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Watership Down. Unten am Fluß

Watership Down. Unten am Fluß

Аннотация

    Die weltbekannte Saga vom Exodus der Kaninchen enthält in ungewöhnlicher Frische alles, was die Abenteuer eines wandernden Volkes ausmacht: Bedrohung der alten Heimat, Prophezeiung des Untergangs, Auszug unter einem jungen Heißsporn, Abenteuer ohne Zahl im feindlichen wie im gelobten Land, Meuterei, Treuebruch und Heldenmut, Schlachten mit hohem Blutzoll - und schließlich Einzug ins Land der Freiheit, des Friedens und allgemeinen Glücks. »Richard Adams erzählt glänzend«, schrieb Sybil Gräfin Schönfeldt in der Zeit. »Es ist ein Vergnügen, diese Geschichte zu lesen.« Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte diesen Weltbestseller »lecker wie frische Salatblätter« und empfahl ihn den Liebhabern behaglicher Erzählkunst und trockenen englischen Humors.
    Auch der Zeichentrickfilm von Martin Rosen mit dem Titelsong von Art Garfunkel wurde ein weltweiter Erfolg.
    Der Autor
    Richard Adams, 1920 in Berkshire geboren, studierte in Oxford Literatur und Geschichte. Auf den häufigen Fahrten zwischen seiner Londoner Wohnung, seinem kleinen Landhaus in den Downs südwestlich von London und Stratford-on-Avon unterhielt er seine Töchter Juliet und Rosamond mit Geschichten über Kaninchen und begann schließlich, sie aufzuschreiben. Nach dem Welterfolg von Watership down - Unten am Fluß hat Richard Adams seine Tätigkeit beim englischen Amt für Umweltschutz aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Man.

    Aus dem Englischen von Egon Strohm.



   

    Für Juliet und Rosamond in Erinnerung an die Straße nach Stratford-on-Avon

    Master Rabbit I saw
    Walter de la Mare

Erster Teil. Die Reise 

1. Die Anschlagtafel


    HOR: Warum wehklagst du so, wenn nicht bei einem Bild des Schreckens?
    CASSANDRA: Das Haus dampft nach Tod und tropfendem Blut.
    CHOR: Wieso? Es ist nur der Geruch nach dem Altaropfer.
    CASSANDRA: Der Gestank ist wie Grabeshauch.
    Äschylus Agamemnon

    Die gelben Schlüsselblumen waren verblüht. Am Rande des Gehölzes, wo es sich weitete und gegen einen alten Zaun und einen dornigen Graben dahinter abfiel, zeigten sich nur noch ein paar verwelkende blaßgelbe Flecken zwischen dem Bingelkraut und den Eichenwurzeln. Der obere Teil des Feldes jenseits des Zaunes war voll von Kaninchenlöchern. An manchen Stellen war das Gras ganz verschwunden, und überall lagen Haufen trockenen Mistes, zwischen denen nichts als Jakobskreuzkraut wuchs. Hundert Meter entfernt, an der Sohle des Abhanges, floß der Bach, knapp einen Meter breit, halb erstickt durch Sumpfdotterblumen, Kresse und blauen Besenginster. Der Fahrweg überquerte einen Abzugsgraben aus Backstein und kletterte den gegenüberliegenden Hang zu einem mit fünf Querbalken versehenen Tor in der Dornenhecke empor. Das Tor führte auf den Heckenweg. Der Mai-Sonnenuntergang war wolkig-rot, und es war immer noch eine halbe Stunde bis zur Abenddämmerung. Der trockene Abhang war mit Kaninchen übersät - einige knabberten an dem spärlichen Gras nahe ihrem Loch, andere drängten weiter nach unten, um nach Löwenzahn oder vielleicht einer Schlüsselblume zu suchen, die die anderen übersehen hatten. Hier und da saß eines aufrecht auf einem Ameisenhaufen und sah sich um, die Ohren aufgerichtet und die Nase im Wind. Aber eine Amsel, die gelassen im Randgebiet des Gehölzes sang, bewies, daß es nichts Beunruhigendes gab, und in der anderen Richtung, am Bach, war alles gut zu übersehen, leer und ruhig. Im Gehege herrschte Frieden.
    An der Böschung oben, nahe dem wilden Kirschbaum, wo die Amsel sang, befand sich eine kleine Ansammlung von Löchern, durch Brombeersträucher fast verdeckt. In dem grünen Halblicht am Eingang eines dieser Löcher saßen zwei Kaninchen Seite an Seite. Schließlich kam das größere von beiden heraus, schlüpfte im Schutz des Dornengestrüpps an der Böschung entlang und weiter in den Graben und hinauf in das Feld. Ein paar Augenblicke später folgte das andere.
    Das erste Kaninchen verharrte auf einem sonnigen Fleck und kratzte sein Ohr mit schnellen Bewegungen seines Hinterbeins. Obgleich es ein Jährling und immer noch unter seinem vollen Gewicht war, hatte es nicht den gequälten Ausdruck der meisten »Outskirters« - das heißt, der großen Masse der gewöhnlichen Kaninchen im ersten Jahr, denen es entweder an adliger Herkunft oder an ungewöhnlicher Größe und Kraft mangelt und die deshalb von den Älteren schikaniert werden und so gut zu leben versuchen, wie sie eben können - oft im Freien, am Rande ihres Geheges. Es machte vielmehr den Eindruck, als ob es auch für sich selbst sorgen könnte. Es war etwas Schlaues, Heiteres an ihm, als es sich aufsetzte, um sich blickte und beide Vorderpfoten über die Nase rieb. Sobald es sich vergewissert hatte, daß alles in Ordnung war, legte es seine Ohren zurück und machte sich über das Gras her.
    Seinem Gefährten war es weniger behaglich. Er war klein, mit großen starrenden Augen und einer Art, den Kopf zu heben und zu drehen, die nicht so sehr Vorsicht erkennen ließ als endlose nervöse Spannung. Seine Nase bewegte sich dauernd, und als eine Hummel summend zu einer Distelblüte hinter ihm flog, sprang er auf und fuhr mit einem Ruck herum, der zwei Kaninchen in der Nähe nach Löchern hasten ließ, ehe das nächste, ein Bock mit schwarzgetupften Ohren, ihn erkannte und zu seinem Futter zurückkehrte.
    »Oh, es ist nur Fiver«, sagte das schwarzgetupfte Kaninchen, »springt wieder nach Brummern. Los, Buckthorn, was sagtest du gerade?«
    »Fiver?« fragte das andere Kaninchen. »Warum wird er so genannt?«
    Das kleine Kaninchen näherte sich seinem Gefährten, auf langen Hinterbeinen hoppelnd.
    »Gehen wir ein bißchen weiter, Hazel«, sagte es. »Weißt du, es ist etwas Sonderbares an dem Gehege heute Abend, wenn ich auch nicht genau sagen kann, was es ist. Wollen wir zum Bach hinuntergehen?«
    »Gut«, antwortete Hazel, »und du kannst eine Schlüsselblume für mich suchen. Wenn du keine findest, schafft es niemand.«
    Er lief voran, den Abhang hinunter, sein Schatten fiel lang hinter ihm auf das Gras. Sie erreichten den Bach und begannen zu knabbern und dicht neben den Wagenspuren auf dem Pfad zu suchen.
    Es dauerte nicht lange, bis Fiver fand, was sie suchten. Schlüsselblumen sind eine Delikatesse für Kaninchen, und in der Regel sind gegen Ende Mai in der Nachbarschaft selbst eines kleinen Geheges nur sehr wenige übrig. Dieses hatte nicht geblüht, und seine flach ausgebreiteten Blätter waren unter dem langen Gras fast gänzlich verborgen. Sie fingen gerade an zu knabbern, als zwei große Kaninchen von der anderen Seite der nahen Viehweide angerannt kamen.
    »Schlüsselblumen?« sagte der eine. »Sehr schön - überlaßt sie uns. Los, beeilt euch«, fügte er hinzu, als Fiver zögerte. »Hast du mich verstanden, oder?«
    »Fiver hat sie gefunden, Toadflax«, sagte Hazel.
    »Und wir werden sie fressen«, erwiderte Toadflax. »Schlüsselblumen sind für Owsla[2] da - weißt du das nicht? Wenn du's noch nicht weißt, können wir's dir leicht beibringen.«
    Fiver hatte sich schon abgewandt. Hazel holte ihn am Abzugsgraben ein.
    »Ich habe das langsam satt«, sagte er. »Es ist immer dasselbe. >Das sind meine Klauen, also ist dies meine Schlüsselblume< >Das sind meine Zähne, also ist dies mein Bau.< Ich sage dir, wenn ich je in die Owsla hineinkomme, werde ich Outskirter mit einigem Anstand behandeln.«
    »Nun, du kannst wenigstens damit rechnen, eines Tages in der Owsla zu sein«, antwortete Fiver. »Du setzt noch Gewicht an, und das ist mehr, als ich je haben werde.«
    »Du nimmst doch nicht an, daß ich dich im Stich lassen werde, oder?« sagte Hazel. »Aber um dir die Wahrheit zu sagen, ich habe manchmal große Lust, mich aus diesem Bau vollständig zu verziehen. Na ja, lassen wir das jetzt, und versuchen wir, den Abend zu genießen. Weißt du, was -sollen wir über den Bach hinübergehen? Es werden weniger Kaninchen da sein, und wir können etwas Ruhe haben. Es sei denn, du fühlst, es ist nicht sicher«, fügte er hinzu.
    Die Art, wie er fragte, deutete an, daß er tatsächlich meinte, Fiver wußte es besser als er selbst, und aus Fivers Erwiderung ging klar hervor, daß er derselben Ansicht war.
    »Nein, es ist ziemlich sicher«, antwortete er. »Wenn ich das Gefühl habe, daß dort etwas Gefährliches ist, werde ich es dir sagen. Aber es ist nicht eigentlich Gefahr, die ich an dem Ort zu spüren glaube. Es ist, oh, ich weiß nicht - etwas Niederdrückendes, wie Donner: Ich kann nicht sagen, was, doch es macht mir Sorgen. Aber ich komme mit dir.«
    Sie rannten über den Abzugsgraben. Das Gras neben dem Bach war naß und dicht; sie liefen den gegenüberliegenden Abhang hinauf und schauten sich nach trockenerem Grund um. Ein Teil des Abhanges lag im Schatten, denn die Sonne ging vor ihnen unter, und Hazel, der einen warmen, sonnigen Fleck suchte, ging weiter, bis sie dicht am Heckenweg waren. Als sie sich dem Tor näherten, blieb er stehen, starrte.
    »Fiver, was ist das? Schau!«
    Ein kleines Stück vor ihnen war der Boden frisch aufgewühlt worden. Zwei Haufen Erde lagen auf dem Gras. Schwere Pfosten, die nach Kreosot und Farbe rochen, ragten so hoch wie die Stechpalmenzweige in der Hecke empor, und das Brett, das sie trugen, warf einen langen Schatten über den oberen Teil des Feldes. Neben einem der Pfosten waren ein Hammer und ein paar Nägel zurückgelassen worden.
    Die beiden Karnickel hopsten zum Brett hin, kauerten sich in einen Fleck Nesseln an der anderen Seite und rümpften die Nase über den Geruch eines Zigarettenstummels irgendwo im Gras. Plötzlich zitterte Fiver und duckte sich.
    »O Hazel! Da kommt es her! Jetzt weiß ich's - etwas Schreckliches! Etwas Entsetzliches - das immer näher kommt.«
    Er begann vor Furcht zu wimmern.
    »Was denn - was meinst du eigentlich? Ich dachte, du sagtest, es gäbe keine Gefahr.«
    »Ich weiß nicht, was es ist«, antwortete Fiver unglücklich. »Im Augenblick gibt es hier keine Gefahr, aber sie kommt -sie kommt. O Hazel, schau! Das Feld! Es ist bedeckt mit Blut!«
    »Sei nicht blöd, es ist nur das Licht des Sonnenuntergangs. Fiver, komm schon, rede nicht so, du erschreckst mich!«
    Fiver saß zitternd und weinend zwischen den Nesseln, als Hazel versuchte, ihn zu beruhigen und herauszufinden, was es sein konnte, das ihn so plötzlich außer sich geraten ließ. Wenn er sich fürchtete, warum rannte er dann nicht in Sicherheit wie jedes vernünftige Kaninchen? Aber Fiver konnte es nicht erklären und wurde nur immer unglücklicher. Schließlich sagte Hazel:
    »Fiver, du kannst hier nicht sitzen und heulen. Auf jeden Fall wird es langsam dunkel. Wir gehen jetzt lieber zum Bau zurück.«
    »Zum Bau zurück?« wimmerte Fiver. »Es wird auch dahin kommen - glaube ja nicht, daß es nicht kommt! Ich sage dir, das Feld ist voll von Blut -«
    »Jetzt hör auf«, sagte Hazel bestimmt. »Laß mich mal ein Weilchen auf dich aufpassen. Was auch immer droht, wir müssen zurückkehren.«
    Er rannte das Feld hinunter und über den Bach zur Viehweide. Hier gab es einen kleinen Aufenthalt, denn Fiver - überall von dem ruhigen Sommerabend umgeben - wurde hilflos und fast gelähmt vor Furcht. Als Hazel ihn schließlich bis zum Graben zurück hatte, weigerte er sich zuerst, unter die Erde zu schlüpfen, und Hazel mußte ihn buchstäblich in das Loch hinunterstoßen.
    Die Sonne ging hinter dem gegenüberliegenden Abhang unter. Der Wind, vermischt mit einem gelegentlichen Regenschauer, wurde kälter, und in kaum einer Stunde war es dunkel. Alle Farbe war vom Himmel gewichen, und obgleich das große Brett am Tor leicht im Nachtwind knarrte (als ob es nachdrücklich betonen wollte, daß es nicht im Dunkel verschwunden, sondern dort war, wo man es hingestellt hatte), war da niemand, der vorbeiging, um die großen, kräftigen Buchstaben zu lesen, die wie schwarze Messer in seine weiße Oberfläche schnitten. Sie besagten:
    AUF DIESEM IDEAL GELEGENEN SECHS ACKER UMFASSENDEN BAULAND ERRICHTEN SUTCH & MARTIN, LIMITED, NEWBURY, BERKS.
    ERSTKLASSIGE MODERNE WOHNUNGEN

2. Das Oberkaninchen


    Der finstere Staatsmann, von Lasten und Leid beladen,
    bewegte sich so langsam wie ein dichter Mitternachtsnebel.
    Er verweilte nicht, noch ging er.
    Henry Vaughan The World

    In der Dunkelheit und Wärme des Baus wachte Hazel plötzlich auf, strampelte und kickte mit seinen Hinterläufen. Irgend etwas griff ihn an. Da war kein Geruch von Frettchen oder Wiesel. Kein Instinkt befahl ihm zu rennen. Sein Kopf wurde klar, und er merkte, daß er - Fiver ausgenommen -allein war. Es war Fiver, der über ihn hinwegkletterte, sich in ihn krallte und ihn packte wie ein Kaninchen, das in Panik einen Drahtzaun hochklettert.
    »Fiver? Fiver, wach auf, du dummer Kerl! Ich bin's, Hazel. Du wirst mir noch weh tun. Wach auf!«
    Er hielt ihn nieder. Fiver zappelte und wachte auf.
    »O Hazel! Ich habe geträumt. Es war schrecklich. Du warst da. Wir saßen auf Wasser, schossen einen großen tiefen Bach hinunter, und dann merkte ich, daß wir auf einem Brett waren
    - wie das Brett im Feld -, ganz weiß und bedeckt mit schwarzen Zeilen. Es waren noch andere Kaninchen da -Rammler und Weibchen. Aber als ich hinabblickte, sah ich, daß das Brett ganz aus Knochen und Draht gemacht war; und ich schrie, und du sagtest: >Schwimmt - schwimmt alle<; und dann sah ich überall nach dir und versuchte, dich aus einem Loch in der Böschung herauszuziehen. Ich fand dich, aber du sagtest:    >Das Oberkaninchen muß allein gehen<, und du triebst fort, einen dunklen Wassertunnel hinunter.«
    »Nun, auf jeden Fall hast du meinen Rippen weh getan. Wassertunnel, daß ich nicht lache! Was für ein Unsinn! Können wir jetzt weiterschlafen?«
    »Hazel - die Gefahr, das Schlimme. Es ist nicht weg. Es ist hier - um uns herum. Sag mir nicht, wir sollten es vergessen und schlafen gehen. Wir müssen fort, ehe es zu spät ist.«
    »Fort? Von hier, meinst du? Aus dem Bau?«
    »Ja. Und zwar bald. Es spielt keine Rolle, wohin.«
    »Nur du und ich?«
    »Nein, alle.«
    »Das ganze Gehege? Sei nicht töricht. Die werden nicht mitkommen. Sie werden sagen, du seist nicht bei Trost.«
    »Dann werden sie hier sein, wenn das Schlimme hereinbricht. Du mußt mich anhören, Hazel. Glaube mir, etwas sehr Schlimmes steht uns dicht bevor, und wir sollten weggehen.«
    »Nun, es wird wohl besser sein, das Oberkaninchen aufzusuchen, dann kannst du ihm von der Sache erzählen. Oder ich werde es versuchen. Aber ich glaube nicht, daß er von der Idee sehr angetan sein wird.«
    Hazel ging voraus, den Lauf hinunter und wieder hoch auf das Brombeerdickicht zu. Einerseits wollte er Fiver nicht glauben, fürchtete sich aber andererseits davor, es nicht zu tun.
    Es war kurz nach ni-Frith oder Mittag. Das ganze Kaninchengehege befand sich, meist schlafend, im Bau. Hazel und Fiver liefen eine kurze Strecke über der Erde und dann in ein weites, offenes Loch in einem Sandfleck und weiter hinunter, durch verschiedene Läufe, bis sie zehn Meter tief im Gehölz waren, zwischen den Wurzeln einer Eiche. Hier wurden sie von einem großen schweren Kaninchen angehalten
    - einem der Owsla. Es hatte eine merkwürdige dichte Pelzwucherung auf dem Kopf, was ihm ein seltsames Aussehen gab, als trüge es eine Art Mütze. Dies hatte ihm seinen Namen gegeben, Thlayli, was wörtlich »Pelzkopf« oder Bigwig bedeutete.
    »Hazel?« sagte Bigwig, im Zwielicht unter den Baumwurzeln an ihm schnüffelnd. »Es ist doch Hazel, nicht wahr? Was tust du hier - um diese Tageszeit?« Er übersah Fiver, der weiter unten am Lauf wartete.
    »Wir wollen das Oberkaninchen sprechen«, sagte Hazel. »Es ist wichtig, Bigwig. Kannst du uns helfen?«
    »Wir?« sagte Bigwig. »Will er ihn auch sehen?«
    »Ja, er muß. Bitte, vertrau mir, Bigwig, ich pflege sonst nicht herzukommen und so mit dir zu reden, nicht wahr? Wann habe ich je darum gebeten, das Oberkaninchen zu sehen?«
    »Nun, ich werde es für dich tun, Hazel, obgleich man mir wahrscheinlich den Kopf abreißen wird. Ich werde ihm sagen, ich wüßte, daß du ein vernünftiger Bursche seist. Das müßte er eigentlich selbst wissen, aber er wird alt. Warte hier, bitte.«
    Bigwig ging etwas tiefer in den Lauf hinein und hielt vor dem Eingang zu einem großen Bau inne. Nachdem er ein paar Worte gesagt hatte, die Hazel nicht verstehen konnte, wurde er offensichtlich hineingerufen. Die beiden Kaninchen warteten in einem Schweigen, das nur von dem nervösen Zappeln Fivers unterbrochen wurde.
    Der Name und Titel des Oberkaninchens lautete Threarah, was »Lord Eberesche« bedeutete. Aus irgendeinem Grund wurde er immer als »Der Threarah« bezeichnet - vielleicht, weil es zufällig nur eine Threar oder Eberesche, von der er seinen Namen ableitete, nahe dem Gehege gab. Er hatte seine Stellung nicht nur aufgrund seiner Stärke in der Blüte seiner Jahre erworben, sondern auch durch Nüchternheit und eine gewisse unabhängige Unvoreingenommenheit, die ganz anders als das impulsive Verhalten der meisten Kaninchen war. Es war überall bekannt, daß er sich nie über Gerüchte oder über eine Gefahr aufregte. Er war kühl - einige sagten sogar kalt -standhaft geblieben während des schrecklichen Ansturms des Myxödems - einer schwammigen Hautanschwellung -, den er rücksichtslos bekämpft hatte, indem er jedes Kaninchen, das davon befallen schien, vertrieben hatte. Er hatte jedem Gedanken an Massenemigration widerstanden und vollständige Isolation im Gehege erzwungen und es dadurch beinahe sicher vor der Vernichtung bewahrt. Er war es auch, der sich einmal mit einem besonders ärgerlichen Wiesel befaßt hatte, indem er es unter die Fasanenpferche und so (unter Lebensgefahr) vor das Gewehr eines Aufsehers lockte. Er wurde jetzt, wie Bigwig sagte, langsam alt, aber sein Geist war immer noch klar. Als Hazel und Fiver hereingebracht wurden, grüßte er sie höflich. Ein Owsla wie Toadflax mochte drohen und einschüchtern. Der Threarah hatte das nicht nötig.
    »Ah, Walnut. Es ist Walnut, nicht wahr?«
    »Hazel«, sagte Hazel.
    »Hazel, natürlich. Wie nett von dir, mich zu besuchen. Ich kannte deine Mutter gut. Und dein Freund -«
    »Mein Bruder.«
    »Dein Bruder«, sagte der Threarah, mit der leisen Andeutung von »korrigiere mich bitte nicht mehr!« in der Stimme. »Macht's euch bequem. Etwas Salat?«
    Der Salat des Oberkaninchens war von der Owsla aus einem Garten eine halbe Meile querfeldein entfernt gestohlen worden. Outskirter sahen selten oder nie Salat. Hazel nahm ein kleines Blatt und knabberte höflich. Fiver lehnte ab und saß da, erbärmlich zwinkernd und zuckend.
    »Nun, wie sieht es bei dir aus?« sagte das Oberkaninchen. »Bitte, sag mir, wie ich dir helfen kann.«
    »Also, Sir«, sagte Hazel recht zögernd, »es ist wegen meines Bruders - Fiver - hier. Er kann oft voraussagen, wenn etwas Schlimmes bevorsteht, und er hat immer wieder recht behalten. Er wußte letzten Herbst, daß die Flut kommen würde, und manchmal kann er sagen, wo eine Schlinge gelegt wurde. Und jetzt sagt er, er kann eine schlimme Gefahr fühlen, die dem Gehege droht.«
    »Eine schlimme Gefahr? Ja, ach so. Wie bestürzend«, sagte das Oberkaninchen und sah gar nicht bestürzt aus. »Und welche Art Gefahr, wenn ich fragen darf?« Er sah Fiver an.
    »Ich weiß es nicht«, sagte Fiver. »A-aber es ist schlimm. Es ist so sch-schlimm, daß - es sehr schlimm ist«, schloß er traurig.
    Der Threarah wartete höflich ein paar Minuten und sagte dann: »Soso, und was sollten wir nun tun?«
    »Fortgehen«, platzte Fiver heraus. »Fortgehen. Alle von uns. Jetzt. Threarah, Sir, wir müssen alle fortgehen.«
    Der Threarah wartete wieder. Dann sagte er mit außerordentlich verständnisvoller Stimme: »Also, das habe ich noch nie gehört. Das ist ein bißchen viel verlangt, nicht wahr? Was hältst du selbst davon?«
    »Nun, Sir«, sagte Hazel. »Mein Bruder denkt nicht eigentlich über diese Gefühle nach, die ihn überfallen. Er hat eben diese Gefühle, wenn Sie wissen, was ich meine. Sicherlich sind Sie der Richtige, zu entscheiden, was wir tun sollten.«
    »Nun, es ist sehr nett von dir, das zu sagen. Ich hoffe, daß ich es bin. Aber jetzt, meine lieben Jungen, wollen wir einen Augenblick nachdenken. Es ist Mai, nicht wahr? Jedermann hat zu tun, und die meisten Kaninchen lassen sich's schmecken. Keine Gefahr auf Meilen hinaus, so sagt man mir jedenfalls. Keine Krankheit, gutes Wetter. Und du willst, daß ich dem Gehege sage, daß der junge - äh - dein Bruder eine Vorahnung hat und wir alle über Land Gott weiß wohin latschen und die Folgen riskieren müssen, he? Was, glaubst du, werden die sagen? Werden die alle entzückt sein, he?«
    »Wenn Sie es sagen, werden sie es akzeptieren«, meinte Fiver plötzlich.
    »Das ist sehr nett von dir«, sagte der Threarah noch einmal. »Nun, vielleicht würden sie's. Aber ich müßte es mir sehr sorgfältig überlegen. Ein sehr ernster Schritt, natürlich. Und dann -«
    »Aber es bleibt keine Zeit, Threarah, Sir«, platzte Fiver heraus. »Ich kann die Gefahr wie eine Drahtschlinge um meinen Hals fühlen - wie eine Schlinge - Hazel, Hilfe!« Er winselte und rollte im Sand herum, kickte heftig wie ein Kaninchen in einer Falle. Hazel hielt ihn mit beiden Vorderpfoten fest, und er wurde ruhiger.
    »Es tut mir furchtbar leid, Oberkaninchen«, sagte Hazel. »Das passiert zuweilen. Er wird in einer Minute wieder in Ordnung sein.«
    »Was für ein Jammer! Was für ein Jammer! Armer Junge, vielleicht sollte er nach Hause gehen und sich ausruhen. Ja, du nimmst ihn besser mit. Nun, es war außerordentlich nett von euch, mich aufzusuchen, Walnut. Ich bin wirklich sehr dankbar. Und ich werde alles, was ihr mir gesagt habt, sehr sorgfältig überlegen, dessen könnt ihr sicher sein. Bigwig, warte einen Augenblick, bitte!«
    Als Hazel und Fiver sich niedergeschlagen auf den Rückweg durch den Lauf außerhalb von Threarahs Bau machten, konnten sie gerade noch die Stimme des Oberkaninchens unterscheiden, die einen schärferen Ton annahm, und dazwischen ein gelegentliches »Ja, Sir«, »Nein, Sir«.
    Bigwig bekam, wie er vorausgesagt hatte, den Kopf abgerissen.

3. Hazels Entscheidung


    Was liege ich hier? ... Wir liegen hier, als ob wir eine Chance hätten, eine ruhige Zeit zu genießen ...
    Warte ich, bis ich etwas älter werde?
    Xenophon Die Anabasis

    »Aber Hazel, du hast doch nicht etwa geglaubt, das Oberkaninchen würde deinen Rat befolgen, oder? Was hast du erwartet?«
    Es war wieder einmal Abend, und Hazel und Fiver fraßen zusammen mit zwei Freunden außerhalb des Gehölzes. Blackberry, das Kaninchen mit den umgeklappten Ohren, das am Abend zuvor von Fiver aufgeschreckt worden war, hatte sorgfältig Hazels Beschreibung der Anschlagtafel zugehört und bemerkte, er wäre schon immer der Meinung gewesen, daß die Menschen diese Dinge hinterließen, damit sie als Schilder oder Botschaften irgendwelcher Art dienten, wie die Kaninchen Spuren in Läufen und Öffnungen zurückließen. Ein anderer Nachbar, Dandelion, brachte die Unterhaltung wieder auf den Threarah und seine Gleichgültigkeit gegenüber Fivers Furcht zurück.
    »Ich weiß nicht, was ich erwartet habe«, sagte Hazel. »Ich bin vorher noch nie in die Nähe des Oberkaninchens gelangt, aber ich dachte mir: Selbst wenn er mich nicht anhören will, so kann wenigstens nachher niemand sagen, daß wir nicht unser Bestes getan hätten, um ihn zu warnen.«
    »Du bist also sicher, daß es wirklich etwas gibt, das wir fürchten müssen?«
    »Ganz sicher. Ich kenne doch Fiver, weißt du?«
    Blackberry wollte schon etwas antworten, als ein anderes Kaninchen geräuschvoll durch das dichte Hunde-Bingelkraut im Gehölz kam, in das Dornengestrüpp stolperte und aus dem Graben hochsprang. Es war Bigwig.
    »Hallo, Bigwig«, sagte Hazel. »Bist du dienstfrei?«
    »Dienstfrei, jawohl«, sagte Bigwig, »und wahrscheinlich werd' ich das auch bleiben.«
    »Wie meinst du das?«
    »Ich habe die Owsla verlassen, das meine ich.«
    »Doch nicht etwa unsertwegen?«
    »So könnte man sagen. Der Threarah wird ziemlich unangenehm, wenn er um die Mittagszeit wegen eines seiner Meinung nach trivialen Unsinns aufgeweckt wird. Ich wage zu behaupten, daß die meisten Kaninchen still gewesen wären und daran gedacht hätten, sich mit dem Chef gut zu stellen, aber ich fürchte, dazu tauge ich nicht besonders. Ich sagte ihm, die Owsla-Privilegien bedeuteten mir auf jeden Fall nicht allzuviel und daß ein starkes Kaninchen ebensogut leben könnte, auch wenn es das Gehege verließe. Er antwortete mir, ich sollte nicht impulsiv sein und es mir noch einmal überlegen, aber ich werde nicht bleiben. Salat stehlen ist auch nicht gerade meine Vorstellung von einem lustigen Leben, auch nicht Schildwache stehen in der Höhle. Ich habe vielleicht eine Wut, kann ich euch sagen.«
    »Bald wird niemand mehr Salatblätter stehlen«, sagte Fiver ruhig.
    »Oh, du bist's, Fiver, nicht wahr?« sagte Bigwig, der zum erstenmal Notiz von ihm nahm. »Ausgezeichnet, dich habe ich gesucht. Ich habe über das nachgedacht, was du zu dem Oberkaninchen gesagt hast. Hör mal, ist das nun ein Riesenschwindel, um dich wichtig zu machen, oder ist es wahr?«
    »Es ist wahr«, sagte Fiver. »Ich wünschte, es wäre nicht wahr.«
    »Dann wirst du also das Gehege verlassen?«
    Sie waren alle erstaunt, mit welcher Plumpheit Bigwig geradewegs auf das Wesentliche zusteuerte. Dandelion murmelte:    »Das    Gehege verlassen, Frithrah!«, während Blackberry mit den Ohren zuckte und sehr gespannt zuerst Bigwig und dann Hazel ansah.
    Es war Hazel, der antwortete: »Fiver und ich werden das Gehege heute nacht verlassen«, sagte er bedachtsam. »Ich weiß nicht genau, wo wir hingehen werden, aber wir werden jeden mitnehmen, der bereit ist, mitzukommen.«
    »Großartig«, meinte Bigwig, »dann könnt ihr mich mitnehmen.«
    Das hätte Hazel als letztes erwartet - die sofortige Unterstützung durch ein Owsla-Mitglied. Es fuhr ihm durch den Sinn, daß mit Bigwig, wenn er auch bestimmt in einer gefährlichen Lage ein nützliches Kaninchen sein würde, schwierig auszukommen war. Er würde bestimmt nichts tun wollen, was ihm von einem Outskirter gesagt oder worum er gebeten wurde. Es ist mir gleich, ob er in der Owsla ist, dachte Hazel. Wenn wir vom Gehege fortkommen, laß ich Bigwig nicht die ganze Sache leiten - wenn wir überhaupt gehen. Aber er antwortete nur: »Gut. Wir werden froh sein, dich bei uns zu haben.«
    Er sah sich nach den anderen Kaninchen um, die abwechselnd Bigwig und ihn anstarrten. Und es war Blackberry, der als nächster sprach.
    »Ich glaube, ich werde mitkommen«, sagte er. »Ich weiß nicht genau, ob du mich überredet hast, Fiver. Aber auf jeden Fall sind zu viele Rammler in diesem Gehege, und für die Kaninchen, die nicht in der Owsla sind, bringt es wenig Spaß. Komisch ist nur, daß du dich fürchtest zu bleiben und ich mich fürchte zu gehen. Füchse hier, Wiesel da, Fiver in der Mitte - fort mit dir, ewige Sorge!«
    Er zupfte ein Pimpinelle-Blatt heraus und fraß es langsam, verbarg seine Furcht, so gut er konnte; denn all seine Instinkte warnten ihn vor den Gefahren des unbekannten Landes hinter dem Gehege.
    »Wenn wir auf Fiver hören«, sagte Hazel, »bedeutet das, es sollten überhaupt keine Kaninchen mehr hierbleiben. Wir sollten also zwischen jetzt und unserem Aufbruchstermin so viele wie möglich dazu überreden mitzukommen.«
    »Ich glaube, in der Owsla sind zwei oder drei, bei denen sich das Sondieren lohnt«, sagte Bigwig. »Wenn ich sie herumkriegen kann, werden sie bei mir sein, wenn ich mich euch heute Abend anschließe. Aber sie werden nicht Fivers wegen kommen. Es sind Junioren, unzufriedene Burschen wie ich. Man muß Fiver selbst gehört haben, um von ihm überzeugt zu werden. Er hat mich überzeugt. Es ist offensichtlich, daß er eine Art Botschaft erhalten hat, und ich glaube an diese Dinge. Ich kann nicht begreifen, warum er den Threarah nicht auch überzeugt hat.«
    »Weil der Threarah nichts gutheißt, worauf er nicht selbst gekommen ist«, sagte Hazel. »Aber wir können uns jetzt nicht mehr mit ihm abgeben. Wir müssen versuchen, noch mehr Kaninchen zu sammeln, und uns hier wieder treffen, fu Inle. Und wir werden fu Inle loswandern: Wir können nicht länger warten. Die Gefahr - wie auch immer sie aussehen mag -rückt unaufhörlich näher, und außerdem wird der Threarah nicht gerade entzückt sein, wenn er herausfindet, daß du versucht hast, die Kaninchen in der Owsla zu überreden, Bigwig. Auch Hauptmann Holly nicht, möcht' ich sagen. Sie werden nichts dagegen haben, wenn Kroppzeug wie wir verschwindet, aber dich werden sie nicht verlieren wollen. An deiner Stelle wäre ich vorsichtig bei der Auswahl für eine Unterredung.«

4. Der Aufbruch


    Der junge Fortinbras hat nun,
    Von wildem Feuer heiß und voll,
    An Norwegs Ecken hier und da ein Heer
    Landflücht'ger Abenteurer aufgerafft,
    Für Brot und Kost, zu einem Unternehmen,
    Das Herz hat.
    Shakespeare Hamlet

    Fu Inle bedeutet »nach Mondaufgang«. Natürlich haben Kaninchen keine Vorstellung von einer genauen Zeit oder von Pünktlichkeit. In dieser Hinsicht sind sie ganz wie primitive Menschen, die oft mehrere Tage brauchen, um sich zu versammeln, und dann noch weitere Tage benötigen, um aufzubrechen. Ehe solche Menschen gemeinsam handeln können, muß eine Art Gedankenübertragung stattfinden und sich bis zu dem Punkt verstärken, an dem sie alle wissen, daß sie bereit sind zu beginnen. Jeder, der gesehen hat, wie die Mauersegler und die Schwalben sich im September auf den Telefondrähten versammeln, aufgeregt zwitschernd, kurze Flüge einzeln und in Gruppen über die offenen Stoppelfelder unternehmend, zurückkehrend, um längere und immer längere Linien über den gelblichen Wegrändern zu bilden - Hunderte individueller Vögel in wachsender Erregung in Schwärme verschmelzend, und diese Schwärme kommen locker und unordentlich zusammen, um einen großen unorganisierten Flug zu bilden, dicht im Zentrum und unregelmäßig an den Rändern, der sich teilt und ständig neu formt wie Wolken oder Wellen - bis zu dem Augenblick, wenn der größere Teil von ihnen (doch nicht alle) weiß, daß die Zeit gekommen ist:
    Sie sind fort und haben wieder einmal diesen großen Flug nach Süden begonnen, den viele nicht überleben werden; jeder, der dies sieht, hat den Strom bei der Arbeit gesehen (unter Geschöpfen, die sich primär als Teil einer Gruppe und erst sekundär, wenn überhaupt, als Individuen begreifen), einen Strom, der sie, ohne daß sie sich dessen bewußt oder dazu willens wären, in eine Aktion verschmelzen wird -, jeder, der dies gesehen hat, hat den Engel bei der Arbeit gesehen, der den ersten Kreuzzug nach Antiochia trieb und die Lemminge ins Meer treibt.
    Es war tatsächlich etwa eine Stunde nach Mondaufgang und eine gute Weile vor Mitternacht, als Hazel und Fiver noch einmal aus ihrem Bau hinter den Dornenbüschen herauskamen und ruhig über den Boden des Grabens schlüpften. Bei ihnen war ein drittes Kaninchen, Hlao -Pipkin -, ein Freund von Fiver. (Hlao bedeutet jene kleine Mulde im Gras, wo sich Feuchtigkeit ansammelt, das heißt, die von einem Löwenzahn oder einer Distel gebildete Vertiefung.) Auch er war klein und neigte zur Furchtsamkeit, und Hazel und Fiver hatten den größten Teil ihres letzten Abends im Kaninchengehege damit verbracht, ihn zu überreden, sich ihnen anzuschließen. Pipkin hatte recht zögernd eingewilligt. Er war immer noch außerordentlich ängstlich, was geschehen würde, wenn sie erst das Gehege verlassen hätten, und kam zu dem Schluß, daß es am besten wäre, um Schwierigkeiten zu vermeiden, sich dicht an Hazel zu halten und genau das zu tun, was er sagte.
    Die drei befanden sich immer noch im Graben, als Hazel hörte, daß sich oben etwas bewegte. Er blickte schnell hoch. »Wer ist da?« fragte er. »Dandelion?«
    »Nein, ich bin's, Hawkbit«, sagte das Kaninchen, das über den Rand guckte. Es sprang hinunter und landete ziemlich unsanft zwischen ihnen. »Erinnerst du dich an mich, Hazel? Wir waren während des Schnees letzten Winter im selben Bau. Dandelion sagte mir, du würdest den Bau heute Abend verlassen. Wenn du das tust, komme ich mit dir.«
    Hazel erinnerte sich an Hawkbit - ein ziemlich langsames, dummes Kaninchen, dessen Gesellschaft in fünf eingeschneiten Tagen unter der Erde entschieden langweilig gewesen war. Trotzdem, dachte er, war dies keine Frage des Wählerischseins. Wenn es auch Bigwig gelingen sollte, einen oder zwei herumzukriegen, würden die meisten der Kaninchen, deren Anschluß sie erwarten konnten, nicht von der Owsla kommen. Es würden Outskirter sein, denen es dreckig ging und die sich fragten, was sie dagegen tun sollten. Er ging ein paar von ihnen in Gedanken durch, als Dandelion erschien.
    »Je früher wir wegkommen, desto besser, schätze ich«, sagte Dandelion. »Mir gefällt die ganze Sache nicht. Nachdem ich Hawkbit hier überredet hatte, sich uns anzuschließen, wollte ich noch mit einigen anderen sprechen, als ich entdeckte, daß dieser Toadflax-Bursche mir den Lauf hinunter gefolgt war. >Ich möchte wissen, was du im Schilde führst<, sagte er, und er glaubte mir bestimmt nicht, als ich ihm sagte, ich versuchte nur herauszufinden, ob es Kaninchen gäbe, die das Gehege verlassen wollten. Er fragte mich, ob ich sicher wäre, nicht eine Art Komplott gegen den Threarah anzuzetteln, und er wurde schließlich zornig und mißtrauisch. Ich habe Schiß gekriegt, kann ich dir sagen, deshalb habe ich Hawkbit mitgebracht und es dabei bewenden lassen.«
    »Ich kann es dir nicht verdenken«, sagte Hazel. »Da ich Toadflax kenne, bin ich überrascht, daß er dich nicht erst über den Haufen gerannt und dann Fragen gestellt hat. Trotzdem, laßt uns noch ein bißchen warten. Blackberry müßte bald hier sein.«
    Die Zeit verrann. Sie kauerten schweigend, während die Mondschatten im Gras nordwärts zogen. Schließlich, gerade als Hazel den Abhang zu Blackberrys Bau hinunterlaufen wollte, sah er ihn aus seinem Loch herauskommen, hinter ihm nicht weniger als drei Kaninchen. Einen der drei, Buckthorn, kannte Hazel gut. Er war froh, ihn zu sehen; denn er war ein zäher, kräftiger Bursche, der mit Sicherheit zur Owsla gehören würde, sobald er das volle Gewicht erlangte.
    Aber ich vermute, er ist ungeduldig, dachte Hazel, oder er hat bei einer Balgerei um ein weibliches Kaninchen schlecht abgeschnitten und es sich zu Herzen genommen. Nun, mit ihm und Bigwig werden wir wenigstens nicht allzu schlecht dran sein, wenn es zu einer Schlägerei kommen sollte.
    Die beiden anderen Kaninchen erkannte er nicht, und er war auch nicht klüger, als Blackberry ihm ihre Namen sagte - Speedwell und Acorn. Doch das war nicht überraschend; denn es waren typische Outskirter - dünn aussehende Sechs-Monatslinge, mit dem gespannten, argwöhnischen Blick derjenigen, die nur zu gewohnt sind hintanzustehen. Sie sahen Fiver neugierig an. Nach dem, was Blackberry ihnen erzählt hatte, hatten sie beinahe erwartet, daß Fiver den Untergang in einer Art poetischem Sturzbach vorhersagte. Statt dessen schien er ruhiger und normaler als die übrigen. Die Gewißheit, daß sie fortgehen würden, hatte eine Sorgenlast von Fiver genommen.
    Die Zeit schlich dahin. Blackberry kletterte in das Farnkraut hinauf und kehrte dann auf die Böschung zurück, nervös herumzappelnd und halb geneigt, sich aus dem Staub zu machen. Hazel und Fiver blieben im Graben, knabberten lustlos an dem dunklen Gras. Endlich vernahm Hazel, worauf er wartete: ein Kaninchen - oder waren es zwei? -, das sich vom Gehölz her näherte.
    Kurz darauf war Bigwig im Graben. Hinter ihm folgte ein muskulöses, flink wirkendes Kaninchen, etwas über zwölf Monate alt. Das ganze Kaninchengehege kannte es vom Sehen; denn sein Fell war vollkommen grau mit fast weißen Flecken, die jetzt das Mondlicht einfingen, als es schweigend dasaß und sich kratzte. Es war Silver, ein Neffe vom Threarah, der seinen ersten Monat in der Owsla diente.
    Hazel war im Grunde erleichtert, daß Bigwig nur Silver mitgebracht hatte - einen ruhigen, redlichen Burschen, der noch nicht eigentlich festen Boden bei den Veteranen gefaßt hatte. Als Bigwig davon gesprochen hatte, die Owsla auszuhorchen, war Hazel geteilter Meinung gewesen. Es war nur zu wahrscheinlich, daß sie auf Gefahren außerhalb des Baus stoßen und gute Kämpfer brauchen würden. Außerdem sollten sie, wenn Fiver recht hatte und das gesamte Gehege in unmittelbarer Gefahr war, jedes Kaninchen willkommen heißen, das bereit war, sich ihnen anzuschließen. Andererseits schien es keinen Grund zu geben, sich besonders anzustrengen, Kaninchen anzuwerben, die sich wie Toadflax verhalten würden.
    Wo immer wir uns niederlassen werden, dachte Hazel, ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, daß Pipkin und Fiver nicht unterdrückt und herumgestoßen werden, bis sie soweit sind, jedes Risiko einzugehen, um bloß wegzukommen. Aber wird Bigwig derselben Ansicht sein?
    »Du kennst Silver, nicht wahr?« fragte Bigwig, der seinen Gedankengang unterbrach. »Augenscheinlich haben einige der jüngeren Burschen in der Owsla ihm übel mitgespielt - haben ihn wegen seines Pelzes gehänselt, weißt du, und ihm gesagt, er hätte seine Stelle nur durch den Threarah bekommen. Ich glaubte, ich könnte noch mehr zusammentrommeln, aber beinahe alle Owsla scheinen der Meinung zu sein, es ginge ihnen sehr gut da, wo sie    seien.«
    Er sah sich um. »Es    sind nicht viele    hier, nicht wahr?
    Glaubst du, es lohnt sich wirklich, mit diesem Plan weiterzumachen?«
    Silver schien sprechen zu wollen, als plötzlich ein Trappeln im Unterholz über ihnen zu hören war und weitere drei Kaninchen über die Böschung aus dem Gehölz kamen. Ihre Bewegungen waren direkt und zielbewußt, ganz anders als das unsichere Herannahen derjenigen, die jetzt im Graben versammelt waren. Der größte der drei Neuankömmlinge war vorne, und die anderen zwei folgten ihm, als stünden sie unter einem Befehl. Hazel fühlte sofort, daß sie nichts mit ihm und seinen Gefährten gemein hatten, zuckte zusammen und setzte sich gespannt auf. Fiver murmelte in sein Ohr: »Oh, Hazel, die sind gekommen, um uns zu -«, brach aber ab. Bigwig drehte sich zu ihnen um und machte große Augen; seine Nase bewegte sich heftig. Die drei traten direkt an ihn heran.
    »Thlayli?« sagte der Führer.
    »Du kennst mich sehr genau«, erwiderte Bigwig, »und ich kenne dich, Holly. Was willst du?«
    »Du bist verhaftet.«
    »Verhaftet? Was soll das heißen? Weshalb?«
    »Wegen Verbreitung von Zwietracht und Anstiftung zur Meuterei. Silver, du bist ebenfalls verhaftet, da du dich heute Abend nicht bei Toadflax gemeldet hast und deine Pflichten an einen Kameraden abgegeben hast. Ihr müßt beide mitkommen.«
    Unverzüglich griff Bigwig an, kratzte und kickte ihn. Holly gab ihm zurück. Seine Begleiter kamen näher, suchten nach einer Öffnung, um sich dem Kampf anzuschließen und Bigwig festzuhalten. Plötzlich stürzte sich von der Höhe der Böschung Buckthorn kopfüber ins Handgemenge, schlug im Fluge einen der Wachtposten mit einem Kick seiner Hinterbeine beiseite und hieb dann mit den anderen auf ihn ein. Einen Augenblick später folgte ihm Dandelion, der voll auf dem Kaninchen landete, das Buckthorn gekickt hatte. Beide Wachtposten befreiten sich, sahen sich kurz um und stürzten dann über die Böschung hinauf in das Gehölz. Holly kämpfte sich von Bigwig frei und hockte sich hin, scharrte mit den Vorderpfoten und knurrte, wie Kaninchen es tun, wenn sie böse sind. Er wollte etwas sagen, doch Hazel trat ihm gegenüber.
    »Geh«, sagte Hazel fest und ruhig, »oder wir werden dich töten.«
    »Weißt du, was das bedeutet?« erwiderte Holly. »Ich bin Hauptmann der Owsla. Das weißt du, nicht wahr?«
    »Geh«, wiederholte Hazel, »oder du wirst getötet werden.«
    »Du wirst es sein, der getötet wird«, erwiderte Holly. Ohne noch ein Wort zu sagen, verschwand auch er über die Böschung im Gehölz.
    Dandelion blutete an der Schulter. Er leckte ein Weilchen die Wunde und wandte sich dann an Hazel.
    »Sie werden bald wieder zurück sein, Hazel«, sagte er. »Sie lassen die Owsla ausrücken, und dann gnade uns Gott!«
    »Wir sollten sofort gehen«, sagte Fiver.
    »Ja, die Zeit ist jetzt gekommen«, erwiderte Hazel. »Los, den Bach hinunter. Dann werden wir der Böschung folgen -das wird uns helfen, zusammenzubleiben.«
    »Wenn du meinen Rat hören willst -«, begann Bigwig.
    »Wenn wir noch länger hierbleiben, werde ich es nicht mehr können«, antwortete Hazel.
    Mit Fiver an seiner Seite, ging er voran, aus dem Graben heraus und den Abhang hinunter. In knapp einer Minute war die kleine Gruppe Kaninchen in der mondtrüben Nacht verschwunden.

5. In den Wäldern


    Diese jungen Kaninchen ... müssen sich bewegen, wenn sie überleben sollen. Wild und frei... irren sie manchmal meilenweit umher ... und wandern, bis sie eine angemessene Umgebung finden.
    R. M. Lockley The Private Life of the Rabbit

    Der Monduntergang stand bevor, als sie die Felder verließen und in den Wald eindrangen. Auseinandergezogen, dann wieder aufholend, mehr oder weniger zusammenhaltend, waren sie über eine halbe Meile durch die Wiesen gewandert, immer dem Lauf des Baches folgend. Obgleich Hazel schätzte, daß sie jetzt weiter von dem Gehege fort waren als je ein Kaninchen, mit dem er gesprochen hatte, wußte er nicht, ob sie schon in sicherer Entfernung waren; und während er sich fragte - nicht zum ersten Male -, ob er Geräusche der Verfolger hören konnte, bemerkte er als erster die dunklen Massen der Bäume, zwischen denen der Bach verschwand.
    Kaninchen meiden dichtes Waldgebiet, wo der Boden schattig, feucht und graslos ist, und fühlen sich von dem Unterholz bedroht. Hazel schätzte den Anblick der Bäume nicht. Trotzdem, dachte er, würde Holly es sich zweifellos zweimal überlegen, ehe er ihnen an einen Ort wie diesen hier folgen würde, und bestimmt wäre es sicherer, neben dem Bach zu bleiben, als ziellos in den Wiesen hin und her zu wandern, mit dem Risiko, sich am Ende im Gehege wiederzufinden. Er beschloß, geradewegs in den Wald zu gehen, ohne Bigwig zu fragen, und darauf zu vertrauen, daß die übrigen folgen würden.
    Wenn wir nicht in Schwierigkeiten geraten und der Bach uns durch den Wald führt, dachte er, werden wir wirklich das Gehege hinter uns haben, und dann können wir nach einem Platz suchen, um uns ein bißchen auszuruhen. Die meisten scheinen mehr oder weniger in Ordnung zu sein, aber Fiver und Pipkin werden in kurzer Zeit genug haben.
    Sowie er in den Wald kam, schien der voller Geräusche zu sein. Es roch nach feuchten Blättern und Moos, und überall hörte man das Flüstern von plätscherndem Wasser. Kaum im Wald, fiel der Bach in einen Teich ab, und das Geräusch, von Bäumen eingeschlossen, hallte wie in einer Höhle wider. Schlafende Vögel raschelten oben, die Nachtbrise bewegte die Blätter, hier und da fiel ein toter Zweig. Und es drangen noch mehr unheimliche, unbekannte Geräusche aus weiter Ferne herüber, Geräusche der Bewegung.
    Für Kaninchen ist alles Unbekannte gefährlich. Die erste Reaktion ist, aufzuschrecken, die zweite, auszureißen. Wieder und wieder schreckten sie auf, bis sie der Erschöpfung nahe waren. Aber was bedeuteten diese Geräusche, und wohin konnten sie in dieser Wildnis ausreißen?
    Die Kaninchen krochen dichter zusammen. Ihr Vordringen verlangsamte sich. Binnen kurzem verloren sie den Lauf des Baches, glitten über die mondbeschienenen Flecken wie Flüchtlinge und verhielten in den Büschen mit gespitzten Ohren und geweiteten Augen. Der Mond stand jetzt tief, und das Licht, wo immer es schräg durch die Bäume fiel, schien trüber, schwächer und gelblicher.
    Von einem dicken Haufen toter Blätter unter einer Stechpalme blickte Hazel auf einen schmalen Pfad, der zu beiden Seiten mit Farn und keimendem Unkraut gesäumt war. Der Farn bewegte sich leicht in der Brise, aber entlang dem Pfad war nichts zu sehen außer einer Streuung letztjähriger Eicheln unter einer Eiche. Was lauerte im Farnkraut? Was lag hinter der nächsten Biegung? Und was würde einem Kaninchen passieren, das den Schutz der Stechpalme verließ und den Pfad hinunterrannte? Er wandte sich an Dandelion, der neben ihm hockte.
    »Du wartest lieber hier«, sagte er. »Wenn ich zu der Biegung komme, werde ich trommeln. Aber wenn ich in Schwierigkeiten gerate, bringst du die anderen fort.«
    Er wartete nicht auf eine Antwort, rannte ins Freie und den Pfad hinunter. In ein paar Sekunden war er an der Eiche. Er pausierte einen Augenblick, starrte um sich, und dann rannte er zu der Biegung. Der Pfad dahinter war derselbe - er lag leer im schwindenden Mondlicht und führte sanft nach unten in den tiefen Schatten eines Hains von Stecheichen. Hazel trommelte, und einige Augenblicke später war Dandelion neben ihm im Farnkraut. Trotz der Anstrengung und seiner Furcht kam ihm der Gedanke, daß Dandelion sehr schnell sein mußte: Er hatte die Entfernung wie ein Blitz zurückgelegt.
    »Gut gemacht«, flüsterte Dandelion. »Das Wagnis für uns eingehen, nicht wahr - wie El-ahrairah?«
    Hazel schenkte ihm einen schnellen, freundlichen Blick. Es war ein gutgemeintes Lob und ermunterte ihn. Was Robin Hood den Engländern ist und John Henry den amerikanischen Negern, ist Elil-Hrair-Rah oder El-ahrairah - Der Fürst mit tausendfachen Feinden - für die Kaninchen. Onkel Remus kann durchaus von ihm gehört haben; denn einige von El-ahrairahs Abenteuern sind diejenigen von Brer Rabbit. Übrigens könnte sogar Odysseus ein paar Listen von dem Kaninchen-Helden übernommen haben; denn er ist sehr alt und war nie um eine List verlegen, um seine Feinde zu täuschen. Einmal, so geht die Mär, mußte er, um nach Hause zu gelangen, einen Fluß durchschwimmen, in dem ein großer und hungriger Hecht war. El-ahrairah striegelte sich, bis er genug Pelz hatte, um ein Lehmkaninchen einzuhüllen, das er ins Wasser stieß. Der Hecht schoß darauf zu, biß hinein und gab es mit Abscheu wieder her. Nach einer Weile trieb es an die Böschung, und El-ahrairah fischte es heraus und wartete kurze Zeit, ehe er es wieder hineinschob. Nach einer Stunde ließ der Hecht es in Ruhe, und nachdem er es zum fünften Male gemacht hatte, schwamm El-ahrairah selbst hinüber und ging nach Hause. Einige Kaninchen sagen, er beherrsche sogar das Wetter, weil der Wind, die Feuchtigkeit und der Tau Freunde und Helfer der Kaninchen gegen ihre Feinde sind.
    »Hazel, wir werden hier haltmachen müssen«, sagte Bigwig, zwischen den keuchenden, kriechenden Körpern der anderen herankommend. »Ich weiß, es ist keine gute Stelle, aber Fiver und diese andere halbe Portion, die du mit hast -sie sind ziemlich erledigt. Sie werden nicht weiterkönnen, wenn wir nicht ausruhen.«
    Die Wahrheit war, daß jeder von ihnen müde war. Viele Kaninchen verbringen ihr ganzes Leben am selben Ort und laufen nie mehr als hundert Meter hintereinander. Obgleich sie gelegentlich monatelang oberirdisch leben und schlafen, ziehen sie es vor, nicht weit von einem Zufluchtsort entfernt zu sein, der als Loch dienen kann. Sie haben zwei natürliche Gangarten - die sanfte, watschelnde Vorwärtsbewegung des Geheges an einem Sommerabend und den blitzartigen Sprung nach Deckung, den jeder Mensch schon irgendwann einmal gesehen hat. Es ist schwer, sich ein Kaninchen vorzustellen, das stetig vorwärts stapft: Sie sind nicht dafür geschaffen. Es ist wahr, daß junge Kaninchen große Wanderer und fähig sind, meilenweit zu ziehen, aber sie tun es nicht aus freien Stücken.
    Hazel und seine Gefährten hatten die Nacht damit verbracht, alles zu tun, was für sie unnatürlich war, und dies zum ersten Mal. Sie hatten sich in einer Gruppe bewegt oder versuchten es wenigstens: Tatsächlich waren sie zuzeiten weit auseinandergezogen. Sie hatten versucht, ein stetes Tempo zwischen Hopsen und Laufen durchzuhalten, und es war sie hart angekommen. Seitdem sie in den Wald eingedrungen waren, hatten sie heftige Angst gehabt. Mehrere waren fast tharn - das heißt, in einem Zustand der Lähmung, der entsetzte oder erschöpfte Kaninchen überkommt, so daß sie dasitzen und beobachten, wie ihre Feinde - Wiesel oder Menschen - herankommen, um ihnen das Leben zu nehmen. Pipkin saß zitternd unter einem Farn, seine Ohren hingen schlaff an beiden Seiten des Kopfes herunter. Er hielt eine Pfote in seltsam unnatürlicher Art vor sich und leckte unglücklich daran. Fiver war kaum besser dran. Er sah immer noch fröhlich aus, aber sehr müde. Hazel war sich klar, daß sie, bis sie ausgeruht sein würden, alle eher hier in Sicherheit waren, als wenn sie im Freien entlangstolperten und keine Kraft mehr hätten, vor ihren Feinden davonzulaufen. Aber wenn sie grübelnd dalagen, unfähig, sich Nahrung zu suchen oder unter die Erde zu gehen, würde ihr ganzer Kummer in ihre Herzen strömen, ihre Ängste würden wachsen, und sie würden sehr wahrscheinlich auseinanderlaufen oder gar versuchen, ins Kaninchengehege zurückzukehren. Er hatte eine Idee.
    »Jawohl, wir werden hier ausruhen«, sagte er. »Kriechen wir zwischen diesen Farn. Komm, Dandelion, erzähl uns eine Geschichte. Ich weiß, du bist begabt darin, Pipkin hier kann's gar nicht erwarten.«
    Dandelion sah Pipkin an und merkte, was Hazel von ihm erwartete. Er unterdrückte seine eigene Angst vor dem einsamen, graslosen Waldland, den Eulen, die vor der Frühdämmerung zurückkehren würden und die sie aus einiger Entfernung hören konnten, und dem ungewöhnlich scharfen Tiergeruch, der ganz aus der Nähe zu kommen schien, und begann.

6. Wie El-ahrairah gesegnet wurde


    Warum sollte er mich für grausam halten
    Oder daß er verraten ist?
    Ich würde ihn lehren, zu lieben, was war,
    Ehe die Welt geschaffen wurde.
    W. B. Yeats A Woman Young and Old

    »Vor längerer Zeit schuf Frith die Welt. Er schuf auch alle Sterne, und die Welt ist einer der Sterne. Er schuf sie, indem er seine Losung über den Himmel verstreute, und deshalb wachsen das Gras und die Bäume so dicht auf der Welt. Frith läßt die Bäche fließen. Die Sterne folgen ihm, wenn er über den Himmel geht, und wenn er den Himmel verläßt, suchen sie ihn die ganze Nacht. Frith schuf alle Tiere und Vögel, aber als er sie machte, waren sie zuerst alle gleich. Der Spatz und der Turmfalke waren Freunde, und sie fraßen beide Samen und Fliegen. Und der Fuchs und das Kaninchen waren Freunde, und beide fraßen Gras. Und es gab Gras in Hülle und Fülle und Fliegen die Fülle, weil die Welt neu war, und Frith schien hell und warm den ganzen Tag herunter.
    Nun, El-ahrairah war unter den Tieren in diesen Tagen und hatte viele Weiber. Er hatte so viele Weiber, daß er sie gar nicht zählen konnte, und die Weiber hatten so viele Junge, daß selbst Frith sie nicht zählen konnte, und sie fraßen das Gras und den Löwenzahn und die Salatblätter und den Klee, und El-ahrairah war der Vater von ihnen allen.« (Bigwig knurrte anerkennend.) »Und nach einer gewissen Zeit«, fuhr Dandelion fort, »nach einer Zeit begann das Gras dünn zu werden, und die Kaninchen wanderten überallhin, vermehrten sich und fraßen, während sie gingen.
    Da sagte Frith zu El-ahrairah: >Fürst Kaninchen, wenn du dein Volk nicht kontrollieren kannst, werde ich Wege finden, es zu kontrollieren. Daher paß auf, was ich dir sage.< Aber El-ahrairah wollte nicht hören, und er sagte zu Frith: >Mein Volk ist das stärkste der Welt; denn es vermehrt sich schneller und frißt mehr als andere Völker. Und dies zeigt, wie sehr es den Herrn Frith liebt; denn von all den Tieren ist es am empfänglichsten für seine Warmherzigkeit und seinen Glanz. Du mußt dir klar sein, o Herr, wie bedeutend es ist, und es nicht an seinem schönen Leben hindern.<
    Frith hätte El-ahrairah sofort töten können, aber er hatte die Absicht, ihn in der Welt zu lassen, weil er ihn als Spaßmacher, als Witzeschmied, als Listenreichen brauchte. So beschloß er, die Oberhand über ihn zu gewinnen, nicht mit Hilfe seiner eigenen großen Macht, sondern mit Hilfe einer List. Er ließ wissen, daß er ein großes Treffen veranstalten würde und daß er bei diesem Treffen jedem Tier und jedem Vogel ein Geschenk machen würde, damit sich jeder von dem anderen unterscheide. Und alle Geschöpfe machten sich zu dem Treffpunkt auf. Aber alle kamen zu verschiedenen Zeiten an, weil Frith es so einrichtete. Als die Amsel kam, gab er ihr ihren schönen Gesang, und als die Kuh kam, gab er ihr scharfe Hörner und Stärke, damit sie sich vor keinem anderen Geschöpf zu fürchten brauchte. Und so kamen nacheinander der Fuchs und das Hermelin und das Wiesel. Und jedem gab Frith die Schlauheit und die Wildheit und das Verlangen, zu jagen und zu töten und die Kinder von El-ahrairah zu fressen. Und so gingen sie von Frith fort, nichts im Herzen als die Begierde, die Kaninchen zu töten.
    Die ganze Zeit über tanzte und paarte und brüstete El-ahrairah sich, daß er zu Friths Treffen gehen werde, um ein großes Geschenk zu erhalten. Und endlich machte auch er sich zu dem Treffen auf. Doch unterwegs rastete er einmal auf einem sanften, sandigen Hügel. Und während er rastete, kam über den Hügel der dunkle Mauersegler, der im Fluge schrie: >Nachrichten! Neuigkeiten! Neuigkeiten!< Und das ruft er seit jenem Tag ohne Unterlaß. El-ahrairah rief zu ihm hinauf und fragte: >Was für Neuigkeiten?< - >Na<, sagte der Mauersegler, >ich möchte nicht du sein, El-ahrairah. Denn Frith hat dem Fuchs und dem Wiesel durchtriebene Herzen und scharfe Zähne gegeben, und der Katze hat er stille Füße und Augen gegeben, die in der Dunkelheit sehen können, und sie sind von Friths Ort fortgegangen, um alles zu töten und zu verschlingen, was El-ahrairah gehört.< Und er jagte weiter über die Hügel davon. Und in diesem Augenblick hörte El-ahrairah die Stimme Friths rufen: >Wo ist El-ahrairah? Denn alle anderen haben ihre Geschenke in Empfang genommen und sind gegangen, und ich bin gekommen, um nach ihm zu suchen.<
    Da wußte El-ahrairah, daß Frith zu klug für ihn war, und er begann sich zu fürchten. Er dachte, der Fuchs und das Wiesel kämen mit Frith, und wandte sich dem Boden des Hügels zu und begann zu graben. Er grub ein Loch, aber er hatte nur wenig gegraben, als Frith allein über den Hügel kam. Und er sah El-ahrairahs Gesäß aus dem Loch herausragen und den Sand in Schauern fliegen. Als er das sah, rief er: >Mein Freund, hast du El-ahrairah gesehen? Denn ich suche ihn, um ihm mein Geschenk zu geben.< - >Nein<, antwortete El-ahrairah, ohne herauszukommen, >ich habe ihn nicht gesehen. Er ist weit weg. Er konnte nicht kommen.< Worauf Frith sagte: >Dann komm aus diesem Loch heraus, und ich werde dich an seiner Stelle segnen.< - >Nein, ich kann nicht<, sagte El-ahrairah, >ich bin beschäftigt. Der Fuchs und das Wiesel kommen. Wenn du mich segnen willst, kannst du mein Gesäß segnen; denn es ragt aus diesem Loch heraus.<«
    Alle Kaninchen hatten die Geschichte schon mal gehört: in Winternächten, wenn die kalte Zugluft durch die Gehegegänge strich und die eisige Nässe in den Stollen der Läufe unter ihren Bauen lag, und an Sommerabenden im Gras unter den roten Hagedornblüten und der süßen, faulig riechenden älteren Blüte. Dandelion erzählte gut, und selbst Pipkin vergaß seine Müdigkeit und die Gefahr und erinnerte sich statt dessen an die Unausrottbarkeit der Kaninchen. Jeder sah sich als El-ahrairah, der Frith frech entgegentreten und ungestraft davonkommen konnte.
    »Da«, sagte Dandelion, »fühlte Frith sich El-ahrairah in Freundschaft zugetan, wegen seines Einfallsreichtums und weil er nicht nachgeben wollte, selbst als er glaubte, der Fuchs und das Wiesel würden kommen. Und er sagte: >Nun gut, ich werde dein Gesäß segnen, da es aus dem Loch herausragt. Gesäß, sei Stärke und Warnung und Geschwindigkeit für immer und rette das Leben deines Herrn. So sei es.< Und während er sprach, wurde die Blume El-ahrairahs leuchtend weiß und blitzte wie ein Stern, und seine Hinterläufe wurden lang und kräftig, und er trommelte auf den Hügel, bis selbst die Käfer von den Grashalmen fielen. Er kam aus dem Loch heraus und raste schneller über den Hügel als irgendein Geschöpf auf der Welt. Und Frith rief ihm nach: >El-ahrairah, dein Volk kann die Welt nicht regieren, da ich es nicht so haben will. Die ganze Welt wird dein Feind sein, Fürst mit tausendfachen Feinden, und wann immer sie dich fangen, werden sie dich töten. Aber zuerst müssen sie dich fangen, Gräber, Lauscher, Läufer, Fürst der schnellen Warnung. Sei schlau und voller Listen, und dein Volk wird niemals vernichtet werden.< Und da wußte El-ahrairah, daß Frith dennoch sein Freund war. Und jeden Abend, wenn Frith seines Tages Arbeit getan hat und ruhig und bequem im rötlichen Himmel liegt, kommen El-ahrairah und seine Kinder und Kindeskinder aus ihren Löchern heraus und spielen vor ihm; denn sie sind seine Freunde, und er hat ihnen versprochen, daß sie nie vernichtet werden können.«

7. Der Lendri und der Fluß


    Quant au courage moral, il avait trouve fort rare, disait-il, celui de deux heures apres minuit; c'est-a-dire le courage de l'improviste.
    Napoleon Bonaparte

    Als Dandelion geendet hatte, schreckte Acorn, der windwärts der kleinen Gruppe war, plötzlich zusammen und setzte sich mit hochgestellten Ohren und zuckenden Nasenflügeln zurück. Der seltsame, scharfe Geruch war stärker denn je, und nach einigen Augenblicken hörten sie alle eine plumpe Bewegung in der Nähe. Plötzlich teilte sich der Farn auf der anderen Seite des Pfades, und ein langer, hundeähnlicher Kopf, der schwarz-weiß gestreift war, sah hervor. Er war nach unten gerichtet, das Maul grinsend, die Nase dicht am Boden. Dahinter konnten sie gerade noch große, mächtige Pfoten und einen zottigen schwarzen Körper ausmachen. Die mit wilder Schläue erfüllten Augen blickten sie an. Der Kopf bewegte sich langsam, die düstere Länge des Waldreitweges in beiden Richtungen in sich aufnehmend, und dann sah er sie wieder mit seinen wilden, schrecklichen Augen an. Die Kinnbacken öffneten sich weiter, und sie konnten die Zähne sehen, die so weiß wie die Streifen auf seinem Kopf schimmerten. Das Tier starrte lange herüber, und die Kaninchen verharrten bewegungslos, starrten lautlos zurück. Dann drehte sich Bigwig, der dem Pfad am nächsten war, um und glitt zurück zwischen die anderen.
    »Ein lendri«, murmelte er, als er sich durch sie hindurchdrängte. »Es kann gefährlich sein oder auch nicht, aber ich riskiere lieber nichts. Gehen wir.«
    Sie folgten ihm durch den Farn und trafen sehr bald auf einen parallellaufenden Pfad. Bigwig bog in ihn ein und rannte los. Dandelion überholte ihn, und die beiden verschwanden zwischen den Stechpalmen.
    Hazel und die anderen folgten, so gut sie konnten, und Pipkin hinkte und stolperte hinterher; denn seine Angst trieb ihn trotz des Schmerzes in seiner Pfote an.
    Hazel kam auf der anderen Seite der Stechpalmen heraus und folgte dem Pfad um eine Biegung. Dort blieb er schlagartig stehen und setzte sich auf seine Keulen zurück. Direkt vor ihm starrten Bigwig und Dandelion über den steilen Rand einer hohen Böschung, und unterhalb der Böschung strömte ein Fluß. Tatsächlich war es nur der kleine, vier bis fünf Meter breite Enborne, durch den Frühjahrsregen etwa einen Meter tief, aber den Kaninchen schien er riesig, ein Fluß, wie sie ihn sich nie vorgestellt hatten. Der Mond war beinahe untergegangen, und die Nacht war jetzt dunkel, aber sie konnten das dahinfließende Wasser undeutlich schimmern sehen und am anderen Ufer einen dünnen Gürtel von Nußbäumen und Erlen ausmachen. Irgendwo dahinter rief ein Regenpfeifer drei- oder viermal und war dann still.
    Nacheinander kamen fast alle anderen heran, blieben an der Böschung stehen und sahen wortlos auf das Wasser. Eine kalte Brise kam auf, und einige von ihnen zitterten.
    »Na, das ist eine hübsche Überraschung, Hazel«, sagte Bigwig schließlich. »Oder hast du dies erwartet, als du uns in den Wald führtest?«
    Hazel erkannte müde, daß Bigwig wahrscheinlich schwierig werden würde. Er war bestimmt kein Feigling, aber wahrscheinlich würde er nur unerschütterlich bleiben, solange er wußte, wohin es ging und was er zu tun hatte. Für ihn war Bestürzung schlimmer als Gefahr, und wenn er bestürzt war, wurde er gewöhnlich böse. Am Tag zuvor hatte Fivers Warnung ihn bekümmert, und er hatte im Zorn zu dem Threarah gesprochen und die Owsla verlassen. Dann, als er unsicher war, ob er den Kaninchenbau verlassen sollte, war Hauptmann Holly gerade zur rechten Zeit erschienen, um zum Angriff herauszufordern und einen perfekten Grund für ihren Auszug zu liefern. Jetzt, beim Anblick des Flusses, geriet Bigwigs Selbstvertrauen erneut ins Wanken, und wenn Hazel es nicht auf die eine oder andere Art wiederherstellen konnte, hatten sie bestimmt Schwierigkeiten zu erwarten. Er dachte an den Threarah und dessen verschlagene Höflichkeit.
    »Ich weiß nicht, was wir soeben ohne dich getan hätten, Bigwig«, sagte er. »Was war das für ein Tier? Hätte es uns töten können?«
    »Ein lendri«, sagte Bigwig. »Ich habe von ihnen in der Owsla gehört. Sie sind nicht wirklich gefährlich. Sie können kein rennendes Kaninchen fangen, und man kann fast immer riechen, wenn sie kommen. Es sind komische Dinger: Ich habe von Kaninchen gehört, die beinahe auf ihnen lebten, ohne daß ihnen etwas zustieß. Trotzdem weicht man ihnen besser aus. Sie graben junge Kaninchen aus und töten ein verletztes Kaninchen, wenn sie eines finden. Sie sind schon einer von den Tausend! Ich hätte es vom Geruch her erraten müssen, aber er war neu für mich.«
    »Es hatte getötet, bevor es auf uns traf«, sagte Blackberry schaudernd. »Ich sah das Blut an seinen Lippen.«
    »Vielleicht eine Ratte oder junge Fasane. Wir hatten Glück, daß es schon getötet hatte, sonst wäre es vielleicht schneller gewesen. Zum Glück haben wir uns richtig verhalten. Wir sind ihm wirklich gut entwischt«, sagte Bigwig.
    Fiver kam mit Pipkin hinkend den Pfad herunter. Auch sie erstarrten beim Anblick des Flusses.
    »Was meinst du, was wir tun sollten, Fiver?« fragte Hazel.
    Fiver sah auf das Wasser hinunter und zuckte mit den Ohren.
    »Wir werden ihn überqueren müssen«, sagte er. »Aber ich glaube nicht, daß ich schwimmen kann, Hazel. Ich bin erschöpft, und Pipkin geht es noch viel schlimmer als mir.«
    »Überqueren?« rief Bigwig. »Überqueren? Wer wird ihn überqueren? Weshalb willst du ihn überqueren? Ich habe noch nie so einen Unsinn gehört.«
    Wie alle wilden Tiere können Kaninchen schwimmen, wenn sie müssen, und einige schwimmen sogar zum Spaß. Man hat von Kaninchen gehört, die an einem Waldrand lebten und regelmäßig einen Bach durchschwammen, um auf den dahinterliegenden Wiesen zu fressen. Doch die meisten Kaninchen vermeiden es zu schwimmen., und bestimmt konnte ein erschöpftes Kaninchen nicht den Enborne durchschwimmen.
    »Ich möchte da nicht hineinspringen«, sagte Speedwell.
    »Warum gehen wir nicht einfach die Böschung entlang?« fragte Hawkbit.
    Hazel befürchtete, daß es gefährlich wäre, Fivers Vorschlag, sie sollten den Fluß überqueren, nicht zu folgen. Aber wie sollten die anderen überredet werden? In diesem Augenblick, als er noch unschlüssig war, was er ihnen sagen sollte, wurde er sich plötzlich bewußt, daß etwas seinen Geist erleuchtet hatte. Was mochte es gewesen sein? Ein Geruch? Ein Geräusch? Dann wußte er es. In der Nähe, über dem Fluß, hatte eine Lerche begonnen, zu tirilieren und zu steigen. Der Morgen brach an. Eine Amsel ließ einen oder zwei tiefe, lang anhaltende Töne hören und wurde von einer Ringeltaube nachgeahmt. Bald waren sie im grauen Zwielicht und konnten sehen, daß der Bach das Ende des Waldes begrenzte. Auf der anderen Seite lagen offene Wiesen.

