erteilt, durch deren Gebiet der Reiseweg des Königspaars führte.
    Während Frankreich in seinem Stolz darauf, Könige zu erschaffen, und glücklich darüber, selbst keinen zu haben, das junge Prinzenpaar beifällig betrachtete, betrachtete Europa Frankreich voller Verblüffung.
    Die Royalisten wollten im Theater von Bordeaux die Anwesenheit des jungen Paares dazu nutzen, die öffentliche Meinung auf die Probe zu stellen, und riefen: »Es lebe der König!«, doch der ganze Saal antwortete wie aus einem Mund: »Nieder mit den Königen!«
    Das Prinzenpaar kam im Juni nach Paris, wo es sechs Wochen verbringen würde. Es war nicht zu übersehen, dass Bonaparte als Erster Konsul, das heißt als bloßer auf Zeit gewählter Staatsbeamter einer Republik, das Land Frankreich repräsentierte. Vor dieser Würde erloschen alle Privilegien königlichen Geblüts, und die zwei jungen Majestäten statteten als Erste Bonaparte ihren Besuch ab.
    Er erwiderte den Besuch am Tag darauf.
    Um den Unterschied zwischen ihm und seinen Kollegen herauszustreichen, statteten diese wiederum dem jungen Paar ihren Besuch zuerst ab.
    In der Oper wollte der Erste Konsul seine Gäste dem Pariser Publikum vorstellen, doch am festgesetzten Tag mit dem per Ordre festgesetzten Schauspiel war Bonaparte indisponiert, ob aus Kalkül oder wirklich, sei dahingestellt.
    Cambacérès ersetzte ihn als Begleiter der Infanten. Als sie die Loge der Konsuln betreten hatten, nahm er die Hand des Grafen von Livorno und stellte ihn dem Publikum vor, das mit tosendem Applaus antwortete, der vielleicht nicht ganz frei von Bosheit war.
    Das Unwohlsein des Ersten Konsuls löste eine Vielzahl von Vermutungen aus, und man unterstellte ihm Absichten, die er möglicherweise niemals gehegt hatte. Seine Anhänger sagten, er habe Frankreich keine Bourbonen vorstellen wollen; die Royalisten beteuerten, es sei dies seine Art, das Volk auf die Rückkehr des abgesetzten Herrscherhauses einzustimmen, und die wenigen Republikaner, die nach dem letzten Aderlass noch übrig waren, behaupteten, er wolle mit diesem in seiner Abwesenheit veranstalteten königlichen Gepränge Frankreich an die Wiedereinführung der Monarchie gewöhnen.
    Die Minister folgten dem Beispiel des Ersten Konsuls, vor allem Monsieur de Talleyrand, dessen aristokratische Neigungen ihn schon immer mit der Wiedereinführung des Ancien Régime hatten liebäugeln lassen und der zweifellos der vollendetste Vertreter dieser Epoche in Eleganz und Wortgewandtheit war; in seinem Schloss in Neuilly richtete er dem durchreisenden Prinzenpaar ein großartiges Fest aus, das die gesamte vornehme Welt von Paris besuchte. In der Tat verkehrten viele im Haus des Außenministers, die keinen Fuß in den Tuilerienpalast gesetzt hätten.
    Eine Überraschung harrte des jungen Paares, das seine künftige Hauptstadt noch nicht kannte. Während eines prunkvollen Feuerwerks erschien plötzlich die Stadt Florenz, verkörpert durch das Florentinischste an ihr, den Palazzo Vecchio; Volksmassen in florentinischer Tracht tanzten und sangen auf dem Platz, und eine Prozession junger Mädchen brachte den künftigen Herrschern Blumen zum Geschenk und dem Ersten Konsul Triumphkronen.
    Dieses Fest, so hieß es, habe Monsieur de Talleyrand eine Million Francs gekostet; allerdings gelang ihm, was niemand anderem gelungen wäre: indem er an diesem einen Abend der Regierung mehr neue Freunde aus den Reihen der Anhänger des Ancien Régime verschaffte als in den zwei Jahren davor, denn nicht Wenige, die diesem Regime nachtrauerten, weil sie mit ihm Mittel und Einfluss verloren hatten, begannen zu hoffen, beides unter dem neuen Regime wiederzugewinnen.
    Zuletzt wurden Graf und Gräfin von Livorno von Graf Azara, dem spanischen Botschafter, nach La Malmaison geleitet. Der Erste Konsul empfing den König an der Spitze seines militärischen Hausgesindes, und der König, der so prunkvolle Festlichkeiten und eine solche Überfülle an Goldstickerei und Epauletten noch nie zu sehen bekommen hatte, wurde völlig kopflos und warf sich dem Ersten Konsul an den Hals.
    Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir gestehen, dass der arme junge Fürst schwachsinnig war oder doch beinahe; die Natur hatte ihn mit einem ausgezeichneten Herzen bedacht, ihm aber alles vorenthalten, was den Geist ausmacht. Und die Erziehung, die er bei den Mönchen genossen hatte, war darauf angelegt gewesen, noch die letzten Funken Intelligenz zu ersticken, die seinem Herzen entsprangen und die Leere in seinem Kopf ausgefüllt hätten.
    Ludwig von Parma verbrachte fast seinen ganzen Aufenthalt in Frankreich in La Malmaison. Madame Bonaparte entführte die junge Königin in ihre Gemächer, und da der Erste Konsul nur zum Diner sein Arbeitskabinett verließ, mussten seine Aides de Camp dem König Gesellschaft leisten und ihn unterhalten, denn er war nicht nur außerstande, sich zu beschäftigen, sondern auch, sich Unterhaltung zu verschaffen.  

    »Und wahrhaftig«, sagte der Herzog von Rovigo, der zu jener Zeit zu den Aides de Camp des Ersten Konsuls zählte, »musste man Geduld aufbringen, um sich die Kindereien anzuhören, die er im Kopf hatte. Aber da wir wussten, wie es um ihn bestellt war, ließen wir Spiele für ihn holen, mit denen man sonst Kinder unterhält. Von da an langweilte er sich nicht mehr.
    Seine geistige Leere schmerzte uns; es war qualvoll mit anzusehen, dass ein groß gewachsener, schöner junger Mann, der andere hätte anführen sollen, beim Anblick eines Pferdes, das er nicht zu besteigen wagte, zu zittern begann, dass er seine Zeit damit verbrachte, Verstecken zu spielen und Huckepack zu reiten, und dass seine ganze Bildung sich darauf beschränkte, dass er seine Gebete vor dem Essen und nach dem Essen aufsagen konnte.
    Diese Hände sollten die Geschicke einer Nation leiten!
    Als er abreiste, um sich in seinen Staat zu begeben, sagte der Erste Konsul nach der Abschiedsaudienz zu uns: ›Rom kann unbesorgt sein, der wird den Rubikon nicht überschreiten.‹«  

    Gott erwies seinem Volk die Gnade, es nach einem Jahr Regentschaft von diesem König zu erlösen.
    Europa jedoch hatte nicht die Hohlköpfigkeit des jungen Prinzen zu sehen bekommen, sondern die Begründung eines neuen Königreichs, und es musste sich fragen, welche sonderbare Bewandtnis es mit diesem Volk der Franzosen haben mochte, das seine eigenen Könige köpfte und andere Völker mit Königen versah.

30
Jupiter auf dem Olymp

    Man wird nicht übersehen haben, wie gewissenhaft wir bemüht waren, die historischen Persönlichkeiten, die in dieser Erzählung eine Rolle spielen, unseren Lesern so unvoreingenommen wie möglich zu schildern, ja so zu schildern, wie sie selbst sich von der unvoreingenommenen Geschichte geschildert wünschten. Wir ließen uns dabei weder von den persönlichen Erinnerungen an die Missgeschicke unserer Familie beeinflussen, deren Ursprung bis zu Bonapartes Zwist mit Kléber in Ägypten zurückreicht (denn für Kléber hatte mein Vater Partei ergriffen), noch von dem Hosianna-Geschrei der unermüdlichen Bonapartisten, die grundsätzlich alles an ihrem Idol bewundern, noch von der Mode, ausgelöst durch erneute Opposition gegen Napoleon III., die Vergangenheit in Bausch und Bogen zu verurteilen, um die Grundfesten seiner wackeligen Dynastie zu erschüttern. Nein; fern sei mir zu behaupten, ich sei gerecht gewesen, denn welcher Mensch könnte das von sich sagen?, doch aufrichtig war ich, und ich bin mir sicher, dass an dieser Aufrichtigkeit niemand zweifelt. Nun denn! Es ist meine aufrichtige Überzeugung, dass zu jener Zeit, von der soeben die Rede war, in dem Wissen, dass für die Vollendung seiner hochgesteckten Ziele der Frieden nicht minder nützlich wäre als der Krieg, der Erste Konsul ernsthaft den Frieden wünschte. Ich will damit keineswegs behaupten, dass ihm, der so erfolgreich, so versiert und so sicher das blutige Spiel der Schlachten zu spielen verstand, nicht bisweilen die Schatten von Arcoli und Rivoli den Schlaf verdüsterten, ich will nicht behaupten, dass nicht von Zeit zu Zeit die geschmeidigen Palmen des Nils oder die starren Pyramiden von Giseh ihm in wachen Stunden vor das innere Auge traten, und ebenso wenig will ich leugnen, dass ihn dann der blendende Schnee des Sankt Bernhard oder der beißende Rauch von Marengo aus diesen Halbträumen rissen. Dagegen will ich bereitwillig behaupten, dass er die goldenen Früchte und Eichenlaubkronen schimmern sah, die der Frieden jenen schenkt, denen ein günstiges Geschick vergönnt, die Türen des Janustempels zu schließen.
    Denn Bonaparte war gelungen, im Alter von einunddreißig Jahren das zu tun, was weder Marius noch Sulla, noch Cäsar in ihrem ganzen Leben hatten tun können.
    Doch würde es in seiner Macht liegen, diesen Frieden zu bewahren, der so teuer erworben war? Und würde England, dessen drei Leoparden er die Krallen gestutzt und die Zähne ausgerissen hatte, Cäsar die Zeit lassen, ein Augustus zu werden?
    Und doch benötigte Bonaparte den Frieden, um den Thron Frankreichs zu erobern, wie Napoleon den Krieg benötigt hatte, um auf Kosten der anderen Throne Europas diesen Thron fester zu verankern. Zudem gab Bonaparte sich keinen Illusionen über die Absichten seines ewigen Widersachers hin; er wusste sehr wohl, dass England den Frieden nur geschlossen hatte, weil es den Krieg ohne seine Alliierten nicht fortsetzen konnte, und er wusste, dass England Frankreich nicht genug Zeit lassen würde, seine Marine wiederaufzubauen, was vier bis fünf Jahre in Anspruch nehmen musste. Bonaparte war sich der diesbezüglichen Pläne des Kabinetts von Saint James so gewiss, dass er, wenn von den Bedürfnissen der Völker die Rede war, von den Vorteilen des Friedens und seinen wohltätigen Auswirkungen auf die innere Ordnung, die Künste, Handel und Gewerbe, kurzum alles, was gebündelt den allgemeinen Wohlstand ausmacht, nichts davon leugnete, doch erwiderte, all diese Dinge seien nur im Zusammenwirken mit England erreichbar und man könne sich darauf verlassen, dass es keine zwei Jahre dauern werde, bis England von Neuem das Gewicht seiner Marine in die Waagschale der Welt werfen und mit seinem Gold alle Kabinette Europas zu beeinflussen suchen werde. Dann brachen seine Gedanken hervor wie ein Fluss, der sich von seinem Damm nicht mehr halten lässt, und er schien zu spüren, wie der Frieden seinen Händen entglitt, nachgerade, als wohnte er den Sitzungen des englischen Kabinetts bei.
    »Der Frieden wird nicht von Bestand sein«, rief er, »und England wird ihn brechen. Wäre es da nicht klüger, den Engländern zuvorzukommen? Wäre es nicht besser, ihnen keine Zeit zu lassen, uns zuvorzukommen, sondern einen großen, schrecklichen Erstschlag zu führen, der die ganze Welt in Erstaunen versetzen müsste?«
    Und daraufhin verlor er sich in einen jener tiefgründigen Gedankengänge, die Frankreich aufmerksam und Europa staunend verfolgten.
    In der Tat rechtfertigte Englands Betragen Bonapartes Misstrauen nur allzusehr oder, anders gesagt, indem England annahm, Bonaparte wolle den Krieg, handelte England ganz genau so, wie Bonaparte erwartete, und das Einzige, was dieser an jenem auszusetzen hätte haben können, war, dass es schneller handelte, als selbst Bonaparte wünschen konnte.
    Der englische König hatte seinem Parlament eine Nota übermittelt, in der er sich darüber beschwerte, dass in den Häfen Frankreichs offenbar gerüstet werde, und verlangte, dass Gegenmaßnahmen getroffen würden, damit man sich der Angriffe erwehren könne, welche die Franzosen im Schilde führten. Dieses Misstrauen erboste den Ersten Konsul im höchsten Maß: Kaum hatte sich seine Beliebtheit verdoppelt dank des heißersehnten Friedens, den er seinem Land endlich beschert hatte, drohte England bereits, diesen Frieden zu brechen.
    England hatte sich im Vertrag von Amiens verpflichtet, die Insel Malta abzutreten, doch nichts dergleichen getan. Es sollte sich aus Ägypten zurückziehen, doch nichts war geschehen. Es sollte das Kap der Guten Hoffnung an Frankreich abtreten, dachte jedoch nicht daran.
    Zu guter Letzt beschloss der Erste Konsul, diese Situation zu beenden, die quälend, unerträglich und schlimmer als der Krieg war, und er nahm sich vor, mit ungeschminkter Ehrlichkeit mit dem englischen Gesandten zu sprechen, um diesem klarzumachen, dass in zwei Punkten seine Meinung feststand, nämlich bezüglich der Räumung Maltas und der Räumung Ägyptens. Was er vorhatte, war etwas völlig Neues: ohne Umschweife mit dem Gegner zu sprechen und ihm zu sagen, was man sonst nie sagt, die Wahrheit über das, was man denkt.
    Am 18. Februar 1803 war Lord Whitworth in den Tuilerienpalast eingeladen; Bonaparte empfing ihn in seinem Kabinett, bot ihm einen Sitz am einen Ende eines langen Tischs an und nahm am anderen Ende Platz. Sie waren allein, wie es sich für eine derartige Besprechung geziemt.
    »Milord«, sagte Bonaparte, »ich wollte Sie unter vier Augen sehen und Ihnen unmittelbar meine wahren Absichten enthüllen, etwas, was kein Minister an meiner Stelle tun könnte.«
    Dann erinnerte er sein Gegenüber an den Verlauf seiner Beziehungen zu England seit seinem Eintritt in das Konsulat – mit welcher Umsicht er noch am selben Tag seine Ernennung zum Konsul der englischen Regierung hatte mitteilen lassen, wie unverschämt Mister Pitt alle Annäherungsversuche zurückgewiesen hatte, wie unverdrossen er wiederum die Verhandlungen erneut aufgenommen hatte, sobald es ohne Ehrverlust möglich war, und unter welchen Zugeständnissen es zum Friedensschluss von Amiens gekommen war. Mehr im Scherz als im Zorn sprach er von dem Kummer, den es ihm bereitete, seine Bemühungen um ein gedeihliches Auskommen mit Großbritannien so gänzlich fruchtlos zu sehen. Er erinnerte den Botschafter daran, dass die üblen Machenschaften, die mit den Feindseligkeiten hätten aufhören sollen, stattdessen seit dem Unterzeichnen des Abkommens offenbar zugenommen hatten; er beklagte sich, dass die englischen Gazetten anscheinend dazu ermuntert wurden, gegen ihn vom Leder zu ziehen, dass man den Gazetten der Emigranten erlaubte, ihn unflätig zu beschimpfen, dass den französischen Prinzen in ganz England ein königlicher Empfang bereitet werde, und zuletzt ließ er durchblicken, dass er bei jeder neuen Verschwörung gegen ihn die Hand Englands im Spiel sehe.
    »Jeder Windstoß aus England«, fügte er hinzu, »bringt mir neben dem alten Hass neuen Schimpf. Und jetzt, Milord, haben wir eine Situation erreicht, aus der wir uns unter allen Umständen befreien müssen; wollen Sie den Vertrag von Amiens einhalten oder nicht?
    Ich für meinen Teil habe ihn bis in alle Einzelheiten erfüllt. Dieser Vertrag hat mich genötigt, Neapel, Tarent und die römischen Staaten binnen drei Monaten zu verlassen, und innerhalb von zwei Monaten hatten die französischen Truppen sich aus all diesen Ländern zurückgezogen.
    Vor zehn Monaten wurden die Verträge bestätigt, und noch heute halten die englischen Truppen Malta und Alexandria besetzt.
    Wollen Sie Frieden? Oder wollen Sie Krieg? Mein Gott, wenn Sie Krieg wollen, müssen Sie es nur sagen. Wenn Sie Krieg wollen, können Sie ihn haben, und zwar bis zum letzten Mann unserer beiden Völker.
    Lord Whitworth, der nicht im Geringsten auf diesen Ausfall gefasst war, hatte schweigend und reglos zugehört, denn er besaß keine Instruktionen seiner Regierung für den Fall derartiger Vorwürfe; nun erwiderte er auf den Redeschwall des Ersten Konsuls: »Wie soll es möglich sein, innerhalb weniger Monate den Hass zu ersticken, den ein über zweihundert Jahre währender Krieg zwischen den zwei Nationen entfacht hat?
    Sie wissen, wie wenig Macht die englischen Gesetze uns über die Presse einräumen; uns sind die Hände gefesselt, sogar gegenüber denen, die jeden Tag die englische Regierung mit Schimpf und Schande überhäufen. Die Bezüge der Chouans wiederum sind der Lohn für vergangene Dienste und nicht etwa Zahlungen für künftige. Und der Empfang, der den emigrierten Prinzen zuteil wird, ist der noble Ausdruck englischer Gastfreundschaft.«
    »Doch all das«, unterbrach ihn Bonaparte, »rechtfertigt weder die Nachsicht, mit der die französischen Pamphletisten behandelt werden, noch die Ruhegelder, die Sie den Meuchelmördern zahlen, noch die Ehrenbezeigungen, die den bourbonischen Prinzen zuteil werden.« Er brach in Gelächter aus. »Einem Mann, den ich so schätze wie Sie«, sagte er, »will ich nicht die Haltlosigkeit Ihrer Argumente vor Augen führen. Kehren wir zu Malta zurück.«
    »Nun denn, ich kann Ihnen versichern«, sagte Lord Whitworth schnell, »dass unsere Soldaten zum gegenwärtigen Zeitpunkt Alexandria geräumt haben dürften, und das Gleiche träfe auch auf Malta zu, hätte Ihre Politik nicht so gewaltige Veränderungen in Europa bewirkt.«
    »Auf was für Veränderungen spielen Sie an?«, rief Bonaparte.
    »Haben Sie sich etwa nicht zum Präsidenten der Republik Italien ernennen lassen?«
    »Milord«, sagte Bonaparte lachend, »ist Ihr Zahlengedächtnis so schwach, dass Sie vergessen haben sollten, dass diese Präsidentschaft mir vor dem Vertrag von Amiens angetragen wurde?«
    »Und was ist mit dem Königreich Etrurien, das Sie geschaffen haben«, erwiderte der Gesandte, »ohne England zu diesem Gegenstand im Mindesten zu konsultieren?«
    »Da irren Sie sich, Milord: England wurde so eingehend konsultiert, obwohl es sich dabei um eine überflüssige Formalität handelte, dass es die umgehende Anerkennung dieses Königreichs in Aussicht gestellt hat.«
    »England«, erwiderte Lord Whitworth, »hat Ihre Zusage verlangt, den König von Sardinien wieder in Besitz seiner Länder zu setzen.«
    »Und ich habe Österreich, Russland und Ihnen erwidert, dass ich ihm nicht nur seine Länder nicht wiedergeben, sondern ihn auch nicht entschädigen werde. Sie wussten schon immer, denn es war nie ein Geheimnis, dass ich mich seit Langem mit der Absicht trage, Piemont mit Frankreich zu vereinigen; diese Vereinigung ist Voraussetzung für meine Herrschaft über Italien, eine ungeschmälerte Herrschaft, weil ich es so will, und so soll es bleiben. Aber lassen Sie uns beide ruhig einen Blick auf die Karte Europas werfen: Sehen Sie selbst, sehen Sie nur. Gibt es in irgendeinem Winkel, an irgendeinem Flecken ein Regiment meiner Armee, das dort nichts zu suchen hat? Gibt es irgendwo einen Staat, den ich bedrohe oder den ich überfallen will? O nein, das wissen Sie sehr wohl, zumindest solange der Frieden Bestand haben wird.«
    »Wären Sie offen, Citoyen Erster Konsul, gäben Sie zu, dass Sie Ägypten noch immer im Sinn haben.«
    »Gewiss habe ich Ägypten im Sinn, gewiss doch, gewiss werde ich es immer im Sinn behalten, und das erst recht, wenn Sie mich zwingen sollten, Krieg zu führen. Doch Gott bewahre mich davor, den Frieden aufs Spiel zu setzen, den wir seit so Kurzem erst genießen, und das einer bloßen Frage der Chronologie wegen. Das Osmanische Reich bröckelt an allen Ecken und Enden und steht kurz vor dem Zusammenbruch; sein Platz ist nicht in Europa, sondern in Asien; ich werde mich dafür einsetzen, es solange wie möglich am Leben zu erhalten, doch wenn es zerbricht, dann will ich, dass auch Frankreich davon profitiert. Sie müssen zugeben, nichts wäre leichter gewesen, als eine der zahlreichen Schiffsbemannungen, die ich nach Santo Domingo führe, Kurs auf Alexandria nehmen zu lassen. Sie haben dort viertausend Mann stationiert, die seit zehn Monaten Ägypten hätten verlassen sollen; diese viertausend Mann wären kein Hindernis für mich gewesen, sondern im Gegenteil ein Vorwand. Ich hätte Ägypten in vierundzwanzig Stunden erobert, und diesmal hätten Sie es mir nicht wieder abgejagt. Sie denken, meine Machtfülle mache mich blind für das Bild, das die öffentliche Meinung in Frankreich und in Europa von mir hat. Ich aber sage Ihnen, dass diese Machtfülle nicht so groß ist, dass sie mir einen mutwillig vom Zaun gebrochenen Angriffskrieg erlauben würde. Wäre ich so töricht, England ohne einen schwerwiegenden Grund anzugreifen, wäre mein politisches Ansehen, das weit mehr moralische als materielle Grundlagen hat, auf der Stelle in den Augen ganz Europas verwirkt. Frankreich wiederum muss ich beweisen, dass man mich bekriegt hat, ohne von mir dazu herausgefordert worden zu sein, wenn ich den Kampfgeist in ihm wecken will, den ich für den Krieg gegen Sie benötigen werde, falls sie mich zu diesem Krieg zwingen; dann müssen Sie ganz und gar im Unrecht sein, und ich muss im Recht sein! Und sollten Sie noch an meinem ernsthaften Wunsch zweifeln, den Frieden zu erhalten, dann hören und urteilen Sie selbst.
    Ich bin zweiunddreißig Jahre alt; mit zweiunddreißig Jahren genieße ich eine Macht und ein Prestige, die zu steigern schwerfallen dürfte. Soll ich diese Macht, soll ich dieses Prestige leichtfertig aufs Spiel setzen, um einen aussichtslosen Kampf zu führen? O nein, das täte ich nur, wenn mir keine andere Wahl bliebe. Dann aber täte ich Folgendes: Ich würde keinen Scharmützelkrieg und keinen Blockadekrieg führen, keinen Krieg, bei dem hie und da ein Schiff auf dem Meer in Brand gesetzt wird und vom Meer gelöscht werden kann; o nein, ich würde zweihunderttausend Mann zusammenrufen und mit einer unermesslich großen Flotte den Ärmelkanal überqueren. Vielleicht verlöre ich dabei wie Xerxes meinen Ruhm und mein Glück, die zum Meeresboden sänken! Und sogar das Leben! Denn von solchen Expeditionen kehrt man nicht zurück – entweder man hat Erfolg, oder man kommt um!« Und da Lord Whitworth ihn sprachlos vor Erstaunen ansah, fuhr er fort: »Ein befremdlich kühner Einfall, nicht wahr, England überfallen zu wollen! Aber warum nicht? Was Cäsar gelang, ist auch mir gelungen; warum sollte mir nicht gelingen, was Wilhelm dem Eroberer gelang? Und deshalb will ich diese Kühnheit wagen, sollten Sie mich dazu zwingen. Ich werde meine Armee und mich selbst dem Wagnis unterziehen; ich habe die Alpen im Winter überschritten, und ich weiß, wie man möglich macht, was dem Hausverstand unmöglich erscheint. Doch sollte ich dabei Erfolg haben, dann werden noch Ihre fernsten Neffen blutige Tränen über den Entschluss vergießen, den zu treffen Sie mich gezwungen haben werden. Wenn ich sage: Ich will den Frieden, kann ich Ihnen keine anderen Beweise meiner Aufrichtigkeit geben. Und es wäre besser für Sie und für mich, wenn wir den Rahmen der Verträge einhielten: Ziehen Sie sich von Malta zurück und aus Ägypten, bringen Sie Ihre Gazetten zum Schweigen, verjagen Sie die feigen Mörder, die mir nach dem Leben trachten, aus Ihrem Land, handeln Sie im Einvernehmen mit mir, und ich verspreche Ihnen meinerseits ungetrübtes Einvernehmen. Nähern wir unsere Nationen einander an, schweißen wir sie aneinander, und wir werden eine Herrschaft über die Welt ausüben, wie sie weder Frankreich noch England allein ausüben könnte! Sie besitzen eine Marine, der ich mit zehn Jahren ununterbrochener Anstrengung und unter Einsatz all meiner Mittel nichts Vergleichbares zur Seite stellen könnte; ich hingegen habe fünfhunderttausend Mann, die bereit sind, unter meinem Befehl zu marschieren, wohin ich will. Sind Sie die Herren der Meere, so bin ich der Herr des Landes; ziehen wir also in Betracht, uns zu vereinen, statt einander zu befehden, und wir werden die Geschicke der übrigen Welt nach unserem Gutdünken leiten!«
    Lord Whitworth informierte die englische Regierung von seiner Unterredung mit dem Ersten Konsul. Unglücklicherweise war er zwar ein Ehrenmann und ein Mann von Welt, doch kein großes Licht, und hatte deshalb den Gedanken, die der Erste Konsul entwickelt hatte, nicht ganz folgen können.
    Auf Bonapartes lange und beredte Stegreifrede antwortete König George mit folgender Nota an sein Parlament:

    George, König...
    Seine Majestät hält es für erforderlich, das Unterhaus davon in Kenntnis zu setzen, dass beträchtliche militärische Vorbereitungen in den Häfen Frankreichs und Hollands getroffen werden und dass er es deshalb als geraten erachtet, neue Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit Großbritanniens zu gewährleisten. Wiewohl die erwähnten Vorbereitungen allem Anschein nach Kolonialexpeditionen ermöglichen sollen, hat Seine Majestät es angesichts der gegenwärtigen ernsthaften Auseinandersetzungen zwischen Seiner Majestät und der französischen Regierung, deren Ausgang ungewiss ist, für ratsam gehalten, seinem treuen Unterhaus zu versichern, dass er im vollen Vertrauen darauf, sich von seinem Parlament in seinem dringlichen und unermüdlichen Eintreten für den Frieden unterstützt zu wissen, ebenfalls auf dessen Bürgergeist und Großzügigkeit vertraut und darauf, dass es ihm ermöglichen wird, alle Maßnahmen zu ergreifen, welche die Umstände erfordern mögen, auf dass die Ehre der englischen Krone und das Wohlergehen des englischen Volkes erhalten bleiben.
    Der Erste Konsul erfuhr durch Monsieur de Talleyrand von dieser Verlautbarung. Er geriet in einen Zornesausbruch wie seinerzeit Alexander der Große; doch Monsieur de Talleyrand gelang es, ihn zu beruhigen und ihm das Versprechen abzuringen, sich zu beherrschen und es den Engländern zu überlassen, sich durch den ersten Schritt ins Unrecht zu setzen. Unglückseligerweise war der übernächste Tag ein Sonntag und der Tag, an dem im Tuilerienpalast die Diplomaten empfangen wurden. Alle Gesandten waren aus schierer Neugier anwesend. Jeder wollte wissen, wie Bonaparte den Schimpf ertragen und wie er mit dem englischen Botschafter verfahren würde.
    Der Erste Konsul wartete bei Madame Bonaparte auf die Gäste und spielte mit dem ersten Kind König Louis’ und Königin Hortenses, als man ihm meldete, die Gesandten seien vollzählig versammelt.
    Monsieur de Rémusat, der Präfekt des Palasts, trat ein und verkündete, dass alle anwesend seien.
    »Ist Lord Whitworth auch da?«, fragte Bonaparte lebhaft.
    »Ja, Citoyen Erster Konsul«, erwiderte Monsieur de Rémusat. Bonaparte, der auf dem Teppich lag, stieß das Kind weg, das er in den Armen hielt, richtete sich auf, ergriff Madame Bonapartes Hand, durchschritt die Tür zum Empfangssalon, ging an den ausländischen Ministern vorbei, ohne ihren Gruß zu erwidern, trat zu dem Vertreter Englands und sagte: »Milord, haben Sie Nachrichten aus England?«
    Und ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen, fügte er hinzu: »Sie wollen also Krieg?«
    »Nein, General«, erwiderte der Botschafter, der sich verneigte, »dafür sind wir uns der Vorteile des Friedens allzu bewusst.«
    »Sie wollen also Krieg«, sagte der Erste Konsul mit lauter Stimme, als hätte er die Antwort nicht gehört, wollte aber von allen Anwesenden gehört werden. »Wir haben einander zehn Jahre lang bekämpft, und Sie wollen, dass wir einander noch zehn Jahre länger bekämpfen! Wie konnte man sich zu der Lüge versteigen, Frankreich rüste? Man hat Europa belogen und der Welt Lügengeschichten erzählt! In unseren Häfen ankert kein einziges Kriegsschiff; alle diensttauglichen Kriegsschiffe wurden nach Santo Domingo geschickt. Das einzige vorhandene bewaffnete Schiff befindet sich in holländischen Gewässern, und jedermann weiß, dass es für Louisiana bestimmt ist. Es wurde das Gerücht verbreitet, zwischen Frankreich und England bestünden Meinungsverschiedenheiten. Ich weiß nichts davon; ich weiß nur, dass die Insel Malta nicht innerhalb der vereinbarten Zeitspanne geräumt wurde, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Minister der englischen Loyalität untreu werden wollen, indem sie sich weigern sollten, einen Vertrag einzuhalten. Ebenso wenig will ich glauben, dass Sie mit Ihrem Rüsten das französische Volk einzuschüchtern gedächten. Man kann es töten, Milord, aber einschüchtern? Niemals!«
    »General«, warf der Botschafter ein, völlig benommen von diesem Ausfall Bonapartes, »es ist unser höchstes Bestreben, in gutem Einvernehmen mit Frankreich zu leben.«
    »Aber dann«, rief der Erste Konsul voller Vehemenz, »müssen Sie die Verträge einhalten! Wehe dem, der die Verträge bricht! Wehe dem Volk, dessen Verträge mit einem schwarzen Schleier bedeckt werden müssen!«
    Und indem er abrupt Miene und Ton wechselte, um Lord Whitworth deutlich zu machen, dass die soeben ausgesprochene Schmähung seiner Regierung und nicht ihm persönlich galt, sagte er: »Milord, erlauben Sie mir, mich nach Ihrer Gemahlin, der Herzogin von Dorset, zu erkundigen; nachdem sie den Winter in Frankreich verbracht hat, hoffe ich, dass sie die schöne Jahreszeit hier wird genießen können. Doch dies hängt nicht von mir ab, sondern von England; und sollten wir uns genötigt sehen, wieder zu den Waffen zu greifen, läge die Verantwortung dafür voll und ganz und in den Augen Gottes und der Meinen bei den Eidbrüchigen, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen wollten.«
    Und er ging nach einem Gruß an Lord Whitworth und die übrigen Gesandten, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, und ließ das ganze ehrbare diplomatische Korps in der tiefsten Verwirrung zurück, die es seit Langem erlebt hatte.

