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König der Sklaven

König der Sklaven

Аннотация

    Über das Buch
    Konsul Marius wird brutal ermordet, und Sullas fanatische Anhänger schreien nach Caesars Blut! Nur eine schnelle Flucht aus Rom kann das Leben des jungen Mannes jetzt noch retten. Doch bald schon verwandelt sich der einsame Flüchtling in einen strahlenden Triumphator: Nach beeindruckenden Siegen über die grausamen Seeräuber des Mittelmeers und den mächtigen Griechenkönig Mithridates kehrt Caesar schließlich in die Stadt zurück - an der Spitze einer ganzen Legion von kampferprobten Veteranen. Gerade noch rechtzeitig, um gegen den gefährlichsten Gegner anzutreten, der das Reich je bedrohte: Spartacus - der König der Sklaven…

    Über den Autor
    Conn Iggulden unterrichtete Englisch an der Universität von London und arbeitete sieben Jahre als Lehrer, bevor er schließlich mit dem Schreiben historischer Abenteuerromane begann. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn im englischen Hertfordshire.

    Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Emperor: Death of Kings« bei HarperCollinsPublishers, London.


    Für meinen Vater, der »Vitai Lampada« mit einem
    Leuchten in den Augen rezitiert hat.
    Und für meine Mutter, die mir gezeigt hat,
    dass Geschichte nichts anderes ist als eine Sammlung wunderbarer Geschichten mit Jahreszahlen.

1

    Auf dem Hügel über ihnen ragte die Festung von Mytilene auf. Dort, wo im Dunkeln die Wachen patrouillierten, wanderten Lichtpunkte auf den Mauern auf und ab. Das Tor aus Eisen und Eichenholz war geschlossen, und die einzige Straße, die die steilen Hänge hinaufführte, war schwer bewacht.
    Gaditicus hatte nur zwanzig Männer auf der Galeere zurückgelassen. Sobald der Rest der Zenturie an Land gegangen war, befahl er, den Corvus, die schwere Enterbrücke, einzuziehen, und die Accipiter glitt leise von der dunklen Insel weg und ein Stück weit hinaus aufs Meer. Die Ruderschläge spritzten in den ruhigen Wellen kaum auf.
    Damit war die Galeere vor Angriffen geschützt, solange die Soldaten fort waren. Da jegliches Licht streng untersagt war, lag sie da wie ein dunkler Fleck, für feindliche Schiffe unsichtbar, es sei denn, sie liefen direkt in den Hafen der kleinen Insel ein.
    Julius wartete in seiner Einheit auf Befehle. Nur mühsam konnte er seine Erregung unterdrücken. Nach sechs Monaten Küstenpatrouille sollte es nun endlich wieder in den Kampf gehen. Obwohl sie den Vorteil der Überraschung auf ihrer Seite hatten, sah die Festung immer noch wuchtig und gefährlich genug aus. Er wusste, dass das Erklettern der Mauern nicht ohne Blutvergießen abgehen würde. Noch einmal kontrollierte er seine Ausrüstung und überprüfte jede einzelne Sprosse der Leitern, die man ihm ausgehändigt hatte. Dann ging er zwischen seinen Männern umher und sah nach, ob auch alle Tücher um die Sandalen gebunden hatten, um ihre Schritte zu dämpfen und beim Klettern besseren Halt zu haben. Alles war in bester Ordnung, doch wie schon zweimal vor der Landung unterwarfen sich die Männer der Kontrolle auch dieses Mal ohne Murren. Er wusste, dass sie ihm keine Schande machen würden. Vier von ihnen waren Langzeitsoldaten, darunter Pelitas, der über mehr als zehn Jahre Erfahrung auf der Kriegsgaleere verfügte. Sobald Julius bemerkt hatte, dass der Großteil der Mannschaft Pelitas respektierte, hatte er ihn zu seinem Stellvertreter in der Einheit gemacht. Wegen seines nachlässigen Umgangs mit der Uniform und seines verblüffend hässlichen Gesichts war er zuvor bei den Beförderungen übersehen worden, aber Julius hatte die dahinter verborgenen Qualitäten rasch erkannt. Pelitas war sehr schnell zu einem getreuen Anhänger des neuen jungen Tesserarius geworden.
    Die anderen sechs hatte die Accipiter in den römischen Häfen rund um Griechenland aufgesammelt, als sie ihre Besatzung vervollständigte. Zweifellos hatten einige von ihnen eine eher düstere Vergangenheit, aber bei Galeerensoldaten wurde ein untadeliger Lebenswandel nicht unbedingt als notwendigste Voraussetzung angesehen. Männer mit Schulden, oder solche, die in Zwistigkeiten mit einem Offizier geraten waren, wussten sehr wohl, dass die See ihre letzte Chance auf Sold war. Aber Julius beschwerte sich nicht, denn seine zehn Männer waren ausnahmslos kampferprobte Soldaten. Lauschte man ihren Geschichten, erhielt man eine Zusammenfassung der Fortschritte Roms während der letzten zwanzig Jahre. Es waren brutale, harte Männer, und Julius wusste die Gewissheit zu schätzen, dass sie auch vor schmutzigen Aufträgen nicht zurückscheuen oder sich gar drücken würden – wie etwa davor, die Festung Mytilene anzugreifen und sie von Rebellen zu säubern.
    Gaditicus ging durch die Einheiten und sprach mit jedem der Offiziere. Suetonius nickte zu allem, was man ihm sagte, und salutierte. Julius betrachtete seinen ehemaligen Nachbarn und fühlte erneut Abneigung in sich hochsteigen, die er jedoch an nichts Bestimmtem im Wesen des jungen Wachoffiziers festmachen konnte. Seit Monaten arbeiteten sie schon in einer Art frostiger Höflichkeit miteinander, die nun unauflösbar geworden schien. Suetonius sah ihn immer noch als den kleinen Jungen, den er und seine Freunde vor einer Ewigkeit gefesselt und verprügelt hatten. Er wusste nichts von Julius’ Erfahrungen seither und hatte verächtlich gelächelt, als Julius den Männern erzählte, wie es war, mit Marius im Triumphzug in Rom einzuziehen. Die Ereignisse in Rom waren für die Männer an Bord nur vage Gerüchte und Julius spürte, dass etliche von Tonius’ Freunden ihm keinen Glauben schenkten. Eine unangenehme Situation, doch schon das leiseste Anzeichen von Spannung oder Streitigkeiten zwischen den einzelnen Einheiten hätte eine Rückstufung der Offiziere bedeutet. Julius hatte sich zurückgehalten, selbst als er hörte, dass Suetonius die Geschichte zum Besten gab, wie er den anderen Tesserarius mit dem Kopf nach unten an einen Baum hatte hängen lassen, nachdem er ihm eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hatte. Sein Tonfall ließ diesen Vorfall lediglich wie einen derben Knabenstreich erscheinen. Gegen Ende seiner Erzählung spürte er Julius’ Blick auf sich ruhen, täuschte Überraschung vor und zwinkerte seinem Stellvertreter bedeutungsvoll zu. Dann hatten sich alle wieder ihren Pflichten zugewandt.
    Als Gaditicus zu der letzten Einheit weiterschritt, sah Julius Suetonius hinter dessen Rücken grinsen. Er selbst hielt die Augen fest auf den Zenturio gerichtet, salutierte steif und nahm Haltung an. Gaditicus nickte ihm zu und erwiderte den Salut mit einer raschen Bewegung des rechten Unterarms.
    »Wenn sie bis jetzt noch nicht gemerkt haben, dass wir hier sind, müssten wir das kleine Nest bis zum Morgengrauen ausgeräuchert haben. Wenn sie aber gewarnt worden sind, müssen wir um jeden Schritt kämpfen. Vergewissere dich, dass Rüstungen und Schwerter gegen Geräusche gedämpft sind. Ich will nicht, dass sie Alarm schlagen, solange wir noch auf den ungeschützten Hängen herumklettern.«
    »Jawohl, Zenturio«, erwiderte Julius.
    »Deine Männer greifen die Südseite an. Dort geht es nicht ganz so steil hinauf. Bring so schnell wie möglich die Leitern zum Einsatz und lass am Ende jeder Leiter einen Mann stehen, der sie festhält. So verliert ihr keine Zeit damit, nach einem festen Tritt zu suchen. Suetonius’ Männer haben den Auftrag, die Wachen am Tor zu töten. Dort stehen vier Mann, es könnte also laut werden. Wenn ihr Schreie hört, bevor ihr die Mauer erreicht habt, dann rennt los. Wir dürfen ihnen keine Zeit lassen, sich zu fangen. Verstanden? Gut. Noch irgendwelche Fragen?«
    »Wissen wir, wie viele da drin sind, Herr?«, fragte Julius.
    Gaditicus sah ihn überrascht an.
    »Wir nehmen diese Festung ein, ganz egal, ob sie fünfzig oder fünfhundert Mann haben! Sie haben seit zwei Jahren keine Steuern gezahlt, und der hiesige Statthalter ist ermordet worden. Bist du etwa der Meinung, wir sollten auf Verstärkung warten?«
    Julius errötete beschämt. »Nein, Zenturio.«
    Gaditicus lachte bitter auf. »Die Flotte ist schon spärlich genug bestückt. Wenn du diese Nacht überlebst, wirst du dich allmählich daran gewöhnen, dass du niemals genug Männer und Schiffe zur Verfügung hast. Jetzt nimm deinen Platz ein und umgehe die Festung in einem großen Bogen. Nutzt jede Deckung. Verstanden?«
    »Jawohl«, antwortete Julius und salutierte erneut. Ein Offizier zu sein, wenn auch nur im niedrigsten Dienstgrad, war nicht gerade leicht. Es wurde einfach erwartet, dass er wusste, was zu tun war, als stellten sich die Fähigkeiten mit dem Rang von selbst ein. Er hatte noch nie zuvor eine Festung angegriffen, weder bei Tag noch bei Nacht, und jetzt sollte er blitzschnell Entscheidungen treffen, von denen Leben oder Tod seiner Männer abhingen. Entschlossen drehte er sich zu ihnen um. Er würde sie nicht enttäuschen.
    »Ihr habt den Zenturio gehört. Geräuschlos vorgehen, getrennt marschieren. Auf geht’s!«
    Wie ein Mann schlugen alle mit der rechten Faust gegen ihre ledernen Brustpanzer. Julius zuckte bei dem leisen Geräusch zusammen.
    »Und macht nicht so einen Krach! Bis wir in der Festung sind, bestätigt ihr keinen meiner Befehle mehr. Ich will nicht, dass ihr losplärrt, ›Jawohl, Herr‹, wenn wir gerade versuchen, lautlos vorzurücken, verstanden?«
    Einige Männer grinsten, doch während sie sich langsam in der Deckung von Büschen und Felsen voranarbeiteten, war die Anspannung deutlich spürbar. Zwei andere Einheiten schlossen sich Julius’ Truppe an; Gaditicus blieb zurück, um den Hauptangriff zu befehligen, sobald die Torwachen ausgeschaltet waren.
    Als er sah, wie reibungslos sich die Männer immer paarweise zusammenfanden, war Julius dankbar für die endlosen Übungen. Jede Einheit führte vier lange Leitern mit sich, deren breite Sprossen die Soldaten fast in vollem Tempo hinaufstürmen konnten. Innerhalb weniger Sekunden würden sie die Zinnen der schwarzen Mauern erreicht haben und von dort in die Festung eindringen. Dann dürfte es richtig gefährlich werden. Da sie nicht wussten, wie vielen Aufständischen sie gegenüberstanden, würden die Legionäre versuchen, gleich zu Anfang so viele wie möglich von ihnen zu töten.
    Als die Fackel einer Wache nicht weit vor ihnen zum Stehen kam, bedeutete er seinen Männern mit einer Handbewegung, sich zu ducken. Trotz des rhythmischen Zirpens der Grillen im Gras trug jedes noch so leise Geräusch in der Stille sehr weit. Nach einer Weile bewegte sich das Licht der Wache weiter, und Julius fing den Blick des ihm am nächsten kauernden Offiziers auf. Sie nickten einander kurz zu. Das war das Zeichen zum Angriff.
    Julius richtete sich auf. Sein Herz schlug schneller. Auch seine Männer kamen aus der Deckung, und einer ächzte leise unter dem Gewicht der schweren Leiter. Dann trabten sie über den zerklüfteten Steinboden des südlichen Abhangs auf die Festung zu. Als er neben seinen Männern in leichten Laufschritt fiel, kam Julius das Geräusch ihrer Schritte trotz der dämpfenden Tücher um die Sandalen viel zu laut vor. Pelitas lief an der Spitze, am Kopfende der ersten Leiter, doch während sie den steinigen Hügel emporeilten, änderte sich die Reihenfolge in ihrer Truppe ständig. Sie konnten den Boden unter ihren Füßen nicht sehen, denn nicht einmal der Mond spendete Licht. Gaditicus hatte die Nacht gut ausgewählt.
    Rasch wurden die Leitern zu den ganz vorne stehenden Männern durchgereicht, die sie nahe genug an die Mauer lehnten, um so weit wie möglich hinaufzugelangen. Der erste Mann an der Leiter hielt sie fest, und der zweite hinter ihm kletterte hinauf in die Dunkelheit. Innerhalb weniger Minuten war die erste Gruppe schon über die Mauer hinweg, dicht gefolgt von der zweiten. Ihr Aufstieg wurde dadurch erschwert, dass die Leitern auf dem felsigen Untergrund rutschten und schrammten. Julius stemmte sich mit der Schulter gegen eine wegrutschende Leiter und bediente sich dankbar der Hebelwirkung. Er wartete, bis der Mann am oberen Ende die Mauerspitze erreicht hatte. Entlang der gesamten Mauer sah man die Männer einen nach dem anderen in der Festung verschwinden. Noch immer war kein Alarm geschlagen worden.
    Julius schob die Leiter zurecht, bis das umwickelte obere Ende wieder fest an der Mauer auflag. Als er schließlich selbst hochkletterte, musste er sich wegen des steilen Winkels eng an die Leiter schmiegen. Für den Fall, dass Bogenschützen ihn im Visier hatten, blieb er oben nicht stehen. Es war keine Zeit, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Rasch schob er sich über die Mauerkrone und ließ sich in die Dunkelheit darunter fallen.
    Er landete, rollte sich ab und fand sich zwischen seinen Männern wieder, die auf ihn warteten. Vor ihnen lag ein schmaler Streifen struppiges Gras, das in langen Halmen über den uralten Steinen wuchs. Da sie hervorragende Zielscheiben für die Bogenschützen abgaben, mussten sie so schnell wie möglich von hier verschwinden. Julius sah, dass die anderen Einheiten nicht getrödelt hatten und bereits zur inneren Mauer der Festung vorgerückt waren. Er runzelte die Stirn. Die Mauer ragte nur zwanzig Fuß entfernt auf – genauso hoch wie die äußere. Nur standen ihre Leitern dieses Mal draußen, und sie saßen hier zwischen den beiden Mauern in der Falle, so wie es die Baumeister vor ewigen Zeiten geplant hatten. Leise fluchte er vor sich hin. Die Männer sahen ihn an und warteten auf eine schnelle Entscheidung.
    Plötzlich schlug in der Festung eine Glocke an. Der schwere Ton dröhnte durch die Dunkelheit zu ihnen heraus.
    »Was jetzt?«, fragte Pelitas. Er klang gelangweilt.
    Julius holte tief Luft und fühlte, wie sich seine Nerven ein wenig beruhigten.
    »Wenn wir hier bleiben, sind wir so gut wie tot. Bald werden sie Fackeln herunterwerfen, damit die Bogenschützen uns sehen können. Pelitas, du bist der geschickteste Kletterer in der Takelage, also zieh die Rüstung aus und sieh zu, ob du mit einem Seil die innere Mauer erklettern kannst. Die Steine sind schon alt, sie müssten dir genug Halt bieten.« Während Pelitas bereits die Riemen löste, die seine Rüstung zusammenhielten, wandte Julius sich an die anderen.
    »Wir brauchen die Leiter. Wenn Pelitas abstürzt, sind wir leichte Beute für die Bogenschützen. Die Mauer hier ist fünfzehn Fuß hoch, aber die beiden Leichtesten von euch können wir bestimmt hinaufheben, damit sie über die Mauer greifen und die Leiter hochziehen.«
    Er ignorierte die lauter werdenden Alarm- und Kampfgeräusche aus dem Innern der Festung. Wenigstens konzentrierten sich die Rebellen auf Gaditicus’ Angriff, aber auch für die Soldaten auf seiner Seite würde die Zeit früher oder später abgelaufen sein.
    Die Männer hatten seinen Plan schnell begriffen. Die drei kräftigsten hakten die Arme ineinander und stellten sich mit dem Rücken dicht an die dunklen Steine der äußeren Mauer. Zwei weitere kletterten an ihnen hoch und drehten sich langsam um, so dass auch sie sich gegen die Wand hinter ihnen lehnen konnten. Die unteren drei stöhnten auf, als das Gewicht der beiden auf ihre Rüstungen drückte. Die Metallplatten bohrten sich in ihre Schultern, doch ohne deren Schutz hätte leicht ein Schlüsselbein brechen können. Schweigend ertrugen sie das Ungemach, aber Julius sah, dass sie nicht lange durchhalten konnten.
    Er drehte sich zu den letzten beiden um, die sich ihrer Rüstungen bis auf die Unterkleider entledigt hatten und nun aufgeregt grinsend und barfuß vor ihm standen. Julius nickte ihnen zu. Genauso behände und mit der gleichen Geschwindigkeit, die sie im Tauwerk der Accipiter an den Tag legten, kletterten sie an ihren Kameraden hinauf. Während er auf sie wartete, zog Julius sein Schwert und versuchte in der Dunkelheit über sich etwas zu erkennen.
    Zwanzig Fuß von ihnen entfernt stand Pelitas an der inneren Mauer, presste das Gesicht gegen den kalten, trockenen Stein und schickte ein verzweifeltes Stoßgebet gen Himmel. Seine Finger zitterten, weil sie zwischen zwei Steinplatten kaum Platz zum Zupacken fanden. Angestrengt versuchte er beim Hinaufziehen jedes Geräusch zu vermeiden. Seine Füße suchten nach einem Tritt, und sein Atem kam so laut und stoßweise zwischen den Zähnen hervor, dass er fast sicher war, jeden Augenblick würde jemand erscheinen und nachsehen. Einen Moment lang bedauerte er schon, den schweren Gladius zusammen mit dem um die Brust gewickelten Seil mitgenommen zu haben. Einerseits konnte er sich nichts Schlimmeres vorstellen als die Mauerkrone ohne Waffe zu erreichen, andererseits war die Aussicht, mit lautem Getöse abzustürzen, genauso unerfreulich.
    Im Widerschein der Fackeln aus dem Inneren der Festung, die zur Verteidigung gegen Gaditicus und seine fünfzig Männer ansetzte, erkannte Pelitas über sich den Umriss eines hervorstehenden Steins. Er lachte verächtlich in sich hinein. Richtige Soldaten hätten schon längst Späher ausgesandt, um die Umgebung nach einer zweiten Angreifergruppe oder einem Hinterhalt abzusuchen. Es war doch gut, wenn man sein Handwerk richtig gelernt hatte, dachte er bei sich.
    Blind tastete sich seine Hand nach oben und fand schließlich festen Halt, wo die Jahrhunderte die Kante eines Steinquaders ausgewaschen hatten. Pelitas’ Arme zitterten vor Erschöpfung, als er endlich die Hand auf den obersten Stein der Mauer legte und einen Moment lang so hängen blieb. Bevor er sich ganz hinaufzog, lauschte er sicherheitshalber, ob jemand nahe genug war, um ihn aufzuspießen.
    Doch selbst als er den Atem anhielt, um zu horchen, vernahm er kein verdächtiges Geräusch. Er nickte vor sich hin und presste die Zähne aufeinander, als könne er die Angst zerbeißen, die er in solchen Momenten immer verspürte. Dann zog er sich hoch, schwang ein Bein über die Mauerkrone und ließ sich hinter die Mauer fallen. Dort duckte er sich sofort und zog seinen Gladius langsam und so geräuschlos wie möglich aus der Scheide.
    Unsichtbar kauerte er in der Dunkelheit auf dem Rand einer schmalen Plattform, von der zu beiden Seiten Stufen zu den anderen Gebäuden hinunterführten. Die Überreste einer Mahlzeit auf dem Boden verrieten ihm, dass hier eine Wache gestanden hatte. Doch der Mann war offensichtlich zum Tor geeilt, um den Angriff dort abzuwehren, statt auf seinem Posten zu bleiben. Angesichts dieses Mangels an Disziplin schüttelte Pelitas missbilligend den Kopf.
    Behutsam wickelte er sich das schwere Seil vom Körper und band ein Ende an einen verrosteten Eisenring, der in den Stein eingelassen war. Er zog kräftig daran, lächelte und ließ das erneut locker aufgerollte Seil hinunter in die Dunkelheit fallen. Julius sah, dass auch eine der anderen Einheiten dicht an der Innenseite der Außenmauer stand. Die Männer ahmten seine Idee nach, die Leitern hereinzuholen. Beim nächsten Mal würden sie ein Seil an die obere Sprosse binden, es über die Mauer werfen, und der letzte Mann konnte die Leiter dann einfach hochziehen. Aber hinterher war man immer schlauer. Gaditicus hätte mehr Zeit damit verbringen sollen, die Anlage der Festung zu erkunden, obwohl das zugegebenermaßen sehr schwierig war, denn im weiten Umkreis überragte nichts den steilen Hügel von Mytilene. Julius verwarf den Gedanken als illoyal. Trotzdem wusste er, dass er, hätte er den Angriff befehligt, seine Männer niemals zum Angriff gegen die Festung geschickt hätte, ehe er alles in Erfahrung gebracht hätte, was es darüber zu wissen gab.
    Die Gesichter der drei Männer an der Basis der Menschenpyramide waren schweißüberströmt und vor Schmerzen verzerrt. Von oben hörte er kratzende Geräusche, dann glitt die Leiter endlich herab. Eilig lehnte er sie gegen die Wand, und die Männer, die oben standen, kletterten daran herunter. Die drei unteren Männer keuchten vor Erleichterung und rollten ausgiebig die Schultern, um die verkrampften Muskeln zu lockern. Julius ging zu ihnen, packte jeden anerkennend am Unterarm und teilte ihnen flüsternd den nächsten Schritt des Angriffs mit. Gemeinsam liefen sie hinüber zur Innenmauer.
    Dicht über ihnen brüllte jemand etwas aus der Dunkelheit der inneren Festung. Julius’ Herz hämmerte wie wild. Er verstand die Worte zwar nicht, aber die Panik darin war offensichtlich. Inzwischen war der Überraschungseffekt verpufft, doch sie hatten die Leiter, und als er sich eng an die Mauer presste, sah er, dass auch Pelitas nicht versagt hatte oder abgestürzt war.
    »Bringt die Leiter ein paar Fuß weiter hier herüber und seht zu, dass sie fest steht. Drei Mann klettern hier am Seil hoch. Der Rest kommt mit mir.«
    Sie rannten hinüber zu dem neuen Angriffspunkt. Plötzlich schwirrten über ihren Köpfen Pfeile durch die Luft und trafen die Männer der anderen Gruppe, die gerade ihre Leiter herübertrugen. Schreie gellten, als ein Römer nach dem anderen tödlich getroffen zusammenbrach. Julius zählte wenigstens fünf Bogenschützen über ihnen. Ihre Aufgabe wurde erleichtert, als Fackeln entzündet und in den Vorhof hinuntergeworfen wurden. Der untere Teil der Innenmauer lag noch immer im Dunkeln. Julius nahm an, dass die Rebellen noch nicht gemerkt hatten, dass die Römer bereits unter ihnen standen, und glaubten, soeben die ersten Angreifer abzuwehren.
    Den Gladius fest in der Hand, bestieg Julius die Leiter und erklomm die weit auseinander liegenden Sprossen. Die Erinnerung an den Aufstand, bei dem vor Jahren sein Vater getötet worden war, schoss ihm durch den Kopf. So fühlte es sich also an, der Erste zu sein, der die Mauer erstieg! Oben angekommen, schob er die Gedanken schnell beiseite und warf sich blitzschnell nieder, um einem Axtschlag auszuweichen, der ihn enthaupten sollte. Er verlor das Gleichgewicht und schwankte einen Moment hilflos auf der Mauer, bekam aber wieder festen Halt, und dann war er drinnen.
    Er hatte keine Zeit, die Lage zu prüfen. Mit einer schnellen Bewegung parierte er einen weiteren Axthieb und trat fest zu, als das Gewicht der Waffe seinen Angreifer zur Seite riss. Die Axt prallte hart auf die Steine, und Julius’ Schwert glitt mühelos in die schwer atmende Brust seines Gegners. Etwas traf ihn am Kopf und sein Wangenschutz brach ab. Alles um ihn herum verschwamm, automatisch riss er das Schwert hoch, um den Schlag zu parieren. Er fühlte, wie ihm Blut an Hals und Brust herunterlief, kümmerte sich jedoch nicht darum. Inzwischen hatten noch mehr Männer aus seiner Einheit den schmalen Wehrgang erreicht, und das Gemetzel begann.
    Drei seiner Männer bildeten am oberen Ende der Leiter eine Art Keil. Ihre leichten Rüstungen verbeulten unter den Schlägen. Julius sah, wie einer der Rebellen von einem Gladius aufgespießt wurde, der von unten durch seinen Kiefer drang.
    Die Männer, gegen die sie kämpften, trugen keine Uniformen. Einige hatten uralte Rüstungen angelegt und schwangen seltsame Schwerter, andere wiederum waren mit Streitäxten und Speeren ausgerüstet. Dem Aussehen nach waren es Griechen, und sie schrieen sich auch gegenseitig Worte in dieser melodischen Sprache zu. Alles versank in einem heillosen Durcheinander, und Julius konnte nur fluchend zusehen, wie einer seiner Männer mit einem Aufschrei zu Boden ging. Dunkles Blut spritzte im Licht der Fackeln auf. Von überall her näherte sich jetzt das Hallen eiliger Schritte. Es hörte sich an, als hielte sich eine ganze Armee in der Festung auf, die sich jetzt eilig um sie zusammenzog. Zwei weitere von seinen Männern tauchten oben auf dem Wehrgang auf, warfen sich ins Kampfgetümmel und schlugen den Feind zurück.
    Mit einem Ausfall, den Renius ihm vor Jahren einmal gezeigt hatte, bohrte Julius seine Schwertspitze in die Kehle eines Feindes; wild und wie im Rausch stieß er zu, und sein Gegner stürzte tot zu Boden. Was auch immer sie waren, die Männer, denen sie hier gegenüberstanden, konnten nur durch zahlenmäßige Überlegenheit gewinnen. Die Disziplin und die Geschicklichkeit der römischen Soldaten machte es nahezu unmöglich, die Männer rings um die Leiter zu vertreiben.
    Dennoch ermüdeten sie langsam. Julius sah, wie einer seiner Männer vor Angst und hilfloser Wut aufschrie, als sein Schwert zwischen den Platten einer Prunkrüstung stecken blieb, die wahrscheinlich seit der Zeit Alexanders des Großen von Generation zu Generation weitergegeben worden war. Zornig zerrte der Römer an seinem Schwert und schleuderte seinen gepanzerten Gegner dabei fast zu Boden. Doch sein wütendes Gebrüll verwandelte sich abrupt in einen Schmerzensschrei. Julius sah, wie der Rebell dem Römer einen kurzen Dolch unter der Brustpanzerung in den Unterleib rammte. Der Getroffene sank in sich zusammen und ließ sein verkeiltes Schwert stecken.
    »Zu mir!«, schrie Julius seinen Leuten zu. Nur gemeinsam konnten sie sich einen Weg auf dem schmalen Wehrgang freikämpfen und tiefer in die Festung eindringen. Er sah eine Treppe neben sich und gab seinen Männern ein Zeichen. Immer mehr seiner Gegner fielen tot und verwundet zu Boden, und allmählich fand Julius Gefallen an dem Kampf. Sein Schwert lag gut in der Hand, und seine Rüstung gab ihm das Gefühl, unverwundbar zu sein. In der Hitze des Gefechts erschien sie ihm federleicht.
    Ein unerwarteter Schlag fegte ihm den ohnehin schon beschädigten Helm vom Kopf, und er empfand die kalte Nachtluft als eine Wohltat auf der verschwitzten Haut. Er lachte kurz auf, machte einen schnellen Schritt nach vorne und warf sich gegen den Schild eines Gegners, so dass der Mann seinen eigenen Kameraden vor die Füße taumelte.
    »Accipiter!«, schrie Julius laut. Habicht. Der Schlachtruf würde genügen. Er hörte, wie andere Stimmen ihn aufgriffen und weitergaben, und er brüllte den Namen immer wieder, während er sich unter einem gekrümmten Schwert hinwegduckte, das eher wie das Grabmesser eines Bauern aussah als wie eine kampftaugliche Waffe. Julius’ Gegenschlag schlitzte dem Mann die Oberschenkel auf und ließ ihn brüllend auf die Steinplatten sinken.
    Die anderen Legionäre sammelten sich um ihn. Er sah, dass acht Männer seiner Einheit die Mauer erklommen hatten; sechs weitere hatten die Salven der Bogenschützen überlebt. Sie kämpften Rücken an Rücken, und die angreifenden Rebellen wurden weniger, denn immer mehr Leichen lagen um sie herum.
    »Wir sind Soldaten Roms«, presste einer der Männer zwischen den Zähnen hervor. »Wir sind die Besten der Welt. Vorwärts! Nicht zurückbleiben!«
    Julius grinste ihn an und stimmte in den Schlachtruf ein, den Namen ihrer Galeere, als dieser wieder laut ertönte. Er hoffte, dass Pelitas ihn hörte, denn irgendwie zweifelte er nicht daran, dass der hässliche Kerl das Ganze überlebt hatte.
    Pelitas hatte an einem Haken einen Umhang gefunden, unter dem er seine römische Tunika und das blanke Schwert verbergen konnte. Ohne seine Rüstung fühlte er sich schutzlos, aber die Männer, die an ihm vorbeirannten, beachteten ihn überhaupt nicht. Ganz in der Nähe hörte er die Legionäre ihre Kampfparolen knurren und brüllen, und ihm wurde klar, dass es höchste Zeit war, zu ihnen zu stoßen. Er nahm eine Fackel aus der Wandhalterung und folgte den herbeistürzenden Feinden zu dem wütenden Klirren der Schwerter. Bei allen Göttern… es waren wirklich unglaublich viele! Außerdem war die innere Festung ein wahres Labyrinth aus zerbröckelnden Mauern und leeren Räumen. Es würde Stunden dauern, um die Burg von allen Gegnern zu säubern, denn jeder Schritt konnte in einen Hinterhalt oder in die Schusslinie eines Bogenschützen führen. Für einen kostbaren Augenblick unbeobachtet und unerkannt, schob sich Pelitas um eine Ecke. Er kam schnell voran und versuchte zwischen all den Nischen und Winkeln nicht die Orientierung zu verlieren. Dann stand er vor der nördlichen Mauer, dicht neben einer Gruppe Bogenschützen, die mit ernsten und konzentrierten Gesichtern ihre Pfeile abschossen. Vermutlich war der Rest von Gaditicus’ Streitkraft noch immer dort draußen, obwohl Pelitas unten im Hof beim Haupttor schon raue römische Befehle hören konnte. Eine Hand voll Männer war also bereits ins Innere der Festung vorgedrungen, doch die Schlacht war noch lange nicht vorüber.
    Fast die halbe Stadt musste sich hier oben verschanzt haben, dachte er wütend, als er auf die Bogenschützen zulief. Kurz bevor er sie erreicht hatte, hob einer jäh den Kopf, nickte dann aber nur und schoss ohne Eile weiter in die Menge der Soldaten unter ihnen.
    Als er erneut zielte, griff Pelitas an und stieß zwei der Männer kopfüber auf die Steine unter ihnen. Mit einem dumpfen Knall schlugen sie auf, und die anderen drei Bogenschützen drehten sich entsetzt zu ihm um. Pelitas warf den Umhang zurück und hob sein Kurzschwert.
    »Guten Abend, Jungs«, sagte er fröhlich. Schon beim ersten Schritt rammte er dem Nächststehenden sein Schwert in die Brust und stieß den Leichnam mit dem Knie achtlos die Mauer hinunter. Dann bohrte sich ein Pfeil in seine Seite und fuhr so tief hinein, dass vorne am Bauch nur noch die Federn herausragten. Er stöhnte auf, als seine linke Hand fast automatisch und wie von selbst daran zerrte. Zornig zog er dem vor ihm stehenden Schützen, der jetzt ebenfalls den Bogen hob, den Gladius durch die Kehle.
    Der Mann, der am weitesten von ihm entfernt stand, hatte den Schuss abgegeben. Fieberhaft versuchte er nun einen weiteren Pfeil einzulegen, aber die Furcht machte ihn ungeschickt, und schon hatte Pelitas ihn mit zum Stoß vorgestrecktem Schwert erreicht. Angsterfüllt wich der Schütze zurück und kippte mit einem gellenden Schrei über die Mauer. Pelitas sank keuchend auf ein Knie. Das Atmen tat weh. Da kein Gegner mehr da war, legte er das Schwert neben sich. Dann versuchte er, den Pfeil an seinem Rücken abzubrechen. Er würde ihn nicht ganz herausziehen, denn jeder Soldat hatte schon einmal den tödlichen Blutschwall gesehen, der dann aus der Wunde hervorsprudelte und einen unweigerlich verbluten ließ. Der Gedanke, jedes Mal damit anzustoßen, wenn er sich umdrehte, trieb ihm die Tränen in die Augen.
    Seine Hände wurden langsam glitschig, aber er konnte den hölzernen Schaft nur ein wenig biegen. Ein leises, gequältes Stöhnen entrang sich seiner Kehle. Seine Seite war blutüberströmt und ihm wurde schwindlig, als er versuchte aufzustehen. Er knurrte leise und zog den Pfeil wieder durch sich hindurch, damit er hinten nicht zu weit herausragte.
    »Muss die anderen finden«, murmelte er verbissen und holte tief Luft. Seine Hände zitterten im einsetzenden Schock, also packte er mit der einen den Gladius so fest wie möglich, die andere barg er zur Faust geballt in einer Falte des Umhangs.
    Gaditicus schlug einem Mann, der auf ihn zugerannt kam, mit dem Handrücken in die Zähne und versetzte ihm dann einen Stoß in die Rippen. Die Festung war voller Aufständischer, viel mehr, als die kleine Insel überhaupt ernähren konnte, dessen war er sich sicher. Die Rebellion musste wie ein Lauffeuer vom Festland übergegriffen haben, doch es war zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Trotzdem musste er an die Frage des jungen Offiziers nach der Anzahl der Gegner denken, und auch daran, wie er höhnisch darüber gelacht hatte. Vielleicht hätte er wirklich Verstärkung anfordern sollen. Der Ausgang dieser Nacht war schwer vorauszusagen.
    Dabei hatte alles so gut angefangen: Die Wachen waren rasch und fast gleichzeitig ausgeschaltet worden. Noch bevor irgendjemand drinnen überhaupt begriffen hatte, was da vor sich ging, hatte er zehn Männer über die Leitern steigen und das Tor öffnen lassen. Dann jedoch hatten die dunklen Gebäude Unmengen von Soldaten ausgespieen, die noch im Laufen ihre Rüstungen anzogen. Die engen Gänge und Treppen dieses Irrgartens waren der Traum eines jeden Bogenschützen. Nur das spärliche Licht hinderte sie daran, schlimmere Treffer als nur Fleischwunden zu landen. Gaditicus hatte bis jetzt nur einen Mann verloren, dem ein Pfeil direkt in den Mund und durch den Schädel gedrungen war.
    Er hörte seine Männer keuchen, als sie sich in der Dunkelheit dicht hinter ihm an eine Wand drängten. Ein paar Fackeln waren angezündet worden, aber abgesehen von gelegentlich blind abgefeuerten Pfeilen hatte sich der Feind fürs Erste in die Seitengebäude zurückgezogen. Jeder, der jetzt zwischen ihnen hindurcheilte, würde schon nach den ersten Schritten in Stücke gehackt werden. Andererseits konnten die Feinde ihren Unterschlupf auch nicht verlassen, um die Legionäre anzugreifen. Es war eine vorübergehende Kampfpause, und Gaditicus war froh, dass er kurz Luft holen konnte. Ihm fehlte die gute körperliche Verfassung der Landlegionen. Wie man auf einem Schiff auch exerzierte und trainierte, bereits nach wenigen Minuten rennen und kämpfen an Land war man erschöpft. Vielleicht war es aber auch nur das Alter, gestand er sich insgeheim ironisch ein.
    »Der Fuchs ist in seinem Bau verschwunden«, murmelte er. Von jetzt an würde es sehr schwer werden. Sie mussten sich von Gebäude zu Gebäude durchkämpfen und würden dabei für jeden getöteten Feind einen der eigenen Männer verlieren. Für die Aufständischen war es einfacher. Sie brauchten nur hinter einer Tür oder einem Fenster zu lauern und den Ersten niederzustechen, der hereinkam.
    Gerade als sich Gaditicus umdrehte, um dem Soldaten hinter ihm einen Befehl zu erteilen, sah er, wie der Mann mit vor Schreck aufgerissenem Mund vor sich auf den Boden starrte. Die Steine waren mit einer schimmernden Flüssigkeit bedeckt, die zwischen den Gebäuden der Festung herunterrann und sich schnell zwischen den Füßen der Männer verteilte. Jetzt blieb keine Zeit mehr, einen Plan zu schmieden.
    »Lauft!«, schrie Gaditicus seinen Männern zu. »Rennt nach oben! Bei allen Göttern, lauft!«
    Einige der jüngeren Männer sahen sich verständnislos um, doch die Erfahreneren versuchten nicht erst, das Warum zu ergründen. Gaditicus lief hinten und versuchte nicht an die Bogenschützen zu denken, die auf genau diesen Augenblick gewartet hatten. Er hörte das Knistern des Feuers, das die klebrige Flüssigkeit in Brand setzte. Pfeile schwirrten an seinem Kopf vorbei und trafen einen Legionär in den Rücken. Der Soldat wankte noch ein paar Schritte weiter, bevor er zusammenbrach. Gaditicus blieb stehen, um ihm zu helfen, aber als er den Kopf drehte, sah er die Flammen auf sich zurasen. Er bückte sich und zog dem Soldaten die Schwertklinge durch die Kehle, denn ein schneller Tod war immer noch besser, als bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Kaum hatte er sich aufgerichtet, spürte er die Hitze im Rücken, und blankes Entsetzen packte ihn. Seine Sandalen waren völlig mit dem Zeug durchtränkt, und er wusste sehr wohl, dass dieses Feuer nicht zu löschen war. Blindlings rannte er hinter seinen Männern her.
    Die Soldaten stürzten in vollem Lauf um eine Ecke und rannten direkt auf drei kniende Bogenschützen zu. Alle drei verloren die Nerven, und nur einer schoss einen Pfeil ab, der über ihre Köpfe hinwegflog. Sie wurden fast ohne Verzögerung überrannt und niedergemäht.
    Die auflodernden Flammen machten die Festung sichtbar. Gaditicus und seine Männer brüllten vor Wut und vor Erleichterung, noch am Leben zu sein, und ihr Gebrüll gab ihnen neue Kraft und verängstigte die Feinde.
    Ihr Weg endete in einem Hof, und dieses Mal schossen die wartenden Bogenschützen schnell und präzise. Die vier Männer der ersten Reihe gingen sofort zu Boden, und die zweite Reihe stolperte über ihre toten Kameraden. Der Hof war voller Rebellen, die, wie um den Römern in Wildheit nicht nachzustehen, heulend auf sie zustürmten.
    Julius erstarrte, als er die Flammen vor einer Reihe niedriger Gebäude zu seiner Linken auflodern sah. Sofort teilte sich die schützende Dunkelheit in flackerndes Gold und tiefe Schatten, und nur ein paar Schritte vor ihm wurden in einer Nische plötzlich drei Männer sichtbar. Sie wurden niedergemacht, und die Römer entdeckten hinter ihnen eine offene Tür, die tiefer in die Festung hineinführte. Ohne lange zu überlegen, rannte Julius direkt hindurch und riss einem Feind, der dahinter wartete, sein Schwert durch die Eingeweide, bevor dieser zuschlagen konnte. Seine Männer zögerten keinen Augenblick und folgten ihm. Da sie die Festung nicht kannten, konnten sie auf der Suche nach Gaditicus und seinen Männern kostbare Zeit verlieren. Am wichtigsten war es, ständig in Bewegung zu bleiben und jeden zu töten, der sich ihnen in den Weg stellte.
    Nach dem hellen Feuerschein draußen war es im Innern der Festung erschreckend dunkel. Eine Treppe führte zu einer Reihe leerer Räume, an deren hinterem Ende eine weitere Treppe nach unten führte. Sie wurde von einer einzigen Öllampe an der Wand beleuchtet. Julius griff sich die Lampe und fluchte, als die heiße Flüssigkeit auf seine Haut tropfte. Seine Männer polterten hinter ihm her, und Julius warf sich am Fuße der Treppe zu Boden. Um ihn herum prallten Pfeile auf die Steine, zersplitterten und ließen spitze Bruchteile zwischen sie spritzen.
    Drei Männer befanden sich in dem niedrigen, länglichen Raum. Zwei von ihnen starrten die schmutzigen, blutbesudelten Soldaten entsetzt an. Der dritte, ihr Gefangener, war an einen Stuhl gefesselt. An seinem Gewand erkannte Julius, dass er Römer sein musste. Gesicht und Körper waren geschunden und geschwollen, in seinen Augen jedoch flammte ein Funken jäher Hoffnung auf.
    Julius stürmte quer durch den Raum und wich einem zu hastig abgefeuerten Pfeil aus. Er erreichte die Männer und schnitt dem Bogenschützen mit beinahe verächtlicher Geste die Kehle durch. Der andere versuchte ihn zu erstechen, doch der Brustpanzer hielt dem Stoß leicht stand. Ein Schlag mit dem Handrücken schickte den Mann zu Boden.
    Julius setzte die Spitze seines Gladius’ auf den Boden und stützte sich darauf. Mit einem Mal war er sehr müde. Sein Atem ging stoßweise, und erst jetzt fiel ihm auf, wie still es in dem Raum war, wie tief unter der eigentlichen Festung sie sich befinden mussten.
    »Das hast du gut gemacht«, sagte der Mann auf dem Stuhl.
    Julius schaute ihn an. Erst aus der Nähe sah er, wie brutal der Mann gefoltert worden war. Sein Gesicht war geschwollen und verschoben, die Finger waren ihm gebrochen worden und standen in grotesken Winkeln ab. Ein Zittern durchlief den Körper des Mannes. Julius nahm an, dass er versuchte, den Rest Selbstbeherrschung, der ihm noch geblieben war, nicht auch noch zu verlieren.
    »Schneidet ihn los!«, befahl er und half dem Gefangenen auf, sobald er seine Fesseln los war. Der Mann war sehr unsicher auf den Beinen. Unwillkürlich stützte er eine Hand auf den Stuhl, stöhnte jedoch sofort vor Schmerzen auf. Er verdrehte die Augen nach oben, aber unter Julius’ festem Griff fasste er sich wieder.
    »Wer bist du?«, fragte Julius und überlegte, was nun mit dem Befreiten geschehen sollte.
    »Ich bin Paulus, der Statthalter. Man könnte sagen… das ist meine Festung.« Von Erschöpfung und Erleichterung übermannt, schloss er beim Sprechen die Augen. Julius bewunderte die Haltung des Mannes.
    »Noch nicht, Herr«, erwiderte er. »Über uns wird gekämpft, und wir müssen wieder hinauf. Ich schlage vor, wir suchen einen sicheren Ort für dich, wo du den Ausgang abwarten kannst. Du siehst nicht gerade so aus, als könntest du dich uns anschließen.«
    Tatsächlich war jede Farbe aus dem Gesicht des Mannes gewichen. Seine Haut war schlaff und aschgrau. Er war etwa fünfzig Jahre alt, von kräftiger Statur, und hatte einen leichten Bauchansatz. Julius vermutete, dass er früher einmal Soldat gewesen war. Doch die Zeit und ein geruhsames Leben hatten ihm seine Kraft genommen, zumindest die Kraft seiner Muskeln.
    Der Statthalter richtete sich ein wenig auf. Die immense Willensanstrengung war ihm dabei deutlich anzusehen.
    »Ich komme mit euch, so weit ich kann. Meine Hände sind zerschlagen, also kann ich nicht kämpfen. Aber ich will wenigstens aus diesem stinkenden Dreckloch hier heraus.«
    Julius nickte und gab zweien seiner Männer ein Zeichen.
    »Nehmt vorsichtig seine Arme, tragt ihn, wenn ihr müsst. Wir müssen Gaditicus zu Hilfe eilen.«
    Mit diesen Worten stürmte Julius die Treppe hinauf. Seine Gedanken waren schon wieder bei der Schlacht über ihm.
    »Komm, Herr! Stütz dich auf mich!«, sagte einer der beiden Männer und legte sich einen Arm des Statthalters auf die Schultern. Als sich dabei seine zerschmetterten Hände bewegten, schrie der Geschundene vor Schmerz auf und biss dann die Zähne aufeinander.
    »Bringt mich schnell hier raus!«, befahl er knapp. »Wer war der Offizier, der mich befreit hat?«
    »Das war Cäsar, Herr«, antwortete der Soldat und sie machten sich an den mühsamen Aufstieg. Am Ende der ersten Treppe war der Statthalter vor Schmerz ohnmächtig geworden, und sie kamen wesentlich schneller voran.

2

    Sulla lächelte und nahm einen tiefen Schluck aus einem silbernen Kelch. Seine Wangen waren vom Wein gerötet, und seine Augen machten Cornelia Angst. Sie saß auf einer Liege, die er hatte herbeischaffen lassen.
    Seine Männer hatten sie in der Hitze des Nachmittags abgeholt, in der ihr die weit fortgeschrittene Schwangerschaft schwer zu schaffen machte. Cornelia versuchte ihr Unwohlsein und ihre Angst vor dem Diktator Roms zu verbergen, aber ihre Hände, die einen Becher kühlen Weißweins umfasst hielten, den er ihr angeboten hatte, zitterten verräterisch. Sie nippte sparsam daran, um ihn nicht zu verärgern, wünschte sich dabei jedoch nichts sehnlicher, als seine prunkvollen Gemächer endlich wieder gegen die Geborgenheit ihres eigenen Heimes einzutauschen.
    Seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen, doch sie vermied es, ihn direkt anzusehen. Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
    »Fühlst du dich wohl?«, fragte er. In seiner Stimme lag ein drohender Unterton, der sofort Panik in ihr aufsteigen ließ.
    Beruhige dich, befahl sie sich selbst. Das Kind spürt deine Angst. Denk an Julius. Er würde wollen, dass du stark bist.
    Als sie antwortete, klang ihre Stimme beinahe gefasst.
    »Deine Männer haben an alles gedacht. Sie haben sich sehr zuvorkommend verhalten, aber sie haben mir nicht gesagt, weswegen du meine Anwesenheit verlangst.«
    »Verlangen? Was für eine merkwürdige Wortwahl«, erwiderte er leise. »Die meisten Menschen würden ein solches Wort nicht in Bezug auf eine Frau verwenden, die nur wenige Wochen vor der Niederkunft steht.«
    Cornelia sah ausdruckslos zu, wie er seinen Kelch mit genießerischem Schmatzen leerte. Dann stand er unvermittelt auf, wandte ihr den Rücken zu und füllte ihn erneut aus der Amphore. Achtlos ließ er den Stöpsel fallen, der auf dem Marmorboden davonrollte.
    Fast hypnotisiert sah sie zu, wie der Verschluss auf den Fliesen kreiselte und dann ausrollte. Als er endlich zur Ruhe kam, fuhr Sulla mit träger, vertraulicher Stimme fort.
    »Ich habe gehört, eine Frau sei nie schöner, als wenn sie in der Hoffnung ist. Aber das stimmt nicht immer, nicht wahr?«
    Er trat näher an sie heran und deutete mit dem Kelch auf sie, wobei ein wenig Wein über den Rand schwappte.
    »Ich… Ich weiß es nicht, Herr. Es…«
    »Oh, ich habe welche gesehen. Watschelnde, blökende, schwitzende Färsen mit struppigem Haar und fleckiger Haut. Gewöhnliche Frauen, von niederer Herkunft. Wohingegen eine echte römische Dame… Nun ja…«
    Er drängte sich noch näher an sie heran, und Cornelia unterdrückte nur mit Mühe das Bedürfnis, von ihm abzurücken. Ein seltsamer Glanz lag in seinen Augen. Sie dachte daran, zu schreien, aber wer sollte ihr hier zu Hilfe kommen? Wer würde es wagen, ihr zu Hilfe zu kommen?
    »Eine römische Dame ist wie eine reife Frucht. Ihre Haut leuchtet, ihr Haar ist von glänzendem Schimmer.«
    Seine Stimme ging in heiseres Murmeln über, und noch beim Sprechen streckte er die Hand aus und legte sie auf ihren gewölbten Bauch.
    »Bitte…«, flüsterte sie flehend, doch er schien sie nicht zu hören. Seine Hand wanderte über ihren Körper und ertastete die üppigen Rundungen.
    »O ja, du besitzt diese Schönheit, Cornelia.«
    »Bitte, ich bin müde und möchte jetzt gerne nach Hause gehen. Mein Gemahl…«
    »Julius? Ein sehr undisziplinierter junger Mann. Er hat sich geweigert, dich aufzugeben. Hast du das gewusst? Aber jetzt verstehe ich, warum.«
    Seine Finger ertasteten ihre Brüste. In diesem späten Stadium der Schwangerschaft schmerzten sie und waren so geschwollen, dass das Mamillare sie kaum halten konnte. Hilflos und verzweifelt schloss sie die Augen, als seine Hände darüber strichen. Tränen schossen ihr in die Augen.
    »Was für eine köstliche Last«, flüsterte er mit vor Verlangen entstellter Stimme. Ohne Vorwarnung beugte er sich zu ihr herab, presste seinen Mund auf ihren und zwängte seine dicke Zunge durch ihre Lippen. Der fade Weingeschmack verursachte bei ihr ein reflexartiges Würgen. Er ließ von ihr ab und wischte sich mit dem Handrücken über die offenen Lippen.
    »Bitte tu dem Kind nichts«, sagte sie mit gebrochener Stimme. Die Tränen, die ihr über die Wangen strömten, schienen Sulla anzuekeln. Sein Mund zuckte verärgert und er wandte sich ab.
    »Sieh zu, dass du nach Hause kommst. Deine Nase läuft, und der Augenblick ist ohnehin verdorben. Aber wir sehen uns wieder.«
    Als sie, fast blind von Tränen und von Schluchzen geschüttelt, den Raum verließ, ging er erneut zu der Amphore und füllte seinen Becher nach.
    Julius brüllte, als er und seine Männer in den kleinen Hof stürmten, in dem Gaditicus gegen die letzten Rebellen kämpfte. Als seine Legionäre auf die Flanke der Aufständischen prallten, brach in der Dunkelheit sofort Verwirrung aus, die die Römer zu ihrem Vorteil nutzten. Von ihren Schwertern in Stücke gerissen, ging einer nach dem anderen tot zu Boden. Nach kürzester Zeit standen nicht einmal mehr zwanzig der Rebellen den Legionären gegenüber.
    »Lasst eure Waffen fallen!«, brüllte Gaditicus befehlend.
    Zuerst zögerten sie einen Moment, dann jedoch hörte man Schwerter und Dolche klirrend auf die Steinplatten fallen, und die Feinde gaben auf. Die schweißüberströmten Männer keuchten heftig, aber sie spürten doch die freudige Ungläubigkeit dessen in sich aufsteigen, der überlebt hat, wo andere gefallen sind.
    Mit unbewegten Gesichtern umstellten die Legionäre sie.
    Gaditicus wartete, bis die Waffen der Rebellen fortgeschafft worden waren und die Männer sich in einer finster schweigenden Gruppe zusammendrängten.
    »Und jetzt tötet sie alle!«, bellte er und die Legionäre machten sich ein letztes Mal an die Arbeit. Verzweifelte Schreie wurden laut, doch bald war es vorbei und der kleine Hof lag ruhig da.
    Julius holte tief Luft, als wollte er die Lungen von dem Geruch von Rauch, Blut und aufgerissenen Gedärmen reinigen. Er hustete und spuckte auf den Steinboden, bevor er sein Gladius an einem Leichnam abwischte. Die Klinge war voller Scharten und beinahe unbrauchbar geworden. Es würde Stunden dauern, die Scharten herauszuwetzen, deshalb war es wahrscheinlich besser, das Schwert stillschweigend gegen ein anderes aus der Waffenkammer zu ersetzen. Da sein Magen nun ein wenig aufbegehrte, konzentrierte er sich noch mehr auf die Klinge und auf die Arbeit, die jetzt getan werden musste, bevor sie auf die Accipiter zurückkehren konnten. Er hatte schon einmal aufgeschichtete Leichen gesehen, und bei dieser Erinnerung an den Morgen nach dem Tod seines Vaters glaubte er plötzlich den Geruch nach verbranntem Fleisch wieder in der Nase zu haben.
    »Ich glaube, das war der Letzte«, sagte Gaditicus. Er war blass vor Erschöpfung und stützte vornüber gebeugt die Hände auf die Knie.
    »Wir warten bis zum Morgen und überprüfen noch einmal jede Tür, für den Fall, dass sich noch welche irgendwo im Dunkeln versteckt halten.« Er richtete sich auf und zuckte zusammen, als sich sein Rücken knackend streckte. »Deine Männer sind spät zu Hilfe gekommen, Cäsar. Wir waren lange ganz auf uns allein gestellt.«
    Julius nickte. Zuerst dachte er daran, dem Zenturio zu erklären, was alles nötig gewesen war, um überhaupt zu ihm zu stoßen, doch er sagte kein Wort. Suetonius grinste ihn an. Er drückte ein Tuch auf eine Schnittwunde an der Wange. Julius hoffte, dass das Nähen gehörig schmerzen würde.
    »Er wurde aufgehalten, weil er mich gerettet hat, Zenturio«, sagte eine Stimme. Der Statthalter war wieder zu Bewusstsein gekommen und stützte sich auf die Schultern der beiden Männer, die ihn trugen. Seine Hände, violett verfärbt und unförmig geschwollen, sahen kaum noch wie Hände aus.
    Gaditicus erkannte den römischen Schnitt der schmutzigen, vor Dreck und Blut starrenden Toga. Die Augen des Mannes wirkten erschöpft, doch die Stimme war trotz der aufgeplatzten Lippen klar und deutlich.
    »Statthalter Paulus?«, fragte Gaditicus zögernd und salutierte, als der Stadtkommandant nickte.
    »Uns wurde berichtet, du seiest tot«, erklärte Gaditicus.
    »Ja… so sah es für mich auch eine Zeit lang aus.«
    Dann hob Paulus den Kopf und verzog den Mund zu einem kleinen Lächeln.
    »Herzlich willkommen in der Festung Mytilene, meine Herren.«
    Clodia schluchzte verzweifelt, als Tubruk in der leeren Küche einen Arm um sie legte.
    »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, stammelte sie. Ihre Stimme wurde von seiner Tunika gedämpft. »Er ist immer und immer wieder hinter ihr her gewesen, während der ganzen Schwangerschaft.«
    »Nun komm schon… beruhige dich.« Tubruk tätschelte ihren Rücken und versuchte die Angst zu unterdrücken, die in ihm aufgestiegen war, als er Clodias staubiges, von Tränen überströmtes Gesicht entdeckt hatte. Er kannte Cornelias Amme zwar nicht sehr gut, was er jedoch von ihr mitbekommen hatte, ließ ihn annehmen, dass sie eine unverwüstliche, vernünftige Frau war, die nicht wegen jeder Kleinigkeit zu weinen anfing.
    »Was ist denn los, meine Liebe? Komm, setz dich hier hin und erzähl mir, was passiert ist.«
    Es fiel ihm nicht leicht, seine Stimme so ruhig und bedacht klingen zu lassen. Bei den Göttern… war womöglich das Kind tot? Es konnte jetzt jeden Moment so weit sein, und eine Geburt war immer riskant. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er hatte Julius versprochen, in seiner Abwesenheit auf Cornelia Acht zu geben, aber bis jetzt war doch alles in Ordnung gewesen. Cornelia war zwar die letzten paar Monate ziemlich zurückhaltend gewesen, aber andererseits hatten viele junge Mädchen Angst, wenn ihre erste Geburt bevorstand.
    Clodia ließ sich willenlos von ihm zu einer Bank an den Öfen führen. Dort setzte sie sich, ohne zuvor den Sitzplatz auf Fettspuren oder Ruß zu überprüfen, was Tubruk noch mehr Angst machte. Er goss ihr einen Becher Apfelsaft ein, und sie trank mit großen Schlucken. Langsam verebbte ihr Schluchzen, bis sie nur noch ein wenig zitterte.
    »Und jetzt sag mir genau, was los ist«, sagte Tubruk. »Für die meisten Probleme gibt es auch eine Lösung, ganz egal, wie schlimm sie zu Anfang auch scheinen mögen.«
    Er wartete geduldig, bis sie ausgetrunken hatte, und nahm ihr dann vorsichtig den Becher aus der kraftlosen Hand.
    »Es geht um Sulla«, flüsterte sie. »Er quält Cornelia. Sie weigert sich, mir alle Einzelheiten zu erzählen, aber er lässt sie zu jeder Tages- und Nachtzeit von seinen Männern zu sich holen, obwohl sie schwanger ist. Und jedes Mal, wenn sie zurückkommt, weint sie.«
    Tubruk wurde blass vor Wut.
    »Hat er ihr etwas angetan? Oder dem Kind?«, fragte er gepresst und trat näher.
    Clodia wich der ungewohnten Nähe aus. Ihr Mund zitterte noch, doch allmählich fand sie ihre Beherrschung wieder.
    »Bis jetzt noch nicht, aber es wird jedes Mal schlimmer. Sie hat mir erzählt, dass er immer betrunken ist und dann… Hand an sie legt.«
    Tubruk schloss einen Moment die Augen, denn er wusste, dass er jetzt ruhig bleiben musste. Das einzig sichtbare Zeichen für seine innere Aufgewühltheit war die zur Faust geballte Hand. Doch als er wieder zu sprechen ansetzte, glitzerten seine Augen gefährlich.
    »Weiß ihr Vater das?«
    Unwillkürlich ergriff Clodia seinen Arm.
    »Cinna darf das niemals erfahren! Es würde ihn zerbrechen. Er könnte Sulla im Senat nicht gegenüberstehen, ohne ihn zu beschuldigen, und wenn er in der Öffentlichkeit etwas sagt, töten sie ihn dafür. Nein, man darf es ihm auf gar keinen Fall sagen!«
    Ihre Stimme wurde immer lauter, und Tubruk tätschelte ihr besänftigend den Arm.
    »Von mir wird er es nicht erfahren.«
    »Ich habe niemanden außer dir, der mir hilft, sie zu beschützen«, sagte Clodia mit gebrochener Stimme und sah ihn mit flehendem Blick an.
    »Du hast gut daran getan, dich an mich zu wenden, meine Liebe. Sie trägt ein Kind dieses Hauses unter ihrem Herzen. Aber ich muss ganz genau wissen, was geschehen ist. Hast du verstanden? Es darf keinen Irrtum geben. Begreifst du, wie wichtig das ist?«
    Sie nickte zustimmend und wischte sich hastig über die Augen.
    »Ich will es hoffen«, fuhr er fort. »Als Diktator von Rom ist Sulla von Rechts wegen nahezu unantastbar. Natürlich könnten wir den Fall vor den Senat bringen, aber kein Senatsmitglied würde es je wagen, die Anklage zu übernehmen, denn das bedeutete den sicheren Tod. So sieht also ihr ach so kostbares ›Gleichheitsrecht‹ in Wirklichkeit aus. Und was ist sein Verbrechen? Dem Gesetz nach hat er keines begangen, aber wenn er sie angefasst und verängstigt hat, dann fordern die Götter eine Bestrafung, auch wenn der Senat keine verlangt.«
    Clodia nickte erneut. »Ich verstehe, dass…«
    »Das musst du auch«, fiel er ihr abrupt ins Wort. Seine Stimme war leise und sehr eindringlich geworden. »Es bedeutet nämlich, dass alles, was uns zu tun bleibt, gegen das Gesetz verstößt. Und bei einem Angriff auf Sullas Leben bedeutet ein Fehlschlag den sicheren Tod – Cinnas, deinen, den von Julius’ Mutter, den aller Bediensteten, der Sklaven, Cornelias, des Kindes, von jedem von uns. Und man würde auch Julius aufspüren, ganz egal, wo er sich versteckt hält.«
    »Du willst Sulla töten?«, flüsterte Clodia und rückte wieder näher an ihn heran.
    »Wenn sich alles so verhält, wie du es geschildert hast, dann werde ich ihn ganz sicher töten«, versprach er ernst. Einen Moment lang sah sie den Furcht erregenden, grimmigen Gladiator vor sich, der er einmal gewesen war.
    »Gut, genau das ist es, was er verdient. Dann wird Cornelia endlich diese dunkle Zeit hinter sich lassen und ihr Kind in Frieden austragen können.«
    Sie rieb sich mit der Hand über die Augen. Ein Teil des Kummers und der Sorge war sichtlich von ihr genommen.
    »Weiß sie, dass du dich an mich gewendet hast?«, fragte er ruhig.
    Clodia schüttelte den Kopf.
    »Sehr gut! Dann erzähl ihr auch nichts davon, was ich dir gesagt habe. Für solche Kümmernisse steht sie viel zu nah vor der Geburt.«
    »Und… danach?«
    Tubruk kratzte sich das kurz geschorene Haar am Hinterkopf.
    »Auch danach nicht! Lass sie einfach glauben, es sei einer seiner Feinde gewesen. Er hat schließlich genug davon. Es muss unser Geheimnis bleiben, Clodia. Sulla hat Anhänger, die auch noch Jahre nach seinem Tod nach Blutrache schreien werden, sollte die Wahrheit je ans Tageslicht kommen. Ein falsches Wort von dir zu jemand anderem, der es wiederum einem guten Freund erzählt, und noch vor dem nächsten Morgengrauen stehen die Wachen vor dem Tor, um Cornelia und das Kind zur Folter abzuholen.«
    »Ich sage niemandem etwas«, schwor sie flüsternd und sah ihn lange an. Schließlich senkte sie den Blick, und er seufzte schwer.
    »Jetzt fang noch einmal ganz von vorne an und lass nichts aus. Schwangere Frauen haben oft eine rege Phantasie, und bevor ich alles aufs Spiel setze, was mir lieb und teuer ist, muss ich absolut sicher sein.«
    Eine ganze Stunde lang saßen sie da und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Am Ende der Unterredung zeigte die Hand, die sie ihm auf den Arm gelegt hatte, trotz des hässlichen Themas, das sie miteinander zu besprechen hatten, den Beginn einer verhalten aufkeimenden Anziehung an.
    »Eigentlich hatte ich vor, mit der nächsten Flut schon wieder auf See zu sein und nicht an einer Parade teilzunehmen«, hatte Gaditicus verärgert gesagt.
    »Aber da hast du mich noch für tot gehalten«, hatte Statthalter Paulus erwidert. »Da ich nun, wenn auch schwer angeschlagen, noch am Leben bin, halte ich es für überaus wichtig, zu zeigen, dass mir die Unterstützung Roms weiterhin sicher ist. Das wird weitere… Anschläge auf meine Würde entmutigen.«
    »In dieser Festung muss sich jeder junge Krieger dieser Insel versteckt gehalten haben, dazu eine beträchtliche Anzahl vom Festland. Die Hälfte der Familien in der Stadt betrauern den Tod des Vaters oder eines Sohnes. Wir haben ihnen sehr deutlich gezeigt, was es bedeutet, Rom gegenüber ungehorsam zu sein. Sie werden sich nicht wieder gegen dich erheben.«
    »Glaubst du?«, hatte Paulus mit einem trockenen Lächeln erwidert. »Wie wenig du diese Menschen doch kennst. Seit Athen der Mittelpunkt der Welt war, kämpfen sie gegen ihre Eroberer. Jetzt sind die Römer hier, und sie kämpfen weiter. Diejenigen, die gestorben sind, haben Söhne zurückgelassen, die zu den Waffen greifen, sobald sie dazu in der Lage sind. Das hier ist eine sehr schwierige Provinz.«
    Die Disziplin hatte Gaditicus von weiteren Einwänden abgehalten. Er sehnte sich zurück aufs Meer und auf das Deck der Accipiter, aber Paulus hatte darauf bestanden, hatte sogar befohlen, dass vier Legionäre zu seinem Schutz auf der Insel zurückblieben. Bereits bei diesem Befehl wäre Gaditicus um ein Haar auf sein Schiff zurückgegangen, doch ein paar ältere Männer hatten sich freiwillig gemeldet, weil sie diese einfache Pflicht der Piratenjagd vorzogen.
    »Vergesst nie, was mit den letzten Wachen geschehen ist«, hatte Gaditicus sie gewarnt. Aber das war nur eine leere Drohung, wie sie sehr wohl wussten. Der Scheiterhaufen, auf dem die Rebellen verbrannt worden waren, hatte eine dicke schwarze Rauchwolke in den Himmel geschickt, die noch Meilen entfernt gut zu sehen gewesen war. Bei dieser Aufgabe hier würden sie bis zu ihrer Verabschiedung aus der Armee mit Sicherheit ein vergleichsweise ruhiges Leben führen.
    Gaditicus fluchte leise vor sich hin. Im kommenden Jahr würde er nur sehr wenige gute Männer zur Verfügung haben. Es hatte sich herausgestellt, dass der alte Mann, den Cäsar mit an Bord gebracht hatte, sehr geschickt im Versorgen von Wunden war. Damit konnten vielleicht einige ihrer Verletzten vor zu früher Entlassung und Verarmung bewahrt werden. Aber auch Cabera konnte keine Wunder bewirken, so dass sie zumindest die Versehrten unter seinen Männern im nächsten Hafen absetzen mussten, wo sie auf ein langsames Handelsschiff warten konnten, das sie zurück nach Rom brachte. Die Zenturie der Galeere hatte in Mytilene ein Drittel ihrer Männer verloren. Man würde zwar einige Beförderungen aussprechen müssen, doch auch das ersetzte ihm nicht die siebenundzwanzig Mann, die im Kampf gefallen waren. Vierzehn von ihnen waren tüchtige Hastati gewesen, die seit mehr als zehn Jahren auf der Accipiter gedient hatten.
    Gaditicus seufzte leise. Nur um ein paar junge Hitzköpfe auszuräuchern, die nach den Geschichten ihrer Großväter zu leben versuchten, hatte er gute Männer opfern müssen. Er konnte sich die Reden, die sie geschwungen hatten, sehr gut vorstellen. Aber die Wahrheit war, dass Rom ihnen die Zivilisation gebracht hatte, und einen kleinen Ausblick auf das, was der Mensch erreichen konnte. Alles, wofür die Rebellen gekämpft hatten, war das Recht, in Lehmhütten zu hausen und sich am Hintern zu kratzen, doch das wollten sie einfach nicht begreifen. Er erwartete ja gar nicht, dass sie dankbar waren. Dafür hatte er zu lange gelebt und zu viel gesehen. Aber er verlangte ihren Respekt, und das schlecht geplante Durcheinander in der Festung hatte ziemlich wenig davon gezeigt. Neunundachtzig Feindesleichen waren bei Sonnenaufgang verbrannt worden. Die toten Römer hingegen hatte man zum Schiff zurückgetragen, um sie später auf See zu bestatten.
    Diese und ähnliche wütende Gedanken gingen ihm im Kopf herum, als er in seiner besten Rüstung in die Stadt Mytilene einzog. Hinter ihm schritt der Rest seiner erschöpften Zenturie. Dunkle, tief hängende Wolken kündigten Regen an, und die heiße, stickige Luft passte perfekt zu seiner Laune.
    Julius marschierte nach den Schlägen, die er in der vergangenen Nacht eingesteckt hatte, ziemlich steif dahin. Erstaunt hatte er die vielen kleinen Schnitte und Kratzer gezählt, die er abbekommen hatte, ohne es überhaupt zu merken. Sein Brustkorb war auf der ganzen linken Seite von oben bis unten blau, und eine glänzende gelbe Beule stand an einer seiner Rippen hervor. Er glaubte nicht, dass die Rippe gebrochen war, dennoch würde er Cabera bitten, sie sich anzusehen, sobald sie wieder auf der Accipiter waren.
    Was den Nutzen ihres Einzugs in die Stadt betraf, war er anderer Meinung als Gaditicus. Der Zenturio war zwar bereit, einen Aufstand niederzuschlagen, aber dann verschwand er lieber und überließ die Politik anderen. Dabei war es sehr wichtig, die Stadt daran zu erinnern, dass der römische Statthalter nicht angerührt werden durfte.
    Er sah zu Paulus hinüber und betrachtete dessen dick verbundene Hände und das immer noch verquollene Gesicht. Julius bewunderte ihn, weil er sich geweigert hatte, sich in einer Sänfte tragen zu lassen. Der Statthalter war fest entschlossen, sich nach seinem Martyrium ungeschlagen zu zeigen. Julius hatte nichts dagegen einzuwenden, dass der Mann an der Spitze einer Armee in die Stadt einziehen wollte. Männer wie Paulus gab es überall auf römischem Boden. Sie erhielten nur sehr wenig Unterstützung durch den Senat und regierten wie kleine Könige, obwohl ihr Durchsetzungsvermögen meist vom guten Willen der Bevölkerung abhing. Versiegte dieser gute Wille, so machten ihnen tausend Kleinigkeiten das Leben schwer, wie Julius wohl wusste. Kein Holz und keine Lebensmittellieferungen, es sei denn unter vorgehaltenem Schwert, dazu zerstörte Straßen und niedergebrannte Gehöfte. Alles nichts, wofür man die Soldaten ausrücken ließ, aber eben unaufhörliche, lästige Ärgernisse.
    Nach dem, was der Statthalter von seinem Leben erzählte, schien er Herausforderungen zu mögen. Julius war sehr überrascht gewesen, als er gemerkt hatte, dass Paulus offensichtlich wenig Zorn über seine durchlittene Gefangenschaft verspürte, dafür umso mehr Traurigkeit über den Verrat der Menschen, denen er vertraut hatte. Julius fragte sich, ob Paulus auch in Zukunft wieder so vertrauensselig sein würde.
    Die Legionäre marschierten durch die Stadt und ignorierten die starren Blicke und die plötzlichen, hektischen Bewegungen, mit denen die Mütter ihre spielenden Kinder von der Straße zerrten. Die meisten Römer verspürten die Nachwirkungen der vorangegangenen Nacht und waren froh, endlich die Residenz des Statthalters im Zentrum der Stadt zu erreichen. Vor dem Gebäude formierten sie sich zu einem Quadrat, und in der Schönheit der weißen Mauern und der mit Ornamenten verzierten Wasserbecken erkannte Julius einen der Vorteile von Paulus’ Posten. Es war ein Stück Rom, das hier in die griechische Landschaft versetzt worden war.
    Paulus lachte laut auf, als seine Kinder zur Begrüßung auf ihn zugerannt kamen. Er ging in die Knie und ließ sich umarmen, hielt dabei aber seine gebrochenen Hände vorsichtig in die Luft. Auch seine Frau kam heraus, und selbst aus der zweiten Reihe sah Julius Tränen in ihren Augen schimmern. Paulus hatte Glück.
    »Tesserarius Cäsar, tritt vor«, befahl Gaditicus und schreckte Julius aus seinen Gedanken auf. Rasch trat Julius aus der Reihe und salutierte. Gaditicus musterte ihn mit ausdruckslosem Gesicht.
    Paulus verschwand mit seiner Familie im Haus, und alle Soldaten, egal welchen Ranges, warteten geduldig. Sie waren alle froh, ohne eine bestimmte Aufgabe einfach nur herumstehen zu können.
    Julius’ Gedanken überschlugen sich. Er fragte sich, warum er als Einziger hatte hervortreten müssen und wie sich Suetonius wohl fühlen würde, falls er jetzt befördert wurde. Der Statthalter konnte Gaditicus zwar nicht dazu zwingen, ihm einen neuen Posten zu geben, aber seine Empfehlung würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ignoriert werden können.
    Schließlich trat Paulus mit seiner Frau an seiner Seite wieder aus dem Haus heraus. Er holte tief Luft, um alle Männer anzusprechen. Seine Stimme klang freundlich und kräftig zugleich.
    »Ihr habt mich wieder auf meinen Posten und zu meiner Familie zurückgebracht. Rom dankt euch für eure Dienste. Zenturio Gaditicus hat einem Gastmahl für euch in meinem Hause zugestimmt. Meine Bediensteten bereiten für euch das beste Essen und die besten Getränke, die mein Haus zu bieten hat.« Er hielt inne und sein Blick fiel auf Julius.
    »In der vergangenen Nacht bin ich Zeuge großer Tapferkeit geworden, ganz besonders seitens eines Mannes, der sein eigenes Leben riskiert hat, um das meine zu retten. Ihm verleihe ich den Ehrenkranz, um ihn und seinen Mut zu würdigen. Rom hat tapfere Söhne, und ich stehe hier und heute vor euch, als lebender Beweis dafür.«
    Seine Frau trat mit einem Kranz aus grünen Eichenblättern vor. Julius rührte sich, und als Gaditicus ihm zunickte, nahm er den Helm ab, um den Kranz aus den erhobenen Händen entgegenzunehmen. Er wurde rot, und plötzlich jubelten die Männer hinter ihm. Allerdings war er sich nicht ganz sicher, ob sie ihn der Auszeichnung wegen als einen der ihren bejubelten, oder wegen des in Aussicht gestellten Festmahles.
    »Vielen Dank, ich…«, stotterte er.
    Paulus’ Frau legte ihre Hand auf die seine, und Julius sah, dass Schminke die dunklen Ringe der durchlittenen Angst unter ihren Augen verdeckte.
    »Du hast ihn mir wieder zurückgebracht.«
    Gaditicus bellte den Befehl, die Helme abzunehmen, und folgte dem Statthalter dorthin, wo die Bediensteten das Essen auftrugen. Er hielt Julius für einen Moment zurück, und als es um sie herum ein wenig ruhiger war, bat er ihn, ihm den Kranz zu zeigen. Julius reichte ihn ihm schnell und versuchte nicht vor Freude und Aufregung laut loszuschreien.
    Gaditicus drehte den dunklen Blätterreif zwischen den Händen.
    »Verdienst du ihn?«, fragte er ruhig.
    Julius zögerte. Zwar hatte er sein Leben riskiert und im tiefsten Raum der Festung eigenhändig zwei Männer überwältigt, doch der Kranz war trotz allem eine Auszeichnung, mit der er nicht gerechnet hatte.
    »Nicht mehr als viele andere unserer Männer, Herr«, erwiderte er.
    Gaditicus sah ihn unverwandt an und nickte dann zufrieden.
    »Das ist eine gute Antwort. Trotzdem muss ich sagen, ich war sehr zufrieden, als ich gesehen habe, wie du die Drecksbande letzte Nacht in die Zange genommen hast.«
    Er grinste über Julius’ Gesichtsausdruck, der sehr schnell von Freude zu Verlegenheit wechselte.
    »Trägst du den Kranz unter dem Helm oder oben drauf?«
    Julius machte einen nervösen Eindruck. »Ich…ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht. Ich nehme an, wenn wir wieder in den Kampf ziehen, lasse ich ihn auf dem Schiff.«
    »Bist du sicher? Vielleicht laufen die Piraten ja vor Angst davon, wenn sie einen Mann sehen, der Blätter auf dem Kopf trägt?«
    Julius wurde wieder rot. Gaditicus lachte und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.
    »Ich wollte dich nur foppen, mein Junge. Es ist eine seltene Ehre, und darum werde ich dich befördern müssen. Schließlich kann ich keinen kleinen Wachoffizier mit einem Ehrenkranz an Bord haben. Ab sofort unterstelle ich zwanzig Mann deinem Kommando.«
    »Danke, Herr«, antwortete Julius freudig. Seine Laune wurde immer besser.
    Gaditicus rieb gedankenverloren die Blätter zwischen den Fingern.
    »Irgendwann wirst du ihn in Rom tragen müssen. Wenigstens einmal, denn das erwartet man von dir.«
    »Warum denn, Herr? Diese Sitte kenne ich nicht.«
    »Zumindest ich würde es so machen, denn das sind die Gesetze Roms, Junge. Wenn du mit einem Ehrenkranz zu einer öffentlichen Veranstaltung gehst, muss jeder aufstehen. Jeder, selbst der Senat.«
    Der Zenturio lachte leise. »Das ist bestimmt ein herrlicher Anblick. Komm nach, wenn du dich wieder gefasst hast. Ich passe auf, dass sie dir etwas von dem Wein übrig lassen. Du siehst aus, als könntest du einen kräftigen Schluck vertragen.«