8. Die Überquerung


    Der Hauptmann ... hieß, die da schwimmen könnten, sich zuerst in das Meer werfen und entrinnen an das Land, die anderen aber, etliche auf Brettern, etliche auf den Trümmern des Schiffes. Und so geschah es, daß sie alle gerettet ans Land kamen.
    Apostelgeschichte, Kapitel 27

    Der höchste Punkt der sandigen Böschung lag gut zwei Meter über dem Wasser. Von ihrem Platz aus konnten die Kaninchen direkt flußauf und zu ihrer Linken flußab sehen. Offensichtlich befanden sich Nistlöcher in der steilen Front unter ihnen; denn als das Licht zunahm, sahen sie drei oder vier Mauersegler über dem Bach auffliegen und in die Felder dahinter verschwinden. Nach kurzer Zeit kehrte einer von ihnen mit vollem Schnabel zurück, und sie konnten die Nestlinge quietschen hören, als er unter ihren Füßen außer Sicht flog. Die Böschung erstreckte sich nicht weit nach beiden Richtungen. Flußauf fiel sie zu einem grasigen Pfad zwischen den Bäumen und dem Wasser ab. Dieser folgte dem Fluß, der in gerader Linie, so weit sie sehen konnten, ohne Furten, Kiesuntiefen oder Bohlenbrücken sanft dahinfloß. Unmittelbar unter ihnen lag ein breiter Tümpel, und hier stand das Wasser fast still. Zu ihrer Linken fiel die Böschung wieder zu Erlengruppen ab, zwischen denen der Bach, über Kies murmelnd, zu hören war. Stacheldraht war jenseits des Wassers schwach zu erkennen, und sie nahmen an, daß dieser eine Viehweide umgeben mußte wie an dem kleinen Bach in der Nähe des heimatlichen Geheges.
    Hazel musterte den Pfad stromauf. »Da unten ist Gras«, sagte er. »Gehen wir fressen.«
    Sie kletterten die Böschung hinunter und machten sich daran, neben dem Wasser zu knabbern. Zwischen ihnen und dem Bach selbst standen noch nicht ausgewachsene Haufen gemeinen Pfennigkrauts und Flohkrauts, die nicht vor zwei Monaten blühen würden. Die einzigen Blüten waren ein paar frühe Mädesüß und ein Fleck von rosa Kletten. Als sie zur Vorderseite der Böschung hinüberblickten, sahen sie, daß sie tatsächlich mit Mauerseglerlöchern gesprenkelt war. Am Fuße der kleinen Klippe befand sich ein schmales Vorland, das mit dem Abfall der Kolonie übersät war - Stöckchen, Mist, Federn, ein zerbrochenes Ei und ein paar tote Nestlinge. Die Mauersegler flogen jetzt in großer Zahl über dem Wasser hin und her.
    Hazel rückte dicht an Fiver heran und drängte ihn langsam von den anderen weg, während er weiterfraß. Als sie eine kleine Strecke entfernt und von einem Büschel Schilf halb verborgen waren, sagte er: »Bist du sicher, daß wir den Fluß überqueren müssen, Fiver? Wie war's, wenn wir die Böschung in der einen oder anderen Richtung entlanggingen?«
    »Nein, wir müssen den Fluß überqueren, Hazel, damit wir auf diese Wiesen gelangen können - und noch weiter über sie hinaus. Ich weiß, was wir suchen müßten - einen hochgelegenen Ort mit trockenem Boden, wo die Kaninchen alles um sich herum sehen und hören können und die Menschen kaum jemals hinkommen. Wäre das nicht eine Reise wert?«
    »Ja, natürlich. Aber gibt es einen solchen Ort?«
    »Nicht in der Nähe des Flusses - das brauche ich dir nicht zu sagen. Aber wenn du einen Fluß überquerst, fängst du wieder an, aufwärts zu gehen, nicht wahr? Wir sollten oben sein - auf der Höhe und im Freien.«
    »Aber Fiver, ich glaube, sie werden sich weigern, noch viel weiter zu gehen. Einerseits sagst du all das, und andererseits sagst du, du seist zu müde, um zu schwimmen.«
    »Ich kann mich erholen, Hazel, aber Pipkin ist sehr schlecht dran. Ich glaube, er ist verletzt. Wir werden vielleicht den halben Tag hierbleiben müssen.«
    »Nun, dann wollen wir mit den anderen sprechen.
    Wahrscheinlich werden sie gegen einen Halt nichts einzuwenden haben. Aber hinüber werden sie nicht gern wollen, es sei denn, etwas jagt ihnen einen Schrecken ein und bringt sie dazu.«
    Sobald sie zurück waren, kam Bigwig aus den Büschen am Rande des Pfades zu ihnen herüber.
    »Ich habe mich schon gefragt, wo du geblieben bist«, sagte er zu Hazel. »Bist du bereit, weiterzuwandern?«
    »Nein«, antwortete Hazel bestimmt. »Ich glaube, wir sollten bis ni-Frith hierbleiben. Das wird allen die Möglichkeit geben, sich auszuruhen, und dann können wir zu diesen Wiesen hinüberschwimmen.« Bigwig wollte schon antworten, aber Blackberry sprach zuerst.
    »Bigwig«, sagte er, »warum schwimmst du nicht jetzt gleich hinüber, läufst auf die Wiese und siehst dich um? Der Wald scheint sich nicht sehr weit nach der einen oder anderen Richtung zu erstrecken. Du könntest das von dort aus sehen, und dann wissen wir vielleicht, welches der beste Weg wäre.«
    Ohne zu zögern, war er mit zwei Sprüngen am Wasser, watete hinein und schwamm durch den tiefen, stillen Tümpel. Sie sahen, wie er sich neben einem blühenden Haufen Feigwurz herauszog, einen der zähen Stengel in seine Zähne nahm und einen Schauer von Tropfen aus seinem Fell in die Erlenbüsche schüttelte. Einen Augenblick später sahen sie ihn zwischen den Nußbäumen auf die Wiese springen.
    »Ich bin froh, daß er bei uns ist«, sagte Hazel zu Silver. Wieder dachte er beiläufig an den Threarah. »Er ist der Bursche, der alles herausfindet, was wir wissen müssen. Nanu, er kommt ja schon zurück!«
    Bigwig raste über die Wiese zurück und sah aufgeregter aus denn je seit seinem Zusammenstoß mit Hauptmann Holly. Er stürzte sich beinahe kopfüber ins Wasser und paddelte schnell herüber, ließ ein pfeilförmiges Kräuseln auf der ruhigen braunen Oberfläche zurück. Er sprach schon, als er auf das sandige Uferland hochschnellte.
    »Nun, Hazel, wenn ich du wäre, würde ich nicht bis ni-Frith warten. Ich würde jetzt gehen. Ich glaube sogar, du wirst es müssen.«
    »Warum?« fragte Hazel.
    »Ein großer Hund läuft frei im Wald herum.«
    Hazel fuhr zusammen. »Was?« sagte er. »Woher weißt du das?«
    »Wenn du auf die Wiese kommst, kannst du den Wald schräg zum Fluß abfallen sehen. Teile von ihm liegen offen. Ich sah den Hund eine Lichtung überqueren. Er zog eine Kette hinter sich her, also muß er sich losgerissen haben.
    Vielleicht ist er dem lendri auf der Spur, aber der lendri wird inzwischen unter der Erde sein. Was, glaubst du, wird passieren, wenn er durch den Wald läuft und unseren Geruch aufnimmt, und dann noch der Tau dazu? Komm, machen wir, daß wir rüberkommen.«
    Hazel wußte nicht, was er sagen sollte. Vor ihm stand Bigwig, triefend naß, unerschrocken, zielbewußt - das typische Bild der Entschlossenheit. An seiner Schulter hockte Fiver, schweigsam, zuckend. Er sah, daß Blackberry ihn aufmerksam beobachtete, darauf wartete, daß er, nicht Bigwig, führte. Dann sah er Pipkin an, der sich in eine Sandkuhle gekauert hatte und stärker von Panik und Hilflosigkeit gepackt war als irgendein Kaninchen, das er je gesehen hatte. In diesem Augenblick hörte man vom Wald her aufgeregtes Kläffen, und ein Eichelhäher begann zu schimpfen.
    Hazel sprach in einer Art Trance. »Nun, dann verschwinde jetzt lieber«, sagte er, »und jeder, der will, ebenfalls. Was mich betrifft, werde ich warten, bis Fiver und Pipkin in der Lage sind, die Sache in Angriff zu nehmen.«
    »Du blöder Dummkopf!« rief Bigwig. »Wir werden alle erledigt sein! Wir werden -«
    »Trample nicht herum«, sagte Hazel. »Man könnte dich hören. Was schlägst du also vor?«
    »Vorschlagen? Da gibt es nichts vorzuschlagen. Diejenigen, die schwimmen können, schwimmen. Die anderen werden hierbleiben müssen und das Beste hoffen. Vielleicht kommt der Hund nicht.«
    »Tut mir leid, aber das gilt nicht für mich. Ich habe Pipkin in die Sache hineingeritten, und ich hole ihn auch wieder heraus.«
    »Nun, Fiver hast du nicht hineingeritten, nicht wahr? Er hat vielmehr dich hineingeritten.«
    Hazel stellte mit widerwilliger Bewunderung fest, daß Bigwig, obgleich er in Wut geraten war, es offensichtlich nicht um seiner selbst willen eilig hatte und weniger als irgendein anderer Angst hatte. Er sah sich nach Blackberry um und bemerkte, daß er sie verlassen hatte und sich am oberen Ende des Pfuhls befand, wo der schmale Strand in eine Kiesbank auslief. Seine Pfoten waren halb in dem nassen Kies vergraben, und er beschnüffelte etwas Großes und Flaches über der Wasserlinie. Es sah wie ein Stück Holz aus.
    »Blackberry«, sagte er, »kannst du einen Augenblick hierherkommen?«
    Blackberry blickte auf, zog seine Pfoten heraus und rannte zurück.
    »Hazel«, sagte er hastig, »da ist ein Stück flaches Holz -wie das Stück, das die Lücke bei der Grünen Freiheit oberhalb des Geheges schloß -, erinnerst du dich? Es muß den Fluß heruntergetrieben sein. Es schwimmt also. Wir könnten Fiver und Pipkin daraufsetzen und es wieder schwimmen lassen. Vielleicht treibt es über den Fluß. Verstehst du?«
    Hazel hatte keine Ahnung, was er meinte. Blackberrys Erguß von augenscheinlichem Unsinn schien die Maschen von Gefahr und Verwirrung nur enger zu ziehen. Als ob es nicht genügte, sich Bigwigs zorniger Ungeduld, Pipkins Angst und dem sich nähernden Hund gegenüberzusehen - nun war auch das klügste Kaninchen von ihnen allen offenbar übergeschnappt. Er war der Verzweiflung nahe.
    »Frithrah, ja, ach so!« sagte eine aufgeregte Stimme an seinem Ohr. Es war Fiver. »Schnell, Hazel! Komm und hole Pipkin!«
    Es war Blackberry, der den verblüfften Pipkin so lange piesackte, bis er aufstand, und ihn zwang, die paar Meter zu der Kiesbank zu hinken. Das Stück Holz, kaum größer als ein Rhabarberblatt, war leicht aufgelaufen. Blackberry trieb Pipkin beinahe mit den Pfoten darauf. Pipkin duckte sich zitternd, und Fiver folgte ihm an Bord.
    »Wer ist kräftig?« fragte Blackberry. »Bigwig! Silver! Stoßt es hinaus!«
    Keiner gehorchte ihm. Alle hockten verlegen und unsicher da. Blackberry grub seine Nase    in    den Kies  unter den landeinwärts gelegenen Rand des Brettes und hob es, stieß es ab. Das Brett neigte sich. Pipkin kreischte, Fiver senkte den Kopf und bog seine Pfoten nach außen. Dann kam das Brett wieder ins Gleichgewicht und trieb ein paar Fuß in den Pfuhl hinaus, während die beiden    Kaninchen    starr  und bewegungslos darauf kauerten. Es drehte sich langsam im Kreis, und sie starrten zu ihren Kameraden zurück.
    »Frith und Inle!« sagte Dandelion. »Sie sitzen auf dem Wasser. Warum sinken sie nicht?«
    »Sie sitzen auf dem Holz, und das Holz schwimmt, siehst du nicht?« sagte Blackberry. »Und jetzt schwimmen wir selbst hinüber. Können wir starten, Hazel?«
    In den letzten paar Minuten war Hazel nahe daran, den Kopf zu verlieren. Er war am Ende seines Lateins gewesen, hatte keine Erwiderung auf Bigwigs verächtliche Ungeduld gehabt außer seiner Bereitschaft, sein eigenes Leben gemeinsam mit Fiver und Pipkin zu riskieren. Er konnte immer noch nicht begreifen, was passiert war, aber wenigstens kam ihm zu Bewußtsein, daß Blackberry Autorität von ihm erwartete. Sein Kopf wurde klarer.
    »Schwimmt«, sagte er. »Schwimmt alle!«
    Er beobachtete sie, als sie hineingingen. Dandelion schwamm so gut, wie er lief, schnell und leicht. Auch Silver schwamm zügig. Die anderen paddelten und krabbelten irgendwie hinüber, und als sie die andere Seite erreichten, sprang auch Hazel. Das kalte Wasser durchdrang sein Fell fast sofort. Sein Atem ging kurz, und als sein Kopf unterging, konnte er undeutliches Knirschen von Kies am Boden hören. Er paddelte, den Kopf hoch über das Wasser haltend, unbeholfen hinüber und schwamm auf die Feigwurz zu. Als er sich herauszog, blickte er sich unter den klitschnassen Kaninchen zwischen den Erlen um.
    »Wo ist Bigwig?« fragte er.
    »Hinter dir«, antwortete Blackberry mit klappernden Zähnen.
    Bigwig war noch im Wasser, auf der anderen Seite des Pfuhls. Er war an das Floß herangeschwommen, hatte den Kopf dagegengelegt und trieb es nun mit kräftigen Stößen seiner Hinterläufe vorwärts. »Sitzt ruhig«, hörte Hazel ihn mit hastiger, würgender Stimme sagen. Dann sank er unter. Aber einen Augenblick später war er wieder oben und hatte seinen Kopf über die Rückseite des Brettes geschoben. Als er stieß und strampelte, schwankte es, und dann, während die Kaninchen von der Böschung aus zusahen, bewegte es sich langsam über den Pfuhl hinweg und lief auf der gegenüberliegenden Seite auf Grund. Fiver stieß Pipkin auf die Steine, und Bigwig watete zitternd und atemlos neben ihnen heraus.
    »Mir hat es gedämmert, nachdem Blackberry es uns gezeigt hatte«, sagte er. »Aber es ist schwer, es zu schieben, wenn man im Wasser ist. Hoffentlich ist bald Sonnenaufgang. Mir ist kalt. Gehen wir.«
    Es gab kein Anzeichen von dem Hund, als sie zwischen den Erlen und durch die Wiese zur ersten Hecke hasteten. Die meisten hatten nicht erfaßt, was Blackberrys Entdeckung des Floßes bedeutete, und vergaßen es sofort wieder. Fiver jedoch kam zu Blackberry herüber, der am Schaft eines Schlehdorns in der Hecke lag.
    »Du hast Pipkin und mich gerettet, nicht wahr?« sagte er. »Ich glaube nicht, daß Pipkin eine Vorstellung davon hat, was sich wirklich zugetragen hat; aber ich habe eine.«
    »Ich gebe zu, es war eine gute Idee«, sagte Blackberry. »Wir wollen sie uns merken. Sie könnte uns eines Tages sehr gelegen kommen.«

9. Der Rabe und das Bohnenfeld


    Mit der Gabe der Bohnenblüte Und der Melodie der Amsel Und Mai und Juni!
    Robert Browning De Gustibus

    Die Sonne ging auf, während sie noch in der Dornenhecke lagen. Mehrere der Kaninchen schliefen schon, unbequem zwischen den dicken Schäften zusammengekauert, sich der Gefahr wohl bewußt, aber zu müde, um mehr zu tun, als dem Glück zu vertrauen. Hazel, der sie musterte, fühlte sich beinahe so unsicher wie auf der Flußböschung. Eine Hecke auf freiem Gelände war kein Ort, wo man den ganzen Tag bleiben konnte. Aber wohin sollten sie gehen? Er mußte mehr von ihrer Umgebung wissen. Er bewegte sich an der Hecke entlang, spürte die Brise von Süden und sah sich nach einem Fleck um, wo er ohne großes Risiko sitzen und wittern konnte. Die Gerüche, die von oben herunterkämen, konnten ihm vielleicht etwas verraten.
    Er kam zu einem schlammigen Pfad, der von Vieh breitgetrampelt worden war. Er konnte es auf der nächsten Wiese, weiter den Abhang hinauf, grasen sehen. Vorsichtig lief er zur Wiese hin, kauerte sich neben einen Distelhaufen und schnupperte in den Wind. Nun, da er von dem HagedornGeruch der Hecke und dem Gestank des Viehdungs frei war, spürte er besonders deutlich, was schon in seine Nase gedrungen war, während er unter den Dornen lag. Es war nur ein Geruch im Wind, und der war ihm neu: ein starker, frischer, süßer Duft, der die Luft erfüllte und ziemlich gesund schien. Er verhieß keine Gefahr. Aber was war es, und warum war er so stark? Wie konnte er jeden anderen Geruch im offenen Land bei Südwind ausschließen? Die Quelle mußte ganz in der Nähe sein. Hazel fragte sich, ob er eines der Kaninchen schicken sollte, um das herauszufinden. Dandelion wäre über den Kamm und zurück fast so schnell wie ein Hase. Dann trieben ihn seine Abenteuerlust und sein Mutwillen an. Er würde selbst gehen und Nachrichten zurückbringen, ehe die anderen überhaupt wußten, daß er weggegangen war. Daran würde Bigwig ganz schön zu knabbern haben.
    Er lief leichtfüßig über die Wiese auf die Kühe zu. Als er näher kam, hoben sie die Köpfe und starrten ihn einen Augenblick an, ehe sie weiterfraßen. Ein großer schwarzer Vogel flatterte und hopste dicht hinter der Herde. Er ähnelte einer großen Saatkrähe, war aber - im Gegensatz zu dieser -allein. Hazel beobachtete, wie er mit seinem grünlichen mächtigen Schnabel in den Boden hackte, aber er konnte nicht ausmachen, was er tat. Zufällig hatte Hazel noch nie einen Raben gesehen. Er kam nicht darauf, daß er der Spur eines Maulwurfs folgte, in der Hoffnung, ihn mit einem Hieb seines Schnabels zu töten und ihn dann aus seinem nicht sehr tiefen Gang herauszuziehen. Wenn er das gewußt hätte, hätte er ihn wahrscheinlich nicht wohlgemut als »Nicht-Falken« eingestuft - so wird alles von einem Zaunkönig bis zu einem Fasan genannt - und seinen Weg den Abhang hinauf fortgesetzt.
    Der seltsame Duft war jetzt stärker; er drang über den Kamm der Anhöhe in einer Welle von Wohlgerüchen herab, die ihn mächtig beeindruckte - wie der Geruch von Orangenblüten in den Mittelmeerländern einen Touristen beeindruckt, der sie zum ersten Male riecht. Fasziniert rannte er auf den Kamm. In der Nähe war noch eine Hecke, und dahinter, sich leise in der Brise wiegend, stand ein Feld von Saubohnen in voller Blüte.
    Hazel hockte sich auf die Keulen und starrte auf den regelmäßigen Wald kleiner graugrüner Bäume mit ihren Säulen schwarz-weißer Blüten. Er hatte noch nie so etwas gesehen. Weizen und Gerste kannte er, und einmal war er in einem Rübenfeld gewesen. Aber das hier war vollkommen anders und schien irgendwie verlockend, gesund, geeignet. Gewiß, Kaninchen konnten diese Pflanzen nicht fressen: das konnte er riechen. Aber sie konnten geschützt in ihnen liegen, solange sie wollten, und sie konnten sich leicht und ungesehen durch sie hindurchbewegen. Hazel beschloß auf der Stelle, die Kaninchen hinauf zu dieser BohnenfeldDeckung zu bringen und bis zum Abend zu ruhen. Er lief zurück und fand die anderen, wo er sie zurückgelassen hatte. Bigwig und Silver waren wach, aber der Rest döste noch unruhig.
    »Schläfst du nicht, Silver?« fragte er.
    »Es ist zu gefährlich, Hazel«, erwiderte Silver. »Ich möchte ebenso gerne schlafen wie die anderen, aber wenn wir alle schlafen und etwas kommt, wer wird es erspähen?«
    »Ich weiß. Ich habe einen Ort entdeckt, wo wir, solange wir wollen, sicher schlafen können.«
    »Eine Höhle?«
    »Nein, keine Höhle. Ein großes Feld duftender Pflanzen, das uns davor bewahren wird, gesehen oder gerochen zu werden, bis wir uns ausgeruht haben. Kommt heraus und riecht es selbst, wenn ihr wollt.«
    Beide Kaninchen schnupperten. »Du sagst, du hast diese Pflanzen gesehen?« fragte Bigwig und drehte seine Ohren, um das ferne Rascheln der Bohnen einzufangen.
    Silver weckte die anderen und begann, sie mit gutem Zureden vorwärts zu treiben. Sie stolperten schläfrig hinaus, mit Zögern und Widerwillen auf die wiederholte Versicherung reagierend, es sei »nur ein kurzer Weg«.
    Sie wurden weit auseinandergerissen, als sie sich die Anhöhe hinaufrappelten, Silver und Bigwig in Führung und Hazel und Buckthorn in kurzer Entfernung hinterher. Die anderen trödelten weiter, hoppelten ein paar Meter, um dann eine Pause zu machen und zu knabbern oder Mist auf dem warmen, sonnigen Gras zurückzulassen. Silver war schon beinahe oben, als plötzlich auf halber Höhe ein spitzer Schrei ertönte - der Laut, den ein Kaninchen von sich gibt, nicht, um um Hilfe zu rufen oder einen Feind einzuschüchtern, sondern einfach aus Entsetzen. Fiver und Pipkin, die hinter den anderen herhinkten und auffallend unter Normalgröße und müde waren, wurden von dem Raben angegriffen. Er war dicht über dem Boden entlanggeflogen. Dann hatte er, herabstoßend, mit seinem großen Schnabel einen Hieb auf Fiver gezielt, der ihm gerade noch hatte ausweichen können. Jetzt sprang und hopste er zwischen den Grasbüscheln und hieb mit entsetzlichem Vorrucken seines Kopfes auf die beiden Kaninchen ein. Raben zielen auf die Augen, und Pipkin, der dies spürte, hatte den Kopf in ein Büschel üppiges Gras vergraben und versuchte, sich noch tiefer hineinzugraben. Er war es, der schrie.
    Hazel legte die Entfernung den Abhang hinunter in ein paar Sekunden zurück. Er hatte keine Ahnung, was er tun würde, und wenn der Rabe ihn ignoriert hätte, wäre er wahrscheinlich in Verlegenheit geraten. Aber durch seinen Ansturm lenkte er dessen Aufmerksamkeit ab, und er wandte sich ihm zu. Er bog seitwärts aus, blieb stehen, und zurückblickend sah er Bigwig von der gegenüberliegenden Seite heranrasen. Der Rabe wandte sich wieder um, stieß auf Bigwig ein und verfehlte ihn. Hazel hörte, wie sein Schnabel auf einen Kiesel im Gras traf, ein Geräusch wie von einem Schneckenhaus, von einer Drossel auf einen Stein geschlagen. Als Silver Bigwig folgte, erholte sich der Rabe wieder und trat ihm direkt gegenüber. Silver verharrte in Angst, und der Vogel schien vor ihm zu tanzen; seine großen schwarzen Flügel flatterten in furchtbarer Erregung. Er wollte gerade zuhacken, als Bigwig von hinten direkt in ihn hineinrannte und ihn beiseite stieß, so daß er mit einem rauhen, heiseren Wutkrächzen über das Rasenstück taumelte.
    »Macht weiter so!« rief Bigwig. »Greift ihn von hinten an! Sie sind Feiglinge! Sie wagen sich nur an hilflose Kaninchen heran.«
    Aber schon verzog sich der Rabe, flog tief mit langsamen, schweren Flügelschlägen davon. Sie beobachteten, wie er die ferne Hecke hinter sich brachte und im Wald jenseits des Flusses verschwand. In der Stille hörte man ein sanftes, ziehendes Geräusch, als eine grasende Kuh näher kam.
    Bigwig schlenderte zu Pipkin hinüber, einen zotigen Owsla-Vers murmelnd:
»Hoi, hoi u embleer Hrair,
M'saion ule hraka vair.[5]

    Komm schon, Hlao-roo«, sagte er. »Du kannst deinen Kopf jetzt herausnehmen. Das war vielleicht ein Tag, was?«
    Er drehte sich um, und Pipkin versuchte, ihm zu folgen. Hazel erinnerte sich, daß Fiver gesagt hatte, er glaubte, er sei verletzt. Jetzt, als er beobachtete, wie er den Abhang hinaufhinkte und stolperte, kam ihm der Gedanke, daß er tatsächlich verletzt sein mochte. Er versuchte immer wieder, mit seiner linken Vorderpfote den Boden zu berühren, und zog sie dann wieder hoch, indem er auf drei Beinen hopste.
    »Ich werde ihn mir genau ansehen, sobald wir in Deckung gegangen sind«, dachte er. »Der arme kleine Bursche, in dem Zustand wird er nicht weit kommen. «
    Auf dem Kamm der Anhöhe führte Buckthorn bereits den Weg in das Bohnenfeld an. Hazel erreichte die Hecke, überquerte einen schmalen Grasstreifen auf der anderen Seite und sah direkt in eine lange, schattige Schneise zwischen zwei Bohnenreihen hinunter. Die Erde war weich und krümelig, mit einer Streuung von Unkraut, das man in angebauten Feldern findet - Erdrauch, Hederich, Pimpernelle und Primelstrauch, die alle in der grünen Düsternis unter den Bohnenblättern wuchsen. Als sich die Pflanzen in der Brise bewegten, warf das Sonnenlicht Sprenkel und Flecken über den braunen Boden, über die weißen Kiesel und das Unkraut. Und doch war in dieser allgegenwärtigen Unruhe nichts Alarmierendes, denn der ganze Wald nahm daran teil, und das einzige Geräusch war die leise, stetige Bewegung der Blätter. Weit unten in der Bohnenreihe sah Hazel Buckthorns Rücken und folgte ihm in die Tiefen des Feldes.
    Bald darauf waren alle Kaninchen in einer Art Hohlraum versammelt. Weit umher, auf allen Seiten, standen die ordentlichen Bohnenreihen, sicherten sie gegen feindliche Einflüsse ab, überdachten sie und deckten sie mit ihrem Geruch. Unter der Erde wären sie kaum sicherer gewesen. Selbst ein bißchen Nahrung konnte, wenn es zum Äußersten kam, gewonnen werden, denn hier und da standen ein paar fahle Grasbüschel und ein Löwenzahn.
    »Wir können hier den ganzen Tag schlafen«, sagte Hazel. »Aber ich denke, einer von uns sollte wach bleiben; und wenn ich die erste Runde übernehme, gibt mir das die Möglichkeit, mir deine Pfote genauer anzusehen, Hlao-roo. Ich glaube, du hast etwas drin.«
    Pipkin, der auf seiner linken Seite lag und schnell und schwer atmete, rollte sich herum und streckte seine Vorderpfote vor, die Unterseite nach oben gewendet. Hazel schaute in das dichte, grobe Haar (der Fuß eines Kaninchens hat keinen Ballen) und sah nach einigen Augenblicken, was er erwartet hatte - den ovalen Schaft eines abgerissenen Dorns, der durch die Haut stach. Es war ein wenig Blut daran, und das Fleisch war zerfetzt.
    »Du hast einen großen Dorn da drin, Hlao«, sagte er. »Kein Wunder, daß du nicht rennen konntest. Wir werden ihn herausziehen müssen.«
    Es war nicht leicht, den Dorn herauszubekommen, denn der Fuß war so empfindlich geworden, daß Pipkin zusammenzuckte und selbst vor Hazels Zunge zurückschreckte. Doch nach einer ganzen Weile geduldiger Anstrengung gelang es Hazel, genug von dem Stumpen herauszuarbeiten, um den Dorn mit den Zähnen greifen zu können. Der Dorn kam glatt heraus, und die Wunde blutete. Der Stachel war so lang und dick, daß Hawkbit, der zufällig in der Nähe war, Speedwell weckte, damit er ihn sich ansähe.
    »Frith im Himmel, Pipkin!« sagte Speedwell, an dem Dorn, der auf einem Kiesel lag, schnüffelnd. »Du solltest noch ein paar mehr von denen da sammeln; dann könntest du eine Anschlagtafel machen und Fiver erschrecken. Du hättest das Auge des lendris für uns herausstechen können, wenn du's nur gewußt hättest.«
    »Lecke die Stelle, Hlao«, sagte Hazel. »Lecke sie, bis sie nicht mehr schmerzt, und dann geh schlafen.«

10. Die Straße und das Gemeindeland


    Timorous antwortete, daß sie ... diesen schwierigen Ort hinaufgegangen waren. »Aber«, sagte er, »je weiter wir gehen, auf desto mehr Gefahren stoßen wir, worauf wir kehrtmachten und wieder zurückgingen.«
    John Bunyan The Pilgrim's Progress

    Nach einiger Zeit weckte Hazel Buckthorn. Dann kratzte er sich ein flaches Nest in die Erde und schlief. Während des Tages folgte eine Wache der anderen. Wie die Kaninchen dabei den Zeitablauf beurteilten, ist etwas, das zivilisierte Menschen nicht mehr begreifen können. Geschöpfe, die weder über Uhren noch Bücher verfügen, sind empfänglich für alle Kenntnisse, die sich über die Zeit, über das Wetter sowie über    die Richtung gewinnen lassen, wie  wir  von ihren außergewöhnlichen Zug- und Heimkehrflügen wissen. Die Veränderungen in der Wärme und Feuchtigkeit des Bodens, das Sinken der Sonnenlichtflecken, die wechselnden Bewegungen der Bohnen im leichten Wind, die Richtung und Stärke der Luftströme entlang dem Boden - all dies wurde von dem wachhabenden Kaninchen wahrgenommen.
    Die Sonne begann unterzugehen, als Hazel erwachte und Acorn in der Stille zwischen zwei weißen Kieseln horchen und schnüffeln sah. Das Licht war trüber geworden, die Brise hatte sich gelegt, und die Bohnen waren still. Pipkin lag etwas    weiter weg ausgestreckt da.    Ein    schwarz-gelber Totengräber, der über den weißen Pelz seines Bauches kroch, hielt an, schwenkte seine kurze gekrümmte Antenne und kroch dann wieder weiter. In Hazel spannte sich alles vor plötzlicher Befürchtung. Er wußte, daß diese Käfer zu toten Kleintieren kommen, an ihnen fressen und ihre Eier ablegen. Sie graben die Erde unter den Körpern kleiner Geschöpfe wie Spitzmäusen und aus dem Nest gefallenen Vögeln weg, und dann legen sie ihre Eier auf sie, ehe sie sie mit Erde bedecken. Pipkin war doch nicht etwa im Schlaf gestorben? Hazel setzte sich schnell auf. Acorn schreckte hoch und drehte sich zu ihm um, und der Käfer huschte über die Kiesel fort, als Pipkin sich bewegte und erwachte.
    »Was macht die Pfote?« fragte Hazel. Pipkin setzte sie auf den Boden. Dann stand er auf.
    »Es fühlt sich viel besser an«, sagte er. »Ich glaube, ich werde jetzt ebenso gut wie die anderen laufen können. Sie werden mich nicht zurücklassen, nicht wahr?«
    Hazel rieb seine Nase hinter Pipkins Ohr. »Niemand wird jemanden zurücklassen«, sagte er. »Wenn du bleiben müßtest, würde ich bei dir bleiben. Aber such dir keine neuen Dornen aus, Hlao-roo, weil wir vielleicht noch einen langen Weg vor uns haben.«
    Im nächsten Augenblick sprangen alle Kaninchen entsetzt hoch. Aus allernächster Nähe peitschte ein Schuß durch die Felder. Ein Kiebitz flog kreischend auf. Das Echo kam wellenförmig zurück, und aus dem Wald jenseits des Flusses drang das Flügelschlagen der Ringeltauben zwischen den Zweigen herüber. Im Nu rannten die Kaninchen nach allen Richtungen durch die Bohnenreihen, jedes flitzte instinktiv auf Löcher zu, die nicht da waren.
    Hazel stoppte am Rande des Bohnenfelds. Er sah sich um und konnte keinen von den anderen sehen. Er wartete zitternd auf den nächsten Schuß, aber es herrschte Stille. Dann fühlte er durch die Schwingungen auf dem Boden den stetigen Schritt eines Menschen, der den Kamm verließ, über den sie an diesem Morgen gekommen waren. Dann erschien Silver, der durch die Pflanzen in der Nähe angerannt kam.
    »Ich hoffe, es ist der Rabe - du nicht auch?« sagte Silver.
    »Ich hoffe, daß niemand so dumm gewesen ist, aus diesem Feld wegzulaufen«, antwortete Hazel. »Sie sind alle verstreut. Wie können wir sie finden?«
    »Ich glaube nicht, daß es uns gelingt«, sagte Silver. »Wir sollten dahin zurückgehen, woher wir gekommen sind. Sie werden schon alle nach und nach zurückkehren.«
    Es dauerte tatsächlich lange, bis alle Kaninchen wieder in der Höhlung inmitten des Feldes waren. Während er wartete, wurde es Hazel klarer denn je, wie gefährlich ihre Lage war, ohne Löcher in einem Land zu wandern, das sie nicht kannten. Der lendri, der Hund, der Rabe, der Schütze - sie hatten Glück gehabt, ihnen zu entrinnen. Wie lange würde ihr Glück andauern? Würden sie wirklich zu Fivers hochgelegenem Ort gelangen - wo auch immer er sein mochte?
    »Ich würde mich für jede anständige, trockene Böschung entscheiden«, dachte er, »solange Gras und keine Menschen mit Flinten da sind. Und je früher wir eine entdecken, desto besser.«
    Hawkbit kehrte als letzter zurück, und als er da war, setzte Hazel sich sofort in Bewegung. Er lugte vorsichtig durch die Bohnen und sauste dann in die Hecke. Der Wind, den er schnupperte, als er stoppte, war beruhigend und trug nur die Gerüche von abendlichem Tau, Weißdornblüten und Kuhdung. Er lief voraus in das nächste Feld, eine Weide; und hier stürzten sie sich alle aufs Fressen, knabberten sich so sorglos durch das Gras, als wäre ihr Gehege dicht in der Nähe.
    Als er halbwegs durch das Feld hindurch war, wurde Hazel eines hrududu gewahr, der sich auf der anderen Seite der entfernteren Hecke in großer Geschwindigkeit näherte. Er war klein und weniger geräuschvoll als der Farm-Traktor, den er manchmal vom Rand des heimatlichen SchlüsselblumenWaldes aus beobachtet hatte. Wie ein Blitz schoß er vorbei in einer unnatürlichen, von Menschen gemachten Farbe, die hier und da heller glitzerte als eine Winterstechpalme. Etwas später folgte der Geruch von Benzin und Auspuff. Hazel machte große Augen und zuckte mit der Nase. Er konnte nicht verstehen, wie der hrududu so schnell und glatt durch die Felder jagen konnte. Ob er zurückkehrte? Würde er schneller durch die Felder fahren, als sie rennen konnten, und sie zur Strecke bringen?
    Als er zögerte und sich überlegte, was er nun wohl tun sollte, kam Bigwig heran.
    »Da ist eine Straße«, sagte er. »Das wird einige von uns überraschen, nicht wahr?«
    »Eine Straße?« sagte Hazel und dachte an den Weg neben dem Anschlagbrett. »Woher weißt du das?«
    »Nun, was denkst du wohl, wieso ein hrududu so schnell fahren kann? Außerdem, riechst du es denn nicht?«
    Der Geruch nach warmem Teer war jetzt ganz deutlich in der Abendluft zu spüren.
    »Ich habe das noch nie in meinem Leben gerochen«, sagte Hazel mit einem Anflug von Gereiztheit.
    »Ach so«, sagte Bigwig, »dann wurdest du also nie fortgeschickt, um Salatblätter für den Threarah zu stehlen, nicht wahr? Andernfalls wüßtest du Bescheid. Die sind wirklich nicht gefährlich, außer bei Nacht. Dann sind sie elil, bestimmt.«
    »Du solltest mir Unterricht geben, glaube ich«, sagte Hazel. »Ich gehe mit dir nach oben, und die anderen lassen wir dann folgen.«
    Sie liefen weiter und krochen durch die Hecke. Hazel sah erstaunt auf die Straße hinunter. Einen Augenblick glaubte er, er sehe wieder einen großen Fluß - schwarz, glatt und gerade zwischen seinen Böschungen. Dann sah er den geteerten Kies und beobachtete eine Spinne, die über seine Oberfläche lief.
    »Aber das ist nicht natürlich«, sagte er, die merkwürdigen Gerüche nach Teer und Öl schnüffelnd. »Was ist es? Wie ist es dahin gekommen?«
    »Es ist ein Menschen-Ding«, sagte Bigwig. »Sie schmieren diesen Stoff dahin, und dann lassen sie die hrududil darüber laufen - schneller, als wir können; und was sonst kann schneller laufen als wir?«
    »Sind sie gefährlich? Können sie uns fangen?«
    »Nein, das ist ja gerade das Seltsame. Sie beachten uns gar nicht. Ich zeige es dir, wenn du willst.«
    Die anderen Kaninchen erreichten jetzt nach und nach die Hecke, als Bigwig die Böschung hinunterhopste und sich an den Rand der Straße kauerte. Hinter der Biegung wurde das Geräusch eines anderen sich nähernden Wagens laut. Hazel und Silver blickten gespannt hin. Der Wagen erschien, funkelte grün und weiß und raste auf Bigwig zu. Einen Augenblick erfüllte er die ganze Welt mit Krach und Angst. Dann war er verschwunden, und Bigwigs Fell wehte im Zugwind, der ihm die Hecken hinunter folgte. Er sprang zu den erstaunt starrenden Kaninchen auf der Böschung zurück.
    »Seht ihr? Sie tun einem nicht weh«, sagte Bigwig. »Ehrlich gesagt, ich glaube, daß sie lebendig sind. Aber ich gebe zu, daß ich es nicht ganz verstehe.«
    Wie an der Flußböschung hatte Blackberry sich davongeschlichen und war schon auf der Straße, schnupperte sich zur Mitte hin, halbwegs zwischen Hazel und der Biegung. Sie sahen ihn aufschrecken und in den Schutz der Böschung zurückspringen.
    »Was ist los?« fragte Hazel.
    Blackberry antwortete nicht, und Hazel und Bigwig hopsten am Rande des Grasstreifens zu ihm hin. Er öffnete und schloß das Maul, leckte sich die Lippen wie eine Katze, wenn etwas sie anwidert.
    »Du sagst, sie seien nicht gefährlich, Bigwig«, meinte er ruhig. »Aber ich glaube, sie sind es trotzdem.«
    In der Mitte der Straße lag eine plattgedrückte, blutige Masse von braunen Stacheln und weißem Fell mit kleinen schwarzen Füßen und einer zerquetschten Schnauze. Fliegen krochen darüber, und hier und da staken Kiesecken aus dem Fleisch.
    »Ein yona«, sagte Blackberry. »Auf wen hat ein yona es außer auf Schnecken und Käfer schon abgesehen? Und was kann ein yona fressen?«
    »Er muß bei Nacht gekommen sein«, sagte Bigwig.
    »Ja, natürlich. Die yonil jagen immer bei Nacht. Wenn du sie bei Tag siehst, liegen sie im Sterben.«
    »Ich weiß. Aber was ich zu erklären versuche, ist, daß die hrududil nachts große Lichter haben, heller als Frith selbst. Sie ziehen Geschöpfe an, und wenn sie dich anleuchten, kannst du nicht sehen oder denken, wohin du gehen sollst. Dann wird der hrududu dich wahrscheinlich vernichten. Jedenfalls haben wir's so in der Owsla gelernt. Ich habe nicht die Absicht, es auszuprobieren.«
    »Nun es wird bald dunkel«, sagte Hazel. »Kommt, gehen wir hinüber. Soweit ich sehen kann, dient die Straße uns zu gar nichts. Nachdem ich jetzt alles über sie erfahren habe, möchte ich so bald wie möglich von ihr fort.«
    Bei Mondaufgang hatten sie den Friedhof von Newtown durcheilt, wo ein kleiner Bach zwischen dem Rasen und unter dem Pfad hindurchläuft. Sie wanderten weiter, kletterten einen kleinen Hügel hinauf und kamen zum Gemeindeland von Newtown - ein Torfgelände mit Stechginster und Silberbirken. Nach den Wiesen, die sie verlassen hatten, war dies eine fremdartige, abstoßende Landschaft. Bäume, Weide, selbst der Boden - alles ganz ungewohnt. Sie zögerten in dem dichten Heidekraut, konnten nicht mehr als ein paar Fuß voraus sehen. Ihr Fell wurde tropfnaß vom Tau. Der Boden war von Rinnen und Flecken nackten dunklen Torfes zerklüftet, wo das Wasser stand und spitze weiße Steine, einige so groß wie Taubeneier, andere wie der Schädel eines Kaninchens, im Mondlicht schimmerten. Wann immer sie eine dieser Rinnen erreichten, drängten sich die Kaninchen zusammen und warteten darauf, daß Hazel oder Bigwig drüben hinaufkletterten und einen Weg voran fanden. Überall stießen sie auf Käfer, Spinnen und kleine Eidechsen, die eiligst davonhuschten, wenn sie durch das storre, widerstandsfähige Heidekraut stießen. Einmal stöberte Buckthorn eine Schlange auf und sprang in die Luft, als sie zwischen seinen Pfoten hindurch in ein Loch am Fuß einer Birke schoß.
    Sogar die Pflanzen waren ihnen unbekannt - Läusekraut mit seinem Gezweig hakenförmiger Blüten, Sumpfgewächse und die dünnstengeligen Blüten des Sonnentaus, deren haarige, fliegenfangende Münder, die sich zur Nacht schlossen, herausragten. In diesem Dschungel war alles Stille. Sie liefen immer langsamer und machten zwischen dem ausgestochenen Torf lange Pausen. Wenngleich das Heidekraut still war, trug die Brise doch ferne Nachtgeräusche über das offene Land. Ein Hahn krähte. Ein Hund rannte bellend umher, und ein Mann schrie ihn an. Eine kleine Eule rief »Kii-wik, kii-wik«, und etwas - eine Wühlmaus oder eine Spitzmaus - gab ein kleines Quietschen von sich. Da war kein Geräusch, das nicht von Gefahren kündete.
    Spät in der Nacht, gegen Monduntergang, blickte Hazel von einem Einschnitt, wo sie kauerten, zu einer kleinen Böschung hinauf. Als er noch überlegte, ob er hinaufklettern sollte, um zu sehen, ob er klare Sicht nach vorn bekommen konnte, hörte er eine Bewegung hinter sich, drehte sich um und sah Hawkbit neben sich. Es war etwas Hinterlistiges und Zögerndes an ihm, und Hazel blickte ihn scharf an, fragte sich einen Augenblick, ob er krank oder vergiftet sei.
    »Äh - Hazel«, sagte Hawkbit, an ihm vorbei auf die dunkle Klippe blickend. »Ich - äh -, das heißt wir - äh -, wir sind der Meinung, daß wir - nun, daß wir nicht so weitergehen können. Wir haben genug.«
    Er hielt inne. Hazel sah jetzt, daß Speedwell und Acorn hinter ihm standen und erwartungsvoll zuhörten. Es trat eine Pause ein.
    »Weiter, Hawkbit«, sagte Speedwell, »oder soll ich weiterreden?«
    »Mehr als genug«, fuhr Hawkbit mit einer Art dummer Wichtigtuerei fort.
    »Nun, ich habe auch genug«, antwortete Hazel, »und ich hoffe, es ist bald vorbei. Dann können wir alle ausruhen.«
    »Wir wollen jetzt rasten«, sagte Speedwell. »Wir glauben, es war dumm, so weit zu gehen.«
    »Es wird immer schlimmer, je weiter wir gehen«, sagte Acorn. »Wo gehen wir hin, und wie lange wird es dauern, bis einige von uns für immer aufhören zu laufen?«
    »Es ist der Ort, der dir Sorgen macht«, sagte Hazel. »Mir gefällt er auch nicht, aber es wird nicht ewig so weitergehen.«
    Hawkbit sah verschlagen und falsch aus. »Wir glauben nicht, daß du weißt, wo wir wirklich hingehen«, sagte er. »Du wußtest nichts von der Straße, nicht wahr? Und du weißt nicht, was vor uns liegt.«
    »Hör zu«, sagte Hazel, »ich schlage vor, daß du mir sagst, was du tun willst, und ich sage dir, was ich davon halte.«
    »Wir wollen zurückgehen«, sagte Acorn. »Wir glauben, Fiver hat sich geirrt.«
    »Wie könnt ihr durch das zurückgehen, was wir gerade hinter uns gebracht haben?« erwiderte Hazel. »Und wahrscheinlich würdet ihr getötet werden, weil ihr einen Owsla-Offizier verwundet habt, wenn ihr überhaupt zurückkommt. Seid vernünftig, um Friths willen.«
    »Wir haben Holly nicht verwundet«, sagte Speedwell.
    »Du warst da, und Blackberry brachte dich mit. Glaubst du, sie werden sich nicht daran erinnern? Außerdem -«
    Hazel hielt inne, als Fiver, gefolgt von Bigwig, sich näherte.
    »Hazel«, sagte Fiver, »könntest du mal mit mir auf die Böschung hinaufkommen? Es ist wichtig.«
    »Und während du dort bist«, sagte Bigwig, finster unter dem großen Fellbüschel auf seinem Kopf hervorblickend, »werde ich mit diesen dreien ein Wörtchen reden. Warum wäschst du dich nicht, Hawkbit? Du siehst aus wie das Schwanzende einer gefangenen Ratte. Und was dich anlangt, Speedwell -«
    Hazel wartete nicht, um zu hören, wie Speedwell aussah. Er folgte Fiver, krabbelte über die Torfklumpen und Riffe auf den Vorsprung von Kieselerde und dünnem Gras, der sie überragte. Sobald Fiver eine Stelle gefunden, hatte, wo sie hinausklettern konnten, lief er an den Rand der Böschung voraus, die Hazel gemustert hatte, ehe Hawkbit ihn ansprach. Sie lag ein paar Fuß oberhalb des sich neigenden zugigen Heidekrauts und war oben offen und mit Gras bewachsen. Sie kletterten hinauf und hockten sich hin. Der Mond, rauchig und gelb in der dünnen Nachtwolke, stand rechts über einer Gruppe entfernter Fichten. Sie sahen nach Süden über eine trostlose Öde. Hazel wartete darauf, daß Fiver etwas sagen würde, aber der blieb stumm.
    »Was wolltest du mir sagen?« fragte Hazel schließlich.
    Fiver antwortete nicht, und Hazel schwieg verwirrt. Von unten war Bigwig gerade noch zu hören.
    »Und du, Acorn, du Hundesohn, dunggesichtige Schande am Galgen eines Wildhüters; wenn ich nur Zeit hätte, dir zu sagen -«
    Der Mond segelte aus der Wolke und beleuchtete das Heidekraut stärker, aber weder Hazel noch Fiver verließen die Böschung. Fiver blickte weit über die Grenze des Gemeindelandes hinaus. Vier Meilen entfernt, am südlichen Horizont, erhob sich die zweihundertfünfzig Meter hohe Kette des Hügellandes. Auf dem höchsten Punkt schwankten die Buchen von Cottington's Baumgruppe in einem stärkeren Wind als jenem, der über das Heidekraut wehte.
    »Schau!« sagte Fiver plötzlich. »Das ist unsere Stelle, Hazel. Hohe, einsame Hügel, wo der Wind und der Laut tragen und der Boden so trocken wie Stroh in einer Scheune ist. Dahin müssen wir gelangen.«
    Hazel sah zu den undeutlichen, weit entfernten Hügeln hin. Ganz offensichtlich kam ein solcher Versuch nicht in Frage.
    Wahrscheinlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als durch das Heidekraut zu einem ruhigen Feld oder einer niedrigen Gestrüppböschung gleich jener zu laufen, die sie gewohnt gewesen waren. Ein Glück, daß Fiver nicht mit diesem närrischen Gedanken vor den anderen herausgeplatzt war, wo es sowieso schon genug Ärger gab. Wenn er nur überredet werden könnte, ihn hier und jetzt fallenzulassen, wäre kein Schaden angerichtet - außer, er hätte schon etwas zu Pipkin gesagt.
    »Nein, das ist insgesamt gesehen zu weit, Fiver«, sagte er. »Denke an die Meilen der Gefahr. Jeder ist schon sowieso erschreckt und müde. Wir müssen unbedingt bald einen sicheren Ort finden, und es wäre besser, wir tun, was wir können, statt etwas zu tun, was wir nicht können.«
    Fiver ließ nicht erkennen, ob er ihn gehört hatte. Er schien ganz in Gedanken verloren. Als er wieder sprach, war es, als ob er zu sich selbst spräche. »Es ist ein dicker Nebel zwischen den Hügeln und uns. Ich kann nicht hindurchgehen, aber ihn müssen wir durchqueren. Oder in ihn hinein, auf jeden Fall.«
    »Ein Nebel?« sagte Hazel. »Was meinst du?«
    »Uns steht eine unbekannte Gefahr bevor«, flüsterte Fiver, »und es ist nichts elil. Es fühlt sich mehr wie - wie Nebel an. Als würden wir getäuscht und würden uns verirren.«
    Es war kein Nebel um sie herum. Die Maiennacht war klar und frisch. Hazel wartete schweigend, und nach einiger Zeit sagte Fiver langsam und ausdruckslos: »Aber wir müssen weiter, bis wir die Hügel erreichen.« Seine Stimme sank, und er schien wie im Schlaf zu sprechen. »Bis wir die Hügel erreichen. Das Kaninchen, das durch die Lücke zurückgeht, wird Schwierigkeiten bekommen. Dieses Laufen - nicht klug. Dieses Laufen - nicht sicher. Laufen - nicht -« Er zitterte heftig, kickte ein- oder zweimal und wurde dann ruhig.
    In der Mulde unten schien Bigwig zu Ende zu kommen.
    »Und jetzt, ihr Bande maulwurfsschnäuziger, im Dreck herumwühlender, stallmütiger Schafs-Zecken, verschwindet, und zwar dalli! Sonst werde ich -« Er wurde wieder unhörbar.
    Hazel sah noch einmal auf die schwache Linie der Hügel. Dann, als Fiver aufschreckte und neben ihm etwas murmelte, stieß er ihn sanft mit einer Vorderpfote und liebkoste seine Schulter.
    Fiver fuhr zusammen. »Was habe ich gesagt, Hazel?« fragte er. »Ich fürchte, ich kann mich nicht erinnern. Ich wollte dir sagen -«
    »Es macht nichts«, antwortete Hazel. »Wir gehen jetzt hinunter. Es wird Zeit, daß wir sie auf Trab bringen. Wenn du wieder so komische Gefühle hast, halt dich an mich. Ich kümmere mich um dich.«

11. Schweres Vorwärtskommen


    Dann ritt Sir Beaumains ... den ganzen lieben langen Tag durch Moraste und Felder und große Täler, so viele Male ... stürzte er kopfüber in tiefen Sumpf; denn er kannte den Weg nicht, sondern nahm den vorteilhaftesten Weg in dieser waldreichen Gegend ... Und letztlich geschah es ihm, auf einen hübschen grünenden Weg zu kommen.
    Malory Le Morte d' Arthur

    Als Hazel und Fiver den Grund der Mulde erreichten, wartete Blackberry auf sie. Er hockte auf dem Torf und knabberte ein paar braune Stengel Riedgras.
    »Hallo«, sagte Hazel. »Was ist los? Wo sind die anderen?«
    »Dort drüben«, antwortete Blackberry. »Es hat einen schrecklichen Streit gegeben. Bigwig sagte Hawkbit und Speedwell, daß er sie in Stücke kratzen würde, wenn sie ihm nicht gehorchten. Und als Hawkbit sagte, er wolle wissen, wer das Oberkaninchen sei, biß Bigwig ihn. Es scheint eine garstige Angelegenheit zu sein. Wer ist übrigens Oberkaninchen - du oder Bigwig?«
    »Ich weiß es nicht«, antwortete Hazel, »aber Bigwig ist bestimmt der Stärkste. Es war nicht nötig, Hawkbit zu beißen, er hätte sowieso nicht zurückgehen können, selbst wenn er es versucht hätte. Er und seine Freunde hätten es eingesehen, wenn man ihnen erlaubt hätte, darüber zu sprechen. Jetzt hat Bigwig sie auf die Palme gebracht, und sie werden glauben, daß sie weitergehen müssen, weil er sie dazu zwingt. Ich möchte, daß sie weitergehen, weil sie einsehen, daß es der einzige Weg ist. Wir sind zu wenige, als daß Befehle und Beißen nötig wären. Frith im Nebel! Gibt es nicht schon genug Ärger und Gefahr?«
    Sie gingen zum anderen Ende der Grube hinüber. Bigwig und Silver sprachen mit Buckthorn unter einem überhängenden Besenginster. In der Nähe taten Pipkin und Dandelion so, als ob sie von einem Gestrüpp fräßen. In einiger Entfernung tat Acorn sich viel zugute, um Hawkbits Kehle zu lecken, während Speedwell zusah.
    »Halte still, wenn du kannst, armer alter Junge«, sagte Acorn, der ganz offensichtlich gehört werden wollte. »Laß mich dich nur vom Blut säubern. Ruhig jetzt!« Hawkbit winselte übertrieben und zuckte zurück. Als Hazel herantrat, drehten sich alle Kaninchen ihm zu und starrten ihn erwartungsvoll an.
    »Hört zu«, sagte Hazel, »ich weiß, es hat einigen Streit gegeben, aber das beste ist, wir versuchen, ihn zu vergessen. Dies ist kein schöner Ort, aber wir werden ihn bald verlassen.«
    »Glaubst du wirklich daran?« fragte Dandelion.
    »Wenn ihr mir jetzt folgt«, erwiderte Hazel verzweifelt, »hab' ich euch bei Sonnenaufgang herausgeholt.«
    Wenn es mir nicht gelingt, dachte er, werden sie mich höchstwahrscheinlich in Stücke zerreißen - und möge es ihnen wohl bekommen.
    Zum zweiten Mal verließ er die Grube, und die anderen folgten. Die anstrengende, erschreckende Reise begann von neuem, nur von Alarmen unterbrochen. Einmal fegte eine weiße Eule geräuschlos über ihre Köpfe hinweg, so tief fliegend, daß Hazel sah, wie ihre dunklen Augen in die seinen blickten. Aber entweder war sie nicht auf der Jagd, oder er war zu groß, um sich mit ihm anzulegen; denn sie verschwand über dem Heidekraut, und obgleich er einige Zeit bewegungslos verharrte, kehrte sie nicht zurück. Einmal stieß Dandelion auf den Geruch eines Wiesels, und alle sammelten sich um ihn, flüsterten und schnupperten über den Boden. Aber der Geruch war alt, und nach einer Weile gingen sie weiter. In diesem tiefen Unterholz behinderten ihr unorganisiertes Vorgehen und ihr ungleicher Bewegungsrhythmus sie noch mehr als im Gehölz. Dauernd wurde Alarm getrommelt, pausiert, erstarrten sie auf der Stelle beim Geräusch einer tatsächlichen oder eingebildeten Bewegung. Es war so dunkel, daß Hazel selten ganz sicher wußte, ob er führte oder ob Bigwig oder Silver vorne waren. Einmal, als er ein unerklärliches Geräusch vor sich hörte, das sofort wieder verschwand, verhielt er lange Zeit still; und als er schließlich vorsichtig weiterging, stieß er auf Silver, der sich hinter einem Büschel von Hahnenkamm aus Angst vor dem Geräusch seiner Annäherung duckte. Alles war Verwirrung, Unwissenheit, mühsames Klettern und Erschöpfung. Während des ganzen Alptraums der nächtlichen Reise schien Pipkin immer neben ihm zu sein. Obgleich alle anderen verschwanden und wieder erschienen, wie Unrat auf einem Tümpel treibt, verließ Pipkin ihn nie; und dessen Bedürfnis nach Ermutigung wurde schließlich Hazels einziger Beistand gegen seine eigene Müdigkeit.
    »Nicht mehr weit jetzt, Hlao-roo, nicht mehr weit«, murmelte er immer wieder, bis er merkte, daß es bedeutungslos geworden war, was er sagte, ein bloßer Kehrreim. Er sprach nicht zu Pipkin oder zu sich selbst. Er sprach im Schlaf oder in etwas, das dem sehr ähnlich war.
    Endlich sah er das erste Frühdämmern wie das Licht, das man undeutlich am fernen Ende eines bekannten Baues um die Ecke auftauchen sieht; und im selben Augenblick sang eine Goldammer. Hazels Gefühle glichen denen, die einem besiegten General durch den Kopf gehen mochten. Wo genau waren seine Gefährten? Hoffentlich nicht weit weg. Oder doch? Alle? Wohin hatte er sie geführt? Was sollte er jetzt tun? Was, wenn ein Feind in diesem Augenblick auftauchte? Er wußte keine Antworten auf diese Fragen und hatte keine Lebensgeister mehr, um sich zu zwingen, darüber nachzudenken. Pipkin hinter ihm fröstelte in der Feuchtigkeit, und er drehte sich um und rieb sich an ihm; so wie der General, dem nichts mehr zu tun blieb und der sich um das Wohlergehen eines seiner Untergebenen kümmerte, weil der nun einmal gerade da war.
    Das Licht wurde stärker, und bald konnte er sehen, daß ein kleiner Weg vor ihm ein offener, bloßer Kiespfad war. Er humpelte aus dem Heidekraut heraus, setzte sich auf die Steine und schüttelte die Nässe aus seinem Fell. Er konnte jetzt ganz deutlich Fivers Hügel sehen, grünlichgrau und anscheinend ganz nahe in der regengeschwängerten Luft. Er konnte sogar die winzigen Punkte des Stechginsters und der verkümmerten Eiben auf den steilen Abhängen ausmachen. Als er sie anstarrte, hörte er eine aufgeregte Stimme weiter unten auf dem Pfad.
    »Er hat es geschafft! Hab' ich euch nicht gesagt, er würde es schaffen?«
    Hazel wandte den Kopf und sah Blackberry auf dem Pfad. Er war durchnäßt und erschöpft, aber er war es, der sprach. Aus dem Heidekraut hinter ihm kamen Acorn, Speedwell und Buckthorn. Die vier Kaninchen starrten ihn jetzt direkt an. Er überlegte sich, warum. Dann, als sie näher kamen, merkte er, daß sie nicht ihn ansahen, sondern an ihm vorbei auf etwas weiter Entferntes. Er drehte sich um. Der Kiespfad führte abwärts in einen engen Gürtel von Silberbirken und Ebereschen. Dahinter war eine dünne Hecke und dahinter ein grünes Feld zwischen zwei niedrigen Wäldchen. Sie hatten die andere Seite des Gemeindelandes erreicht.
    »O Hazel«, sagte Blackberry, um eine Pfütze im Kies herum zu ihm kommend, »ich war so müde und verwirrt, ich begann tatsächlich zu zweifeln, ob du deines Weges sicher warst. Ich konnte dich in dem Heidekraut hören, wie du sagtest:    >Nicht    mehr weit<, und es ärgerte mich. Ich dachte, du erfändest das Ganze. Ich hätte es besser wissen müssen. Frithrah, du bist wahrhaftig ein Oberkaninchen!«
    »Gut gemacht, Hazel-rah!« sagte Buckthorn. »Gut gemacht!«
    Hazel wußte nicht, was er erwidern sollte. Er sah sie schweigend an, und es war Acorn, der als nächster sprach.
    »Los, kommt!« sagte er. »Wer wird der erste in diesem Feld sein? Ich kann noch laufen.« Und schon war er fort, wenn auch recht langsam, den Abhang hinunter, doch als Hazel trommelte, er solle anhalten, tat er es sofort.
    »Wo sind die anderen?« fragte Hazel. »Dandelion, Bigwig?«
    In diesem Augenblick tauchte Dandelion aus dem Heidekraut auf, setzte sich auf den Pfad, sah sich das Feld an. Nach ihm kamen zuerst Hawkbit und dann Fiver. Hazel beobachtete Fiver, wie er den Anblick des Feldes in sich aufnahm, als Buckthorn seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fuß des Abhanges lenkte.
    »Sieh, Hazel-rah«, sagte er. »Silver und Bigwig sind da unten. Sie warten auf uns.«
    Silvers graues Fell hob sich deutlich gegen ein Gezweig von Stechginster ab, aber Hazel konnte Bigwig nicht sehen, bis der sich aufsetzte und zu ihnen rannte.
    »Sind alle hier, Hazel?« fragte er.
    »Natürlich«, antwortete Blackberry. »Ich sage dir, er ist in meinen Augen ein Oberkaninchen. Hazel-rah, sollen wir -«
    »Hazel-rah?« unterbrach Bigwig. »Oberkaninchen? Frith in einem Wespennest! Der Tag, an dem ich dich Oberkaninchen nenne, Hazel, wird der Tag sein, so wahr mir Frith helfe! An jenem Tag werde ich aufhören zu kämpfen.«
    Es sollte sich in der Tat als ein bedeutungsvoller Tag erweisen - und eine bedeutungsvolle Rede obendrein; aber das lag in einer Zukunft, die keiner voraussehen konnte, und im Augenblick konnte der arme Hazel nichts anderes tun, als mit dem enttäuschten Gefühl beiseite zu treten, daß sein Anteil an der Durchquerung des Heidekrauts nicht wirklich sehr bedeutend gewesen war.
    »Komm denn, Acorn«, sagte er. »Du willst laufen - ich laufe mit dir.«
    Etwas später waren sie unter den Silberbirken, und als die Sonne aufging, rote und grüne Funken aus den Tropfen auf Farnen und Zweigen schlagend, kletterten sie durch die Hecke, über einen niedrigen Graben und in das dichte Gras der Wiese.

12. Der Fremde im Feld


    Trotzdem können selbst in einem überfüllten Gehege Besucher in Form von jungen Kaninchen, die begehrenswertes trockenes Quartier suchen, geduldet werden... und wenn sie mächtig genug sind, können sie einen Platz erlangen und ihn halten.
    R. M. Lockley The Private Life of the Rabbit