31
Der Krieg

    Das dünne Eis friedlichen Einvernehmens war gebrochen. Bonapartes Auftritt vor Lord Whitworth kam einer Kriegserklärung gleich.
    In der Tat ließ England es sich von diesem Moment an angelegen sein, Malta zu behalten, obwohl es sich verpflichtet hatte, die Insel zu verlassen.
    Unseligerweise besaß England seinerzeit eine jener Übergangsregierungen, die sich ihre wichtigsten Entscheidungen von der öffentlichen Meinung aufnötigen lassen, statt sie im Interesse des Staates zu treffen.
    Es handelte sich um die Regierung Addingtons und Hawkesburys, die durch ihre Fehlentscheidungen seither zu so traurigem Ruhm gelangt ist.
    George III. von England befand sich in einer eigenartigen Zwickmühle zwischen der Tory-Regierung Mister Pitts und der Whig-Regierung Mister Foxes. Mit Mister Pitt teilte er die politischen Ansichten, doch den Menschen konnte er nicht ausstehen. Mister Fox brachte er als Person die größte Hochachtung entgegen, doch seine politischen Ansichten waren ihm ein Gräuel. Und um weder auf den einen noch den anderen dieser Rivalen um das Regierungsamt zurückgreifen zu müssen, behielt er die Regierung Addington, die wie alles Provisorische zu einer Dauereinrichtung geworden war.
    Am 11. Mai ersuchte der englische Botschafter um Pass und Reisepapiere.
    Die Abreise Lord Whitworths erregte ein Aufsehen, wie man es bei einem ähnlichen Anlass noch nie erlebt hatte. Seit sich herumgesprochen hatte, dass er seine Reisepapiere beantragt hatte, warteten zwei- bis dreihundert Neugierige von morgens bis abends vor den Pforten des Stadtpalais, in dem er residierte.
    Als zuletzt die Wagen herausfuhren, wurde dem scheidenden Botschafter seitens der Zuschauer lebhafteste Sympathie bekundet, denn jedermann wusste, dass er sich bis zuletzt für den Frieden eingesetzt hatte.
    Wie alle tatkräftigen Menschen hatte Bonaparte, sobald er sich für den Frieden entschieden hatte, dessen Vorzüge zu schätzen gewusst und die Vorteile, die er für Frankreich daraus beziehen konnte, in den leuchtendsten Farben gesehen. Unversehens mit aller Gewalt in die entgegengesetzte Richtung genötigt, gelangte er zu dem Schluss, wenn er nicht der Wohltäter Frankreichs und der ganzen Welt sein könne, wolle er sie wenigstens das Staunen lehren. Die dumpfe Abneigung, die er England schon immer entgegengebracht hatte, verwandelte sich nun in überschäumenden Hass, begleitet von größenwahnsinnigen Zukunftsplänen. Die Meerenge zwischen Dover und Calais war keine größere Entfernung als die Strecke, die er beim Überqueren des Sankt Bernhard zurückgelegt hatte, und er dachte sich, wenn er die Alpen bezwungen hatte, im tiefsten Winter, vorbei an Abgründen und oft ohne erkennbaren Weg, über schneebedeckte Berge, die als unüberwindlich galten – wenn all das also nur eine Frage des Transports war, warum sollte ihm dann die Eroberung Englands nicht ebenso gelingen können wie die Eroberung Italiens, vorausgesetzt, er brachte genug Schiffe auf, um eine Armee von hundertfünfzigtausend Mann über den Ärmelkanal zu transportieren? Er ließ die Personen in seiner Umgebung vor seinem inneren Auge Revue passieren und erwog, auf wen er sich verlassen konnte und vor wem er sich in Acht nehmen musste. Die Gesellschaft der Philadelphes war noch immer eine Geheimgesellschaft, doch das Konkordat hatte den Hass der republikanischen Generäle erneut geschürt und vermehrt. All die Apostel der Vernunft – ob Dupuis, Monge oder Berthollet -, die man mit Mühe und Not dazu bewegen konnte, Gott eine gewisse Göttlichkeit zuzuerkennen, waren keineswegs bereit, dem Papst einen besonderen Status einzuräumen. Als halber Italiener war Bonaparte vielleicht nur bedingt religiös, doch abergläubisch war er immer gewesen. Er glaubte an Vorahnungen, Voraussagen, Wahrsager; und wenn er sich dazu hinreißen ließ, in Joséphines engerem Kreis über die Religion zu sprechen, waren seine überspannten Ideen für die Zuhörer nicht selten verstörend.
    Eines Abends sagte Monge zu ihm: »Citoyen Erster Konsul, hoffen wir nur, dass wir nicht zum Beichtzettel zurückkehren.«
    »Das kann man nie wissen«, erwiderte Bonaparte ungerührt.
    Das Konkordat hatte Bonaparte mit der Kirche ausgesöhnt, aber es hatte ihn mit einem Teil seiner Armee entzweit. Die Philadelphes schöpften Hoffnung und wähnten den Moment gekommen, der ein Handeln erforderlich machte. Eine Verschwörung gegen den Ersten Konsul wurde angezettelt.
    Die Verschwörer beabsichtigten, Bonaparte während einer Truppeninspektion und vor den Augen seines Gefolges aus Generälen und Ordonnanzen vom Pferd zu stoßen und unter den Pferdehufen zu Tode treten zu lassen. Große Hoffnungen setzten die Verschwörer bei all ihren Projekten stets in Bernadotte, den Kommandanten der Armee im Westen, der sich zurzeit allerdings in Paris aufhielt, und in Moreau, der auf seinem Landgut Grosbois schmollte, weil ihm sein glänzender Sieg bei Hohenlinden, der den Krieg mit Österreich beendet hatte, mit Undank gelohnt worden war.
    Daraufhin gelangten drei Schmähschriften nach Paris, die in Form einer Ansprache an die französischen Armeen gehalten waren. Sie kamen aus dem Generalquartier in Rennes, das heißt von Bernadotte. In ihnen wurde der korsische Tyrann verunglimpft, der feige Mörder Klébers, denn die Nachricht von dessen Tod verbreitete sich gerade in Paris, und nicht nur wahrheitswidrig, sondern sogar gegen jede Wahrscheinlichkeit wurde dieser gewaltsame Tod demjenigen angelastet, dem der eine Teil Frankreichs alles Gute zuschrieb, was sich ereignete, und der andere Teil alles Böse. Nach diesen blutigen Themen wurden Bonapartes capucinades mit beißendem Spott bedacht, und das Ganze gipfelte in einem Aufruf, sich gegen ihn zu erheben und ihn mitsamt seiner korsischen Sippschaft vom Erdboden zu tilgen.
    Diese Pamphlete wurden mit der Post an alle Generäle, kommandierenden Generäle und ranghöheren Offiziere geschickt, doch hatte Fouchés Polizei jede dieser Sendungen mit Ausnahme der allerersten beschlagnahmt. Die erste Sendung war in der Eilpost von Rennes nach Paris gelangt, in einem Butterfässchen, das an General Moreaus Aide de Camp Rapatel geliefert wurde.
    An dem Tag, an dem Bonaparte Fouché kommen ließ, damit dieser mit ihm die Liste der Freunde und Feinde zusammenstellte, hatte Fouché sich darauf eingerichtet, mit den Beweisen der Offiziersverschwörung im Tuilerienpalast vorzusprechen.
    Bei Bonapartes ersten Worten begriff Fouché, dass er keinen besseren Zeitpunkt hätte wählen können, denn er führte von jedem der drei Pamphlete ein Exemplar mit sich. Er wusste, dass ein Packen Pamphlete an Rapatel abgeschickt worden war, was bedeutete, dass Moreau auf jeden Fall Mitwisser, wenn nicht gar Mitanstifter dieses Umsturzversuches war, der zum Ziel hatte, in alle Ränge des Heeres Brandsätze zu schleudern.
    Es war die Zeit, zu der Bonaparte Ehrensäbel und Ehrengewehre verlieh, eine Vorstufe zur Verleihung des Ordens der Ehrenlegion. Moreau, angespornt durch seine Frau und seine Schwiegermutter, die sich mit Joséphine überworfen hatten und sie mit ihrem Hass verfolgten, hatte sich über diese Ehrengaben lustig gemacht; Fouché berichtete Bonaparte, im Verlauf eines großen und prunkvollen Diners bei Moreau sei dem Koch eine Ehrenkasserolle verliehen und bei einer Wildschweinjagd sei der Jagdhund, der sich am tapfersten in der Verfolgung hervorgetan und drei Bisswunden davongetragen hatte, mit einem Ehrenhundehalsband ausgezeichnet worden.
    Solche Bosheiten verübelte Bonaparte dem Urheber ganz ungemein, umso mehr, als sie sich so massiert ereigneten. Er verlangte von Fouché, sich auf der Stelle zu Moreau zu begeben und eine Erklärung von ihm zu fordern. Moreau jedoch lachte nur über die Botschaft, tat die »Butterfässchenverschwörung« als Kinderei ab und gab zur Antwort, wenn Bonaparte als Regierungsoberhaupt Ehrensäbel und Ehrengewehre verteile, könne er als Oberhaupt seines Hauses dort nach eigenem Gutdünken Ehrenkasserollen und -hundehalsbänder verteilen.
    Fouché war selten entrüstet, doch diesmal kam er voller Entrüstung zurück.
    Als Bonaparte den Bericht seines Ministers vernahm – des Polizeiministers, der nur für ihn allein da war -, geriet er in maßlosen Zorn.
    »Moreau ist der Einzige, der neben mir etwas taugt, und es geht nicht an, dass Frankreich darunter leidet, zwischen ihm und mir hin- und hergezerrt zu werden. Wäre ich an seiner Stelle und er an meiner, diente ich ihm mit Vergnügen als sein erster Aide de Camp. Wenn er aber denkt, er könnte sich ein Regierungsamt zutrauen! … Armes Frankreich! Nun, wohlan! Er soll sich morgen früh um vier Uhr im Bois de Boulogne einfinden, und dann werden wir mit dem Säbel die Entscheidung ausfechten. Fouché, Sie werden ihm meinen Befehl übermitteln, Wort für Wort.«
    Bonaparte wartete bis um Mitternacht. Um Mitternacht kam Fouché zurück. Diesmal hatte er Moreau zugänglicher vorgefunden. Moreau hatte zugesagt, am nächsten Tag zum Lever in den Tuilerienpalast zu kommen; dieser Zeremonie hatte er schon seit Langem nicht mehr beigewohnt.
    Von Fouché vorbereitet, empfing Bonaparte Moreau leutselig, lud ihn zum Frühstück ein und beschenkte ihn beim Abschied mit einem prachtvollen Paar diamantbesetzter Pistolen, die er mit den Worten überreichte: »Ich hätte Ihre Siege auf diese Waffen gravieren lassen, General, doch dafür war nicht genug Platz.«
    Sie reichten einander die Hand, doch die Herzen hatten nicht zueinander gefunden.
    Kaum war diese Fraktion beruhigt, wenn auch nicht zum Verstummen gebracht, machte Bonaparte sich an die Umsetzung seiner großen Pläne; er ließ die flandrischen und holländischen Häfen auf Form, Größe, Bewohnerschaft und Material untersuchen. Oberst Lacuée, der mit dieser Aufgabe betraut war, musste sich einen ungefähren Überblick über den Zustand aller Schiffe verschaffen, die zwischen Le Havre und Texel Küstenschifffahrt und Fischerei dienten. Offiziere wurden nach Saint-Malo, Granville und Brest entsandt, um die Schiffe zu zählen. Marineingenieure mussten dem Ersten Konsul die Modelle aller Flachboote vorführen, die schweres Geschütz transportieren konnten. Sämtliche Wälder am Ärmelkanal wurden auf die Menge Holz, die man in ihnen schlagen konnte, und auf die Tauglichkeit dieses Holzes zum Bau einer Kriegsflotte inspiziert, und da Bonaparte wusste, dass die Engländer in Italien mit Holz handelten, schickte er Unterhändler mit dem erforderlichen Geld, dieses Holz zu erwerben, das unser Land so dringend brauchte.
    Signal der Wiederaufnahme der Kriegshandlungen sollte die Besetzung Portugals und des Golfs von Tarent im Handstreich sein.
    Englands Eidbrüchigkeit war so eklatant, dass nicht einmal Bonapartes eingefleischtester Feind ihm den Bruch zur Last legte. Ganz Frankreich empörte sich einhellig; man war sich zwar der Unterlegenheit unserer Marine bewusst, doch zugleich war man der Überzeugung, mit genug Zeit und genug Geld für den Bau der erforderlichen Menge Flachboote werde es uns gelingen, die Engländer zur See ebenso vernichtend zu schlagen wie ihre Alliierten zu Lande.
    Sobald bekannt wurde, was diese Flachboote kosteten, wurde es zur Mode, sie dem Ersten Konsul zum Geschenk zu machen. Das Departement Loiret ging voran und bot dreihunderttausend Francs an. Für diesen Betrag konnte man eine Fregatte bauen und mit dreißig Kanonen bestücken. Und alsbald schenkten kleine Städte wie Coutances, Berny, Louviers, Valognes, Foix, Verdun oder Moissac Flachboote, die zwischen achttausend und zwanzigtausend Francs kosteten.
    Paris, dessen Wappen ein Schiff ziert, spendete ein Schiff mit hundertzwanzig Kanonen, Lyon eines mit hundert, Bordeaux eines mit achtzig und Marseille eines mit vierundsiebzig Kanonen. Die italienische Republik schließlich spendete dem Ersten Konsul vier Millionen für den Bau zweier Fregatten, die Le Président und La République Italienne heißen sollten.
    Unterdessen, während Bonaparte ganz in seinen Kriegsvorbereitungen aufging und die Innen- um der Außenpolitik willen vergaß, erhielt Savary das Schreiben eines ehemaligen Anführers der Vendée, dem Savary so manchen Gefallen getan hatte und der sich auf seine Landgüter zurückgezogen hatte, um dort in Frieden zu leben. Er meldete Savary, eine Gruppe Bewaffneter habe ihn aufgesucht und auf Torheiten angesprochen, wie er sie seit dem 18. Brumaire nicht mehr beging. Er fügte hinzu, um sein Wort zu halten, das er seinerzeit der Regierung gegeben hatte, und um sich vor möglichen Folgen dieses Besuchs zu schützen, habe er sofort Meldung erstattet und sei überdies bereit, sich nach Paris zu begeben, um alles zu berichten, sobald die Weinlese beendet sei.
    Savary wusste, welch großen Wert der Erste Konsul darauf legte, über alles informiert zu sein. Sein gewitzter und durchdringender Verstand witterte in den harmlosesten Geschehnissen die verborgensten Absichten. Der Brief beschäftigte ihn eine Weile, doch nach kaum einer Viertelstunde sagte er zu Savary: »Sie werden hinfahren, einige Tage bei Ihrem Vendéer verbringen, die Vendée beobachten und herauszufinden versuchen, was sich dort zusammenbraut.«
    Savary reiste am selben Tag inkognito ab.
    Bei seinem Freund angekommen, hielt er die Situation für so gravierend, dass er sich als Bauer verkleidete und seinen Freund nötigte, es ihm gleichzutun, woraufhin sie sich an die Verfolgung der Bande machten, die seinen Freund aufgesucht hatte.
    Am dritten Tag trafen sie auf einige Männer, die sich am Vortag von der Bande getrennt hatten. Von ihnen erfuhren sie alles, was sie wissen wollten.
    Savary kehrte nach Paris zurück, zutiefst überzeugt, dass es nur des sprichwörtlichen Funkens bedürfe, um das Pulverfass namens Vendée und Morbihan in die Luft zu sprengen.
    Bonaparte lauschte ihm mit ungeheuchelter Überraschung. Mit dieser Entwicklung hatte er nicht gerechnet; gewiss, Georges hatte ihm den Fehdehandschuh hingeworfen, doch ihn wähnte der Erste Konsul in London, denn Régniers Polizei hatte ihm versichert, sie überwache Cadoudal lückenlos.
    In den verschiedenen Kerkern der Stadt gab es zahllose Gefangene, die der Spionage angeklagt waren oder politischer Umtriebe und denen kein Prozess gemacht worden war, weil Bonaparte selbst gesagt hatte, die Zeit werde kommen, da man derlei Intrigen keine Bedeutung mehr beimessen und all diese Unglücklichen auf einen Schlag freilassen werde.
    Diesmal ließ der Erste Konsul nicht nach Fouché rufen, sondern sich von Savary die Liste der festgenommenen Personen mit dem Datum ihrer Festnahme und den Notizen über ihr Vorleben bringen.
    Unter diesen Häftlingen befanden sich ein gewisser Picot und ein gewisser Lebourgeois; sie waren vor über einem Jahr um die Zeit des Attentats mit der Höllenmaschine nach ihrer Ankunft aus England in Pont-Audemer in der Normandie festgenommen worden. Das Vernehmungsprotokoll wies folgende Randnotiz auf: »Eingereist, um den Ersten Konsul umzubringen.«
    Es lässt sich nur spekulieren, warum diese Namen Bonaparte eher auffielen als andere. Jedenfalls ordnete er an, diese beiden und drei weitere vor Gericht zu stellen und abzuurteilen.
    Trotz der erdrückenden Beweislage bewahrten Picot und Lebourgeois eine bewunderswerte Kaltblütigkeit; ihre Komplizenschaft mit Saint-Régeant und Carbon war so offenkundig, dass sie zum Tode verurteilt und füsiliert wurden. Bis zuletzt war kein Geständnis von ihnen zu erlangen; im Gegenteil trotzten sie dem Gericht und verkündeten, es werde bald genug Krieg geben, und dieser Krieg werde Bonaparte den Kopf kosten.
    Zwei der drei übrigen Gefangenen wurden vom Gericht freigesprochen, einer wurde verurteilt. Der Verurteilte hieß Querelle; er war ein Niederbretone, der in der Vendée-Armee unter Georges Cadoudal gedient hatte.
    Verhaftet worden war er auf Betreiben eines Gläubigers, dem er zu seinem eigenen Pech einen Teil des geschuldeten Geldes gezahlt hatte; da er nicht den ganzen Betrag hatte aufbringen können, hatte jener ihn als Verschwörer denunziert.
    Der Prozess gegen Picot und Lebourgeois und der gegen Querelle wurden nicht gleichzeitig verhandelt, und so kam es, dass die drei nicht zusammen hingerichtet werden konnten. Die zwei zuerst Verurteilten hatten ihren Gefährten ermahnt, als sie zu ihrem letzten Gang aufbrachen: »Folge unserem Beispiel: Frommen Herzens und ehrlichen Sinnes kämpfen wir für Thron und Altar; wir sterben für eine Sache, die uns die Himmelspforten weit öffnet; sterbe wie wir und sage nichts, wenn du verurteilt wirst; Gott wird dich in die Reihen seiner Märtyrer erheben, und du wirst alle himmlischen Freuden kosten!«
    Wie seine Gefährten es vorausgesehen hatten, wurde Querelle zum Tode verurteilt. Gegen neun Uhr abends ließ der Richter das Urteil dem Befehlshaber des Regimentsstabs überbringen, damit dieser bei Anbruch des nächsten Tages das Urteil vollstrecken ließ, wie es üblich war.
    Der Befehlshaber war auf einem Ball; er kam um drei Uhr nachts nach Hause, öffnete die Depesche, steckte sie unter sein Kopfkissen und schlief ein.
    Wäre der Befehl rechtzeitig ergangen, wäre Querelle zusammen mit seinen Gefährten zur Hinrichtung geschritten, dann wäre er sicherlich wie sie gestorben, von ihrem Mut und von seiner Selbstachtung aufrechterhalten, und er hätte wie sie sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Doch die Verspätung in der Ausführung seines Todesurteils, der Tag, den er ganz allein im Angesicht des nahen Todes verbrachte, das langsame Herannahen des letzten Augenblicks, all das senkte Verzweiflung in seinen Geist. Gegen sieben Uhr abends fiel er in so heftige Zuckungen, dass man glaubte, er habe seinen Wärtern Gift entwendet. Der Gefängnisarzt wurde gerufen. Er befragte den Gefangenen nach der Ursache seiner Zustände; er war überzeugt, es mit einer Vergiftung zu tun zu haben, und wollte erfahren, welches Gift der Gefangene genommen hatte.
    Querelle jedoch umschlang den Hals des Arztes, näherte seinen Mund dessen Ohr und flüsterte: »Ich bin nicht vergiftet. Ich habe Angst!«
    Da erkannte der Arzt, wie man ihn zum Sprechen bringen konnte.
    »Sie wissen um ein Geheimnis«, sagte er, »für das die Polizei viel geben würde; stellen Sie Ihre Bedingungen – wer weiß, ob man Sie nicht begnadigen wird!«
    »Oh! Niemals, niemals!«, stöhnte der Verurteilte. »Zu spät.«
    Auf Drängen des Arztes verlangte Querelle zuletzt eine Feder und Papier und schrieb an den Gouverneur von Paris, er habe ihm Enthüllungen zu machen.
    Gouverneur von Paris war nicht mehr Junot, sondern Murat. Bonaparte fand, Junot sei zu leichtfertig, und hatte ihn durch Murat ablösen lassen.
    Gegen elf Uhr abends unterhielt sich der Erste Konsul sorgenvoll und nachdenklich in seinem Kabinett mit Réal. Plötzlich wurde die Tür geöffnet, Savary kündigte den Gouverneur von Paris an, und Murat erschien.
    »Ah, Murat, Sie sind es«, sagte Bonaparte und trat seinem Schwager ein paar Schritte entgegen. »Sie müssen gewichtige Neuigkeiten haben, wenn Sie mich zu so später Stunde aufsuchen.«
    »Ja, General; ich habe soeben den Brief eines armen Teufels erhalten, der zum Tode verurteilt ist und morgen früh hingerichtet werden soll. Er bietet uns Enthüllungen an.«
    »Und?«, sagte Bonaparte gleichgültig. »Leiten Sie den Brief an den Richter weiter, der ihn abgeurteilt hat, der soll sich damit befassen.«
    »Ich gedachte«, sagte Murat, »so zu verfahren, doch der Brief ist von einer solchen Offenheit und Ehrlichkeit, dass er mein Interesse geweckt hat. Lesen Sie selbst.«
    Bonaparte las den Brief, den Murat ihm entrollt hinhielt.
    »Armer Teufel! Er will eine Stunde Leben herausschlagen, weiter nichts. Tun Sie, wie Ihnen geboten.«
    Und er reichte ihm den Brief zurück.
    »Aber General«, beharrte Murat, »haben Sie denn nicht gesehen, was dieser Mann steif und fest behauptet?«
    »O doch, das habe ich sehr wohl gesehen; aber solche Behauptungen bin ich gewohnt, und ich sage Ihnen noch einmal, dass der Verurteilte uns nichts mitzuteilen hat, was einen Aufschub rechtfertigen würde.«
    »Wer weiß?«, sagte Murat. »Überlassen Sie mir und Monsieur Réal diese Sache.«
    »Wenn Sie unbedingt darauf bestehen«, lenkte Bonaparte ein, »dann tun Sie, was Sie für richtig halten. Réal, Sie werden ihn vernehmen. Murat, Sie begleiten den Oberrichter, wenn Sie wollen, aber keinen Aufschub, haben Sie verstanden, ich gestatte keinen Aufschub.«
    Réal und Murat zogen sich zurück. Bonaparte ging in sein Schlafzimmer.