3

    Im grauen Abendlicht kletterte Brutus hastig an der Seite des Hauses herunter und riss dabei einen Großteil der Kletterrosen ab. Knapp über dem Boden verfing sich sein Fuß in einer Dornenranke, und er fiel flach auf den Rücken. Dabei rutschte sein Schwert klirrend über das Pflaster. Hastig befreite er sich von den Dornen und rappelte sich wieder auf. Von oben ertönte wütendes Gebrüll, dann trat Livias Vater ans Fenster und blickte auf den Eindringling herab. Brutus schaute zu ihm hinauf, zerrte seine Bracae hoch und stieß einen kurzen Schmerzenslaut aus, weil der Stoff an einem Dorn in seinem Oberschenkel hängen blieb.
    Livias Vater war ein Bulle von einem Mann, der eine schwere Axt wie ein Kriegsbeil trug und sich anscheinend gerade überlegte, ob er Brutus mit einem gut gezielten Wurf erwischen konnte.
    »Ich krieg dich, du Hund!«, brüllte der Mann zu ihm herunter und spuckte dabei vor Zorn durch seinen Bart.
    Brutus machte ein paar Schritte rückwärts und versuchte seinen Gladius wieder aufzuheben, ohne dabei den Blick von dem rotgesichtigen Griechen abzuwenden. Mit einer Hand hielt er die Bracae fest, mit der anderen tastete er nach dem Schwertknauf. Er wünschte, er hätte während der sportlichen Liebesspiele mit Livia wenigstens die Sandalen anbehalten. Falls ihr Vater versuchte, ihre Unschuld zu bewahren, dann war er etwa drei Jahre zu spät dran, dachte Brutus. Er überlegte, ob er dem tobenden Mann über sich diese Information zuteil werden lassen sollte, aber Livia war anständig zu dem jungen Römer gewesen. Trotzdem hätte sie besser erst nachgesehen, ob die Luft rein war, bevor sie ihn zu sich in ihr Zimmer zerrte, als er daran vorbeiging. Da sie bereits nackt war, hatte er es als eine Frage der Höflichkeit betrachtet, seine Sandalen auszuziehen, bevor sie beide aufs Bett fielen. Diese Höflichkeit würde ihn nun auf der Flucht durch die verschlafene Stadt teuer zu stehen kommen.
    Renius lag sicher noch schnarchend in dem Zimmer, für das Brutus gezahlt hatte. Nachdem sie fünf Nächte im Freien kampiert hatten, waren sie beide froh gewesen, ihre Reise mit der Aussicht auf ein heißes Bad und eine Rasur zu unterbrechen. Doch wie es jetzt aussah, würde wohl nur Renius diesen Luxus genießen können, während Brutus in die Hügel flüchtete.
    Unentschlossen trat er von einem Fuß auf den anderen und wog seine Möglichkeiten ab. Leise verfluchte er Renius. Einmal, weil er mitten in einer solchen Krisensituation einfach schlief, hauptsächlich jedoch deshalb, weil dieser ihn davon überzeugt hatte, dass ein Pferd ihre Ersparnisse auffressen würde, noch bevor sie die Küste erreicht und eine Überfahrt nach Rom gefunden hätten. Renius hatte gesagt, ein Legionär könne ohne Schwierigkeiten den ganzen Weg zu Fuß gehen. Jetzt aber wäre für eine schnelle Flucht sogar ein kleines Pony recht praktisch gewesen.
    Das wütende Bartgesicht über ihm war plötzlich verschwunden, und während Brutus noch zögerte, erschien Livia im Fenster. Ihre Haut war von ihrem Liebesspiel noch immer gerötet, eine gute, gesunde Farbe, wie Brutus feststellte. Selbst in dieser Situation musste er ihren wohl geformten Brüsten, die auf dem Fenstersims auflagen, Anerkennung zollen.
    »Lauf!«, flüsterte sie heiser. »Er ist hinter dir her!«
    »Dann wirf mir meine Sandalen herunter. So kann ich nicht rennen!«, zischte Brutus zurück. Gleich darauf kam das Gewünschte zu ihm herabgeflogen, und er band sie eilig fest. Schon waren die klobigen Schritte ihres Vaters zu vernehmen, der sich der Tür näherte. Dann hörte Brutus sogar den zufriedenen Laut, als der Mann ihn immer noch im Hof stehen sah. Ohne sich umzudrehen, sprintete er los, rutschte jedoch mit den eisernen Beschlagnägeln der Sohlen auf dem Pflaster aus. Hinter ihm schrie Livias Vater bereits die ganze Stadt zusammen, um ihn aufzuhalten. Das sorgte für einige Aufregung unter den Einwohnern, die bis jetzt ihren eigenen Geschäften nachgegangen waren. Brutus stöhnte im Laufen auf. Von hier und dort ertönten Antwortrufe, und er hörte, wie sich immer mehr Menschen seinem Verfolger anschlossen.
    Fieberhaft versuchte er sich in dem Gewirr der Straßen zurechtzufinden, das er erst Stunden zuvor auf der Suche nach einem sauberen Zimmer und einer warmen Mahlzeit durchwandert hatte. Livias Vater hatte anfangs eigentlich einen ganz netten Eindruck gemacht. Doch als er den beiden erschöpften Männern sein billigstes Zimmer zeigte, hatte er auch noch keine Axt in der Hand gehabt.
    Brutus bog in vollem Lauf um eine Ecke, wich einem Karren aus und schlug die zupackenden Hände des Besitzers weg. Wie sollte er hier nur herauskommen? Die Stadt schien ein einziges Labyrinth zu sein. Wahllos und ohne sich umzublicken, rannte er nach links oder rechts, der Atem pfiff in seiner Lunge. Soweit war Livia den ganzen Ärger ja noch wert gewesen, aber falls er jetzt getötet werden sollte, war sie als letzte Frau seines Lebens sicherlich nicht die erste Wahl. Er hoffte, dass der Vater seinen Zorn vielleicht an Renius ausließ, und wünschte den beiden in Gedanken viel Glück dabei.
    Die Gasse, durch die er gerade rannte, endete hinter einer Ecke in einer Sackgasse. Eine aufgeschreckte Katze flüchtete vor ihm, als er vor der nächstgelegenen Mauer stehen blieb und einen Blick nach hinten riskierte. Von hier aus gab es kein Entkommen mehr, aber vielleicht hatte er sie ja fürs Erste abgehängt. Er spitzte die Ohren, bevor er sich langsam wieder der Ecke näherte, doch außer dem protestierenden Gejaule der davonrennenden Katze war nichts Bedrohliches zu vernehmen.
    Dann schielte er vorsichtig um die Ecke und schreckte sofort wieder zurück. Die ganze Gasse war voller Männer, die alle in seine Richtung gerannt kamen. Brutus ging in die Hocke und riskierte einen zweiten Blick. Er hoffte, so tief unten würde er nicht gesehen werden.
    Sofort belehrte ihn ein empörter Aufschrei eines Besseren. Brutus stöhnte erneut und zog eilig den Kopf zurück. In seiner Zeit bei der Bronzefaust hatte er ein wenig Griechisch aufgeschnappt, aber sicherlich nicht genug, um sich aus dieser Situation herauszureden.
    Dann fasste er einen Entschluss und stand auf. Er umschloss den Schwertgriff mit der einen Hand und ließ die andere auf die Scheide sinken, damit er sie schnell abziehen konnte. Es war ein sehr gutes Schwert, das er bei einem Wettbewerb in der Legion gewonnen hatte, und wenn es hart auf hart kam, musste er diesen Bauern eben zeigen, dass er diese Klinge wirklich verdient hatte. Noch einmal zog er seine Bracae hoch und holte tief Luft, bevor er in die Gasse hinaustrat, um sich ihnen entgegenzustellen.
    Fünf Männer kamen auf ihn zugerannt. Ihre Gesichter leuchteten vor Aufregung, wie bei kleinen Kindern. Brutus zog mit einem Schwung die Klinge aus der Scheide, um ja keine Zweifel an seiner Absicht aufkommen zu lassen. Langsam und feierlich senkte er die Schwertspitze in ihre Richtung, woraufhin sie erschrocken innehielten. Einen Moment blieben sie wie angewurzelt stehen, und Brutus überlegte fieberhaft. Livias Vater hatte sie noch nicht eingeholt. Vielleicht hatte er eine Chance, den jüngeren Männern hier zu entkommen, bevor der Alte kam und sie aufstachelte. Vielleicht konnte er sie ja irgendwie überzeugen oder sogar bestechen.
    Der Größte aus der Gruppe trat hervor, achtete jedoch darauf, außerhalb der Reichweite des Schwertes zu bleiben, das fest in Brutus’ Hand lag.
    »Livia ist meine Frau«, sagte er klar und deutlich auf Latein.
    Brutus blinzelte ihn überrascht an. »Weiß sie das?«, fragte er.
    Das Gesicht des Mannes verfärbte sich vor Wut, und er zog einen Dolch aus seinem Gürtel. Die anderen folgten seinem Beispiel und brachten Keulen und Klingen zum Vorschein, mit denen sie vor Brutus herumwedelten, um ihn zum Kampf herauszufordern.
    Bevor sie auf ihn einstürmten, setzte Brutus zum Sprechen an. Er versuchte ruhig und unbeeindruckt zu klingen.
    »Ich könnte euch einen nach dem anderen töten, aber ich will nur unbehelligt meiner Wege ziehen. Diese hübsche Klinge habe ich bekommen, weil ich der Beste meiner Legion bin, also überlegt euch jetzt sehr gut, was ihr tut, sonst verlässt keiner von euch lebend diese Gasse.«
    Vier von ihnen sahen ihn ausdruckslos an, bis Livias Ehemann seine Rede übersetzte. Brutus wartete geduldig und hoffte auf eine günstige Antwort. Stattdessen lachten sie nur und drängten näher. Brutus wich einen Schritt zurück.
    »Livia ist ein gesundes Mädchen mit einem gesunden Appetit«, sagte er. »Sie hat mich verführt, nicht umgekehrt. Es ist nicht wert, dafür zu töten.«
    Er wartete auf die Übersetzung für die anderen, doch Livias Mann blieb still. Dann sagte er etwas auf Griechisch, dem Brutus kaum folgen konnte. Ein Teil davon hieß ganz sicher, sie sollten ihn am Leben lassen, was er sehr zu schätzen wusste. Doch der letzte Teil seiner Worte enthielt etwas wie »den Frauen übergeben«, was eindeutig unangenehm klang.
    Livias Mann grinste Brutus anzüglich an. »Einen Verbrecher zu fangen ist ein Fest für uns. Und du wirst der Mittelpunkt dieses Festes sein… das Herz davon!«
    Während Brutus noch über eine Antwort nachdachte, stürmten sie bereits auf ihn ein und ließen von allen Seiten Schläge auf ihn niederprasseln. Einen erwischte er noch mit dem Gladius, dann traf ihn eine pfeifende Keule hinter dem Ohr und schlug ihn bewusstlos.
    Ein leises Knarren weckte Brutus. Während er benommen seine Gedanken ordnete, hielt er die Augen geschlossen und versuchte, seine Umgebung zu erraten, ohne möglichen Beobachtern gleich zu verraten, dass er wieder bei Bewusstsein war. Fast überall am Körper spürte er einen kühlen Wind, und plötzlich wurde ihm klar, dass man ihm sämtliche Kleider ausgezogen hatte. Es gab keine logische Erklärung dafür, und trotz seiner Vorsätze riss er die Augen auf.
    Er baumelte mitten in der Stadt mit dem Kopf nach unten an einem hölzernen Gerüst. Ein verstohlener Blick nach oben bewies, dass er tatsächlich nackt war. Ihm tat alles weh, und die unangenehme Erinnerung daran, wie er als Junge einmal an einem Baum aufgehängt worden war, machte die Sache auch nicht besser.
    Es war dunkel. Ganz in der Nähe hörte er den Lärm einer ausgelassenen Feier. Er schluckte schwer bei dem Gedanken, dass er ein Teil eines ländlichen Rituals sein könnte, und zerrte an den Stricken, mit denen er gefesselt war. Die Anstrengung ließ ihm das Blut in den Kopf schießen, aber die Knoten gaben nicht nach.
    Seine heftigen Bewegungen ließen ihn langsam im Kreis schaukeln, und gelegentlich konnte er sogar den ganzen Platz überblicken. Jedes Haus war hell erleuchtet und wirkte viel lebendiger, als er sich das öde kleine Nest bei seiner Ankunft jemals hätte vorstellen können. Bestimmt kochen sie alle gerade Schweinsköpfe und blasen den Staub von Amphoren mit hausgemachtem Wein, dachte er düster.
    Einen Moment lang übermannte ihn die Verzweiflung. Seine Rüstung war bei Renius im Zimmer, und sein Schwert war verschwunden. Er hatte keine Sandalen, und seine Ersparnisse bezahlten mit Sicherheit gerade die Festlichkeiten, mit denen man sein Ende zu feiern gedachte. Selbst wenn er entkommen konnte, befand er sich nackt und ohne Geld in einem fremden Land. Mit einigem Nachdruck verfluchte er Renius.
    »Nach einem erfrischenden Schlaf habe ich mich ordentlich gestreckt und dabei aus dem Fenster gesehen«, sagte Renius dicht neben seinem Ohr. Um ihn anzusehen, musste Brutus warten, bis er sich an dem Seil wieder herumgedreht hatte.
    Der alte Gladiator war gewaschen und rasiert und amüsierte sich offensichtlich königlich.
    »Ich habe mir gesagt, diese traurige Figur, die da an den Füßen aufgehängt ist, kann unmöglich der allseits beliebte junge Soldat sein, mit dem ich hierher gekommen bin, oder?«
    »Hör mal, ich bin sicher, dass du deinen Kumpanen bestimmt eine lustige Geschichte erzählen wirst, aber ich wäre dir sehr dankbar, wenn du sie nicht gerade jetzt einstudieren und mich stattdessen losschneiden würdest, bevor dich jemand davon abhält.«
    Das knarrende Seil drehte Brutus weiter. Ohne jede Vorwarnung durchschnitt Renius das Seil und ließ Brutus auf den Boden plumpsen. Um sie herum wurden Rufe laut. Brutus versuchte aufzustehen, indem er sich an dem Gerüst hochzog.
    »Meine Beine tragen mich nicht!«, sagte er und rieb sich verzweifelt die Schenkel.
    Renius rümpfte missmutig die Nase und sah sich um.
    »Sollten sie aber besser. Mit nur einem Arm kann ich dich schlecht tragen und gleichzeitig Angreifer abwehren. Reib weiter. Vielleicht können wir uns irgendwie durchmogeln.«
    »Wenn wir ein Pferd hätten, könntest du mich jetzt an den Sattel binden«, erwiderte Brutus vorwurfsvoll und rieb eifrig weiter.
    Renius zuckte die Schultern.
    »Dafür ist jetzt keine Zeit. Deine Rüstung ist in diesem Sack hier. Sie haben deine Sachen zur Herberge zurückgebracht und ich hab sie beim Abschied mitgehen lassen. Nimm dein Schwert und lehn dich gegen das Gerüst. Da kommen sie schon.« Er reichte ihm die Klinge, und das vertraute Heft seines Schwertes tröstete Brutus ein wenig über das Gefühl der Hilflosigkeit und Nacktheit hinweg.
    Die Meute zog sich schnell um sie herum zusammen, mit Livias Vater an der Spitze, der seine Axt mit beiden Händen gepackt hielt. Er reckte seine mächtigen Schultern und schwang die Klinge in Renius’ Richtung.
    »Du bist mit demjenigen gekommen, der über meine Tochter hergefallen ist. Ich gebe dir noch eine Gelegenheit, deine Sachen zu packen und weiterzuziehen. Aber er bleibt hier.«
    Renius verharrte gefährlich still. Dann machte er einen blitzschnellen Schritt nach vorne und versenkte seinen Gladius so tief in der Brust des Mannes, dass die Klinge am Rücken wieder herausfuhr. Er zog sie heraus, und der Mann fiel vornüber auf das Pflaster. Der metallene Kopf seiner Axt klirrte laut auf den Steinen.
    »Wer ist außer ihm noch der Meinung, dass dieser Mann hier bleibt?«, fragte Renius und sah sich in der Menge um. Der unerwartete gewaltsame Tod direkt vor ihren Augen hatte sie alle erstarren lassen. Keiner antwortete ihm. Renius nickte ernst und sprach klar und deutlich.
    »Niemand ist über irgendjemanden hergefallen. Nach dem, was ich letzte Nacht gehört habe, hat das Mädchen das Ganze genauso genossen wie mein idiotischer Freund hier.« Renius ignorierte das Geräusch hinter sich, als Brutus scharf die Luft durch die Zähne sog. Er hielt seinen wandernden Blick fest auf die Menge gerichtet, doch die Leute hörten ihm kaum zu. Der Gladiator hatte ohne Zögern getötet. Das war es, was sie verstummen ließ.
    »Können wir verschwinden?«, murmelte Renius nach hinten.
    Brutus prüfte vorsichtig seine Beine. Die Durchblutung setzte mit einem heftigen Brennen wieder ein. So schnell wie möglich zog er sich an. Die Rüstung klapperte laut, als er den Sack mit einer Hand hastig nach seinen Sachen durchsuchte.
    »Sobald ich angezogen bin.«
    Er wusste, dass sie nicht ewig so ruhig dastehen würden. Trotzdem erschrak er, als Livia sich durch die Menge nach vorne drängte und schrill aufschrie.
    »Warum steht ihr alle wie angewurzelt da?«, schrie sie die Meute wütend an. »Seht euch meinen Vater an! Wer von euch rächt seinen Tod?«
    Hinter ihrem Rücken richtete sich Brutus mit gezücktem Schwert auf. Ihr süßes Lächeln vom Nachmittag hatte sich in puren Hass verwandelt. Sie stand da und beschimpfte ihre eigenen Landsleute, aber niemand sah ihr in die Augen. Die Rachegelüste der Menge waren angesichts der niedergestreckten Gestalt zu ihren Füßen verflogen.
    Am Rande der Gruppe wandte ihr Ehemann ihr den Rücken zu und schritt steif in die Dunkelheit. Als Livia sah, wer sie da im Stich ließ, warf sie sich herum und schlug auf Renius ein. Dessen einer Arm hielt das Schwert, und als Brutus sah, wie sich seine Muskeln spannten, streckte er die Hand aus und zog Livia von ihm weg.
    »Geh nach Hause«, fuhr er sie an. Doch stattdessen krallten ihre Finger nach seinen Augen, und Brutus versetzte ihr einen derben Stoß, so dass sie neben der Leiche ihres Vaters zu Boden fiel. Weinend klammerte sie sich daran fest.
    Renius und Brutus sahen sich an und betrachteten dann die immer kleiner werdende Menge.
    »Lass sie«, sagte Renius.
    Die beiden Männer überquerten den Platz und gingen wortlos durch die Stadt. Es schien Stunden zu dauern, bis sie den Stadtrand erreichten und endlich in ein Tal blickten, das zu einem Fluss in der Ferne hinunterführte.
    »Wir sollten uns beeilen. Bis zum Morgengrauen haben sie sicher Blutrache geschworen und kommen uns nach«, sagte Renius und steckte endlich sein Schwert in die Scheide.
    »Hast du wirklich gehört, wie…?«, fragte Brutus und sah verlegen zur Seite.
    »Ja, du hast mich mit deinem Gestöhne aufgeweckt«, gab Renius zur Antwort. »Dein rasches Vergnügen könnte uns immer noch den Kopf kosten, wenn sie uns ordentliche Spurenleser auf den Hals hetzen. Im Haus ihres Vaters!«
    Brutus sah seinen Gefährten missmutig an.
    »Vergiss nicht, dass du ihn getötet hast«, murmelte er.
    »Hätte ich es nicht getan, würdest du jetzt immer noch dort baumeln. Und jetzt lauf weiter! Bis zum Tageslicht müssen wir so weit wie möglich von hier weg sein. Und das nächste Mal, wenn dich ein hübsches Mädchen zweimal anschaut, renn weg. Sie machen mehr Ärger, als die ganze Sache wert ist.«
    Wortlos und verstimmt setzten die beiden Männer ihren Weg den Hügel hinab fort.

4

    »Du trägst ja deinen Kranz gar nicht! Ich hab gehört, du schläfst sogar damit«, höhnte Suetonius, als Julius zur Wache erschien.
    Julius ignorierte ihn, weil er wusste, dass eine Antwort nur zu einem weiteren Wortwechsel führen würde, der die Abneigung zwischen den beiden Offizieren einer offenen Feindschaft noch näher bringen würde. Momentan tat Suetonius wenigstens noch höflich, solange die anderen Männer in Hörweite waren. Jeden zweiten Morgen jedoch, wenn sie beide alleine Wache standen, ließ er seiner Verbitterung freien Lauf. Am ersten Tag auf See, nachdem sie die Insel wieder verlassen hatten, hatte einer der Männer einen Blätterkranz an die Spitze des Mastes gebunden, als wolle er damit zeigen, dass das ganze Schiff diese Ehre verdient hatte. Viele Legionäre hatten in der Nähe des Mastes gewartet, um zu sehen, wie Julius reagierte. Sein erfreutes Grinsen ließ sie alle jubeln. Suetonius hatte gelächelt wie die anderen auch, aber seine Abneigung gegen Julius war von diesem Moment an noch stärker geworden.
    Julius hielt den Blick aufs Meer und die afrikanische Küste am Horizont gerichtet. Er verlagerte sein Gewicht mit den Bewegungen der Accipiter, die in der Dünung sanft auf und nieder ging. Trotz Suetonius’ höhnischer Bemerkung hatte er den Kranz seit ihrem Abmarsch aus Mytilene nicht getragen. Nur ein- oder zweimal hatte er ihn in der Abgeschiedenheit seiner winzigen Koje unter Deck aufgesetzt. Die Eichenblätter waren schon trocken und braun geworden, doch das machte nichts. Man hatte ihm das Recht verliehen, einen solchen Kranz zu tragen, und sobald er wieder in Rom war, würde er sich einen frischen binden lassen.
    Sein Tagtraum machte es ihm leicht, Suetonius zu ignorieren. Er träumte davon, an einem schönen Tag zum Wagenrennen in den Circus Maximus zu gehen und zu sehen, wie Tausende Römer sich für ihn allein erhoben. Zuerst würden diejenigen in seiner Nähe aufstehen, dann würde in einer riesigen Wellenbewegung die ganze Menge folgen. Er lächelte leise vor sich hin, und Suetonius schnaubte verärgert.
    Selbst in der Stille des Morgengrauens gingen die Ruder unter ihnen rhythmisch auf und nieder, während die Accipiter ruhig durch die Wellen glitt. Julius wusste mittlerweile, dass sie nicht gerade das wendigste Schiff war. Seit sie Mytilene vor Monaten verlassen hatten, waren ihnen zwei Piratenschiffe ohne Mühe entkommen. Mit ihrem geringen Tiefgang kam sie im Wasser nur schwer voran, und selbst das Zwillingssteuerruder änderte nichts daran, dass die Accipiter Schwierigkeiten hatte, rasch den Kurs zu wechseln. Ihre einzige Stärke war ihre plötzliche Beschleunigung durch die Ruderer. Doch selbst mit zweihundert Sklaven, die ihr Bestes gaben, erreichte sie keine größere Geschwindigkeit als ein forscher Wanderer an Land. Gaditicus schien ihre Unfähigkeit, die Feinde einzuholen, keine Sorgen zu bereiten. Ihm reichte es, sie von den Küstenstädten und den großen Handelsrouten zu verjagen. Damals, als er an Bord dieses Schiffes gegangen war, hatte Julius sich etwas anderes erhofft. Ihm hatten schnelle und erbarmungslose Hetzjagden vorgeschwebt. Die Erkenntnis, dass sich die römische Kriegskunst nicht auch auf den Seekampf erstreckte, war bitter.
    Julius sah zur Seite, wo sich die Doppelreihe der Ruder einträchtig hob und senkte und im Gleichtakt ins Wasser eintauchte. Er fragte sich, wie man diese riesigen Ruderblätter Stunde um Stunde bewegen konnte, ohne zu ermüden, selbst wenn drei Sklaven gemeinsam ein Ruder bedienten. Im Zuge seiner Aufgaben war er ein paar Mal unten auf dem Ruderdeck gewesen, doch es war eng und voll und stank fürchterlich. Die Bilge stank nach Jauche, die zweimal täglich mit ein paar Eimern Meerwasser hinausgespült wurde. Der Gestank hatte ihm den Magen gehoben. Angeblich bekamen die Sklaven mehr zu essen als die Legionäre. Als er das Heben und Senken der riesigen Ruderbalken betrachtete, konnte er verstehen, warum das nötig war.
    Weil die Accipiter gerade gegen einen Westwind ankämpfte, wurde die mörderische Hitze von der afrikanischen Küste auf dem Oberdeck durch eine steife Brise gemildert. Von seiner Position aus konnte Julius deutlich sehen, dass die Accipiter wohl nicht auf Schnelligkeit, dafür aber auf den Kampf ausgerichtet war. Das offene Deck, eine breite Fläche aus Holz, im Laufe der Jahrzehnte von der sengenden Sonne ausgebleicht, war frei von Hindernissen. Nur am hinteren Ende erhob sich ein Aufbau mit den Kabinen von Gaditicus und Prax. Der Rest der Zenturie schlief in engen Quartieren unter Deck. Ihre Ausrüstung war im Waffenlager untergebracht, wo sie jederzeit schnell erreichbar war. Regelmäßige Drills und Übungen sorgten dafür, dass sie in weniger als einer Umdrehung des Sandglases von Schlaf zu Gefechtsbereitschaft wechseln konnten. Sie waren eine sehr disziplinierte Mannschaft, dachte Julius. Könnten sie jemals ein anderes Schiff einholen, wären sie mit Sicherheit unschlagbar.
    »Offizier an Deck!«, bellte ihm Suetonius plötzlich ins Ohr, und Julius schreckte auf und nahm Haltung an. Gaditicus hatte einen sehr viel älteren Mann zu seinem Optio gewählt. Julius schätzte, dass Prax nur noch ein oder zwei Jahre vom Ruhestand trennten. Er hatte bereits einen leichten Bauchansatz, den er jeden Morgen sorgfältig gürten musste. Aber er war ein anständiger Offizier, dem die Spannungen zwischen Julius und Suetonius bereits in den ersten Wochen an Bord aufgefallen waren. Es war Prax gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass sie zusammen Wache stehen mussten. Den Grund dafür hatte er ihnen nicht genannt.
    Er nickte ihnen freundlich zu, als er über das Oberdeck schlenderte und mit seinem allmorgendlichen Rundgang anfing. Prax überprüfte jedes Tau, das zu dem flatternden viereckigen Segel über ihnen hinaufführte, und ließ sich auf die Knie hinunter, um die sichere Vertäuung der Deckkatapulte zu kontrollieren. Erst nachdem die sorgfältige Inspektion beendet war, kam er auf die jungen Offiziere zu und erwiderte beiläufig ihren Gruß. Er ließ den Blick über den Horizont wandern, lächelte vor sich hin und rieb sich zufrieden das frisch rasierte Kinn.
    »Vier… nein, fünf Segel«, sagte er gut gelaunt. »Der Handel der Nationen. Aber nicht genug Wind für diejenigen, die sich nur auf ihn verlassen.«
    Mit der Zeit war Julius klar geworden, dass sich hinter Prax’ freundlichem Äußeren ein Verstand verbarg, dem nichts auf der Accipiter entging, sei es über oder unter Deck. Wenn man die oft belanglosen Gesprächseröffnungen überstanden hatte, waren seine Ratschläge meistens überaus wertvoll. Suetonius hielt ihn für einen alten Narren, schien jedoch immer mit lebhaftem Interesse zuzuhören. Diese Strategie verfolgte er bei allen höher gestellten Offizieren.
    Prax nickte nachdenklich und fuhr fort: »Wir brauchen die Ruder, um nach Thapsus zu gelangen, aber von da ab haben wir eine einfache Fahrt die Küste hoch. Nachdem wir die Soldkisten abgeliefert haben, müssten wir Sizilien in wenigen Wochen erreicht haben. Das heißt, wenn wir in der Zwischenzeit nicht noch ein paar Seeräuber aus unseren Gewässern verjagen müssen. Sizilien ist einfach herrlich.«
    Julius nickte. Er fühlte sich bei Prax weitaus weniger angespannt als in der Gesellschaft des Kapitäns, trotz jenes vertrauteren Moments nach dem Einsatz in Mytilene. Prax war bei der Erstürmung der Festung nicht dabei gewesen, doch das schien ihm nichts ausgemacht zu haben. Julius vermutete, dass Prax mit den leichteren Aufgaben an Bord der Accipiter durchaus zufrieden war. Er wartete auf seinen wohl verdienten Ruhestand und darauf, bei einer Legion in der Nähe von Rom abgesetzt zu werden, so dass er seinen ausstehenden Sold abholen konnte. Das war einer der Vorteile davon, mit Gaditicus Piraten zu jagen. Die fünfundsiebzig Denare, die den Legionären jeden Monat zustanden, sammelten sich an, weil es kaum Gelegenheiten gab, das Geld auszugeben. Selbst abzüglich der Kosten für die Ausrüstung und dem Zehnten, der für die Witwen- und Begräbnisrücklage einbehalten wurde, hatten die meisten Männer eine hübsche Summe angespart, wenn ihre Zeit um war. Selbstverständlich nur, wenn sie das Geld bis dahin nicht verspielt hatten.
    »Herr, warum fahren wir mit Schiffen, die den Feind nicht einholen können? Wir könnten das Mare Internum in weniger als einem Jahr säubern, wenn wir sie zwingen würden, sich uns im Kampf zu stellen.«
    Prax lächelte, er schien sich über die Frage zu freuen.
    »Im Kampf zu stellen… Ach, das passiert von Zeit zu Zeit, aber sie sind einfach bessere Seeleute als wir. Meistens rammen und entern sie uns, bevor wir unsere Männer hinüberschicken können. Wenn wir aber unsere Legionäre auf ihr Deck kriegen, haben wir den Kampf natürlich gewonnen.«
    Langsam blies Prax die Luft aus seinen geblähten Wangen und versuchte eine Erklärung. »Wir brauchen mehr als leichtere und schnellere Schiffe – aber ich werde es wohl nicht mehr erleben, dass Rom das nötige Geld bereitstellt, die zu bauen –, wir brauchen eine professionelle Mannschaft an den Rudern. Diese drei senkrechten Bänke, die sie so präzise zu nutzen wissen… Kannst du dir vorstellen, was unsere muskelbepackten Sklaven damit anstellen würden? Sie würden sie zu Kleinholz machen, noch bevor wir zum ersten Mal Höchstgeschwindigkeit erreicht hätten. So wie wir ausgerüstet sind, brauchen wir keine Experten, und vom Standpunkt des Senats aus betrachtet, brauchen wir deshalb auch keinen Sold zu zahlen, um welche zu bekommen. Man braucht nur einmal Geld, um die Sklaven zu kaufen, und danach trägt sich das Schiff praktisch selbst. Und immerhin versenken wir ein paar von ihren Schiffen, auch wenn es so aussieht, als gäbe es trotzdem immer mehr Piraten.«
    »Es ist nur manchmal… ziemlich frustrierend«, erwiderte Julius. Eigentlich hätte er gerne gesagt, dass es schlichtweg irrwitzig war, wenn die mächtigste Nation der Welt von der Hälfte der Schiffe auf dem Meer geschlagen werden konnte. Aber Prax schien trotz seiner Freundlichkeit ein wenig reserviert, deshalb unterließ er diesen Kommentar. Es gab eine unsichtbare Grenze, die von einem Jüngeren nicht überschritten werden durfte, auch wenn diese Grenze bei Prax nicht ganz so deutlich gezogen war wie bei anderen.
    »Wir sind eben Landbewohner, meine Herren, auch wenn einige von uns die See am Ende doch lieben lernen, so wie ich. Der Senat betrachtet unsere Flotte lediglich als Transportmöglichkeit, um unsere Soldaten schneller in anderen Ländern zum Einsatz zu bringen. Wie zum Beispiel in Mytilene. Vielleicht begreifen auch die Senatoren eines schönen Tages, dass es genauso wichtig ist, das Meer zu beherrschen. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass das noch zu meinen Lebzeiten geschieht. In der Zwischenzeit ist die Accipiter eben etwas schwerfällig und langsam, aber das bin ich auch, und sie ist schon doppelt so alt wie ich.«
    Suetonius lachte pflichtbewusst, was Julius zusammenzucken ließ, doch Prax schien es nicht zu bemerken. Prax’ Worte riefen Erinnerungen in Julius wach. Ihm fiel ein, dass Tubruk einmal etwas Ähnliches gesagt hatte. Er hatte ihn die dunkle Erde des Guts in den Händen halten lassen und ihn an all die Generationen vor ihm erinnert, die sie mit ihrem Blut getränkt hatten. Die Erinnerung daran schien aus einem anderen Leben zu stammen. Damals hatte sein Vater noch gelebt, Marius war Konsul mit einer rosigen Zukunft gewesen. Er fragte sich, ob jemand wohl ihre Gräber pflegte. Einen Moment lang drängten die dunklen Sorgen, die seine Gedanken immer unterschwellig beschäftigten, an die Oberfläche. Wie immer, wenn das passierte, redete er sich selbst gut zu. Tubruk würde sich ganz sicher um Cornelia und seine Mutter kümmern. Er vertraute niemandem auch nur halb so sehr wie diesem Mann.
    Prax versteifte sich plötzlich, als sein Blick wieder über die Küste glitt. Sein freundlicher Gesichtsausdruck war verschwunden, und seine Züge verhärteten sich.
    »Geh nach unten und schlag Alarm, Suetonius. Ich will innerhalb von fünf Minuten alle Männer kampfbereit an Deck haben.«
    Suetonius salutierte hastig und mit weit aufgerissenen Augen, lief zu dem steilen Niedergang und kletterte flink nach unten. Julius blickte in die Richtung, in die Prax zeigte. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. An der Küste stieg eine große schwarze Rauchwolke fast kerzengerade in den Morgenhimmel.
    »Waren das Piraten, Herr?«, fragte er schnell, obwohl er die Antwort eigentlich schon wusste.
    Prax nickte. »Sieht so aus, als hätten sie ein Dorf überfallen. Vielleicht erwischen wir sie, wenn sie wieder in See stechen. Jetzt könntest du deine Chance bekommen, sie ›im Kampf zu stellen‹, Cäsar.«
    Die Accipiter machte sich gefechtsklar. Jeder lose Ausrüstungsgegenstand wurde sicher verstaut, die Katapulte wurden gespannt und Steine und Öl als Geschosse bereitgestellt. Die Legionäre traten eilig an Deck an, und eine Gruppe baute bereits den Corvus zusammen. Eilig schlugen sie Eisenstifte zwischen die Einzelteile, bis die große Enterrampe hoch über dem Deck stand und zum Einsatz bereit war. Sobald die Halteseile losgemacht wurden, würde sie auf die Reling oder die Planken des feindlichen Schiffes fallen, wo sich ihr eiserner Haltedorn unlösbar festkrallte. Über diese Rampe würden die besten Kämpfer der Accipiter an Bord stürmen und so schnell wie möglich eine Bresche schlagen, damit die anderen folgen konnten. Das war eine sehr gefährliche Aufgabe, doch nach jedem Kampf wurden diese Plätze immer heiß gehandelt und erzielten in den langweiligen Monaten zwischen den Einsätzen hohe Wettquoten.
    Unter Deck gab der Sklavenaufseher brüllend den zweifachen Rudertakt an, und die Ruder bewegten sich in eiligerem Rhythmus. Da der Wind von der Küste her wehte, wurde das Segel eingeholt und säuberlich zusammengelegt. Schwerter wurden auf Scharten und Risse geprüft, die Rüstungen sorgfältig geschnürt. Die wachsende Anspannung an Bord, die nur durch lange geschulte Disziplin in Zaum gehalten wurde, war überall zu spüren.
    Das brennende Dorf lag am Rande einer kleinen, natürlichen Bucht; sie sichteten das Piratenschiff, als es gerade an der felsigen Landzunge vorbeisegelte und die offene See erreichte. Gaditicus ordnete volle Kampfgeschwindigkeit an, um dem Feind möglichst wenig Platz für entscheidende Manöver zu lassen. Mit der Küste im Rücken konnte das Piratenschiff der Accipiter kaum ausweichen, die unbeirrt durch die Wellen pflügte, und Jubel erhob sich in den Reihen der Römer. Die Langeweile der eintönigen Reise von einem Hafen zum anderen war in der frischen Morgenbrise mit einem Mal verflogen.
    Julius betrachtete das feindliche Schiff ganz genau und dachte an die Unterschiede, die Prax ihnen erklärt hatte. Er sah, wie die Dreierreihen der Ruder trotz ihrer unterschiedlichen Längen in perfektem Gleichklang in die kabbelige See eintauchten. Das Schiff war höher und schmaler gebaut als die Accipiter und am Bug mit einem langen bronzenen Stachel versehen. Julius wusste, dass dieser Rammsporn selbst die schweren Zedernholzplanken der römischen Schiffe leicht durchschlagen konnte. Prax hatte Recht. Der Ausgang eines solchen Kampfes war immer ungewiss. Dieses Gefecht jedoch konnte nicht mehr vermieden werden. Sie würden mit Sicherheit nahe genug herankommen, um den Corvus fallen zu lassen, und dann die besten Kämpfer der Welt auf das feindliche Deck schicken. Er bedauerte, dass er sich keinen der ersten Plätze hatte sichern können, doch sie waren alle schon lange vor Mytilene zugewiesen worden.
    Er war so beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken und Erwartungen, dass er den plötzlich veränderten Klang im Ruf des Ausgucks zunächst gar nicht richtig wahrnahm. Als er aufblickte, trat er unwillkürlich einen Schritt von der Reling zurück. Soeben, gerade als sie das erste Schiff an der Bucht vorüber verfolgten, tauchte ein zweites daraus auf. Es hielt direkt auf sie zu, und Julius sah den Rammsporn aus den Wellen auftauchen, die es in voller Fahrt durchpflügte. Das Segel des Schiffes stand straff im Wind und mühte sich, die Ruderer nach Kräften zu unterstützen. Der bronzene Stachel befand sich auf Höhe der Wasserlinie, und das Deck war voll bewaffneter Männer, deutlich mehr, als normalerweise auf den schnellen Piratenschiffen zu finden waren. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass der Rauch nur eine List gewesen war. Es war eine Falle, und sie hatten sie gekonnt zuschnappen lassen.
    Gaditicus zögerte nicht. Auch er hatte die Gefahr sofort erkannt und schrie jetzt ohne zu zögern seinen Offizieren neue Befehle zu.
    »Steigert den Schlag bis zum dritten Grad! Sie kommen direkt an uns vorbei!«, brüllte er, und der Trommler unter Deck schlug seinen zweitschnellsten Rhythmus. Die Rammgeschwindigkeit, die noch darüber lag, konnte nur für eine sehr kurze Zeitspanne durchgehalten werden, bevor die Sklaven zusammenbrachen. Auch dieses nur geringfügig langsamere Tempo bedeutete für sie eine ungeheure Strapaze. In früheren Schlachten hatte schon so manches Herz dabei seinen Dienst versagt. Wenn das geschah, konnte die Leiche die anderen Ruderer behindern und so ein ganzes Ruder aus dem Takt bringen.
    Das erste Schiff kam schnell näher, und Julius sah, dass die Ruder rückwärts schlugen und das Schiff kampfbereit beidrehte. Es war alles nur eine gut geplante List gewesen, um das römische Schiff möglichst nahe an die Küste zu locken. Als Preis hatten sich die Piraten ohne Zweifel die Kisten voller Silber unten im Laderaum auserkoren, aber die würden sie nicht so leicht kriegen.
    »Feuert die Katapulte auf meinen Befehl auf das erste Schiff… Jetzt!«, schrie Gaditicus und verfolgte die Flugbahn der Steingeschosse, die über seinem Kopf hinwegflogen.
    »Zwei Strich nach unten!«, rief der Ausguck am Bug den beiden Mannschaften an den Katapulten zu, und die schweren Waffen wurden in Windeseile justiert. Dicke Holzpflöcke wurden in die entsprechenden Löcher geschlagen und der korrigierte Winkel fixiert. Dies alles geschah, während die Winden bereits wieder neu aufgezogen wurden. Die Legionäre schwitzten, weil sie ein Rosshaarseil spannen mussten, das zweimal so dick war wie der Oberschenkel eines Mannes.
    Das Piratenschiff war schon wieder ein Stück näher, als die Katapulte zum zweiten Mal abgefeuert wurden. Dieses Mal waren die porösen Steine mit Öl getränkt und flogen brennend, einen Rauchschweif hinter sich herziehend, auf die feindliche Trireme zu. Ihr Einschlag auf dem Deck wurde von einem Krachen begleitet, das auf der Accipiter gut zu hören war. Die Männer an den Katapulten jubelten und drehten die Seilwinden erneut.
    Die zweite Trireme raste derweil weiter auf sie zu, und Julius zweifelte nicht mehr daran, dass ihr Rammsporn die Accipiter irgendwo am Ende des Hecks durchbohren würde. Damit wäre sie bewegungsunfähig, und sie würden den Feind auch nicht mehr entern können. Hilflos an Deck festgenagelt, würden sie einer nach dem anderen unter Bogenbeschuss fallen. Als ihm das klar geworden war, schrie Julius seinen Männern zu, sofort die Schilde an Deck zu holen und auszuteilen. Beim Entern waren Schilde eher ein Hindernis als eine Hilfe. Aber jetzt, da die Accipiter zwischen zwei Schiffen eingekeilt war, die auf Schussweite heranzogen, wurden sie dringend gebraucht.
    Tatsächlich regneten kurz darauf von beiden feindlichen Schiffen Pfeile auf sie herab. Sie hatten keinerlei Anordnung oder klare Ziele. Die Schützen feuerten einfach ziellos, aber stetig in hohem Bogen in die Luft, in der Hoffnung mit einem ihrer langen schwarzen Schäfte einen Legionär zu treffen.
    Vielleicht wäre das Schiff, das sie zu durchbohren versuchte, noch achtern an ihnen vorbei aufs offene Meer geglitten. Doch da die erste Trireme der Accipiter den Weg abschnitt, musste sie ausweichen, indem alle Ruder der einen Schiffsseite in die andere Richtung schlugen. Die Schläge waren zwar unbeholfen, doch so ging es trotzdem schneller, als wenn sie alle Ruder auf dieser Seite aus dem Wasser gehoben hätten, während die Ruderer der anderen Seite die Accipiter drehten. Es machte sie zwar langsamer, aber Gaditicus hatte erkannt, dass sie auf die Außenlinie zuhalten mussten, wollten sie sich nicht zwischen zwei Schiffen einkeilen lassen, wenn das zweite Piratenschiff längsseits beikam.
    Die Accipiter schrammte am Bug des ersten Dreideckers entlang und erzitterte, als ihr plötzlich die Fahrt genommen wurde. Gaditicus hatte den Sklaventreiber schon auf den nächsten Zug vorbereitet, sodass unter Deck die Ruder blitzschnell eingezogen wurden. Die Ruderer der Trireme jedoch waren nicht schnell genug. Die Accipiter zerbrach im Vorbeigleiten die Ruderstangen jeweils in Dreiergruppen, und jedes dieser Ruder zerquetschte tief im Bauch des feindlichen Schiffes einen Mann zu Brei. Doch ehe die Accipiter auch nur die Hälfte der Ruder des ersten Schiffes zerstört hatte, wurde sie vom bronzenen Rammsporn des zweiten durchbohrt. Man hörte das ohrenbetäubende Krachen und Splittern der Balken, und beim Aufprall schien das ganze Schiff wie ein waidwundes Tier aufzustöhnen. Die Sklaven unter Deck stimmten in panischer Angst einen Chor entsetzlichen Geschreis an. Sie waren an ihren Bänken festgekettet, und wenn das Schiff unterging, würden sie mit ihm versinken.
    Pfeile bohrten sich ziellos in das Deck der Accipiter, aber darin, wenn auch sonst nirgends, zeigte sich der Mangel an Kampfdisziplin bei den Piraten. Als er sich unter einem Pfeil wegduckte, der böse über seinen Kopf surrte, dankte Julius dem Schicksal, dass sie offensichtlich nicht darauf trainiert waren, in Salven zu schießen. Die Schilde schützten die Männer gegen die meisten ihrer Pfeile. Dann kippte der schwere Corvus vornüber, schien, als die Seile durchschnitten wurden, einen Augenblick in der Luft zu hängen, fiel dann doch hinab und schlug krachend auf das Deck des Feindes. Sein eiserner Dorn hielt das gegnerische Schiff fest und sicher, genauso sicher wie die Vergeltung, die nun folgen würde.
    Der erste der Legionäre stürmte trotzig johlend über die Planke und prallte auf die wartenden Gegner. Normalerweise waren die Römer zahlenmäßig überlegen, aber nicht so bei diesen Piratenschiffen. Beide schienen randvoll mit Kämpfern, deren Rüstungen eine bunte Mischung war aus Alt und Neu und aus jedem Hafen entlang der Küsten.
    Julius erblickte Cabera an seiner Seite, doch dessen gewohntes Lächeln war nicht zu sehen. Der alte Mann hatte einen Dolch und einen Schild in den Händen, trug jedoch sein übliches Gewand, was ihm Gaditicus erlaubt hatte, solange es zweimal im Monat auf Läuse untersucht wurde.
    »Ich glaube, ich bleibe lieber bei dir, als da unten im Dunkeln«, murmelte Cabera, während er das ausbrechende Chaos beäugte. Beide duckten sich schnell hinter ihre steifen hölzernen Schilde, als plötzlich Pfeile auf sie zuzischten. Einer prallte knapp oberhalb von Julius’ Hand auf den Schild und er taumelte rückwärts. Als er sah, dass die mit Widerhaken bewehrte Spitze durchgedrungen war, stieß er einen leisen Pfiff aus.
    Schwere bronzene Haken verbissen sich in die Planken der Accipiter und zogen lange Taue hinter sich her. Männer schwangen sich an Deck, und ringsumher ertönte lautes Kampfgetümmel, aufeinander klirrende Schwerter und Schreie des Triumphs und der Verzweiflung.
    Julius sah, dass Suetonius seine Männer in einer Reihe aufstellte, um dem Feind entgegenzutreten. Hastig befahl er seinen zwanzig Männern, ihnen zu Hilfe zu eilen, obgleich er vermutete, dass sie auch ohne seinen Befehl losgestürmt wären, falls er noch lange damit gewartet hätte. Jeder von ihnen wusste, dass sie die gerammte Accipiter nicht einfach dem Feind überlassen konnten. Wütend griffen sie an und die Ersten, die über den Corvus gelangten, kümmerten sich nicht um Verletzungen und räumten das feindliche Deck vor sich für die anderen frei.
    Als er voranstürmte, hielt sich Cabera dicht neben ihm. Seine Anwesenheit wirkte tröstlich und beruhigend auf Julius, denn sie erinnerte ihn an all die anderen Schlachten, die sie zusammen durchgestanden hatten. Vielleicht war der alte Heiler ja eine Art Glücksbringer, dachte er. Dann war er in Reichweite der feindlichen Klingen, und er hieb die Gegner nieder, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sein Körper bewegte sich in dem Rhythmus, den ihm Renius Jahr um Jahr eingebläut hatte.
    Julius duckte sich unter einer Streitaxt weg und versetzte dem Axtträger, der das Gleichgewicht verloren hatte, einen Stoß. Der Mann landete vor Pelitas’ Füßen, der in der klassischen Schlachtfeldreaktion des Legionärs ohne lange zu überlegen fest zutrat: Alles, was steht, wird niedergemacht, alles was liegt, wird zertrampelt.
    Auf dem Corvus drängten sich Soldaten, die schoben und drückten, um zur anderen Seite zu gelangen. Sie waren leichte Beute für die Bogenschützen. Als er zwischen ihren eigenen Männern hindurchspähen konnte, sah Julius, wie eine der Reling der Trireme zugewandte Gruppe mehrere Treffer einstecken musste. Auf diese kurze Entfernung war der Beschuss vernichtend, und mehr als ein Dutzend Legionäre ging zu Boden, bevor diejenigen an Bord die Bogenschützen in einem wahren Blutrausch niedermähten wie Weizenhalme. Julius nickte zufrieden. Er verspürte den gleichen Hass auf Bogenschützen wie jeder andere Legionär, der die furchtbare, entmutigende Wirkung ihrer Angriffe auf weite Entfernung kennen gelernt hatte.
    Nachdem sie die Accipiter erfolgreich durchbohrt hatte, war die zweite Trireme zurückgerudert und hatte sich beinahe schon wieder von dem römischen Schiff gelöst. Gaditicus beobachtete ihr Manöver und hielt ein paar Einheiten zurück, um ihren Angriff abwehren zu können, sobald er kam. Die Situation änderte sich viel zu rasch, um vorhersagen zu können, was als Nächstes geschehen würde, doch er wusste zumindest ganz sicher, dass die Piraten nicht einfach tatenlos zusehen würden. Die Accipiter würde vielleicht sinken, doch sie würde noch eine Weile durchhalten. Die Legionäre konnten sich immer noch auf die andere Trireme durchkämpfen und dort das Kommando übernehmen. Es war nicht gänzlich unmöglich, dass sie doch noch eine Art Sieg davontrugen, wenn ihnen noch eine Stunde blieb und man sie in Ruhe ließ. Darum war sich Gaditicus auch sicher, dass das zweite Schiff sie erneut angreifen würde, sobald es seinen Rammsporn freibekommen und dann nahe genug an sie heranmanövriert hatte, damit seine Kämpfer entern konnten. Er fluchte, als der letzte Balken krachte und der spitze Bug des Schiffes von der Accipiter loskam. In einer Mischung aus Griechisch und Vulgärlatein brüllten die Piraten ihren Ruderern neue Befehle zu.
    Gaditicus schickte seine zurückgehaltene Reserve auf die andere Seite der Accipiter, weil er annahm, sie würden von dort entern, um die Mannschaft zwischen zwei Fronten aufzureiben. Seine Entscheidung war ein geschickter Schachzug und erfüllte ihren Zweck. Wenn sie die erste Trireme jetzt schnell genug einnahmen, konnten alle seine Männer beim Zurückschlagen der zweiten Angriffswelle eingesetzt werden; dann war noch nicht alles verloren. Obwohl er wusste, dass ihm seine Wut nichts nützte, ballte Gaditicus die Hand am Schwertgriff zur Faust. Hatte er etwa erwartet, dass sie ihm offen gegenübertraten und sich von seinen Soldaten in Stücke hauen ließen? Das hier waren Diebe und Bettler, die es auf das Silber in seinem Laderaum abgesehen hatten. Sie kamen ihm vor wie ein Rudel kleiner Hunde, das den großen römischen Wolf besiegte. Er zitterte, als er sah, wie die Ruder des zweiten Dreideckers auf einer Seite eingezogen wurden und der Feind auf sein geliebtes Schiff zudrehte. Unter Deck hörte man immer noch die Schreie der Sklaven. Sie brüllten in einem angstvollen Chor, der an seinen Nerven zerrte.
    Julius, der gerade einem Mann sein Schwert über das Gesicht zog, bekam einen schweren Schlag auf seine Rüstung. Er stöhnte auf, und noch ehe er wusste, woher der Angriff kam, trat schon ein bärtiger Riese vor ihn hin. Angesichts der gewaltigen Größe und der breiten Schultern des Kriegers, der einen schweren, mit Blut und Haaren verklebten Schmiedehammer in den Pranken hielt, wurde ihm ein wenig mulmig. Der Mann hatte die Zähne gefletscht und grölte, als er seine Waffe über den Kopf schwang und zum Schlag ausholte. Julius wich zurück und hob unwillkürlich den Arm, um den Schlag abzuwehren. Er spürte, wie der Hammer Knochen seines Handgelenks zerschmetterte und schrie vor Schmerz laut auf.
    Cabera sprang mit einem Satz zwischen sie und rammte dem Mann seinen Dolch in den Hals. Doch der Krieger brüllte lediglich auf und hob erneut den Hammer, um den gebrechlichen Heiler niederzuschlagen. Julius versuchte die rasenden Schmerzen der aneinander reibenden Knochen zu ignorieren und tastete mit der linken Hand nach seinem eigenen Dolch. Ihm wurde schwindelig und plötzlich fühlte er sich völlig unbeteiligt. Obwohl dem bärtigen Riesen das Blut aus der Halswunde sprudelte, war er noch lange nicht unschädlich gemacht.
    Die bullige Gestalt wankte aufrecht vorwärts und schwang in blindem Schmerz erneut den Hammer. Die Waffe traf Julius’ Kopf, und er brach zusammen. Blut rann ihm langsam aus Nase und Ohren, während der Kampf um ihn herum weitertobte.