    Ans Ende der Zeit voll Unruhe und Angst gelangen! Die Wolke, die über einem hing, sich heben und sich zerstreuen sehen - die Wolke, die das Herz unempfindlich und das Glück zu nicht mehr als einer Erinnerung machte! Dies ist zum mindesten eine Freude, die beinahe jedes lebende Geschöpf erfahren haben muß.
    Da ist ein Knabe, der seine Bestrafung erwartete. Aber dann, unverhofft, findet er, daß sein Vergehen übersehen oder vergeben worden ist, und sofort erscheint die Welt wieder in leuchtenden Farben, voll köstlicher Aussichten. Hier ist ein Soldat, der schweren Herzens erwartete, in der Schlacht zu leiden und zu sterben. Aber plötzlich hat das Glück sich gewendet. Es gibt neue Nachrichten. Der Krieg ist vorbei, und alle brechen in Gesang aus. Er wird schließlich doch nach Hause gehen! Die Spatzen auf dem Ackerland ducken sich in Furcht vor dem Turmfalken. Aber er ist fort, und sie fliegen wild durcheinander in die Hecke, tanzen herum, plappern und setzen sich hin, wo sie wollen. Der bitterkalte Winter hatte das ganze Land in seiner Gewalt. Die Hasen in dem grasbewachsenen Hügelland, benommen und erstarrt vor Kälte, fügten sich in ihr Schicksal und sanken immer tiefer in den eisigen Kern von Schnee und Schweigen. Aber jetzt - wer hätte davon geträumt? - tröpfelt der Tau, die große Meise läutet die Glocke vom Gipfel einer kahlen Linde, die Erde duftet, und die Hasen springen und hüpfen im warmen Wind. Hoffnungslosigkeit und Widerstreben sind fortgeweht wie ein Nebel, und die stumme Einsamkeit, in der sie sich verkrochen, ein Ort, so unwirtlich wie ein Riß im Boden, öffnet sich wie eine Rose und erstreckt sich bis zu den Hügeln und zum Himmel.
    Die müden Kaninchen fraßen und aalten sich in der sonnigen Wiese, als ob sie nicht von weiter als von der Böschung am Rande des nahe gelegenen niedrigen Gestrüpps gekommen wären. Das Heidekraut und die Stockdunkelheit waren vergessen, als ob der Sonnenaufgang sie zerschmolzen hätte. Bigwig und Hawkbit jagten sich gegenseitig durch das hohe Gras. Speedwell sprang über den kleinen Bach, der in der Mitte des Feldes rann, und als Acorn versuchte, ihm zu folgen, und abrutschte, neckte Silver ihn, während er sich herausrappelte, und rollte ihn in einem Haufen toten Eichenlaubs, bis er wieder trocken war. Als die Sonne höher stieg, die Schatten verkürzte und den Tau vom Gras zog, wanderten die meisten Kaninchen zu dem sonnengesprenkelten Schatten unter dem Wiesenkerbel am Rande des Grabens. Hier saßen Hazel und Fiver mit Dandelion unter einem blühenden wilden Kirschbaum. Die weißen Blütenblätter wirbelten auf sie herunter, bedeckten das Gras und tupften ihr Fell, während zehn Meter über ihnen eine Drossel sang:    »Kirsch-Tau, Kirsch-Tau. Knietief, knietief, knietief.«
    »Nun, das ist der richtige Ort, nicht wahr, Hazel?« sagte Dandelion träge. »Ich glaube, wir sollten uns bald die Böschungen ansehen, obgleich ich sagen muß, ich habe es nicht besonders eilig. Aber mir kommt es so vor, als ob es bald regnen wird.«
    Fiver sah aus, als wollte er etwas sagen, schüttelte dann aber seine Ohren und ging daran, einen Löwenzahn zu beknabbern.
    »Das sieht wie eine gute Böschung aus, am Baumrand dort oben«, antwortete Hazel. »Was hältst du davon, Fiver? Sollen wir hinaufgehen, oder sollen wir noch ein bißchen warten?«
    Fiver zögerte und erwiderte dann: »Ganz wie du meinst, Hazel.«
    »Nun, es gibt doch keinen ernsthaften Grund, einen Schutzbau zu graben, nicht wahr?« sagte Bigwig. »Das ist etwas für die Weibchen, aber nicht für uns.«
    »Wir sollten trotzdem ein oder zwei Kratzer machen, meinst du nicht auch?« fragte Hazel. »Etwas, das uns im Notfall Schutz gibt. Laßt uns zu dem Unterholz hinlaufen und Umschau halten. Wir können uns Zeit lassen und uns genau vergewissern, wo wir den Unterschlupf haben wollen. Wir wollen die Arbeit nicht zweimal machen.«
    »Jawohl, das ist das richtige«, sagte Bigwig. »Und während du das tust, werde ich mit Silver und Buckthorn die Felder dahinter in Augenschein nehmen, um die Sachlage zu beurteilen und sicherzugehen, daß uns nichts Gefährliches droht.«
    Die drei Erforscher preschten neben dem Bach los, während Hazel die anderen Kaninchen querfeldein und hinauf zum Rand der Waldung führte. Sie wanderten langsam am Fuße der Böschung entlang, drängten sich durch die Haufen roter Lichtnelken und ausgefranster Büschel. Von Zeit zu Zeit begann einer von ihnen in der kiesigen Böschung zu kratzen oder sich zwischen die Bäume und Nußbüsche zu wagen, um in dem Blätterkompost zu scharren. Nachdem sie suchend einige Zeit ruhig weitergegangen waren, erreichten sie eine Stelle, von der aus sie sehen konnten, daß das Feld unter ihnen sich verbreiterte. Sowohl auf ihrer eigenen als auch auf der gegenüberliegenden Seite wölbten sich die Ränder des Waldes nach außen, von dem Bach weg. Sie bemerkten auch die Dächer einer Farm, die aber in einiger Entfernung lag. Hazel blieb stehen, und sie sammelten sich um ihn.
    »Ich glaube nicht, daß es viel ausmacht, wo wir mit der Kratzerei anfangen«, sagte er. »Es ist alles in Ordnung, soweit ich sehen kann. Nicht die geringsten Anzeichen von elil - kein Geruch oder Spuren oder Mist. Das ist ungewöhnlich, aber es kann sein, daß das heimatliche Gehege mehr elil anzog als andere Stellen. Auf jeden Fall scheinen wir es hier gut getroffen zu haben. Jetzt werde ich euch sagen, was ich für das richtige halte. Gehen wir eine kleine Strecke zurück, zwischen das Gehölz, und kratzen wir neben der Eiche da - neben dem weißen Fleck von Jungferngras. Ich weiß, die Farm ist noch weit entfernt, aber es hat keinen Zweck, ihr näher zu sein als nötig. Und wenn wir dem Gehölz gegenüber ziemlich nahe sind, werden die Bäume im Winter das ihre dazu tun, den Wind ein bißchen zu brechen.«
    »Großartig«, sagte Blackberry. »Es bewölkt sich, siehst du? Regen vor Sonnenuntergang, und wir werden ein Obdach haben. Nun, fangen wir an. O schaut! Dort unten kommt Bigwig zurück, und die anderen beiden sind bei ihm.«
    Die drei Kaninchen kehrten von der Böschung des Baches zurück und hatten Hazel und die anderen noch nicht gesehen. Sie liefen unter ihnen vorbei in den schmaleren Teil des Feldes zwischen den beiden niederen Wäldchen, und erst als Acorn halbwegs den Abhang hinuntergeschickt worden war, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, drehten sie sich um und kamen zum Graben herauf.
    »Ich glaube nicht, daß uns hier viel belästigen wird, Hazel«, sagte Bigwig. »Die Farm ist eine ganze Strecke entfernt, und die Felder dazwischen zeigen überhaupt keine Merkmale von elil. Es ist ein Menschenpfad da - tatsächlich sind verschiedene da, und sie sehen aus, als würden sie ziemlich viel benutzt. Der Geruch ist frisch, und es sind die Enden dieser kleinen weißen Stäbchen da, die sie in ihren Mündern verbrennen. Aber das ist ein Vorteil, schätze ich. Wir halten uns den Menschen fern, und die Menschen verscheuchen die elil.«
    »Warum kommen wohl die Menschen?« fragte Fiver.
    »Wer weiß schon, warum die Menschen irgend etwas tun? Vielleicht treiben sie Kühe oder Schafe auf die Wiesen oder fällen Holz in den niedrigen Wäldchen. Was spielt das für eine Rolle? Ich gehe lieber einem Menschen aus dem Weg als einem Wiesel oder einem Fuchs.«
    »Nun, das ist großartig«, sagte Hazel. »Du hast eine Menge herausgefunden, Bigwig, und alles zu unserem Nutzen. Wir waren gerade dabei, ein bißchen entlang der Böschung zu scharren. Fangen wir lieber an. Es wird bald losregnen, wenn ich mich nicht sehr irre.«
    Rammler allein graben selten ernstlich. Es ist die natürliche Arbeit eines Weibchens, ein Heim für ihre Jungen zu schaffen, ehe sie geboren sind, und dann hilft der Bock ihr. Trotzdem scharren einzelne Rammler - wenn sie keine bereits vorhandenen Löcher finden, die sie benutzen können -manchmal kurze Tunnel als Schutz, obgleich es keine Arbeit ist, die sie ernstlich anpacken. Während des Morgens ging das Graben fröhlich und mit Unterbrechungen vor sich. Die Böschung rund um die Eiche war kahl und bestand aus leichtem, grobem Sand. Es gab verschiedene Fehlversuche und Neuanfänge, aber bis ni-Frith hatten sie drei halbwegs anständige Ausgrabungen. Hazel beobachtete, half da und dort aus und ermutigte die anderen. Immer wieder schlüpfte er zurück, um über das Feld zu blicken und sicherzugehen, daß alles in Ordnung war. Nur Fiver blieb für sich. Er nahm nicht an der Arbeit teil, sondern hockte am Rande des Grabens, zappelte unruhig hin und her, knabberte manchmal, und dann richtete er sich plötzlich auf, als könnte er ein Geräusch im Gehölz hören. Nachdem er ihn ein paarmal angeredet und keine Antwort erhalten hatte, hielt Hazel es für das beste, ihn in Ruhe zu lassen. Als er das nächste Mal die Graberei unterbrach, hielt er sich von Fiver fern und musterte die Böschung, als ob er gänzlich an der Arbeit interessiert wäre.
    Eine kleine Weile nach ni-Frith bedeckte sich der Himmel mit dichten Wolken. Das Licht wurde trübe, und sie konnten Regen riechen, der aus dem Westen kam. Die Meise, die auf einem Brombeerstrauch geschaukelt und gesungen hatte: »Hei-ho, geh und hol noch ein bißchen Moos«, brach ihre Akrobatik ab und flog ins Gehölz. Hazel überlegte sich gerade, ob es sich lohnte, einen Seitendurchgang zu graben, um Bigwigs Loch mit dem Dandelions zu verbinden, als er ganz aus der Nähe ein warnendes Trommeln spürte. Er drehte sich schnell um. Es war Fiver, der getrommelt hatte, und er starrte jetzt gespannt über das Feld.
    Neben einem Grasbüschel, etwas außerhalb des gegenüberliegenden Wäldchens, saß ein Kaninchen und starrte sie an. Seine Ohren waren aufgestellt, und es widmete ihnen offensichtlich seine volle Aufmerksamkeit. Hazel erhob sich auf seine Hinterläufe, blieb so einen Augenblick und setzte sich dann in voller Sicht auf seine Keulen. Das andere Kaninchen rührte sich nicht. Hazel, der es keine Sekunde aus den Augen ließ, hörte drei oder vier der anderen hinter sich herankommen. Nach einem Augenblick sagte er:
    »Blackberry?«
    »Er ist unten im Loch«, erwiderte Pipkin.
    »Geh, hol ihn.«
    Das fremde Kaninchen machte immer noch keine Bewegung. Wind kam auf, und das hohe Gras in der Senke zwischen ihnen begann sich unruhig zu bewegen und sich zu kräuseln. Von hinten sagte Blackberry:
    »Du hast nach mir geschickt, Hazel?«
    »Ich gehe hinüber, um mit diesem Kaninchen zu sprechen«, sagte Hazel. »Ich möchte, daß du mitkommst.«
    »Darf ich mitkommen?« fragte Pipkin.
    »Nein, Hlao-roo. Wir wollen es nicht erschrecken. Drei sind zuviel.«
    »Seid vorsichtig«, sagte Buckthorn, als Hazel und Blackberry sich den Abhang hinunter auf den Weg machten. »Es ist vielleicht nicht das einzige.«
    An verschiedenen Stellen war der Bach schmal - nicht viel breiter als ein Kaninchenlauf. Sie sprangen hinüber und erklommen den anderen Hang.
    »Benimm dich so, als ob wir hier zu Hause wären«, sagte Hazel. »Ich sehe nicht, inwiefern es eine Falle sein kann, und im übrigen können wir immer noch davonlaufen.«
    Als sie sich näherten, verhielt sich das andere Kaninchen still und beobachtete sie angestrengt. Sie konnten jetzt sehen, daß es ein großer Bursche war, geschmeidig und gut aussehend. Sein Fell glänzte, und seine Klauen und Zähne waren in perfekter Verfassung. Nichtsdestoweniger schien es nicht aggressiv zu sein. Im Gegenteil, es war eine seltsame, ziemlich unnatürliche Güte in seiner Art, auf ihr Näherkommen zu warten. Sie blieben stehen und sahen ihn aus einiger Entfernung an.
    »Ich glaube nicht, daß er gefährlich ist«, flüsterte Blackberry. »Ich gehe zuerst zu ihm hin, wenn du willst.«
    »Wir werden beide gehen«, erwiderte Hazel. Aber in diesem Augenblick kam das andere Kaninchen aus eigenem Antrieb zu ihnen und berührte Hazel mit der Nase; sie schnüffelten und erforschten sich schweigend. Der Fremde hatte einen ungewöhnlichen Geruch, der aber durchaus nicht unangenehm war. Er vermittelte Hazel den Eindruck von gutem Fressen, von Gesundheit und einer gewissen
    Lässigkeit, als ob der andere aus einem reichen, glücklichen Land käme, wo er selbst nie gewesen war. Er hatte das Wesen eines Aristokraten, und als er sich umwandte, um Blackberry aus seinen großen braunen Augen anzublicken, fühlte Hazel sich als zerlumpter Wanderer, als Führer einer Bande von Vagabunden. Er hatte nicht beabsichtigt, zuerst zu sprechen, aber etwas in dem Schweigen des anderen zwang ihn dazu.
    »Wir sind über das Heidekraut gekommen«, sagte er.
    Das andere Kaninchen erwiderte nichts, aber sein Blick war nicht feindselig. Seine Haltung drückte eine Art von Melancholie aus, die bestürzend war.
    »Lebst du hier?« fragte Hazel nach einer Pause.
    »Ja«, erwiderte das andere Kaninchen und fügte dann hinzu: »Wir haben euch kommen sehen.«
    »Wir beabsichtigen, auch hier zu leben«, sagte Hazel bestimmt.
    Das andere Kaninchen zeigte keinerlei Beunruhigung. Es zögerte und antwortete dann: »Warum nicht? Wir haben das erwartet. Aber ich glaube nicht, daß ihr genug seid, um, auf euch selbst gestellt, sehr angenehm zu leben.«
    Hazel geriet durcheinander. Offensichtlich war der Fremde durch die Nachricht, daß sie zu bleiben beabsichtigten, nicht bekümmert. Wie groß war sein Gehege? Wo war es? Wie viele Kaninchen waren im Unterholz verborgen und beobachteten sie jetzt? Hatten sie die Absicht anzugreifen? Das Verhalten des Fremden verriet nichts. Er schien uninteressiert, beinahe gelangweilt, aber durchaus freundlich. Seine Mattigkeit, sein großer Wuchs und seine schöne, gepflegte Erscheinung, seine ruhige Art, die ausdrückte, alles zu haben, was er wollte, und in keiner Weise durch die Neuankömmlinge beeindruckt zu sein - all dies gab Hazel ein Problem auf, das mit nichts zu vergleichen war, womit er sich zuvor herumzuschlagen hatte. Falls eine List dahintersteckte, hatte er keine Ahnung, welcher Art sie sein mochte. Er beschloß, auf jeden Fall selbst vollkommen offen und ehrlich zu sein.
    »Wir sind genug, um uns zu schützen«, sagte er. »Wir wollen uns keine Feinde machen, aber wenn uns irgend jemand dazwischentritt -«
    Der andere unterbrach ihn ruhig. »Reg dich nicht auf - ihr seid alle höchst willkommen. Wenn du jetzt zurückgehst, werde ich dich begleiten; das heißt, wenn du nichts dagegen hast.«
    Er setzte sich den Abhang hinunter in Bewegung. Hazel und Blackberry, die einen kurzen Blick gewechselt hatten, holten ihn ein und gingen neben ihm her. Er bewegte sich leicht, ohne Eile und zeigte weniger Vorsicht beim Überqueren des Feldes als sie. Hazel war verwirrter denn je. Der andere hatte offenbar keine Furcht, daß sie sich auf ihn stürzen würden, hrair gegen einen, um ihn zu töten. Er war bereit, allein unter eine Menge verdächtiger Fremder zu gehen, aber was er sich von diesem Risiko erhoffte, war unmöglich zu erraten. Vielleicht, dachte Hazel vage, würden Zähne und Klauen keinen Eindruck auf diesen großen kräftigen Körper und das schimmernde Fell machen.
    Als sie den Graben erreichten, hockten alle anderen Kaninchen zusammen und beobachteten ihr Nahen. Hazel blieb vor ihnen stehen, wußte aber nicht, was er sagen sollte. Wenn der Fremde nicht dagewesen wäre, hätte er ihnen einen Bericht erstattet. Wenn Blackberry und er den Fremden mit Gewalt über das Feld getrieben hätten, hätte er ihn zur Sicherheitsverwahrung an Bigwig oder Silver übergeben können. Aber ihn neben sich sitzen zu sehen, wie er sein Gefolge schweigsam betrachtete und höflich darauf wartete, daß jemand zuerst spräche - das war eine Situation, die jenseits von Hazels Erfahrung lag. Es war Bigwig, geradeheraus und grob wie immer, der die Spannung brach: »Wer ist das, Hazel?« fragte er. »Warum ist er mit dir zurückgekommen?«
    »Ich weiß es nicht«, antwortete Hazel, der versuchte, offen auszusehen, sich jedoch albern vorkam. »Er kam von sich aus.«
    »Nun, dann fragen wir am besten ihn selbst«, sagte Bigwig mit einem Anflug von Spott. Er trat dicht an den Fremden heran und schnupperte, wie Hazel es getan hatte. Auch er war offensichtlich von dem besonderen Ruch von Prosperität berührt; denn er zögerte, als wäre er unsicher geworden. Dann sagte er in einem rauhen, schroffen Ton: »Wer bist du, und was willst du?«
    »Mein Name ist Cowslip«, sagte der andere. »Ich möchte nichts. Wie ich höre, habt ihr einen langen Weg gehabt.«
    »Mag sein«, sagte Bigwig. »Wir wissen aber auch, wie wir uns zu verteidigen haben.«
    »Davon bin ich überzeugt«, sagte Cowslip und blickte sich unter den beschmutzten, heruntergekommenen Kaninchen um, als sei er zu höflich, einen Kommentar abzugeben. »Aber es kann schwer sein, sich gegen das Wetter zu verteidigen. Es wird Regen geben, und ich glaube nicht, daß eure Buddelei schon beendet ist.« Er sah Bigwig an, als erwartete er eine weitere Frage von ihm. Bigwig schien bestürzt. Offensichtlich konnte er sich ebensowenig einen Reim von der Lage machen wie Hazel. Bis auf das Geräusch des aufkommenden Windes herrschte Stille. Über ihnen begannen die Äste der Eiche zu knarren und zu schwanken. Plötzlich trat Fiver vor.
    »Wir verstehen dich nicht«, sagte er. »Es ist besser, das ganz offen zu sagen und zu versuchen, es zu klären. Können wir euch trauen? Sind hier noch viele andere Kaninchen? Dies sind die Dinge, die wir wissen wollen.«
    Cowslip zeigte nicht mehr Beunruhigung über Fivers nervöse Spannung als über alles Vorhergegangene. Er fuhr mit einer Vorderpfote über die Rückseite eines seiner Ohren und erwiderte:
    »Ich glaube, ihr kompliziert die Sache unnötig. Wenn du aber die Antworten auf deine Fragen haben willst, so sage ich: Ja, ihr könnt uns vertrauen, wir wollen euch nicht vertreiben. Und es ist ein Wildgehege hier, aber wir sind nicht so zahlreich, wie wir es gern sein würden. Warum sollten wir euch schaden wollen? Hier wächst doch genug Gras, nicht wahr?«
    Trotz seines eigenartigen, dunklen Verhaltens sprach er so vernünftig, daß Hazel sich ziemlich schämte.
    »Wir haben viele Gefahren überstanden«, sagte er. »Alles Neue kommt uns deshalb wie eine Gefahr vor. Schließlich könntet ihr befürchten, wir kämen, um eure Weibchen zu nehmen und euch aus euren Löchern zu vertreiben.«
    Cowslip hörte ernst zu. Dann entgegnete er:
    »Nun, was die Löcher anlangt, so wäre das etwas, was ich besser erwähne. Diese Kratzer sind nicht sehr tief oder behaglich, nicht wahr? Und obgleich sie jetzt nicht in Windrichtung liegen, müßt ihr wissen, daß dies nicht der übliche Wind ist, den wir hier haben. Er weht diesen Regen von Süden herauf. Wir haben aber gewöhnlich Westwind, und der bläst direkt in diese Löcher. Es gibt genug leere Baue in unserem Gehege, und wenn ihr herüberkommen wollt, seid ihr willkommen. Und nun entschuldigt mich bitte, ich möchte nicht länger bleiben. Ich hasse den Regen. Das Gehege liegt hinter der Ecke des gegenüberliegenden Gehölzes.«
    Er rannte den Abhang hinunter und über den Bach. Sie sahen ihn über die Böschung springen und durch das grüne Farnkraut verschwinden. Die ersten Regentropfen begannen zu fallen, prasselten auf die Eichenblätter und prickelten auf der nackten, rosafarbenen Haut ihres Ohrinneren.
    »Feiner großer Bursche, nicht wahr?« sagte Buckthorn. »Er sieht nicht aus, als müßte er sich viel Sorgen um sein Leben hier machen.«
    »Was sollten wir tun, Hazel, was meinst du?« fragte Silver. »Es stimmt, was er sagte, nicht wahr? Diese Kratzer -nun ja, wir können in ihnen hocken, um uns vor dem Wetter zu schützen, aber mehr auch nicht. Und da wir nicht alle in einen hineinpassen, werden wir uns verteilen müssen.«
    »Wir werden sie miteinander verbinden«, sagte Hazel, »und während wir das tun, möchte ich gerne über das, was er gesagt hat, reden. Fiver, Bigwig und Blackberry, könnt ihr mitkommen? Ihr anderen verteilt euch, wie ihr wollt.«
    Das neue Loch war kurz, schmal und uneben. Es bot nicht genügend Platz, daß zwei Kaninchen aneinander vorbeigehen konnten. Vier waren wie Bohnen in einer Hülse, Zum ersten Mal wurde es Hazel klar, wieviel sie aufgegeben hatten. Die Löcher und Tunnel eines alten Geheges werden durch den Gebrauch glatt, beruhigend und bequem. Es gibt keine unerwarteten Hindernisse oder scharfe Winkel. Jedes Fleckchen riecht nach Kaninchen - nach dieser großen, unzerstörbaren Flut von Kaninchentum, in der jeder mitgeschwemmt wird, sicheren Fußes und heil. Die schwere Arbeit ist von zahllosen Urgroßmüttern und ihren Männchen getan worden. Alle Fehler sind ausgemerzt worden, und alles, was benutzt wird, hat seinen erwiesenen Wert. Der Regen läuft leicht ab, und selbst der heftigste Winterwind kann nicht in die tiefergelegenen Baue dringen. Nicht eines von Hazels Kaninchen hatte je ernstlich gegraben. Die Arbeit, die sie an jenem Morgen geleistet hatten, war unbedeutend, und alles, was sie vorzuweisen hatten, waren ein vorläufiger Schutz und wenig Behaglichkeit.
    Es geht nichts über schlechtes Wetter, um die Unzulänglichkeiten einer Behausung, besonders wenn sie zu klein ist, aufzudecken. Man ist, wie man so sagt, auf Gedeih und Verderb an sie gebunden und hat Muße genug, all ihre besonderen Ärgernisse und Unbequemlichkeiten zu empfinden. Bigwig, wie üblich flink und energisch, machte sich an die Arbeit. Hazel hingegen ging zurück, setzte sich nachdenklich an den Rand des Loches und blickte auf die stillen, wellenförmigen Regenschleier hinaus, die durch das kleine Tal zwischen den beiden Wäldchen trieben. Direkt vor seiner Nase war jeder Grashalm, jeder Farnwedel gebeugt, triefend und glitzernd. Der Geruch nach den letztjährigen Eichenblättern erfüllte die Luft. Es war kühl geworden. Jenseits der Wiese hing die Blüte des Kirschbaumes, unter dem sie am Morgen gesessen hatten, durchgeweicht und vernichtet herunter. Während Hazel all dies in sich aufnahm, drehte der Wind langsam nach Westen, wie Cowslip vorausgesagt hatte, und trieb den Regen direkt in die Öffnung des Loches. Er duckte sich und kehrte wieder zu den anderen zurück. Das Klatschen und Flüstern des Regens draußen erklang leise, aber deutlich. Die Felder und Gehölze waren in ihn eingehüllt, leer und besiegt. Das Insektenleben auf den Blättern und im Gras war verstummt. Die Drossel hätte singen sollen, aber Hazel konnte keine Drossel hören. Er und seine Gefährten waren eine dreckige Handvoll von Kratzern, die sich in einem einsamen Land in eine enge, zugige Höhle kauerten. Sie waren nicht vor dem Unwetter geschützt. Sie warteten voller Unbehagen, daß das Wetter sich änderte.
    »Blackberry«, sagte Hazel, »wie gefiel dir unser Gast, und was hieltest du davon, in sein Gehege zu gehen?«
    »Nun«, erwiderte Blackberry, »was ich denke, ist folgendes: Es gibt keine Möglichkeit, herauszufinden, ob man ihm vertrauen kann, außer durch einen Versuch. Er schien freundlich gesinnt. Aber wenn andererseits eine Menge Kaninchen vor einigen Neuankömmlingen Angst hätte und sie täuschen wollte - sie in ein Loch hinunterlocken und dann angreifen -, würden sie zunächst jemanden schicken, der glaubhaft wäre. Vielleicht wollen sie uns töten. Andererseits gibt es, wie er sagte, genug Gras hier, und was das Hinauswerfen oder das Rauben ihrer Weibchen anlangt, so haben sie, wenn sie alle seine Körpergröße und sein Gewicht haben, nichts von einem Haufen wie dem unsern zu befürchten. Sie müssen uns haben kommen sehen. Wir waren müde. Und das wäre doch sicher die beste Gelegenheit gewesen, uns anzugreifen. Oder während wir getrennt waren, ehe wir anfingen zu graben. Aber nichts dergleichen. Ich schätze, es ist wahrscheinlicher, daß sie freundlich gesinnt sind, als das Gegenteil. Nur eines begreife ich nicht: Was versprechen sie sich davon, wenn sie uns bitten, sich ihrem Gehege anzuschließen?«
    »Narren ziehen elil an, indem sie eine leichte Beute sind«, sagte Bigwig, der seinen Backenbart von Schmutz reinigte und durch seine langen Vorderzähne blies. »Und wir sind Narren, bis wir gelernt haben, hier zu leben. Vielleicht ist es sicherer, uns anzulernen. Ich weiß nicht - soll man's aufgeben? Aber ich fürchte mich nicht, das herauszubekommen. Und wenn die wirklich einige Schliche versuchen, werden sie sehr bald herausfinden, daß ich auch einige kenne. Ich hätte nichts dagegen, mein Glück zu probieren und irgendwo bequemer zu schlafen als hier. Wir haben seit gestern nachmittag nicht geschlafen.«
    »Fiver?«
    »Ich bin der Meinung, wir sollten mit diesem Kaninchen oder seinem Gehege nichts zu tun haben. Wir sollten diesen Ort sofort verlassen. Aber was hat es für einen Sinn, etwas zu sagen?«
    Hazel, kalt und feucht, empfand Ungeduld. Er war immer gewohnt gewesen, sich auf Fiver zu verlassen, und jetzt, da er ihn wirklich brauchte, ließ er sie im Stich. Blackberrys Argumentation war erstklassig gewesen, und Bigwig hatte zumindest dargelegt, worauf sich ein vernünftiges Kaninchen wahrscheinlich stützen würde. Augenscheinlich war der einzige Beitrag Fivers sein einem Käfergeist entsprungenes Hirngespinst. Er rief sich ins Gedächtnis zurück, daß Fiver kleinwüchsig war und daß sie Aufregungen hinter sich hatten und alle müde waren. In diesem Augenblick begann die Erde am anderen Ende des Baus nach innen zu bröckeln; dann brach sie auseinander, und Silvers Kopf und Vorderpfoten erschienen.
    »Hier sind wir«, sagte Silver fröhlich. »Wir haben getan, was du wolltest, Hazel, und Buckthorn ist nebenan durch. Was ich aber gerne wissen möchte: Was ist mit Wie-heißt-er-gleich? Cowpat, nein - Cowslip? Gehen wir in sein Gehege oder nicht? Wir werden uns doch nicht etwa hier verkriechen, weil wir Angst haben, ihn aufzusuchen. Was wird er von uns denken?«
    »Ich werde es euch sagen«, rief Dandelion über die Schulter. »Wenn er nicht ehrlich ist, wird er wissen, daß wir Angst haben zu kommen; und wenn er ehrlich ist, wird er denken, wir seien mißtrauische, feige Drückeberger. Wenn wir in dieser Gegend leben wollen, müssen wir uns mit seinen Leuten früher oder später arrangieren, und es geht einem gegen den Strich, herumzulungern und zuzugeben, wir wagten es nicht, sie zu besuchen.«
    »Ich weiß nicht, wie viele sie sind«, sagte Silver, »aber wir sind eine ganze Menge. Jedenfalls ist mir der Gedanke unsympathisch, uns einfach fernzuhalten. Seit wann sind Kaninchen elil? Der alte Cowslip hat keine Angst gehabt, mitten unter uns zu treten, nicht wahr?«
    »Ausgezeichnet«, sagte Hazel. »So denke ich auch. Ich wollte bloß wissen, ob ihr derselben Meinung seid. Sollen Bigwig und ich zuerst allein da hinübergehen und dann Bericht erstatten?«
    »Nein«, sagte Silver. »Gehen wir alle. Wenn wir überhaupt gehen, dann um Friths willen so, als hätten wir keine Angst. Was sagst du dazu, Dandelion?«
    »Ich denke, du hast recht.«
    »Dann werden wir jetzt aufbrechen«, sagte Hazel. »Holt die anderen, und folgt mir.«
    Draußen, in dem sich trübenden Licht des späten Nachmittags - der Regen lief ihm in die Augen und unter seine Blume -, beobachtete er sie, als sie sich ihm anschlossen. Blackberry, wachsam und intelligent, musterte zuerst den Graben in beiden Richtungen, ehe er ihn überquerte. Bigwig, quietschvergnügt bei der Aussicht auf Aktion. Der stetige, verläßliche Silver. Dandelion, der blendende Geschichtenerzähler, so begierig fortzukommen, daß er den Graben übersprang und ein kleines Stück in das Feld rannte, ehe er stehenblieb und auf die anderen wartete. Buckthorn, vielleicht der vernünftigste und anhänglichste von ihnen allen. Pipkin, der sich nach Hazel umsah und dann herüberkam, um neben ihm zu warten. Acorn, Hawkbit und Speedwell, anständige Männer aus dem Mannschaftsstand, solange sie nicht überfordert wurden. Zuletzt kam Fiver, niedergeschlagen und widerstrebend, wie ein Sperling im Frost. Als Hazel sich von dem Loch abwandte, teilten sich die Wolken im Westen leicht, und plötzlich brach der Glanz regenfeuchten, fahlgoldenen Lichtes durch.
    »O El-ahrairah!« dachte Hazel. »Es sind Kaninchen, zu denen wir stoßen werden. Du kennst sie ebensogut wie uns. Laß es das Richtige sein, was ich tue.«
    »Jetzt schwing dich auf, Fiver!« sagte er laut. »Wir warten auf dich und werden jeden Augenblick nasser.«
    Eine tropfnasse Hummel kroch über eine Distelblüte, zitterte ein paar Sekunden mit ihren Flügeln und flog dann fort über das Feld. Hazel folgte und ließ über dem silberhellen Gras eine dunkle Spur hinter sich zurück.

13. Gastfreundschaft


    Am Nachmittag kamen sie in ein Land,
    In dem immer Nachmittag zu sein schien.
    Die Küste entlang schien die träge Luft zu schwinden,
    Atmend wie einer, der einen bösen Traum hat.
    Tennyson The Lotus-Eaters

    Die Ecke des gegenüberliegenden Gehölzes erwies sich als eine klare Spitze, um die der Graben und die Bäume in einem Bogen herumliefen, so daß das Feld eine Bucht mit einer umlaufenden Böschung bildete. Es war jetzt klar, warum sich Cowslip, als er sie verließ, zwischen die Bäume begeben hatte. Er war einfach in direkter Linie von ihren Löchern zu seinen eigenen gelaufen und dabei unterwegs durch den schmalen Streifen Waldland gekommen, der dazwischen lag. Tatsächlich konnte Hazel, als er um die Spitze kam und stoppte, um sich umzusehen, die Stelle erkennen, wo Cowslip herausgekommen sein mußte. Eine klare Kaninchenspur führte aus dem Farnkraut heraus, unter den Zaun und ins Feld. In der Böschung auf der anderen Seite der Bucht waren die Kaninchenlöcher genau zu sehen; sie zeichneten sich dunkel und deutlich auf dem bloßen Boden ab. Es war ein so auffälliges Gehege, wie man es sich nur vorstellen konnte.
    »Um Himmels willen!« sagte Bigwig. »Jedes lebende Geschöpf im Umkreis von Meilen muß wissen, daß es da ist! Schaut euch bloß all die Spuren im Gras an! Glaubst du, die singen am Morgen wie die Drosseln?«
    »Vielleicht fühlen sie sich zu sicher, um sich Gedanken zu machen, wie sie sich verbergen könnten«, sagte Blackberry.
    »Schließlich war unser Heimatgehege auch ziemlich offen zu sehen.«
    »Ja, aber nicht so! Zwei hrududil könnten in einige dieser Löcher hineinsausen.«
    »Ich auch«, sagte Dandelion. »Ich werde schrecklich naß.«
    Als sie sich näherten, erschien ein großes Kaninchen über dem Grabenrand, sah sie schnell an und verschwand in der Böschung. Kurz danach kamen zwei andere heraus und warteten auf sie. Auch diese hatten seidiges Fell und waren ungewöhnlich groß.
    »Ein Kaninchen namens Cowslip hat uns Schutz hier angeboten«, sagte Hazel. »Vielleicht wißt ihr, daß er uns besucht hat?«
    Beide Kaninchen machten gleichzeitig eine seltsame, tanzende Bewegung mit dem Kopf und den Vorderpfoten. Vom Beschnuppern abgesehen, wie Hazel und Cowslip es getan hatten, als sie sich trafen, waren feierliche Gebärden -außer zur Paarungszeit - Hazel und seinen Gefährten unbekannt. Der Sinn war ihnen dunkel, und sie empfanden Unbehagen. Die Tänzer hielten inne und warteten offensichtlich auf eine Bestätigung oder Gegengeste, aber es kam keine.
    »Cowslip ist im großen Bau«, sagte einer von ihnen schließlich. »Würdet ihr uns wohl dorthin folgen?«
    »Wie viele von uns?« fragte Hazel.
    »Natürlich alle«, antwortete der andere überrascht. »Ihr wollt doch nicht im Regen draußen bleiben?«
    Hazel hatte angenommen, daß er und einer oder zwei seiner Kameraden zum Oberkaninchen geführt werden würden - das wahrscheinlich nicht Cowslip wäre, da Cowslip sie unbegleitet besucht hatte -, und danach würde man ihnen verschiedene Plätze zuweisen. Diese Trennung war es, vor der er sich gefürchtet hatte. Jetzt wurde ihm verwundert klar, daß es offensichtlich einen Teil im unterirdischen Gehege gab, der groß genug war, sie alle aufzunehmen. Er war so neugierig, ihn zu besichtigen, daß er sich nicht damit aufhielt, genaue Anordnungen über die Reihenfolge zu treffen, in der sie hinuntergehen sollten. Jedoch stellte er Pipkin direkt hinter sich. »Das wird sein kleines Herz erwärmen«, dachte er, »und wenn die ersten doch angegriffen werden, können wir ihn bestimmt leichter entbehren als andere.« Bigwig bat er, die Nachhut zu bilden. »Wenn es Schwierigkeiten gibt, verschwinde«, sagte er, »und nimm so viele wie möglich mit.« Dann folgte er ihren Führern in eines der Löcher in der Böschung.
    Der Lauf war breit, glatt und trocken. Es war offenbar eine Hauptstraße, denn von ihr gingen andere Läufe in allen Richtungen ab. Die Kaninchen vor ihm gingen schnell, und Hazel hatte wenig Zeit, herumzuschnuppem, als er ihnen folgte. Plötzlich machte er halt. Er war an einen offenliegenden Ort gekommen. Sein Backenbart konnte keine Erde vor sich fühlen, und in der Nähe seiner Flanken war auch keine. Vor ihm war ziemlich viel Luft - er spürte den Zug - und über seinem Kopf beträchtlicher Raum. Außerdem waren mehrere Kaninchen in seiner Nähe. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, daß es unter der Erde einen Ort geben könnte, der an drei Seiten ungeschützt war. Er trat schnell zurück und fühlte Pipkin an seinem Schwanz. Was für ein Narr war ich! dachte er. Warum habe ich nicht Silver da postiert?
    In diesem Augenblick vernahm er Cowslip. Er schreckte auf; denn er konnte erkennen, daß er ziemlich weit entfernt war. Dieser Ort mußte ungeheuer groß sein.
    »Bist du's, Hazel?« fragte Cowslip. »Sei uns willkommen und deine Freunde auch. Wir sind froh, daß ihr gekommen seid.«
    Keine menschlichen Wesen, mit Ausnahme der mutigen und erfahrenen Blinden, können an einem fremden Ort, wo sie nichts sehen können, sinnlich viel wahrnehmen, aber bei Kaninchen ist es anders. Sie verbringen das halbe Leben in Dunkelheit oder in annähernder Dunkelheit, und Tastsinn, Geruch und Gehör vermitteln ihnen ebensoviel oder mehr als das Sehvermögen. Hazel hatte jetzt die klarste Kenntnis dessen, wo er war. Er würde den Ort wiedererkennen, auch wenn er auf der Stelle fortginge und erst sechs Monate später wiederkäme. Er befand sich auf der einen Seite des größten Baus, in dem er je gewesen war; sandig, warm und trocken, mit einem festen, kahlen Boden. Mehrere Baumwurzeln durchzogen die Decke, und sie waren es, die die ungewöhnliche Spannweite trugen. Eine große Anzahl von Kaninchen war hier versammelt - viel mehr, als er mitbrachte. Alle hatten denselben kräftigen, üppigen Geruch wie Cowslip.
    Cowslip selbst befand sich am anderen Ende der Halle, und Hazel merkte, daß er auf eine Erwiderung von ihm wartete. Seine eigenen Gefährten kamen immer noch unter Scharren und Schlurfen nacheinander aus dem Eingangsbau. Er überlegte sich, ob er sehr förmlich sein sollte. Ob er sich nun Oberkaninchen nennen konnte oder nicht, er hatte keine Erfahrung in solchen Dinge. Der Threarah hätte sich zweifellos der Lage großartig gewachsen gezeigt. Er wollte nicht verlegen erscheinen oder seine Anhänger im Stich lassen. Er kam zu dem Schluß, daß es am besten wäre, offen und freundlich zu sein. Schließlich hätten sie reichlich Zeit, während sie sich in dem Gehege niederließen, diesen Fremden zu zeigen, daß sie ihnen in nichts nachstanden, statt Ärger zu riskieren, wenn er gleich am Anfang vornehm tat.
    »Wir sind froh, daß wir aus dem schlechten Wetter heraus sind«, sagte er. »Wir sind wie alle Kaninchen - am glücklichsten in der Menge. Als du zu uns ins Feld herüberkamst, Cowslip, sagtest du, euer Gehege sei nicht groß, aber nach den Löchern zu schließen, die wir entlang der Böschung sahen, muß es ein vortreffliches großes sein.«
    Als er schloß, spürte er, daß Bigwig soeben die Halle betreten hatte, und wußte, daß sie alle wieder beisammen waren. Die fremden Kaninchen schienen durch seine kleine Rede leicht verstimmt, und er merkte, daß er aus irgendeinem Grunde nicht den richtigen Ton angeschlagen hatte, als er sie zu ihrer großen Zahl beglückwünschte. Vielleicht waren es doch nicht so sehr viele? Hatte eine Krankheit gewütet? Aber weder roch es danach, noch gab es sonstige Anzeichen. Sie waren die größten und gesündesten Kaninchen, die er je kennengelernt hatte. Vielleicht hatten ihre nervöse Unruhe und ihr Schweigen mit dem nichts zu tun, was er gesagt hatte? Vielleicht hatte er einfach nicht gut gesprochen, weil er keine Übung darin hatte, und sie glaubten, daß er sich ihren feinen Bräuchen nicht anpassen könne. Schadet nichts, dachte er. Nach gestern Abend bin ich mir meines eigenen Haufens sicher. Wir wären nicht hier, wenn wir schwierigen Situationen nicht gewachsen wären. Diese anderen Burschen werden uns eben kennenlernen müssen. Auf jeden Fall scheinen sie keine Abneigung gegen uns zu empfinden.
    Es wurden keine Reden mehr gehalten. Kaninchen haben ihre eigenen Konventionen und Förmlichkeiten, wenn auch nur wenige und kurze, nach menschlichen Normen. Wenn Hazel ein menschliches Wesen gewesen wäre, hätte man von ihm erwartet, daß er seine Gefährten vorstellte, und zweifellos wäre jeder als Gast von einem ihrer Gastgeber in Obhut genommen worden. In dem großen Bau hingegen ging es anders zu. Die Kaninchen vermischten sich ganz natürlich. Sie redeten nicht um des Redens willen, in der gekünstelten Art, wie es menschliche Wesen - und manchmal sogar ihre Hunde und Katzen - tun. Was aber nicht bedeutete, daß sie sich nicht miteinander in Verbindung setzten; nur geschah es nicht durch Geplauder. Im ganzen Bau gewöhnten sich die Neuankömmlinge und diejenigen, die hier zu Hause waren, auf ihre eigene Weise und wann es ihnen paßte aneinander. Ausfindig zu machen, wie die Fremden rochen, wie sie sich bewegten, wie sie atmeten, wie sie kratzten, Eindruck von ihrem Rhythmus und ihren Impulsen zu gewinnen - das waren ihre Themen und Diskussionsgegenstände, ohne das Bedürfnis nach Reden. In einem stärkeren Ausmaß als ein Mensch in einer ähnlichen Versammlung war jedes Kaninchen, wenn es seinem eigenen kleinen Teil nachging, empfindlich für den Trend des Ganzen. Nach einiger Zeit wußten alle, daß das Zusammentreffen nicht unfreundlich oder in einem Streit enden würde. Genau wie eine Schlacht in einem Stadium des Gleichgewichts zwischen beiden Seiten beginnt, das sich allmählich so oder so verändert, bis sich die Waage so weit geneigt hat, daß das Ergebnis nicht mehr im Zweifel sein kann - so begann diese Zusammenkunft von Kaninchen im Dunkeln mit zögernden Annäherungen, Schweigen, Pausen, Bewegungen, Nebeneinanderhocken und allen Arten von probender Abschätzung, bewegte sich langsam, wie sich die eine Hälfte des Erdballs dem Sommer zuneigt, in einen wärmeren, helleren Bereich gegenseitiger Sympathie und Anerkennung, bis alle sicher waren, daß sie nichts zu befürchten hatten. Pipkin hockte, etwas abseits von Hazel, bequem zwischen zwei riesigen Kaninchen, die ihm in einer Sekunde den Hals hätten brechen können, während Buckthorn und Cowslip eine spielerische Balgerei begannen, sich gegenseitig kneifend wie junge Kätzchen und dann abbrechend, um ihre Ohren in komisch feierlicher Verstellung zu kämmen. Nur Fiver saß allein und abgesondert. Er schien entweder krank oder sehr deprimiert, und die Fremden mieden ihn instinktiv.
    Die Gewißheit, daß die Versammlung erfolgreich verlaufen war, überkam Hazel in Form der Erinnerung an Silver, wie dessen Kopf und Pfoten durch den Kies brachen. Sofort empfand er Wärme und Entspannung. Er hatte bereits die ganze Länge der Halle durchquert und wurde dicht an zwei Kaninchen gedrängt, einen Rammler und ein Weibchen, jedes von ihnen so groß wie Cowslip. Als beide zusammen einige gemächliche Hopser einen der in der Nähe gelegenen Läufe hinunter machten, folgte ihnen Hazel, und nach und nach entfernten sich alle drei aus der Halle. Sie kamen in einen kleineren Bau, der tiefer unter der Erde lag. Augenscheinlich gehörte er dem Paar, das sich darin niederließ, als wäre es dort zu Hause, und nichts dagegen hatte, als Hazel dasselbe tat. Hier, während die Stimmung der großen Halle langsam von ihnen wich, schwiegen alle drei eine Weile.
    »Ist Cowslip das Oberkaninchen?« fragte Hazel schließlich.
    Der andere erwiderte mit einer Gegenfrage: »Wirst du Oberkaninchen genannt?«
    Hazel fand es peinlich, darauf zu antworten. Falls er erwiderte, er sei es, wurden seine neuen Freunde ihn in Zukunft vielleicht so anreden, und er konnte sich leicht vorstellen, was Bigwig und Silver dazu sagen würden. Wie gewöhnlich bediente er sich der reinen Wahrheit.
    »Wir sind nur wenige«, sagte er. »Wir verließen unser Gehege in Eile, um vor etwas Schlimmem zu fliehen. Die meisten blieben da, einschließlich des Oberkaninchens. Ich habe versucht, meine Freunde zu führen, aber ich weiß nicht, ob sie es gern hören würden, wenn man mich als Oberkaninchen bezeichnete.«
    »Jetzt wird er mir Fragen stellen«, dachte er. »>Warum gingt ihr? Warum ist der Rest nicht mit euch gekommen? Wovor hattet ihr Angst?< Und was um alles in der Welt soll ich sagen?«
    Als dann das andere Kaninchen sprach, war es klar, daß es entweder nicht an dem interessiert war, was Hazel gesagt hatte, oder sonst einen Grund hatte, ihm keine Fragen zu stellen.
    »Wir nennen niemanden Oberkaninchen«, sagte er. »Es war Cowslips Idee, euch heute nachmittag zu besuchen, und deshalb war er auch derjenige, der ging.«
    »Aber wer entscheidet, was gegen elil zu geschehen hat? Und über das Graben, das Aussenden von Spähtrupps und so weiter?«
    »Oh, wir tun nie etwas Derartiges. Elil halten sich von hier fern. Letzten Winter gab es einen homba, aber der Mann, der durch die Felder geht, erschoß ihn mit seinem Gewehr.«
    Hazel starrte ihn an. »Aber Menschen schießen keine homba.«
    »Nun, er tötete jedenfalls diesen hier. Er tötet auch Eulen. Wir brauchen nie zu graben. Solange ich lebe, hat noch niemand gegraben. Eine Menge Baue stehen leer, müßt ihr wissen. Ratten leben in einem Teil, aber der Mann tötet auch sie, wenn er kann. Wir brauchen keine Spähtrupps. Hier gibt es besseres Futter als irgendwo anders. Deine Freunde werden glücklich sein, hier leben zu können.«
    Doch es klang nicht besonders glücklich, wie er es sagte, und wieder war Hazel eigentümlich verdutzt. »Wo kommt der Mann -«, begann er. Aber er wurde unterbrochen.
    »Ich heiße Strawberry. Das ist mein Weibchen, Nildro-hain[6] . Einige der besten leeren Baue sind ganz in der Nähe. Ich zeige sie dir, falls deine Freunde sich dort niederlassen wollen. Der große Bau ist fabelhaft, findest du nicht auch? Ich bin sicher, daß es nicht viele Gehege gibt, wo alle Kaninchen sich unterirdisch treffen können. Die Decke besteht aus Baumwurzeln. Und natürlich hält der Baum draußen den Regen ab. Es ist ein Wunder, daß der Baum lebt, aber er lebt.«
    Hazel vermutete, daß Strawberrys Plappern den wahren Zweck hatte, Fragen seinerseits zu verhindern. Er war teils irritiert, teils verblüfft.
    »Schadet nichts«, dachte er. »Wenn wir alle so groß werden wie diese Burschen, werden wir eine Menge erreichen. Es muß hierherum gutes Futter geben. Sein Weibchen ist ein schönes Geschöpf. Vielleicht gibt es im Gehege noch mehr wie sie.«
    Strawberry verließ den Bau, und Hazel folgte ihm in einen anderen Lauf, der tiefer unter das Gehölz führte. Es war tatsächlich ein bewundernswertes Gehege. Wenn sie einen Lauf kreuzten, der nach oben zu einem Loch führte, konnte man manchmal den noch immer fallenden Nachtregen hören. Aber obgleich es jetzt seit mehreren Stunden regnete, war keine Feuchtigkeit oder Kälte in den Läufen oder den vielen Bauen, an denen sie vorüberkamen, zu spüren. Sowohl die Entwässerung als auch die Ventilation waren besser, als er es gewohnt war. Hier und da waren andere Kaninchen auf dem Marsch. Einmal trafen sie Acorn, der offensichtlich auf einen ähnlichen Rundgang mitgenommen worden war. »Die sind sehr freundlich, nicht wahr?« sagte er zu Hazel, als sie aneinander vorbeikamen. »Ich habe mir nie träumen lassen, daß wir einen solchen Ort erreichen würden. Du hast ein wunderbares Urteilsvermögen, Hazel.« Strawberry wartete höflich, bis er geendet hatte, und Hazel war unwillkürlich froh, daß er alles mit angehört hatte.
    Schließlich, nachdem sie sorgsam einige Öffnungen umgangen hatten, aus denen ein merklicher Geruch nach Ratten drang, machten sie in einer Art Grube halt. Ein steiler Tunnel führte an die Luft. Kaninchenläufe sind im allgemeinen bogenförmig angelegt; aber dieser hier war gerade, so daß Hazel über sich, durch die Mündung des Loches, Blätter gegen den Nachthimmel sehen konnte. Er stellte fest, daß eine Wand der Grube nach außen gewölbt war und aus einer harten Materie bestand. Er schnupperte unsicher daran.
    »Weißt du nicht, was das ist?« fragte Strawberry. »Es sind Backsteine; die Steine, mit denen die Menschen ihre Häuser und Scheunen bauen. Vor langer Zeit war hier ein Brunnen, aber er ist jetzt zugeschüttet - die Menschen benutzen ihn nicht mehr. Das ist die Außenseite des Brunnenschachtes. Und dieser Erdwall hier ist vollkommen flach, weil dahinter ein Menschen-Ding im Boden befestigt ist, aber ich weiß nicht, was.«
    »Da steckt irgend etwas drin«, sagte Hazel. »Nanu, da sind Steine in die Oberfläche gestoßen! Aber wozu?«
    »Gefällt es dir?« fragte Strawberry.
    Hazel zerbrach sich den Kopf über die Steine. Sie hatten alle dieselbe Größe und waren in regelmäßigen Abständen in den Boden gesteckt.
    »Wofür sind die denn?« fragte er wieder.
    »Es ist El-ahrairah«, sagte Strawberry. »Ein Kaninchen namens Goldregen machte es vor einiger Zeit. Wir haben andere, aber dies hier ist das beste. Einen Besuch wert, findest du nicht?«
    Hazel war mehr in Verlegenheit denn je. Er hatte nie Goldregen gesehen und geriet wegen des Namens, der in der Hasensprache »Gift-Baum« bedeutet, in Verwirrung. Wie konnte ein Kaninchen Gift heißen? Und wie konnten Steine El-ahrairah sein? In seiner Verwirrung sagte er: »Ich begreife das nicht.«
    »Wir nennen das eine Gestalt«, erklärte Strawberry. »Hast du noch nie eine gesehen? Die Steine werfen die Gestalt von El-ahrairah an die Wand. Den Salat des Königs stehlen. Verstehst du?«
    Seitdem Blackberry von dem Floß neben dem Enborne gesprochen hatte, war Hazel nicht so durcheinander gewesen. Offensichtlich konnten die Steine doch nichts mit El-ahrairah zu tun haben. Er fand, daß Strawberry ebensogut gesagt haben könnte, sein Schwanz sei eine Eiche. Er schnupperte und hob dann die Pfote zur Wand hoch.
    »Sachte, sachte«, sagte Strawberry. »Du könntest sie beschädigen, und das hätten wir nicht so gern. Schon gut. Wir kommen ein andermal wieder.«
    »Aber wo sind -«, begann Hazel, als Strawberry ihn wieder unterbrach.
    »Ich nehme an, du bist jetzt hungrig. Ich bin's jedenfalls. Es wird bestimmt die ganze Nacht weiterregnen, aber wir können hier unterirdisch fressen, weißt du? Und dann kannst du in dem großen Bau schlafen oder bei mir, wenn du das lieber möchtest. Wir können schneller zurückgehen, als wir gekommen sind. Es gibt einen Gang, der nahezu gerade verläuft. Tatsächlich führt er hinüber -«
    Er plapperte unbarmherzig weiter, während sie zurückliefen. Plötzlich ging es Hazel auf, daß diese verzweifelten Unterbrechungen jeder Frage zu folgen schienen, die mit einem »Wo?« begann. Er wollte die Probe darauf machen. Nach einer Weile schloß Strawberry mit den Worten: »Wir sind jetzt beinahe am großen Bau, aber wir kommen auf einem anderen Weg hinein.«
    »Und wo -«, begann Hazel. Sofort bog Strawberry in einen Seitenlauf ein und rief: »Kingcup! Kommst du in den großen Bau herunter?« Schweigen. »Das ist komisch!« sagte Strawberry, der zurückkam und wieder vorausging. »Im allgemeinen ist er um diese Zeit da. Ich hole ihn oft ab, weißt du?«
    Hazel, der etwas zurückblieb, erkundete schnell mit Nase und Schnurrbart. Die Schwelle des Baues war mit einem einen Tag alten Belag weicher Erde bedeckt, die von der Decke gefallen war. Strawberrys Abdrücke waren deutlich zu erkennen, aber andere Spuren, gleich welcher Art, gab es nicht.

14. »Wie Bäume im November«


    Höfe und Lager sind die einzigen Orte, um die Welt kennenzulernen ... Nimm den Tonfall der Gesellschaft an, in der du dich befindest.
    The Earl of Chesterfield Letters to his Son

    Der große Bau war nicht so voll, wie er gewesen war, als sie ihn verlassen hatten. Nildro-hain war das erste Kaninchen, das sie trafen. Sie befand sich in einer Gruppe von drei oder vier schönen Weibchen, die sich ruhig unterhielten und gleichzeitig zu fressen schienen. Es roch nach Grünfutter. Offenbar war irgendein Futter unterirdisch verfügbar, wie der Salat vom Threarah. Hazel hielt an, um mit Nildro-hain zu sprechen. Sie fragte, ob sie bis zur Brunnengrube und zu El-ahrairah von Goldregen gegangen seien.
    »Ja«, sagte Hazel. »Es schien mir etwas merkwürdig, fürchte ich. Und ich würde lieber dich und deine Freundinnen bewundern als Steine an der Wand.«
    Während er sprach, bemerkte er, daß Cowslip sich zu ihnen gesellt hatte und Strawberry leise mit ihm redete. Er fing die Worte auf - »Nie in der Nähe einer Gestalt gewesen« -, und einen Augenblick später erwiderte Cowslip: »Nun, es macht auch keinen Unterschied von unserem Standpunkt aus.«
    Plötzlich fühlte sich Hazel erschöpft und deprimiert. Er bemerkte Blackberry hinter Cowslips geschmeidiger und wuchtiger Schulter und ging zu ihm hinüber.
    »Komm ins Gras hinaus«, sagte er ruhig. »Bring jeden mit, der kommen will.«
    In diesem Augenblick wandte sich Cowslip an ihn und sagte:    »Du wirst froh sein, jetzt etwas zu fressen zu bekommen. Ich zeige dir, was wir hier unten haben.«
    »Ein paar von uns gehen gerade zum silflay «, sagte Hazel.
    »Oh, dazu regnet es immer noch zu stark«, sagte Cowslip, als könnte es darüber keine unterschiedlichen Ansichten geben. »Wir werden euch hier füttern.«
    »Es täte mir leid, darüber zu streiten«, sagte Hazel fest, »aber einige von uns brauchen silflay. Wir sind es gewohnt, und der Regen stört uns nicht.«
    Cowslip schien einen Augenblick bestürzt. Dann lachte er.
    Das Phänomen des Lachens ist Tieren unbekannt, obgleich es möglich ist, daß Hunde und Elefanten eine dunkle Ahnung davon haben. Die Wirkung auf Hazel und Blackberry war überwältigend. Hazel dachte zuerst, bei Cowslip zeigten sich Anzeichen irgendeiner Krankheit, Blackberry nahm offensichtlich an, daß er sie angreifen wollte, und zog sich zurück. Cowslip sagte nichts, aber sein unheimliches Lachen hielt an. Hazel und Blackberry drehten sich um und machten sich den nächsten Lauf hinauf davon, als ob er ein Frettchen wäre. Auf halbem Weg nach oben trafen sie Pipkin, der klein genug war, sie zunächst vorbeigehen zu lassen, um sich dann umzudrehen und ihnen zu folgen.
    Der Regen fiel jetzt stetig. Die Nacht war finster und für den Mai kalt. Die drei kauerten sich ins Gras und knabberten, während der Regen in Strömen an ihrem Fell hinunterrann.
    »Meine Güte, Hazel«, sagte Blackberry, »wolltest du wirklich silflay[7]? Das ist ja furchtbar! Ich wollte gerade fressen, egal, was sie haben, und dann schlafen gehen. Was ist denn los?«
    »Ich weiß nicht«, erwiderte Hazel. »Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich mußte hinaus, und ich wollte dich dabeihaben. Mir ist klar, was Fiver beunruhigt, obgleich er bestimmt darüber hinwegkommt. Es ist etwas Seltsames an diesen Kaninchen. Weißt du, daß sie Steine in die Wand stoßen?«
    »Was tun sie?«
    Hazel erklärte es. Blackberry war ebenso ratlos, wie er es gewesen war. »Aber ich kann dir auch etwas erzählen«, sagte er. »Bigwig hatte gar nicht so unrecht. Sie singen wirklich wie die Vögel. Ich war in einem Bau, der einem Kaninchen namens Betony gehört. Sein Weibchen hat einen Wurf, und sie stimmte ein Geschrei an, fast wie ein Rotkehlchen im Herbst. Um sie in den Schlaf zu singen, sagte sie. Ich kam mir wirklich komisch vor, kann ich dir sagen.«
    »Und was hältst du von ihnen, Hlao-roo?« fragte Hazel.
    »Sie sind sehr nett und freundlich«, antwortete Pipkin, »aber ich will dir sagen, was mir an ihnen auffällt. Sie wirken alle furchtbar traurig. Ich kann mir nicht vorstellen, warum, wo sie so groß und stark sind und dieses schöne Gehege haben. Aber sie erinnern mich an Bäume im November. Sicher ist es dumm von mir, Hazel. Du hast uns hierher gebracht, und bestimmt ist es ein schöner, sicherer Ort.«
    »Nein, es ist durchaus nicht dumm. Mir war es nicht klar, aber du hast vollkommen recht. Sie scheinen alle etwas auf dem Herzen zu haben.«
    »Im übrigen«, sagte Blackberry, »wissen wir nicht, warum es so wenig sind. Sie füllen das Gehege bei weitem nicht aus. Vielleicht haben sie irgendeinen Kummer gehabt, den sie nicht verwinden können.«
    »Wir wissen es nicht, weil sie uns nichts sagen. Aber wenn wir hierbleiben wollen, müssen wir lernen, mit ihnen zurechtzukommen. Wir können sie nicht bekämpfen - sie sind zu groß. Und wir wollen nicht, daß sie uns bekämpfen.«
    »Ich glaube nicht, daß sie überhaupt kämpfen können, Hazel«, sagte Pipkin. »Obgleich sie so groß sind, scheinen sie mir keine Kämpfer zu sein. Nicht wie Bigwig und Silver.«
    »Du bemerkst eine ganze Menge, nicht wahr, Hlao-roo?« sagte Hazel. »Bemerkst du vielleicht auch, daß es mehr denn je regnet? Ich habe genug Gras in meinem Magen für 'ne Weile. Gehen wir jetzt wieder hinunter, aber bleiben wir ein Weilchen unter uns.«
    »Warum gehen wir nicht schlafen?« sagte Blackberry. »Es ist jetzt über eine Nacht und einen Tag her, und ich falle fast um.«
    Sie kehrten durch ein anderes Loch nach unten zurück und fanden bald einen trockenen, leeren Bau, wo sie sich zusammenrollten und in der Wärme ihrer eigenen müden Körper schliefen.
    Als Hazel aufwachte, merkte er sofort, daß es Morgen war - einige Zeit nach Sonnenaufgang, dem Geruch nach zu schließen. Der Geruch von Apfelblüten war deutlich genug. Dann nahm er die undeutlicheren Gerüche von Hahnenfuß und Pferden auf und vermischt mit diesen noch einen anderen. Obgleich es ihn ängstigte, konnte er einige Augenblicke nicht sagen, was es war. Ein gefährlicher Geruch, ein unangenehmer Geruch, ein vollkommen unnatürlicher Geruch, sehr dicht draußen: ein Rauch-Geruch - etwas brannte. Dann erinnerte er sich, wie Bigwig nach seinem gestrigen Spähunternehmen von den kleinen weißen Stöcken im Gras gesprochen hatte. Das war's. Ein Mann war draußen über die Erde gegangen. Das mußte es gewesen sein, was ihn aufgeweckt hatte.
    Hazel lag mit einem köstlichen Gefühl der Sicherheit in dem warmen, dunklen Bau. Er konnte den Mann riechen, aber der Mann konnte ihn nicht riechen. Alles, was der Mann riechen konnte, war der scheußliche Rauch, den er machte. Ihm kam die Gestalt in der Brunnengrube in den Sinn, und dann versank er in einen dumpfen Halbschlaf, in dem El-ahrairah sagte, es sei eine List von ihm, sich als Gift-Baum zu tarnen und die Steine in die Wand zu setzen, um Strawberrys Aufmerksamkeit zu erregen, während er selbst sich mit Nildro-hain bekannt machte.
    Pipkin regte sich und drehte sich im Schlaf um, murmelte »Sayn lay narn, marli?« (»Ist Kreuzkraut fein, Mutter?«), und Hazel glaubte gerührt, daß er von alten Tagen träumte, und rollte sich auf die Seite, damit er Platz hatte, bequem zu liegen. Doch in diesem Augenblick hörte er ein Kaninchen durch einen Lauf in der Nähe herunterkommen. Wer immer es war, es rief - und trommelte auch, wie Hazel bemerkte - auf eine unnatürliche Weise. Der Ton, wie Blackberry schon sagte, war dem Vogelgesang nicht unähnlich. Als es näher kam, konnte Hazel das Wort verstehen.
    »Flayrah! Flayrah
    Es war Strawberrys Stimme. Pipkin und Blackberry wachten auf, mehr durch das Trommeln als durch die Stimme, die dünn und ungewöhnlich war und nicht durch den Schlaf in ihr Bewußtsein drang. Hazel glitt aus dem Bau in den Lauf und stieß sofort auf Strawberry, der emsig damit beschäftigt war, mit einem Hinterbein auf den harten Erdboden zu hämmern.
    »Meine Mutter sagte immer: >Wenn du ein Pferd wärest, würde die Decke einfallen<«, sagte Hazel. »Warum trommelst du unterirdisch?«
    »Um alle zu wecken«, antwortete Strawberry. »Es hat beinahe die ganze Nacht geregnet, weißt du? Wir schlafen im allgemeinen etwas länger, wenn das Wetter schlecht ist. Aber es ist jetzt schön geworden.«
    »Aber warum weckst du eigentlich alle?«
    »Nun, der Mann ist vorübergekommen, und Cowslip und ich dachten, daß das flayrah nicht zu lange herumliegen sollte. Wenn wir es nicht holen, kommen die Ratten und Saatkrähen, und ich kämpfe nicht gern mit Ratten. Ich nehme an, das gehört alles zu einem abenteuerlichen Haufen wie dem eurigen mit dazu.«
    »Ich verstehe nicht.«
    »Nun, komm mit. Ich gehe nur rasch zurück, um Nildro-hain zu holen. Wir haben zur Zeit keinen Wurf, verstehst du, sie wird also mit uns hinauskommen.«
    Andere Kaninchen kamen durch diesen Lauf, und Strawberry sprach mit mehreren von ihnen, wobei er mehr als einmal bemerkte, daß er ihre neuen Freunde gerne mit über die Wiese nähme. Hazel wurde sich bewußt, daß er Strawberry mochte. Am gestrigen Tag war er zu müde und verwirrt gewesen, um sich ein Urteil über ihn zu bilden. Aber jetzt, nachdem er gut geschlafen hatte, konnte er sehen, daß Strawberry wirklich ein harmloser, anständiger Bursche war. Er war der schönen Nildro-hain rührend ergeben, und offensichtlich hatte er Heiterkeitsanwandlungen und eine ausgeprägte Fähigkeit, sich zu amüsieren. Als sie in den Maimorgen hinauskamen, hopste er über den Graben und sprang munter wie ein Eichhörnchen in das hohe Gras. Er schien seine Gedankenverlorenheit völlig abgelegt zu haben, die Hazel am Abend zuvor gestört hatte. Hazel selbst blieb am Rande des Loches stehen, wie er es immer hinter dem Dornengestrüpp zu Hause getan hatte, und blickte über das Tal.
    Die Sonne, die hinter dem niedrigen Wäldchen aufgegangen war, warf lange Schatten von den Bäumen südwestlich über die Wiese. Das nasse Gras glitzerte, und ein Nußbaum in der Nähe glänzte irisierend, flimmerte und schimmerte, als seine Äste sich in dem leichten Wind bewegten. Der Bach war angeschwollen, und Hazels Ohren konnten das tiefere, ruhigere Geräusch, das sich seit dem Vortag verändert hatte, ausmachen. Der Hang zwischen dem Unterholz und dem Bach war mit blassem Wiesenschaumkraut bedeckt; die zerbrechlichen Blütenstengel über einer Fläche von kresseartigen Blättern standen einzeln im Gras. Die Brise legte sich, und das kleine Tal, auf beiden Seiten von den Reihen der Gehölze eingeschlossen, lag vollkommen still unter langen Sonnenstrahlen. In diese klare Stille fiel, wie Federn auf die Oberfläche eines Teiches, der Ruf eines Kuckucks.
    »Es ist ganz sicher, Hazel«, sagte Cowslip hinter ihm im Loch. »Ich weiß, du bist gewohnt, dich genau umzusehen, wenn du silflay willst, aber hier gehen wir gewöhnlich stracks hinaus.«
    Hazel beabsichtigte nicht, seine Gewohnheiten zu ändern oder Vorschriften von Cowslip anzunehmen. Jedoch hatte ihn niemand gedrängt, und es hatte keinen Zweck, sich über Kleinigkeiten zu zanken. Er hopste durch den Graben ans andere Ende der Böschung und sah sich noch mal um. Mehrere Kaninchen rannten schon durch die Wiese auf eine entfernt gelegene Hecke zu, die mit großen Flecken von Weißdornblüten gesprenkelt war. Er sah Bigwig und Silver und gesellte sich zu ihnen, wobei er die Nässe wie eine Katze Schritt für Schritt von den Vorderpfoten abschüttelte.
    »Ich hoffe, deine Freunde haben sich ebenso um dich gekümmert, wie diese Burschen hier für uns gesorgt haben, Hazel«, sagte Bigwig. »Silver und ich fühlen uns wirklich wieder zu Hause. Wenn du mich fragst, so schätze ich, wir haben uns alle mächtig verbessert. Selbst wenn Fiver sich irrt und nichts Furchtbares sich im alten Gehege ereignet hat, sag' ich trotzdem, daß wir hier besser dran sind. Kommst du mit zum Fressen?«
    »Was machen die bloß für ein Getue um das Fressen, weißt du das?« fragte Hazel.
    »Haben sie's dir nicht gesagt? Offenbar gibt es flayrah am
    Ende der Wiesen. Die meisten gehen jeden Tag.«
    (Kaninchen fressen gewöhnlich Gras, wie jedermann weiß. Aber appetitanregenderes Futter wie Salat oder Mohrrüben, für das sie weitere Wege auf sich nehmen oder einen Garten ausrauben, ist flayrah.)
    »Flayrah? Aber ist es nicht schon zu spät am Morgen, um einen Garten zu überfallen?« fragte Hazel, einen Blick auf die fernen Dächer der Farm hinter den Bäumen werfend.
    »Nein, nein«, sagte eines der Gehege-Kaninchen, das ihn zufällig gehört hatte. »Das flayrah liegt auf den Wiesen, gewöhnlich nahe der Quelle des Bachs. Wir fressen es entweder dort oder holen es oder beides. Aber heute werden wir einiges holen müssen. Der Regen war so schlimm gestern nacht, daß keiner hinausging und wir beinahe alles im Gehege aufgefressen haben.«
    Der Bach rann durch die Hecke, und eine Lücke diente als Viehdurchgang. Nach dem Regen waren die Ränder ein Sumpf, das Wasser stand in jedem Hufabdruck. Die Kaninchen machten einen weiten Bogen und schlüpften durch eine andere Lücke weiter oben hindurch, ganz dicht bei dem knorrigen Stumpf eines alten Holzapfelbaums. Dahinter umgab eine halb mannshohe Umzäunung aus Pfosten und Querstangen ein Binsendickicht, in dem Sumpfdotterblumen blühten. Dort entsprang der Bach.
    Auf der Weide in der Nähe konnte Hazel rostbraune und orangefarbene Stücke herumliegen sehen, einige mit federartigem hellgrünem Blätterwerk, das sich von dem dunkleren Gras abhob. Sie strömten einen scharfen Stallgeruch aus, als wenn sie frisch geschnitten wären. Es zog ihn an. Er begann Speichel abzusondern und stoppte, um hraka abzugeben. Cowslip, der in der Nähe auftauchte, kam mit seinem unnatürlichen Lächeln auf ihn zu. Doch diesmal schenkte ihm Hazel in seinem Eifer keine Aufmerksamkeit. Machtvoll angezogen, rannte er aus der Hecke heraus auf den bestreuten Boden zu. Er erreichte eines der Stücke, beschnüffelte und probierte es. Es waren Mohrrüben.
    Hazel hatte schon die verschiedensten Wurzeln in seinem Leben gefressen, aber nur einmal hatte er Mohrrüben gekostet, als ein Karrenpferd in der Nähe des heimatlichen Geheges einen Futterbeutel verschüttet hatte. Dies hier waren alte Mohrrüben, einige von ihnen von Mäusen oder Fliegen angefressen. Aber für die Kaninchen atmeten sie Üppigkeit, ein Festmahl, das alle anderen Sinne ausschaltete. Hazel saß knabbernd und beißend da, der kräftige, volle Geschmack der verfeinerten Wurzeln erfüllte ihn mit einer Welle von Vergnügen. Er hopste im Gras umher, nagte an einem Stück nach dem anderen, fraß die grünen Spitzen zusammen mit den Scheiben. Niemand störte ihn. Es schien genug für alle dazusein. Von Zeit zu Zeit blickte er instinktiv auf und schnupperte den Wind, aber seine Vorsicht war nur halbherzig. »Wenn elil kommen, laß sie«, dachte er. »Ich nehme es mit allen auf. Ich könnte sowieso nicht weglaufen. Was für ein Land! Was für ein Gehege! Kein Wunder, daß sie so groß wie Hasen sind und wie Fürsten riechen!« - »Hallo, Pipkin! Friß dich bis zu den Ohren voll! Kein Bibbern mehr auf den Böschungen von Bächen, alter Junge!«
    »Er wird in zwei bis drei Wochen total vergessen haben, wie das ist: bibbern«, sagte Hawkbit mit vollem Maul. »Ich fühle mich so viel besser! Ich würde dir überallhin folgen, Hazel. Ich war nicht ganz bei mir in dem Heidekraut neulich nachts. Es ist übel, wenn man weiß, man kann nicht mehr unter die Erde flitzen. Ich hoffe, du verstehst das.«
    »Vergessen und vergeben«, antwortete Hazel. »Ich frage jetzt lieber Cowslip, ob wir von dem Zeug einiges ins Gehege mitnehmen sollen.«
    Er fand Cowslip nahe der Quelle. Offenbar hatte er genug gefressen und wusch sich das Gesicht mit den Vorderpfoten.
    »Gibt es hier jeden Tag Wurzeln?« fragte Hazel. »Wo -« Er hielt sich gerade noch rechtzeitig im Zaum. Ich lerne, dachte er.
    »Nicht immer Wurzeln«, erwiderte Cowslip. »Das sind letztjährige, wie du bemerkt haben wirst. Ich nehme an, die Reste werden hinausgeworfen. Es kann alles mögliche sein -Wurzeln, Grünzeug, alte Äpfel -, kommt ganz darauf an. Manchmal liegt überhaupt nichts da, besonders bei gutem Sommerwetter. Aber bei schlechtem Wetter, im Winter, liegt beinahe immer etwas da. Große Wurzeln gewöhnlich oder Kohl oder manchmal Korn. Das fressen wir auch, weißt du?«
    »Futter ist also kein Problem. Dieser Ort hier müßte von Kaninchen wimmeln. Ich schätze -«
    »Wenn du wirklich fertig bist«, unterbrach Cowslip, »aber es ist gar nicht eilig, nimm dir Zeit -, könntest du versuchen, einiges fortzuschaffen. Mit diesen Wurzeln ist es leicht - leichter als alles andere, mit Ausnahme von Salat. Du beißt einfach in eine hinein, bringst sie ins Gehege und legst sie in den großen Bau. Ich nehme gewöhnlich zwei auf einmal, aber ich habe ja auch schon viel Übung darin. Kaninchen schaffen im allgemeinen kein Futter fort, ich weiß, aber du wirst es lernen. Es ist ganz nützlich, einen Vorrat zu haben. Die Weibchen brauchen etwas für ihre Jungen, wenn sie größer werden; und für uns alle ist es besonders bequem bei schlechtem Wetter. Komm mit mir zurück, und ich werde dir helfen, wenn du den Transport zuerst schwierig findest.«
    Es kostete Hazel einige Mühe, eine halbe Mohrrübe mit seinem Maul zu packen und sie wie ein Hund über die Wiese ins Gehege zurückzutragen. Er mußte sie mehrere Male niederlegen. Aber Cowslip ermutigte ihn, und er war entschlossen, seine Stellung als der einfallsreiche Führer der Neuankömmlinge zu halten. Auf seinen Vorschlag hin warteten sie beide an der Mündung eines der größeren Löcher, um zu sehen, wie seine Gefährten sich machten. Sie schienen sich alle anzustrengen und ihr Bestes zu geben, obgleich die kleineren Kaninchen - besonders Pipkin - die Aufgabe schwierig fanden.
    »Kopf hoch, Pipkin«, sagte Hazel. »Denk daran, wie gut es dir heute Abend schmecken wird. Jedenfalls bin ich sicher, daß es Fiver ebenso schwerfällt wie dir; er ist genauso klein.«
    »Ich weiß nicht, wo er ist«, sagte Pipkin. »Hast du ihn gesehen?«
    Tatsächlich, es stimmte: Er hatte ihn nicht gesehen. Er bekam etwas Angst, und als er mit Cowslip über die Wiese zurückkehrte, bemühte er sich, Fivers sonderbare Gemütsart zu erklären. »Ich hoffe, es fehlt ihm nichts«, sagte er. »Ich sollte mich vielleicht nach ihm umsehen, wenn wir die nächste Partie fortgetragen haben. Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte?«
    Er wartete auf eine Antwort, wurde aber enttäuscht. Nach einigen Augenblicken sagte Cowslip: »Schau, siehst du diese Dohlen, die sich um die Mohrrüben herumtreiben? Sie sind seit Tagen die reinste Plage. Ich muß jemanden finden, der sie verscheucht, bis wir alles fortgetragen haben. Aber sie sind wirklich zu groß, als daß ein Kaninchen sie angreifen könnte. Wogegen Spatzen -«
    »Was hat das mit Fiver zu tun?« fragte Hazel scharf.
    »Na ja«, sagte Cowslip und lief los, »ich werde selbst nach dem Rechten sehen.«
    Aber er griff die Dohlen nicht an, und Hazel sah, daß er eine weitere Mohrrübe auflas und mit ihr davonlief. Verärgert schloß er sich Buckthorn und Dandelion an, und zu dritt kehrten sie zurück.
    Als sie sich der Böschung des Geheges näherten, erblickte er plötzlich Fiver. Er saß halb verborgen unter den tiefhängenden Ästen einer Eibe am Rande des Unterholzes, etwas von den Löchern des Geheges entfernt. Hazel legte seine Mohrrübe hin, rannte hinüber, kletterte die Böschung hinauf und setzte sich zu ihm auf den nackten Boden unter den tiefen, dichten Ästen. Fiver schwieg und starrte weiter über die Wiese.
    »Willst du nicht auch lernen, wie man etwas trägt?« fragte Hazel schließlich. »Es ist nicht so schwer, wenn man den Dreh einmal raus hat.«
    »Ich will nichts    damit zu tun haben«, antwortete Fiver leise. »Hunde - ihr    seid    wie Stöcke tragende Hunde.«
    »Fiver! Willst du, daß ich böse werde? Es regt mich nicht auf, daß du mich beschimpfst. Aber du läßt die anderen die ganze Arbeit machen.«
    »Ich bin derjenige, der böse sein sollte«, sagte Fiver. »Aber es liegt mir nicht, das ist das Dumme. Warum sollten sie auf mich hören? Die Hälfte von ihnen glaubt, ich sei verrückt. Du bist schuld, Hazel, weil du weißt, daß es nicht so ist, und trotzdem nicht auf mich hören willst.«
    »Dir gefällt dieses Gehege also immer noch nicht? Nun, ich glaube, du hast unrecht. Jeder macht mal Fehler. Warum solltest nicht auch    du    einen Fehler machen? Hawkbit irrte sich im Heidekraut, und du irrst dich jetzt.«
    »Das da unten sind Kaninchen, die wie Eichhörnchen mit Nüssen losziehen. Wie kann das richtig sein?«
    »Nun, ich würde sagen, sie haben eine gute Idee der Eichhörnchen nachgeahmt, und das macht bessere Kaninchen aus ihnen.«
    »Glaubst du, daß dieser Mann die Wurzeln da hinwirft, weil er ein gutes Herz hat? Was führt er im Schilde?«
    »Er wirft Abfall fort. Wie viele Kaninchen haben sich eine gute Mahlzeit von den Abfallhaufen der Menschen geholt? Geschossenen Salat, alte Rüben. Du weißt, wir alle tun's, wenn wir können. Es ist nicht vergiftet, Fiver, das kann ich dir versichern. Und wenn er Kaninchen schießen wollte, so hätte er heute früh jede Gelegenheit gehabt. Aber er hat es nicht getan.«
    Fiver schien noch kleiner zu werden, als er sich platt auf die harte Erde drückte. »Ich bin ein Narr, euch überreden zu wollen«, sagte er kläglich. »Hazel - lieber alter Hazel -, ich weiß eben einfach, daß etwas Unnatürliches und Böses mit diesem Ort verwoben ist. Ich weiß nur nicht, was es ist, und deshalb ist es kein Wunder, daß ich nicht darüber reden kann. Aber ich komme der Sache näher. Weißt du, so wie man mit der Nase an das Drahtnetz stößt und es an den Apfelbaum drückt, und trotzdem kannst du die Rinde wegen des Drahtes nicht abbeißen. Ich bin dicht davor - was immer es sein mag -, aber ich kann es nicht packen. Wenn ich allein hier sitze, gelingt es mir vielleicht doch noch.«
    »Fiver, warum tust du nicht, was ich sage? Friß von diesen Wurzeln und geh dann hinunter schlafen. Du wirst dich bestimmt wohler fühlen.«
    »Ich sage dir, ich möchte nichts mit diesem Ort zu tun haben«, erwiderte Fiver. »Und lieber würde ich durch das Heidekraut zurücklaufen als hier nach unten gehen. Die Decke dieser Halle besteht aus Gebeinen.«
    »Nein, nein - aus Baumwurzeln. Schließlich warst du die ganze Nacht unten.«
    »War ich nicht«, sagte Fiver.
    »Was? Wo warst du dann?«
    »Hier.«
    »Die ganze Nacht?«
    »Ja. Eine Eibe gibt guten Schutz, wie du weißt.«
    Hazel machte sich jetzt ernstlich Sorgen. Wenn Fivers Entsetzen ihn die ganze Nacht draußen im Regen gehalten hatte, ungeachtet der Kälte und herumschleichender elil, dann war es offenkundig nicht leicht, ihm das auszureden. Er schwieg eine Weile. Schließlich sagte er: »Wie schade! Ich bin immer noch der Meinung, daß es besser ist, wenn du dich uns anschließt. Aber ich lasse dich jetzt allein und sehe später nach dir. Friß mir nicht die Eibe auf!«
    Fiver erwiderte nichts, und Hazel lief wieder auf die Wiese.
    Der Tag bestärkte in keiner Weise irgendwelche bösen Vorahnungen. Gegen ni-Frith war es so heiß, daß der untere Teil der Wiese feucht war. Die Luft war schwer mit starken Pflanzengerüchen geladen, als wenn es schon Ende Juli wäre; der Wasserminze und dem Majoran, die noch nicht blühten, entströmte Geruch von ihren Blättern, und hier und da stand ein Mädesüß in Blüte. Der Weidenzeisig war den ganzen Morgen hoch in einer Silberbirke neben den verlassenen Löchern über der Senke drüben tätig, und aus der Tiefe des Unterholzes, irgendwo bei dem stillgelegten Brunnen, kam das schöne Lied der Kohlmeise. Gegen den frühen Nachmittag war es still vor Hitze, und eine Kuhherde graste langsam ihren Weg von den höhergelegenen Wiesen in den Schatten hinunter. Von den Kaninchen waren nur einige oben. Fast alle schliefen in den Bauen. Aber immer noch saß Fiver allein unter der Eibe.
    Am frühen Abend suchte Hazel Bigwig auf, und zusammen wagten sie sich in das Unterholz hinter dem Gehege. Zuerst bewegten sie sich vorsichtig, aber es dauerte nicht lange, bis sie sicherer wurden, da sie keine Spur eines Geschöpfes fanden, das größer als eine Maus war.
    »Nichts zu riechen«, sagte Bigwig, »und keine Spuren. Ich glaube, Cowslip hat uns ganz einfach die Wahrheit gesagt. Hier sind wirklich keine elil. Im Gegensatz zu dem Gehölz, wo wir den Fluß überquerten. Ich sag' dir ganz offen, Hazel, ich hatte eine Mordsangst in jener Nacht, aber ich wollte es nicht zeigen.«
    »Ich auch«, antwortete Hazel. »Und was diesen Ort betrifft, stimme ich mit dir überein. Er scheint vollkommen sicher zu sein. Wenn wir -«
    »Das ist aber sonderbar«, unterbrach ihn Bigwig. Er befand sich in einer Gruppe von Brombeersträuchern, in deren Mitte ein von den Gehege-Gängen heraufführendes Kaninchen-Loch mündete. Der Boden war weich und feucht, in der Mulde mit alten Blättern übersät. Wo Bigwig verharrte, fanden sich Anzeichen von Aufregung. Die verrotteten Blätter waren hochgewirbelt worden. Einige hingen an den Brombeerzweigen, und ein paar flache, nasse Klumpen lagen auf dem Boden hinter den Sträuchern. Genau in der Mitte war die Erde durch lange Kratzer und Furchen freigelegt, und hier befand sich ein nicht sehr tiefes, sauber ausgehobenes Loch, etwa in derselben Größe wie eine der Mohrrüben, die sie am Morgen fortgeschleppt hatten. Die beiden Kaninchen schnüffelten und glotzten, konnten sich aber keinen Reim darauf machen.
    »Komisch, ich spüre keinen Geruch«, sagte Bigwig.
    »Nein - nur von Kaninchen, und der ist natürlich überall. Und von Menschen - auch der ist überall. Aber dieser Geruch braucht nicht unbedingt etwas damit zu tun zu haben. Er sagt uns nur, daß ein Mensch durch das Gehölz ging und einen weißen Stengel niederwarf. Es war kein Mensch, der diese Erde aufwühlte.«
    »Nun, diese verrückten Kaninchen tanzen wahrscheinlich im Mondlicht oder so was.«
    »Das würde mich nicht überraschen«, sagte Hazel. »Es sähe ihnen durchaus ähnlich. Fragen wir Cowslip.«
    »Das ist deine einzige dumme Bemerkung bislang. Sag mir, hat Cowslip, seit wir hierherkamen, irgendeine Frage beantwortet, die du ihm gestellt hast?«
    »Nein, nein - nicht viele.«
    »Frag ihn doch mal, wo er im Mondlicht tanzt. Sag: >Cowslip, wo -<«
    »Oh, das hast du also auch bemerkt? Er antwortet prinzipiell nicht auf >wo<. Auch Strawberry nicht. Ich glaube, die haben Angst vor uns. Pipkin hatte recht, als er sagte, daß sie keine Kämpfer seien. Also bewahren sie ein Geheimnis, um sich uns gegenüber zu behaupten. Finden wir uns damit ab. Wir wollen sie nicht beunruhigen, und mit der Zeit wird sich das bestimmt geben.«
    »Es wird heute nacht wieder regnen«, sagte Bigwig. »Und ich glaube, bald. Los, runter mit uns, und dann versuchen wir, sie zum Sprechen zu bringen.«
    »Ich glaube, darauf können wir lange warten. Aber ich meine auch, daß wir jetzt nach unten gehen sollten. Und versuchen wir um Himmels willen, Fiver mitzunehmen. Er macht mir Sorgen. Weißt du, daß er die ganze Nacht im Regen draußen war?«
    Während sie durch das Unterholz zurückliefen, erzählte Hazel von seiner Unterhaltung mit Fiver an jenem Morgen. Sie fanden ihn unter der Eibe, und nach einer ziemlich stürmischen Szene, in der Bigwig ihn rauh anpackte und ungeduldig wurde, wurde er eher gezwungen als überredet, mit in den großen Bau hinunterzugehen.
    Er war voll, und als der Regen zu fallen begann, kamen noch mehr Kaninchen die Läufe herunter. Sie schoben und drängten sich fröhlich plaudernd. Die Mohrrüben, die hereingebracht worden waren, wurden in Gesellschaft von Freunden gefressen oder zu Weibchen und Familien im ganzen Gehege getragen. Aber auch als die Futterei beendet war, blieb die Halle voll. Es war angenehm warm durch die vielen Körper. Allmählich versanken die redseligen Gruppen in eine zufriedene Stille, aber niemand schien geneigt zu sein, schlafen zu gehen. Kaninchen sind lebhaft bei Einbruch der Nacht, und wenn der Abendregen sie nach unten treibt, fühlen sie sich immer noch gesellig. Hazel bemerkte, daß beinahe alle seine Kameraden mit den Gehege-Kaninchen Freundschaft geschlossen hatten. Auch fand er, daß, wann immer er zu einer Gruppe trat, die Gehege-Kaninchen wußten, wer er war, und ihn als Führer der Neuankömmlinge behandelten. Er konnte Strawberry nicht entdecken, aber nach einiger Zeit kam Cowslip vom anderen Ende der Halle zu ihm.
    »Ich bin froh, daß du da bist, Hazel«, sagte er. »Einige von uns schlagen vor, daß einer eine Geschichte erzählt. Vielleicht würde es einem deiner Leute Spaß machen, eine zu erzählen, aber wir können auch gerne selbst damit anfangen, wenn euch das lieber ist.«
    Es gibt eine Kaninchen-Redensart:    »Im    Gehege mehr Geschichten als Verbindungsgänge«, und ein Kaninchen kann sich ebensowenig weigern, eine Geschichte zu erzählen, wie ein Irländer sich weigern kann, sich zu schlagen. Hazel und seine Freunde besprachen sich. Nach kurzer Zeit kündigte Blackberry an: »Wir haben Hazel gebeten, euch von unseren Abenteuern zu erzählen. Wie wir unsere Reise hierher machten und das Glück hatten, uns euch anzuschließen.«
    Es folgte eine ungemütliche Stille, die nur durch Scharren und Flüstern unterbrochen wurde. Blackberry wandte sich bestürzt an Hazel und Bigwig.
    »Was ist los?« fragte er leise. »Dabei ist doch nichts Unrechtes?«
    »Warte«, erwiderte Hazel ruhig. »Sie sollen uns sagen, ob sie's wollen oder nicht. Sie haben hier so ihre eigene Art.«
    Die Stille dauerte jedoch noch einige Zeit an, als ob die anderen Kaninchen keinen Wert darauf legten, sich weiter auf die Sache einzulassen.
    »Es hat keinen Zweck«, sagte Blackberry schließlich. »Du wirst selbst etwas sagen müssen, Hazel. Nein, wie kämst du dazu? Ich werde es tun.« Er sprach wieder. »Nachdem wir es uns noch einmal überlegt haben, hat sich Hazel daran erinnert, daß wir einen guten Geschichtenerzähler unter uns haben. Dandelion wird uns eine Geschichte von El-ahrairah erzählen. Das kann auf keinen Fall schiefgehen«, flüsterte er.
    »Welche?« fragte Dandelion.
    Hazel erinnerte sich an die Steine an der Brunnengrube. »Der Salat des Königs«, antwortete er. »Sie halten viel davon, glaube ich.«
    Dandelion nahm sein Stichwort mit derselben mutigen Bereitschaft auf, die er in dem Wäldchen gezeigt hatte. »Ich werde euch die Geschichte von dem Salat des Königs erzählen«, sagte er laut.
    »Die wird uns gefallen«, erwiderte Cowslip sofort.
    »Hoffentlich«, murmelte Bigwig.
    Dandelion begann.