32
Die Polizei des Citoyen Régnier und die Polizei des Citoyen Fouché

    Es war nach Mitternacht, als Réal und Murat den Tuilerienpalast verließen. Der Verurteilte sollte erst um sieben Uhr morgens füsiliert werden. Um ihn aufzusuchen, hatte Murat eine prunkvolle Abendgesellschaft verlassen müssen, die er zufällig an diesem Abend gab und bei der sich zu zeigen er nicht umhinkonnte. Er überließ es daher Réal, den Gefangenen aufzusuchen; seine Aufgabe hatte er erfüllt, er hatte den Ersten Konsul informiert, und der Erste Konsul hatte die Sache demjenigen übergeben, den sie von Rechts wegen betraf, nämlich dem Oberrichter.
    Réal dachte sich, es werde genügen, den Gefangenen zwei Stunden vor der Hinrichtung zu besuchen; sollten die Enthüllungen einen Aufschub geraten sein lassen, wäre dafür immer noch genug Zeit; wären sie wertlos, würde die Hinrichtung ihren Verlauf nehmen.
    Als jemand, der es gewohnt war, die Eindrücke und Empfindungen anderer zu beeinflussen, dachte er sich zudem, dass der Anblick des militärischen Gepränges, das mit Anbruch des Tageslichts um das Gefängnis herum entfaltet werden würde, dem Mut des Gefangenen den Todesstoß versetzen und den Bedauernswerten zu einem lückenlosen Geständnis bewegen musste.
    Bedenkt man die Verfassung des unglücklichen Verschwörers, als dieser Murat durch den Arzt ausrichten ließ, er habe ihm Enthüllungen zu machen, wird man verstehen, dass dieser Zustand sich zwangsläufig verschlechtert hatte, als keine Antwort erfolgt war, der Gouverneur von Paris nicht von sich hatte hören lassen.
    In seiner völligen Verzweiflung war der Bedauernswerte zu einem Geschöpf geworden, das kraftlos, zu jeder Regung unfähig, wie ein Kind den Tod erwartete, seinen Todesängsten und -qualen ausgeliefert. Die Augen auf das Fenster gerichtet, aus dem man auf die Straße sah, erwartete er zitternd die Strahlen des ersten Tageslichts.
    Gegen fünf Uhr morgens zuckte er zusammen, als er Räderrollen vernahm und ein Wagen vor dem Gefängnistor anhielt. Kein Geräusch entging ihm, weder das Öffnen und schwerfällige Schließen des Tores noch die Schritte im Flur; es waren die Schritte von mehreren Personen; sie machten vor der Tür halt, und der Schlüssel drehte sich klirrend im Schloss. Die Tür wurde geöffnet. Ein Rest von Hoffnung ließ ihn den Blick auf den Eintretenden richten; er hoffte, Murat in seinem prunkvollen Aufzug zu erblicken, voller Federn und Goldstickerei unter seinem Umhang; stattdessen erblickte er einen schwarz gekleideten Mann, der ihm trotz seiner sanften und ehrlichen Miene von finsteren Dingen zu künden schien.
    In Kandelabern an der Wand wurden Kerzen entzündet. Réal sah sich um, denn er merkte, dass er sich nicht in einer Kerkerzelle befand. In der Tat hatte man den Gefangenen in die Kanzlei des Gerichtsschreibers gebracht, weil man um sein Leben zu fürchten begonnen hatte.
    Réal sah ein Bett, auf das der Verurteilte sich hatte sinken lassen, ohne etwas abzulegen; dann richtete er den Blick auf das Gesicht des Unglücklichen, der ihm die Hände entgegenstreckte.
    Réal machte ein Zeichen. Man ließ ihn allein mit demjenigen, den er befragen wollte.
    »Ich bin«, sagte er, »Oberrichter Réal. Sie haben die Absicht bekundet, Enthüllungen zu machen, und ich bin gekommen, um sie entgegenzunehmen.«
    Der Mann, zu dem er sprach, wurde von einem so heftigen Nervenzittern heimgesucht, dass er vergebens zu antworten versuchte; seine Zähne klapperten, und auf seiner Miene zeigten sich erschreckende Konvulsionen.
    »Beruhigen Sie sich«, sagte der Staatsrat zu ihm; obwohl er es gewohnt war, mit Menschen zu tun zu haben, denen der Tod bevorstand, hatte er noch nie jemanden erlebt, der sich so schrecklich davor fürchtete. »Denken Sie, Sie können mir jetzt antworten?«
    »Ich will es versuchen«, erwiderte der Unglückliche, »aber wozu? Wird es in zwei Stunden etwa nicht aus und vorbei mit mir sein?«
    »Es liegt nicht in meiner Macht, Ihnen etwas zu versprechen«, sagte Réal, »doch falls sich das, was Sie mir zu sagen haben, als so außergewöhnlich wichtig erweisen sollte, wie Sie behaupten...«
    »Ach! Beurteilen Sie es selbst!«, rief der Gefangene. »Warten Sie, was wollen Sie wissen? Was wollen Sie von mir erfahren? Leiten Sie mich, ich bin völlig kopflos.«
    »Beruhigen Sie sich und antworten Sie auf meine Fragen. Wie heißen Sie?«
    »Querelle.«
    »Was waren Sie?«
    »Arzt.«
    »Wo lebten Sie?«
    »In Biville.«
    »Nun gut; nun ist es an Ihnen, mir zu erzählen, was Sie mir zu sagen haben.«
    »Im Namen Gottes, vor dem ich mich zu verantworten haben werde, schwöre ich, Ihnen die Wahrheit zu sagen, aber dennoch werden Sie mir nicht glauben.«
    »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, sagte Réal, »Sie sind unschuldig, nicht wahr?«
    »Ja, das schwöre ich Ihnen.«
    Réal machte eine Handbewegung.
    »Unschuldig an dem, was man mir zu Last legt«, fuhr der Gefangene fort, »und ich hätte meine Unschuld beweisen können.«
    »Warum haben Sie es nicht getan?«
    »Weil ich dann ein Alibi hätte nennen müssen, das mich von der einen Tat losgesprochen und mich einer anderen überführt hätte.«
    »Sie haben also doch konspiriert?«
    »Ja, aber nicht mit Picot und Lebourgeois. Ich hatte nichts mit der Verschwörung um die Höllenmaschine zu tun, das schwöre ich Ihnen. Zu jener Zeit war ich mit Georges Cadoudal in England.«
    »Und seit wann sind Sie in Frankreich?«
    »Seit zwei Monaten.«
    »Sie haben Georges also vor zwei Monaten verlassen.«
    »Ich habe ihn nicht verlassen.«
    »Wie! Sie wollen ihn nicht verlassen haben? Aber wenn Sie in Paris sind und er in England ist, dann müssen Sie ihn ja wohl verlassen haben!«
    »Georges ist mitnichten in England.«
    »Wo ist er dann?«
    »In Paris.«
    Réal sprang von seinem Stuhl auf. »In Paris?«, rief er. »Unmöglich!«
    »Aber so ist es; wir sind zusammen hergekommen, und ich habe noch am Tag vor meiner Verhaftung mit ihm gesprochen.«
    Georges befand sich also seit zwei Monaten in Paris! Die Enthüllungen des Gefangenen waren noch weitaus bedeutsamer, als man für möglich gehalten hätte.
    »Und wie sind Sie nach Frankreich zurückgekommen?«, fragte Réal.
    »Über die Klippe von Biville. Es war an einem Sonntag, eine kleine englische Slup hat uns dort abgesetzt; wir wären um ein Haar ertrunken, weil der Seegang so heftig war.«
    »Warten Sie einen Augenblick«, sagte Réal, »das ist alles weitaus wichtiger, als ich dachte, mein Lieber; versprechen kann ich nichts, aber dennoch... Fahren Sie fort. Zu wie vielen waren Sie?«
    »Bei der ersten Landung waren wir neun.«
    »Wie viele weitere Landungen sind erfolgt?«
    »Drei.«
    »Und wer hat Sie an Land empfangen?«
    »Der Sohn eines Mannes, der das Gewerbe des Uhrmachers ausübt; er hat uns zu einem Bauernhof geführt, dessen Namen ich nicht weiß. Dort sind wir für drei Tage geblieben, und dann haben wir uns von Hof zu Hof bis nach Paris geschlichen. Und in Paris haben uns Freunde von Georges in Empfang genommen.«
    »Wissen Sie deren Namen?«, fragte Réal.
    »Ich kenne nur zwei von ihnen: den ehemaligen Adjutanten Sol de Grisolles und einen gewissen Charles d’Hozier.«
    »Hatten Sie die beiden früher schon einmal gesehen?«
    »Ja, in London, ein Jahr zuvor.«
    »Und was ist dann geschehen?«
    »Die beiden Herren haben Georges in ein Kabriolett steigen lassen, wir anderen haben die Stadt zu Fuß an verschiedenen Schlagbäumen betreten. In zwei Monaten habe ich Georges nur dreimal an verschiedenen Orten gesehen, und jedes Mal hat er mich rufen lassen.«
    »Und wo haben Sie ihn zum letzten Mal getroffen?«
    »Bei einem Weinhändler, dessen Laden an der Ecke der Rue du Bac und der Rue de Varenne liegt. Ich hatte keine dreißig Schritte auf der Straße getan, als ich verhaftet wurde.«
    »Haben Sie danach von ihm gehört?«
    »Ja, er hat mir durch Fauconnier, den Kerkermeister des Temple, hundert Francs übergeben lassen.«
    »Glauben Sie, dass er sich noch immer in Paris aufhält?«
    »Ich bin mir sicher. Er wartete auf weitere Landungen; ohnehin sollte nichts geschehen, bevor sich nicht ein Prinz aus dem Hause Frankreich in Paris befand.«
    »Ein Prinz aus dem Hause Frankreich!«, rief Réal. »Haben Sie je den Namen dieses Prinzen zu hören bekommen?«
    »Nein, Monsieur.«
    »Gut«, sagte Réal und erhob sich.
    »Monsieur«, rief der Gefangene und ergriff Réals Hand, »ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß, obwohl ich in den Augen meiner Kameraden nun ein Verräter, ein Feigling, ein Nichtswürdiger bin.«
    »Beruhigen Sie sich«, sagte der Oberrichter, »Sie werden nicht sterben – wenigstens vorerst nicht. Ich werde versuchen, den Ersten Konsul milde zu stimmen, doch Sie dürfen kein Wort von dem, was Sie mir erzählt haben, weitersagen, niemandem, sonst wären mir die Hände gebunden. Nehmen Sie dieses Geld, und lassen Sie sich alles besorgen, was Sie benötigen, um wieder zu Kräften zu kommen. Morgen werde ich wahrscheinlich wiederkommen.«
    »Oh, Monsieur!«, rief Querelle und warf sich vor Réal auf die Knie. »Sind Sie sich dessen gewiss, dass ich nicht sterben werde?«
    »Ich kann es Ihnen nicht versprechen, aber wahren Sie Schweigen und geben Sie die Hoffnung nicht auf.«
    Allerdings war die Anweisung des Ersten Konsuls, keinen Aufschub zu gewähren, so unmissverständlich gewesen, dass Réal dem Gouverneur des Abbaye-Gefängnisses nicht mehr zu sagen wagte als: »Verständigen Sie sich mit dem zuständigen Adjutanten darüber, dass vor zehn Uhr vormittags nichts geschehen wird.«
    Es war sechs Uhr morgens; Réal kannte Bonapartes Anweisung, ihn nur für schlechte Nachrichten zu wecken und niemals für gute.
    Réal erwog die Nachricht, die er zu überbringen hatte, entschied, dass sie eher schlecht sei als gut, und beschloss, Bonapartes Nachtruhe zu beenden. Er begab sich sofort zum Tuilerienpalast und ließ Constant wecken. Constant wiederum weckte den Mamelucken, der vor Bonapartes Zimmertür schlief, seit dieser ein eigenes Schlafzimmer hatte.
    Der Mamelucke Rustan weckte den Ersten Konsul. Bourrienne war in letzter Zeit bei seinem ehemaligen Kameraden von der Militärakademie in Ungnade geraten und verfügte nicht mehr über die einstigen Privilegien. Bonaparte ließ den Mamelucken zweimal wiederholen, dass der Oberrichter warte, und sagte dann, als er sicher war, dass Rustan keinen Unsinn geredet hatte: »Lass Licht bringen und lass ihn eintreten.«
    Ein Kandelaber am Ende des Kaminsimses warf den Schein seiner Kerzen auf das Bett des Ersten Konsuls.
    »Réal, sind Sie es?«, fragte Bonaparte, als der Oberrichter eintrat. »Die Sache ist also ernster, als wir erwartet haben?«
    »So ernst wie nur möglich, General.«
    »Wie! Was soll das heißen?«
    »Dass ich sehr sonderbare Dinge erfahren habe.«
    »Erzählen Sie«, sagte Bonaparte, der das Gesicht in die Hand stützte und den Oberrichter aufmerksam ansah.
    »Citoyen General«, sagte der Oberrichter, »Georges befindet sich mitsamt seiner ganzen Bande in Paris.«
    »Wie?«, sagte der Erste Konsul, der wähnte, sich verhört zu haben.
    Réal wiederholte seine Worte.
    »Na, na, na!«, rief Bonaparte mit einer Schulterbewegung, die er immer machte, wenn er ungläubig war. »Das ist unmöglich!«
    »Aber es ist wahr, General.«
    »Dann ist es das, was dieser Brigant Fouché meinte, als er mir gestern schrieb: ›Nehmen Sie sich in Acht, die Luft ist voller Dolche.‹ Hier, da ist sein Brief. Ich hatte ihn auf den Nachttisch gelegt und mir nicht weiter den Kopf darüber zerbrochen.«
    Er klingelte.
    Constant trat ein.
    »Rufen Sie Bourrienne«, sagte Bonaparte.
    Man ging Bourrienne wecken, der herunterkam und auf die Anweisungen des Ersten Konsuls wartete.
    »Schreiben Sie«, sagte dieser, »Fouché und Régnier, dass sie sich sofort einzufinden haben, um die Affäre Cadoudal zu besprechen, und dass sie alles mitbringen sollen, was sie an Unterlagen in dieser Sache haben; lassen Sie die beiden Depeschen durch Ordonnanzen überbringen. Unterdessen wird Réal mir alles erläutern.«
    Réal blieb in der Tat bei Bonaparte und wiederholte Wort für Wort, was Querelle ihm erzählt hatte: wie die Verschwörer mit einer englischen Slup zu der Klippe von Biville gebracht worden waren, wie sie von einem Uhrmacher aufgenommen worden waren, dessen Namen Querelle nicht wusste, wie sie zu einem Bauernhof gebracht worden und von Hof zu Hof nach Paris gelangt waren und wie Querelle Cadoudal zum letzten Mal in dem Haus gesehen hatte, das an der Ecke der Rue du Bac und der Rue de Varenne lag. Nachdem er dem Ersten Konsul all diese Auskünfte erteilt hatte, ersuchte er um die Erlaubnis, zu dem Unglücklichen zurückzukehren, den er im Abbaye-Gefängnis in Todesangst zurückgelassen hatte, und bat darum, der Bedeutung der Enthüllungen wegen die Hinrichtung bis auf Weiteres aussetzen zu dürfen.
    Diesmal war Bonaparte der gleichen Meinung wie Réal und gestattete ihm, dem Gefangenen das Leben zu schenken und ihn eventuell sogar zu begnadigen.
    Réal ging und überließ Bonaparte seinem Kammerdiener, während er Fouché und Régnier erwartete.
    Fouchés Wohnung lag in der Rue du Bac, Régnier wohnte näher und kam folglich als Erster.
    Bonapartes Toilette war beendet. Als Régnier eintraf, wanderte der Erste Konsul mit auf die Brust gesenktem Kopf auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Stirn gerunzelt.
    »Ah, Régnier, da sind Sie ja«, sagte Bonaparte. »Was sagten Sie gestern über Cadoudal?«
    »Ich sagte Ihnen, Citoyen Erster Konsul, dass ich einen Brief erhalten hatte, in dem es hieß, er befinde sich noch in London und habe vor drei Tagen in Kingston bei dem Sekretär Mr. Addingtons gespeist.«
    In diesem Augenblick wurde Fouché angekündigt.
    »Lassen Sie ihn eintreten«, sagte Bonaparte, dem es nicht übel gefiel, seine zwei Polizeiminister miteinander zu konfrontieren, den offiziellen und den inoffiziellen.
    »Fouché«, sagte der Erste Konsul zu diesem, »ich habe Sie holen lassen, damit Sie zwischen Régnier und mir schlichten. Régnier behauptet, Cadoudal halte sich in London auf, während ich behaupte, er befinde sich in Paris; wer von uns hat recht?«
    »Derjenige, dem ich gestern gesagt habe: ›Nehmen Sie sich in Acht, die Luft ist voller Dolche!‹«
    »Haben Sie gehört, Régnier? Ich bin es, dem Fouché diesen Brief geschrieben hat, und ich bin es, der recht hat.«
    Régnier zuckte die Schultern. »Würden Sie Monsieur Fouché den Brief zeigen, den ich gestern aus London erhalten habe?«
    Bonaparte, der Régniers Brief in der Hand hielt, reichte ihn Fouché.
    Fouché las den Brief.
    »Würde der Erste Konsul mir gestatten, ihm einen Mann vorzuführen, der zusammen mit Cadoudal aus London hergereist und mit ihm zusammen nach Paris gekommen ist?«
    »Ha! Weiß Gott!«, sagte Bonaparte. »Nur zu gern!«
    Fouché ging zu der Tür, die in das Vorzimmer führte, und öffnete sie. Herein trat der Polizeispitzel Victor, elegant gekleidet und mit dem Gehabe eines jener jungen Royalisten, die aus echter Überzeugung oder lediglich der Mode wegen zu jener Zeit gegen den Ersten Konsul konspirierten.
    Victor verbeugte sich ehrerbietig und blieb neben der Tür stehen.
    »Wer ist denn das?«, fragte Bonaparte. »Und wie kommt es, dass dieser Mann am Leben ist, wenn er wirklich mit Cadoudal zusammenhergekommen ist?«
    »Das kommt daher«, erwiderte Fouché, »dass er derjenige unter meinen Männern ist, den ich beauftragt hatte, Cadoudal in London zu überwachen und nie aus den Augen zu lassen. Und um ihn nicht aus den Augen zu lassen, ist er ihm nach Frankreich und dort bis nach Paris gefolgt.«
    »Wie lange ist das her?«, fragte Bonaparte.
    »Zwei Monate«, erwiderte Fouché. »Wenn Monsieur Régnier meinen Agenten persönlich befragen möchte, wäre das eine große Ehre für ihn.«
    Régnier bedeutete dem Spitzel, näher zu treten; Bonaparte musterte unterdessen den jungen Mann ungeniert. Der Polizeispitzel war nach der letzten Mode gekleidet, weder zu auffällig noch zu bieder; man hätte meinen können, er komme soeben von einer Morgenvisite bei Madame Récamier oder Madame Tallien. Es war ihm sogar anzusehen, dass er sich bemühte, sein gewohntes schlaues und strahlendes Lächeln zu unterdrücken.
    »Was haben Sie in London getan, Monsieur?«, fragte Régnier.
    »Ha, Citoyen Minister«, erwiderte der Spitzel, »ich habe das getan, was dort alle tun, ich habe gegen den Citoyen Erster Konsul konspiriert.«
    »Zu welchem Zweck?«
    »Selbstverständlich zu dem Zweck, von ihren Hoheiten, den Prinzen, Monsieur Cadoudal empfohlen zu werden.«
    »Welche Prinzen meinen Sie?«
    »Selbstverständlich die Prinzen aus dem Hause Bourbon.«
    »Und ist es Ihnen gelungen, Georges empfohlen zu werden?«
    »Seine Gnaden der Herzog von Berry waren so freundlich, mir diese Ehre zu erweisen, Herr Minister. Und General Georges hat mich für würdig befunden, an der ersten Expedition teilzunehmen, die nach Frankreich geschickt wurde, das heißt, einer der neun zu sein, die ihn begleiteten.«
    »Und wer waren die Übrigen?«
    »Monsieur Coster Saint-Victor, Monsieur Burban, Monsieur de Rivière, General Lajolais, ein gewisser Picot, nicht zu verwechseln mit dem Picot, der füsiliert wurde, Monsieur Bouvet de Lozier, Monsieur Damonville, ein gewisser Querelle, der gestern zum Tode veruteilt wurde, meine Wenigkeit und schließlich Georges Cadoudal.«
    »Und wie sind Sie nach Frankreich gelangt?«
    »Auf einer Slup unter dem Kommando von Kapitän Wright.«
    »Ha!«, rief Bonaparte. »Den kenne ich, das ist der ehemalige Sekretär von Sidney Smith.«
    »So ist es, General«, erwiderte Fouché.
    »Es war sehr schlechtes Wetter«, fuhr der Spitzel fort, »und wir erreichten den Fuß der Klippe von Biville bei Flut und nur mit größter Mühe.«
    »Wo liegt Biville?«, fragte Bonaparte.
    »In der Nähe von Dieppe, General«, erwiderte Fouché.
    Bonaparte entging nicht, dass der Spitzel ihm nicht unmittelbar antwortete, sondern sich mit einer für einen Mann seines Schlages außergewöhnlichen Zurückhaltung damit begnügte, sich zu verbeugen, während Fouché an seiner Stelle sprach. Diese Bescheidenheit rührte ihn.
    »Wenn ich Sie etwas frage«, sagte er, »können Sie mir direkt antworten.«
    Der Spitzel verbeugte sich abermals.
    »Man setzte uns«, fuhr er fort, »am Fuß der Klippe von Biville ab, die an dieser Stelle ungefähr zweihundertdreißig Fuß hoch ist.«
    »Und wie überwindet man so eine Klippe?«, fragte Bonaparte.
    »Selbstverständlich mit einem Seil vom Umfang eines Schiffskabels! Man hält sich an dem Seil fest und stößt sich mit den Füßen an der Klippe ab, die an der betreffenden Stelle wie ein Kamin geformt ist. Hin und wieder hat das Seil Knoten, die einem das Festhalten erleichtern, manchmal sogar hölzerne Querstreben, auf denen man sich für einen Augenblick ausruhen kann wie ein Papagei auf seiner Vogelstange. Ich kletterte als Erster hinauf, gefolgt von Monsieur le Marquis de Rivière, General Lajolais, Picot, Burban, Querelle, Bouvet, Damonville, Coster Saint-Victor und zuletzt Georges Cadoudal.
    Als wir etwa die Hälfte des Aufstiegs bezwungen hatten, beklagten sich mehrere über die Anstrengung. ›Ich muss euch warnen‹, sagte Georges, ›ich habe das Kabel hinter uns abgeschnitten.‹ Tatsächlich hörten wir, wie das Kabel auf die Felsbrocken am Fuß des Abhangs auftraf.
    Wir hingen zwischen Himmel und Erde«, fuhr der Spitzel fort, »und konnten nicht zurück; es hieß weitersteigen, bis wir den Gipfel der Klippe erreichten. Zuletzt kamen wir ohne Zwischenfälle oben an.
    Ich muss gestehen, dass mich beim Berühren festen Bodens unter den Füßen der Aufstieg, den wir soeben vollbracht hatten, mit so großem Entsetzen erfüllte, dass ich mich auf den Boden warf, denn ich befürchtete, von Schwindel ergriffen zu werden und ins Leere zu stürzen, wenn ich mich aufrichtete.
    Monsieur de Rivière war von zarter Konstitution und mehr tot als lebendig; Coster Saint-Victor kletterte zu uns herauf und pfiff eine Jagdmelodie, und Cadoudal schnaufte nach erfolgtem Aufstieg laut und sagte: ›Für jemanden, der zweihundertunddreißig Pfund wiegt, ist das kein Kinderspiel. ‹
    Dann schnitt Cadoudal das Kabel von dem Pfosten, um den es geschlungen gewesen war, und warf die zweite Hälfte zu der ersten hinunter. Wir wollten wissen, warum er das tat, und er antwortete, dieses Seil diene für gewöhnlich den Schmugglern und irgendein armer Teufel hätte an dem Kabel hinunterklettern können, ohne zu ahnen, dass es nur noch halb so lang war, so dass er am Ende des Seils aus hundert Fuß Höhe zerschmettert worden wäre.
    Als Nächstes ahmte er den Ruf des Raben nach; man antwortete mit dem Ruf der Schleiereule, und zwei Männer erschienen. Sie waren unsere Führer.«
    »Monsieur Fouché sagte, Georges habe auf der Reise von Biville nach Paris bei Stationen haltgemacht, die eigens vorbereitet worden waren. Ist Ihnen aufgefallen, um welche Stationen es sich dabei gehandelt hat?«
    »Allerdings, General. Ich habe Monsieur Fouché die Liste der Stationen gegeben. Doch ich kann mich gut genug daran erinnern, dass ich sie diktieren könnte, falls das Erfordernis eintreten sollte.«
    Bonaparte klingelte.
    »Lassen Sie Savary rufen«, sagte er. »Er hat Dienst.«
    Savary kam.
    »Setzen Sie sich dorthin«, sagte Bonaparte und wies auf einen Tisch, »und schreiben Sie auf, was Monsieur Ihnen diktieren wird.«
    Savary setzte sich, griff zur Feder und schrieb auf, was der Polizeispitzel ihm diktierte.
    »Zuerst in etwa hundert Schritt Entfernung von der Klippe ein Seemannsheim, das dazu bestimmt ist, jene, die auf ihr Schiff oder auf Ankömmlinge warten, vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Von dort sind wir zur ersten Station aufgebrochen, nach Guilmécourt, wo uns ein junger Mann namens Pageot de Pauly aufgenommen hat; die zweite Station ist der Bauernhof de la Potterie in der Gemeinde Saint-Rémy, geführt von dem Ehepaar Détrimont; die dritte ist in Preuseville bei einem gewissen Loizel. Gestatten Sie mir, Herr Oberst«, sagte der Polizeispitzel mit seiner gewohnten Höflichkeit, »Sie darauf aufmerksam zu machen, dass sich hier der Weg in drei unterschiedliche Routen verzweigt, die alle drei nach Paris führen. Auf dem am weitesten links verlaufenden Weg ist die vierte Station Aumale, bei einem gewissen Monnier, die fünfte Feuquières bei einem gewissen Colliaux, die sechste Monceau bei Leclerc, die siebte Auteuil bei Rigaud, die achte Saint-Lubin bei Massignon und die neunte Saint-Leu-Taverny bei Lamotte.
    Wenn wir jetzt der mittleren Route folgen, ist die vierte Station in Gaillefontaine bei der Witwe Le Seur, die fünfte in Saint-Clair bei Sachez, die sechste in Gournay bei der Witwe Cacqueray. Und die vierte Station der rechts verlaufenden Route ist in Roncherolles bei Familie Gambu, die fünfte in Saint-Crespin bei Bertengels, die sechste in Étrépagny bei Damonville, die siebte in Vauréal bei Bouvet de Lozier und die achte in Eaubonne bei einem gewissen Hyvonnet. Das war alles.«
    »Savary, bewahren Sie diese Liste sorgfältig auf«, sagte der Erste Konsul, »sie wird uns noch von Nutzen sein. Wohlan, Régnier, was sagen Sie dazu?«
    »Meiner Treu, dass meine Spitzel Dummköpfe sind oder aber Monsieur ein überaus gewandter Spitzbube ist.«
    »Von Ihnen, Herr Minister«, sagte der Spitzel mit einer Verbeugung, »wäre das, was Sie sagten, höchstes Lob; doch ich bin kein Spitzbube, sondern nur ein Mensch mit etwas ausgeprägterem Scharfsinn, als andere ihn besitzen, und mit besonders großem Vermögen, mich zu verwandeln.«
    Bonaparte fragte: »Und was war mit Georges, seit er in Paris ist?«
    »Ich habe ihn in die drei oder vier Häuser begleitet, in denen er seitdem gewohnt hat. Zuerst hat er in der Rue de la Ferme eine Wohnung genommen, dann ist er in die Rue du Bac umgezogen, wo er Querelle empfing, der verhaftet wurde, als er das Haus verließ; und heute wohnt er unter dem Namen Larive in der Rue de Chaillot.«
    »Aber wenn Sie das alles gewusst haben, Monsieur, und seit so Langem...«, sagte Régnier zu Fouché.
    »Seit zwei Monaten«, erwiderte dieser.
    »Aber warum haben Sie ihn dann nicht festnehmen lassen?«
    Fouché brach in Gelächter aus. »Oh! Verzeihen Sie, Herr Justizminister«, sagte er, »aber solange ich nicht selbst unter Anklage gestellt werde, habe ich nicht die Absicht, Ihnen meine Berufsgeheimnisse zu verraten. Und das eben erwähnte Geheimnis will ich für General Bonaparte aufbewahren.«
    »Mein lieber Régnier«, sagte Bonaparte lachend, »nach allem, was wir soeben vernommen haben, können Sie Ihren Spitzel unbesorgt aus London zurückbeordern, wenn ich mich nicht täusche. Als Justizminister, mein lieber Régnier, tragen Sie bitte Sorge dafür, dass der arme Teufel, der gestern verurteilt wurde und der uns die Wahrheit gesagt hat – das lässt sich nicht bestreiten, denn seine Aussage stimmt mit den Worten Monsieurs überein« – wobei Bonaparte auf den Spitzel deutete, dessen Aussage wir soeben gelesen haben -, »nicht hingerichtet wird. Keine unumschränkte Begnadigung, denn ich will sehen, wie er sich im Gefängnis aufführt. Sie werden ihn im Auge behalten, und in sechs Monaten berichten Sie mir, wie er sich betragen hat. Zuletzt, mein lieber Régnier, möchte ich Ihnen mein Bedauern ausdrücken, dass ich Sie so früh aus dem Bett holen ließ, obwohl Ihre Anwesenheit völlig entbehrlich war. Bleiben Sie, Fouché.«
    Der Polizeispitzel zog sich in den hinteren Teil des Salons zurück, so dass der Erste Konsul und der eigentliche Polizeipräfekt sich unbelauscht unterhalten konnten.
    Bonaparte trat zu Fouché: »Sie sagten, Sie würden mir enthüllen, warum Sie mir Cadoudals Anwesenheit in Paris bislang verschwiegen haben.«
    »In allererster Hinsicht, Citoyen Erster Konsul, verschwieg ich es Ihnen, damit Sie nichts davon erfuhren.«
    »Keine Scherze, bitte«, sagte Bonaparte und runzelte die Stirn.
    »Ich scherze keineswegs, Citoyen General, und ich bedaure, dass Sie mich heute dazu genötigt haben, es Ihnen zu sagen. Die Ehre, in Ihren näheren Kreis aufgenommen zu sein, hat mich bewogen, Sie zu beobachten. Runzeln Sie nicht die Stirn! Zum Teufel auch, das ist mein Beruf! Nun denn! Sie zählen zu jenen, die sich ein Geheimnis durch ihre Zornesausbrüche ablesen lassen. Solange Sie kühles Blut bewahren, steht nichts zu befürchten, denn Sie sind so verschlossen wie eine Champagnerflasche, doch sobald der Zorn Sie übermannt, explodiert die Champagnerflasche, und alles schäumt über.«
    »Monsieur Fouché«, sagte Bonaparte, »verzichten Sie auf solche Vergleiche.«
    »Und ich«, erwiderte Fouché, »verzichte auf weitere vertrauliche Mitteilungen; gestatten Sie, dass ich mich verabschiede.«
    »Sachte, sachte«, sagte Bonaparte, »geraten wir jetzt nicht in Streit. Ich will wissen, warum Sie Georges Cadoudal nicht verhaften ließen.«
    »Das wollen Sie wissen?«
    »Unbedingt.«
    »Und wenn ich meine persönliche Schlacht von Rivoli verlieren sollte, dann werden Sie es mir nicht verübeln?«
    »Nein.«
    »Nun gut! Ich werde Ihnen ermöglichen, alle Verschwörer mit ein und demselben Netz zu fangen. Ich will, dass Sie sich als Erster Ihres wunderbaren Fischzugs rühmen können. Ich habe Cadoudal nicht verhaften lassen, weil Pichegru erst seit gestern in Paris weilt.«
    »Wie? Pichegru weilt seit gestern in Paris?«
    »In der Rue de l’Arcade, wenn es beliebt, denn er konnte sich bisher noch nicht mit Moreau verständigen.«
    »Mit Moreau!«, rief Bonaparte. »Sie müssen verrückt sein! Haben Sie vergessen, dass die beiden bis aufs Messer verfeindet sind?«
    »Ach! Weil Moreau Pichegru denunziert hat, auf den er eifersüchtig war! Denn Sie, Citoyen Erster Konsul, wissen besser als jedermann sonst, dass Pichegru für seinen Bruder, den Abt, bei dessen keineswegs freiwilliger Abreise nach Cayenne zum Begleichen einer Schuld von sechshundert Francs Schwert und Epauletten verkaufen musste, welche die Inschrift trugen: Schwert und Epauletten des Siegers von Holland, und Sie wissen auch sehr wohl, dass Pichegru von Monsieur dem Prinzen von Condé keineswegs eine Million Francs erhalten hat. Noch besser wissen Sie, dass Pichegru, der nie verheiratet war und folglich weder Frau noch Kinder besitzt, sich in seinem Vertrag mit dem Prinzen von Condé keine Rente von zweihunderttausend Francs für seine Witwe oder von hunderttausend Francs für seine Kinder ausbedungen haben kann. Solche schäbigen Verleumdungen benutzt die Regierung gegen einen Mann, dessen sie sich entledigen will und der ihr so große Dienste erwiesen hat, dass sie ihn nicht anders als mit Undank zu belohnen weiß. Nun gut! Moreau hat um Verzeihung gebeten, und Pichegru ist gestern eingetroffen, um ihm zu verzeihen.«
    Als Bonaparte hörte, dass die zwei Männer, die er für seine größten Feinde hielt, sich verständigt hatten, machte er unwillkürlich das schnelle Kreuzeszeichen auf der Brust, das ihm wie allen Korsen zutiefst vertraut war.
    »Aber«, sagte er, »werden Sie mich von ihnen befreien, sobald man sie sehen wird, sobald sie sich geeinigt haben werden, sobald diese Dolche, von denen die Luft voll ist, auf mich gerichtet sein werden? Werden Sie sie verhaften lassen?«
    »Noch nicht.«
    »Und worauf warten Sie noch, in drei Teufels Namen?«
    »Ich warte auf die Ankunft des Prinzen in Paris.«
    »Sie erwarten einen Prinzen?«
    »Einen Prinzen aus dem Hause Bourbon.«
    »Sie brauchen einen Prinzen, um mich zu ermorden?«
    »Wer hat behauptet, man wolle Sie ermorden? Cadoudal hat immer gesagt, das würde er nie und nimmer tun.«
    »Und was hat er dann mit dieser Höllenmaschine bezweckt?«
    »Er schwört bei Gott und allen Heiligen, dass er mit diesem Teufelswerk nichts zu tun hatte.«
    »Und was will er dann?«
    »Sie besiegen.«
    »Mich besiegen?«
    »Warum nicht? Sie wollten sich neulich doch sogar mit Moreau schlagen.«
    »Aber Moreau ist Moreau, ein großer General, ein Sieger; ich habe ihn den General der Rückzüge genannt, gewiss, aber das war vor Hohenlinden. Und wie will er mich besiegen?«
    »Irgendeines Abends, wenn Sie nach La Malmaison oder nach Saint-Cloud zurückkehren, mit einer Eskorte von fünfundzwanzig bis dreißig Mann, sollen fünfundzwanzig bis dreißig Chouans unter Cadoudals Führung, bewaffnet wie Ihre Männer, Ihnen den Weg versperren, Sie angreifen und töten.«
    »Und wenn ich tot bin, was wollen sie dann?«
    »Der Prinz, der dem Kampf beigewohnt haben wird, ohne sich daran zu beteiligen, wird die Monarchie ausrufen; der Graf von Provence, der in der ganzen Sache nicht einmal den kleinen Finger gerührt hat, wird den Namen Ludwig XVIII. annehmen, sich auf den Thron seiner Vorfahren setzen, und das wird es gewesen sein. Sie werden als strahlender Punkt in der Geschichte verbleiben, als eine Art Sonne, die wie Saturn goldene Satelliten besitzt mit Namen wie Toulon, Montebello, Arcoli, Rivoli, Lodi, die Pyramiden oder Marengo.«
    »Lassen Sie die Scherze, Monsieur Fouché. Wer ist der Prinz, der nach Frankreich kommen soll, um mein Erbe anzutreten?«
    »Ach, was das betrifft, muss ich zugeben, dass ich nicht die geringste Ahnung habe. Seit etwa zehn Jahren erwartet man diesen Prinzen, und er kommt und kommt nicht.
    Man hat ihn zur Zeit der Vendée-Kriege erwartet, aber er kam nicht. Man hat ihn bei Quiberon erwartet, er kam aber nicht. Man erwartet ihn in Paris, und es ist anzunehmen, dass er auch diesmal nicht kommen wird, nicht anders als in der Vendée und bei Quiberon.«
    »Nun gut«, sagte Bonaparte, »dann wollen wir ihn erwarten. Fouché, Sie übernehmen die Verantwortung?«
    »Für alles, was in Paris geschieht, vorausgesetzt, Ihre Polizei pfuscht der meinen nicht ins Handwerk.«
    »Abgemacht. Sie wissen, dass ich keine Vorsichtsmaßnahmen treffe; es ist also Ihre Sache, mich zu bewachen. Apropos: Vergessen Sie nicht, Ihrem Mann sechstausend Francs Belohnung auszahlen zu lassen, und er soll nach Möglichkeit Cadoudal im Auge behalten.«
    »Seien Sie unbesorgt; falls er ihn aus dem Auge verlöre, hätten wir immer noch zwei unfehlbare Mittel, ihn wiederzufinden.«
    »Und welche?«
    »Moreau und Pichegru.«
    Kaum war Fouché gegangen, ließ Bonaparte Savary rufen.
    »Savary«, sagte er zu seinem Adjutanten, »bringen Sie mir das Verzeichnis der Individuen, die im Departement Seine-Inférieure wegen Raubüberfällen auf die Eilpost und ähnlichen Delikten gemeldet wurden.«
    Seit der innere Frieden eingekehrt war, hatte die Polizei alle Individuen erfasst, die sich zuvor am Bürgerkrieg beteiligt hatten oder in jenen Gegenden auffällig geworden waren, in denen die Kutschen der Eilpost überfallen wurden. Diese Individuen waren in mehrere Kategorien aufgeteilt: 1. Anstifter, 2. Täter, 3. Komplizen, 4. all jene, die einem Individuum der vorgenannten Kategorien zur Flucht verholfen hatten.
    Es galt nun, den Uhrmacher ausfindig zu machen, den Querelle und Fouchés Spitzel erwähnt hatten. Über Fouchés Spitzel hätte Bonaparte seinen Namen erfahren können, doch er wollte nicht zeigen, dass ihm dieser Name wichtig war, damit Fouché nicht erriet, was er im Schilde führte.
    Fouchés Scharfsinn hatte Bonaparte kaum minder gekränkt als Régniers Blindheit. Sich plötzlich einer Gefahr ausgesetzt zu wissen, von der er nichts geahnt hatte, und durch den Schild der Polizei vor dieser Gefahr geschützt worden zu sein, ohne davon gewusst zu haben, das kam für einen Menschen von Bonapartes Charakter und Tatkraft einer Demütigung gleich. Er hatte sich täuschen lassen – nun, dann würde er jetzt umso klarer sehen! Und deshalb ließ er sich von Savary die Liste der Verdächtigen im Departement Seine-Inférieure bringen.
    Schon bei ihrem ersten Blick auf das Verzeichnis für Eu und Tréport sahen sie den Namen eines Uhrmachers Troche. Vater Troche befand sich in Haft, und da er zu den Hauptbeschuldigten zählte, war kaum damit zu rechnen, dass er den Mund aufmachte. Doch es gab einen neunzehnjährigen Sohn, der über die Landungen, die bereits stattgefunden hatten, und die noch bevorstehenden sicherlich Bescheid wusste.
    Bonaparte ließ telegraphisch anordnen, den Sohn festzunehmen und auf schnellstem Weg nach Paris zu bringen; mit der Eilpost konnte er am Tag nach seiner Verhaftung in Paris sein.  