5

    Brutus sah sich nach ihren Verfolgern um und atmete tief die frische Bergluft ein. Unter ihnen lag Griechenland ausgebreitet da. Der Duft der winzigen violetten Blüten, die auf den sanften Hügeln blühten, lag im Wind. Es schien unpassend, hier über Tod und Rache nachzusinnen. Trotzdem folgte ihnen ein Trupp Reiter mit mindestens einem guten Fährtenleser, genau wie Renius es vorausgesagt hatte. Obwohl sie etliche Male versucht hatten, ihre Verfolger abzuschütteln, waren sie ihnen seit fünf Tagen beharrlich auf den Fersen.
    Renius saß auf einem bemoosten Felsen neben ihm und rieb sich wie jeden Morgen den vernarbten Armstumpf mit Fett ein. Jedes Mal, wenn er das sah, hatte Brutus ein schlechtes Gewissen. Es erinnerte ihn an den Kampf, damals im Hof von Julius’ Landgut. Er glaubte beinahe, sich sogar an den Schlag zu erinnern, der die Nerven des Armes durchtrennt hatte, doch es hatte keinen Sinn, sich das nach so langer Zeit immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Der Stumpf hatte mit der Zeit eine rosafarbene Hornhaut gebildet, doch es entstanden trotzdem hin und wieder offene Stellen, die gesalbt werden mussten. Renius empfand es immer als Wohltat, wenn er die lederne Schutzkappe abnehmen konnte und Luft an die Haut kam. Andererseits hasste er die neugierigen Blicke, die das nach sich zog, und stülpte, wenn irgend möglich, die Kappe sofort wieder über den Stumpf.
    »Sie kommen näher«, sagte Brutus. Er musste dies nicht weiter ausführen, denn seit sie die fünf Männer zum ersten Mal bemerkt hatten, waren sie stets in ihren Gedanken gewesen.
    Die sonnengeschmiedete Schönheit der Berge verbarg die Kargheit des Bodens, der nur wenige Bauern anzog. Das einzige Lebenszeichen waren die kleinen Gestalten der Verfolger, die langsam den Hang heraufkamen. Brutus wusste, dass sie ihren Vorsprung vor den Pferden nicht mehr sehr lange halten würden. Sobald sie die Ebene erreicht hatten, würden die Römer gestellt und getötet werden. Sie waren beide schon ziemlich erschöpft und hatten die letzten Reste Dörrobst und Trockenfleisch am Morgen verzehrt.
    Er betrachtete die zähe Vegetation, die auf dem zerklüfteten Fels ums Überleben kämpfte, und fragte sich, ob einige dieser Pflanzen essbar waren. Er hatte von Soldaten gehört, die Grillen gegessen hatten, die sich überall auf den Grasbüscheln tummelten. Doch das lohnte sich wohl nicht, weil man sie nur einzeln fangen konnte. Ohne Verpflegung konnten sie keinen Tag mehr weitergehen, und auch ihre Wasserschläuche waren nicht einmal mehr halb voll. Brutus hatte immer noch einige Goldstücke in seinem Gürtel, aber die nächste römische Stadt lag mehr als hundert Meilen entfernt in der Ebene von Thessalien. Das würden sie niemals schaffen. Wenn Renius nicht einen rettenden Einfall hatte, sah ihre Zukunft trübe aus. Doch der alte Gladiator blieb stumm. Er schien es zufrieden, eine Stunde ihrer kostbaren Zeit darauf zu verwenden, seinen Armstumpf einzureiben. Soeben pflückte er eine der dunklen Blumen und presste ihren Saft auf den haarigen Stummel, der von seiner Schulter hing. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, alle möglichen Pflanzen auf ihre heilende Wirkung hin auszuprobieren. Doch wie immer schnaubte er enttäuscht und ließ die zerdrückten Blütenblätter aus der gesunden Hand zu Boden fallen.
    Mit einem Mal machte Renius’ gelassener Gesichtsausdruck Brutus wütend. Hätten sie Pferde gehabt, wären die Verfolger aus dem Dorf ihnen niemals so nahe gekommen. Renius war kein Mann, der einmal getroffenen Entscheidungen nachtrauerte, aber jeder Schritt, der die Verfolger den erschöpften Römern näher brachte, ließ Brutus ärgerlich knurren.
    »Wie kannst du nur so ruhig dasitzen, während sie zu uns heraufkommen? Der unsterbliche Renius, Sieger in Hunderten von Kämpfen auf Leben und Tod, von ein paar zerlumpten Griechen auf einem Hügel in Stücke gehauen.«
    Renius sah ihn ungerührt an und zuckte mit den Schultern. »Der Abhang macht ihren Vorteil zunichte. Hier oben nützen einem Pferde nicht sehr viel.«
    »Dann stellen wir uns ihnen also?«, wollte Brutus wissen, erleichtert darüber, dass Renius so etwas wie einen Plan zu haben schien.
    »Es dauert noch Stunden, bis sie hier sind. Wenn ich du wäre, würde ich mich in den Schatten setzen und ausruhen. Vielleicht beruhigt es deine Nerven, wenn du dabei mein Schwert ein bisschen schärfst.«
    Brutus sah ihn missmutig an, packte dann aber doch das Schwert des älteren Mannes und fing an, einen Stein in langen Strichen über die Klinge zu ziehen.
    »Aber denk daran, es sind fünf«, sagte er nach einer Weile.
    Renius ignorierte ihn und zog mit einem Ächzen die Lederkappe über seinen Stumpf. Mit den Zähnen hielt er ein Ende der Befestigungsriemen straff und verknotete sie mit geübter Geschicklichkeit.
    »Neunundachtzig«, sagte er plötzlich unvermittelt.
    »Was?«
    »Ich habe in der Arena in Rom nur neunundachtzig Männer getötet. Nicht hundert.«
    Geschmeidig kam er auf die Beine. Seine gelenkigen Bewegungen verrieten nichts von seinem tatsächlichen Alter. Es hatte lange gedauert, bis sein Körper ohne das Gewicht des rechten Armes zuverlässig sein Gleichgewicht gefunden hatte. Doch er hatte auch diesen Verlust gemeistert, so wie alles andere, was ihm sein Leben an Schwierigkeiten in den Weg gelegt hatte. Brutus erinnerte sich, wie Cabera seine Hand auf Renius’ aschfahle Brust gedrückt hatte, und wie sich Renius’ Körper plötzlich aufgebäumt hatte und das Leben wieder in ihn zurückgekehrt war. Cabera hatte sich schweigend niedergekniet, und sie hatten zugesehen, wie das Haar des alten Mannes wieder dunkel geworden war, gerade so, als habe selbst der Tod keine Chance gegen ihn. Die Götter hatten den alten Gladiator gerettet, so dass er im Gegenzug vielleicht nun einen jungen Römer auf einem Hügel in Griechenland retten konnte. Brutus verspürte neue Zuversicht und vergaß den Hunger und die Erschöpfung, die ihn quälten.
    »Heute sind es nur fünf«, sagte er. »Und von meiner Generation bin ich der Beste, das weißt du. Es gibt zurzeit keinen, der mich mit dem Schwert besiegen könnte.«
    Bei diesen Worten schnaubte Renius verächtlich. »Ich war der Beste meiner Generation, mein Junge. Und soweit ich das beurteilen kann, ist der Standard seitdem ein wenig gesunken. Aber wir könnten ihnen trotzdem noch eine Überraschung bereiten.«
    Cornelia stöhnte gequält, als die Hebamme ihr die Oberschenkel mit goldgelbem Olivenöl einrieb, um die Muskeln zu entkrampfen. Clodia reichte ihr einen Becher mit warmer Milch und Honigwein, und sie schluckte den Inhalt hinunter, ohne richtig zu schmecken, was sie trank. Sie hielt den Becher wieder hin, weil sie noch immer durstig war, doch schon kündigte sich die nächste Wehe an. Sie erschauerte und schrie laut auf.
    Die Hebamme rieb sie weiter mit ausholenden Bewegungen ein und tauchte das weiche Wolltuch immer wieder in die Ölschale.
    »Jetzt dauert es nicht mehr lange«, sagte sie beruhigend. »Du hältst dich tapfer. Die Honigmilch hilft gegen die Schmerzen, aber zur Geburt müssen wir dann zum Stuhl hinübergehen. Clodia, hol noch mehr Tücher, und einen Schwamm für den Fall, dass es blutet. Aber das dürfte eigentlich nicht geschehen. Du bist sehr stark und deine Hüften haben die richtige Breite für diese Aufgabe.«
    Cornelia konnte als Antwort nur stöhnen. Sie keuchte hastig, als die Wehe ihre volle Stärke erreicht hatte. Dann biss sie die Zähne zusammen, klammerte sich an die Seiten des harten Bettes und drückte ihr Becken nach unten. Die Hebamme schüttelte missbilligend den Kopf.
    »Fang noch nicht an zu pressen, Liebes. Das Kind überlegt noch, ob es rauskommen will. Es hat sich erst in die richtige Stellung gedreht und muss sich ein wenig ausruhen. Ich sage dir schon, wann du anfangen kannst, sie herauszupressen.«
    »Sie?«, stieß Cornelia zwischen zwei stoßweisen Atemzügen hervor.
    Die Hebamme nickte. »Jungen sind bei der Geburt immer einfacher. Nur Mädchen brauchen so lange wie dieses Kind hier.« Sie bedankte sich bei Clodia, die den Schwamm und die Tücher für die Entbindung neben dem hölzernen Geburtsstuhl bereitlegte.
    Clodia nahm Cornelias Hand und streichelte sie sanft. Eine Tür öffnete sich leise und Aurelia trat ein. Sie kam rasch auf das Bett zu und umfasste Cornelias andere Hand mit festem Griff. Clodia betrachtete sie verstohlen. Tubruk hatte ihr alles über die Probleme dieser Frau erzählt, damit sie mit eventuellen Schwierigkeiten umgehen konnte. Doch Aurelias Aufmerksamkeit schien ganz auf Cornelia gerichtet, die hier in den Wehen lag. Und es war richtig, dass sie bei der Geburt ihres Enkelkindes dabei war. Tubruk war fort, um sich um die Angelegenheit zu kümmern, die sie miteinander besprochen hatten. Also war es an Clodia, Aurelia hinauszuführen, falls sie vor dem Ende der Geburt einen Anfall erlitt. Keiner ihrer eigenen Bediensteten würde das wagen, doch es war keine Aufgabe, auf die sich Clodia besonders freute, und so sandte sie ein Stoßgebet an die Hausgötter, sie ihr möglichst zu ersparen.
    »Wir glauben, dass es eine Tochter wird«, sagte sie zu Julius’ Mutter, als diese ihren Platz auf der anderen Seite des Bettes einnahm.
    Aurelia antwortete nicht. Clodia fragte sich, ob ihre Steifheit daher rührte, dass sie die Dame des Hauses war und Clodia nur eine Sklavin, aber dann verwarf sie diesen Gedanken. Die Regeln waren während einer Entbindung ohnehin gelockert, und Tubruk hatte ihr ja gesagt, dass Aurelia sich schon mit kleinen Dingen schwer tat, die für andere selbstverständlich waren.
    Cornelia schrie auf und die Hebamme nickte knapp.
    »Jetzt ist es so weit«, sagte sie und drehte sich zu Aurelia um. »Fühlst du dich in der Lage, uns zu helfen, meine Liebe?«
    Als keine Antwort kam, wiederholte die Hebamme ihre Frage ein wenig lauter. Aurelia schien aus einem Dämmerzustand zu erwachen.
    »Ich möchte gerne helfen«, sagte sie leise, und die Hebamme musterte sie eindringlich. Dann zuckte sie die Schultern.
    »In Ordnung. Aber es kann Stunden dauern. Wenn es dir zu viel ist, schicke uns lieber ein starkes junges Mädchen an deiner Stelle. Hast du mich verstanden?«
    Aurelia nickte. Ihre Aufmerksamkeit war schon wieder auf Cornelia gerichtet, und sie versuchte nach Kräften dabei mitzuhelfen, Cornelia zum Stuhl hinüberzuführen.
    Auch Clodia hob an und wunderte sich über die Zuversicht der Hebamme. Sie war natürlich eine Freigekaufte, deren Tage der Sklaverei schon lange hinter ihr lagen, doch in ihrem Verhalten lag keine Spur von Ehrerbietung. Clodia mochte sie gern und beschloss, genauso stark zu sein wie sie, wenn es nötig sein sollte.
    Der Gebärstuhl war solide gebaut und vor ein paar Tagen zusammen mit der Hebamme auf einem Karren herbeigeschafft worden. Mit vereinten Kräften führten die Frauen Cornelia zu dem Stuhl, der nicht weit entfernt vom Bett aufgestellt worden war. Cornelia umklammerte die Armlehnen und ließ ihr ganzes Gewicht auf die schmale Rundung der Sitzfläche fallen. Die Hebamme kniete sich vor sie hin und drängte über dem halbrunden Ausschnitt im alten Holz des Stuhles sanft ihre Beine auseinander.
    »Drück den Rücken ganz fest gegen die Lehne«, riet sie Cornelia und drehte sich zu Clodia um. »Achte darauf, dass der Stuhl nicht nach hinten umkippt. Sobald das Köpfchen zu sehen ist, habe ich etwas anderes für dich zu tun. Aber im Moment ist das deine Aufgabe, verstanden?«
    Clodia stellte sich hinter den Stuhl und stemmte die Hüfte gegen die Rückenlehne.
    »Aurelia, wenn ich es sage, drückst du auf dem Bauch nach unten. Aber nicht vorher, ist das klar?«
    Mit wachen Augen legte Aurelia die Hände auf die Wölbung des Bauches und wartete geduldig.
    »Es geht wieder los«, jammerte Cornelia.
    »So soll es auch sein, mein Mädchen. Das Kind will jetzt heraus. Warte, bis die Wehe richtig da ist, und fang erst an zu pressen, wenn ich es dir sage.« Ihre Hände verrieben noch mehr Öl auf Cornelias Haut, und sie lächelte aufmunternd.
    »Jetzt dauert es nicht mehr lange. Bist du bereit? Jetzt pressen, Mädchen! Aurelia, vorsichtig nach unten drücken!«
    Sie pressten gemeinsam, und Cornelia schrie vor Schmerzen auf. Wieder und wieder pressten sie und ließen wieder los, bis die Wehe verschwunden war. Cornelia war von Schweißüberströmt, ihr Haar glänzte dunkel und nass.
    »Der Kopf ist immer das Schwerste«, sagte die Hebamme. »Du machst das sehr gut, mein Kind. Viele Frauen schreien die ganze Zeit über. Clodia, ich möchte, dass du ihr während der Wehen ein Tuch ans Gesäß hältst. Sie würde es uns nicht danken, wenn da am Ende ein paar Trauben hingen.«
    Clodia tat wie ihr geheißen, griff zwischen der Stuhllehne und Cornelia nach unten und hielt das Tuch an die besagte Stelle.
    »Jetzt hast du es bald geschafft, Cornelia«, sagte sie tröstend.
    Cornelia brachte ein schwaches Lächeln zustande. Dann aber kam schon die nächste Wehe. Die Stärke der Muskelkontraktionen war Furcht erregend. So etwas hatte sie noch nie erlebt, und sie kam sich fast vor wie eine Zuschauerin in ihrem eigenen Körper, der sich mit ungeahnten Kräften in seinem eigenen Rhythmus bewegte. Sie fühlte, wie sich der Druck weiter und weiter aufbaute und dann plötzlich wieder nachließ. Erschöpft fiel sie zurück.
    »Ich kann nicht mehr«, flüsterte sie.
    »Ich habe schon den Kopf, Liebes. Der Rest ist jetzt einfacher«, erwiderte die Hebamme ruhig und aufmunternd. Aurelia strich mit den Händen über die Wölbung und beugte sich über den Stuhl, um zwischen Cornelias zuckende Beine zu schauen.
    Die Hebamme hielt den Kopf des Kindes in den Händen, die sie zuvor mit grobem Stoff umwickelt hatte, damit sie nicht abrutschten. Die Augen des Kindes waren noch geschlossen und der Kopf sah irgendwie unförmig verzogen aus, doch die Hebamme schien unbesorgt, und nun glitt auch der restliche Körper in ihre Hände. Cornelia sackte erschöpft im Stuhl zusammen. Ihre Beine fühlten sich an wie Wasser. Sie atmete unregelmäßig und stoßweise und konnte nur dankbar nicken, als ihr Aurelia die Stirn mit einem kühlen Lappen abwischte.
    »Wir haben ein Mädchen!«, sagte die Hebamme fröhlich, während sie ein kleines scharfes Messer an die Nabelschnur setzte. »Gut gemacht, meine Damen! Clodia, hol mir eine glühende Kohle, damit ich das hier veröden kann.«
    »Wirst du sie denn nicht abbinden?«, fragte Clodia im Aufstehen.
    Die Hebamme schüttelte den Kopf und wischte mit den Händen Blut und Schleim von dem Baby. »Veröden ist sauberer. Beeil dich, mir tun die Knie weh.«
    Mit einem erschöpften Aufschrei presste Cornelia in einer letzten Kontraktion einen glitschigen Klumpen dunkles Fleisch heraus. Die Hebamme gab Aurelia ein Zeichen, ihn zu entfernen. Ohne sich Gedanken zu machen, kümmerte sich Julius’ Mutter um die Nachgeburt; sie hatte sich schon an die Autorität der anderen Frau gewöhnt. Als ihr langsam bewusst wurde, was soeben geschehen war, empfand sie ein ungewohntes Gefühl der Glückseligkeit. Sie hatte eine Enkelin. Aurelia blickte verstohlen auf ihre Hände und atmete erleichtert auf, weil keine Spur von dem Zittern zu sehen war.
    Ein Schrei zerriss die Luft, und alle Frauen lächelten erleichtert. Die Hebamme untersuchte mit geübten Griffen die Gliedmaßen des Kindes.
    »Alles in Ordnung. Sie ist noch ein bisschen blau, aber sie wird ja schon rosig. Sie bekommt genauso helles Haar wie ihre Mutter, es sei denn, es dunkelt noch nach. Ein wunderschönes Kind. Sind die Wickeltücher bereit?«
    Aurelia reichte ihr gerade die Tücher, als Clodia mit einem kleinen Stück glühender Kohle, das sie mit einer eisernen Zange vor sich hertrug, wieder den Raum betrat. Die Hebamme presste die Kohle auf den winzigen Stummel der Nabelschnur, und es zischte kurz. Das Baby schrie erneut kräftig, doch sie wickelte es bereits fest in die sauberen Tücher. Nur den Kopf ließ sie frei.
    »Hast du dir schon einen Namen für sie überlegt?«, fragte sie Cornelia.
    »Wenn es ein Junge gewesen wäre, hätte ich ihm den Namen seines Vaters gegeben – Julius. Ich dachte immer… sie würde ein Junge werden.«
    Die Hebamme stand mit dem Kind in den Armen da und sah, wie blass und erschöpft Cornelia immer noch war.
    »Du hast noch genug Zeit, um über einen Namen nachzudenken. Meine Damen, helft Cornelia aufs Bett, damit sie sich ausruhen kann. Ich räume derweil meine Sachen zusammen.«
    Selbst hier oben im Geburtszimmer hörte man plötzlich das dumpfe Dröhnen, mit dem draußen eine Faust gegen das Tor des Anwesens donnerte. Aurelia hob den Kopf und richtete sich auf.
    »Normalerweise öffnet Tubruk den Besuchern das Tor, aber er hat uns ja verlassen«, sagte sie gedehnt.
    »Nur für ein paar Wochen, Herrin«, versicherte Clodia rasch und ein wenig schuldbewusst. »Länger dauern seine Geschäfte in der Stadt nicht, hat er gesagt.«
    Aurelia schien ihre Antwort gar nicht gehört zu haben. Sie ging aus dem Zimmer und dann langsam hinaus in den Hof. Das helle Sonnenlicht blendete sie, weil sie sich so lange nur in geschlossenen Räumen aufgehalten hatte. Zwei ihrer Bediensteten warteten geduldig am Tor. Sie wussten sehr wohl, dass sie das Tor auf keinen Fall ohne ihre Zustimmung öffnen durften, egal, wer davor stand. Tubruk hatte diese Regel schon vor Jahren, in den Zeiten der Aufstände, eingeführt. Er schien sich zwar um die Sicherheit des Hauses zu sorgen, aber jetzt hatte er sie doch alleine gelassen, obwohl er versprochen hatte, das niemals zu tun. Sie setzte eine gefasste Miene auf und bemerkte dabei einen kleinen Blutstropfen auf ihrem Ärmel. Ihre rechte Hand zitterte leicht, und sie hielt sie mit der anderen fest, um den drohenden Anfall niederzukämpfen.
    »Öffnet das Tor!«, hörte man eine Männerstimme von draußen, und seine Faust schlug abermals ungeduldig gegen das Holztor.
    Auf ein Zeichen Aurelias hin nahmen die Bediensteten den Querbalken weg und zogen das Tor für den Besucher auf. Aurelia sah, dass die beiden Sklaven bewaffnet waren. Noch eine von Tubruks Vorsichtsmaßnahmen.
    Drei Soldaten, in glänzender Rüstung und mit Federschmuck am Helm, ritten in den Hof. Sie sahen aus, als wären sie für eine Parade gekleidet, und ihr Anblick jagte Aurelia einen Schauer über den Rücken.
    Warum war Tubruk nicht hier? Er würde eine solche Situation so viel besser meistern als sie.
    Selbstsicher und mit geschmeidigen Bewegungen stieg einer der Männer vom Pferd. In der einen Hand hielt er die Zügel und mit der anderen reichte er Aurelia ein dick mit Wachs versiegeltes Pergament. Sie nahm die Rolle entgegen und sah ihn abwartend an. Der Soldat scharrte unruhig mit den Füßen, als ihm klar wurde, dass Aurelia nichts sagen würde.
    »Befehle, Herrin. Von unserem Herrn, dem Diktator von Rom.«
    Noch immer sagte Aurelia kein Wort. Ihre eine Hand umklammerte die andere, die die Schriftrolle hielt. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
    »Deine Schwiegertochter befindet sich hier, und Sulla ordnet ihr sofortiges Erscheinen vor ihm in der Stadt an«, fuhr der Mann fort, dem allmählich dämmerte, dass sie die Rolle, die Sullas Befehle mit seinem persönlichen Siegel bestätigten, vielleicht gar nicht öffnen würde.
    Als sich ihr inneres Zittern einen Moment beruhigte, fand Aurelia ihre Stimme wieder.
    »Sie hat gerade ihr Kind zur Welt gebracht. Sie ist nicht reisefähig. Komm in drei Tagen wieder, ich sorge dafür, dass du sie dann mitnehmen kannst.«
    Die Züge des Soldaten verhärteten sich ein wenig, seine Ungeduld wurde offensichtlich. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein?
    »Herrin, sie wird jetzt reisefertig sein. Sulla hat sie in die Stadt beordert, also hat sie sich, ob sie will oder nicht, sofort auf den Weg zu machen. Ich warte hier draußen auf sie, aber ich erwarte, dass sie in ein paar Minuten fertig ist. Zwing uns nicht, hineinzukommen und sie zu holen.«
    Aurelia wurde ein wenig blass.
    »W… was ist mit dem Kind?«
    Der Soldat kniff die Augen zusammen und überlegte. In seinen Befehlen war kein Kind erwähnt worden, andererseits machte man keine Karriere, indem man den Diktator von Rom enttäuschte.
    »Das Kind auch. Macht beide fertig.« Sein Gesicht entspannte sich wieder ein wenig. Schließlich schadete es niemandem, wenn er etwas netter war, und die Frau sah plötzlich sehr verletzlich aus. »Wenn du einen Karren und Zugpferde hast, die du schnell anschirren kannst, können sie damit fahren.«
    Ohne ein weiteres Wort drehte sich Aurelia um und verschwand im Haus. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah der Soldat seine beiden Begleiter an.
    »Ich habe euch ja gesagt, es ist ganz einfach. Ich frage mich nur, was er mit der Frau vorhat.«
    »Kommt drauf an, wer der Vater ist, würde ich mal sagen«, erwiderte einer der beiden und zwinkerte anzüglich.
    Tubruk saß steif auf dem Stuhl und nahm den ihm angebotenen Wein mit einem dankbaren Nicken entgegen. Der Mann, dem er gegenübersaß, war in seinem Alter und seit fast dreißig Jahren sein Freund.
    »Manchmal kann ich immer noch nicht so recht glauben, dass ich nicht mehr der junge Mann bin, der ich einmal war«, meinte Fercus und lächelte wehmütig. »Früher hingen überall im Haus Spiegel, aber jedes Mal, wenn ich an einem vorbeikam, hat mir der alte Mann, der mich daraus ansah, einen Schrecken eingejagt. Aber der Geist ist immer noch ziemlich wach, auch wenn der Körper allmählich verfällt.«
    »Das hoffe ich doch sehr, denn so alt bist du nun auch wieder nicht«, entgegnete Tubruk. Er versuchte sich zu entspannen und die Gesellschaft seines Freundes zu genießen, so wie er es über die Jahre hinweg immer wieder getan hatte.
    »Meinst du nicht? Viele von denen, die wir früher gekannt haben, sind von uns gegangen und machen mittlerweile Ärger im Schattenreich. Rapas ist einfach so von einer Krankheit dahingerafft worden, dabei war er der stärkste Mann, dem ich jemals begegnet bin. Man sagt, sein Sohn habe ihn sich kurz vor seinem Ende einfach über die Schulter legen können, um ihn in die Sonne hinauszutragen. Kannst du dir vorstellen, wie sich jemand diesen gewaltigen Ochsen einfach so über die Schulter wirft? Selbst wenn es sein eigener Sohn ist! Es ist furchtbar, alt zu werden.«
    »Du hast doch Ilita und deine Töchter. Oder hat sie dich mittlerweile verlassen?«, brummte Tubruk.
    Fercus schnaubte in seinen Wein. »Noch nicht, aber sie droht noch immer jedes Jahr damit. Mal ehrlich, dir würde ein gutes, dralles Weib auch ganz gut tun. Die halten das Alter ganz gut von einem fern, weißt du? Und nachts wärmen sie dir auch noch die Füße.«
    »Ich bin viel zu festgefahren für eine neue Liebe«, erwiderte Tubruk. »Und wo sollte ich auch eine Frau finden, die gewillt ist, es mit mir auszuhalten? Nein, ich habe auf dem Gut eine Art Familie gefunden. Eine andere kann ich mir nicht vorstellen.«
    Fercus nickte, aber seinen Augen entging nichts von der Anspannung, die das Gesicht des alten Gladiators zeichnete. Er wartete geduldig, bis Tubruk bereit war, auf den Grund für seinen unerwarteten Besuch zu sprechen zu kommen. Er kannte diesen Mann gut genug, um ihn nicht zu drängen, und er war gewillt, ihm zu helfen, so gut er konnte. Obwohl er ihm viel schuldete, war es nicht nur eine Frage von Schuld. Es war mehr die Tatsache, dass er Tubruk respektierte und gern hatte. In Tubruk gab es nichts Bösartiges, und er hatte Stärken vorzuweisen, die Fercus noch in kaum einem anderen hatte entdecken können.
    Im Geiste überschlug er bereits seine Besitztümer und sein verfügbares Gold. Falls es um Geld ging, so hatte es sicherlich schon bessere Zeitpunkte gegeben als gerade diesen. Aber er verfügte über einige Reserven, dazu etliche Außenstände, die er zur Not abrufen konnte.
    »Wie laufen deine Geschäfte?«, erkundigte sich Tubruk, ohne zu ahnen, dass er Fercus’ Gedanken erraten hatte.
    Fercus zuckte die Achseln, hielt jedoch eine vorschnelle Antwort gerade noch rechtzeitig zurück.
    »Ich habe ein paar Rücklagen«, antwortete er. »Du weißt ja, dass man in Rom immer Sklaven braucht.«
    Unverwandt sah Tubruk den Mann an, der ihn damals verkauft hatte, damit er für den Kampf vor Tausenden von Menschen ausgebildet wurde. Selbst damals, als er noch ein gehetzter, junger Sklave war, der nichts von der Welt oder der ihm bevorstehenden Ausbildung wusste, hatte er erkannt, dass Fercus niemals grausam gegen die Sklaven war, die er verkaufte. Tubruk erinnerte sich noch sehr gut an die schreckliche Nacht, bevor er ins Ausbildungslager gebracht werden sollte. Er war verzweifelt gewesen und hatte über Mittel und Wege nachgedacht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Fercus war auf seiner Runde bei ihm stehen geblieben und hatte ihm gesagt, dass er sich eines Tages, wenn er Herz und Stärke besäße, freikaufen könnte, und dass dann immer noch ein Großteil seines Lebens vor ihm liegen würde.
    »An diesem Tag komme ich zurück und töte dich«, hatte Tubruk zu dem anderen Mann gesagt.
    Fercus hatte ihn lange und eindringlich angesehen, bevor er antwortete. »Das hoffe ich nicht«, hatte er dann gesagt. »Ich hoffe, dass du mich darum bittest, einen Becher Wein mit dir zu leeren.«
    Der jüngere Tubruk hatte damals keine passende Antwort darauf gewusst, später jedoch waren diese Worte stets ein Trost für ihn gewesen. Allein der Gedanke daran, eines Tages sein eigener Herr zu sein, der die Freiheit besaß, in der Sonne zu sitzen und zu trinken, hatte ihm geholfen. An dem Tag, an dem er schließlich ein freier Mann geworden war, war er durch die ganze Stadt zu Fercus’ Haus gelaufen und hatte eine Amphore auf den Tisch gestellt. Fercus hatte zwei Becher daneben gesetzt, und so hatte ihre Freundschaft ohne jede Bitterkeit begonnen.
    Wenn es außerhalb des Gutes überhaupt jemanden gab, dem er trauen konnte, dann war es Fercus. Doch er schwieg immer noch und ging im Geiste den Plan noch einmal durch, an dem er schmiedete, seit Clodia mit ihm gesprochen hatte. Gewiss gab es doch eine andere Möglichkeit. Nur mit großem Unbehagen folgte er der Richtung, die seine Überlegungen vorgaben. Aber er war bereit zu sterben, um Cornelia zu schützen, also konnte er auch genauso gut diesen Plan verfolgen.
    Fercus stand auf und ergriff Tubruks Arm.
    »Etwas bedrückt dich, mein alter Freund. Was auch immer es ist, frag mich.«
    Als Tubruk zu ihm aufschaute, sah er ihn mit festem Blick an, in dem ihre gesamte Vergangenheit offen vor ihnen lag.
    »Kann ich dir mein Leben anvertrauen?«, fragte Tubruk unvermittelt.
    Anstelle einer Antwort packte Fercus seinen Arm fester, dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl.
    »Das brauchst du nicht zu fragen. Meine Tochter lag schon fast im Sterben, bis du eine Hebamme aufgetrieben hast, die sie gerettet hat. Und wenn du damals nicht die Diebe abgewehrt hättest, wäre ich jetzt selbst tot. Ich schulde dir so viel, dass ich schon geglaubt habe, ich würde nie die Gelegenheit bekommen, dir etwas davon zu vergelten. Frage mich.«
    Tubruk holte tief Luft.
    »Ich will, dass du mich wieder als Sklave verkaufst. Als Sklave in Sullas Haus«, sagte er leise.
    Julius spürte kaum Caberas Hand, die seine Augenlider hob. Die Welt um ihn herum war abwechselnd hell und dunkel, und sein Kopf war von einem roten Schmerz erfüllt. Er hörte Caberas Stimme von weit her und verfluchte sie innerlich, weil sie die dunkle Stille störte.
    »Seine Augen stehen falsch«, sagte jemand. War das Gaditicus? Der Name bedeutete ihm nichts, doch die Stimme kannte er. War sein Vater hier? Eine vage Erinnerung daran, wie er auf dem Gut im Dunkeln gelegen hatte, stieg in ihm auf und vermischte sich mit seinen Gedanken. Lag er immer noch im Bett, nachdem Renius ihn verwundet hatte? Standen seine Freunde draußen auf den Mauern und schlugen den Sklavenaufstand zurück ohne ihn? Er bewegte sich unruhig und spürte Hände, die ihn niederhielten. Er versuchte zu sprechen, aber seine Stimme wollte ihm nicht gehorchen. Nur ein undeutlicher Laut, dem Stöhnen eines sterbenden Ochsen ähnlich, entrang sich seiner Kehle.
    »Das ist kein gutes Zeichen«, hörte er jetzt wieder Caberas Stimme. »Die Pupillen sind unterschiedlich groß, und er sieht mich nicht. Sein linkes Auge ist blutunterlaufen… aber das ist in ein paar Wochen wieder vorbei. Schau nur, wie rot es ist. Kannst du mich hören, Julius? Gaius?«
    Selbst auf den Namen seiner Kindheit konnte Julius nicht antworten. Eine schwarze, bleierne Schwere drängte alles weit von ihm weg.
    Cabera stand auf und seufzte.
    »Der Helm hat ihm das Leben gerettet, wenigstens das, aber es ist nicht gut, dass Blut aus seinen Ohren rinnt. Entweder er erholt sich irgendwann, oder aber er bleibt so wie jetzt. Ich habe so etwas schon früher bei Kopfverletzungen beobachtet. Manchmal bleibt der Verstand völlig durcheinander.« Die Traurigkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören, und sie erinnerte Gaditicus daran, dass der Heiler zusammen mit Julius an Bord gekommen war und eine Geschichte hatte, die in eine Zeit lange vor der Accipiter zurückreichte.
    »Tu für ihn, was in deiner Macht steht. Die Chancen stehen gut, dass wir alle Rom bald wiedersehen, wenn sie das geforderte Geld bekommen. Zumindest eine Zeit lang sind wir lebendig wertvoller für sie als tot.«
    Es kostete Gaditicus viel Kraft, seine Stimme nicht allzu verzweifelt klingen zu lassen. Einem Kapitän, der sein Schiff verloren hatte, würde man so schnell kein anderes anvertrauen. Hilflos und gefesselt hatte er vom Deck der zweiten Trireme aus zusehen müssen, wie seine geliebte Accipiter in einem Strudel aus Luftblasen und Treibholz im Meer versank. Die Sklaven waren nicht von den Rudern losgemacht worden, und ihre verzweifelten, heiseren Schreie waren so lange zu hören, bis das Wasser ganz von dem Schiff Besitz ergriffen hatte. Er wusste, dass auch seine eigene Karriere mit der Accipiter versenkt worden war.
    Der Kampf war entsetzlich gewesen. Man hatte sie in die Zange genommen, und die Piraten hatten schließlich den Großteil seiner Männer überwältigt oder getötet. Wieder und wieder ließ Gaditicus den kurzen Kampf vor seinem inneren Auge vorüberziehen, auf der Suche nach Möglichkeiten, wie er ihn hätte gewinnen können. Jedes Mal zuckte er dann irgendwann mit den Schultern und kam zu dem Schluss, dass er die Niederlage einfach anerkennen musste. Trotzdem wollte ihn die Erniedrigung nicht loslassen.
    Er hatte bereits daran gedacht, sich das Leben zu nehmen, um die Piraten um das Lösegeld für ihn zu bringen und seiner Familie die Schande zu ersparen. Aber wahrscheinlich würde sie sowieso nicht genug Geld für ihn aufbringen.
    Es wäre leichter für sie, wenn er mit der Accipiter untergegangen wäre, wie so viele seiner Männer. Stattdessen saß er nun zusammen mit zwölf überlebenden Offizieren hier in seinem eigenen Dreck. Auch Cabera war noch bei ihnen, weil er den Piraten seine Heilkünste angeboten hatte. Es gab immer Verletzte, deren Wunden sich nicht schließen wollten, oder Männer, die von den Huren in entlegenen Häfen hartnäckige Krankheiten mitgebracht hatten. Der alte Mann war seit der Schlacht pausenlos beschäftigt, und man erlaubte ihm nur einmal am Tag, die Wunden und Verbände seiner eigenen Kameraden zu versorgen.
    Gaditicus lehnte sich zur Seite und kratzte sich ausgiebig, denn schon in der ersten Nacht in dieser engen, dreckigen Zelle hatte er sich Läuse und Flöhe eingefangen. Irgendwo über ihnen auf dem Deck der Trireme stolzierten die Männer umher, die sie hier gefangen hielten. Ihr Schiff hatte nun die Truhe mit dem Silber aus dem Laderaum der Accipiter an Bord, dazu eine stattliche Anzahl Geiseln, für die man hohes Lösegeld verlangen konnte. Das Risiko hatte sich für die Piraten durchaus gelohnt, und bei dem Gedanken an ihr Triumphgehabe und ihre Arroganz verzog Gaditicus angewidert das Gesicht.
    Einer der Männer hatte ihm ins Gesicht gespuckt, als er bereits an Händen und Füßen gefesselt gewesen war. Bei dem Gedanken daran wurde Gaditicus jetzt noch rot vor Zorn. Der Mann war auf einem Auge blind und sein stoppeliges Gesicht war mit alten Narben überzogen gewesen. Das milchige Auge schien den römischen Kapitän anzustarren, und sein meckerndes, höhnisches Gelächter hätte Gaditicus beinahe dazu verleitet, seiner Wut freien Lauf zu lassen und sich durch hilfloses Zerren an den Fesseln noch mehr zu erniedrigen. Stattdessen hatte er ihn nur ausdruckslos angestarrt und leise geächzt, als der kleine Mann ihm auch noch in den Magen trat und dann davonging.
    »Wir sollten versuchen zu fliehen«, flüsterte Suetonius und beugte sich so dicht zu Gaditicus hinüber, dass dieser seinen Atem riechen konnte.
    »Wir können Cäsar im Augenblick nicht mitnehmen, also schlag dir das aus dem Kopf. Es dauert garantiert ein paar Monate, bis die Lösegeldforderungen in Rom ankommen, und dann vergehen noch ein paar weitere Monate, bis das Geld hier eintrifft – wenn es überhaupt kommt. Damit bleibt uns mehr als genug Zeit, um Fluchtpläne zu schmieden.«
    Auch Prax war von den Piraten verschont geblieben. Ohne seine Rüstung sah er viel gewöhnlicher aus. Aus Sorge, die schwere Schnalle könnte als Waffe benutzt werden, hatte man ihm sogar seinen Gürtel abgenommen, so dass er ständig seine Bracae hochzog. Er war derjenige unter ihnen, der diesen Wechselfall des Schicksals offensichtlich mit dem geringsten Unmut hinnahm. Seine natürliche Gelassenheit wirkte auf sie alle ausgleichend und beruhigend.
    »Aber der Junge hat Recht, Kapitän. Wahrscheinlich schmeißen sie uns einfach über Bord, sobald sie das Silber aus Rom kriegen. Oder der Senat beschließt, uns zu vergessen und zwingt unsere Familien, nicht zu zahlen.«
    Gaditicus fuhr ihn empört an. »Du vergisst dich, Prax. Auch der Senat besteht aus Römern, auch wenn du keine gute Meinung von ihm hast. Sie werden schon dafür sorgen, dass man uns nicht vergisst.«
    Prax zuckte die Achseln. »Wir sollten uns trotzdem etwas überlegen. Wenn diese Trireme hier auf eine andere römische Galeere trifft, die Anstalten macht, uns zu entern, werfen sie uns wahrscheinlich einfach über Bord. Ein paar Ketten um unsere Füße tun dann das Übrige.«
    Gaditicus erwiderte den Blick seines Optio. »Na gut, wir können ja ein paar Pläne schmieden. Aber falls sich eine Gelegenheit ergeben sollte, lasse ich niemanden zurück. Cäsar hat nicht nur die Kopfverletzung, sondern auch einen gebrochenen Arm. Bis er auch nur wieder stehen kann, vergehen noch Wochen.«
    »Falls er überhaupt überlebt«, warf Suetonius ein.
    Cabera sah den jungen Offizier scharf an.
    »Dieser Mann ist sehr stark, und er hat einen hervorragenden Heiler an seiner Seite, der sich um ihn kümmert.«
    Plötzlich beschämt, wich Suetonius dem strengen Blick des alten Mannes aus.
    »Nun, meine Herren«, sagte Gaditicus in das Schweigen hinein, »wir haben Zeit, um alle Möglichkeiten durchzuspielen. Zeit haben wir sogar mehr als genug.«

6

    Casaverius warf einen Blick in den langen Küchenflur und erlaubte sich ein selbstzufriedenes Lächeln. Nachdem die letzten Bestellungen schon vor Stunden serviert worden waren, kam die hektische Betriebsamkeit des Abends allmählich zur Ruhe.
    »Vollkommenheit liegt nun einmal im Detail«, murmelte er vor sich hin, so wie er es jeden Abend in den vergangenen zehn Jahren getan hatte, die er nun schon in den Diensten von Cornelius Sulla stand. Es waren gute Jahre gewesen, obwohl seine einstmals schlanke Gestalt seither bedenklich an Umfang zugenommen hatte. Casaverius lehnte sich gegen die glatt verputzte Wand und rieb weiter mit dem Stößel eine Senfsamenpaste, die Sulla so sehr liebte. Prüfend tauchte er einen Finger in die dunkle Masse und fügte dann ein wenig Öl und Essig aus den enghalsigen Töpfchen hinzu, die an der Wand aufgereiht hingen. Wie konnte ein guter Koch je seinen eigenen Gerichten widerstehen? Das Kosten gehörte nun mal zum Kochen. Sein Vater war noch sehr viel massiger gewesen als er, außerdem war Casaverius in gewisser Hinsicht stolz auf seine Körperfülle. Nur ein Dummkopf stellte einen dünnen Koch ein.
    Die Luftzufuhr der gemauerten Öfen war schon vor geraumer Zeit gedrosselt worden, weshalb sie weit genug heruntergekühlt sein müssten. Casaverius gab den Sklaven das Zeichen, die Öfen auszufegen. Anschließend würden sie neue Kohle für den nächsten Morgen herbeischaffen. Es war noch immer recht heiß und schwül in der Küche, und so zog er ein Küchentuch vom Gürtel, um sich die Stirn abzuwischen. Insgeheim gestand er sich ein, dass seine Korpulenz ihn schneller zum Schwitzen brachte, und er drückte sich das ohnehin schon feuchte Tuch gegen das Gesicht.
    Dann überlegte er, ob er die Paste nicht vielleicht in einem der kühleren Räume zu Ende rühren sollte, in denen die Eisspeisen zubereitet wurden, doch er ließ die Sklaven nicht gern unbeaufsichtigt. Er wusste, dass sie Essen für ihre Familien stahlen, was er ihnen – in Maßen natürlich – sogar nachsehen konnte. Aber wenn man sie allein ließ, wurden sie rasch unvorsichtig, und wer wusste schon, was dann alles verschwand? Er erinnerte sich daran, wie sich schon sein Vater abends stets darüber beklagt hatte, und schnell flüsterte er ein Gebet für den alten Mann, wo auch immer er jetzt sein mochte.
    Ein herrlicher Friede lag auf dem Abend dieses Tages, der sehr gut verlaufen war. Sullas Haus war bekannt für seine vorzüglichen Speisen, und immer wenn etwas ganz Besonderes gefordert wurde, genoss Casaverius die Aufregung und die hektische Betriebsamkeit, die dann von seinem Küchenpersonal Besitz ergriff. Es begann immer mit dem erwartungsvollen Moment, wenn er die zusammengebundene Rezeptsammlung seines Vaters öffnete. Dann zog er vorsichtig die ledernen Bänder auf, mit denen die kostbaren Pergamente verschnürt waren, und ließ die Finger über die Buchstaben gleiten. Casaverius genoss es, dass nur er sie lesen konnte. Sein Vater hatte immer gesagt, jeder anständige Koch müsse auch ein gebildeter Mann sein, und Casaverius seufzte kurz auf, als er an seinen eigenen Sohn dachte. Der Junge verbrachte die Morgenstunden immer in der Küche, aber wenn das Wetter gut war, schien sein Lernwille verflogen. Der Knabe war eine einzige Enttäuschung, und Casaverius hatte sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass sein Sohn niemals alleine eine große Küche leiten würde.
    Andererseits hatte er selbst noch viele Jahre vor sich, bevor er seine Teller und Öfen ein letztes Mal zurückließ und sich in sein kleines Haus in einem hübschen Viertel Roms zurückzog. Vielleicht fand er dann endlich Zeit, die Gäste zu unterhalten, die sich seine Frau immer wünschte. Irgendwie hatte er es nie geschafft, seine Kunst auch in seinem eigenen Hause auszuüben. Dort gab er sich immer mit einfachen Mahlzeiten aus Fleisch und Gemüse zufrieden, und allein bei dem Gedanken daran knurrte ihm ein wenig der Magen. Er sah zu, wie die Sklaven ihre eigenen gerösteten Brote und verschnürten Fleischstücke aus der Herdasche nahmen, in die sie sie gegen Ende des Abends gelegt hatten. Für die Küche war es kein großer Verlust, wenn man sie wenigstens mit ein paar warmen Bissen in ihre Quartiere entließ. Außerdem war er überzeugt, dass diese Gefälligkeit der freundlichen Atmosphäre in seiner Küche nur zugute kam.
    Dalcius, der neue Sklave, ging mit einem Metalltablett voller Gewürze, die in ihre Regale zurückgestellt werden sollten, an ihm vorüber. Als er begann, das Tablett abzuräumen, lächelte Casaverius ihm zu.
    Er war ein guter Arbeiter. Der Sklavenhändler hatte beim Verkauf nicht gelogen, als er behauptete, dieser Sklave kenne sich in der Küche aus. Casaverius überlegte, ob er ihm erlauben sollte, unter seinen wachsamen Augen ein Gericht für das nächste Bankett zuzubereiten.
    »Sieh zu, dass die Gewürze immer am richtigen Platz stehen, Dalcius«, sagte er.
    Der große Mann nickte lächelnd. Offensichtlich war er kein Schwätzer, aber vielleicht sollte er wenigstens diesen Bart abnehmen, dachte Casaverius bei sich. Sein Vater hatte nie einen Bart in seiner Küche erlaubt, weil er der Ansicht war, man könne das als ein Zeichen von Unsauberkeit werten.
    Er probierte noch einmal die Senfsamenpaste und schmatzte zufrieden, bemerkte dabei jedoch aus dem Augenwinkel, dass Dalcius seine Aufgabe schnell und ordentlich ausführte. Mit seinen Narben sah er eher wie ein alter Kämpfer aus, aber seine Gestalt wirkte keineswegs bullig. Wenn dem so gewesen wäre, hätte Casaverius ihn nicht in seiner Küche dulden können, denn die ständige Hektik dort führte manchmal auch zu Streitereien. Übellaunige Menschen überlebten in den unteren Regionen der Häuser der Reichen nicht sehr lange. Dalcius aber hatte sich als durchaus liebenswürdig, wenn auch als sehr schweigsam erwiesen.
    »Morgen früh brauche ich jemanden, der mir bei den Pasteten hilft. Möchtest du das übernehmen?« Casaverius war sich gar nicht bewusst, dass er langsam und wie mit einem Kind redete, doch Dalcius schien das nichts auszumachen. Im Gegenteil, seine Schweigsamkeit forderte einen geradezu dazu heraus. Der dicke Koch hatte nichts Feindseliges an sich und freute sich aufrichtig, als Dalcius zustimmend nickte, bevor er wieder in die Vorratsräume ging. Ein Koch muss stets ein Auge für gute Arbeiter haben, hatte sein Vater immer gesagt. Darin lag der Unterschied zwischen endloser Plackerei und dem Erreichen absoluter Vollkommenheit.
    »…und Vollkommenheit liegt nun einmal im Detail«, murmelte er wieder vor sich hin.
    Am Ende der langen Küchenflucht öffnete sich eine Tür, die zum Wohnbereich führte, und ein vornehm gekleideter Sklave trat ein. Casaverius richtete sich auf und stellte Stößel und Mörser achtlos beiseite.
    »Der Herr bittet dich, die Störung zu dieser späten Stunde zu entschuldigen. Er lässt fragen, ob du ihm noch etwas Kaltes zubereiten könntest, bevor er zu Bett geht. Eine Eisspeise«, sagte der junge Mann.
    Casaverius dankte ihm und war wie immer erfreut über Sullas Höflichkeit.
    »Für alle seine Gäste?«, fragte er und fing bereits an zu überlegen.
    »Nein, seine Gäste sind bereits gegangen. Nur der Feldherr ist noch da.«
    »Dann warte hier. Ich brauche nur ein paar Minuten.«
    Kaum hatte Casaverius seine Befehle ausgegeben, schlug die Trägheit des ausklingenden Abends wieder in angespannte Aufmerksamkeit um. Zwei der Küchenboten wurden in die Eisräume tief unter der Küche geschickt. Casaverius ging unter einem niedrigen Bogen hindurch und dann einen kurzen Gang entlang in den Raum, in dem die Nachspeisen zubereitet wurden.
    »Ich denke da an ein Zitroneneis«, murmelte er beim Gehen vor sich hin. »Schöne, bittere Zitronen aus dem Süden, gesüßt und gut gekühlt.«
    Als er den Nachspeisenraum betrat, lag schon alles bereit. So wie in der Hauptküche hingen auch hier Dutzende von kleinen, mit Sirupen und Soßen gefüllten Amphoren an den Wänden. Diese Zutaten wurden zubereitet oder aufgefüllt, wenn in der Küche sonst nicht sehr viel zu tun war. Hier unten war nichts von der Hitze der Öfen zu spüren. Ein angenehmes Frösteln überlief Casaverius’ massigen Körper.
    Die in grobes Tuch eingeschlagenen Eisblöcke wurden schnell nach oben gebracht und unter seiner Anweisung zerstampft, bis das Eis sich in einen feinen Brei verwandelt hatte. Dann fügte er die bittersüße Zitrone hinzu und rührte sie so unter, dass sie gerade genug Geschmack abgab, ohne vorzuschmecken. Sein Vater hatte immer gesagt, das Eis dürfe auf keinen Fall gelb werden. Angesichts der feinen Konsistenz und der zarten Färbung lächelte Casaverius zufrieden, nahm eine Schöpfkelle und gab die Mischung in die Glasschälchen, die auf einem Serviertablett bereitstanden.
    Er arbeitete zügig, denn selbst in diesem kalten Raum begann das Eis langsam zu schmelzen, weshalb der Weg durch die Küche sehr schnell zurückgelegt werden musste. Er hoffte, Sulla würde eines Tages einen weiteren Durchgang unter seinem luxuriösen Haus genehmigen, durch den man die geeisten Nachspeisen direkt nach oben bringen konnte. Aber mit etwas Umsicht und Schnelligkeit würden sie seinen Tisch auch so beinahe vollkommen erreichen.
    Nach wenigen Minuten waren die beiden Schälchen mit weißem Eis gefüllt, und Casaverius schleckte sich die Finger ab und ächzte übertrieben genüsslich. Wie gut schmeckte doch Eisgekühltes im Sommer! Er überlegte kurz, wie viel Silber die beiden Schälchen wohl wert waren, doch das war ohnehin eine kaum vorstellbare Summe. Die riesigen Eisblöcke wurden auf Karren von den Bergen heruntergebracht, wobei unterwegs die Hälfte verloren ging. Dann brachte man die Blöcke in die tropfende Dunkelheit der Kühlräume, wo sie ganz langsam schmolzen. Trotzdem blieb noch genug übrig, um den ganzen Sommer damit gekühlte Getränke und Nachspeisen zuzubereiten – was ihn daran erinnerte, alsbald zu überprüfen, ob noch ausreichende Vorräte vorhanden waren. Es dürfte schon fast wieder Zeit für eine neue Bestellung sein.
    Hinter ihm kam Dalcius herein, immer noch mit dem Gewürztablett in der Hand.
    »Darf ich zusehen, wie du das Eis zubereitest? Bei meinem letzten Herrn hat es so etwas nie gegeben.«
    Fröhlich bedeutete ihm Casaverius, näher zu treten.
    »Die Zubereitung ist schon erledigt. Aber jetzt müssen die Schälchen so schnell wie möglich durch die Küche getragen werden, bevor das Eis schmilzt.« Dalcius lehnte sich ungeschickt über den Tisch und stieß dabei mit dem Arm den Krug mit dem klebrig gelben Zitronensirup um, der sich über das Tablett ergoss. Mit einem Schlag war Casaverius’ gute Laune verflogen.
    »Beeil dich, du Narr! Hol einen Lappen zum Aufwischen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
    Der große Sklave sah entsetzt drein und stammelte: »Ich… es tut mir sehr Leid. Aber ich habe hier noch ein Tablett, Herr.«
    Er hielt sein Tablett vor sich und Casaverius hob schnell die Schälchen an und wischte sie eilig mit seinem schweißgetränkten Tuch sauber. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um lange zu überlegen. Das Eis schmolz! Er stellte die Schälchen auf das Tablett und wischte sich gereizt die Finger ab.
    »Steh nicht da wie angewurzelt! Lauf! Und wenn du über deine eigenen Füße stolperst, lasse ich dich auspeitschen.« Dalcius hastete aus dem Raum, und Casaverius fing an, den verschütteten Sirup aufzuwischen. Vielleicht war der Mann ja doch zu ungeschickt für schwierigere Aufgaben.
    Draußen im Gang brauchte Tubruk nur den Bruchteil einer Sekunde, um den Inhalt des Giftröhrchens auf die beiden Schälchen zu verteilen und mit dem Finger unterzurühren. Dann rannte er durch die Küche und übergab das Tablett dem wartenden Sklaven.
    Die bis dahin so nervösen Augen sahen dem bereits in der Tür zum Wohntrakt verschwindenden Sklaven jetzt ruhig nach. Nun galt es zu fliehen, zuvor gab es noch eine blutige Aufgabe zu erledigen. Er seufzte. Casaverius war kein schlechter Mensch, doch selbst wenn er sich den Bart abrasiert hatte und sein Haar wieder auf die normale Länge heruntergewachsen war, könnte er ihn wiedererkennen.
    Er fühlte sich mit einem Male sehr müde, als er sich wieder zu den Kühlräumen umdrehte. Unterwegs legte er die Hand auf den beinernen Griff seines Dolches unter der Tunika. Er würde es nicht wie einen Selbstmord, sondern wie einen Mord aussehen lassen, das würde Casaverius’ Familie vielleicht wenigstens vor Racheakten schützen.
    »Hast du das Tablett übergeben?«, fuhr Casaverius ihn an, als er den kühlen kleinen Raum wieder betrat.
    »Ja, habe ich. Es tut mir Leid, Casaverius.«
    Der Koch blickte auf, als Tubruk mit schnellen Schritten auf ihn zukam. Die Stimme des Mannes war plötzlich tiefer geworden und seine gewohnte Schüchternheit war verschwunden. Mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung erblickte Casaverius die Klinge.
    »Dalcius! Leg das weg!«, sagte er noch, doch da stieß Tubruk ihm bereits den Dolch in die massige Brust, direkt ins Herz, und danach stieß er noch zwei weitere Male zu, um ganz sicherzugehen.
    Casaverius rang nach Luft, aber sie blieb ihm verwehrt. Sein Gesicht verfärbte sich violett, und seine Hände griffen ziellos um sich, fegten sämtliche Kellen und Krüge von den Tischen, bis er endlich zu Boden ging.
    Tubruk war speiübel. In seiner gesamten Zeit als Gladiator und Legionär hatte er nie einen unschuldigen Menschen umgebracht. Jetzt fühlte er sich beschämt und schmutzig. Casaverius war ein liebenswürdiger Mann gewesen, und Tubruk wusste, dass die Götter immer Rache an denen nahmen, die den Guten Schaden zufügten. Er versuchte sich zusammenzureißen und seinen Blick endlich von der Stelle loszureißen, an der die Leiche des dicken Mannes am Boden lag. Leise ging er hinaus, doch in dem engen Gang, der zur Küche zurückführte, hallten seine Schritte laut wider. Jetzt musste er so schnell wie möglich entkommen und zu Fercus gelangen, bevor Alarm geschlagen wurde.
    Sulla lag lang ausgestreckt auf einer Liege. Eigentlich unterhielt er sich mit Antonidus, dem Oberbefehlshaber seiner Truppen, doch seine Gedanken schweiften ab. Der Tag war lang gewesen, und es schien ganz so, als wolle der Senat seine Nominierung für neue Magistrate blockieren. Er war mit dem Auftrag, die Ordnung in der Republik wiederherzustellen, zum Diktator gemacht worden, und in den ersten Monaten waren die Senatsmitglieder seinen Wünschen mit großem Eifer nachgekommen. Aber seit kurzem debattierten sie in stundenlangen Reden über die Befugnisse und Begrenzungen seines Amtes, und seine Berater hatten ihm empfohlen, ihnen zumindest eine Weile seine Befehle nicht zu direkt aufzuzwingen. In seinen Augen waren das alles nur kleine Männer. Klein in Träumen und klein in Taten. Wäre Marius noch am Leben gewesen, er hätte diese Dummköpfe verachtet.
    »…werden Einwände gegen die Liktoren erhoben, mein Freund«, sagte Antonidus gerade.
    Sulla schnaubte verächtlich.
    »Einwände hin oder her, ich werde weiterhin vierundzwanzig Liktoren bei mir haben. Ich habe viele Feinde, und ich will, dass sie sich meiner Macht bewusst sind, wenn sie mich auf meinem Weg zwischen dem Capitol und der Curia sehen.«
    Antonidus zuckte die Achseln.
    »Früher waren immer nur zwölf zulässig. Vielleicht ist es besser, dem Senat in diesem einen Punkt nachzugeben und sich auf wichtigere Verhandlungen zu konzentrieren.«
    »Das ist doch nur eine Bande zahnloser alter Männer!«, knurrte Sulla beleidigt. »Ist im letzten Jahr nicht wieder Ruhe und Ordnung in Rom eingekehrt? Hätten sie das vielleicht alleine erreicht? Nein! Wo war denn der Senat, als ich um mein Leben kämpfte? Was für eine Hilfe waren sie mir da? Nein, ich bin ihr Herr, und man sollte ihnen diese einfache Tatsache ein für alle Mal klar machen. Ich bin es leid, ständig auf ihre Empfindsamkeiten Rücksicht zu nehmen und so zu tun, als sei die Republik noch immer jung und stark.«
    Antonidus gab keine Antwort, denn jede Widerrede würde nur noch wildere Ankündigungen und Drohungen zur Folge haben. Zu Anfang hatte er sich geehrt gefühlt, dass man ihn zum militärischen Berater ernannte. Leider hatte sich sehr bald herausgestellt, dass dieser Posten nichts weiter als eine Fassade war. Sulla benutzte ihn lediglich als Strohmann für seine eigenen Befehle. Aber trotz allem konnte er Sullas Enttäuschung teilweise nachvollziehen. Der Senat mühte sich einerseits, seine Würde und althergebrachte Autorität aufrechtzuerhalten, andererseits gestand er die Notwendigkeit ein, einen Diktator einzusetzen, der den Frieden in Rom und seinen Provinzen bewahrte. Es war die reinste Farce, und Sulla wurde dieses Spielchens schnell müde.
    Ein Sklave kam mit den Eisspeisen herein und stellte die Schälchen auf den niedrigen Tisch vor ihnen, ehe er sich unter tiefen Verbeugungen wieder entfernte. Sulla setzte sich auf. Seine Gereiztheit war mit einem Mal verflogen.
    »Das hier musst du unbedingt probieren. Es gibt nichts Erfrischenderes gegen die Sommerhitze.« Er nahm einen silbernen Löffel, schaufelte sich das weiße Eis in den Mund und schloss genießerisch die Augen. Das Schälchen war bald leer, und er überlegte, ob er nach mehr verlangen sollte. Nach dem Eis schien sein ganzer Körper abgekühlt, und sein Geist hatte sich wieder beruhigt. Er sah, dass Antonidus noch nicht einmal probiert hatte, und drängte ihn dazu.
    »Man muss es schnell essen, bevor es schmilzt. Aber selbst wenn es schon geschmolzen ist, ist es immer noch ein erfrischendes Getränk.« Er sah zu, wie der General einen Löffel voll probierte und lächelte ihm zu.
    Antonidus hätte ihre Unterredung eigentlich gern zu Ende gebracht, um zu seiner Familie nach Hause zu gehen. Doch er wusste, dass er nicht aufstehen durfte, bevor Sulla müde war, und fragte sich, wann es endlich so weit sein würde.
    »Deine neuen Magistrate werden morgen von der Curia bestätigt«, sagte er.
    Sulla lehnte sich auf seiner Liege zurück, und seine Grimasse unterstrich seinen schmollenden Tonfall.
    »Das sollten sie auch. Ich schulde jedem dieser Männer einen Gefallen. Wenn es noch mehr Verzögerungen gibt, wird der Senat es schon bald bereuen. Bei den Göttern, das schwöre ich! Sonst löse ich den Senat auf und lasse die Tore zunageln!«
    Beim Sprechen zuckte er ein wenig zusammen und rieb sich mit einer Hand leicht über den Magen.
    »Wenn du den Senat auflösen lässt, kommt es wieder zum Bürgerkrieg, und die Stadt würde wieder einmal in Flammen stehen«, sagte Antonidus. »Aber ich denke, am Ende würdest du auch daraus siegreich hervorgehen, denn du kannst dir der uneingeschränkten Unterstützung der Legionen sicher sein.«
    »Das ist der Weg, den Könige beschreiten«, erwiderte Sulla. »Er zieht mich an und stößt mich zugleich ab. Früher war ich ein glühender Anhänger der Republik und wäre es immer noch, würde sie von solchen Männern geführt wie damals, als ich noch ein Knabe war. Aber die gibt es nicht mehr, und wenn heute Rom ruft, kommen die Kleingeister, die jetzt noch übrig sind, wehklagend zu mir gelaufen.« Er musste plötzlich kräftig aufstoßen und zuckte dabei zusammen. Auch Antonidus verspürte fast im gleichen Moment einen bohrenden Schmerz in seinem Innern. Ein schrecklicher Verdacht ließ ihn von der Liege aufspringen. Sein Blick fiel auf die beiden Schälchen. Eines war geleert, das andere fast unberührt.
    »Was ist denn?«, fragte Sulla und richtete sich mühsam auf. Doch im selben Moment, in dem er die Frage stellte, zeigte sein vor Schrecken verzerrtes Gesicht, dass auch er begriffen hatte. Das Brennen in seinem Leib breitete sich aus, und er presste eine Hand auf die Magengegend, als könne er es so unterdrücken.
    »Ich spüre es auch«, stieß Antonidus entsetzt hervor. »Das könnte Gift sein. Steck dir schnell den Finger in den Hals!«
    Sulla wankte, fiel auf die Knie und schien im Begriff, ohnmächtig zu werden. Antonidus achtete nicht auf seine eigenen, immer stärkeren Schmerzen und eilte ihm zu Hilfe.
    Er steckte dem Diktator einen Finger in den erschlafften Mund und verzog das Gesicht, als sich ein schleimiger Strahl Erbrochenes über seine Hand ergoss. Sulla stöhnte auf und verdrehte die Augen.
    »Komm schon! Komm! Noch einmal!«, drängte Antonidus und schob ihm die Fingerspitzen erneut tief in den Rachen. Von Krämpfen geschüttelt brachte der Diktator Galle und Schleim hervor, bis er nur noch schwer und trocken würgte. Dann fiel sein zuckender Brustkorb in sich zusammen, und nach einem letzten keuchenden Atemzug versagte die Lunge. Antonidus schrie um Hilfe und entleerte sich nun selbst den Magen. Trotz der Panik hoffte er bei den Göttern, dass er keine tödliche Portion von dem Gift abbekommen hatte.
    Die Wachen waren sofort zur Stelle, fanden Sulla aber nur noch bleich und reglos vor. Antonidus war nur noch halb bei Bewusstsein und über und über mit stinkendem Erbrochenem bedeckt. Er hatte kaum noch Kraft genug, um sich aufzurichten, doch ohne klare Befehle standen die Wachen wie angewurzelt da.
    »Holt die Ärzte!«, krächzte Antonidus. Seine Kehle fühlte sich an wie rohes Fleisch. Sie war angeschwollen, aber die Magenschmerzen ließen schon wieder nach. Er nahm die Hand weg und versuchte seine Gedanken zu sammeln.
    »Riegelt das Haus ab! Der Diktator ist vergiftet worden!«, rief er. »Schickt Männer in die Küche hinunter. Ich will wissen, wer dieses wässrige Zeug hier heraufgebracht hat, und ich will den Namen eines jeden wissen, der damit in Berührung gekommen ist. Beeilt euch!« Doch ausgerechnet jetzt verließen ihn seine Kräfte. Er ließ sich auf die Liege sinken, auf der er noch vor ein paar Minuten friedlich über den Senat diskutiert hatte. Ihm war klar, dass er jetzt schnell handeln musste, sonst versank Rom im Chaos, sobald die Nachricht auf die Straße drang. Wieder übergab er sich. Danach fühlte er sich zwar sehr schwach, aber sein Verstand wurde wieder klar.
    Die herbeieilenden Ärzte ignorierten den Feldherrn und kümmerten sich zuerst um Sulla. Sie befühlten sein Handgelenk und seinen Hals und sahen sich entsetzt an.
    »Er ist tot«, sagte einer der Ärzte mit bleichem Gesicht.
    »Seine Mörder werden gefunden und gevierteilt werden. Das schwöre ich bei meinem Hause und bei meinen Göttern«, flüsterte Antonidus mit einer Stimme, die ebenso bitter war wie der Geschmack in seinem Mund.
    Gerade als im Haupthaus der Stadtresidenz des Sulla die ersten Schreie laut wurden, erreichte Tubruk die kleine Tür, die hinaus auf die Straße führte. Dort stand zwar nur ein einziger Posten, doch der Mann war wachsam und trat ihm mit finsterer Miene entgegen.
    »Geh zurück, wo du hingehörst, Sklave«, sagte er mit fester Stimme. Seine Hand lag bereits auf dem Griff seines Gladius. Tubruk knurrte, sprang auf ihn zu und fegte ihn mit einem Überraschungsschlag von den Füßen. Der Soldat fiel ungeschickt und blieb bewusstlos liegen. Tubruk hielt einen Moment inne und dachte nach. Er wusste, dass er jetzt einfach über den Soldaten hinwegtreten und durch den kleinen Lieferanteneingang entwischen konnte. Doch der Mann würde ihn wiedererkennen und eine Beschreibung von ihm abgeben, obwohl man ihn vielleicht auch exekutierte, weil er als Torwache versagt hatte. Die Verzweiflung, die Tubruk seit dem Mord an Casaverius erfüllte, stieg wieder in ihm hoch. Doch seine Verantwortung lag bei Cornelia und Julius – und bei dem Gedenken an Julius’ Vater, der ihm vertraut hatte.
    Entschlossen zog er seinen Dolch und schnitt dem Soldaten die Kehle durch. Er trat einen Schritt zurück, um sich nicht mit Blut zu besudeln. Als er zustach, gab der Mann gurgelnde Laute von sich und öffnete noch einmal die Augen, bevor der Tod ihn mit sich riss. Tubruk ließ das Messer fallen, öffnete das Tor und trat hinaus in die Straßen der Stadt. Die wenigen Menschen, die dort friedlich ihrer Wege gingen, ahnten nichts von dem alten Wolf, der sich soeben unter sie gemischt hatte.
    Um in Sicherheit zu sein, musste er es bis zu Fercus schaffen, doch das war ein Weg von mehr als einer Meile. Er kam zwar schnell voran, aber aus Angst, jemand könnte ihn gerade deshalb bemerken und verfolgen, konnte er nicht rennen. Hinter sich hörte er bereits das vertraute Geklapper von Legionärssandalen. Die Soldaten bezogen bereits Positionen und machten sich daran, Leute anzuhalten und nach Waffen und einem schuldbewussten Gesicht zu suchen.
    Dann rannten noch mehr Legionäre an ihm vorbei und ließen ihre Blicke über die Menge schweifen, während sie sich einen Weg zu bahnen versuchten, um die Straße abzuriegeln. Tubruk wich in eine Seitenstraße aus, dann in noch eine. Er versuchte, Ruhe zu bewahren. Sie konnten noch gar nicht wissen, nach wem sie eigentlich suchten, doch sobald er in Sicherheit war, würde er sich den Bart abnehmen. Was auch immer geschah, er durfte ihnen auf keinen Fall lebend in die Hände fallen. Mit etwas Glück gelang es ihnen dann wenigstens nicht, eine Verbindung zwischen ihm, dem Gut und Julius’ Familie herzustellen.
    Als die Soldaten die Straße abriegelten, warf plötzlich ein Mann seinen Gemüsekorb zur Seite und rannte los. Tubruk dankte den Göttern für das schlechte Gewissen des Fliehenden. Als die Legionäre ihn fassten, musste Tubruk an sich halten, um sich nicht umzudrehen. Doch die gellenden Schreie des Mannes gingen ihm durch Mark und Bein, als sie seinen Kopf auf die Pflastersteine der Straße schlugen. Tubruk lief mit eiligen Schritten um eine Ecke nach der anderen, bis das Kreischen endlich hinter ihm lag. Als er die dunkle Straße erreicht hatte, die ihm Fercus genannt hatte, verlangsamte er seine Schritte wieder. Zuerst glaubte er, sie sei verlassen, dann jedoch erblickte er seinen Freund, der auf einer unbeleuchteten Türschwelle stand und ihm ein Handzeichen gab. Eilig trat er ein. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. In dem kleinen, schmutzigen Raum war er endlich in Sicherheit, und er gestattete sich, wenigstens für einen kurzen Augenblick in sich zusammenzusacken.
    »Hast du es geschafft?«, fragte Fercus, während Tubruk versuchte, seine Atmung und seinen Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen.
    »Ich denke schon. Morgen werden wir es wissen. Sie haben die Straßen abgeriegelt, aber ich bin ihnen entwischt. Bei den Göttern, das war knapp!«
    Fercus gab ihm ein Rasiermesser und deutete auf eine Schüssel mit kaltem Wasser.
    »Du musst erst noch aus der Stadt herauskommen, mein Freund. Das dürfte nicht so einfach sein, wenn Sulla tot ist. Falls er aber noch am Leben ist, wird es sogar so gut wie unmöglich sein.«
    »Bist du bereit, zu tun, was zu tun ist?«, fragte ihn Tubruk leise und rieb sich Wasser in die buschigen Barthaare, die sein Gesicht verdeckten.
    »Ja, das bin ich, obwohl es mir selbst wehtut.«
    »Es wird dir nicht so wehtun wie mir. Mach schnell, sobald ich rasiert bin.«
    Seine Hand, die die schmale Klinge führte, zitterte, und er fluchte leise, als er sich schnitt.
    »Lass mich das machen«, sagte Fercus und nahm ihm die Klinge aus der Hand. Für eine Weile sagte keiner der beiden ein Wort, doch ihre Gedanken überschlugen sich.
    »Bist du ungesehen hinausgekommen?«, fragte Fercus schließlich, während er weiter an Tubruks widerspenstigen Borsten schabte. Tubruk ließ sich mit seiner Antwort Zeit.
    »Nein. Ich musste zwei unschuldige Männer töten.«
    »Die Republik kann ein wenig Blut an den Händen schon verkraften, wenn durch Sullas Tod die Gleichheit in der Stadt wiederhergestellt wird. Mir tut es nicht Leid, was du hast tun müssen, Tubruk.«
    Tubruk saß still und wortlos da, bis die Klinge die letzten Bartreste entfernt hatte. Dann trocknete er sich mit traurigen Augen das Gesicht ab.
    »Tu’s jetzt, solange ich noch so benommen bin.«
    Fercus holte tief Luft und trat um den Schemel herum vor Tubruk hin, um dem alten Gladiator in die Augen zu sehen. In dem ausdrucksvollen Gesicht war keine Spur von dem ungeschickten Dalcius mehr zu sehen.
    »Vielleicht…«, setzte Fercus zögernd an.
    »Das ist die einzige Möglichkeit, und wir haben lange genug darüber gesprochen. Mach schon!« Tubruk krallte sich an den Lehnen des Stuhles fest, während Fercus die Faust hob und begann, sein Gesicht in eine unkenntliche Masse zu verwandeln. Er spürte, wie sein Nasenbein an den alten Bruchstellen erneut abknickte, und spuckte auf den Boden. Fercus hielt schwer atmend inne, und Tubruk hustete zitternd.
    »Hör… noch nicht auf«, flüsterte er durch die Schmerzen hindurch und wünschte sich, es wäre bald vorbei.
    Wenn sie hier fertig waren, würde Fercus Tubruk mit in sein eigenes Haus nehmen, doch zuvor würden sie sorgfältig darauf achten, in dem gemieteten Raum keine einzige Spur zu hinterlassen. Dann würde Tubruk mit seinem geschwollenen Gesicht mit einer Gruppe Sklaven zusammengekettet werden, die morgen die Stadt verließ. Bevor er wieder auf den Sklavenmarkt gekommen war, hatte er als Letztes ein Kaufdokument mit seinem eigenen Namen unterschrieben. Fercus würde einen weiteren anonymen Sklaven für die zermürbende Feldarbeit auf dem Gut außerhalb der Stadt liefern.
    Endlich hob Tubruk die Hand, und Fercus hörte auf. Er keuchte und war verwundert, wie anstrengend es doch war, jemanden zu verprügeln. Der Mann auf dem Stuhl vor ihm hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem, der vorhin von der Straße hereingekommen war. In dieser Hinsicht war Fercus mit seiner Arbeit zufrieden.
    »Ich schlage meine Sklaven nie«, murmelte er dennoch betreten.
    Tubruk hob langsam den Kopf.
    »Das hast du auch jetzt nicht getan«, sagte er und schluckte Blut.
    Brutus duckte sich keuchend hinter einen Felsen. Ihre Verfolger hatten Pfeil und Bogen dabei, und ein schneller Blick hatte ihm gezeigt, dass zwei Bogenschützen zurückgeblieben waren, während zwei andere vorsichtig näher an ihre Position herankletterten. Sobald Renius und er gezwungen wurden, aus der Deckung zu kommen, würden sie von Pfeilen durchbohrt werden und alles wäre vorbei.
    Brutus drückte sich so dicht wie möglich an den dunklen Stein und überlegte fieberhaft. Er meinte, ganz sicher Livias Mann in einem der Bogenschützen erkannt zu haben. Also hatte sie ihren Mann wohl erfolgreich von ihrer Unschuld überzeugt, weil niemand mehr da war, der das Gegenteil behauptete. Wenn er Brutus’ Leiche hinter sich herschleifte, würde sie ihn gewiss zu Hause als großen Helden empfangen.
    Der Gedanke an sie wärmte Brutus für einen Moment. Ihr stumpfsinniger Ehemann würde nie zu schätzen wissen, was er an ihr hatte.
    Renius hatte dem jüngeren Mann seinen Dolch gegeben, weil er selbst das solide Gewicht des Gladius vorzog. Brutus dagegen hatte sein Schwert in die Scheide gesteckt und hielt in jeder Hand einen Dolch. Er konnte gut genug damit werfen, um zu töten. Doch wenn sie ihn einmal im Blickfeld hatten, würden die Bogenschützen ihm wohl kaum eine Chance lassen, richtig zu zielen. Eine ziemlich prekäre Situation.
    Er hob den Kopf über den Felsrand und visierte die Position der Männer an, die auf sie zukletterten. Die Bogenschützen riefen ihren Begleitern noch eine Warnung zu, doch Brutus war schon wieder außer Sicht und suchte sich bereits eine andere Position. Dieses Mal kam er ganz aus der Deckung heraus und schleuderte blitzschnell eines der Messer, bevor er sich wieder zu Boden fallen ließ.
    Ein Pfeil zischte über seinen Kopf hinweg und Brutus grinste, als er hörte, dass der Dolch sein Ziel nicht verfehlt hatte. Er kroch weiter den Felsrand entlang in Renius’ Richtung und hielt das zweite Messer wurfbereit.
    »Ich glaube, du hast ihn nur gestreift«, murmelte Renius.
    Brutus zog missmutig die Augenbrauen hoch, weil er in seiner Konzentration gestört worden war. Dann jedoch wurde er von einem Schwall wüster Schimpfworte abgelenkt, die über die Felskante zu ihnen heraufdrangen.
    »Und du hast ihn verärgert«, fügte Renius grinsend hinzu.
    Brutus machte sich bereit für den nächsten Versuch. Er hätte gerne auf einen der Bogenschützen gezielt, aber jeder der anderen konnte einen Schützen leicht ersetzen. Außerdem waren sie am weitesten vom Versteck der Römer entfernt.
    Er sprang auf und stand einem der Verfolger beinahe Auge in Auge gegenüber. Der Mann schnappte überrascht nach Luft, und Brutus versenkte seine Klinge in seiner ungeschützten Kehle. Dann ließ er sich wieder platt auf den Boden fallen und kroch Staub aufwirbelnd davon.
    Zwei weitere Gegner kamen mit gezogenen Klingen auf Brutus zu. Er stand auf und stellte sich ihnen. Während des Kampfes versuchte er, die Bogenschützen im Hintergrund im Auge zu behalten und ihnen mit schnellen Ausweichschritten nach links oder rechts das Zielen zu erschweren.
    Als er den ersten Griechen auf seinem Schwert aufspießte, zerschnitt direkt neben seinem Bein ein Pfeil die Luft. Brutus benutzte den erschlaffenden Körper als Deckung. Und obwohl der Mann starb, hatte er noch genügend Kraft, Brutus, der mit ihm von einer Seite auf die andere tänzelte, anzuschreien und zu beschimpfen. Aus dem Nichts bohrte sich ein Pfeil in den Rücken des Verwundeten, und ein Blutschwall schoss aus seinem Mund direkt in Brutus’ Gesicht. Er fluchte und stieß die Leiche des Mannes gegen dessen Begleiter, dem er zugleich in einem klassischen Legionärsausfall das Schwert in den Unterleib bohrte. Lautlos stürzten die beiden den Hang hinunter in das Gestrüpp und die Blumen. Brutus sah Livias Ehemann just in dem Moment, als er den Pfeil abschoss.
    Er wollte noch ausweichen, doch der sirrende Schaft erwischte ihn halb in der Drehung und riss ihn um. Die Rüstung rettete ihm das Leben, und während er auf dem Boden wegrollte, dankte Brutus den Göttern für sein Glück. Er kam rechtzeitig wieder hoch, um zu sehen, wie Renius Livias Ehemann mit einem Schwinger von den Beinen holte und sich dann dem Letzten zuwendete. Der stand vor Angst stocksteif, nur seine Arme zitterten unter der Kraft des gespannten Bogens.
    »Ganz ruhig, mein Junge!«, rief ihm Renius zu. »Lauf lieber hinunter zu deinem Pferd und geh nach Hause. Wenn du diesen Pfeil hier abfeuerst, reiße ich dir die Kehle mit den Zähnen heraus.«
    Brutus machte einen Schritt auf Renius zu, doch dieser gab ihm mit einem Zeichen zu verstehen, sich nicht von der Stelle zu rühren.
    »Er weiß, was er zu tun hat, Brutus. Lass ihm nur noch ein wenig Zeit«, sagte Renius laut und deutlich. Blass vor Anspannung hielt der junge Mann den Bogen weiter gespannt und schüttelte dann den Kopf. Livias Mann kam wieder zu sich und wand sich, aber Renius hielt ihn mit dem Fuß auf der Kehle am Boden.
    »Ihr habt euren Kampf gehabt, Jungs. Jetzt geht nach Hause und beeindruckt eure Frauen mit den Geschichten von euren Heldentaten«, fuhr Renius fort und verstärkte langsam aber sicher den Druck, so dass Livias Mann sich an seinen Fuß krallte und nach Luft japste.
    Der Bogenschütze lockerte seinen Griff und trat zwei Schritte zurück
    »Lass ihn gehen«, sagte er mit starkem Akzent.
    Renius zuckte mit den Schultern. »Dann wirf du zuerst den Bogen weg.«
    Der junge Mann zögerte so lange, bis Livias Mann blau anlief. Dann schleuderte er den Bogen hinter sich über den Felsen, wo er hörbar aufschlug. Renius nahm seinen Fuß weg und wartete, bis Livias Mann sich keuchend aufgerichtet hatte. Der alte Gladiator rührte sich nicht, während die beiden Griechen sich so schnell wie möglich davonmachten.
    »Moment!«, schrie Brutus ihnen plötzlich nach, und sie blieben vor Schreck wie erstarrt stehen. »Ihr habt da unten drei Pferde, die ihr nicht mehr braucht. Ich will zwei davon.«
    Cornelia saß kerzengerade da und starrte Antonidus, der auch Sullas Hund genannt wurde, mit weit aufgerissenen Augen an.
    Dieser Mann war gnadenlos, das wusste sie. Während er sie einschüchternd und eindringlich befragte, beobachtete er sorgfältig jede Regung in ihrem Gesicht. Sie hatte noch nie etwas Gutes über Sullas Truppenführer gehört, und es war ihr nicht leicht gefallen, bei der Nachricht, die er ihr überbrachte, weder Angst noch Erleichterung zu zeigen. Ihre Tochter lag schlafend in ihren Armen. Sie hatte beschlossen, sie Julia zu nennen.
    »Weiß dein Vater Cinna, dass du hier bist?«, fragte er mit bohrendem Blick und abgehackter Stimme.
    Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht; Sulla hat mich vom Anwesen meines Mannes außerhalb der Stadt herholen lassen. Seit Tagen sitze ich jetzt schon mit meinem Kind hier in diesen Räumen. Außer den Sklaven habe ich niemanden zu Gesicht bekommen.«
    Der General runzelte die Stirn, als klinge etwas in ihrer Erklärung nicht glaubwürdig, aber er hielt starr den Blick auf sie gerichtet.
    »Warum hat dich Sulla herbefohlen?«
    Sie schluckte nervös und wusste sofort, dass er das bemerkt hatte. Was sollte sie ihm sagen? Dass Sulla sie vergewaltigt hatte, während ihre weinende Tochter daneben lag? Vielleicht würde er sie auslachen, oder schlimmer noch, glauben, sie versuche das Ansehen des großen Mannes nach seinem Tod zu beschmutzen. Dann würde er sie wahrscheinlich auf der Stelle töten lassen.
    Antonidus sah, dass sie sich vor Sorge und Angst wand, und hätte sie am liebsten geohrfeigt. Sie war schön, so dass es offensichtlich war, weshalb Sulla sie hatte rufen lassen. Dennoch fragte er sich, wie Sulla von einem durch eine Niederkunft immer noch schlaffen Körper hatte erregt werden können.
    Er fragte sich, ob ihr Vater vielleicht hinter dem Mord steckte, und fluchte beinahe laut, als ihm klar wurde, dass er noch einen weiteren Namen auf die Liste der Feinde setzen musste. Seine Informanten hatten ihm zwar gesagt, Cinna sei geschäftlich im Norden Italiens unterwegs, aber auch von dort konnte man gedungene Mörder aussenden. Abrupt erhob er sich. Antonidus bildete sich etwas darauf ein, einen Lügner sofort zu erkennen. Aber diese Frau hier war entweder völlig geistlos, oder sie wusste wirklich nichts.
    »Unternimm keine lange Reise. Wo finde ich dich, für den Fall, dass ich dich hierher zurückbringen muss?«
    Cornelia überlegte einen Moment und versuchte, ihre Erleichterung zu unterdrücken. Er würde sie gehen lassen! Sollte sie ins Stadthaus gehen, oder zurück zu Julius’ Anwesen auf dem Lande?
    Wahrscheinlich hielt sich Clodia immer noch dort auf, dachte sie.
    »Ich wohne außerhalb der Stadt auf dem Gut, von wo ich hierher geholt worden bin.«
    Antonidus nickte geistesabwesend. Seine Gedanken konzentrierten sich bereits auf die vor ihm liegenden Aufgaben.
    »Ich bedauere diese Tragödie sehr«, zwang sie sich zu sagen.
    »Wer auch immer dafür verantwortlich ist, er wird es teuer bezahlen«, sagte er mit gepresster Stimme. Wieder spürte sie sein Misstrauen. Es war, als strafe er mit seinen forschenden Blicken ihren eigenen Gesichtsausdruck Lügen.
    Er blieb noch eine Weile vor ihr stehen, doch dann drehte er sich um und ging wortlos über den marmornen Boden davon. Das Baby wachte auf und fing sofort hungrig an zu quengeln. Allein und ohne eine Amme entblößte Cornelia ihre Brust, um ihre Tochter selbst zu stillen, und sie gab sich alle Mühe, dabei ihre Tränen zurückzuhalten.