15. Die Geschichte vom Salat des Königs


    Don Alfonso: »Eccovi il medico, signore belle.«
    Ferrando und Guglielmo: »Despina in maschera, che triste pelle!«
    Lorenzo da Ponte Cosi fan tutte

    »Es heißt, es gab eine Zeit, in der El-ahrairah und seine Anhänger das Glück verließ. Ihre Feinde trieben sie fort, und sie waren gezwungen, in den Sümpfen von Kelfazin zu leben. Wo die Sümpfe von Kelfazin sind, weiß ich nicht, aber zu der Zeit, als El-ahrairah und seine Anhänger dort lebten, war das einer der trostlosesten Orte der Welt. Das einzige Futter war grobes Gras, und selbst das war gemischt mit bitteren Binsen und Ampfer. Der Boden war zu feucht zum Graben; das Wasser stand sofort in jedem Loch. Aber alle anderen Tiere waren gegenüber El-ahrairah und seinen Schlichen so mißtrauisch geworden, daß sie ihn nicht aus diesem elenden Land hinauslassen wollten, und jeden Tag pflegte Fürst Regenbogen durch die Sümpfe zu gehen, um sich zu vergewissern, daß El-ahrairah noch da war. Fürst Regenbogen hatte die Macht über den Himmel und über die Berge, und Frith hatte ihn geheißen, die Welt nach seinem Gutdünken zu ordnen.
    Eines Tages, als Fürst Regenbogen durch die Sümpfe kam, ging El-ahrairah zu ihm und sagte: >Fürst Regenbogen, meine Leute frieren und können wegen der Nässe nicht unter die Erde gehen. Ihr Futter ist so fade und schlecht, daß sie krank werden, wenn das schlechte Wetter einsetzt. Warum haltet Ihr uns hier gegen unseren Willen? Wir schaden niemandem.< >El-ahrairah<, erwiderte Fürst Regenbogen, >alle Tiere wissen, daß du ein Dieb und ein großer Gauner bist. Jetzt bist du ein Opfer deiner eigenen Tricks geworden, und du mußt hier leben, bis du uns davon überzeugen kannst, daß du ein ehrliches Kaninchen sein willst.<
    >Dann werden wir nie hier herauskommen<, sagte El-ahrairah, >denn ich müßte mich schämen, meinen Leuten ihr Abenteuerleben zu verbieten. Werdet Ihr uns herauslassen, wenn ich durch einen See schwimmen kann, der voller Hechte ist?<
    >Nein<, sagte Fürst Regenbogen, >von dieser deiner List habe ich gehört, El-ahrairah, und ich weiß, wie es gemacht wird.<
    >Werdet Ihr uns gehen lassen, wenn es mir gelingt, den Salat aus König Darzins Garten zu stehlen?< fragte El-ahrairah.
    König Darzin herrschte zu jener Zeit über die größte und reichste aller Tierstädte der Welt. Seine Soldaten waren sehr grimmig, und sein Salatgarten war von einem tiefen Graben umgeben und von tausend Posten Tag und Nacht bewacht. Er lag nahe seinem Palast, am Rande der Stadt, wo alle seine Anhänger lebten. Als nun El-ahrairah davon sprach, König Darzins Salat zu stehlen, lachte Fürst Regenbogen und sagte: >Du kannst es versuchen, und wenn es dir gelingt, werde ich dein Volk überall vermehren, und niemand wird imstande sein, es aus einem Gemüsegarten herauszuhalten, von heute bis ans Ende der Welt. Aber in Wirklichkeit wirst du von den Soldaten getötet werden, und die Welt wird einen glatten, einnehmenden Schurken los sein.<
    >Sehr gut<, sagte El-ahrairah, >wir werden sehen.<
    Nun war Yona, der Igel, ganz in der Nähe, suchte Schnecken in den Sümpfen und hörte mit an, was sich zwischen Fürst Regenbogen und El-ahrairah zugetragen hatte. Er stahl sich zum großen Palast König Darzins davon und wollte für seine Warnung belohnt werden.
    >König Darzin<, schnüffelte er, >dieser verruchte Dieb El-ahrairah hat gesagt, er werde deinen Salat stehlen, und er kommt, dich zu überlisten, um in den Garten zu gelangen.< König Darzin eilte in den Salatgarten hinunter und ließ den Hauptmann der Wache holen.
    >Siehst du diesen Salat?< sagte er. >Nicht einer ist gestohlen worden, seit er ausgesät worden ist. Sehr bald wird er geerntet werden können, und ich beabsichtige, zu diesem Zeitpunkt ein großes Fest für mein ganzes Volk zu geben. Aber ich habe gehört, daß der Schurke El-ahrairah plant, zu kommen und ihn zu stehlen, wenn es ihm gelingt. Ihr werdet die Wachen verdoppeln, und alle Gärtner und Jäter sind täglich zu kontrollieren. Nicht ein Blatt geht aus dem Garten heraus, bis nicht ich oder mein Hauptkoster den Befehl dazu geben.<
    Der Hauptmann der Wache tat, wie ihm geheißen. In jener Nacht kam El-ahrairah aus den Sümpfen von Kelfazin und schlich sich zu dem großen Graben. Bei ihm war sein treuer Hauptmann der Owsla, Rabscuttle. Sie hockten sich in die Büsche und sahen die Doppelwachen auf und ab patrouillieren. Als der Morgen kam, sahen sie alle Gärtner und Jäter zur Mauer kommen, und jeder wurde von drei Wachen überprüft. Einer war neu und war anstelle seines Onkels gekommen, der krank geworden war, aber die Wachen ließen ihn nicht hinein, weil sie ihn nicht kannten, und warfen ihn beinahe in den Graben, ehe sie ihm gerade noch erlaubten, nach Hause zu gehen.
    El-ahrairah und Rabscuttle machten sich bestürzt davon, und als Fürst Regenbogen an jenem Tag durch die Sümpfe kam, sagte er: >Nun, nun, Fürst mit tausendfachen Feinden, wo ist der Salat?<
    >Ich lasse ihn mir liefern<, antwortete El-ahrairah. >Es sind zum Tragen zu viele.< Dann gingen er und Rabscuttle heimlich in eines der wenigen Löcher hinunter, in denen kein Wasser war, stellten einen Posten davor und dachten nach und redeten einen Tag und eine Nacht lang.
    Oben auf dem Berg, neben König Darzins Palast, lag ein Garten, in den seine vielen Kindern und die seiner Hauptanhänger von ihren Müttern und Kindermädchen zum Spielen gebracht wurden. Es gab keine Mauer um den Garten. Er wurde nur bewacht, solange die Kinder da waren; nachts war er leer, weil man dort nichts stehlen und auf niemanden Jagd machen konnte. In der folgenden Nacht ging Rabscuttle, der von El-ahrairah genaue Anweisungen erhalten hatte, in den Garten und buddelte ein Loch, in dem er sich die ganze Nacht versteckte. Am anderen Morgen, als die Kinder zum Spielen gebracht wurden, glitt er hinaus und schloß sich ihnen an. Es waren so viele Kinder, daß jede der Mütter und Kindermädchen glaubte, er gehöre zu einer anderen; aber da er ungefähr dieselbe Größe wie die Kinder hatte und auch nicht viel anders aussah, konnte er sich mit einigen von ihnen anfreunden. Rabscuttle kannte viele Kunststücke und Spiele, und bald tollte er herum und spielte, als wäre er einer von ihnen. Als es für die Kinder Zeit wurde, nach Hause zu gehen, ging Rabscuttle mit ihnen. Sie kamen aus dem Stadttor, und die Wachen sahen Rabscuttle mit König Darzins Sohn. Sie hielten ihn an und fragten, wer seine Mutter wäre, aber der Sohn des Königs sagte: >Laßt ihn in Ruhe. Er ist mein Freund<, und Rabscuttle ging mit allen anderen hinein.
    Sobald Rabscuttle ins Innere des Königspalastes gelangt war, huschte er davon in einen der dunklen Baue, und da versteckte er sich den ganzen Tag. Doch am Abend kam er heraus und fand einen Weg in die königlichen Vorratskammern, wo das Futter für den König und sein Gefolge und dessen Frauen zubereitet wurde. Da gab es Gräser und Früchte und Wurzeln und sogar Nüsse und Beeren; denn König Darzins Volk ging in diesen Tagen überallhin, durch Wälder und Felder. Es waren keine Soldaten in den Vorratskammern, und Rabscuttle versteckte sich dort im Dunkel. Und er tat alles, was er konnte, um das Futter ungenießbar zu machen, mit Ausnahme dessen, was er selbst fraß.
    An jenem Abend ließ König Darzin den Oberkoster holen und fragte ihn, ob der Salat schon eßbar wäre. Der Oberkoster sagte, zum Teil sei er ausgezeichnet und er habe schon einiges in die Vorratskammern bringen lassen.
    >Gut<, sagte der König, >wir werden zwei oder drei heute Abend zu uns nehmen.<
    Aber am nächsten Morgen erkrankten der König und einige seiner Untergebenen an einer Magenverstimmung. Was immer sie aßen, sie wurden krank davon, weil Rabscuttle in den Vorratskammern versteckt war und das Futter so schnell verdarb, wie es hereingebracht wurde. Der König aß noch mehrere Salatblätter, aber es ging ihm nicht besser. Sein Zustand verschlimmerte sich sogar.
    Nach fünf Tagen schlüpfte Rabscuttle mit den Kindern wieder hinaus und kehrte zu El-ahrairah zurück. Als der vernahm, daß der König krank war und Rabscuttle alles nach Wunsch erledigt hatte, ging er daran, sich zu maskieren. Er stutzte seinen weißen Schwanz, und Rabscuttle mußte sein Fell kurzknabbern und    es mit Schlamm    und Brombeeren sprenkeln. Dann bedeckte er sich überall mit Strähnen von Klebkraut und fand sogar einen Weg, seinen Geruch zu verändern.    Schließlich konnten seine eigenen Frauen ihn nicht mehr erkennen, und El-ahrairah befahl Rabscuttle, ihm in einigem Abstand zu folgen, und los ging's zu König Darzins Palast. Rabscuttle aber wartete draußen, oben auf dem Berg.
    Als er zum Palast    kam, verlangte    El-ahrairah, den Hauptmann der Wache zu sprechen. >Du    mußt mich zum König bringen<, sagte er. >Fürst Regenbogen schickt mich. Er hat gehört, daß der König krank ist, und hat mich aus dem fernen Land hinter Kelfazin holen lassen, um den Grund für seine Erkrankung herauszufinden. Beeil dich! Ich bin nicht gewohnt zu warten.<
    >Woher weiß ich, daß dies wahr ist?< fragte der Hauptmann der Wache.
    >Mir ist es einerlei<, erwiderte El-ahrairah. >Was bedeutet die Krankheit eines kleinen Königs dem Oberarzt des Landes hinter dem goldenen Fluß von Frith? Ich kehre zurück und sage Fürst Regenbogen, daß die Wache des Königs so dumm war, mich zu behandeln, wie es von einem Haufen flohgebissener Lümmel nicht anders zu erwarten war.<
    Er drehte sich um und schickte sich an zu gehen, aber der Hauptmann der Wache bekam es mit der Angst zu tun und rief ihn zurück. El-ahrairah ließ sich überreden, und man brachte ihn zum König.
    Nach fünf Tagen schlechten Futters und einem kranken Magen war der König nicht dazu aufgelegt, jemandem zu mißtrauen, der vorgab, Fürst Regenbogen habe ihn geschickt, um ihn zu heilen. Er bat El-ahrairah, ihn zu untersuchen, und versprach, alles zu tun, was er befahl.
    El-ahrairah machte ein großes Getue aus der Untersuchung des Königs. Er sah sich seine Augen an, seine Ohren, seine Zähne und seinen Mist und die Enden seiner Klauen und fragte, was er gefressen habe. Dann verlangte er, die königlichen Vorratskammern und den Salatgarten zu sehen. Als er zurückkam, sah er sehr ernst aus und sagte: >Großer König, ich weiß nur zu gut, was für eine traurige Nachricht es für Euch sein wird, aber die Ursache Eurer Krankheit ist ebenjener Salat, den Ihr so hoch schätzt.<
    >Der Salat?< rief König Darzin. >Unmöglich! Er wird aus gutem, gesundem Samen gezogen und Tag und Nacht bewacht.<
    >Ach!< sagte El-ahrairah. >Ich weiß es wohl! Aber er ist von dem gefürchteten Lausbabaus, einem tödlichen Virus, infiziert, der in immer kleiner werdenden Kreisen durch die Lüfte fliegt und, isoliert von dem purpurfarbenen Awago, in den graugrünen Wäldern von Okey Pokey reift. Das erklärt Euch, soweit ich es vermag, die Angelegenheit in einfachen Worten. Vom medizinischen Standpunkt sieht die Sache etwas komplizierter aus, aber ich möchte Euch damit nicht ermüden.<
    >Ich kann es nicht glauben<, stöhnte der König.
    >Der einfachste Wegs<, sagte El-ahrairah, >wird der sein, es Euch zu beweisen. Aber dazu brauchen wir nicht einen Eurer Untertanen in Mitleidenschaft zu ziehen. Befehlt den Soldaten, hinauszugehen und einen Gefangenen zu machen.<
    Die Soldaten gingen hinaus, und das erste Geschöpf, das sie fanden, war Rabscuttle, der auf dem Berg graste. Sie schleppten ihn durch die Tore und vor den König.
    >Ah, ein Kaninchen<, sagte El-ahrairah. >Widerliches Geschöpf! Um so besser. Abscheuliches Kaninchen, friß diesen Salat!<
    Rabscuttle tat es und begann bald danach, zu stöhnen und um sich zu schlagen. Er kickte in Zuckungen und rollte mit den Augen. Er nagte am Boden und hatte Schaum vor dem Mund.
    >Er ist sehr krank<, sagte El-ahrairah. >Er muß einen außergewöhnlich schlechten erwischt haben. Oder aber, was wahrscheinlicher ist, die Infektion wirkt besonders stark bei Kaninchen. Auf jeden Fall wollen wir dankbar sein, daß es nicht Eure Majestät war. Nun, er hat seinen Zweck erfüllt. Schmeißt ihn raus! Ich würde Eurer Majestät ernstlich raten<, fuhr El-ahrairah fort, >den Salat nicht dort zu lassen, wo er ist, denn er wird schießen und blühen und keimen. Die Infektion wird sich ausdehnen. Ich weiß, wie enttäuschend das für Euch ist, aber Ihr müßt ihn loswerden.<
    In diesem Augenblick kam, wie das Glück es wollte, der Hauptmann der Wache mit Yona, dem Igel, herein.
    >Eure Majestät<, rief er, >dieses Geschöpf kehrt von den Sümpfen von Kelfazin zurück. Das Volk von El-ahrairah tritt zum Krieg an. Sie sagen, sie kommen, um Eurer Majestät Garten anzugreifen und den königlichen Salat zu stehlen. Habe ich Eurer Majestät Befehl, die Soldaten hinauszuführen und die Feinde zu vernichten?<
    >Aha!< sagte der König. >Ich habe mir da eine doppelte List ausgedacht. Besonders stark bei Kaninchen. Nun gut! Sie sollen so viel Salat haben, wie sie wollen. Ihr werdet sogleich tausend Stück hinunter in die Sümpfe von Kelfazin bringen und sie dort lassen. Haha! Was für ein Witz! Mir geht es gleich viel besser.<
    >Oh, welch todbringende List!< sagte El-ahrairah. >Kein Wunder, daß Eure Majestät Herrscher über ein großes Volk ist. Ich glaube, Ihr werdet sehr schnell gesund werden. Nein, nein, ich nehme keine Belohnung. Auch gibt es hier nichts, was in dem strahlenden Land jenseits des goldenen Flusses von Frith für wertvoll gehalten würde. Ich habe getan, was Fürst Regenbogen verlangte. Das genügt. Vielleicht seid Ihr so gütig, Euren Wachen zu befehlen, mich zum Fuß des Berges zu begleiten?< Er verbeugte sich und verließ den Palast.
    Später am Abend, als El-ahrairah seine Kaninchen drängte, wütender zu knurren und in den Sümpfen von Kelfazin auf und ab zu rennen, kam Fürst Regenbogen über den Fluß. >El-ahrairah<, rief er, >bin ich behext?<
    >Es ist durchaus möglich<, sagte El-ahrairah. >Der gefürchtete Lausbabaus -<
    >Tausend Stück Salat liegen in einem Haufen oben am Sumpf. Wer hat sie dahin gebracht?<
    >Ich sagte Euch, sie würden geliefert werden<, erwiderte El-ahrairah. >Ihr könnt von meinem Volk kaum erwarten, schwach und hungrig, wie es ist, sie den ganzen Weg von König Darzins Garten hierher zu tragen. Es wird sich aber bald aufgrund der Behandlung, die ich ihm verordnen werde, erholen. Ich bin Arzt, darf ich bemerken, und wenn Ihr noch nicht davon gehört habt, Fürst Regenbogen, werdet Ihr das bald von anderer Seite erfahren. Rabscuttle, geh und hole den Salat.<
    Da sah Fürst Regenbogen, daß El-ahrairah ein Mann von Wort war und daß auch er sein Versprechen halten mußte. Er ließ die Kaninchen aus den Sümpfen von Kelfazin heraus, und sie vermehrten sich überall. Und von jenem Tag an kann keine Macht der Welt ein Kaninchen aus einem Gemüsegarten heraushalten; denn El-ahrairah gibt ihnen tausend Listen ein, die besten der Welt.«

16. Silverweed


    Er sagte: »Tanze für mich«, und er sagte:
    »Du bist zu schön, als daß der Wind dich zerpflücken Oder die Sonne dich verbrennen könnte.« Er sagte:
    »Ich bin ein armes, zerfetztes Ding, aber nicht herzlos Dem traurigen Tänzer und den tanzenden Toten gegenüber.«
    Sidney Keyes Four Postures of Death

    »Gut gemacht«, sagte Hazel, als Dandelion geendet hatte.
    »Er ist sehr gut, nicht wahr?« sagte Silver. »Wir sind glücklich, ihn bei uns zu haben. Allein ihm zuzuhören belebt die Geister.«
    »Das hat ihre Ohren flachgelegt«, flüsterte Bigwig. »Wollen mal sehen, ob sie einen Geschichtenerzähler finden, der ihn schlagen könnte.«
    Keiner von ihnen hatte Zweifel, daß Dandelion ihnen Ehre gemacht hatte. Seit ihrer Ankunft hatten sie sich unsicher gefühlt neben diesen prächtigen, wohlgenährten Fremden mit ihrem distanzierten Benehmen, ihren Gestalten an der Wand, ihrer Eleganz, ihrem geschickten Ausweichen beinahe aller Fragen - vor allem aber mit ihren Anfällen von unkaninchenhafter Melancholie. Jetzt hatte ihr eigener Geschichtenerzähler gezeigt, daß sie nicht ein bloßer Haufen von Tramps waren. Gewiß konnte ihm kein vernünftiges Kaninchen seine Bewunderung versagen. Sie warteten auf eine entsprechende Äußerung, aber nach einigen Augenblicken merkten sie überrascht, daß ihre Gastgeber offenbar weniger begeistert waren.
    »Sehr hübsch«, sagte Cowslip. Er schien noch mehr sagen zu wollen, wiederholte dann aber: »Ja, sehr hübsch. Eine ungewöhnliche Geschichte.«
    »Aber er muß sie doch kennen!« murmelte Blackberry zu Hazel.
    »Ich finde immer, daß diese traditionellen Geschichten einen großen Reiz bewahren«, meinte ein anderes Kaninchen, »besonders, wenn sie im echt altmodischen Geist erzählt werden.«
    »Ja«, sagte Strawberry. »Überzeugung, das ist nötig. Man muß wirklich an El-ahrairah und Fürst Regenbogen glauben, nicht wahr? Dann kommt alles übrige von selbst.«
    »Sag nichts, Bigwig«, flüsterte Hazel, denn Bigwig scharrte empört mit seinen Pfoten. »Du kannst sie nicht zwingen, Gefallen an etwas zu finden, das ihnen nicht zusagt. Warten wir ab, was sie uns zu erzählen haben.« Laut sagte er: »Unsere Geschichten haben sich durch Generationen nicht verändert. Schließlich haben wir uns auch nicht verändert. Unser Leben ist dasselbe wie das unserer Väter und deren Vorväter. Hier ist das anders. Wir merken das, und wir finden eure neuen Ideen und Methoden sehr aufregend. Wir sind neugierig, was für Geschichten ihr zu erzählen wißt.«
    »Nun, wir erzählen die alten Geschichten nicht mehr allzu häufig«, erwiderte Cowslip. »Unsere Geschichten und Gedichte handeln hauptsächlich von unserem eigenen Leben hier. Gewiß, diese Gestalt von Goldregen, die ihr gesehen habt - aber das ist vorbei. El-ahrairah bedeutet uns wirklich nicht mehr viel. Nicht, daß die Geschichte deines Freundes nicht sehr reizvoll gewesen wäre«, fügte er hastig hinzu.
    »El-ahrairah ist ein Gauner«, sagte Buckthorn, »und Kaninchen werden immer Listen brauchen.«
    »Nein«, sagte eine neue Stimme vom anderen Ende der Halle hinter Cowslip. »Kaninchen brauchen Würde und vor allem den Willen, ihr Schicksal auf sich zu nehmen.«
    »Wir halten Silverweed für einen der besten Poeten, den wir seit langem gehabt haben«, sagte Cowslip. »Seine Gedanken haben eine große Anhängerschaft. Würdet ihr ihn jetzt gerne hören?«
    »Ja, ja«, kamen Stimmen von allen Seiten. »Silverweed!«
    »Hazel«, sagte Fiver plötzlich, »ich möchte einen klaren Eindruck von diesem Silverweed gewinnen, aber ich wage nicht, allein dichter heranzugehen. Könntest du mitkommen?«
    »Nanu, Fiver, was meinst du? Was gibt es da zu fürchten?«
    »Oh, Frith steh mir bei!« sagte Fiver zitternd. »Ich kann ihn von hier aus riechen. Er versetzt mich in Schrecken.«
    »Ach Fiver, sei nicht albern! Er riecht genauso wie sie alle.«
    »Er riecht wie heruntergeregnete und in den Feldern faulende Gerste. Er riecht wie ein verwundeter Maulwurf, der nicht unter die Erde gelangen kann.«
    »Meiner Meinung nach riecht er wie ein großes dickes Kaninchen mit einer Menge Mohrrüben im Bauch. Aber ich komme mit dir.«
    Als sie langsam durch die Menge ans andere Ende des Baus vorgerückt waren, stellte Hazel überrascht fest, daß Silverweed noch ein junger Bursche war. Im Sandleford-Gehege wäre kein Kaninchen seines Alters gebeten worden, eine Geschichte zu erzählen, außer vielleicht von ein paar Freunden. Er bot einen milden, verwegenen Anblick, und seine Ohren zuckten dauernd. Als er zu sprechen begann, schien er sich seiner Zuhörerschaft immer weniger bewußt zu werden und drehte wiederholt den Kopf, als lauschte er auf ein Geräusch aus dem Eingangstunnel hinter ihm, das nur für ihn hörbar war. Aber es war ein fesselnder Zauber in seiner Stimme, wie die Bewegung des Windes und des Lichtes auf einer Wiese, und als ihr An- und Abschwellen in seine Hörer eindrang, wurde der ganze Bau still.

»Der Wind weht, weht über das Gras.
Er schüttelt die Weidenkätzchen; die Blätter leuchten silbern.
Wohin gehst du, Wind? Weit, weit fort
Über die Berge, über den Rand der Welt.
Nimm mich mit, Wind, hoch über den Himmel.
Ich werde mit dir gehen, ich werde Kaninchen-des-Windes sein,
Im Himmel, der federige Himmel und das Kaninchen.

Der Bach läuft, läuft über den Kies,
Durch die Bachbunge, die Sumpfdotterblumen, das Blau und Gold des Frühlings.
Wohin läufst du, Bach? Weit, weit fort jenseits des Heidekrauts,
Fortgleitend die ganze Nacht.
Nimm mich mit dir, Bach, fort in das Sternenlicht.
Ich werde mit dir gehen, ich werde Kaninchen-vom-Bach sein.
Hinunter durch das Wasser, das grüne Wasser und das Kaninchen.

Im Herbst kommen die Blätter angetrieben, gelb und braun.
Sie rascheln in den Gräben, sie zerren und hängen an der Hecke.
Wohin geht ihr, Blätter? Weit, weit weg.
In die Erde gehen wir, mit dem Regen und den Beeren.
Nehmt mich mit, Blätter, nehmt mich mit auf eure geheimnisvolle Reise.
Ich werde mit euch gehen, werde Kaninchen-der-Blätter sein,
In den Tiefen der Erde, die Erde und das Kaninchen.

Frith liegt im Abendhimmel. Die Wolken sind rot um ihn.
Ich bin hier, o Frith, ich laufe durch das hohe Gras.
Nimm mich mit, hinter den Wäldern vergehend,
Weit weg zum Herzen des Lichtes, dem Schweigen.
Denn ich bin bereit, dir meinen Atem zu geben, mein Leben.
Der leuchtende Kreis der Sonne, die Sonne und das Kaninchen.«


    Fiver hatte, während er lauschte, eine Mischung von intensivem Vertieftsein und ungläubigem Entsetzen gezeigt. Er schien jedes Wort in sich aufzunehmen und trotzdem gleichzeitig von Angst befallen zu sein. Einmal sog er den Atem ein, als wäre er überrascht, seine eigenen, halbbewußten Gedanken wahrzunehmen, und als das Gedicht zu Ende war, schien er mit Mühe zu sich selbst zu kommen. Er entblößte die Zähne und leckte seine Lippen, wie Blackberry es vor dem toten Igel auf der Straße getan hatte.
    Ein Kaninchen, das sich vor einem Feind fürchtet, wird sich manchmal mäuschenstill ducken, entweder gebannt oder auf seine natürliche Unauffälligkeit vertrauend, unbemerkt zu bleiben. Aber dann, es sei denn, die Faszination ist zu mächtig, kommt der Punkt, an dem es das Stillhalten aufgibt und sich, als bräche es einen Zauberbann, augenblicklich dem letzten Ausweg zuwendet - der Flucht. Dies schien jetzt bei Fiver der Fall zu sein. Plötzlich sprang er auf und bahnte sich heftig einen Weg durch den großen Bau. Mehrere Kaninchen wurden angerempelt und drehten sich wütend um, aber er achtete nicht darauf. Dann kam er an eine Stelle, wo er sich nicht zwischen zwei schweren Gehege-Rammlern hindurchdrängen konnte. Er wurde hysterisch, kickte und scharrte, und Hazel, der hinter ihm war, hatte Schwierigkeiten, eine Schlägerei zu verhindern.
    »Mein Bruder ist in gewisser Hinsicht auch ein Poet«, sagte er zu den zornigen Fremden. »Manche Dinge bewegen ihn zuweilen sehr stark, und er weiß nicht immer, warum.«
    Eines der Kaninchen schien hinzunehmen, was Hazel gesagt hatte, aber das andere erwiderte: »Oh, noch ein Poet? Hören wir ihn an. Das wird wenigstens eine kleine Entschädigung für meine Schulter sein. Er hat ein großes Büschel Fell herausgekratzt.«
    Fiver war schon weit voraus und eilte auf den gegenüberliegenden Eingangstunnel zu. Hazel fühlte, daß er ihm folgen mußte. Doch nach all der Mühe, die er sich gegeben hatte, freundlich zu sein, war er so böse über die Art, wie Fiver sich ihre neuen Freunde zu Gegnern gemacht hatte, daß er, als er an Bigwig vorbeikam, sagte: »Komm und hilf mir, ihm etwas Vernunft beizubringen. Das fehlte uns gerade noch, jetzt eine Schlägerei.« Er war der Meinung, daß Fiver wirklich eine kleine Zurechtweisung von Bigwig verdiente.
    Sie folgten Fiver den Lauf hinauf und überholten ihn am Eingang. Ehe einer von ihnen ein Wort sagen konnte, drehte er sich um und begann zu sprechen, als ob sie ihm eine Frage gestellt hätten.
    »Ihr habt es also gefühlt? Und ihr wollt wissen, ob ich es auch gefühlt habe? Natürlich. Das ist das Schlimmste daran. Es ist keine List. Er sagt die Wahrheit. Solange er die Wahrheit sagt, kann es keine Narrheit sein - das wolltest du doch sagen, nicht wahr? Ich mache dir keine Vorwürfe, Hazel. Ich selbst habe mich zu ihm hingezogen gefühlt wie eine Wolke, die in eine andere treibt. Aber dann, im letzten Augenblick, trieb ich weit weg. Wer weiß, warum? Es war nicht mein eigener Wille; es war ein Zufall. Es war nur ein kleiner Teil von mir, der mich weit von ihm wegtrug. Sagte ich, das Dach dieser Halle wäre aus Knochen? Nein! Ein großer Nebel von Torheit bedeckt den ganzen Himmel, und wir werden nie mehr Friths Licht sehen. Oh, was wird aus uns werden? Eine Sache kann wahr und trotzdem eine verzweifelte Narrheit sein, Hazel.«
    »Was zum Teufel bedeutet das alles?« sagte Hazel bestürzt zu Bigwig.
    »Er spricht von dem hängeohrigen Nichtsnutz von einem Dichter da unten«, antwortete Bigwig. »Soviel verstehe ich. Aber weshalb er zu denken scheint, daß wir etwas mit ihm und seinem phantastischen Gerede zu tun haben wollen - das geht über meinen Verstand. Du kannst dir deinen Atem sparen, Fiver. Das einzige, was uns Sorgen macht, ist der Streit, den du angefangen hast.«
    Fiver starrte ihn mit Augen an, die, wie bei einer Fliege, größer als sein Kopf zu sein schienen. »Du denkst das«, sagte er. »Du glaubst das. Aber jeder von euch, jeder auf seine eigene Art, steckt tief in diesem Nebel. Wo ist der -«
    Hazel unterbrach ihn, was Fiver zusammenschrecken ließ. »Fiver, ich will nicht leugnen, daß ich dir hier herauf gefolgt bin, um zornig zu werden. Du hast unseren guten Anfang in diesem Gehege gefährdet -«
    »Gefährdet?« rief Fiver. »Gefährdet? Der ganze Ort -«
    »Sei still. Ich wollte schon böse werden, aber offensichtlich bist du so außer dir, daß es zwecklos wäre. Du kommst jetzt auf der Stelle mit uns beiden nach unten und schläfst. Komm mit! Und keine Widerrede!«
    In einer Hinsicht ist das Leben der Kaninchen weniger kompliziert als das der Menschen: Sie schämen sich nicht, Gewalt anzuwenden. Da er keine andere Wahl hatte, begleitete Fiver Hazel und Bigwig in den Bau, wo Hazel die vergangene Nacht verbracht hatte. Es war niemand da, und sie legten sich hin und schliefen.

17. Der glänzende Draht


    Wenn das grüne Feld sich hebt wie ein Deckel
    Und enthüllt, was viel besser verborgen geblieben wäre,
    Unerfreuliches;
    Und schau! Hinten, lautlos
    Sind die Wälder heraufgekommen und stehen herum in einem tödlichen Halbmond.
    Und der Riegel gleitet in seine Vertiefung,
    Vor dem Fenster steht der schwarze
    Wagen des Spediteurs,
    Und jetzt plötzlich, schnell erscheinend,
    Kommen die Frauen mit dunklen Gläsern, die buckligen Chirurgen
    Und der Sensenmann.
    W. H. Auden The Witnesses

    Es war kalt, es war kalt, und das Dach bestand aus Gebeinen. Das Dach bestand aus den verschlungenen Zweigen der Eibe, steifen Ästchen, die sich heraus- und herein-, darüber- und darunterwanden, hart wie Eis und mit mattroten Beeren besetzt. »Komm, Hazel«, sagte Cowslip. »Wir tragen die Eibenbeeren in unserem Maul heim und fressen sie in dem großen Bau. Deine Freunde müssen das lernen, wenn sie unsere Lebensweise annehmen wollen.«
    »Nein, nein«, rief Fiver, »Hazel, nein!« Dann aber kam Bigwig, der sich durch die Zweige wand, sein Maul voller Beeren. »Schaut!« sagte Bigwig. »Ich kann's. Ich laufe einen anderen Weg. Rate, wo, Hazel! Rate, wo! Rate, wo!«
    Dann rannten sie in eine andere Richtung, nicht zum Bau, sondern über die Felder in die Kälte, und Bigwig ließ die Beeren fallen - blutrote Tropfen, roter Mist, so hart wie Draht. »Es hat keinen Zweck«, sagte er, »keinen Zweck, sie zu beißen. Sie sind zu kalt.«
    Hazel wachte auf. Er befand sich im Bau. Er fröstelte. Warum fehlte die Wärme dicht aneinandergedrängter Kaninchenkörper? Wo war Fiver? Er setzte sich auf. In der Nähe regte sich Bigwig, zuckte im Schlaf, suchte Wärme, wollte sich an den Körper eines anderen Kaninchens drücken, das nicht mehr da war. Die flache Mulde in dem sandigen Boden, in der Fiver gelegen hatte, war noch nicht ganz kalt, aber Fiver war fort.
    »Fiver!« rief Hazel in die Dunkelheit.
    Aber sowie er gerufen hatte, wußte er, daß keine Erwiderung kommen würde. Er stieß Bigwig mit der Nase an, stieß heftig zu. »Bigwig! Fiver ist fort! Bigwig!«
    Bigwig war sofort hellwach, und Hazel war noch nie so froh über seine standhafte Bereitschaft gewesen.
    »Was hast du gesagt? Was ist los?«
    »Fiver ist fort.«
    »Wo ist er hin?«
    »Silf - nach draußen. Es kann nur silf sein. Du weißt doch, er würde nicht im Gehege herumwandern. Er haßt es.«
    »Er ist ein Quälgeist, nicht wahr? Deshalb hat er diesen Bau kalt verlassen. Du glaubst, er ist in Gefahr, nicht wahr? Willst du ihn suchen?«
    »Ja, ich muß. Er ist durcheinander und überreizt, und es ist noch nicht hell. Es können elil da sein, was immer Strawberry sagt.«
    Bigwig hörte zu und rümpfte die Nase.
    »Es ist beinahe hell«, sagte er. »Hell genug, um ihn zu finden. Nun gut, ich schätze, ich gehe lieber mit. Keine Angst, er kann nicht weit gekommen sein. Aber beim Salat des Königs! Dem werde ich vielleicht die Meinung sagen, wenn ich ihn erwische.«
    »Ich halte ihn, während du ihn kickst, wenn wir ihn nur finden. Los!«
    Sie gingen durch den Lauf zur Mündung des Loches und blieben stehen. »Da unsere Freunde nicht da sind, um uns anzutreiben«, sagte Bigwig, »können wir uns ebensogut versichern, daß der Ort nicht von Wieseln und Eulen wimmelt, bevor wir hinausgehen.«
    In diesem Augenblick klang der Ruf einer braunen Eule aus dem gegenüberliegenden Gehölz. Es war der erste Ruf, und instinktmäßig duckten sie sich, zählten bewegungslos vier Herzschläge, bis der zweite folgte.
    »Sie fliegt fort«, sagte Hazel.
    »Wie viele Feldmäuse sagen das jede Nacht, frag' ich mich. Du weißt natürlich, daß der Ruf irreführend ist. Und das soll er sein.«
    »Nun, da kann ich nichts machen«, erwiderte Hazel. »Fiver ist irgendwo da draußen, und ich suche ihn. Du hast übrigens recht. Es ist hell - gerade so.«
    »Sollen wir zuerst unter der Eibe nachschauen?«
    Aber Fiver war nicht unter der Eibe. Das stärker werdende Licht zeigte das obere Feld, während die ferne Hecke und der Bach als strichförmige Umrisse unten dunkel blieben. Bigwig sprang von der Böschung ins Feld hinunter und rannte in weitem Bogen über das nasse Gras. Er blieb beinahe gegenüber dem Loch stehen, durch das sie heraufgekommen waren, und Hazel stieß zu ihm.
    »Das ist seine Spur«, sagte Bigwig. »Ganz frisch. Vom Loch direkt zum Bach hinunter. Er wird nicht weit sein.«
    Wenn Regentropfen liegen, kann man leicht sehen, ob das Gras unlängst überquert worden ist. Sie folgten der Spur das Feld hinunter und erreichten die Hecke neben dem Mohrrübenfeld und der Quelle des Baches. Bigwig hatte recht gehabt, als er sagte, die Spur sei frisch. Sobald sie durch die Hecke gekrochen waren, sahen sie Fiver. Er fraß allein. Ein paar Stücke Mohrrüben lagen noch in der Nähe der Quelle herum, aber er hatte sie unberührt gelassen und fraß Gras, nicht weit von dem knorrigen Holzapfelbaum. Sie näherten sich, und er blickte auf.
    Hazel sagte nichts und begann neben ihm zu fressen. Er bedauerte jetzt, daß er Bigwig mitgebracht hatte. In der Dunkelheit vor der Frühdämmerung und im ersten Schreck, als er entdeckte, daß Fiver fort war, war Bigwig Trost und Beistand gewesen. Aber jetzt, als er Fiver sah, klein und vertraut, unfähig, jemandem weh zu tun oder zu verbergen, was er fühlte, zitternd im nassen Gras aus Furcht oder vor der Kälte, schwand sein Zorn dahin. Er tat ihm nur noch leid, und er war sicher, daß Fiver, wenn sie eine Weile allein zusammen sein könnten, seinen Sinn ändern würde. Aber wahrscheinlich war es zu spät, Bigwig zu überreden, sanft mit ihm umzugehen; er konnte nur das Beste hoffen.
    Entgegen seinen Befürchtungen blieb Bigwig so still wie er selbst. Offenbar hatte er erwartet, daß Hazel zuerst spräche, und war etwas in Verlegenheit. Einige Zeit wanderten alle drei schweigend durch das Gras, während die Schatten kräftiger wurden und die Ringeltauben zwischen den fernen Bäumen rumorten. Hazel fing schon an zu glauben, daß alles gut werden würde und daß Bigwig vernünftiger war, als er ihm zugetraut hatte, als Fiver sich auf seine Hinterbeine setzte, sein Gesicht mit den Pfoten säuberte und ihn dann zum ersten Mal direkt ansah.
    »Ich gehe jetzt«, sagte er. »Ich bin sehr traurig. Ich würde dir gern alles Gute wünschen, Hazel, aber an diesem Ort kann man dir nichts Gutes wünschen. Also - leb wohl.«
    »Aber wohin gehst du, Fiver?«
    »Fort. In die Hügel, wenn ich es schaffe.«
    »Allein? Das kannst du nicht. Du würdest sterben.«
    »Völlig hoffnungslos, alter Junge«, sagte Bigwig. »Vor ni-Frith würde dich etwas erwischen.«
    »Nein«, sagte Fiver ganz ruhig. »Du bist dem Tod näher als ich.«
    »Willst du mir Angst einjagen, du elendes kleines Stück plappernder Vogelmiere?« rief Bigwig. »Ich habe die größte Lust -«
    »Warte, Bigwig«, sagte Hazel. »Sei nicht grob zu ihm.«
    »Du hast doch selbst gesagt -«, begann Bigwig.
    »Ich weiß. Aber ich habe meine Meinung geändert. Tut mir leid, Bigwig. Ich wollte dich bitten, mir zu helfen, ihn zu bewegen, ins Gehege zurückzukommen. Jetzt aber - nun, ich habe immer erlebt, daß etwas an dem war, was Fiver zu sagen hatte. Die letzten zwei Tage weigerte ich mich, auf ihn zu hören, und ich bin nach wie vor der Meinung, daß er von Sinnen ist. Aber ich bringe es nicht über mich, ihn ins Gehege zurückzutreiben. Ich glaube wirklich, daß der Ort ihn aus irgendeinem Grunde zu Tode erschreckt. Ich begleite ihn eine Strecke, und vielleicht können wir miteinander reden. Ich kann dich nicht bitten, es auch zu riskieren. Auf jeden Fall sollten die anderen wissen, was wir tun, und sie erfahren es nicht, wenn du es ihnen nicht sagst. Ich werde vor ni-Frith zurück sein. Ich hoffe, wir werden beide zurück sein.«
    Bigwig starrte ihn an. Dann wandte er sich wütend an Fiver. »Du erbärmliche kleine Küchenschabe«, sagte er. »Du hast nie gelernt zu gehorchen, nicht wahr? Ich, ich, ich die ganze Zeit. >Oh, ich habe ein komisches Gefühl in meiner Zehe, wir alle müssen auf dem Kopf stehen!< Und jetzt haben wir ein feines Gehege gefunden und sind aufgenommen worden, ohne darum zu kämpfen, und du hast nichts Besseres zu tun, als jedermann durcheinanderzubringen! Und dann riskierst du das Leben eines der besten Kaninchen, die wir haben, bloß damit er Kindermädchen spielt, während du herumwanderst wie eine mondsüchtige Feldmaus. Nun, ich bin mit dir fertig, ganz offen gesagt. Und jetzt gehe ich ins Gehege zurück, um mich zu vergewissern, daß die anderen auch mit dir fertig sind. Und das werden sie sein - darauf kannst du dich verlassen.«
    Er drehte sich um und stürzte durch die nächste Lücke in der Hecke.
    Im selben Augenblick gab es ein schreckliches Getöse auf der anderen Seite. Geräusche von Kicken und Stampfen waren zu vernehmen. Ein Stock flog in die Luft. Dann schoß ein nasser Klumpen toter Blätter durch die Lücke und landete neben der Hecke, dicht bei Hazel. Die Brombeerzweige droschen auf und ab. Hazel und Fiver starrten sich an, beide gegen den Impuls ankämpfend, die Flucht zu ergreifen. Was für ein Feind war auf der anderen Seite der Hecke an der Arbeit? Es waren keine Schreie zu hören - kein Fauchen einer Katze, kein Winseln eines Kaninchens -, nur das Krachen von Zweigen und das heftige Reißen von Gras.
    Gegen seinen Instinkt nahm Hazel allen Mut zusammen und zwang sich vorwärts zur Lücke; Fiver folgte ihm. Ein furchtbarer Anblick bot sich ihnen. Die verfaulten Blätter waren in Schauern emporgeworfen worden. Die Erde war kahl und von langen Kratzern und Furchen durchzogen. Bigwig lag auf der Seite, mit den Hinterbeinen kickend und strampelnd. Ein gezwirnter Kupferdraht, der matt im ersten Frühlicht glänzte, war um seinen Hals geschlungen und lief straff über eine Vorderpfote zum oberen Ende eines dicken, in die Erde getriebenen Pflocks. Die Schlinge hatte sich zugezogen und war im Fell hinter seinem Ohr verborgen. Ein vorstehender Teil einer Litze hatte seinen Hals verletzt, und Blutstropfen, dunkelrot wie Eibenbeeren, flossen an seiner Schulter hinunter. Einige Augenblicke lag er keuchend da, seine Flanke hob und senkte sich in Erschöpfung. Dann begann wieder das Strampeln und Kämpfen, vor und zurück, stoßend und fallend, bis er würgte und dann still lag.
    Rasend vor Qual sprang Hazel aus der Lücke und hockte sich neben ihn. Bigwigs Augen waren geschlossen und seine Lippen in einem starren Fletschen von den langen Vorderzähnen zurückgezogen. Er hatte auf seine Unterlippe gebissen, von der ebenfalls Blut floß. Schaum bedeckte seine Kinnbacken und die Brust.
    »Thlayli!« sagte Hazel trampelnd. »Thlayli! Höre! Du bist in einer Schlinge - einer Schlinge! Was sagten sie in der Owsla? Komm schon - denke nach. Wie können wir dir helfen?«
    Es trat eine Pause ein. Dann begannen Bigwigs Hinterbeine wieder auszuschlagen, aber nur schwach. Seine Ohren hingen herab. Seine Augen öffneten sich, und das Weiße zeigte sich blutunterlaufen, als die braune Iris hin- und herrollte. Kurz darauf kam seine Stimme dumpf und schwach durch den blutigen Schaum in seinem Maul.
    »Owsla - taugt nichts - Draht durchzubeißen. Pflock — muß ausgegraben werden.«
    Ein Krampf schüttelte ihn, und er scharrte auf dem Boden, bedeckte sich mit einer Schicht aus nasser Erde und Blut. Dann lag er wieder still.
    »Lauf, Fiver, lauf ins Gehege«, rief Hazel. »Hol die anderen - Blackberry, Silver. Schnell! Er wird sterben!«
    Fiver war auf und davon wie ein Hase. Hazel, alleingelassen, versuchte zu begreifen, was getan werden mußte. Was war der Pflock? Wie sollte er ihn ausgraben? Er blickte auf die schmutzige Schweinerei vor ihm hinunter. Bigwig lag über dem Draht, der unter seinem Bauch herauskam und im Boden zu verschwinden schien. Hazel kämpfte mit seinem eigenen Unverständnis. Bigwig hatte gesagt: »Grabe.« Das zumindest verstand er. Er begann, in dem weichen Boden neben seinem Körper zu kratzen, bis nach einiger Zeit seine Pfoten gegen etwas Glattes und Festes stießen. Als er verblüfft innehielt, fand er Blackberry neben sich.
    »Bigwig hat soeben gesprochen«, sagte er zu ihm, »aber ich glaube nicht, daß er es jetzt noch kann. Er sagte: >Grabt diesen Pflock aus.< Was bedeutet das? Was müssen wir tun?«
    »Augenblick«, sagte Blackberry. »Laß mich überlegen und werde nicht ungeduldig.«
    Hazel drehte den Kopf und blickte den Lauf des Baches hinunter. Weit weg, zwischen den beiden niederen Gehölzen, konnte er den Kirschbaum sehen, wo er vor zwei Tagen mit Blackberry und Fiver gesessen hatte. Er erinnerte sich, wie Bigwig Hawkbit durch das hohe Gras gejagt und den Streit der vergangenen Nacht in der Freude über ihre Ankunft vergessen hatte. Er konnte Hawkbit und zwei oder drei der anderen jetzt auf sich zulaufen sehen - Silver, Dandelion und Pipkin. Dandelion, weit vorn, stürmte auf die Lücke zu und hielt zuckend und starrend an.
    »Was ist, Hazel? Was ist passiert? Fiver sagte -«
    »Bigwig hat sich in einem Draht verfangen. Laß ihn in Ruhe, bis Blackberry einen Einfall hat. Halte die anderen davon ab, sich herumzudrängen.«
    Dandelion drehte sich um und rannte zurück, als Pipkin herankam.
    »Kommt Cowslip?« fragte Hazel. »Vielleicht weiß er -«
    »Er wollte nicht kommen«, erwiderte Pipkin. »Er sagte Fiver, er solle aufhören, davon zu reden.«
    »Was sagte er ihm?« fragte Hazel ungläubig. Aber in diesem Augenblick sprach Blackberry, und Hazel war wie der Blitz bei ihm.
    »Das ist es«, sagte Blackberry. »Der Draht ist an einem Pflock befestigt, der im Boden steckt - da, schau. Wir müssen ihn ausgraben. Los - grabe daneben.«
    Hazel grub wieder; seine Vorderpfoten warfen die weiche, nasse Erde empor und rutschten gegen die harten Seiten des Pflockes. Undeutlich war er sich der anderen bewußt, die in der Nähe warteten. Nach einer Weile war er gezwungen aufzuhören, denn er keuchte. Silver nahm seine Stelle ein, und Buckthorn folgte ihm. Der scheußliche glatte, saubere, nach Mann riechende Pflock war in der Länge eines Kaninchenohrs bloßgelegt, kam aber immer noch nicht frei. Bigwig hatte sich nicht bewegt. Er lag über dem Draht, aufgerissen und blutig, mit geschlossenen Augen. Buckthorn zog seinen Kopf und seine Pfoten aus dem Loch und rieb den Schmutz aus seinem Gesicht.
    »Der Pflock ist da unten schmaler«, sagte er. »Er läuft spitz zu. Ich glaube, er könnte durchgebissen werden, aber ich kann meine Zähne nicht richtig rankriegen.«
    »Schick Pipkin hinein«, sagte Blackberry. »Er ist kleiner.«
    Pipkin plumpste in das Loch. Sie konnten das Holz unter seinen Zähnen splittern hören - ein Geräusch wie von einer Maus in der Holzverkleidung eines Schuppens. Er kam mit blutender Nase heraus.
    »Die Splitter pieken einen, und man kann kaum atmen, aber der Pflock ist beinahe durch.«
    »Fiver, geh hinein«, sagte Hazel.
    Fiver blieb nicht lange im Loch. Auch er kam blutend heraus.
    »Er ist entzweigebrochen. Er ist frei.«
    Blackberry drückte seine Nase an Bigwigs Kopf. Als er ihn sanft liebkoste, rollte sein Kopf seitwärts und wieder zurück.
    »Bigwig«, sagte Blackberry in sein Ohr, »der Pflock ist raus.«
    Keine Antwort. Bigwig lag still wie zuvor. Eine große Fliege setzte sich auf eines seiner Ohren. Blackberry schlug wütend nach ihr, und sie flog summend in den Sonnenschein hinaus.
    »Ich glaube, er ist erledigt«, sagte Blackberry. »Ich kann seinen Atem nicht mehr spüren.«
    Hazel hockte sich neben Blackberry und legte die Nüstern dicht an die Bigwigs, aber eine leichte Brise wehte, und er konnte nicht sagen, ob es Atem war oder nicht. Die Beine waren locker, der Bauch schlaff und kraftlos. Er versuchte, sich das wenige zu vergegenwärtigen, was er von Schlingen gehört hatte. Ein starkes Kaninchen könnte sich den Hals in einer Schlinge brechen. Oder hatte die Spitze eines scharfen Drahtes die Luftröhre durchbohrt?
    »Bigwig«, flüsterte er, »wir haben dich rausgeholt, du bist frei.«
    Bigwig rührte sich nicht. Plötzlich wurde es Hazel klar, daß, wenn Bigwig tot war - und was sonst konnte ihn im Morast festhalten? -, er selbst die anderen wegführen mußte, ehe der furchtbare Verlust ihnen ihren Mut und ihre Lebensgeister nehmen konnte - was zweifellos geschehen würde, wenn sie neben der Leiche blieben. Außerdem würde der Mann bald kommen. Vielleicht kam er schon mit einem Gewehr, um den armen Bigwig fortzunehmen. Sie mußten gehen; und er mußte dafür sorgen, daß alle - auch er - aus ihren Gedanken für immer verbannten, was sich ereignet hatte.
    »Mein Herz hat sich mit den Tausend verbunden, denn mein Freund hörte auf zu laufen«, sagte er zu Blackberry, ein Kaninchensprichwort zitierend.
    »Wenn es bloß nicht Bigwig wäre«, sagte Blackberry. »Was sollen wir ohne ihn anfangen?«
    »Die anderen warten«, sagte Hazel. »Wir müssen am Leben bleiben. Sie brauchen etwas, an das sie glauben können. Hilf mir, oder es geht über meine Kräfte.«
    Er wandte sich von der Leiche ab und suchte unter den Kaninchen hinter ihm nach Fiver. Aber der war nirgends zu sehen, und Hazel fürchtete sich, nach ihm zu fragen, weil es als Schwäche und als ein Bedürfnis nach Trost gedeutet werden könnte.
    »Pipkin«, schnauzte er, »warum putzt du dir nicht das Gesicht und stillst das Blut? Der Blutgeruch zieht elil an. Das weißt du doch!«
    »Ja, Hazel. Verzeih. Wird Bigwig -«
    »Und noch etwas«, unterbrach Hazel ihn verzweifelt. »Was hast du mir da von Cowslip erzählt? Sagtest du, er gebot Fiver, zu schweigen?«
    »Ja, Hazel. Fiver kam ins Gehege und erzählte uns von der Schlinge und daß der arme Bigwig -«
    »Ja, ja, schon gut. Und dann Cowslip - ?«
    »Cowslip und Strawberry und die anderen taten so, als ob sie Fiver nicht hörten. Es war lächerlich, weil Fiver es allen zurief. Und dann, als wir hinausliefen, sagte Silver zu Cowslip: >Du kommst doch sicherlich auch?< Und Cowslip drehte ihm einfach den Rücken zu. Worauf Fiver zu ihm trat und sehr ruhig mit ihm sprach, aber ich hörte, was Cowslip antwortete. Er sagte: >Hügel oder Inle, es ist mir vollkommen gleichgültig, wohin ihr geht. Halt dein Maul.< Und dann schlug er nach Fiver und verletzte ihn am Ohr.«
    »Ich bringe ihn um«, keuchte eine tiefe, würgende Stimme hinter ihnen. Alle fuhren herum. Bigwig hatte den Kopf gehoben und stemmte sich auf den Hinterpfoten hoch. Sein Körper war verdreht, und sein Hinterteil und die Hinterbeine lagen immer noch auf dem Boden. Seine Augen waren offen, und sein Gesicht war eine so furchtbare Maske von Blut, Schaum, Erbrochenem und Erde, daß er mehr wie ein Dämon als wie ein Kaninchen aussah. Sein unmittelbarer Anblick, der sie mit Erleichterung und Freude hätte erfüllen sollen, verbreitete nur Entsetzen. Sie verdrückten sich, und keiner sagte ein Wort.
    »Ich bringe ihn um«, wiederholte Bigwig blubbernd durch seinen schmutzigen Bart und sein verklebtes Fell. »Helft mir doch, verdammt noch mal! Kann mir nicht jemand diesen gemeinen Draht abstreifen?« Er strampelte, zog seine Hinterbeine nach. Dann fiel er wieder hin und kroch vorwärts, den Draht mit dem nachschleppenden Pflock durch das Gras ziehend.
    »Laßt ihn in Ruhe!« rief Hazel, denn jetzt drängten alle vorwärts, um ihm zu helfen. »Wollt ihr ihn umbringen? Laßt ihn ausruhen! Laßt ihn Atem holen!«
    »Nein, nicht ausruhen«, keuchte Bigwig. »Mir geht's gut.« Bei diesen Worten fiel er wieder hin, rappelte sich jedoch sofort auf seine Vorderpfoten hoch. »Es sind meine Hinterbeine. Wollen sich nicht bewegen. Dieser Cowslip! Ich bringe ihn um!«
    »Warum lassen wir sie überhaupt im Gehege?« rief Silver. »Was sind denn das für Kaninchen? Sie hätten Bigwig sterben lassen. Ihr alle habt Cowslip gehört. Das sind Feiglinge. Treiben wir sie hinaus - töten wir sie! Wir    nehmen das Gehege in Besitz und leben selbst da!«
    »Ja, ja!« antworteten alle. »Los, zurück zum Gehege! Nieder mit Cowslip! Nieder mit Silverweed! Tötet sie!«
    »O embleer Frith!« rief eine kreischende Stimme im hohen Gras.
    Bei dieser schockierenden Gottlosigkeit    erstarb    der Tumult. Sie blickten sich um, fragten sich, wer gesprochen haben könnte. Schweigen. Dann tauchte zwischen zwei großen Büscheln Schmielgras Fiver auf, dessen Augen wie rasend funkelten. Er knurrte und sprach ein Kauderwelsch wie ein Hexenhase, und wer in seiner Nähe war, zog sich furchterfüllt zurück. Selbst Hazel hätte ums Leben kein Wort sagen können. Dann verstanden sie, was er sagte.
    »Das Gehege? Ihr geht ins Gehege? Ihr Narren! Dieses Gehege ist nichts als ein Todesloch! Der ganze Ort ist eine schmutzige Speisekammer für elil! Es ist eine Falle - überall, jeden Tag! Das erklärt alles - alles, was sich ereignet hat, seit wir hierherkamen.«
    Er saß bewegungslos da, und seine Worte schienen mit dem Sonnenlicht über das Gras heraufzukriechen.
    »Hör zu, Dandelion. Du magst gern Geschichten, nicht wahr? Ich werde dir eine erzählen - jawohl, eine, über die El-ahrairah weinen kann. Es war einmal ein schönes Gehege am Rande eines Gehölzes, die Wiesen einer Farm überblickend. Es war groß, voll von Kaninchen. Dann, eines Tages, kam die weiße Blindheit, und die Kaninchen wurden krank und verendeten. Aber ein paar von ihnen überlebten, wie immer. Das Gehege wurde beinahe leer. Eines Tages dachte der Farmer: Ich könnte eigentlich diese Kaninchen vermehren, sie zum Teil meiner Farm machen - ihr Fleisch, ihr Fell. Warum mir die Mühe machen, sie im Stall zu halten? Die fühlen sich sehr wohl, wo sie sind. Er begann, alle elil zu schießen -lendri, homba, Wiesel, Eulen. Er legte Futter für die Kaninchen aus, aber nicht zu nahe dem Gehege. Für seine Zwecke mußten sie sich daran gewöhnen, in den Wiesen und im Gehölz herumzustreifen. Und dann fing er sie mit einer Schlinge - nicht zu viele: so viele, wie er brauchte, und nicht so viele, daß sie alle verscheucht würden oder ausstarben. Sie wurden groß, stark und gesund; denn er sorgte dafür, daß sie das Beste von allem hatten, besonders im Winter, und nichts zu fürchten brauchten - außer in die Schlinge in der Heckenlücke und im Holzpfad zu rennen. Sie lebten also, wie er es wollte, und immer verschwanden eben ein paar von ihnen. Die Kaninchen wurden eigenartig in verschiedener Hinsicht, anders als andere Kaninchen. Sie wußten ganz genau, was los war. Aber sogar vor sich selbst taten sie so, als ob alles in bester Ordnung wäre; denn das Futter war gut, sie waren geschützt, sie hatten nichts zu fürchten als die eine Furcht, und die schlug hier und da zu, aber niemals ausreichend, um sie zu vertreiben. Sie verloren die Eigenart von Wildkaninchen. Sie vergaßen El-ahrairah; denn was für einen Nutzen hatten sie von Listen und Schlauheit, da sie im Gehege eines Feindes lebten und seinen Preis bezahlten? Sie fanden andere wunderbare Künste anstelle von Listen und alten Geschichten. Sie tanzten zum feierlichen Gruß. Sie sangen Lieder wie die Vögel und machten Wandmalereien; und obgleich diese ihnen nicht helfen konnten, vertrieben sie doch die Zeit und ermöglichten es ihnen, sich zu sagen, daß sie großartige Burschen seien, die Blüte der Kaninchenschaft, klüger als die Elstern. Sie hatten kein Oberkaninchen - nein, wie konnten sie auch? -, denn ein Oberkaninchen mußte El-ahrairah für sein Gehege sein und sie vor dem Tod bewahren. Und hier gab es nur einen Tod, und welches Oberkaninchen könnte eine Antwort darauf haben? Statt dessen schickte ihnen Frith sonderbare Sänger, schön und krank wie Galläpfel, wie Rotkehlchens Nadelkissen an der wilden Rose. Und da diese Sänger, die an einem anderen Ort klug und weise gewesen sein mochten, die Wahrheit nicht ertragen konnten, wurden sie unter den Druck des schrecklich schweren Geheimnisses des Geheges gesetzt, bis sie schöne Narreteien hervorwürgten über Würde und Fügsamkeit und alles andere, das glauben machen konnte, daß das Kaninchen den glänzenden Draht liebte. Aber einen strikten Grundsatz hatten sie; o ja, den striktesten. Niemand durfte sie fragen, wo ein anderes Kaninchen war, und jeder, der >Wo?< fragte -außer in einem Lied oder einem Gedicht -, mußte zum Schweigen gebracht werden. >Wo?< zu sagen, war schon schlimm genug, aber offen von den Drähten zu sprechen -war unerträglich. Dafür würden sie kratzen und töten.«
    Er hielt inne. Keiner bewegte sich. Dann, in dem Schweigen, sprang Bigwig auf, schwankte einen Augenblick, torkelte ein paar Schritte auf Fiver zu und fiel wieder hin. Fiver schenkte ihm keine Beachtung, sondern blickte von einem Kaninchen zum anderen. Dann begann er wieder zu sprechen.
    »Und dann kamen wir, über die Heide in der Nacht. Wilde Kaninchen, die Kratzer im ganzen Tal machten. Die GehegeKaninchen zeigten sich nicht sofort. Sie mußten überlegen, was am besten zu tun wäre. Aber sie kamen sehr bald darauf: uns ins Gehege zu bringen und uns nichts zu sagen. Versteht ihr nicht? Der Farmer legt nur eine bestimmte Anzahl Fallen, und wenn ein Kaninchen stirbt, leben die anderen um so länger. Du schlugst vor, daß Hazel ihnen von unseren Abenteuern erzählt, Blackberry, aber es hat nicht gut geklappt, nicht wahr? Wer will von tapferen Taten hören, wenn er sich seiner eigenen schämt, und wer will eine offene, ehrliche Geschichte von jemandem hören, den er täuscht? Soll ich weitermachen? Ich sage euch, jedes einzelne Ding, das geschehen ist, paßt wie eine Biene in einen Fingerhut. Und sie töten, sagt ihr, und den großen Bau in Besitz nehmen? Wir würden ein Dach von Gebeinen, mit glänzenden Drähten behangen, in Besitz nehmen! Wir würden uns zu Elend und Tod verhelfen!«
    Fiver sank ins Gras. Bigwig, der noch immer seinen schrecklichen, glatten Pflock hinter sich herzog, taumelte zu ihm und berührte seine Nase mit der seinen.
    »Ich lebe noch, Fiver«, sagte er. »Wir alle leben. Du hast einen größeren Pflock als den, den ich schleppe, durchgebissen. Sag uns, was wir tun sollen.«
    »Tun?« erwiderte Fiver. »Gehen - jetzt. Ich sagte Cowslip, daß wir gehen würden, ehe ich den Bau verließ.«
    »Wohin?« fragte Bigwig. Aber Hazel antwortete.
    »In die Hügel«, sagte er.
    Südlich von ihnen stieg der Boden sanft vom Bach an. Auf dem Kamm konnte man die Furchen einer Wagenspur und dahinter ein Unterholz erkennen. Hazel lief darauf zu, und die übrigen folgten ihm einzeln und zu zweit den Hang hinauf.
    »Was ist mit dem Draht, Bigwig?« fragte Silver. »Der Pflock wird sich verfangen und ihn wieder straffen.«
    »Nein, er ist jetzt locker«, sagte Bigwig. »Ich könnte ihn abschütteln, wenn ich mich nicht am Hals verletzt hätte.«
    »Versuch es«, sagte Silver. »Du wirst sonst nicht weit kommen.«
    »Hazel«, rief Speedwell plötzlich, »da kommt ein Kaninchen aus dem Gehege herunter. Schau!«
    »Nur eines?« meinte Bigwig. »Wie schade! Du übernimmst es, Silver. Ich will dir das nicht vorenthalten. Mach's gut!«
    Sie hielten an und warteten, hier und da über den Hang verstreut. Das sich nähernde Kaninchen lief auf eine merkwürdige, unbesonnene Art. Einmal rannte es direkt in einen dickstieligen Distelstrauch, prallte seitwärts ab und überschlug sich mehrmals. Aber schließlich kam es auf die Füße und tappte auf sie zu.
    »Ist es die weiße Blindheit?« fragte Buckthorn. »Er sieht nicht, wohin er geht.«
    »Da sei Frith vor!« sagte Blackberry. »Sollen wir davonrennen?«
    »Nein, er könnte mit der weißen Blindheit nicht so laufen«, sagte Hazel. »Was immer ihm fehlt, das ist es nicht.«
    »Es ist Strawberry!« rief Dandelion.
    Strawberry kam durch die Hecke am Holzapfelbaum, sah sich um und ging auf Hazel zu. Seine ganze höfliche Selbstbeherrschung war verschwunden. Er stierte und zitterte, und seine Größe schien den Ausdruck von tiefstem Elend nur noch zu verstärken. Er kroch vor ihnen im Gras, während Hazel wartete, streng und bewegungslos, Silver an seiner Seite.
    »Hazel«, fragte Strawberry, »geht ihr fort?«
    Hazel schwieg, aber Silver sagte scharf: »Was geht das dich an?«
    »Nehmt mich mit.« Keine Erwiderung, und er wiederholte: »Nehmt mich mit.«
    »Wir legen keinen Wert auf Geschöpfe, die uns täuschen«, sagte Silver. »Geh lieber zu Nildro-hain zurück. Sie nimmt es zweifellos weniger genau.«
    Strawberry gab eine Art würgendes Kreischen von sich, als wäre er verwundet worden. Er blickte von Silver zu Hazel und dann zu Fiver. Schließlich sagte er in einem kläglichen Flüstern:
    »Die Drähte.«
    Silver wollte schon antworten, aber Hazel sprach zuerst.
    »Du kannst mitkommen«, sagte er. »Sag nichts mehr. Armer Kerl.«
    Ein paar Minuten später hatten die Kaninchen die Wagenspur überquert und verschwanden im dahinterliegenden Unterholz. Eine Elster, die einen hellen, auffallenden Gegenstand auf dem leeren Hang sah, flog näher, um zu sehen, was es war. Doch alles, was da lag, war ein zersplitterter Pflock und ein Stück verbogener Draht.