    Unterdessen war Réal in das Gefängnis zurückgekehrt, wo er den Gefangenen in einem erbarmungswürdigen Zustand vorgefunden hatte.
    Bei Tagesanbruch, das heißt zwischen sechs und sieben Uhr morgens, war die militärische Einheit, die den Todeskandidaten zum Hinrichtungsplatz eskortieren und ihn dort füsilieren sollte, eingetroffen und hatte Aufstellung bezogen. Der Fiaker, der den Gefangenen befördern würde, stand vor der Gefängnispforte mit offener Tür und heruntergelassenem Trittbrett.
    Der Gefangene, der sich wie gesagt in der Kanzlei des Gerichtsschreibers befand, deren vergitterte Fenster auf die Straße gingen, konnte von dort alle Vorbereitungen zu seiner Erschießung mit ansehen – Vorbereitungen, die zweifellos weniger erschreckend sind als die zum Guillotinieren, aber dennoch nicht ohne Grauen.
    Er hatte gesehen, dass die Ordonnanz, die den Hinrichtungsbefehl abzuholen hatte, zum Gouverneur von Paris geschickt worden war, und er sah, dass der zuständige Adjutant bereits zu Pferde wartete, um die Hinrichtung anzuordnen und durchzuführen, sobald die Ordonnanz mit dem Befehl zurückkehrte. Die Dragoner, die ihm als Eskorte dienen würden, warteten ebenfalls aufgereiht zu Pferde, und ihr Offizier hatte die Zügel seines Pferdes an das Gitter des Fensters gebunden, aus dem er sah. In diesem schrecklichen Warten verbrachte er die Zeit von halb sieben bis um neun Uhr morgens.
    Nachdem er darauf gelauscht hatte, wie die Glocke halbe Stunden und Viertelstunden schlug, vernahm er um neun Uhr endlich das gleiche Räderrollen, das er um fünf Uhr gehört hatte.
    Ängstlich heftete sein Blick sich auf die Tür; sein Ohr suchte die Geräusche im Flur aufzufangen, und die Gefühle, die er vor Stunden empfunden hatte, ließen wieder sein Herz klopfen.
    Réal trat lächelnd ein.
    »Oh, Sie würden nicht lächeln«, rief der unglückliche Gefangene, warf sich vor ihm nieder, umschlang seine Knie und preßte sie an seine Brust, »wenn ich zum Tode verurteilt wäre!«
    »Ich habe Ihnen nicht die Begnadigung versprochen«, sagte Réal, »ich habe Ihnen einen Aufschub versprochen, und Aufschub wird Ihnen gewährt, doch ich verspreche Ihnen, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um Ihr Leben zu retten.«
    »Aber dann«, rief der Gefangene, »dann lassen Sie diese Dragoner, diesen Fiaker, diese Soldaten entfernen, wenn ich nicht vor Angst sterben soll. Meinetwegen sind sie hier, und solange sie hier sind, kann ich nicht glauben, was Sie mir sagen.«
    Réal ließ den Gefängnisdirektor kommen. »Die Hinrichtung ist aufgeschoben«, sagte er, »durch Ordre des Ersten Konsuls. Bringen Sie Monsieur in eine Einzelzelle, und lassen Sie ihn heute Abend in das Temple-Gefängnis überstellen.«
    Querelle atmete auf. Im Temple befanden sich Häftlinge mit langen Haftstrafen, aber keine zum Tode Verurteilten. Das war die Bestätigung dessen, was Réal ihm gesagt hatte. Als Nächstes sah er aus dem Fenster, von dem er den Blick nicht abwenden konnte, dass das Trittbrett des Fiakers eingezogen und die Tür geschlossen wurde, dann sah er, dass der Offizier sein Pferd losband, es bestieg, an die Spitze seiner Männer ritt, und dann sah er nichts mehr.
    Im Übermaß seiner Freude war er ohnmächtig geworden.
    Der Arzt wurde gerufen und ließ den Gefangenen zur Ader. Querelle kam wieder zu sich, wurde in Einzelhaft untergebracht und wie befohlen am Abend in das Temple-Gefängnis überführt.
    Monsieur Réal war bei ihm geblieben, solange er ohnmächtig war, und hatte bei seinem Erwachen das Versprechen wiederholt, sich bei dem Ersten Konsul für ihn zu verwenden.

33
Das Nest ist leer

    Ein befremdlicher Umstand hatte die Polizei auf Troches Fährte gesetzt. Zwei, drei Jahre vor der Zeitspanne, die wir inzwischen behandeln, war es bei einer Landung zu einer Auseinandersetzung zwischen Zoll und Schmugglern gekommen; Schüsse waren gefallen, und an einem der halb verbrannten Stopfen, die auf dem Schlachtfeld liegen geblieben waren, konnte man die Aufschrift entziffern: An Citoyen Troche, Uhrmacher in …
    Jedermann in Dieppe kannte den Citoyen Troche, und niemand bezweifelte, dass der Citoyen Troche sein Gewehr mit einem Stopfen geladen hatte, der aus einem an ihn adressierten Brief bestand; dieser Brief lenkte folglich die Aufmerksamkeit der Regierung auf Troche.  

    Wenige Tage vor Querelles Verurteilung hatte man den Citoyen Troche, einen gewieften Normannen von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, Querelle gegenübergestellt; da Troche sah, dass Querelle ihn nicht erkennen wollte, hatte auch er Querelle nicht erkannt, doch ungeachtet seiner Schweigsamkeit hatten die Behörden den Citoyen Troche in Haft behalten.
    Nun wandte man sich an Troche junior, einen groß gewachsenen naiven Jüngling von neunzehn oder zwanzig Jahren, der seiner vorgeblichen Naivität zum Trotz als Schmuggler weitaus gewandter war denn als Uhrmacher. Nach Paris gebracht und Savary vorgeführt, der zur Wache beim Ersten Konsul eingeteilt war, tat Nicolas Troche so, als glaubte er, was man behauptete, dass nämlich sein Vater alles gestanden habe, und legte ein Geständnis ab.
    Dieses Geständnis belastete ihn selbst nicht allzu schwer. Er gestand, dass er von Schmugglern, die an Land gehen wollten, benachrichtigt wurde und dass er ihnen ein verabredetes Signal zukommen ließ. Bei ruhigem Seegang half er ihnen, bei unruhiger See wartete er auf Windstille; er reichte ihnen die Hand, wenn sie den Gipfel der Klippe erreichten, und dann, so erklärte er, wies er sie an einen seiner Freunde weiter und hörte erst wieder von ihnen, wenn er die drei Francs pro Person für seine Hilfe erhielt.
    So hatte man es seit Menschengedenken im Hause Troche gehalten; der älteste Sohn erbte dieses Gewerbe als Teil seines Geburtsrechts, und die ganze Sippschaft der Troches, die auf diese Weise an die tausend Francs im Jahr erwirtschaftete, tat so, als hätte sie bei diesem klandestinen Treiben noch nie mit anderen Kunden als Schmugglern zu tun gehabt.
    Durch eine angelehnte Tür hatte General Bonaparte das ganze Verhör belauscht und erfahren, was man sich im Großen und Ganzen erwartet hatte. Savary fragte den jungen Troche, ob man bald mit einer neuen Landung von »Schmugglern« rechne. Der junge Troche erwiderte, zu dem Zeitpunkt, da Savary ihm die Ehre habe angedeihen lassen, ihn abzuholen, um sich mit ihm zu unterhalten, kreuze ein englischer Kutter vor der Klippe von Biville und warte auf ruhigeres Wetter, um anlegen zu können.
    Der Erste Konsul hatte Savary haarklein vorgegeben, wie er zu verfahren habe. Sollte Nicolas Troche gestehen – was er nun getan hatte -, dann würde Savary mit ihm in den Wagen steigen, der ihn hergebracht hatte, und sich unverzüglich auf den Weg machen, um die Neuankömmlinge bei Biville in Empfang zu nehmen.
    Der junge Troche wurde die ganze Fahrt über bewacht.
    Savary konnte nicht vor sieben Uhr abends aufbrechen; ihm folgte ein Wagen, in dem sich ein Dutzend Elitegendarmen befand.
    Kurzfristig hatte man mit dem Gedanken gespielt, Troche junior zu seinem Vater Jérôme ins Gefängnis zu stecken, doch der junge Mann, der die frische Luft auf den Klippen der Kerkerluft vorzog, hatte darauf hingewiesen, dass keine Landung stattfinden würde, wenn er nicht an Ort und Stelle wäre, um das verabredete Signal zu geben. Nicolas Troche war der geborene Jäger: Wenig kümmerte ihn, für wen er jagte, solange er nur jagte. Die Einsicht, dass der Weg, dem er folgte, ihn auf das Schafott führen konnte, machte, dass er mit ebenso großem Eifer denen eine Falle stellte, deren Landung er erwartete, wie er denen geholfen hatte, die zuvor gelandet waren.
    Savary erreichte Dieppe vierundzwanzig Stunden nach seiner Abfahrt aus Paris bei stockfinsterer Nacht, vom Kriegsminister mit allen Vollmachten versehen.
    Troche erkundete sogleich die Lage an der Küste. Die See war noch immer unruhig, der Kutter kreuzte noch immer in Sichtweite. Das schlechte Wetter hatte eine Landung bisher verhindert. Bei Tagesanbruch suchte Savary mit Troche das Ufer auf. Der Kutter war nach wie vor zu sehen.
    Bei günstigen Windverhältnissen konnte er von seiner derzeitigen Position aus ohne zu kreuzen den Fuß der Klippe erreichen.
    Savary wollte nicht in Dieppe bleiben. Er verkleidete sich als Bürgersmann, ließ zwölf seiner Gendarmen ebenfalls bürgerliche Kleidung anlegen und begab sich mit ihnen nach Biville. Die zwölf Gendarmen gehörten zu den tapfersten des ganzen Regiments.
    Savary ließ seine Pferde vorausschicken; von Troche geführt, betrat er ein Haus, das für gewöhnlich von den Kundschaftern besucht wurde, welche die englischen Postschiffe an der Küste absetzten. Dieses abgelegene Haus befand sich außerhalb des Überwachungsbereichs der Polizeibehörde am äußersten Rand des Dorfs und bot denen, die seinen Schutz suchten, den Vorteil, unbemerkt kommen und gehen zu können.
    Savary ließ seine Männer vor dem Garten, sprang über die Hecke und näherte sich dem kleinen Haus. Durch einen geöffneten Fensterladen sah er einen Tisch, gedeckt mit Wein, frisch geschnittenen Brotscheiben und Butterbroten.
    Savary wandte sich zur Hecke um, rief Troche herbei und zeigte ihm die Mahlzeit. »Das«, sagte Troche, »ist die Verpflegung, die für all jene bereitsteht, die von der Küste kommen, und sie zeigt, dass für heute Nacht oder spätestens für morgen mit der Landung gerechnet wird. Bei Ebbe werden die Ankömmlinge entweder innerhalb der nächsten Viertelstunde eintreffen oder erst morgen.«
    Savary wartete vergebens; weder an diesem Tag noch an den folgenden Tagen kam es zu einer Landung.
    Diese Landung, die nicht erfolgte, wurde mit größter Ungeduld erwartet. Den Gerüchten zufolge befand sich der sagenumwobene Prinz, ohne den nicht gehandelt werden konnte oder ohne den zumindest Georges nicht handeln wollte, an Bord des Kutters.
    Bei Tagesanbruch war Savary auf dem Gipfel der Klippe. Der Boden war schneebedeckt; unterwegs hatte Savary einen Augenblick lang geglaubt, gefunden zu haben, was er suchte.
    Der Wind blies heftig vom Meer herein, Schneeflocken wirbelten in der Luft, und man sah keine zehn Schritte weit, doch man hörte sehr gut. Stimmen ertönten aus einem Hohlweg, der zur Klippe führte, Troche legte Savary die Hand auf den Arm und sagte: »Das sind unsere Leute; ich höre Pageot de Pauly.« Pageot de Pauly war ein junger Mann in Troches Alter, der in seiner Abwesenheit die Funktion des Führers innehatte. Savary ließ seine Gendarmen den Hohlweg am anderen Ende abriegeln und ging mit Troche und zwei Mann auf die Stimmen zu. Das plötzliche Erscheinen von vier Männern oben auf der Klippe und der laut geäußerte Ruf: »Halt!« erschreckten die nächtlichen Wanderer. Pageot aber erkannte Troche und rief: »Ihr habt nichts zu fürchten, es ist Troche!« Die zwei Gruppen näherten sich einander; Pageots Begleiter waren nur Dörfler, die in Erwartung einer Landung zur Klippe gegangen waren.
    Die Landung war versucht worden, doch die Schaluppe hatte nicht landen können, weil der Seegang zu heftig war. Eine laute Stimme hatte aber gerufen: »Bis morgen!«, und diese Worte hatte der Wind bis zu den Dörflern hinaufgetragen. Es war das dritte Mal, dass der Kutter seine Schaluppe zu Wasser gelassen hatte, ohne dass ihr die Landung geglückt war.
    Bei Tagesanbruch fuhr der Kutter auf das offene Meer hinaus, und dort kreuzte er den ganzen Tag. Am Abend näherte er sich wieder der Küste und versuchte eine Landung seiner Schaluppe. Savary blieb die ganze Nacht auf der Lauer, doch nichts geschah, und am nächsten Morgen entfernte sich der Kutter von der Küste und fuhr nach England zurück.
    Savary blieb einen Tag länger, um zu sehen, ob der Kutter wiederkehren würde. Während dieses Tages untersuchte er aufmerksam das Kabel, mit dessen Hilfe die Gelandeten die Klippe überwanden, und obwohl er kein Hasenfuß war, bekannte er, dass er lieber zehn Schlachten auf sich nähme, als an diesem dünnen Seil die Klippe zu erklimmen, vom Sturm umtost, vor sich die Finsternis, unter sich das Meer.
    Jeden Tag korrespondierte er über einen Boten mit Bonaparte. Am achtundzwanzigsten Tag wurde er telegraphisch nach Paris zurückbeordert.
    Savary war zurückbeordert worden, weil gewisse Dinge sich erhellt und andere sich verdunkelt hatten.
    Bonaparte war inzwischen überzeugt, dass auf dem Kutter, dessen Anwesenheit ihm Savary zehn oder zwölf Tage lang gemeldet hatte, nicht der sagenumwobene Prinz weilte, ohne den Georges nicht losschlagen wollte. Wenn Georges allein handelte, war er nur ein gewöhnlicher Verschwörer; wenn Georges mit dem Herzog von Berry oder dem Grafen von Artois zusammen handelte, war er Verbündeter eines Prinzen.
    Bonaparte hatte Carnot und Fouché kommen lassen. Lesen wir, was er selbst über diese Unterredung in dem Manuskript sagt, welches das Schiff Le Héron von Sankt Helena mitbrachte:

    Je weiter ich voranschritt, desto gefährlicher wurden die Jakobiner, die mir den Hinrichtungstod ihrer Freunde nicht verzeihen konnten. In dieser äußersten Gefahr ließ ich Carnot und Fouché holen.
    »Meine Herren«, sagte ich zu ihnen, »nach langen Stürmen schmeichle ich mir mit dem Gedanken, dass Sie wie ich erkannt haben, dass die Interessen Frankreichs bislang keineswegs im Einklang mit den verschiedenen Regierungen waren, die das Land sich im Lauf der Revolution verliehen hat; keine dieser Regierungen war der geographischen Lage Frankreichs, Anzahl und Befähigung seiner Bewohner umsichtig angepasst. Der Staat mag Ihnen heute friedlich erscheinen, doch er gründet noch immer auf einem Vulkan, dessen Lava brodelt und dessen Ausbruch es um jeden Preis zu verhindern gilt. Ich glaube, wie im Übrigen sehr viele ehrbare Leute, dass es nur einen einzigen Weg gibt, Frankreich zu retten und ihm für alle Zeiten die Vorteile der Freiheit zu sichern, die es errungen hat, indem es unter den Schutz einer konstitutionellen Monarchie mit erblicher Thronfolge gestellt wird.«
    Carnot und Fouché zeigten sich über meinen Vorschlag nicht erstaunt; sie hatten damit gerechnet. Carnot sagte unumwunden, er bezweifle nicht, dass ich es auf den Thron abgesehen hätte.
    »Und verhielte es sich so«, erwiderte ich, »was würden Sie dann darauf erwidern, wenn es Ruhm und Frieden Frankreichs diente?«
    »Dass Sie an einem Tag das Werk eines ganzen Volkes vernichten würden, welches Sie dafür eines Tages büßen lassen könnte.«
    Ich erkannte wohl, dass bei Carnot nichts auszurichten war, und beendete das Gespräch, das ich ein andermal mit Fouché weiterführen wollte, den ich wenige Tage darauf rufen ließ.
    Carnot hatte mein Geheimnis verraten, das in der Tat allmählich keines mehr war. Da ich ihn nicht um Stillschweigen gebeten hatte, verübelte ich ihm seine Indiskretion nicht. Schließlich mussten meine Vorhaben wohl oder übel bekannt werden, damit ich erfuhr, wie sie sich auf die öffentliche Meinung auswirkten.
    Hatte mein Handeln, seit ich die Geschicke des Landes leitete, die Franzosen darauf vorbereitet, mich eines Tages nach dem Szepter greifen zu sehen, sahen sie mein Handeln gar als Garanten ihres Friedens und ihres Glücks? Ich weiß es nicht; gewiss aber ist, dass die Sache sich ohne großes Aufsehen hätte abwickeln lassen, wäre nicht ein wahrer Teufel auf den Plan getreten, nämlich Fouché. Sollte er allen Ernstes an das Gerücht geglaubt haben, das er ausstreuen ließ, wäre er weniger schuldig, doch sollte er es allein zu dem Zweck haben ausstreuen lassen, mir Ungelegenheiten zu bereiten, wäre er ein wahres Ungeheuer.
    Kaum hatte Fouché durch seine Polizeispitzel von meinen Absichten auf den Thron erfahren, ließ er unter den Hauptjakobinern, ohne dass man ahnte, dass er die Quelle war, das Gerücht verbreiten, ich wolle die Monarchie wiedereinführen, und zwar in der alleinigen Absicht, die Krone dem legitimen Erben zurückzugeben. Weiter hieß es, in einem Geheimabkommen sei festgehalten, dass alle ausländischen Mächte mich in diesem Unternehmen unterstützen würden.
    Es war dies diabolisch ersonnen, denn es machte mir all jene zum Feind, deren Wohlergehen oder gar Existenz durch eine Rückkehr der Bourbonen Gefahr drohen konnte.
    Hinzu kam, dass ich zu jener Zeit Fouché weder gut genug kannte, noch ihm ein so finsteres Vorhaben zu unterstellen vermochte. Die Wahrheit dieser Worte mag belegen, dass ich ihn damit beauftragte, die öffentliche Meinung zu sondieren. Es fiel ihm nicht schwer, mir die Gerüchte zu melden, die in Umlauf waren, da er sie selbst ausgestreut hatte.
    »Die Jakobiner«, sagte er, »werden eher ihren letzten Tropfen Blut vergießen, als Sie den Thron besteigen zu lassen. Nicht einen Herrscher fürchten sie – denn ich neige mittlerweile zu der Ansicht, sie würden sich früher oder später gerne davon überzeugen lassen, dass dies das beste Mittel wäre, gesicherte Verhältnisse zu etablieren -, sondern die Bourbonen, die sie nicht zurückkehren lassen wollen, weil sie auf deren Rachsucht rechnen.«
    Diese Worte zeigten mir zwar Hindernisse auf, waren jedoch nicht dazu angetan, mich zu entmutigen, denn die Bourbonen hatte ich nicht im Entferntesten im Sinn. Dies bemerkte ich zu Fouché, und ich fragte ihn, wie man es anstellen solle, die falschen Gerüchte zu dementieren und die Jakobiner davon zu überzeugen, dass ich nicht zum Liebediener der Bourbonen geworden war.
    Er verlangte zwei Tage Bedenkzeit.
    Zwei Tage später kam Fouché wie angekündigt wieder. »Der Kutter, von dem Oberst Savary uns berichtet hat«, sagte er, »ist am elften Tag verschwunden. Dieser Kutter hatte nur zweitrangige Verschwörer an Bord, die an der bretonischen Küste abgesetzt werden sollten und die auf anderem Weg nach Frankreich gelangen werden. Die bourbonischen Prinzen, den Grafen von Artois und den Herzog von Berry, kennen Sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich niemals darauf einlassen würden, nach Paris zu kommen, um es dort mit Ihnen aufzunehmen; trotz aller Appelle waren sie nicht einmal bereit, sich in die Vendée zu begeben, um es dort mit den Republikanern aufzunehmen. Der Herr Graf von Artois, dieser eitle Hohlkopf, ist viel zu sehr damit beschäftigt, den englischen Misses und Ladys schöne Augen zu machen, und der Herzog von Berry hat es, wie Sie wissen, noch nie darauf ankommen lassen, in einem Duell oder in einem Gefecht den persönlichen Mut zu beweisen, den jeder Prinz unter Beweis stellen müsste. Doch am anderen Ende der Welt, auf dem jenseitigen Rheinufer, sechs bis acht Meilen von Frankreich entfernt, gibt es einen mutigen Mann, der wiederholt seine Tapferkeit bewiesen hat, als er gegen die republikanischen Truppen kämpfte: Ich spreche von dem Sohn des Prinzen von Condé, dem Herzog von Enghien.«
    Bonaparte zuckte zusammen. »Nehmen Sie sich in Acht, Fouché«, sagte er. »Ich pflege meine Zukunftspläne nicht in allen Einzelheiten mit Ihnen zu erörtern, doch mir will scheinen, dass Ihnen von Zeit zu Zeit eine Befürchtung in den Sinn kommt: die Befürchtung, ich könnte mich eines Tages mit den Bourbonen arrangieren, was für Sie, den ausgemachten Königsmörder, die allerunerquicklichsten Folgen haben könnte. Wenn ein Bourbone gegen mich konspirieren sollte und mir das klipp und klar bewiesen würde, ließe ich mich weder von seinem königlichen Geblüt noch von irgendwelchen gesellschaftlichen Erwägungen von dem abhalten, was zu tun mir geboten erschiene. Ich will mein Geschick vollenden, wie es im Buch des Schicksals geschrieben steht, jedenfalls soweit ich es sehen kann. Jedes Hindernis auf diesem Weg werde ich beseitigen, doch dabei werde ich immer auf mein Recht und auf mein Gewissen vertrauen.«
    »Citoyen«, sagte Fouché, »ich erwähne den Herzog von Enghien weder zufällig noch aus Eigennutz. Als nach der Unterredung, die Sie Cadoudal gewährten, Sol de Grisolles nicht etwa seinem General nach London folgte, sondern nach Deutschland aufbrach, war ich neugierig zu erfahren, was er am anderen Rheinufer zu suchen hatte. Ich setzte jenen Spitzel auf seine Fährte, der die Ehre hatte, Ihnen seinerzeit vorgestellt zu werden. Er ist überaus gewandt, wie Ihnen aufgefallen sein wird. Er verfolgte seinen Mann nach Straßburg, überschritt mit ihm den Rhein, machte sich unterwegs mit ihm bekannt und kam mit ihm zusammen in Ettenheim an. Die erste Sorge des Aide de Camp Cadoudals war, Seiner Durchlaucht dem Herzog von Enghien seine Aufwartung zu machen, und der Herzog von Enghien lud ihn zum Abendessen ein und behielt ihn bis um zehn Uhr nachts bei sich.«
    »Schon recht«, sagte Bonaparte schroff, denn er hatte begriffen, wohin Fouché ihn führen wollte, »aber gespeist hat Ihr Spitzel nicht mit den beiden, oder? Er kann weder wissen, worüber sie gesprochen haben, noch, welche Pläne sie geschmiedet haben.«
    »Worüber sie gesprochen haben, ist nicht schwer zu erraten. Die Pläne allerdings sind schwieriger zu erraten. Doch bleiben wir bei dem, was wir wissen, ohne uns in Spekulationen zu ergehen.
    Wie Sie sich denken können, war mein Mann nicht acht Stunden lang sich selbst überlassen, ohne auf Betätigung zu sinnen. Nun, er hat die Zeit darauf verwendet, Erkundigungen einzuholen. Auf diese Weise erfuhr er, dass der Herzog von Enghien von Zeit zu Zeit für sieben bis acht Tage aus Ettenheim verschwindet und bisweilen eine oder auch zwei Nächte in Straßburg zu verbringen pflegt.«
    »Was soll daran erstaunlich sein?«, sagte Bonaparte. »Ich weiß es, denn auch ich habe mich über das Tun des Herzogs informiert.«
    »Und was tut er zu diesen Zeiten?«, fragte Fouché.
    »Er besucht seine Geliebte, die Fürstin Charlotte de Rohan.«
    »Jetzt müssten wir nur noch in Erfahrung bringen«, sagte Fouché, »ob die Anwesenheit Madame Charlotte de Rohans in Straßburg, die im Übrigen nicht die Geliebte, sondern die heimlich angetraute Ehefrau des Herzogs von Enghien ist, die ohne Weiteres mit ihm in Ettenheim residieren könnte, ob also ihre Anwesenheit in Straßburg nicht ein Vorwand ist, damit der Fürst, der seine Frau besuchen kommt, bei diesem Anlass auch seine Komplizen sprechen kann, ganz zu schweigen davon, dass er von Straßburg aus innerhalb von zwanzig Stunden in Paris wäre.«
    Bonaparte runzelte die Stirn. »Dann wäre wahr«, sagte er, »was behauptet wurde, als man mir erzählte, man habe ihn im Theater gesehen! Ich habe die Schultern gezuckt und es als Hirngespinst abgetan.«
    »Ob er im Theater war oder nicht«, sagte Fouché, »ich würde dem Ersten Konsul raten, den Herzog von Enghien nicht aus den Augen zu verlieren.«
    »Ich werde mehr tun als nur das«, sagte Bonaparte, »ich werde morgen noch einen Mann meines Vertrauens auf die andere Rheinseite schicken; er wird mir sofort berichten, und unmittelbar nach seiner Rückkehr werden wir über die Angelegenheit beraten.«
    Indem er Fouché den Rücken zuwendete, gab er ihm zu verstehen, dass er allein sein wollte.
    Fouché ging.
    Eine Stunde später ließ der Erste Konsul den Gendarmerieinspektor kommen und fragte ihn, ob er in seinen Rängen einen intelligenten Mitarbeiter habe, den man in geheimer und höchst vertraulicher Mission nach Deutschland schicken und der außerdem die Auskünfte überprüfen könne, die Fouchés Spitzel schickte.
    Der Inspektor erwiderte, er habe einen Mann zur Hand, der genau das sei, was der Erste Konsul suche, und fragte, ob der Erste Konsul den Mann persönlich instruieren wolle oder ob es ihm genüge, seine Anweisungen über ihn, den Inspektor, weiterzugeben.
    Bonaparte antwortete, in einer so ernsthaften Angelegenheit könnten die Instruktionen gar nicht zu klar sein. Er werde sie deshalb noch am selben Abend aufsetzen und dem Inspektor übergeben lassen, damit dieser sie an den Beamten weitergeben könne, der abreisen solle, sobald er seine Instruktionen erhalten hätte.
    Die Instruktionen lauteten: »Sich darüber informieren, ob der Herzog von Enghien tatsächlich regelmäßig auf geheimnisvolle Weise aus Ettenheim verschwindet; sich darüber informieren, mit welchen Personen aus dem Kreis der Emigranten er sich mit Vorliebe umgibt oder wen er häufiger als andere empfängt; sich schließlich darüber informieren, ob er politische Beziehungen zu den englischen Spitzeln an den kleinen deutschen Fürstenhöfen unterhält.«
    Um acht Uhr morgens reiste der Gendarmeriebeamte nach Straßburg ab.