7

    Verkrampft und steif vor Kälte erwachte Tubruk in der Dunkelheit des Sklavenhauses. Er hörte, dass sich um ihn herum noch andere Körper bewegten, doch in dem Kerker, in dem sie schliefen und für die Reise bereitgehalten wurden, war vom Morgengrauen noch nichts zu sehen.
    Von Anfang an, als er und Fercus die Einzelheiten seines Planes ausgearbeitet hatten, hatte er es sich selbst nie zugestanden, auch über sein eigenes Schicksal nachzudenken. Die drohende Folter oder gar der Tod, falls der Anschlag auf Sulla fehlschlug oder er auf der Flucht gefangen genommen würde, schienen ihm eine vergleichsweise geringe Sorge zu sein. Es gab für ihn so viele Möglichkeiten zu scheitern, dass er den Gedanken an die eine Nacht und den einen Tag, die er eventuell als Sklave zubringen musste, verdrängt, ja sogar beinahe vergessen hatte.
    Er sah sich um und machte in der Dunkelheit einzelne Augenpaare aus. Das Gewicht der eisernen Handschellen wurde ihm bewusst. Sie fesselten seine Hände an eine feingliedrige Kette, die bei der kleinsten Bewegung rasselte. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie es gewesen war, das erste Mal als Sklave in Ketten zu liegen. Doch die Erinnerungen an die Nächte, Tage und Jahre drängten sich in seine Gedanken und wurden so übermächtig, dass er beinahe laut aufgeschrieen hätte. Einige der angeketteten Männer weinten leise. Noch nie in seinem Leben hatte Tubruk traurigere Klagelaute gehört.
    Vielleicht hatte man sie aus fremden Ländern hierher verschleppt, oder sie wurden für eine Straftat, oder weil sie sich verschuldet hatten, mit der Sklaverei bestraft. Es gab viele Möglichkeiten, so zu enden, die schlimmste von allen jedoch war, in die Sklaverei geboren zu werden. Als Kind rannte man noch in aller Unschuld umher und spielte, bis man alt genug wurde, um zu begreifen, dass es keine Zukunft gab, außer der, verkauft zu werden.
    Tubruk atmete den Stallgeruch ein. Öl und Stroh, Schweiß und Leder. Saubere menschliche Tiere, die nichts besaßen und jemand anderem gehörten. Trotz des Gewichts der Ketten richtete er sich auf. Die anderen Sklaven hielten ihn für einen der ihren, für jemanden, der schwere Schuld auf sich geladen hatte, weil er derart von Schlägen gezeichnet war. Aus dem gleichen Grund hielt ihn auch die Wache für einen Unruhestifter. Nur Fercus allein wusste, dass er in Wirklichkeit ein freier Mann war.
    Der Gedanke daran war nicht sehr beruhigend. Es genügte nicht, sich in Erinnerung zu rufen, dass er nur eine kurze Reise vom Gut und von der Freiheit entfernt war. Wenn man von jedermann für einen Sklaven gehalten wurde und in der Dunkelheit so angekettet war, dass selbst das Aufstehen unmöglich war, wo ist da die kostbare Freiheit? Wenn ein freier Mann mit Sklaven zusammen an einer Kette hing, dann war auch er ein Sklave. Tubruk fühlte die alte namenlose Angst in sich aufsteigen, die er vor Jahrzehnten in demselben Raum schon einmal gespürt hatte. Essen, schlafen, aufstehen und sterben – und das alles nach Lust und Laune eines anderen. Er war dahin zurückgekehrt, und all die Jahre, in denen er stolz darauf gewesen war, seinen Weg zurück in die Freiheit gefunden zu haben, schienen mit einem Wimpernschlag nurmehr Schall und Rauch.
    »Sie ist ein so zerbrechliches Gut«, sagte er leise, nur um seine eigene Stimme zu hören. Der Mann neben ihm erwachte stöhnend und riss Tubruk fast um, als er versuchte sich aufzusetzen. Tubruk wandte den Blick ab. Er war dankbar für die Dunkelheit und wollte nicht, dass das Licht durch die weit oben liegenden Fenster hereindrang und ihre Gesichter enthüllte. Die Männer um ihn herum waren für ein kurzes, schweres Leben auf den Feldern bestimmt, wo sie so lange arbeiten würden, bis sie umfielen und nicht mehr aufstehen konnten. Und sie glichen ihm selbst. Vielleicht würden ein oder zwei in diesem Raum wegen ihrer Körperkraft und Schnelligkeit ausgewählt und für den Zirkus ausgebildet werden. So würden sie ihr Leben im Sand der Arena ausbluten, statt als verkrüppelte Wasserträger zu enden oder langsam von einer Krankheit dahingerafft zu werden. Ein paar von ihnen würden vielleicht auch Kinder haben, die man ihnen wegnahm, um sie zu verkaufen, sobald sie alt genug waren.
    Trotz Tubruks Wunsch drang langsam das Morgenlicht in ihre Zelle, in der die angeketteten Sklaven still und teilnahmslos verharrten. Nur das leise Klirren der Ketten wies darauf hin, dass die meisten von ihnen inzwischen erwacht waren. Mit dem Licht kam auch das Essen, also warteten sie geduldig weiter.
    Tubruk betastete sein Gesicht und zuckte zusammen, als seine Finger über die Schwellungen glitten, die von Fercus’ Schlägen herrührten. Die Wache hatte sehr überrascht ausgesehen, als man Tubruk hereingebracht hatte. Fercus war noch nie grausam gewesen, und der Wachmann wusste, dass Tubruk ihn schon sehr beleidigt haben musste, um ausgerechnet am Vortag seiner Auslieferung an seine neuen Besitzer eine so schwere Tracht Prügel zu beziehen.
    Natürlich waren keine Fragen gestellt worden. Selbst wenn die Sklaven nur ein paar Tage in Fercus’ Haus verbrachten, bis er sie weiterverkauft hatte, so waren sie in dieser Zeit dennoch sein Eigentum, genauso wie der Stuhl, auf dem er saß oder die Kleider, die er trug.
    Man gab ihnen Holzschalen mit gekochten Gemüseresten und Brot. Tubruk tauchte gerade die Finger in die Schale, als sich die Tür wieder öffnete und Fercus mit drei Soldaten hereinkam. Tubruk hielt wie die anderen den Kopf gesenkt, weil er nicht riskieren wollte, ihre Blicke auf sich zu ziehen. Ein plötzliches Gemurmel war zu hören, doch Tubruk schwieg beharrlich. Er hatte seinen eigenen Verdacht, warum die Soldaten hier waren, und sein Magen krampfte sich vor innerer Anspannung zusammen. Mittlerweile mussten sie das ganze Küchenpersonal in Sullas Haus verhört haben, und dabei hatten sie sicherlich festgestellt, dass ein gewisser Dalcius fehlte. Fercus hatte zwar damit gerechnet, dass sie beim Verlassen der Stadt noch einmal kontrolliert würden, aber dass sie so gründlich vorgingen und sogar seine Sklavenzellen durchsuchten, noch bevor der Transport überhaupt aufgebrochen war, überraschte ihn doch.
    Im grauen Licht des anbrechenden Tages fürchtete Tubruk, sofort entdeckt zu werden, doch die Soldaten gingen ohne Hast zwischen den kauenden Sklaven hindurch. Offensichtlich nahmen sie die ihnen übertragene Aufgabe sehr ernst und wollten sehr gewissenhaft vorgehen. Sollten sie doch, dachte Tubruk verärgert. Wenn sie ihn hier nicht ausfindig machten und man ihn später am Stadttor doch entlarvte, würden sie schwer bestraft werden. Er fragte sich, ob Sulla das Gift mit dem Eis gegessen hatte, doch falls der Senat beschlossen hatte, die Nachricht zurückzuhalten, würde es Tage, wenn nicht sogar Wochen dauern, bevor er es mit Sicherheit wusste. Die Bevölkerung Roms bekam den Diktator ohnehin nur selten zu Gesicht, und wenn, dann nur aus weiter Entfernung über die Köpfe einer Menschenmenge hinweg. Sie würden ihr Leben ahnungslos weiterleben und vielleicht nie von dem Attentat erfahren – sofern Sulla überlebt hatte.
    Eine grobe Hand fuhr unter sein langsam mahlendes Kinn und zog seinen Kopf nach oben. Tubruk erblickte einen jungen Legionär mit unbarmherzigen Augen. Er schluckte seinen Bissen hinunter und versuchte eine gleichgültige Miene aufzusetzen.
    Der Soldat pfiff leise durch die Zähne. »Der hier hat aber eine ordentliche Abreibung gekriegt«, sagte er leise.
    Tubruk blinzelte nervös durch seine geschwollenen Augen.
    »Er hat meine Frau beleidigt«, knurrte Fercus. »Ich habe die Bestrafung gleich selbst vorgenommen.«
    »Tatsächlich?«, fuhr der Legionär fort.
    Tubruk schlug das Herz bis zum Hals. Zu spät fiel ihm ein, dass er dem Mann besser nicht in die Augen sehen sollte.
    »Wenn es meine Frau gewesen wäre, hätte ich ihm den Bauch aufgeschlitzt«, sagte der Legionär abfällig und ließ Tubruks Kinn los.
    »Aber dann wäre mir mein Gewinn entgangen«, gab Fercus eilig zu bedenken.
    Der Offizier schnaubte verächtlich und sagte nur ein einziges Wort. »Händler!«
    Er und Fercus gingen weiter zum nächsten Mann und Tubruk aß seine Schüssel leer, die er fest umklammerte, um das erleichterte Zittern seiner Hände zu verbergen. Ein paar Minuten später waren die Soldaten wieder weg, und die Wachen betraten den Raum, um sie mit Fußtritten zum Aufstehen zu bewegen. Dann kettete man sie in den Karren fest, die sie aus Rom heraus zu ihrem neuen Leben und zu ihrem neuen Zuhause bringen würden.
    Unter dem Deck der Trireme drückte Julius den Kopf gegen die Gitterstäbe der kleinen Zelle und schloss sein linkes Auge, um genauer zu erkennen, was draußen vor sich ging. Wenn er es offen hielt, sah er immer so verschwommen, dass er bald Kopfschmerzen bekam, und das wollte er jeden Tag aufs Neue so lange wie möglich hinauszögern. Er sog die Luft tief in die Lunge und drehte sich wieder zu den anderen um.
    »Das ist ganz sicher ein Hafen. Die Luft ist ganz warm, und ich rieche Früchte oder Gewürze. Ich würde sagen, das ist Afrika.«
    Nach einem Monat in dem stickigen, beengten Halbdunkel verursachten diese Worte einige Aufregung unter den Römern, die gegen die hölzernen Wände ihres Kerkers gelehnt dalagen oder -saßen. Er sah sie der Reihe nach an und seufzte, bevor er wieder zu seinem Platz zurückschlurfte. Langsam und vorsichtig ließ er sich nieder, um seinen geschienten Arm nicht unnötig zu belasten.
    Es war für sie alle ein sehr harter Monat gewesen. Man hatte ihnen Wasser zum Waschen und Rasiermesser verweigert, so dass sich die normalerweise peinlich sauberen Soldaten mittlerweile in einen zerlumpten, dreckigen und bärtigen Haufen verwandelt hatten. Der Eimer, den man ihnen als Latrine gegeben hatte, war übervoll und von Fliegen umschwirrt. Er stand hinten in einer Ecke, doch der Boden um den Eimer herum war glitschig vor Exkrementen, und sie hatten auch keine Lumpen, um sich abzuwischen. In der Tageshitze roch die Luft nach Krankheit, und zwei der Männer hatten bereits Fieber bekommen, das Cabera kaum in Schach halten konnte.
    Der alte Heiler tat für sie, was er konnte. Aber jedes Mal, wenn er ihnen Essen brachte oder ihre Kranken versorgte, wurde er durchsucht. Die Piraten brauchten ihn immer noch für ihre eigenen Kranken und Verletzten. Cabera meinte, es sei offensichtlich, dass sie seit Jahren keinen Heilkundigen mehr an Bord gehabt hatten.
    Julius spürte, wie die Kopfschmerzen einsetzten, und unterdrückte ein Stöhnen. Seit er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, waren die Schmerzen allgegenwärtig. Sie untergruben seinen Willen und zehrten an seiner Kraft, und sie ließen ihn die anderen unwirsch anfahren. Sie waren alle gereizt, und die Disziplin, die sie einmal gehabt hatten, hatte sich im eintönigen Dunkel Tag um Tag mehr aufgelöst. Gaditicus hatte mehr als einmal dazwischengehen müssen, um eine Schlägerei zu verhindern, weil die Gemüter überhitzt waren.
    Wenn er die Augen geschlossen hielt, hielten sich auch die Kopfschmerzen in Grenzen. Doch Cabera hatte gesagt, er müsse das getrübte Auge benutzen und jeden Tag für ein paar Stunden damit abwechselnd in die Nähe und in die Ferne schauen, sonst würde es später, wenn sie erst wieder draußen in der Sonne wären, unbrauchbar bleiben. Er musste einfach fest daran glauben, dass das hier eines Tages zu Ende ging. Dann würde er nach Rom und zu Cornelia zurückkehren und von dem Elend hier nur noch böse Erinnerungen zurückbehalten. Es half schon, sich vorzustellen, wie er in der Sonne an der Hofmauer saß, den Arm um Cornelias schlanke Taille gelegt, dazu die kühle Luft von den Bergen, die an ihrem Haar zauste. Sie würde ihn sicher fragen, wie es ihm in dem Dreck und dem Gestank dieser Zelle hier ergangen sei, und er würde alles herunterspielen. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als sich ihr Gesicht deutlicher in Erinnerung rufen zu können.
    Julius hob die Hand und blinzelte sie an, dann sah er ebenso lange auf die verriegelte Tür, und dann wieder umgekehrt, bis die Kopfschmerzen erneut in seiner linken Schläfe pochten. Erschöpft ließ er die schmal gewordene Hand sinken und schloss die Augen. In dem Monat hier unten waren die Rationen gerade groß genug gewesen, um sie am Leben zu erhalten, mehr auch nicht. Was gäbe er jetzt für eine Auster, die ihm die Kehle hinunterglitt! Er wusste, dass es Unsinn war, sich so zu quälen. Aber sein Verstand brachte die leuchtenden Bilder von den Austernschalen so klar und deutlich hervor, als schwebten sie direkt vor ihm – und als seien seine Augen noch so gut wie vor dem Kampf auf der Accipiter.
    Er konnte sich an die Geschehnisse dieses Tages überhaupt nicht mehr erinnern. Von einer Sekunde auf die andere war er nicht mehr gesund und stark, sondern krank und gebrechlich, mehr wusste er nicht. In den ersten Tagen, nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, war er von wildem Zorn darüber erfüllt gewesen, was man ihm genommen hatte. Er war so lange auf dem linken Auge blind gewesen, dass er schon nicht mehr daran geglaubt hatte, jemals wieder richtig sehen und ein Schwert gebrauchen zu können.
    Suetonius hatte ihm gesagt, dass einäugige Männer keine guten Kämpfer sein könnten. Außerdem hatte er gemerkt, dass er oft an Dingen vorbeigriff. Seine Hand fuhr einfach durch die Luft, weil er die Entfernungen falsch einschätzte. Jetzt, nachdem das Augenlicht zurückgekehrt war, schaffte er wenigstens das wieder. Doch die verschwommenen Umrisse, die er immer noch mit dem linken Auge sah, machten ihn wütend, und er versuchte unbewusst ständig, sich das Auge sauber zu reiben. Gewohnheitsmäßig hob sich seine Hand, doch er ertappte sich gerade noch rechtzeitig dabei; er wusste, dass es nichts nützen würde.
    Der Kopfschmerz schien noch einen anderen Weg in seinem Kopf zu finden und arbeitete sich vor, bis auch dieser Punkt wie aus Mitgefühl mit dem ersten zu pochen begann. Hoffentlich würde es dabei bleiben und nicht noch schlimmer werden. Der Gedanke daran, was nach und nach mit ihm geschah, war für ihn eine Angst, der er sich noch nicht offen gestellt hatte, aber schon dreimal war der Kopfschmerz so stark geworden, dass Julius nur noch zuckende Lichtblitze sah, die ihn verzehrten. Dann war er jedes Mal mit dem Geschmack von Galle auf den Lippen wieder zu sich gekommen und hatte in seinem eigenen Dreck gelegen, während Gaditicus ihn energisch zu Boden drückte. Beim ersten Anfall hatte er sich so heftig auf die Zunge gebissen, dass sich sein Mund mit Blut füllte und er beinahe daran erstickt wäre. Jetzt hielten sie immer einen schmutzigen Stoffstreifen bereit, den sie aus seiner Tunika herausgerissen hatten. Den pressten sie ihm zwischen die Zähne, wenn er sich blind und in Krämpfen am Boden wälzte.
    Bei dem Geräusch von Schritten auf der schmalen Treppe, die vom Deck herunterführte, hoben die rotäugigen, stinkenden Soldaten die Köpfe. Jedes ungewöhnliche Ereignis bedeutete für sie eine Ablenkung von der endlosen Langeweile. Selbst die zwei Männer, die im Fieber lagen, versuchten zu erkennen, wer da kam, obgleich der eine von ihnen sogleich wieder erschöpft zurücksank.
    Es war der Kapitän des Schiffes, der, verglichen mit den Männern der Accipiter, vor Gesundheit und Sauberkeit nur so zu strotzen schien. Er war so groß, dass er den Kopf einziehen musste, um die Zelle zu betreten, und er hatte einen mit Schwert und Dolch bewaffneten Mann bei sich, der sich bereithielt, um sofort gegen eventuelle Angriffe vorzugehen.
    Julius hätte über diese Vorsichtsmaßnahme laut gelacht, wenn ihm sein Kopf nicht so wehgetan hätte. Da sie keine Möglichkeit zur körperlichen Ertüchtigung hatten, hatten die Römer ihre Kraft rasch verloren. Es überraschte ihn immer noch, wie schnell Muskeln schwanden, wenn man sie nicht benutzte. Cabera hatte ihnen zwar gezeigt, wie sie sich gegenseitig durch Ziehen und Drücken wenigstens einigermaßen bei Kräften halten konnten, aber sonderlich viel schienen diese Übungen nicht zu bewirken.
    Der Kapitän atmete flach und richtete seinen Blick auf den überlaufenden Eimer. Sein Gesicht war sonnengebräunt und vom jahrelangen Anblinzeln gegen das Gleißen des Meeres zerfurcht. Selbst seinen Kleidern haftete ein frischer Geruch an. Julius sehnte sich plötzlich so sehr danach, draußen an der frischen Luft zu sein, dass sein Herz vor Verlangen wild zu pochen begann.
    »Wir haben jetzt einen sicheren Hafen erreicht. Vielleicht werdet ihr in ungefähr sechs Monaten irgendwann in einer einsamen Nacht wieder als freie, ausgelöste Männer am Strand abgesetzt werden.« Der Kapitän machte eine Pause, um sich an der Wirkung seiner Worte zu erfreuen. Die bloße Erwähnung, dass ihre Gefangenschaft ein Ende haben könnte, ließ die Blicke der Männer wie gebannt auf ihm ruhen.
    »Aber die Summen, die wir für euch verlangen müssen, sind ein heikles Problem«, fuhr er fort. Seine Stimme klang so freundlich, als redete er mit Männern, die er gut kannte, statt mit Soldaten, die ihn mit den Zähnen in Stücke gerissen hätten, wenn ihnen die Kraft dazu geblieben wäre.
    »Wir dürfen natürlich nicht so viel verlangen, dass eure Verwandten nicht zahlen können. Für die, die übrig bleiben, haben wir ja keine Verwendung. Andererseits habe ich den Verdacht, dass ihr mir, wenn ich euch danach frage, was ihr euren Familien wert seid, nicht die Wahrheit sagen werdet. Versteht ihr das?«
    »Wir verstehen dich gut«, sagte Gaditicus.
    »Also einigen wir uns am besten auf einen Kompromiss, denke ich. Jeder von euch nennt mir seinen Namen, seinen Rang und sein Vermögen, und ich entscheide, dass ihr gelogen habt, und füge der Summe das hinzu, was ich für richtig halte. Das ist ein bisschen so wie ein Glücksspiel.«
    Niemand antwortete ihm, aber stumme Flüche stiegen zu den Göttern auf, und der Hass der Männer war deutlich an ihren Gesichtern abzulesen.
    »Also gut. Fangen wir an.« Er zeigte auf Suetonius, der seinen Blick auf sich gezogen hatte, weil er sich gerade einen Läusebiss kratzte. Jeder von ihnen hatte von dem Ungeziefer überall am ganzen Körper rote Schrunden.
    »Suetonius Prandus. Ich bin Wachoffizier im niedrigsten Rang, und meine Familie hat nichts zu verkaufen«, sagte er mit heiserer Stimme, weil er das Sprechen nicht mehr gewohnt war.
    Der Kapitän blinzelte ihn prüfend an. Suetonius’ magere Gestalt verriet ebenso wie die aller anderen nicht das kleinste Anzeichen von Wohlstand. Julius wurde klar, dass sich der Kapitän nur auf ihre Kosten amüsieren wollte. Es machte ihm Spaß, die arroganten römischen Offiziere zu erniedrigen, weil sie mit einem Feind um ihren eigenen Wert schachern mussten. Doch was hätten sie sonst tun sollen? Wenn der Pirat zu viel verlangte und ihre Familien zu Hause das Geld nicht borgen konnten oder schlimmer noch, sich sogar zu zahlen weigerten, hatten sie nicht mehr lange zu leben. Es war verdammt schwer, sich nicht auf dieses Spiel einzulassen.
    »Ich denke, für den niedrigsten Rang werde ich zwei Talente verlangen, also fünfhundert in Gold.«
    Suetonius stammelte entrüstet, aber Julius wusste sehr wohl, dass seine Familie diese Summe, oder sogar das Zehnfache davon, leicht aufbringen konnte.
    »Bei den Göttern! So viel haben sie nicht!«, protestierte Suetonius, und sein ungepflegtes Äußeres schien seine Worte zu bestätigen.
    Der Kapitän zuckte die Schultern. »Dann flehe deine Götter lieber an, dass sie das Geld zusammenbringen, sonst gehst du über Bord, mit einer Kette um den Hals, die dafür sorgt, dass du nicht wieder hochkommst.«
    Scheinbar verzweifelt sank Suetonius in sich zusammen, aber Julius war sicher, dass er innerlich triumphierte, weil er den Piraten überlistet hatte.
    »Und du, Zenturio? Entstammst du einer reichen Familie?«, fragte der Kapitän weiter.
    Bevor er zu einer Antwort ansetzte, sah ihn Gaditicus durchdringend an. »Nein. Keinesfalls. Aber egal, was ich sage, du wirst mir ohnehin nicht glauben«, brummte er und schaute weg.
    Der Kapitän zog nachdenklich die Stirn in Falten. »Nun ja… ich denke, für einen Zenturio, und noch dazu einen Kapitän, wie ich selbst einer bin,… wäre es eine Beleidigung, weniger als zwanzig Talente zu verlangen. Das wären dann also fünftausend in Gold, glaube ich. Ja, genau.«
    Gaditicus beachtete ihn nicht, doch die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
    »Wie lautet dein Name?«, fragte er Julius.
    Auch dieser überlegte zunächst, ob er den Mann ignorieren sollte, dann aber pochten seine Kopfschmerzen besonders stark, und unbändige Wut stieg in ihm auf.
    »Mein Name ist Julius Cäsar, und ich habe zwanzig Männer unter meinem Kommando. Außerdem bin ich das Familienoberhaupt eines wohlhabenden Hauses.«
    Die Augenbrauen des Kapitäns hoben sich, und die anderen Männer tuschelten ungläubig miteinander. Julius wechselte einen kurzen Blick mit Gaditicus, der warnend den Kopf schüttelte.
    »Ein Familienoberhaupt also! Na, dann ist es mir eine besondere Freude, dich kennen zu lernen«, erwiderte der Kapitän mit einen abfälligen Lächeln. »Vielleicht wären dann zwanzig Talente für dich ebenfalls angemessen.«
    »Fünfzig«, sagte Julius und richtete sich auf.
    Der Kapitän blinzelte. Seine Überheblichkeit war mit einem Mal verschwunden.
    »Aber das sind zwölftausend Goldstücke«, wandte er fassungslos ein, aus seiner Selbstgefälligkeit aufgeschreckt.
    »Macht fünfzig daraus«, beharrte Julius mit fester Stimme. »Wenn ich dich gefunden und getötet habe, kann ich das Geld bestimmt gut gebrauchen. Immerhin bin ich sehr weit weg von zu Hause.« Trotz seiner rasenden Kopfschmerzen brachte er ein gefährliches Grinsen zustande.
    Der Kapitän erholte sich schnell von seiner Überraschung. »Du bist doch der, der am Kopf verletzt worden ist. Sieht ganz so aus, als hättest du an Deck meines Schiffes deinen gesunden Menschenverstand verloren. Ich werde fünfzig Talente verlangen, und wenn deine Familie nicht zahlt, ist das Meer auch für dich tief genug.«
    »Aber es ist nicht groß genug für dich, um dich vor mir zu verstecken, du elender Hurensohn«, erwiderte Julius ohne zu zögern. »Ich lasse alle deine Männer ans Kreuz nageln und sie entlang der Küste aufstellen. Deine Offiziere lasse ich vielleicht aus Mitleid zuvor erdrosseln. Darauf hast du mein Wort!«
    Die Soldaten brachen in lauten Jubel aus und lachten über den Kapitän, der vor Zorn erbleichte. Einen Moment sah es fast so aus, als würde er weiter in die Zelle hineintreten, um Julius eigenhändig einen Fausthieb zu versetzen. Dann jedoch riss er sich zusammen und sah die Männer wütend an, die weiter schallend lachten.
    »Ich setze für jeden von euch einen höheren Preis an! Mal sehen, ob ihr dann immer noch jubelt!«, versuchte er laut schreiend das Gejohle zu übertönen und ging hinaus. Sein Begleiter, der über Julius’ Unvernunft noch immer den Kopf schüttelte, sperrte sorgfältig hinter ihnen ab.
    Als niemand mehr in der Nähe war, der sie hätte belauschen können, fuhr Suetonius zu Julius herum.
    »Warum hast du das getan, du Idiot? Wegen deinem blöden Stolz nimmt er jetzt unsere Familien aus!«
    Julius zuckte die Achseln. »Er setzt die Preise ohnehin so an, wie er es für angemessen hält. Und das hätte er auch getan, bevor er hier heruntergekommen ist. Für mich verlangt er aber vielleicht wirklich fünfzig Talente, aus reiner Gehässigkeit.«
    »Cäsar hat Recht«, warf Gaditicus ein. »Der Kerl wollte sowieso nur mit uns spielen.«
    Plötzlich kicherte er in sich hinein. »Fünfzig Talente! Habt ihr sein Gesicht gesehen? Da hat Rom aus dir gesprochen, mein Junge!« Sein Gelächter verwandelte sich in heiseres Husten, aber er grinste immer noch.
    »Ich denke, es war ein Fehler von dir, ihn so zu reizen«, fuhr Suetonius unbeirrt fort, und ein paar andere Männer brummten zustimmend.
    »Er hat römische Bürger umgebracht und die Accipiter versenkt, und du meinst, wir sollten seine kleinen Spielchen mitspielen? Darauf würde ich spucken, wenn ich noch Spucke übrig hätte«, knurrte Julius verächtlich. »Ich habe es so gemeint, wie ich es gesagt habe. Sobald ich frei bin, spüre ich ihn auf und bringe ihn um, und wenn es Jahre dauert. Jedenfalls sieht er mein Gesicht, bevor er stirbt.«
    Wütend fuhr Suetonius auf ihn los, wurde jedoch von Pelitas zurückgehalten, als er versuchte an ihm vorbeizukommen.
    »Setz dich hin, du Narr!«, brummte Pelitas und schubste ihn zurück. »Es ist doch Unsinn, sich hier gegenseitig an die Kehle zu gehen. Außerdem hat Cäsar sich noch nicht richtig erholt.«
    Missmutig gab Suetonius nach. Julius ignorierte ihn und kratzte nachdenklich unter seiner Armschiene. Sein Blick fiel auf die Kranken, die weiter hinten im feuchten, stinkenden Stroh lagen.
    »Diese Zelle wird uns umbringen«, sagte er, und Pelitas nickte.
    »Wir wissen, dass sie die Treppe oben mit zwei Mann bewachen. An denen müssten wir vorbei. Vielleicht wäre jetzt, wo das Schiff vor Anker liegt, eine gute Gelegenheit, oder?«
    »Vielleicht«, stimmte Julius nachdenklich zu. »Aber sie sind sehr vorsichtig. Selbst wenn wir die Tür aus den Angeln lösen können, ist die Luke zum Deck immer noch fest verriegelt. Sie wird sogar verriegelt, wenn jemand zu uns herunterkommt. Sogar bei Cabera. Ich weiß nicht, wie wir sie so schnell aufkriegen sollen, dass uns oben nicht gleich eine ganze Meute erwartet.«
    »Wir könnten ja Suetonius’ Kopf als Rammbock benutzen«, sagte Pelitas grinsend. »Ein paar feste Stöße, und einer von beiden gibt nach. Egal, ob Luke oder Kopf, wir haben in jedem Fall etwas davon.« Julius fiel in sein Lachen ein.
    In der folgenden Nacht starb einer der fieberkranken Männer. Der Kapitän erlaubte Cabera, die Leiche hinauszuziehen und sie ohne Zeremonie über Bord zu werfen. Die Moral der Überlebenden sank auf den Punkt tiefster Verzweiflung.

8

    »Ich bin von Frauen umzingelt«, sagte Tubruk fröhlich, als Aurelia, Cornelia und Clodia eintraten und das stille Triclinium mit Leben erfüllten. Es war schon ein paar Wochen her, seit Fercus ihn zurückgebracht und ihm die Kaufurkunde in die von den Fesseln befreiten Hände gelegt hatte, und Tubruk hatte viel von seinem inneren Frieden zurückgewonnen, den er in der Stadt verloren hatte. Jeden Morgen zusammen zu essen, war für die vier zu einer Art Ritual geworden, und Tubruk freute sich bereits auf das leichte Frühstück. Aurelia ging es morgens immer am besten, und soweit Tubruk es beurteilen konnte, verband die drei Frauen echte Freundschaft. Seit den Sklavenaufständen hatte man im Haus kein Lachen mehr gehört, und Tubruk freute sich mit ihnen.
    Sein Gesicht war nach und nach verheilt, nur eine neue Narbe über der linken Braue zeugte von seiner schweren Prüfung. Er erinnerte sich, wie erleichtert er gewesen war, als er die ersten schwarz gekleideten Legionäre in den Straßen der Stadt gesehen hatte. Diese Uniform würde die Stadt zum Zeichen der Trauer um den verstorbenen Diktator ein ganzes Jahr lang sehen. Trotzdem schien der dunkle Stoff nicht so recht zu der Stimmung in Rom zu passen. Fercus hatte ihm erzählt, dass im Senat ein neuer Wind wehte, da Cinna und Pompeius daran arbeiteten, die alte Republik wiederherzustellen. Gemeinsam versuchten sie, den Geist der alten Könige wieder loszuwerden, den Sulla heraufbeschworen hatte.
    Der Gutsverwalter fuhr nur noch selten in die Stadt, und wenn, dann nur mit großer Vorsicht. Mittlerweile war er zwar davon überzeugt, dass er niemals mit dem Mord an Roms Diktator in Verbindung gebracht werden würde, aber es bedurfte nur einer einzigen Anschuldigung, und der Senat würde das ganze Gut auf der Suche nach Beweisen auseinander nehmen lassen. Wenn sie Fercus fanden und folterten, würde er ihnen Tubruk ans Messer liefern, dessen war er sich sicher. Fercus hatte eine Familie, die er liebte, und in einer solchen Situation zählten für gewöhnlich Ehre und Freundschaft bald nicht mehr viel. Dennoch war das, was sie getan hatten, richtig gewesen. Sie hatten gewonnen, auch wenn er keinen Tag mehr in völliger Ruhe und Frieden würde leben können, solange Sullas Freunde und Anhänger nach dem Mörder suchten.
    Einen Monat nach seiner Rückkehr auf das Gut hatte sich Tubruk einen schweren Umhang umgeworfen und war in die Stadt geritten, um in den Tempeln des Mars und der Vesta Opfer zum Dank für Cornelias Leben darzubringen. Er hatte auch für die Seelen des Casaverius und des Wachmannes gebetet, den er am Tor getötet hatte.
    Jetzt saß Cornelias Tochter auf ihrem Schoß, und Clodia kitzelte die Kleine ab und zu unter den Armen, um sie zum Lachen zu bringen. Selbst Aurelia lächelte über Julias kindliches Gekicher, und Tubruk strich sich Honig auf seine Brotscheibe, um die wilde Mischung aus Gefühlen zu überspielen, die in ihm aufwallten. Es war schön, dass Aurelia etwas von ihrer alten Fröhlichkeit wiedergefunden hatte. Zu lange war sie nur von ernsten Männern umgeben gewesen. Als sie zum ersten Mal ihre Enkelin in den Armen gehalten hatte, waren ihr stumme Tränen über das Gesicht gelaufen.
    Trotzdem zweifelte er nicht daran, dass sie immer schwächer wurde. Auch jetzt fiel ihm wieder auf, dass sie nicht gemeinsam mit den anderen aß. Sanft schob er einen Teller mit frischem, knusprigem Brot auf ihre Seite des niedrigen Tisches, und ihre Blicke trafen sich kurz. Sie nahm ein Stück in die Hand, brach etwas davon ab und kaute langsam darauf herum, aber nur, weil er ihr dabei zusah. Angeblich löste Essen ihre Anfälle aus; sie behauptete, ihr werde dann übel und sie müsse sich übergeben. Sie hatte einfach den Appetit verloren, und noch bevor er das richtig bemerkt hatte, hatte sie schon bedenklich an Gewicht verloren und nahm kaum noch etwas zu sich.
    Sie schwand vor seinen Augen dahin, und was er auch sagte, wenn sie beide alleine waren, sie fing stets an zu weinen und sagte dann, sie könne einfach nicht essen. Für Essen sei kein Platz in ihr.
    Clodia kitzelte das Kind wieder und wurde dafür mit einem Schwall erbrochener Milch belohnt. Alle drei Frauen standen gleichzeitig auf, um die Bescherung zu beseitigen. Auch Tubruk erhob sich. Er fühlte sich zwar irgendwie ausgeschlossen, doch das machte ihm wirklich nichts aus.
    »Ich wünschte, ihr Vater wäre hier, um sie aufwachsen zu sehen«, sagte Cornelia wehmütig.
    »Er wird kommen«, sagte Tubruk beruhigend. »Diejenigen, für die sie Lösegeld verlangen, müssen sie am Leben erhalten, sonst würden sie sich ja selbst um die Einnahmen bringen. Für die ist das nur ein Geschäft wie jedes andere. Julius kommt bald wieder nach Hause, und jetzt, wo Sulla tot ist, kann er wieder ganz neu anfangen.«
    Seine Worte schienen ihr mehr Hoffnung zu geben als ihm selbst. Tubruk wusste, dass Julius, selbst wenn er wieder zurückkam, so oder so nie wieder derselbe sein würde wie bei seiner Abreise. Den jungen Mann, der zur See gegangen war, um Sulla zu entkommen, gab es nicht mehr. Wer an seiner Stelle zurückkehren würde, musste sich erst noch herausstellen. Und nachdem sie die gewaltige Lösegeldsumme für ihn bezahlt hatten, würde das Leben für sie alle sehr schwer werden. Tubruk hatte einen Teil der Ländereien an die Familie des Suetonius verkauft, die den Kaufpreis rücksichtslos gedrückt hatte, da sie durch ihre eigene Lösegeldforderung genau wussten, in welcher Zwangslage Tubruk steckte. Er seufzte. Wenigstens konnte Julius sich über eine Tochter und eine liebende Frau freuen. Das war mehr, als Tubruk hatte.
    Er schaute zu Clodia hinüber und merkte jetzt erst, dass sie ihn beobachtete. Etwas in ihrem Gesichtsausdruck ließ ihn erröten wie einen kleinen Jungen. Sie zwinkerte ihm kurz zu, ehe sie sich wieder umdrehte, um Cornelia zu helfen. Tubruk fühlte sich merkwürdig unbehaglich. Eigentlich hätte er jetzt zu den Arbeitern hinausgehen müssen, die auf seine Befehle warteten. Stattdessen blieb er sitzen, nahm sich noch eine Scheibe Brot und kaute absichtlich langsam, denn er hoffte insgeheim, Clodia würde noch einmal zu ihm hersehen.
    Plötzlich begann Aurelia leicht zu schwanken. Tubruk sprang auf und hielt sie an den Schultern fest. Sie war beängstigend blass geworden, ihre Haut sah aus wie Wachs. Unter dem Stoff der Stola spürte er, wie mager sie geworden war, und wieder erfasste ihn seine ständige Trauer um sie.
    »Du solltest dich ausruhen«, sagte er leise. »Ich bringe dir nachher noch etwas zu essen.«
    Sie gab keine Antwort. Ihre Augen hatten wieder diesen glasigen, verlorenen Blick angenommen. Willenlos und mit schlurfenden, kraftlosen Schritten ließ sie sich von ihm vom Tisch wegführen. Er spürte das Zittern, das erneut einsetzte. Jeder neue Anfall schwächte sie mehr.
    Cornelia und Clodia blieben mit dem Kind allein, das an Cornelias Kleid zupfte und nach der Brustwarze suchte.
    »Er ist ein guter Mann«, sagte Clodia und schaute nachdenklich auf die Tür, durch die Tubruk und Aurelia hinausgegangen waren.
    »Ein Jammer, dass er für einen Ehemann schon zu alt ist«, erwiderte Cornelia mit gespieltem Ernst.
    Clodia kniff die Lippen zusammen.
    »Zu alt? Bei den Dingen, auf die es ankommt, ist er immer noch stark genug«, gab sie scharf zur Antwort. Dann aber sah sie Cornelias belustigten Blick und errötete. »Du siehst zu viel, Mädchen. Lass lieber das Kind trinken.«
    »Sie hat einfach immer Hunger«, sagte Cornelia seufzend und hob Julias kleines Gesicht an ihre Brust.
    »Das hilft einem, sie lieb zu gewinnen«, sagte Clodia mit einem eigenartigen Unterton, und als Cornelia fragend den Blick hob, sah sie Tränen in ihren Augen.
    Drinnen, im abgedunkelten und kühlen Schlafzimmer, hielt Tubruk Aurelia fest, bis der Anfall endlich abgeklungen war. Ihre Haut war fiebrig heiß, und wieder schüttelte er besorgt den Kopf, weil sie so dünn geworden war. Nach einer Weile erkannte sie ihn schließlich wieder, und er ließ sie in die weichen Kissen zurücksinken.
    In der Nacht, als ihr Ehemann beerdigt worden war, hatte er sie zum ersten Mal so gehalten, und seither war es zu einem Ritual zwischen ihnen geworden. Er wusste, dass seine Stärke sie beruhigte, und sie hatte jetzt auch weniger Prellungen, weil ihre ziellos um sich schlagenden Glieder in seiner Umklammerung keinen Schaden anrichten konnten. Überrascht stellte er fest, dass er selbst vor Anstrengung keuchte. Es war ihm nach wie vor ein Rätsel, wie in einem so ausgemergelten Körper noch so viel Kraft stecken konnte.
    »Danke«, flüsterte sie mit halb geöffneten Augen.
    »Das war nicht der Rede wert. Ich hole dir etwas Kühles zu trinken und lasse dich dann schlafen.«
    »Lass mich bitte nicht allein, Tubruk«, flüsterte sie.
    »Ich habe dir doch versprochen, dass ich auf dich aufpasse. Ich bleibe so lange hier, wie du mich brauchst«, sagte er und versuchte dabei aufmunternd zu klingen.
    Sie öffnete die Augen ganz und drehte ihm den Kopf zu.
    »Julius hat auch gesagt, er würde bei mir bleiben, und doch ist er von mir gegangen. Und jetzt ist auch mein Sohn fort.«
    »Dein Ehemann war ein anständiger Mann, auch wenn die Götter manchmal unsere Versprechen zum Gespött machen, meine Liebe. Und so wie ich deinen Sohn kenne, kommt er ganz sicher gesund und munter zurück.«
    Erschöpft schloss Aurelia die Augen, und bevor er sich aus dem Raum stahl, wartete Tubruk, bis sie eingeschlafen war.
    Wilde Stürme suchten die Küste heim und ließen die vertäute Trireme trotz des Schutzes der kleinen afrikanischen Bucht, fern von Rom, wild schaukeln und schwanken. Ein paar der Offiziere würgten, doch sie waren so ausgehungert, dass sie sich gar nicht mehr übergeben konnten. Diejenigen, die wenigstens ihre dürftige Ration Wasser im Magen hatten, bemühten sich, es bei sich zu behalten, indem sie die Hände fest auf den Mund pressten. Es gab nie genug Süßwasser für sie, und in der drückenden Hitze lechzte der Körper nach jedem Tropfen Flüssigkeit. Wenn sie sich erleichterten, fingen die meisten Männer den Urin mit den Händen auf und tranken die warme Flüssigkeit, so schnell sie konnten, damit auch ja kein Tropfen verloren ging.
    Julius machte das Schwanken des Schiffes nichts aus. Er verspürte große Genugtuung angesichts von Suetonius’ Unwohlsein, der mit geschlossenen Augen und auf den Magen gepressten Händen leise stöhnend dalag.
    Trotz der Seekrankheit hatte sich unter den Zelleninsassen neue Zuversicht breitgemacht. Der Kapitän hatte einen Boten geschickt, um ihnen mitzuteilen, dass alle Lösegelder bezahlt worden seien. Das Geld war über Land und Meer an einen geheimen Treffpunkt gebracht worden, wo ein Mittelsmann der Piraten es in Empfang genommen und schließlich in diesen verlassenen Hafen gebracht hatte. Für Julius war es ein kleiner Sieg, dass der Kapitän es nicht gewagt hatte, selbst herunterzukommen. Seit jenem Tag vor etlichen Monaten, an dem er versucht hatte, sie zu quälen, hatte er sich zur diebischen Freude der Männer nicht mehr hier unten blicken lassen. Wäre er zu ihnen heruntergekommen, so wäre er von dem Anblick wahrscheinlich sehr überrascht gewesen. Die Römer waren über den Tiefpunkt ihrer Gefangenschaft hinweg und kamen langsam wieder zu Kräften.
    Die Männer, die in den ersten paar Monaten noch so verzweifelt gewesen waren, warteten jetzt geduldig auf ihre Freilassung. Das Fieber hatte zwei weitere Todesopfer gefordert, was die erstickende Enge ein wenig gemildert hatte. Der neue Lebenswille war zu einem Großteil von Cabera ausgegangen, der endlich bessere Rationen für sie hatte aushandeln können. Es war ein gefährliches Spiel gewesen, aber der alte Mann wusste, dass nicht einmal die Hälfte der Männer ihre Freilassung erleben würde, wenn sie nicht endlich mehr zu essen bekamen und man ihnen erlaubte, sich zu säubern. Er hatte sich aufs Deck gesetzt und sich geweigert, auch nur einen einzigen weiteren Piraten zu behandeln, wenn man ihm nicht entgegenkam. Zu diesem Zeitpunkt litt der Kapitän gerade an einem schlimmen Ausschlag, den er sich im Hafen zugezogen hatte, weshalb es nicht allzu lange dauerte, bis er schließlich nachgab. Mit dem Essen kehrte auch die Hoffnung zurück, und die Männer waren wieder zuversichtlich, Rom und die Freiheit wiederzusehen. Ihr geschwollenes, blutendes Zahnfleisch heilte allmählich, und Cabera hatte ihnen einen Becher weißen Schiffstalg geben dürfen, mit dem sie ihre Schrunden einrieben.
    Auch Julius hatte seine Rolle gespielt. Als seine Schiene abgenommen wurde, war er entsetzt gewesen, wie sehr die Muskeln zurückgegangen waren. Sofort hatte er sich an die Übungen gemacht, die Cabera ihm gezeigt hatte. In der stickigen Enge ihrer Zelle war es eine Qual, aber Julius hatte die Männer in zwei Gruppen von jeweils vier und fünf Männern eingeteilt. Die eine Gruppe kauerte sich für eine Stunde so eng wie möglich zusammen, damit die andere Platz zum Ringen und Bewegen hatte. Statt Gewichten stemmten sie ihre Kameraden, um die verlorenen Muskeln wieder aufzubauen. Dann tauschten sie die Plätze und ließen die andere Gruppe arbeiten und schwitzen. Der Latrineeimer war unzählige Male umgeworfen worden, doch die Männer wurden stärker, und keiner erlag mehr dem Fieber.
    Auch Julius’ Kopfschmerzen traten jetzt seltener auf. Bei den schlimmsten Anfällen war er jedoch vor Schmerzen immer noch kaum fähig zu sprechen. Die anderen wussten jetzt, dass es besser war, ihn in Ruhe zu lassen, wenn er blass wurde und die Augen schloss. Der letzte Anfall dieser Art war bereits zwei Monate her, und Cabera meinte, es könnte durchaus der letzte gewesen sein. Julius betete zu den Göttern, dass er Recht hatte. Die Erinnerung an die Krankheit seiner Mutter hatte ihm panische Angst vor dieser Schwäche beschert, die ihn niederrang und seinen Verstand in die Finsternis verbannte.
    Als ihnen endlich mitgeteilt wurde, dass das Schiff im Begriff war, die Segel zu setzen, um sie an einem verlassenen Küstenabschnitt abzusetzen, brachen die Offiziere der Accipiter in Jubel aus. Pelitas klopfte Suetonius sogar vor Freude und Aufregung auf die Schulter. Sie trugen noch immer Bärte und sahen wild und verwahrlost aus, doch nun drehte sich das Geplauder um Badehäuser, wo man von oben bis unten mit Öl abgerieben wurde.
    Seltsam, wie die Dinge sich änderten. Früher hatte Julius einmal davon geträumt, ein General wie Marius zu werden, jetzt jedoch erschien es ihm als wesentlich erstrebenswerter, einfach nur sauber zu sein. Trotz allem hatte sich an seinem Vorsatz nichts geändert. Er würde die Piraten aufspüren und töten. Einige seiner Kameraden sprachen davon, auf dem schnellsten Weg nach Rom zurückzukehren, aber er wusste, dass er das unmöglich tun konnte, solange das Geld seiner Familie noch im Laderaum eines Piratenschiffes schaukelte. Sein Zorn hatte ihn die Krankheit sowie die Schmerzen der anstrengenden Übungen überstehen lassen. Jeden Tag zwang er sich, ein wenig mehr zu tun; er wusste, dass er stark werden musste, sollte das Versprechen, das er dem Kapitän gegeben hatte, nicht bloß in den Wind gespuckt sein.
    Das Schwanken des Schiffes veränderte sich langsam, und die Römer stießen gedämpfte Freudenrufe aus, als es durch gleichmäßige Ruderschläge ausgeglichen wurde und das Schiff in See stach.
    »Jetzt geht’s nach Hause«, sagte Prax verwundert und mit belegter Stimme. Die Worte »nach Hause« besaßen eine seltsame Macht. Einer der Männer begann leise zu weinen. Verlegen schauten die anderen weg, obwohl sie in den vergangenen Monaten weitaus Schlimmeres gesehen hatten. Im Laufe ihrer Gefangenschaft hatte sich vieles zwischen ihnen verändert. Gaditicus fragte sich insgeheim, ob sie wohl je wieder als Mannschaft zusammenarbeiten könnten, selbst wenn sie die Accipiter unversehrt und fahrbereit zurückbekämen. Doch sie hatten es geschafft, eine Art Disziplin zu wahren. Gaditicus und Prax schlichteten Streit und verhinderten Schlägereien, aber das Bewusstsein für Rang und Stand war langsam dahingeschwunden, und sie beurteilten einander jetzt nach neuen Regeln, hatten bei ihren Leidensgenossen andere Stärken und Schwächen entdeckt.
    Pelitas und Prax waren gute Freunde geworden, denn trotz des Altersunterschiedes hatten beide im anderen etwas von der eigenen, gelassenen Lebenseinstellung wiedergefunden. Während der Gefangenschaft hatte Prax seinen Bauchansatz gegen harte Muskeln eingetauscht, die sie alle durch die wochenlangen täglichen Übungen und gegenseitiges Stemmen aufgebaut hatten. Julius vermutete, er würde das ihm erneut geschenkte Leben wieder genießen können, sobald er erst einmal rasiert und sauber war. Bei dem Gedanken daran lächelte er und kratzte sich eine wunde Stelle unterm Arm.
    Gaditicus war einer von denen, die am meisten unter den kurzen, harten Wellen am Kai gelitten hatten, aber jetzt, da das Schiff Fahrt aufnahm, statt immer nur hin und her zu schwanken, kehrte wieder Farbe in sein Gesicht zurück. Julius hatte ihm gegenüber den Respekt und die Zuneigung entwickelt, die seinem rituellen Gehorsam Gaditicus’ Rang gegenüber zuvor gefehlt hatten. Der Mann hatte die Gruppe durch sämtliche Schwierigkeiten hindurch zusammengehalten und schien sehr zu schätzen, was Julius und Cabera für sie alle getan hatten.
    Suetonius hingegen war die Gefangenschaft nicht gut bekommen. Er hatte die Freundschaft, die sich zwischen Pelitas, Prax, Julius und Gaditicus entwickelt hatte, bemerkt, und war neidisch auf Julius gewesen. Eine Zeit lang hatte er sich mit den vier anderen Offizieren angefreundet, und es waren zwei Lager entstanden. Julius hatte den Wettstreit der beiden Gruppen gegeneinander beim täglichen Training ausgenutzt, und schließlich hatte einer der Offiziere Suetonius schroff zurückgestoßen, als dieser sich flüsternd bei ihm beklagen wollte.
    Kurz danach hatte Cabera endlich das erste richtige Essen seit Beginn ihrer Gefangenschaft zu ihnen herunterbringen können, was die Laune der Männer schlagartig verbessert hatte. Wie immer überließ es der alte Mann Julius, die Früchte zu verteilen. Suetonius konnte es kaum erwarten, bis sie endlich wieder frei waren, denn dann musste die alte Ordnung wiederhergestellt werden. Er freute sich unbändig auf den Moment, an dem Julius wieder klar werden würde, dass er nur ein junger Unteroffizier war.
    Zwei Wochen nachdem sie den Hafen verlassen hatten, wurden sie mitten in der Nacht aus der Zelle geholt und ohne Waffen und Verpflegung an einer fremden Küste abgesetzt. Als man sie zu dem kleinen Boot führte, in dem sie zum Strand gerudert werden sollten, hatte der Kapitän sich zum Abschied ironisch vor ihnen verbeugt. Laut und deutlich hörten sie die Wellen sich an der nahe gelegenen Küste brechen.
    »Lebt wohl, Römer! Ich werde an euch denken, wenn ich euer Geld ausgebe!«, hatte er ihnen lachend nachgerufen. Keiner hatte ihm geantwortet, nur Julius hatte ihn starr angesehen, so als wolle er sich jeden seiner Gesichtszüge genau einprägen. Er war wütend, weil man Cabera nicht erlaubt hatte, mit ihnen zu gehen. Julius hatte das zwar erwartet, aber es war ein Grund mehr, den Kapitän aufzuspüren und zu töten.
    Am Strand schnitt man ihnen die Fesseln durch, und die Matrosen gingen mit gezogenen Dolchen langsam rückwärts zu ihrem Boot zurück.
    »Tut jetzt nichts Unüberlegtes«, warnte sie einer von ihnen. »Mit der Zeit findet ihr schon euren Weg nach Hause.« Dann saßen sie wieder in ihrem Boot und ruderten schnell zum Schiff zurück, das sich schwarz von der mondglänzenden See abhob.
    Pelitas bückte sich, ergriff eine Hand voll von dem feinen Sand und ließ ihn durch die Finger rieseln.
    »Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich gehe jetzt schwimmen«, sagte er und riss sich in plötzlicher Hast die verdreckten Kleider vom Leib. Einen Moment später stand nur noch Suetonius an Land, dann wurde auch er von den lachenden und schreienden Offizieren mitsamt seinen Kleidern ins Wasser gezerrt.
    Mit dem Dolch häutete Brutus die beiden Hasen ab, die sie einem Bauern abgekauft hatten, und scharrte ihre schleimigen Innereien auf einem Haufen zusammen. Renius hatte ein paar wilde Zwiebeln gefunden, und zusammen mit dem knusprigen Brot und dem halben Schlauch Wein würde das in ihrer letzten Nacht im Freien ein richtiges Festmahl abgeben. Rom war jetzt weniger als eine Tagesreise entfernt, und nachdem sie die Pferde verkauft hatten, hatten sie auch wieder Geld.
    Renius ließ ein paar schwere, trockene Holzscheite neben die Feuerstelle fallen, dann legte er sich so nah wie möglich daneben und genoss die Wärme.
    »Gib mir den Schlauch mit dem Wein, mein Junge«, sagte er mit weicher Stimme.
    Brutus zog den Stöpsel heraus und reichte ihn ihm hinüber. Er sah zu, wie Renius den Weinstrahl auf seinen Mund richtete und schluckte.
    »Wenn ich du wäre, würde ich es langsam angehen lassen«, sagte Brutus. »Du verträgst keinen Wein. Ich habe keine Lust, dass du nachher anfängst, mit mir zu streiten, oder zu heulen oder so etwas.«
    Renius ignorierte ihn und holte erst wieder Luft, als er den Schlauch absetzte.
    »Es tut gut, wieder zu Hause zu sein«, sagte er.
    Brutus füllte den kleinen Kochtopf bis an den Rand und legte sich dann auf der anderen Seite des Feuers nieder.
    »Allerdings. Bevor der Ausguck die Küste gesichtet hat, habe ich gar nicht gewusst, wie sehr ich es vermisst habe. Erst das hat mir alles wieder in Erinnerung gerufen.«
    Bei dem Gedanken daran schüttelte er verwundert den Kopf und rührte mit dem Dolch das Fleisch im Topf um. Renius hob den Kopf und legte ihn in die stützende Hand.
    »Du bist nicht mehr der Junge, den ich einmal ausgebildet habe. Du hast dich sehr verändert. Ich glaube, ich habe dir nie gesagt, wie stolz ich war, als du Zenturio in der Bronzefaust geworden bist.«
    »Du hast es allen anderen gesagt, so dass es mir letztendlich doch zu Ohren gekommen ist«, erwiderte Brutus lächelnd.
    »Und jetzt willst du einer von Julius’ Männern werden?«, fragte Renius und beäugte beiläufig den brodelnden Eintopf.
    »Warum nicht? Schließlich gehen wir denselben Weg, oder hast du das vergessen? Cabera hat das gesagt.«
    »Ja, das hat er mir auch gesagt«, murmelte Renius und tauchte einen Finger in die Fleischbrühe, um zu kosten. Der Eintopf brodelte wild, aber Renius schien die Hitze gar nicht zu spüren.
    »Ich dachte, das sei der Grund, warum du mit mir zurückgekommen bist. Du hättest bei der Faust bleiben können, wenn du gewollt hättest.«
    Renius zuckte die Schultern. »Ich wollte lieber wieder mitten im Geschehen sein.«
    Brutus grinste den stämmigen Mann an. »Ich weiß. Jetzt, wo Sulla tot ist, ist unsere Stunde gekommen.«

9

    »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, sagte Fercus. Er zerrte an den Stricken, die ihn an den Stuhl fesselten, doch sie gaben nicht nach.
    »Ich glaube, du weißt ganz genau, was ich meine«, antwortete Antonidus und beugte sich so nahe zu ihm herüber, dass ihre Stirnen sich beinahe berührten. »Ich besitze die Gabe, eine Lüge zu erkennen, wenn ich eine höre.« Plötzlich schnüffelte er zweimal vernehmlich, was Fercus daran erinnerte, dass man Antonidus auch Sullas Hund nannte.
    »Und du stinkst nach Lügen«, sagte Antonidus verächtlich. »Ich weiß, dass du etwas damit zu tun hast. Also erzähl mir einfach alles, dann muss ich die Folterknechte nicht holen. Von hier gibt es kein Entrinnen, Sklavenhändler. Niemand hat gesehen, wie du verhaftet wurdest, und niemand wird jemals erfahren, dass wir uns unterhalten haben. Sag mir einfach, wer den Mord befohlen hat und wo sich der Mörder aufhält, dann kannst du unversehrt nach Hause gehen.«
    »Bring mich vor ein ordentliches Gericht. Dann finde ich einen Verteidiger, der meine Unschuld beweist!«, sagte Fercus mit zitternder Stimme.
    »Oh, das hättest du wohl gern, was? Tag um Tag mit nutzlosem Gerede vergeuden, mit dem der Senat zu beweisen versucht, dass das Gesetz für alle gilt. Hier unten gibt es kein Gesetz. Hier unten ehren wir immer noch Sullas Andenken.«
    »Aber ich weiß doch nichts!«, schrie Fercus verzweifelt, und Antonidus wich zu seiner Erleichterung ein paar Zentimeter zurück.
    Der Feldherr schüttelte bedauernd den Kopf.
    »Wir wissen, dass sich der Mörder unter dem Namen Dalcius eingeschlichen hat. Wir wissen auch, dass er drei Wochen zuvor zur Küchenarbeit gekauft worden war. Die Kaufurkunde ist natürlich verschwunden, aber es gab Zeugen dafür. Glaubst du im Ernst, niemand hätte Sullas Einkäufer auf dem Markt erkannt? Dein Name wurde dabei immer wieder genannt, Fercus.«
    Fercus erbleichte. Er wusste, dass man ihn nicht am Leben lassen und dass er seine Töchter nie mehr wiedersehen würde. Wenigstens waren sie nicht in der Stadt. Als die Soldaten gekommen waren und nach den Unterlagen vom Sklavenmarkt gefragt hatten, hatte er seine Frau weggeschickt. Da wusste er bereits, was passieren würde. Er konnte nicht mit seiner Familie fliehen, wenn er sie vor den Wölfen schützen wollte, die Sullas Freunde ihm auf die Fersen hetzen würden.
    Er hatte in Kauf genommen, dass ein geringes Riskio bestehen blieb. Doch nachdem er die Verkaufsunterlagen verbrannt hatte, hatte er geglaubt, dass sie zwischen so vielen tausend anderen Menschen niemals eine Verbindung zu ihm herstellen konnten. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
    »Überwältigt dich dein schlechtes Gewissen? Oder ärgert es dich nur, dass man dir doch auf die Schliche gekommen ist?«, fragte Antonidus schneidend. Fercus blieb stumm und starrte vor sich auf den Boden. Er glaubte nicht, dass er die Folter durchstehen würde.
    Die Männer, die auf Antonidus’ Befehl hereinkamen, waren altgediente Soldaten, die ruhig und gelassen alles ausführten, was man ihnen auftrug.
    »Ich will Namen von ihm«, sagte Antonidus zu ihnen. Dann drehte er sich zu Fercus um, hob seinen Kopf an und zwang den anderen ihn anzusehen. »Wenn diese Männer einmal angefangen haben, bedarf es großer Mühe, sie wieder zum Aufhören zu bewegen. Diese Arbeit machen sie nämlich gerne. Hast du noch irgendetwas zu sagen, bevor sie beginnen?«
    »Die Republik ist ein Menschenleben wert«, sagte Fercus. Seine Augen leuchteten.
    Antonidus lächelte. »Die Republik ist tot, aber ich habe es gern mit Männern mit Prinzipien zu tun. Dann lasst uns sehen, wie lange du den deinen treu bleibst.«
    Fercus zuckte zurück, als sich die ersten Metallsplitter in seine Haut pressten. Antonidus sah den beiden Männern eine Weile fasziniert bei der Arbeit zu, dann jedoch wurde er langsam blass und zuckte bei den unterdrückten Würgelauten zusammen, die Fercus von sich gab. Er gab den Männern mit einem Nicken zu verstehen, dass sie ihre Arbeit fortsetzen sollten, dann eilte der General hinaus in die kühle Nachtluft.
    Es war schlimmer als alles, was Fercus je erlebt hatte, eine Höllenqual aus Erniedrigung und nackter Todesangst. Er drehte einem der Männer langsam den Kopf zu, und seine rissigen Lippen setzten zum Sprechen an, obwohl seine Augen nur noch verschwommene Umrisse aus Schmerz und Licht ausmachen konnten.
    »Wenn ihr Rom liebt, dann lasst mich sterben. Lasst mich schnell sterben.«
    Die beiden Männer hielten kurz inne, sahen sich an und fuhren dann mit ihrer Arbeit fort.
    Julius saß mit den anderen im Sand. Sie zitterten vor Kälte, bis die Sonne endlich aufging und sie wärmte. Ihre Kleidung hatten sie im Meerwasser so gut es ging von den schlimmsten Spuren der monatelangen schmutzigen Dunkelheit gereinigt, mussten sie nun aber am Körper trocknen lassen.
    Die Sonne stieg rasch über den Horizont, und wortlos wurden sie Zeugen des ersten glorreichen Sonnenaufgangs, den sie erlebten, seit sie zum letzten Mal auf dem Deck der Accipiter gestanden hatten. Das Morgenlicht zeigte ihnen, dass der Strand nur ein schmaler Sandstreifen war, der sich an einer ihnen unbekannten Küste dahinzog. So weit das Auge reichte, wucherte direkt dahinter dichtes Gestrüpp, das nur von einem einzigen breiten Pfad durchbrochen war. Prax hatte ihn gefunden, als sie getrennt voneinander die Gegend erkundeten. Sie hatten keine Ahnung, wo der Kapitän sie hatte absetzen lassen, aber allem Anschein nach lag ihr jetziger Aufenthaltsort nahe bei einem Dorf. Damit die Lösegelder eine regelmäßige und zuverlässige Einnahmequelle für die Piraten blieben, mussten die Geiseln den Weg zurück in die Zivilisation finden. Deshalb wussten die Legionäre, dass die Küste nicht unbewohnt sein konnte. Prax war sicher, dass es sich um die Nordküste von Afrika handelte. Er behauptete, einige der Bäume wiederzuerkennen, und ganz sicher waren die Vögel, die über ihren Köpfen dahinsegelten, keine, die sie von zu Hause kannten.
    »Vielleicht sind wir ja in der Nähe einer römischen Siedlung«, hatte Gaditicus gesagt. »Entlang der Küste gibt es Hunderte davon, und wir sind sicher nicht die ersten Gefangenen, die hier ausgesetzt werden. Es sollte also möglich sein, auf einem der Handelsschiffe einen Platz zu bekommen und noch vor Ende des Sommers wieder in Rom zu sein.«
    »Ich gehe nicht nach Rom zurück«, hatte Julius leise aber bestimmt gesagt. »Nicht so, ohne Geld und in Lumpen gehüllt. Was ich zu dem Kapitän gesagt habe, war mein voller Ernst.«
    »Was bleibt uns denn anderes übrig?«, hatte Gaditicus zweifelnd erwidert. »Selbst wenn du ein Schiff und eine Mannschaft hättest, bräuchtest du Monate, um diesen einen Piraten unter vielen anderen zu suchen.«
    »Ich habe gehört, wie ihn einer der Wächter Celsus genannt hat. Selbst wenn das nicht sein richtiger Name ist, so ist es immerhin ein Anfang. Wir kennen sein Schiff, und wir finden bestimmt jemanden, der ihn kennt.«
    Gaditicus hob skeptisch die Augenbrauen. »Nun hör mal gut zu, Julius. Ich würde diesen Sauhund genauso gerne wiederfinden wie du, aber es ist einfach unmöglich. Ich hatte nichts dagegen, dass du diesem Dummkopf an Bord die Meinung gesagt hast, aber Tatsache bleibt, dass wir nicht einmal ein einziges Schwert haben, von Geld ganz zu schweigen.«
    Julius stand auf und sah dem Zenturio fest in die Augen. »Dann fangen wir eben damit an, dass wir uns Schwerter und Geld beschaffen. Danach besorgen wir uns Männer für eine Mannschaft und zuletzt das Schiff, um ihn zu jagen. Eins nach dem anderen.«
    Gaditicus hielt Julius’ Blick stand. Er spürte den Ernst, der dahinter lag.
    »Wir?«, fragte er leise.
    »Wenn es sein muss, mache ich es auch alleine, dann dauert es eben länger. Wenn wir aber zusammenbleiben, habe ich ein paar gute Ideen, wie wir unser Geld wieder zurückbekommen, so dass wir stolz und erhobenen Hauptes nach Rom zurückkehren können. Ich werde nicht geschlagen nach Hause zurückkriechen.«
    »Das ist auch für mich kein angenehmer Gedanke«, erwiderte Gaditicus. »Das Gold, das meine Familie geschickt hat, dürfte sie alle in Armut gestürzt haben. Sie sind bestimmt froh, mich gesund und wohlbehalten wiederzusehen, aber dafür müsste ich tagtäglich mit ansehen, wie sehr sich ihr Leben verändert hat. Wenn du nicht bloß träumst, höre ich mir deine Ideen gerne an. Es kann auf jeden Fall nicht schaden, wenn man darüber redet.«
    Julius legte dem älteren Mann die Hand auf die Schulter, bevor er sich zu den anderen umdrehte.
    »Und wie sieht es mit euch aus? Wollt ihr wie geprügelte Hunde nach Hause kriechen oder noch ein paar Monate drangeben und das zurückholen, was wir verloren haben?«
    »Sie haben bestimmt noch mehr an Bord als nur unser Gold«, sagte Pelitas bedächtig. »Sie können es ja nirgendwo in Sicherheit bringen, also ist wahrscheinlich auch das Legionssilber noch im Laderaum.«
    »Das der Legion gehört!«, sagte Gaditicus scharf, mit einem Funken seiner alten Autorität in der Stimme. »Nein, Männer. Ich werde nicht zum Dieb werden. Das Legionssilber ist mit dem Stempel Roms geprägt. Alles, was wir davon noch finden sollten, geht an die Soldaten, weil sie ihren Sold redlich verdient haben.«
    Die anderen nickten zustimmend, denn sie wussten, dass dies nur gerecht war.
    Nur Suetonius meldete sich ungläubig zu Wort.
    »Ihr redet, als läge das Gold hier vor euch und nicht in einem weit entfernten Schiff, das wir nie wiedersehen werden, weil wir vorher Gott weiß wo verhungern!«
    »Du hast Recht!«, sagte Julius. »Wir sollten lieber sofort diesem Pfad folgen. Für einen Wildwechsel ist er zu breit, also dürfte ein Dorf in der Nähe sein. Über den Rest reden wir, wenn wir uns endlich wieder als Römer fühlen können, wenn wir eine anständige Mahlzeit im Bauch haben und endlich diese widerlichen Bärte abrasiert sind.«
    Die Männer erhoben sich und gingen mit Julius auf die Lücke im Gestrüpp hinter ihnen zu. Nur Suetonius stand mit offenem Mund reglos da. Nach einer Weile klappte er den Mund wieder zu und trottete den anderen hinterher.
    Die beiden Folterknechte standen reglos da, während Antonidus das blutige Bündel betrachtete, das einmal Fercus gewesen war. Beim Anblick des verstümmelten Leichnams zuckte der General zwar kurz zusammen; er war froh, dass er hatte ruhig und fest schlafen können, während dies alles hier unten vor sich gegangen war.
    »Hat er gar nichts gesagt?«, fragte Antonidus und schüttelte verwundert den Kopf. »Beim Kopf des Jupiter – seht euch nur an, was ihr aus ihm gemacht habt. Wie kann ein Mann so etwas aushalten?«
    »Vielleicht hat er ja wirklich nichts gewusst«, bemerkte einer der grimmigen Männer.
    Antonidus dachte eine Weile schweigend darüber nach.
    »Vielleicht. Ich wünschte nur, wir hätten seine Töchter herbringen können, um wirklich sicherzugehen.«
    Er schien fasziniert von den zahllosen Wunden und sah sich die Leiche genauer an, nahm jede Brandwunde und jeden Schnitt sorgfältig in Augenschein und pfiff dann leise durch die Zähne.
    »Erstaunlich. Ich hätte nicht gedacht, dass so viel Mut in ihm steckt. Hat er nicht einmal versucht, falsche Namen zu nennen?«
    »Nein. Er hat kein einziges Wort gesagt.«
    Hinter dem Rücken des Feldherrn, der sich über die noch immer gefesselte Leiche beugte, wechselten die Männer erneut einen Blick. Nur den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein stilles Einverständnis in ihren Augen auf, dann wurden ihre Gesichter wieder ausdruckslos.
    Varro Aemilianus hieß die zerlumpten Offiziere mit einem strahlenden Lächeln in seinem Haus willkommen. Obwohl er bereits vor fünfzehn Jahren aus der Legion ausgeschieden war, war es für ihn jedes Mal ein Vergnügen, die jungen Männer zu empfangen, die die Piraten an seinem schmalen Küstenstreifen aussetzten. Es erinnerte ihn an die Welt außerhalb seines Dorfes, die weit genug entfernt war, um sein friedliches Leben hier nicht zu stören.
    »Setzt euch, meine Herren«, sagte er und deutete auf mehrere Liegen, die dünn gepolstert waren. Sie waren einmal sehr schön gewesen, aber die Zeit hatte dem Bezug allen Glanz genommen, wie er bedauernd feststellte. Diesen Soldaten war das ohnehin völlig gleichgültig, dachte er, während sie sich auf den ihnen angewiesenen Plätzen niederließen. Nur zwei von ihnen, in denen er sogleich die Anführer der Gruppe erkannte, blieben stehen. Solche Kleinigkeiten amüsierten ihn immer sehr.
    »Eurem Aussehen nach zu urteilen, würde ich annehmen, ihr seid von den Piraten, die diese Küste unsicher machen, als Geiseln festgehalten worden«, sagte er mit vor Mitleid triefender Stimme. Er fragte sich im Stillen, was sie wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass der Pirat Celsus oft hier ins Dorf kam, um mit seinem alten Freund zu plaudern und ihm Neuigkeiten und Tratsch aus den Städten zuzutragen.
    »Und doch ist diese Siedlung hier verschont geblieben«, meinte der Jüngere der beiden.
    Varro warf ihm einen scharfen Blick zu und bemerkte den durchdringenden Blick der blauen Augen.
    Eines der Augen sah ihn durch eine dunkle, geweitete Mitte an, die den wahren Varro hinter seinem heiteren Gebaren zu erkennen schien. Trotz der Bärte standen die Männer vor ihm alle gerader und kraftvoller da, als die jämmerlichen Grüppchen, die Celsus sonst alle paar Jahre hier aussetzte. Varro ermahnte sich zur Vorsicht, weil er sich der Situation nicht ganz sicher war. Immerhin standen draußen seine Söhne, bewaffnet und jederzeit zum Eingreifen bereit. Es zahlte sich immer aus, vorsichtig zu sein.
    »Die Geiseln, für die sie Lösegeld bekommen haben, setzen sie immer hier an dieser Küste aus. Ich denke, sie begrüßen es, wenn die Männer wieder in die Zivilisation zurückgebracht werden, damit weiter Lösegelder gezahlt werden. Was sollen wir eurer Meinung nach tun? Wir alle hier sind nur einfache Bauern. Rom hat uns das Land überlassen, damit wir einen ruhigen Lebensabend genießen können – nicht, damit wir gegen Piraten kämpfen. Ich denke, das ist wohl eher die Aufgabe unserer Galeeren.«
    Beim letzten Satz zwinkerte er viel sagend und erwartete, der junge Mann werde lächeln oder sich vielleicht schämen, bei seiner eigentlichen Aufgabe versagt zu haben. Aber sein ungerührter Blick änderte sich nicht, und Varro fühlte, wie seine gute Laune langsam dahinschwand.
    »Die Siedlung ist zu klein für ein Badehaus, aber es gibt ein paar Privathäuser, die euch aufnehmen und euch Rasierzeug leihen werden.«
    »Was ist mit Kleidung?«, wollte der ältere der beiden Stehenden wissen.
    Varro wurde sich bewusst, dass er ihre Namen nicht kannte, und blinzelte nervös. Diese Unterhaltung verlief anders als sonst. Die letzte Gruppe war beinahe in Tränen ausgebrochen, in so einem fernen Land auf einen Römer zu stoßen, der in einem solide gebauten Steinhaus auf einer Liege saß.
    »Bist du der Offizier hier?«, fragte Varro zurück, behielt aber dabei den jüngeren Mann im Auge.
    »Ich war der Kapitän der Accipiter, aber du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, entgegnete Gaditicus.
    »Ich fürchte, wir haben keine Kleidung für euch…«, begann Varro.
    Da sprang der junge Mann auf ihn zu, packte ihn am Hals und riss ihn von seinem Sitz hoch. Varro röchelte erschrocken, als er auf den Tisch gezerrt und darauf niedergedrückt wurde. Er starrte nach oben in die blauen Augen, die alle seine Geheimnisse zu kennen schienen.
    »Für einen Bauern lebst du aber in einem sehr schönen Haus«, zischte die Stimme. »Hast du etwa geglaubt, wir merken das nicht? Welchen Rang hattest du in der Legion, und unter wem hast du gedient?«
    Der Griff um seinen Hals lockerte sich etwas, so dass Varro wieder sprechen konnte. Zuerst wollte er nach seinen Söhnen schreien, doch solange die Hand des Mannes seine Kehle umklammerte, wagte er es nicht.
    »Ich war Zenturio unter Marius«, krächzte er heiser. »Wie kannst du es wagen…« Der Druck der Finger verstärkte sich wieder, und seine Stimme versagte. Er konnte kaum noch atmen.
    »Dann stammst du wohl aus einer reichen Familie, wie? Draußen verstecken sich zwei Männer. Wer ist das?«
    »Meine Söhne…«
    »Ruf sie herein. Wir werden sie am Leben lassen, aber wir lassen uns beim Hinausgehen nicht überfallen. Wenn du versuchst, sie zu warnen, stirbst du, noch bevor sie bei dir sind, das schwöre ich.«
    Varro glaubte ihm aufs Wort, und als er wieder zu Atem kam, rief er seine Söhne herein. Entsetzt musste er zusehen, wie die Fremden rasch zur Tür traten, die Hereinstürmenden packten und ihnen die Waffen wegnahmen. Die beiden Männer versuchten noch um Hilfe zu schreien, aber da hagelten schon von allen Seiten Schläge auf sie ein und sie gingen zu Boden.
    »Ihr tut uns Unrecht. Wir leben hier in Frieden«, krächzte Varro erstickt.
    »Du hast Söhne. Warum sind sie nicht nach Rom zurückgekehrt, um in der Armee zu dienen wie ihre Vorväter? Was außer einem Abkommen mit Celsus und Männern wie ihm kann sie hier festhalten?«
    Der junge Offizier drehte sich zu den Soldaten um, die Varros Söhne festhielten.
    »Bringt sie nach draußen und schneidet ihnen die Kehle durch«, befahl er kurz.
    »Nein! Was wollt ihr von mir?«, rief Varro rasch.
    Die blauen Augen hielten seinen Blick wieder gefangen.
    »Ich will Schwerter und das Gold, das dir die Piraten zahlen, weil du ihnen Unterschlupf gewährst. Dann will ich Kleidung für die Männer, und Rüstungen, falls du welche hast.«
    Varro versuchte zu nicken; die Hand umklammerte noch immer seinen Hals.
    »Ihr werdet alles bekommen, aber Gold habe ich nicht viel«, sagte er unglücklich.
    Einen Moment lang verstärkte sich der Griff um seinen Hals.
    »Spiel kein falsches Spiel mit mir«, sagte der junge Mann drohend.
    »Wer bist du?«, keuchte Varro.
    »Ich bin der Neffe des Mannes, dem bis in den Tod zu dienen du geschworen hast. Mein Name ist Julius Cäsar«, sagte er ruhig.
    Julius ließ den Mann aufstehen. Nach außen behielt er seinen unnachgiebigen Gesichtsausdruck bei, doch insgeheim hob sich seine Stimmung. Wie lange war es her, dass Marius gesagt hatte, ein Soldat müsse manchmal seinen Instinkten folgen? Von dem Moment an, als sie in das friedliche Dorf gekommen waren und die gepflegte Hauptstraße mit den ordentlichen Häusern gesehen hatten, war ihm klar gewesen, dass Celsus das Dorf mit Sicherheit nicht ohne irgendeine Abmachung verschont hatte. Er fragte sich, ob das wohl bei allen Dörfern entlang der Küste so war, und fühlte einen Augenblick lang einen Anflug von Schuldgefühlen. Rom versetzte seine ausscheidenden Legionäre an diese fremde Küste, gab ihnen hier Land und erwartete, dass sie sich fortan um sich selbst kümmerten und allein durch ihre Anwesenheit für Frieden sorgten. Wie aber sollten sie überleben, ohne mit den Piraten einen Handel abzuschließen? Ganz zu Anfang hatten sich einige von ihnen vielleicht sogar zur Wehr gesetzt, doch sie waren mit Sicherheit getötet worden. Ihre Nachfolger jedoch hatten gar keine Wahl mehr gehabt.
    Er sah hinüber zu Varros Söhnen und seufzte. Dieselben ausgeschiedenen Legionäre hatten Kinder, die Rom noch nie zu Gesicht bekommen hatten und sich den Piraten anschlossen, wenn sie kamen. Er betrachtete die dunkle Haut der beiden. Auch ihre Gesichtszüge waren eine Mischung aus Afrika und Rom. Wie viele von dieser Sorte gab es hier wohl, die nichts mehr von der Treue ihrer Vorväter wussten? Sie konnten genauso wenig wie er einfach nur Bauern bleiben, wenn die Welt da draußen nur auf sie zu warten schien.
    Varro rieb sich nachdenklich den Nacken, beobachtete Julius und versuchte, seine Gedanken zu erraten. Sein Mut sank noch tiefer, als er sah, wie der seltsame Blick der blauen Augen auf seinen Söhnen zu ruhen kam. Er hatte Angst um sie, denn selbst jetzt spürte er den unbändigen inneren Groll des jungen Offiziers.
    »Uns ist nichts anderes übrig geblieben«, sagte er. »Celsus hätte uns alle getötet.«
    »Du hättest Nachricht nach Rom senden und dem Senat die Piraten melden sollen«, erwiderte Julius abwesend.
    Varro hätte fast gelacht. »Glaubst du denn, die Republik kümmert es, was mit uns geschieht? Sie lässt uns an ihre Träume glauben, solange wir noch jung und stark genug sind, um für sie zu kämpfen. Aber sobald Kraft und Jugend verflogen sind, vergisst sie uns und fängt an, die nächste Generation von Narren auf ihre Seite zu ziehen. Dabei wird der Senat durch die Ländereien, die wir für ihn erobert haben, immer reicher und fetter. Wir waren auf uns allein gestellt, und ich habe getan, was ich tun musste.«
    In seinem Zornesausbruch lag viel Wahrheit. Julius sah ihn an und bemerkte, dass er sich aufrechter hielt.
    »Korruption kann man ausbrennen«, sagte er. »Seit Sulla an der Macht ist, stirbt der Senat.«
    Varro schüttelte langsam den Kopf.
    »Die Republik lag schon im Sterben, lange bevor Sulla kam, mein Junge. Du bist nur zu jung, um das zu erkennen.«
    Varro ließ sich wieder auf seinen Sitz zurückfallen, rieb sich aber noch immer den Hals. Als Julius seinen Blick von Varro löste und sich umsah, schauten ihn alle Offiziere der Accipiter an und warteten geduldig.
    »Was jetzt, Julius?«, fragte Pelitas ruhig. »Was tun wir als Nächstes?«
    »Wir suchen zusammen, was wir brauchen und gehen zum nächsten Dorf, und danach zum übernächsten. Dafür, dass sie die Piraten in ihrer Mitte aufgenommen haben, sind uns diese Leute einiges schuldig. Ich zweifle nicht daran, dass es noch viele wie ihn gibt«, sagte er und deutete dabei auf Varro.
    »Du glaubst, du kannst einfach so weitermachen?«, fragte Suetonius; er war entsetzt darüber, was hier vor sich ging.
    »Natürlich. Nur dass wir beim nächsten Mal Schwerter und anständige Kleidung haben werden. Dann wird es nicht mehr so schwer sein.«