Zweiter Teil. Watership Down 

18. Watership Down


    Was jetzt bewiesen ist, war einst nur gedacht.
    William Blake The Marriage of Heaven and Hell

    Es war der Abend des darauffolgenden Tages. Den nördlichen Steilabhang von Watership Down, der seit dem frühen Morgen im Schatten lag, erwischte jetzt die westliche Sonne eine Stunde vor der Abenddämmerung. Hundert Meter stieg der Down auf einer Strecke von nicht mehr als zweihundert Metern senkrecht in die Höhe - ein steiler Wall von dem dünnen Baumgürtel am Fluß bis zum Kamm, wo der jähe Abhang sich wieder abflachte. Das volle, weiche Licht lag wie eine goldene Schale über dem Rasen, dem Stechginster, den Eibenbüschen, den vom Wind verkümmerten Dornbüschen. Vom Kamm aus schien das Licht den ganzen Hang unten träge und still zu bedecken. Aber im Gras selbst, zwischen den Büschen, in dem dichten, von den Käfern, den Spinnen und der Spitzmaus bevölkerten Hügelland war das sich bewegende Licht wie ein Wind, der unter ihnen tanzte, um sie zum Huschen und Schlängeln zu bringen. Die roten Strahlen flimmerten zwischen den Grashalmen, blitzten in jeder Minute auf häutigen Flügeln auf, warfen lange Schatten hinter die dünnsten faserartigen Beine, brachen jeden Fleck kahlen Bodens in eine Unzahl individueller Adern auf. Die Insekten summten, wimmerten, brummten, schwirrten und dröhnten, als die Luft sich im Sonnenuntergang erwärmte. Lauter, jedoch ruhiger als sie, klangen zwischen den Bäumen die Goldammer, der Hänfling und der Grünfink. Die Lerchen stiegen auf und zwitscherten in der duftenden Luft über dem Down. Vom Gipfel aus war die augenscheinliche Unbeweglichkeit der weiten blauen Ferne da und dort unterbrochen von Rauchfetzen und winzigem, flüchtigem Aufblitzen von Glas. Tief unten lagen die Felder, grün von Weizen, die fetten Weiden mit den grasenden Pferden, das dunklere Grün der Waiden Auch sie waren, wie der Dschungel des Abhangs, voll abendlichen Lärms, aber von der fernen Höhe der Stille verwandelt, ihre Wildheit gemildert durch die Luft, die dazwischenlag.
    Am Fuße des Rasenvorsprungs hockten Hazel und seine Gefährten unter den niedrigen Zweigen von zwei oder drei Spindelbäumen. Seit dem vergangenen Morgen waren sie fast drei Meilen gewandert. Sie hatten Glück gehabt; denn jeder, der das Gehege verlassen hatte, war noch am Leben. Sie waren durch zwei Bäche geplanscht und angstvoll in den tiefen Waldungen westlich von Ecchinswell gewandert. Sie hatten im Stroh einer einsamen Scheune geruht und waren durch den Angriff von Ratten geweckt worden. Silver und Buckthorn hatten mit Hilfe von Bigwig den Rückzug gedeckt, und als sie alle draußen waren, hatten sie die Flucht ergriffen. Buckthorn war ins Vorderbein gebissen worden, und die Wunde, wie alle Rattenbisse, war entzündet und schmerzte. Als sie an einem kleinen See entlangwanderten, hatten sie verblüfft auf einen großen grauen Fischreiher gestarrt, der im Schilf herumstakste und planschte, bis ein Schwärm wilder Enten sie mit ihrem Geschrei verscheucht hatte. Sie hatten mehr als eine halbe Meile offenen Weidelandes ohne eine Spur von Deckung überquert, jeden Augenblick in Erwartung eines Angriffs, der nicht kam. Sie hatten das unnatürliche Summen eines Hochspannungsmastes in der Sommerluft vernommen und waren tatsächlich unter ihm entlanggegangen, auf Fivers Versicherung hin, daß er ihnen nichts anhaben könne. Jetzt lagen sie unter den Spindelbäumen und schnupperten voller Ermüdung und Zweifel an dem fremden, kahlen Land um sie herum.
    Seitdem sie das Fallen-Gehege verlassen hatten, waren sie vorsichtiger, schlauer, eine zähe Schar geworden, die sich besser verstand und zusammenhielt. Es gab keinen Streit mehr. Die Wahrheit über das Gehege war ein scheußlicher Schock gewesen. Sie waren sich nähergekommen, verließen sich aufeinander und schätzten die Fähigkeiten des einzelnen ganz anders ein. Sie wußten jetzt, daß ihr Leben einzig und allein von diesen abhing, und sie würden nichts schwächen, was sie gemeinschaftlich besaßen. Trotz Hazels Bemühungen neben der Falle war nicht einer unter ihnen, der sich nicht hundeelend bei dem Gedanken fühlte, daß Bigwig tot sein könnte, und sich wie Blackberry fragte, was dann aus ihnen geworden wäre. Ohne Hazel, ohne Blackberry, Buckthorn und Pipkin - wäre Bigwig gestorben. Und wäre er nicht Bigwig -er wäre gestorben; denn hätte nicht jeder andere, derartig zugerichtet, aufgegeben? Bigwigs Stärke, Fivers Scharfblick, Blackberrys geistige Kraft oder Hazels Autorität wurden nicht mehr in Frage gestellt. Als die Ratten kamen, hatten Buckthorn und Silver Bigwig gehorcht und ihre Stellung behauptet. Die übrigen waren Hazel gefolgt, als er sie aufgejagt und ihnen ohne nähere Erklärung befohlen hatte, schnell die Scheune zu verlassen. Später hatte Hazel gesagt, es bliebe gar nichts anderes übrig, als das offene Weideland zu überqueren, und unter Silvers Leitung hatten sie es überquert; Dandelion war immer vorausgerannt, um auszukundschaften. Als Fiver sagte, der Eisenbaum sei harmlos, glaubten sie ihm.
    Strawberry war es schlecht ergangen. Sein Elend machte ihn schwerfällig und unüberlegt, und er schämte sich der Rolle, die er in dem Gehege gespielt hatte. Er war schlapp und viel mehr an Trägheit und gutes Futter gewöhnt, als er zuzugeben wagte. Aber er beklagte sich nicht, und es war offensichtlich, daß er entschlossen war zu zeigen, was er konnte, um nicht zurückgelassen zu werden. Er hatte sich als nützlich im Waldland erwiesen, da er besser an dichte Wälder gewöhnt war als die anderen. »Er wird sich bewähren, weißt du, wenn wir ihm eine Chance geben«, sagte Hazel am See zu Bigwig. »Hoffentlich, verdammt noch mal«, erwiderte Bigwig, »der große Dandy!« - denn nach ihren Maßstäben war Strawberry peinlich sauber und eigen. »Nun, ich möchte, wohlgemerkt, nicht, daß man ihn einschüchtert, Bigwig. Das wird ihm nicht helfen.« Das hatte Bigwig, wenn auch ziemlich verdrießlich, akzeptiert und war selbst weniger anmaßend geworden. Die Falle hatte bei ihm Schwäche und Überreiztheit hinterlassen. Er war es, der das Alarmzeichen in der Scheune gegeben hatte, denn er konnte nicht schlafen und war bei dem scharrenden Geräusch sofort aufgeschreckt. Er wollte Silver und Buckthorn nicht allein kämpfen lassen, hatte sich aber gezwungen gesehen, das Schlimmste ihnen beiden zu überlassen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Bigwig sich zu Mäßigung und Vorsicht gezwungen gesehen.
    Als die Sonne tiefer sank und den Saum des Wolkengürtels am Horizont berührte, kam Hazel unter den Ästen hervor und musterte achtsam den unteren Abhang. Dann starrte er nach oben über die Ameisenhügel zu dem offenen, ansteigenden Hügelland. Fiver und Acorn folgten ihm hinaus und begannen, an einem Fleck Schildklee zu knabbern. Er war neu für sie, aber man brauchte ihnen nicht zu sagen, daß er gut war, und es hob ihre Stimmung. Hazel drehte sich um und gesellte sich zu ihnen zwischen die großen rosig geäderten, purpurfarbenen Blüten-Ähren.
    »Fiver«, sagte er, »um es klipp und klar zu sagen: Du willst, daß wir hier hinaufklettern, wie weit auch immer es sei, und Schutz auf dem Gipfel suchen. Stimmt das?«
    »Ja, Hazel.«
    »Aber der Gipfel muß sehr hoch sein. Ich kann ihn nicht einmal von hier aus sehen. Dort wird es ungeschützt und kalt sein.«
    »Nicht am Boden - und die Erde ist so leicht, daß wir mühelos eine Deckung herauskratzen können, wenn wir den richtigen Ort finden.«
    Hazel überlegte wieder. »Der Anfang macht mir Sorgen. Hier sind wir, alle übermüdet. Ich bin sicher, daß es gefährlich ist, hier zu bleiben. Wir können nirgendwohin laufen. Wir kennen das Land nicht, und wir können uns nicht unter die Erde verkriechen. Aber es kommt nicht in Frage, daß wir heute nacht da hinaufklettern. Wir wären dort noch weniger sicher.«
    »Wir werden gezwungen sein zu graben, nicht wahr?« fragte Acorn. »Dieser Ort liegt beinahe so offen da wie die Heide, die wir überquerten, und die Bäume werden uns vor nichts, das auf vier Füßen jagt, verbergen.«
    »Es wäre immer dasselbe gewesen, ganz gleich, wann wir gekommen wären«, sagte Fiver.
    »Ich sage ja nichts dagegen, Fiver«, sagte Acorn, »aber wir brauchen Löcher. Es ist ein schlechter Ort, wenn man nicht unter die Erde gehen kann.«
    »Ehe alle auf den Gipfel gehen«, sagte Hazel, »sollten wir ausfindig machen, wie es da oben aussieht. Ich gehe selbst hinauf, um mich umzusehen. Ich werde mich beeilen, so sehr ich kann, und ihr müßt dem Glück vertrauen, bis ich zurück bin. Ihr könnt auf jeden Fall ausruhen und fressen.«
    »Du gehst nicht allein«, sagte Fiver fest.
    Da jeder von ihnen bereit war, trotz Ermüdung mitzugehen, gab Hazel nach und wählte Dandelion und Hawkbit aus, die weniger erschöpft schienen als die anderen. Sie begannen, den Berghang zu erklimmen, suchten sich ihren Weg von einem Busch und Büschel zum anderen und hielten dauernd inne und starrten auf die große Grasfläche, die sich auf beiden Seiten erstreckte, so weit sie sehen konnten.
    Ein Mensch geht aufrecht. Es ist anstrengend für ihn, einen steilen Berg hinaufzusteigen, weil er dauernd seine eigene senkrechte Masse aufwärts schieben muß und keine Schwungkraft erlangen kann. Das Kaninchen ist besser dran. Seine Vorderläufe stützen seinen waagegerechten Körper, und die großen Hinterläufe tun die Arbeit. Es gelingt ihnen besser, die leichte Masse vor ihnen den Berg hinaufzustoßen, und sie können ziemlich schnell bergauf gehen. Sie haben so viel Antriebskraft hinter sich, daß sie es unangenehm finden, bergab zu laufen, und manchmal, auf der Flucht einen steilen Hang hinunter, kullern sie tatsächlich kopfüber. Andererseits ist der Mensch nahezu zwei Meter über dem Hang und kann sich überall umblicken. Ihm mag der Boden steil und holperig vorkommen, aber im großen ganzen ist er eben; und er kann seine Richtung leicht von der Spitze seines beweglichen 2-Meter-Turmes wählen. Die Ängste und die Anstrengung der Kaninchen beim Erklettern des Hügels waren deshalb anderer Art, als Sie, verehrter Leser, sie erleben würden. Ihre Hauptschwierigkeit war nicht die körperliche Ermüdung. Als Hazel sagte, sie seien todmüde, hatte er gemeint, daß sie den Streß anhaltender Unsicherheit und Angst empfanden.
    Kaninchen, die nicht in erprobter, vertrauter Umgebung in der Nähe ihrer Löcher sind, leben über dem Boden in fortwährender Furcht. Wenn sie heftig genug wird, können sie durch sie paralysiert werden - tharn, um ihr eigenes Wort zu gebrauchen. Hazel und seine Gefährten waren fast zwei Tage unterwegs gewesen. In der Tat hatten sie sich nach dem Verlassen ihres Heimatgeheges vor fünf Tagen einer Gefahr nach der anderen gegenübergesehen. Sie waren alle nervös, schreckten manchmal grundlos zusammen und legten sich andererseits wieder in jedem Fleck Gras nieder, der sich ihnen bot. Bigwig und Buckthorn rochen nach Blut, und alle waren sich dessen bewußt. Was Hazel, Dandelion und Hawkbit beunruhigte, war die offene Lage und die Fremdheit des Hügellandes und ihr Unvermögen, sehr weit voraus zu sehen. Sie kletterten nicht über, sondern durch das sonnenrote Gras, inmitten des erwachten Insektenlebens und des lodernden Lichts. Das Gras wogte um sie herum. Sie guckten über Ameisenhügel und blickten vorsichtig um Gruppen von Kardendisteln herum. Sie konnten nicht sagen, wie weit entfernt der Kamm sein mochte. Sie stiegen auf jeden kurzen Hang, bloß um einen anderen darüber zu finden. Hazel schien es ein geeigneter Platz für Wiesel - oder eine weiße Eule könnte vielleicht im Zwielicht die Böschung entlangfliegen und mit ihren starren Augen einwärts blicken, bereit, sich ein paar Meter nach der Seite zu wenden und vom schräg abfallenden Hang alles aufzulesen, was sich bewegte. Einige elil lauern ihrer Beute auf, aber die weiße Eule ist ein Sucher, und sie kommt still.
    Während Hazel immer noch hinaufkletterte, begann der Wind zu wehen, und der Juni-Sonnenuntergang rötete den Himmel bis zum Zenit. Hazel war es, wie beinahe alle wildlebenden Tiere, nicht gewöhnt, zum Himmel zu blicken. Was er für den Himmel hielt, war der Horizont, der gewöhnlich von Bäumen und Hecken unterbrochen war. Jetzt jedoch fand sein nach oben gerichteter Blick den Kamm, als über den Horizont still die rotschattierten Kumuluswolken glitten. Ihre Bewegung war beunruhigend, der von Bäumen oder Gras oder Kaninchen nicht ähnlich. Diese großen Massen bewegten sich stetig, geräuschlos und immer in derselben Richtung. Sie waren nicht von seiner Welt.
    »O Frith«, dachte Hazel und wandte den Kopf einen Augenblick zu der hellen Röte im Westen, »schickst du uns aus, um unter den Wolken zu leben? Wenn du wahrhaftig zu Fiver sprachst, hilf mir, ihm zu vertrauen.« In diesem Augenblick sah er Dandelion, der eine ganze Strecke vorausgerannt war, klar gegen den Himmel abgezeichnet auf einem Ameisenhaufen hocken. Beunruhigt sprang er nach vorn.
    »Dandelion, komm herunter!« sagte er. »Warum sitzt du da oben?«
    »Weil ich sehen kann«, erwiderte Dandelion mit einer Art erregter Freude. »Komm und schau! Du kannst die ganze Welt sehen.«
    Hazel kam zu ihm herauf. In der Nähe war ein anderer Ameisenhügel, und er tat es Dandelion nach, setzte sich aufrecht auf seine Hinterläufe und blickte sich um. Er merkte jetzt, daß sie sich auf fast ebenem Boden befanden. Wahrhaftig, es war nur ein sanfter Hang auf einem Teil der Strecke, die sie gekommen waren; aber er war von dem Gedanken einer Gefahr unter freiem Himmel besessen gewesen und hatte den Wandel nicht beachtet. Sie waren oben auf dem Hügelland. Hoch über dem Gras sitzend, konnten sie weit in alle Richtungen sehen, Ihre Umgebung war leer. Wenn irgend etwas sich bewegt hätte, hätten sie es unverzüglich gesehen, und wo das Grasland endete, begann der Himmel. Ein Mensch, ein Fuchs - sogar ein Kaninchen -, die über das Land kämen, würden auffallen. Fiver hatte recht gehabt. Hier oben wären sie vor jeder Annäherung sofort gewarnt.
    Der Wind zerzauste ihr Fell und zerrte an dem Gras, das nach Thymian roch. Die Einsamkeit schien wie eine Erlösung und ein Segen. Die Höhe, der Himmel und die Entfernung stiegen ihnen zu Kopf, und sie hüpften im Sonnenuntergang. »O Frith auf den Bergen!« rief Dandelion. »Er muß es für uns gemacht haben!«
    »Mag sein, daß er es für uns gemacht hat, aber Fiver hat für uns daran gedacht«, antwortete Hazel. »Warte nur, bis wir ihn hier heraufkriegen! Fiver-rah!«
    »Wo ist Hawkbit?« fragte Dandelion plötzlich.
    Obgleich es noch hell genug war, konnten sie Hawkbit nirgendwo auf dem Hochland sehen. Nachdem sie sich einige Zeit suchend umgeblickt hatten, rannten sie zu einem kleinen, etwas entfernten Hügel hinunter und schauten wieder umher. Aber sie sahen nichts außer einer Feldmaus, die aus ihrem Loch herauskam und in einem Fleck geschossenem Gras herumsauste.
    »Er muß hinuntergegangen sein«, sagte Dandelion.
    »Nun, ob er gegangen ist oder nicht«, sagte Hazel, »wir können jedenfalls nicht weiter nach ihm suchen. Die anderen warten, und sie sind vielleicht in Gefahr. Wir müssen selbst hinuntergehen.«
    »Was für ein Jammer, ihn zu verlieren«, sagte Dandelion, »nachdem wir Fivers Hügel erreicht haben, ohne einen einzigen einzubüßen. Er ist so ein Dummkopf; wir hätten ihn gar nicht mit heraufnehmen sollen. Aber wie könnte irgend etwas ihn erwischt haben, ohne daß wir's gesehen hätten?«
    »Nein, er ist sicherlich zurückgegangen«, sagte Hazel.
    »Wer weiß, was Bigwig ihm erzählen wird! Hoffentlich beißt er ihn nicht wieder. Wir sollten uns lieber beeilen.«
    »Wirst du sie heute Abend heraufbringen?« fragte Dandelion.
    »Ich weiß nicht«, sagte Hazel. »Das ist so ein Problem. Wo finden wir ein Obdach?«
    Sie gingen auf den steilen Rand zu. Das Licht begann zu schwinden. Sie fanden ihre Richtung durch eine Gruppe verkümmerter Bäume, an denen sie auf ihrem Weg herauf vorbeigekommen waren. Diese bildeten eine Art Oase - ein kleines, für die Downs übliches Charakteristikum. Ein halbes Dutzend Dornbüsche und zwei oder drei Holunderbüsche wuchsen über und unter einem Damm ineinander. Zwischen ihnen war die Erde kahl, und die nackte Kreide zeigte ein bleiches, schmutziges Weiß unter der cremefarbigen Holunderblüte. Als sie sich näherten, sahen sie plötzlich Hawkbit zwischen den Dornstümpfen sitzen und sich das Gesicht mit seinen Pfoten säubern.
    »Wir haben dich gesucht«, sagte Hazel. »Wo in aller Welt bist du gewesen?«
    »Es tut mir leid, Hazel«, erwiderte Hawkbit unterwürfig. »Ich habe mir diese Löcher angesehen. Ich dachte, sie wären uns vielleicht von Nutzen.«
    In der niedrigen Böschung hinter ihm befanden sich drei Kaninchenlöcher. Es gab noch zwei weitere in dem flachen Boden zwischen den dicken, knorrigen Wurzeln. Sie konnten keine Fußspuren und keinen Mist sehen. Die Löcher waren eindeutig verlassen.
    »Bist du unten gewesen?« fragte Hazel und schnüffelte herum.
    »Ja, bin ich«, sagte Hawkbit. »Jedenfalls in dreien. Sie sind nicht tief und ziemlich uneben, aber da ist kein Geruch nach Tod oder Krankheit, und sie sind gut erhalten. Ich dachte, sie würden für uns genügen - für den Augenblick jedenfalls.«
    Ein Mauersegler flog im Zwielicht kreischend über ihnen, und Hazel wandte sich an Dandelion.
    »Neuigkeiten! Neuigkeiten!« sagte er. »Bring sie hier herauf.«
    So kam es, daß einer aus dem Mannschaftsstand einen glücklichen Fund machte, der sie endlich zu den Downs brachte - und wahrscheinlich ein oder zwei Leben rettete; denn sie hätten kaum die Nacht im Freien verbringen können, weder auf dem Hügel noch unten an seinem Fuß, ohne von einem Feind angegriffen zu werden.

19. Furcht im Dunkeln


    »Wer ist im nächsten Zimmer? - Wer?
    Eine Gestalt bleich Mit einer Botschaft für einen da drin von etwas Bevorstehendem?
    Werde ich ihn sofort erkennen?«
    »Ja, er; und er brachte dergleichen; und du wirst ihn sofort erkennen.«
    Thomas Hardy »Who's in the Next Room?«

    Die Löcher waren wirklich uneben - »Gerade recht für einen Haufen Vagabunden[8] wie wir«, sagte Bigwig -, aber die Erschöpften und diejenigen, die im fremden Land umherwandern, sind nicht wählerisch bei ihren Quartieren. Zumindest war Platz für zwölf Kaninchen, und die Baue waren trocken. Zwei der Läufe - die zwischen den Dornbäumen - führten direkt zu Höhlen hinunter, die aus der oberen Kalkerdschicht gescharrt worden waren. Kaninchen polstern ihre Schlafstellen nicht aus, und ein harter, beinahe felsiger Boden ist unbehaglich für diejenigen, die nicht daran gewöhnt sind. Die Löcher in der Böschung jedoch hatten die üblichen bogenförmigen Läufe, die zu dem Kalk hinunter und dann wieder zu Bauen mit festgetrampelter Erde hinaufführten. Es gab keine Verbindungsgänge, aber die Kaninchen waren zu müde, sich darum zu sorgen. Sie schliefen zu viert in einem Bau, gemütlich und sicher. Hazel blieb noch eine Weile wach und leckte Buckthorns Lauf, der steif und empfindlich war. Er war beruhigt, als er keinen Infektionsgeruch wahrnahm, aber alles, was er über Ratten gehört hatte, bestimmte ihn, dafür zu sorgen, daß Buckthorn ausreichend Ruhe bekam und saubergehalten wurde, bis die Wunde verheilt war. Das ist schon der dritte von uns, der verletzt wurde; trotzdem, alles in allem hätte es schlimmer kommen können, dachte er und schlief ein. Die kurze JuniDunkelheit glitt in ein paar Stunden vorbei. Das Licht kehrte sehr früh zu dem hochgelegenen Land zurück, aber die Kaninchen rührten sich nicht. Lange nach der Frühdämmerung schliefen sie immer noch, ungestört in einer Stille, die tiefer war, als sie sie je gekannt hatten. Heutzutage ist der Geräuschpegel in Feldern und Wäldern tagsüber hoch - für einige Tierarten zu hoch und unerträglich. Wenige Orte sind weit genug von menschlichen Geräuschen entfernt -Autos, Bussen, Motorrädern, Traktoren, LKWs. Das Geräusch einer Ansiedlung ist am Morgen über eine weite Entfernung zu hören. Leute, die den Gesang von Vögeln aufnehmen wollen, tun das im allgemeinen sehr früh - vor sechs Uhr -, wenn sie können. Bald danach dringt der entfernte Lärm zu beständig und laut in die meisten Waldgebiete. In den letzten fünfzig Jahren ist die Stille in weiten Teilen des Landes zerstört worden. Aber hier, auf Watership Down, trieben nur schwache Spuren der Tagesgeräusche von unten herauf.
    Die Sonne stand schon hoch, wenn auch nicht so hoch wie der Down, als Hazel erwachte. Bei ihm im Bau waren Buckthorn, Fiver und Pipkin. Er lag der Mündung des Loches am nächsten und weckte sie nicht, als er den Lauf hinaufschlüpfte. Draußen hielt er an, um hraka zu machen, und hopste dann durch die Dornenstelle ins offene Gras. Das Land unten war mit Frühnebel bedeckt, der sich aufzulösen begann. Da und dort, weit entfernt, waren die Umrisse von Bäumen und Dächern zu erkennen, von denen Nebelfetzen wie Wasser über Felsen herabströmten.
    Der Himmel war wolkenlos und von einem tiefen Blau, das sich malvenfarbig am Rand des Horizontes verdunkelte. Der Wind hatte sich gelegt, und die Spinnen hatten sich in das Gras verzogen. Es würde ein heißer Tag werden.
    Hazel streifte in der Weise umher, wie es ein Kaninchen beim Fressen zu tun pflegt - fünf oder sechs langsame, wiegende Hopser durch das Gras; eine Pause, um sich umzublicken, dabei aufrecht sitzend, die Ohren aufgerichtet; dann wieder kurze Zeit emsig knabbernd, und wieder ein paar Hopser weiter. Zum erstenmal seit vielen Tagen fühlte er sich entspannt und sicher. Er fragte sich, ob sie über ihr neues Heim viel lernen müßten.
    Fiver hatte recht, dachte er. Das ist genau der richtige Ort für uns. Aber wir werden uns erst daran gewöhnen müssen, und je weniger Fehler wir machen, desto besser. Was wohl aus den Kaninchen geworden sein mag, die diese Löcher gegraben haben? Haben sie aufgehört zu laufen, oder sind sie einfach weggegangen? Würden wir sie aufstöbern, könnten sie uns viel erzählen.
    In diesem Augenblick sah er ein Kaninchen ziemlich zögernd aus einem Loch herauskommen, das am weitesten von ihm entfernt lag. Es war Blackberry. Auch er machte hraka, kratzte sich, hopste dann ins volle Sonnenlicht und kämmte seine Ohren. Als er zu fressen begann, schloß Hazel sich ihm an, knabberte an dem Tussockgras und wanderte mit dorthin, wo es seinem Freund gefiel. Sie kamen zu einem Fleck mit Kreuzblumen - so blau wie der Himmel -, die mit langen Stielen durchs Gras krochen, wobei jede ihrer winzigen Blüten ihre zwei oberen Blätter wie Flügel ausbreitete. Blackberry schnupperte daran, aber die Blätter waren zäh und nicht schmackhaft.
    »Was ist das, weißt du es?« fragte er.
    »Nein«, sagte Hazel. »Ich habe es noch nie gesehen.«
    »Wir wissen eine ganze Menge nicht«, sagte Blackberry. »Ich meine, über diesen Ort. Die Pflanzen sind neu, die Gerüche sind neu. Wir werden selbst neue Ideen brauchen.«
    »Nun, du bist genau der Richtige für neue Ideen«, sagte Hazel. »Ich weiß nie etwas, bis du mir's sagst.«
    »Aber du gehst voran und übernimmst das Risiko«, antwortete Blackberry. »Wir haben es alle gesehen. Und jetzt ist unsere Reise beendet, nicht wahr? Dieser Ort ist sicher, wie Fiver es vorausgesagt hat. Nichts kann ohne unser Wissen in unsere Nähe kommen, das heißt, solange wir riechen, sehen und hören können.«
    »Das können wir alle.«
    »Nicht, wenn wir schlafen, und wir können nicht im Dunkeln sehen.«
    »Es ist nun einmal dunkel bei Nacht«, sagte Hazel, »und Kaninchen müssen schlafen.«
    »Im Freien?«
    »Nun, wir können diese Löcher weiterbenutzen, wenn wir wollen, aber ich sehe voraus, daß eine ganze Anzahl draußen liegen wird. Schließlich kannst du nicht von einem Haufen Rammler verlangen, daß er gräbt. Sie mögen ein oder zwei Kratzer machen - wie damals, nachdem wir über die Heide kamen -, aber mehr tun sie nicht.«
    »Darüber habe ich gerade nachgedacht«, sagte Blackberry. »Diese Kaninchen, die wir verlassen haben - Cowslip und die übrigen -, taten eine Menge Dinge, die für Kaninchen unnatürlich waren - Steine in die Erde stoßen, Fressen unter die Erde tragen und Frith weiß was noch alles.«
    »Threarahs Salat wurde schließlich auch unter die Erde geschafft.«
    »Genau. Meinst du nicht, daß sie das, was Kaninchen natürlicherweise tun, geändert haben, weil sie glaubten, es besser machen zu können? Und wenn sie ihre Lebensweise änderten, können wir es auch tun, wenn wir wollen. Du sagst, Rammler graben nicht. Das stimmt. Aber sie könnten, wenn sie wollten. Nehmen wir an, wir hätten tiefe, bequeme Baue, in denen wir schlafen könnten, wären aus schlechtem Wetter heraus und unter der Erde bei Nacht - dann wären wir wirklich sicher. Und nichts anderes hindert uns daran als die Tatsache, daß Rammler nicht graben. Nicht nicht graben können - sondern nicht graben wollen.«
    »Was schlägst du also vor?« fragte Hazel halb interessiert, halb widerwillig. »Willst du, daß wir diese Löcher in ein richtiges Gehege verwandeln?«
    »Nein, diese Löcher taugen nichts. Man kann leicht sehen, weshalb sie verlassen worden sind. Schon etwas tiefer stößt man auf diesen harten weißen Stoff, in dem man nicht graben kann. Es muß dort bitterkalt im Winter sein. Aber da ist ein Gehölz genau hinter dem Gipfel des Hügels. Gestern nacht, als wir kamen, habe ich einen flüchtigen Blick von ihm erhascht. Wie war's, wenn wir höher hinaufgingen, nur du und ich, und uns die Sache ansähen?«
    Sie rannten hügelauf zum Gipfel. Der Buchenabhang lag etwas weiter nach Südosten, auf der anderen Seite eines Graspfades, der auf dem Kamm verlief.
    »Es sind einige große Bäume da«, sagte Blackberry. »Die Wurzeln müssen den Boden ziemlich tief aufgebrochen haben. Wir könnten Löcher graben und uns so wohl fühlen wie je im alten Gehege. Aber wenn Bigwig und die anderen nicht graben wollen oder sagen werden, sie könnten nicht - nun, dann ist es zu kahl und ungeschützt hier. Deshalb ist es natürlich einsam und sicher; aber wenn schlechtes Wetter einsetzt, werden wir ganz gewiß von den Hügeln vertrieben werden.«
    »Es wäre mir nie eingefallen, einen Haufen Rammler zum Graben wirklicher Löcher überreden zu wollen«, sagte Hazel zweifelnd, als sie den Hang hinunter zurückkehrten. »Kaninchenjunge brauchen natürlich Löcher, aber wir?«
    »Wir wurden alle in einem Gehege geboren, das gegraben wurde, bevor unsere Mütter geboren wurden«, sagte Blackberry. »Wir sind Löcher gewohnt, und nicht einer von uns hat je geholfen, eines zu graben. Und wann immer ein neues entstand, wer grub es? Ein Weibchen. Ich bin ganz sicher, daß wir nicht sehr lange hierbleiben können, wenn wir nicht unsere natürliche Lebensweise ändern. Irgendwo anders vielleicht, aber nicht hier.«
    »Das bedeutet eine Menge Arbeit.«
    »Schau, da kommen Bigwig und einige der anderen herauf. Legen wir ihnen die Frage vor, um zu hören, was sie sagen.«
    Während silflay erwähnte Hazel Blackberrys Idee niemandem außer Fiver gegenüber. Später, als die meisten Kaninchen zu Ende gefressen hatten und entweder im Gras spielten oder in der Sonne lagen, schlug er vor, daß sie zu dem bewaldeten Abhang hinübergehen sollten - »bloß um zu sehen, was für Gehölz es ist«. Bigwig und Silver stimmten sofort zu, und zum Schluß blieb keiner zurück.
    Es war anders als das Wiesengestrüpp, das sie verlassen hatten: ein schmaler Baumgürtel, vier- bis fünfhundert Meter lang, aber kaum fünfzig breit, eine Art Windschutz, der auf den Downs üblich ist. Er bestand beinahe gänzlich aus gutgewachsenen Buchen. Die großen glatten Stämme standen bewegungslos in ihrem grünen Dunkel, ihre Äste breiteten sich, einer über dem anderen, in lichtgesprenkelten Lagen ebenmäßig aus. Zwischen den Bäumen war die Erde frei und bot kaum Deckung. Die Kaninchen waren verblüfft. Sie verstanden nicht, weshalb das Gehölz so hell und still war und sie so weit zwischen den Bäumen hindurchgehen konnten. Das dauernde sanfte Rascheln der Buchenblätter war anders als die Geräusche in einem niedrigen Wäldchen von Nußsträuchern, Eichen und Silberbirken.
    Sie bewegten sich unsicher am Rande des Abhanges entlang und kamen zur Nordostecke. Hier war eine Böschung, von der aus sie die leeren Grasflächen dahinter überblicken konnten. Fiver, lächerlich klein neben dem ungeschlachten Bigwig, wandte sich mit einer Miene glücklichen Vertrauens an Hazel.
    »Ich bin sicher, daß Blackberry recht hat, Hazel«, sagte er. »Wir sollten alles tun, um hier einige Löcher zu graben. Ich bin jedenfalls bereit, es zu versuchen.«
    Die anderen waren bestürzt. Pipkin jedoch schloß sich Hazel bereitwillig am Fuß der Böschung an, und bald begannen zwei oder drei weitere, in dem lockeren Boden zu kratzen. Das Graben war leicht, und obgleich sie es unterbrachen, um zu fressen oder einfach in der Sonne zu sitzen, war Hazel vor Mittag außer Sicht, einen unterirdischen Gang zwischen den Baumwurzeln grabend.
    Der bewaldete Abhang mochte wenig oder kein Unterholz haben, aber wenigstens boten die Äste Deckung gegen den Himmel; und Turmfalken, das merkten sie bald, gab es in dieser Einsamkeit häufiger. Obgleich Turmfalken selten auf etwas Größeres als eine Ratte Jagd machen, greifen sie doch manchmal junge Kaninchen an. Zweifellos ist das der Grund, weshalb die meisten erwachsenen Kaninchen nicht unter einem schwebenden Turmfalken verharren. In Kürze machte Acorn einen aus, der von Süden heranflog. Er trommelte und riß in die Bäume aus, und die anderen Kaninchen, die im Freien waren, schlossen sich ihm an. Sie waren erst kurze Zeit wieder mit Graben beschäftigt, als sie einen anderen -vielleicht auch denselben - sahen, der in einiger Entfernung hoch über jenen Feldern schwebte, die sie am vergangenen Morgen überquert hatten. Hazel stellte Buckthorn als Wachtposten auf, während die Arbeit aufs Geratewohl weiterging, und noch zweimal am Nachmittag wurde Alarm gegeben. Am frühen Abend wurden sie von einem Reiter gestört, der über den am Nordende des Gehölzes vorbeiführenden Kammpfad trabte. Sonst sahen sie den ganzen Tag nichts Größeres als eine Taube.
    Nachdem der Reiter sich nahe dem Gipfel von Watership nach Süden gewandt hatte und in der Ferne verschwunden war, kehrte Hazel zum Rand des Gehölzes zurück und blickte hinüber nach Norden zu den hellen, stillen Feldern und der verschwommenen Hochspannungsleitung, die sich in der Ferne nördlich von Kingsclere verlor. Die Luft war kühler, und die Sonne erreichte wieder die nördliche Böschung.
    »Ich glaube, wir haben genug getan«, sagte er, »für heute jedenfalls. Ich würde gerne hügelabwärts laufen und wirklich gutes Gras suchen. Dieses Zeug ist nicht gerade schlecht, aber es ist ziemlich herb und dürr. Hat jemand Lust, mitzukommen?«
    Bigwig, Dandelion und Speedwell waren bereit, aber die anderen zogen es vor, ihren Weg zu den Dornbäumen zurückzuweiden und mit der Sonne unter die Erde zu gehen. Bigwig und Hazel suchten die Strecke aus, die die meiste Deckung bot, und machten sich mit den anderen auf den knapp fünfhundert Meter langen Weg zum Fuß des Berges. Sie stießen auf keine Schwierigkeiten, fraßen bald im Gras am Rande des Weizenfeldes und boten das typische Bild von Kaninchen in einer abendlichen Landschaft, Hazel vergaß trotz seiner Müdigkeit nicht, sich nach einer Deckung umzusehen, falls Alarm geschlagen werden sollte. Er hatte Glück: Er traf auf einen kurzen alten Graben, der teilweise verfallen und so dicht mit Wiesenkerbel und Nesseln bewachsen war, daß er fast soviel Schutz wie ein Tunnel bot; und alle vier vergewisserten sich, daß sie ihn schnell vom Freien aus erreichen konnten.
    »Das wird notfalls genügen«, sagte Bigwig, schmatzend Klee kauend und an der herabgefallenen Blüte eines Strauches schnuppernd. »Meine Güte, wir haben einiges gelernt, seit wir das alte Gehege verlassen haben, nicht wahr? Mehr als wir unser Leben lang dort gelernt hätten. Und Graben! Nächstens wird es noch Fliegen sein, schätze ich. Habt ihr bemerkt, daß dieser Boden ganz anders ist als der im alten Gehege? Er riecht anders und gleitet und fällt auch ganz anders.«
    »Das erinnert mich an etwas«, sagte Hazel. »Ich habe eine Frage. Eines gab es in diesem fürchterlichen Gehege von Cowslip, das mir sehr imponiert hat - den großen Bau. Den würde ich gerne nachbilden. Es ist ein herrlicher Gedanke, einen Ort unter der Erde zu haben, wo alle zusammen sein können - reden und Geschichten erzählen und so weiter. Was hältst du davon? Könnten wir das schaffen?«
    Bigwig überlegte. »Ich weiß nur eines«, sagte er. »Wenn du einen zu großen Bau machst, stürzt das Dach ein. Wenn du also so einen Ort haben willst, brauchst du etwas, um das Dach zu halten. Was hat Cowslip gehabt?«
    »Baumwurzeln.«
    »Nun, wo wir graben, gibt es welche. Aber sind das die richtigen?«
    »Wir fragen lieber Strawberry, was er über den großen Bau weiß, aber wahrscheinlich wird es nicht viel sein. Ich bin sicher, daß er damals noch nicht lebte, als der entstand.«
    »Er ist vielleicht auch noch nicht tot, wenn der zusammenfällt. Dieses Gehege ist tharn wie eine Eule bei Tag. Es war klug von ihm, zu gehen.«
    Zwielicht hatte sich über das Kornfeld gesenkt; denn obgleich lange rote Strahlen das obere Hügelland noch erleuchteten, war die Sonne unten bereits verschwunden. Der ungleichmäßige Schatten der Hecke war verblaßt und vergangen. Es herrschte ein frischer Geruch nach Feuchtigkeit und nahender Dunkelheit. Ein Maikäfer summte vorbei. Die Heuschrecken waren still geworden.
    »Die Eulen werden herauskommen«, sagte Bigwig. »Gehen wir wieder hinauf.«
    In diesem Augenblick war aus dem sich verdunkelnden Feld ein auf dem Boden trommelndes Geräusch zu hören. Es folgte ein zweites, näher bei ihnen, und sie erhaschten einen flüchtigen Blick auf einen weißen Schwanz. Sie rannten beide sofort in den Graben. Nun, da sie ihn wirklich benutzen mußten, fanden sie ihn noch enger, als sie gedacht hatten. Es war gerade genug Platz, sich am anderen Ende umzudrehen, und während sie das taten, purzelten Speedwell und Dandelion hinter ihnen herein.
    »Was ist das?« fragte Hazel. »Was habt ihr gehört?«
    »Es kommt etwas an der Hecke herauf«, erwiderte Speedwell. »Ein Tier. Macht auch eine Menge Lärm.«
    »Hast du es gesehen?«
    »Nein, riechen konnte ich es auch nicht. Es ist nicht in Windrichtung. Aber ich habe es deutlich genug gehört.«
    »Ich auch«, sagte Dandelion. »Etwas ziemlich Großes - so groß wie ein Kaninchen auf jeden Fall -, das sich unbeholfen bewegte, sich aber zu verbergen versuchte, so schien es mir jedenfalls.«
    » Homba?«
    »Nein, das hätten wir gerochen«, sagte Bigwig, »mit und ohne Wind. Nach dem, was du sagst, klingt es verdammt nach Katze. Ich hoffe, es ist kein Wiesel. Hoi, hoi, u embleer hrair! Was für ein Ärgernis! Wir bleiben lieber sitzen, wo wir sind. Aber seid bereit, euch aus dem Staube zu machen, wenn es uns entdeckt.«
    Sie warteten. Bald wurde es dunkel. Nur ein schwaches Licht drang durch das verstrickte Sommergewächs über ihnen. Das entgegengesetzte Ende des Grabens war so überwachsen, daß sie nicht darüber hinaussehen konnten, aber die Lücke, durch die sie hereingekommen waren, zeigte sich als ein Fleck Himmel - ein Bogen von sehr dunklem Blau. Als die Zeit verstrich, kroch ein Stern aus den überhängenden Gräsern hervor. Er schien in einem Rhythmus zu pulsieren, der so schwach und unregelmäßig wie der des Windes war. Schließlich wandte Hazel die Augen von ihm ab.
    »Nun, wir könnten hier ein wenig schlafen«, sagte er. »Die Nacht ist nicht kalt. Ganz gleich, was ihr gehört habt, wir sollten das Risiko, hinauszulaufen, nicht eingehen.«
    »Hört«, sagte Dandelion. »Was ist das?«
    Einen Augenblick konnte Hazel nichts hören. Dann fing er einen fernen, aber klaren Ton auf - eine Art Wimmern oder Weinen, zitternd und stoßweise. Obgleich es nicht wie ein Jagdruf klang, war es so unnatürlich, daß es ihn mit Furcht erfüllte. Als er lauschte, hörte es auf.
    »Was in Friths Namen macht so ein Geräusch?« sagte Bigwig, dessen große Fellmütze sich zwischen seinen Ohren angriffslustig sträubte.
    »Eine Katze?« fragte Speedwell mit aufgerissenen Augen.
    »Das ist keine Katze!« sagte Bigwig, die Lippen in einer steifen, unnatürlichen Grimasse zurückgezogen. »Das ist keine Katze! Wißt ihr nicht, was das ist? Eure Mutter -« Er brach ab. Dann sagte er sehr leise: »Eure Mutter hat es euch erzählt, nicht wahr?«
    »Nein!« rief Dandelion. »Es ist ein Vogel - eine Ratte -verletzt -«
    Bigwig stand auf. Sein Rücken war gekrümmt, und sein Kopf nickte auf steifem Nacken.
    »Das Schwarze Kaninchen von Inle«, flüsterte er. »Was sonst - an einem Ort wie diesem?«
    »Rede nicht so!« sagte Hazel. Er zitterte und stützte seine Beine gegen die Seiten des schmalen Grabens.
    Plötzlich erklang das Geräusch wieder, näher, und jetzt konnte es keinen Zweifel mehr geben: Was sie hörten, war die Stimme eines Kaninchens, aber bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Es hätte aus den kalten Weiten des dunklen Himmels draußen kommen können, so unirdisch und trostlos war der Klang. Zuerst war nur Wehklagen, dann hörten sie deutlich und ohne Zweifel - sie alle hörten es - Worte.
    »Zorn! Zorn![9] « rief die furchtbare Stimme. »Alle tot! O zorn!«
    Dandelion wimmerte. Bigwig scharrte in der Erde herum.
    »Sei still!« sagte Hazel. »Und hör auf, mich mit Erde zu bewerfen! Ich möchte horchen.« In diesem Augenblick rief die Stimme ganz deutlich: »Thlayli! O Thlayli!«
    Darüber gerieten alle vier Kaninchen in einen Zustand äußerster Panik. Sie wurden starr. Dann begann Bigwig mit glasigen und stieren Augen, sich den Graben zur Öffnung hinaufzuziehen. »Man muß gehen«, murmelte er so dumpf, daß Hazel die Worte kaum verstehen konnte. »Man muß gehen, wenn man gerufen wird.«
    Hazel war so erschrocken, daß er seine fünf Sinne nicht mehr beisammenhalten konnte. Wie auf der Flußböschung wurde seine Umgebung unwirklich und traumhaft. Wer - oder was - rief Bigwig beim Namen? Wie konnte irgendein lebendes Geschöpf an diesem Ort seinen Namen kennen? Nur ein Gedanke beherrschte ihn - Bigwig mußte daran gehindert werden, hinauszugehen; denn er war hilflos. Er krabbelte neben ihn und drückte ihn an die Seite des Grabens.
    »Bleib, wo du bist«, sagte er keuchend. »Was immer das für ein Kaninchen ist, ich werde selbst nachsehen.« Dann zog er sich, wobei seine Beine fast unter ihm nachgaben, ins Freie hinauf.
    Einige Augenblicke konnte er wenig oder nichts sehen; aber die Gerüche nach Tau und Holunder waren unverändert, und seine Nase stieß an kühle Grashahne. Er setzte sich auf und blickte sich um. Es war kein Geschöpf in der Nähe.
    »Wer ist da?« fragte er.
    Stille, und er wollte schon wieder sprechen, als die Stimme rief: »Zorn! O zorn!«
    Es kam aus der Hecke auf der Feldseite. Hazel wandte sich dem Ton zu und machte in wenigen Augenblicken unter einem Büschel Schierling die zusammengesunkene Gestalt eines Kaninchens aus. Er näherte sich ihm und sagte:
    »Wer bist du?«, aber es kam keine Antwort. Während er noch zögerte, vernahm er hinter sich eine Bewegung.
    »Ich bin hier, Hazel«, sagte Dandelion mit würgendem Keuchen.
    Sie traten gemeinsam näher. Die Gestalt bewegte sich nicht, als sie herankamen. In dem blassen Sternenlicht sahen sie beide ein Kaninchen, das so wirklich wie sie selbst war: ein Kaninchen im letzten Stadium der Erschöpfung, die Hinterbeine hinter seinem niedergedrückten Rumpf lang ausgestreckt, als wären sie gelähmt, ein Kaninchen, das das Weiße in seinen Augen von einer Seite zur anderen rollte, ohne etwas zu sehen, das keine Erlösung aus seiner Angst fand und elend an einem aufgerissenen und blutigen Ohr leckte, das ihm schlaff über das Gesicht hing, ein Kaninchen, das plötzlich aufschrie und heulte, als wollte es die Tausend anflehen, von allen Seiten zusammenzuströmen und es von dem unerträglichen Elend zu befreien.
    Es war Hauptmann Holly von der Sandleford-Owsla.

20. Eine Honigwabe und eine Maus


    Sein Gesicht war das von jemandem, der eine lange Reise unternommen hat.
    Gilgamesch-Epos

    Im Sandleford-Gehege war Holly ein Kaninchen von Bedeutung gewesen. Der Threarah brachte ihm großes Vertrauen entgegen, und er hatte mehr als einmal schwierige Aufträge mit großem Mut ausgeführt. Im Frühjahr, als ein Fuchs ins benachbarte Unterholz gezogen war, hatte Holly ihn mit zwei oder drei Freiwilligen mehrere Tage überwacht und alle seine Bewegungen gemeldet, bis er eines Abends so plötzlich verschwand, wie er gekommen war. Obgleich er aus eigenem Antrieb beschlossen hatte, Bigwig zu verhaften, stand er nicht im Ruf, rachsüchtig zu sein. Er ließ sich nichts vormachen, wußte genau, wann pflichtgemäß gehandelt werden mußte, und tat es von allein. Ein prächtiger Kerl, anspruchslos, gewissenhaft, dem es ein wenig an dem kaninchenhaften Übermut mangelte, war er sozusagen der geborene stellvertretende Kommandeur. Es wäre sinnlos gewesen, ihn zu überreden, das Gehege zusammen mit Hazel und Fiver zu verlassen. Ihn überhaupt in Watership Down zu finden war daher erstaunlich genug. Aber ihn in so einer Verfassung zu finden war beinahe unglaublich.
    In den ersten Augenblicken, nachdem sie das arme Geschöpf unter dem Schierling entdeckt hatten, waren Hazel und Dandelion so verblüfft, als wären sie unter der Erde auf ein Eichhörnchen oder auf einen Bach, der bergauf floß, gestoßen. Sie glaubten, ihren Sinnen nicht zu trauen. Die Stimme im Dunkel hatte sich nicht als übernatürlich erwiesen, aber die Wirklichkeit war entsetzlich genug. Wie konnte Hauptmann Holly hier, am Fuße des Hügellandes, sein? Und was konnte ihn - gerade ihn - in diesen Zustand gebracht haben?
    Hazel riß sich zusammen. Gleichgültig, welche Erklärung es geben mochte, das Wichtigste war zunächst einmal, eines nach dem anderen anzupacken. Sie waren zu nächtlicher Zeit in freiem Land, fern von jeder Zuflucht, wenn man von dem überwachsenen Graben absah, mit einem Kaninchen, das nach Blut roch, das unbändig weinte und aussah, als könnte es sich nicht bewegen. Es konnte sehr gut in diesem Augenblick ein Wiesel auf seiner Spur sein. Wenn sie ihm helfen wollten, dann mußte das schnell geschehen.
    »Geh und sag Bigwig, wer es ist«, sagte er zu Dandelion, »und komm mit ihm zurück. Schicke Speedwell zu den anderen auf dem Hügel und sag ihm, er soll ihnen klarmachen, daß niemand herunterkommen darf. Sie könnten doch nicht helfen, und es würde die Sache nur riskanter machen.«
    Kaum war Dandelion gegangen, als Hazel sich bewußt wurde, daß sich noch etwas in der Hecke bewegte. Er hatte keine Zeit zu überlegen, was es sein könnte, denn beinahe sofort erschien ein anderes Kaninchen und humpelte zu Holly hinüber.
    »Du mußt uns helfen, wenn du kannst«, sagte es zu Hazel. »Uns ist es sehr schlecht ergangen, und mein Herr ist krank. Können wir hier unter die Erde gelangen?«
    Hazel erkannte in ihm eines der Kaninchen, die Bigwig hatten verhaften wollen, aber er wußte seinen Namen nicht.
    »Warum bist du in der Hecke geblieben und hast ihn im Freien herumkriechen lassen?« fragte er.
    »Ich rannte fort, als ich dich kommen hörte«, erwiderte das andere Kaninchen. »Es gelang mir nicht, den Hauptmann weiterzubekommen. Ich dachte, du seist elil und es hätte keinen Zweck, dazubleiben und getötet zu werden. Ich glaube nicht, daß ich es mit einer Feldmaus aufnehmen könnte.«
    »Kennst du mich?« fragte Hazel. Aber ehe der andere antworten konnte, kamen Dandelion und Bigwig aus der Dunkelheit. Bigwig starrte Holly einen Augenblick an, hockte sich dann vor ihn und stupste Nase an Nase.
    »Holly, hier ist Thlayli«, sagte er. »Du hast mich gerufen.«
    Holly antwortete nicht, blickte nur starr zurück. Bigwig sah auf. »Wer ist der andere, der mit ihm kam?« fragte er. »Oh, du bist's, Bluebell. Wie viele von euch noch?«
    »Keine weiter«, sagte Bluebell. Er wollte noch etwas hinzufügen, als Holly sprach.
    »Thlayli«, sagte er. »Also haben wir dich gefunden.«
    Er setzte sich mühsam auf und blickte sich unter ihnen um.
    »Du bist Hazel, nicht wahr?« fragte er. »Und das - oh, ich müßte es eigentlich wissen, aber ich bin in einer sehr schlechten Verfassung, fürchte ich.«
    »Es ist Dandelion«, sagte Hazel. »Hör zu - ich sehe, daß du erschöpft bist, aber wir können nicht hier bleiben. Wir sind in Gefahr. Kannst du mit in unsere Löcher kommen?«
    »Hauptmann«, sagte Bluebell, »weißt du, was der erste Grashalm zum zweiten sagte?«
    Hazel sah ihn scharf an, aber Holly erwiderte: »Nun?«
    »Er sagte: >Schau, da ist ein Kaninchen! Wir sind in Gefahr! <«
    »Es ist nicht die Zeit«, begann Hazel.
    »Laß ihn«, sagte Holly. »Wir wären überhaupt nicht hier ohne sein Blaumeisen-Geschwätz. Ja, ich kann jetzt gehen. Ist es weit?«
    »Nicht allzuweit«, sagte Hazel und hielt es nur für zu wahrscheinlich, daß Holly nie hinkommen würde.
    Sie brauchten lange, um den Hügel hinaufzuklettern. Hazel verteilte sie, wobei er selbst bei Holly und Bluebell blieb, während Bigwig und Dandelion an den Seiten gingen. Holly mußte mehrmals anhalten, und Hazel, angsterfüllt, hatte Mühe, seine Ungeduld zu unterdrücken. Erst als der Mond aufging - der Rand seiner großen Scheibe wurde am Horizont heller und heller -, bat er schließlich Holly, sich zu beeilen.
    Während er sprach, sah er im weißen Licht Pipkin zu ihnen herunterkommen.
    »Was tust du?« fragte er streng. »Ich habe Speedwell doch gesagt, daß keiner herunterkommen soll.«
    »Es ist nicht Speedwells Schuld«, sagte Pipkin. »Du hast mir am Fluß beigestanden, ich dachte deshalb, ich sollte dich suchen, Hazel. Auf jeden Fall sind die Löcher gleich hier. Ist es wirklich Hauptmann Holly, den du gefunden hast?«
    Bigwig und Dandelion näherten sich.
    »Ich will dir was sagen«, meinte Bigwig. »Diese beiden brauchen ziemlich lange Ruhe. Wie war's, wenn Pipkin und Dandelion sie in einen leeren Bau brächten und bei ihnen blieben, solange sie wollen? Wir anderen halten uns lieber fern, bis sie sich besser fühlen.«
    »Ja, das ist das beste«, sagte Hazel. »Ich gehe jetzt mit dir hinauf.«
    Sie rannten die kurze Strecke zu den Dornbäumen. Alle anderen Kaninchen waren außerhalb der Löcher, warteten und flüsterten miteinander.
    »Haltet's Maul«, sagte Bigwig, ehe irgend jemand eine Frage gestellt hatte. »Ja, es ist Holly, und Bluebell ist bei ihm - sonst niemand. Es geht ihnen sehr schlecht, und sie dürfen nicht gestört werden. Wir werden dieses Loch für sie leer lassen. Ich verschwinde jetzt nach unten, und wenn ihr Verstand habt, tut ihr's auch.«
    Doch ehe er ging, wandte sich Bigwig an Hazel: »Du bist aus diesem Graben da unten statt meiner hinausgegangen, nicht wahr, Hazel? Das werde ich nicht vergessen.«
    Hazel erinnerte sich an Buckthorns Bein und nahm ihn mit sich hinunter. Speedwell und Silver folgten ihnen.
    »Sag mal, was ist eigentlich passiert, Hazel?« fragte Silver. »Es muß etwas sehr Schlimmes gewesen sein. Holly würde den Threarah nie verlassen.«
    »Ich weiß es nicht«, erwiderte Hazel, »keiner weiß es bis jetzt. Wir werden bis morgen warten müssen. Holly hört vielleicht auf zu rennen, aber ich glaube nicht, das Bluebell aufhört. Jetzt laß mich in Frieden, damit ich mich um Buckthorns Bein kümmern kann.«
    Die Wunde sah sehr viel besser aus, und bald schlief Hazel ein.
    Der nächste Tag war so heiß und wolkenlos wie der vergangene. Weder Pipkin noch Dandelion waren beim Morgen-silflay, und Hazel nahm die anderen erbarmungslos zum Buchenhang hinauf,    um mit dem Graben weiterzumachen. Er fragte Strawberry über den großen Bau aus und erfuhr, daß seine Decke, außer daß sie von einem Gewirr kleiner Wurzeln überwölbt war, von senkrecht in den Boden hinunterlaufenden Wurzeln verstärkt wurde. Er äußerte, daß er sie nicht bemerkt hätte.
    »Es sind nicht viele, aber sie sind wichtig«, sagte Strawberry. »Sie übernehmen einen Großteil der Last. Wenn diese Wurzeln nicht wären, würde die Decke nach starkem Regen einstürzen. In stürmischen Nächten konnte man den besonderen Druck der Erde spüren, aber es bestand keine Gefahr.«
    Hazel und Bigwig gingen mit ihm unter die Erde. Die Anfänge des neuen Geheges waren unter den    Wurzeln einer der Buchen ausgescharrt worden. Es war immer noch nicht mehr als eine kleine unregelmäßige Höhle mit nur einem Eingang. Sie    machten sich an    die    Arbeit, sie    zu vergrößern, gruben zwischen den Wurzeln und trieben einen Stollen nach oben, um einen zweiten Lauf zu erhalten, der innerhalb des Gehölzes herauskommen würde. Nach einiger Zeit hörte Strawberry mit dem Graben auf und begann, zwischen den Wurzeln hin und her zu laufen, schnuppernd, beißend und mit den Vorderpfoten in der Erde scharrend. Hazel nahm an, daß er müde war und so tat, als sei er beschäftigt, während er sich ausruhte, aber schließlich kam er zu ihnen zurück und sagte, er habe einige Vorschläge zu machen.
    »Es ist folgendermaßen«, erklärte er. »Hier oben gibt es kein ausgedehntes, gut ausgebildetes Wurzelwerk. Das war ein glücklicher Zufall in dem großen Bau, und ich glaube nicht, daß wir erwarten können, so etwas noch mal zu finden. Aber trotz allem kommen wir ganz gut mit dem aus, was wir haben.«
    »Und was haben wir?« fragte Blackberry, der den Lauf bei diesen Worten heruntergekommen war.
    »Nun, wir haben mehrere dicke Wurzeln, die direkt hinunterführen - mehr, als in dem großen Bau waren. Das beste wird sein, um sie herum zu graben und sie dort zu lassen. Sie sollten nicht durchgenagt und entfernt werden. Wir werden sie brauchen, wenn wir eine Halle von einiger Größe haben werden.«
    »Dann wird unsere Halle voll dieser dicken, senkrechten Wurzeln sein?« fragte Hazel. Er war enttäuscht.
    »Ja«, erwiderte Strawberry, »aber ich sehe nicht ein, weshalb sie schlechter sein sollte. Wir können zwischen ihnen hinein- und hinausgehen, und sie werden keinen, der spricht oder eine Geschichte erzählt, daran hindern. Sie machen den Ort wärmer und tragen dazu bei, Geräusche von oben herunterzuleiten, was eines Tages ganz nützlich sein könnte.«
    Das Ausgraben der Halle (die bei ihnen als Honigwabe bekannt wurde) entpuppte sich als so etwas wie ein Triumph für Strawberry. Hazel begnügte sich mit der Organisation der Ausgrabungsarbeiten und überließ es Strawberry, anzuordnen, was tatsächlich getan werden mußte. Die Arbeit wurde in Schichten ausgeführt, und die Kaninchen fraßen, spielten und lagen abwechselnd oben in der Sonne. Tagsüber blieb die Einsamkeit von Geräuschen, Menschen, Traktoren oder Vieh unbeeinträchtigt, und es wurde ihnen immer klarer, was sie Fivers Hellsichtigkeit verdankten. Gegen Spätnachmittag nahm der große Bau Gestalt an. Am nördlichen Ende bildeten die Buchenwurzeln eine Art unregelmäßiger Kolonnade. Diese machte einem freieren, zentralen Raum Platz, und dahinter, wo keine stützenden Wurzeln mehr waren, ließ Strawberry Pfeiler von Erde unberührt, so daß das südliche Ende aus drei oder vier getrennten Abteilungen bestand. Diese verengten sich zu niedrigen Läufen, die in Schlafbaue führten.
    Hazel, der jetzt viel zufriedener war, nachdem er selbst sehen konnte, wie sich die Sache machte, saß mit Silver in der Mündung des Laufes, als plötzlich getrommelt wurde: »Habicht! Habicht!« und die Kaninchen, die draußen waren, in Deckung stürzten. Hazel, dort, wo er war, in Sicherheit, blieb da und blickte über den Schatten des Gehölzes ins offene, sonnenbeschienene Gras hinaus. Der Turmfalke segelte in Sicht und nahm seinen Posten ein, der schwarzrandige Schwanz senkte sich, und seine zugespitzten Flügel rüttelten, als er das Land unter sich auskundschaftete.
    »Glaubst du, er würde uns wirklich angreifen?« fragte Hazel und beobachtete, wie er sich tiefer fallen ließ und sein Rütteln wiederaufnahm. »Der ist doch viel zu klein.«
    »Wahrscheinlich hast du recht«, erwiderte Silver. »Trotzdem, würdest du gerne da hinausgehen und fressen?«
    »Ich hätte große Lust, es mit einigen dieser elil aufzunehmen«, sagte Bigwig, der hinter ihnen den Lauf heraufgekommen war. »Wir haben vor zu vielen Angst. Aber ein Vogel aus der Luft wäre unangenehm, besonders wenn er schnell käme. Er könnte selbst ein großes Kaninchen besiegen, wenn er es überrumpelte.«
    »Seht ihr die Maus?« fragte Silver plötzlich. »Da, schaut. Armes kleines Tier.«
    Sie konnten alle die Feldmaus sehen, die auf einem Fleck weichen Grases preisgegeben war. Offensichtlich hatte sie sich zu weit von ihrem Loch entfernt und wußte jetzt nicht, was sie tun sollte. Der Schatten des Turmfalken war noch nicht über sie hinweggestrichen, aber das plötzliche Verschwinden der Kaninchen hatte sie unruhig gemacht, und sie drückte sich an die Erde und blickte unsicher dahin und dorthin. Der Turmfalke hatte sie noch nicht gesehen, würde sie aber sofort bemerken, sobald sie sich bewegte.
    »Es kann jeden Augenblick passieren«, sagte Bigwig gleichgültig.
    In einer plötzlichen Regung hopste Hazel die Böschung hinunter und lief ein kurzes Stück in das offene Gras hinaus. Mäuse sprechen nicht die Kaninchensprache, aber es gibt eine sehr einfache, begrenzte lingua franca des Hecken- und Waldlandes. Hazel gebrauchte sie jetzt.
    »Lauf«, sagte er. »Hierher, schnell.«
    Die Maus sah ihn an, bewegte sich aber nicht. Hazel sprach wieder, und die Maus begann plötzlich auf ihn zuzurennen, als der Turmfalke drehte und über die Seite abwärts glitt. Hazel eilte zum Loch zurück. Hinausblickend sah er, wie die Maus ihm folgte. Als sie den Fuß der Böschung beinahe erreicht hatte, huschte sie über einen abgefallenen Zweig mit wenigen grünen Blättern. Der Zweig drehte sich, eines der Blätter fing das zwischen den Bäumen schräg einfallende Sonnenlicht auf, und Hazel sah es einen Augenblick aufblitzen. Sofort näherte sich der Turmfalke im Schrägflug, schloß die Flügel und ließ sich fallen.
    Ehe Hazel von der Mündung des Loches zurückspringen konnte, war die Maus zwischen seine Vorderpfoten gehuscht und wurde zwischen seinen Hinterläufen zu Boden gedrückt. Im selben Augenblick schlug der Turmfalke, ganz Schnabel und Krallen, auf der lockeren Erde unmittelbar vor dem Eingang wie ein vom Baum herabgeworfenes Geschoß auf. Er scharrte wild, und einen Augenblick sahen die drei Kaninchen seine runden dunklen Augen direkt in den Lauf hinunterstarren. Dann war er verschwunden. Die Geschwindigkeit und Stärke seines Angriffs, so aus der Nähe betrachtet, waren erschreckend, und Hazel fuhr zurück, Silver dabei aus dem Gleichgewicht stoßend. Sie zappelten sich schweigend wieder auf.
    »Möchtest du's gerne mit dem da aufnehmen?« fragte Silver, sich zu Bigwig umblickend. »Laß mich wissen, wann. Ich komme dann und sehe zu.«
    »Hazel«, sagte Bigwig, »ich weiß, daß du nicht dumm bist, aber was haben wir dadurch gewonnen? Wirst du in Zukunft jeden Maulwurf und jede Spitzmaus schützen, die sich nicht unter die Erde retten können?«
    Die Maus hatte sich nicht bewegt. Sie hockte immer noch im Lauf, auf der Höhe ihrer Köpfe sich gegen das Licht abzeichnend. Hazel sah, wie sie ihn beobachtete.
    »Vielleicht Habicht nicht gegangen«, sagte er. »Du jetzt bleiben. Später gehen.«
    Bigwig wollte wieder etwas sagen, als Dandelion in der Mündung des Loches erschien. Er sah die Maus an, schob sie sanft beiseite und kam den Lauf herunter.
    »Hazel«, sagte er, »vielleicht sollte ich dir jetzt über Holly berichten. Es geht ihm heute Abend viel besser, aber er hatte eine sehr schlechte Nacht und wir auch. Jedesmal, wenn er einzuschlafen schien, schreckte er auf und fing an zu weinen. Ich dachte schon, er würde den Verstand verlieren. Pipkin redete mit ihm - er war erstklassig -, und er scheint eine ganze Menge von Bluebell zu halten. Bluebell machte weiterhin seine Späße. Er war erschöpft, ehe der Morgen kam, genau wie wir anderen - wir haben den ganzen Tag geschlafen. Holly war so ziemlich der alte, als er heute nachmittag aufwachte, und er ist zum silflay auf gewesen. Er fragte, wo du und die anderen heute Abend sein würden, und da ich es nicht wußte, wollte ich dich fragen.«
    »Ist er also in der Lage, mit uns zu reden?« fragte Bigwig.
    »Ich glaube, ja. Es wäre das beste für ihn, soweit ich das beurteilen kann: Wenn er mit uns allen zusammen wäre, hätte er bestimmt keine zweite so schlechte Nacht.«
    »Nun, und wo werden wir schlafen?« fragte Silver.
    Hazel überlegte. Die Honigwabe befand sich immer noch im Rohbau und war erst halb fertig, aber wahrscheinlich wäre sie ebenso bequem wie die Löcher unter den Dornbäumen. Und wenn es sich herausstellte, daß es nicht so wäre, hätten sie um so mehr Anlaß, sie zu verbessern. Zu wissen, daß sie sich tatsächlich die schwere Arbeit des Tages zunutze machen würden, müßte jedermann anspornen, und wahrscheinlich zogen sie dies einer dritten Nacht in den Kreidelöchern vor.
    »Ich würde sagen, hier«, meinte er. »Aber wir werden sehen, was die anderen davon halten.«
    »Was tut diese Maus hier?« fragte Dandelion.
    Hazel erklärte es. Dandelion war genauso verblüfft, wie Bigwig es gewesen war.
    »Nun, ich gebe zu, ich hatte keine besondere Absicht, als ich hinausging, um ihr zu helfen«, sagte Hazel. »Aber jetzt habe ich eine Idee, und ich werde später erklären, welche. Doch vor allem sollten Bigwig und ich zu Holly gehen und mit ihm reden. Und, Dandelion, du erzählst den anderen, was du mir gesagt hast, ja? Und stelle fest, was sie heute Abend tun wollen.«
    Sie fanden Holly mit Bluebell und Pipkin auf dem Rasen bei dem Ameisenhaufen, von dem aus Dandelion zuerst über das Land geblickt hatte. Holly schnüffelte an einem Knabenkraut. Die malvenfarbigen Blüten schaukelten sanft auf ihrem Stengel, als er die Nase dagegen stieß.
    »Erschrecke sie nicht, Meister«, sagte Bluebell. »Sie könnte wegfliegen. Schließlich hat sie eine Menge Stellen, die sie wählen kann. Schau, wie sie überall zwischen den Blättern verteilt sind.«
    »Ach, geh schon, Bluebell«, antwortete Holly gutgelaunt. »Wir müssen uns über das Gelände hier informieren. Die Hälfte der Pflanzen sind mir fremd. Diese ist zwar nicht eßbar, aber wenigstens gibt es eine Menge Pimpinellen, und das ist immer gut.« Eine Fliege setzte sich auf sein verletztes Ohr, und er zuckte zusammen und schüttelte den Kopf.
    Hazel sah mit Freude, daß Holly offenbar in besserer Verfassung war. Er sagte, er hoffe, daß er sich wohl genug fühle, sich den anderen anzuschließen, aber Holly unterbrach ihn bald mit Fragen.
    »Seid ihr viele?« fragte er.
    »Hrair«, antwortete Bigwig.
    »Alle, die mit dir das Gehege verließen?«
    »Jeder einzelne«, erwiderte Hazel stolz.
    »Niemand verletzt?«
    »Oh, mehrere sind schon verletzt worden.«
    »Ist nie wirklich langweilig gewesen«, sagte Bigwig.
    »Wer kommt da? Ich kenne ihn nicht.«
    Strawberry kam den Abhang heruntergerannt, und als er sich zu ihnen gesellte, begann er dieselbe merkwürdige Tanzgeste mit dem Kopf und den Vorderpfoten zu machen, die sie zum ersten Mal in der regennassen Wiese vor Eintritt in den großen Bau gesehen hatten. Er zügelte sich etwas verwirrt, und um Bigwigs Zurechtweisung zuvorzukommen, sprach er sofort Hazel an.
    »Hazel-rah«, sagte er (Holly sah überrascht aus, sagte aber nichts), »jeder will heute nacht im neuen Gehege bleiben, und sie hoffen alle, daß Hauptmann Holly in der Lage sein wird, ihnen zu erzählen, was passiert ist und wie er hierher kam.«
    »Nun, natürlich wollen wir es alle gerne wissen«, sagte Hazel zu Holly. »Das ist Strawberry. Er hat sich uns auf unserer Reise angeschlossen, und wir waren froh, ihn bei uns zu haben. Aber glaubst du, daß du es schaffst?«
    »Ich schaffe es«, sagte Holly. »Aber ich muß euch warnen: Mein Bericht wird das Herz eines jeden einzelnen von euch erstarren lassen.«
    Er selbst sah so traurig und düster aus, während er sprach, daß keiner etwas erwiderte, und nach einigen Augenblicken machten sich die sechs Kaninchen schweigend auf den Weg den Hang hinauf. Als sie die Ecke des Gehölzes erreichten, trafen sie die anderen beim Fressen an oder wie sie sich in der Abendsonne an der Nordseite der Buchenbäume aalten. Nach einem flüchtigen Blick auf sie ging Holly zu Silver hinüber, der mit Fiver in einem Fleck gelber Kleeblätter fraß.
    »Ich freue mich, dich hier zu sehen, Silver«, sagte er. »Wie ich höre, ist es dir ziemlich schlecht ergangen.«
    »Es ist nicht leicht gewesen«, antwortete Silver. »Hazel hat Wunder bewirkt, und wir schulden auch Fiver hier eine Menge.«
    »Ich habe von dir gehört«, sagte Holly, sich an Fiver wendend. »Du bist das Kaninchen, das alles kommen sah. Du sprachst mit dem Threarah, nicht wahr?«
    »Er sprach mit mir«, sagte Fiver.
    »Wenn er nur auf deinen Rat gehört hätte! Nun, jetzt ist nichts mehr zu ändern, bis Eicheln auf Disteln wachsen. Silver, ich möchte etwas sagen, und ich kann es leichter dir als Hazel oder Bigwig sagen. Ich habe nicht die Absicht, Schwierigkeiten zu machen - Schwierigkeiten für Hazel, meine ich. Er ist jetzt euer Oberkaninchen, das ist klar. Ich kenne ihn kaum, aber er muß gut sein - oder ihr wäret alle tot; und es ist nicht die Zeit, sich zu zanken. Wenn jemand von den anderen Kaninchen sich fragt, ob ich vielleicht die Dinge ändern möchte, würdest du sie bitte wissen lassen, daß ich das nicht vorhabe?«
    »Ja, das werde ich«, sagte Silver.
    Bigwig kam heran. »Ich weiß, es ist noch nicht Eulenzeit«, sagte er, »aber alle sind so begierig, dich zu hören, Holly, daß sie sofort unter die Erde gehen wollen. Ist dir das recht?«
    »Unter die Erde?« entgegnete Holly. »Aber wie könnt ihr alle mich unter der Erde anhören? Ich nahm an, daß ich hier sprechen sollte.«
    »Komm und sieh selbst«, sagte Bigwig.
    Holly und Bluebell waren von der Honigwabe beeindruckt.
    »Das ist etwas ganz Neues«, meinte Holly. »Was hält das Dach oben?«
    »Es braucht nicht gehalten zu werden«, sagte Bluebell. »Es ist schon oben auf dem Hügel.«
    »Wir stießen unterwegs auf diese Idee«, sagte Bigwig.
    »Lag in einem Feld«, witzelte Bluebell. »Schon gut, Meister, ich werde still sein, während du sprichst.«
    »Ja, das mußt du«, sagte Holly. »Bald wird niemand mehr Witze hören wollen.«
    Beinahe alle Kaninchen waren ihnen nach unten gefolgt. Die Honigwabe, obgleich groß genug für alle, war nicht so luftig wie der große Bau, und an diesem Juniabend schien sie ein bißchen eng.
    »Wir können sie leicht kühler machen, weißt du«, sagte Strawberry. »In dem großen Bau pflegten sie Tunnel für den Sommer zu öffnen, die sie im Winter verschlossen. Wir können morgen noch einen Lauf auf der Abendseite graben und die Brise auffangen.«
    Hazel wollte gerade Holly bitten, zu beginnen, als Speedwell den östlichen Lauf herunterkam. »Hazel«, sagte er, »dein - äh - Gast - deine Maus. Sie will mit dir sprechen.«
    »Oh, ich hatte sie ganz vergessen«, sagte Hazel. »Wo ist sie?«
    »Im Lauf oben.«
    Hazel ging hinauf. Die Maus wartete am Ende.
    »Du jetzt gehen?« sagte Hazel. »Du halten für sicher?«
    »Jetzt gehen«, sagte die Maus. »Nicht warten Eule. Aber ich möchte sagen. Du helfen einer Maus. Eines Tages eine Maus dir helfen. Du sie brauchen, sie kommen.«
    »Großer Frith!« murmelte Bigwig weiter unten im Bau.
    »Und ihre Brüder und Schwestern auch. Ich sage euch, daß es von ihnen wimmeln wird. Warum bittest du sie nicht, uns einen Bau oder zwei zu graben, Hazel?«
    Hazel sah der Maus nach, wie sie im hohen Gras verschwand. Dann kehrte er zur Honigwabe zurück und ließ sich neben Holly nieder, der soeben zu sprechen begonnen hatte.