34
Die Enthüllungen eines Gehenkten

    Während der Erste Konsul die Instruktionen verfasste, die der Gendarmeriebeamte mitnehmen sollte, spielte sich im Temple-Gefängnis eine tragische Szene ab.
    Im Temple befanden sich die wenigen Gefangenen, die man in dieser Verschwörungssache bisher gemacht hatte, darunter Georges’ Diener, ein gewisser Picot, und zwei weitere Verschwörer, die mit ihm zusammen im Haus eines Weinhändlers in der Rue du Bac verhaftet worden waren, am nämlichen Tag, an dem der Limousiner Georges besagtes Haus hatte verlassen sehen. Eine Karte, die man in Picots Zimmer fand, war mit einer Adresse in der Rue Saintonge beschriftet; unter dieser Adresse fand die Polizei unfehlbar Roger und Damonville und verfehlte Coster Saint-Victor nur um wenige Augenblicke.
    Noch am Abend seiner Einlieferung in das Temple-Gefängnis erhängte sich Damonville. Deshalb wurde angeordnet, dass die Wärter zweimal nachts in den Zellen der Gefangenen nach dem Rechten sahen, was sonst nicht üblich war.
    Ein weiterer Gefangener, Bouvet de Lozier, war am 12. Februar bei einer gewissen Dame namens Saint-Léger in der Rue Saint-Sauveur verhaftet worden. Im Temple-Gefängnis wurde er aus dem Loch für Krethi und Plethi, wo es ihm übel ergangen war, in Einzelhaft versetzt und streng verhört.
    Er war Mitte dreißig, royalistischer Offizier, Adjutant Cadoudals, einer seiner engsten Vertrauten, und hatte unter falschem Namen alles vorbereiten lassen, was Savary in seinem Bericht aufgeführt hatte.
    Er war einer der umtriebigsten Verschwörer, und durch besagte Madame de Saint-Léger, die seine Vermieterin war, hatte er in Cahillot in der Grande Rue, Nummer sechs, ein Haus mieten lassen, in dem Georges Cadoudal nach seiner Ankunft in Paris unter dem Namen Larive Logis genommen hatte.
    Als er begriff, dass er in seinem ersten Verhör schon zu viel gesagt hatte, und weil er befürchtete, in einem zweiten Verhör noch unvorsichtiger zu sein, beschloss er, sich das Leben zu nehmen, wie Damonville es getan hatte.
    Am 14. Februar gegen Mitternacht erhängte er sich an einer schwarzen Seidenkrawatte, die er so hoch wie möglich an seiner Zellentür befestigt hatte. Als er das Bewusstsein verlor, betrat jedoch einer seiner Wärter namens Savard im Verlauf seiner nächtlichen Runde die Zelle. Er spürte, dass die Tür sich nicht öffnen ließ, drückte sie mit aller Kraft auf, vernahm ein Stöhnen, drehte sich um, sah den Gefangenen an seiner Krawatte baumeln und rief Hilfe herbei.
    Der zweite Wärter dachte, es gebe Streit mit einem Gefangenen, und lief mit gezücktem Messer herbei.
    »Schneide ihn ab, Élie, schneide ihn ab!«, rief Savard und deutete auf die Krawatte, die der Gefangene sich um den Hals geschlungen hatte.
    Élie säumte nicht, sondern durchschnitt den Knoten, und Bouvet stürzte wie ein Toter zu Boden. Für tot hielt man ihn wahrhaftig, doch da der Obergefängniswärter Fauconnier sich Gewissheit verschaffen wollte, befahl er seinen Männern, den Selbstmörder in den Raum des Kanzleischreibers zu bringen und Monsieur Souppé, den Arzt des Temple-Gefängnisses, zu holen.
    Der Arzt stellte fest, dass der Gefangene noch atmete, und ließ ihn zur Ader; das Blut sprudelte hervor, und wenige Sekunden darauf schlug Bouvet de Lozier die Augen auf. Sobald sein Zustand es erlaubte, wurde er in einen Wagen gesetzt und zu Citoyen Desmarets gebracht, dem Leiter der Geheimpolizei.
    Bei Desmarets traf der Gefangene auf Monsieur Réal. Er legte nicht nur ein umfassendes Geständnis ab, sondern schrieb es nieder und unterzeichnete es. Um sieben Uhr am nächsten Morgen, als der Gendarm sich anschickte, nach Deutschland abzureisen, suchte Réal den Ersten Konsul auf, der gerade von Constant, seinem Kammerdiener, frisiert wurde.
    »Ah, Herr Staatsrat, Sie haben offenbar Neuigkeiten für mich, dass ich Sie zu so früher Stunde sehe?«
    »Ja, General, ich habe Ihnen Neuigkeiten von allerhöchster Wichtigkeit mitzuteilen, aber ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen.«
    »Pah! Machen Sie sich keine Gedanken, was Constant betrifft, Constant ist niemand.«
    »Wenn Sie es wünschen, General, bitte sehr. Pichegru weilt in Paris, wie Sie wissen.«
    »Natürlich weiß ich das«, sagte Bonaparte. »Das hat mir Fouché gesagt.«
    »Ja, aber was er Ihnen nicht gesagt hat, weil er es selbst nicht wissen kann, ist, dass Pichegru und Moreau miteinander verkehren und miteinander konspirieren.«
    »Kein weiteres Wort!«, sagte Bonaparte. Und er führte einen Finger an den Mund, um Réal Schweigen zu gebieten.
    Bonaparte beeilte sich mit seiner Toilette und führte dann den Staatsrat in sein Arbeitskabinett. »Gut«, sagte er, »Sie hatten recht, und wenn das, was Sie mir sagen, wahr sein sollte, dann wäre dies in der Tat eine Neuigkeit von allergrößter Wichtigkeit.« Bei diesen Worten vollführte er die Geste mit dem Daumen, die wir bereits erwähnten.
    Réal berichtete ihm, was vorgefallen war.
    »Und Sie sagen«, unterbrach ihn Bonaparte, »er habe ein schriftliches Geständnis verfasst, das Sie bei sich tragen?«
    »Hier ist es«, erwiderte Réal.
    In seiner Ungeduld riß Bonaparte es ihm beinahe aus der Hand.
    In der Tat war es eine gewichtige Neuigkeit für ihn zu erfahren, dass Moreau sich an einer Verschwörung gegen ihn beteiligte. Moreau und Pichegru waren die Einzigen, die sich in militärischer Hinsicht mit ihm messen konnten. Pichegru, zu Recht oder zu Unrecht des Hochverrats verdächtigt und am 18. Fructidor nach Sinnamary geschickt, war trotz seiner wunderbaren Rettung wie durch Gottes Hand kein Gegner mehr, vor dem Bonaparte sich fürchten musste.
    Moreau hingegen, noch vom Glanz seines Sieges bei Hohenlinden umstrahlt und von Bonaparte für diesen trefflichen und klugen Sieg mit Undank gelohnt, lebte als schlichter Bürger in Paris und konnte sich auf eine große Gefolgschaft verlassen. Am 18. Fructidor und am 13. Vendémiaire hatte Bonaparte nur die Jakobiner, das heißt die exaltiertesten Republikaner, für vogelfrei erklärt und aus den Staatsgeschäften verbannt. Alle gemäßigten Republikaner jedoch, die sahen, wie der Erste Konsul sich nach und nach die Macht sicherte und sich Schritt für Schritt dem Königtum näherte, hatten sich zumindest geistig – wenn nicht greifbarer – um Moreau gesammelt, der mit Unterstützung der wenigen anderen Generäle, die den Grundsätzen von 1789 und sogar von 1793 treu geblieben waren, und durch seine ununterbrochene Verschwörertätigkeit in der Armee, sichtbar durch Augereau und Bernadotte verkörpert, unsichtbar durch Malet, Oudet und die Philadelphes, zu einem Gegner geworden war, den man ernsthaft fürchten musste.
    Und nun sollte Moreau, dieser untadelige Republikaner, dieser zweite Fabius, wie er genannt wurde, dieser Beschwichtiger, der immer gesagt hatte, sein Wahlspruch sei, dass man den Menschen und den Dingen Zeit geben müsse – nun sollte dieser Moreau sich ohne alle Bedenken Hals über Kopf in ein royalistisches Komplott gestürzt haben, mit dem Condé-Anhänger Pichegru und dem Chouan Cadoudal als Verbündeten! Bonaparte lächelte, verdrehte die Augen zum Himmel und sagte: »Die Sterne meinen es wahrhaftig gut mit mir!«
    Dann wandte er sich an Réal: »Ist der Brief wirklich von seiner Hand?«
    »Ja, General.«
    »Und unterzeichnet?«
    »Und unterzeichnet.«
    »Sehen wir es uns an.« Ohne eine Antwort abzuwarten, las er:

    Ein Mann, soeben dem Grabe entronnen und noch von den Schatten des Todes umfangen, verlangt nach Rache an denen, die ihn und seine Mitstreiter durch ihre Perfidie in den Abgrund gestürzt haben, in dem er sich befindet. Nach Frankreich entsandt, um die Sache der Bourbonen zu unterstützen, sieht er sich genötigt, entweder für Moreau zu kämpfen oder auf das Unternehmen zu verzichten, welches das einzige Ziel seiner Aufgabe war...
    Bonaparte hielt inne. »Was soll das heißen: ›für Moreau zu kämpfen?‹« fragte er.
    »Lesen Sie weiter«, sagte Réal.

    Ein Prinz aus dem Hause Bourbon sollte nach Frankreich kommen und sich an die Spitze der royalistischen Partei stellen. Moreau hatte versprochen, sich der Sache der Bourbonen anzuschließen. Kaum haben die Royalisten in Frankreich Fuß gefasst, zieht Moreau sich zurück. Er bietet ihnen an, für sie zu wirken und sich zum Diktator ausrufen zu lassen. Das sind die Tatsachen; ziehen Sie daraus Ihre Schlüsse.
    Lajolais, ein General, der unter Moreau gedient hatte, wird von ihm nach London zu dem Prinzen geschickt. Pichegru war der Mittelsmann. Lajolais hält sich im Namen und im Auftrag Moreaus an den vereinbarten Plan. Der Prinz macht sich bereit abzureisen, doch in den Gesprächen, die Moreau, Pichegru und Cadoudal in Paris führen, erklärt Ersterer, dass er nur zu handeln bereit sei, um einem Diktator den Weg zu ebnen, nicht aber einem König. Ergebnis ist Zerwürfnis und beinahe völlige Niederlage der royalistischen Partei.
    Besagten Lajolais sah ich in Paris, als er am 25. Januar Georges und Pichegru abholte; ich saß mit ihnen im Wagen am Boulevard de la Madeleine, Lajolais wollte sie zu Moreau bringen, der in der Nähe wartete; sie hatten eine Besprechung in den Champs-Élysées, in deren Verlauf Moreau sich dagegen aussprach, die Monarchie wiedereinzuführen, und vorschlug, man solle stattdessen ihn als Diktator an die Spitze der Regierung setzen und den Royalisten keine andere Wahl lassen, als seine Mitstreiter oder Soldaten zu werden.
    Der Prinz sollte erst nach Frankreich kommen, nachdem ihm das Ergebnis der Konferenz der drei Generäle vorläge und nachdem die drei sich völlig einig erklärt hätten und Einigkeit über ihr weiteres Vorgehen bestünde.
    Georges wies jeden Gedanken an einen Meuchelmord und an eine Höllenmaschine weit von sich; in London hatte er dies in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben; ihm war es nur um einen Kampf zu tun gewesen, in dem er und seine Offiziere ihr Leben riskiert hätten. Dieser Kampf hätte zum Ziel gehabt, sich des Ersten Konsuls und damit der Regierung zu bemächtigen.
    Ich kann nicht wissen, welches Gewicht Sie den Worten eines Mannes beimessen, der seit einer Stunde dem Tod entrissen ist, den er sich selbst gegeben hatte, und der sich vor dem Tod sieht, den ihm eine Regierung zuweist, die er gekränkt hat, doch ich kann den Aufschrei meiner Verzweiflung nicht zurückhalten und den Mann, der mich ihr ausgeliefert hat, nicht schonen. Im Übrigen lassen sich im Verlauf des Hochverratsprozesses, der gegen mich geführt wird, Beweise finden, die erhärten, was ich vorbringe.
    BOUVET DE LOZIER
    Bonaparte verharrte nach der Lektüre einen Augenblick schweigend. Zweifellos versuchte er durch heftige geistige Anstrengung ein Problem zu lösen. Dann sagte er wie im Selbstgespräch: »Der Einzige, der mich besorgt stimmen kann, der Einzige, der mir gegenüber die geringsten Aussichten hätte, sollte sich so tölpelhaft verraten! Unmöglich!«
    »Soll ich Moreau auf der Stelle verhaften lassen?«, fragte Réal.
    Der Erste Konsul schüttelte den Kopf.
    »Moreau ist zu wichtig«, sagte er, »er ist mir zu feindlich gesinnt, ich bin viel zu sehr daran interessiert, mich von ihm zu befreien, als dass ich mich den Mutmaßungen der öffentlichen Meinung aussetzen wollte.«
    »Aber wenn Moreau mit Pichegru konspirieren sollte?«, wandte Réal ein.
    »Dann muss ich sagen«, fuhr Bonaparte fort, »dass ich Pichegrus Anwesenheit in Paris erst durch Fouché und Ihren Todeskandidaten heute Nacht erfahren habe. Aber alle englischen Zeitungen tun so, als weilte er heute noch in London oder in der Nähe der Stadt. Ich weiß sehr wohl, dass diese Zeitungen gegen mich sind und gegen die französische Regierung konspirieren.«
    »Auf alle Fälle«, sagte Réal, »habe ich die Schlagbäume schließen lassen und angeordnet, dass jeder, der die Stadt betreten will, gründlich untersucht wird.«
    »Vor allem jeder, der die Stadt verlassen will«, sagte Bonaparte.
    »Ist nicht vorgesehen, dass Sie morgen eine große Parade abnehmen, Citoyen Erster Konsul?«
    »Ja.«
    »Nun, die müssen Sie absagen.«
    »Und warum?«
    »Weil sich noch etwa sechzig Verschwörer in Paris herumtreiben, und wenn wir ihnen jeden Weg abschneiden, die Stadt zu verlassen, könnten sie einen waghalsigen Coup riskieren.«
    »Und wenn schon«, sagte Bonaparte, »was geht mich das an? Ist es nicht Ihre Aufgabe, mich zu bewachen?«
    »General«, erwiderte Réal, »für Ihre Sicherheit können wir nur garantieren, wenn Sie die Parade absagen.«
    »Herr Staatsrat, ich wiederhole es«, sagte Bonaparte, der die Geduld zu verlieren begann, »jeder von uns hat seine Aufgabe; Ihre besteht darin, darüber zu wachen, dass ich nicht ermordet werde, wenn ich Paraden abnehme, die meine besteht darin, Paraden abzunehmen auf die Gefahr hin, dabei ermordet zu werden.«
    »General, das ist unbedacht.«
    »Monsieur Réal«, erwiderte Bonaparte, »Sie sprechen wie ein Staatsrat; die größte Bedachtsamkeit in Frankreich ist der Mut!«
    Und er kehrte dem Staatsrat den Rücken zu und sagte zu Savary: »Lassen Sie Fouché durch eine Ordonnanz zu Pferd benachrichtigen, dass er mich auf der Stelle aufsuchen soll.«
    Von den Tuilerien bis zu Fouchés Wohnung in der Rue du Bac war es nicht weit, und keine zehn Minuten später hielt der Wagen des wahren Polizeiministers vor dem Tor des Tuilerienpalasts.
    Fouché traf Bonaparte an, der mit großen Schritten umherging und sich in Rage redete.
    »Kommen Sie schon!«, sagte er zu Fouché. »Wissen Sie, dass Bouvet de Lozier versucht hat, sich in seiner Zelle zu erhängen?«
    »Ich weiß auch«, erwiderte Fouché ungerührt, »dass man ihn rechtzeitig retten konnte, dass er zu Monsieur Desmarets gebracht wurde, wo er von Monsieur Réal verhört wurde und seine Aussage unterzeichnet hat.«
    »In dieser Aussage behauptet er, Pichegru sei in Paris.«
    »Ich hatte Ihnen das bereits gesagt.«
    »Ja, aber Sie hatten mir nicht gesagt, dass er hier ist, um mit Moreau zu konspirieren.«
    »Das wusste ich damals noch nicht oder wenigstens noch nicht definitiv; ich hegte nur einen Verdacht, und diesen Verdacht habe ich Ihnen mitgeteilt.«
    »Und jetzt wissen Sie mehr?«, fragte Bonaparte.
    »Sie sind ein schrecklicher Mann«, sagte Fouché. »Sie wollen alles wissen und am liebsten im Voraus, so dass man nie das Verdienst hat, Ihnen etwas zu enthüllen. Wollen Sie wissen, wie weit meine Nachforschungen gediehen sind, vorausgesetzt, Sie lassen mich die Sache so zu Ende führen, wie ich es will?«
    »Ich stelle keine Bedingungen, und ich will wissen, wie weit Sie sind.«
    »Wohlan. Jeder von uns hat seine Rolle: Réal für Bouvet de Lozier, der sich gestern erhängt hat, und ich habe Lajolais, der sich vielleicht morgen erhängen wird. Ich habe Lajolais verhaften lassen, ich habe ihn verhört; wollen Sie erfahren, was er ausgesagt hat? Ich habe seine Aussage mitgebracht, weil ich mir dachte, Sie wollten sie sehen. Hier das Wesentliche, ohne seine Bitten und Fragen.

    Seit Längerem wusste ich durch einen gemeinsamen Freund, den Abbé David, dass Pichegru und Moreau, die verfeindet gewesen waren, sich zuletzt versöhnt hatten. Moreau hatte ich im vergangenen Sommer mehrmals gesehen; er hat mir den Wunsch bezeigt, sich mit Pichegru zu unterhalten. Um dies zu bewerkstelligen, bin ich nach London abgereist; dort habe ich Pichegru gesprochen und ihm Moreaus Wunsch mitgeteilt. Pichegru hat mir versichert, er hege den gleichen Wunsch und wolle eine solche Annäherung wahrnehmen, um England zu verlassen.
    Kaum waren zwei Wochen vergangen, als sich die Gelegenheit bot, und wir ließen sie nicht ungenutzt verstreichen. Pichegru wohnte damals in der Rue de l’Arcade; die Verabredung sollte auf dem Boulevard de la Madeleine stattfinden, an der Ecke zur Rue Basse-du-Rempart. Moreau kam im Fiaker von zu Hause, aus der Rue d’Anjou-Saint-Honoré.
    An der Madeleine stieg er aus, und ich blieb im Wagen, der im Schritt weiterfuhr. Die zwei Generäle begegneten sich an der vereinbarten Stelle. Sie gingen etwa eine Viertelstunde lang miteinander. Ich weiß nicht, was bei dieser ersten Unterredung besprochen wurde. Die zwei weiteren Unterredungen fanden in Moreaus Haus in der Rue d’Anjou-Saint-Honoré statt. Diesmal erwartete ich Pichegru in der Rue de Chaillot, denn wir hatten ihn eine neue Wohnung nehmen lassen. Bei seiner Rückkehr zeigte er sich äußerst unzufrieden mit Moreau, und als ich ihn fragte, was der Grund seiner Unzufriedenheit sei, sagte er: »Wissen Sie, was Moreau uns angeboten hat, dieser selbstlose Mensch mit dem Herzen eines Spartaners? Er hat von uns verlangt, dass wir ihn zum Diktator machen. Die Diktatur würde er sich gnädig antragen lassen! Offenbar ist dieser... so ehrgeizig, dass er die Regentschaft übernehmen will. Nun, da wünsche ich ihm viel Erfolg; Doch meiner Meinung nach könnte er Frankreich keine drei Monate lang regieren.«
    »Meinen Sie, man sollte Moreau verhaften?«, fragte Bonaparte.
    »Ich wüsste nicht, was dagegenspräche«, sagte Fouché. »So wie wir ihn kennen, wird er in drei Monaten nicht weiter sein, als er heute ist. Und Pichegru sollte man in diesem Fall gleich mitverhaften, damit beide Namen gleichzeitig ausgesprochen und an den Hauswänden von Paris angeschlagen werden.«
    »Wissen Sie, wo Pichegru sich gegenwärtig aufhält?«
    »Ich habe ihm seine Wohnung besorgt, bei einem ehemaligen Kammerdiener namens Leblanc, der früher in seinen Diensten war. Er kommt mich teuer zu stehen, aber ich weiß über alles, was er tut, Bescheid.«
    »Sie kümmern sich also um die Verhaftung Pichegrus?«
    »Selbstverständlich. Sie können Réal beauftragen, Moreau festzunehmen, das wird nicht weiter schwierig sein, und dieser Vertrauensbeweis wird den guten Staatsrat entzücken. Er soll mir sagen, wann Moreau in das Temple-Gefängnis eingeliefert werden wird, dann kann er Pichegru dort eine halbe Stunde später entgegennehmen.«
    »Sie wissen«, sagte Bonaparte, »dass ich am Sonntag eine Parade abnehme. Réal hat mir geraten, sie abzusagen.«
    »Im Gegenteil, nehmen Sie sie ab«, sagte Fouché. »Ihre Parade wird die allerbeste Wirkung haben.«
    »Das ist sonderbar«, sagte Bonaparte, der Fouché ansah, »ich hielt Sie nicht für mutig, doch Sie geben mir immer wieder Ratschläge, die von größtem Mut künden.«
    »Ich gebe sie nur«, sagte Fouché mit seinem gewohnten Zynismus, »ich muss sie nicht befolgen.«
    Der Befehl, die zwei Generäle zu verhaften, wurde gleichzeitig, am selben Tisch und mit derselben Feder unterzeichnet. Savary überbrachte Réal die Ordre für die Festnahme Moreaus, Fouché nahm die für Pichegru mit.
    Moncey, einer von Moreaus besten Freunden, wurde in seiner Eigenschaft als kommandierender Gendarmeriegeneral angewiesen, diesen zu verhaften.
    Dem Oberrichter wurde die Ordre zusammen mit einer Notiz Bonapartes überbracht, die lautete: »Monsieur Régnier, bevor Sie General Moreau in das Temple-Gefängnis bringen lassen, finden Sie heraus, ob er mir etwas zu sagen hat. In diesem Fall bringen Sie ihn in Ihrem Wagen zu mir. Möglicherweise können wir alles untereinander regeln.«
    Keine derartige Empfehlung wurde Fouché für Pichegru mitgegeben. Und doch war Pichegru ein alter Bekannter Bonapartes, denn in der Militärschule zu Brienne war er sein Repetitor gewesen.
    Bonaparte erinnerte sich nicht gerne an seine Schulzeit: Zu oft war er des bescheidenen Adelsstandes seiner Familie und seiner spärlichen Mittel wegen gehänselt worden.

35
Die Verhaftungen

    Der darauffolgende Tag war für die Verhaftung Moreaus und Pichegrus festgesetzt worden.
    Nicht ohne Besorgnis malte Bonaparte sich aus, welche Wirkung die Nachricht von Moreaus Festnahme in Paris haben würde. Seine Ungerechtigkeit Moreau gegenüber verriet, welchen Rang dieser in seiner Wertschätzung einnahm. Und deshalb wäre es Bonaparte am liebsten gewesen, Moreau auf seinem Landgut in Grosbois verhaften zu lassen und nicht in der Stadt.
    Gegen zehn Uhr vormittags hatte Bonaparte keinerlei Neuigkeiten erfahren, wünschte sich jedoch nichts sehnlicher als das und ließ deshalb Constant kommen, dem er befahl, sich im Faubourg Saint-Honoré umzuhören. Falls etwas geschehen war, würde Constant es zweifellos erfahren, sobald er Moreaus Haus in der Rue d’Anjou observierte.
    Constant gehorchte, doch im Faubourg Saint-Honoré und in der Rue d’Anjou begegnete er nur einigen verkleideten Polizeispitzeln, die niemandem auffielen außer ihm, denn er kannte sie von ihren Streifzügen um die Tuilerien herum. Einen, mit dem er ein wenig besser bekannt war, fragte er aus, und er erfuhr, dass Moreau sich offenbar auf seinem Landsitz aufhielt. In seinem Pariser Haus hatte man ihn nicht vorgefunden.
    Constant war auf dem Rückweg, als der Spitzel, der in ihm den Kammerdiener des Ersten Konsuls erkannt hatte, hinter ihm hereilte und ihm zurief, Moreau sei auf der Brücke von Charenton festgenommen und in das Temple-Gefängnis gebracht worden. Er hatte keine Gegenwehr geleistet, war von seinem Wagen in das Kabriolett des Spitzels umgestiegen, und als der Großrichter Régnier ihn bei seiner Ankunft im Temple gefragt hatte, ob er vielleicht mit Bonaparte zu sprechen wünsche, hatte er erwidert, er habe keinerlei Anlass, ein Gespräch mit dem Ersten Konsul zu begehren.
    Bonapartes Hass auf Moreau war von großer Ungerechtigkeit, doch andererseits war Moreaus Hass auf Bonaparte von nicht geringer Kleinlichkeit – denn dieser Haß gründete nicht in seinen eigenen Gefühlen, sondern in der Ranküne zweier Frauen: seiner Ehefrau und seiner Schwiegermutter. Madame Bonaparte hatte Moreau mit ihrer Freundin Mademoiselle Hulot verheiratet, Kreolin aus Martinique wie sie. Mademoiselle Hulot war eine fügsame, liebenswerte junge Frau mit allen Eigenschaften, die eine gute Ehefrau und gute Mutter ausmachen, voll leidenschaftlicher Liebe zu ihrem Ehemann und stolz auf den ruhmreichen Namen, den sie trug. Unglücklicherweise zählte zu ihren Tugenden auch die unumschränkte Unterwerfung unter die Ansichten, Wünsche und Leidenschaften ihrer Mutter. Madame Hulot war so ehrgeizig, dass sie ihren Schwiegersohn auf einer Stufe mit Bonaparte sah und sich für ihre Tochter eine Stellung erträumte, die der Joséphines gleichkam. Ihre Mutterliebe äußerte sich in endlosen Klagen und unablässigen Beschwerden, von der Tochter dem Ehemann zu Ohren gebracht. Die Gelassenheit des alten Römers hielt dieser Belagerung nicht stand, sein Gemüt verfinsterte sich, sein Haus wurde zu einem Brennpunkt der Opposition gegen Bonaparte, in dem alle Unzufriedenen verkehrten; jedes Tun des Ersten Konsuls bot Anlass zu beißendem Spott und strengstem Tadel. Moreau verwandelte sich von einem melancholischen Träumer in einen finster Brütenden, aus Ungerechtigkeit wurde Gehässigkeit, aus Unzufriedenheit Verschwörertum.
    Bonaparte wiederum hoffte, dass Moreau zur Besinnung kommen würde, war er erst einmal verhaftet, dem Einfluss von Ehefrau und Schwiegermutter entzogen und mit ihm allein.
    »Und«, fragte er Régnier, als er ihn nach der Verhaftung sah, »bringen Sie ihn zu mir?«
    »Nein, General. Er hat gesagt, er habe keinen Anlass, ein Gespräch mit Ihnen zu begehren.«
    Bonaparte sah den Großrichter über die Schulter an und sagte schulterzuckend: »Das hat man davon, wenn man sich mit Schwachköpfen abgibt.«
    Wer aber war der Schwachkopf?
    Der Großrichter dachte, Bonaparte hätte Moreau gemeint. Wir aber denken, dass Bonaparte Régnier im Sinn gehabt hatte.  

    Pichegru war ebenfalls verhaftet worden, doch in seinem Fall hatte man weniger Nachsicht walten lassen als bei Moreau.
    Wir erinnern uns, dass Fouché gesagt hatte, er wisse, wo Pichegru sich aufhielt. Dank der Wachsamkeit des Limousiners hatte Fouché Pichegru seit dessen Ankunft in Paris tatsächlich keine Sekunde lang aus den Augen verloren.
    Von der Rue de l’Arcade hatte er ihn in die Rue de Chaillot verfolgt; als er die Rue de Chaillot verlassen musste, hatte Coster Saint-Victor ihn bei seiner einstigen Freundin, der schönen Aurélie de Saint-Amour, versteckt, wo er sich in mehr oder weniger größerer Sicherheit befand als an jedem anderen Ort, doch diese letzte Zuflucht unseres Alkibiades widersprach der Sittenstrenge Pichegrus. Deshalb nahm er die Gastfreundschaft eines ehemaligen Dienstboten an oder, wie andere behaupten, eines ehemaligen Aide de Camp – doch wir hoffen, es war ein Dienstbote -, verließ die Rue des Colonnes und zog in die Rue Chabanais um.
    Bei Aurélie hatte er zwei Tage lang gewohnt; dies ist der einzige Zeitraum, in dem Fouché ihn aus den Augen verloren hatte.
    In dem neuen Unterschlupf blieb Pichegru zwei Wochen lang, ohne dass man ihn belästigt hätte. Seit zwölf Tagen hatte Fouché seine Fährte wiedergefunden und ließ ihn nicht mehr aus den Augen.
    Am Vorabend des Tages, an dem Moreau verhaftet werden soll, will ein gewisser Leblanc General Murat persönlich sprechen und lässt sich nicht abweisen.
    Wie wir uns erinnern, war Murat, Bonapartes Schwager, der ihn beim 18. Brumaire so trefflich unterstützt hatte, an Junots Stelle zum Gouverneur von Paris ernannt worden.
    Unter der Last seiner Verpflichtungen weigert Murat sich zunächst, den Bittsteller vorzulassen, doch als Pichegrus Name fällt, öffnen sich dem Petitionär alle Türen.
    »Herr Gouverneur«, sagte ein Mann um die fünfzig, »ich biete Ihnen an, Ihnen Pichegru auszuliefern.«
    »Ihn auszuliefern oder ihn zu verkaufen?«
    Der Mann stand für einen Augenblick gesenkten Kopfs und stumm da.
    »Ihn zu verkaufen«, murmelte er dann.
    »Für wie viel?«
    »Hunderttausend Francs.«
    »Ho, ho, lieber Freund, das ist viel Geld!«
    »General«, sagte der Mann und erhob den Kopf, »wenn man ein Schurkenstück wie dieses begeht, soll es sich wenigstens auszahlen.«
    »Werde ich bis heute Abend seine Adresse wissen und ihn verhaften können, wann ich will?«
    »Sobald das Geld bezahlt ist, werden Sie tun können, was Sie wollen, sogar meine Seele dem Teufel verkaufen, sollte Ihnen der Sinn danach stehen.«
    »Man wird Ihnen den Betrag auszahlen«, sagte Murat. »Wo hält Pichegru sich auf?«
    »Bei mir, in der Rue Chabanais, Nummer fünf.«
    »Geben Sie mir eine schriftliche Beschreibung seines Zimmers.«
    »Im vierten Stock, ein Zimmer samt Kammer, zwei Fenster zur Straße, eine Tür zum Treppenabsatz und eine Tür zur Küche. Ich werde Ihnen den Schlüssel zur Küchentür aushändigen, ich habe einen Zweitschlüssel anfertigen lassen, und meine Bedienstete wird Ihren Männern den Weg weisen. Lassen Sie sich aber gesagt sein, dass Pichegru immer mit einem Paar doppelter Pistolen und mit einem Dolch unter dem Kopfkissen schläft.«
    Murat las die Erklärung und legte sie dem Verräter vor: »Jetzt«, sagte er, »müssen Sie unterzeichnen.«
    Der Mann ergriff die Feder und unterzeichnete mit »Leblanc«.
    »Ich könnte Ihnen Ihrer hunderttausend Francs wegen die Hölle heißmachen«, sagte Murat. »Sie kennen sehr wohl das Gesetz gegen Hehler; wie kommt es, dass Sie zwei Wochen lang gewartet haben, bevor Sie Pichegru denunzierten?«
    »Ich hatte nicht gewusst, dass er gesucht wurde. Er hatte sich als Emigrant vorgestellt, der gekommen war, um seine Exilierung ungeschehen zu machen. Gestern erst hatte ich begriffen, dass er aus einem anderen Grund nach Paris gekommen war, und ich wollte der Regierung behilflich sein, indem ich seine Verhaftung beförderte, und außerdem«, wiederholte der Verräter mit niedergeschlagenem Blick, »sagte ich bereits, dass ich nicht wohlhabend bin.«
    »Sie werden es sein«, sagte Murat, der die Geldscheine und Münzen zu ihm schob. »Möge das Geld Ihnen Glück bringen, was ich allerdings bezweifle.«
    Keine Stunde war seit dieser Unterredung vergangen, als Murat Fouché angekündigt wurde. Murat genoss Bonapartes Vertrauen und wusste, dass Fouché der wahre Polizeipräfekt war.
    »Mein General«, sagte Fouché, »Sie haben soeben hunderttausend Francs ohne Not verpulvert.«
    »Und wie das?«, fragte Murat.
    »Indem Sie diesen Geldbetrag einem Halunken namens Leblanc gaben, der Ihnen eröffnet hat, Pichegru befinde sich bei ihm.«
    »Meiner Treu, das schien mir nicht zu viel für ein solches Geheimnis.«
    »Es war aber zu viel, denn ich wusste davon und hätte ihn bei erstbester Gelegenheit festnehmen lassen.«
    »Und wussten Sie, wie sein Zimmer aussieht, so dass Sie keinen Fehler gemacht hätten?«
    Fouché zuckte die Schultern. »Im vierten Stock, zwei Fenster auf die Straße, zwei Türen, eine zur Küche, die andere auf den Teppenabsatz, zwei Pistolen und ein Dolch unter dem Kopfkissen. Pichegru wird im Temple-Gefängnis sein, sobald Sie es wünschen.«
    »Am besten morgen. Morgen wird man Moreau verhaften.«
    »Sehr gut«, sagte Fouché, »um vier Uhr morgens wird man ihn verhaften; allerdings bin ich dem Ersten Konsul für die Sache verantwortlich und möchte sie deshalb zu Ende führen.«
    »Bitte sehr«, sagte Murat.  