10

    Schwungvoll hieb Tubruk die Axt genau in die Kerbe in der sterbenden Eiche. Ein Splitter gesunden Holzes sprang unter dem Schlag weg, doch die dürren Äste zeigten, dass es höchste Zeit war, den alten Baum zu fällen. Es würde nicht mehr sehr lange dauern, bis er zum Kernholz vordrang, und er war sicher, dass dort bereits alles morsch war. Er arbeitete schon über eine Stunde, und der Schweiß klebte die leinenen Bracae an die Beine. Als er zu schwitzen anfing, hatte er die Tunika ausgezogen, und trotz der leichten Brise, die durch das Wäldchen wehte, hatte er sie bis jetzt noch nicht wieder angelegt. Der trocknende Schweiß kühlte ihn ab, Ruhe und Frieden erfüllten ihn. Es war schwer genug, jetzt, nachdem das Lösegeld gezahlt worden war, nicht ständig an die Probleme der Verwaltung des Gutes zu denken. Aber er schob die Gedanken erst einmal beiseite und konzentrierte sich auf das Ausholen und Zuschlagen mit der schweren Eisenaxt.
    Keuchend hielt er einen Moment inne und stützte die Hände auf den langen Schaft der Axt. Früher hatte er den ganzen Tag Bäume fällen können, aber jetzt hatten selbst die Haare auf seiner Brust die Farbe eisigen Wintergraus angenommen. Vielleicht war es töricht, sich selbst so anzutreiben, andererseits holte das Alter diejenigen am schnellsten ein, die sich hinsetzten und darauf warteten. Außerdem blieb durch die körperliche Betätigung wenigstens sein Bauch flach.
    »Früher bin ich immer auf diesen Baum hinaufgeklettert«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Die Stille des Waldes war mit einem Mal dahin, und Tubruk schreckte auf. Mit der Axt in der Hand drehte er sich rasch um.
    Nicht weit von ihm saß Brutus mit verschränkten Armen auf einem Baumstumpf. Ein vertrautes Grinsen ließ seine Augen aufleuchten. Tubruk lachte vor Freude, ihn zu sehen, laut los. Dann lehnte er den Axtstiel gegen den dicken Stamm der Eiche. Einen Augenblick sagte keiner der beiden ein Wort. Dann trat Tubruk zu Brutus, schlang die Arme fest um ihn und zog ihn vom Baumstumpf hoch.
    »Bei den Göttern, Marcus. Wie schön, dich zu sehen«, sagte Tubruk gerührt und ließ Brutus wieder los. »Du hast dich verändert. Du bist größer geworden! Lass dich anschauen!«
    Der alte Gladiator machte einen Schritt zurück und streifte sich dabei seine Tunika über.
    »Das ist die Rüstung eines Zenturio. Also ist es dir gut ergangen.«
    »Bronzefaust«, erwiderte Brutus einfach. »Wir haben nie eine Schlacht verloren. Obwohl es ein- oder zweimal ziemlich knapp war, weil ich das Kommando hatte.«
    »Das bezweifle ich! Bei den Göttern, ich bin stolz auf dich. Bleibst du hier oder bist du nur auf der Durchreise?«
    »Meine Pflichtzeit ist abgelaufen. Ich will hier in der Stadt noch ein paar Dinge erledigen, bevor ich mir eine neue Legion suche.«
    Erst jetzt bemerkte Tubruk, wie schmutzig und müde der junge Mann war.
    »Wie weit bist du gelaufen?«
    »Um die halbe Welt, scheint es. Renius gibt sein Geld nicht gern für Pferde aus. Aber wenigstens für ein Stück des Weges haben wir ein paar alte Schindmähren gefunden.«
    Tubruk lachte, griff sich die Axt und schulterte sie.
    »Dann ist er also mit dir zurückgekommen? Ich dachte, er hätte Rom endgültig den Rücken gekehrt, als bei den Aufständen sein Haus niedergebrannt wurde.«
    Brutus zuckte die Schultern. »Er ist gleich los, um sein Land zu verkaufen, dann will er sich etwas zur Miete suchen.«
    Bei dem Gedanken an Renius musste Tubruk lächeln. »Rom ist zu ruhig für ihn geworden. Wahrscheinlich langweilt er sich hier entsetzlich.« Er schlug Brutus auf die Schulter. »Komm mit hinunter zum Hof. Dein altes Zimmer ist immer noch so, wie du es verlassen hast, und ein anständiges Bad wird dir den Straßenstaub aus der Lunge spülen.«
    »Ist Julius wieder da?«, fragte Brutus unvermittelt.
    Tubruk sank ein wenig in sich zusammen, als sei die Axt auf einmal schwerer geworden.
    »Wir mussten ein hohes Lösegeld für ihn zahlen, weil seine Galeere von Piraten gekapert wurde. Wir warten immer noch auf Nachricht, ob er wohlauf ist.«
    Brutus sah ihn entsetzt an. »Bei den Göttern, das habe ich nicht gewusst! Ist er verwundet worden?«
    »Wir wissen gar nichts. Mir wurde lediglich die Lösegeldforderung übermittelt. Ich musste Wachen bezahlen, die das Gold bis zur Küste gebracht und auf ein Handelsschiff verladen haben. Es waren fünfzig Talente.«
    »Ich hätte nicht gedacht, dass die Familie überhaupt so viel Geld hat«, sagte Brutus leise.
    »Jetzt hat sie es auf jeden Fall nicht mehr. Es ist nur noch der Gewinn von der nächsten Ernte übrig. Uns stehen ein paar harte Jahre bevor, aber wenigstens können wir von den Erträgen noch leben.«
    »Er hat genug Pech gehabt. Das reicht für ein ganzes Leben.«
    »Es würde mich wundern, wenn ihn das lange bedrücken würde. Julius und du, ihr seid euch sehr ähnlich. Geld kann man sich immer wieder beschaffen, wenn man lange genug lebt. Hast du gewusst, dass Sulla tot ist?«
    »Ja, das habe ich gehört. Selbst in Griechenland haben die Soldaten in den Häfen Schwarz getragen. Ist es wahr, dass er vergiftet wurde?«
    Tubruk zog die Augenbrauen zusammen und sah einen Moment zur Seite, bevor er antwortete.
    »Das stimmt. Er hat sich im Senat viele Feinde gemacht. Antonidus, sein Oberbefehlshaber, sucht immer noch nach seinen Mördern. Ich glaube nicht, dass er die Suche jemals aufgeben wird.«
    Während er sprach, dachte er an Fercus und die furchtbaren Tage, die der Nachricht gefolgt waren, dass man ihn verhaftet hatte. Tubruk hatte noch nie zuvor solche Angst verspürt und hatte ständig auf die Soldaten gewartet, die aus der Stadt zum Anwesen herausmarschiert kommen und ihn zu Prozess und Hinrichtung abholen würden. Doch sie waren nicht erschienen, und Antonidus suchte und verhörte weiter. Tubruk wagte nicht einmal, nach Fercus’ Familie zu sehen, aus Angst, Antonidus könnte sie beobachten lassen. Aber er hatte sich geschworen, diese Schuld irgendwie wieder gutzumachen. Fercus war ihm ein wahrer Freund gewesen. Darüber hinaus jedoch hatte er mit einer Leidenschaft an die Republik geglaubt, die den alten Gladiator überrascht hatte, als er ihn in seinen Plan, Sulla zu töten, eingeweiht hatte. Er hatte Fercus nicht erst lange überzeugen müssen.
    »…Tubruk?«, unterbrach Brutus seine Gedanken und sah ihn neugierig an.
    »Es tut mir Leid. Ich habe gerade an früher gedacht. Man sagt zwar, die Republik sei wieder auferstanden und Rom endlich wieder eine Stadt mit Gesetzen, aber das stimmt nicht. Sie zerfleischen sich gegenseitig, um sich Sullas Nachfolge streitig zu machen. Erst kürzlich sind zwei Senatoren wegen Hochverrat hingerichtet worden, und das allein auf Grund der Aussage ihrer Beschuldiger. Sie bestechen und stehlen und schenken dem Pöbel Getreide, der dann satt und zufrieden nach Hause geht. Es ist eine seltsame Stadt geworden, Marcus.«
    Brutus legte Tubruk die Hand auf die Schulter.
    »Ich wusste nicht, dass dir das so wichtig ist«, sagte er.
    »Es war mir schon immer wichtig, aber als ich noch jünger war, bin ich eben gutgläubiger gewesen. Ich dachte immer, Männer wie Sulla und, ja, auch Marius, könnten dieser Stadt nicht schaden. Aber sie können es doch. Und wie! Wusstest du, dass das kostenlos verteilte Getreide die Kleinbauern ruiniert? Sie werden ihre Ernte nicht mehr los. Also müssen sie ihren Grund und Boden verkaufen, der den ohnehin schon übermäßigen Besitztümern der Senatoren einverleibt wird. Zum Schluss enden diese Bauern dann auf den Straßen der Stadt und werden mit ebenjenem Getreide beschenkt, das sie in den Ruin getrieben hat.«
    »Mit der Zeit werden auch wieder bessere Männer im Senat das Sagen haben. Männer, die einer neuen Generation angehören. Männer wie Julius.«
    Tubruks Miene hellte sich ein wenig auf, aber Brutus war noch immer schockiert von der abgrundtiefen Bitterkeit und Trauer, die er in Tubruks Gesicht gesehen hatte. Der Verwalter war den beiden Jungen zeitlebens ein Vorbild an Selbstsicherheit und Bestimmtheit gewesen, und jetzt rang Brutus nach den richtigen Worten.
    »Wir werden ein Rom aufbauen, auf das du stolz sein kannst«, sagte er heiser.
    Tubruk streckte die Hand aus und ergriff den Arm, den Brutus ihm entgegenstreckte.
    »Ach, wenn man noch einmal jung sein könnte«, sagte er lächelnd. »Aber jetzt komm erst mal nach Hause. Aurelia wird sich freuen, wenn sie sieht, wie groß und stark du geworden bist.«
    »Tubruk, ich…«, begann Brutus zögernd. »Ich kann nicht sehr lange bleiben. Ich habe auch genug Geld, um eine Unterkunft in der Stadt zu mieten.«
    Tubruk sah ihn an und nickte verständnisvoll. »Aber das hier ist dein Zuhause, und das wird es immer bleiben. Bleib, so lange du willst.«
    Dann schwiegen sie beide wieder lange, während sie auf die Gebäude des Gutes zustrebten.
    »Ich danke dir«, meldete sich Brutus wieder zu Wort. »Ich war mir nicht sicher, ob du vielleicht erwartest, dass ich mich jetzt selbst um mich kümmere. Was ich durchaus kann, glaub mir.«
    »Ich weiß, Marcus«, sagte Tubruk und lächelte ihn an. Dann rief er laut, damit man ihnen das Tor öffnete.
    Der junge Mann fühlte eine Last von sich fallen. »Man nennt mich jetzt Brutus.«
    Tubruk streckte die Hand aus, und Brutus ergriff sie nach Art der Legionäre.
    »Willkommen zu Hause, Brutus«, sagte er.
    Während das Wasser für ein Bad heiß gemacht wurde, führte Tubruk Brutus in die Küche, wo er Brot und Fleisch für ihn aufschnitt. Nach der Arbeit mit der Axt hatte er selbst gewaltigen Hunger, und so saßen sie zusammen, aßen und unterhielten sich wie gute alte Freunde.
    Julius betrachtete die sechs neuen Rekruten und hatte das Gefühl, in der Hitze bei lebendigem Leib gegart zu werden. Unter der afrikanischen Sonne konnte man die Rüstung kaum anfassen. Überall dort, wo das Metall die Haut berührte, stand er Todesqualen aus, bis er sich so drehen konnte, dass kein direkter Kontakt mehr bestand.
    Aber nichts davon zeigte sich in seinem Gesicht, obwohl angesichts der Männer, die er gefunden hatte, bereits die ersten Zweifel an seiner Konzentration nagten. Sie waren zwar gesund und stark, aber keiner von ihnen war als Soldat ausgebildet worden. Um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können, brauchte er mindestens fünfzig Mann. Und allmählich glaubte er daran, dass er sie auch finden würde. Das Problem lag vielmehr darin, dass sie seine Befehle mit der gleichen Disziplin hinnehmen mussten, wie sie für die Offiziere der Accipiter selbstverständlich war. Irgendwie musste er ihnen die simple Tatsache begreiflich machen, dass sie ohne diese Disziplin verloren waren.
    Körperlich waren sie beeindruckend genug, doch nur zwei der sechs Männer hatten sich freiwillig gemeldet, und die stammten aus dem letzten Dorf. Je mehr sie sich in ihrem Auftreten einer richtigen halben römischen Zenturie näherten, nahm er an, desto leichter würde es werden, weitere Männer zu finden. Die ersten vier jedoch waren nur mitgekommen, weil er darauf bestanden hatte, und sie waren immer noch wütend. Im zweiten Dorf schien man froh gewesen zu sein, den Größten von ihnen endlich loszuwerden, weshalb Julius den Mann für einen Unruhestifter hielt. Seine Züge schienen in einem abfälligen Dauergrinsen erstarrt zu sein, was Julius jedes Mal irritierte.
    Renius hätte sie für ihn schon in Form gebracht, dachte er. Doch es war zumindest ein Anfang. Er musste daran denken, was Renius tun würde. Gaditicus und die anderen Besatzungsmitglieder der Accipiter waren ihm bis hierher gefolgt. Sie hatten es gar nicht glauben können, wie einfach es nach der ersten Siedlung gewesen war. Julius fragte sich, wie viele Römer es in den Hunderten von Austragsgehöften wohl gab, deren Söhnen man das Kriegshandwerk beibringen konnte. Da draußen wartete eine ganze Armee, und es musste nur jemand kommen, der sie zusammensuchte und die Männer an die Stimme ihres Blutes erinnerte.
    Er blieb neben dem Unruhestifter stehen. Die Augen des Mannes erwiderten Julius’ distanziert forschenden Blick ohne eine Spur von Angst oder Respekt. Er überragte die meisten anderen um Haupteslänge und hatte lange, muskulöse Glieder, die schweißnass in der Sonne glänzten. Die Stechmücken, die den Offizieren von der Accipiter so sehr zusetzten, schienen ihn nicht im Geringsten zu stören. Ruhig und unbewegt stand er wie eine lebende Statue in der Hitze. In gewisser Hinsicht erinnerte ihn dieser Mann an Marcus. Jeder Zoll seines Körpers verriet den Römer, doch das Latein, das er sprach, war von afrikanischem Dialekt durchsetzt. Julius wusste, dass sein Vater gestorben war und ihm einen Hof hinterlassen hatte, den er bis zum endgültigen Ruin sträflich vernachlässigt hatte. Wenn man diesen Mann hier zurückließ, kam er wahrscheinlich recht bald bei einer Schlägerei ums Leben, oder er schloss sich den Piraten an, sobald das Geld ausgegeben und der letzte Wein getrunken war.
    Wie hieß er noch gleich? Julius war stolz darauf, dass er Namen genauso schnell im Gedächtnis behielt wie seinerzeit Marius. Marius hatte jeden einzelnen der Männer unter seinem Kommando beim Namen gekannt. Unter dem starren Blick des Mannes vor ihm fiel Julius sein Name zunächst nicht ein, dann jedoch erinnerte er sich. Er hatte gesagt, man solle ihn Ciro nennen und nicht anders. Er wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass es ein Sklavenname war. Was würde Renius jetzt wohl tun?
    »Ich brauche Männer, die kämpfen können«, sagte er und schaute in die braunen Augen, die seinem Blick so unbeirrt standhielten.
    »Ich kann kämpfen«, erwiderte Ciro mit unverhohlenem Selbstbewusstsein.
    »Ich brauche Männer, die sich zusammenreißen können, wenn’s brenzlig wird«, fuhr Julius fort.
    »Ich kann…«, hob Ciro wieder an.
    Julius schlug ihm hart mit der flachen Hand ins Gesicht. Einen kurzen Augenblick flackerte Wut in den dunklen Augen auf, doch Ciro blieb unbewegt stehen. Die Muskeln seiner entblößten Brust zuckten wie bei einer großen Raubkatze. Julius trat noch näher vor ihn hin.
    »Würdest du jetzt gerne ein Schwert in die Hand nehmen und mich niederstechen?«, flüsterte er schneidend.
    »Nein«, erwiderte Ciro. Er hatte sich wieder gefangen.
    »Warum nicht?«, fragte Julius und überlegte, wie er ihn wohl aus der Reserve locken könnte.
    »Mein Vater… hat gesagt, ein Legionär muss sich unter Kontrolle haben.«
    Julius blieb direkt vor ihm stehen, doch seine Gedanken rasten. Das war der Hebel, an dem er ansetzen musste.
    »In der Siedlung, in der wir dich aufgegabelt haben, hattest du dich aber ganz und gar nicht unter Kontrolle, oder?«, sagte er herausfordernd. Er hoffte, seine Vermutung hinsichtlich Ciros Beziehung zu den Dorfbewohnern war richtig. Lange blieb ihm der große Mann eine Antwort schuldig. Julius wartete geduldig, weil er wusste, dass er jetzt nicht drängen durfte.
    »Da war ich auch noch kein… Legionär«, erwiderte Ciro schließlich.
    Julius musterte ihn und suchte in dem Gesicht nach Spuren von Aufsässigkeit, die er eigentlich erwartet hatte. Es war jedoch nichts zu entdecken, und insgeheim verfluchte er den Senat, der Männer wie diesen hier einfach verschwendete. Männer, die davon träumten, Legionäre zu werden, während sie in fernen Ländern ihr Leben vergeudeten.
    »Du bist kein Legionär«, sagte Julius langsam und sah, wie sich der Mund des anderen zu einer Antwort auf diese Zurückweisung verzog. »Aber ich kann einen aus dir machen. Mit mir und von mir wirst du Brüderlichkeit lernen, und du wirst mit hoch erhobenem Haupt durch die Straßen des fernen Rom marschieren. Und falls dich jemand anhält, wirst du ihm sagen, dass du ein Soldat Cäsars bist.«
    »Das werde ich«, sagte Ciro.
    »Herr.«
    »Das werde ich, Herr«, verbesserte er sich und reckte den Rücken noch gerader.
    Julius trat wieder einen Schritt zurück, um alle Rekruten zugleich anzusprechen, die zusammen mit den Offizieren der Accipiter wartend dastanden.
    »Was gibt es, das wir mit Männern wie euch nicht erreichen können? Ihr seid Söhne Roms, und wir werden euch eure Geschichte zeigen und euren Stolz wiedergeben. Wir werden euch lehren, mit dem Schwert zu kämpfen und in Schlachtformation zu marschieren. Später werden noch mehr Männer zu uns stoßen, und ihr werdet sie ausbilden. Ihr werdet ihnen beibringen, was es bedeutet, Römer zu sein. Und jetzt marschieren wir. Das nächste Dorf wird Legionäre sehen, wenn es euch erblickt.«
    Die Soldaten, die paarweise in einer Reihe gingen, marschierten noch zerlumpt und ohne Gleichschritt, aber Julius wusste, dass sich das bessern würde. Er fragte sich, ob Renius diesen unbändigen Tatendrang in den neuen Rekruten wohl erkannt hätte, schob aber den Gedanken daran schnell wieder beiseite. Nicht Renius stand hier, sondern er.
    Gaditicus wartete mit ihm auf das Ende der Kolonne, wo sie zusammen in den Schritt einfielen.
    »Sie folgen dir«, sagte er leise.
    Julius drehte sich schnell zu ihm um. »Das müssen sie auch, wenn wir je die Mannschaft für ein Schiff zusammenbekommen wollen, um uns unsere Lösegelder zurückzuholen.«
    Gaditicus schnaubte anerkennend und gab Julius einen Klaps auf die Rüstung.
    Julius’ Schritte wurden plötzlich langsamer, dann blieb er stehen. »Oh, nein«, flüsterte er entsetzt. »Sag ihnen, wir schließen später zu ihnen auf. Schnell!«
    Gaditicus gab den Befehl weiter und sah der Doppelreihe der Männer auf dem schmalen Weg nach. Bald waren sie hinter einer Kurve verschwunden, und Gaditicus drehte sich zu Julius um. Dieser war blass geworden und hatte die Augen geschlossen.
    »Ist es wieder… deine Übelkeit?«, fragte Gaditicus.
    Julius nickte schwach.
    »Vor… dem letzten Anfall hatte ich einen metallischen Geschmack im Mund. Denselben Geschmack habe ich jetzt auch.« Er räusperte sich und spuckte aus. Sein Gesicht war zu einer bitteren Maske verzogen. »Sag es ihnen nicht. Sag…«
    Gaditicus fing ihn im Fallen auf und hielt ihn nieder, als er zuckte und sich wand; die Sandalen scharrten Halbkreise ins Gras. Die Stechfliegen schienen Julius’ Schwäche zu spüren und umschwärmten die beiden Männer in Scharen. Gaditicus sah sich nach etwas um, das er Julius in den Mund stecken konnte, doch der Tuchfetzen, den sie auf dem Piratenschiff benutzt hatten, war schon längst verloren gegangen. Er riss ein dickes Blatt ab und schaffte es, Julius den faserigen Stiel quer in den Mund zu schieben, bevor der Kieferkrampf einsetzte. Er hielt stand, und Gaditicus drückte Julius weiter mit aller Kraft auf den Boden, bis der Anfall vorüber war.
    Nach einer Weile war Julius wieder so weit, dass er sich aufsetzen konnte. Er spuckte den Stiel aus, den er fast durchgebissen hatte, und hatte das Gefühl, als habe man ihn bewusstlos geschlagen. Als er merkte, dass sich seine Blase entleert hatte, verzog er das Gesicht. Wütend schlug er mit den Fäusten auf den Boden und scheuchte dabei die Fliegen auf, die sich aber sofort wieder auf seine entblößte Haut stürzten.
    »Ich dachte, das hätte ich hinter mir.«
    »Vielleicht war das ja der letzte Anfall«, meinte Gaditicus. »Kopfwunden sind immer ziemlich kompliziert. Cabera hat doch gesagt, es könnte noch eine Weile so weitergehen.«
    »Oder sogar für den Rest meines Lebens! Ich vermisse den alten Mann«, sagte Julius tonlos. »Meine Mutter hatte früher immer Schüttelkrämpfe. Ich habe nie verstanden, was das wirklich bedeutet. Es fühlt sich an wie sterben.«
    »Kannst du aufstehen? Ich möchte den Anschluss an die Männer nicht ganz verlieren. Nach deiner Ansprache laufen sie wahrscheinlich den ganzen Vormittag.«
    Gaditicus half dem jungen Offizier auf die Beine und sah, wie er ein paar Mal tief Luft holte, um sich wieder zu sammeln. Er hätte ihm gern ein paar tröstende Worte gesagt, aber die Worte waren schwer zu finden.
    »Du wirst diese Krankheit besiegen«, sagte er schließlich. »Cabera hat gesagt, du bist stark, und nichts, was ich von dir gesehen habe, scheint mir das Gegenteil zu beweisen.«
    »Vielleicht hast du Recht. Lass uns weitergehen. Ich würde gerne nah am Meer bleiben, so dass ich mich waschen kann.«
    »Ich könnte ja sagen, ich hätte dir einen Witz erzählt und du hast dich vor Lachen bepisst«, schlug Gaditicus vor. Julius schmunzelte, und Gaditicus lächelte ihn an.
    »Na, siehst du! Du bist stärker als du denkst. Man sagt, Alexander der Große habe diese Schüttelkrankheit auch gehabt.«
    »Wirklich?«
    »Aber ja. Und Hannibal auch. Das bedeutet nicht das Ende, es ist nur eine Bürde.«
    Brutus versuchte sein Entsetzen zu verbergen, als er Aurelia am nächsten Morgen erblickte. Sie war kalkweiß und dünn, ein Gewebe aus Falten überzog ihr Gesicht, von dem damals, als er vor Jahren nach Griechenland gezogen war, noch nichts zu sehen gewesen war.
    Tubruk hatte sein Unbehagen bemerkt und die Lücken in ihrem Gespräch gefüllt, indem er Fragen beantwortete, die Aurelia gar nicht gestellt hatte. Der alte Gladiator war sich nicht einmal sicher, ob sie Brutus überhaupt wiedererkannte.
    Aurelias Schweigsamkeit wurde von Clodias und Cornelias Gelächter ausgeglichen, die Julius’ Tochter beim Frühstück versorgten. Brutus lächelte das Kind pflichtbewusst an und behauptete, das Mädchen sehe genauso aus wie sein Vater, doch in Wahrheit schien es nichts Menschenähnliches an sich zu haben. Er fühlte sich im Triclinium unwohl, weil ihm bewusst war, dass diese Menschen Verbindungen miteinander eingegangen waren, von denen er ausgeschlossen war. Zum ersten Mal kam er sich in diesem Haus wie ein Fremder vor, und das stimmte ihn traurig.
    Tubruk ging mit Aurelia hinaus, nachdem sie sehr wenig gegessen hatte. Brutus versuchte an der Unterhaltung teilzunehmen und erzählte den Frauen von den Blauhäuten, einem Stamm wilder Krieger, gegen den er in seinen ersten Monaten bei der Bronzefaust in Griechenland gekämpft hatte. Clodia lachte, als er von dem Wilden erzählte, der den Römern seine entblößten Genitalien präsentiert hatte, weil er sich in Sicherheit wähnte. Cornelia bedeckte rasch Julias Ohren mit den Händen, und Brutus errötete beschämt.
    »Es tut mir Leid. Ich bin eher den Umgang mit Soldaten gewohnt. Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal in diesem Haus war.«
    »Tubruk hat uns erzählt, dass du hier aufgewachsen bist«, unterbrach Clodia die plötzliche Stille, um Brutus beizustehen. Etwas sagte ihm, dass er diese Unterstützung jetzt dringend brauchte. »Er hat gesagt, du hättest immer davon geträumt, ein großer Schwertkämpfer zu werden. Hast du dir deinen Traum erfüllt?«
    Ein wenig schüchtern erzählte Brutus ihnen von dem Schwertturnier, in dem er gegen die Besten der Legion gewonnen hatte.
    »Dafür habe ich ein Schwert bekommen, das aus gehärtetem Eisen gemacht ist, also schärfer bleibt. Der Griff ist mit Gold eingelegt. Ich zeige es euch später.«
    »Ob es Julius wohl gut geht?«, fragte Cornelia unerwartet dazwischen.
    Brutus beantwortete ihre Frage mit einem Lächeln. »Natürlich. Das Lösegeld ist doch gezahlt worden, also ist er jetzt nicht mehr in Gefahr.« Die Worte kamen ihm schnell über die Lippen und Cornelia schien fürs Erste beruhigt. An seinen eigenen Sorgen hatte sich nichts geändert.
    An diesem Nachmittag ging er mit Tubruk zusammen wieder den Hügel hinauf zu der Eiche. Beide trugen eine Axt über der Schulter. Als sie bei der Eiche angekommen waren, stellten sie sich links und rechts vom Stamm auf und schlugen abwechselnd mit den Äxten in die Kerbe, die sich immer tiefer in das Holz fraß, je weiter der Tag voranschritt.
    »Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich nach Rom zurückgekommen bin«, sagte Brutus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    Tubruk ließ die Axt sinken und keuchte eine Weile schwer, ehe er etwas sagte.
    »Und was ist das für ein Grund?«
    »Ich will meine Mutter suchen. Ich bin kein kleiner Junge mehr, und ich will wissen, woher ich komme. Ich dachte, vielleicht weißt du, wo ich sie finden kann.«
    Tubruk schnaufte vernehmlich und nahm die Axt wieder auf.
    »Das wird dir nur Kummer und Schmerz einbringen, mein Junge.«
    »Ich muss es aber tun. Ich habe doch eine Familie.«
    Tubruk hieb die Klinge seiner Axt mit so gewaltiger Wucht in die Kerbe, dass sie sich tief im Holz verkeilte.
    »Deine Familie ist hier«, sagte er mit Bestimmtheit, und hebelte die Axt wieder heraus.
    »Aber die andere Familie ist mein eigen Fleisch und Blut. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt. Ich will wenigstens wissen, wer meine Mutter ist. Wenn sie stirbt, ohne dass ich sie je zu Gesicht bekommen habe, würde ich das mein Leben lang bedauern.«
    Tubruk hielt erneut inne und seufzte dann, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
    »Sie lebt in der Villa Festus am äußeren Rande der Stadt, in der Nähe des Quirinalbergs. Überleg es dir gut, bevor du dort hingehst. Es könnte eine Enttäuschung für dich sein.«
    »Nein, das glaube ich nicht. Sie hat mich damals im Stich gelassen, als ich erst ein paar Monate alt war. Was sollte mich jetzt noch enttäuschen?«, fragte Brutus leise, ehe auch er wieder die Axt aufnahm und weiter auf den alten Baum einhieb.
    Als die Sonne unterging, lag die Eiche gefällt am Boden, und sie gingen im Dämmerlicht zusammen zum Gutshaus zurück. Dort stand Renius im Schatten des Tores und wartete auf sie.
    »An der Stelle, an der mein Haus stand, haben sie schon wieder gebaut«, sagte er wütend zu Brutus. »Und ein paar junge Legionäre haben mich als Unruhestifter vor die Tore der Stadt geführt. Sie haben mich aus meiner eigenen Stadt hinausgeworfen!«
    Tubruk brach in schallendes Gelächter aus.
    »Hast du ihnen etwa gesagt, wer du bist?«, fragte Brutus und versuchte ernst zu bleiben.
    Sichtlich verärgert von ihrer Heiterkeit knurrte Renius wütend: »Sie kannten noch nicht mal meinen Namen. Alles Milchbärte, kaum der Mutterbrust entwöhnt.«
    »Wir haben noch ein Zimmer für dich frei«, sagte Tubruk.
    Renius sah seinem ehemaligen Schüler zum ersten Mal richtig in die Augen.
    »Wie viel verlangst du?«, fragte er misstrauisch.
    »Lediglich das Vergnügen deiner Gegenwart, alter Freund. Sonst nichts.«
    Renius schnaubte verächtlich. »Dann bist du ein Dummkopf. Ich hätte anständig gezahlt.«
    Auf Tubruks Zuruf hin wurde das Tor geöffnet, und Renius stolzierte vor ihnen her in den Innenhof. Brutus fing Tubruks Blick von der Seite auf und musste schmunzeln, als er sah, wie viel Zuneigung darin lag.

11

    Brutus stand an der Kreuzung am Fuße des Quirinalhügels und ließ die geschäftige Menge an sich vorbeiziehen. Er war früh aufgestanden, hatte seine Rüstung überprüft und Tubruk insgeheim für die frische Untertunika gedankt, die er ihm herausgelegt hatte. Obwohl er wusste, dass es in gewisser Hinsicht lächerlich war, sich deswegen Gedanken zu machen, hatte er jedes Teil der Rüstung eingeölt und poliert, bis es glänzte. Er hatte das Gefühl, aus den dunkleren Farben der Menge herauszustechen, andererseits beruhigte ihn allein schon das Gewicht, als könnte es ihn vor mehr schützen als vor Waffen.
    Die Bronzefaust hatte ihren eigenen Waffenschmied, und wie alle anderen in der Zenturie war er der Beste gewesen. Die Beinschiene, die Brutus am rechten Bein trug, war kunstvoll gestaltet und folgte dem Verlauf der Muskeln. Sie war mit einem mit Säure eingeätzten, kreisförmigen Muster verziert und hatte ihn einen ganzen Monatssold gekostet. Schweiß rann hinter der Hülle aus Metall hinab. Er bückte sich und versuchte erfolglos, die Haut dahinter zu kratzen. Den Federbusch des Helmes hatte er aus praktischen Erwägungen auf dem Gut gelassen. Es ging nicht, dass er damit an den Türstürzen im Haus seiner Mutter hängen blieb.
    Er war vor dem Gebäude stehen geblieben und betrachtete es jetzt nachdenklich. Eigentlich hatte er ein Wohnhaus mit vier oder fünf Stockwerken erwartet, sauber, aber klein. Stattdessen war die Straßenfront mit dunklem Marmor verkleidet, fast wie ein Tempel. Die Hauptgebäude waren wegen des Staubs und des Gestanks etwas von der Straße zurückgesetzt und nur durch das Gitter eines hohen Tores zu sehen. Brutus überlegte, ob das Haus des Marius größer gewesen war… wahrscheinlich schon, aber das war schwer zu sagen.
    Tubruk hatte ihm nicht mehr als die Adresse verraten, doch als Brutus sich umschaute, sah er, dass er sich hier in einer wohlhabenden Gegend befand. Ein großer Teil der Menschen auf den Straßen waren Diener und Sklaven, die Besorgungen für ihre Herren machten und mit Gütern aller Art beladen waren. Er hatte erwartet, seine Mutter würde von ihrem Sohn, der es bis zum Zenturio gebracht hatte, beeindruckt sein, jetzt jedoch, wo er das Haus sah, wurde ihm klar, dass sie ihn vielleicht nur für einen gewöhnlichen Soldaten halten würde, und er zögerte.
    Er überlegte, ob er zum Gut zurückkehren sollte. Renius und Tubruk würden ihn willkommen heißen, ohne über sein Versagen zu urteilen. Aber hatte er dieses Treffen nicht auf dem ganzen langen Heimweg aus Griechenland geplant? Es wäre lächerlich, beim Anblick des prächtigen Hauses kehrtzumachen.
    Er holte tief Luft und überprüfte ein letztes Mal den perfekten Sitz seiner Rüstung. Die Lederriemen waren verschnürt, er konnte keinen Makel feststellen. So war es in Ordnung.
    Als er weiterging, machte ihm die Menge Platz, ohne zu drängeln. Aus der Nähe weckte das Tor Erinnerungen an Marius’ Haus am anderen Ende der Stadt. Kaum hatte er das Gitter erreicht, schwangen die Flügel auch schon auf; ein Sklave verbeugte sich und winkte ihn herein.
    »Hier entlang, Herr«, sagte der Sklave, verriegelte das Tor und ging ihm durch einen schmalen Korridor voran. Brutus folgte ihm mit klopfendem Herzen. Wurde er etwa erwartet?
    Der Bedienstete führte ihn in einen Raum, der zu den luxuriösesten Gemächern gehörte, die er jemals gesehen hatte. Von unten und oben vergoldete Marmorsäulen trugen die Decke. Weiße Statuen säumten die Wände, Liegen waren um ein zentrales Wasserbecken gruppiert, in dem große Fische fast bewegungslos durch die kühlen Tiefen glitten. Seine Rüstung erschien ihm in der Stille schwerfällig und laut, und Brutus wünschte sich, er hätte vor dem Eintreten die Beinschiene abgeschnürt und sich ordentlich gekratzt.
    Der Sklave verschwand durch eine andere Tür, und Brutus blieb alleine mit dem Plätschern des Wassers zurück. Es war sehr friedlich, und nach kurzer Überlegung nahm er seinen Helm ab und fuhr sich mit den Händen durch das feuchte Haar.
    Er spürte einen Luftzug, als sich eine andere Tür hinter ihm öffnete, und sprang vor Überraschung auf, als eine wunderschöne Frau auf ihn zukam. Sie war bemalt wie eine Puppe und ungefähr in seinem Alter, schätzte er. Ihr Kleid bestand aus einem Stoff, den er noch nie gesehen hatte und durch den er die Konturen ihres Busens und der Brustwarzen erkennen konnte. Ihre Haut war von vollkommener Blässe, und als einzigen Schmuck trug sie eine schwere Goldkette um den Hals.
    »Setz dich doch«, sagte sie. »Mach es dir bequem.« Während sie sprach, setzte sie sich auf die Liege, von der er aufgesprungen war, und schlug aufreizend die Beine übereinander, wobei das Kleid verrutschte und genug den Blicken freigab, um ihm die Röte in die Wangen zu treiben. Er setzte sich neben sie und versuchte einen Funken der Entschlossenheit wiederzuerlangen, die ihn eben noch erfüllt hatte.
    »Gefalle ich dir?«, fragte sie sanft.
    »Du bist wunderschön, aber ich suche… eine Frau, die ich früher einmal gekannt habe.«
    Sie zog einen Schmollmund, und er verspürte das fast unwiderstehliche Verlangen, sie zu küssen, sie in die Arme zu nehmen und ihr den Atem zu rauben. Die Vorstellung ließ seine Sinne taumeln, und er bemerkte, dass ein Parfüm die Luft erfüllte und ihn schwindlig machte. Sie streckte die Hand aus und berührte ihn oberhalb der Beinschiene, wo einige wenige Zentimeter braune Haut zu sehen waren. Ein leiser Schauer lief ihm über den Rücken, doch dann kam er mit einem Ruck wieder zu sich und stand abrupt auf.
    »Erwartest du etwa eine Bezahlung von mir?«
    Das Mädchen sah verwirrt aus, jünger, als er zuerst angenommen hatte.
    »Ich mache es nicht aus Liebe«, sagte sie, und viel von der Sanftheit war plötzlich aus ihrer Stimme verschwunden.
    »Ist Servilia hier? Ich glaube, sie wird mich empfangen wollen.«
    Das Mädchen sank auf der Liege zusammen, und sein kokettes Verhalten verschwand von einem Augenblick zum anderen.
    »Sie empfängt keine Zenturios. Wenn du es mit ihr machen willst, musst du schon ein Konsul sein.«
    Brutus starrte sie entsetzt an.
    »Servilia!«, schrie er und ging mit großen Schritten am Becken vorbei auf die andere Seite des Raums. »Wo bist du?«
    Er vernahm das Geräusch sich eilig nähernder Schritte hinter einer Tür, woraufhin er schnell eine andere öffnete und hindurchschlüpfte. Als er sie schloss, hörte er hinter sich das Gelächter des Mädchens auf der Liege. Er fand sich in einem langen Korridor wieder, wo ihn ein Sklave, der ein Tablett voller Getränke trug, mit offenem Mund anstarrte.
    »Du darfst hier nicht durch!«, rief der Sklave, aber Brutus stieß ihn beiseite. Die Weinkelche flogen durch die Luft. Der Sklave machte sich aus dem Staub, und plötzlich war Brutus der Weg am Ende des Korridors von zwei Männern versperrt. Die beiden hatten Keulen in den Händen und füllten die ganze Breite des Durchgangs aus. Ihre Schultern berührten die Wände, als sie auf ihn zukamen.
    »Du hast wohl ein bisschen zu viel getrunken, was?«, krächzte einer von ihnen, als sie näher kamen.
    Brutus zog mit einer eleganten Bewegung seinen Gladius. Die Klinge, die mit dem gleichen wirbelnden Muster verziert war wie die Beinschiene, schimmerte im Licht. Die beiden Männer blieben, plötzlich unsicher geworden, stehen.
    »Servilia!«, schrie Brutus so laut er konnte und hielt sein Schwert auf die Männer gerichtet. Sie zogen Dolche aus ihren Gürteln und kamen langsam näher.
    »Du unverschämter kleiner Bursche!«, sagte einer und fuchtelte mit seiner Klinge herum. »Du glaubst wohl, du kannst hier reinmarschiert kommen und machen, was du willst? Ich hatte bisher noch nie die Gelegenheit, einen Offizier zu töten, aber es wird mir ein Vergnügen sein.«
    Brutus erstarrte.
    »Nehmt gefälligst Haltung an, ihr hirnlosen Schweine!«, fuhr er sie an. »Wenn ich auch nur sehe, dass ihr ein Messer auf mich richtet, lasse ich euch aufhängen!«
    Die beiden Männer zögerten angesichts seines zornig funkelnden Blicks, und reagierten fast reflexartig auf seinen Tonfall. Brutus machte wütend einen Schritt auf sie zu.
    »Jetzt erklärt mir mal, warum Männer in eurem Alter ihre Legion verlassen, um ein Bordell zu bewachen. Seid ihr Deserteure?«
    »Nein… Herr. Wir haben in der Primigenia gedient.«
    Brutus ließ sich seine Überraschung und seine Freude nicht anmerken.
    »Unter Marius?«, verlangte er zu wissen.
    Der Ältere der beiden nickte. Inzwischen standen sie vor ihm stramm, und Brutus musterte sie von oben bis unten wie beim Appell.
    »Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich euch den Brief zeigen, den er mir zu meiner Legion nach Griechenland mitgegeben hat. Ich bin damals mit ihm zu den Stufen des Senatsgebäudes marschiert, als er seinen Triumphzug gefordert hat. Wagt es nicht, sein Andenken zu beschmutzen!«
    Die beiden Männer blinzelten verlegen. Brutus dehnte das Schweigen, das auf seine Worte folgte, absichtlich aus.
    »Und jetzt habe ich geschäftlich mit einer Frau namens Servilia zu tun. Ihr könnt sie zu mir oder mich zu ihr bringen, aber solange ich hier bin, benehmt ihr euch wie Soldaten, verstanden?«
    Noch während die beiden nickten, wurde am anderen Ende des Korridors eine Tür aufgerissen, und eine Frauenstimme erklang.
    »Weg von ihm, und lasst mir freie Schussbahn.«
    Die beiden Wachen rührten sich nicht von der Stelle und ließen den jungen Zenturio nicht aus den Augen. Ihre Schultern verrieten ihre Anspannung, doch sie bewegten sich nicht.
    »Ist sie das?«, fragte Brutus laut und deutlich.
    Der ältere Mann schwitzte vor Anstrengung. »Sie ist die Herrin des Hauses«, bestätigte er.
    »Dann tut, wie euch befohlen wurde, meine Herren.«
    Ohne ein weiteres Wort zogen sich die beiden Wachen so gut es ging zurück und gaben den Blick auf eine Frau frei, die Brutus mit gespanntem Bogen und eingelegtem Pfeil anvisierte.
    »Bist du Servilia?«, fragte er und bemerkte das leichte Zittern ihrer Arme, die langsam müde wurden.
    »Der Name, den du wie ein kleiner, dreckiger Fischverkäufer herumgebrüllt hast? Mir gehört dieses Haus.«
    »Ich will dir nicht schaden«, erwiderte Brutus. »Und ich würde die Sehne lockern, ehe du noch aus Versehen auf jemanden schießt.«
    Servilia warf einen raschen Blick auf die Wachen. Ihre Anwesenheit schien sie zu beruhigen. Sie atmete aus und nahm den Bogen herunter. Es war vermutlich nicht das erste Mal, dass sie von Soldaten bedroht worden war.
    Die Frau, die Brutus jetzt hier sah, hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Mädchen aus dem Zimmer mit den Statuen. Sie war groß und schlank wie er, mit langem, dunklem Haar, das ihr offen auf die Schultern herabfiel. Ihre Haut strahlte vor Sonne und Gesundheit, und ihr Gesicht war nicht hübsch, ja, genau genommen war es fast hässlich, doch von dem breiten Mund und den dunklen Augen gingen eine wissende Sinnlichkeit aus, die wahrscheinlich viele Männer in ihren Bann schlug, dachte er. Bei jeder Bewegung ihrer breiten, kräftigen Hände, die den Bogen hielten, klimperten Goldreifen an den Handgelenken.
    Er nahm jede Einzelheit in sich auf und verspürte einen Stich, als er in der Form ihres Halses etwas von sich selbst erkannte.
    »Du kennst mich nicht«, sagte er leise.
    »Was hast du gesagt?«, sagte sie und kam näher. »Du stürzt mein Haus in Aufruhr und bringst eine Waffe in meine Privatgemächer. Ich sollte dich auspeitschen lassen, und glaube bloß nicht, dein hübscher Rang könnte dich davor bewahren.«
    Sie bewegte sich ausgezeichnet, dachte er. Eine ähnliche erotische Sicherheit hatte er erst einmal bei einer Frau erlebt, damals im Tempel der Vesta, wo die Bewegungen der Jungfrauen eine Frechheit an sich hatten, die aus dem Wissen um den sofortigen Tod jedes Mannes entstand, der sie berührte. Sie hatte etwas davon, und er spürte, dass es ihn erregte. Es widerte ihn an, aber er wusste nicht, wie sich ein Sohn fühlen sollte. Das Blut schoss ihm in den Kopf, und sie lächelte sinnlich, wobei sie scharfe, weiße Zähne entblößte.
    »Ich hätte gedacht, du würdest älter aussehen«, murmelte er, und in ihren Augen blitzte Verärgerung auf.
    »Ich sehe aus, wie ich aussehe. Aber ich weiß immer noch nicht, wer du bist.«
    Brutus steckte das Schwert weg und fragte sich, ob er nicht einfach gehen sollte. Das hieß, falls sie ihn gehen ließ. Die beiden Wachen waren vielleicht nicht die einzigen Soldaten in ihren Diensten. Er wollte sagen, wer er war, ihre Selbstsicherheit erschüttern, wollte sehen, wie sich ihre Augen vor Staunen weiteten, wenn ihr klar wurde, was für ein eindrucksvoller junger Mann er geworden war.
    Dann kam ihm das alles sinnlos vor. Nachdem er die Erinnerung daran lange unterdrückt hatte, fiel ihm wieder ein, wie er Julius’ Vater über sie hatte reden hören, und er seufzte, da er dessen Worte nun bestätigt fand. Er war in einem Bordell, egal, wie vornehm es auch erscheinen mochte. Es spielte eigentlich keine Rolle, was sie von ihm hielt.
    »Mein Name ist Marcus. Ich bin dein Sohn«, sagte er mit einem Achselzucken.
    Sie erstarrte wie eine der Statuen. Lange hielt sie seinem Blick stand, dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. Scheppernd ließ sie den Bogen fallen, lief den Korridor hinunter und schlug die Tür mit einem Krachen hinter sich zu, das die Wände erzittern ließ.
    Die Wachen starrten Brutus mit offenem Mund an.
    »Stimmt das, Herr?«, fragte einer der beiden brummig. Marcus nickte, und der Mann wurde rot vor Verlegenheit. »Das wussten wir nicht.«
    »Ich habe es euch auch nicht gesagt. Hört zu, ich gehe jetzt wieder. Wartet da draußen irgendjemand, der mir einen Bolzen durch den Leib jagen will, wenn ich durch die Tür komme?«
    Der Mann entspannte sich sichtlich. »Nein«, antwortete er. »Ich und der Junge sind die einzigen Posten hier. Normalerweise braucht sie keine.«
    Brutus wandte sich zum Gehen, als der Mann noch etwas sagte.
    »Sulla hat die Primigenia im Senat von der Liste streichen lassen. Wir mussten jede Arbeit annehmen, die wir finden konnten.«
    Brutus drehte sich wieder zu ihm um und wünschte, er könnte ihnen mehr anbieten.
    »Ich weiß jetzt, wo ihr seid. Ich weiß, wo ich euch finde, wenn ich euch brauche«, sagte er. Der Wächter streckte die Hand aus, und Brutus ergriff sie nach Art der Legionäre.
    Beim Hinausgehen gelangte Brutus wieder in den Raum mit dem Wasserbecken, der nun glücklicherweise verlassen war. Er blieb kurz stehen, um seinen Helm mitzunehmen und sich Gesicht und Hals mit Wasser zu benetzen. Seine Verwirrung konnte es nicht kühlen. Er fühlte sich von den Ereignissen wie betäubt und wünschte, er wäre an einem ruhigen Ort, wo er über alles, was geschehen war, nachdenken konnte. Der Gedanke, sich durch die wimmelnden Menschenmengen drängen zu müssen, behagte ihm nicht, aber er musste auf das Gut zurückkehren. Er hatte kein anderes Zuhause.
    Am Tor kam eine Sklavin auf ihn zugerannt. Beim Klang der Schritte hätte er beinahe wieder das Schwert gezogen, doch es war nur ein junges, unbewaffnetes Mädchen. Sie schnappte nach Luft, als sie ihn einholte, und beinahe abwesend betrachtete er, wie sich ihre Brust hob und senkte. Noch eine ungewöhnliche Schönheit. Das Haus war voll davon.
    »Die Herrin hat gesagt, du sollst morgen früh wiederkommen. Sie wird dich dann empfangen.«
    Verwundert stellte Brutus fest, dass sich seine Laune bei diesen Worten besserte.
    »Ich werde hier sein«, erwiderte er.
    Der Küstenverlauf deutete darauf hin, dass es bis zur nächsten Siedlung weiter war, als die Soldaten an einem Tag marschieren konnten. Bisher waren sie besser vorangekommen, wenn sie den Trampelpfaden großer Tiere folgten, bis diese sich wieder von der Küste wegschlängelten. Julius wollte sich nicht zu weit vom Geräusch der Brandung entfernen, weil er fürchtete, sich zu verirren. Sobald sie einen Pfad verließen, mussten sie sich ihren Weg unter schweißtreibender Arbeit durch Gestrüpp und mannshohe Hecken bahnen, deren rote Dornen aussahen, als wären sie bereits in Blut getaucht worden. Nur ein Stück weit vom Meer entfernt war die Luft stickig und feucht, und die Soldaten wurden von stechenden Insekten gepeinigt, die unsichtbar von den schweren Blättern aufstiegen, sobald die Römer sie berührten.
    Als sie am Abend ihr Lager aufschlugen, fragte sich Julius, ob die isolierte Lage der römischen Siedlungen einem weitsichtigen Plan des Senats zu verdanken war, der verhindern sollte, dass diese weit verstreuten Dörfer sich zusammenschlossen, doch er vermutete, dass ihnen so einfach Raum zum Wachsen bleiben sollte. Er überlegte, ob er die Männer auch durch die Dunkelheit weitermarschieren lassen konnte, aber die Offiziere von der Accipiter fühlten sich in der heißen afrikanischen Nacht weitaus weniger wohl als die Neulinge, die hier aufgewachsen waren. Die Rufe und Schreie unbekannter Tiere weckten sie und ließen sie nach ihren Schwertern greifen, wohingegen die Rekruten ungerührt weiterschliefen.
    Julius hatte Pelitas die Aufgabe zugeteilt, Wachposten auszuwählen und dabei immer neue Männer mit anderen seines Vertrauens zu Paaren zusammenzustellen. Er war sich darüber im Klaren, dass sich den jungen Dorfbewohnern auf jeder Meile entlang der schmalen Trampelpfade die Gelegenheit zum Desertieren bot. Da sie nur über wenige Waffen verfügten, blieben sie tagsüber unbewaffnet, den Lagerwachen jedoch musste man Schwerter aushändigen, und der eine oder andere musterte die alten, eisernen Klingen mit einer gewissen Habgier. Julius hoffte, dass es nur die Gier nach den Dingen ihrer Väter war und nicht das Verlangen, etwas zu stehlen und sich damit aus dem Staub zu machen.
    Die Nahrungssuche stellte ihn vor ähnliche Probleme. Es war von entscheidender Bedeutung für die Männer der Accipiter, dass sie sich hinsichtlich der Verpflegung nicht von ihren Schützlingen abhängig machten. Das nämlich hätte eine kleine, aber nicht unwichtige Änderung der Autoritätsstruktur bedeutet, die Julius vorgegeben hatte, denn diejenigen, die das Essen verteilten, waren die Herren, völlig unabhängig von ihrem Rang. Diese Wahrheit war älter als Rom selbst.
    Er dankte den Göttern für Pelitas, der in diesem fremden Land kleine Tiere ebenso leicht aufspürte und fing, wie früher beim Wildern in den Wäldern Italiens. Sogar die Rekruten waren beeindruckt, wenn sie sahen, wie er nach wenigen Stunden mit den leblosen Körpern von vier Hasen wieder zur Gruppe stieß. Bei fünfzehn Mann, die ernährt werden wollten, war die abendliche Jagd zu einer überlebenswichtigen Fähigkeit geworden. Pelitas verhinderte so, dass sich der Trupp in zwei Gruppen aufteilte: diejenigen, die selbst jagen konnten, und die, die darauf warten mussten, von den anderen etwas zu essen zu bekommen.
    Julius sah zu seinem Freund hinüber, der gerade damit beschäftigt war, Scheiben von einem Ferkel abzuschneiden, das er am Tage gefangen hatte, indem er ihm mit einem flink geschleuderten Stein ein Bein gebrochen hatte, als es kurz vor ihnen aus dem Gebüsch hervorgebrochen war. Die Mutter ließ sich nicht blicken, obwohl aus dem entfernten Dickicht Quieken zu hören war. Julius wünschte, sie wäre näher gekommen, damit sie sich auf ein Festmahl und nicht nur auf ein paar heiße Bissen freuen könnten. An den Männern der Accipiter war kein Gramm überflüssiges Fett, und es würde noch eine Weile dauern, bis sie nicht mehr so ausgemergelt aussahen. Sein Mund zuckte, als ihm klar wurde, dass er selbst nicht anders aussah. Es war lange her, seit er das letzte Mal in einen Spiegel geblickt hatte, und er fragte sich, ob sich sein Aussehen eher zum Guten oder zum Schlechten verändert hatte. Würde Cornelia erfreut sein, wenn sie ihn wiedersah, oder eher erschrocken und bestürzt über den verbitterten Blick, den er in seinen Augen wähnte, ein stummes Zeugnis der Schrecken seiner Gefangenschaft?
    Dann musste er über seine eigenen Gedanken lachen. Er war derselbe, egal, wie sehr sich sein Gesicht auch verändert haben mochte.
    Suetonius sah bei dem Lachen sofort auf, weil er schnell alles als Beleidigung auffasste. Es fiel Julius schwer, den jungen Mann nicht ständig zu reizen, aber in diesem Punkt hatte er sich selbst strengste Zurückhaltung auferlegt. Er spürte, wie sehr die Bosheit der Furcht entsprang, Julius könnte seine neu gewonnene Autorität dazu benutzen, alte Rechnungen zu begleichen. Doch er durfte sich nicht einen Augenblick dieser Verlockung hingeben, wenn er die Einigkeit, die er zu schaffen hoffte, nicht gefährden wollte. Er wusste, dass er ein Anführer werden musste, der über derlei kleine Streitigkeiten erhaben war, der auf die anderen wirkte, wie Marius einst auf ihn gewirkt hatte – als wäre er aus besserem Holz geschnitzt. Er nickte Suetonius kurz zu und blickte dann zu den anderen hinüber.
    Gaditicus und Prax beaufsichtigten das Lager und markierten seine Grenzen in Ermangelung von etwas Besserem mit heruntergefallenen Ästen. Julius hörte sie die Vorschriften für Wachposten mit den Männern wiederholen, und lächelte bei den Erinnerungen, die dies weckte.
    »Wie oft wird angerufen?«, fragte Prax Ciro, so wie vorher alle anderen Männer.
    »Einmal, Herr. Sie rufen, dass sie sich dem Lager nähern wollen, und ich sage: ›Tretet vor und gebt euch zu erkennen.‹«
    »Und falls sie nicht rufen, wenn sie sich dem Lager nähern?«, fragte Prax gut gelaunt.
    »Dann wecke ich jemanden, warte, bis sie näher gekommen sind, und schlage ihnen die Köpfe ab.«
    »Guter Junge. Hals und Unterleib, denk immer dran. An allen anderen Stellen könnte ihnen immer noch genug Kraft bleiben, um dich mitzunehmen. Hals und Unterleib geht am schnellsten.«
    Ciro grinste und nahm eifrig jede noch so winzige Information auf, die Prax ihm zuwarf. Julius gefiel der Mut des großen Mannes. Er wollte ein Legionär sein, das erfahren, was sein Vater einst geliebt hatte. Auch Prax hatte seine Freude daran entdeckt, anderen all die Dinge beizubringen, die er in den Jahrzehnten, während derer er für Rom marschiert und gesegelt war, gelernt hatte. Mit der Zeit würden die neuen Männer jeden täuschen. Sie würden wie Legionäre aussehen und in dem gleichen lockeren Tonfall reden, die gleichen Ausdrücke benutzen.
    Julius legte die Stirn in Falten, während er eine gemütliche Position zum Liegen suchte. Ob sie standhalten würden, wenn alle um sie herum gefallen waren und der Feind ihnen unter Triumphgeheul den sicheren Tod brachte… das würden sie erst erfahren, wenn es so weit war. Es war nicht gerade hilfreich, dass auch die Männer der Accipiter nicht sicher waren, woher dieser verwegene Mut stammte. Ein Mann konnte sein ganzes Leben lang jedem Konflikt aus dem Weg gehen und dann sein Leben wegwerfen, um jemanden zu beschützen, den er liebte. Julius schloss die Augen. Vielleicht war das der Schlüssel, doch nur wenige Männer liebten Rom. Die Stadt war zu groß, zu unpersönlich. Die Legionäre, die Julius gekannt hatte, dachten nie an die Republik der freien Wähler, erbaut auf sieben Hügeln an einem Fluss. Sie kämpften für ihren Feldherrn, ihre Legion, sogar für ihre Zenturie oder ihre Freunde. Ein Mann, der neben seinen Freunden steht, kann nicht weglaufen, schon der Schande wegen nicht.
    Plötzlich schrie Suetonius laut, sprang auf und schlug wütend auf sich herum.
    »Hilfe! Hier ist irgendwas auf dem Boden!«, rief er.
    Julius sprang auf, und die anderen Männer sammelten sich mit gezogenen Schwertern um das Feuer. Mit Freude bemerkte Julius, dass Ciro auf seinem Posten geblieben war.
    Im Licht des Feuers zog sich eine schwarze Reihe riesiger Ameisen wie Öl über den Boden und verlor sich in den Schatten jenseits des Lichtkreises. Suetonius fing an, sich wie rasend die Kleidung vom Leib zu reißen.
    »Sie sind überall auf mir!«, jammerte er.
    Pelitas trat hinzu, um ihm zu helfen, und sobald er seinen Fuß in die Nähe der Kolonne gesetzt hatte, hielt ein Teil davon auf ihn zu. Mit einem Aufschrei wich er zurück und zupfte mit den bloßen Fingern an seinen Beinen.
    »Aah, bei den Göttern, macht sie ab!«, schrie er.
    Im Lager brach Chaos aus. Diejenigen, die an der Küste aufgewachsen waren, blieben viel ruhiger als die Offiziere der Accipiter. Die Ameisen verbissen sich so tief wie Ratten, und wenn die Soldaten sie erwischten, brachen die Körper ab und die Köpfe blieben zurück und bohrten sich im Todeskampf in die Haut. Sie saßen zu fest, um sich mit den Fingern entfernen zu lassen, und schon bald war Suetonius über und über mit den schwarzen Köpfen bedeckt. Seine Hände waren voller Blut, weil er an ihnen zerrte.
    Julius rief Ciro herbei und sah zu, wie er ruhig die beiden Römer untersuchte und die verbliebenen Insektenkörper mit seinen kräftigen Händen abbrach.
    »Sie stecken immer noch in mir! Kannst du ihre Köpfe nicht rauskriegen?«, flehte ihn Suetonius an. Er zitterte vor Schrecken, während er fast vollkommen nackt vor dem großen Mann stand, der seine Haut nach den letzten Ameisen absuchte.
    Ciro zuckte die Achseln. »Die Kiefer muss man mit einem Messer herausschneiden, man kann sie nicht aufbrechen. Die Stämme hier benutzen sie, um Wunden zu schließen, wie Nähte.«
    »Was sind das für Biester?«, fragte Julius.
    »Soldaten des Waldes. Sie bewachen die Kolonne auf dem Marsch. Mein Vater sagte immer, sie wären wie die Vorreiter, die Rom einsetzt. Wenn man sie in Ruhe lässt, greifen sie einen nicht an, aber wenn man ihnen im Weg ist, machen sie einem Beine, wie bei Suetonius.«
    Pelitas blickte hasserfüllt auf die Kolonne, die immer noch durch das Lager strömte.
    »Wir könnten sie verbrennen«, meinte er.
    Ciro schüttelte heftig den Kopf. »Die Reihe ist endlos. Es ist besser, wenn wir uns einfach von ihr entfernen.«
    »In Ordnung, ihr habt gehört, was er gesagt hat«, entschied Julius. »Packt eure Sachen und macht euch bereit. Wir ziehen eine Meile weiter die Küste entlang. Suetonius, zieh dich an und mach dich marschbereit. Du und Pelitas, ihr könnt die Köpfe aus eurer Haut holen, wenn wir unser neues Lager aufgeschlagen haben.«
    »Es ist die Hölle«, wimmerte Suetonius.
    Ciro blickte ihn an, und Julius verspürte Scham und Wut über den jungen Offizier, der den Rekruten ein so jämmerliches Bild bot.
    »Beweg dich, oder ich binde dich höchstpersönlich über den Ameisen fest«, sagte er.
    Die Drohung zeigte Wirkung, und ehe der Mond viel weiter über den Himmel gewandert war, hatten sie ein neues Lager aufgeschlagen. Ciro führte die Wache mit seinen beiden Gefährten zu Ende. Am Morgen würden alle müde sein, weil sie wegen der ganzen Aufregung zu wenig geschlafen hatten.
    In Julius’ Kopf pochte es langsam, ein Schmerz, der sich den Rhythmen der brummenden Insekten um sie herum anzupassen schien. Jedes Mal, wenn er in den Schlaf sank, spürte er den Stich eines Insekts, das sich auf einer unbedeckten Stelle der Haut niedergelassen hatte. Wenn er die Plagegeister totschlug, hinterließen sie Spuren seines eigenen Blutes, aber stets schienen die nächsten nur darauf zu warten, dass er still lag. Er legte sich das Gepäck als Kissen unter den Kopf, bedeckte sein Gesicht mit einem Tuch und sehnte sich nach dem fernen römischen Himmel. Im Geiste sah er Cornelia vor sich und lächelte. Kurz darauf holte ihn die Erschöpfung ein.
    Mit roten, juckenden Pusteln auf der Haut und dunklen Ringen unter den Augen erreichten sie vor der Mittagsstunde die nächste Siedlung, die weniger als eine Meile von der Küste entfernt lag. Julius führte die Männer auf den Dorfplatz und genoss den Anblick und den Geruch der Zivilisation. Wieder überraschte ihn das Fehlen jeglicher Befestigungsanlagen. Die alten Soldaten, die an dieser Küste Land zugeteilt bekommen hatten, schienen keine Angst vor Angriffen zu haben, dachte er. Die Höfe waren klein, doch es musste Handel zwischen diesen abgelegenen Orten und den Dörfern der Eingeborenen tiefer im Landesinneren geben. Er erblickte einige schwarze Gesichter unter den Römern, die sich versammelt hatten, um seine Männer zu betrachten. Im Stillen fragte er sich, wie lange es wohl dauern würde, bis sich das römische Blut völlig vermischt und verloren hatte, bis spätere Generationen in ferner Zukunft nichts mehr von den Stammvätern und ihrem Leben wussten. Wahrscheinlich fiel das Land wieder in den Zustand zurück, in dem es sich befunden hatte, ehe die Römer kamen, und auch die Geschichten am Lagerfeuer würden immer weniger werden und schließlich in Vergessenheit geraten. Ob sie sich wohl noch an das Reich der Karthager erinnerten, die mit Tausenden von Schiffen von Häfen an ebenjener Küste aus die Welt erforscht hatten? Es war ein bedrückender Gedanke, über den er später weiter nachdenken wollte, denn er wusste, dass er sich jetzt konzentrieren musste, wenn er diesen Ort mit noch mehr von dem, was er brauchte, verlassen wollte.
    Seine Männer hatten mit ernsten Gesichtern in Doppelreihe Haltung angenommen, so wie er es ihnen befohlen hatte. Außer Julius waren lediglich acht weitere Männer bewaffnet, nur drei davon besaßen eine richtige Rüstung. Suetonius’ Tunika war voller Blutflecke, und seine Finger zuckten, weil sie die verschorften Stellen kratzen wollten, die die Ameisen überall hinterlassen hatten. Die meisten Offiziere der Accipiter hatten unter der Sonne und den Insekten gelitten, nur die neuen Rekruten schienen ungerührt.
    Julius vermutete, dass sie eher wie ein Haufen Banditen oder Piraten aussahen als wie römische Legionäre. Er sah, wie einige Dorfbewohner heimlich zu den Waffen griffen. Alle schienen nervös zu sein. Ein Metzger, der gerade einen Vetter des Ferkels zerlegte, das sie am Vorabend verspeist hatten, hielt in seiner Arbeit inne. Er kam hinter dem Tisch hervor, das Hackbeil für den Fall eines plötzlichen Angriffs in der Armbeuge. Julius ließ seinen Blick über die Menge schweifen und suchte denjenigen, der hier den Befehl hatte. Es gab immer jemanden, auch mitten in der Wildnis.
    Nach einer angespannten Zeit des Wartens näherten sich fünf Männer vom anderen Ende der Ansiedlung. Vier von ihnen waren bewaffnet, drei mit langstieligen Holzäxten, der Letzte mit einem Gladius, der in einer längst vergangenen Schlacht abgebrochen und nun kaum mehr als ein schwerer Dolch war.
    Der fünfte Mann schritt selbstbewusst auf die Neuankömmlinge zu. Er hatte eisengraues Haar und war dünn wie eine Bohnenstange. Er musste bald sechzig Jahre alt sein, vermutete Julius, doch er hatte die aufrechte Haltung eines Soldaten, und als er sprach, war das flüssige Latein der Hauptstadt zu hören.
    »Mein Name ist Parrakis. Dies ist ein friedliches Dorf. Was wollt ihr hier?«, fragte er.
    Er richtete seine Frage an Julius und schien keine Angst zu haben. In diesem Augenblick verwarf Julius seinen Plan, den Anführer einzuschüchtern, wie er es zuerst vorgehabt hatte. Das Dorf mochte mit den Piraten verkehren, davon profitiert hatte es allem Anschein nach aber kaum. Die Häuser und Menschen waren sauber, aber ohne jede Zier.
    »Wir sind Soldaten Roms und waren bis vor kurzem auf der Galeere Accipiter. Wir wurden von einem Piraten namens Celsus gefangen genommen und gegen Lösegeld freigelassen. Jetzt suchen wir eine Mannschaft zusammen, um ihn zu jagen. Das hier ist eine römische Siedlung. Ich erwarte eure Hilfe.«
    Parrakis hob die Augenbrauen.
    »Es tut mir Leid, aber hier gibt es nichts für dich zu holen. Ich habe Italien seit zwanzig oder noch mehr Jahren nicht mehr gesehen. Die Familien hier haben keine Schuld zu begleichen. Wenn ihr Silber habt, könnt ihr Verpflegung kaufen, aber dann müsst ihr weiterziehen.«
    Julius trat einen Schritt auf ihn zu. Er bemerkte, wie Parrakis’ Begleiter nervös wurden, obwohl er sie offensichtlich und mit voller Absicht ignorierte.
    »Dieses Land hier wurde den Legionären zugeteilt, nicht den Piraten. An dieser Küste wimmelt es von ihnen. Es ist eure Pflicht, uns zu helfen.«
    Parrakis lachte.
    »Pflicht? Die habe ich vor langer Zeit hinter mir gelassen. Ich sage es dir noch einmal: Rom hat uns hier gar nichts zu sagen. Wir leben und handeln in Frieden, und wenn Piraten kommen, verkaufen wir ihnen unsere Waren, dann ziehen sie wieder ab. Ich glaube fast, du bist auf der Suche nach einer Armee. In diesem Dorf wirst du keine finden. Hier unter uns Bauern gibt es nichts Städtisches.«
    »Nicht alle Männer, die bei mir sind, stammen von unserem Schiff. Einige sind aus den Dörfern im Westen. Ich brauche Männer, die ich für den Kampf ausbilden kann. Männer, die keine Lust haben, sich ihr ganzes Leben in diesem Dorf zu verstecken, so wie du.«
    Parrakis wurde rot vor Zorn.
    »Verstecken? Wir bestellen das Land und kämpfen gegen Schädlinge und Krankheiten, nur um unsere Familien ernähren zu können. Die ersten Siedler kamen aus Legionen, die ehrenvoll in Ländern fern der Heimat gekämpft und schließlich vom Senat ein letztes Geschenk erhalten haben – ihren Frieden. Und du wagst es, zu behaupten, wir würden uns verstecken? Wenn ich jünger wäre, würde ich dir persönlich eine Lektion mit dem Schwert erteilen, du unverschämter Hurensohn!«
    Julius wünschte sich, er hätte den Mann gleich zu Beginn einfach gepackt. Er öffnete den Mund, um schnell etwas zu sagen, weil er spürte, wie ihm die Initiative entglitt. Doch einer der Männer mit den Äxten war schneller.
    »Ich möchte mit ihnen gehen.«
    Der ältere Mann wirbelte herum. Weißer Schaum sammelte sich in seinen Mundwinkeln.
    »Um dich umbringen zu lassen? Was denkst du dir denn dabei?«
    Der Axtträger begegnete der Wut, die aus Parrakis hervorbrach, mit geschürzten Lippen.
    »Du hast immer gesagt, es wären die besten Jahre deines Lebens gewesen«, murmelte er. »Wenn sich die alten Männer betrinken, erzählst du immer von diesen Tagen, als wären es goldene Zeiten gewesen. Ich habe nur die Möglichkeit, von morgens bis abends hier zu schuften. Was soll ich den Leuten erzählen, wenn ich alt und betrunken bin? Wie glorreich es war, ein Schwein für ein Fest zu schlachten? Wie ich mir mal einen Zahn an einem Stein ausgebrochen habe, der in dem Brot gesteckt hat, das wir backen?«
    Ehe der verdutzte Parrakis etwas erwidern konnte, sprach Julius. »Ich verlange nicht mehr, als dass du die Leute aus dem Dorf fragst. Ich ziehe Freiwillige vor – falls es noch mehr gibt wie diesen Mann hier.«
    Die Wut wich aus Parrakis. Er sah erschöpft aus.
    »Junge Männer«, sagte er in resigniertem Tonfall. »Immer auf der Suche nach Aufregung. Wahrscheinlich war ich nicht anders.« Er wendete sich dem Axtträger zu. »Bist du dir sicher, Junge?«
    »Du hast Deni und Cam, die auf dem Hof arbeiten, da brauchst du mich nicht auch noch. Ich will Rom sehen«, erwiderte der junge Mann.
    »In Ordnung, mein Sohn, aber es stimmt, was ich gesagt habe. Es ist keine Schande, sein Leben hier zu bestreiten.«
    »Das weiß ich, Vater. Ich werde zu euch zurückkehren.«
    »Natürlich, mein Junge. Hier ist dein Zuhause.«
    Insgesamt meldeten sich in dem Dorf acht Freiwillige. Julius nahm sechs von ihnen und schickte zwei, die kaum mehr als Kinder waren, wieder nach Hause, auch wenn sich einer von ihnen Ruß aufs Kinn gerieben hatte, um einen Bartschatten vorzutäuschen. Zwei der Neulinge brachten ihre eigenen Bogen mit. Allmählich wuchs die Armee, die er brauchte, um ein Schiff zu bemannen und Celsus über die Meere zu jagen. Julius versuchte seinen Optimismus zu bändigen, als sie unter den grünen Bäumen hervor in Richtung Küste marschierten, um dort mit der Ausbildung zu beginnen. Im Kopf überschlug er, was sie noch alles brauchten. Gold, um ein Schiff zu mieten, weitere zwanzig Männer und dreißig Schwerter, genug zu essen, damit es bis zu einem größeren Hafen reichte. Es war zu schaffen.
    Einer der Bogenschützen stolperte und fiel der Länge nach hin, wodurch fast die ganze Marschkolonne stolpernd zum Halten kam. Julius seufzte. Drei Jahre, um sie richtig auszubilden, wären auch nicht verkehrt.