21. »Auf daß El-ahrairah weine«


    Liebe die Tiere. Gott hat ihnen die Grundlagen des Denkens und die ungetrübte Freude geschenkt. Störe sie nicht, quäle sie nicht, beraube sie nicht ihres Glücks, gehe nicht gegen Gottes Absicht an.
    Dostojewski Die Brüder Karamasow

    Unrechtstaten, getan
    Zwischen der untergehenden und aufgehenden Sonne,
    Liegen in der Geschichte wie Gebeine, jede einzelne.
    W. H. Auden Der Aufstieg von F. 6

    »An dem Abend, als ihr das Gehege verließt, rückte die Owsla aus, um euch zu suchen. Wie lange scheint das heute her zu sein! Wir folgten eurem Geruch den Bach hinunter, aber als wir dem Threarah sagten, daß ihr anscheinend stromab aufgebrochen wäret, sagte er, es hätte keinen Sinn, euch zu folgen und das Leben zu riskieren. Wenn ihr fort wäret, wäret ihr fort. Aber sollte jemand zurückkommen, würde er sofort verhaftet werden. Worauf ich die Suche abbrach.
    Am anderen Tag trug sich nichts Ungewöhnliches zu. Es gab gewisses Gerede über Fiver und die Kaninchen, die mit ihm gegangen waren. Jeder wußte, daß Fiver gesagt hatte, etwas Schlimmes würde passieren, und alle möglichen Gerüchte gingen um. Viele Kaninchen meinten, an der Sache sei nichts dran, aber einige glaubten, daß Fiver möglicherweise Männer mit Gewehren und Frettchen vorausgesehen hatte. Das war das Schlimmste, was sich jemand vorstellen konnte - das oder die weiße Blindheit.
    Willow und ich beredeten das alles mit dem Threarah. >Diese Kaninchen<, sagte er, >die behaupten, das zweite Gesicht zu haben - ich habe ein oder zwei zu meiner Zeit gekannt. Aber gewöhnlich ist es nicht ratsam, ihnen viel Beachtung zu schenken. Erstens einmal sind viele bloß boshaft. Ein schwaches Kaninchen, das nicht hoffen kann, durch Kämpfen weit zu kommen, versucht manchmal, sich auf andere Art wichtig zu machen, und Prophezeien ist sehr beliebt. Es ist merkwürdig - wenn seine Prophezeiung sich als falsch erweist, scheinen seine Freunde es selten zu bemerken, solange er seine Rolle gut spielt und drauflosredet. Zum anderen aber hat man vielleicht ein Kaninchen, das wirklich diese sonderbare Gabe hat - denn es gibt sie -, es sagt eine Überschwemmung voraus oder Frettchen und Gewehre. Gut, es wird also eine gewisse Zahl von Kaninchen nicht mehr draußen herumlaufen.
    Was ist die Alternative? Die Evakuierung eines Geheges ist eine gewaltige Sache. Einige weigern sich zu gehen. Das Oberkaninchen bricht mit all denen auf, die mitkommen wollen. Seine Autorität wird wahrscheinlich auf die härteste Probe gestellt, und wenn es sie verliert, wird es sie so bald nicht zurückerlangen. Bestenfalls hat man einen Haufen hlessil, die im Freien umherwandern und wahrscheinlich Weibchen und Junge im Schlepptau haben. Elil erscheinen in Horden. Die Arznei ist schlimmer als die Krankheit. Fast ist es für das Gehege als Ganzes besser, wenn die Kaninchen sich nicht vom Fleck rühren und alles daransetzen, den Gefahren unter der Erde auszuweichen.<«
    »Natürlich habe ich mich nie hingesetzt und habe überlegt«, sagte Fiver. »Das hat sich der Threarah alles ausgedacht. Mich packte einfach das fürchterliche Entsetzen. Großer goldener Frith, hoffentlich passiert mir das nie wieder! Ich werde es nie vergessen - das und die Nacht, die ich unter der Eibe verbrachte. Es gibt entsetzlich viel Böses in der Welt.«
    »Es kommt vom Menschen«, sagte Holly. »Alle anderen elil tun, was sie müssen, und Frith leitet sie, wie er uns leitet. Sie leben auf der Erde, und sie brauchen Nahrung. Aber die Menschen werden nicht ruhen, bis sie die Erde verwüstet und die Tiere vernichtet haben. Doch ich fahre lieber in meiner Erzählung fort.
    Am nächsten Tag begann es nachmittags zu regnen.«
    (»Das war, als wir die Kratzer in die Böschung machten«, flüsterte Buckthorn Dandelion zu.)
    »Alle waren unter der Erde, Kügelchen kauend oder schlafend. Ich war einige Minuten nach oben gegangen, um hraka zu machen, und befand mich am Rande des Gehölzes, ganz nahe dem Graben, als ich einige Männer auf dem Gipfel des gegenüberliegenden Hanges neben diesem Brett-Ding durch die Pforte kommen sah. Ich weiß nicht, wie viele es waren - drei oder vier, nehme ich an. Sie hatten lange schwarze Beine und verbrannten weiße Stengel im Mund. Sie schienen kein besonderes Ziel zu haben. Sie liefen langsam im Regen herum, besahen sich die Hecken und den Bach. Nach einiger Zeit überquerten sie den Bach und trampelten auf das Gehege zu. Wann immer sie zu einem KaninchenLoch kamen, stach einer von ihnen hinein; und sie redeten ununterbrochen. Ich erinnere mich an den Duft der Holunderblüte im Regen und den Geruch der weißen Stengel. Später, als sie näher kamen, glitt ich wieder unter die Erde. Ich konnte sie noch einige Zeit herumstochern und sprechen hören. Ich dachte immer:    Schließlich haben sie keine Gewehre und keine Frettchen. Aber irgendwie gefiel mir die Sache nicht.«
    »Was sagte der Threarah?« fragte Silver.
    »Ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn nicht gefragt, und soviel ich weiß, tat es auch sonst niemand. Ich ging schlafen, und als ich erwachte, war kein Geräusch über mir zu hören. Es war Abend, und ich beschloß, silflay zu machen. Es hatte sich eingeregnet, aber ich trödelte herum und fraß trotz allem eine Weile. Ich konnte nicht entdecken, daß irgend etwas sich geändert hatte, außer daß hier und da die Mündung eines Loches eingestoßen war.
    Der nächste Morgen war klar und schön. Alle waren draußen für silflay wie gewöhnlich. Ich erinnere mich, daß Nightshade zu dem Threarah sagte, er solle vorsichtig sein und sich nicht zu sehr ermüden, da er nun in die Jahre komme; und der Threarah sagte, er werde ihm zeigen, wer hier in die Jahre komme, und knuffte ihn und stieß ihn die Böschung hinunter. Es war nur zum Scherz, wißt ihr, aber er tat es, um Nightshade zu zeigen, daß er mit dem Oberkaninchen immer noch zu rechnen hätte. Ich ging an diesem Morgen hinaus, um nach Salat zu suchen, und aus irgendeinem Grund hatte ich beschlossen, allein zu gehen.«
    »Drei bilden gewöhnlich einen Salat-Trupp«, sagte Bigwig.
    »Ja, ich weiß, gewöhnlich sind es drei, aber es gab einen besonderen Grund, weshalb ich an diesem Tag allein ging. O ja, ich erinnere mich: Ich wollte sehen, ob es schon einige frühe Mohrrüben gab - ich dachte, sie würden gerade soweit sein -, und ich schätzte, ich wäre allein besser dran, wenn ich einen unbekannten Teil des Gartens durchsuchte. Ich war die meiste Zeit des Morgens draußen, und es kann nicht lange vor ni-Frith gewesen sein, als ich durch das Gehölz zurückkehrte. Ich kam die Stille Böschung hinunter - ich weiß, daß die meisten Kaninchen die Grüne Lockere vorzogen, aber ich ging beinahe immer die Stille Böschung entlang. Ich kam in den offenen Teil des Gehölzes, wo es zu dem alten Zaun hin abfällt, als ich in dem Feldweg oben auf dem gegenüberliegenden Hang einen hrududu bemerkte. Er stand am Tor neben dem Brett, und eine Menge Männer kamen heraus. Ein Junge war bei ihnen, der ein Gewehr hatte. Sie nahmen einige große lange Dinger herunter - ich weiß nicht, wie ich sie euch beschreiben soll. Sie waren aus demselben Material gemacht wie ein hrududu, und sie müssen schwer gewesen sein, weil zwei Männer nötig waren, eines zu tragen. Die Männer trugen diese Dinger auf die Wiese, und die wenigen Kaninchen, die über der Erde waren, gingen hinunter. Ich nicht. Ich hatte das Gewehr gesehen und dachte, sie würden vielleicht Frettchen und möglicherweise Netze benutzen. Also blieb ich, wo ich war, und beobachtete weiter. Ich dachte: Sobald ich sicher bin, was sie vorhaben, gehe ich und warne den Threarah.
    Dann noch mehr Gerede und noch mehr weiße Stengel. Menschen haben es nie eilig, nicht wahr? Dann nahm einer von ihnen einen Spaten und schickte sich an, die Mündungen aller Löcher zu füllen, die er finden konnte. An jedem Loch, zu dem er kam, stach er den Rasen darüber ab und schob ihn in das Loch. Das kam mir komisch vor, weil sie ja mit Frettchen die Kaninchen heraustreiben wollten. Aber ich erwartete, daß er ein paar Löcher offen lassen und sie mit einem Netz umgeben würde; obgleich das eine dumme Art wäre, mit Frettchen zu jagen, weil ein Kaninchen, das einen blockierten Lauf hinaufginge, unter der Erde getötet werden würde, und dann würde der Mann sein Frettchen nicht leicht zurückbekommen, wie ihr wißt.«
    »Mach es nicht zu schlimm, Holly«, sagte Hazel; denn Pipkin zitterte bei dem Gedanken an den blockierten Lauf und das nachsetzende Frettchen.
    »Zu schlimm?« erwiderte Holly böse. »Ich habe noch kaum begonnen. Möchte jemand gerne weggehen?« Keiner bewegte sich, und nach einigen Augenblicken fuhr er fort:
    »Dann holte ein    anderer Mann    einige    lange, dünne, gekrümmte Dinger. Ich finde keine Worte für all diese Menschen-Dinge, aber sie sahen so ähnlich aus wie sehr dicke Brombeerzweige. Jeder der Männer nahm einen und schob ihn auf eines der schweren Dinger. Es gab eine Art zischendes Geräusch und - und - ich weiß, ihr werdet das schwer verständlich finden, aber die Luft wurde schlecht. Aus irgendeinem Grund bekam ich einen starken Geruch in die Nase von dem Zeugs, das aus dem Brombeerzweig kam, obgleich ich ein Stück entfernt war, und ich konnte nicht sehen oder denken. Ich schien zu fallen. Ich versuchte aufzuspringen und zu laufen, aber ich wußte nicht, wo ich war, und merkte, daß ich zum Rand des Gehölzes auf die Männer zulaufen würde. Ich hielt noch zur rechten Zeit an. Ich war verwirrt und hatte jeden Gedanken aufgegeben, den Threarah zu warnen. Danach setzte ich mich bloß hin, wo ich war.
    Die Männer stopften einen Dornenstrauch in jedes Loch, das sie offengelassen hatten, und danach passierte eine Weile nichts. Und dann sah ich Scabious - erinnert ihr euch an Scabious? Er kam aus einem Loch an der Hecke - eines, das sie nicht bemerkt hatten. Ich konnte sofort sehen, daß er das Zeugs gerochen hatte. Er wußte nicht, was er tat. Einige Augenblicke sahen ihn die Männer nicht, und dann streckte einer von ihnen den Arm aus, um zu zeigen, wo er war, und der Junge schoß auf ihn. Er tötete ihn nicht - Scabious begann zu schreien -, und einer der Männer ging hinüber, hob ihn hoch und schlug ihn tot. Ich glaube wirklich, daß er nicht sehr viel gelitten hat, weil die schlechte Luft ihn benommen gemacht hatte; aber ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen. Danach stopfte der Mann das Loch, aus dem Scabious gekommen war, zu.
    Inzwischen mußte die vergiftete Luft sich durch die unterirdischen Läufe und Baue verbreitet haben. Ich kann mir vorstellen, wie das gewesen sein muß -«
    »Das kannst du nicht«, sagte Bluebell. Holly hielt inne, und nach einer Pause fuhr Bluebell fort.
    »Ich hörte den Beginn der Aufregung, ehe ich das Zeugs selbst roch. Die Weibchen schienen es zuerst zu kriegen, und einige von ihnen versuchten hinauszugelangen. Aber diejenigen, die Junge hatten, wollten sie nicht verlassen und griffen jedes Kaninchen an, das ihnen zu nahe kam. Sie wollten kämpfen - um die Jungen zu schützen. Sehr bald waren die Läufe mit kratzenden und übereinanderpurzelnden Kaninchen überfüllt. Sie rannten die Läufe hinauf, die sie gewöhnlich benutzten, und fanden sie blockiert. Einigen gelang es, sich umzudrehen, aber sie konnten wegen der heraufkommenden Kaninchen nicht zurück. Und dann verstopften sich die Läufe weiter unten allmählich mit toten Kaninchen, und die lebenden Kaninchen rissen sie in Stücke.
    Ich werde nie erfahren, wie ich durch das, was ich tat, davonkam. Es war eine Chance eins zu tausend. Ich war in einem Bau in der Nähe eines der Löcher, die die Männer benutzten. Sie machten eine Menge Lärm, als sie das brombeerähnliche Ding hineinstopften, und mir kam der Gedanke, daß es wohl nicht richtig funktionierte. Sobald ich den Geruch des Zeugs wahrnahm, sprang ich aus dem Bau, noch ziemlich klar im Kopf. Ich kam den Lauf herauf, genau als die Männer das Zweigding wieder herausnahmen. Sie betrachteten es alle und redeten und bemerkten mich nicht. Ich drehte mich um, genau in der Mündung des Loches, und ging wieder hinunter.
    Erinnert ihr euch an den Toten Lauf? Ich glaube, daß kaum ein Kaninchen zu unserer Zeit dort hinunterging - er war sehr tief und führte nirgendwohin. Niemand weiß genau, wer ihn gemacht hat. Frith muß mich geführt haben; denn ich lief direkt in den Toten Lauf hinunter und begann dort entlangzukriechen. Tatsächlich mußte ich zeitweise graben. Überall stieß ich auf lockere Erde und heruntergefallene Steine. Und alle möglichen vergessenen Schächte waren da und Senkungen, die von oben herunterführten und durch die die schrecklichsten Geräusche herunterdrangen - Hilferufe, Junge, die nach ihren Müttern schrien, Owsla, die versuchten, Befehle zu geben, Kaninchen, die sich verfluchten und bekämpften. Einmal kam ein Kaninchen einen der Schächte heruntergepurzelt, und seine Klauen kratzten mich wie eine Roßkastanie, die im Herbst vom Baum fällt. Es war Celandine, und er war tot. Ich mußte ihn fortzerren, ehe ich über ihn hinwegkam - die Stelle war so niedrig und eng -, und dann ging ich weiter. Ich konnte die schlechte Luft riechen, aber ich war so tief unten, daß ich dem Schlimmsten entzogen war.
    Plötzlich entdeckte ich, daß noch ein Kaninchen bei mir war. Es war das einzige, das ich auf der ganzen Strecke des Toten Laufes traf. Es war Pimpernel, und ich merkte sofort, daß es ihm sehr schlecht ging. Er spuckte und keuchte, aber er konnte weitermarschieren. Er fragte, ob ich in Ordnung sei, aber alles, was ich erwiderte, war: >Wo kommen wir hier heraus?< - >Das kann ich dir zeigen<, sagte er, >wenn du mir weiterhilfst.< Ich folgte ihm also, und jedesmal, wenn er anhielt - er vergaß dauernd, wo wir waren -, schob ich ihn kräftig. Ich habe ihn sogar einmal gebissen. Ich fürchtete, daß er sterben und den Lauf blockieren würde. Endlich kamen wir nach oben und konnten frische Luft riechen. Wir stellten fest, daß wir in einen dieser Läufe gelangt waren, die in das Gehölz hinausführen.
    Die Männer hatten ihre Arbeit schlecht getan«, fuhr Holly fort. »Entweder wußten sie nichts von Waldlöchern, oder sie gaben sich nicht die Mühe, sie zu verstopfen. Beinahe jedes Kaninchen, das auf der Wiese heraufkam, wurde erschossen, aber ich sah zwei davonkommen. Eines war Guck-in-die-Luft, aber ich erinnere mich nicht, wer das andere war. Der Lärm war furchterregend, und ich wäre selbst gerannt, aber ich wartete, um zu sehen, ob der Threarah kommen würde. Nach einer Weile merkte ich, daß noch ein paar andere Kaninchen im Gehölz waren. Pine-needles war da, wie ich mich erinnere, und Butterbur und Ash. Ich schnappte mir, wen ich konnte, und befahl ihnen, in Deckung zu bleiben und sich nicht vom Fleck zu rühren.
    Nach einer langen Zeit beendeten die Männer ihre Arbeit. Sie nahmen die dünnen Dinger aus den Löchern, und der Junge steckte die Kadaver auf einen Stock -«
    Holly hielt inne und drückte seine Nase in Bigwigs Flanke.
    »Nun, reg dich nicht darüber auf«, sagte Hazel mit ruhiger Stimme. »Erzähle uns, wie du entkamst.«
    »Ehe das geschah«, fuhr Holly fort, »kam ein großer hrududu über den Pfad auf die Wiese. Es war nicht der, mit dem die Männer gekommen waren. Er war sehr laut und gelb -  so gelb wie ein Hederich; und vorn war ein großes silbernes, glänzendes Ding, das er in seinen riesigen Vorderpfoten hielt. Ich weiß nicht, wie ich es euch beschreiben soll. Es sah wie Inle aus, aber es war breit und nicht so strahlend. Und dieses Ding - wie soll ich es euch sagen? - zerriß die Wiese in Stücke. Es zerstörte die Wiese.«
    Er hielt wieder inne.
    »Hauptmann«, sagte Silver, »wir alle wissen, daß du unvorstellbare Dinge gesehen hast. Aber sicherlich ist es nicht ganz das, was du meinst.«
    »Bei meinem Leben«, sagte Holly zitternd, »es grub sich in den Boden und schob große Erdmassen vor sich her, bis die Wiese zerstört war. Alles wurde wie ein Viehweideland im Winter, und man konnte nicht mehr sagen, wo irgendein Teil der Wiese zwischen dem Gehölz und dem Bach gewesen war. Erde und Wurzeln und Gras und Büsche schob es vor sich her - und andere Dinge auch, von unter der Erde.
    Nach langer Zeit ging ich durch das Gehölz zurück. Ich hatte ganz vergessen, noch andere Kaninchen zu sammeln, aber drei schlossen sich mir doch an - Bluebell hier und Pimpernel und der junge Toadflax. Toadflax war das einzige Mitglied der Owsla, das ich gesehen hatte, und ich fragte ihn nach dem Threarah, aber er antwortete nur wirres Zeug. Ich fand nie heraus, was mit dem Threarah geschah. Ich hoffe, er starb schnell.
    Pimpernel war wirr im Kopf - plapperte Unsinn -, und Bluebell und mir ging es nicht viel besser. Aus irgendeinem Grund konnte ich nur an Bigwig denken. Ich erinnerte mich, wie ich ihn verhaften wollte - töten wollte, genaugenommen -, und ich hatte das Gefühl, ich müßte ihn finden und ihm sagen, daß ich im Unrecht war; und dieser Gedanke war die ganze Vernunft, die mir noch blieb. Wir vier wanderten fort, und wir müssen fast in einem Halbkreis gegangen sein, weil wir nach langer Zeit zum Bach unterhalb unserer einstigen Wiese kamen. Wir folgten ihm in einen großen Wald hinunter; und in jener Nacht, während wir uns noch im Wald befanden, starb Toadflax. Er war kurz davor bei klarem Verstand, und ich erinnere mich an etwas, was er sagte. Bluebell hatte erklärt, er wisse, die Menschen haßten uns, weil wir in ihre Ernten und Gärten einfielen, und Toadflax antwortete: »Das war nicht der Grund, weshalb sie das Gehege zerstörten. Wir waren ihnen einfach im Weg. Sie töteten uns, weil es ihnen so paßte.« Bald danach legte er sich schlafen, und ein bißchen später, als wir durch irgendein Geräusch erschraken, versuchten wir, ihn zu wecken, und merkten, daß er tot war.
    Wir ließen ihn dort liegen und liefen weiter, bis wir den Fluß erreichten. Ich brauche ihn nicht zu beschreiben, weil ich weiß, daß ihr ihn alle kennt. Inzwischen war es Morgen geworden. Wir dachten, daß ihr irgendwo in der Nähe wäret, liefen auf der Böschung stromauf und suchten euch. Es dauerte nicht lange, bis wir die Stelle fanden, wo ihr ihn überquert haben mußtet. Da waren Spuren - sehr viele - im Sand unter einer steilen Böschung und etwa drei Tage alter hraka. Die Spuren gingen nicht stromauf oder stromab, ich wußte also, daß ihr übergesetzt sein mußtet. Ich schwamm hinüber und fand auf der anderen Seite noch mehr Spuren; darauf kamen die anderen auch herüber. Der Fluß war angeschwollen. Ich nehme an, ihr habt es vor dem vielen Regen leichter gehabt.
    Die Felder auf der anderen Seite des Flusses gefielen mir nicht. Da war ein Mann mit einem Gewehr, der überallhin lief. Ich führte die anderen beiden über einen Weg hinüber, und bald kamen wir an einen schlimmen Ort - alles Heidekraut und weiche schwarze Erde. Das war eine schwere Zeit, aber wieder traf ich auf hraka, etwa drei Tage alt, und es fehlten Anzeichen von Löchern oder Kaninchen; also überlegte ich mir, daß sie möglicherweise eure waren. Bluebell war in Ordnung, aber Pimpernel hatte Fieber, und ich hatte Angst, auch er würde sterben.
    Dann hatten wir ein bißchen Glück - jedenfalls glaubten wir das damals. In jener Nacht trafen wir ein hlessi am Rande der Heide - ein altes, zähes Kaninchen, dessen Nase ganz verkratzt und voll Narben war. Es sagte uns, daß ganz in der Nähe ein Gehege sei, und es zeigte uns den Weg. Wir kamen wieder durch Wälder und Felder, waren aber so erschöpft, daß wir nicht nach dem Gehege suchen konnten. Wir krochen in einen Graben, und ich wagte nicht, einem der anderen zu befehlen, wachzubleiben. Ich versuchte, selbst wachzubleiben, aber es gelang mir nicht.«
    »Wann war das?« fragte Hazel.
    »Vorgestern«, sagte Holly, »am frühen Morgen. Als ich aufwachte, war es immer noch einige Zeit vor ni-Frith. Ringsum war es ruhig, und alles, was ich riechen konnte, war Kaninchen, aber ich fühlte sofort, daß etwas nicht stimmte. Ich weckte Bluebell und war gerade dabei, auch Pimpernel zu wecken, als ich merkte, daß ein ganzer Haufen Kaninchen um uns herum war. Es waren große Burschen, und sie hatten einen eigentümlichen Geruch. Es war wie - nun, wie -«
    »Wir wissen, was es war«, sagte Fiver.
    »Ich dachte mir schon, daß ihr's wahrscheinlich wüßtet. Dann sagte eines von ihnen: >Mein Name ist Cowslip. Wer seid ihr, und was tut ihr hier?< Ich mochte die Art nicht, wie er sprach, konnte mir aber nicht denken, daß sie einen Grund hatten, uns übelzuwollen, daher sagte ich ihm, daß wir eine schlimme Zeit hinter uns hätten und einen weiten Weg gekommen wären und daß wir Kaninchen aus unserem Gehege suchten - Hazel, Fiver und Bigwig. Sobald ich diese Namen nannte, wandte sich das Kaninchen an die anderen und rief: >Ich wußte es! Reißt sie in Stücke!< Und alle fielen über uns her. Eines von ihnen packte mich am Ohr und schlitzte es auf, ehe Bluebell es wegziehen konnte. Wir schlugen uns mit der ganzen Bande. Ich wurde so überrumpelt, daß ich zuerst nicht viel ausrichten konnte. Aber das Komische war, daß sie, obgleich sie so groß waren und nach unserem Blut schrien, gar nicht kämpfen konnten; offensichtlich kannten sie die Elementarregeln des Kämpfens nicht. Bluebell schlug ein paar, die doppelt so groß wie er waren, zusammen, und obgleich mein Ohr von Blut troff, war ich nie echt in Gefahr. Trotzdem waren es zu viele für uns, und wir mußten rennen. Bluebell und ich hatten gerade den Graben hinter uns, als wir merkten, daß Pimpernel immer noch dort war. Er war krank, wie ich euch schon sagte, und er wachte nicht rechtzeitig auf. So wurde der arme Pimpernel nach allem, was er durchgemacht hatte, von Kaninchen getötet. Was sagt ihr dazu?«
    »Ich halte es für eine verdammte Gemeinheit«, sagte Strawberry, ehe irgendein anderer etwas sagen konnte.
    »Wir rannten neben einem kleinen Bach durch die Wiesen«, fuhr Holly fort. »Einige dieser Kaninchen jagten uns noch immer, und plötzlich dachte ich: >Nun, einen von ihnen will ich auf jeden Fall kriegen.< Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, nichts weiter zu tun, als einfach davonzulaufen, um unsere Haut zu retten - nicht nach Pimpernel. Ich sah, daß dieser Cowslip allen anderen voraus und allein war, also ließ ich ihn herankommen, und dann drehte ich mich plötzlich um und ging auf ihn los. Ich hatte ihn untergekriegt und wollte ihn gerade zerreißen, als er kreischte: >Ich kann dir sagen, wohin deine Freunde gegangen sind.< >Beeile dich<, sagte ich, meine Hinterläufe in seinen Magen drückend. >Sie sind zu den Hügeln gegangen<, keuchte er. >Die hohen Hügel, die du drüben sehen kannst. Sie gingen gestern morgen.< Ich gab vor, ihm nicht zu glauben, und tat so, als ob ich ihn töten wollte. Aber er blieb bei seiner Geschichte, also zerkratzte ich ihn und ließ ihn laufen, und so kamen wir davon. Es war klares Wetter, und wir konnten die Hügel deutlich sehen. Danach hatten wir die allerschlimmste Zeit. Wenn Bluebell mit seinen Witzen und seinem Geplauder nicht gewesen wäre, wären wir bestimmt nicht weitergerannt.«
    »Hraka von der einen, Witze von der anderen Seite«, sagte Bluebell. »Ich ließ einen Witz fallen, und wir beide rannten ihm nach. Und so gelangten wir immer weiter.«
    »Ich kann euch nicht viel über den Rest erzählen«, sagte Holly. »Mein Ohr schmerzte entsetzlich, und immerzu mußte ich denken, daß Pimpernels Tod meine Schuld war. Hätte ich mich nicht schlafen gelegt, wäre er nicht gestorben. Einmal versuchten wir, wieder zu schlafen, aber meine Träume waren mehr, als ich ertragen konnte. Ich war wirklich kaum bei Sinnen. Ich hatte nur einen Gedanken - Bigwig zu finden und ihm zu sagen, daß er recht hatte, das Gehege zu verlassen.
    Schließlich erreichten wir die Hügel, genau bei Einbruch der Nacht am nächsten Tag. Es war uns gleichgültig - wir überquerten das flache, offene Land zur Eulenzeit. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Ihr wißt, daß man sich zuweilen einredet, alles käme in Ordnung, wenn man nur an einen bestimmten Ort gelangte oder eine bestimmte Sache machte. Aber wenn man hinkommt, entdeckt man, daß es nicht so einfach ist. Ich nehme an, daß ich die törichte Vorstellung hatte, Bigwig wurde uns erwarten. Wir fanden die Hügel riesig - größer als alles, was wir je gesehen hatten. Keine Gehölze, keine Kaninchen - und die Nacht brach an. Und dann schien alles in Stücke zu fallen. Ich sah Scabious - so deutlich wie Gras - und hörte ihn auch schreien; und ich sah den Threarah und Toadflax und Pimpernel. Ich versuchte, mit ihnen zu sprechen. Ich rief Bigwig, aber ich erwartete eigentlich nicht, daß er es hörte, weil ich sicher war, daß er nicht da war. Ich kann mich erinnern, daß ich aus einer Hecke ins Freie kam, und ich weiß, daß ich tatsächlich hoffte, die elil würden kommen und mich erledigen. Aber als ich wieder zu mir kam, war Bigwig da. Mein erster Gedanke war, daß ich tot sein müßte, aber dann begann ich zu überlegen, ob er leibhaftig war oder nicht. Nun, ihr wißt das übrige. Es tut mir leid, daß ich euch so sehr erschreckt habe. Aber wenn ich nicht das - Schwarze Kaninchen war, gibt es kaum ein lebendes Geschöpf, das ihm je näher war als wir.« Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Ihr könnt euch vorstellen, was es für Bluebell und mich bedeutet, uns unter Freunden unter der Erde zu befinden. Nicht ich habe versucht, dich zu verhaften, Bigwig - das war ein anderes Kaninchen, vor langer, langer Zeit.«

22. Die Geschichte von El-ahrairahs Prozeß


    Hat er nicht ein Schurkengesicht?... Hat ein verfluchtes Tyburn-Gesicht ohne das Vorrecht der Geistlichkeit.
    Congreve Love for Love

    Kaninchen sind in vieler Hinsicht wie menschliche Wesen (sagt Mr. Lockley). Ganz gewiß gehört dazu ihre unerschütterliche Fähigkeit, dem Unglück zu widerstehen und sich vom Strom ihres Lebens weitertragen zu lassen, hinweg über Schrecken und Verlust. Sie haben eine bestimmte Eigenschaft, die mit Gleichgültigkeit oder Gefühllosigkeit zu beschreiben nicht zutreffend wäre. Es ist eher eine glückliche Einbildungskraft und ein intuitives Gefühl, daß das Leben Jetzt ist. Ein Futter suchendes wildes Geschöpf, vor allem auf Überleben bedacht, ist stark wie das Gras. Insgesamt bleiben Kaninchen geschützt aufgrund von Friths Versprechen El-ahrairah gegenüber. Kaum ein ganzer Tag war vergangen, seit Holly im Delirium an den Fuß des Watership Down gekrochen gekommen war. Und doch war er der Genesung sehr nahe, während der sorglosere Bluebell nach der schrecklichen Katastrophe, die er überlebt hatte, sogar noch weniger übel dran war. Hazel und seine Gefährten hatten während Hollys Geschichte Kummer und Entsetzen bis zum äußersten durchlitten. Pipkin hatte geweint und mitleiderregend über den Tod von Scabious gezittert, und Acorn und Speedwell waren von krampfhaftem Würgen ergriffen worden, als Bluebell von dem Giftgas erzählte, das unter der Erde mordete. Und doch, wie bei primitiven menschlichen Wesen, brachte gerade die Stärke und Heftigkeit ihres Mitleids eine echte Erlösung mit sich. Ihre Gefühle waren nicht falsch oder vorgetäuscht. Während die Geschichte erzählt wurde, hörten sie sie ohne jene Reserve oder Distanzierung an, die der gütigste, zivilisierte Mensch bewahrt, wenn er seine Zeitung liest. Sie glaubten, selbst in den vergifteten Läufen zu zappeln und vor Wut über das Schicksal des armen Pimpernel aufzulodern. Das war ihre Art, die Toten zu ehren. Als die Geschichte vorüber war, begannen die Forderungen ihres eigenen schweren, harten Lebens in ihren Herzen, ihrem Blut, ihren Nerven und Trieben sich wieder geltend zu machen. Oh, wären die Toten nicht tot! Aber es muß Gras gefressen, müssen Kügelchen gekaut, hraka gemacht, Löcher gegraben und muß geschlafen werden. Odysseus bringt nicht einen einzigen Mann mit an die Küste. Und doch schläft er tief neben Calypso, und als er erwacht, denkt er nur an Penelope.
    Noch ehe Holly mit seiner Geschichte zu Ende war, hatte Hazel an seinem verletzten Ohr geschnüffelt. Es war ihm nicht möglich gewesen, sich vorher das Ohr genau anzusehen, doch als er es jetzt tat, merkte er, daß Entsetzen und Ermüdung wahrscheinlich nicht die Hauptursache für Hollys Zusammenbruch gewesen waren. Er war schwer verletzt -schwerer als Buckthorn. Er mußte eine Menge Blut verloren haben. Sein Ohr war in Fetzen gerissen und stark verschmutzt. Hazel ärgerte sich über Dandelion. Als mehrere Kaninchen, von der milden Juninacht und dem Vollmond angezogen, mit silflay begannen, bat er Blackberry zu warten. Silver, der gerade durch den anderen Lauf hinausgehen wollte, kehrte zurück und schloß sich ihnen an.
    »Dandelion und die anderen beiden scheinen dich wieder aufgeheitert zu haben«, sagte Hazel zu Holly. »Es ist schade, daß sie dich nicht auch gesäubert haben. Dieser Schmutz ist gefährlich.«
    »Nun, sieh mal -«, begann Bluebell, der neben Holly geblieben war.
    »Mach keinen Witz«, sagte Hazel. »Du scheinst zu glauben -«
    »Wollt' ich gar nicht«, sagte Bluebell. »Ich wollte nur sagen, daß ich das Ohr des Hauptmanns säubern wollte, aber es ist zu empfindlich, als daß man es anrühren könnte.«
    »Er hat ganz recht«, sagte Holly. »Ich fürchte, ich bin selbst schuld daran, daß sie es vernachlässigt haben, aber tu, was du für das Beste hältst, Hazel. Ich fühle mich jetzt viel wohler.«
    Hazel fing selbst an dem Ohr an. Das Blut war schwarz verkrustet, und die Aufgabe erforderte Geduld. Nach einer Weile bluteten die langen Rißwunden von neuem und wurden langsam sauber. Dann übernahm Silver die Sache. Holly, der es, so gut er konnte, ertrug, knurrte und scharrte, und Silver suchte nach etwas, um ihn abzulenken.
    »Hazel«, fragte er, »was war das für ein Gedanke, den du da mit der Maus hattest? Du sagtest, du würdest es später erklären. Wie wär's, wenn du es jetzt versuchtest?«
    »Nun«, sagte Hazel, »der Gedanke ist einfach der, daß wir in unserer Lage es uns nicht leisten können, etwas zu vergeuden, das uns von Nutzen sein könnte. Wir befinden uns an einem fremden Ort, von dem wir nicht viel wissen, und wir brauchen Freunde. Nun, elil können uns offensichtlich nicht von Nutzen sein, aber es gibt viele Geschöpfe, die nicht elil sind - Vögel, Mäuse, yonil und so weiter. Zwar haben Kaninchen gewöhnlich nicht viel mit ihnen zu tun, aber meistens sind ihre Feinde auch unsere Feinde. Ich finde, wir sollten alles nur Mögliche tun, um uns diese Geschöpfe zu Freunden zu machen. Es könnte sich erweisen, daß die Mühe sich lohnt.«
    »Ich kann nicht sagen, daß mir die Idee sonderlich gefällt«, sagt Silver, Holly das Blut aus der Nase wischend. »Diese kleinen Tiere sind eher gering und nicht als verläßlich einzuschätzen, vermute ich. Was können die uns schon nützen? Sie können nicht für uns graben, sie können keine Nahrung für uns holen, sie können nicht für uns kämpfen. Sie würden sagen, sie seien uns freundlich gesinnt, zweifellos, solange wir ihnen helfen; aber damit hat sich's. Ich hörte diese Maus heute Abend - >Du sie brauchen, sie kommen< Natürlich kommt sie, solange es was zu fressen und Wärme gibt, aber sicherlich wollen wir nicht, daß das Gehege von Mäusen und Hirschkäfern wimmelt, oder?«
    »Nein, ganz so habe ich es nicht gemeint«, sagte Hazel. »Ich schlage nicht vor, Feldmäuse zu suchen und sie einzuladen, sich zu uns zu gesellen. Sie würden uns sowieso nicht dafür danken. Aber diese Maus heute Abend - wir haben ihr das Leben gerettet -«
    »Du hast ihr das Leben gerettet«, sagte Blackberry.
    »Nun, ihr Leben wurde gerettet. Das wird sie nicht vergessen.«
    »Aber wie soll uns das helfen?« fragte Bluebell.
    »Vor allem kann sie uns sagen, was sie von dem Ort weiß -«
    »Was Mäuse wissen. Nicht, was Kaninchen dringend wissen müssen.«
    »Nun, ich gebe zu, daß eine Maus nützlich sein kann oder auch nicht«, sagte Hazel. »Aber sicherlich könnte ein Vogel uns von Nutzen sein, wenn wir nur genug für ihn täten. Wir können nicht fliegen, aber einige von ihnen kennen das Land im weiten Umkreis. Sie wissen auch gut über das Wetter Bescheid. Ich sage ja nur dies: Wenn einer ein Tier oder einen Vogel findet, der nicht sein Feind ist und der Hilfe braucht, dann laßt um Himmels willen die Gelegenheit nicht vorbeigehen. Das wäre, als ob man Mohrrüben in der Erde verfaulen ließe.«
    »Was hältst du davon?« fragte Silver Blackberry.
    »Ich denke, es ist eine gute Idee, aber wirkliche Gelegenheiten der Art, wie Hazel sie sich vorstellt, ergeben sich nicht sehr oft.«
    »Ich glaube, das stimmt so ungefähr«, sagte Holly zusammenzuckend, als Silver das Lecken wiederaufnahm. »Die Idee ist schon recht, aber sie wird sich nicht oft praktizieren lassen.«
    »Ich bin bereit, einen Versuch zu machen«, sagte Silver. »Ich schätze, er wird sich lohnen, und wenn wir bloß sehen, wie Bigwig einem Maulwurf Bettgeschichten erzählt.«
    »El-ahrairah hat es mal getan«, sagte Bluebell, »und es hat funktioniert. Erinnert ihr euch?«
    »Nein«, sagte Hazel, »diese Geschichte kenne ich nicht. Laß sie uns hören.«
    »Laßt uns erst silflay gehen«, sagte Holly. »Dieses Ohr hat vorläufig alles gehabt, was ich ertragen kann.«
    »Nun, wenigstens ist es jetzt sauber«, sagte Hazel. »Aber ich fürchte, es wird nie wieder so gut wie das andere. Du wirst ein zerfetztes Ohr zurückbehalten.«
    »Schadet nichts«, meinte Holly. »Ich habe trotzdem Glück gehabt.«
    Der Mond, der am wolkenlosen östlichen Himmel voll aufgegangen war, bedeckte die hohe Einsamkeit mit seinem Licht. Wir sind uns des Tageslichtes nicht als etwas bewußt, das die Dunkelheit verdrängt. Selbst wenn die Sonne wolkenlos ist, scheint das Tageslicht uns einfach der natürliche Zustand von Erde und Luft. Wenn wir an die Downs denken, denken wir an die Downs bei Tag, wie wir an ein Kaninchen mit seinem Fell denken. Es mag Leute geben, die sich das Skelett im Inneren eines Pferdes vorstellen, aber die meisten von uns tun das nicht; und wir stellen uns gewöhnlich die Downs nicht ohne Tageslicht vor, selbst wenn das Licht nicht Teil der Downs ist, wie die Haut Teil des Pferdes ist. Wir nehmen das Tageslicht als selbstverständlich hin. Aber mit dem Mondlicht ist das etwas anderes. Es ist unbeständig. Der Mond nimmt ab und wieder zu. Wolken können ihn in einem Ausmaß verdunkeln, wie sie es beim Tageslicht nicht vermögen. Wasser benötigen wir, aber einen Wasserfall nicht. Wo man ihn antrifft, ist er etwas Besonderes, eine schöne Zierde. Wir brauchen das Tageslicht, und in gewissem Maß ist es eine Frage der Nützlichkeit, aber das Mondlicht brauchen wir nicht. Wenn es kommt, dient es keiner Notwendigkeit. Es verwandelt. Es fällt auf Böschungen und das Gras, trennt einen langen Halm von dem anderen, verwandelt eine Wehe brauner, mit Reif überzogener Blätter aus einem einzigen Haufen in zahllose blitzende Splitter oder schimmert längs nassen Zweigen, als ob das Licht selbst dehnbar wäre. Seine langen Strahlenbündel strömen weiß und scharf zwischen die Baumstämme, aber ihre Klarheit vergeht, wenn sie bei Nacht in die dunkle Ferne von Buchenwäldern zurückweichen. Im Mondlicht scheinen zwei Äcker gemeinen Straußgrases wogend und knöcheltief, zerzaust und struppig gleich einer Pferdemähne, wie eine Bucht von Wellen, voll    von    schattigen    Rinnen    und Vertiefungen. Es ist so dick und verfilzt, daß selbst der Wind es nicht bewegt, aber das Mondlicht scheint ihm Stille zu verleihen. Wir nehmen    das    Mondlicht nicht als selbstverständlich hin. Es ist wie der Schnee oder wie der Tau an einem Julimorgen. Es enthüllt nicht, sondern verwandelt, was es bedeckt. Und seine geringe Intensität -soviel geringer als die des Tageslichtes - macht uns bewußt, daß es dem Hügelland etwas Zusätzliches verleiht, um ihm für kurze Zeit eine einzigartige, wunderbare Eigenschaft zu geben, die wir bewundern sollten, solange wir können, denn bald wird es wieder verschwunden sein.
    Als die Kaninchen das Loch innerhalb des Buchenwaldes heraufkamen, fuhr ein schneller Windstoß durch die Blätter und fleckte den Boden darunter mit einem bunten Muster, tanzendes Licht unter die Zweige sendend. Sie horchten, aber außer dem Rauschen der Blätter kam von dem offenen Land draußen kein Ton, nur das Tremolo einer Heuschrecke weit weg im Gras.
    »Was für ein Mond!« sagte Silver, »Laßt ihn uns genießen, solange er da ist.«
    Als sie die Böschung überquerten, trafen sie Speedwell und Hawkbit, die zurückkamen.
    »O Hazel«, sagte Hawkbit, »wir haben mit noch einer Maus gesprochen. Sie hatte von dem Turmfalken heute Abend gehört und war sehr freundlich. Sie erzählte uns von einer Stelle auf der anderen Seite des Waldes, wo das Gras kurz gemäht worden ist - hat etwas mit Pferden zu tun, sagte sie. >Du mögen ein hübsches Gras? Ein sehr feines Gras?< Darauf gingen wir hin. Es ist erstklassig.«
    Die Rennstrecke erwies sich als gute vierzig Meter breit, heruntergemäht auf knapp fünfzehn Zentimeter. Hazel machte sich mit dem köstlichen Gefühl, recht gehabt zu haben, an einen Kleefleck. Alle kauten einige Zeit schweigend.
    »Du bist ein kluger Bursche, Hazel«, sagte Holly schließlich. »Du und deine Maus. Natürlich hätten wir diese Stelle früher oder später auch gefunden, aber nicht so früh.«
    Hazel hätte ihm am liebsten vor Genugtuung die Kinndrüsen gedrückt, erwiderte aber nur:    »Wir  brauchen nicht mehr so oft den Hügel hinunterzugehen.« Dann fügte er hinzu: »Aber Holly, du riechst nach Blut, weißt du? Das kann gefährlich sein, selbst hier. Gehen wir ins Gehölz zurück. Es ist eine so schöne Nacht, daß wir neben den Löchern sitzen können, um Kügelchen zu kauen, und Bluebell kann uns seine Geschichte erzählen.«
    Sie fanden Strawberry und Buckthorn auf der Böschung, und als alle bequem kauten, die Ohren zurückgelegt, begann Bluebell.
    »Dandelion sprach gestern Abend von Cowslips Gehege und wie er die Geschichte vom Salat des Königs erzählte. Das rief mir diese hier ins Gedächtnis zurück, noch bevor Hazel seine Idee erklärte. Ich pflegte sie von meinem Großvater zu hören, und er sagte immer, daß sie sich zutrug, nachdem El-ahrairah sein Volk aus den Sümpfen von Kelfazin herausgeholt hatte. Sie gingen zu den Wiesen von Fenlo, und dort gruben sie ihre Löcher. Aber Fürst Regenbogen hatte ein wachsames Auge auf El-ahrairah, und er war entschlossen, dafür zu sorgen, daß er keinerlei Schliche mehr anwenden konnte.
    Nun, eines Abends, als El-ahrairah und Rabscuttle auf einer sonnigen Böschung saßen, kam Fürst Regenbogen durch die Wiesen; in seiner Begleitung befand sich ein Kaninchen, das El-ahrairah noch nie gesehen hatte.
    >Guten Abend, El-ahrairah<, sagte Fürst Regenbogen. >Das ist eine große Verbesserung gegenüber den Sümpfen von Kelfazin. Ich sehe alle eure Weibchen damit beschäftigt, Löcher an der Böschung zu graben. Haben sie auch ein Loch für dich gegraben?<
    >Ja<, sagte El-ahrairah. >Dieses Loch gehört Rabscuttle und mir. Uns gefiel diese Böschung beim ersten Anblick.<
    >Eine sehr hübsche Böschung<, sagte Fürst Regenbogen. >Aber es tut mir leid, dir sagen zu müssen, El-ahrairah, daß ich strenge Anweisung von Frith, dem Herrn, persönlich habe, dir nicht zu erlauben, ein Loch mit Rabscuttle zu teilen.<
    >Kein Loch mit Rabscuttle teilen?< fragte El-ahrairah. >Warum denn nicht?<
    >El-ahrairah<, sagte Fürst Regenbogen, >wir kennen dich und deine Schliche, und Rabscuttle ist beinahe so gerissen wie du. Ihr beide zusammen in einem Loch, das wäre zuviel des Guten. Ihr würdet die Wolken vom Himmel herunterstehlen, ehe der Mond zweimal wechselt. Nein -Rabscuttle muß gehen und die Löcher am anderen Ende des Geheges beaufsichtigen. Darf ich vorstellen: Das ist Hufsa. Ich möchte, daß du sein Freund wirst und dich um ihn kümmerst.<
    >Woher kommt er?< fragte El-ahrairah. >Ich habe ihn bestimmt noch nie gesehen.<
    >Er kommt aus einem anderen Land<, sagte Fürst Regenbogen, >aber er unterscheidet sich nicht von anderen Kaninchen. Ich hoffe, du wirst ihm helfen, sich hier einzuleben. Und während er den Ort allmählich kennenlernt, wirst du sicher gern dein Loch mit ihm teilen.<
    El-ahrairah und Rabscuttle waren sehr ärgerlich, daß man ihnen nicht erlaubte, zusammen in einem Loch zu leben. Aber El-ahrairah hatte es sich zur Regel gemacht, es niemanden merken zu lassen, wenn er sich ärgerte, und außerdem tat ihm Hufsa leid, weil er annahm, daß er sich einsam und verlegen fühlte, da er von seinen eigenen Leuten so weit weg war. Er hieß ihn also willkommen und versprach, ihm zu helfen, sich häuslich niederzulassen. Hufsa war sehr freundlich und schien begierig, jedem gefällig zu sein, und Rabscuttle zog zum anderen Ende des Geheges hinunter.
    Nach einiger Zeit jedoch entdeckte El-ahrairah, daß irgend etwas mit seinen Plänen immer schiefging. Als er eines Nachts im Frühling einige seiner Leute in ein Kornfeld führte, um die grünen Sprossen zu fressen, trafen sie auf einen Mann mit einem Gewehr, der im Mondlicht herumlief, und konnten sich gerade noch ohne Mißgeschick aus dem Staube machen. Ein andermal, nachdem El-ahrairah den Weg in einen Rübengarten ausgekundschaftet und ein Loch unter den Zaun gekratzt hatte, fand er es am anderen Morgen mit Draht versperrt, und er begann zu argwöhnen, daß seine Pläne zu Leuten durchsickerten, die nichts von ihnen erfahren sollten.
    Eines Tages beschloß er, Hufsa eine Falle zu stellen, um herauszufinden, ob der hinter dem ganzen Ärger steckte. Er zeigte ihm einen Feldweg und sagte ihm, er führe zu einer einsamen Scheune, die voll Steck- und Kohlrüben sei, und er fügte noch hinzu, daß er und Rabscuttle die Absicht hätten, am nächsten Morgen hinzugeben. In Wirklichkeit hatte El-ahrairah nichts dergleichen vor und hütete sich, irgend jemandem vom Feldweg oder von der Scheune zu erzählen. Aber am nächsten Tag, als er vorsichtig den Pfad entlangging, entdeckte er eine im Gras ausgelegte Schlinge. Das machte El-ahrairah wirklich böse; denn irgendeiner seiner Leute hätte gefangen oder getötet werden können. Natürlich nahm er nicht an, daß Hufsa die Schlingen selbst auslegte oder daß er gewußt hatte, daß eine Schlinge gelegt werden würde. Aber offensichtlich stand Hufsa mit jemandem in Verbindung, der nicht davor zurückschreckte, eine Schlinge zu legen. Schließlich kam El-ahrairah zu dem Schluß, daß Fürst Regenbogen Hufsas Information wahrscheinlich an einen Farmer oder einen Wildhüter weitergab und sich nicht darum kümmerte, was dann geschah. Das Leben seiner Kaninchen war durch Hufsa in Gefahr - von dem Salat und den Rüben ganz zu schweigen, die sie vermißten. Nach diesem Vorfall versuchte El-ahrairah, Hufsa gar nichts mehr zu sagen. Aber es war schwierig, ihn daran zu hindern, Neuigkeiten mit anzuhören, weil, wie ihr alle wißt, Kaninchen sehr gut Geheimnisse anderen Tieren gegenüber bewahren können, aber ganz und gar nicht untereinander. Das Leben im Gehege ist nicht für Geheimnisse geeignet. Er überlegte, ob er Hufsa töten sollte. Aber er wußte, wenn er es täte, käme Fürst Regenbogen, und sie würden noch mehr Ärger bekommen. Ihm war entschieden unbehaglich zumute, sogar wegen der Geheimhaltung vor Hufsa, weil er glaubte, daß Hufsa, sobald er merkte, daß sie in ihm einen Spion erkannt hatten, es Fürst Regenbogen sagen würde, und Fürst Regenbogen würde ihn wahrscheinlich fortholen und sich etwas Schlimmeres ausdenken.
    El-ahrairah dachte nach und grübelte. Er dachte immer noch nach, als am folgenden Abend Fürst Regenbogen dem Gehege einen seiner Besuche abstattete.
    >Du hast in letzter Zeit einen besseren Charakter bekommen<, sagte Fürst Regenbogen. >Wenn du nicht aufpaßt, werden die Leute anfangen, dir zu vertrauen. Da ich gerade vorbeikam, dachte ich, ich könnte kurz haltmachen und dir für deine Freundlichkeit danken, mit der du dich um Hufsa kümmerst. Er scheint sich bei dir wie zu Hause zu fühlen.<
    >Ja, das tut er, nicht wahr?< sagte El-ahrairah. >Wir wachsen in Schönheit Seite an Seite; wir füllen ein Loch mit Freuden. Aber ich sage meinen Leuten immer: Traue weder den Fürsten noch irgendwelchen -<
    >Nun, El-ahrairah<, unterbrach ihn Fürst Regenbogen, >sicherlich kann ich dir trauen. Und um das zu erproben, habe ich beschlossen, einen hübschen Haufen Mohrrüben auf dem Feld hinter    dem Hügel    anzupflanzen. Es ist ein ausgezeichneter Boden, und ich bin sicher, sie werden gut gedeihen. Besonders, da niemand daran denken wird, sie zu stehlen. Du kannst mitkommen und zusehen, wenn du willst.< >Gerne<, sagte El-ahrairah. >Das wird reizend sein.< El-ahrairah, Rabscuttle, Hufsa und mehrere andere Kaninchen begleiteten Fürst Regenbogen zum Feld hinter dem Hügel, und    sie halfen    ihm, lange Reihen  von Mohrrübensamen auszusäen. Es war ein leichter, trockener Boden - genau das richtige für Mohrrüben -, und die ganze Sache erboste El-ahrairah, weil er wußte, daß  Fürst Regenbogen das nur tat, um ihn zu ärgern und zu zeigen, wie sicher er war, ihm die Klauen endlich beschnitten zu haben.
    >Das wird sich großartig machen<, sagte Fürst Regenbogen, als sie fertig waren. >Natürlich weiß ich, daß niemand im entferntesten daran denken würde, meine Mohrrüben zu stehlen. Sollte jemand aber - sollte jemand sie dennoch stehlen, El-ahrairah - wäre ich in der Tat sehr böse. Wenn König Darzin zum Beispiel sie stehlen würde, bin ich sicher, daß Frith, der Herr, ihm sein Königreich wegnehmen und es einem anderen geben würde.<
    El-ahrairah wußte, daß Fürst Regenbogen meinte, er wurde ihn entweder töten oder verbannen und ein anderes Kaninchen über seine Leute setzen, wenn er ihn beim Stehlen der Mohrrüben erwischte; und der Gedanke, daß das andere Kaninchen wahrscheinlich Hufsa sein würde, ließ ihn mit den Zähnen knirschen. Aber er sagte: >Natürlich, natürlich. Sehr richtig und angemessen.< Und Fürst Regenbogen ging fort.
    Eines Nachts, im zweiten Mond nach der Aussaat, gingen El-ahrairah und Rabscuttle nach den Mohrrüben sehen. Niemand hatte sie gelichtet, und die Spitzen waren dick und grün. El-ahrairah schätzte, daß die meisten Wurzeln etwas dünner als eine Vorderpfote sein mußten. Und wie er sie sich im Mondlicht so ansah, reifte in ihm ein Plan. Er war so vorsichtig gegenüber Hufsa geworden - und in der Tat wußte nie jemand, wo Hufsa nächstens sein würde -, daß er und Rabscuttle sich auf dem Rückweg zu einem Loch in einer einsamen Böschung begaben und hinuntergingen, um zu reden. Da versprach El-ahrairah Rabscuttle nicht nur, daß er Fürst Regenbogens Mohrrüben stehlen würde, sondern auch, daß sie dafür sorgen würden, Hufsa ein für allemal loszuwerden. Sie kamen aus dem Loch heraus, und Rabscuttle ging zur Farm, um Saat zu stehlen. El-ahrairah verbrachte den Rest der Nacht damit, Schnecken zu sammeln; ein scheußliches Geschäft.
    Am nächsten Abend ging El-ahrairah zeitig hinaus und traf nach einer kleinen Weile Yona, den Igel, der an der Hecke herumtrödelte.
    >Yona<, sagte er, >würdest du gerne eine Menge hübscher fetter Schnecken haben?<
    >Ja, gerne, El-ahrairah<, sagte Yona, >aber die sind nicht so leicht zu finden. Du wüßtest das, wenn du ein Igel wärst.< >Nun, hier sind einige hübsche<, sagte El-ahrairah, >und du kannst sie alle haben. Aber ich kann dir noch viel mehr geben, wenn du tust, was ich sage, ohne Fragen zu stellen. Kannst du singen?<
    >Singen, El-ahrairah? Kein Igel kann singen.<
    >Gut<, sagte El-ahrairah. >Ausgezeichnet. Aber du wirst es versuchen müssen, wenn du diese Schnecken haben willst. Ah! Ich sehe da eine alte leere Kiste, die der Farmer im Graben gelassen hat. Noch besser. Jetzt hör mich an.<
    Inzwischen sprach Rabscuttle im Wald mit Hawock, dem Fasan.
    >Hawock<, sagte er, >kannst du schwimmen?<
    >Ich gehe nie in die Nähe von Wasser, wenn ich es vermeiden kann, Rabscuttle<, sagte Hawock. >Ich mag es gar nicht. Aber ich nehme an, wenn ich müßte, könnte ich mich wohl eine kleine Weile über Wasser halten.<
    >Großartig<, sagte Rabscuttle. Jetzt paß auf. Ich habe eine ganze Menge Getreide - und du weißt, wie knapp es zu dieser Jahreszeit ist -, du kannst alles bekommen, wenn du bloß ein bißchen in dem Teich am Rande des Waldes herumschwimmst. Laß es dir erklären, während wir da hinuntergehen.< Und sie gingen durch den Wald davon.
    Gegen fu Inle schlenderte El-ahrairah in sein Loch und traf Hufsa Kügelchen kauend an. >Ah, Hufsa, da bist du ja<, sagte er. >Das ist fein. Ich kann niemandem sonst trauen, aber du wirst mit mir kommen, nicht wahr? Nur du und ich - niemand darf etwas davon erfahrene >Warum, was gibt es, El-ahrairah?< fragte Hufsa.
    >Ich habe mir diese Mohrrüben von Fürst Regenbogen angesehen<, erwiderte El-ahrairah, >und ich kann es nicht mehr aushalten. Es sind die besten, die ich je gesehen habe. Ich bin entschlossen, sie zu stehlen - jedenfalls die meisten. Natürlich, wenn ich eine Menge Kaninchen auf eine Expedition dieser Art mitnähme, wären wir bald in Schwierigkeiten. Die Sache würde durchsickern, und Fürst Regenbogen würde bestimmt davon hören. Aber wenn du und ich allein gehen, wird niemand je erfahren, wer es getan hat.<
    >Ich komme mit<, sagte Hufsa. >Gehen wir morgen nacht.< Denn er dachte, das würde ihm Zeit lassen, es Fürst Regenbogen zu sagen.
    >Nein<, sagte El-ahrairah. >Ich gehe jetzt. Sofort.<
    Er fragte sich, ob Hufsa versuchen würde, ihn von dieser Idee abzubringen, aber er konnte Hufsa ansehen, wie er dachte, das wäre das Ende von El-ahrairah und er selbst würde nun König der Kaninchen werden.
    Sie machten sich zusammen im Mondlicht auf.
    Sie waren eine gute Strecke an der Hecke entlanggegangen, als sie auf eine alte Kiste stießen, die im Graben lag. Auf der Kiste saß Yona, der Igel. Auf seinen Stacheln steckten überall Heckenrosen, und er machte ein merkwürdig quietschendes, grunzendes Geräusch und schwenkte seine schwarzen Pfoten. Sie blieben stehen und sahen ihm zu.
    >Was tust denn du da, Yona?< fragte Hufsa erstaunt.
    >Ich singe den Mond an<, antwortete Yona. >Alle Igel müssen den Mond ansingen, damit die Schnecken kommen. Das weißt du doch sicher?
    Schneckenmond, Schneckenmond,
    Gib deinem treuen Igel Segen!<
    >Was für ein entsetzliches Geräusch!< sagte El-ahrairah, und das war es wirklich. >Gehen wir schnell weiter, ehe er all die elil um uns herbeiruft.< Und sie gingen weiter.
    Nach einiger Zeit näherten sie sich einem Teich am Waldrand. Als sie herankamen, hörten sie ein Kreischen und Planschen, und dann sahen sie Hawock, den Fasan, im Wasser herumhuschen, und seine langen Schwanzfedern schwammen hinter ihm her.
    >Was ist denn passiert?< sagte Hufsa. >Hawock, bist du angeschossen worden?<
    >Nein, nein<, erwiderte Hawock. >Ich gehe immer bei Vollmond schwimmen. Mein Schwanz wächst dann länger, und außerdem würde mein Kopf ohne Schwimmen nicht rot, weiß und grün bleiben. Aber das wirst du sicherlich wissen, Hufsa. Jeder weiß das.<
    >Die Wahrheit ist, daß er sich nicht gerne von anderen Tieren dabei überraschen läßt<, flüsterte El-ahrairah. >Gehen wir weiter.<
    Etwas weiter kamen sie zu einem alten Brunnen neben einer großen Eiche. Der Farmer hatte ihn vor langer Zeit zugeschüttet, aber die Öffnung sah im Mondlicht sehr tief und dunkel aus.
    >Ruhen wir uns ein bißchen aus<, sagte El-ahrairah, >nur kurz.< Bei diesen Worten kam ein höchst seltsam aussehendes Geschöpf aus dem Gras. Es ähnelte zwar einem Kaninchen, aber selbst im Mondlicht konnten sie sehen, daß es einen roten Schwanz und lange grüne Ohren hatte. In seinem Maul trug es das Ende eines der weißen Stengel, die die Männer verbrennen. Es war Rabscuttle, aber nicht einmal Hufsa konnte ihn erkennen. Er hatte Desinfektionsmittel für Schafe auf der Farm gefunden und sich hineingesetzt, um seinen Schwanz rot zu färben. Seine Ohren waren mit Girlanden von Zaunrüben geschmückt, und von dem weißen Stengel wurde ihm ganz schlecht.
    >Frith behüte uns!< sagte El-ahrairah. >Was kann das sein? Hoffen wir bloß, daß es nicht einer der Tausend ist! < Er sprang auf, bereit, davonzurennen. >Wer bist du?< fragte er zitternd.
    Rabscuttle spuckte den weißen Stengel aus.
    >Also!< herrschte er ihn an. >Also hast du mich gesehen, El-ahrairah! Viele Kaninchen erreichen ein hohes Alter und sterben, aber wenige sehen mich. Wenige oder gar keine! Ich bin einer der Kaninchen-Boten von Frith, dem Herrn, die bei Tag im geheimen auf der Erde umhergehen und jede Nacht in seinen goldenen Palast zurückkehren! Er erwartet mich gerade jetzt auf der anderen Seite der Welt, und ich muß schnell durch das Herz der Erde zu ihm gehen! Leb wohl, El-ahrairah!<
    Das ungewöhnliche Kaninchen sprang über den Rand des Brunnens und verschwand in der Dunkelheit.
    >Wir haben gesehen, was wir nicht sehen sollten!< sagte El-ahrairah mit schreckerfüllter Stimme. >Wie entsetzlich ist dieser Ort! Gehen wir schnell fort!<
    Sie eilten weiter und kamen bald zu Fürst Regenbogens Mohrrübenfeld. Wie viele sie stahlen, kann ich nicht sagen; aber El-ahrairah ist, wie ihr wißt, ein großer Fürst, und zweifellos wandte er Kräfte an, die euch und mir unbekannt sind. Mein Großvater sagte jedenfalls immer, daß das Feld vor Morgengrauen kahlgeplündert war. Die Mohrrüben wurden tief unten in einem Loch in der Böschung neben dem Gehölz versteckt, und El-ahrairah und Hufsa machten sich auf den Heimweg. El-ahrairah sammelte zwei oder drei Anhänger um sich und blieb mit ihnen den ganzen Tag unter der Erde, doch Hufsa ging nachmittags hinaus, ohne zu sagen, wohin er ging.
    Als an jenem Abend El-ahrairah und seine Leute unter einem zart geröteten Himmel mit silflay begannen, kam Fürst Regenbogen über die Felder. Hinter ihm liefen zwei große schwarze Hunde.
    >El-ahrairah<, sagte er, >du bist verhaftet.<
    >Weswegen?< fragte El-ahrairah.
    >Du weißt ganz genau, weswegen<, sagte Fürst Regenbogen. >Ich verbitte mir deine Schliche und deine Unverschämtheit, El-ahrairah. Wo sind die Mohrrüben?<
    >Wenn ich verhaftet bin<, sagte El-ahrairah, >darf ich doch wohl erfahren, weshalb? Es ist nicht fair, mir zu sagen, ich sei verhaftet, und mir dann Fragen zu stellen.<
    >Komm, komm, El-ahrairah<, sagte Fürst Regenbogen, >du verschwendest nur deine Zeit. Sage mir, wo die Mohrrüben sind, und ich werde dich nur in den hohen Norden schicken und dich nicht töten.<
    >Fürst Regenbogen<, sagte El-ahrairah, >zum drittenmal, darf ich wissen, weshalb ich verhaftet bin?<
    >Na schön<, sagte Fürst Regenbogen, >wenn du also sterben willst, El-ahrairah, dann sollst du die ganze Strenge des Gesetzes zu spüren bekommen. Du bist verhaftet, weil du meine Mohrrüben gestohlen hast. Verlangst du ernstlich einen Prozeß? Ich warne dich, ich habe unmittelbare Beweise, und es wird schlecht für dich ausgehen.<
    Inzwischen strömten El-ahrairahs Leute zusammen und drängten sich so nahe heran, wie sie es der Hunde wegen wagten. Nur Rabscuttle war nirgends zu sehen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, die Mohrrüben in ein anderes geheimes Loch zu bringen, und versteckte sich jetzt, weil er seinen Schwanz nicht wieder weiß bekam.
    >Ja, ich hätte gerne einen Prozeß<, sagte El-ahrairah, >und ich würde gerne von einer Jury von Tieren abgeurteilt werden. Denn es ist nicht recht, Fürst Regenbogen, daß du sowohl mein Ankläger als auch mein Richter bist.<
    >Eine Jury von Tieren sollst du haben<, sagte Fürst Regenbogen. >Eine Jury von elil, El-ahrairah. Denn eine Jury von Kaninchen würde sich trotz der Beweise weigern, dich zu verurteilend.<
    Zu jedermanns Überraschung erwiderte El-ahrairah, daß er mit einer Jury von elil zufrieden wäre; und Fürst Regenbogen sagte, daß er sie noch in derselben Nacht bringen würde. El-ahrairah wurde in sein Loch hinuntergeschickt, und Hunde wurden als Wache draußen postiert. Keiner seiner Leute durfte ihn besuchen, obgleich viele es versuchten.
    Die Hecken und Büsche hinauf und hinunter verbreitete sich die Nachricht, daß El-ahrairah unter Anklage um sein Leben stand und daß Fürst Regenbogen ihn vor eine Jury von elil bringen werde. Tiere strömten herbei. Gegen fu Inle kehrte Fürst Regenbogen mit den elil zurück - zwei Dachsen, zwei Füchsen, zwei Wieseln, einer Eule und einer Katze. El-ahrairah wurde heraufgebracht und zwischen die Hunde gestellt. Die elil saßen da und starrten ihn an, und ihre Augen funkelten im Mond. Sie leckten sich die Lippen, und die Hunde sagten knurrend, daß ihnen versprochen worden sei, das Urteil zu vollstrecken. Viele, viele Tiere waren da -Kaninchen und andere -, und jedes von ihnen war sicher, daß diesmal El-ahrairahs Stunde geschlagen hätte.
    >Jetzt<, sagte Fürst Regenbogen, >wollen wir beginnen. Es wird nicht lange dauern. Wo ist Hufsa?<
    Da erschien, sich verbeugend und den Kopf neigend, Hufsa, und er sagte den elil, daß El-ahrairah vorige Nacht gekommen sei, als er ruhig Kügelchen gekaut habe, und ihn unter Drohungen gezwungen habe, mit ihm Fürst Regenbogens Mohrrüben zu stehlen. Er habe sich weigern wollen, sei aber zu sehr in Schrecken versetzt worden. Die Mohrrüben wären in einem Loch versteckt, das er ihnen zeigen könnte. Er sei zu dieser Tat gezwungen worden, aber am nächsten Tag sei er so schnell wie möglich zu Fürst Regenbogen gegangen und habe es ihm erzählt; denn er sei sein treuer Diener.
    >Wir werden die Mohrrüben später zurückholen<, sagte Fürst Regenbogen. >Nun, El-ahrairah, hast du irgendwelche Beweismittel, oder hast du etwas zu sagen? Beeile dich.<
    >Ich möchte dem Zeugen gern einige Fragen stellen<, sagte El-ahrairah, und die elil waren der Meinung, daß dies nur gerecht sei.
    >Nun, Hufsa<, sagte El-ahrairah, >können wir ein bißchen mehr über diese Reise hören, die du und ich angeblich gemacht haben sollen? Denn ich kann mich wirklich an nichts dergleichen erinnern. Du sagst, wir gingen aus dem Loch hinaus und machten uns in der Nacht auf den Weg. Was geschah dann?<
    >Aber, El-ahrairah<, sagte Hufsa, >du kannst es unmöglich vergessen haben. Wir kamen am Graben vorbei, und erinnerst du dich nicht, daß wir einen Igel sahen, der auf einer Kiste saß und den Mond ansang?<
    > Was tat der Igel?< fragte einer der Dachse.
    >Er sang ein Lied an den Mond<, sagte Hufsa eifrig. >Sie tun das, weißt du, um die Schnecken anzulocken. Er hatte Rosenblätter überall, und er winkte mit den Pfoten und -< >Langsam, langsam<, sagte El-ahrairah. >Ich möchte nicht, daß du etwas sagst, was du nicht meinst. Armer Junge<, fügte er, zur Jury gewandt, hinzu, >er glaubt wirklich, was er sagt, müßt ihr wissen. Er meint es nicht böse, aber -!<
    >Aber doch<, rief Hufsa, >er sang: »O Schneckenmond, o Schneckenmond! O gib -«<
    >Was der Igel sang, ist kein Beweis<, erwiderte El-ahrairah. >Man fragt sich wirklich, was eigentlich Beweisstücke sind. Na schön. Wir sahen einen Igel, der mit Rosen bedeckt war und auf einer Kiste ein Lied sang. Was dann?<
    >Nun<, sagte Hufsa, >dann gingen wir weiter und kamen an einen Teich, wo wir einen Fasan sahen.<
    >Fasan, ha?< sagte einer der Füchse. >Ich wünschte, ich hätte ihn gesehen. Was machte er?<
    >Er schwamm im Wasser herum -<, sagte Hufsa.
    >Verwundet, was?<, fragte der Fuchs.
    >Nein, nein<, sagte Hufsa. >Sie tun es alle, damit ihre Schwänze länger wachsen. Ich bin erstaunt, daß du das nicht weißt.<
    >Damit was -?< rief der Fuchs.
    >Damit ihre Schwänze länger wachsen<, sagte Hufsa schmollend. >Er hat es selbst gesagt.<
    >Ihr habt euch dieses Geschwafel nur sehr kurz anhören müssen<, sagte El-ahrairah zu den elil. >Es erfordert schon einiges, sich daran zu gewöhnen. Schaut mich an. Ich war gezwungen, die letzten zwei Monate tagaus, tagein damit zu leben. Ich bin so gütig und verständnisvoll wie möglich gewesen, aber offenbar zu meinem eigenen Schaden.<
    Schweigen senkte sich über die Versammlung. El-ahrairah wandte sich mit der Miene väterlicher Geduld wieder an den Zeugen.
    >Mein Gedächtnis ist so schlecht<, sagte er. >Bitte, erzähle weiter.<
    >Nun, El-ahrairah<, sagte Hufsa, >du heuchelst sehr gut, aber selbst du wirst nicht behaupten können, du hättest vergessen, was als nächstes passierte. Ein riesiges schreckliches Kaninchen mit einem roten Schwanz und grünen Ohren kam aus dem Gras. Es hatte einen weißen Stengel im Mund und stürzte durch ein großes Loch in die Erde hinunter. Es sagte uns, es würde durch die Mitte der Erde gehen, um Frith, den Herrn, auf der anderen Seite aufzusuchen.<
    Diesmal sagte nicht ein einziges elil ein Wort. Sie starrten Hufsa an und schüttelten die Köpfe.
    >Sie sind alle verrückt<, flüsterte eines der Wiesel, >widerliche kleine Biester. Die sagen alles, wenn sie in die Enge getrieben werden. Aber dies hier ist das Schlimmste, was ich je gehört habe. Wie lange müssen wir noch hierbleiben? Ich habe Hunger.<
    El-ahrairah hatte im voraus gewußt, daß elil, wenngleich sie alle Kaninchen verabscheuen, dasjenige am wenigsten leiden können, das wie ein Trottel wirkt. Deswegen hatte er einer Jury aus elil zugestimmt. Eine Jury von Kaninchen könnte versucht haben, Hufsas Geschichte auf den Grund zu gehen; nicht so die elil, denn sie haßten und verachteten den Zeugen und wollten so bald wie möglich fortkommen, um zu jagen.
    >Ich fasse also zusammen«, sagte El-ahrairah, >wir sahen einen mit Rosen bedeckten Igel, der ein Lied sang; und dann sahen wir einen vollkommen gesunden Fasan, der in einem Teich herumschwamm; und dann sahen wir ein Kaninchen mit rotem Schwanz, grünen Ohren und einem weißen Stengel, und es sprang direkt in ein tiefes Loch hinein. Stimmt das?<
    >Ja<, sagte Hufsa.
    >Und dann stahlen wir die Mohrrüben?<
    >Ja.<
    >Waren sie purpurrot mit grünen Flecken?<
    >Was war purpurrot mit grünen Flecken?<
    >Die Mohrrüben.<
    >Na, du weißt doch, daß sie das nicht waren, El-ahrairah. Sie halten die übliche Farbe. Sie sind im Loch unten!< schrie Hufsa verzweifelt. >Unten im Loch! Geh und schau nach!<
    Das Gericht vertagte sich, während Hufsa Fürst Regenbogen zu dem Loch führte. Sie fanden keine Mohrrüben und kamen zurück.
    >Ich bin den ganzen Tag unter der Erde gewesen<, sagte El-ahrairah, >und ich kann es beweisen. Ich hätte schlafen sollen, aber es ist sehr schwer, wenn mein gelehrter Freund -na, lassen wir das. Ich meine nur, daß ich offensichtlich nicht draußen gewesen sein kann, um Mohrrüben zu verlagern oder sonstwas. Wenn es je Mohrrüben gegeben hätte<, fügte er hinzu. >Aber ich möchte nichts mehr sagen.<
    >Fürst Regenbogen<, sagte die Katze, >ich hasse alle Kaninchen. Aber wir können ja wohl kaum behaupten, es sei bewiesen, daß dieses Kaninchen deine Mohrrüben stahl. Der Zeuge ist offenbar nicht bei Verstand - verrückt wie Nebel und Schnee -, und der Gefangene wird freigelassen werden müssen.< Sie stimmten alle zu.
    >Verschwinde lieber schnell<, sagte Fürst Regenbogen zu El-ahrairah. >Geh in dein Loch hinunter, El-ahrairah, ehe ich dir persönlich etwas antue.<
    >Werde ich, mein Herr<, sagte El-ahrairah. >Aber darf ich Euch bitten, dieses Kaninchen zu entfernen, das Ihr uns hineingesetzt habt; denn es stört uns mit seiner Albernheit.< Also ging Hufsa mit Fürst Regenbogen fort, und El-ahrairahs Leute wurden in Ruhe gelassen, nur daß sie eine Magenverstimmung von zu vielem Mohrrübenfressen bekamen.
    Aber es dauerte sehr lange, bis Rabscuttle seinen Schwanz wieder weiß bekam, sagte mein Großvater immer.«

23. Kehaar


    Der Flügel schleift wie ein Banner in der Vernichtung,
    Um nie mehr den Himmel zu benutzen, sondern mit Hungersnot und Schmerz ein paar Tage zu leben.
    Er ist stark, und der Schmerz ist schlimm für die Starken, Unfähigkeit ist schlimmer.
    Niemand als der erlösende Tod wird diesen Kopf demütigen,
    Die furchtlose Bereitschaft, die furchtbaren Augen.
    Robinson Jeffers Hurt Hawks