    Am nächsten Morgen zwischen drei und vier Uhr begaben sich der Polizeikommissar Comminges, zwei Inspektoren und vier Gendarmen aufgrund der ihnen gegebenen Informationen in die Nummer fünf der Rue Chabanais. Tapfere und unerschrockene Männer waren für dieses Unternehmen gewählt worden, denn es war bekannt, dass Pichegru keine Furcht kannte und sich nicht ohne erbitterten Widerstand gefangen nehmen lassen würde.
    Der Concierge wurde so leise wie möglich geweckt; man teilte ihm mit, worum es ging, und verlangte, Leblancs Köchin zu sprechen.
    Die Köchin, am Abend eingeweiht, hatte sich nicht entkleidet; sie kam herunter, öffnete mit dem Schlüssel, den ihr Herr hatte machen lassen, die Küchentür, und ließ die sechs Polizisten und den Kommissar in Pichegrus Zimmer eintreten.
    Pichegru schlief.
    Die sechs Gendarmen stürzten sich auf das Bett. Pichegru richtete sich auf, warf zwei Gendarmen um, suchte nach seinen Pistolen und seinem Dolch, doch vergebens.
    Die verbliebenen vier Gendarmen warfen sich wie ein Mann auf ihn. Pichegru, halbnackt, wehrte sich gegen drei von ihnen, indes der vierte ihm mit dem Säbel die Beine zerfleischte. Er stürzte nieder wie ein Berg. Ein Gendarm stellte ihm den Stiefel auf das Gesicht, stieß jedoch sofort einen Schrei aus: Pichegru hatte ihm die Stiefelsohle und einen Teil des Fersenbeins abgebissen. Die drei anderen umschlangen ihn mit dicken Seilen, die sie mittels eines Drehkreuzes befestigten.
    »Ich bin besiegt!«, sagte Pichegru. »Genug!«
    Man warf ihm eine Decke über und verfrachtete ihn in einen Fiaker.
    An der Barrière des Sergents bemerkten der Kommissar und die zwei Polizisten, die mit Pichegru im Wagen saßen, dass er nicht mehr atmete. Der Kommissar ließ die Stricke lockern. Es war höchste Zeit, der Gefangene stand kurz vor dem Tod.
    Unterdessen brachte ein Gendarm Bonaparte die Papiere, die man bei Pichegru gefunden hatte.
    Pichegru wiederum wurde so, wie er war, in Monsieur Réals Arbeitszimmer gebracht. Dieser versuchte, ihn zu verhören. Marco Saint-Hilaire hat uns dieses erste Verhör erhalten. Er schildert sehr genau, in welchem Zustand Pichegru sich befand.
    »Wie heißen Sie?«, fragte ihn der Staatsrat.
    »Wenn Sie meinen Namen nicht wissen«, erwiderte Pichegru, »werden Sie kaum bestreiten wollen, dass es nicht an mir ist, ihn Ihnen zu nennen.«
    »Kennen Sie Georges?«
    »Nein.«
    »Woher kommen Sie?«
    »Aus England.«
    »Wo sind Sie gelandet?«
    »Wo ich konnte.«
    »Wie sind Sie nach Paris gekommen?«
    »Im Wagen.«
    »Mit wem?«
    »Mit mir.«
    »Kennen Sie Moreau?«
    »Ja, er hat mich vor dem Direktorium verleumdet.«
    »Haben Sie ihn in Paris wiedergesehen?«
    »Hätten wir uns wiedergesehen, dann mit dem Degen in der Hand.«
    »Und kennen Sie mich?«
    »Sicherlich.«
    »Ich habe oft von Ihnen gehört, und ich achte Ihre militärischen Fähigkeiten.«
    »Sehr schmeichelhaft«, erwiderte Pichegru.
    »Man wird Ihre Wunden verbinden.«
    »Das ist unnötig, sorgen Sie dafür, dass ich erschossen werde.«
    »Haben Sie einen Vornamen?«
    »Meine Taufe ist so lange her, dass ich ihn vergessen habe.«
    »Nannte man Sie nicht bisweilen Charles?«
    »Diesen Namen haben Sie mir in dem gefälschten Briefwechsel gegeben, den Sie mir untergeschoben haben; im Übrigen werde ich von jetzt an nicht mehr auf Ihre unverschämten Fragen antworten.«
    In der Tat wahrte Pichegru von da an Schweigen. Man brachte ihm in Monsieur Réals Arbeitszimmer Kleidung und Leibwäsche, die man aus seiner Wohnung mitgenommen hatte.
    Einer der Gerichtsdiener diente ihm als Kammerdiener.
    Als Pichegru das Temple-Gefängnis betrat, trug er einen braunen Frack, eine schwarze Seidenkrawatte und Stulpenstiefel; eine eng anliegende lange Hose hielt die Verbände an seinen zerfleischten Beinen. Ein blutiges weißes Taschentuch diente als Verband um eine seiner Hände.
    Nach erfolgtem Verhör eilte Monsieur Réal in den Tuilerienpalast. Wie gesagt hatte man Pichegrus Papiere Bonaparte gebracht. Réal fand ihn damit beschäftigt, nicht etwa Pichegrus Papiere zu lesen, sondern einen Bericht, den Pichegru über die Verbesserung Französisch-Guyanas verfasst hatte. Während seines Aufenthalts in Sinnamary hatte er sich Notizen über das Klima gemacht, und während der Zeit, die er in England verbrachte, hatte er als begeisterter Ingenieur den Bericht geschrieben. Er schloss mit der Bemerkung, dass seiner Ansicht nach nicht mehr als zwölf oder vierzehn Millionen erforderlich seien, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.
    Dieser Bericht hatte Bonaparte zutiefst beeindruckt: Er hörte Réal nur mit halbem Ohr zu, als dieser von Verhör und Verhaftung Pichegrus berichtete. Als Réal schwieg, reichte Bonaparte ihm den Bericht, den er soeben gelesen hatte.
    »Lesen Sie selbst«, sagte er.
    »Was ist das?«
    »Das ist das Werk eines Unschuldigen, der in die Gesellschaft von Schuldigen geraten ist, wie es zuweilen geschieht, und der fern seinem Vaterland keineswegs konspiriert hat, sondern Ruhm und Reichtum Frankreichs zu mehren bestrebt war.«
    »Ah«, sagte Réal, der auf den Bericht blickte, den der Erste Konsul ihm hinhielt, »ein Bericht über Guyana und die Möglichkeiten, unseren Landbesitz auf dem Festland zu verbessern.«
    »Wissen Sie, von wem er stammt?«, fragte Bonaparte.
    »Ich sehe keinen Verfassernamen«, sagte Réal.
    »Ha, Pichegru ist der Verfasser. Seien Sie wohlwollend, sprechen Sie zu ihm, wie es einem Mann von seinen Verdiensten zusteht, bringen Sie das Gespräch auf Cayenne und Sinnamary; ich wäre nicht übel geneigt, ihn als Gouverneur dorthin zu schicken und ihm zehn bis zwölf Millionen Kredit einzuräumen, damit er seine Pläne in die Tat umsetzen kann.«
    Bonaparte verschwand in sein Kabinett und ließ einen Réal zurück, der kaum zu fassen vermochte, welche Pläne der Erste Konsul mit einem Mann hatte, dessen Vergehen die Todesstrafe verdienten.
    Doch unter Bonapartes Rivalen war Pichegru nicht nur derjenige, der ihm vielleicht nützlicher sein konnte, sondern auch derjenige, den Bonaparte weniger verabscheute, denn Pichegru hatte seine Beliebtheit bereits verloren, während Moreau beliebter war denn je. Wollte er um die Gunst des Volkes buhlen, hätte Bonaparte Moreau begnadigen und Pichegru entschädigen müssen. Und im Windschatten dieser demonstrativen Großmut konnte er die übrigen Verschwörer hinrichten lassen, ohne befürchten zu müssen, dass gemurrt wurde.

36
Georges

    Blieb Georges.
    Hatte man ihn bis zum Schluss aufgespart, damit die anderen genug Zeit hatten, sich in die Nesseln zu setzen? Oder standen ihm, weil er schlauer war, gewandter, besser informiert und auch wohlhabender als jene, Mittel und Wege zur Verfügung, über die seine Komplizen nicht geboten? Wie auch immer, nach der Verhaftung Moreaus und Pichegrus blieb ihm keine Zeit mehr, denn nun machte Fouché sich allen Ernstes an seine Verfolgung. Ein geschickter Architekt hatte im Voraus in einem Dutzend Häuser Verstecke angelegt, die zu entdecken schier unmöglich war, sofern man nicht die Pläne besaß. Mehr als einmal wähnte Fouché sich auf der richtigen Fährte, doch all seiner Schläue zum Trotz entwischte Georges ihm jedes Mal. Stets bewaffnet, und zwar bis zu den Zähnen, angekleidet schlafend, Gold in die Kleidung eingenäht, verschwand Georges in der erstbesten Tür des erstbesten Hauses und fand stets Unterschlupf, dank seiner Überredungskünste, dank seines Goldes oder durch Drohungen. Einige seiner Bravourstücke sind Legende geworden.
    Eines Nachts gegen Ende Februar, als man ihn aus dem Haus gejagt hatte, in dem er Zuflucht gefunden hatte, eine Meute von Polizisten auf den Fersen und in höchster Not, stürzt sich Georges wie ein Hirsch beim Anblick eines Teichs den Boulevard entlang in den Faubourg Saint-Denis. Auf einem beleuchteten Schild liest er die Worte: Guilbart, Chirurg und Zahnarzt, läutet stürmisch, die Tür wird geöffnet, er schließt sie hinter sich, erwidert dem Concierge, der sein Begehr wissen will: »Zu Monsieur Guilbart«, begegnet auf halber Treppe dem Dienstmädchen des Arztes, das beim Anblick eines in seinen Mantel vermummten Mannes, der sich gewaltsam Zutritt zu schaffen versucht hat, am liebsten um Hilfe rufen würde.
    Georges zieht ein Taschentuch hervor und presst es sich an die Wange.
    »Ist der Chirurg zu sprechen, Madame?«, fragt er und stößt ein lautes Stöhnen aus.
    »Nein, Monsieur!«, erwidert das Hausmädchen.
    »Wo ist er denn?«, fragte Georges.
    »Er ist zu Bett. Wie es sich gehört, es ist schließlich Mitternacht!«
    »Für mich wird er aufstehen, wenn er ein Mensch mit Herz ist.«
    »Menschen mit Herz schlafen um diese Zeit wie alle anderen.«
    »Gewiss, aber sie stehen auf, wenn man an ihr Herz appelliert.«
    »Haben Sie Zahnweh?«
    »Sagen Sie ihm, dass ich höllisches Zahnweh habe.«
    »Soll er Ihnen mehrere Zähne reißen?«
    »Den ganzen Kiefer, wenn es sein muss.«
    »Das ist etwas anderes. Aber ich muss Ihnen sagen, dass Monsieur nicht unter einem Louisdor je Zahn reißt.«
    »Zwei Louisdor, wenn es sein muss.«
    Das Dienstmädchen steigt die Treppe hinauf, führt Georges in das Behandlungszimmer, zündet die zwei Kerzen an dem Sessel an und geht in das Nachbarzimmer; fünf Minuten später kehrt es zurück und sagt: »Monsieur, folgt mir.«
    In der Tat trat der Arzt im nächsten Augenblick ein.
    »Beeilen Sie sich, mein lieber Doktor«, rief Georges, »ich warte sehnsüchtig auf Sie.«
    »Da bin ich schon, da bin ich schon«, sagte der Arzt. »Setzen Sie sich in jenen Sessel... Gut, jetzt sind Sie hier. Zeigen Sie mir den Zahn, der Ihnen Schmerzen bereitet.«
    »Den Zahn, der mir Schmerzen bereitet, zum Teufel!«
    »Ja.«
    »Hier.«
    Und Georges öffnete den Mund und enthüllte dem Blick des Chirurgen ein wahres Schmuckkästchen, das zweiunddreißig Perlen enthielt.
    »Oho!«, sagte der Arzt. »So ein prachtvolles Gebiss habe ich selten gesehen; doch welches ist der Zahn, der Ihnen Schmerzen bereitet?«
    »Es ist eine Art Neuralgie, Doktor, suchen Sie selbst.«
    »Auf welcher Seite?«
    »Rechts.«
    »Sie belieben zu scherzen, ich kann keinen einzigen Zahn entdecken, der einen Makel hätte.«
    »Doktor, denken Sie, ich bäte Sie zum Vergnügen, mir einen Zahn zu reißen?«
    »Aber welchen Zahn soll ich Ihnen reißen?«
    »Den da«, sagte Georges und deutete auf den ersten Backenzahn, »nehmen Sie den!«
    »Sind Sie ganz sicher?«
    »Mehr als sicher, beeilen Sie sich.«
    »Monsieur, ich muss Ihnen trotzdem versichern...«
    »Mir scheint«, erwiderte Georges mit gerunzelter Stirn, »dass es erlaubt sein müsste, sich einen Zahn reißen zu lassen, der Schmerzen macht.«
    Und indem Georges sich aufrichtete, ließ er vielleicht nicht unabsichtlich die Griffe zweier Pistolen und eines reichverzierten Dolchs sehen.
    Der Chirurg begriff, dass er einem so wohlbewaffneten Mann besser nichts abschlug; er setzte die Schraubzange an, drehte sie und zog den Zahn.
    Georges stieß keinen Klagelaut aus. Er ergriff ein Glas, schenkte Wasser ein, gab ein paar Tropfen Medizin in das Wasser und sagte überaus höflich: »Monsieur, niemand dürfte eine leichtere Hand und zugleich einen festeren Griff haben als Sie. Dennoch muss ich sagen, dass mir die englische Methode lieber ist als die französische.«
    Er spülte sich den Mund und spie in das Becken.
    »Und wie kommt es zu dieser Vorliebe, Monsieur?«
    »Sie rührt daher, dass die Engländer die Zähne mit der Zange ziehen, von unten nach oben, so dass der Zahn in gerader Richtung entfernt wird, während die Franzosen eine Schraubbewegung ausführen, mit der die Zahnwurzel gedreht wird, und das ist sehr schmerzhaft.«
    »Recht viel Schmerz haben Sie sich nicht anmerken lassen.«
    »Das kommt daher, dass ich große Selbstbeherrschung besitze.«
    »Sind Sie Franzose, Monsieur?«
    »Nein, ich bin Bretone.«
    Und er legte zwei Louisdor auf den Kaminsims.
    Georges hatte noch nicht das vereinbarte Signal gehört, das reine Luft bedeutete, und wollte deshalb Zeit gewinnen. Monsieur Guilbart wiederum hatte nicht die Absicht, einen so schwerbewaffneten Patienten zu verärgern, und zeigte sich von den banalsten Gesprächsgegenständen angetan. Schließlich ertönte ein Pfiff.
    Das war das Signal, auf das Georges gewartet hatte. Er erhob sich, schüttelte dem Arzt herzlich die Hand und stieg eilig die Treppe hinunter.
    Der Arzt blieb zurück, außerstande, sich zu erklären, was vorgefallen war, und ratlos, ob er es mit einem Wahnsinnigen oder mit einem Einbrecher zu tun gehabt hatte. Erst am nächsten Tag, als ein Polizist ihn aufsuchte und ihm Georges beschrieb, den die Polizisten in der Nähe seines Hauses aus den Augen verloren hatten, erkannte er den Gesuchten wieder.
    Als der Polizist sagte: »Er hat alle zweiunddreißig Zähne im Mund«, ging dem Arzt ein Licht auf; er sagte: »Da irren Sie sich! Er hat nur noch einunddreißig Zähne.«
    »Seit wann?«, fragte der Polizist.
    »Seit gestern Abend«, sagte Moniseur Guilbart, »denn da habe ich ihm einen Zahn gezogen.«  

    Zwei Tage nach diesen Geschehnissen, die in Polizeikreisen seither legendär geworden sind, wurden zwei Verschwörer von höchster Bedeutung festgenommen.
    Es geschah folgendermaßen (der folgende Bericht ist weder eine Polizeilegende noch eine Kanzlistenanekdote):
    Bei meiner ersten Überfahrt von Genua nach Marseille mit dem Dampfschiff lernte ich den Marquis de Rivière kennen. Seine fesselnde Konversation weckte mein größtes Interesse, doch als er dazu ansetzte, mir die Geschichte seiner Verhaftung zu erzählen, setzte bei mir die Seekrankheit ein, und mir war, als bohrte sich seine kraftvolle Stimme, die mich bis in meine unerträglichen Qualen verfolgte, in meinen armen Kopf; er schwieg erst, als er merkte, welch übermenschliche Anstrengung es mich kostete, ihm zuzuhören und ihm zugleich meine Unpässlichkeit zu verbergen. Aus diesem Grund ist mir das, was er erzählte, nach vierzig Jahren noch so gegenwärtig, als hätte ich mich erst gestern mit ihm unterhalten.
    Monsieur de Rivière und Monsieur Jules de Polignac verband eine jener Freundschaften wie im Altertum, die nur der Tod beenden kann; sie konspirierten miteinander, sie waren gemeinsam nach Paris gekommen, und sie zählten darauf, miteinander zu sterben.
    Nachdem Moreau und Pichegru verhaftet worden waren, wurden auch sie aufgestöbert. Da sie nicht wussten, wo sie sich verstecken sollten, erwogen sie, den Grafen Alexandre de Laborde um Asyl zu bitten, einen jungen Mann ihres Alters, der sich mit der Regierung des Ersten Konsuls ohne Weiteres hatte arrangieren können, da er zum Geldadel zählte.
    Monsieur de Labordes Stadtpalais befand sich in der Rue d’Artois an der Chaussée d’Antin. Als die Flüchtenden den Boulevard des Italiens erreichten, blieb der Marquis de Rivière vor einem der Pfeiler des sogenannten Pavillon de Hanovre stehen und las die dort angeschlagene Bekanntmachung des Polizeipräfekten, die den Hehlern mit der Todesstrafe drohte. Er ging zu Jules de Polignac zurück, der auf dem Boulevard wartete.
    »Mein Freund«, sagte der Marquis, »beinahe hätten wir uns etwas zuschulden kommen lassen: Wenn wir den Grafen von Laborde um Asyl bitten, bringen wir ihn und seine ganze Familie in Lebensgefahr. Für Geld können wir uns einen ebenso sicheren Zufluchtsort besorgen – machen wir uns auf die Suche.«
    Jules de Polignac, ein aufrechter Charakter, war der gleichen Ansicht, und sogleich trennten sie sich, damit jeder allein eine Unterkunft suchen konnte.
    Noch am selben Abend begegnete der Marquis de Rivière einem seiner ehemaligen Kammerdiener, einem Mann namens Labruyère, der seinem einstigen Herrn schon zuvor vergebens angeboten hatte, ihn zu verstecken. Diesmal stießen seine Bitten nicht auf taube Ohren.
    Der Marquis blieb achtzehn Tage unbehelligt in dem Versteck, das Labruyère ihm besorgt hatte, und wahrscheinlich wäre er nie entdeckt worden, hätte sein Kamerad Jules nicht etwas Unbedachtes getan. Jules de Polignac erfuhr in seinem Versteck, dass sein Burder Armand verhaftet worden war. Kopflos und ohne sich vorzusehen, lief er auf der Stelle zu seinem Freund Monsieur de Rivière, um es ihm zu erzählen, und der Marquis verlangte, dass Polignac bei ihm blieb.
    »Hat Sie auch niemand kommen sehen?«, fragte er ihn.
    »Keine Menschenseele, nicht einmal die Pförtnerin des Hauses.«
    »Dann sind Sie in Sicherheit.«
    Sie hatten sich sechs Tage lang in ihrem gemeinsamen Versteck aufgehalten, als Jules de Polignac eines Abends trotz der Bitten seines Freundes das Haus verließ, um eine Verabredung einzuhalten, die er für unverzichtbar hielt.
    Ein Polizist erkannte ihn, als er zurückkam und das Haus betrat. Der Polizist wachte die ganze Nacht vor dem Haus, und am Tag darauf wurden Polignac und der Marquis in Labruyères Wohnung festgenommen.
    Der Polizeikommissar war Comminges, der Mann, der sechs Tage zuvor Pichegru verhaftet hatte. Als Erstes erklärte er Labruyère, dass es einem Citoyen verboten sei, Fremde zu beherbergen, worauf Labruyère erwiderte, Monsieur de Rivière sei für ihn kein Fremder, sondern ein Freund, den er selbst dann aufgenommen hätte, wenn ihm dafür die Guillotine drohte.
    Alle drei wurden zum Staatsrat Réal gebracht, damit er sie verhörte.
    »Herr Staatsrat«, sagte der Marquis de Rivière, »ich mache Sie darauf aufmerksam, dass weder mein Freund noch ich eine einzige Frage beantworten werden, solange Sie uns nicht Ihr Wort geben, dass der Mann, der mich aufgenommen hat und der über die Motive unseres Aufenthalts in Paris nicht das Geringste weiß, unbehelligt bleiben wird.«
    Der Staatsrat gab ihm sein Wort; daraufhin umarmte der Marquis seinen ehemaligen Diener und sagte: »Adieu, lieber Freund; jetzt bin ich zufrieden, da ich Ihre Sicherheit gewährleistet weiß.«
    Am Freitag, den 9. März, erhielt um sechs Uhr abends ein Polizist der Sicherheitspolizei namens Caniolle in der Präfektur, wo er wartete, den Befehl, sich an den Fuß der Montagne Sainte-Geneviève zu begeben, um dort ein Kabriolett mit der Nummer dreiundfünfzig zu beschatten, falls es vorbeikommen sollte.
    Dieses Kabriolett war dazu bestimmt, Georges abzuholen, der den Aufenthaltsort wechselte und in eine Wohnung umziehen wollte, die Freunde für ihn zum Preis von achttausend Francs im Monat gemietet hatten.
    Das Kabriolett fährt leer vorbei, doch Caniolle folgt ihm. Er hatte erraten, dass der Wagen eine verdächtige Gestalt abholen würde.
    Auf der Straße wimmelte es von Polizisten, die mit Instruktionen versehen waren. Caniolle weihte sie in seine Ordre ein. Sie folgten ihm.
    Das Kabriolett fährt langsam bis zur Place Saint-Étienne-du-Mont, biegt in die Rue Sante-Geneviève ein und hält gegenüber einem Gässchen, das zu einem kleinen Obstladen führt.
    Das Gässchen war menschenleer, das Verdeck des Kabrioletts geöffnet. Der Fahrer betritt den Obstladen und lässt sich Feuer geben, um seine Laternen anzuzünden. Als er sie am Wagen angebracht hat, verlassen Georges, seine Freunde Le Ridant und Burban sowie ein Vierter eilig das Gebäude, und Georges springt in den Wagen. Seine Freunde wollen es ihm nachtun, doch Caniolle drängt sich zwischen sie und hindert sie am Einsteigen.
    »Was soll das?«, fragt Burban und stößt Caniolle weg. »Ist auf der anderen Straßenseite nicht genug Platz für Sie?«
    »Mich dünkt«, erwidert der Polizist im gleichen Ton, »dass ich ohne Ihre Erlaubnis meiner Wege gehen kann, solange ich niemanden störe.«
    Georges jedoch, der damit rechnet, dass man ihn überwacht, zieht Le Ridant in den Wagen, ohne auf die anderen zu warten, und lässt den Kutscher im Galopp losfahren. Man wollte Georges nicht auf der Straße verhaften, weil man ein blutiges Handgemenge befürchtete. Deshalb hatte der Spitzel nur den Befehl, dem Kabriolett zu folgen, das er im Verlauf des Wortwechsels aus den Augen verloren hatte.
    Er rief Verstärkung herbei, und zwei Polizisten gesellten sich zu ihm; einer der beiden war ein gewisser Buffet.
    Das Kabriolett entfernt sich immer weiter die Rue Saint-Hyacinthe entlang, obwohl die Straße ansteigt, und nun überquert es die Place Saint-Michel. Es biegt in die Rue des Fossés-Monsieur-le-Prince ein, damals Rue de la Liberté, und als Georges, der das Verdeck geschlossen hat, durch das kleine Rückfenster Menschen hinter ihnen herlaufen sieht, sagte er zu Le Ridant, der die Zügel hält: »Fahr zu, wir werden verfolgt! Fahr zu, oder sie fassen uns! Legt euch hin! Legt euch hin!«
    Das Kabriolett, das wie ein Wirbelwind die Straße entlanggesaust war, näherte sich dem Carrefour de l’Odéon, als Caniolle, dem es gelungen war, den Wagen zu erreichen, sich mit letzter Kraft hinaufschwang, die Zügel ergriff und rief: »Halt! Halt im Namen des Gesetzes!«
    Der ohrenbetäubende Lärm des dahinrasenden Wagens hatte alle Welt vor die Tür gelockt. Das gewaltsam angehaltene Pferd hatte noch einige Schritte getan und Caniolle mitgeschleift, bevor es stehen geblieben war.
    Daraufhin springt Buffet auf das Trittbrett und steckt den Kopf unter das Verdeck, um sich zu vergewissern, wer in dem Kabriolett sitzt; doch fast im selben Augenblick ertönen zwei Pistolenschüsse, und Buffet stürzt rückwärts zu Boden, mitten in die Stirn getroffen. Caniolle spürt, wie sein Arm, mit dem er den Zügel hielt, schlaff herunterfällt. Ihm war der Arm zerschmettert worden!
    Georges und Le Ridant springen aus dem Wagen, der eine zur Rechten, der andere zur Linken.
    Kaum hat Le Ridant zehn Schritte getan, wird er ohne Gegenwehr verhaftet, während Georges mit dem Dolch in der Hand gegen zwei Polizisten kämpft.
    Er steht im Begriff, mit dem erhobenen Dolch einen seiner Gegner zu treffen, als ein Hutmacherlehrling namens Thomas sich auf ihn wirft und seine Arme festhält. Zwei weitere Zuschauer, der Schreiber eines Lotteriebüros in der Rue du Théâtre-Français mit Namen Lamotte und ein Büchsenmacher namens Vignal, kommen Thomas zu Hilfe, und es gelingt ihnen, Georges den Dolch zu entreißen.
    Georges wird gefesselt, in einen Fiaker verfrachtet und zur Polizeipräfektur gebracht, wo der Abteilungsvorsteher Dubois ihn in Anwesenheit von Desmarets verhört.
    Beide Männer zeigten größtes Erstaunen, sich Georges gegenüberzusehen. Es folgt, was Desmarets über diesen Augenblick gesagt hat: »Georges, den ich damals zum ersten Mal sah, war in meinen Augen immer eine Art Alter vom Berge gewesen, der seine Meuchelmörder gegen die Machthabenden in alle Himmelsrichtungen aussandte. Stattdessen sah ich einen jungen Mann vor mir, einen Mann mit klaren Augen, frischer Farbe und einem Blick, der fest, doch zugleich so sanft war wie seine Stimme. Trotz seiner Beleibtheit bewegte er sich gewandt. Sein Kopf war ganz rund, mit einem sehr kurzen Lockenschopf, kein Backenbart, keinerlei Ähnlichkeit mit einem finsteren Verschwörer, der seit Jahren über die bretonische Einöde herrschte.«
    »Elender!«, rief Dubois, als er Georges erblickte. »Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben einen Familienvater getötet und einen zweiten verwundet.«
    Georges brach in Gelächter aus. »Daran sind Sie schuld«, sagte er.
    »Wieso das?«
    »Gewiss doch: Sie hätten mich von Ledigen festnehmen lassen müssen.«