12

    Servilia saß mit geradem Rücken auf dem Rand der Liege. Die Anspannung war ihr deutlich anzusehen, doch Brutus hatte das Gefühl, er sollte nicht als Erster etwas sagen. Er hatte den größten Teil der Nacht wach gelegen, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Drei Mal hatte er beschlossen, das Haus in der Nähe des Quirinal nicht mehr aufzusuchen, aber jedes Mal war es nur eine leere Geste des Trotzes gewesen. Tatsächlich hatte er keinen Augenblick daran gezweifelt, dass er zu ihr gehen würde. Er verspürte keineswegs die Liebe eines Sohnes, trotzdem war er aus einem unklaren Ideal heraus zurückgekehrt, mit derselben Faszination, als kratzte er eine verschorfte Wunde auf, um für sie bluten zu können.
    Als Kind, wenn er allein und verängstigt gewesen war, hatte er sich oft sehnsüchtig gewünscht, sie würde zu ihm kommen. Als Marius’ Frau ihn mit ihrem Verlangen nach einem Sohn fast erdrückt hatte, war er zurückgewichen, verunsichert von Gefühlen, die er nicht verstand. Und dennoch besaß die Frau, die ihm gegenübersaß, eine Macht über ihn wie niemand sonst – nicht Tubruk und selbst Julius nicht.
    In der unnatürlichen Stille betrachtete er sie eingehend, auf der Suche nach etwas, das er nicht benennen oder auch nur zu verstehen hoffen konnte. Sie trug eine reine weiße Stola auf der sonnengebräunten Haut, ohne jeden Schmuck. Wie am Tag zuvor war ihr Haar offen, und sie bewegte sich mit einer so geschmeidigen Anmut, dass es einem Freude bereitete, ihr einfach nur beim Gehen oder Sitzen zuzusehen, so wie man den vollkommenen Gang eines Leoparden oder eines Rehs bewunderte. Ihre Augen waren zu groß, befand er, und ihr Kinn zu ausgeprägt für eine klassische Schönheit, aber er konnte den Blick trotzdem nicht abwenden. Die Falten an ihren Augen und um ihren Mund herum fielen ihm auf. Sie schien angespannt und nervös, bereit, jeden Augenblick aufzuspringen und vor ihm wegzulaufen, so wie sie es schon einmal getan hatte. Er wartete und fragte sich, wie viel von seiner Anspannung sich wohl in seinem Gesicht widerspiegelte.
    »Warum bist du hergekommen?«, fragte sie in die schreckliche Stille hinein. Wie viele Antworten auf diese Frage hatte er sich schon überlegt! Szene für Szene hatte er nachts in seiner Phantasie durchgespielt: sie zu verspotten, zu beleidigen, sie in die Arme zu schließen. Nichts davon hatte ihn auf die tatsächliche Situation vorbereiten können.
    »Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, wie du wohl bist. Ich wollte dich sehen, nur ein einziges Mal, nur um zu wissen, wer du bist. Ich wollte wissen, wie du aussiehst.« Er hörte, wie seine Stimme zitterte. Wut stieg in ihm auf. Er würde sich nicht lächerlich machen. Er würde nicht wie ein Kind mit dieser Frau reden, dieser Hure.
    »Ich habe immer an dich gedacht, Marcus«, sagte sie. »Ich habe viele Briefe an dich angefangen, aber ich habe sie nie abgeschickt.«
    Brutus sammelte mühsam seine Gedanken. In all den Jahren seines Lebens hatte er nie seinen Namen aus ihrem Mund gehört. Es machte ihn zornig, und der Zorn gestattete es ihm, ruhig mit ihr zu sprechen.
    »Wie war mein Vater?«, fragte er.
    Sie wandte den Blick ab und starrte auf die Wände des einfachen Raums, in dem sie saßen.
    »Er war ein guter Mann, sehr stark, und so groß wie du. Ich habe ihn nur zwei Jahre gekannt, ehe er starb, aber ich weiß noch, wie froh er war, einen Sohn zu haben. Er hat dir deinen Namen gegeben und dich zum Tempel des Mars gebracht, um dich von den Priestern segnen zu lassen. Im gleichen Jahr wurde er krank und starb noch vor dem Winter. Die Ärzte konnten nichts für ihn tun, aber er hatte am Ende nur wenig Schmerzen.«
    Brutus spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, und wischte sie wütend weg, als sie fortfuhr.
    »Ich… konnte dich nicht großziehen. Ich war selbst noch ein Kind und nicht bereit oder in der Lage, eine Mutter zu sein. Ich habe dich bei seinem Freund gelassen und bin davongelaufen.« Bei dem letzten Satz versagte ihr die Stimme, und sie öffnete ihre geballte Hand, in der ein zusammengeknülltes Tuch zum Vorschein kam, mit dem sie sich die Augen trocknete.
    Brutus betrachtete sie mit einem merkwürdig distanzierten Gefühl, als könnte ihn nichts, was sie sagte oder tat, berühren. Die Wut war verschwunden, und er fühlte sich fast ein wenig schwindlig. Es gab eine Frage, die er ihr stellen musste, aber jetzt fiel sie ihm ganz leicht.
    »Warum hast du mich nicht geholt, als ich herangewachsen bin?«
    Lange sagte sie nichts darauf und wischte sich mit dem Tuch die Tränen fort, bis sich ihr Atem wieder beruhigt hatte und sie ihn wieder ansehen konnte. Sie hielt ihren Kopf mit graziler Würde aufrecht.
    »Du solltest dich nicht für mich schämen müssen.«
    Seine unnatürliche Ruhe machte Gefühlen Platz, die wie Stroh im Sturm durcheinander wirbelten.
    »Das wäre gut möglich gewesen«, flüsterte er mit heiserer Stimme. »Ich habe vor langer Zeit mit angehört, wie jemand über dich geredet hat, aber ich habe so getan, als wäre es eine Verwechslung, um dich aus meinen Gedanken zu vertreiben. Dann stimmt es also, dass du…«
    Er konnte die Worte ihr gegenüber nicht aussprechen, doch sie richtete sich noch weiter auf, und ihre Augen funkelten.
    »Dass ich eine Hure bin? Vielleicht. Ich war es einmal, obwohl man, solange die Männer, die man kennt, mächtig genug sind, Kurtisane genannt wird, oder sogar Begleiterin.« Sie verzog das Gesicht, und ihr Mund zuckte.
    »Ich dachte, du würdest dich vielleicht für mich schämen, und das hätte ich von meinem Sohn nicht ertragen können. Erwarte von mir keine Scham. Ich habe sie vor allzu langer Zeit verloren, als dass ich mich noch daran erinnern könnte. Ich würde ein anderes Leben wählen, wenn ich noch einmal anfangen könnte, aber ich kenne niemanden, der nicht den gleichen vergeblichen und müßigen Traum hat. Ich werde mein Leben nicht damit zubringen, Tag für Tag den Kopf vor lauter Schuld zur Erde zu neigen! Auch für dich nicht.«
    »Warum hast du mich gebeten, heute zurückzukommen?«, wollte Brutus wissen, der es plötzlich selbst kaum glauben konnte, dass er ihrer Bitte so leicht nachgekommen war.
    »Ich wollte sehen, ob dein Vater immer noch stolz auf dich wäre. Ich wollte sehen, ob ich stolz auf dich bin! Ich habe in meinem Leben viele Dinge getan, die ich bereue, aber dich zur Welt gebracht zu haben, hat mich immer getröstet, wenn alles andere nicht mehr zu ertragen war.«
    »Du hast mich verlassen! Sag nicht, es hätte dich getröstet, du hast mich nicht ein einziges Mal besucht. Ich wusste nicht einmal, wo in der Stadt du eigentlich wohnst. Du hättest überall hingezogen sein können.«
    Servilia streckte vier Finger in die Luft, den Daumen hielt sie in die Handfläche gedrückt.
    »Vier Mal bin ich umgezogen, seit du ein Säugling warst. Jedes Mal habe ich Tubruk eine Nachricht zukommen lassen. Er hat immer gewusst, wo ich zu erreichen bin.«
    »Das habe ich nicht gewusst«, sagte er, von ihrer Heftigkeit erschüttert.
    »Du hast ihn nie gefragt«, entgegnete sie und ließ die Hand wieder in den Schoß fallen.
    Wieder breitete sich das Schweigen zwischen ihnen aus, als wäre es nie unterbrochen gewesen. Brutus suchte nach Worten, mit denen er sie endlich treffen konnte, damit er das Haus mit Würde verlassen und fortgehen konnte. Schneidende Bemerkungen schossen ihm durch den Kopf und verschwanden wieder, bis er endlich einsah, was für ein Narr er war. Verachtete er sie? Schämte er sich für ihr Leben oder ihre Vergangenheit? Er lauschte in sich nach einer Antwort und fand eine. Er empfand nicht die Spur von Scham. Er wusste, dass es das Bewusstsein, Männer in einer Legion angeführt zu haben, war, das ihn darüber erhaben machte. Wäre er zu ihr gekommen, ohne etwas erreicht zu haben, hätte er sie vielleicht gehasst, doch er hatte seinen Wert im Angesicht von Gegnern und Freunden gemessen und fürchtete sich nicht davor, ihn auch in ihrem Antlitz widergespiegelt zu sehen.
    »Es… ist mir egal, was du getan hast«, sagte er langsam. »Du bist meine Mutter.«
    Sie brach in schallendes Gelächter aus und ließ sich auf die Liege zurückfallen. Wieder stand er verloren vor dieser seltsamen Frau, der es gelang, jeden Augenblick der Gefasstheit zu zerstören, den er aufbringen konnte.
    »Wie großmütig von dir!«, sagte sie lachend. »Mit welch ernstem Gesicht du mich von Schuld freisprichst! Hast du mich denn überhaupt nicht verstanden? Ich weiß besser darüber Bescheid, wie es in dieser Stadt zugeht, als jeder Senator mit gestutztem Bart und vornehmer Toga. Ich habe mehr Vermögen, als ich jemals ausgeben könnte, und mein Wort hat mehr Macht, als du dir vorstellen kannst. Du vergibst mir mein sündhaftes Leben? Mein Sohn, es bricht mir das Herz zu sehen, wie jung du bist. Es erinnert mich daran, wie jung auch ich einmal war.«
    Ihr Gesicht kam zur Ruhe, und das Lachen erstarb ihr auf den Lippen.
    »Wenn du mir für etwas vergeben solltest, dann für die Jahre, die ich mit dir hätte verbringen können. Wer ich bin, das würde ich um nichts auf der Welt ändern wollen, und auch die Wege nicht, die ich bis zu diesem Tage, dieser Stunde, beschritten habe. Sie können nicht vergeben werden. Dazu hast du weder das Recht noch das Privileg.«
    »Was willst du dann von mir? Ich kann dir nicht einfach mit einem Achselzucken sagen, dass du vergessen sollst, dass ich ohne dich zum Mann herangewachsen bin. Einst habe ich dich gebraucht, aber die Menschen, die ich liebe und denen ich vertraue, sind die, die damals bei mir waren. Du warst nicht da.«
    Er stand auf und blickte verwirrt und verletzt auf sie hinab. Sie erhob sich ebenfalls.
    »Verlässt du mich jetzt?«, sagte sie leise.
    Brutus hob verzweifelt die Hände.
    »Willst du, dass ich wiederkomme?«
    »Sehr gerne«, sagte sie und berührte seinen Arm.
    Die Berührung ließ den Raum schwanken und verschwimmen.
    »Gut. Morgen?«
    »Morgen«, bestätigte sie und lächelte durch ihre Tränen.
    Lucius Auriga räusperte sich und spuckte gereizt aus. Irgendetwas in der Luft Griechenlands trocknete seine Kehle immer wieder aus, vor allem, wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte. Er hätte viel lieber im Schatten seines Hauses ein Nachmittagsschläfchen gehalten, als hierher in die weite Ebene bestellt zu werden, wo der stete Wind an seinen Nerven zerrte. Es schickte sich nicht für einen Römer, dem Ruf von Griechen Folge zu leisten, ganz gleich, welchen Rang sie auch bekleiden mochten, dachte er. Es ging wahrscheinlich wieder um irgendeine Beschwerde, um die er sich kümmern sollte, als hätte er den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als sich ihr Gejammer anzuhören. Als sie auf ihn zukamen, zupfte er seine Toga zurecht. Er durfte sich nicht anmerken lassen, wie unangenehm ihm ihre Wahl des Treffpunkts war. Schließlich war ihnen das Reiten verboten, während er nach dem Gespräch einfach auf sein Pferd steigen und vor Einbruch der Dunkelheit wieder innerhalb der Mauern von Pharsalus sein konnte.
    Der Mann, der ihn hierher gerufen hatte, kam ohne sichtliche Eile mit zwei Begleitern auf ihn zu. Seine mächtigen Schultern und Arme schwangen bei jedem seiner langen Schritte locker mit. Er sah aus, als wäre er gerade erst aus den Bergen herabgestiegen, die ringsherum den Horizont begrenzten. Lucius lief ein leiser Schauer über den Rücken. Wenigstens kamen sie unbewaffnet, dachte er. Mithridates war nicht gerade bekannt dafür, dass er sich streng an die Gesetze Roms hielt. Lucius betrachtete ihn aufmerksam, wie er über das struppige Gras und die Wildblumen schritt. Er wusste, dass ihn die Menschen dieser Gegend immer noch König nannten, und so bewegte er sich auch, stets mit erhobenem Kopf, trotz seines fehlgeschlagenen Aufstandes.
    Das ist inzwischen alles Geschichte, dachte Lucius, und wie alles andere in diesem ungemütlichen Land vor meiner Zeit geschehen. Selbst wenn sich ihm die Chance böte, den Posten des Statthalters zu übernehmen, würde er ihn ablehnen, das wusste er genau. Diese Griechen waren so unangenehme Menschen. Es verblüffte ihn, wie diese groben und ordinären Bauern Mathematik von solch außergewöhnlicher Komplexität hervorgebracht haben konnten. Hätte er nicht Euklid und Aristoteles studiert, er hätte niemals einen Posten außerhalb Italiens angenommen, doch der Gedanke an eine Begegnung mit solchen Köpfen hatte den jungen Kommandanten damals sehr fasziniert. Er seufzte leise. In einer ganzen Stadt voller Griechen war nicht ein einziger Euklid zu finden.
    Auf Mithridates’ Antlitz zeigte sich kein Lächeln, als er vor der kleinen Gruppe aus acht Soldaten, die Lucius mitgebracht hatte, stehen blieb. Er drehte sich nach links und rechts und ließ den Blick in die Ferne wandern, dann holte er tief Luft, blähte seinen mächtigen Brustkasten auf und schloss die Augen.
    »Nun? Ich bin hier, so wie du es gewünscht hast«, sagte Lucius laut und vergaß einen Augenblick, dass er ruhig und gelassen wirken musste.
    Mithridates öffnete die Augen.
    »Weißt du, wo wir hier stehen?«, fragte er.
    Lucius schüttelte den Kopf.
    »Dies ist die Stelle, wo ich vor drei Jahren von deinem Volk besiegt wurde.« Er hob seinen kräftigen Arm und zeigte mit ausgestreckten Fingern auf etwas.
    »Siehst du diesen Hügel? In den Wäldern dort hatten sie ihre Bogenschützen versteckt, die uns unter Beschuss nahmen. Wir haben sie dann schließlich erledigt, obwohl sie Fallen gegraben und Spieße in den Boden gesteckt hatten. Viele Männer sind bei dem Versuch gefallen, sie unschädlich zu machen, aber wir konnten sie schließlich nicht in unserem Rücken lassen, verstehst du? Das ist schlecht für die Kampfmoral.«
    »Ja, aber…«, setzte Lucius an.
    Mithridates hob die Hand.
    »Psst«, sagte er. »Lass mich die Geschichte erzählen.« Der Mann war einen Fuß größer als Lucius und schien eine Kraft zu besitzen, die sich jede Unterbrechung verbat. Wieder streckte er den bloßen Arm aus, und die Muskeln unter seiner Haut folgten der Bewegung der Finger.
    »Dort, wo das Land sanft ansteigt, hatte ich Steinschleuderer aufgestellt, die besten, mit denen ich je gekämpft habe. Sie haben viele von euren Männern niedergestreckt und später das Schwert ergriffen, um sich ihren Brüdern anzuschließen. Die Hauptlinien standen dort, hinter dir, und meine Männer waren überrascht von der Kunstfertigkeit, die sie sahen. Solche Formationen! Während der Schlacht habe ich sieben verschiedene Rufe gezählt, wenngleich es auch mehr gewesen sein können. Das Quadrat natürlich, und die Hörner zum Einkreisen. Der Keil, oh, es war schon ein Anblick, wie sie inmitten meiner Männer einen Keil bildeten. Sie waren so geschickt mit ihren Schilden. Ich glaube, die Männer von Sparta hätten sie aufhalten können, wir aber wurden an jenem Tag vernichtet.«
    »Ich glaube nicht…«, versuchte es Lucius erneut.
    »Dort drüben stand mein Zelt, keine vierzig Schritte von dort entfernt, wo wir heute stehen. Der Boden war damals schlammig. Selbst jetzt kommen mir diese Blumen und Gräser merkwürdig vor, wenn ich an die Schlacht zurückdenke. Meine Frau und meine Töchter waren dabei.«
    Mithridates, der König, lächelte. Sein Blick schweifte in die Ferne. »Ich hätte sie nicht mitkommen lassen sollen, aber ich hätte nie gedacht, dass die Römer in einer einzigen Nacht eine so weite Strecke zurücklegen könnten. Kaum hatten wir bemerkt, dass sie in der Nähe waren, griffen sie uns auch schon an. Meine Frau wurde am Ende getötet, und meine Töchter aus dem Zelt gezerrt und ermordet. Meine Jüngste war erst vierzehn; sie haben ihr das Genick gebrochen, ehe sie ihr die Kehle durchschnitten.«
    Lucius spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich, während er zuhörte. In den langsamen Bewegungen des Mannes lag eine derartige Intensität, dass er fast einen Schritt in die Arme seiner Soldaten zurückgewichen wäre. Er hatte die Geschichte bereits bei seiner Ankunft gehört, aber dieser ruhigen Stimme zu lauschen, die von den selbst erlebten Gräueln erzählte, ließ ihn frösteln.
    Mithridates sah Lucius an und deutete mit dem Finger auf die Brust des jüngeren Mannes.
    »Genau da, wo du jetzt stehst, habe ich gekniet, gefesselt und geschlagen, von einem Kreis Legionäre umgeben. Ich dachte, sie würden mich auf der Stelle töten, und ich habe mich darauf gefreut. Ich hatte meine Familie schreien gehört, verstehst du, und ich wollte mit ihnen gehen. Ich weiß noch, wie es zu regnen anfing. Der Boden war völlig durchweicht. Manche aus meinem Volk sagen, der Regen, das seien die Tränen der Götter, hast du das schon einmal gehört? Damals habe ich es verstanden.«
    »Ich bitte dich…«, sagte Lucius, der nur noch davonreiten und nichts mehr hören wollte.
    Mithridates ignorierte ihn, oder Lucius war nicht durch seine Erinnerungen bis zu ihm vorgedrungen. Manchmal hatte es den Anschein, als hätte er die Anwesenheit der Römer vollkommen vergessen.
    »Ich sah Sulla heranreiten und vom Pferd steigen. Er trug die weißeste Toga, die ich jemals gesehen habe. Du musst bedenken, alles andere war voller Blut und Schlamm und Dreck. Er sah… von allem vollkommen unberührt aus, und das…« Er schüttelte sacht den Kopf. »Das war das Merkwürdigste, was ich je gesehen habe. Er erzählte mir, die Männer, die meine Frau und meine Kinder umgebracht hatten, seien hingerichtet worden, wusstest du das? Er hätte sie nicht hängen müssen, und ich habe nicht verstanden, was er damit bezweckte, bis er mich vor die Wahl gestellt hat: weiterleben und nie wieder die Waffen erheben, solange er lebte, oder in diesem Augenblick durch sein Schwert zu sterben. Ich glaube, wenn er mir das mit den Männern, die meine Mädchen umgebracht hatten, nicht erzählt hätte, hätte ich den Tod gewählt, aber ich habe die Chance angenommen, die er mir gewährte. Es war die richtige Entscheidung. So konnte ich wenigstens meine Söhne wiedersehen.«
    Mithridates drehte sich zu den Männern um, die ihn begleitet hatten, und lächelte sie an. »Hoca hier ist der Älteste, aber Thassus kommt mehr nach seiner Mutter, finde ich.«
    Lucius trat einen Schritt zurück, als ihm klar wurde, was Mithridates da sagte.
    »Nein! Sulla hat nicht… das kannst du nicht tun!« Er verstummte, als plötzlich aus allen Richtungen Männer erschienen. Sie kamen über die Kämme der Hügel und aus den Wäldern, in denen sich laut Mithridates die römischen Bogenschützen versteckt hatten. Pferde kamen herangedonnert und hielten in der Nähe der Legionäre, die ausnahmslos ihre Schwerter gezogen hatten und grimmig und ohne Panik auf das Ende warteten. Dutzende von Pfeilen wurden auf sie gerichtet und warteten auf das Kommando.
    Voller Angst ergriff Lucius den Arm des Mithridates.
    »Das ist doch Vergangenheit!«, rief er ohne Hoffnung. »Ich bitte dich!«
    Mithridates packte ihn bei den Schultern und hielt ihn fest. Sein Gesicht war vor Zorn verzerrt.
    »Ich habe mein Wort gegeben, nicht die Waffen zu erheben, solange Cornelius Sulla lebt. Jetzt ruhen meine Frau und meine Töchter unter der Erde, und ich werde mir das Blut holen, das man mir schuldet!«
    Mit einer Hand griff er hinter sich, zog einen versteckten Dolch hervor, hielt ihn Lucius an die Kehle und zog die Klinge mit einer raschen Bewegung quer darüber.
    Die Legionäre starben innerhalb von Sekunden, von Pfeilen durchbohrt, ohne selbst auch nur einen Hieb landen zu können.
    Sein jüngster Sohn berührte Lucius’ Leiche mit dem Fuß und machte ein nachdenkliches Gesicht.
    »Das war ein gefährliches Spiel, mein König«, sagte Thassus zu seinem Vater.
    Mithridates zuckte die Achseln und wischte sich Blut aus dem Gesicht.
    »An diesem Ort gibt es Geister, die wir lieben. Ich habe es für sie getan. Und jetzt gebt mir ein Pferd und ein Schwert. Unser Volk hat viel zu lange geschlafen.«

13

    Julius saß in der Dunkelheit der Schenke und legte die Finger um den ersten Becher Wein, den er seit fast einem Jahr zu Gesicht bekam. Von draußen drang der Straßenlärm des römischen Hafens herein, und das Gemurmel der Gespräche um ihn herum weckte heimatliche Gefühle, vor allem, wenn er die Augen schloss.
    Pelitas goss sich den Wein ohne viele Umstände in die Kehle. Er hielt den Becher so lange hoch, bis er sicher war, dass auch der letzte Tropfen verschwunden war, ehe er ihn wieder auf den Tisch stellte und zufrieden seufzte.
    »Ich glaube, wenn ich alleine hier wäre, würde ich meine Rüstung verkaufen und mich sinnlos betrinken«, sagte er. »Das ist lange überfällig.«
    Die anderen nickten und tranken langsam oder schnell aus ihren eigenen Bechern, die sie mit ihren letzten gemeinsamen Münzen bezahlt hatten.
    Der Rest der Männer, neu und alt, lagerte einige Meilen weit entfernt an der Küste, wohl verborgen vor den Blicken gelegentlicher Patrouillen. Nur die fünf waren in den Hafen gekommen, um zu entscheiden, wie es von hier aus weitergehen sollte. Es war seltsam, in der Nähe der ersten Lagerhäuser Legionären zu begegnen und von ihnen angerufen zu werden, doch die meisten der fünf Offiziere spürten in erster Linie Erleichterung. Mit der ersten, in klarem Latein ausgesprochenen Aufforderung, sich zu erkennen zu geben, waren die Monate an der Küste zu einem fernen Abenteuer geworden. Wenigstens hatte die Geschichte ihrer Gefangenschaft in Piratenhand die Soldaten nicht allzu sehr verwundert, als sie die sauberen Rüstungen und stabilen Waffen betrachteten, die sie trugen. Alleine dafür waren die Offiziere dankbar. Es wäre unerfreulich gewesen, als Bettler hier anzukommen.
    »Wie lange dauert es noch, bis der Quästor kommt?«, fragte Prax und blickte Gaditicus an. Als Zenturio hatte er mit dem befehlshabenden römischen Offizier der Hafenstadt gesprochen. Dieser hatte sich bereit erklärt, sich später in dem Gasthaus in der Nähe des Hafens mit ihnen zu treffen. In dieser Hinsicht verspürten sie alle eine gewisse Spannung. Die anderen Offiziere hatten sich so sehr daran gewöhnt, sich in allen Fragen an Julius zu halten, dass ihnen die Erinnerung an ihre Ränge unangenehm war. Suetonius konnte sich kaum das Grinsen verkneifen.
    Gaditicus nippte an seinem Wein und verzog leicht das Gesicht, als der Rebensaft auf einer wunden Stelle an seinem Zahnfleisch brannte.
    »Er sagte, in der vierten Stunde, also haben wir noch ein bisschen Zeit. Er muss einen Bericht nach Rom schicken, dass wir noch am Leben und wohlauf sind. Zweifellos wird er uns Plätze auf einem Handelsschiff anbieten, das Kurs auf Rom nimmt.«
    Wie die anderen auch machte er einen gedankenverlorenen Eindruck, als sei er kaum in der Lage, die Rückkehr in die Zivilisation zu begreifen. Als sich ein Mann hinter seinem Rücken vorbeidrängte und ihn dabei anstieß, fuhr Gaditicus zusammen. Sie hatten sich lange nicht mehr in dem Gedränge von Städten und Häfen aufgehalten.
    »Ihr könnt ein Schiff nach Hause nehmen, wenn ihr wollt«, sagte Julius leise und sah die Männer am Tisch an. »Ich mache weiter.«
    Eine Zeit lang antwortete niemand, dann sprach Prax.
    »Uns eingerechnet sind wir achtunddreißig. Wie viele davon haben die nötige Disziplin und das Geschick, um zu kämpfen, Julius?«
    »Mit den Offizieren der Accipiter würde ich sagen, nicht mehr als zwanzig. Der Rest ist das, was wir finden konnten, Bauern mit Schwertern.«
    »Dann ist es unmöglich«, brummte Pelitas düster. »Selbst wenn wir Celsus finden, und die Götter wissen, das wird nicht einfach sein, haben wir nicht genug Männer, um ihn mit Sicherheit besiegen zu können.«
    Julius schnaubte verärgert. »Glaubst du etwa, ich lasse unseren Plan so einfach fallen, nach allem, was wir erreicht haben? Dort draußen im Wald warten unsere Männer auf die Nachricht, uns nachzukommen. Meinst du, wir sollten sie einfach zurücklassen und nach Rom segeln? Das wäre nicht sehr ehrenvoll, Peli, überhaupt nicht! Ihr könnt nach Hause fahren, wenn ihr wollt, ich zwinge keinen von euch zum Bleiben, aber wenn ihr geht, verteile ich eure Lösegelder unter ihnen, sobald wir Celsus gefunden und geschlagen haben!«
    Pelitas lachte leise über die wütenden Worte des jüngeren Manns.
    »Glaubst du wirklich, wir können es schaffen? Du hast uns bis hierher gebracht, und selbst das hätte ich nie für möglich gehalten, wenn ich nicht gesehen hätte, wie du mit den Siedlungen umgesprungen bist. Wenn du sagst, wir machen weiter, dann bin ich bis zum Ende dabei.«
    »Es ist zu schaffen«, sagte Julius voller Überzeugung. »Wir müssen an Bord eines Handelsschiffs und damit aufs offene Meer hinausfahren. Außer Sichtweite der Küste bieten wir uns ihnen so verlockend dar wie möglich. Wir wissen, dass die Piraten ihr Unwesen entlang dieser Küste treiben – sie müssen einfach anbeißen. Wenigstens sehen unsere Männer wie römische Legionäre aus, auch wenn manche von ihnen nicht allzu viel taugen. Wir stellen die guten Kämpfer nach vorne, um die Gegner zu täuschen.«
    »Ich bleibe bis zum Schluss«, sagte Prax. »Ich brauche mein Lösegeld, um meinen Ruhestand genießen zu können.«
    Gaditicus nickte schweigend. Julius’ Blick fiel nun auf denjenigen, den er schon am längsten kannte.
    »Was ist mit dir, Suetonius. Fährst du nach Hause?«
    Suetonius trommelte mit den Fingern auf den Holztisch. Er hatte von Anfang an gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde, und sich geschworen, die erste Möglichkeit zur Heimkehr zu ergreifen. Von ihnen allen konnte seine Familie den Verlust des Lösegelds am leichtesten verschmerzen, aber der Gedanke an eine Rückkehr in Schande war bitter. In Rom gab es viele junge Offiziere, und die Zukunft sah nicht mehr so viel versprechend aus wie damals, als er zum ersten Mal auf dem Deck der Accipiter gestanden hatte. Sein Vater hatte eine schnelle Beförderung seines Sohns erwartet, und als das nicht geschah, hatte der Senator einfach nicht mehr weiter nachgefragt. Wenn er jetzt auf das Familiengut zurückkehrte und nichts als Niederlagen vorzuweisen hatte, würde das für alle sehr unangenehm werden.
    Während die anderen ihn anblickten, kam ihm eine Idee, und er musste sich zusammenreißen, um sich nichts davon anmerken zu lassen. Wenn er vorsichtig war, gab es eine Möglichkeit, wie er im Triumph nach Hause zurückkehren konnte. Köstlicherweise beinhaltete diese Idee sogar Julius’ Vernichtung.
    »Suetonius?«, wiederholte Julius.
    »Ich bin dabei«, antwortete er fest, während er bereits andere Pläne schmiedete.
    »Ausgezeichnet. Wir brauchen dich, Tonius«, erwiderte Julius.
    Suetonius verzog keine Miene, obwohl er innerlich vor Wut kochte. Keiner von den Männern hielt viel von ihm, das wusste er, aber sein Vater würde das, was er vorhatte, gutheißen. Zum Wohle Roms.
    »Reden wir übers Geschäft, meine Herren«, sagte Julius und senkte die Stimme, damit man sie außerhalb ihrer kleinen Gruppe nicht hören konnte. »Einer von uns muss zu den Männern zurückgehen und ihnen sagen, dass sie in den Hafen kommen sollen. Die Soldaten hier schienen nichts an der Geschichte mit dem Lösegeld auszusetzen zu haben, also sollen sie sie ruhig erzählen, wenn sie dazu befragt werden. Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Es nützt uns nichts, wenn einige von ihnen festgehalten werden, um am Morgen vom Quästor vernommen zu werden. Ich möchte mit der ersten Flut bei Tagesanbruch in See stechen, mit allen an Bord.«
    »Können wir sie nicht in der Nacht herholen?«, fragte Pelitas.
    »Wir kommen an den wenigen Legionärswachen vorbei, aber eine so große Gruppe Soldaten, die an Bord eines Handelsschiffes geht, würde den Piraten gemeldet werden. Zweifellos haben sie Spione hier, die ihnen berichten, welche Schiffe Gold und andere Güter mit sich führen, auf die sie es abgesehen haben. Ich würde es genauso machen. Vergesst nicht, dass die Accipiter hier angelegt hatte, ehe wir angegriffen wurden. Die Piraten haben schließlich genug Geld, um sich ein paar Spitzel zu leisten. Unser Problem ist, wie wir vierzig Leute an Bord kriegen, ohne dass die Falle zu offensichtlich ist. Ich halte es für besser, wenn wir es die ganze Nacht über mit kleinen Gruppen von je zwei oder drei Mann versuchen.«
    »Wenn du Recht hast, haben sie Spione am Hafen, die uns sehen werden«, wandte Gaditicus leise ein.
    Julius dachte einen Augenblick nach. »Dann müssen wir die Männer aufteilen. Stellt fest, wer von unseren Leuten schwimmen kann. Sie sollen durchs Wasser zum Schiff kommen, wo wir sie mit Seilen hochziehen. Heute Nacht ist der Mond nur ganz schmal, wir müssten es also schaffen, ohne entdeckt zu werden. Die Rüstungen und Schwerter tragen wir an Bord wie Handelsware. Am besten übernimmst du das, Pelitas. Du schwimmst wie ein Fisch. Kannst du sie um die Landzunge herumführen, sobald es dunkel geworden ist?«
    »Es ist eine lange Strecke, aber ohne Rüstung geht es. Diese Jungs sind schließlich an der Küste aufgewachsen. Sie müssten es schaffen«, erwiderte Pelitas.
    Julius griff in seinen Geldgürtel und zog zwei Silbermünzen hervor.
    »Hast du nicht gesagt, das Geld wäre alle?«, sagte Prax fröhlich. »Wenn das so ist, nehme ich noch einen Becher, wenn du nichts dagegen hast.«
    Julius schüttelte ernst den Kopf.
    »Später vielleicht. Ich habe sie aufgehoben, damit ein paar von euch heute Abend hierher kommen und sich etwas zu trinken bestellen können. Jemand soll die Rolle eines Wachmannes spielen, an seinem letzten Abend, bevor er mit einer wertvollen Fracht ausläuft, denn genau das sollen die Spitzel den Piraten melden. Derjenige, der diese Rolle übernimmt, darf sich nicht betrinken oder umbringen lassen, deshalb brauche ich jemanden, der solide und verlässlich ist, vielleicht jemanden, der ein paar Jahre mehr Erfahrung hat als die meisten von uns.«
    »In Ordnung, du brauchst nicht weiter darauf herumzureiten«, sagte Prax lächelnd. »Ich würde das gerne übernehmen. Bist du dabei, Gadi?«
    Der Zenturio schüttelte leicht den Kopf und sah Julius an.
    »Dieses Mal nicht. Ich möchte bei den Männern bleiben, falls etwas schief geht.«
    »Ich mache mit«, ließ sich Suetonius plötzlich vernehmen.
    Prax hob die Augenbrauen und zuckte dann die Achseln.
    »Falls sonst niemand will«, fuhr Suetonius fort, der nicht zu eifrig erscheinen wollte. Dabei würde sich ihm die Chance bieten, sich von den anderen zu trennen. Prax nickte ihm zögernd zu, und Suetonius lehnte sich entspannt zurück.
    »Ich habe gesehen, wie du die Schiffe gemustert hast, als wir hergekommen sind«, sagte Gaditicus zu Julius. Der junge Mann beugte sich vor, und sie steckten alle die Köpfe zusammen, um zu hören, was er zu sagen hatte.
    »Es war eines darunter, das Proviant geladen hat«, sagte er leise. »Die Ventulus. Eine Trireme mit Segeln. Eine kleine Besatzung, die wir ohne große Probleme überwältigen können.«
    »Dir ist doch klar«, bemerkte Suetonius, »dass wir selbst zu Piraten werden, wenn wir ein Schiff aus einem römischen Hafen stehlen?« Schon als er noch sprach, wusste er, dass es ein Fehler war, sie zu warnen, aber etwas in ihm konnte dieser Verlockung nicht widerstehen. Sie würden sich später daran erinnern und wissen, wer sie vor Julius’ wilden Plänen gerettet hatte. Die anderen erstarrten ein wenig, als sie über die Worte nachdachten, und Julius funkelte den jungen Wachoffizier wütend an.
    »Nur wenn wir gesehen werden. Wenn dir das so wichtig ist, kannst du den Kapitän ja von deinem Anteil ausbezahlen«, sagte er.
    Gaditicus runzelte die Stirn. »Nein. Er hat Recht. Ich möchte eines klarstellen: Von der Besatzung wird niemand getötet, und auch die Fracht wird nicht angerührt. Wenn wir erfolgreich sind, muss der Kapitän für seine Zeit und seine entgangenen Profite entschädigt werden.«
    Er starrte Julius an, und die anderen spürten deutlich, wie die Spannung zwischen den beiden Männern in ein ungemütliches Schweigen umschlug. Die Frage, wer den Befehl über sie hatte, war so lange unbeantwortet geblieben, dass sie sie fast vergessen hatten, doch sie stand immer noch im Raum, und Gaditicus hatte die Accipiter einst mit eiserner Disziplin befehligt. Suetonius versuchte ein Grinsen ob des stummen Konflikts, den er verursacht hatte, zu unterdrücken.
    Schließlich nickte Julius, und die Spannung ließ nach.
    »In Ordnung«, sagte er. »Aber wie auch immer, ich möchte das Schiff bis zum Einbruch der Nacht in der Hand haben.«
    Plötzlich ertönte über ihnen eine fremde Stimme, und sie lehnten sich alle wieder zurück.
    »Wer ist hier der befehlshabende Offizier?«, fragte die Stimme und wiederholte damit unbewusst die Frage, die sich die meisten von ihnen auch gerade gestellt hatten. Julius betrachtete seinen Weinbecher.
    »Ich war der Kapitän der Accipiter«, antwortete Gaditicus und stand auf, um den Neuankömmling zu begrüßen. Mehr noch als die Legionäre, die den Hafen bewachten, wirkte der Mann wie eine leibhaftige Erinnerung an Rom. Er trug auf der nackten Haut eine in großen Falten fallende Toga, die von einer silbernen Brosche mit einem eingravierten Adler zusammengehalten wurde.
    Seine Haare waren kurz geschoren, und die Hand, die er Gaditicus entgegenstreckte, trug einen schweren Goldring am Ringfinger.
    »Ihr seht gesünder aus als die meisten anderen Entführten, die wir hier im Hafen zu sehen bekommen. Mein Name ist Pravitas, ich bin hier der Quästor. Wie ich sehe, sind eure Becher leer, und ich selbst habe auch eine trockene Kehle.«
    Er winkte einem Sklaven, der sofort herbeikam und ihre Becher mit einem Wein auffüllte, der deutlich besser war als der erste. Der Quästor war in seiner Hafenstadt offensichtlich wohl bekannt. Er war, was Julius sofort auffiel, ohne Wachen gekommen, ein weiteres Zeichen dafür, dass hier die Gesetze Roms eingehalten wurden. Andererseits trug er einen langen Dolch im Gürtel, den er zur Seite schob, ehe er sich zu ihnen auf die Bank setzte.
    Als der Wein eingegossen war, hob der Quästor seinen Becher zu einem Trinkspruch. »Auf Rom, meine Herren.«
    Sie wiederholten die Worte und nippten vorsichtig an dem Wein, den sie nicht einfach zu verschwenden gedachten, indem sie ihn mit einem Schluck hinunterstürzten. Schließlich wussten sie nicht, ob der Mann noch eine weitere Runde bestellen würde.
    »Wie lange seid ihr festgehalten worden?«, fragte er, als sie ihre Becher wieder abgestellt hatten.
    »Ungefähr sechs Monate, obwohl es nicht leicht war, die Zeit zu schätzen. Welchen Monat haben wir jetzt?«, antwortete Gaditicus.
    Pravitas hob die Augenbrauen.
    »Das war eine lange Gefangenschaft. Die Kalenden des Oktober sind gerade vergangen.«
    Gaditicus überschlug es schnell im Kopf. »Wir wurden sechs Monate lang gefangen gehalten, aber wir haben drei weitere gebraucht, um diesen Hafen zu erreichen.«
    »Dann müsst ihr sehr weit weg abgesetzt worden sein«, meinte Pravitas interessiert.
    Gaditicus wollte nicht näher darauf eingehen, wie lange sie gebraucht hatten, um den neuen Soldaten beizubringen, zu kämpfen und Befehle zu befolgen, deshalb zuckte er nur die Achseln.
    »Einige von uns waren verwundet. Wir sind nur langsam vorangekommen.«
    »Aber was ist mit den Rüstungen und den Schwertern? Ich bin überrascht, dass euch die Piraten die nicht abgenommen haben«, hakte Pravitas nach.
    Gaditicus überlegte, ob er lügen sollte, doch der Quästor konnte die fünf Männer mit Leichtigkeit einsperren lassen, wenn er das Gefühl hatte, dass sie etwas vor ihm verbargen. Trotz seines freundlichen Tonfalls wirkte er plötzlich argwöhnisch, deshalb versuchte Gaditicus, nah bei der Wahrheit zu bleiben.
    »Die haben wir aus einer alten Waffenkammer einer römischen Siedlung. Wir mussten dafür arbeiten, aber da wir sowieso wieder in Form kommen mussten, kam uns das ganz gelegen.«
    »Sehr großzügig. Allein die Schwerter müssen eine ziemliche Summe wert sein. Kannst du mir sagen, welche Siedlung das war?«
    »Schau, Herr. Der alte Soldat, der sie uns überlassen hat, hat Römern geholfen, die viel durchmachen mussten. Dabei solltest du es belassen.«
    Pravitas lehnte sich zurück, das Gesicht immer noch voller Neugierde. Es war eine schwierige Situation, und die fünf Offiziere musterten ihn durchdringend. Obwohl theoretisch alle Römer in der Provinz seiner Befehlsgewalt unterstanden, verfügte er hinsichtlich Soldaten nur über eingeschränkte Macht. Wenn er sie ohne Beweise verhaften ließ, würde der örtliche Befehlshaber der Legion sehr wütend werden.
    »Nun gut. Ich lasse euch euer Geheimnis. Vielleicht sollte ich euch euer Besitzrecht an Ausrüstung im Wert eines Jahressolds beweisen lassen, aber vermutlich bleibt ihr nicht lange genug hier, um mich zu gründlicheren Nachforschungen zu zwingen?«
    »Wir haben vor, mit dem ersten Schiff in See zu stechen«, erwiderte Gaditicus.
    »Dann tut das, meine Herren. Soll ich eine Überfahrt für euch arrangieren, oder hat euch dieser ›alte Soldat‹ auch Geld für die Reise gegeben?«
    »Wir kümmern uns selbst darum, vielen Dank«, sagte Gaditicus, der seine Verärgerung kaum noch verbergen konnte, gereizt.
    »Dann bitte ich euch um eure Namen, um sie nach Rom zu melden, und werde euch dann in Frieden lassen«, erwiderte Pravitas. Sie nannten sie ihm, und er wiederholte sie, um sie sich einzuprägen. Dann erhob er sich und nickte steif.
    »Viel Glück für die Heimreise, meine Herren«, sagte er, ehe er sich seinen Weg durch die geschäftige Gaststube auf die Straße hinaus bahnte.
    »Misstrauischer Kerl«, grummelte Pelitas, als er gegangen war. Die anderen pflichteten ihm murmelnd bei.
    »Jetzt müssen wir schnell handeln«, sagte Julius. »Der Quästor lässt uns ohne Zweifel von jemandem beobachten, bis wir die Provinz verlassen haben. Deshalb dürfte es jetzt ein bisschen schwieriger werden, den Plan umzusetzen.«
    »Es war ja auch zu einfach«, sagte Prax. »Wir brauchten noch eine weitere Herausforderung.«
    Julius und die anderen grinsten. Was auch passierte, es hatte sich eine Freundschaft gebildet, die niemals entstanden wäre, wenn sie noch auf der Accipiter gewesen wären.
    »Geh schnell zurück zu den Männern, Peli. Falls du verfolgt wirst, erwarte ich, dass du die Verfolger abhängst, ehe du in die Nähe unserer Leute kommst. Wenn du sie nicht loswerden kannst, sollen die Männer die Beobachter fangen und fesseln, bis die Nacht vorüber ist. Wenn sie morgen vermisst werden, kann uns das egal sein. Dann sind wir schon längst weg.«
    Pelitas stand auf, leerte seinen Becher und rülpste leise. Ohne ein weiteres Wort stiefelte er hinaus, und Julius blickte die drei Männer an, die zurückgeblieben waren.
    »Und jetzt, meine Herren«, äffte er den Tonfall des Quästors nach, »begeben wir uns an Bord eines Handelsschiffes.«
    Kapitän Durus von der Ventulus war ein höchst zufriedener Mann. Sein Frachtraum war zum Bersten mit Fellen und exotischen Hölzern gefüllt, die ihm in Italien ein kleines Vermögen einbringen würden. Der Stolz der Ladung waren zehn Stoßzähne aus Elfenbein, jeder so lang wie ein Mann. Die Tiere, die dafür gestorben waren, hatte er nie zu Gesicht bekommen, sondern die Ware von einem Händler im Hafen erworben, der sie wiederum bei Jägern weiter im Landesinnern eingetauscht hatte. Er wusste, dass er das Dreifache des Preises dafür bekommen würde, und beglückwünschte sich zu seinem Verhandlungsgeschick. Es hatte fast zwei Stunden gedauert, und er war gezwungen gewesen, ein paar wertlose Ballen Stoff als Teil des Geschäftes zu akzeptieren. Aber sogar diese würden ein paar Bronzemünzen für Sklavenkleidung einbringen, dachte er, also konnte er sich nicht beklagen. Es war eine äußerst erfolgreiche Fahrt gewesen, und auch wenn er die Ausgaben für Hafengebühren und den Proviant für die Mannschaft und die Sklaven abziehen musste, blieb ihm immer noch genug übrig, um seiner Frau die Perlen zu kaufen, die sie haben wollte, und sich selbst vielleicht ein neues Pferd. Einen guten Hengst, der die Stute seiner Frau decken konnte, falls er einen zu einem vernünftigen Preis bekam.
    Seine Gedanken wurden von vier Soldaten unterbrochen, die den Kai entlangkamen, an dem die Ventulus festgemacht hatte. Vermutlich schickte sie dieser Quästor, der seine Nase überall hineinsteckte und den Hafen kontrollierte. Er seufzte leise, setzte aber gleichzeitig ein Lächeln auf, als sie auf ihn zutraten.
    »Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen«, sagte einer von ihnen.
    »Natürlich«, erwiderte Durus, der sich fragte, ob sie noch eine weitere Steuer oder Bestechungsgeld von ihm erpressen wollten. Langsam war es wirklich genug.
    »Was kann ich für euch tun?«, fragte er, als sie an Deck standen. Stirnrunzelnd bemerkte er, dass zwei von ihnen ihn überhaupt nicht beachteten und stattdessen sämtliche Einzelheiten des kleinen Handelsschiffs begutachteten. Der größte Teil seiner Besatzung hatte natürlich Landurlaub, deshalb lag es bis auf zwei Männer, die nicht weit entfernt an Deck standen, praktisch verlassen da.
    »Wir müssen dir ein paar Fragen stellen, unter vier Augen«, sagte einer der Soldaten.
    Durus bemühte sich ruhig zu bleiben. Hielten sie ihn für einen Schmuggler? Für einen Piraten? Er versuchte unschuldig auszusehen, doch man konnte immer etwas finden. Heutzutage gab es so viele Vorschriften, dass man unmöglich an alle denken konnte.
    »In meiner Kajüte habe ich einen ausgezeichneten Wein. Dort können wir uns unterhalten«, sagte er und rang sich abermals ein Lächeln ab.
    Sie folgten ihm, ohne ein Wort zu sagen.

14

    »Warte! Irgendetwas stimmt hier nicht«, zischte Suetonius und hielt Prax zurück, der gerade aus der Dunkelheit der Hafengebäude treten wollte.
    Der Optio schüttelte verärgert die Hand ab, die ihn festhalten wollte.
    »Ich höre nichts. Wir müssen zu Julius. Komm schon.«
    Suetonius schüttelte den Kopf und ließ den Blick über den leeren Hafen gleiten. Wo blieb nur der Quästor? Der Mann würde doch wohl nicht etwa die Warnung ignorieren, die er ihm hatte zukommen lassen? Es war so einfach gewesen, einem Legionär die Botschaft ins Ohr zu flüstern, als dieser auf dem dunklen Abort des Gasthauses seine Blase entleerte. Ehe der Soldat fertig war und sich umdrehen konnte, war Suetonius schon wieder mit vor Aufregung hämmerndem Herzen in den Lichtern und dem Gedränge der Menge im Schankraum untergetaucht. War der Mann zu betrunken gewesen, um die Botschaft weiterzugeben? Wenn sich Suetonius richtig erinnerte, hatte er leicht geschwankt, während er den Wein des Abends in die steinerne Rinne entleert hatte.
    Der junge Römer ballte enttäuscht die Fäuste. Der Quästor würde einen Mann belohnen, der Piraterie im Herzen eines römischen Hafens zu vereiteln wusste. Julius würde dafür büßen, und Suetonius konnte in allen Ehren nach Rom zurückkehren und dabei sämtliche Erniedrigungen, die er hatte erleiden müssen, endlich hinter sich lassen. Falls der betrunkene Legionär die Nachricht nicht vergessen hatte, die er ihm zugeflüstert hatte, oder auf dem Weg zurück in die Kaserne eingeschlafen war. Er hätte sichergehen müssen, aber ihm waren nur wenige Augenblicke geblieben, um sich für einen Mann zu entscheiden.
    »Was ist denn?«, sagte Prax. »Da ist das Schiff. Ich laufe jetzt hinüber.«
    »Das ist eine Falle«, sagte Suetonius schnell und versuchte verzweifelt Zeit zu gewinnen. Seine Sinne suchten angestrengt nach irgendwelchen Anzeichen von Hafensoldaten, aber er konnte nichts hören.
    Prax sah den jungen Mann im Dunkeln argwöhnisch an.
    »Also, ich spüre nichts. Wenn du dich doch nicht traust, dann bleib hier, aber ich gehe.«
    Der stämmige Optio rannte auf die dunkle Masse des Handelsschiffs zu und machte dabei einen Bogen um die beleuchteten Flecken auf dem Pflaster. Suetonius sah ihm stirnrunzelnd nach. Es war besser, alleine zu sein, aber wenn der Quästor nicht kam, musste er folgen. Er konnte nicht allein zurückbleiben und um eine Überfahrt betteln.
    Julius umklammerte angespannt und nervös die Reling und ließ den Blick von Bord der Ventulus über den Hafen wandern. Wo blieben Prax und Tonius? Seine Augen suchten die freie Fläche zwischen den Schiffen und den Lagerhäusern nach ihnen ab. Er flehte innerlich, sie mögen kommen. Der schmale Mond war stetig emporgestiegen, und bis zum Morgengrauen konnten es nur noch wenige Stunden sein.
    Hinter sich vernahm er einen dumpfen Aufprall und riskierte einen Blick auf einen weiteren Schwimmer, der das Dunkel des Decks erreicht hatte und auf dem Rücken liegend erschöpft nach Luft schnappte. Ohne Lichter, die sie leiten konnten, waren sie in dem tiefen Wasser um die felsige Landzunge herumgeschwommen, die den natürlichen Hafen bildete. Wegen der rasiermesserscharfen Felsen und der stacheligen Seeigel, an denen sie sich schon bei der kleinsten Berührung die Haut aufschürften, hatten sie sich nirgendwo festhalten können. Viele von ihnen waren mit blutigen Beinen und der Angst vor den Haien in den Augen angekommen. Es war schwer für sie gewesen, aber Julius machte sich größere Sorgen um die, die nicht schwimmen konnten, unter ihnen der Riese Ciro. Sie mussten den Hafen im Dunkeln erreichen, ohne von den Wachen des Quästors bemerkt zu werden. Sie waren spät dran.
    Der von Wolken verhangene Mond gab nur einen schwachen Schein ab, aber überall im Hafen brannten Fackeln, flackernde gelbe Flecken, die im ablandigen Wind zuckten und tanzten. Der Wind hatte vor einer Stunde gedreht, und Julius wollte nur noch die Anker lichten, die Taue kappen, mit denen sie festgemacht waren, und davonsegeln. Der Kapitän lag gefesselt in seiner Kabine, und die Mannschaft hatte die Anwesenheit von ein paar zusätzlichen Soldaten ohne Kommentar oder Beunruhigung hingenommen. Es war fast besser gelaufen, als Julius gehofft hatte, doch während er zusah, wie die Fackeln knisterten und flackerten, überkam ihn die plötzliche Furcht, der Quästor könnte seine Männer gefasst und damit alles zunichte gemacht haben.
    Hätte er doch nur Prax und Suetonius nicht in das Gasthaus geschickt. Vielleicht hatte es eine Schlägerei gegeben, oder sie hatten mit einer ungeschickt erzählten Geschichte von unermesslichen Schätzen an Bord Verdacht erregt. Sie waren ein zu großes Risiko eingegangen, gestand er sich ein, und seine Finger klammerten sich noch fester an die Reling der Ventulus.
    Dort! Er sah die Gestalt des alten Optio auf das Schiff zueilen. Als er Suetonius nirgendwo erblickte, erstarrte er vor Schreck. Was war schief gelaufen?
    Prax kletterte schnaufend an Bord.
    »Wo ist er?«, fuhr ihn Julius an.
    »Irgendwo dort hinten. Ich glaube, er hat die Nerven verloren. Es ist besser, wenn wir ihn zurücklassen«, erwiderte Prax und drehte sich zu der dunklen Hafenstadt um.
    Julius hörte in der Ferne einen Ruf und neigte sich in diese Richtung. Ein weiterer Ruf ertönte, aber bei dem Wind konnte er nicht sicher sein, was da geschrieen wurde. Er drehte den Kopf nach links und rechts, dann erkannte er den rhythmischen Takt: marschierende Legionäre. Ihre eisenbeschlagenen Sandalen machten ein unverwechselbares Geräusch auf den Pflastersteinen. Zehn, vielleicht zwanzig Mann. Mit Suetonius waren es nur noch sechs andere, die zu Fuß zum Hafen kommen sollten. Julius’ Mund wurde trocken. Also konnte es nur der Quästor sein, der kam, um sie alle zu verhaften. Es war ihm gleich aufgefallen, wie argwöhnisch der Mann gewesen war.
    Julius drehte sich um und sah zu der schmalen Planke hinüber, die sich mit der Ventulus bewegte und das Handelsschiff mit dem Kai verband. Nur ein paar feuchte Sandsäcke hielten sie fest. Er konnte das Ding in einer Sekunde anheben lassen und den Befehl zum Ablegen geben. Gaditicus bewachte den Kapitän. Pelitas sollte beim Sklaventreiber stehen, bereit, das Kommando zum Losrudern zu geben. Er fühlte sich schrecklich einsam auf dem verlassenen Deck und wünschte, die anderen wären bei ihm.
    Gereizt schüttelte Julius den Kopf. Es war seine Entscheidung, und er würde warten, bis er sehen konnte, wer dort kam. Er starrte hinüber zu den Hafengebäuden und betete, dass seine Männer auftauchen mögen, doch es war nichts zu sehen, und er hörte, wie die unsichtbaren Legionäre das Marschtempo erhöhten und das Scheppern ihrer Schritte immer lauter wurde.
    Als sie aus den dunklen Gassen auf das von Fackeln erleuchtete Hafengelände herauskamen, verließ ihn der Mut. Der Quästor höchstpersönlich führte ungefähr zwanzig Mann an, die bewaffnet waren und schnell auf die lange Reihe der dunklen Schiffe zuhielten.
    Suetonius sackte erleichtert zusammen, als er den Lärm der Soldaten hörte. Er wollte abwarten, bis sie die anderen verhaftet hatten, und dann im Morgengrauen verschwinden. Der Quästor würde sich freuen, mit dem Mann sprechen zu können, der ihm die Warnung hatte zukommen lassen. Suetonius lächelte vor sich hin. Es war ein verlockender Gedanke, bis zu Julius’ Hinrichtung zu bleiben, nur um aus der Menge heraus seinem Blick zu begegnen. Die anderen taten ihm ein wenig Leid, aber dann zuckte er unbewusst die Achseln. Sie waren Piraten, und keiner von ihnen hatte Julius daran gehindert, mit seinen obszönen Schmeicheleien und Versprechungen die Disziplin zu untergraben. Gaditicus war unfähig, ein Kommando zu führen, und Pelitas… es würde ihm eine besondere Freude sein, Pelitas’ Untergang beizuwohnen.
    »Suetonius!«, rief eine Stimme hinter ihm und ließ sein Herz fast stillstehen. »Lauf, der Quästor hat Soldaten mitgebracht! Los!«
    Suetonius geriet in Panik, als er spürte, wie seine Schulter von einem der Männer gepackt wurde, die aus der Dunkelheit hervorgestürzt kamen. Ein erschrockener Blick zeigte ihm, dass es der Riese Ciro war, der ihn in vollem Lauf mit sich riss. So ins Freie gezerrt, konnte er die entschlossenen Hafensoldaten, die mit gezogenem Schwert auf sie zugeströmt kamen, nur entsetzt anstarren. Er schluckte und stolperte vorwärts. Zum Nachdenken blieb keine Zeit. Sie würden ihn niedermachen, ehe sie erfuhren, dass er ihnen geholfen hatte. Wütend schluckte er seine Angst hinunter und rannte mit den anderen weiter. Jetzt gab es keine Gelegenheit mehr zu dem Treffen mit dem Quästor unter vier Augen, das er sich ausgemalt hatte. Zuerst musste er dieses Durcheinander lebend überstehen. Er biss die Zähne zusammen, sprintete los und überholte Ciro mit wenigen Schritten.
    Julius hätte vor Erleichterung fast aufgeschrien, als er die letzten Männer auf das Schiff zurennen sah. Die Soldaten des Quästors entdeckten sie sofort und befahlen ihnen brüllend stehen zu bleiben.
    »Kommt schon!«, rief Julius seinen Männern zu. Er blickte sich im Hafen um und stöhnte auf, als er sah, wie dicht die Legionäre des Quästors seinen eigenen Männern auf den Fersen waren. Es blieb nicht genug Zeit. Selbst wenn Ciro und die anderen es an Deck schafften, würden ihnen die ersten Hafensoldaten auf dem Fuß folgen.
    Julius’ Herz hämmerte. Ihm wurde schwindelig, als er beide Gruppen auf sich zurennen sah. Wie angewurzelt blieb er stehen und zwang sich, nicht zu früh zu handeln. Dann drehte er sich um und schrie über das Deck.
    »Jetzt! Los, Peli! Jetzt!«
    Unter sich, tief im Rumpf des Schiffs, hörte er Pelitas mit eigenen Befehlen antworten. Die Ventulus erzitterte, als die Ruder aus ihrer Ruheposition genommen wurden und gegen die Steine der Kaimauer drückten. Das Schiff setzte sich auf dem dunklen Wasser in Bewegung. Entschlossen hieb Julius auf das Tau ein, das sie festhielt, und schlug, als es schließlich riss, eine tiefe Kerbe in die Reling. Unter ihm erschollen weitere Rufe, als die Mannschaft durch die Bewegung erwachte und zweifellos dachte, das Schiff hätte sich losgerissen. Julius wusste, dass sie mit einigen weiteren Tagen im Hafen gerechnet hatten, und ihm blieben nur Sekunden, bis sie alle an Deck gerannt kamen. Er ignorierte dieses Problem, weil sich jetzt die Planke zum Kai mit dem Schiff bewegte und die Sandsäcke herunterfielen.
    Hatte er zu früh gerufen? Die Soldaten waren weniger als fünfzig Fuß von seinen Männern entfernt, als die ersten an Bord sprangen, sich umdrehten und die Schwerter zogen. Suetonius bewegte sich flink wie ein Wiesel, und seine Füße berührten kaum die Planke, als er sich schon auf das Schiff warf.
    »Komm schon, Ciro! Wir legen ab!«, rief Julius und schwenkte sein Schwert über dem Kopf. Der große Mann war zu langsam. Ohne nachzudenken ging Julius zur Planke, bereit, zu ihm auf den Kai zu springen.
    Ciro blieb stehen und zog sein Schwert, um dem Ansturm der Hafensoldaten zu begegnen.
    »Ciro! Es sind zu viele!«, schrie Julius ihn an. Er war hin und her gerissen zwischen der Aussicht auf die sichere Gefangennahme und seinem Wunsch, dem letzten seiner Männer zu helfen. Die Ruderer stießen sich erneut ab, und die Planke stürzte herab.
    Ciro machte langsame Schritte auf die Kante der Kaimauer zu, wagte jedoch nicht, sich umzudrehen. Die Männer des Quästors stürzten sich auf ihn, und Ciro schlug mit der Faust nach dem ersten, ein knirschender Schlag, der den Soldaten über die Kante und ins Wasser beförderte. Die Rüstung des Legionärs zog ihn in einem Strom silberner Luftbläschen hinab. Ciro wirbelte herum und schnappte nach Luft, als ihn ein Schwert in den Rücken traf. Seine Arme wirbelten wie wild, doch er brüllte und sprang zu dem ablegenden Schiff hinüber, wobei er die Reling mit einer Hand zu fassen bekam. Julius erwischte sein Handgelenk und blickte in die dunklen, vor Wut und Entsetzen irren Augen.
    »Helft mir, ihn hochzuziehen!«, rief Julius, während er sich verzweifelt bemühte, auf der schweißnassen Haut nicht abzurutschen. Zwei weitere Männer waren nötig, um Ciro über die Reling zu hieven. Er schnappte nach Luft, als sein Rücken aufriss und blutete, und dort, wo er lag, breitete sich ein dunkler Fleck auf dem Holz aus.
    »Ich wollte ihn nicht töten«, stieß Ciro zwischen keuchenden Atemzügen hervor.
    Julius kniete sich neben ihn und nahm seine Hand. »Du hattest keine andere Wahl.«
    Ciro hatte die Augen vor Schmerz geschlossen, weshalb er Julius’ grimmigen Gesichtsausdruck nicht sehen konnte, als der junge Offizier aufstand und an die Reling trat. Das Schiff entfernte sich langsam von der Kaimauer, nachdem die Sklaven jetzt genug Platz hatten, um die Ruder ins Wasser zu tauchen.
    Keine zwanzig Fuß entfernt erwiderten die Legionäre mit hasserfüllten Gesichtern wütend seinen Blick. Trotz der Nähe waren sie machtlos, weil die Kluft zwischen ihnen langsam, aber stetig größer wurde. Während Julius sie schweigend betrachtete, spuckte einer von ihnen voller Abscheu auf die Steine.
    Der Quästor stand unter ihnen. Seine Toga hatte er gegen eine schwarze Tunika und einen Lederkilt eingetauscht. Sein Gesicht war vor Wut und Anstrengung gerötet, während er mit ansehen musste, wie das Schiff den Hafen verließ und schließlich im Dunkel der Nacht verschwand. Einige seiner Männer fluchten, als sie der Ventulus nachblickten.
    »Befehle, Herr?«, sagte einer von ihnen und sah den Quästor an.
    Pravitas antwortete erst, als sich sein Atem beruhigt hatte und etwas von der Röte aus seinem Gesicht gewichen war.
    »Lauf zu dem Kapitän der Galeere, die gestern hier angelegt hat. Sag ihm, er soll auf der Stelle Segel setzen und das Handelsschiff Ventulus verfolgen. Er soll innerhalb einer Stunde in See stechen, noch bei dieser Flut.«
    Der Soldat salutierte. »Jawohl, Herr«, erwiderte er. »Soll ich ihm einen Grund nennen?«
    Pravitas nickte kurz. »Sag ihm, dass ein Legionär ermordet und das Schiff von Piraten gestohlen wurde.«
    Julius versammelte seine Männer in der Dunkelheit auf dem schwankenden Deck um sich. Nur Ciro fehlte, der in einer Kabine lag und sich ausruhte, nachdem seine Wunde verbunden worden war. Der Schnitt unter seinem Schulterblatt war tief, sah aber sauber aus. Mit ein wenig Glück würde er durchkommen.
    Die Mannschaft hatten sie unter Deck eingeschlossen, bis sie ihnen die Situation erklären konnten. Zumindest konnten seine Offiziere ohne Schwierigkeiten die Segel setzen und das Schiff in Fahrt halten. Trotzdem gefiel es ihm nicht, dass er unschuldige Männer gefangen hielt. Es erinnerte sie zu sehr an ihre eigene Gefangenschaft, und Julius spürte die Wut der Männer von der Accipiter, noch bevor sie geäußert wurde.
    »Die Dinge haben sich geändert«, sagte er und versuchte seine durcheinander stürzenden Gedanken zu ordnen. »Falls es einer von euch noch nicht gehört hat, einer der Soldaten des Quästors ist bei dem Kampf, unsere Männer an Bord zu holen, ertrunken. Das bedeutet, jede Galeere in diesem Gebiet wird nach uns suchen. Wir müssen uns so weit wie möglich von der Küste entfernt halten und eine Zeit lang alle Segel gesetzt lassen, bis sich die Lage wieder etwas beruhigt hat. Ich hatte es nicht so geplant, aber von jetzt an führt kein Weg mehr zurück. Wenn wir gefangen werden, sind wir tot.«
    »Ich werde jedenfalls kein Pirat«, unterbrach ihn Gaditicus. »Wir haben das hier angefangen, um gegen diese Schweine zu kämpfen – nicht, um uns ihnen anzuschließen!«
    »Der Quästor hat unsere Namen, erinnerst du dich?«, sagte Julius. »In der Meldung, die er nach Rom schickt, wird stehen, dass wir ein Schiff gestohlen und einen seiner Männer ertränkt haben. Ob es dir nun gefällt oder nicht, wir sind so lange Piraten, bis uns ein Ausweg aus dieser Zwangslage einfällt. Unsere einzige Hoffnung besteht darin, weiterzumachen und Celsus gefangen zu nehmen. Dann können wir wenigstens unseren guten Willen zeigen. Vielleicht nageln sie uns dann nicht ans Kreuz.«
    »Jetzt sieh dir an, in welche Lage uns deine Ideen gebracht haben!«, knurrte Suetonius und schüttelte die Faust. »Das ist eine Katastrophe! Keiner von uns kann wieder zurück.«
    Ein allgemeiner Streit brach aus, und Julius ließ sie alle schreien, während er gegen seine eigene Verzweiflung ankämpfte. Hätte der Quästor die Nacht doch nur im Bett verbracht, dann könnten sie sich jetzt einfach auf die Suche nach ihren Peinigern machen.
    Endlich fühlte er sich gefasst genug, um seine Kameraden zu unterbrechen.
    »Wenn ihr mit Streiten fertig seid, erkennt ihr wahrscheinlich, dass uns überhaupt nichts anderes übrig bleibt. Wenn wir uns stellen, bringt uns der Quästor vor Gericht und lässt uns hinrichten. Das ist unausweichlich. Ich möchte noch etwas hinzufügen.«
    Stille breitete sich aus, und ihm wurde übel, als er die Hoffnung auf den Gesichtern sah. Sie glaubten immer noch, er könne etwas ändern, dabei blieben ihm nur Versprechungen, an die er selbst nicht so recht glaubte. Er sah den Offizieren der Accipiter einem nach dem anderen in die Augen, um sie alle mit einzuschließen.
    »In dem stinkenden Gefängnis wäre es uns allen wie ein Traum vorgekommen, hier auf einem Schiff zu sein und gegen unsere Feinde kämpfen zu können. Der Preis war hoch, aber darum werden wir uns kümmern, sobald Celsus vor unseren Füßen liegt und sein Gold uns gehört. Also richtet euch auf.«
    »Rom behält seine Feinde lange im Gedächtnis«, gab Gaditicus mit hohler Stimme zu bedenken.
    Julius zwang sich zu einem Lächeln.
    »Aber wir sind nicht die Feinde Roms. Das wissen wir. Jetzt müssen wir nur noch die anderen davon überzeugen.«
    Gaditicus schüttelte langsam den Kopf, kehrte Julius den Rücken zu und ging über das Deck davon. Das erste Licht des Morgens zeichnete sich am Himmel ab, und graue Delfine spielten und sprangen vor dem stumpfen Bug, während die Ventulus mit schnellem Schlag der Ruder durch die Wellen pflügte und sie weit vom Land und der Vergeltung forttrug.