    Die Menschen sagen: »Es regnet nie, es gießt.« Das ist nicht sehr treffend; denn es regnet häufig, ohne daß es gießt. Das Sprichwort der Kaninchen bringt es besser zum Ausdruck. Sie sagen: »Eine Wolke fühlt sich einsam«, und es ist in der Tat wahr: Das Erscheinen einer einzigen Wolke bedeutet oft, daß der Himmel bald bedeckt sein wird. Nun, wie auch immer, schon der nächste Tag schuf eine dramatische zweite Gelegenheit, Hazels Idee in die Praxis umzusetzen. Es war am frühen Morgen; die Kaninchen kamen in die klare graue Stille herauf und begannen mit silflay. Die Luft war noch kühl. Es hatte stark getaut und war windstill. Fünf oder sechs Wildenten flogen über sie hinweg, in einem schnell sich bewegenden V, auf dem Weg zu einem fernen Bestimmungsort. Das Geräusch ihres Flügelschlages drang deutlich herunter und wurde schwächer, als sie nach Süden weiterflogen. Die Stille kehrte zurück. Mit dem Dahinschwinden des letzten Zwielichtes wuchs eine Art Erwartung und Spannung, als wäre tauender Schnee im Begriff, von einem schrägen Dach zu gleiten. Der ganze Hügel und alles im Umkreis, Erde und Luft, wich vor dem Sonnenaufgang zurück. Wie ein Stier mit leichter, aber unbezwingbarer Bewegung den Kopf unter dem Griff eines Mannes hochwirft, der sich über die Box beugt und lässig sein Horn hält, so drang die Sonne in die Welt mit einer ruhigen, ungeheuren Kraft. Nichts unterbrach oder verdunkelte ihr Kommen. Geräuschlos schimmerten die Blätter, und das Gras funkelte an der Böschung, die sich über Meilen erstreckte.
    Jenseits des Waldstückes putzten Bigwig und Silver ihre Ohren, schnupperten die Luft und hopsten fort, folgten ihren eigenen langen Schatten zum Gras der Rennstrecke. Während sie sich über den kurzen Rasen bewegten - knabbernd, sich aufrichtend und sich umblickend -, näherten sie sich einer kleinen Mulde, nicht mehr als einen Meter im Durchmesser. Ehe sie den Rand erreichten, hielt Bigwig, der vor Silver ging, an und kauerte nieder, starrte. Obgleich er nicht in die Mulde hineingehen konnte, wußte er, daß sich irgendein Lebewesen darin befand - etwas ziemlich Großes. Er spähte durch die Grashalme und konnte die Krümmung eines weißen Rückens sehen. Was immer es sein mochte, es war fast so groß wie er selbst. Er wartete eine Zeitlang bewegungslos, aber es rührte sich nicht.
    »Was hat einen weißen Rücken, Silver?« flüsterte Bigwig.
    Silver überlegte. »Eine Katze?«
    »Hier gibt es keine Katzen.«
    »Woher weißt du das?«
    In diesem Moment hörten sie beide ein leises, hauchendes Zischen aus der Mulde kommen. Es dauerte ein paar Augenblicke. Dann war wieder Stille.
    Bigwig und Silver hielten viel von sich. Außer Holly waren sie die einzigen Überlebenden der Sandleford-Owsla, und sie wußten, daß ihre Kameraden zu ihnen aufblickten. Die Begegnung mit den Ratten in der Scheune war kein Spaß gewesen und hatte ihren Wert bewiesen. Bigwig, der großzügig und ehrlich war, hatte sich keinen Augenblick über Hazels Mut in jener Nacht geärgert, als abergläubische Furcht in ihm die Oberhand gewonnen hatte. Aber die Vorstellung, in die Honigwabe zurückzukehren und zu melden, daß er ein unbekanntes Geschöpf flüchtig im Gras erblickt und allein gelassen hatte, war mehr, als er schlucken konnte. Er wandte den Kopf und blickte Silver an. Als er sah, daß der mitmachen würde, schaute er sich den seltsamen weißen Rücken noch einmal gut an und ging dann stracks an den Rand der Mulde. Silver folgte.
    Es war keine Katze. Das Geschöpf in der Mulde war ein Vogel - ein großer Vogel, beinahe dreißig Zentimeter lang. Keiner von beiden hatte je so einen Vogel gesehen. Der weiße Teil seines Rückens, den sie durch das Gras erspäht hatten, gehörte tatsächlich nur zu Schultern und Hals. Der untere Teil des Rückens war hellgrau, desgleichen die Flügel, die in lange, an den Spitzen schwarze Schwungfedern ausliefen und über dem Schwanz zusammengefaltet waren. Der Kopf war tief dunkelbraun - fast schwarz - und stand in so scharfem Kontrast zu dem weißen Hals, daß der Vogel aussah, als trüge er eine Art Haube. Das eine dunkelrote Bein, das sie sehen konnten, endete in einem Schwimmfuß und drei mächtigen Krallenzehen. Der am Ende leicht nach unten gekrümmte Schnabel war stark und scharf. Als sie hinstarrten, öffnete er sich und enthüllte einen roten Rachen und die Kehle. Der Vogel zischte wie wild und versuchte zuzustoßen, aber er bewegte sich trotzdem nicht.
    »Er ist verletzt«, sagte Bigwig.
    »Ja das sieht man«, erwiderte Silver. »Aber ich kann nicht sagen, wo er verwundet ist. Ich werde herumgehen -«
    »Paß auf!« rief Bigwig. »Der wird dich kriegen!«
    Als Silver um die Mulde herumwanderte, war er dem Kopf des Vogels näher gekommen und sprang gerade noch rechtzeitig zurück, um einem schnellen, gezielten Hieb des Schnabels auszuweichen.
    »Das hätte dir deinen Fuß gebrochen«, sagte Bigwig.
    Als sie dahockten und den Vogel anstarrten - denn beide fühlten intuitiv, daß er nicht aufstehen würde -, brach er plötzlich in laute, heisere Schreie aus - >Yark! Yark! Yark!< -, ein fürchterlicher Laut ganz aus der Nähe, der den Morgen zersplitterte und weit über das Hügelland zu hören war. Bigwig und Silver drehten sich um und rannten davon.
    Sie sammelten sich wieder soweit, um kurz vor dem Waldstück anzuhalten und einen würdigeren Anmarsch zur Böschung zu machen. Hazel traf sie im Gras. Ihre aufgerissenen Augen und geblähten Nüstern waren nicht mißzuverstehen. »Elil?« fragte Hazel.
    »Um dir die Wahrheit zu sagen, ich weiß es nicht«, erwiderte Bigwig. »Da ist ein so großer Vogel draußen, wie ich noch nie einen gesehen habe.«
    »Wie groß? So groß wie ein Fasan?«
    »Nicht ganz so groß«, gab Bigwig zu, »aber größer als eine Ringeltaube - und sehr viel wilder.«
    »Hat der so geschrien?«
    »Ja. Er hat mich ganz schön erschreckt. Wir waren direkt neben ihm. Aber aus irgendeinem Grund kann er sich nicht bewegen.«
    »Stirbt er?«
    »Ich glaube nicht.«
    »Ich gehe und schaue ihn mir an«, sagte Hazel.
    »Er ist bösartig. Um Himmels willen, sei vorsichtig.«
    Bigwig und Silver gingen mit Hazel zurück. Die drei hockten sich außer Reichweite des Vogels hin, der scharf und verzweifelt von einem zum anderen blickte. Hazel sprach im Hecken-Kauderwelsch.
    »Du verletzt? Du nicht fliegen?«
    Die Antwort war ein rauhes Geplapper, das sie alle sofort für ausländisch hielten. Wo immer der Vogel herkam, es war von weit her. Der Akzent war merkwürdig und guttural, die Sprache verzerrt. Sie konnten hier und da ein Wort aufschnappen.
    »Kommen ruhig - Kah! Kah! - Du kommen ruhig - Yark!
    - Hältst mich erledigt - Ich nicht erledigt - Verletz' dich verdammt viel -« Der dunkelbraune Kopf zuckte von einer Seite zur anderen. Dann, ganz unerwartet, begann der Vogel seinen Schnabel in die Erde zu schlagen. Sie bemerkten zum ersten Mal, daß das Gras davor zerrissen und eingekerbt war. Einige Augenblicke hackte er hierhin und dorthin; dann gab er es auf, hob den Kopf und beobachtete sie wieder.
    »Ich glaube, er hat Hunger«, sagte Hazel. »Wir sollten ihn füttern. Bigwig, geh und hole einige Würmer oder so etwas, sei ein guter Kerl.«
    »Äh - was hast du gesagt, Hazel?«
    »Würmer.«
    »Ich soll nach Würmern graben?«
    »Hat dich die Owsla nicht gelehrt - oh, schon gut, ich gehe selbst«, sagte Hazel. »Du wartest mit Silver hier.«
    Nach einigen Augenblicken jedoch folgte Bigwig Hazel zum Graben und kratzte ebenfalls in der trockenen Erde. Es gibt nicht viel Würmer in den Downs, und es hatte tagelang nicht geregnet. Nach einiger Zeit blickte Bigwig auf.
    »Wie war's mit Käfern? Bohrasseln oder so was?«
    Sie fanden einige verfaulte Zweige und nahmen sie mit. Hazel schob einen vorsichtig vor.
    »Insekten.«
    Der Vogel trennte den Zweig in ein paar Sekunden in drei Teile und schnappte die wenigen Insekten auf. Bald lag ein kleiner Trümmerhaufen in der Mulde, als die Kaninchen alles anbrachten, was als Futter geeignet schien. Bigwig fand etwas Pferdemist auf dem Pfad, grub die Würmer heraus, überwand seinen Ekel und überbrachte sie einen nach dem anderen. Als Hazel ihn lobte, murmelte er etwas vom »ersten Mal, daß ein Kaninchen das getan hat, und sag es bloß nicht den Amseln«. Endlich, lange nachdem sie alle der Sache überdrüssig geworden waren, hörte der Vogel auf zu fressen und sah Hazel an.
    »Genug fressen.« Er machte eine Pause. »Weshalb du tun?«
    »Du verletzt?« fragte Hazel.
    Der Vogel sah verschlagen aus. »Nicht verletzt. Viel kämpfen. Bleiben kleine Zeit, dann gehen.«
    »Du hier bleiben, du erledigt«, sagte Hazel. »Schlechter Ort. Kommen homba, kommen Turmfalke.«
    »Hol sie Teufel. Kämpfen viel.«
    »Ich wette, der würde kämpfen«, sagte Bigwig und sah mit Bewunderung den fünf Zentimeter langen Schnabel und den dicken Hals an.
    »Wir nicht wollen, daß du erledigt«, sagte Hazel. »Du bleiben hier, du erledigt. Vielleicht wir dir helfen.«
    »Verpiß dir!«
    »Kommt«, sagte Hazel sofort zu den anderen. »Lassen wir ihn allein.« Er begann in den Wald zurückzulatschen. »Soll er ruhig versuchen, die Turmfalken ein bißchen abzuhalten.«
    »Was soll das heißen, Hazel?« fragte Silver. »Das ist ein wildes Tier. Du kannst es dir nicht zum Freund machen.«
    »Du magst recht haben«, erwiderte Hazel. »Aber was nützt uns eine Blaumeise oder ein Rotkehlchen? Die fliegen nicht weit genug. Wir brauchen einen großen Vogel.«
    »Warum aber willst du ausgerechnet einen Vogel?«
    »Ich werde es später erklären«, sagte Hazel. »Ich möchte, daß Blackberry und Fiver es auch hören. Gehen wir jetzt hinunter. Wenn ihr nicht Kügelchen kauen wollt, ich will's.«
    Im Laufe des Nachmittags organisierte Hazel noch weitere Arbeit am Gehege. Die Honigwabe war so gut wie fertig -obgleich Kaninchen nicht methodisch vorgehen und nie wirklich sicher sind, ob etwas fertig ist -, und die umliegenden Baue und Läufe nahmen Form an. Sehr früh am Morgen jedoch begab er sich wieder zu der Mulde. Der Vogel war noch da. Er sah schwächer und weniger wachsam aus, schnappte aber kraftlos nach Hazel.
    »Noch hier?« sagte Hazel. »Du kämpfen Falke?«
    »Nicht kämpfen«, sagte der Vogel. »Nicht kämpfen, aber lauern, lauern, immer lauern. Er nicht gut.«
    »Hungrig?«
    Der Vogel antwortete nicht.
    »Hör zu«, sagte Hazel. »Kaninchen nicht Vögel fressen. Kaninchen fressen Gras. Wir helfen dir.«
    »Warum mir helfen?«
    »Schon gut. Wir machen dich sicher. Großes Loch. Auch zu fressen.«
    Der Vogel überlegte. »Bein gut. Flügel nix gut. Er schlecht.«
    »Gut, dann geh.«
    »Du mich verletzen, ich dich verletzen wie verdammt.«
    Hazel wandte sich ab. Der Vogel sprach wieder.
    »Iiist langer Weg?«
    »Nein, nicht weit.«
    »Dann kommen.«
    Er stand mit beträchtlichen Schwierigkeiten auf, schwankte auf seinen starken blutroten Beinen. Dann öffnete er die Flügel hoch über seinem Körper, und Hazel sprang, von der großen Spannweite erschreckt, zurück. Aber sofort schloß er sie wieder, schmerzverzerrt.
    »Flügel nix gut. Ich kommen.«
    Er folgte Hazel gehorsam über das Gras, aber dennoch war Hazel darauf bedacht, sich außerhalb seiner Reichweite zu halten. Ihre Ankunft am Waldrand rief eine Aufregung hervor, die Hazel mit gebieterischer Schärfe, ganz im Gegensatz zu seiner üblichen Art, unterband.
    »Los, los, rührt euch«, sagte er zu Dandelion und Buckthorn. »Dieser Vogel ist verletzt, und wir werden ihm bei uns Schutz gewähren, bis es ihm besser geht. Bigwig soll euch zeigen, wie man ihm etwas zu fressen beschafft. Er frißt Würmer und Insekten. Versucht's mit Heuschrecken, Spinnen - mit allem. Hawkbit! Acorn! Ja, und du auch, Fiver - reiß dich aus deiner Versunkenheit oder was immer es ist. Wir brauchen bis zum Einbruch der Nacht ein offenes breites Loch, breiter als tief, mit einem flachen Boden, etwas unterhalb des Eingangs.«
    »Wir haben den ganzen Nachmittag gegraben, Hazel -«
    »Ich weiß. Ich werde euch gleich helfen kommen«, sagte Hazel. »Fangt schon an. Die Nacht bricht herein.«
    Die erstaunten Kaninchen gehorchten ihm murrend. Hazels Autorität wurde sozusagen auf die Probe gestellt, hielt aber mit Bigwigs Unterstützung. Obgleich er keine Ahnung hatte, was Hazel vorschwebte, war Bigwig von der Stärke und dem Mut des Vogels fasziniert und hatte bereits den Gedanken akzeptiert, ihn aufzunehmen, ohne sich über den Grund Sorgen zu machen. Er leitete die Grabungsarbeiten, während Hazel, so gut er konnte, dem Vogel erklärte, wie sie lebten, wie ihre Schutzmaßnahmen vor ihren Feinden waren und die Art Zuflucht, die sie ihm gewähren konnten. Die Nahrungsmenge, die die Kaninchen herbeischafften, reichte nicht aus, aber nachdem der Vogel nun im Inneren des Waldes war, fühlte er sich spürbar sicherer und konnte herumhumpeln und sich sein eigenes Futter suchen.
    Bis zur Eulenzeit hatten Bigwig und seine Helfer innerhalb des Eingangs eine Art Wandelgang zu einem der vom Wald herunterführenden Läufe gekratzt. Den Boden legten sie mit Buchenzweigen und Blättern aus. Bei Einbruch der Dunkelheit wurde der Vogel hineingesetzt. Er war immer noch mißtrauisch, schien aber ziemliche Schmerzen zu haben. Da er offenbar keine bessere Lösung für sich sah, schien er bereit, es mit einem Kaninchenloch zu versuchen, um sein Leben zu retten. Von außen konnten sie seinen dunklen Kopf wachsam im Halbdunkel und seine schwarzen Augen aufmerksam lauern sehen. Er schlief noch nicht, als sie ein spätes silflay beendeten und hinuntergingen.
    Lachmöwen sind gesellige Tiere. Sie leben in Kolonien, wo sie sich Nahrung suchen und fressen, schnattern und den ganzen Tag raufen. Einsamkeit und Zurückhaltung sind für sie unnatürlich. Sie ziehen in der Brutzeit nach Süden, und ein verletztes Tier wird dann wahrscheinlich zurückgelassen. Die Wildheit und das Mißtrauen der Möwe waren teils auf die Schmerzen und teils auf die quälende Gewißheit zurückzuführen, daß sie keine Kameraden hatte und nicht fliegen konnte. Am nächsten Morgen kehrte ihr natürlicher Instinkt, sich unter die Schar zu mischen und zu reden, zurück. Bigwig machte sich zu ihrem Gefährten. Er wollte nichts davon wissen, daß die Möwe zur Futtersuche hinausginge. Noch vor ni-Frith hatten die Kaninchen so viel herangeschafft, wie sie - für den Augenblick jedenfalls -fressen konnte, und ruhten sich während der Tageshitze aus. Doch Bigwig blieb bei der Möwe, machte kein Geheimnis aus seiner Bewunderung, redete und hörte ihr stundenlang zu. Beim Abendfressen gesellte er sich zu Hazel und Holly nahe der Böschung, wo Bluebell seine Geschichte von El-ahrairah erzählt hatte.
    »Wie geht's dem Vogel jetzt?« fragte Hazel.
    »Viel besser, glaube ich«, erwiderte Bigwig. »Er ist sehr zäh, weißt du? Meine Güte, was für ein Leben er geführt hat! Ihr wißt nicht, was ihr verpaßt! Ich könnte den ganzen Tag bei ihm sitzen und ihm zuhören.«
    »Wie wurde er verletzt?«
    »Eine Katze sprang ihn in einem Bauernhof an. Er hörte sie erst im letzten Augenblick. Sie zerfetzte den Muskel eines seiner Flügel, aber offenbar hinterließ er ihr auch einen Denkzettel, bevor sie abzog. Dann schleppte er sich irgendwie hier herauf und brach einfach zusammen. Stell dir vor, sich gegen eine Katze zur Wehr zu setzen! Ich erkenne jetzt, daß ich noch gar nicht richtig angefangen habe. Warum sollte ein Kaninchen sich nicht auch gegen eine Katze zur Wehr setzen können? Nehmen wir nur an, daß -«
    »Aber was ist das für ein Vogel?« unterbrach Holly.
    »Nun, ich kann es nicht genau herausbekommen«, antwortete Bigwig. »Aber wenn ich ihn richtig verstehe - ich bin allerdings nicht sicher, daß ich ihn völlig verstehe -, sagt er, dort, wo er herkäme, gäbe es Tausende seiner Art - mehr, als wir uns vorstellen können. Ihre Scharen machen die ganze Luft weiß, und in der Brutzeit sind ihre Nester so zahlreich wie Blätter in einem Wald - so sagt er.«
    »Aber wo? Ich habe nie auch nur einen einzigen gesehen.«
    »Er sagt«, entgegnete Bigwig und sah Holly direkt an, »er sagt, daß weit von hier die Erde aufhört und es keine mehr gibt.«
    »Nun, offensichtlich hört sie irgendwo auf. Was gibt's dahinter?«
    »Wasser.«
    »Einen Fluß, meinst du?«
    »Nein«, sagte Bigwig, »kein Fluß; er spricht von einer riesengroßen Wasserfläche, die nicht aufhört. Man kann die andere Seite nicht sehen. Es gibt keine andere Seite. Aber da ist doch eine, weil er dagewesen ist. Also, ich weiß nicht -ich muß zugeben, ich verstehe das Ganze nicht so recht.«
    »Hat er dir erzählt, daß er außerhalb der Welt gewesen und wieder zurückgekommen ist? Das kann nicht wahr sein.«
    »Ich weiß es nicht«, sagte Bigwig, »aber ich bin sicher, daß er nicht lügt. Dieses Wasser bewegt sich offenbar die ganze Zeit und stürzt dauernd gegen die Erde; und wenn er das nicht hören kann, vermißt er es. Sein Name ist - Kehaar. Es ist das Geräusch, welches das Wasser macht.«
    Die anderen waren unwillkürlich beeindruckt.
    »Nun, warum ist er hier?« fragte Hazel.
    »Er sollte eigentlich nicht hier sein. Er sollte schon lange zu dieser großen Wasserfläche unterwegs sein, um zu brüten. Anscheinend gehen eine Menge von ihnen im Winter fort, weil es kalt wird und stürmisch. Dann kehren sie im Sommer wieder zurück. Aber er ist schon einmal in diesem Frühling verletzt worden. Es war nichts Ernstliches, aber es hielt ihn auf. Er ruhte sich aus und lungerte ein Weilchen in der Nähe einer Krähenkolonie herum. Dann wurde er wieder kräftiger und verließ sie, und er kam ganz gut voran, als er auf dem Bauernhof haltmachte und dieser dreckigen Katze begegnete.«
    »Wenn es ihm besser geht, zieht er also weiter?« sagte Hazel.
    »Ja.«
    »Dann haben wir unsere Zeit verschwendet.«
    »Warum, Hazel, was hast du vor?«
    »Geh und hol Blackberry und Fiver - am besten auch Silver. Dann werde ich es erklären.«
    Die Stille des Abend-silflay, während die westliche Sonne direkt auf die Hügelkette fiel, die Grasbüschel Schatten warfen, die doppelt so lang waren wie sie selbst, und die Luft nach Thymian und Heckenrosen roch, war etwas, das zu genießen sie alle gekommen waren, mehr noch als an den früheren Abenden in den Wiesen von Sandleford. Obgleich sie es nicht wissen konnten, war das Hügelland einsamer, als es Hunderte von Jahren zuvor gewesen war. Es gab keine Schafe, und die Dorfbewohner von Kingsclere und Sydmonton hatten keinen Anlaß mehr, über die Hügel zu gehen, weder geschäftlich noch zum Vergnügen. In den Wiesen von Sandleford hatten die Kaninchen fast jeden Tag Menschen gesehen. Hier hatten sie seit ihrer Ankunft nur einen einzigen gesehen - und den auf einem Pferd. Hazel blickte sich in der kleinen Gruppe, die sich im Grase versammelte, um und sah, daß alle - selbst Holly - kräftiger, glatter und in besserer Verfassung waren als bei ihrer Ankunft in dem offenen Hügelland. Was immer vor ihnen liegen mochte, er konnte für sich in Anspruch nehmen, sie soweit nicht im Stich gelassen zu haben.
    »Uns geht es hier gut«, begann er, »so scheint es mir jedenfalls. Wir sind bestimmt nicht mehr ein Haufen hlessil. Aber trotzdem habe ich etwas auf dem Herzen, und ich bin wirklich erstaunt, daß ich der erste von uns sein sollte, der daran denkt. Wenn wir nicht eine Antwort darauf finden können, dann ist dieses Gehege so gut wie erledigt, trotz allem, was wir getan haben.«
    »Nanu, wie kann das sein, Hazel?« sagte Bigwig.
    »Erinnerst du dich noch an Nildro-hain?« fragte Hazel.
    »Sie hörte auf zu laufen. Armer Strawberry.«
    »Ich weiß. Und wir haben keine Weibchen - nicht eines -, und keine Weibchen bedeutet keine Jungen und in ein paar Jahren kein Gehege.«
    Es mag unglaublich erscheinen, daß die Kaninchen einer so lebenswichtigen Frage bisher keinen Gedanken gewidmet hatten. Aber die Menschen haben denselben Fehler mehr als einmal gemacht - ließen die ganze Angelegenheit außer Betracht oder begnügten sich damit, dem Glück oder dem Zufall des Krieges zu vertrauen. Kaninchen leben in der Nähe des Todes, und wenn der Tod näher kommt als gewöhnlich, läßt der Gedanke ans Überleben wenig Raum für irgend etwas anderes. Aber jetzt, im Abendsonnenschein auf dem freundlichen, leeren Hügelland, mit einem guten Bau im Hintergrund und Gras im Bauch, das sich in Kügelchen verwandelte, wußte Hazel, daß er Sehnsucht nach einem Weibchen hatte. Die anderen waren still, und er konnte feststellen, daß seine Worte gewirkt hatten.
    Die Kaninchen grasten oder nahmen ein Sonnenbad. Eine Lerche schwang sich zwitschernd in den helleren Sonnenschein weiter oben, stieg auf und sang und kam langsam wieder herunter, mit einem seitlichen Gleitflug und einem Bachstelzen-Lauf durch das Gras die Vorstellung beendend. Die Sonne sank tiefer. Schließlich fragte Blackberry: »Was sollen wir tun? Uns wieder auf den Weg machen?«
    »Hoffentlich nicht«, sagte Hazel. »Ich möchte, daß wir uns ein paar Weibchen schnappen und sie hierherbringen.«
    »Woher?«
    »Aus einem anderen Gehege.«
    »Aber gibt es überhaupt welche auf diesen Hügeln? Der Wind trägt nicht den geringsten Kaninchengeruch herüber.«
    »Ich werde euch sagen, wie«, sagte Hazel. »Der Vogel. Der Vogel wird losziehen und für uns suchen.«
    »Hazel-rah«, rief Blackberry, »was für eine glänzende Idee! Dieser Vogel kann in einem Tag auskundschaften, was wir selbst nicht in tausend entdecken könnten! Aber bist du sicher, daß wir ihn überreden können, es zu tun? Bestimmt wird er, sobald es ihm besser geht, einfach fortfliegen und uns verlassen.«
    »Das kann ich nicht voraussagen«, antwortete Hazel. »Wir können ihn nur füttern und das Beste hoffen. Aber, Bigwig, da du dich mit ihm so gut zu verstehen scheinst, kannst du ihm vielleicht erklären, wieviel uns das bedeutet. Er braucht nur über das Hügelland zu fliegen und uns wissen zu lassen, was er sieht.«
    »Überlaß ihn mir«, sagte Bigwig. »Ich glaube, ich weiß, wie ich's anstellen muß.«
    Hazels Besorgnis und der Grund dafür waren bald allen Kaninchen bekannt, und jedes begriff, welcher Schwierigkeit sie gegenüberstanden. Was er gesagt hatte, war durchaus nicht überraschend. Er war nur einfach derjenige - und so sollte ein Oberkaninchen sein -, der ein starkes, im ganzen Gehege latentes Gefühl klar ausgesprochen hatte. Aber sein Plan, von der Möwe Gebrauch zu machen, erregte jeden und wurde als Einfall angesehen, auf den nicht einmal Blackberry gekommen wäre. Erkundung ist allen Kaninchen geläufig -tatsächlich ist das ihre zweite Natur -, aber die Idee, dafür einen Vogel zu nehmen, und dazu einen so fremden und wilden, überzeugte sie davon, daß Hazel, wenn er es wirklich fertigbrachte, so klug wie El-ahrairah selbst sein mußte.
    Während der nächsten Tage ging eine Menge schwerer Arbeit damit drauf, Kehaar zu füttern. Acorn und Pipkin, die sich brüsteten, sie wären die besten Insektenfänger im Gehege, schleppten eine große Zahl von Käfern und Heuschrecken an. Zuerst mangelte es der Möwe vor allem an Wasser. Sie litt ziemlich und war schließlich gezwungen, aus den Halmen der langen Gräser Feuchtigkeit zu ziehen. Doch während ihrer dritten Nacht im Gehege regnete es drei oder vier Stunden, und Pfützen bildeten sich auf dem Pfad. Wechselhaftes Wetter setzte ein, wie es oft in Hampshire der Fall ist, wenn die Heuernte naht. Kräftige Winde aus dem Süden drückten das Gras tagsüber flach und verwandelten es in ein stumpfes Damaszenersilber. Die großen Zweige der Buchen bewegten sich wenig, wisperten aber laut. Der Wind brachte Regenböen mit. Das Wetter machte Kehaar ruhelos. Er ging ziemlich viel umher, beobachtete die fliehenden Wolken und schnappte nach allem, was die Futterholer brachten. Das Suchen wurde schwerer; denn in der Nässe verkrochen sich die Insekten in dem tiefen Gras und mußten herausgekratzt werden.
    Eines Nachmittags wurde Hazel, der jetzt wie in alten Tagen einen Bau mit Fiver teilte, von Bigwig geweckt, der ihm eröffnete, daß Kehaar ihm etwas zu sagen habe. Er ging in Kehaars Wandelgang, ohne dabei nach oben gehen zu müssen. Das erste, was er bemerkte, war, daß die Möwe sich mauserte und am Kopf weiß wurde, wenn auch ein dunkelbrauner Fleck hinter jedem Auge blieb. Hazel grüßte sie und war überrascht, eine Antwort in stockender, gebrochener Kaninchensprache zu erhalten. Offenbar hatte Kehaar eine kurze Rede vorbereitet.
    »Miister Hazel, is' Kaninchen-Arbeit schwer«, sagte Kehaar. »Ich noch nicht beendet. Bald werde ich fein sein.«
    »Das sind gute Nachrichten«, sagte Hazel. »Das freut mich.«
    Kehaar fiel in den Hecken-Jargon zurück.
    »Miister Pigvig, er viel guter Bursche.«
    »Ja, das ist er.«
    »Er sagen, ihr keine Mütter haben. Iis' aus mit Mütter. Viel Kummer für euch.«
    »Ja, das ist wahr. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Nirgends Mütter.«
    »Hör zu. Ich großen, feinen Plan. Mir gehen jetzt gut. Flügel, er besser. Wind zu Ende, dann ich fliegen. Fliegen für euch. Finden viel Mütter, dir sagen, wo sind, ya?«
    »Was für eine großartige Idee, Kehaar! Wie gescheit von dir, daran zu denken! Du sehr feiner Vogel.«
    »Iiis' Schluß mit Mütter für mich dies Jahr. Iiiis' zu spät. Alle Mütter sitzen auf Nest jetzt. Eier kommen.«
    »Das tut mir leid.«
    »Andere Zeit holen Mütter. Jetzt fliegen ich für euch.«
    »Wir werden alles tun, was wir nur können, um dir zu helfen.«
    Am nächsten Tag legte sich der Wind, und Kehaar machte ein paar kurze Flüge. Aber erst drei Tage später fühlte er sich imstande, zum Rundflug aufzubrechen. Es war ein vollkommener Junimorgen. Kehaar schnappte zahllose kleine weißschalige Unterlandschnecken aus dem nassen Gras auf und knackte sie in seinem großen Schnabel, als er sich plötzlich zu Bigwig umwandte und sagte:
    »Jetzt fliegen ich für euch.«
    Er öffnete die Flügel. Die 60-Zentimeter-Spannweite wölbte sich über Bigwig, der ganz still dasaß, während die weißen Federn die Luft um seinen Kopf in einer Art feierlichen Abschiedsgruß bewegten. Er legte seine Ohren flach in die fächelnde Zugluft und starrte zu Kehaar empor, als die Möwe sich ziemlich schwerfällig in die Luft erhob. Als sie flog, nahm ihr Körper, der am Boden so lang und graziös wirkte, das Aussehen eines dicken, gedrungenen Zylinders an, an dessen Vorderseite ihr roter Schnabel zwischen ihren runden schwarzen Augen vorsprang. Einige Augenblicke schwebte sie, ihr Körper hob und senkte sich zwischen den Flügeln. Dann begann sie zu steigen, segelte seitwärts über das Gras und verschwand nordwärts unter dem Rand der Böschung. Bigwig kehrte mit der Nachricht zurück, daß Kehaar aufgebrochen sei.
    Die Möwe war mehrere Tage fort - länger, als die Kaninchen erwartet hatten. Hazel fragte sich, ob sie wirklich zurückkommen würde; denn er wußte, daß Kehaar ebenso wie sie den Paarungsdrang spürte, und er hielt es für sehr wahrscheinlich, daß er sich schließlich zu dem Großen Wasser und den heiseren, wimmelnden Möwenkolonien davongemacht hatte, von denen er so gefühlvoll zu Bigwig gesprochen hatte. Soweit es ihm möglich war, behielt er seine Besorgnis für sich, aber eines Tages, als sie allein waren, fragte er Fiver, ob er glaube, daß Kehaar zurückkehren werde.
    »Er wird zurückkehren«, sagte Fiver ohne Zögern.
    »Und was wird er mitbringen?«
    »Wie soll ich das wissen?« erwiderte Fiver. Aber später, als sie unten waren, still und schlaftrunken, sagte er plötzlich: »Die Geschenke von El-ahrairah: Gaunerei, große Gefahr und Segen für das Gehege.« Als Hazel nachfragte, schien er sich nicht bewußt zu sein, gesprochen zu haben, und konnte nichts mehr hinzufügen.
    Bigwig verbrachte die meisten Stunden des Tages damit, auf Kehaars Rückkehr zu lauern. Er neigte dazu, bestimmt und kurz angebunden zu sein, und einmal, als Bluebell bemerkte, er glaube, Muster Pigvigs Pelzkappe mausere sich aus Sympathie für abwesende Freunde, zeigte er ein Aufblitzen seines alten Feldwebelgeistes, beschimpfte und knuffte ihn zweimal in der Honigwabe herum, bis Holly dazwischentrat, um seinen treuen Possenreißer vor weiteren Unannehmlichkeiten zu bewahren.
    Eines Spätnachmittags, ein leichter Nordwind wehte, und der Geruch nach Heu trieb von den Wiesen von Sydmonton herauf, kam Bigwig in die Honigwabe heruntergestürzt und verkündete, daß Kehaar zurück sei. Hazel unterdrückte seine Erregung und befahl den anderen, sich fernzuhalten, während er allein mit ihm spräche. Nach nochmaliger Überlegung nahm er jedoch Fiver und Bigwig mit.
    Die drei fanden Kehaar wieder in seinem Wandelgang. Er war voll Mist, schmutzig und übelriechend. Kaninchen entleeren sich nicht unter der Erde, und Kehaars Gewohnheit, sein Nest zu beschmutzen, hatte Hazel schon immer mit Widerwillen erfüllt. Jetzt, in seiner Begierde, die Nachrichten zu hören, schien ihm der Guano-Geruch jedoch beinahe willkommen.
    »Ich freue mich, daß du zurück bist, Kehaar«, sagte er. »Bist du müde?«
    »Flügel, er noch müde. Fliegen ein bißchen, stoppen ein bißchen, alles gehen fein.«
    »Hast du Hunger? Sollen wir Insekten holen?«
    »Fein. Fein. Gute Kerls. Viele Käfer.« (Alle Insekten waren bei Kehaar »Käfer«.)
    Offenbar hatte er ihre Bedienung vermißt und war bereit, seine Rückkehr zu genießen. Obgleich es nicht mehr unbedingt nötig war, daß man ihm Futter in den Wandelgang brachte, war er offensichtlich der Meinung, daß er es verdiente. Bigwig ging, um die Futterholer zu mobilisieren, und Kehaar beschäftigte sie bis zum Sonnenuntergang. Schließlich sah er Fiver schlau an und sagte:
    »He, Miiister Kleiner, weißt du, was ich bringen, ya?«
    »Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Fiver ziemlich kurz angebunden.
    »Dann ich sagen. All dies große Hügel, ich fliegen entlang ihn, hierhin und dorthin, wo Sonne aufgeht und Sonne untergeht. Iiiis' keine Kaninchen. Iiiis' nix, nix.«
    Er hielt inne. Hazel sah Fiver besorgt an.
    »Dann ich hinuntergehen, hinunter auf Boden. Is' Farm mit großen Bäumen all herum, auf kleinem Hügel. Ihr kennen?«
    »Nein, wir kennen sie nicht. Weiter.«
    »Ich euch zeigen. Sie nicht weit. Ihr sie sehen. Und hier is' Kaninchen. Is' Kaninchen leben in Kiste; leben bei Menschen. Ihr kennen?«
    »Leben bei Menschen? Sagtest du: >leben bei Menschen<?«
    »Ya, ya, leben bei Menschen. In Schuppen; Kaninchen leben in Kiste in Schuppen. Menschen bringen Futter. Ihr kennen?«
    »Ich weiß, daß so was vorkommt«, sagte Hazel. »Ich habe davon gehört. Das ist fein, Kehaar. Du bist sehr gründlich gewesen. Aber es nützt uns nichts, nicht wahr?«
    »Ich glaube, es sein Mütter. In große Kiste. Aber sonst is' keine Kaninchen; nicht in Felder, nicht in Wälder. Keine Kaninchen, ich sehen nirgends.«
    »Das hört sich schlimm an.«
    »Warte, ich sagen mehr. Jetzt ihr hören. Ich fliegen den anderen Weg, wo Sonne am Mittag gehen. Du weißt, dieser Weg is' Großes Wasser.«
    »Bist du zum Großen Wasser geflogen?« fragte Bigwig.
    »Ne, ne, nicht so weit. Aber draußen diesen Weg is' Fluß, kennt ihr?«
    »Nein, wir sind nicht so weit gekommen.«
    »Is' Fluß«, wiederholte Kehaar. »Und hier is' Stadt von Kaninchen.«
    »Auf der anderen Seite des Flusses?«
    »Ne, ne. Du gehen diesen Weg, is' großes Feld überall. Dann nach langem Weg zu Stadt von Kaninchen kommen, sehr groß. Und nach dem is' Eisenweg und dann Fluß.«
    »Eisenweg?« fragte Fiver.
    »Ya, ya, Eisenweg. Ihr ihn nicht gesehen - Eisenweg? Menschen machen ihn.«
    Kehaars Sprache war so fremdländisch und bestenfalls entstellt, daß sich die Kaninchen häufig nicht sicher waren, was er meinte. Die mundartlichen Worte für »Eisen« und »Weg«, die er jetzt gebrauchte und die den Seemöwen durchaus vertraut waren, hatten seine Zuhörer kaum je gehört. Kehaar wurde schnell ungeduldig und jetzt, wie so oft, fühlten sie sich im Nachteil angesichts seiner Vertrautheit mit einer weiterreichenden Welt als der ihren. Hazel überlegte schnell. Zwei Dinge waren klar: Kehaar hatte offenbar ein großes Gehege irgendwo in Richtung Süden gefunden; und was immer der Eisenweg sein mochte, das Gehege lag diesseits von ihm und einem Fluß. Wenn er richtig verstanden hatte, schien man daraus schließen zu können, daß der Eisenweg und der Fluß für ihre Zwecke nicht berücksichtigt zu werden brauchten.
    »Kehaar«, sagte er. »Ich möchte sichergehen. Können wir zur Stadt der Kaninchen gelangen, ohne uns um den Eisenweg und den Fluß zu kümmern?«
    »Ya, ya. Nicht gehen zu Eisenweg. Kaninchen-Stadt in Büschen von großen einsamen Feldern. Viel Mütter.«
    »Wie lange würde es dauern, von hier zu - zu der Stadt zu gelangen?«
    »Ich glaube, zwei Tage. Is' langer Weg.«
    »Gut, Kehaar. Du hast alles getan, was wir uns erhofft haben. Ruh dich jetzt aus. Wir werden dich füttern, solange du willst.«
    »Jetzt schlafen. Morgen viele Käfer, ya, ya.«
    Die Kaninchen gingen in die Honigwabe zurück. Hazel wiederholte Kehaars Nachrichten, und eine lange, ungeregelte, zeitweilig unterbrochene Diskussion begann. Dies war ihre Art, zu einem Beschluß zu kommen. Die Tatsache, daß sich zwei oder drei Tagereisen gen Süden ein Gehege befand, flackerte und schwang zwischen ihnen, wie ein Penny durch tiefes Wasser hinuntertrudelt, dahin und dorthin sich bewegend, sich verlagernd, verschwindend, wiederauftauchend, aber immer dem festen Boden entgegensinkend. Hazel ließ dem Gerede freien Lauf, bis sie sich schließlich zerstreuten und einschliefen.
    Am nächsten Morgen gingen sie ihren Beschäftigungen nach wie gewöhnlich, fütterten Kehaar und fraßen selbst, spielten und gruben. Aber währenddessen, wie ein Wassertropfen schwillt, bis er so schwer ist, daß er vom Zweig herunterfällt, wurde der Plan, was zu tun sei, einmütig und klar. Am folgenden Tag sah Hazel es deutlich. Und als er bei Sonnenaufgang mit Fiver und drei oder vier anderen auf der Böschung saß, schien die Zeit gekommen, zu sprechen. Es war nicht nötig, eine allgemeine Versammlung einzuberufen. Die Sache war entschieden. Wenn es ihnen zu Ohren kam, wurden diejenigen, die nicht dabei waren, akzeptieren, was er gesagt hatte, ohne ihn überhaupt gehört zu haben.
    »Dieses Gehege, das Kehaar gefunden hat«, sagte Hazel, »er sagte, es sei groß.«
    »Also können wir es nicht mit Gewalt nehmen«, meinte Bigwig.
    »Ich glaube nicht, daß ich hingehen und mich ihm anschließen möchte«, sagte Hazel. »Du vielleicht?«
    »Und von hier fortgehen?« erwiderte Dandelion. »Nach all unserer Arbeit? Außerdem schätze ich, daß es uns dreckig ergehen würde. Nein, ich bin sicher, daß keiner von uns das will.«
    »Wir wollen ein paar Weibchen haben und sie hierherbringen«, sagte Hazel. »Wird das schwer sein, was meint ihr?«
    »Ich glaube nicht«, sagte Holly. »Große Gehege sind oft überfüllt, und einige der Kaninchen können nicht genug zu fressen bekommen. Die jungen Weibchen werden gereizt und nervös, und manche haben aus diesem Grund keine Jungen. Die Jungen beginnen in ihrem Innern zu wachsen und lösen sich dann wieder in ihrem Körper auf. Ihr wißt das?«
    »Ich habe es nicht gewußt«, sagte Strawberry.
    »Weil es bei euch nie überfüllt war. Aber unser Gehege -das Gehege des Threarah - war vor einem oder zwei Jahren überfüllt, und eine Menge der jüngeren Weibchen resorbierten ihren Wurf, ehe er geboren wurde. Der Threarah erzählte mir, daß El-ahrairah vor langer Zeit ein Abkommen mit Frith traf. Frith versprach ihm, daß Kaninchen weder tot noch unerwünscht geboren werden sollten. Wenn wenig Aussicht auf ein anständiges Leben für sie besteht, ist es das Vorrecht eines Weibchens, sie in ihren Körper ungeboren zurückzunehmen.«
    »Ja, ich erinnere mich an die Geschichte von dem Abkommen«, sagte Hazel. »Du glaubst demnach, daß es unzufriedene Weibchen gibt? Das klingt hoffnungsvoll. Wir sind uns also einig, daß wir eine Expedition zu diesem Gehege schicken sollten und daß wir eine gute Erfolgschance haben, ohne kämpfen zu müssen. Sollen alle mitkommen?«
    »Ich würde sagen, nein«, entgegnete Blackberry. »Eine Zwei- oder Dreitagereise - und wir sind alle in Gefahr, auf dem Hin- wie auf dem Rückweg. Für drei oder vier Kaninchen wäre es weniger gefährlich als für hrair. Drei oder vier können sich schnell bewegen und fallen nicht auf. Und das Oberkaninchen dieses Geheges würde wahrscheinlich gegen ein paar Fremde, die eine höfliche Bitte vorbringen, weniger einzuwenden haben.«
    »Das ist sicher richtig«, sagte Hazel. »Wir werden vier Kaninchen schicken, und die können erklären, wie wir in diese Verlegenheit kamen, und um die Erlaubnis bitten, einige Weibchen zu überreden, mit ihnen zu kommen. Ich sehe nicht, was ein Oberkaninchen dagegen einzuwenden haben könnte. Ich frage mich nur, wer von uns am besten geschickt werden soll.«
    »Hazel-rah, du darfst nicht gehen«, sagte Dandelion. »Du wirst hier gebraucht, und wir wollen nicht riskieren, dich eventuell zu verlieren. Darüber sind wir uns alle einig.«
    Hazel hatte schon geahnt, daß sie ihm die diplomatische Mission nicht übertragen würden. Es war zwar eine Enttäuschung für ihn, aber nichtsdestoweniger fühlte er, daß sie recht hatten. Das andere Gehege würde wenig von einem Oberkaninchen halten, das seine eigenen Botengänge machte. Außerdem war er weder äußerlich noch als Sprecher sonderlich beeindruckend. Dies war eine Aufgabe für jemand anderen.
    »Na gut«, sagte er. »Ich wußte, daß ihr mich nicht gehen lassen würdet. Ich bin sowieso nicht der Richtige dafür -Holly wäre es. Er weiß genau, wie man sich im Freien bewegt, und er wird ein guter Sprecher sein, wenn er hinkommt.«
    Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden. Hollys Wahl war naheliegend, doch die Auswahl seiner Begleiter war weniger leicht. Alle waren bereit zu gehen, aber die Angelegenheit war so wichtig, daß sie zuletzt der Reihe nach jedes Kaninchen einzeln in Betracht zogen und darüber diskutierten, wer die lange Reise höchstwahrscheinlich überleben, in guter Verfassung ankommen und Anklang in einem fremden Gehege finden würde. Bigwig, der mit der Begründung abgelehnt wurde, daß er sich in fremder Gesellschaft streiten könnte, war zuerst geneigt zu schmollen, lenkte jedoch ein, als er sich vergegenwärtigte, daß er sich weiter um Kehaar kümmern konnte. Holly hätte gern Bluebell mitgenommen, aber Blackberry wandte ein, daß ein komischer Witz auf Kosten des Oberkaninchens alles verderben konnte. Schließlich wählten sie Silver, Buckthorn und Strawberry. Strawberry schien sichtlich erfreut. Er hatte viel erduldet, um zu zeigen, daß er kein Feigling war, und jetzt hatte er die Genugtuung, zu erfahren, daß er seinen Freunden etwas bedeutete.
    Sie brachen frühmorgens im grauen Dämmerlicht auf. Kehaar hatte sich verpflichtet, im Laufe des Tages hinauszufliegen, um nachzuprüfen, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hätten, und Nachrichten von ihrem Vorankommen zu bringen. Hazel und Bigwig gingen zum südlichen Ende des Abhanges mit und beobachteten, wie sie davonhoppelten und die Richtung nach Westen zur fernen Farm einschlugen. Holly schien zuversichtlich, und die anderen drei waren in gehobener Stimmung. Bald waren sie im Gras nicht mehr zu sehen, und Hazel und Bigwig kehrten in das Gehölz zurück.
    »Nun, wir haben unser Bestes getan«, sagte Hazel. »Der Rest hängt jetzt von ihnen und El-ahrairah ab. Aber es ist sicherlich richtig so.«
    »Daran gibt es keinen Zweifel«, sagte Bigwig. »Hoffen wir nur, daß sie bald zurück sein werden. Ich freue mich schon auf ein hübsches Weibchen und einen Wurf Junge in meinem Bau. Eine Menge kleiner Bigwigs, Hazel! Bei dem Gedanken wirst du erzittern!«

24. Nuthanger Farm

    Als Robin kam nach Nottingham,
    Bestimmt ohne Hinterhalt,
    betete er zu Gott und der milden
    Maria, ihn sicher wieder herauszubringen.
    Stand neben ihm ein großköpfig Mönch,
    Ich bete zu Gott, wer er sei!
    Doch dann erkannt' er gut Robin,
    Sobald er ihn gesehen hat.
    Child, Nr. 119 Robin Hood and the Monk

    Hazel saß in der Hochsommernacht auf der Böschung. Es hatte nicht mehr als fünf Stunden Dunkelheit geherrscht, und das in einer blassen, zwielichtigen Art, die ihn schlaflos und ruhelos machte.
    Alles verlief nach Wunsch. Kehaar hatte am Nachmittag Holly entdeckt und seinen Kurs etwas nach Westen korrigiert. Er hatte ihn im Schutz einer dichten Hecke, seines Weges zu dem großen Gehege sicher, zurückgelassen. Es schien jetzt gewiß, daß zwei Tage für die Reise genügen würden. Kehaar hatte einen heftigen Streit mit einem Turmfalken gehabt, hatte Beleidigungen mit einer Stimme geschrien, daß es einem angst und bange werden konnte, und obgleich es unentschieden ausgegangen war, sah es so aus, als ob der Turmfalke die Nachbarschaft des Abhanges in Zukunft mit gesundem Respekt betrachten würde. Die Dinge hatten nicht besser ausgesehen, seit sie von Sandleford aufgebrochen waren.
    Hazel war in glücklicher und übermütiger Stimmung. Er fühlte sich wie an jenem Morgen, als sie den Enborne überquerten und er sich allein aufgemacht und das Bohnenfeld gefunden hatte. Er war zuversichtlich und zu einem Abenteuer aufgelegt. Aber was für eines? Eines, das erzählenswert wäre, wenn Holly und Silver zurückkehrten. Etwas, um - nun, nicht herabzusetzen, was sie vorhatten, nein, natürlich nicht, sondern um ihnen zu zeigen, daß ihr Oberkaninchen allem genauso wie sie gewachsen war. Er überlegte es sich, als er die Böschung hinunterhopste und einen Fleck mit Pimpinellen im Gras ausschnupperte. Was gäbe ihnen bloß einen kleinen, nicht unangenehmen Schock? Plötzlich dachte er: »Angenommen, ein oder zwei Weibchen wären bereits hier, wenn sie zurückkämen?« Und im selben Augenblick erinnerte er sich, was Kehaar von einer Kiste voller Kaninchen auf der Farm erzählt hatte. Was für Kaninchen konnten das sein? Kamen sie je aus der Kiste heraus? Hatten sie je ein wildes Kaninchen gesehen? Kehaar hatte gesagt, die Farm läge nicht weit vom Fuß des Hügellandes auf einem kleinen Hügel. Man konnte sie leicht am frühen Morgen erreichen, ehe ihre Bewohner auf waren. Hunde würden wahrscheinlich an der Kette liegen, aber die Katzen würden frei herumlaufen. Ein Kaninchen konnte schneller als eine Katze laufen, solange es sich im freien Gelände aufhielt und sie zuerst kommen sah. Am wichtigsten war, nicht unvermutet angepirscht zu werden. Es sollte ihm gelingen, die Hecke entlangzuschleichen, ohne elil anzuziehen, es sei denn, er hätte großes Pech.
    Aber was wollte er eigentlich tun? Warum ging er zur Farm? Hazel fraß die letzte der Pimpinellen im    Sternenlicht auf. »Ich werde mich bloß umschauen«, sagte er zu sich selbst, »und wenn ich diese Kaninchen finde, versuche ich, mit ihnen zu sprechen, nicht mehr. Ich werde kein Risiko eingehen - nun, jedenfalls kein wirkliches Risiko - nicht, bis ich sehe, daß es der Mühe wert ist.«
    Sollte er allein gehen? Es wäre sicherer und angenehmer, einen Begleiter mitnehmen; aber nicht mehr als einen. Sie dürften keine Aufmerksamkeit erregen. Wer wäre der beste? Bigwig? Dandelion? Hazel lehnte sie ab. Er brauchte jemanden, der tat, was man ihm sagte, und nicht anfing, eigene Ideen zu haben. Sofort dachte er an Pipkin. Pipkin würde ihm folgen, ohne Fragen zu stellen, und alles tun, worum er ihn bat. In diesem Augenblick schlief er wahrscheinlich in dem Bau, den er mit Bluebell und Acorn teilte.
    Hazel hatte Glück. Er fand Pipkin, bereits wach, dicht an der Mündung des Baues. Er brachte ihn hinaus, ohne die anderen beiden Kaninchen zu stören, und führte ihn durch den Lauf, der auf die Böschung hinausging. Pipkin sah sich unsicher um, verwirrt und halb eine Gefahr erwartend.
    »Ist schon gut, Hlao-roo«, sagte Hazel. »Du brauchst keine Angst zu haben. Ich möchte, daß du den Hügel mit hinunterkommst und mir hilfst, eine bestimmte Farm zu finden. Wir sehen uns nur um.«
    »In einer Farm, Hazel-rah? Wozu? Wird es nicht gefährlich sein? Katzen und Hunde und -«
    »Nein, es wird dir mit mir zusammen nichts passieren. Nur du und ich - ich will niemanden sonst mitnehmen. Ich habe einen geheimen Plan; du darfst den anderen nichts davon sagen - vorläufig wenigstens nicht. Ich möchte, daß gerade du mitkommst, kein anderer ist dafür geeignet.«
    Das hatte genau die von Hazel beabsichtigte Wirkung. Er brauchte Pipkin nicht weiter zu überreden, und sie brachen zusammen auf, über den Graspfad, den dahinterliegenden Rasen und die Böschung hinunter. Sie liefen durch den schmalen Baumgürtel und kamen in das Feld, wo Holly im Dunkeln nach Bigwig gerufen hatte. Hier blieb Hazel schnuppernd und horchend stehen. Es war die Zeit vor der Frühdämmerung, wenn die Eulen zurückkehren, gewöhnlich unterwegs jagend. Obgleich ein ausgewachsenes Kaninchen durch Eulen nicht wirklich in Gefahr ist, gibt es wenige, die kein wachsames Auge auf sie haben. Wiesel und Füchse mochten auch draußen sein, aber die Nacht war still und feucht, und Hazel, sorglos in seiner fröhlichen Zuversicht, war sicher, daß er jeden vierbeinigen Jäger entweder riechen oder hören würde.
    Wo immer die Farm auch sein mochte, sie mußte jenseits der Straße am gegenüberliegenden Rand des Feldes liegen. Hazel brach in gemächlichem Tempo auf, Pipkin dicht hinter ihm. Sie bewegten sich ruhig bald innerhalb der Hecke, bald außerhalb der Hecke, an der entlang Holly und Bluebell gekommen waren, und kamen auf ihrem Weg unter den in der Dunkelheit leise summenden Drähten vorbei. Es kostete sie nur ein paar Minuten, die Straße zu erreichen.
    Es gibt Zeiten, da man mit Sicherheit weiß, daß alles gutgehen wird. Ein Schlagmann, der gut Kricket gespielt hat, wird nachher sagen, daß er gefühlt habe, er könne den Ball nicht verfehlen, und ein Sprecher oder Schauspieler kann an seinem Glückstag spüren, wie sein Publikum ihn auf einer wunderbaren, belebenden Woge trägt. Genau dieses Gefühl hatte Hazel im Augenblick. Um ihn herum war die ruhige Sommernacht, noch von Sternen erhellt, doch bereits zur Dämmerung auf der einen Seite verblassend. Es war nichts zu befürchten, und er fühlte sich in der Lage, hintereinander durch tausend Farmhöfe zu hopsen. Als er mit Pipkin auf der Böschung oberhalb der nach Teer riechenden Straße saß, war es für ihn kein unerwarteter Glücksfall, als er eine junge Ratte von der gegenüberliegenden Hecke vorbeiflitzen und in einem Klumpen verwelkendem Jungferngras unter ihnen verschwinden sah. Er hatte gewußt, daß irgendein Wegweiser auftauchen würde. Schnell krabbelte er die Böschung hinunter und stieß auf die im Graben herumschnüffelnde Ratte.
    »Die Farm«, sagte Hazel, »wo ist die Farm - in der Nähe, auf einem kleinen Hügel?«
    Die Ratte starrte ihn mit zuckendem Barthaar an. Sie hatte keinen besonderen Grund, freundlich zu sein, aber es lag etwas in Hazels Blick, das eine höfliche Antwort verlangte.
    »Über Straße. Feldweg hinauf.«
    Der Himmel wurde jeden Augenblick lichter. Hazel überquerte die Straße, ohne auf Pipkin zu warten, der ihn unter der Hecke, diesseits des kleinen Feldweges, einholte. Von hier aus erklommen sie nach einer weiteren Horchpause den Hang, der auf die nördliche Horizontlinie zuführte.
    Nuthanger ist eine Farm wie aus einem Märchenbuch. Zwischen Ecchinswell und dem Fuß von Watership Down, ungefähr eine halbe Meile von beiden entfernt, liegt eine breite Bergkuppe, an der Nordseite steil, aber auf der südlichen - wie die Hügelkette selbst - sanft abfallend. Schmale Feldwege klettern beide Hänge hinauf und treffen sich in einem großen Ring von Ulmen, der den flachen Gipfel einfaßt. Jeder Wind - selbst der sanfteste - lockt von der Höhe der Ulmen ein brausendes Geräusch, vielblätterig und mächtig. Innerhalb dieses Ringes steht das Farmhaus mit seinen Scheunen und Nebengebäuden. Das Haus mag zweihundert Jahre alt oder älter sein, aus Ziegeln gebaut, mit einer mit Steinen verkleideten Vorderseite, die nach Süden, dem Hügelland zu liegt. Vor der Ostseite des Hauses steht eine Scheune auf Reitelsteinen frei über dem Boden, und gegenüber befindet sich der Kuhstall.
    Als Hazel und Pipkin den Gipfel des Hanges erreichten, zeigte das erste Licht deutlich den Farmhof und die Gebäude. Die überall singenden Vögel waren ihnen aus früheren Tagen bekannt. Ein Rotkehlchen auf einem niedrigen Ast zwitscherte eine Phrase und horchte auf ein anderes, das ihm hinter dem Farmhaus antwortete. Ein Buchfink sang sein kleines herausforderndes Lied, und weiter weg, hoch in einer Ulme, begann ein Weidenzeisig zu rufen. Hazel hielt an und setzte sich dann auf, um die Luft besser zu prüfen. Mächtige Gerüche nach Stroh und Kuhdung mischten sich mit denen von Ulmenblättern, Asche und Viehfutter. Schwächere Spuren kamen in seine Nase, wie die Obertöne einer Glocke in einem geübten Ohr klingen. Tabak natürlich - eine Menge Katze und viel weniger Hund und dann plötzlich und ohne Zweifel: Kaninchen. Er blickte Pipkin an und sah, daß er den Geruch ebenfalls aufgefangen hatte.
    Sie horchten auch, während die Gerüche sie erreichten, aber außer den leichten Bewegungen von Vögeln und dem ersten Summen der Fliegen in ihrer unmittelbaren Nähe konnten sie nichts als das ununterbrochene Rascheln der Bäume hören. Unter dem nördlichen steilen Abhang des Hügellandes war die Luft still gewesen, aber hier wurde die südliche Brise von den Ulmen mit ihren Myriaden kleiner flatternder Blätter verstärkt, genau wie die Wirkung von Sonnenlicht auf einen Garten durch Tau verstärkt wird. Das aus den obersten Zweigen kommende Geräusch störte Hazel, weil es auf ein ungeheures Nahen hinwies - auf ein Nahen, das nie vollendet wurde -, und er und Pipkin blieben eine Weile still, horchten gespannt auf dieses laute und doch bedeutungslose Ungestüm hoch über ihren Köpfen.
    Sie sahen keine Katze, aber neben dem Haus stand eine Hundehütte mit flachem Dach. Sie konnten gerade einen flüchtigen Blick auf den schlafenden Hund darin erhaschen -ein großer glatthaariger schwarzer Hund, den Kopf auf den Pfoten. Hazel konnte keine Kette sehen; aber dann entdeckte er nach einem Augenblick einen dünnen Strick, der aus der Hüttentür herauskam und in einer Art Öse auf dem Dach endete. Warum ein Strick? fragte er sich und dachte dann: Weil ein ruheloser Hund in der Nacht nicht damit rasseln kann.
    Die beiden Kaninchen begannen zwischen den Nebengebäuden umherzuwandern. Zuerst hielten sie sich vorsichtig in Deckung, dauernd nach Katzen Ausschau haltend. Aber sie sahen keine und wurden bald kühner, überquerten freie Stellen und hielten sogar an, um an Löwenzahn in den Flecken von Unkraut und hartem Gras zu knabbere. Von seinem Geruchssinn geführt, lief Hazel zu einem Schuppen mit niedrigem Dach. Die Tür war halb offen, und er überquerte ohne Zögern die Backsteinschwelle. Unmittelbar gegenüber der Tür, auf einem breiten hölzernen Bord - einer Art Plattform - stand eine Kiste, deren Vorderseite mit Draht versehen war. Durch die Maschen konnte er eine braune Schale, einiges grünes Gemüse und die Ohren von zwei oder drei Kaninchen sehen. Als er hinstarrte, kam eines der Kaninchen dicht an den Draht heran, blickte hinaus und sah ihn. Neben der Plattform, auf der linken Seite, lag ein umgestülpter Ballen Stroh. Hazel sprang mühelos hinauf und von da auf die dicken Bretter, die alt und glatt, staubig und mit Spreu bedeckt waren. Dann drehte er sich zu Pipkin um, der dicht an der Tür wartete.
    »Hlao-roo«, sagte er, »es gibt nur einen Weg hier hinaus. Du wirst ständig nach Katzen Ausschau halten müssen, oder wir sitzen irgendwann in der Falle. Bleib an der Tür, und wenn du draußen eine Katze siehst, sag es mir sofort.«
    »Gut, Hazel-rah«, sagte Pipkin. »Im Augenblick ist alles sicher.«
    Hazel näherte sich der Kistenseite. Die drahtbespannte Vorderseite sprang über den Rand des Bordes vor, so daß er sie weder erreichen noch hineingehen konnte, aber in einem der Bretter vor ihm    befand    sich ein Astloch, und auf der anderen Seite konnte er eine zuckende Nase sehen. »Ich bin Hazel-rah«, sagte er. »Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen. Kannst du mich verstehen?«
    Die Antwort kam in leicht fremder, aber vollkommen verständlicher Kaninchensprache.
    »Ja, wir verstehen dich. Ich heiße Boxwood. Von wo kommst du?«
    »Von den Hügeln. Meine Freunde und ich leben, wie es uns gefällt, ohne Menschen. Wir fressen das Gras, liegen in der Sonne und schlafen unter der Erde. Wie viele seid ihr?«
    »Vier. Rammler und Weibchen.«
    »Kommt ihr jemals heraus?«
    »Ja, manchmal. Ein Kind holt uns heraus und steckt uns in einen Verschlag auf dem Gras.«
    »Ich bin gekommen, euch über mein Gehege zu erzählen. Wir brauchen mehr Kaninchen. Wir wollen, daß ihr von der Farm weglauft und euch zu uns gesellt.«
    »Hinten an der Kiste ist eine Drahttür«, sagte Boxwood. »Komm da hin, dann können wir uns besser unterhalten.«
    Die Tür bestand aus einem auf einen Holzrahmen gespannten Drahtnetz, mit zwei Lederangeln an die senkrechten Pfosten genagelt, und einer Haspe und einer Krampe, die mit einem Stück Draht gesichert waren. Vier Kaninchen drängten sich gegen den Draht und drückten ihre Nasen durch die Maschen. Zwei - Laurel und Clover waren kurzhaarige schwarze Angoras. Die anderen, Boxwood und sein Weibchen, waren schwarze und weiße Himalajas.
    Hazel sprach über das Leben auf den Downs und von dem Reiz und der Freiheit, wie sie wilde Kaninchen genossen. In seiner üblichen freimütigen Art erzählte er von der mißlichen Lage seines Geheges, keine Weibchen zu haben, und daß er gekommen sei, einige zu suchen. »Aber«, sagte er, »wir wollen eure Weibchen nicht stehlen. Ihr seid alle vier, Rammler und Weibchen, willkommen, euch uns anzuschließen. Es ist genug Platz auf den Hügeln für alle.« Er sprach weiter über das abendliche Fressen bei Sonnenuntergang und am frühen Morgen in dem hohen Gras.
    Die Stallhasen schienen gleichzeitig verwirrt und fasziniert. Clover, das Angora-Weibchen - ein starkes, rühriges Kaninchen -, war von Hazels Schilderung deutlich erregt und stellte mehrere Fragen über das Gehege und die Downs. Es wurde offenkundig, daß sie ihr Leben in der Kiste für langweilig, aber sicher hielten. Sie hatten aus irgendeiner Quelle ziemlich viel über elil erfahren und schienen überzeugt, daß wenige wilde Kaninchen längere Zeit überlebten. Hazel merkte, daß sie zwar froh waren, mit ihm reden zu können, und seinen Besuch begrüßten, weil er ein bißchen Anregung und Abwechslung in ihr monotones Leben brachte, daß sie aber nicht die geistige Fähigkeit hatten, eine Entscheidung zu treffen und danach zu handeln. Sie wußten nicht, wie man sich entschließt. Für ihn und seine Gefährten waren Fühlen und Handeln zur zweiten Natur geworden, aber diese Kaninchen hatten nie handeln müssen, um ihr Leben zu retten oder sich selbst Futter zu suchen. Wenn er ihresgleichen zum Hügelland bringen wollte, mußten sie angetrieben werden. Er saß eine Weile ruhig da und naschte von der auf die Bretter außerhalb der Kiste verschütteten Kleie. Dann sagte er:
    »Ich muß jetzt wieder zurück zu meinen Freunden auf den Hügeln, aber wir werden wiederkommen, eines Nachts, und dann, glaubt mir, werden wir eure Kiste so leicht öffnen wie der Farmer, und dann wird jeder von euch, der möchte, mit uns kommen können.«
    Boxwood wollte gerade etwas erwidern, als sich Pipkin plötzlich von unten vernehmen ließ. »Hazel, da ist eine Katze im Hof!«
    »Wir haben keine Angst vor Katzen«, sagte Hazel zu Boxwood, »solange wir im Freien sind.« Gemächlich, scheinbar ohne Eile sprang er über den Strohballen auf den Boden zurück und zur Tür hinüber. Pipkin schaute durch die Angel. Er fürchtete sich offenbar.
    »Ich glaube, sie hat uns gerochen, Hazel«, sagte er. »Ich fürchte, sie weiß, wo wir sind.«
    »Dann bleib nicht da hocken«, sagte Hazel. »Folge mir dicht auf den Fersen und renne, wenn ich renne.« Ohne zu zögern und erst noch durch den Türspalt hinauszugucken, ging er um die halboffene Tür herum und blieb auf der Schwelle stehen.
    Die Katze, eine gescheckte mit weißer Brust und weißen Pfoten, strich am anderen Ende des kleinen Hofes langsam und vorsichtig an einem Holzhaufen vorbei. Als Hazel in der Tür erschien, sah sie ihn sofort und blieb stocksteif, mit starren Augen und zuckendem Schwanz stehen. Hazel hopste langsam über die Schwelle und verhielt wieder. Schon fiel das Sonnenlicht schräg über den Hof, und in der Stille summten die Fliegen um ein Häufchen Dung einige Meter entfernt. Der Geruch von Stroh, Staub und Weißdorn lag in der Luft.
    »Du siehst hungrig aus«, sagte Hazel zu der Katze. »Die Ratten werden wohl zu schlau, nehm' ich an.«
    Die Katze erwiderte nichts. Hazel saß blinzelnd in der Sonne. Die Katze preßte sich beinahe flach an den Boden, den Kopf zwischen ihren Vorderpfoten verschiebend. Dicht hinter ihm zappelte Pipkin nervös herum, und Hazel, die Katze immer im Auge behaltend, konnte fühlen, daß er zitterte.
    »Hab keine Angst, Hlao-roo«, flüsterte er. »Ich krieg' dich schon fort, aber du mußt warten, bis sie herankommt. Halte dich still.«
    Die Katze begann, mit dem Schwanz um sich zu schlagen. Ihr Hinterteil hob sich und wippte in steigender Erregung von einer Seite zur anderen.
    »Kannst du laufen?« fragte Hazel. »Ich glaube nicht, du glotzäugiger Hintertür-Untertassen-Kratzer -«
    Die Katze stürzte über den Hof, und die beiden Kaninchen flohen mit kräftigen Stößen ihrer Hinterläufe. Die Katze kam sehr schnell heran, und obgleich beide bereit gewesen waren, augenblicklich loszurennen, gelangten sie gerade noch rechtzeitig aus dem Hof. Sie rasten an der langen Scheune entlang und hörten den Neufundländer vor Aufregung bellen, als er bis zur vollen Länge seines Stricks lief. Eine Männerstimme rief ihn an. Aus der Deckung der Hecke neben dem Feldweg drehten sie sich um und blickten zurück. Die Katze war plötzlich stehengeblieben und leckte sich eine Pfote, Gleichgültigkeit vortäuschend.
    »Sie lieben es nicht, dumm auszusehen«, sagte Hazel. »Die wird uns keinen Kummer mehr machen. Wenn sie nicht derart auf uns losgestürmt wäre, hätte sie uns viel weiter verfolgen können und wahrscheinlich noch eine andere Katze herbeigerufen. Und irgendwie kannst du nicht losstürzen, wenn die's nicht zuerst tun. Es war gut, daß du sie kommen sahst, Hlao-roo.«
    »Ich bin froh, daß ich dir helfen konnte, Hazel. Aber was hatten wir eigentlich vor, und warum sprachst du mit den Kaninchen in der Kiste?«
    »Ich werde dir alles später erzählen. Gehen wir jetzt zum Futtern auf die Wiese; dann können wir so langsam, wie du willst, nach Hause gehen.«

25. Der Überfall


    Er willigte ein, sonst wäre er kein König... Es war niemandes Sache, zu ihm zu sagen: »Es ist Zeit, das Angebot zu machen.«
    Mary Renault The King Must Die