37
Der Herzog von Enghien (2)


    Wir erwähnten Fouchés Interesse am Tod des Herzogs von Enghien, um auf diese Weise Bonaparte für alle Zeiten mit dem Hause Bourbon und darüber hinaus mit allen Königshäusern Europas zu verfeinden.
    Und nun bestätigten Georges, Moreau und Pichegru in ihren Verhören mehr oder weniger, was Fouché sich zusammengereimt hatte, indem sie einer nach dem anderen bestätigten, was zuvor nur Gerücht gewesen war: Ein Prinz aus dem Hause Bourbon werde nach Paris kommen und sich an die Spitze der Verschwörung setzen.
    Wir erinnern uns, dass Bonaparte befürchtete, sich von Fouchés Hass auf eine falsche Fährte führen zu lassen, und deshalb einen Gendarmen beauftragt hatte, die Sachverhalte zu überprüfen, die der interimistische Polizeiminister, der ohne Portefeuille dennoch der eigentliche Minister war, vorgebracht hatte. Oberrichter Régnier und Staatsrat Réal waren dabei seine passiven und ahnungslosen Werkzeuge.
    Der Gendarm brach auf.
    Sobald die unsichtbare und unbekannte Macht festgesetzt hat, dass ein glückliches oder schicksalträchtiges Ereignis zu geschehen hat, kommt alles diesem Willen zu Hilfe, der die Menschen im Verfolgen seiner Ziele nach Belieben dirigiert. Kennzeichnend für die großen Ereignisse der modernen Zeit ist die schier ausnahmslose Machtlosigkeit des Individuums. Selbst Männer im Ruf größter Stärke oder Gewandtheit hatten die Geschicke nicht in ihrer Hand, sondern wurden von den Ereignissen mitgerissen. Mächtig waren sie, solange sie der Bewegung dienten, machtlos, sobald sie sich ihr entgegenstellen wollten; und das macht Bonapartes wahren Glücksstern aus, denn das Geschick wahrte ihm die Treue, solange er die Interessen des Volkes vertrat, und kündigte sie ihm auf, als er den aberwitzigen Kometen von 1811 für seinen Stern nahm. Indem er sich den römischen Cäsaren gleichsetzte, wollte er die Sache der Revolution der Sache der alten Monarchien gleichsetzen – ein unmögliches Unterfangen. Der Philosoph kann mit demütigem Staunen die Kraft beobachten, die über den Gesellschaften schwebt und aus sich selbst heraus wirkt: Denn weder in überragendem Geist noch im Adel darf man suchen, was es zum Regieren braucht. Die Ergebnisse darf man sich zunutze machen, doch Verdienst daran darf man sich keines anmaßen.
    Der Zufall nun wollte, dass besagter Gendarm, der unter anderen Umständen nur als Echo fungiert hätte, seine eigene Meinung besaß. Er hatte Paris in der Überzeugung verlassen, der Herzog von Enghien sei der Prinz, den Georges erwartete; er hielt sich selbst für denjenigen, der dazu ausersehen war, dieses große Komplott aufzuklären, und von Stund an sah er die Dinge nur noch durch die Brille seiner Ansichten.
    Zuerst schrieb er nach Paris, es bestehe kein Zweifel daran, dass der Herzog von Enghien in Ettenheim Tag und Nacht Intrigen spinne und dass seine Abwesenheiten von sieben oder acht Tagen nur vorgeblich der Jagd dienten, in Wahrheit aber der Konspiration.
    Diese Abwesenheiten, die der Herzog selbst stets leugnete, wurden allerorten kommentiert, denn aus England schrieb ihm sein Vater, der Prinz von Condé: »Man versichert uns hier, mein lieber Sohn, Sie seien vor sechs Monaten nach Paris gereist, während andere behaupten, Sie seien nur in Straßburg gewesen; Sie werden mir zustimmen, dass Sie Ihr Leben und Ihre Freiheit auf diese Weise unnötig aufs Spiel gesetzt haben, denn was Ihre Grundsätze betrifft, mache ich mir nicht die geringsten Sorgen, da ich sie in Ihrem Herzen so fest verankert weiß wie in dem meinen.«
    Worauf der Herzog erwiderte: »Zweifellos, lieber Papa, muss man mich schlecht kennen, wenn man behaupten oder Ihnen einreden wollte, ich könnte einen Fuß auf republikanischen Boden setzen, ohne den Rang oder den Platz einzunehmen, den der Zufall mir von Geburt an bestimmt hat. Ich bin zu stolz, um den Kopf zu beugen. Dem Ersten Konsul mag es gelingen, mich zu vernichten, doch er wird mich nicht dazu bringen, mich selbst zu erniedrigen.«
    Schwerwiegender jedoch als alldas war einer jener entsetzlichen Zufälle des Schicksals, der darin bestand, dass der Gendarm sich nach den Namen derer erkundigte, die für gewöhnlich mit dem Herzog verkehrten, und man ihm erwiderte, am häufigsten sehe er zwei Kommissare der englischen Regierung, Sir Francis Drake und Sir Spencer Smith, deren einer in Stuttgart und der andere in München residierte und die trotz der Entfernung häufig nach Ettenheim fuhren; hinzu kämen ein Oberst Schmidt und ein General Thuméry. Aus einem deutschen Mund klang der Name Thuméry wie Dümmerie; von Dümmerie bis zu Dumouriez war es nicht mehr weit, und diesen Schritt ging unser Gendarm sofort. In seiner Depesche trat der Name des Generals Dumouriez an die Stelle des Namens Thuméry und verlieh der Anwesenheit des Herzogs am Rheinufer eine Bedeutung von größter Tragweite. Mit einem Mal war Frankreich Gegenstand einer Verschwörung von allen Seiten: Moreau in Paris bildete ihren Mittelpunkt, Georges und Pichegru verkörperten sie im Westen, Dumouriez war ihr Vertreter im Osten, und Frankreich musste sich nach Leibeskräften wehren, um das Netz des Bürgerkriegs zu zerreißen.
    Ein weiterer Umstand kam hinzu. Wie es sich heute verhält, weiß ich nicht, doch damals führten Gendarmerieoffiziere keinen Auftrag aus, wer ihn auch angeordnet haben mochte, ohne eine Zweitschrift ihres Berichts an ihren Vorgesetzten zu senden, und deshalb wurden sie auch nie mit Aufträgen betraut, die höchste Geheimhaltung erforderten.
    Die zwei Berichte kamen mit derselben Post: Einer war an General Moncey adressiert, der andere an Monsieur Réal. Monsieur Réal kam zu festgesetzter Stunde, um mit Bonaparte zu arbeiten, General Moncey kam jeden Morgen auf Befehl, und an diesem Morgen hatte er den Bericht seines Gendarmen in der Tasche und las ihn Bonaparte vor. Die Wirkung des Berichts auf Bonaparte war erschreckend: Er sah einen bewaffneten Bourbonen am Stadtrand von Straßburg vor sich, der nur auf die Nachricht von der Ermordung des Ersten Konsuls wartete, um Frankreich zu betreten, und diesen einzigen Prinzen, der den Mut gehabt hatte, das Schwert zu erheben, um für den Thron zu kämpfen, umringte ein ganzer Stab von Emigranten, englischen Ministern und englischen Offizieren, ganz zu schweigen von Dumouriez, der englischer war als die Engländer selbst. Bonaparte schickte Moncey weg, behielt aber den Bericht da und ordnete an, er wolle nicht gestört werden.
    Moncey ging mit dem Auftrag, Fouché, den zwei Konsuln und Monsieur Réal durch Ordonnanzen mitteilen zu lassen, sie sollten sich um sieben Uhr im Tuilerienpalast einfinden.
    Bonaparte hatte für sieben Uhr eine Audienz mit Chateaubriand vorgesehen. Auf der Stelle ließ er seinen Sekretär Monsieur Méneval dem Verfasser von Der Geist des Christentums einen Brief schreiben, in dem er ihn bat, das Gespräch auf neun Uhr verlegen zu können.  

    Das Geschick dieser zwei großen Geister war auf seltsame Weise ähnlich verlaufen. Beide waren 1769 geboren, beide zählten mittlerweile fünfunddreißig Jahre. Diese Männer, die in dreihundert Meilen Entfernung voneinander das Licht der Welt erblickt hatten, die sich begegnen, sich in die Haare geraten, sich trennen und sich wieder in die Haare geraten sollten, wuchsen auf, ohne voneinander zu wissen, der eine als Schüler im Schatten der hohen und tristen Mauern des Kollegs, den strengen Vorschriften unterworfen, die Generäle und Staatsmänner herausbilden, der andere müßig an den Gestaden, Gefährte von Wind und Wellen, mit der Natur als einzigem Lehrbuch und Gott als einzigem Lehrer, den zwei großen Lehrmeistern der Träumer und der Dichter.
    Und so hatte der eine der beiden immer ein Ziel, das er erreichte, mochte es noch so hochgesteckt sein, während der andere nur Wünsche hegte, die er nie verwirklichte. Der eine wollte den Raum messen, der andere die Unendlichkeit erobern.
    Im Jahr 1791 kehrte Bonparte für ein Semester zu seiner Familie zurück, um dort die Ereignisse abzuwarten. Im Jahr 1791 schiffte Chateaubriand sich in Saint-Malo ein, um den Seeweg nach Indien im Nordwesten Amerikas zu entdecken: Folgen wir dem Dichter.  

    Chateaubriand verlässt Saint-Malo am 6. Mai um sechs Uhr morgens. Er geht auf den Azoren an Land, wie er es später seine Figur Chactas tun lassen wird, dann treiben die Winde ihn an das Ufer Neufundlands, er quert die Meerenge und landet an der Insel Saint Pierre, auf der er zwei Wochen verbringt; verloren in den Nebeln, die sie unaufhörlich bedecken, unter Wolken und Windstößen, begleitet vom Tosen eines unsichtbaren Meeres, irrt er auf einer dürren, abgestorbenen Heide umher, am Rand eines rötlichen Gießbachs zwischen den Felsen.
    Nach den zwei Wochen Aufenthalt verlässt der Reisende Saint Pierre und erreicht die Breiten der Küste von Maryland, wo ihn Windstille aufhält; doch was schert das den Dichter? Die Nächte sind prachtvoll, die Sonnenaufgänge herrlich, die Sonnenuntergänge zauberhaft; vom Oberdeck des Schiffs folgt er mit dem Blick der Sonnenscheibe, die, im Begriff, sich in die Wogen zu tauchen, durch das Tauwerk des Schiffes scheint, in den schrankenlosen Räumen des Ozeans.
    Eines Tages schließlich erblickte man oberhalb der Wogen einige Baumwipfel, die man für das Grün etwas dunklerer Wellen hätte halten können, wären sie nicht unbewegt gewesen. Das war Amerika!
    Ein großer Gegenstand für die Gedanken des zweiundzwanzigjährigen Dichters – diese Welt mit ihren wilden Schicksalen und mit ihrer ungewissen Zukunft, von Seneca erahnt, von Kolumbus entdeckt, von Vespucci getauft, die ihres Historikers aber noch harrt.
    Es war die rechte Stunde, um Amerika zu besuchen! Ein Amerika, das über den Ozean hinweg Frankreich die Revolution zurücksandte, die es vollbracht hatte, die Freiheit, die es sich mithilfe französischer Schwerter erobert hatte.
    Wie merkwürdig, die Erbauung einer blühenden Stadt dort mitzuerleben, wo hundert Jahre zuvor William Penn einigen nomadischen Indianern ein Stück Land abgekauft hatte! Und was für ein letzten Endes erhebender Anblick, eine Nation aus einem Schlachtfeld wachsen zu sehen, als hätte ein neuer Kadmos in die Furchen der Gewehr- oder Kanonenkugeln seine Drachenzähne gesät, denen Menschen entsprangen.
    Chateaubriand machte in Philadelphia halt; er wollte nicht die Stadt besichtigen, sondern Washington besuchen. Washington zeigt ihm einen Schlüssel der Bastille, den ihm die Sieger aus Paris geschickt haben. Chateaubriand konnte ihm seinerseits noch nichts zeigen; nach seiner Rückkehr hätte er ihm den Geist des Christentums zeigen können.
    Sein Leben lang sollte der Dichter sich an diesen Besuch bei dem amerikanischen Staatenlenker erinnern. Am Abend des ersten Tages hatte Washington ihn zweifellos bereits vergessen. Washington befand sich auf dem Gipfel seines Ruhmes, er war der Präsident des Volkes, dem er als General und als Begründer einer Nation gedient hatte. Chateaubriand war ein Niemand, jung und unbekannt, und der Glanz seines späteren Ruhms hatte noch keine ersten Strahlen ausgesandt. Washington starb, ohne denjenigen erkannt zu haben, der später von ihm und von Napoleon sagen sollte: »Diejenigen, welche wie ich den Eroberer Europas und den Gesetzgeber Amerikas gesehen haben, wenden heute ihre Blicke von der Schaubühne der Welt hinweg, denn ein paar Possenreißer, die lachen oder weinen machen, sind nicht der Mühe wert, gesehen zu werden.«
    Washington war die einzige Sehenswürdigkeit in den Städten Amerikas, nach der es Chateaubriand verlangte. Zudem hatte unser Reisender keineswegs den Atlantik überquert und die Neue Welt betreten, um Menschen zu sehen, die allerorten mehr oder weniger die gleichen sind. Es war ihm darum zu tun gewesen, in der Tiefe der Urwälder, am Ufer der Seen, die so groß waren wie Meere, und inmitten der Prärien, die so unendlich waren wie Wüsten, die Stimme zu suchen, die in der Einsamkeit zu uns spricht.
    Hören wir, was der Reisende uns von seinen Eindrücken erzählt. Vergessen wir nicht, dass dieses Land, das Cooper so unnachahmlich geschildert und poetisch gemalt hat, damals fast gänzlich unbekannt war. Gabriel Ferry, der sich auf Coopers Spuren verirrte, hatte weder Der Waldläufer noch Der Indianer veröffentlicht, und Gustave Aimard hatte noch nicht den Legendenschatz, den er ins Leben rief, aus den Tiefen der amerikanischen Wälder heraufbeschworen: Nein, alles war noch jungfräulich im Wald und auf der Prärie, so jungfräulich wie Wald und Prärie selbst, und derjenige, der als Erster deren Schleier heben sollte, fand sie so keusch und rein vor wie am ersten Tag der Schöpfung.  

    »Als ich den Mohawk überquert hatte, gelangte ich in Wälder, die noch nie eine Axt berührt hatte. Eine Art Unabhängigkeitstaumel ergriff mich. Ich ging von rechts nach links und von Baum zu Baum und sagte mir immer wieder: ›Hier gibt es keine Wege mehr, keine Städte, keine Monarchie und keine Republik, weder Präsidenten noch Könige, noch überhaupt Menschen.‹ Und um zu erproben, ob ich wirklich wieder in meine angestammten Rechte eingesetzt sei, überließ ich mich einer völligen Willkür, was meinen Führer, der mich ohnehin insgeheim für verrückt hielt, in Zorn versetzte.«
    Und bald sagte der Reisende der Zivilisation Adieu: kein Dach über dem Kopf mehr als eine Ajupa, kein Bett mehr als den Erdboden, kein Kopfkissen mehr als den Sattel, keine Decke mehr als die Mäntel, keinen Betthimmel mehr als den Himmel selbst.
    Die Pferde liefen frei umher, mit einem Glöckchen am Hals, und ein bewundernswerter Selbsterhaltungstrieb machte, dass sie nie das von ihren Herren entzündete Feuer aus dem Auge verloren, das die Insekten vertrieb und die Schlangen fernhielt.
    Und dann beginnt eine Reise im Geiste Sternes: Doch statt die Zivilisation zu beackern, durchpflügt unser Reisender die Einsamkeit. Ab und zu bietet sich ein Indianerdorf unversehens seinem Blick dar, oder ein Nomadenstamm kommt ihm vor die Augen. Dann macht der Mann der Zivilisation dem Mann der Einöde eines jener Zeichen universeller Brüderlichkeit, die auf der ganzen Erdoberfläche verstanden werden, und seine künftigen Gastgeber stimmen den Gesang an, mit dem sie Fremde willkommen heißen: »Seht den Fremden, seht den Gesandten des großen Geistes!«
    Nach Beendigung des Gesangs trat ein Kind auf den Fremden zu, nahm ihn an der Hand und führte ihn zu einer Hütte, an deren Schwelle es sagte: »Siehe den Fremden«, worauf der Herr der Hütte antwortete: »Kind, führe den Mann in meine Hütte!« Der Fremde trat an der Hand des Kindes ein und setzte sich, wie bei den Griechen, an das Feuer. Man reichte ihm die Friedenspfeife, er rauchte dreimal, und die Weiber sangen den Gesang des Trostes: »Der Fremde hat wieder eine Mutter und ein Weib gefunden: Die Sonne wird wieder für ihn auf- und untergehen wie ehedem.« Man füllte eine geheiligte Schale mit Ahornsaft; der Fremde trank die Hälfte, bot dann die Schale seinem Wirt, und dieser trank sie vollends aus.
    Wollen Sie statt dieser pittoresken Bilder aus dem Leben der Wilden lieber Nacht, Schweigen, Besinnlichkeit, Melancholie?
    Der Reisende malt all dies; sehen Sie nur:
    »Von meinen Gedanken erhitzt, erhob ich mich und setzte mich in einiger Entfernung auf eine Baumwurzel, die über einen Bach ragte. Es war eine jener amerikanischen Nächte, die kein von Menschenhand geführter Pinsel jemals wiedergeben kann und deren Erinnerung mir immer köstlich war.
    Der Mond hatte seinen höchsten Stand am Himmel erreicht; hie und da sah man in großen Abständen Tausende Sterne funkeln. Bald ruhte der Mond auf zusammengeballten Wolken wie auf schneegekrönten Berggipfeln, bald zerstreuten sich die Wolken und zerflossen zu durchsichtigen, wogenden, weißseidenen Schleiern oder verwandelten sich in leichte Schaumflöckchen, unendlich viele Schäfchen, die sich in den blauen Weiten des Firmaments verloren. Ein andermal war das Himmelsgewölbe wie in einen Meeresstrand verwandelt, dessen horizontale Schichten deutlich sichtbar waren, parallel verlaufende Streifen, wie sie Ebbe und Flut in den Sand graben; dann zerriss ein Windstoß den Wolkenschleier, und am ganzen Himmel ballten sich dichte Massen strahlend weißer Watte, so bauschig, dass man ihre Weichheit und Geschmeidigkeit fast zu spüren vermeinte. Der Anblick der irdischen Landschaft war kaum weniger bezaubernd; das blaue, samtige Mondlicht hing still über den Baumwipfeln, drang zwischen die Bäume und sandte Lichtgarben bis in die tiefste Finsternis. Der schmale Bach zu meinen Füßen verschwand immer wieder in Dickichten aus Eichen, Weiden und Magnolien, um auf der nächsten Lichtung wieder zum Vorschein zu kommen, und im Schimmer der nächtlichen Sternbilder glich er einem Band aus Moiré und Lapislazuli, mit Diamantensplittern übersät und schräg mit schwarzen Bändern besetzt. Jenseits des Flusses ruhte das Mondlicht reglos über dem Gras einer weiten Prärie wie eine straff gespannte Leinwand. Vereinzelte Birken auf der Savanne verschmolzen mit dem Boden, wenn der Wind blasse Sandschleier um sie wob, oder hoben sich von dem kreidigen Hintergrund ab, indem sie sich in Dunkelheit hüllten wie Inseln schwebender Schatten in einem unbeweglichen Meer des Lichts. In der Nähe war nichts zu hören als das Fallen einzelner Blätter, ein plötzlicher Windstoß, der seltene und unregelmäßige Ruf des Waldkauzes; in der Ferne jedoch war von Zeit zu Zeit das dumpfe Rauschen des Niagarafalls zu vernehmen, das in der nächtlichen Stille von Einöde zu Einöde getragen wurde, bis es sich in den Weiten der Wälder verlor.
    Das Majestätische und melancholisch Erschütternde dieses Anblicks lässt sich in menschlichen Worten nicht fassen, und die schönsten Nächte in Europa geben keinen Begriff davon. Inmitten unserer bestellten Felder sucht die Phantasie sich vergebens zu weiten, denn überall stößt sie auf menschliche Behausungen; in jenen menschenleeren Gefilden hingegen verliert sich die Seele mit Genuss in einem Ozean ewiger Wälder; sie kennt nichts Schöneres, als im Sternenlicht am Ufer riesiger Seen zu wandeln, mit den Wellen zu steigen und zu fallen und sich dieser wilden und erhabenen Natur gleichsam anzuverwandeln und einzuverleiben.«
    Zuletzt erreichte der Reisende die Niagarafälle, deren Getöse jeden Morgen von den unzähligen Geräuschen der erwachenden Natur übertönt wird, die jedoch in der Stille der Nacht immer näher zu vernehmen waren, als wollten sie ihn leiten und zu sich führen. Dieser herrliche Wasserfall, den zu sehen Chateaubriand von so weit gekommen war, hätte ihn zweimal hintereinander fast das Leben gekostet. Versuchen wir nicht, es nachzuerzählen, sondern überlassen wir Chateaubriand selbst das Wort:
    »Ich hatte den Zügel meines Pferdes um meinen Arm geschlungen, eine Klapperschlange raschelte in dem Gebüsch; das erschreckte Pferd bäumte sich auf und wich zurück, wobei es sich dem Wasserfall näherte. Ich konnte meinen Arm nicht aus den Zügeln befreien; das immer verängstigtere Pferd zog mich hinter sich her. Schon verloren seine Vorderhufe den festen Halt. Mit den Hinterbeinen am Rand des Abgrunds, hielt es sich dort nur noch mit der Kraft seiner Schenkel. Es war um mich geschehen, aber plötzlich schlug das ob der neuen Gefahr selbst erstaunte Tier mit einer Pirouette einen Bogen landeinwärts.«
    Damit nicht genug: Aus dieser Gefahr kaum gerettet, begab sich der Reisende sehenden Auges in die nächste gefährliche Situation, doch es scheint Menschen zu geben, die im Innersten spüren, dass sie Gott ungestraft auf die Probe stellen dürfen. Hören wir ihn: »Eine Lianenleiter diente den Wilden, um in das untere Bassin zu steigen; sie war zerrissen. Da ich den Wasserfall von unten sehen wollte, wagte ich mich, entgegen den Einwänden meines Führers, bis zu einem fast steil abfallenden Felsen vor. Trotz des tosenden Wassers, das unter mir brodelte, bewahrte ich meine Kaltblütigkeit und gelangte bis vierzig Fuß über den Abgrund. Dort bot mir der nackte, senkrecht abfallende Fels keinerlei Anhaltspunkte mehr: Mit einer Hand an die letzte Wurzel geklammert, fühlte ich, dass meine Finger unter dem Gewicht meines Körpers zu zittern begannen: Es gibt wohl wenige Menschen, die in ihrem Leben zwei solche Minuten, wie ich sie ertragen musste, durchgemacht haben. Meine ermüdete Hand lockerte sich, und ich fiel. Durch ein unerhörtes Glück fand ich mich auf dem Absatz eines Felsens wieder, wo ich mir tausendmal die Knochen hätte brechen müssen, aber ich schien keine ernste Verletzung davongetragen zu haben. Ich befand mich einen halben Fuß über dem Abgrund, doch ich war nicht hinabgestürzt; als indes die Kälte und die Feuchtigkeit mich langsam durchdrangen, bemerkte ich, dass ich nicht ganz so leichten Kaufes davonkommen sollte; ich hatte mir den linken Arm oberhalb des Ellbogens gebrochen. Mein Führer, der von oben herunterschaute und dem ich Zeichen gab, lief, um Wilde zu Hilfe zu holen. Sie zogen mich mit Stricken über einen Fischotternpfad hoch und brachten mich in ihr Dorf.«
    All das ereignete sich zur gleichen Zeit, zu der ein junger Leutnant namens Napoleon Bonaparte fast ertrunken wäre, als er in der Saône badete.
    Der Reisende begab sich zu den Seen in Kanada. Als Erstes erreichte er den Eriesee. Vom Ufer aus sah er den schauerlichen Anblick der Indianer, die sich in ihren Kanus aus Baumrinde auf das trügerische Meer wagten, dessen Stürme so unberechenbar sind.
    »Zuallererst hängen sie ihre Manitus wie einst die Phönizier ihre Götzenbilder am Hinterteil ihres Kanus auf und geben sich dann inmitten des wirbelnden Schneegestöbers den aufrührerischen Wogen preis. Diese Wogen, ebenso hoch oder noch höher als der Rand des Schiffchens, scheinen sie verschlingen zu wollen. Die Hunde der Jäger, die Vorderpfoten am Rand des Bootes, stoßen ein klägliches Geheul aus, während ihre Herren in tiefem Schweigen die Wellen mit gemessenen Ruderschlägen bekämpfen. Die Kanus bewegen sich eines nach dem anderen vorwärts; im Vorderteil des Ersten steht ein Häuptling, der immer wieder ›Oah‹ ruft. In dem letzten Kanu steht wieder ein Häuptling, welcher ein großes Ruder in Form eines Steuerruders lenkt. Durch den Nebel, den Schnee und die Wogen gewahrt man nichts als die Federn, womit das Haupt dieser Indianer geschmückt ist, die gestreckten Hälse der heulenden Hunde und den Oberkörper der beiden Sachems, des Steuermanns und des Augurs, man könnte sagen: der Götter dieser Gewässer.«
    Wenden wir nun den Blick vom See zu seinen Gestaden, vom Wasser zum Ufer. »An der Westseite ist der See auf eine Strecke von mehr als zwanzig Meilen mit breitblättrigen Seerosen bedeckt, und im Sommer sonnt sich eine Menge Schlangen, die eine in die andere verwickelt, auf den Blättern dieser Pflanzen. Wenn sich diese Tiere im Sonnenschein bewegen, sieht man sie im herrlichsten Blau, Rot, Gold und Schwarz schillern, und man unterscheidet an diesen doppelt und dreifach verschlungenen schrecklichen Knoten nichts als funkelnde Augen, dreizackige Pfeile von Zungen, feurige Rachen und mit Stacheln oder Klappern bewehrte Schweife, die sich wie Geißeln in der Luft bewegen. Ein immerwährendes Zischen und ein Geräusch, ähnlich dem Rauschen des dürren Laubes im Wald, lässt sich aus diesem unreinen Kokytos vernehmen.«
    Ein Jahr lang irrte unser Reisender umher, stieg Wasserfälle hinunter, überquerte Seen, durchquerte Urwälder und machte in den Ruinen des Staates Ohio nur halt, um sich in den düsteren Abgrund der Vergangenheit zu versenken, folgte dem Lauf von Flüssen, stimmte morgens und abends in den allumfassenden Lobpreis der Natur und ihres Schöpfers ein, träumte sein Versepos der Natchez, vergaß Europa und lebte von Freiheit, Einsamkeit und Poesie.
    Und indem er von Wald zu Wald wanderte, von See zu See, von Prärie zu Prärie, hatte er sich, ohne dessen gewahr zu sein, den Grenzen des urbaren Amerikas genähert. Eines Abends erblickt er an einem Bachufer eine Blockhütte; er bittet um Gastfreundschaft, sie wird ihm gewährt.
    Die Nacht bricht herein; als einziges Licht im Hause scheint der Feuerschein des Herdes. Der Gast setzt sich an diesen Herd, und während die Frau des Hauses das Abendessen zubereitet, vertreibt er sich die Zeit, indem er eine englische Zeitung liest, die auf dem Boden liegt.
    Kaum war sein Blick auf die Zeitung gefallen, als die vier Worte Flight of the King ihn festhielten. Es handelte sich um den Bericht der Flucht Ludwigs XVI. und seiner Festnahme in Varennes. In dieser Zeitung wurde von der Emigration des Adels berichtet und von der Vereinigung der Vornehmen unter den Fahnen der französischen Prinzen. Die Stimme, die bis in die fernste Einsamkeit »Zu den Waffen!« rief, war ihm ein Befehl des Schicksals.
    Er kehrte nach Philadelphia zurück, überquerte das Meer, von einem Sturm in achtzehn Tagen an die Küste Frankreichs getrieben, und im Monat Juli des Jahres 1792 betrat er in Le Havre festes Land und rief: »Der König ruft mich, hier bin ich!«
    Und im selben Augenblick, als Chateaubriand den Fuß auf ein Schiff setzte, um für seinen König zu kämpfen, lehnte ein junger Artilleriehauptmann müßig an einem Baum auf der Terrasse der Tuilerien neben dem Springbrunnen, betrachtete Ludwig XVI., der sich mit phrygischer Mütze am Fenster zeigte, und murmelte mit verächtlicher Stimme: »Dieser Mann ist des Todes.«  

    »So brachte das, was mir als Pflicht erschien«, sagt der Dichter, »meine ersten Pläne zum Scheitern und führte die erste jener Schicksalswenden herbei, von denen meine Laufbahn gekennzeichnet ist.
    Die Bourbonen waren nicht darauf angewiesen, dass ein bretonischer Edelmann über das Meer zurückkam und ihnen seine bedeutungslose Ergebenheit anbot, so wenig wie sie später, als er aus seinem Schattendasein herausgetreten war, seiner Dienste bedurften. Wenn ich mir mit der Zeitung, die mein Leben änderte, die Pfeife angesteckt und danach meine Reise fortgesetzt hätte, würde niemand meine Abwesenheit bemerkt haben. Mein Leben war damals genauso unbekannt und bedeutungslos wie der Rauch meines Pfeifenkopfes. Ein schlichter Gewissenskonflikt schleuderte mich wieder auf das Welttheater. Es stand ganz in meinem Belieben zu tun, was ich wollte; denn ich war der einzige Zeuge dieses Konflikts; aber unter allen Zeugen gab es keinen, in dessen Augen zu erröten mir peinlicher gewesen wäre.« Chateaubriand brachte Atala und Natchez aus Amerika mit.

38
Chateaubriand

    Frankreich hat sich gewaltig verändert, seit der Reisende es verlassen hatte; es gibt viele neue Dinge und vor allem viele neue Männer.
    Diese neuen Männer heißen Barnave, Danton, Robespierre. Und es gibt Marat, gewiss, doch er ist kein Mann, kein Mensch, sondern ein wildes Tier. Mirabeau wiederum ist tot.
    Unser Reisender lässt es sich nicht verdrießen und unterhält sich mit allen; er sucht all diese Männer auf, die unerschiedlichen Parteien verschrieben, aber ein und demselben Schafott geweiht sind.
    Er besucht die Jakobiner, den Club der Aristokraten, der Literaten, der Künstler: Die ehrbaren Leute bilden die Mehrheit, und es gibt sogar vornehme Herren: La Fayette und die beiden Lameth sind Mitglieder des Clubs, Laharpe, Chamfort, Andrieux, Desaine und Chénier vertreten darin die Dichtung, wenn auch die Dichtung ihrer Zeit. Doch letzten Endes kann man von einer Zeit nicht mehr verlangen, als sie geben kann. David, der in der Malerei eine Revolution bewirkt hat, Talma, der auf der Bühne eine Revolution bewirkt hat, lassen fast keine Sitzung aus. An der Tür kontrollieren zwei Wächter die Karten: Der eine ist der Sänger Laïs, der andere ist der natürliche Sohn des Herzogs von Orléans.
    Der Mann am Schreibtisch, der Mann in Schwarz, mit seinen eleganten Manieren und seinem düsteren Lächeln, ist der Verfasser der Gefährlichen Liebschaften, der Chevalier de Laclos.
    Warum ist Crébillon der Jüngere nicht mehr am Leben? Er wäre dort Vorsitzender oder wenigstens zweiter Vorsitzender.
    Ein Mann spricht an der Tribüne, mit schwacher, ein wenig kreischender Stimme, mit magerem, tristem Gesicht, einem etwas langweiligen, ein wenig abgenutzten olivfarbenen Rock, aber mit gepudertem Haar, mit weißer Weste und tadelloser Leibwäsche.
    Es ist Robespierre, der Ausdruck der Gesellschaft, der sich mit ihr im Gleichklang bewegt und der an dem Tag, an dem er so unklug sein wird, ihr voranzugehen, in Dantons Blut ausrutschen wird.
    Chateaubriand besucht die Cordeliers.
    Sonderbares Schicksal dieser Kirche, die ein Club geworden ist!
    Der heilige Ludwig, selbst ein Franziskaner, gründete sie nach einem revolutionären Staatsstreich. Ein hoher Baron, der Herr von Courcy, beging ein Verbrechen; der Gerichtsherr von Vincennes erlegte ihm eine Geldbuße auf, und mit diesem Geld wurden Schule und Kirche der Franziskaner errichtet.
    An diesem Ort erklang im Jahr 1300 der Streit um das ewige Evangelium. Es wurde die Frage gestellt, die vierhundert Jahre später der Atheismus lösen sollte: »Weilt Jesus Christus nicht mehr unter uns?«
    König Johann wird in Poitiers gefangen genommen. Der Adel, dezimiert und geschlagen, wird mit ihm gefangen genommen. Ein Mann bemächtigt sich im Namen des Volkes der königlichen Macht und errichtet im Kloster der Cordeliers oder Franziskaner sein Hauptquartier. Dieser Mann ist Étienne Marcel, der Vorsteher von Paris. »Wenn die Herren sich befehden, werden die braven Leute auf sie losgehen.«
    Im Übrigen sind die Franziskanermönche selbst die würdigen Vorläufer jener, die später ihre Kirche einnehmen werden; als Sansculotten des Mittelalters sagten sie lange vor Babeuf: »Besitz ist ein Vergehen« und lange vor Proudhon: »Besitz ist Diebstahl.« Sie waren ihren Worten treu, denn sie ließen sich lieber verbrennen, als ihre Bettlerkleidung abzulegen.  