15

    Servilia schritt langsam und in Gedanken versunken mit ihrem Sohn, dem das gemächliche Tempo nichts auszumachen schien, über das Forum. Sein Blick konzentrierte sich auf das Senatsgebäude, dem sie sich allmählich näherten. Servilia nahm die großen Bögen und Kuppeln kaum noch wahr, denn sie hatte sie schon tausend Mal gesehen.
    Sie sah Brutus von der Seite an, ohne dass er es bemerkte. Auf ihre Bitte hin war er in der vollen, glänzenden Rüstung eines Zenturios der Legion zu ihrem Treffen erschienen. Sie wusste, dass er den Klatschmäulern der Stadt sofort auffallen würde. Sie würden nach seinem Namen fragen und den jungen Mann für ihren Liebhaber halten. Inzwischen konnten ihnen aber schon andere im Vertrauen zuflüstern, ihr Sohn sei zu ihr zurückgekehrt, und sie würden alsbald mit dem größten Vergnügen versuchen, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Es war ganz und gar unmöglich für ihn, ungesehen und unbemerkt durch das Herz der Stadt zu gehen, das wusste sie. Seinem Gang mit dem zum Lauschen geneigten Kopf haftete etwas Wildes, Ungebändigtes an, ein Selbstvertrauen, dem die Menge fast unbewusst Platz machte.
    Seit einem Monat hatten sie sich jeden Tag getroffen, zuerst in ihrem Haus und dann zu Spaziergängen durch die Stadt. Am Anfang waren die kleinen Ausflüge eher steif und unangenehm gewesen, im Laufe der Tage jedoch konnten sie unbefangener miteinander umgehen und sogar lachen, auch wenn diese Augenblicke selten waren.
    Sie war überrascht, wie viel Freude es ihr bereitete, ihm die Heiligtümer zu zeigen und die Geschichten und Legenden zu erzählen, die sie umgaben. Rom war voller Legenden, und er nahm sie alle mit einem lebhaften Interesse auf, das ihre eigene Begeisterung neu entfachte.
    Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und steckte es mit einer beiläufigen Bewegung eng am Hinterkopf zusammen. Ein Mann blieb stehen und starrte sie an. Brutus warf ihm einen finsteren Blick zu, woraufhin Servilia ein Kichern unterdrücken musste. Manchmal versuchte er sie zu beschützen und vergaß dabei, dass sie schon sein ganzes junges Leben lang in der Stadt überlebt hatte. Doch von ihm ließ sie es sich gefallen.
    »Heute tagt der Senat«, sagte sie, als sie sah, wie Brutus versuchte, durch die Bronzetüren in die dunkle Vorhalle zu blicken.
    »Weißt du, worüber heute debattiert wird?«, fragte er.
    Er hatte inzwischen akzeptiert, dass es hinsichtlich des Senats nur wenig gab, worüber sie nicht Bescheid wusste. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie Liebhaber in der Nobilitas hatte, aber die Art und Weise, wie er dem Thema vorsichtig auswich, ließ an seinem Verdacht nicht zweifeln. Sie lächelte ihn an.
    »Das meiste ist schrecklich öde: Ernennungen, Stadtverordnungen, Steuern. Diesen verstaubten Mumien scheint das Spaß zu machen. Es wird bestimmt dunkel, bis sie fertig sind.«
    »Ich würde es mir gerne anhören«, sagte er sehnsüchtig. »Ob nun öde oder nicht, ich würde diesen Leuten gerne einen Tag lang zuhören. Von diesem Gebäude aus werden die Geschicke des gesamten römischen Reiches bestimmt.«
    »Nach spätestens einer Stunde würdest du dich langweilen. Der größte Teil der eigentlichen Arbeit passiert im Hintergrund. Was du siehst, ist nur das letzte Stadium von Gesetzen, über denen sie schon wochenlang gebrütet haben. Nichts, was einen jungen Mann begeistern könnte.«
    »Mich schon«, erwiderte er. Servilia nahm den wehmütigen Unterton in seiner Stimme wahr und fragte sich erneut, was sie mit ihm anfangen sollte. Es schien ihm zu genügen, die Vormittage mit ihr zu verbringen, aber keiner von ihnen hatte bisher über die Zukunft geredet. Vielleicht war es richtig, einfach nur die Gegenwart des anderen zu genießen, manchmal jedoch sah sie deutlich sein Verlangen, weiterzukommen, das aber bisher noch kein Ziel gefunden hatte. Sie wusste, dass er sich treiben ließ, wenn er mit ihr zusammen war, dass er eine Weile von seinem Lebensweg abschweifte. Sie wollte keinen Augenblick davon missen, aber vielleicht brauchte er doch einen Anstoß, um sich wieder selbst zu finden.
    »In einer Woche beraten sie über die Ernennung der höchsten Posten«, sagte sie leichthin. »Rom bekommt einen neuen Pontifex Maximus und neue Beamte. Auch das Oberkommando über die Legionen wird in diesen Tagen festgelegt.« Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sein Kopf ruckartig herumfuhr. Unter seinem entspannten Äußeren schlummerte also doch noch ein ordentliches Maß an Ehrgeiz!
    »Ich… sollte mich bei einer neuen Legion verpflichten«, sagte er gedehnt. »Ich könnte fast überall einen Posten als Zenturio annehmen.«
    »Ach, ich glaube, für meinen Sohn kann ich etwas Besseres arrangieren«, sagte sie unbekümmert.
    Er blieb stehen und ergriff sanft ihren Arm. »Was… wie?«, setzte er an.
    Seine Verwirrung brachte sie zum Lachen, und er errötete.
    »Manchmal vergesse ich ganz, wie naiv du doch sein kannst«, meinte sie und nahm ihren Worten mit einem Lächeln die Schärfe. »Wahrscheinlich hast du zu viel Zeit mit Marschieren und Kämpfen zugebracht. Ja, daran wird es wohl liegen. Du warst zu lange unter Wilden und Soldaten und hast dich in deinem Leben noch nie um Politik gekümmert.«
    Sie hob die Hand und legte sie mit liebevollem Druck auf die seine, die sie festhielt.
    »Der Senat besteht eben nur aus Männern, und Männer tun nur selten das, was richtig ist. Meistens tun sie nur dann etwas, wenn man sie dazu überredet, es ihnen befiehlt oder wenn man sie einschüchtert. Großzügige Bestechungssummen wandern von einer Hand zur anderen, aber Roms eigentliche Währung besteht aus Einfluss und Gefälligkeiten. Ersteren besitze ich, und man schuldet mir viele Gefallen. Die Hälfte der Posten dürfte bereits bei geheimen Vortreffen vergeben worden sein. Über den Rest kann man verhandeln oder ihn einfach einfordern.«
    Sie hatte mit einem Lächeln als Reaktion auf ihre Worte gerechnet, aber Brutus sah gequält aus. Sie nahm ihre Hand von seiner.
    »Ich dachte, es wäre… anders«, sagte er leise.
    Servilia nahm sich zusammen. Sie war hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, seine Illusionen nicht zu zerstören und der dringenden Notwendigkeit, den jungen Soldaten mit der Realität vertraut zu machen, ehe er darin umkam.
    »Siehst du diese Einfriedung? Weißt du noch, dass ich dir erzählt habe, dass das Volk Roms dorthin kommt, um über die Ernennung des Senats, der Tribunen, der Quästoren und sogar der Prätoren abzustimmen? Es ist eine geheime Abstimmung, und sie nehmen sie sehr ernst. Trotzdem werden immer wieder die gleichen Männer gewählt, die gleichen Familien, mit nur wenigen Abweichungen. Es scheint gerecht zuzugehen, aber die Wähler kennen keine Außenseiter. Nur die Senatoren besitzen genug Ruhm und Reichtum, damit auch die niedrigsten freien Männer der Stadt ihren Namen kennen. Es ist alles nur eine Illusion, aber eine elegante. Das Erstaunliche daran ist, dass einige im Senat wirklich versuchen, das Richtige zu tun und die Stadt und die Lage ihrer Bürger zu verbessern.« Servilia deutete auf das Senatsgebäude. »Es gibt große Männer in diesem Haus, Männer, deren Tätigkeit die Stadt erstrahlen lässt. Den meisten anderen hingegen fehlt jedwede Stärke. Sie bedienen sich der Macht des Senats, um ihren eigenen Reichtum und Einfluss zu mehren. Darüber muss man sich einfach im Klaren sein. Der Senat ist weder böse noch heilig, sondern eine Mischung aus beidem – wie alles andere, dem wir in unserem Leben begegnen.«
    Brutus sah sie an und hörte ihr aufmerksam zu. Servilia war weder so distanziert noch so weltverdrossen, wie sie gerne tat. Ihre sonst so zynische Grundhaltung war wie weggeblasen, als sie von den korrupten Senatoren sprach, denen sie offenkundige Verachtung entgegenbrachte. Sie war keine einfache Frau, dachte er nicht zum ersten Mal.
    »Ich verstehe dich. Es ist nur so… als ich Marius kennen gelernt habe, hielt ich ihn für einen Gott. Kleinigkeiten haben ihn nicht interessiert. Ich bin so vielen Menschen begegnet, deren Blick nicht über ihre Arbeit oder ihren Rang hinausreichte. Wenn ich heute zurückdenke, war er von einer Vision für diese Stadt erfüllt, und alles, was er anpackte, tat er, um diese Vision in die Realität umzusetzen, ganz egal, was es ihn kosten würde. Er hat alles riskiert, was er besaß, um Sulla zu stürzen, und er hatte Recht damit! Sobald Marius tot war, hat sich Sulla aufgeführt wie der König von Rom.«
    Servilia schaute sich besorgt um, ob jemand in Hörweite war, und sagte mit gesenkter Stimme: »Sprich diesen Namen in der Öffentlichkeit nicht so laut aus, Brutus. Die Männer sind vielleicht tot, aber die Wunden sind noch frisch, und Sullas Mörder sind immer noch nicht gefunden worden. Ich bin froh, dass du Marius kennen gelernt hast. Er kam nie in mein Haus, aber selbst seine Gegner hatten Respekt vor ihm. Ich weiß das. Ich wünschte, es gäbe mehr Männer wie ihn.« Ihr Ton wurde wieder fröhlicher, als sie zu einem weniger ernsthaften Thema überging. »Komm, wir gehen weiter, ehe sich die Klatschmäuler fragen, worüber wir uns unterhalten. Ich möchte den Hügel zum Tempel des Jupiter hinaufsteigen. Sulla hat ihn nach dem letzten Bürgerkrieg wieder herrichten lassen und eigens die Säulen von den Ruinen des Zeustempels in Griechenland herbringen lassen. Dort wollen wir ein Opfer darbringen.«
    »In seinem Tempel?«, fragte Brutus, nachdem sie sich bereits in Bewegung gesetzt hatten.
    »Die Toten haben keine Tempel. Er gehört Rom, oder dem Gott selbst, wenn du so willst. Männer versuchen immer verzweifelt, etwas zu hinterlassen. Ich glaube, aus diesem Grunde liebe ich sie.«
    Brutus blickte sie an, wieder einmal überwältigt von dem Gefühl, dass diese Frau schon so viel mehr gesehen und erlebt hatte als er.
    »Was meinst du – soll ich einen Posten bei einer Legion annehmen?«, fragte er.
    Sie lächelte über seinen Themenwechsel.
    »Das wäre wohl der richtige Schritt. Es hat ja wenig Sinn, wenn man mir Gefallen schuldet und ich sie nie einfordere, oder? Du könntest deine ganze Laufbahn als Zenturio verbringen, übergangen von blinden Vorgesetzten, und deine Tage auf einem kleinen Bauernhof in einer kaum befriedeten neuen Provinz fristen, wo du jede Nacht neben deinem Schwert schlafen musst. Nimm, was ich dir geben kann. Es ist mir eine Freude, dass ich dir helfen kann, nachdem du so lange aus meinem Leben verschwunden warst. Verstehst du mich? Das bin ich dir schuldig, und ich begleiche meine Schulden immer.«
    »Woran hattest du gedacht?«, fragte er.
    »Aha! Habe ich endlich dein Interesse geweckt? Schön. Es würde mir ganz und gar nicht gefallen, wenn es meinem Sohn an Ehrgeiz mangelte. Mal sehen. Du bist kaum neunzehn Jahre alt, also kommen religiöse Posten für die nächsten Jahre noch nicht in Betracht. Es müsste etwas Militärisches sein. Pompeius wird seine Freunde so abstimmen lassen, wie ich es wünsche. Er ist ein alter Weggefährte. Auch Crassus ist mir noch ein paar Gefallen schuldig. Cinna würde den Ausschlag geben. Er ist… eher ein gegenwärtiger Freund.«
    Brutus stotterte vor Erstaunen.
    »Cinna? Cornelias Vater? Ich dachte, der ist ein alter Mann.«
    Servilia lachte leise; es klang tief und sinnlich. »Manchmal ist er das, manchmal auch nicht.«
    Brutus wurde dunkelrot vor Scham. Wie sollte er nur Cornelias Blick begegnen, wenn er sie das nächste Mal traf?
    Servilia achtete nicht auf seine Verwirrung und fuhr lächelnd fort.
    »Mit ihrer Unterstützung könntest du den Befehl über tausend Mann in jeder der vier Legionen bekommen, die derzeit zur Debatte stehen. Was hältst du davon?«
    Brutus wäre fast gestolpert. Was sie ihm anbot, war mehr als erstaunlich, aber ihm war klar, dass er aufhören musste, von allem überrascht zu sein, was er über Servilia erfuhr. Sie war auf vielerlei Art eine sehr ungewöhnliche Frau, erst recht als Mutter. Ihm kam ein Gedanke, und er blieb stehen. Sie drehte sich um und blickte ihn mit fragend erhobenen Augenbrauen an.
    »Was ist mit Marius’ alter Legion?«
    Servilia zog die Stirn kraus. »Die Primigenia gibt es nicht mehr. Selbst wenn man den Namen wieder einführen würde, kann es nicht mehr als eine Hand voll Überlebende geben. Benutze doch mal deinen Kopf, Brutus. Jeder Freund Sullas würde deinen Namen erfahren. Mit viel Glück würdest du ein Jahr überleben.«
    Brutus zögerte. Er musste die Frage stellen, sonst würde er immer wieder darüber nachgrübeln, warum er die Chance nicht ergriffen hatte.
    »Aber wäre es möglich? Wenn ich das Risiko eingehen würde, könnten die Männer, die du erwähnt hast, anordnen, dass die Legion neu gebildet wird?«
    Servilia zuckte die Achseln, und ein weiterer Passant starrte sie einen Augenblick lang gebannt an. Brutus legte die Hand auf den Griff seines Gladius’, und der Mann ging weiter.
    »Ja, wenn ich sie darum bitten würde… Aber die Primigenia ist in Ungnade gefallen. Marius wurde zum Staatsfeind erklärt. Wer soll schon unter diesem Namen kämpfen wollen? Nein, das ist unmöglich.«
    »Ich möchte sie haben. Nur den Namen und das Recht, Männer zu sammeln und auszubilden. Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünschte.«
    Servilia sah ihm tief in die Augen. »Bist du dir sicher?«
    »Können Crassus, Cinna und Pompeius das erreichen?«, fragte er mit fester Stimme.
    Servilia lächelte und musste wieder einmal staunen, wie es diesem jungen Mann gelang, ihre Gefühle innerhalb kürzester Zeit zwischen Wut, Belustigung und Stolz wechseln zu lassen. Sie konnte ihm nichts abschlagen.
    »Das würde jeden Gefallen erfordern, den ich einklagen kann. Aber diese Männer sind es mir schuldig. Für meinen eigenen Sohn würden sie mir die Primigenia nicht verweigern.«
    Brutus warf die Arme um sie, und lachend erwiderte sie seine Umarmung, während er sie vor Glück von den Füßen riss.
    »Um eine Legion von den Toten auferstehen zu lassen, musst du Unmengen an Kapital zusammenbringen«, sagte sie, als er sie wieder absetzte. »Ich stelle dich dem Crassus vor. Ich kenne keinen reicheren Mann, und ich glaube auch nicht, dass es irgendwo einen reicheren Mann gibt, aber er ist kein Narr. Du musst ihm irgendetwas als Gegenleistung für sein Gold bieten.«
    »Ich denke darüber nach«, sagte Brutus und schaute sich nach dem Senatsgebäude um, das hinter ihnen lag.
    Julius, der sich noch gut an seine frustrierenden Erlebnisse an Bord der Accipiter erinnern konnte, hätte es nie für möglich gehalten, einmal für das schwere Gewicht und die geringe Geschwindigkeit einer römischen Galeere dankbar zu sein. Als der Morgen mit dem plötzlichen grellen Licht der tropischen Küste anbrach, hatten seine Männer vor Angst aufgeschrieen, als sie das viereckige römische Segel das erste Mal sichteten. Julius hatte es während der ersten Tageslichtstunden beobachtet, bis er sich sicher war, dass der Abstand schwand. Grimmig hatte er den Befehl gegeben, die Fracht über Bord zu werfen.
    Wenigstens hatte der Kapitän, der noch immer an einen Stuhl in seiner Kabine gefesselt war, dies nicht mit ansehen müssen. Wenn er davon erfuhr, würde er vor Wut toben, das wusste Julius, und er würde ihm noch mehr von Celsus’ Gold geben müssen, falls ihnen das Glück hold war. Es blieb ihm wirklich keine andere Wahl, obwohl es eine unangenehme Stunde gewesen war, in der seine Männer die Besatzung in kleinen Gruppen an Deck gebracht hatten, damit sie ihnen dabei half, die kostbaren Waren eines Kontinents ins Kielwasser zu werfen. Einige der wertvollen Hölzer hatten noch auf den Wellen getanzt, auf die sie gefallen waren, die Häute und Stoffballen jedoch waren schnell versunken. Als Letztes gingen die riesigen Stoßzähne aus gelbem Elfenbein über Bord. Julius wusste, wie unbezahlbar sie waren, und er überlegte, ob er sie behalten sollte, ehe sich sein Entschluss festigte und er widerstrebend das Zeichen gab, sie mit dem Rest über Bord zu werfen.
    Dann hielt er seine Männer in Bereitschaft und behielt das Segel am Horizont im gleißenden Licht der aufgehenden Sonne im Auge. Falls es noch näher käme, blieb ihm als einziger Ausweg nur, alles, was nicht niet- und nagelfest war, über Bord zu werfen, doch als die Stunden vergingen, wurde die Galeere, die sie verfolgte, immer kleiner, bis sie sich in der Reflexion des Lichts auf dem Meer verlor.
    Julius drehte sich zu seinen Männern um, die gemeinsam mit der Mannschaft arbeiteten. Gaditicus war nicht dabei, stellte er fest; er war unter Deck geblieben, als der Befehl erteilt worden war, die Fracht nach oben zu bringen. Sein Blick verfinsterte sich, aber er beschloss, nicht hinunterzugehen und die Konfrontation zu suchen. Früher oder später würde er schon einsehen, dass sie sich an ihren ursprünglichen Plan halten mussten. Das war ihre einzige Hoffnung. Er würde mit der Ventulus ein paar Wochen lang fernab der Küste kreuzen und seine Rekruten weiter in der Kriegsführung zur See ausbilden. Gerne hätte er einen Corvus bauen lassen, aber um einen Piraten zum Angreifen zu verleiten, mussten sie wie ein ganz gewöhnliches Handelsschiff aussehen. Erst dann würde sich herausstellen, ob es ihm gelungen war, aus Bauern Legionäre zu machen, oder ob sie versagen und ihn zwingen würden, mit anzusehen, wie die Ventulus ebenso unter ihm versenkt wurde wie die Accipiter. Er biss die Zähne zusammen und schickte ein kurzes Gebet zu Mars. Sie mussten diese zweite Chance nutzen.

16

    Alexandria sah sich in dem kleinen Zimmer um, das ihr angeboten worden war. Es machte nicht viel her, aber wenigstens war es sauber. Jetzt, da sie mit ihrem Schmuck selbst Geld verdiente, ging es einfach nicht mehr an, Tabbic in seinem kleinen Haus weiterhin Platz wegzunehmen. Sie wusste, dass sie der alte Handwerker auch weiter bei sich wohnen lassen und auch eine kleine Miete von ihr annehmen würde, wenn sie darauf bestand, doch in der kleinen Wohnung im ersten Stock war kaum Platz genug für seine eigene Familie.
    Sie hatte ihnen nichts von ihrer Suche erzählt, denn sie wollte sie mit einer Einladung zum Essen überraschen, sobald sie etwas gefunden hatte. Inzwischen war schon fast ein Monat der Suche vergangen. Vielleicht empfanden sie es als merkwürdig, wenn eine Frau, die als Sklavin geboren worden war, überhaupt etwas ablehnte, aber die Zimmer, die man ihr für das Geld, das sie auszugeben bereit war, angeboten hatte, waren alle schmutzig, feucht oder mit allerlei hastig davonkrabbelnden Bewohnern bevölkert gewesen, die sie gar nicht genauer kennen lernen wollte.
    Sie hätte sich mehr als nur ein Zimmer leisten können, sogar ein eigenes kleines Haus. Ihre Broschen verkauften sich schneller, als sie sie herstellen konnte, und obwohl sie für den größten Teil des Gewinns neue und edlere Metalle erwarb, blieb doch jeden Monat genug übrig, um etwas beiseite zu legen. Vielleicht hatte sie durch ihr Sklavendasein gelernt, den Wert des Geldes zu schätzen, denn sie trauerte jeder Bronzemünze nach, die sie für Essen oder ein Dach über dem Kopf ausgeben musste. Eine hohe Miete zu zahlen kam ihr wie eine Riesenidiotie vor, wenn einem letztendlich nichts davon gehören würde, nachdem man jahrelang sein hart verdientes Geld dafür hergegeben hatte. Es war besser, so wenig wie möglich auszugeben und sich eines Tages ein eigenes Haus zu kaufen, dessen Tür sie vor allem Ungemach der Welt verschließen konnte.
    »Nimmst du das Zimmer?«, fragte die Besitzerin.
    Alexandria zögerte. Sie war versucht, die Miete weiter herunterzuhandeln, aber die Frau sah erschöpft aus, nachdem sie den ganzen Tag über auf dem Markt gearbeitet hatte, und der Preis war durchaus angemessen. Es wäre nicht richtig gewesen, die offensichtliche Armut der Familie auszunutzen. Alexandria sah die Hände der Frau, die von der Farbe in den Färbebottichen fleckig und wund waren und einen blassblauen Schmierer über dem Auge zurückließen, als sie sich mit einer unbewussten Geste die Haare zurückstrich.
    »Ich sehe mir morgen noch zwei andere an. Dann sage ich dir Bescheid«, erwiderte Alexandria. »Soll ich morgen Abend vorbeikommen?«
    Die Frau schaute sie resigniert an und zuckte die Achseln. »Frag nach Atia. Ich bin bestimmt hier irgendwo. Aber für den Preis, den du zahlen willst, findest du nichts Besseres. Das ist hier ein sauberes Haus, und die Katze kümmert sich um die Mäuse, die womöglich von draußen reinkommen. Wie du willst.« Sie wandte sich ab und begann die abendlichen Arbeiten damit, dass sie die Lebensmittel zubereitete, die sie als Teil ihres Lohns vom Markt mitgebracht hatte. Das meiste davon war wohl schon fast verdorben, das wusste Alexandria, trotzdem schien Atia ungebrochen von der Mühsal ihres Lebens.
    Es war seltsam, eine freie Frau am Rande der Armut zu sehen. Auf dem Gut, auf dem Alexandria gearbeitet hatte, waren sogar die Sklaven besser ernährt und gekleidet gewesen als die Familie dieser Frau. Aus dieser Warte hatte sie das Leben noch nie betrachtet, und es überkam sie ein seltsames Gefühl der Scham, als sie hier in ihren guten Kleidern stand, mit einer ihrer eigenen Silberbroschen als Schließe ihres Umhangs.
    »Ich sehe mir die anderen an und komme dann wieder«, sagte Alexandria entschlossen.
    Atia machte sich ohne weiteren Kommentar daran, das Gemüse klein zu schneiden und es in einen eisernen Tiegel zu werfen, der auf einem an die Wand gebauten Lehmofen stand. Selbst die Klinge des Messers, das sie benutzte, war abgenutzt und so schmal wie ein Finger, wurde aber in Ermangelung eines besseren immer noch verwendet.
    Draußen auf der Straße wurde plötzlich schrilles Geschrei laut. Kurz darauf kam eine schmuddelige Gestalt durch die Tür gerannt und prallte mit Alexandria zusammen.
    »Langsam, Bursche! Du hättest mich ja fast umgerannt!«, sagte Alexandria lächelnd.
    Spöttisch sah er sie an. Sein Gesicht war so schmutzig wie der Rest, aber Alexandria konnte trotzdem sehen, dass seine Nase dunkel und geschwollen war. An der Nasenspitze klebte ein Rest Blut, das er sich über die Wange schmierte, als er sich schniefend die Nase abwischte.
    Die Frau ließ das Messer fallen und schloss ihn in die Arme. »Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt?«, fragte sie ihn und legte besorgt die Finger auf die blutige Nase.
    Der Junge grinste und versuchte sich aus ihrer Umarmung zu befreien.
    »Nur eine kleine Rauferei, Mama. Die Jungen, die beim Metzger arbeiten, haben mich bis nach Hause gejagt. Ich habe einem von ihnen ein Bein gestellt, als er auf mich losgehen wollte, da ist er auf meiner Nase gelandet.« Der Junge strahlte seine Mutter an, griff unter seine Tunika und zog zwei unverpackte, bluttriefende Koteletts hervor. Seine Mutter stöhnte und nahm sie ihm mit einer schnellen Handbewegung weg.
    »Nein, Mama. Die gehören mir! Ich habe sie nicht gestohlen. Sie lagen einfach auf der Straße.«
    Das Gesicht seiner Mutter wurde bleich vor Wut, trotzdem hielt er sie mit aller Kraft fest, als sie auf die Tür zuging, und sprang so hoch wie möglich, um ihr seine Beute wieder abzujagen.
    »Ich habe dir gesagt, du sollst nicht stehlen und nicht lügen. Nimm deine Hände weg. Wir müssen das hier wieder dorthin zurückbringen, wohin es gehört.«
    Alexandria stand zwischen Atia und der Tür, deshalb trat sie hinaus auf die Straße, um sie durchzulassen. Eine Gruppe recht bedrohlich aussehender Jungen lungerte vor der Tür herum. Sie lachten, als sie den kleinen Kerl um seine Mutter herumspringen sahen. Einer von ihnen streckte die Hand aus, und die Koteletts landeten ohne ein Wort klatschend in seiner Handfläche.
    »Er ist schnell, Frau. Das muss ich ihm lassen. Der alte Tedus lässt dir ausrichten, dass er beim nächsten Mal die Wache holt, wenn dein Bengel noch einmal klaut.«
    »Das ist nicht nötig«, fuhr Atia ihn wütend an und wischte sich das Blut mit einem Lappen von den Händen, den sie aus dem Ärmel zog. »Sag Tedus, er hat immer alles zurückgekriegt, was ihm entwendet wurde, und wenn er die Wache holt, sage ich allen, dass sie nicht mehr in seinem Laden einkaufen sollen. Meinen Sohn bestrafe ich schon selbst, vielen Dank.«
    »Man sieht ja, wohin das führt«, sagte der ältere Junge hämisch grinsend.
    Atia hob die Hand, und er wich unter schallendem Gelächter zurück. Mit dem Finger zeigte er auf die gedemütigte Gestalt, die immer noch an ihrem Rockzipfel hing.
    »Wenn ich deinen kleinen Thurinus noch mal in der Nähe des Ladens entdecke, verpasse ich ihm selber eine Tracht Prügel. Das wirst du schon sehen.«
    Atia schoss die Zornesröte ins Gesicht, und sie machte einen Schritt auf die Jungen zu, die das zum Vorwand nahmen, um auseinander zu stieben und davonzurennen, wobei sie sie lauthals beschimpften.
    Alexandria stand neben dem Paar und fragte sich, ob sie einfach gehen sollte. Die Szene, die sie miterlebt hatte, ging sie nichts an, aber es interessierte sie doch, was jetzt, da seine Mutter mit ihm allein war, mit dem Lausbuben geschehen würde.
    Der kleine Junge schniefte und rieb sich behutsam die Nase.
    »Tut mir Leid, Mama. Ich dachte, du würdest dich freuen. Ich habe nicht gedacht, dass sie mich bis nach Hause verfolgen.«
    »Du denkst nie. Wenn dein Vater noch lebte, würde er sich für dich schämen, Junge. Er würde dir sagen, dass wir niemals lügen und niemals stehlen. Dann würde er dir mit dem Riemen ordentlich den Hintern versohlen, und das sollte ich eigentlich auch tun.«
    Der Junge versuchte ihr zu entkommen und trat nach ihr, doch sie hielt ihn am Arm fest.
    »Er war ein Geldwechsler. Du hast gesagt, das sind alles Diebe, also muss er auch einer gewesen sein.«
    »Untersteh dich, so etwas zu sagen!«, herrschte Atia ihn mit bleichen Lippen an. Ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie den Jungen übers Knie und schlug sechsmal fest zu. Während der ersten drei Schläge wehrte er sich, den Rest ließ er still über sich ergehen. Als sie ihn losließ, sauste er um die beiden Frauen herum, schoss die Straße hinab und verschwand um die nächste Ecke.
    Atia seufzte, als sie ihm nachblickte. Alexandria faltete nervös die Hände. Es war ihr peinlich, einen so vertraulichen Augenblick miterlebt zu haben. Plötzlich schien sich Atia an sie zu erinnern und errötete, als sie sie ansah.
    »Es tut mir Leid. Es stiehlt andauernd. Allem Anschein nach gelingt es mir nicht, ihm beizubringen, dass man das nicht tut. Er wird immer dabei erwischt, aber eine Woche später versucht er es wieder.«
    »Heißt er Thurinus?«, fragte Alexandria.
    Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Die nennen ihn nur so, weil er mit seiner Familie aus Thurin hier in die Stadt gezogen ist. Sie wollen ihn damit ärgern, aber ihm scheint es zu gefallen. Sein richtiger Name ist Octavian, nach seinem Vater. Ein schrecklicher Junge. Erst neun Jahre alt, aber schon mehr auf den Straßen zu Hause als hier in der Wohnung. Ich mache mir große Sorgen um ihn.« Sie blickte Alexandria an, musterte ihre Kleidung und die Brosche.
    »Ich sollte dich nicht mit unseren Problemen belästigen. Wir könnten die Miete für das Zimmer gut gebrauchen, das gebe ich gerne zu. Er würde dir nichts stehlen, und wenn er es täte, würde ich es dir sofort zurückgeben, bei meiner Familienehre. Man sieht es ihm nicht an, aber in seinen Adern fließt gutes Blut, das der Octavii und der Cäsar, wenn ihm das bloß mal klar werden würde.«
    »Der Cäsar?«, fragte Alexandria barsch.
    Die Frau nickte.
    »Seine Großmutter war eine Cäsar, ehe sie in meine Familie einheiratete. Zweifelsohne würde sie weinen, wenn sie sehen könnte, wie er bei einem keine drei Straßen weit entfernten Metzger stiehlt. Ich meine, die kennen ihn dort doch! Die brechen ihm die Arme, wenn er es wieder tut, und was soll ich dann machen?« Die Tränen schossen ihr in die Augen, und ohne nachzudenken ging Alexandria zu ihr und legte den Arm um sie.
    »Lass uns hineingehen. Ich glaube, ich nehme das Zimmer.«
    Die Frau richtete sich auf und funkelte sie wütend an.
    »Ich brauche keine Almosen. Wir kommen schon zurecht, und der Junge wird es früher oder später auch noch lernen.«
    »Das ist kein Almosen. Dein Zimmer war das erste saubere Zimmer, das ich gesehen habe. Außerdem habe ich vor einigen Jahren einmal… für einen Cäsar gearbeitet. Es könnte dieselbe Familie sein. Wir sind also so gut wie verwandt.«
    Die Frau zog erneut das Tuch aus dem Ärmel, wo es eine Beule gebildet hatte, und trocknete sich die Augen.
    »Hast du Hunger?«, fragte sie und lächelte schon wieder.
    Alexandria dachte an das kleine Häufchen Gemüse, das darauf wartete, geschnitten zu werden.
    »Danke, aber ich habe schon gegessen. Ich gebe dir die Miete für den ersten Monat, dann gehe ich in meine Unterkunft zurück, um meine Sachen zu holen. Es ist nicht weit.«
    Wenn sie sich beeilte und sich bei Tabbic nicht zu lange aufhielt, könnte sie vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein. Vielleicht hatten sie sich bis dahin schon etwas Fleisch von ihrem Geld gekauft.
    Die Senatoren rutschten ungeduldig auf ihren Sitzen hin und her. Die Sitzung hatte sehr lange gedauert, und viele von ihnen waren so weit, dass sie den Einzelheiten der Diskussionen nicht mehr folgten und einfach nur noch so abstimmten, wie sie es vorher vereinbart hatten.
    Als die Schatten des Abends länger wurden, entzündete man die Fackeln mit dünnen Wachskerzen an langen Stangen. Die polierten weißen Marmorwände warfen den Schein der kleinen Flammen zurück, und die Luft füllte sich mit dem sanften Geruch aromatisierten Öls. Viele der dreihundert Senatoren, die sich am Morgen hier versammelt hatten, waren schon gegangen und ließen die letzten Abstimmungen ohne sie stattfinden.
    Crassus lächelte still vor sich hin; er hatte sichergestellt, dass seine eigenen Anhänger ausharrten, bis man die Fackeln löschte und der lange Tag mit einem Gebet um die Sicherheit der Stadt offiziell zu Ende ging. Aufmerksam hörte er sich die Liste der Ernennungen an und wartete auf die, die er und Pompeius hinzugefügt hatten, um sie zur Abstimmung zu bringen. Fast gegen seinen Willen wanderte sein Blick zu der Liste der Legionen, die in den weißen Marmor gemeißelt war. An der Stelle, an der die Primigenia gestanden hatte, klaffte eine leere Stelle. Es würde ihm ein besonderes Vergnügen sein, einen weiteren Teil von Sullas Erbe rückgängig zu machen, selbst wenn ihn seine alte Freundin nicht darum gebeten hätte.
    Bei diesem Gedanken sah er hinüber zu Cinna, und ihre Blicke trafen sich. Cinna deutete mit dem Kopf auf das Verzeichnis der Legionen und lächelte. Crassus erwiderte das Lächeln und bemerkte, dass das Haar seines Freundes weißer geworden war. Servilia konnte ihm doch unmöglich einen solchen Graukopf vorziehen? Schon der Gedanke an diese Frau brachte sein Blut in Wallung und ließ ihn das Ende eines Vortrags verpassen. Er beobachtete, wie Cinna abstimmte, und hob seine Hand gemeinsam mit ihm.
    Weitere Senatoren standen auf, verabschiedeten sich leise und machten sich auf den Weg zu ihren Häusern und Geliebten überall in der Stadt. Crassus sah zu, wie Cato sich mit seinem massigen Körper aus dem Sitz quälte. Er hatte Sulla sehr nahe gestanden, und die kommende Abstimmung zu verpassen würde ihn sehr schmerzen. Crassus versuchte sich die Freude darüber nicht anmerken zu lassen, als Cato, in ein Gespräch vertieft, nahe an ihm vorüberging. Alles würde wesentlich einfacher sein, nachdem Sullas Anhänger gegangen waren, doch auch wenn jeder Sullaner im Haus gewesen wäre, hätten Cinna, Pompeius und er ihr Vorhaben gegen ihren Widerstand durchsetzen können. Dass die Primigenia wieder ins Leben gerufen werden sollte, würde sie fuchsteufelswild machen. Wenn er Servilia das nächste Mal sah, musste er sich bei ihr für die Idee bedanken. Vielleicht war auch ein kleines Geschenk zum Zeichen seiner Dankbarkeit angebracht.
    Pompeius erhob sich, um eine Frage zu beantworten, die den neuen Befehlshaber einer Legion in Griechenland betraf. Er sprach mit überzeugender Zuversicht von den neuen Namen und empfahl sie dem Senat. Crassus hatte von einem erneuten Aufstand gehört, und die Verluste bedeuteten Chancen für die Freunde und Verwandten der Männer im Senat. Traurig schüttelte er den Kopf, als er an den Tag dachte, an dem Marius zu einer Kampfabstimmung aufgerufen hatte, wegen der Sulla Rom hatte verlassen müssen, um Mithridates das erste Mal zu unterwerfen. Wenn Marius jetzt hier wäre, würde er sie dazu bringen, ihre Blicke zu heben und etwas dagegen zu unternehmen! Stattdessen stritten und diskutierten diese Narren tagelang, anstatt ein paar ihrer wertvollen Legionen als Verstärkung nach Griechenland zu entsenden.
    Crassus lächelte bitter, als ihm klar wurde, dass er selbst zu den Narren gehörte, die er kritisierte. Der letzte Aufstand hatte zu einem Bürgerkrieg und einem Diktator geführt. Keiner der Generäle im Saal wagte vorzutreten, weil er befürchten musste, dass sich die anderen gegen ihn zusammenschlossen. Sie wollten keinen neuen Sulla, deshalb wurde nichts unternommen. Selbst Pompeius wartete ab, obwohl er fast so ungestüm war wie Marius. Es wäre glatter Selbstmord, sich freiwillig zu melden, so wie es Marius und Sulla getan hatten. Missgunst und Neid waren zu groß, um einem von ihnen den Sieg über Mithridates zu gönnen. Es war Sullas Schuld, weil er ihn beim ersten Mal hatte laufen lassen. Der Mann hatte aber auch nichts richtig machen können!
    Pompeius setzte sich, und die Abstimmung nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Nun blieb nur noch der letzte Punkt auf der Tagesordnung, den Crassus mit Unterstützung von Pompeius eingebracht hatte. Sie hatten Cinnas Namen zu diesem Zeitpunkt heraushalten wollen, weil es Gerüchte gab, dass er an dem Giftanschlag auf Sulla beteiligt gewesen sei. Sie waren natürlich unbegründet, aber niemand konnte die Gerüchtekrämer Roms davon abhalten, ihren Geschäften nachzugehen.
    Einen Augenblick lang fragte sich Crassus, ob sie wirklich unbegründet waren, aber dann verwarf er den Gedanken. Er war ein praktisch veranlagter Mensch. Sulla und die Vergangenheit waren vorbei. Wenn Cinnas Tochter es hatte vermeiden können, Sullas Geliebte wider Willen zu werden, so wie er es flüstern gehört hatte, dann war das mit Sicherheit der Beweis dafür, dass es die Götter gut mit Cinnas Haus meinten – oder vielleicht auch mit dem Cäsars. Mit einem von beiden auf jeden Fall.
    Bei der Suche nach dem Sklaven, der das Gift gebracht hatte, waren Fortschritte gemacht worden, hatte er gehört, wer jedoch den Mord befohlen hatte, wusste man immer noch nicht. Crassus sah sich im Saal um. Es hätte fast jeder von ihnen gewesen sein können. Sulla hatte sich ohne jede Vorsicht Feinde gemacht. Und Vorsicht, dachte Crassus, sollte in der Politik immer an erster Stelle stehen. Die zweitwichtigste Regel lautete, attraktiven Frauen, die Gefallen einfordern konnten, stets aus dem Wege zu gehen, aber für einen Mann gab es in seinem Leben nicht allzu viele Gelegenheiten zur Freude, und Servilia hatte ihm ein paar Erinnerungen geschenkt, die ihm sehr viel bedeuteten.
    »Wiederaufnahme der Primigenia in die Annalen der Legion«, verkündete der Vorsitzende. Crassus setzte sich auf und konzentrierte sich.
    »Die Erlaubnis, unter der Amtsgewalt des Senats Mannschaften auszuheben, auszubilden und zu vereidigen sowie Offiziere zu ernennen, soll Marcus Brutus aus Rom erteilt werden«, fuhr der Sprecher in eintönigem Tonfall fort, der nicht zu dem aufgeregten Gemurmel passte, das sich unter den etwa hundert auf ihren Sitzen verbliebenen Senatoren erhob. Einer der Sullaner sprang auf und eilte hinaus, zweifellos um seine Freunde zur Abstimmung wieder hereinzuholen. Pompeius’ Blick verfinsterte sich, als er sah, wie Calpurnius Bibulus und zwei andere aufstanden, um etwas zu der Angelegenheit zu sagen. Er war ein getreuer Anhänger Sullas gewesen, der geschworen hatte, die Mörder mit Stumpf und Stiel auszurotten, sobald sich ihm die Gelegenheit dazu böte.
    Allem Anschein nach wollten sie es mit einem alten Trick versuchen. Einer nach dem anderen würden sie eine lange Ansprache vor dem Senat halten, bis die Sitzung beendet war oder sich genügend Anhänger gefunden hatte, um den Antrag abzulehnen. Falls er auf die nächste Sitzung verschoben wurde, würde er vielleicht doch nicht durchkommen.
    Crassus sah bedauernd zu Cinna hinüber; ihre Blicke begegneten sich. Zu seiner Überraschung blinzelte der ältere Mann in seine Richtung. Crassus entspannte sich und lehnte sich zurück. Geld war ein mächtiger Hebel, das wusste er so gut wie jeder andere. Um die Abstimmung zu verzögern, mussten die Sullaner die Erlaubnis zu sprechen erhalten, doch der Vorsitzende, der die Debatte leitete, trug die Einzelheiten des Antrags vor, ohne auch nur ein einziges Mal zu den Bänken hinüberzublicken, von denen sie sich erhoben hatten und sich lautstark räusperten, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.
    Nachdem sämtliche Details erläutert worden waren, rief der Vorsitzende sogleich zur Abstimmung auf. Einer der Sullaner fluchte lautstark und verließ den Saal, womit er gegen alle Anstandsregeln verstieß. Die Ernennung wurde ohne Probleme beschlossen und die Sitzung für beendet erklärt. Während des Abschlussgebets blickte Crassus verstohlen zu Pompeius und Cinna hinüber. Er würde sein Geschenk für Servilia mit Sorgfalt wählen müssen. Die beiden anderen spielten zweifellos mit ähnlichen Gedanken.

17

    Julius stand wie die anderen um ihn herum mit gezogenem Schwert im finsteren Frachtraum und wartete schweigend auf das Signal. In der unnatürlichen Stille klangen die knarrenden Spanten der Ventulus, die die gegen den Rumpf klatschenden Wellen übertönten, fast wie flüsternde Stimmen.
    Sie konnten hören, wie die Piraten über ihnen lachten und fluchten, als sie ihre schnelle Trireme an der Ventulus festmachten und sich, ohne auf Widerstand zu stoßen, auf ihrem Deck versammelten. Julius lauschte auf jedes Geräusch. Es war für sie alle ein Augenblick der Anspannung, am gefährlichsten jedoch war es für die, die an Deck geblieben waren, wo sie zur Abschreckung oder einfach aus Grausamkeit niedergemacht werden konnten. Zuerst hatte die Bereitschaft der Mannschaft der Ventulus, an Deck zu bleiben, wenn die Piraten an Bord kamen, Julius überrascht. Ihr anfänglicher Argwohn und ihre Wut auf seine Männer war verschwunden, als sie von ihrem geplanten Angriff auf die Piraten hörten. Er hatte ihrer Begeisterung Glauben geschenkt. Mit großem Vergnügen hatten sie diejenigen ausgewählt, die sich an Deck ergeben sollten, und Julius begriff, dass für diese Männer die Chance, sich an den gefürchteten und verhassten Piraten zu rächen, die Gelegenheit ihres Lebens bedeutete. Ihnen hatte nie die geballte Kampfkraft einer mit Legionären bemannten Kriegsgaleere zur Verfügung gestanden. Ein Handelsschiff wie die Ventulus konnte sein Heil nur in der Flucht suchen, und viele der Besatzungsmitglieder hatten im Lauf der Jahre Freunde durch Celsus und seinesgleichen verloren.
    Trotzdem hatte Julius Pelitas und Prax, in einfache Kleider gehüllt, bei ihnen zurückgelassen. Es zahlte sich nie aus, das eigene Leben in die Hand von Fremden zu legen. Selbst wenn die Mannschaft sie verriet, konnte immer noch einer seiner Offiziere das Signal geben. Julius zog es vor, nichts dem Glück zu überlassen.
    Leise drangen Stimmen durch die Luken über ihren Köpfen. Die dicht gedrängten Männer bewegten sich unruhig, aber keiner wagte auch nur zu flüstern. Sie konnten nicht wissen, wie viele Feinde an Deck waren. Die Mannschaft eines Piratenschiffes war meistens kleiner als die Besatzung einer römischen Galeere und bestand selten aus mehr als dreißig Schwertern, doch nachdem er die randvollen Decks der beiden Schiffe gesehen hatte, die die Accipiter versenkt hatten, war Julius klar, dass er sich nicht auf die eigene Überzahl verlassen konnte. Um ganz sicherzugehen, musste er das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben. Mit dem Rest der Schiffsbesatzung warteten insgesamt fünfzig Mann mit ihm. Julius hatte sich entschieden, den Seeleuten die Wahl ihrer Waffen selbst zu überlassen, schließlich konnte er keine Männer entbehren, um sie zu bewachen. Das Beste, das er tun konnte, war, sie zwischen seinen eigenen Soldaten zu verteilen, um einen plötzlichen Angriff von hinten zu verhindern, wenn sie an Deck stürmten.
    Dicht neben ihm stand einer von ihnen und hielt eine rostige Eisenstange umklammert. Julius konnte keine Spur von Hinterlist in ihm entdecken. Wie alle anderen starrte er auf die dunklen Luken, deren Konturen sich vor dem Sonnenlicht abzeichneten, das in breiten goldenen Strahlen, in denen glitzernde Staubflocken wirbelten, durch die Ritzen fiel. Die Strahlen bewegten sich beinahe hypnotisch mit dem Schaukeln der Ventulus. Jetzt waren noch mehr Stimmen von oben zu hören, und er erstarrte, als er sah, wie einer der sich bewegenden Schatten das Licht verdunkelte, während die Bretter unter seinem Gewicht knarrten. Seine eigenen Männer hätten sich nicht auf die Luken gestellt. Es mussten die Piraten sein, die auf dem erbeuteten Schiff umherliefen.
    Julius hatte so lange wie möglich gewartet, ehe er zu den anderen nach unten gestiegen war, weil er mit eigenen Augen sehen wollte, wie die Piraten vorgingen, um dies beim nächsten Mal berücksichtigen zu können. Um das Ganze echt aussehen zu lassen, hatte er den Ruderern der Ventulus eine gesteigerte Schlagzahl befohlen, aber er war darauf vorbereitet gewesen, einige der Ruder aus dem Takt geraten zu lassen, falls die Piraten nicht aufholen konnten. Das war nicht nötig gewesen. Das feindliche Schiff musste sehr leicht sein, und es kam den ganzen Tag über stetig näher.
    Erst als die Verfolger nahe genug heran waren, dass sie ihre Ruder zählen konnten, war Julius zu seinen Männern unter Deck gegangen. Seine größte Sorge war, dass der Gegner eine ausgebildete Mannschaft besaß, so wie Celsus. Wenn die Ruderer für Lohn arbeiteten, waren sie vielleicht nicht an die Bänke gekettet, und der Gedanke an einhundert muskelbepackte Ruderer, die nach oben gestürmt kamen, um es mit seinen Männern aufzunehmen, hätte eine Katastrophe bedeutet, ob sie nun bewaffnet waren oder nicht. Er hatte den spitzen Rammsporn an dem feindlichen Schiff ausgemacht, mit dem sie ihre Beute frontal aufspießen konnten, doch er glaubte nicht, dass sie ihn einsetzen würden. Wahrscheinlich kamen sie stattdessen längsseits und enterten. Zweifellos fühlten sie sich so weit von der Küste und patrouillierenden Galeeren entfernt völlig sicher und würden sich beim Entladen der Fracht Zeit lassen. Vielleicht würden sie sogar die Ventulus selber in Besitz nehmen, anstatt sie zu versenken, schließlich hatten die Piraten keine Werften. Er hoffte, dass sie nur eine kleine Streitmacht an Bord der Ventulus gebracht hatten. Wenn die Schiffe fest miteinander vertäut waren, konnte keines mehr fliehen, und genau so wollte Julius es haben. Er schwitzte vor Nervosität, während er auf das Signal wartete. So vieles konnte schief gehen.
    Über ihnen wehte ein starker Wind, der winzige Tropfen salziger Gischt in die Gesichter der Besatzung der Ventulus und der Kaperer trieb. Da sie den Plan kannte, hatte die Mannschaft sich ohne Murren ergeben und den Befehl zum Einholen der Ruder und Segel gegeben. Ohne Vortrieb tanzte und schaukelte die Ventulus auf den Wellen. Eine Salve in hohem Bogen abgeschossener Pfeile hatte die längsseits kommenden Piraten begleitet, und Pelitas hatte einen Schritt zur Seite machen müssen, um nicht getroffen zu werden. Er sah, wie sich einige Mannschaftsmitglieder mit erhobenen Händen aufs Deck setzten. Da in ihrer Nähe keine Pfeile landeten, folgte er ihrem Beispiel und zog Prax mit sich hinunter. Als sie alle saßen, kamen keine weiteren Geschosse mehr geflogen. Pelitas hörte die Männer lachen, die darauf warteten, das Handelsschiff zu entern, und er lauerte grimmig lächelnd auf den richtigen Augenblick. Julius hatte gesagt, er solle abwarten, bis der Feind seine Kräfte zwischen den beiden Schiffen aufgeteilt hatte, doch es war unmöglich, festzustellen, wie viele Männer sie noch in Reserve hatten. Pelitas beschloss, zu rufen, sobald zwanzig Mann über die Reling gestiegen waren. Mehr konnten sie bei einem ersten Angriff vielleicht nicht überwältigen, und das Letzte, was sie gebrauchen konnten, war eine offene Schlacht an Deck. Zu viele von Julius’ Männern waren Neulinge, und wenn sich die Piraten nicht schnell ergaben, konnte sich das Blatt rasch wenden. Dann war alles verloren.
    Die ersten zehn Feinde hatten das Hauptdeck der Ventulus erreicht. Obwohl sie sehr selbstsicher auftraten, bemerkte Pelitas doch, dass sie sich als Einheit bewegten und sich gegenseitig vor einem unvermuteten Angriff schützten. Sie verteilten sich ein wenig unter der sitzenden Mannschaft, und er sah die langen Lederschnüre von ihren Gürteln baumeln, mit denen die Gefangenen gefesselt werden sollten. Diese zehn waren zweifelsohne die besten Kämpfer, Veteranen, die ihr Geschäft verstanden und sich aus brenzligen Situationen heraushauen konnten. Pelitas wünschte, Julius hätte ihn ein Schwert mit an Deck nehmen lassen. Ohne Waffe fühlte er sich entsetzlich nackt.
    Die Mannschaft ließ sich ohne Gegenwehr fesseln, und Pelitas zögerte. Es war zu früh für seinen Signalruf, weil erst zehn von ihnen an Deck waren, aber sie arbeiteten sehr konzentriert, und wenn sie die restlichen Männer genauso schnell fesselten, würden sie keine Hilfe mehr sein, sobald der Kampf begann. Er sah vier weitere Piraten über die Reling der Ventulus steigen und blickte dann in das ernste Gesicht eines Mannes, der mit Riemen in der Hand auf ihn zutrat. Vierzehn mussten reichen.
    Als der Mann Pelitas’ Blick begegnete, stieß der Römer einen lauten Ruf aus, woraufhin der Pirat erschrocken sein Schwert hob.
    »Accipiter!«, schrie Pelitas und rappelte sich auf.
    Der Pirat sah ihn verdutzt an und bellte eine Antwort, doch dann flogen die Luken auf, und römische Legionäre mit in der Sonne glänzenden Rüstungen schwärmten aus.
    Der Mann neben Pelitas wirbelte herum und starrte sie mit offenem Mund an. Ohne zu zögern sprang ihm Pelitas auf den Rücken und drückte ihm mit aller Kraft seinen Unterarm gegen die Kehle. Der Mann wankte stolpernd ein paar Schritte nach vorne, drehte dann das Schwert in seiner Hand um und rammte es nach hinten in Pelitas’ Brust. Der Römer ging im Todeskampf zu Boden.
    Julius führte den Angriff an. Er tötete den ersten Mann, der vor ihm auftauchte und fluchte dann, als er erkannte, dass Pelitas zu früh gerufen hatte. Die Bogenschützen waren immer noch auf dem anderen Schiff. Dunkle Pfeile regneten auf das Deck und töteten eines der gefesselten Mannschaftsmitglieder. Ohne Schilde konnte man ihnen nicht entgehen, und Julius hoffte inständig, der Angriff möge nicht zusammenbrechen. Seine Männer hatten noch nie im feindlichen Feuer gestanden, und selbst den erfahrenen Soldaten fiel es schwer, nicht ihrem Instinkt zu folgen und in Deckung zu springen. Seine Klinge krachte scheppernd gegen eine andere, mit der anderen Hand schlug er seinen Gegner zu Boden. Rasch stach er ihm in die ungeschützte Kehle und trat über ihn hinweg.
    Julius schaute sich um und versuchte die Lage zu überblicken. Die meisten Piraten auf der Ventulus waren ausgeschaltet. Seine Männer kämpften gut, obwohl einer oder zwei sich mühten, vor Schmerzen schreiend Pfeile aus ihren Gliedmaßen zu ziehen.
    Ein surrender Pfeil traf Julius an der Brust und warf ihn einen Schritt zurück. Er raubte ihm den Atem, aber dann fiel das Ding klappernd auf das hölzerne Deck, und Julius wurde klar, dass ihn seine Rüstung gerettet hatte.
    »Entern!«, schrie er, und seine Männer stürzten gemeinsam mit ihm auf das Piratenschiff zu. Weitere Pfeile zischten zwischen ihnen hindurch, ohne großen Schaden anzurichten, und Julius dankte den Göttern für die harten römischen Panzer. Er sprang auf die Reling der Ventulus und rutschte mit seinen eisenbeschlagenen Sandalen aus.
    Fluchend landete er mit einem metallischen Scheppern vor den Füßen des Feindes. Ein nach ihm stoßendes Schwert stieß er mit dem Unterarm fort und zog sich dabei eine Wunde zu. Sein Gladius lag unter ihm, und er musste sich erst herunterwälzen, um ihn freizubekommen. Eine weitere Klinge prallte scheppernd gegen seine Schulter und brach ein Stück von seinem Harnisch ab.
    Die anderen Römer brüllten auf, als sie ihn fallen sahen, und stürzten sich wütend auf die Piraten, die sich ihnen entgegenstellten. Sie warfen sich ohne jede Vorsicht auf das feindliche Schiff und dehnten ihre Kampflinie an Julius vorbei aus. Gaditicus griff nach seinem Arm und zog ihn auf die Füße.
    »Jetzt bist du mir noch etwas schuldig«, knurrte er, als sie zusammen über das feindliche Deck stürmten. Julius rannte auf einen Piraten zu und wollte sich mit ausgestrecktem Gladius auf ihn stürzen, wobei er gleichzeitig mit einem Gegenangriff rechnete. Stattdessen verlor der Mann den Halt, als er außer Reichweite sprang, und warf sein Schwert weg, das über die Planken wirbelte. Er sah völlig verängstigt aus, als Julius langsam seinen schweren Gladius auf seine Kehle niedersinken ließ.
    »Bitte! Genug!«, schrie er entsetzt. Julius hielt inne und riskierte einen weiteren raschen Blick in die Runde. Die Piraten wankten. Viele lagen tot auf den Planken, die anderen hatten die Arme gehoben und baten um Gnade. Schwerter fielen aufs Deck. Diejenigen Bogenschützen, die noch am Leben waren, nahmen ihre Bogen herunter. Selbst in der Niederlage gingen sie behutsam mit ihren Waffen um.
    Julius trat einen Schritt zurück und drehte sich um. Sein Herz füllte sich mit Stolz.
    Seine Rekruten standen in ihren glänzenden Rüstungen und mit ihren Schwertern in der ersten Position da. Sie sahen von Kopf bis Fuß aus wie eine Einheit Legionäre, stark und diszipliniert.
    »Steh auf«, sagte er zu dem gestürzten Mann. »Ich nehme dieses Schiff für Rom in Besitz.«
    Die Überlebenden wurden mit den Riemen gefesselt, die für die Mannschaft der Ventulus gedacht gewesen waren. Es war schnell getan, auch wenn Julius ein Mannschaftsmitglied zurückhalten lassen musste, dass seinem vormaligen Peiniger gegen den Kopf getreten hatte, nachdem man ihn gefesselt hatte.
    »Zehn Peitschenhiebe für diesen Mann«, befahl Julius mit fester und kräftiger Stimme. Seine Männer hielten den Seemann fest gepackt, während die restliche Mannschaft der Ventulus Blicke wechselte. Julius starrte sie streng an. Er wusste, wie wichtig es war, dass sie seine Befehle befolgten. Auf sich alleine gestellt, hätten sie die Gefangenen wahrscheinlich zerstückelt und ihrem jahrelang aufgestauten Hass in einer Orgie der Folter und der Gewalt freien Lauf gelassen. Keiner der Seeleute konnte ihm in die Augen sehen, und schließlich lösten sie sich von den Gruppen der sich gegenseitig beglückwünschenden Männer. Endlich wandte sich Julius ab, um das weitere Vorgehen zu überwachen. Die Ruderer, vor denen er sich gefürchtet hatte, konnte man unter Deck vor Entsetzen über die Kampfgeräusche schreien hören. Er würde Männer nach unten schicken, um sie zu beruhigen.
    »Julius! Hier drüben!«, rief eine Stimme.
    Prax stützte Pelitas’ Oberkörper und presste eine Hand auf eine offene Wunde weit oben in der Brust. Der Mund seines Freundes war voller Blut, und als Julius ihn sah, wusste er, dass es keine Hoffnung für ihn gab. Cabera hätte ihn vielleicht retten können, aber niemand sonst.
    Pelitas röchelte leise. Seine Augen waren geöffnet, aber sie nahmen nichts mehr wahr. Jeder harsche Atemzug ließ mehr Blut von seinen Lippen tröpfeln. Julius hockte sich neben die beiden, und viele andere umringten sie und verdeckten die Sonne. Während sie schweigend zusahen, schienen sich die Sekunden zu dehnen, bis der gequälte Atem schließlich erstarb und der helle Blick sich in ein glasiges Starren verwandelte.
    Julius stand auf und sah auf die Leiche seines Freundes hinab. Er gab zweien seiner Männer ein Zeichen.
    »Helft Prax, ihn unter Deck zu bringen. Ich werfe keinen von uns zusammen mit denen ins Meer.« Ohne ein weiteres Wort ging er davon, und von ihnen allen verstanden nur die Offiziere der Accipiter, warum er sich so unnahbar geben musste. Der Kommandant durfte vor seinen Männern kein Zeichen der Schwäche zeigen, und jetzt zweifelte keiner von ihnen mehr daran, wer sie anführte. Selbst Gaditicus hielt den Kopf gesenkt, als Julius allein an ihm vorbeischritt.
    Nachdem beide Schiffe für die Nacht gesichert waren, gesellte sich Julius zu den anderen Offizieren der Accipiter, um auf Pelitas zu trinken, der den Weg nicht bis zu Ende mitgehen konnte.
    Vor dem Einschlafen schritt Gaditicus mit Julius auf dem mondbeschienenen Deck der Ventulus auf und ab. Lange schwiegen sie und hingen ihren Erinnerungen nach, aber als sie vor den Stufen standen, die nach unten führten, ergriff Gaditicus seinen Arm.
    »Das Kommando gehört dir.«
    Julius sah ihn an, und der ältere Mann spürte die Kraft seiner Persönlichkeit. »Ich weiß«, sagte er nur.
    Gaditicus lächelte gequält. »Das ist mir klar geworden, als du gefallen bist. Alle Männer sind hinter dir hergestürmt, ohne auf irgendwelche Befehle zu warten. Ich glaube, sie werden dir überallhin folgen.«
    »Ich wollte, ich wüsste, wohin ich sie führe«, sagte Julius leise. »Vielleicht weiß einer der Männer, die wir gefangen genommen haben, wo Celsus steckt. Aber das finden wir morgen früh heraus.« Er blickte zu der Stelle auf dem Deck, wo Pelitas gefallen war. »Peli hätte sich köstlich amüsiert, als ich so ausgerutscht bin. Es wäre eine lächerliche Art gewesen, zu sterben.«
    Während er sprach, schmunzelte er ohne Heiterkeit. Sein kühner Angriff bis direkt vor die Füße des Feindes. Gaditicus lachte nicht. Er klopfte ihm fest auf die Schulter, doch der junge Mann schien es nicht zu spüren.
    »Er wäre nicht gestorben, wenn ich nicht nach Celsus gesucht hätte. Ihr wärt jetzt alle wieder in Rom, und auf euren Namen würde keine Schande lasten.«
    Gaditicus packte seine Schulter und drehte ihn sanft um, bis Julius ihn ansah.
    »Warst du nicht derjenige, der gesagt hat, wir sollten uns nicht die Köpfe darüber zerbrechen, was hätte sein können? Wir alle würden gern kehrtmachen und bessere Entscheidungen treffen, aber so funktioniert das nun einmal nicht. Wir haben nur eine Chance, selbst wenn alles davon abhängt. Ich hätte mit der Accipiter nicht diesen Küstenabschnitt entlangsegeln dürfen, aber wer weiß, was dann passiert wäre? Vielleicht wäre ich krank geworden oder man hätte mich in einem Gasthaus erstochen, oder ich wäre eine Treppe hinuntergefallen und hätte mir den Schädel eingeschlagen. Es hat einfach keinen Zweck, sich deswegen Gedanken zu machen. Wir müssen jeden Tag so nehmen, wie er kommt, und die bestmöglichen Entscheidungen treffen.«
    »Und wenn sie sich als falsch erweisen?«
    Gaditicus zuckte die Achseln. »Normalerweise schiebe ich es dann auf die Götter.«
    »Glaubst du an sie?«, wollte Julius wissen.
    »Man kann kein Schiff segeln, ohne zu wissen, dass es da noch etwas anderes gibt außer Menschen und Steinen. Was die Tempel der Götter betrifft, so bin ich mit meinen Opfern immer auf Nummer sicher gegangen. Es schadet niemandem, und man kann ja nie wissen.«
    Julius musste über diese praktische Philosophie lächeln.
    »Ich hoffe… ich sehe Pelitas irgendwann wieder«, sagte er.
    Gaditicus nickte. »Wir sehen ihn alle wieder, aber es wird noch eine Weile dauern«, erwiderte er. Dann klopfte er Julius noch einmal auf die Schulter, ging nach unten und ließ ihn dort stehen, das Gesicht der Meeresbrise zugewandt.
    Als er allein war, schloss Julius die Augen und stand lange bewegungslos da.
    Am nächsten Morgen teilte Julius seine Männer in zwei Mannschaften auf. Er war in Versuchung, den Posten als Kapitän des schnelleren Piratenschiffs selbst zu übernehmen, folgte dann aber doch seinem Instinkt und gab Durus das Kommando, dem Kapitän und Besitzer der Ventulus. Dieser hatte nichts von dem Kampf mitbekommen, weil er in seiner Kajüte eingeschlossen gewesen war, doch sobald er die Lage erfasst hatte, hatte er aufgehört, wegen der über Bord geworfenen Ladung herumzubrüllen. Er hasste die Piraten ebenso sehr wie seine Besatzung und empfand großes Vergnügen, sie gefesselt unter seinem Deck zu sehen, dort, wo er selbst nur wenige Stunden zuvor gefangen gewesen war.
    Als ihm Julius das Angebot machte, ergriff Durus seine Hand, um das Geschäft zu besiegeln.
    »Beide Schiffe gehören mir, wenn du den Mann gefunden hast, den du suchst?«
    »Falls nicht eines von ihnen versenkt wird, wenn wir Celsus angreifen. Außerdem brauchen meine Männer ein Schiff, mit dem sie römisches Festland erreichen können. Ich würde gerne seines dafür nehmen, aber er versteht sein Handwerk und es wird nicht leicht sein, es zu erobern – falls wir ihn überhaupt finden«, erwiderte Julius und fragte sich, wie weit er dem Kapitän trauen konnte. Um sich seiner Loyalität zu versichern, würde er ihm nur ein paar Männer von der Ventulus mit auf das andere Schiff geben. Seine Legionäre würden schon dafür sorgen, dass der Kapitän die Nerven behielt, wenn der Mut ihn zu verlassen drohte.
    Durus sah verständlicherweise sehr zufrieden aus. Der Verkauf des gekaperten Schiffs würde ihm weit mehr einbringen als die verlorene Fracht, obwohl er entsetzt aufgestöhnt hatte, als er gehört hatte, dass auch das Elfenbein ins Meer geworfen worden war.
    Das Hauptproblem war, was sie mit den überlebenden Piraten anfangen sollten. Die Verwundeten hatte man auf Julius’ Befehl hin ins Jenseits befördert und zusammen mit den Toten über Bord geworfen. Sie hatten ihr Leben selbst gewählt, und ihre Schreie ließen ihn kalt. Es blieben immer noch siebzehn Mann übrig, die Tag und Nacht bewacht werden mussten. Julius knirschte mit den Zähnen. Ihr Schicksal lastete auf seinen Schultern.
    Er ließ die Piraten einzeln in die Kapitänskajüte bringen, wo er gelassen an dem schweren Tisch saß. Jeder war gefesselt und wurde von zwei seiner Männer festgehalten. Julius wollte, dass sie sich hilflos fühlten, und setzte eine möglichst harte und grausame Miene auf. Sie hatten behauptet, ihr Kapitän wäre bei dem Gefecht getötet worden, was Julius jedoch nicht unbedingt glaubte. Falls er unter ihnen war, würde er es zweifellos vorziehen, nicht erkannt zu werden.
    »Zwei Fragen«, sagte er zu dem ersten der Männer. »Wenn du sie beantworten kannst, bleibst du am Leben. Wenn nicht, verfüttern wir dich an die Haie. Wer ist euer Kapitän?«
    Der Mann spuckte Julius vor die Füße und wandte den Blick ab, als interessiere ihn das Ganze nicht. Julius ignorierte es, auch wenn er unter dem Tisch die warmen, nassen Tropfen auf seinem Knöchel spürte.
    »Wo steckt Celsus?«, fuhr er fort.
    Er erhielt keine Antwort, obwohl Julius bemerkte, wie der Gefangene zu schwitzen begann.
    »Na gut«, sagte er leise. »Werft ihn den Haien vor und bringt mir den Nächsten.«
    »Jawohl, Herr«, erwiderten die Soldaten gleichzeitig.
    Nun schien der Mann zum Leben zu erwachen. Den ganzen Weg bis zur Reling schrie er und wehrte sich verzweifelt. Dort hielten sie ihn ein paar Augenblicke lang fest, während einer der Rekruten ein Messer aus dem Gürtel zog. Der andere schaute ihn fragend an. Er zuckte die Achseln und schnitt die Riemen durch, die die Hände des Piraten zusammenhielten, ehe er ihn über das Geländer hob, wo er schreiend mit einem lauten Platschen ins Meer stürzte.
    Der Soldat steckte seinen Dolch weg und trat dann zu dem anderen, um den wild strampelnden Piraten im Wasser unter ihnen zu beobachten.
    »Ich dachte nur, er sollte eine Chance haben«, sagte er.
    Sie beobachteten, wie drei dunkle Schatten auf den zappelnden Mann zuglitten. Die Haie folgten dem Schiff, seit sie die ersten Leichen über Bord geworfen hatten. Der Pirat sah sie kommen und fing an, im Wasser zu toben und um sich zu schlagen. Dann wurde er unter die Oberfläche gezogen, und die beiden Soldaten gingen los, um den nächsten Mann zum Verhör zu holen.
    Der zweite konnte nicht schwimmen und ging einfach unter. Der dritte verfluchte sie die ganze Zeit über, während der Fragen und auf dem Weg über die Reling, bis auch er unter Wasser gezerrt wurde. Weitere Haie hatten sich im Wasser versammelt und glitten in dem blutigen Schaum übereinander hinweg, während sie um das Fleisch kämpften.
    Der vierte Mann fing sofort an zu reden, als Julius ihm die Fragen stellte.
    »Ihr werdet mich so oder so umbringen«, sagte er.
    »Nicht, wenn du mir sagst, was ich wissen will«, antwortete Julius.
    Der Mann sackte erleichtert zusammen. »Dann bin ich der Kapitän. Tötest du mich jetzt nicht?«
    »Wenn du mir sagen kannst, wo Celsus ist, hast du mein Wort«, sagte Julius und beugte sich zu ihm vor.
    »Im Winter fährt er nach Samos, in Asien. Das liegt auf der anderen Seite der Griechischen See.«
    »Den Namen kenne ich nicht«, sagte Julius misstrauisch.
    »Es ist eine große Insel vor der Küste, in der Nähe von Milet. Die römischen Schiffe patrouillieren nicht in dieser Gegend, aber ich bin schon dort gewesen. Ich sage dir die Wahrheit!«
    Julius glaubte dem Mann und nickte.
    »Ausgezeichnet. Wir machen uns sofort auf den Weg dorthin. Wie weit ist es?«
    »Einen Monat, allerhöchstens zwei.«
    Bei dieser Antwort furchte Julius die Stirn. Sie würden irgendwo anlegen und Proviant besorgen müssen, was stets ein Risiko bedeutete. Er blickte zu den beiden Soldaten auf.
    »Werft die anderen den Haien vor.«
    Der Piratenkapitän blickte bei dem Befehl finster drein. »Aber mich nicht. Du hast gesagt, du lässt mich am Leben.«
    Julius stand langsam auf. »Ich habe durch deinesgleichen gute Freunde verloren, und auch ein Jahr meines Lebens.«
    »Du hast mir dein Wort gegeben! Du brauchst mich, um euch dorthin zu führen. Ohne mich findet ihr die Stelle nie«, sagte der Pirat schnell, und seine Stimme überschlug sich vor Angst.
    Julius ignorierte ihn und richtete das Wort an die Soldaten, die seine Arme festhielten.
    »Sperrt ihn an einem sicheren Ort ein.«
    Als sie gegangen waren, saß Julius alleine in der Kabine und hörte, wie die restlichen Piraten an Deck gezerrt und über Bord geworfen wurden. Er blickte auf seine Hände hinunter, als der Lärm endlich geendet hatte und er wieder nur das Knarren und Ächzen eines Schiffes unter Segeln hörte. Er hatte damit gerechnet, Scham oder Gewissensbisse wegen seines Befehls zu empfinden, aber überraschenderweise passierte nichts dergleichen. Dann schloss er die Tür, damit er um Pelitas weinen konnte.