    Es ergab sich, daß Hazel und Pipkin nicht vor dem Abend zur Honigwabe zurückkehrten. Sie fraßen noch auf der Wiese, als es zu regnen begann und ein kalter Wind einsetzte, und sie suchten zuerst Schutz in dem nahe gelegenen Graben und dann - da der Graben an einem Hang lag und sich in ihm etwa zehn Minuten später eine ziemliche Flut von Regenwasser ansammelte - zwischen einigen Schuppen auf halbem Weg den Feldweg hinunter. Sie gruben sich in einen dicken Strohhaufen und horchten einige Zeit auf Ratten. Aber alles war ruhig, und sie wurden schläfrig und nickten ein, während es sich draußen für den Morgen einregnete. Als sie aufwachten, war es Spätnachmittag, und es nieselte immer noch. Es schien Hazel, daß sie keine sonderliche Eile hätten. Das Vorwärtskommen würde in der Nässe beschwerlich sein, und außerdem konnte kein Kaninchen, das etwas auf sich hält, gehen, ohne sich mit Futter um die Schuppen herum zu versorgen. Ein Haufen Mangold und Rüben beschäftigte sie eine Weile, und sie machten sich erst auf den Weg, als das Licht zu schwinden begann. Sie ließen sich Zeit und erreichten den Abhang kurz vor Eintritt der Dunkelheit, von nichts Schlimmerem geplagt als dem Unbehagen eines durch und durch nassen Fells. Nur zwei oder drei Kaninchen waren zu einem ziemlich gedämpften silflay in der Nässe draußen.
    Niemand verlor ein Wort über ihre Abwesenheit, und Hazel ging sofort hinunter und bat Pipkin, vorläufig nichts von ihrem Abenteuer zu erzählen. Er fand seinen Bau leer, legte sich hin und schlief ein.
    Als er aufwachte, fand er Fiver neben sich wie gewöhnlich. Es war kurz vor der Morgendämmerung. Der Erdboden fühlte sich angenehm trocken und gemütlich an, und er wollte schon wieder einschlafen, als Fiver sprach.
    »Du warst ganz durchnäßt, Hazel.«
    »Na und? Das Gras ist doch naß.«
    »Du kannst nicht so naß bei silflay geworden sein. Du warst tropfnaß. Du warst gestern gar nicht hier, nicht wahr?«
    »Oh, ich ging den Hügel hinunter Futter suchen.«
    »Rüben gefressen - und deine Pfoten riechen nach Farmhof, Hühnermist und Kleie. Aber da ist noch etwas anderes Komisches - etwas, das ich nicht riechen kann. Was ist passiert?«
    »Na ja, ich hatte ein kleines Scharmützel mit einer Katze, aber wozu die Aufregung?«
    »Weil du etwas verbirgst, Hazel. Etwas Gefährliches.«
    »Holly ist in Gefahr, nicht ich. Warum machst du dir über mich Sorgen?«
    »Holly?« erwiderte Fiver überrascht. »Aber Holly und die anderen haben das große Gehege gestern am frühen Abend erreicht. Kehaar berichtete es uns. Willst du etwa sagen, du wußtest es nicht?«
    Hazel fühlte sich ertappt. »Nun, dann weiß ich es jetzt«, erwiderte er. »Es freut mich, das zu hören.«
    »So ist das also«, sagte Fiver. »Du bist gestern zu einer Farm gegangen und vor einer Katze geflohen. Und was immer du im Schilde geführt hast, du warst in Gedanken so sehr damit beschäftigt, daß du vergessen hast, gestern Abend nach Holly zu fragen.«
    »Na schön, Fiver - ich sage dir alles. Ich nahm Pipkin mit und ging zu dieser Farm, von der Kehaar uns erzählt hat, wo Kaninchen in einem Stall sind. Ich fand die Kaninchen und redete mit ihnen, und ich habe größte Lust, eines Nachts zurückzugehen und sie herauszuholen, damit sie hierherkommen und sich uns anschließen.«
    »Nun, zwei von ihnen sind Weibchen, dazu.«
    »Aber wenn Holly Erfolg hat, werden wir bald reichlich Weibchen haben; und nach allem, was ich von Stallhasen gehört habe, gewöhnen die sich nicht leicht an das wilde Leben. Die Wahrheit ist, du versuchst nur, besonders schlau zu sein.«
    »Besonders schlau zu sein?« sagte Hazel. »Nun, wir werden sehen, ob Bigwig und Blackberry auch so denken.«
    »Du riskierst dein Leben und das anderer Kaninchen für etwas, das von geringem oder gar keinem Wert für uns ist«, sagte Fiver. »O ja, natürlich werden die anderen mitgehen. Du bist das Oberkaninchen. Du sollst entscheiden, was vernünftig ist, und sie vertrauen dir. Sie zu überreden wird nichts beweisen, aber drei oder vier tote Kaninchen werden beweisen, daß du ein Narr bist - wenn es zu spät ist.«
    »Ach, sei still«, antwortete Hazel. »Ich will jetzt schlafen.«
    Während silflay am anderen Morgen erzählte er, mit Pipkin als respektvollem Chor, den anderen von seinem Besuch auf der Farm. Wie er erwartet hatte, stürzte sich Bigwig förmlich auf die Idee eines Überfalles zur Befreiung der Stallhasen.
    »Es kann nicht schiefgehen«, sagte er. »Es ist eine großartige Idee, Hazel!    Ich weiß nicht,    wie    man    einen Verschlag öffnet, aber Blackberry wird sich darum kümmern. Was mich ärgert, ist der Gedanke, daß du    vor    einer    Katze davongelaufen bist. Ein gutes Kaninchen ist einer Katze jederzeit gewachsen. Meine Mutter griff einmal eine an, und sie gab ihr verdammt etwas zum Andenken, kann ich dir sagen, kratzte ihr Fell aus wie Weidenlaub im Herbst! Überlaß mir nur die Farmkatzen und eine oder zwei der anderen!«
    Blackberry mußte etwas mehr überzeugt werden, aber er war, wie Bigwig und Hazel selbst, im geheimen enttäuscht, nicht mit Holly auf die Expedition gegangen zu sein, und als die anderen beiden darauf hinwiesen, daß sie sich beim Öffnen des Verschlages auf ihn verließen, stimmte er zu, mitzukommen.
    »Müssen wir denn alle mitnehmen?« fragte er. »Du sagst, der Hund ist angebunden, und ich nehme an, es können nicht mehr als drei Katzen dasein. Zu viele Kaninchen werden im Dunkeln nur lästig sein; jemand wird sich verirren, und es kostet nur Zeit, ihn zu suchen.«
    »Nun, dann Speedwell, Dandelion und Hawkbit«, sagte Bigwig, »und die anderen laß da. Hast du die Absicht, noch heute nacht zu gehen, Hazel-rah?«
    »Ja, je eher, desto besser«, sagte Hazel. »Schnapp dir diese drei und sag es ihnen. Schade, daß es dunkel wird - wir hätten Kehaar mitnehmen können; er hätte seine Freude daran gehabt.«
    Aber ihre Hoffnungen für diese Nacht wurden enttäuscht, denn der Regen kehrte vor der Abenddämmerung zurück. Es regnete sich unter einem Nordwestwind ein, der den süßsauren Geruch von blühendem Liguster aus den tiefer gelegenen Hecken auf den Hügel trug. Hazel saß auf der Böschung, bis das Licht ganz verblichen war. Schließlich, als es klar war, daß der Regen über Nacht anhalten würde, ging er zu den anderen in die Honigwabe. Sie hatten Kehaar überredet, aus Wind und Wetter herunterzukommen, und auf eine von Dandelions Geschichten von El-ahrairah folgte eine ungewöhnliche Erzählung, die jeden verblüffte, aber auch faszinierte. Sie handelte von einer Zeit, als Frith auf eine Reise gehen mußte und die ganze Welt von Regen bedeckt zurückließ. Ein Mann aber baute einen großen schwimmenden Verschlag, der alle Tiere und Vögel aufnahm, bis Frith zurückkam und sie herausließ.
    »Heute nacht wird das nicht passieren, nicht wahr, Hazel-rah?« fragte Pipkin, auf den Regen in den Buchenblättern draußen horchend. »Hier gibt es keinen Verschlag.«
    »Kehaar wird dich zum Mond hinauffliegen, Hlao-roo«, sagte Bluebell, »und du kannst auf Bigwigs Kopf heruntersegeln wie ein Birkenzweig im Frost. Aber zuerst wollen wir schlafen.«
    Doch ehe Fiver einschlief, sprach er noch einmal mit Hazel über den Überfall.
    »Ich nehme an, es hat keinen Zweck, dich zu bitten, nicht zu gehen«, sagte er.
    »Hör mal zu«, antwortete Hazel, »hast du wegen der Farm eine deiner schlechten Vorahnungen? Wenn ja, warum sagst du's nicht geradeheraus? Dann wüßten wir alle, woran wir sind.«
    »Wegen der Farm habe ich kein bestimmtes Gefühl«, sagte Fiver. »Aber das bedeutet noch lange nicht, daß es in Ordnung geht. Die Gefühle kommen, wann sie wollen - sie kommen nicht immer. Nicht für den lendri, nicht für den Raben. So habe ich zum Beispiel keine Ahnung, was Holly und den anderen zustößt. Es mag gut oder schlecht sein. Aber irgend etwas versetzt mich deinetwegen in Schrecken, Hazel- du bist es, nicht einer von den anderen. Du bist ganz allein scharf und klar wie ein toter Zweig gegen den Himmel abgezeichnet.«
    »Nun, wenn du meinst, du könntest nur für mich und für keinen anderen Schwierigkeiten sehen, sag es ihnen, und ich überlasse es ihnen, zu entscheiden, ob ich mich heraushalten soll. Aber das würde mich eine Menge kosten, Fiver, weißt du? Selbst wenn dein Wort dahintersteht, muß man glauben, daß ich Angst habe.«
    »Nun, meiner Meinung nach ist es nicht das Risiko wert, Hazel. Warum wartest du nicht ab, bis Holly zurückkommt? Das ist alles, was wir tun müssen.«
    »Ich werde der Dumme sein, wenn ich auf Holly warte. Begreifst du nicht, daß es nur besonders darauf ankommt, die Weibchen hier zu haben, wenn er zurückkehrt? Aber Fiver, ich will dir was sagen. Ich traue dir in so hohem Maße, daß ich ganz besonders vorsichtig sein werde. Ich werde nicht selber in den Farmhof gehen. Ich bleibe draußen, am oberen Ende des Feldweges, und wenn das deinen Befürchtungen nicht halbwegs entgegenkommt, dann weiß ich nicht, was sonst.«
    Fiver sagte nichts mehr, und Hazel beschäftigte sich in Gedanken mit dem Überfall und den Schwierigkeiten, die er voraussah, wenn es darum ging, die Stallhasen zu überreden, die Entfernung zum Gehege zurückzulegen.
    Der nächste Tag war schön und trocken, mit einem frischen Wind, der die letzte Nässe wegtrocknete. Die Wolken rasten von Süden über den Kamm, wie damals an dem Maiabend, als Hazel zum ersten Mal auf die Hügel geklettert war. Aber jetzt waren sie höher und kleiner, bildeten schließlich einen Himmel voll Schäfchenwolken, der aussah wie ein Strand bei Ebbe. Hazel nahm Bigwig und Blackberry zum Rand der Böschung mit, von wo sie auf den kleinen Hügel von Nuthanger hinübersehen konnten. Er beschrieb den Hinweg und erklärte dann, wie man den Kaninchen-Verschlag finden konnte. Bigwig war in gehobener Stimmung. Der Wind und die Aussicht auf ein Unternehmen erregten ihn, und er verbrachte einige Zeit damit, vor Dandelion, Hawkbit und Speedwell so zu tun, als ob er eine Katze wäre, und ermutigte sie, ihn so realistisch wie möglich anzugreifen. Hazel, den die Unterhaltung mit Fiver etwas trübe gestimmt hatte, erholte sich, als er ihre Balgerei im Gras sah, und schloß sich ihnen sogar an, zuerst als Angreifer, dann als Katze, indem er genauso starrte und zitterte wie die gescheckte von Nuthanger.
    »Ich werde ganz schön enttäuscht sein, wenn wir nach alldem auf keine Katze stoßen«, sagte Dandelion, als er darauf wartete, an die Reihe zu kommen, um zu einem gefallenen Buchenast zu rennen, ihn zweimal zu kratzen und wieder fortzuspringen. »Ich komme mir wie ein wirklich gefährliches Tier vor.«
    »Du aufpassen, Miiister Dando«, sagte Kehaar, der im Gras in der Nähe auf Schneckenjagd war. »Miiister Pigwig, er macht euch denken, alles großer Spaß; macht euch tapfer. Katze, sie kein Spaß. Man sieht sie nicht, man hört sie nicht. Dann springen! Sie kommt.«
    »Aber wir gehen nicht dahin, um zu fressen, Kehaar«, sagte Bigwig. »Das ist der große Unterschied. Wir werden nicht anhalten, um die ganze Zeit nach Katzen Ausschau zu halten.«
    »Warum nicht die Katze fressen?« sagte Bluebell. »Oder eine zur Züchtung hierherbringen? Das müßte den Bestand im Gehege unglaublich verbessern.«
    Hazel und Bigwig hatten beschlossen, daß der Überfall kurz nach Einbruch der Dunkelheit, wenn es auf der Farm still wurde, ausgeführt werden sollte. Das bedeutete, daß sie die halbe Meile zu den am Rande liegenden Scheunen bei Sonnenuntergang zurücklegen konnten, statt das Durcheinander einer Nachtreise über ein Gelände, das nur Hazel kannte, zu riskieren. Sie konnten ihr Futter zwischen den Steckrüben stehlen, bis zum Dunkelwerden haltmachen und die kurze Entfernung zur Farm nach einer guten Rast zurücklegen. Dann - vorausgesetzt, sie konnten mit den Katzen fertig werden - würde genug Zeit bleiben, den Verschlag in Angriff zu nehmen; wohingegen sie, wenn sie zur Frühdämmerung ankämen, gegen die Zeit arbeiten müßten, bevor Menschen auf den Schauplatz kämen. Außerdem würden die Stallhasen erst am anderen Morgen vermißt werden.
    »Und vergiß nicht«, sagte Hazel, »diese Kaninchen werden wahrscheinlich lange für den Weg bis zu den Hügeln brauchen. Wir werden Geduld mit ihnen haben müssen. Ich würde es lieber in der Dunkelheit machen, elil hin, elil her. Wir wollen nicht im hellen Tageslicht herumbummeln.«
    »Wenn alle Stricke reißen«, sagte Bigwig, »können wir die Stallhasen zurücklassen und uns aus dem Staub machen. Elil nehmen den hintersten, nicht? Ich weiß, es klingt hart, aber wenn wir Schwierigkeiten bekommen, sollten wir unsere eigenen Kaninchen zuerst retten. Doch hoffen wir, daß das nicht passiert.«
    Als sie aufbrechen wollten, war Fiver nirgends zu sehen. Hazel war erleichtert, denn er hatte gefürchtet, daß Fiver vielleicht etwas sagen würde, das auf ihre Stimmung drückte. Aber sie sahen sich nichts Schlimmerem gegenüber als Pipkins Enttäuschung darüber, daß er zurückgelassen wurde; und die wurde zerstreut, als Hazel ihm versicherte, daß der einzige Grund dafür sei, daß er seinen Anteil schon geleistet habe. Bluebell, Acorn und Pipkin kamen mit ihnen zum Fuß des Hügels und sahen ihnen lange nach.
    Sie erreichten die Schuppen im Zwielicht nach Sonnenuntergang. Der sommerliche Einbruch der Nacht war von Eulen ungestört und so ruhig, daß sie deutlich das periodische, monotone »Tschag, tschag, tschag« einer Nachtigall in den fernen Wäldern hören konnten. Zwei Ratten zwischen den Rüben bleckten die Zähne, überlegten es sich aber und ließen sie in Frieden. Als sie gefressen hatten, ruhten sie bequem im Stroh aus, bis das Licht aus dem Westen ganz erlosch.
    Kaninchen benennen die Sterne nicht, aber trotzdem war Hazel mit dem Anblick der aufgehenden Kapella vertraut; und er beobachtete sie jetzt, bis sie golden und hell am dunklen nordöstlichen Horizont rechts von der Farm stand. Als sie einen von ihm bestimmten Punkt neben einem kahlen Ast erreicht hatte, rüttelte er die anderen auf und führte sie den Hang zu den Ulmen hinauf. Nahe dem Gipfel schlüpfte er durch die Hecke und brachte sie auf den Feldweg.
    Hazel hatte Bigwig schon von seinem Versprechen Fiver gegenüber erzählt, daß er sich nicht in Gefahr begeben werde; und Bigwig, der sich im Vergleich zu früher sehr verändert hatte, fand daran nichts auszusetzen.
    »Wenn Fiver das sagt, dann tu es lieber, Hazel!« sagte er. »Auf jeden Fall kommt es uns gelegen. Du hältst dich außerhalb der Farm an einem sicheren Ort auf, und wir bringen dir die Kaninchen heraus; und dann übernimmst du wieder die Führung und bringst uns alle weg.« Was Hazel nicht erwähnt hatte, war, daß der Gedanke, er solle auf dem Feldweg bleiben, sein eigener Vorschlag war und daß Fiver nur eingewilligt hatte, weil er ihn nicht überreden konnte, den Plan des Überfalls ganz und gar aufzugeben.
    Sich unter einen abgefallenen Zweig am Rande des Feldweges duckend, beobachtete Hazel die anderen, als sie Bigwig zum Farmhof hinunter folgten. Sie gingen langsam, nach Kaninchenart - hopp, Schritt, Pause. Die Nacht war dunkel, und sie waren bald außer Sicht, obgleich er sie hören konnte, wie sie sich an der Seite der Scheune entlangbewegten. Er ließ sich nieder und wartete.
    Bigwigs Hoffnungen auf einen Kampf wurden fast sofort erfüllt. Die Katze, auf die er stieß, als er das Ende der Scheune erreichte, war nicht Hazels gescheckte, sondern eine andere, rötlichgelb, schwarz und weiß (also ein Weibchen); eine dieser schlanken trottenden, sich schnell bewegenden, schwanzwedelnden Katzen, die im Regen auf FarmFenstersimsen sitzen oder an sonnigen Nachmittagen auf Säcken hocken und Wache halten. Sie kam flink um die Ecke der Scheune, sah die Kaninchen und blieb sofort stehen.
    Ohne einen Augenblick zu zögern, ging Bigwig direkt auf sie zu, als handelte es sich um den Buchenast auf dem Hügel. Aber noch schneller als er stürzte Dandelion vor, kratzte sie und sprang weg. Als sie sich umdrehte, warf Bigwig sein volles Gewicht von der anderen Seite auf sie. Die Katze begann ein Handgemenge mit ihm, biß und kratzte, und Bigwig rollte über den Boden. Die anderen konnten ihn wie eine Katze fluchen hören und nach einem Halt suchen sehen. Dann senkte er einen Hinterlauf in die Flanke der Katze und schlug mehrere Male schnell rückwärts aus.
    Jeder, der mit Katzen vertraut ist, weiß, daß sie auf einen entschlossenen Angreifer nicht besonders scharf sind. Ein Hund, der versucht, einer Katze gegenüber freundlich zu sein, kann sehr wohl für seine Bemühungen ein paar Kratzer abbekommen. Aber sollte derselbe Hund energisch auf sie losstürzen, so wird manch eine Katze den Angriff nicht erwidern. Die Farmkatze war durch die Schnelligkeit und die Wucht von Bigwigs Angriff verwirrt. Sie war kein Schwächling und ein guter Rattenfänger, aber sie hatte das Pech, einem entschlossenen Kämpfer gegenüberzustehen, der streitlustig war. Als sie aus Bigwigs Reichweite herauskrabbelte, knuffte Speedwell ihr ins Gesicht. Dies war der letzte Schlag; denn die verwundete Katze machte sich über den Hof davon und verschwand unter dem Zaun des Kuhstalls.
    Bigwig blutete aus drei tiefen parallellaufenden Kratzern an der Innenseite des einen Hinterlaufes. Die anderen versammelten sich um ihn und lobten ihn, aber er fiel ihnen ins Wort, sah sich in dem dunklen Hof um und versuchte, sich zu orientieren.
    »Los, los«, sagte er. »Und schnell, solange der Hund noch still ist. Der Schuppen, der Verschlag - wo geht es lang?«
    Es war Hawkbit, der den kleinen Hof fand. Hazel war besorgt gewesen, die Schuppentür könnte vielleicht geschlossen sein, aber sie stand halb offen, und die fünf schlüpften einer nach dem anderen hinein. In der trüben Düsternis konnten sie den Verschlag nicht ausmachen, doch sie konnten die Kaninchen riechen und hören.
    »Blackberry«, sagte Bigwig schnell, »du kommst mit mir und öffnest den Verschlag, ihr anderen drei paßt auf. Wenn noch eine Katze kommt, müßt ihr sie übernehmen.«
    »Fein«, sagte Dandelion, »überlaß die nur uns.«
    Bigwig und Blackberry fanden den Strohballen und kletterten auf die Bretter. Während sie das taten, sprach Boxwood sie aus dem Verschlag an.
    »Wer ist da? Hazel-rah, bist du zurückgekommen?«
    »Hazel-rah hat uns geschickt«, antwortete Blackberry. »Wir sind gekommen, dich herauszuholen. Wirst du mit uns kommen?«
    Es trat eine Pause ein, und es entstand Bewegung im Heu, dann erwiderte Clover: »Ja, laß uns heraus.«
    Blackberry schnupperte sich zur Drahttür hin und setzte sich auf, fuhr mit der Nase über den Rahmen, die Haspe und die Klampe. Er brauchte einige Zeit, bis er merkte, daß die Lederangeln weich genug waren, um durchgebissen zu werden. Dann entdeckte er jedoch, daß sie so glatt und dicht an dem Rahmen lagen, daß er sie nicht mit seinen Zähnen packen konnte. Mehrere Male versuchte er, einen Ansatz zu finden, und ließ sich schließlich verlegen auf seinem Gesäß nieder.
    »Ich glaube nicht, daß mit dieser Tür etwas anzufangen ist«, sagte er. »Ich frage mich, ob es eine andere Möglichkeit gibt.«
    In diesem Augenblick stellte Boxwood sich zufällig auf die Hinterläufe und stützte seine Vorderpfoten weiter oben gegen den Draht. Unter seinem Gewicht wurde die Tür leicht nach außen gedrückt, und die obere der beiden Lederangeln gab dort, wo der äußere Nagel sie am Verschlag hielt, geringfügig nach. Als Boxwood auf alle viere zurückfiel, sah Blackberry, daß die Angel sich verbogen hatte und aus dem Holz gehoben worden war.
    »Versuch es jetzt«, sagte er zu Bigwig.
    Bigwig setzte seine Zähne an der Angel an. Sie riß ein klein wenig ein.
    »Bei Frith, das genügt«, sagte Blackberry genau wie der Herzog von Wellington bei Salamanca. »Wir brauchen bloß Zeit, das ist alles.«
    Die Angel war gute Arbeit und gab erst nach, als sie noch ausgiebiger an ihr gezerrt und gebissen hatten. Dandelion wurde nervös und gab zweimal falschen Alarm. Bigwig, der merkte, daß die Wachtposten durch das tatenlose Aufpassen und Warten völlig zermürbt waren, tauschte mit ihnen den Platz und schickte Speedwell hinauf, um Blackberry abzulösen. Als Dandelion und Speedwell endlich den Lederstreifen vom Nagel gezogen hatten, kam Bigwig wieder zum Verschlag zurück. Aber sie schienen einem Erfolg nicht viel näher. Wann immer eines der Kaninchen drinnen aufstand und seine Vorderpfoten gegen den oberen Teil des Drahtes stützte, drehte sich die Tür leicht um die Achse der Klampe und der unteren Angel. Aber die untere Angel riß nicht. Bigwig blies vor Ungeduld durch den Backenbart und holte Blackberry von der Schwelle zurück. »Was kann man tun?« fragte er. »Wir brauchen irgendeinen Zaubertrick, wie dieses Holzstück, das du in den Fluß geschoben hast.«
    Blackberry musterte die Tür, als Boxwood von innen wieder dagegen stieß. Der senkrechte Teil des Rahmens drückte gegen den unteren Lederstreifen, aber er hielt glatt und fest, bot keinen Ansatzpunkt für die Zähne.
    »Stoßt in die andere Richtung - von vorn«, sagte er. »Du stößt, Bigwig. Sag dem Kaninchen drinnen, es soll heruntergehen.«
    Als Bigwig aufstand und den oberen Teil der Tür nach innen drückte, drehte sich der Rahmen sofort viel weiter als vorher, weil sich an der Außenseite unten keine Schwelle befand, um ihn anzuhalten. Die Lederangel drehte sich, und Bigwig verlor fast das Gleichgewicht. Wenn die Metallklampe nicht gewesen wäre, um die Drehbewegung aufzuhalten, wäre er tatsächlich in den Verschlag hineingefallen. Verblüfft sprang er knurrend zurück.
    »Nun, du sagtest, Zauber, nicht wahr?« sagte Blackberry mit Befriedigung. »Mach's noch mal.«
    Kein Lederstreifen, der von einem einzigen flachköpfigen Nagel an jedem Ende festgehalten wird, kann lange wiederholtem Drehen widerstehen. Bald war einer der beiden Nagelköpfe unter den durchgescheuerten Rändern nicht mehr zu sehen.
    »Vorsicht jetzt«, sagte Blackberry. »Wenn er plötzlich nachgibt, fliegst du hin. Zieh ihn einfach mit den Zähnen ab.«
    Zwei Minuten später hing die Tür allein an der Klampe. Clover stieß die Angelseite auf und kam heraus, hinter ihm Boxwood.
    Wenn mehrere Lebewesen - ob Menschen oder Tiere -gemeinsam an der Überwindung eines Widerstands gearbeitet haben, folgt oft eine Pause - als fänden sie es angemessen, dem Gegner, der einen so guten Kampf geliefert hat, ihre Achtung zu erweisen. Der große Baum fällt splitternd und krachend und rauscht in einem Blätterregen zum endgültigen zitternden Aufprall auf den Boden hinunter. Dann sind die Waldarbeiter still und setzen sich nicht gleich. Nach Stunden ist die tiefe Schneewehe weggeräumt, und der Lastwagen ist bereit, die Männer aus der Kälte nach Hause zu bringen. Aber sie stehen noch eine Weile auf ihre Spaten gestützt und nicken nur ernst, wenn die Autofahrer Dank winkend vorbeikommen. Aus der verflixten Verschlagtür war nichts anderes geworden als ein Stück Drahtnetz, an einem aus vier Leisten gemachten Rahmen befestigt; und die Kaninchen saßen auf den Brettern, beschnüffelten und witterten sie, ohne zu reden. Nach einer kleinen Weile kamen die anderen beiden Insassen des Verschlages, Laurel und Haystack, zögernd heraus und sahen sich um.
    »Wo ist Hazel-rah?« fragte Laurel.
    »Nicht weit«, sagte Blackberry. »Er wartet auf dem Feldweg.«
    »Was ist der Feldweg?«
    »Der Feldweg?« sagte Blackberry überrascht. »Aber bestimmt -«
    Er hielt inne, als ihm einfiel, daß diese Kaninchen weder Feldweg noch Farmhof kannten. Sie hatten nicht die geringste Vorstellung von ihrer unmittelbaren Umgebung. Er dachte darüber nach, was dies bedeuten konnte, als Bigwig sprach.
    »Wir dürfen hier nicht wartend herumstehen«, sagte er. »Folgt mir alle.«
    »Aber wohin?« fragte Boxwood.
    »Na, hinaus natürlich«, sagte Bigwig ungeduldig.
    Boxwood sah sich um. »Ich weiß nicht -«, begann er.
    »Nun, aber ich«, sagte Bigwig. »Kommt nur mit. Um alles andere braucht ihr euch nicht zu kümmern.«
    Die Stallhasen sahen sich verwirrt an. Es war offensichtlich, daß sie vor dem großen hochfahrenden Rammler mit seinem eigenartigen Fellschopf und seinem Geruch nach frischem Blut Angst hatten. Sie wußten nicht, was sie tun sollten oder was von ihnen erwartet wurde. Sie erinnerten sich an Hazel; sie waren von dem Aufbrechen der Tür erregt gewesen und neugierig, hindurchzugehen, nachdem sie einmal offen war. Sonst aber hatten sie keinen Plan und keinerlei Mittel, einen zu entwickeln. Sie hatten nicht mehr Vorstellung, was damit verknüpft war, als ein kleines Kind, das sagt, es werde die Bergsteiger den Felsen hinaufbegleiten.
    Blackberry sank das Herz. Was sollte er mit ihnen tun? Sich selbst überlassen, würden sie langsam um den Schuppen und im Hof herumhopsen, bis die Katzen sie erwischten. Aus eigenem Antrieb konnten sie ebensowenig zu den Hügeln rennen wie zum Mond fliegen. Gab es keine einfache, leicht verständliche Idee, die sie - oder wenigstens einige von ihnen - in Bewegung setzen würde? Er wandte sich an Clover.
    »Ich nehme nicht an, daß ihr jemals bei Nacht Gras gefressen habt«, sagte er. »Es schmeckt viel besser als am Tage. Gehen wir alle und fressen ein bißchen, ja?«
    »O ja«, sagte Clover, »das könnte mir gefallen. Aber wird es auch sicher sein? Wir haben alle große Angst vor den Katzen, weißt du? Sie kommen manchmal und starren uns durch den Draht an, und wir erzittern.«
    Das zeigte wenigstens den Ansatz von gesundem Kaninchenverstand, dachte Blackberry.
    »Das große Kaninchen nimmt es mit jeder Katze auf«, erwiderte er. »Er hat auf dem Weg hierher heute nacht beinahe eine umgebracht.«
    »Und er möchte mit keiner mehr kämpfen, wenn er es vermeiden kann«, sagte Bigwig schnell. »Wenn ihr also beim Mondlicht Gras fressen wollt, dann gehen wir dahin, wo Hazel auf uns wartet.«
    Als Bigwig in den Hof voranging, konnte er die Gestalt der vom Holzhaufen aus lauernden Katze ausmachen, die er geschlagen hatte. Nach Art aller Katzen war sie von den Kaninchen fasziniert und konnte sie nicht in Ruhe lassen, aber offenbar verspürte sie keine Neigung nach einem weiteren Kampf, und als sie den Hof überquerten, blieb sie, wo sie war.
    Das Tempo war erschreckend langsam. Boxwood und Rover schienen begriffen zu haben, daß eine Art Dringlichkeit bestand, und taten offenbar alles, um Schritt zu halten, aber die anderen beiden Kaninchen setzten sich, nachdem sie einmal in den Hof gehopst waren, auf und sahen sich albern und in völligem Unverständnis um. Nach reichlicher Verzögerung, während welcher die Katze vom Holzhaufen heruntersprang und sich in aller Heimlichkeit auf die Seite des Schuppens zubewegte, gelang es Blackberry, sie in den Farmhof hinauszubringen. Aber hier, wo sie sich an einem noch ungeschützten Ort befanden, ließen sie sich in einer Art Gleichgewichtsstörung nieder, wie sie manchmal unerfahrene Bergsteiger befällt, die sich einer senkrechten Wand gegenübersehen. Sie konnten sich nicht bewegen, sondern saßen blinzelnd und in die Dunkelheit starrend da, nahmen keine Notiz von Blackberrys gutem Zureden oder Bigwigs Befehlen. In diesem Augenblick kam eine zweite Katze - Hazels gescheckte - um das andere Ende des Farmhauses herum und ging auf sie zu. Als sie an der Hundehütte vorbeikam, erwachte der Neufundländer und setzte sich auf, schob Kopf und Schultern hinaus und blickte zuerst nach der einen, dann nach der anderen Seite. Er sah die Kaninchen, rannte, soweit sein Strick reichte, und begann zu bellen.
    »Kommt!« sagte Bigwig. »Wir können nicht hierbleiben. Den Feldweg hinauf, alle, und schnell!« Blackberry, Speedwell und Hawkbit rannten sofort los und nahmen Boxwood und Clover mit in die Dunkelheit unter der Scheune. Dandelion blieb neben Haystack, bat sie inständig, sich zu bewegen, und erwartete jeden Augenblick, die Katzenpfote in seinem Rücken zu fühlen. Bigwig sprang zu ihm hinüber.
    »Dandelion«, sagte er ihm ins Ohr, »verschwinde, wenn du nicht getötet werden willst!«
    »Aber die -«, begann Dandelion.
    »Tu, was ich dir sage!« befahl Bigwig. Der Lärm des Hundegebells war schrecklich, und er selbst war einer Panik nahe. Dandelion zögerte noch einen Augenblick. Dann verließ er Haystack und raste den Feldweg neben Bigwig hinauf.
    Sie fanden die anderen um Hazel versammelt unter der Böschung. Boxwood und Clover zitterten und schienen erschöpft. Hazel redete beruhigend auf sie ein, brach aber dann ab, als Bigwig aus dem Dunkel auftauchte. Der Hund hörte auf zu bellen, und es herrschte Ruhe.
    »Wir sind alle da«, sagte Bigwig. »Sollen wir gehen, Hazel?«
    »Aber es waren vier Stallhasen«, sagte Hazel. »Wo sind die anderen beiden?«
    »Im Farmhof«, sagte Blackberry. »Wir konnten nichts mit ihnen anfangen, und dann begann der Hund zu bellen.«
    »Ja, ich hörte es, sie sind also frei?«
    »Die werden bald noch viel freier sein«, sagte Bigwig zornig. »Die Katzen sind da.«
    »Warum hast du sie dann zurückgelassen?«
    »Weil sie sich nicht rühren wollten. Es war schon schlimm genug, ehe der Hund anfing.«
    »Ist der Hund angebunden?« fragte Hazel.
    »Ja, er ist angebunden. Aber erwartest du von einem Kaninchen, ein paar Meter von einem bösen Hund entfernt die Stellung zu behaupten?«
    »Nein, natürlich nicht«, erwiderte Hazel. »Du hast Wunder bewirkt, Bigwig. Sie haben mir, gerade bevor du kamst, erzählt, daß du eine der Katzen derart verhauen hast, daß sie sich nicht traute, zurückzukommen, um noch mehr Dresche zu beziehen. Jetzt hör zu, glaubst du, daß du zusammen mit Blackberry, Speedwell und Hawkbit diese beiden Kaninchen zum Gehege bringen kannst? Ich fürchte, du wirst beinahe die ganze Nacht dazu brauchen. Sie können nicht sehr schnell gehen, und du wirst Geduld mit ihnen haben müssen. Dandelion, du kommst mit mir, ja?«
    »Wohin, Hazel-rah?«
    »Die anderen beiden holen«, sagte Hazel. »Du bist der Schnellste, es wird also nicht gefährlich für dich sein, nicht wahr? Und jetzt lungere nicht herum, Bigwig, sei ein guter Junge. Auf Wiedersehen, bis morgen.«
    Ehe Bigwig etwas erwidern konnte, war Hazel unter den Ulmen verschwunden. Dandelion blieb, wo er war, sah Bigwig unsicher an.
    »Wirst du tun, was er sagt?« fragte Bigwig.
    »Und du?« erwiderte Dandelion.
    Bigwig brauchte nur einen Augenblick, um sich darüber klarzuwerden, daß ein totales Chaos ausbrechen würde, wenn er erklärte, er würde nicht tun, was Hazel sagte. Er konnte nicht alle anderen zur Farm zurückbringen, und er konnte sie nicht allein lassen. Er murmelte etwas, Hazel sei doch verdammt zu klug, schubste Hawkbit von einer Gänsedistel weg, an der er knabberte, und führte seine fünf Kaninchen über die Böschung ins Feld. Dandelion, allein gelassen, ging Hazel in den Farmhof nach.
    Als er an der Scheunenseite entlangging, konnte er Hazel im Freien nahe dem Weibchen Haystack hören. Keiner der beiden Stallhasen hatte sich von der Stelle gerührt, wo er und Bigwig sie verlassen hatten. Der Hund war in seine Hütte zurückgegangen; aber obgleich er nicht zu sehen war, spürte Dandelion, daß er wach und wachsam war. Er kam vorsichtig aus dem Schatten heraus und ging auf Hazel zu.
    »Ich habe gerade mit Haystack hier geplaudert«, sagte Hazel. »Ich habe erklärt, daß wir eine kleine Strecke zu gehen haben. Glaubst du, du könntest zu Laurel hinüberhopsen und ihn dazu bringen, sich uns anzuschließen?«
    Er sprach beinahe fröhlich und unbekümmert, aber Dandelion konnte seine aufgerissenen Augen und das leichte Zittern seiner Vorderpfoten sehen. Er selbst bemerkte jetzt etwas Sonderbares - eine Art Leuchten - in der Luft. Es schien ein merkwürdiges Vibrieren irgendwo in der Ferne zu sein. Er blickte sich nach den Katzen um und sah, wie befürchtet, daß beide ein bißchen abseits vor dem Farmhaus hockten. Ihr Zögern, näher zu kommen, konnte Bigwig zugeschrieben werden, aber sie gingen nicht weg. Dandelion blickte zu ihnen über den Hof und wurde plötzlich von Schrecken gepackt.
    »Hazel!« flüsterte er. »Die Katzen! Lieber Frith, warum funkeln ihre Augen so grün? Schau!«
    Hazel setzte sich schnell auf, und gleichzeitig sprang Dandelion entsetzt zurück, denn Hazels Augen funkelten in der Dunkelheit in einem glühenden, tiefen Rot. Im selben Augenblick wurde das brummende Vibrieren lauter und übertönte das Rauschen der nächtlichen Brise in den Ulmen. Dann saßen alle vier Kaninchen, durch das plötzliche, blendende Licht, das sich wie ein Wolkenbruch über sie ergoß, wie versteinert da. Ihr Instinkt war von diesem furchtbaren Glanz wie betäubt. Der Hund bellte und wurde wieder still. Dandelion versuchte, sich zu bewegen, konnte aber nicht. Die schreckliche Helle schien ihm ins Gehirn zu dringen.
    Der Wagen, der den Feldweg und über die Bergkuppe unter den Ulmen heraufgekommen war, fuhr noch ein paar Meter weiter und hielt.
    »Lucys Kaninchen sind raus, schau!«
    »Ah, bring sie schnellstens wieder zurück. Laß die Scheinwerfer an!«
    Das Geräusch von Männerstimmen von irgendwo hinter dem grellen Licht brachte Hazel wieder zur Besinnung. Er konnte zwar nicht sehen, aber seinem Gehör oder seiner Nase war, wie er merkte, nichts geschehen. Er schloß die Augen und wußte sofort, wo er war.
    »Dandelion! Haystack! Schließt eure Augen und lauft«, sagte er. Einen Augenblick später roch er die Flechte und die kühle Feuchtigkeit eines der Reitelsteine. Er befand sich unter der Scheune. Dandelion war neben ihm und ein bißchen weiter weg Haystack. Draußen scharrten und knirschten die Männerstiefel über die Steine.
    »So ist's recht. Geh rum und hinterher.«
    »Er wird nicht weit kommen!«
    »Fang ihn dann ein!«
    Hazel ging zu Haystack hinüber. »Ich fürchte, wir werden Laurel zurücklassen müssen«, sagte er. »Folge mir nur.«
    Sich unter dem erhöhten Boden der Scheune haltend, flitzten alle drei zu den Ulmen hinüber. Die Männerstimmen blieben zurück. Als sie ins Gras nahe dem Feldweg hinauskamen, fanden sie die Dunkelheit hinter den Scheinwerfern voll von Auspuffgasen - ein feindlicher, erstickender Geruch, der ihre Verwirrung noch vergrößerte. Haystack setzte sich wieder hin und konnte nicht bewogen werden weiterzugehen.
    »Sollten wir sie nicht hierlassen, Hazel-rah?« fragte Dandelion. »Schließlich werden ihr die Männer nichts tun -sie haben Laurel gefangen und ihn in den Verschlag zurückgebracht.«
    »Wenn es ein Rammler wäre, würde ich ja sagen«, meinte Hazel. »Aber wir brauchen dieses Weibchen. Deshalb sind wir ja hergekommen.«
    In diesem Augenblick witterten sie den Geruch von weißen Stengeln und hörten die Männer in den Farmhof zurückkehren. Man vernahm ein metallisches Geräusch, als sie im Wagen herumstöberten. Der Klang schien Haystack aufzurütteln. Sie sah sich nach Dandelion um.
    »Ich möchte nicht in den Verschlag zurück«, sagte sie.
    »Bist du sicher?« fragte Dandelion.
    »Ja. Ich gehe mit dir.«
    Dandelion drehte sich sofort zur Hecke um. Erst als er sie durchquert und den Graben dahinter erreicht hatte, merkte er, daß er sich auf der gegenüberliegenden Seite des Feldweges befand statt auf derjenigen, auf der sie sich zuerst genähert hatten. Er war in einem fremden Graben. Allerdings schien das nicht beunruhigend zu sein - der Graben führte den Hang hinunter, und das war der Heimweg. Langsam ging er ihn entlang und wartete darauf, daß Hazel sich anschlösse.
    Hazel hatte den Feldweg ein paar Augenblicke nach Dandelion und Haystack überquert. Hinter sich hörte er, daß die Männer sich von dem hrududu entfernten. Als er die Böschung oben erreichte, strich der Strahl einer Taschenlampe über den Feldweg und machte seine roten Augen und seinen weißen, in der Hecke verschwindenden Schwanz aus.
    »Da is'n wildes Kaninchen, schau!«
    »Ah! Schätze, der Rest von unsern ist nicht weit weg. Werd' mal nachsehen.«
    Im Graben überholte Hazel Haystack und Dandelion unter einem Dornengestrüpp.
    »Weiter, weiter, schnell, wenn du kannst«, sagte er zu Haystack. »Die Männer sind genau hinter uns.«
    »Wir können nicht weiter, Hazel«, sagte Dandelion, »ohne den Graben zu verlassen. Er ist blockiert.«
    Hazel schnupperte voraus. Unmittelbar hinter dem Dornengestrüpp war der Graben mit einem Haufen Erde, Unkraut und Abfällen zugeschüttet. Sie würden ins Freie müssen. Schon hatten die Männer die Böschung überquert, und die Taschenlampe flimmerte an der Hecke auf und ab und durch die Dornenbüsche über ihren Köpfen. Dann vibrierten nur ein paar Meter entfernt Schritte am Grabenrand entlang. Hazel wandte sich an Dandelion.
    »Hör zu«, sagte er, »ich renne jetzt über die Ecke des Feldes, von diesem Graben zum anderen, so daß sie mich sehen. Sie werden sicher versuchen, dieses Licht auf mich zu richten. Während sie das tun, kletterst du mit Haystack auf die Böschung, und ihr lauft über den Feldweg zu dem Steckrüben-Schuppen hinunter. Ihr könnt euch dort verstecken, und ich komme euch nach. Fertig?«
    Es war keine Zeit für eine Widerrede. Einen Augenblick später brach Hazel beinahe unter den Füßen der Männer auf und rannte über das Feld.
    »Da läuft es!«
    »Halt die Taschenlampe drauf. Hübsch ruhig!«
    Dandelion und Haystack krabbelten über die Böschung und ließen sich auf den Feldweg fallen. Hazel, den Strahl der Taschenlampe hinter sich, hatte den anderen Graben fast erreicht, als er einen harten Schlag an einem seiner Hinterläufe und einen heißen, stechenden Schmerz an der Seite fühlte. Der Knall der Patrone erklang einen Augenblick später. Als er, sich überschlagend, in einen Nesselhaufen auf dem Boden des Grabens fiel, erinnerte er sich lebhaft an den Geruch von Bohnenblüten bei Sonnenuntergang. Er hatte nicht gewußt, daß die Männer ein Gewehr hatten.
    Hazel kroch durch die Nesseln und zog sein verwundetes Bein nach. In wenigen Augenblicken würden die Männer ihre Taschenlampen auf ihn richten und ihn schnappen. Er stolperte an der Innenwand des Grabens entlang und fühlte, wie ihm das Blut über die Pfote floß. Plötzlich wurde er sich eines Luftzugs an einer Seite seiner Nase, eines Geruchs nach etwas Feuchtem, Verfaultem und eines hohlen, widerhallenden Geräusches direkt an seinem Ohr bewußt. Er befand sich neben der Mündung eines Abzugskanals, der sich in den Graben leerte - ein glatter, kalter Tunnel, schmaler als ein Kaninchenloch, aber doch weit genug. Die Ohren flach an den Kopf gedrückt und den Bauch an den nassen Boden gepreßt, kroch er hinauf, einen kleinen Haufen dünnen Schmutzes vor sich herstoßend, und lag still, als er den dumpfen Schritt sich nähernder Stiefel spürte.
    »Ich weiß nicht genau, ob du es getroffen hast oder nicht.«
    »Na, ich hab' schon eins getroffen. Dis is' Blut da unten, siehst du?«
    »Ach, dis bedeutet noch nichts. Es kann inzwischen schon weit fort sein. Schätze, du hast es verfehlt.«
    »Ich schätze, es is' in diesen Nesseln.«
    »Dann sieh nach.«
    »Nein, is' es nicht.«
    »Nun, wir könn' nicht die halbe verdammte Nacht hier rumsuchen. Mußten sie fangen, als sie aus 'm Verschlag kamen. Hättest nicht schießen sollen, John. Hast sie verschreckt, nich'? Kannst morgen noch mal suchen, ob es hier is'.«
    Schweigen trat ein, aber Hazel lag immer noch bewegungslos in der flüsternden Kälte des Tunnels. Eine kalte Mattigkeit überfiel ihn, und er versank in eine träumende, träge Betäubung voller Krämpfe und Schmerz. Nach einer Weile begann ein Blutfaden über den Rand des Abzugsrohres in den zertrampelten, verlassenen Graben zu tröpfeln.
    Bigwig, der dicht bei Blackberry im Stroh des Viehstalls hockte, sprang beim Geräusch des Schusses auf und floh zweihundert Meter den Feldweg hinauf. Er zügelte sich und wandte sich an die anderen.
    »Rennt nicht!« sagte er schnell. »Wohin wollt ihr denn rennen? Hier sind keine Löcher.«
    »Weg vom Gewehr«, erwiderte Blackberry mit aufgerissenen Augen.
    »Warte!« sagte Bigwig horchend. »Sie laufen über den Feldweg. Könnt ihr sie nicht hören?«
    »Ich kann nur zwei Kaninchen hören«, antwortete Blackberry nach einer Pause, »und eines klingt sehr erschöpft.«
    Sie sahen sich an und warteten. Dann stand Bigwig wieder auf.
    »Bleibt alle hier«, sagte er. »Ich gehe und hole sie herein.«
    Draußen am Randstreifen fand er Dandelion, der die hinkende und verausgabte Haystack antrieb.
    »Kommt schnell hier herein«, sagte Bigwig. »Um Friths willen, wo ist Hazel?«
    »Die Männer haben ihn erschossen«, antwortete Dandelion.
    Sie erreichten die anderen fünf Kaninchen im Stroh. Dandelion wartete ihre Fragen nicht ab.
    »Sie haben Hazel erschossen«, sagte er. »Sie haben diesen Laurel gefangen und in den Verschlag zurückgebracht. Dann folgten sie uns. Wir drei waren am Ende eines blockierten Grabens. Hazel ging aus eigenem Antrieb hinaus, um ihre Aufmerksamkeit abzulenken, während wir entwischten. Aber wir wußten nicht, daß sie ein Gewehr hatten.«
    »Bist du sicher, daß sie ihn getötet haben?« fragte Speedwell.
    »Ich habe nicht direkt gesehen, daß er getroffen wurde, aber sie waren ganz dicht hinter ihm.«
    »Warten wir lieber«, sagte Bigwig.
    Sie warteten lange. Schließlich liefen Dandelion und Bigwig vorsichtig den Feldweg zurück. Sie fanden den Boden des Grabens zertrampelt und voller Blutspuren und kehrten zurück, um es den anderen zu erzählen.
    Der Rückweg mit den drei hinkenden Stallhasen dauerte mehr als zwei beschwerliche Stunden. Alle waren niedergeschlagen und elend. Als sie endlich den Fuß des Hügellandes erreichten, bat Bigwig Blackberry, Speedwell und Hawkbit, sie zu verlassen und ins Gehege weiterzugehen. Sie näherten sich dem Gehölz gerade im ersten Licht, und ein Kaninchen rannte ihnen durchs nasse Gras entgegen. Es war Fiver. Blackberry blieb neben ihm stehen, während die anderen beiden schweigend weitergingen.
    »Fiver«, sagte er, »schlechte Nachrichten. Hazel -«
    »Ich weiß«, erwiderte Fiver. »Nun weiß ich es.«
    »Wieso?« fragte Blackberry überrascht.
    »Als ihr eben durch das Gras kamt«, sagte Fiver sehr leise, »war ein viertes Kaninchen hinter euch, hinkend und blutbedeckt. Ich rannte hin, um zu sehen, wer es war, und dann wart nur ihr drei nebeneinander da.«
    Er verstummte und blickte über die Hügel hinüber, als wollte er immer noch das blutende Kaninchen suchen, das im Halblicht verschwunden war. Dann, als Blackberry nichts mehr sagte, fragte er:
    »Weißt du, was passiert ist?«
    Als Blackberry seinen Bericht erstattet hatte, kehrte Fiver ins Gehege zurück und ging in seinen leeren Bau hinunter. Etwas später brachte Bigwig die Stallhasen den Hügel herauf und rief sofort alle in der Honigwabe zusammen. Fiver erschien nicht.
    Es war ein trostloses Willkommen für die Fremden. Nicht einmal Bluebell fand ein freundliches Wort. Dandelion war untröstlich, wenn er daran dachte, daß er Hazel hätte davon abhalten können, aus dem Graben auszubrechen. Das Treffen ging in ödem Schweigen und einem halbherzigen silflay zu Ende.
    Am späten Vormittag kam Holly ins Gehege gehinkt.
    Von seinen drei Begleitern war nur Silver munter und unversehrt. Buckthorn war im Gesicht verwundet, und Strawberry zitterte und war offensichtlich krank vor Erschöpfung. Sie hatten keine anderen Kaninchen bei sich.

26. Fiver


    Auf dieser furchtbaren Reise, nachdem der Shaman durch dunkle Wälder und über große Bergketten gewandert ist,... erreicht er eine Öffnung im Boden. Die schwierigste Phase des Abenteuers beginnt jetzt. Die Tiefen der Unterwelt öffnen sich vor ihm.
    Uno Harva, zitiert von Joseph Campbell in The Hero with a Thousand Faces

    Fiver hatte sich auf dem Boden des Baus ausgestreckt. Die Downs lagen immer noch in der starken, hellen Nachmittagshitze. Tau und Sommerfäden waren früh von den Gräsern getrocknet, und die Finken vom Vormittag waren in Schweigen versunken. Über der weiten Fläche des borstigen Rasens zitterte die Luft. Auf dem Fußpfad, der an dem Gehege vorbeiführte, rieselten und glitzerten helle Lichtfäden wie Wasser - eine Luftspiegelung - über sehr kurzes, sehr weiches Gras. Aus der Ferne schienen die Bäume am Rande des Buchenhanges voll großer dichter Schatten, undurchdringlich für das geblendete Auge. Das einzige Geräusch war das »Zip, zip« der Heuschrecken, der einzige Geruch der nach warmem Thymian.
    Im Bau schlief Fiver und erwachte durch die Hitze des Tages in unbehaglichem Gefühl, fuchtelte herum und kratzte sich, als die letzten Spuren von Feuchtigkeit aus der Erde über ihm austrockneten. Einmal, als pulverige Erde vorn Dach herunterrieselte, sprang er aus dem Schlaf auf und war schon in der Mündung des Laufes, ehe er zu sich kam und an seinen Platz zurückkehrte. Jedesmal, wenn er erwachte, erinnerte er sich an Hazels Fehlen und erlitt wieder die Qual der Erkenntnis, die ihn durchbohrt hatte, als das schattenhafte, hinkende Kaninchen im ersten Morgenlicht auf dem Hügelland verschwunden war. Wo war dieses Kaninchen jetzt? Wohin war es gegangen? Er begann, ihm auf den verschlungenen Pfaden seiner Gedanken über die kalte, taunasse Hügelkette und in den Frühnebel der darunterliegenden Wiesen zu folgen.
    Der Nebel wirbelte um Fiver, als er durch Disteln und Nesseln kroch. Jetzt konnte er das hinkende Kaninchen vor sich nicht mehr sehen. Er war allein und hatte Angst und nahm doch alte, vertraute Geräusche und Gerüche wahr - die des Geländes, wo er geboren war. Das dichte Unkraut des Sommers war verschwunden. Er befand sich unter den kahlen Eschenästen und dem blühenden Schlehdorn des März. Er überquerte den Bach, ging den Hang hinauf zum Feldweg, zu der Stelle, wo Hazel und er auf die Anschlagtafel gestoßen waren. Ob die Tafel noch da war? Er blickte furchtsam den Hang hinauf. Die Sicht war vom Nebel verhangen, aber als er dem Gipfel näher kam, sah er einen Mann mit einem Haufen Werkzeugen beschäftigt - einem Spaten, einem Strick und anderen, kleineren Geräten, deren Verwendungszweck er nicht kannte. Die Anschlagtafel lag auf dem Boden. Sie war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte, und an einem einfachen, langen viereckigen Pfosten befestigt, der am unteren Ende spitz zulief, um in die Erde gesteckt zu werden. Die Oberfläche der Tafel war weiß, genau, wie er es vorher gesehen hatte, und bedeckt mit scharfen schwarzen Linien wie Stöcke. Fiver kam zögernd den Hang hinauf und blieb dicht neben dem Mann stehen, der in ein tiefes, enges, zu seinen Füßen in den Boden gegrabenes Loch hinunterblickte. Der Mann drehte sich zu Fiver mit jener Liebenswürdigkeit um, die ein Ungeheuer seinem Opfer gegenüber zu zeigen pflegt, von dem beide wissen, daß er es töten und fressen wird, sobald es ihm paßt.
    »Ha? Und was tue ich hier, hm?« fragte der Mann.
    »Was tust du wirklich?« antwortete Fiver glotzend und vor Angst zuckend.
    »Ich stell' die Anschlagtafel hier auf«, sagte der Mann. »Und ich nehm' an, du willst wissen, weshalb, hä?«
    »Ja«, flüsterte Fiver.
    »Es is' für den alten Hazel«, sagte der Mann. »Nur, wie es is', müssen wir ein bißchen 'ne Mitteilung aufstellen, seinetwegen, siehste? Und was glaubst du wohl, sagt sie, hä?«
    »Ich weiß nicht«, erwiderte Fiver. »Wie - kann eine Tafel überhaupt etwas sagen?«
    »Tja, aber sie tut's, siehste?« antwortete der Mann. »Da wissen wir was, was du nicht weißt. Deshalb bringen wir euch um, wenn es uns paßt. Jetzt mußte dir diese Tafel da genau ansehn, und dann wirste wahrscheinlich mehr wissen, als was de jetzt weißt.«
    In dem fahlen, nebligen Zwielicht starrte Fiver die Tafel an. Als er hinstarrte, flimmerten die schwarzen Stöcke auf der weißen Oberfläche. Sie hoben ihre scharfen, keilförmigen kleinen Köpfe und plapperten miteinander wie ein Nest voll junger Wiesel. Der Ton, spöttisch und grausam, drang schwach an seine Ohren, wie durch Sand oder einen Sack gedämpft. »Zum Andenken an Hazel-rah! Zum Andenken an Hazel-rah! Zum Andenken an Hazel-rah! Ha ha ha ha ha!«
    »Nun, das hätten wir, siehste?« sagte der Mann. »Und ich muß ihn an dieser Tafel hier aufhängen. Das heißt, sobald ich sie richtig aufgestellt hab'. Genau wie du hängen würdest, Tölpel. Ah! Ich werd' ihn aufhängen.«
    »Nein!« rief Fiver. »Nein, das wirst du nicht!«
    »Bloß, daß ich ihn nich' hab'«, fuhr der Mann fort. »Deshalb kann ich's nicht, Ich kann ihn nich' aufhängen, weil er in das verdammte Loch hinunter is', da is' er hin. Er is' das verdammte Loch hinunter, genau als ich ihn gesehen hatt' und so was alles, und ich kann ihn nicht rauskriegen.«
    Fiver kroch bis zu den Stiefeln des Mannes hin und guckte in das Loch. Es war rund, ein Zylinder aus gebrannter Töpferware, der senkrecht im Boden verschwand. Er rief: »Hazel! Hazel!« Tief unten im Loch bewegte sich etwas, und er wollte schon wieder rufen, da bückte sich der Mann und schlug ihn zwischen die Ohren.
    Fiver zappelte in einer dichten Wolke von weicher, pudriger Erde. Jemand sagte: »Ruhig, Fiver, ruhig!« Er setzte sich auf. Erde war in seinen Augen, Ohren und Nüstern. Er konnte nicht riechen. Er schüttelte sich und sagte: »Wer ist da?«
    »Blackberry. Ich wollte sehen, wie es dir geht. Es ist alles in Ordnung; ein bißchen vom Dach ist herabgefallen, das ist alles. Es hat heute Einstürze im ganzen Gehege gegeben - es ist die Hitze. Auf jeden Fall hat es dich aus einem bösen Traum geweckt, wenn mich nicht alles trügt. Du hast um dich geschlagen und nach Hazel gerufen. Armer Fiver! Wie traurig, daß das passieren mußte! Wir müssen es, so gut wir können, tragen. Wir müssen alle eines Tages aufhören zu rennen. Man sagt, Frith kenne alle Kaninchen, jedes einzelne.«
    »Ist es Abend?« fragte Fiver.
    »Noch nicht, nein. Aber es ist gut nach ni-Frith. Holly und die anderen sind zurückgekommen. Strawberry ist sehr krank, und sie haben keine Weibchen mit - nicht eines. Alles ist so schlimm, wie es nur sein kann. Holly schläft noch - er war völlig erschöpft. Er sagte, er werde uns heute Abend berichten, was passiert ist. Als wir von dem armen Hazel erzählten, sagte er - Fiver, du hörst ja gar nicht zu. Ich nehme an, dir wäre es lieber, wenn ich still wäre.«
    »Blackberry«, sagte Fiver, »kennst du die Stelle, wo Hazel erschossen wurde?«
    »Ja, Bigwig und ich sahen uns den Graben an, ehe wir fortgingen. Aber du darfst nicht -«
    »Könntest du jetzt mit mir hingehen?«
    »Zurück? O nein. Es ist ein langer Weg, Fiver, und was würde es nützen? Das Risiko und diese furchtbare Hitze, und du würdest dich nur unglücklich machen.«
    »Hazel ist nicht tot«, sagte Fiver.
    »Doch, die Männer brachten ihn weg. Fiver, ich habe das Blut gesehen.«
    »Ja, aber du hast nicht Hazel gesehen, weil er nicht tot ist, Blackberry. Du mußt tun, worum ich dich bitte!«
    »Du verlangst zuviel.«
    »Dann werde ich allein gehen müssen. Aber was ich dich zu tun bitte, ist, mitzukommen und Hazels Leben zu retten.«
    Als Blackberry schließlich widerwillig nachgegeben hatte und sie sich den Hügel hinunter auf den Weg machten, lief Fiver fast so schnell, als renne er in Deckung. Immer wieder drängte er Blackberry, sich zu beeilen. Die Wiesen lagen leer in dem grellen Licht. Jedes Geschöpf, das größer als ein Brummer war, suchte Schutz vor der Hitze. Als sie die Außenschuppen neben dem Feldweg erreichten, erklärte Blackberry, wie er und Bigwig zurückgegangen waren, um zu suchen, aber Fiver unterbrach ihn.
    »Wir müssen den Hang hinauf, das weiß ich, aber du mußt mir den Graben zeigen.«
    Die Ulmen waren still - nicht der geringste Ton in den Blättern. Der Graben war voll von Wiesenkerbel, Schierling und langen Schweifen grünblühender Zaunrüben. Blackberry ging zu dem zertrampelten Nesselpfad voran, und Fiver saß still zwischen den Pflanzen, schnupperte und blickte sich schweigend um. Blackberry beobachtete ihn unglücklich. Ein leiser Windhauch stahl sich über die Wiesen, und eine Amsel begann von irgendwo hinter den Ulmen zu singen. Endlich bewegte sich Fiver über den Grabenboden. Die Insekten summten ihm um die Ohren, und plötzlich flog von einem vorstehenden Stein eine kleine Wolke aufgeschreckter Fliegen auf. Nein, kein Stein. Es war glatt und regelmäßig -eine kreisrunde Schnauze aus Steingut. Die braune Mündung eines Abflußrohrs, am unteren Rand durch einen dünnen, trockenen Blutfaden schwarz gefärbt: Kaninchenblut.
    »Das blutige Loch!« flüsterte Fiver. »Das blutige Loch!« Er blickte in die dunkle Öffnung. Sie war blockiert. Blockiert von einem Kaninchen. Das konnte man deutlich riechen. Ein Kaninchen, dessen schwacher Puls in dem verschlossenen Tunnel gerade noch zu hören war. »Hazel?« fragte Fiver.
    Blackberry war sofort neben ihm. »Was ist, Fiver?«
    »Hazel ist in diesem Loch«, sagte Fiver, »und er lebt.«

27. »Du kannst es dir nicht vorstellen, wenn du nicht dagewesen bist«


    My Godda bless, never I see sucha people.
    Signor Piozzi, zitiert von Cecilia Thrale

    In der Honigwabe warteten Bigwig und Holly darauf, die zweite Versammlung seit dem Verlust von Hazel zu eröffnen. Als die Luft kühler wurde, erwachten die Kaninchen und kamen, eines nach dem anderen, durch die Läufe, die von den kleineren Bauen herunterführten. Alle waren gedämpfter Stimmung und trugen Zweifel im Herzen. Wie der Schmerz einer schlimmen Wunde kommen die Folgen eines tiefen Schocks erst nach einer Weile zur Wirkung. Wenn man einem Kinde zum ersten Mal in seinem Leben sagt, daß jemand, den es gekannt hat, tot ist, wird es das zwar nicht bezweifeln, aber einfach nicht verstehen und später - oft mehr als einmal - fragen, wo die tote Person ist und wann sie zurückkommt. Als Pipkin in sich wie einen Baum die düstere Erkenntnis gepflanzt hatte, daß Hazel nie mehr wiederkehren würde, übertraf die Bestürzung seinen Schmerz, und er sah diese Bestürzung überall unter seinen Gefährten. Obwohl sie keiner Handlungskrise oder einer direkten Lebensbedrohung gegenüberstanden, waren die Kaninchen nichtsdestoweniger von der Überzeugung übermannt, daß ihr Glück sie verlassen hatte. Hazel war tot, und Hollys Expedition hatte vollkommen versagt. Was würde folgen?
    Holly, hager und mit Kletten im borstigen Fell, sprach mit den drei Stallhasen und beruhigte sie, so gut er konnte. Niemand konnte jetzt sagen, Hazel habe sein Leben in einem verwegenen Streich weggeworfen. Die beiden Weibchen waren der einzige Gewinn, der einzige Wert des Geheges. Aber sie fühlten sich offensichtlich so unbehaglich in ihrer neuen Umgebung, daß auch Holly insgeheim der Meinung war, es sei wenig von ihnen zu erhoffen. Weibchen, die verwirrt und nervös sind, neigen dazu, unfruchtbar zu sein; und wie sollten diese Weibchen sich unter fremden Bedingungen und an einem Ort zu Hause fühlen, wo jedermann in so trostlose Gedanken verloren war? Sie würden vielleicht sterben oder fortwandern. Er stürzte sich darauf, zu versichern, daß bessere Zeiten kämen, und als er das tat, war er selbst von allen am wenigsten davon überzeugt.
    Bigwig hatte Acorn geschickt, um die übrigen zu holen. Acorn kehrte zurück und sagte, Strawberry fühle sich zu schwach, und er könne weder Blackberry noch Fiver finden.
    »Nun, laß Fiver«, sagte Bigwig. »Armer Junge, er wird eine Zeitlang lieber allein sein wollen, glaube ich.«
    »Aber er ist nicht in seinem Bau«, sagte Acorn.
    »Das macht nichts«, sagte Bigwig. Aber dann kam ihm ein Gedanke: »Fiver und Blackberry? Könnten sie das Gehege verlassen haben, ohne jemandem etwas zu sagen? Wenn ja, was passiert, wenn die anderen davon erfahren?« Ob er Kehaar bitten sollte, sie zu suchen, solange es noch hell war? Aber wenn Kehaar sie fand, was dann? Sie konnten nicht gezwungen werden zurückzukehren. Oder wenn sie gezwungen würden, was hätte das für einen Sinn, wenn sie fortwollten? In diesem Augenblick begann Holly zu sprechen, und alle wurden still.
    »Wir wissen alle, daß wir in der Patsche sitzen«, sagte Holly, »und ich nehme an, daß wir uns sehr bald darüber werden unterhalten müssen, was am besten zu tun ist. Aber ich dachte, ich sollte euch zuallererst erzählen, wie es kommt, daß wir vier - Silver, Buckthorn, Strawberry und ich
    - ohne Weibchen zurückgekommen sind. Ihr braucht mich nicht daran zu erinnere, daß bei unserem Aufbruch jedermann glaubte, es würde problemlos verlaufen. Und hier sind wir nun, ein Kaninchen krank, eines verwundet - und kein Gegenwert dafür. Ihr fragt euch alle, warum.«
    »Niemand macht dir Vorwürfe, Holly«, sagte Bigwig.
    »Ich weiß nicht, ob ich schuld habe oder nicht«, erwiderte Holly. »Aber das werdet ihr mir sagen, wenn ihr die Geschichte gehört habt.
    Als wir an jenem Morgen aufbrachen, herrschte auf dem Marsch gutes Wetter für hlessil, und wir waren alle der Meinung, daß es keine Eile hätte. Es war kühl, erinnere ich mich, und es sah so aus, als ob es einige Zeit so bleiben würde, ehe der Tag wirklich hell und wolkenlos wurde. Nicht weit vom anderen Ende dieses Gehölzes entfernt liegt eine Farm, und obgleich so früh dort niemand auf den Beinen war, hatte ich keine Lust, diesen Weg zu gehen, also hielten wir uns auf höhergelegenem Gelände auf der Abendseite. Wir erwarteten alle, an den Rand des Hügellandes zu kommen, aber es gibt dort keinen steilen Rand wie im Norden. Das Hochland geht einfach immer weiter, offen, trocken und einsam. Es gibt genügend Deckung für Kaninchen - Getreide auf dem Halm, Hecken und Böschungen -, aber kein richtiges Waldland, nur große offene Wiesen leichten Bodens mit großen weißen Kieselsteinen. Ich hoffte, daß wir uns in einer Art Landschaft befinden würden, die wir kannten - Wiesen und Gehölze -, aber nein. Wie auch immer, wir fanden einen Pfad mit einer guten dichten Hecke auf der einen Seite und beschlossen, ihm zu folgen. Wir machten es uns leicht und hielten ziemlich oft an, weil ich darauf bedacht war, nicht auf elil zu stoßen. Ich glaube zwar, daß es für Wiesel und Füchse kein gutes Gelände ist, aber ich hatte keine Ahnung, was wir tun würden, wenn wir doch welche träfen.«
    »Ich bin ziemlich sicher, daß wir dicht an einem Wiesel vorbeikamen«, sagte Silver. »Ich konnte es riechen. Aber du weißt ja, wie es mit elil ist - wenn sie nicht tatsächlich jagen, nehmen sie oft keine Notiz von einem. Wir hinterließen sehr wenig Geruch und vergruben unsere hraka, als wären wir Katzen.«
    »Nun, vor ni-Frith«, fuhr Holly fort, »brachte uns der Pfad zu einem langen, lichten Gehölz, das über den Weg verlief, den wir gingen. Diese Unterland-Gehölze sind seltsam, nicht wahr? Dieses war nicht dichter als das hier über uns, aber es erstreckte sich in beiden Richtungen, soweit wir sehen konnten, in einer völlig geraden Linie. Ich mag gerade Linien nicht - die Menschen machen sie. Und tatsächlich fanden wir eine Straße neben diesem Gehölz. Es war eine sehr einsame, leere Straße, aber trotzdem. Ich wollte mich da nicht aufhalten, wir gingen also direkt durch das Gehölz hindurch und auf der anderen Seite hinaus. Kehaar erspähte uns in den Feldern dahinter und wies uns an, unsere Richtung zu ändern. Ich fragte ihn, wie wir vorwärts kämen, und er sagte, wir hätten ungefähr den halben Weg zurückgelegt; deshalb dachte ich, wir könnten ebensogut nach einem Nachtquartier suchen. Ins Freie wollte ich nicht, und schließlich machten wir Kratzer in den Boden einer kleinen Grube, die wir fanden. Dann hatten wir eine reichliche Mahlzeit und verbrachten die Nacht sehr ruhig.
    Ich glaube nicht, daß wir euch alles über unsere Reise zu erzählen brauchen. Gleich nach dem Morgenfutter kam Regen auf, und es wehte ein häßlicher, kalter Wind; wir blieben also, wo wir waren, bis nach ni-Frith. Da hellte es sich auf, und wir gingen weiter. Wegen der Nässe kamen wir nicht sehr gut vorwärts, aber ich schätzte, daß wir am frühen Abend in der Nähe des Ortes sein mußten. Ich blickte mich um, als ein Hase durchs Gras kam, und ich fragte ihn, ob er von einem großen Gehege in der Nähe wisse.
    >Efrafa?< fragte er. >Geht ihr nach Efrafa?<
    >Wenn es so heißt<, antwortete ich.
    >Kennt ihr es?<
    >Nein<, sagte ich. >Wir wollen wissen, wo es ist.<
    >Nun<, sagte er, >ich kann euch nur raten, fortzurennen, und zwar schnell.<
    Ich fragte mich gerade, was ich davon halten sollte, als plötzlich drei große Kaninchen über die Böschung kamen, genau wie ich damals in jener Nacht, als ich dich verhaften wollte, Bigwig; und eines von ihnen sagte: >Kann ich eure Kennzeichen sehen?<
    >Kennzeichen?< fragte ich. >Was für Kennzeichen? Ich verstehe nicht.<
    >Ihr seid nicht von Efrafa?<
    >Nein<, sagte ich, >wir sind auf dem Weg dahin. Wir sind Fremde.<
    >Kommt mit.< Kein: Seid ihr von weit her? oder: Seid ihr durchnäßt? oder so etwas Ähnliches.
    Dann nahmen uns diese drei Kaninchen also mit die Böschung hinunter, und so kamen wir nach Efrafa, wie sie es nennen. Und ich will versuchen, euch einiges darüber zu erzählen, damit ihr wißt, was für ein dreckiger kleiner Haufen triefnasiger Heckenkratzer wir sind.
    Efrafa ist ein großes Gehege, viel größer als das, aus dem wir kamen - ich meine das des Threarah. Und die einzige Furcht eines jeden Kaninchens dort ist, daß die Menschen sie entdecken und sie mit der weißen Blindheit infizieren. Das ganze Gehege ist so organisiert, daß seine Existenz verborgen bleibt. Die Löcher sind alle versteckt, und die Owsla hat jedes Kaninchen am Ort unter Befehl. Du kannst dein Leben nicht dein eigen nennen, und als Gegenleistung hast du Sicherheit - wenn sie sie wert ist bei einem solchen Preis.
    Außer der Owsla haben sie einen sogenannten Rat, und jedes der Ratskaninchen hat eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Eines kümmert sich ums Fressen, ein anderes ist verantwortlich für die Art, wie sie sich verstecken, ein drittes kümmert sich um die Fortpflanzung und so weiter. Was die gewöhnlichen Kaninchen anlangt, so kann sich nur eine bestimmte Anzahl zur selben Zeit über der Erde aufhalten. Jedes Kaninchen wird als Junges gekennzeichnet; sie beißen sie - tief - unter dem Kinn oder in eine Keule oder Vorderpfote! Dann sind sie für den Rest ihres Lebens durch die Narbe zu identifizieren. Du darfst oberirdisch nicht angetroffen werden, wenn es nicht die richtige Tageszeit für dein Kennzeichen ist.«
    »Wer soll einen daran hindern?« brummte Bigwig.
    »Das ist der wirklich schreckenerregende Teil. Die Owsla - du kannst es dir nicht vorstellen, wenn du nicht dagewesen bist. Der Chef ist ein Kaninchen namens Woundwort -General Woundwort nennen sie ihn. Ich erzähle dir gleich mehr von ihm. Er hat drei Hauptleute unter sich - jeder hat ein Kennzeichen zu beaufsichtigen -, und jeder Hauptmann hat seine eigenen Offiziere und Wachen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist ein Kennzeichen-Hauptmann mit seiner Truppe im Dienst. Wenn ein Mensch zufällig in die Nähe kommt, was nicht oft geschieht, geben die Posten rechtzeitig Alarm, lange ehe er so dicht herankommt, um etwas sehen zu können. Sie warnen auch vor elil. Sie hindern jeden, hraka fallen zu lassen, außer an bestimmten Stellen in den Gräben, wo sie vergraben wird. Und wenn sie ein Kaninchen oberirdisch sehen, das dort nichts zu suchen hat, fragen sie nach seinem Kennzeichen. Frith allein weiß, was passiert, wenn es sich nicht rechtfertigen kann - aber ich kann's mir ziemlich gut vorstellen. Kaninchen in Efrafa gehen oft tagelang nach oben, ohne Frith zu erblicken. Wenn sie ein Kennzeichen für Nacht-silflay haben, dann fressen sie bei Nacht, mag es naß oder schön, warm oder kalt sein. Sie sind alle gewohnt, sich in den unterirdischen Bauen zu unterhalten, zu spielen und sich zu paaren. Wenn ein Kennzeichen aus irgendeinem Grund nicht zur festgesetzten Zeit silflay gehen kann - sagen wir, ein Mensch arbeitet in der Nähe - Pech. Dann sind sie erst wieder am nächsten Tag an der Reihe.«
    »Aber sicherlich verändert sie ein solches Leben sehr stark?« fragte Dandelion.
    »In der Tat, sehr«, erwiderte Holly. »Die meisten von ihnen können nichts tun, außer was ihnen gesagt wird. Sie waren nie außerhalb von Efrafa und haben nie einen Feind gerochen. Das einzige Ziel eines jeden Kaninchens in Efrafa ist es, in die Owsla zu kommen, wegen der Sonderrechte und Vergünstigungen; und das einzige Ziel von jedem in der Owsla ist es, in den Rat zu kommen. Der Rat hat das Beste vom Besten. Aber die Owsla müssen sich sehr stark und widerstandsfähig halten. Sie tun der Reihe nach Dienst in der Weiten Patrouille. Sie gehen aufs Land hinaus - um das ganze Gehege herum - und leben mehrere Tage im Freien. Zum Teil, um soviel herauszufinden, wie sie können, zum Teil, um sie zu trainieren und sie zäh und schlau zu machen. Wenn sie hlessil finden, dann bringen sie sie nach Efrafa. Wenn sie nicht mitkommen wollen, töten sie sie. Sie halten hlessil für eine Gefahr, weil sie die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich ziehen könnten. Die Weiten Patrouillen machen Meldung bei General Woundwort, und der Rat entscheidet, was mit allem Neuen, das vielleicht gefährlich sein könnte, geschehen soll.«
    »Sie haben euch also beim Anmarsch verfehlt?« fragte Bluebell.
    »O nein! Wir erfuhren später, daß einige Zeit, nachdem wir von diesem Kaninchen, Hauptmann Campion, aufgegriffen worden waren, ein Läufer von einer Weiten Patrouille ankam, der meldete, daß sie die Fährte von drei oder vier Kaninchen, die sich von Norden Efrafa näherten, ausgemacht hätten und ob man irgendwelche Befehle hätte? Er wurde zurückgeschickt mit dem Bescheid, daß wir unter Kontrolle stünden.
    Auf jeden Fall nahm uns dieser Hauptmann Campion in ein Loch im Graben hinunter. Die Mündung des Loches bestand aus einem Stück alten Töpferrohrs, und wenn ein Mensch es herausgezogen hätte, wäre die Öffnung eingestürzt und hätte keine Spur von dem Lauf drinnen verraten. Dort übergab er uns einem anderen Hauptmann, weil er für den Rest seines Dienstes nach oben zurück mußte. Man führte uns in einen großen Bau und sagte uns, wir sollten es uns bequem machen.
    Es befanden sich noch andere Kaninchen in dem Bau, und durch Zuhören und Fragenstellen erfuhr ich das meiste von dem, was ich euch erzählt habe. Wir unterhielten uns mit einigen Weibchen, und ich schloß Freundschaft mit einem namens Hyzenthlay[10]. Ich erzählte ihr von unserem Problem hier und warum wir gekommen waren, und dann erzählte sie uns von Efrafa. Als sie geendet hatte, sagte ich: >Es hört sich entsetzlich an. Ist das immer so gewesen?< Sie sagte, nein, ihre Mutter hätte ihr erzählt, daß in früheren Jahren das Gehege woanders und viel kleiner gewesen wäre, aber als General Woundwort kam, ließ er sie nach Efrafa ziehen, und dann arbeitete er dieses ganze Verstecksystem aus und vervollkommnete es, bis alle Kaninchen in Efrafa so sicher waren wie die Sterne am Himmel.
    >Die meisten Kaninchen sterben hier an Altersschwäche, es sei denn, die Owsla beseitigt sie<, sagte sie. >Aber das Problem ist, daß es mehr Kaninchen gibt, als ein Gehege fassen kann. Jedes frische Graben, das genehmigt wird, ist unter Owsla-Überwachung durchzuführen, und sie tun es furchtbar langsam und sorgfältig. Es muß alles versteckt werden, weißt du? Wir sind überfüllt, und viele Kaninchen gehen nicht so oft nach oben, wie es nötig wäre. Und aus irgendeinem Grund gibt es nicht genug Rammler und zu viele Weibchen. Eine Menge von uns haben festgestellt, daß wir wegen der Überfüllung keinen Wurf austragen können, aber niemandem wird je die Erlaubnis erteilt zu gehen. Erst vor ein paar Tagen sind mehrere von uns Weibchen zum Rat gegangen und haben gefragt, ob wir eine Expedition bilden könnten, um woanders ein neues Gehege einzurichten. Wir sagten, wir würden weit, weit weggehen - so weit weg, wie sie wünschten. Aber sie wollten nichts davon hören - unter keinen Umständen. Die Dinge können nicht so weitergehen -das System bricht zusammen. Aber man kann nicht laut darüber reden.<
    Nun, ich dachte, das klingt hoffnungsvoll. Sicherlich werden sie nichts gegen unsere Vorschläge einzuwenden haben. Wir wollen nur ein paar Weibchen und keine Rammler mitnehmen. Sie haben mehr Weibchen, als Platz für sie vorhanden ist, und wir wollen sie weiter wegbringen, als irgend jemand je gewesen sein kann.
    Etwas später kam ein anderer Hauptmann und sagte, wir sollten zu einer Ratssitzung mitkommen.
    Der Rat trat in einem großen Bau zusammen, der lang und ziemlich eng ist - nicht so gut wie unsere Honigwabe, weil sie keine Baumwurzeln haben, um ein breites Dach zu bauen. Wir mußten draußen warten, während sie alle möglichen Dinge besprachen. Wir waren nur ein Teil der täglichen RatsRoutine: >Fremde aufgegriffen.< Mit uns wartete noch ein anderes Kaninchen, das unter besonderer Bewachung stand -Owslafa nennen sie sie: die Ratspolizei. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der sich so fürchtete - ich glaubte, es würde verrückt vor Angst. Ich fragte einen dieser Owslafa, was denn los sei, und er sagte, daß dieses Kaninchen, Blackavar, erwischt worden sei, als es versuchte, aus dem Gehege auszubrechen. Nun, sie brachten es hinein, und zuerst hörten wir, wie der arme Kerl versuchte, sich zu rechtfertigen, und dann weinte er und bat um Gnade, und als er herauskam, hatten sie ihm beide Ohren in Fetzen gerissen, schlimmer als das eine hier von mir. Wir alle beschnupperten ihn, von Grauen gepackt; aber einer der Owslafa sagte: >Ihr braucht kein solches Getue zu machen. Der hat noch Glück gehabt, daß er lebt.< Während wir noch darüber nachgrübelten, kam jemand heraus und sagte, der Rat sei bereit.
    Sobald wir drin waren, wurden wir vor diesem General Woundwort aufgestellt, und er ist wahrhaftig ein grausamer Bursche. Ich glaube, daß nicht einmal du ihm gewachsen wärest, Bigwig. Er ist beinahe so groß wie ein Hase, und in seiner bloßen Anwesenheit liegt etwas, das dich einschüchtert, als ob Blut und Kampf und Töten für ihn nur Teil seiner täglichen Arbeit wären. Ich dachte, er würde uns einige Fragen stellen, wer wir seien und was wir wünschten, aber er tat nichts dergleichen. Er sagte: >Ich werde euch die Vorschriften des Geheges und die Bedingungen erklären, unter denen ihr hier leben werdet. Ihr müßt sorgfältig zuhören, weil die Vorschriften einzuhalten sind und jede Verletzung bestraft wird.< Worauf ich sofort freiheraus sprach und sagte, daß ein Mißverständnis vorliegen müsse. Wir seien eine Gesandtschaft, sagte ich, kämen aus einem anderen Gehege und bäten Efrafa um eine Gefälligkeit und Hilfe. Und ich fuhr fort und erklärte, wir wollten nur ihre Zustimmung dafür, daß wir ein paar Weibchen überredeten, mit uns zu kommen. Als ich geendet hatte, sagte General Woundwort, das käme gar nicht in Frage - es gäbe nichts zu besprechen. Ich erwiderte, wir würden gerne ein paar Tage bei ihnen bleiben und sie zu überzeugen versuchen, sich eines anderen zu besinnen.
    >O ja<, sagte er, >ihr werdet bleiben. Aber ihr werdet keine Gelegenheit mehr haben, die Zeit des Rats in Anspruch zu nehmen - jedenfalls nicht in den nächsten paar Tagen.<
    Ich sagte, das wäre sehr hart. Unsere Bitte wäre gewiß vernünftig. Und ich war eben im Begriff, sie zu bitten, die Dinge doch von unserem Gesichtspunkt aus zu betrachten, als einer der Räte - ein sehr altes Kaninchen - sagte: >Ihr scheint zu denken, daß ihr hier seid, um mit uns zu argumentieren und zu feilschen. Aber wir sind diejenigen, die euch sagen, was ihr zu tun habt.<
    Ich sagte, sie sollten nicht vergessen, daß wir ein anderes Gehege repräsentierten, selbst wenn es kleiner wäre als das ihrige. Wir hielten uns für ihre Gäste. Und erst als ich das gesagt hatte, wurde mir mit einem schrecklichen Schock klar, daß sie uns für ihre Gefangenen hielten - oder so gut wie Gefangene, wie immer sie es nennen mochten.
    Nun, ich würde am liebsten über den Ausgang dieser Sitzung schweigen. Strawberry versuchte alles, um mir zu helfen. Er sprach sehr gut über die den Tieren angeborene Wohlanständigkeit und Kameradschaft. >Tiere verhalten sich nicht wie Menschen<, sagte er. >Wenn sie kämpfen müssen, kämpfen sie; und wenn sie töten müssen, töten sie. Aber sie setzen sich nicht hin und strengen ihren Verstand an, um Mittel und Wege zu ersinnen, anderen Geschöpfen das Leben sauer zu machen und sie zu verletzen. Sie haben Würde und Tierhaftigkeit.<
    Aber es hatte alles keinen Zweck. Schließlich schwiegen wir, und General Woundwort sagte. >Der Rat kann jetzt keine Zeit mehr für euch erü