    Wenn die Jakobiner die Aristokratie sind, dann sind die Cordeliers das Volk – das umtriebige, tatkräftige, heftige Volk von Paris, das Volk, das aus seinen liebsten Schriftstellern sprach, aus Marat mit seiner Druckerei im Keller der Kapelle, aus Desmoulins, Fréron, Fabre d’Églantine, Anacharsis Cloots, aus den Rednern Danton und Legendre, den zwei Schlächtern, deren einer die Straßen von Paris zu Schlachthöfen machte.
    Die Cordeliers sind der Bienenstock; die Bienen wohnen ringsum: Marat fast gegenüber, Desmoulins und Fréron in der Rue de la Vieille Comédie, Danton fünfzig Schritte entfernt, Passage du Commerce, Cloots in der Rue Jacob, Legendre in der Rue des Boucheries-Saint-Germain.
    Chateaubriand sah und hörte sie alle: den schnarrenden Desmoulins, den stotternden Marat, den donnernden Danton, den fluchenden Legendre, den gotteslästerlichen Cloots, und sie machten ihm Angst.
    Er beschloß, sich im Ausland den Vornehmen anzuschließen, die sich unter den Fahnen der Prinzen gesammelt hatten; zu seinem Unglück stand diesem Vorhaben im Weg, dass er kein Geld hatte.
    Madame de Chateaubriand hatte als Mitgift nur Assignaten in die Ehe mitgebracht, und Assignaten besaßen mittlerweile weniger Wert als unbedrucktes Papier, das man wenigstens benutzen konnte, um eine Rechnung oder einen Wechsel auszustellen.
    Schließlich fand sich ein Notar, der noch über etwas Geld verfügte und zwölftausend Francs herlieh. Monsieur de Chateaubriand steckte das Geld in eine Brieftasche und die Brieftasche in seine Tasche. Diese zwölftausend Francs waren seine Zukunft und die seines Bruders.
    Aber der Mensch denkt, und Satan lenkt. Der künftige Emigrant begegnet einem Freund, erzählt ihm, dass er zwölftausend Francs mit sich führt. Der Freund ist Spieler, die Spielsucht ist ansteckend: Monsieur de Chateaubriand betritt eine Spelunke im Palais-Royal und verspielt zehntausendfünfhundert Francs des ihm anvertrauten Geldes.
    Zum Glück gibt ihm das, was ihm den Verstand hätte rauben können, die Vernunft zurück. Der künftige Verfasser des Geistes des Christentums war kein Spieler von Natur aus. Die fünfzehnhundert Francs, die ihm geblieben sind, verwahrt er in seiner Brieftasche, er entflieht dem übel beleumdeten Ort, steigt in eine Droschke, kommt zu Hause an, sucht nach seiner Brieftasche, doch vergebens. Die Brieftasche liegt in der Droschke, Monsieur de Chateaubriand steigt zu eilig aus, die Droschke fährt weiter. Er läuft hinterher. Kinder haben die Droschke mit neuen Fahrgästen vorbeifahren sehen. Ein Dienstmann kennt den Kutscher, weiß, wo er wohnt, und nennt die Adresse.
    Monsieur de Chateaubriand wartet vor der Wohnungstür auf den Kutscher, der um zwei Uhr morgens nach Hause kommt. Nach Monsieur de Chateaubriand hat er drei Sansculotten und einen Priester gefahren. Wo die Sansculotten wohnen, weiß er nicht, aber die Adresse des Priesters kennt er.
    Es ist drei Uhr morgens, eine Zeit, zu der man einen ehrbaren Bürger nicht aus dem Schlaf reißen kann. Monsieur de Chateaubriand geht nach Hause, zu Tode erschöpft, und schläft.
    Später am Tag weckt ihn der Priester, der ihm seine Brieftasche mit den fünfzehnhundert Francs bringt.
    Am Tag darauf brechen Monsieur de Chateaubriand und sein älterer Bruder in Begleitung eines Dieners nach Brüssel auf; der Diener ist gekleidet wie sie und wird als Freund ausgegeben.
    Der unglückselige Diener hatte drei Fehler: Er war zu ehrerbietig, andererseits zu vertraulich, und drittens träumte er laut. Seine Träume aber waren von kompromittierendster Art. Er wähnte ständig, man wolle ihn verhaften, und stand stets im Begriff, aus der Eilpost zu springen. In der ersten Nacht gelang es den Brüdern mit Mühe und Not, ihn zurückzuhalten; in der zweiten Nacht rissen sie die Tür der Kutsche weit auf, der arme Teufel sprang hinaus und rannte ohne Hut querfeldein davon, immer noch in seinem Traum befangen.
    Die beiden Reisenden glaubten sich von ihm befreit, doch ein Jahr später kostete seine Aussage den älteren Bruder Monsieur de Chateaubriands den Kopf.
    Die Brüder erreichten Brüssel, damals Treffpunkt der Royalisten. Von Brüssel nach Paris waren es vier bis fünf Tage Fußmarsch, für Pessimisten acht Tage. Die anwesenden Royalisten waren sehr erstaunt, dass die zwei Brüder kamen, statt zu warten. Man rechnete fest darauf, Paris einzunehmen, wozu also die Stadt verlassen? Und für den Neuankömmling gab es keinen Platz, auch nicht in dem Regiment von Navarra, in dem er vormals als Leutnant gedient hatte.
    Bretonische Einheiten, vergleichbar den alten fränkischen Einheiten, wollten Thionville belagern. Sie waren weniger stolz als die Herren des Regiments von Navarra, begrüßten ihren Landsmann und nahmen ihn in ihre Reihen auf.
    Wie man sieht, war Monsieur de Chateaubriand nicht dazu ausersehen, seinen Weg auf dem Feld der Ehre zu machen. Zum Kavalleriehauptmann befördert, so dass er in die Karossen des Hofes steigen konnte, nach dieser Beförderung wieder zum Unterleutnant geworden, marschierte er nun als einfacher Gefreiter der Belagerung von Thionville entgegen.
    Als Monsieur de Chateaubriand Brüssel verließ, begegnete er Monsieur de Montrond, und beide erkannten im anderen den Geistesverwandten. »Woher kommen Sie, Monsieur?«, fragte der Städter den Soldaten. »Vom Niagara, Monsieur.« – »Und Sie gehen nun...?« – »Dorthin, wo man kämpft.« Die beiden verabschiedeten sich voneinander, und jeder ging seiner Wege.
    Zehn Meilen weiter begegnet Monsieur de Chateaubriand einem Reiter. »Wohin des Weges?«, fragt ihn der Reiter. »Ich ziehe in den Kampf«, erwidert der Fußgänger. »Wie heißen Sie?« – »Monsieur de Chateaubriand, und Sie?« – »Friedrich Wilhelm.« Der Mann zu Pferde war der König von Preußen. Bevor er weiterritt, sagte er: »Monsieur, die Gesinnung des französischen Adels ist unverkennbar.«
    Monsieur de Chateaubriand war aufgebrochen, um Thionville einzunehmen, wie er aufgebrochen war, um die Nordwestpassage zu finden; er hatte die Passage nicht gefunden, und er nahm Thionville nicht ein. Allerdings hatte er sich bei dem ersten Unternehmen den Arm gebrochen, während er beim zweiten durch einen brennenden Balken am Bein verletzt wurde.
    Zur gleichen Zeit, zu der Monsieur de Chateaubriand diese Verletzung erlitt, wurde ein junger Bataillonskommandeur namens Napoleon Bonaparte bei der Belagerung Toulons durch einen Bajonettstich in den Oberschenkel verwundet.
    Eine Kugel hatte es auf das Leben des royalistischen Freiwilligen abgesehen, doch sie stieß zwischen Bekleidung und Brust auf das Manuskript von Atala, das sie auffing. Als wäre es mit der Verletzung nicht genug, bekam Monsieur de Chateaubriand obendrein die Blattern, und zu diesen beiden Geißeln gesellte sich eine dritte, noch schlimmere: die Niederlage.
    In Namur schlich der junge Emigrant durch die Straßen, von Fieberschauern geschüttelt, und eine arme Frau warf ihm eine zerlumpte Decke über die Schultern, die alles war, was sie besaß. Der heilige Martin wurde heiliggesprochen und gab dem Bettler doch nur seinen halben Mantel. Als der Kranke die Stadt verließ, stürzte er in einen Graben.
    Die Einheit des Fürsten von Ligne kam vorbei; der Sterbende streckte einen Arm aus. Man sah, dass er noch nicht tot war, hatte Mitleid mit ihm, nahm ihn auf einem Packwagen mit und setzte ihn am Eingang von Brüssel ab. Die Belgier, die sich so gut darauf verstehen, die Vergangenheit zu nutzen, aber vom Himmel noch nicht mit der Fähigkeit begnadet wurden, in der Zukunft zu lesen, die Belgier, die nicht ahnen konnten, dass eines Tages das unerlaubte Nachdrucken der Werke, die dieser junge Mann veröffentlichte, drei, vier dieser Nachdrucker reich machen würde, die Belgier verschlossen dem armen Verwundeten ihre Türen.
    Zu Tode ermattet legte er sich vor einer Herberge nieder und wartete. Die Einheit des Fürsten von Ligne war ihm begegnet: Vielleicht würde die Vorsehung ihn auch diesmal nicht im Stich lassen.
    Man tut gut daran zu hoffen, selbst im Angesicht des Todes. Die Vorsehung ließ den Sterbenden nicht im Stich, sondern sandte ihm seinen Bruder.
    Die beiden erkannten einander auf der Stelle und streckten einander die Arme entgegen. Monsieur de Chateaubriand der Ältere war reich, er trug zwölfhundert Francs bei sich und gab seinem Bruder die Hälfte. Er wollte ihn mitnehmen, doch zum Glück war unser Dichter zu krank, um ihn zu begleiten, und bat stattdessen einen Barbier um Unterkunft. Dort genas er, während sein Bruder nach Frankreich zurückkehrte, wo ihn das Schafott erwartete.
    Nach langer Konvaleszenz genesen, brach Monsieur de Chateaubriand nach Jersey auf, von wo aus er nach Großbritannien zu gelangen hoffte. Er war der Emigration überdrüssig und wollte sich den Freischärlern der Vendée anschließen.
    Ein kleines Schiff wurde gefunden, und zwanzig Passagiere teilten sich die Reisekosten. Unterwegs kam ein heftiger Sturm auf, die Reisenden mussten sich auf das Zwischendeck begeben, wo zum Ersticken wenig Luft war. Der Frischgenesene konnte sich nicht zur Wehr setzen, als andere Passagiere ihn fast erdrückten. Als man an der Insel Guernesey anhielt, fand man ihn ohnmächtig vor, kaum noch lebendig. Er wurde vom Schiff gebracht und an eine Mauer gesetzt, das Gesicht der Sonne zugekehrt, damit er friedlich seinen letzten Atemzug tun konnte. Die Frau eines Seemanns kam vorbei und holte ihren Mann zu Hilfe. Dieser und einige Matrosen trugen den Sterbenden in ein Haus und legten ihn in ein gutes Bett. Am nächsten Morgen brachte man ihn auf die Slup, die nach Ostende fuhr.
    Als er Jersey erreichte, war er im Fieberwahn. Erst im Frühjahr 1793 fühlte der Kranke sich kräftig genug, seine Reise fortzusetzen. Er brach nach England auf in der Hoffnung, sich irgendeiner weißen Fahne anzuschließen. Doch stattdessen machte sich ein Brustleiden bemerkbar, und die Ärzte verschrieben ihm größte Schonung; sie erklärten, dass er, falls er größte Umsicht walten ließ, noch zwei bis drei Jahre zu leben hätte. Die gleiche Voraussage war ehedem Voltaire zuteilgeworden, und es ist nur recht und billig, dass Gott die Ärzte abermals zu Lügnern machte und uns das Leben des Verfassers des Geistes des Christentums erhielt.
    Die Ärzte hatten Monsieur de Chateaubriand verboten, zum Gewehr zu greifen; stattdessen griff er zur Feder. Er schrieb seine Essais und verfasste den Entwurf für seinen Geist des Christentums. Und da diese zwei großen und einander so entgegengesetzten Werke ihren Autor nicht vor dem Hungertod gerettet hätten, fertigte er in seiner Freizeit Übersetzungen an, die mit einem Livre pro Seite bezahlt wurden.
    Unter solchen Kämpfen verbrachte er die Jahre 1794 und 1795.
    Ein anderer Mann kämpfte zu dieser Zeit gegen den Hunger: der junge Bataillonskommandeur, der Toulon eingenommen hatte. Der Vorsitzende des Kriegskomitees, Aubry, hatte ihn des Kommandos über die Artillerie enthoben; er war nach Paris gekommen, wo man ihm das Kommando über eine Brigade in der Vendée angeboten hatte, das er abgelehnt hatte; und während Chateaubriand Übersetzungen anfertigte, machte er sich Notizen über die Möglichkeiten, die Türkei gegen die europäischen Mächte zu unterstützen.
    Gegen Anfang September hatte dieser Bataillonskommandant in seiner äußersten Verzweiflung beschlossen, in die Seine zu springen. Er war auf dem Weg zum Fluss, als er kurz vor der Brücke einem Freund begegnete. »Wohin gehst du?«, fragte ihn dieser. »Ich gehe ins Wasser.« – »Warum?« – »Weil ich nicht von der Luft leben kann.« – »Ich habe zwanzigtausend Francs, die kann ich mit dir teilen.« Und der Freund gibt dem jungen Offizier, der nicht ins Wasser geht, zehntausend Francs. Der Offizier begibt sich am 4. Oktober in das Théâtre-Feydeau, wo er erfährt, dass die Nationalgarde der Sektion Lepelletier die Truppen des Konvents unter dem Befehl von General Menou zum Rückzug gezwungen hat und dass ein General gesucht wird, der diese Blamage wettmacht.
    Am nächsten Morgen erhielt General Alexandre Dumas um fünf Uhr morgens vom Konvent die Ordre, die Truppen zu befehligen. General Alexandre Dumas befand sich nicht in Paris, und Barras wurde an seiner Stelle zum General ernannt und ersuchte um die Erlaubnis, die er erhielt, den ehemaligen Bataillonskommandanten Bonaparte zu seinem Adjutanten zu machen.
    Der 5. Oktober ist der 13. Vendémiaire.
    Napoleon befreite sich durch einen Sieg aus der Anonymität, Chateaubriand würde sich durch ein Meisterwerk aus ihr befreien.
    Die Geschehnisse des 13. Vendémiaire richteten zweifellos den Blick des Schriftstellers auf den General, und das Erscheinen von Der Geist des Christentums richtete seinerseits den Blick des Generals auf den Dichter.  

    Bonaparte hatte zuerst Vorbehalte gegen Monsieur de Chateaubriand. Eines Tages wunderte Bourrienne sich in seiner Gegenwart laut darüber, dass ein Mann seines Namens und seiner Verdienste auf keine der Listen gelangte, die Bonaparte sich vorlegen ließ, wenn er Stellungen zu vergeben hatte.
    »Bourrienne, Sie sind nicht der Erste, der mir damit kommt«, erwiderte Bonaparte, »aber ich habe Ihren Vorgängern eine Antwort gegeben, die ihnen das Maul gestopft hat. Dieser Mann hat Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit, die sich nie und nimmer in mein System einfügen lassen würden. Lieber habe ich in ihm einen offenen Gegner als einen erzwungenen Freund. Außerdem werden wir später sehen. Ich werde ihn zuerst auf einem bescheidenen Posten erproben, und wenn er sich gut aufführt, werde ich ihn befördern.«
    Diese Worte lassen keinen Zweifel daran, dass Bonaparte nichts von der wahren Bedeutung Chateaubriands ahnte. Doch bald darauf versah das Erscheinen von Atala den Namen Chateaubriand mit großem Glanz, was der Erste Konsul besorgt verfolgte, denn alles, was die Aufmerksamkeit von ihm ablenkte, weckte seine Eifersucht.
    Auf Atala folgte Der Geist des Christentums. Bonaparte fand sich in seinen restaurativen Bestrebungen unversehens unterstützt durch ein Buch, das allerorten auf Begeisterung stieß, ein Buch, dessen unstreitiger Wert die Geister dazu anregte, sich wieder mit religiösen Gedanken zu beschäftigen.
    Eines Tages besuchte Madame Baciocchi ihren Bruder und reichte ihm ein schmales Bändchen. »Lesen Sie das, Napoleon«, sagte sie. »Ich bin mir sicher, dass es Ihren Beifall finden wird.« Bonaparte nahm das Buch in die Hand und warf zerstreut einen Blick darauf. Es war Atala. »Schon wieder ein Roman mit A«, sagte er. »Als hätte ich nichts anderes zu tun, als Ihre ganzen Eseleien zu lesen!«
    Dennoch nahm er das Buch und legte es auf seinen Schreibtisch.
    Als Nächstes bat ihn Madame Baciocchi, den Namen Monsieur de Chateaubriands von der Liste der Emigranten zu streichen. »Aha«, sagte er, »hat Monsieur de Chateaubriand Ihr Atala geschrieben?« – »Ja, Bruder. »- »Sehr gut, ich werde es lesen, wenn ich Zeit dazu finde«, und dann, an seinen Sekretär gewandt: »Bourrienne, schreiben Sie Fouché, er soll den Namen Monsieur de Chateaubriands von der Liste der Emigranten streichen.«  

    Ich sagte bereits, dass Bonaparte nicht allzu gebildet war und sich nicht sonderlich für die Literatur interessierte; dass er den Namen des Verfassers von Atala nicht kannte, bestätigt dies nur.
    Der Erste Konsul las Atala, und das Buch fand sein Gefallen; als einige Zeit darauf Monsieur de Chateaubriand den Geist des Christentums veröffentlichte, war der erste unvorteilhafte Eindruck, den Bonaparte von ihm gehabt hatte, ganz und gar getilgt.
    Am Abend der Unterzeichnung des Ehevertrags zwischen Mademoiselle de Sourdis und Hector de Sainte-Hermine waren Bonaparte und Monsieur de Chateaubriand einander zum ersten Mal begegnet. Bonaparte hatte im Verlauf des Abends das Wort an den Dichter zu richten beabsichtigt, doch der Abend fand ein so brüskes und absonderliches Ende, dass Bonaparte in den Tuilerienpalast zurückkehrte, ohne einen weiteren Gedanken an Chateaubriand verschwendet zu haben.
    Die zweite Gelegenheit für ein Gespräch war der prunkvolle Empfang, den Monsieur de Talleyrand für die Infanten von Parma ausrichtete, die auf der Durchreise waren, um den Thron von Etrurien zu besteigen.  

    Lassen wir Monsieur de Chateaubriand selbst berichten, wie er den ersten elektrisierenden Kontakt mit dem Ersten Konsul empfunden hat:
    »Ich stand in der Galerie, als Napoleon eintrat. Ich war angenehm überrascht, hatte ich ihn doch bisher immer nur von Weitem gesehen: Sein Lächeln war gewinnend und schön; sein Auge herrlich. Noch war sein Ausdruck frei von aller Scharlatanerie, noch lag nichts Theatralisches und Affektiertes in seinem Blick. Mein Geist des Christentums, das damals viel Aufsehen erregte, hatte auch Napoleon beeindruckt. Eine wunderbare Einbildungskraft belebte den so kalten Politiker. Er wäre ohne den Beistand der Muse nicht geworden, was er wurde; der Verstand führte die Ideen des Poeten aus. Alle großen Männer sind stets aus zwei Naturen gebildet, denn sie müssen sowohl Eingebung als auch Befähigung zum Handeln besitzen: Die Erstere entwickelt den Plan, die Zweite führt ihn durch.
    Bonaparte wurde meiner ansichtig und erkannte mich; woran, weiß ich nicht. Als er sich auf mich zubewegte, wusste man nicht, wen er suchte; die Reihen öffneten sich nacheinander, und jeder hoffte, der Konsul würde vor ihm stehen bleiben. Es schien, als sei er etwas ungeduldig über dieses Missverständnis; ich versteckte mich hinter meinen Nachbarn; plötzlich erhob Bonaparte die Stimme und sagte zu mir: ›Monsieur de Chateaubriand. ‹ Ich stand allein vor ihm, denn die Menge trat ein wenig zurück und stellte sich alsbald im Kreis um die beiden Gesprächspartner. Bonaparte begrüßte mich ganz schlicht; ohne mir Komplimente zu machen, ohne müßige Fragen zu stellen, sprach er ganz unvermittelt über Ägypten und über die Araber, als hätte ich zu seinen Vertrauten gehört und als führte er eine bereits begonnene Unterhaltung weiter. ›Ich war immer betroffen‹, sagte er zu mir, ›wenn die Scheiks mitten in der Wüste auf die Knie fielen, sich nach Osten wendeten und mit ihrer Stirn den Sand berührten. Welches unbekannte Wesen beten sie so gen Osten gewendet an?‹
    Bonaparte unterbrach sich und nahm ohne jeden Übergang einen anderen Gedanken auf: ›Das Christentum? Haben die Ideologen nicht ein astronomisches System aus ihm machen wollen? Meinen sie, wenn es wirklich so wäre, mich überzeugen zu können, das Christentum sei nichtig? Wenn das Christentum die Allegorie der Bewegung der Welträume ist oder die Geometrie der Sterne, dann können die freien Geister sich anstrengen, wie sie wollen, wider Willen haben sie dem Infamen noch genug Größe gelassen.‹
    Und alsbald ging Bonaparte weiter. Da blieb ich wie Hiob in meiner Nacht – ›Und ein Hauch fuhr an mir vorüber; es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe. Da stand ein Gebilde vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht.‹
    Meine Erdentage sind nur eine Folge von Visionen gewesen, unablässig haben sich Hölle und Himmel unter meinen Schritten oder über meinem Haupte geöffnet, ohne dass ich Zeit gehabt hätte, deren Finsternis und deren Helligkeit auszuloten. Ein einziges Mal bin ich am Ufer der beiden Welten dem Mann des vorigen und dem Mann des neuen Jahrhunderts begegnet: Alle beide schickten mich wieder in meine Einsamkeit zurück, der Erste mit einem wohlwollenden Wunsch, der Zweite mit einem Verbrechen.
    Ich bemerkte, dass Bonaparte, während er sich in der Menge bewegte, mir tiefere Blicke zuwarf als jene, die er auf mich geheftet hielt, während er mit mir gesprochen hatte. Ich verfolgte ihn mit den Augen und dachte mir wie Dante: Chi è quel grande, che non par que curi L’incendio? Wer ist der Riese, der so unbekümmert daliegt, als könnte ihm kein Feuerregen etwas anhaben?«  

    Diese tiefen Blicke, die Bonaparte Chateaubriand zuwarf, hatten nichts Außergewöhnliches; in diesem Moment standen sich einfach zwei Männer gegenüber, die höchsten Ruhm erlangt hatten: Chateaubriand als Dichter, Bonaparte als Staatsmann.
    Man war über so viele Ruinen gegangen, dass es einen danach verlangte, auf einem Denkmal auszuruhen, doch unter all den zerstörten Dingen war die Religion am gründlichsten vernichtet, zertreten, zu Staub zermalmt worden. Man hatte die Glocken eingeschmolzen, die Altäre umgestürzt, die Heiligenstatuen zerschmettert, die Priester erwürgt, man hatte sich falsche Götter ersonnen, unbeständige, vergängliche Götter, die vorbeigezogen waren wie ein Wirbelsturm der Ketzerei, der das Gras unter den Füßen verdorren lässt und die Städte verwüstet. Man hatte die Kirche Saint-Sulpice zum Tempel des Sieges und Notre-Dame zum Tempel der Vernunft erklärt. Es gab nur noch einen wahren Altar, das Schafott, und ein wahres Heiligtum, den Grève-Platz. Selbst große Geister schüttelten verleugnend den Kopf, und nur große Seelen gaben die Hoffnung nicht auf.
    In dieser Atmosphäre kam Chateaubriands Geist des Christentums wie die erste Brise sauberer Luft nach einer Epidemie, wie ein Lebenszeichen nach dem Moderhauch des Todes.
    War es nicht wahrhaft tröstlich, dass zur gleichen Zeit, als ein ganzes Volk vor den blutbeschmierten Gefängnistoren brüllte, auf der Place de la Révolution eine unermüdlich arbeitende Guillotine umtanzte und rief: »Es gibt keine Religion mehr, es gibt keinen Gott mehr!«, dass zu ebendieser Zeit ein Mann sich ganz dem Zauber einer Nacht in den amerikanischen Urwäldern überließ, auf dem Moos sitzend, den Rücken an einen einzeln stehenden Baumstamm gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick auf den Mond geheftet, dessen Schein auf ihn fiel, als verbände er ihn mit dem Himmel, und die Worte murmelte: »Es gibt einen Gott! Ihm huldigen die Lilien des Tals und die Zedern des Libanons; das Insekt summt seinen Lobgesang, der Elefant begrüßt ihn bei Tagesanbruch, die Vögel besingen ihn im Laub, der Wind murmelt seinen Namen im Wald, der Donner kündet dröhnend von seiner Gegenwart, der Ozean rauscht seine Unendlichkeit!
    Der Mensch allein sagt: ›Es gibt keinen Gott!‹
    Hat dieser Mensch denn niemals im Unglück den Blick zum Himmel erhoben? Hat sein Blick sich nie in die bestirnten Weiten verirrt, in denen die Welten wie Sandkörner gesät sind? Ich habe gesehen, und das genügt mir. Ich sah die Sonne an der Pforte des Sonnenuntergangs in purpurnen und goldenen Tüchern hängen und den Mond am entgegengesetzten Horizont wie eine silberne Lampe im azurblauen Osten aufsteigen.
    Die zwei Gestirne mischten im Zenit ihr Bleiweiß und ihr Karmin; das Meer vervielfachte die östliche Szenerie in diamantenen Girlanden und wiegte den westlichen Prunk in Rosenwogen. Die ruhigen Wellen verliefen sich sanft vor meinen Füßen am Ufer, und die erste Stille der Nacht und das letzte Murmeln des Tages kämpften miteinander an den Hängen, den Flussufern und in den Tälern.
    Du, den ich nicht kenne, Du, dessen Name mir so unbekannt ist wie Dein Aufenthalt, Unsichtbarer, Erschaffer unseres Universums, der Du mir den Instinkt verliehen hast, alles zu empfinden, und die Vernunft verweigert hast, alles zu verstehen, solltest Du nur ein Hirngespinst sein, der goldene Traum des Glücklosen? Wird meine Seele sich mit dem Rest meines Staubes auflösen? Ist das Grab ein Abgrund ohne Ausweg oder die Pforte zu einer anderen Welt? Hat die Natur nur aus grausamem Mitleid dem Menschenherzen die Hoffnung auf ein besseres Leben neben dem menschlichen Elend eingegeben?
    Verzeihe mir meine Schwäche, Vater der Barmherzigkeit: Nein, ich zweifle nicht an Deiner Existenz, und ob Du mir eine Laufbahn der Unsterblichkeit vorherbestimmt hast oder ich nur vergehen und sterben werde, ich verehre Deine Beschlüsse schweigend, und Dein Insekt verkündet Deine Wahrheit!«
    Es lässt sich denken, welche Wirkung eine solche Sprache nach den Verwünschungen eines Diderot, nach den theophilanthropischen Erörterungen eines La Revellière-Lépaux, nach den geifernden und bluttriefenden Tiraden eines Marat zeitigen musste.
    So kam es, dass Bonaparte, über den Abgrund der Revolution gebeugt, von dem er den Blick noch nicht zu wenden wagte, den rettenden Engel festzuhalten suchte, der diese Nacht des Nichts mit einem ersten Lichtstrahl durchdrang. Und als er Kardinal Fesch nach Rom entsandte, ordnete er ihm den großen Dichter bei, den Adler anstelle der Taube, der wie diese beauftragt war, dem Heiligen Vater den Ölzweig zu überbringen!
    Doch es genügte nicht, Chateaubriand zum Botschaftssekretär zu ernennen, er musste die Ernennung auch annehmen.

39
Die römische Gesandtschaft

    Bonaparte zeigte sich von der Unterhaltung mit Monsieur de Chateaubriand entzückt. Monsieur de Chateaubriand wiederum berichtet in seinen Erinnerungen, Bonapartes Fragen seien einander so rasch gefolgt, dass er keine Zeit fand, ihm zu antworten.
    Das waren Gespräche, wie Bonaparte sie liebte: solche, die er allein bestritt. Es kümmerte ihn wenig, ob Monsieur de Chateaubriand diplomatische Erfahrung hatte oder nicht; mit einem Blick hatte er entschieden, wo und wie dieser Mann ihm nützlich sein würde, und er war der festen Überzeugung, dass ein Geist wie dieser alles wusste und nichts zu lernen brauchte.
    Bonaparte war weiß Gott ein großer Entdecker von Menschen, allerdings mit der Eigenheit, dass er von ihren Fähigkeiten völlige Unterordnung unter seinen Willen verlangte, ununterbrochen der Geist sein wollte, der die Massen antrieb. Die Mücke, die ohne Bonapartes Genehmigung ihr Mückenliebchen umschwirrte, war eine rebellische Mücke.
    Chateaubriand, den die Vorstellung marterte, jemand zu sein, jemand Bedeutendes, wäre nie auf den Gedanken gekommen, er könnte nur eine Sache sein. Er lehnte ab.
    Abbé Émery erfuhr davon. Abbé Émery war Vorsteher des Priesterseminars von Saint-Sulpice, und Bonaparte schätzte ihn. Der Abbé flehte Chateaubriand an, der Sache der Religion einen Gefallen zu erweisen und die Stelle des Ersten Botschaftssekretärs anzunehmen, die Bonaparte ihm anbot.
    Zuerst wollte Chateaubriand davon nichts hören, doch der Abbé blieb hartnäckig, und zuletzt lenkte der Dichter ein.
    Chateaubriand traf seine Reisevorbereitungen und machte sich auf den Weg, denn als Botschaftssekretär musste er vor dem Botschafter in Rom eintreffen.
    Für gewöhnlich beginnt der Reisende seine Reisen mit dem Besuch antiker Städte, den Ahnen unserer Zivilisation. Chateaubriand hatte mit den alten Urwäldern Amerikas begonnen, dem Schauplatz künftiger Zivilisationen.
    Überaus pittoresk liest sich der Bericht dieser Reise nach Rom, verfasst in dem unnachahmlichen Stil Chateaubriands – einem gleichermaßen so erhabenen und eigenartigen Stil, dass eine Schule ihm nacheiferte, die uns Monsieur d’Arlincourt bescherte, dessen unsinnige Romane mit den Titeln Solitaire und Ipsiboé für kurze Zeit ganz Frankreich begeisterten, doch was Chateaubriands Einzigartigkeit ausmacht und worin seine Nacheiferer so kläglich scheitern, das ist die Mischung aus Schlichtheit und Größe, die bei ihm so natürlich und bei jenen so gestelzt anmutet.
    Seine Fahrt durch die lombardische Ebene ist ein Beispiel dieses unvergleichlichen Stils; er malt uns das Bild unserer Soldaten in der Fremde und zeigt, warum man uns überall, wo wir hinkommen, liebt und verabscheut.
    »Die französische Armee richtete sich in der Lombardie wie eine militärische Kolonie ein. Die Fremdlinge aus Gallien und ihre wachhabenden Kameraden mit ihren Polizeimützen wirkten wie eifrige und fröhliche Schnitter, die statt der Sichel einen Säbel umhängen hatten. Sie versetzten Steine, schleppten Kanonen, fuhren Karren, errichteten Unterstände und Laubhütten. Pferde tummelten sich, bäumten sich auf, tänzelten in der Menge wie Hunde, die ihren Herrn umspringen. Auf dem Markt dieser närrischen Armee verkauften die Italienerinnen Früchte aus ihren flachen Körben; unsere Soldaten schenkten ihnen ihre Pfeifen und ihre Feuerzeuge und sagten zu ihnen, was ihre Vorfahren, di