18

    Alexandria seufzte wütend, als sie sah, dass an den Sachen, die sie am Abend zuvor zusammengefaltet weggelegt hatte, ihre Spange fehlte. Wie ein kurzer Blick in die anderen Zimmer ergab, hatte Octavian das Haus schon früh verlassen. Mit energisch vorgerecktem Kinn schloss Alexandria die Haustür hinter sich und machte sich auf den Weg in Tabbics Werkstatt. Es ging ihr nicht nur um das wertvolle Silber oder die vielen Arbeitsstunden, die sie auf das Schmieden und Polieren der Spange verwendet hatte. Es war die einzige, die sie eigens für sich gemacht hatte, und viele Leute, die das Stück gesehen und sie darauf angesprochen hatten, waren später zu ihren Kunden geworden. Das Motiv war ein einfacher Adler, den sie kaum für ihre eigene Schulter ausgewählt hätte, wäre er nicht zum Symbol für alle Legionen geworden, womit er sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Es waren in erster Linie Offiziere, die sie anhielten und sich danach erkundigten, und bei dem Gedanken, dass sie von einem kleinen Gassenjungen gestohlen worden war, ballte sie beim Gehen die Fäuste, während ihr der Mantel ohne die Spange immer wieder von der Schulter rutschte und ständig wieder hochgezogen werden musste.
    Er war nicht nur ein Dieb, sondern auch ein Dummkopf, dachte sie. Wie kam er nur auf den Gedanken, dass er nicht erwischt werden würde? Vielleicht – diese beunruhigende Möglichkeit bestand allerdings – war der Junge schon zu sehr an Bestrafungen gewöhnt und bereit, für die Brosche alles über sich ergehen zu lassen, wenn er sie nur behalten konnte. Wütend schüttelte Alexandria den Kopf und malte sich leise murmelnd aus, was sie tun würde, sobald sie ihn zu Gesicht bekam. Er schämte sich für nichts, nicht einmal vor seiner Mutter. Das hatte sie gesehen, als die Schlachterjungen wegen des Fleischs kamen, das er gestohlen hatte.
    Vielleicht war es besser, die Angelegenheit Atia gegenüber nicht zu erwähnen. Der Gedanke daran, die Erniedrigung in ihrem Gesicht sehen zu müssen, war zu schmerzlich. Schon nach weniger als einer Woche in ihrer neuen Bleibe hatte Alexandria die Frau ins Herz geschlossen. Sie besaß Stolz und eine gewisse Würde. Leider schien der Sohn nichts davon abbekommen zu haben.
    Tabbics Laden war gegen Ende der Aufstände vor zwei Jahren beschädigt worden. Alexandria hatte ihm beim Wiederaufbau geholfen und ein wenig Tischlern gelernt, als er eine neue Tür und neue Werkbänke gebaut hatte. Seine Lebensgrundlage hatte er gerettet, indem er die wertvollen Metalle rechtzeitig in seine eigene Wohnung über dem Laden gebracht und sich dort gegen die Banden von Raptores verbarrikadiert hatte, die plündernd umherzogen, während die Stadt im Chaos versank. Als sich Alexandria dem bescheidenen kleinen Haus näherte, beschloss sie, sich nichts von ihrer Verärgerung anmerken zu lassen. Sie schuldete ihm viel, und nicht nur, weil sie die schlimmste Zeit in der Geborgenheit seiner Familie hatte verbringen dürfen. Es bedurfte keiner Worte, aber sie stand in Tabbics Schuld, und sie hatte sich geschworen, diese Schuld zu begleichen.
    Als sie die Eichentür öffnete, wurde sie von schrillem Geschrei empfangen. Befriedigung blitzte in ihren Augen auf, als sie Tabbic erblickte, der den wild um sich schlagenden Octavian mit einem muskulösen Arm in die Luft hielt. Der Kunstschmied sah bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür auf und drehte den Jungen zu Alexandria hin.
    »Du wirst es nicht glauben, was mir der Bengel hier gerade verkaufen wollte«, sagte er.
    Octavian zappelte noch wilder, als er sah, wer gerade hereingekommen war. Er trat nach dem Arm, der ihn anscheinend ohne jede Mühe in die Luft hielt. Tabbic achtete nicht darauf.
    Alexandria schoss quer durch die Werkstatt auf die beiden zu.
    »Wo ist meine Spange, du kleiner Dieb?«, wollte sie wissen.
    Tabbic öffnete die andere Hand. Darin lag der silberne Adler. Alexandria nahm die Spange und steckte sie sich wieder an.
    »Der Bursche kam hier einfach rotzfrech hereinmarschiert und sagte, ich solle ihm ein Angebot machen!«, knurrte Tabbic wütend. Als ein Mensch, der selbst ehrlich lebte, verachtete er all jene, die glaubten, sich mit Stehlen ein leichtes Leben machen zu können. Noch einmal schüttelte er Octavian, der wimmerte und dann wieder um sich trat, während seine Augen nach einer Fluchtmöglichkeit suchten.
    »Was sollen wir mit ihm machen?«, fragte Tabbic.
    Alexandria dachte eine Weile nach. So verlockend es auch sein mochte, den Jungen die ganze Straße hinunterzuprügeln, würde er sich doch mit seinen kleinen Fingern jederzeit wieder an ihrem Eigentum vergreifen können, das war ihr klar. Sie brauchte eine dauerhaftere Lösung.
    »Ich denke, ich könnte seine Mutter davon überzeugen, ihn für uns arbeiten zu lassen«, sagte sie nachdenklich.
    Tabbic ließ Octavian so weit herunter, bis seine Füße den Boden berührten. Augenblicklich biss ihn der Junge in die Hand, und Tabbic hob ihn lässig wieder in die Luft, wo er in ohnmächtiger Wut an seiner Faust baumelte.
    »Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Der ist doch nichts weiter als ein Tier!«, sagte Tabbic und betrachtete die schmerzhaften weißen Zahnabdrücke auf seinen Fingerknöcheln.
    »Du kannst ihm etwas beibringen, Tabbic. Er hat keinen Vater, der das tun könnte, und wenn er so weitermacht, dürfte er nicht mehr lange genug leben, um erwachsen zu werden. Du hast doch selbst gesagt, dass du jemanden brauchst, der den Blasebalg bedient, und hier gibt es immer etwas zu fegen und zu tragen.«
    »Lasst mich los! Ich mache hier überhaupt nichts!«, schrie Octavian.
    Tabbic sah ihn sich genauer an. »Der Junge ist so dünn wie eine Ratte. Keine Kraft in den Armen«, sagte er langsam.
    »Er ist neun, Tabbic. Was erwartest du denn?«
    »Ich würde sagen, der rennt weg, sobald die Tür aufgeht«, fuhr Tabbic fort.
    »Wenn er das tut, bringe ich ihn wieder. Irgendwann muss er ja wieder nach Hause, und dort warte ich auf ihn, versohle ihm anständig das Hinterteil und bringe ihn wieder hierher. Solange er hier ist, gerät er nicht in Schwierigkeiten, und das ist für alle Beteiligten von Nutzen. Du wirst auch nicht jünger, und mir kann er an der Esse helfen.«
    Tabbic stellte Octavian wieder auf den Boden. Diesmal biss der Junge nicht, sondern betrachtete argwöhnisch die beiden Erwachsenen, die sich über ihn unterhielten, als sei er gar nicht anwesend.
    »Wie bezahlt ihr mir dafür?«, fragte er und wischte sich mit schmutzigen Fingern die Tränen der Wut aus den Augen, wodurch er den Schmutz in seinem Gesicht nur noch mehr verschmierte.
    Tabbic lachte.
    »Dir etwas zahlen!«, sagte er verächtlich. »Junge, du wirst ein Handwerk erlernen. Eigentlich müsstest du uns dafür bezahlen.«
    Octavian stieß eine Reihe von Flüchen aus und versuchte erneut, Tabbic zu beißen. Dieses Mal versetzte ihm der Metallschmied ohne hinzusehen einen Schlag mit der flachen Hand.
    »Was ist, wenn er die Ware stiehlt?«, wandte er ein.
    Alexandria merkte, dass er sich mit der Idee anzufreunden begann. Das war natürlich das Problem. Wenn Octavian sich mit dem Silber, oder noch schlimmer, mit den kleinen Vorräten an Gold, die Tabbic unter Verschluss hielt, aus dem Staub machte, würde er damit ihnen allen schaden. Sie setzte ihre ernsteste Miene auf, packte Octavians Kinn und drehte seinen Kopf zu sich herum.
    »Wenn er das tut«, sagte sie und fixierte den kleinen Jungen mit ihrem Blick, »ist es unser gutes Recht, ihn als Sklaven zu verkaufen, um mit dem Erlös seine Schulden zu begleichen. Und seine Mutter auch, falls es nötig sein sollte.«
    »Das würdet ihr nicht tun!«, sagte Octavian, der vor Entsetzen über ihre Worte vergaß, sich zu wehren.
    »Mein Geschäft ist kein Wohltätigkeitsunternehmen, mein Junge. Wir würden es sehr wohl tun«, erwiderte Tabbic streng. Über Octavians Kopf hinweg zwinkerte er Alexandria zu.
    »In dieser Stadt werden Schulden bezahlt – so oder so«, stimmte sie zu.
    Der Winter war schnell hereingebrochen. Tubruk und Brutus trugen warme Umhänge, während sie die alte Eiche zu Feuerholz zerkleinerten, das dann mit dem Karren in die Lagerräume des Guts gebracht werden konnte. Renius schien die Kälte nicht zu spüren und ließ seinen Stumpf, hier, wo ihn kein Fremder sehen konnte, nackt im Wind. Er hatte einen Sklavenjungen vom Gut mitgebracht, der ihm die Äste festhielt, während er die Axt schwang. Seit er im Schlepptau von Renius angekommen war, hatte der Junge kein Wort gesagt, doch er trat immer ein Stück beiseite, wenn Renius ausholte. Mit vom Wind gerötetem Gesicht kämpfte er gegen ein Grinsen an, wenn die Klinge abrutschte und Renius stolperte und leise vor sich hin fluchte. Brutus kannte den alten Gladiator gut genug, um im Stillen bei dem Gedanken an die Folgen zusammenzuzucken, falls Renius bemerkte, wie sich das Kind über ihn lustig machte. Die Arbeit brachte sie alle gehörig ins Schwitzen und ließ ihren Atem in der Winterluft in eisigen Wolken aufsteigen. Brutus sah kritisch zu, wie Renius zuschlug und zwei kleinere Holzstücke durch die Luft wirbelten. Er hob erneut seine eigene Axt und blickte zu Tubruk hinüber.
    »Am meisten Sorgen bereiten mir die Schulden bei Crassus. Alleine die Kasernen kosten schon viertausend Aurei.«
    Brutus schlug zu, während er sprach, und ächzte leise, als der Hieb das Holz sauber durchtrennte.
    »Was erwartet er denn als Gegenleistung?«, fragte Tubruk.
    Brutus zuckte die Achseln. »Er sagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Genau das raubt mir den Schlaf, weil ich ständig daran denken muss. Der Waffenschmied, den er eingestellt hat, stellt mehr an Ausrüstung her, als ich Männer zur Verfügung habe, selbst wenn ich ganz Rom durchkämmen würde. Nur um die Schwerter zu bezahlen, müsste ich mit meinem Sold als Zenturio jahrelang arbeiten.«
    »Summen dieser Größenordnung bedeuten Crassus nicht viel. Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, könnte er den halben Senat kaufen, wenn er wollte«, meinte Tubruk und stützte sich auf seine Axt. Der Wind wirbelte die Blätter auf. Die Luft, die sie einatmeten, biss ihnen mit einer Kälte in die Kehlen, die schon fast wieder angenehm war.
    »Ich weiß. Meine Mutter meint, ihm gehört schon jetzt mehr von Rom, als er brauchen kann. Alles, was er kauft, wirft Gewinn ab, und deshalb frage ich mich auch, wo für ihn der Profit beim Kauf der Primigenia liegt.«
    Tubruk schüttelte den Kopf und hob wieder die Axt.
    »Er hat sie nicht gekauft, und dich auch nicht. Sag so etwas nicht. Die Primigenia ist weder ein Haus noch eine Spange. Nur der Senat kann ihr Befehle erteilen. Falls er glaubt, eine Privatlegion aufstellen zu können, solltest du ihm sagen, dass er eine neue Standarte in die Rollen eintragen lassen soll.«
    »Das hat er nicht gesagt. Er unterschreibt nur die Rechnungen, die ich ihm schicke. Meine Mutter glaubt, dass er sich mit dem Geld ihrer Wertschätzung versichern will. Ich würde ihn gerne danach fragen, aber was ist, wenn es stimmt? Ich will meine Mutter weder an diesen noch an irgendeinen anderen Mann verkaufen, aber ich muss die Primigenia haben.«
    »Für Servilia wäre es nicht das erste Mal«, bemerkte Tubruk mit einem kleinen Lachen.
    Brutus legte seine Axt langsam auf einem Holzklotz ab. Als der alte Gladiator seinen wütenden Gesichtsausdruck sah, hielt er inne.
    »Einmal darfst du das sagen, Tubruk. Aber nicht noch einmal«, sagte Brutus. Seine Stimme war so kalt wie der Wind, der sie umspielte. Tubruk stützte sich wieder auf seine Axt und begegnete dem stechenden Blick.
    »Du erwähnst sie im Augenblick ziemlich oft. Ich habe dir nicht beigebracht, irgendjemandem gegenüber so schnell deine Deckung aufzugeben. Und Renius auch nicht.«
    Wie zur Antwort schnaubte Renius leise, während er ein Stück Ast unter seinen Füßen wegtrat. Sein Haufen gespaltener Holzscheite war kaum halb so groß wie die der anderen, obgleich es ihn mehr Mühe gekostet hatte.
    Brutus schüttelte den Kopf. »Sie ist meine Mutter, Tubruk!«
    Der ältere Mann zuckte die Achseln. »Du kennst sie nicht, Junge. Ich möchte nur, dass du vorsichtig bist.«
    »Ich weiß genug«, sagte Brutus und nahm seine Axt wieder in die Hand.
    Fast eine Stunde lang arbeiteten die drei Männer schweigend, hackten Holz und schichteten es auf den kleinen Handkarren, der in der Nähe stand. Als Tubruk schließlich einsah, dass Brutus nichts sagen würde, schluckte er seine Verärgerung hinunter.
    »Kommst du mit den anderen auf das Legionenfeld?«, fragte er, ohne ihn anzusehen. Er kannte die Antwort, aber es war wenigstens ein unverfängliches Thema, um ihr Gespräch fortzusetzen. Jedes Jahr im Winter gingen alle Jungen, die sechzehn geworden waren, auf den Campus Martius, wo die neuen Legionen ihre Standarten aufstellten. Nur die Lahmen und Blinden wurden dort abgewiesen. Durch ihre erneute Aufnahme in die Senatsrollen hatte die Primigenia das Recht erworben, ihren Adler neben denen der anderen aufzupflanzen.
    »Das muss ich wohl«, erwiderte Brutus, der sich die Worte gegen seinen Willen abrang. Seine Miene hellte sich auf, während er sprach. »Mit denen aus anderen Städten könnten dort bis zu dreitausend Rekruten zusammenkommen. Einige davon werden bei der Primigenia unterschreiben. Die Götter wissen, dass ich die Mannschaftsstärke erhöhen muss, und zwar schnell. Die Unterkünfte, die Crassus gekauft hat, stehen praktisch leer.«
    »Wie viel Mann hast du denn schon?«, fragte Tubruk.
    »Mit den sieben, die gestern gekommen sind, sind es fast neunzig. Du solltest sie sehen, Tubruk.« Der junge Mann blickte in die Ferne und sah ihre Gesichter wieder vor sich. »Ich glaube, jeder, der den Kampf gegen Sulla überlebt hat, hat sich wieder gemeldet. Ein paar von ihnen haben inzwischen in der Stadt in anderen Berufen gearbeitet, aber sie haben einfach ihre Werkzeuge hingeworfen und alles stehen und liegen lassen, als sie von der Neuaufstellung der Primigenia hörten. Andere haben wir als Wachen vor Häusern und Tempeln gefunden. Auch sie sind ohne Widerspruch mitgekommen. Alles nur der Erinnerung an Marius wegen.«
    Er hielt einen Augenblick lang inne, ehe er in etwas schärferem Tonfall fortfuhr. »Meine Mutter hatte einen Wächter, der damals Optio in der Primigenia war. Er hat sie gefragt, ob er sich melden könnte, und sie hat ihn gehen lassen. Er wird Renius bei der Ausbildung der neuen Rekruten helfen… wenn wir welche bekommen.«
    Tubruk drehte sich zu Renius um. »Willst du wirklich mit ihm gehen?«, fragte er.
    Renius legte seine Axt nieder und hauchte sich in die Hand. »Als Holzfäller habe ich keine Zukunft, mein Freund. Ich werde meinen Teil beitragen.«
    Tubruk nickte. »Versuch keinen von ihnen umzubringen. Es dürfte schwierig genug werden, überhaupt Soldaten zu bekommen. Es ist nicht mehr der Traum eines jeden, sich der Primigenia anzuschließen.«
    »Wir können auf eine Geschichte zurückblicken«, erwiderte Brutus. »Die neuen Legionen, die sie ausheben, haben nichts Vergleichbares vorzuweisen.«
    Tubruk blickte ihn scharf an. »Eine Geschichte der Schande, wie manche denken. Schau mich nicht so finster an, das sagen die Leute nun mal. Für sie ist das die Legion, die die Stadt verloren hat. Es wird nicht leicht für dich werden.« Er blickte sich um, betrachtete die Holzstapel und den vollen Karren und nickte vor sich hin.
    »Das reicht für heute. Der Rest kann warten. Im Haus wartet ein Becher heißer Wein auf uns.«
    »Nur noch einen Schlag«, sagte Renius und wandte sich dem Jungen an seiner Seite zu, ohne eine Antwort abzuwarten.
    »Ich glaube, ich schlage inzwischen schon etwas sicherer zu als am Anfang, findest du nicht auch, Junge?«
    Der Sklave wischte sich die Nase mit der Hand und hinterließ eine silbrige Spur quer über seine Wange. Er nickte und war plötzlich nervös.
    Renius lächelte ihn an.
    »Mit einem Arm kann man die Axt allerdings nicht so sicher führen wie mit zwei. Heb mal das Stück Holz dort auf und halt es fest, während ich es spalte.«
    Der Junge schleppte ein Stück Eiche vor Renius’ Füße und wollte dann ein paar Schritte zurücktreten.
    »Nein. Halt es fest. Mit einer Hand auf jeder Seite«, sagte Renius. Seine Stimme hatte einen deutlich härteren Ton angenommen.
    Der Junge zögerte einen Augenblick und blickte zu den anderen beiden hinüber, die schweigend, aber interessiert zusahen. Von ihrer Seite war keine Hilfe zu erwarten. Widerstrebend legte er die Hände um das runde Holzscheit und lehnte sich so weit wie möglich zurück, das Gesicht verzerrt in Erwartung dessen, was nun kommen würde.
    Renius ließ sich Zeit, bis er die richtige Haltung gefunden hatte. »Halt ihn jetzt gut fest«, sagte er warnend, während er ausholte. Die Klinge schoss herab und spaltete das Holz mit einem lauten Krachen. Der Junge riss die Hände zurück, steckte sie in die Achselhöhlen und biss vor Schmerz die Zähne zusammen.
    Renius hockte sich neben den Knaben und legte die Axt auf den Boden. Dann zog er vorsichtig eine Hand des Jungen hervor und betrachtete sie. Dessen Wangen waren vor Erleichterung gerötet, und als Renius keine Wunden entdecken konnte, grinste er und zerzauste ihm gut gelaunt das Haar.
    »Sie ist nicht abgerutscht«, sagte der Junge.
    »Nicht als es darauf ankam«, pflichtete ihm Renius lachend bei. »Du hast wahren Mut bewiesen. Damit hast du dir einen Becher heißen Wein verdient, würde ich sagen.«
    Der Junge strahlte und vergaß den Schmerz in seinen Händen.
    Die drei Männer wechselten bei dem Stolz des Knaben Blicke voller Vergnügen und Erinnerungen. Dann packten sie die Griffe des Karrens und machten sich den Hügel hinunter auf den Heimweg zum Gut.
    »Bis Julius zurückkehrt, soll die Primigenia stark sein«, sagte Brutus, als sie unten am Tor ankamen.
    Julius und Gaditicus spähten durch die Büsche am Steilufer auf das weit entfernte, winzige Schiff, das unter ihnen in einer ruhigen Bucht der Insel festgemacht lag. Beide Männer hatten Hunger und fast unerträglichen Durst. Ihr Wasserschlauch war leer, doch sie hatten vereinbart, sich erst nach Einbruch der Dunkelheit auf den Rückweg zu machen.
    Es hatte länger gedauert als erwartet, den sanfteren Hang bis zum Gipfel zu ersteigen, wo der Boden unerwartet steil abfiel. Jedes Mal, wenn die beiden geglaubt hatten, oben angelangt zu sein, hatten sie eine weitere Erhebung entdeckt. Schließlich hatten sie kurz nach Tagesanbruch Halt gemacht, als sie schon wieder absteigen wollten. Bis sie das Schiff endlich entdeckten, hatte sich Julius mehr als einmal gefragt, ob ihn sein Pirateninformant angelogen hatte, um nicht den Haien vorgeworfen zu werden. Auf der ganzen langen Fahrt zur Insel war der Mann an ein Ruder seines eigenen Schiffes gekettet gewesen, doch nun sah es so aus, als hätte er sich mit den Einzelheiten hinsichtlich Celsus’ Winterquartier sein Leben verdient.
    Julius zeichnete das, was sie sehen konnten, mit Holzkohle auf ein Pergament, um den Zurückgebliebenen etwas zeigen zu können. Gaditicus beobachtete ihn schweigend und mit säuerlichem Gesicht.
    »Es ist nicht zu schaffen, zumindest nicht ohne Risiko«, murmelte er, während er einen weiteren Blick durch das niedrige Blätterwerk riskierte. Julius hörte auf, aus der Erinnerung zu zeichnen, und kniete sich hin, um die Szene erneut zu betrachten. Die beiden Soldaten hatten keine Rüstung angelegt, um schneller voranzukommen und um zu verhindern, dass sie sich durch ein Glitzern verrieten. Julius ließ sich wieder zurücksinken, um seine Zeichnung fertig zu stellen. Er betrachtete sie kritisch.
    »Vom Schiff aus nicht«, sagte er nach einer Weile, und die Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht. Während des Monats der schnellen Überfahrt hatten die Mannschaften Tag und Nacht geübt und waren für den Kampf gegen Celsus bereit. Julius hätte seine letzte Münze darauf verwettet, dass sie in der Lage waren, sein Schiff ohne große eigene Verluste zu entern und ihn gefangen zu nehmen. Jetzt, da er die kleine, zwischen drei Bergen eingebettete Bucht betrachtete, schienen alle ihre Pläne umsonst gewesen zu sein.
    Die Insel hatte kein ebenes Land in der Mitte, sondern bestand lediglich aus drei erkalteten, uralten Vulkangipfeln, die rings um eine winzige Bucht aufragten. Von ihrem hoch gelegenen Aussichtspunkt aus konnten sie die tiefen Fahrrinnen sehen, die zwischen den Bergen verliefen. Ganz gleich, aus welcher Richtung Celsus angegriffen wurde, er konnte durch einen der beiden anderen Kanäle ohne große Eile und ungefährdet aufs offene Meer entkommen. Mit drei Schiffen hätten sie ihm den Weg versperren können, mit zweien jedoch war es ein reines Glücksspiel.
    Tief unter sich sah Julius die dunklen Schatten von Delfinen, die um das Schiff in der Bucht herumschwammen. Es war ein wunderschöner Ort, und Julius dachte, dass er gerne einmal hierher zurückkehren würde, wenn sich ihm die Gelegenheit bot. Aus der Ferne wirkten die Berge feindselig und schroff, graugrün im Sonnenschein, aber von diesem luftigen Aussichtspunkt aus boten sie einen herrlichen Anblick. Die Luft war so klar, dass er jede Einzelheit auf den anderen beiden Gipfeln ausmachen konnte, weshalb er und Gaditicus sich auch nicht zu rühren wagten. Wenn sie die Bewegungen der Männer auf dem Deck von Celsus’ Schiff sehen konnten, konnte man auch sie hier oben entdecken, und ihre einzige Rachechance wäre dahin.
    »Ich hätte eher damit gerechnet, dass er in einer der großen Städte fernab von Rom überwintert«, sagte Julius nachdenklich. Die Insel schien bis auf das ankernde Schiff unbewohnt zu sein, und es überraschte ihn, dass sich die harten Burschen der Piratenmannschaft nach den langen Monaten der Jagd auf Handelsschiffe hier nicht langweilten.
    »Zweifellos stattet er dem Festland hin und wieder Besuche ab, aber wie du siehst, ist es hier am sichersten für ihn. Dieser See dort am Fuße des Berges besteht wahrscheinlich aus Süßwasser, und vermutlich gibt es hier genügend Vögel und Fische, um hin und wieder ein Festmahl zu veranstalten. Und wem wollte er während seiner Abwesenheit sein Schiff anvertrauen? Seine Männer bräuchten nur den Anker zu lichten, und schon hätte er alles verloren.«
    Julius sah Gaditicus an und hob die Augenbrauen. »Der arme Mann«, meinte er und rollte seine Karte zusammen.
    Gaditicus grinste und blinzelte in die Sonne. »Ihr Götter. Es wird noch Stunden dauern, bis wir über den Kamm zurückkönnen, und meine Kehle ist jetzt schon voller Staub.«
    Julius streckte sich aus, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
    »Mit Flößen könnten wir nah genug herankommen, und die Schiffe könnten folgen, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden. In der nächsten mondlosen Nacht haben wir genügend Zeit, um ein paar zu bauen und zu planen. Aber jetzt werde ich erst mal ein bisschen schlafen, bis es dunkel genug für den Rückweg ist«, murmelte er und schloss die Augen. Nach wenigen Minuten schnarchte er leise vor sich hin, und Gaditicus betrachtete ihn amüsiert.
    Der Ältere war zu angespannt, um schlafen zu können, deshalb beobachtete er weiter die Männer auf dem Schiff tief unter ihm in der Bucht. Er fragte sich, wie viele wohl sterben würden, wenn Celsus so schlau war, jede Nacht gute Wachposten aufzustellen, und er wünschte sich, er hätte das gleiche Vertrauen in die Zukunft wie der junge Mann.

19

    Das schwarze Wasser war bitterkalt und spülte immer wieder über die Römer, die flach auf den Flößen lagen und langsam auf den dunklen Rumpf von Celsus’ Schiff zupaddelten. Obwohl sich alle gerne beeilt hätten, hielt sich jeder Mann zurück und bewegte die tauben Hände nur mit kleinen Bewegungen im ruhigen Wasser. Julius’ Mannschaften hatten fieberhaft gearbeitet und Bretter und Seile von den beiden Schiffen gerissen, die außerhalb der Bucht an der Küste verborgen vor Anker lagen. Als sie fertig waren, glitten fünf Plattformen langsam durch die tiefen Rinnen auf den Strand zu, an dem Celsus festgemacht hatte, die Schwerter mit Stoff zusammengebündelt, um das Gleichgewicht zu halten. Sie hatten keine Rüstungen dabei. Auch wenn diese ihnen einen Vorteil hätten verschaffen können, ging Julius davon aus, dass sie keine Zeit haben würden, sie anzulegen. Stattdessen zitterten seine Männer in Tuniken und Beinlingen, die sie kaum vor dem nächtlichen Wind schützten.
    Celsus erwachte in seiner Kajüte und lauschte. Was war das für ein Geräusch gewesen, das ihn soeben geweckt hatte? Hatte der Wind gedreht? Die Bucht bot vollkommenen Schutz, aber ein Sturm konnte eine Flutwelle durch die Kanäle treiben, die den Halt der Anker in dem schlammigen Meeresgrund lockern konnte. Zuerst wollte er sich einfach wieder umdrehen und weiterschlafen. Er hatte am Abend zuvor mit den anderen zu viel getrunken, und das schmierige Fett des gebratenen Fleisches hatte sich auf seiner Haut zu wachsartigen Spritzern verhärtet. Behäbig rieb er an einer Stelle und kratzte mit dem Fingernagel die Reste des Festmahls ab. Seine Offiziere schliefen ohne Zweifel ihren Rausch aus, und jemand musste jede Stunde auf dem Schiff nach dem Rechten sehen. Er seufzte, griff in der Dunkelheit nach seinen Kleidern und verzog das Gesicht bei dem muffigen Geruch nach Wein und Essen, der aus ihnen aufstieg.
    »Ich sollte es besser wissen«, murmelte er vor sich hin und zuckte zusammen, als der bittere Geschmack von Säure in seiner Kehle hochstieg. Er fragte sich, ob er Cabera wecken sollte, damit ihm dieser etwas von der kreidigen Mixtur zusammenrührte, die anscheinend recht gut half.
    Plötzlich hörte er ein Handgemenge vor seiner Tür und das Geräusch eines auf dem Deck aufschlagenden Körpers. Celsus runzelte die Stirn und nahm mehr aus Gewohnheit denn aus Furcht den Dolch vom Haken, als er die Tür öffnete und hinausblickte.
    Dort hob sich ein dunkler, nicht näher zu erkennender Schatten gegen das Sternenlicht hoch über ihnen ab.
    »Wo ist mein Geld?«, flüsterte Julius.
    Celsus schrie erschrocken auf, stürzte vorwärts und drosch auf die Gestalt ein. Er spürte, wie ihn jemand an den Haaren packte, kaum dass er das Deck betreten hatte, und sein Kopf wurde zurückgerissen, ehe die Hand abrutschte. Er duckte sich schnell und brüllte aus Furcht vor der Klinge, die in seiner Vorstellung auf seinen ungeschützten Rücken niedersauste.
    Auf dem Hauptdeck wogte eine unentwirrbare Masse aus zappelnden Gestalten, aber niemand antwortete ihm. Celsus sah seine Männer am Boden liegen, zu benommen von Alkohol und Schlaf, um sich wirklich zur Wehr setzen zu können. Er wich den Knäueln der Männer aus und rannte nach achtern zur Waffenkammer. Dort würden sie sich den Angreifern stellen. Noch war nicht alles verloren.
    Etwas Schweres traf ihn im Genick, und er strauchelte. Seine Füße stolperten über eine gefesselte Gestalt, und er stürzte krachend zu Boden. Die Stille war gespenstisch. Im Dunkeln waren weder Rufe noch Befehle zu hören, nur das Stöhnen und Atmen von Männern, die ohne Erbarmen und mit allem, was sie in die Hände bekamen, um ihr Leben kämpften. Celsus sah, wie einer seiner Männer mit einem dicken Tau um den Hals kämpfte, sich mit den Fingern darankrallte, dann sprang er wieder auf und tastete sich weiter durch die Dunkelheit. Er schüttelte den Kopf, um das Gefühl von Panik loszuwerden, und sein Herz raste hemmungslos.
    Die Waffenkammer war von Fremden umstellt. Ihre nasse Haut glänzte im Licht der Sterne, als sie sich zu ihm umdrehten. Er konnte ihre Augen nicht erkennen und hob den Dolch, um auf sie einzustechen, als sie auf ihn zukamen.
    Ein Arm legte sich ihm von hinten um den Hals, und Celsus hieb wie wild darauf ein, worauf er mit einem Stöhnen weggezogen wurde. Er wirbelte herum und fuchtelte mit dem Dolch vor sich herum, als die Schatten auseinander glitten und ein Funke die Szenerie wie ein Blitz erleuchtete. Einen Augenblick lang sah er ihre leuchtenden Augen, ehe alles noch dunkler wurde als zuvor.
    Julius schlug einen weiteren Funken und entzündete die Öllampe, die er aus Celsus’ Kajüte mitgebracht hatte. Celsus schrie vor Entsetzen auf, als er den jungen Römer erkannte.
    »Gerechtigkeit für die Toten, Celsus«, sagte Julius, während er das Licht über das entsetzte Gesicht des Mannes wandern ließ. »Wir haben fast alle deine Männer, ein kleiner Rest hat sich unter Deck verbarrikadiert. Aber die laufen uns nicht weg.«
    Seine Augen funkelten im Licht der Lampe, und Celsus spürte, wie seine Arme mit einer grauenvollen Endgültigkeit gepackt wurden, als die anderen ihn umringten und ihm den Dolch aus den Fingern rissen. Julius beugte sich so weit vor, dass ihre Gesichter sich fast berührten.
    »Die Ruderer werden an ihre Bänke gekettet. Deine Mannschaft wird gekreuzigt, so wie ich es dir versprochen habe. Ich nehme dieses Schiff für Rom und das Haus Cäsar in Besitz.«
    Verblüfft und fasziniert starrte Celsus ihn an. Sein Mund stand offen, während er zu verstehen versuchte, was geschehen war, aber es wollte ihm nicht gelingen.
    Ohne Vorwarnung schlug ihm Julius hart in den Bauch. Celsus spürte, wie ihm die Säure aus dem Magen hochschoss und er würgte einen Augenblick, als sich seine Kehle mit Bitterkeit füllte. Er sackte in den Armen der Männer zusammen, die ihn festhielten, und Julius trat einen Schritt zurück. Plötzlich entwand sich Celsus dem nun gelockerten Griff der Männer hinter ihm und stürzte sich auf seinen Gegner. Er krachte gegen Julius, und beide stürzten zu Boden. Die Lampe verströmte ihr Öl über das Deck. In der Verwirrung machten sich die Römer mit der instinktiven Angst von Männern, die auf hölzernen Schiffen segelten, daran, die Flammen zu löschen. Celsus landete einen Treffer auf der sich windenden Gestalt unter ihm und sprang dann in einem verzweifelten Fluchtversuch auf die Reling des Schiffs zu.
    Ciros riesige Gestalt versperrte ihm den Weg, und Celsus sah die Klinge nicht, in die er hineinrannte. Im Todeskampf schaute er in das Gesicht des Mannes, der ihn niedergestreckt hatte, aber dort war nichts zu sehen, nur Leere. Dann war er tot und glitt von dem Schwert auf das Deck.
    Julius setzte sich keuchend auf. In der Nähe hörte er das Splittern von Holz. Dort bahnten sich seine Männer den Weg in die verbarrikadierten Kajüten. Es war so gut wie vorüber. Er zuckte beim Lächeln zusammen, weil seine Lippen von einem Schlag bluteten, den er irgendwann im Kampf abbekommen hatte.
    Cabera kam über das Holzdeck auf ihn zugelaufen. Er sah noch ein bisschen magerer aus, falls das überhaupt möglich war, und in seinem breiten Grinsen fehlte seit dem letzten Mal mindestens ein weiterer Zahn. Trotzdem war es noch immer dasselbe Gesicht.
    »Ich habe ihnen immer wieder gesagt, dass du kommen würdest, aber sie wollten mir nicht glauben«, sagte er fröhlich.
    Julius stand auf und umarmte ihn, überwältigt vor Erleichterung, den alten Mann gesund und munter wiederzusehen. Es bedurfte keiner weiteren Worte.
    »Lasst uns nachsehen, wie viel von unserem Lösegeld Celsus schon ausgegeben hat«, sagte er schließlich. »Lampen! Schafft Lampen her! Bringt sie mit hinunter in den Frachtraum.«
    Cabera und die anderen folgten ihm die Treppe hinunter, die fast so steil war wie eine Leiter. Jeder der drängelnden Männer waren ebenso gespannt wie er, was sie wohl finden würden. Die Wachen waren betrunken gewesen und gleich beim ersten Angriff überwältigt worden, aber die vergitterte Tür war noch immer verschlossen, so wie Julius es angeordnet hatte. Als er die Hand darauf legte, hielt er einen Augenblick inne, atemlos vor Erwartung. Der Frachtraum konnte leer sein, das wusste er. Andererseits konnte er auch randvoll sein.
    Die Tür gab unter den Äxten leicht nach, und als die anderen Julius folgten, erhellten die Öllampen den Hohlraum, der direkt unter den Ruderbänken lag. Das wütende Gemurmel der Ruderer hallte als gespenstisches Echo durch den geschlossenen Raum. Die Belohnung für ihre Treue zu Celsus würde die Sklaverei sein, als einzige ausgebildete Mannschaft im Dienst Roms.
    Julius holte tief Luft. Alle Wände des Frachtraums bestanden aus stabilen, tiefen Eichenregalen, die vom Boden bis zur hohen Decke reichten. Auf jedem Regalbrett lagen Schätze. Kisten mit Goldmünzen und kleine, aufgestapelte Silberbarren, sorgfältig platziert, um das Gleichgewicht des Schiffes nicht zu beeinträchtigen. Julius schüttelte ungläubig den Kopf. Das, was er vor sich sah, würde ausreichen, um in manchen Teilen der Welt ein kleines Königreich zu kaufen. Die Sorge um diese Reichtümer musste Celsus zum Wahnsinn getrieben haben. Julius bezweifelte, dass er das Schiff jemals verlassen hatte, wo er so viel zu verlieren hatte. Das Einzige, was er nicht entdecken konnte, war der Stapel Wechsel, die ihm Marius vor seinem Tod gegeben hatte. Er hatte von Anfang an gewusst, dass sie für Celsus keinen Wert besaßen, denn der Pirat konnte niemals eine so große Summe aus der Stadtkasse beanspruchen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, dass sein Treiben bekannt wurde. Julius hatte gehofft, dass sie nicht mit der Accipiter versunken waren, aber das verlorene Geld war nichts im Vergleich zu dem Gold, das sie im Gegenzug gewonnen hatten.
    Die Männer, die mit ihm eingetreten waren, verstummten bei dem Anblick. Nur Cabera und Gaditicus traten weiter in den Frachtraum hinein und begutachteten den Inhalt eines jeden Regals. Gaditicus blieb plötzlich stehen und zog ächzend eine Kiste hervor. In das Holz war ein Adler eingebrannt, und aufgeregt wie ein Kind öffnete er den Deckel mit dem Heft seines Schwertes.
    Er zog eine Hand voll glänzender, frisch geprägter Silbermünzen hervor. Jede einzelne war mit Insignien Roms und dem Konterfei des Cornelius Sulla versehen.
    »Wenn wir die hier zurückbringen, können wir unsere Namen reinwaschen«, sagte er zufrieden und blickte Julius an.
    Julius musste über die Prioritäten des älteren Mannes lachen.
    »Mit diesem Schiff als Ersatz für die Accipiter wird man uns wie verlorene Söhne empfangen. Wie wir wissen, ist es schneller als die meisten der unseren«, erwiderte Julius. Er sah, wie Cabera einige wertvolle Gegenstände in den Falten seines Gewandes verschwinden ließ, wo sie der enge Gürtel, der seine Taille umgab, am Herausfallen hinderte. Julius hob amüsiert die Augenbrauen.
    Gaditicus fing an zu lachen, als er die Münzen durch die Finger rinnen und wieder in die Kiste zurückfallen ließ.
    »Wir können wieder nach Hause«, sagte er. »Endlich können wir wieder nach Hause.«
    Julius weigerte sich, Kapitän Durus die zwei Triremen zu übergeben, die er ihm als Ausgleich für seine verlorene Fracht versprochen hatte. Er hielt es für unklug, sich eine solche Blöße zu geben, ehe sie die Sicherheit eines römischen Hafens erreicht hatten. Während Durus wegen dieser Entscheidung tobte, suchte Gaditicus Julius in der Kajüte auf, die einmal Celsus gehört hatte, jetzt jedoch sauber geschrubbt und leer geräumt worden war. Der junge Mann ging während ihres Gesprächs darin auf und ab, unfähig, sich zu entspannen.
    Gaditicus nippte an einem Becher Wein und genoss die vorzügliche Auswahl aus Celsus’ Vorräten.
    »Wir könnten im Legionshafen von Thessaloniki anlanden und dort der Legion das Silber und das Schiff übergeben. Nachdem wir unsere Ehre wiederhergestellt haben, könnten wir die Küste entlangsegeln, oder sogar Richtung Westen nach Dyrrhachium marschieren und dort ein Schiff nach Rom nehmen. Wir sind so dicht dran. Durus sagt, er wird schwören, dass wir eine Geschäftsvereinbarung gehabt haben, also kann man uns nicht wegen Piraterie anklagen.«
    »Da ist immer noch der Soldat, den Ciro im Hafen getötet hat«, sagte Julius langsam und gedankenverloren.
    Gaditicus zuckte die Achseln. »Soldaten sterben, und wir haben ihn schließlich nicht niedergemetzelt. Der Mann hatte einfach Pech. Sie werden uns daraus keinen Strick drehen können. Wir können nach Hause zurückkehren.«
    »Was wirst du machen? Du hast jetzt genug, um dich zur Ruhe zu setzen, denke ich.«
    »Vielleicht. Ich habe mir überlegt, meinen Anteil dazu zu verwenden, um dem Senat die Sklaven zu bezahlen, die mit der Accipiter untergegangen sind. Wenn ich das tue, schicken sie mich vielleicht sogar wieder als Kapitän zur See. Wir haben schließlich zwei Piratenschiffe erobert, das können sie kaum außer Acht lassen.«
    Julius erhob sich und packte den Arm seines Gefährten.
    »Ich schulde dir weit mehr als das, das weißt du.«
    Gaditicus ergriff den Arm, der ihn festhielt.
    »Du schuldest mir gar nichts, Junge. Als wir in dieser stinkenden Zelle saßen… und unsere Freunde starben… damals hat mich mit ihnen auch mein Wille für eine Weile verlassen.«
    »Aber du warst der Kapitän, Gadi. Du hättest auf deinem Befehlsrecht bestehen können.«
    Gaditicus lächelte ein wenig traurig.
    »Ein Mann, der das tun muss, merkt ziemlich schnell, dass er keinen sehr guten Stand hat.«
    »Du bist ein guter Mann. Und ein großartiger Kapitän«, sagte Julius und wünschte sich, er hätte bessere Worte für seinen Freund gefunden. Er wusste, was für eine seltene Stärke es Gaditicus abverlangt hatte, seinen Stolz hinunterzuschlucken, doch ohne dies wäre es ihnen niemals gelungen, ihr Leben und ihre Ehre zurückzuerobern.
    »Na, dann komm«, sagte er. »Wenn du es so willst, setzen wir nach Griechenland über und begeben uns wieder in die Zivilisation.«
    Gaditicus lächelte mit ihm. »Was wirst du mit deinem Anteil am Gold machen?«, fragte er vorsichtig.
    Nur Suetonius hatte sich beschwert, als Julius die Hälfte für sich beansprucht hatte, während der Rest zu gleichen Teilen aufgeteilt werden sollte. Auch wenn sie das römische Silber und die Lösegelder für die Offiziere der Accipiter abzogen, würde ihr Anteil immer noch größer sein, als sie jemals zu hoffen gewagt hatten. Suetonius hatte kein Wort mehr mit Julius gesprochen, nachdem er die für ihn bestimmte Summe erhalten hatte. Außer ihm gab es jedoch kein unzufriedenes Gesicht auf den drei Schiffen. Die anderen betrachteten Julius beinahe mit Ehrfurcht.
    »Ich weiß noch nicht, was ich damit anfange«, sagte Julius, und sein Lächeln erstarb. »Ich kann nicht nach Rom zurückkehren, wie du weißt.«
    »Sulla?«, fragte Gaditicus und erinnerte sich an den jungen Mann, der kurz vor dem Auslaufen in Ostia an Bord seiner Galeere gekommen war, das Gesicht noch verschmiert vom Ruß der brennenden Stadt hinter ihm.
    Julius nickte finster.
    »Ich kann nicht zurückkehren, solange er am Leben ist«, murmelte er, und seine Laune verfinsterte sich ebenso schnell, wie sie sich gehoben hatte.
    »Du bist zu jung, um dir deswegen Gedanken zu machen. Manche Feinde kann man schlagen, andere muss man einfach überleben. Das ist sicherer.«
    Julius dachte an diese Unterhaltung, als sie durch den tiefen Kanal segelten, hinter dem Thessaloniki vor den Stürmen des Ägäischen Meeres geschützt lag. Die drei Schiffe segelten Bug an Bug vor dem böigen Wind. Die Segel knatterten, und alle Männer, die sonst nichts zu tun hatten, waren an Deck mit Putzen und Polieren beschäftigt. Er hatte drei Flaggen der Republik für die Masten herstellen lassen, und wenn sie um die letzte Bucht herum auf den Hafen zusteuerten, würden sie einen Anblick bieten, der römische Herzen höher schlagen lassen würde. Er seufzte leise vor sich hin. Rom war alles, was er kannte. Tubruk, Cornelia und Marcus… wann würden sie sich wiedersehen? Seine Mutter. Zum ersten Mal, solange er sich erinnern konnte, wollte er sie sehen, nur um ihr sagen zu können, dass er ihre Krankheit verstand und dass es ihm Leid tat. Ein Leben im Exil war nicht zu ertragen. Er schauderte leicht, als der Wind in seine Haut schnitt.
    Gaditicus trat neben ihm an die Reling. »Irgendetwas stimmt hier nicht, mein Junge. Wo sind die Handelsschiffe? Die Galeeren? Vor uns müsste eigentlich ein geschäftiger Hafen liegen.«
    Während sie sich näherten, strengte Julius seine Augen an, um etwas an Land erkennen zu können. Dünne Rauchfahnen stiegen in den Himmel, zu viele, um von Kochstellen zu stammen. Als sie nahe genug herangekommen waren, um anlegen zu können, erkannte er, dass die einzigen anderen Schiffe im Hafen schwere Schlagseite hatten und Brandspuren aufwiesen. Von einem war kaum mehr als der ausgebrannte Rumpf übrig. Auf dem Wasser im Hafenbecken schaukelte eine Schicht aus nasser Asche und Holzsplittern.
    Die restlichen Männer kamen an die Reling und betrachteten betreten schweigend das Bild der Verwüstung, das sich ihnen bot. Im schwachen Sonnenlicht wurden verwesende Leichen sichtbar. Kleine Hunde zerrten an ihnen und ließen die ausgestreckten Gliedmaßen in einer vulgären Parodie des Lebens hüpfen und zucken.
    Die drei Schiffe machten fest, und die Soldaten gingen an Land, ohne die unnatürliche Stille zu stören, die Hände ohne Befehl an den Griffen der Schwerter. Julius ging mit ihnen, nachdem er Gaditicus angewiesen hatte, alles für einen schnellen Rückzug bereitzuhalten. Der römische Kapitän nahm den Befehl mit einem Nicken entgegen und stellte rasch eine kleine Truppe zusammen, die bei ihm bleiben und die Ruderer bewachen sollte.
    Auf den ausgeblichenen braunen Steinen am Hafen lagen Frauen und Kinder beisammen, mit großen Fleischwunden, in denen sich Wolken summender Fliegen tummelten. Sie stiegen brummend auf, als die Soldaten näher kamen. Der Gestank war abscheulich, trotz des kalten Windes, der vom Meer her kam. Der größte Teil der Leichen waren römische Legionäre, deren Rüstungen immer noch über den schwarzen Tuniken glänzten.
    Julius ging mit den anderen an den Haufen von ihnen vorbei und versuchte sich vorzustellen, was hier passiert sein mochte. Um die Gruppen von Toten herum sah er viele Blutspuren, die ohne Zweifel von gefallenen Feinden stammten, die man fortgeschafft und beerdigt hatte. Die römischen Leichen dort liegen zu lassen, wo sie gestorben waren, war eine absichtliche Herabwürdigung, ein Zeichen der Verachtung. Nach und nach stieg Wut in Julius auf, eine Wut, die er auch in den Augen der anderen um ihn herum erkennen konnte. Mit gezogenem Schwert und wachsendem Zorn pirschten sie sich durch die Straßen und vertrieben Hunde und Ratten von den Leichen. Doch es gab keinen Feind, den sie zum Kampf fordern konnten. Der Hafen war verlassen.
    Schwer durch den Mund atmend blieb Julius stehen und betrachtete den Leichnam eines kleinen Mädchens in den Armen eines Soldaten, der hinterrücks erstochen worden war, als er mit ihr zu fliehen versucht hatte. Ihre Haut war von der Luft und der Sonne geschwärzt, und das hart gewordene, geschrumpfte Fleisch gab den Blick auf die Zähne und die dunklen Zungen frei.
    »Ihr Götter, wer kann das nur getan haben?«, flüsterte Prax leise vor sich hin.
    Julius’ Gesicht war zu einer bitteren Maske erstarrt. »Wir werden es herausfinden. Das hier sind meine Leute. Sie rufen uns zu, Prax, und ich werde ihnen antworten.«
    Prax blickte ihn an und spürte die wahnsinnige Intensität, die der junge Mann verströmte. Als sich Julius umdrehte und ihn ansah, wandte er den Blick ab, er konnte ihm nicht in die Augen sehen.
    »Stell einen Beerdigungstrupp zusammen. Gaditicus kann die Gebete für sie sprechen, wenn sie begraben sind.« Julius schwieg kurz und blickte zum Horizont, wo die Sonne im blassen Kupferton des Winters leuchtete.
    »Die anderen sollen Bäume fällen. Wir werden die Kreuzigungen hier vornehmen. Als Warnung für diejenigen, die hierfür verantwortlich sind.«
    Prax salutierte und rannte zurück zur Anlegestelle, froh darüber, den Gestank des Todes und den jungen Offizier hinter sich lassen zu können, dessen Worte ihm Angst machten, auch wenn er ihn zu kennen geglaubt hatte.
    Julius stand teilnahmslos dabei, als die ersten fünf Piraten an die groben Stämme genagelt wurden. Jedes der Kreuze wurde mit Seilen aufgerichtet, ehe der senkrechte Balken in das vorbereitete Loch glitt und mit Holzkeilen fixiert wurde, die man festhämmerte. Die Gekreuzigten schrieen, bis ihre Kehlen heiser waren und kein Laut mehr aus ihnen drang, außer dem Pfeifen der Luft. Einem von ihnen rann blutiger Schweiß in dünnen roten Linien aus Achselhöhlen und Schritt und malte hässliche Muster auf seine Haut.
    Der dritte Mann wand sich unter Qualen, als der eiserne Nagel durch sein Handgelenk in das weiche Holz des Querbalkens getrieben wurde. Er weinte und flehte wie ein Kind, riss seinen anderen Arm mit aller Kraft beiseite, bis er gepackt und festgehalten wurde, damit der Nagel ihn unter den Schlägen des Hammers aufspießen konnte.
    Ehe die Männer ihre grausame Aufgabe mit seinen zitternden Beinen zu Ende bringen konnten, trat Julius wie benommen vor und zog langsam das Schwert. Die Männer hielten inne, als sie ihn kommen sahen, doch er ignorierte sie, während er seine Gedanken laut aussprach.
    »Das reicht«, sprach er leise und stieß dem Mann das Schwert in die Kehle. In den glasig werdenden Augen stand Erleichterung, und Julius wandte den Blick ab und wischte das Blut von seinem Schwert. Er hasste sich für seine Schwäche, war jedoch außerstande, noch länger zuzusehen.
    »Tötet die anderen schnell«, befahl er und ging alleine zurück zum Schiff. Gedanken rasten durch seinen Kopf, während er über die Steine des Kais schritt und ohne es zu merken sein Schwert wegsteckte. Er hatte geschworen, sie alle zu kreuzigen, aber die Realität war hässlicher, als er ertragen konnte. Das Geschrei war ihm durch Mark und Bein gegangen und hatte ihn mit Scham erfüllt. Nach dem Schrecken der ersten Kreuzigung hatte es seine gesamte Willenskraft erfordert, bei den nächsten zuzuschauen.
    Er verzog das Gesicht vor Wut auf sich selbst. Sein Vater wäre nicht schwach geworden. Renius hätte sie eigenhändig und ohne mit der Wimper zu zucken angenagelt. Er spürte, wie seine Wangen vor Scham glühten. Zornig spuckte er auf die Kaimauer, als er an den Rand des Hafenbeckens kam. Trotzdem, er hätte nicht länger bei seinen Männern stehen bleiben und zuschauen können, und wenn er einfach weggegangen wäre, hätte es seinem Ansehen bei ihnen geschadet, nachdem das grausame Töten auf seinen Befehl hin begonnen hatte.
    Cabera hatte sich geweigert, sich den Legionären bei den Hinrichtungen im Hafen anzuschließen. Er stand an der Reling des Schiffs, den Kopf in einer unausgesprochenen Frage auf die Seite gelegt. Julius schaute ihn an und zuckte die Achseln. Der alte Heiler klopfte ihm auf den Arm und hielt mit der anderen eine Amphore Wein hoch.
    »Gute Idee«, sagte Julius, der mit den Gedanken ganz woanders war. »Aber hol lieber noch eine zweite. Ich möchte heute Nacht keine bösen Träume haben.«

20

    Nur wenige der Gebäude im Hafen hatten noch Dächer und Wände, die sicher genug waren, um von Julius’ Soldaten benutzt zu werden. Zu viele der anderen waren niedergebrannt worden, ihre Mauern nichts als leere Hüllen. Julius pendelte zwischen den drei Schiffen und den Lagerhäusern hin und her und schickte Männer auf die Suche nach Vorräten in die nähere Umgebung aus. Obwohl Celsus genug Proviant an Bord hatte, um seine Mannschaft über den größten Teil des Winters zu bringen, würde er kaum ausreichen, um so viele aktive Soldaten über längere Zeit zu ernähren.
    Die Legionäre blieben auch unterwegs stets wachsam, zogen nie alleine aus und hielten stets Ausschau nach Überraschungsangriffen. Auch jetzt, nachdem sie die Leichen weggebracht und beerdigt hatten, blieb der Hafen ein stiller, bedrückender Ort, und sie lebten mit dem ständigen Gedanken, dass diejenigen, die diese friedliche römische Siedlung zerstört hatten, sich immer noch in der Nähe aufhalten oder zurückkehren könnten.
    Sie fanden nur einen Überlebenden. Sein Bein war aufgeschlitzt worden, und die Entzündung hatte sich rasch ausgebreitet. Sie hörten ihn, als er sich bewegte, um eine Ratte zu töten, die vom Geruch des Bluts angelockt worden war. Er zerschmetterte ihr den Schädel mit einem Stein und schrie dann entsetzt auf, als ihn Julius’ Männer bei den Armen packten und ihn hinaus ins Tageslicht brachten. Nach Tagen in der Dunkelheit seines Verstecks hielt der Mann die schwache Morgensonne kaum aus und brabbelte wirres Zeug, als sie ihn zu den Schiffen trugen.
    Sobald er das geschwollene Bein sah, rief Julius nach Cabera, obwohl er vermutete, dass es nichts mehr nützen würde. Die Lippen des Mannes waren raue, schmutzige Krusten, und er weinte ohne Tränen, als sie ihm eine Schale Wasser in den Mund gossen. Cabera betastete das aufgedunsene Fleisch des Beins mit seinen langen Fingern und schüttelte schließlich den Kopf. Er trat neben Julius.
    »Es ist brandig und hat bereits seine Leiste erreicht. Es ist zu spät, um es abzunehmen. Ich kann versuchen, die Schmerzen zu lindern, aber ihm bleibt nicht mehr viel Zeit.«
    »Kannst du ihm nicht… die Hände auflegen?«, fragte Julius den alten Mann.
    »Es ist zu spät, Julius. Eigentlich müsste er schon tot sein.«
    Julius nickte bitter und resigniert, nahm seinen Männern die Schale ab und half dem Mann, sie an die Lippen zu führen. Die dürren Finger zitterten zu stark, um sie ruhig halten zu können, und als Julius einen von ihnen berührte, schrak er fast vor der Hitze des Fiebers zurück, die durch die straffe Haut brannte.
    »Verstehst du mich?«, fragte er.
    Der Mann versuchte zu nicken, während er nippte, und verschluckte sich fürchterlich. Die Anstrengung, die an seiner letzten Kraft zehrte, ließ ihn krebsrot anlaufen.
    »Kannst du mir erzählen, was passiert ist?«, drängte Julius und versuchte ihn mit reiner Willenskraft zum Atmen zu zwingen.
    Endlich endeten die Krämpfe, und der Mann ließ erschöpft den Kopf auf die Brust fallen.
    »Sie haben alle getötet. Das ganze Land steht in Flammen«, flüsterte er.
    »Ein Aufstand?«, fragte Julius schnell. Er hatte fremde Eindringlinge vermutet, die ein paar Küstenstädte verwüstet hatten, ehe sie sich wieder auf ihre Schiffe zurückzogen. Das geschah nur allzu oft in diesem Teil der Welt. Der Mann nickte und deutete mit zitternden Fingern auf die Schale mit dem Wasser. Julius reichte sie ihm und sah zu, wie er sie leerte.
    »Es war Mithridates«, sagte der Mann mit heiserer, krächzender Stimme. »Nachdem Sulla gestorben war, rief er sie…« Er hustete wieder, und Julius stand erschüttert auf. Er trat hinaus an Deck, weg von dem aufdringlichen Gestank der Krankheit, der den Raum erfüllte. Sulla war tot? Er umklammerte die Reling von Celsus’ Schiff, bis er Krämpfe in den Händen bekam. Er hoffte, der Mann, der ihm Marius genommen hatte, mochte einen langsamen, qualvollen Tod gestorben sein.
    Immer wieder hatte er die Vorstellung gehegt, wie er mit seinen neuen Männern nach Rom zurückkehrte, reich und mit gewachsener Macht, um gegen Sulla zu kämpfen und Marius zu rächen. In ruhigeren Momenten hatte er dies als eine kindliche Phantasie erkannt, die ihm aber lange Zeit Kraft gegeben hatte, ein Traum, der ihn die Monate in der Zelle, die Anfälle, all das hatte ertragen lassen.
    Während der Tag weiter voranschritt, stürzte sich Julius auf die tausend Aufgaben, die erledigt werden mussten, um das Hafengebiet zu sichern. Die Befehle, die er gab, und die Männer, mit denen er sprach, schienen weit entfernt, während er über die Neuigkeiten nachdachte, die ihm der Sterbende mitgeteilt hatte. Den Nachschub und die Unterkünfte zu organisieren, bot ihm wenigstens die Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Sullas Tod hinterließ eine Lücke in seiner Zukunft, eine Leere, die all seine Anstrengungen zunichte machte.
    Als ihn der Händler Durus fand, war er gerade dabei, mit drei Legionären einen vergifteten Brunnen zu säubern. Es gehörte zum üblichen Vorgehen eines Eroberers, die Wasserversorgung eines Ortes mit verwesenden Tierkadavern zu verunreinigen. Julius arbeitete wie betäubt zusammen mit den anderen, zog tote Hühner heraus und versuchte, sich bei dem Geruch nicht zu übergeben, während er sie beiseite warf.
    »Ich muss mit dir reden, Herr«, verkündete Durus.
    Da Julius ihn zuerst nicht zu hören schien, wiederholte er die Worte noch einmal lauter. Julius seufzte, ging zu ihm hinüber und ließ die Legionäre die mit Haken versehenen Seile allein zu einem weiteren Versuch hinunterwerfen. Julius wischte sich beim Gehen die stinkenden Hände an der Tunika ab, und Durus konnte sehen, wie erschöpft er war. Plötzlich wurde ihm klar, wie jung dieser Mann war. Jetzt, nachdem die Müdigkeit das Feuer in ihm fast zum Erlöschen gebracht hatte, sah er beinahe verloren aus. Der Händler räusperte sich.
    »Ich würde gerne mit meinen beiden Triremen in See stechen. Ich habe meinen Namen unter einen Brief gesetzt, in dem steht, dass du die Ventulus gemietet hast, um Jagd auf die Piraten zu machen. Es wird Zeit für mich, zu meiner Familie und meinem Leben zurückzukehren.«
    Julius sah ihn unverwandt an, ohne zu antworten. Nach einer Weile setzte Durus von neuem an. »Unserer Vereinbarung nach sollte ich mein Schiff und die andere Trireme als Ersatz für die verlorene Ladung bekommen, sobald du Celsus gefunden hast. Ich habe keine weiteren Beschwerden vorzubringen, aber du musst deinen Männern den Befehl geben, meine Schiffe zu verlassen, damit ich nach Hause segeln kann. Von mir nehmen sie keine Befehle entgegen, Herr.«
    Julius fühlte sich innerlich zerrissen und wütend. Ihm war nie klar gewesen, wie schwer es sein konnte, wenigstens den Anschein von Ehre aufrechtzuerhalten. Er hatte Durus die beiden Schiffe versprochen, aber das war gewesen, bevor er den griechischen Hafen vom Krieg verwüstet vorgefunden hatte. Was erwartete der Mann denn? Jeder kriegerische Instinkt, den man Julius eingebläut hatte, sagte ihm, er solle die Forderungen kurzerhand zurückweisen. Wie konnte er auch nur daran denken, zwei seiner wertvollsten Trümpfe aus der Hand zu geben, während Mithridates alles Römische aus dem Fleisch Griechenlands herausschnitt?
    »Geh ein paar Schritte mit mir«, sagte er zu Durus und strebte eilig an ihm vorbei, wodurch der Kapitän gezwungen wurde, in Laufschritt zu fallen, um mit ihm mithalten zu können. Julius ging schnell zum Hafen zurück, wo sich die drei Schiffe sanft auf dem Wasser auf und ab wiegten. Als er näher kam, salutierten die Wachen. Julius erwiderte den Gruß und blieb plötzlich an der Kaimauer stehen, wo die Galeeren über ihnen aufragten.
    »Ich will nicht, dass du nach Hause segelst«, sagte er knapp.
    Durus wurde rot vor Überraschung. »Du hast mir dein Wort gegeben, ich könne verschwinden, wenn du Celsus’ Schiff erobert hast«, stieß er hervor.
    »Daran brauchst du mich nicht zu erinnern, Kapitän. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber Rom braucht diese Schiffe.« Er dachte lange nach, während er mit finsterem Blick die Schiffe betrachtete, die sich in dem schmutzigen Wasser hoben und senkten.
    »Ich möchte, dass du mit ihnen so schnell wie möglich die Küste entlangsegelst und den Hafen findest, den Rom benutzt, um die Legionen im Westen an Land zu bringen. Übergib ihnen in meinem Namen das Silber der Legion… und im Namen von Kapitän Gaditicus von der Accipiter. Ich vermute, sie werden dich nach Rom zurückschicken, um weitere Soldaten zu holen. Dabei wirst du keinen Gewinn machen, aber beide Schiffe sind schnell, und sie werden alles brauchen können, was schwimmt.«
    Durus trat überrascht von einem Fuß auf den anderen.
    »Ich bin schon seit Monaten überfällig. Meine Familie und meine Geldgeber denken bestimmt jetzt schon, ich sei tot«, sagte er, um Zeit zu gewinnen.
    »Hier sind tatsächlich Römer gestorben, hast du die Leichen nicht gesehen? Bei den Göttern, ich bitte dich um einen Dienst für die Stadt, die dich geboren und großgezogen hat. Du hast nie für sie gekämpft oder für sie geblutet. Ich biete dir die Chance, ein wenig von dem zurückzuzahlen, was du ihr schuldig bist.«
    Bei diesen Worten musste Durus fast lächeln, doch er riss sich zusammen, als ihm bewusst wurde, dass der junge Mann es vollkommen ernst meinte. Er fragte sich, was wohl seine Freunde in der Stadt von diesem Soldaten halten würden. Er schien ein Bild Roms im Kopf zu haben, in dem weder Bettler noch Ratten noch Krankheiten vorkamen. Julius betrachtete die Stadt als etwas, das größer und erhabener war als er selbst, das wurde Durus klar, und einen Augenblick lang schämte er sich im Angesicht dieses Glaubens.
    »Und wenn ich das Geld nicht abliefere und direkt nach Norditalien steuere, nach Hause?«, fragte er.
    Julius runzelte leicht die Stirn und schaute den Kaufmann mit kalten Augen an.
    »Wenn du das tust, machst du mich zu deinem Feind, und du weißt nur zu gut, dass ich dich früher oder später aufspüren und vernichten werde.« Die Worte wurden leichthin gesprochen, doch nachdem er die Hinrichtungen gesehen und davon gehört hatte, wie Celsus von seinem eigenen Schiff über Bord geworfen worden war, hüllte sich Durus fester in seinen Umhang, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen.
    »In Ordnung. Ich tue, was du sagst, auch wenn ich den Tag verfluchen werde, an dem du deinen Fuß auf die Ventulus gesetzt hast«, antwortete er zähneknirschend.
    Julius rief den Wachen am Bug von Durus’ Schiffen einen knappen Befehl zu.
    »Meine Männer von Bord!«
    Die Soldaten, die zu sehen waren, salutierten und gingen, um die anderen zu holen. Durus empfand eine Erleichterung, die ihn schwindeln ließ.
    »Vielen Dank«, sagte er.
    Julius wollte zu den Lagerhäusern zurückgehen, blieb aber noch einmal stehen.
    Hinter ihm, dort, wo das Pflaster der Kais in gestampfte Erde überging, hingen fünf Gestalten an Kreuzen.
    »Vergiss das nicht«, sagte er, wandte dem Kapitän den Rücken zu und ging davon.
    Durus bezweifelte, dass das überhaupt möglich war.
    Bei Einbruch der Nacht versammelten sich die Männer in dem am besten erhaltenen Lagerhaus. Eine der Wände war von Ruß geschwärzt, doch das Feuer hatte sich nicht ausgebreitet, obwohl immer noch ein beißender Geruch in der Luft lag. Immerhin war es warm und trocken, und als es zu regnen anfing, trommelten die Tropfen leise auf das dünne Holzdach.
    Die Öllampen stammten von Celsus’ Schiff. Wenn sie erst einmal leer waren, mussten die Männer in den verlassenen Häusern der Hafenstadt nach Vorräten suchen. Als wollten die Lampen die Soldaten schon darauf vorbereiten, flackerten nur kleine Flammen, die das leere Lagerhaus nur spärlich erleuchteten. Überall lagen Getreidekörner verstreut, die die Plünderer verschüttet hatten, und die Soldaten saßen auf zerrissenen Säcken und machten es sich so bequem wie möglich.
    Gaditicus erhob sich, um zu den zusammengekauerten Männern zu sprechen. Die meisten von ihnen hatten den ganzen Tag gearbeitet, hatten entweder bei der Reparatur des Dachs geholfen oder Vorräte auf die Schiffe geschleppt, die mit der Morgenflut in See stechen würden.
    »Es wird Zeit, dass wir uns Gedanken über die Zukunft machen, meine Herren. Ich hatte eigentlich vorgehabt, mich eine Weile in einem anständigen römischen Hafen auszuruhen und dann die Heimat zu benachrichtigen. Stattdessen hat ein griechischer König unsere Soldaten ermordet. Das darf nicht ungesühnt bleiben.«
    Gemurmel erhob sich unter den Männern, aber ob es Zustimmung oder Enttäuschung ausdrückte, ließ sich nicht feststellen. Julius, der neben Gaditicus saß, sah sie der Reihe nach an. Es waren seine Männer. Er hatte so viel Zeit mit dem einfachen Ziel verbracht, Celsus aufzuspüren und zu töten, dass er sich nie große Gedanken darüber gemacht hatte, was danach kommen würde, den entfernten Traum, eines Tages dem Diktator von Rom gegenüberzutreten, einmal ausgenommen. Wenn er eine neue Zenturie in eine Legion mitbrachte, würde der Senat seine Autorität mit einem offiziellen Posten anerkennen müssen.
    Unbemerkt verzog er im Halbdunkel sein Gesicht. Oder auch nicht. Sie konnten Gaditicus das Kommando geben und Julius wieder auf den Befehl über zwanzig Mann zurückstufen. Die Senatoren waren nicht unbedingt die Richtigen, um seine außergewöhnliche Autorität bei dem zusammengewürfelten Haufen zu erkennen, auch wenn ihm sein neuer Reichtum, wenn er ihn richtig einsetzte, Einfluss verschaffen konnte. Er fragte sich, ob er wohl mit einer solchen Position zufrieden sein könnte, und lächelte vor sich hin, was die Männer, die Gaditicus beobachteten, nicht sahen. Darauf gab es eine einfache Antwort. Es gab nichts Schöneres, als andere anzuführen, das hatte er erfahren, und keine größere Herausforderung, als ganz auf sich allein gestellt zu sein. In den schlimmsten Augenblicken hatten sie sich an ihn gewandt, damit er ihnen den Weg nach vorne wies, den nächsten Schritt. Die Götter wussten, dass es einfacher war, zu folgen, ohne nachdenken zu müssen, aber keinesfalls so befriedigend. Ein Teil von ihm sehnte sich nach dieser Sicherheit, nach dem einfachen Vergnügen, Teil einer Einheit zu sein. In seinem Herzen jedoch sehnte er sich nach der berauschenden Mischung aus Angst und Gefahr, die einem nur das Befehlen bieten konnte.
    Wie konnte es sein, dass Sulla tot war? Der Gedanke tauchte immer wieder auf und quälte ihn. Der verwundete Mann an Bord von Celsus’ Schiff hatte nichts weiter gewusst, sondern hatte nur von dem Befehl an die Soldaten gehört, ein ganzes Jahr lang Schwarz zu tragen. Als der Mann das Bewusstsein verlor, hatte ihn Julius in Caberas Händen zurückgelassen. Er starb, als die Sonne unterging und sein Herz endlich versagte. Julius hatte befohlen, ihn neben den anderen römischen Toten zu begraben, und ein Gefühl der Scham überkam ihn, weil er den Mann nie nach seinem Namen gefragt hatte.
    »Julius? Möchtest du ihnen etwas sagen?«, unterbrach Gaditicus seine Grübeleien. Erschrocken und schuldbewusst merkte er, dass er nichts von dem, was der ältere Offizier gesagt hatte, gehört hatte. Er stand langsam auf und sammelte seine Gedanken.
    »Ich weiß, dass die meisten von euch gehofft haben, Rom bald mit eigenen Augen zu sehen, und das werdet ihr auch. Meine Stadt ist ein seltsamer Ort aus Marmor und Träumen, errichtet aus der Kraft der Legionen. Jeder Legionär ist durch seinen Eid dazu verpflichtet, unsere Bürger überall zu beschützen, wo immer ihr ihnen auch begegnen mögt. Ein Römer braucht nur die Worte ›Ich bin ein Bürger Roms‹ zu sagen, und unser Schutz und unsere Autorität sind ihm sicher.« Er machte eine Pause. Jedes Auge im Lagerhaus war auf ihn gerichtet.
    »Aber ihr habt diesen Eid nie abgelegt, und ich kann euch nicht zwingen, für eine Stadt zu kämpfen, die ihr noch nie gesehen habt. Ihr besitzt mehr Geld, als die meisten Soldaten in zehn Jahren verdienen. Ihr müsst eure Entscheidung frei treffen – unter Eid zu dienen oder zu gehen. Wenn ihr uns verlasst, werdet ihr als Freunde gehen. Wir haben zusammen gekämpft, und einige von uns haben es nicht bis hierher geschafft. Für andere von euch mag das weit genug sein. Wenn ihr bleibt, werde ich Celsus’ Schatz Kapitän Durus anvertrauen, der mit uns an der Westküste zusammentreffen wird, sobald wir Mithridates geschlagen haben.«
    Als er innehielt, füllte sich der Raum erneut mit dem Gemurmel leiser Stimmen.
    »Kannst du Durus vertrauen?«, fragte ihn Gaditicus.
    Julius überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf.
    »Nicht bei so viel Gold. Ich lasse Prax bei ihm, damit er ehrlich bleibt.« Er sah sich nach dem alten Optio um und freute sich, als ihm dieser sein Einverständnis signalisierte. Nachdem das erledigt war, holte Julius tief Luft und blickte seine dasitzenden Männer einen nach dem anderen an. Er kannte den Namen jedes Einzelnen.
    »Wollt ihr den Eid der Legion ablegen und auf meinen Befehl schwören?«
    Sie brüllten ihm ihre Zustimmung zu.
    Gaditicus beugte sich dicht zu Julius’ Ohr und flüsterte ihm heiser zu: »Bei den Göttern, Mann. Der Senat reißt mir die Eier ab, wenn ich das tue!«
    »Dann solltest du gehen, Gadi, und dich zu Suetonius auf dem Schiff gesellen, während ich ihnen den Eid abnehme«, erwiderte Julius.
    Gaditicus betrachtete ihn kühl und abschätzend. »Ich hatte mich schon gefragt, warum du ihn dort zurückgelassen hast. Er würde sowieso jeden Eid brechen«, sagte er. »Hast du dir schon überlegt, wohin du sie führen willst?«
    »Allerdings. Ich will eine Armee aufstellen und Mithridates gradewegs an die Gurgel gehen.«
    Er streckte die Hand aus. Gaditicus zögerte einen Augenblick. Dann packte er sie in einem kurzen Griff, der beinahe schmerzte.
    »Dann haben wir den gleichen Weg«, sagte er, und Julius nickte zustimmend.
    Julius bat mit erhobenen Armen um Ruhe und lächelte, als das Stimmengewirr verstummte. Seine Stimme drang klar und deutlich durch die plötzliche Stille. »Ich habe nie an euch gezweifelt«, sagte er zu den Männern. »Nicht einen Augenblick. Jetzt erhebt euch und wiederholt diese Worte.«
    Sie standen wie ein Mann auf und nahmen mit erhobenen Köpfen und geradem Rücken Haltung an.
    Julius betrachtete sie und wusste, dass es keinen anderen Weg für ihn gab. Er vernahm keine Stimme in seinem Inneren, die ihn aufforderte, umzukehren, obwohl dieser Schwur sein Leben abermals in andere Bahnen lenken würde – bis Mithridates tot war.
    Er sprach die Worte, die ihn sein Vater gelehrt hatte, damals, als die Welt noch klein und überschaubar gewesen war.
    »Jupiter Victor, höre diesen Eid. Wir geloben, unsere Kraft, unser Blut, unser Leben für Rom zu geben. Wir werden nicht umkehren. Wir werden nicht aufgeben. Wir werden uns nicht um Leid und Schmerz scheren. Solange es noch Licht gibt, von hier bis ans Ende der Welt, stehen wir für Rom und den Befehl Cäsars ein.«
    Mit festen und klaren Stimmen wiederholten sie im Chor seine Worte.

21

    Alexandria versuchte unauffällig zuzusehen, während Tabbic Octavian eine bestimmte Technik erklärte. Seine Stimme war ein gleichmäßiges, leises Murmeln, das jede Bewegung der kräftigen Hände begleitete. Auf der Werkbank vor ihnen hatte Tabbic ein Stück dicken Golddraht auf ein Stück Leder gelegt. Beide Enden des Drahts wurden von winzigen Holzklammern festgehalten, und er zeigte Octavian durch Gesten, wie er einen schmalen hölzernen Klotz über den Draht bewegen sollte.
    »Gold ist von allen Metallen das weichste, mein Junge. Um dem Draht ein Muster zu geben, muss man den Prägeblock nur sanft dagegen drücken und ihn hin und her bewegen, wobei man den Arm ganz gerade hält, so wie ich es dir gezeigt habe. Versuch es mal.«
    Octavian senkte langsam den Klotz und setzte die gekerbte Unterseite auf die zerbrechlich aussehende Linie des Edelmetalls.
    »Gut so. Und jetzt versuche es mit ein bisschen mehr Druck. Gut. Dann zeig mal her«, fuhr Tabbic fort. Octavian hob den Klotz hoch und strahlte, als er die gleichmäßige Perlenreihe sah, die durch den Druck erzeugt worden war. Tabbic betrachtete sie aufmerksam und nickte.
    »Du hast das richtige Gefühl dafür. Bei zu viel Druck geht der Draht entzwei, und man muss noch einmal von vorne anfangen. Jetzt löse ich die Klammern und drehe den Draht um, damit du den Perlendruck fertig stellen kannst. Sei diesmal so vorsichtig wie möglich; die Verbindungsstücke dazwischen werden so dünn wie die Haare auf deinem Kopf.«
    Als Tabbic den Rücken streckte, der ihm wehtat nach der langen Zeit in der gebückten Haltung über der niedrigen Bank, die er für Octavian gebaut hatte, begegnete er Alexandrias Blick. Sie zwinkerte ihm zu, worauf er sich verlegen räusperte, um ein Lächeln zu verbergen. Sie wusste, dass ihm der Unterricht mit Octavian inzwischen Freude machte. Es hatte lange gedauert, bis er sein Misstrauen dem kleinen Dieb gegenüber zumindest teilweise abgelegt hatte, doch sie wusste von ihrer eigenen Arbeit mit ihm, wie sehr er es genoss, seine Fähigkeiten weitergeben zu können.
    Octavian fluchte, als der dünne Draht unter seinen Händen zerbrach. Betrübt hob er den Klotz an, unter dem drei einzelne Stücke lagen. Tabbic zog die buschigen Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf, während er die zerbrochenen Teile vorsichtig aufsammelte, um sie einschmelzen und erneut ausrollen zu können.
    »Wir versuchen es später noch einmal. Oder morgen. Du hättest es dieses Mal fast geschafft. Wenn du den ganzen Draht ordentlich verzieren kannst, zeige ich dir, wie man daraus die Fassung für die Spange einer Dame macht.«
    Octavian sah niedergeschlagen aus. Alexandria hielt den Atem an und fragte sich, ob er einen seiner fürchterlichen Tobsuchtsanfälle bekommen würde, mit denen er in den ersten Wochen ihre Nerven auf eine harte Probe gestellt hatte. Als nichts passierte, atmete sie langsam und erleichtert aus.
    »In Ordnung. Das würde mir gefallen«, sagte er langsam.
    Tabbic drehte sich um und überprüfte die Päckchen mit den fertigen Arbeiten, die an die Auftraggeber ausgeliefert werden mussten.
    »Ich habe noch eine Aufgabe für dich«, sagte er und gab ihm einen winzigen, gefalteten und verschnürten Lederbeutel. »Das ist ein Silberring, den ich repariert habe. Lauf damit zum Viehmarkt und erkundige dich nach einem Meister Gethus. Er leitet den Verkauf und dürfte deshalb nicht schwer zu finden sein. Er sollte dir eine Sesterze für die Arbeit geben. Du nimmst sie und kommst sofort damit zurück, ohne unterwegs zu trödeln. Hast du mich verstanden? Ich vertraue dir. Wenn du den Ring oder die Münze verlierst, sind wir beide geschiedene Leute.«
    Alexandria hätte über den ernsten Gesichtsausdruck des kleinen Jungen am liebsten laut aufgelacht. In den ersten Wochen der Lehrzeit wäre eine solche Drohung sinnlos gewesen. Damals hätte Octavian überhaupt nichts dagegen gehabt, wieder in Ruhe gelassen zu werden. Er hatte sich heftig gegen die vereinten Bemühungen seiner Mutter, Tabbics und Alexandrias zur Wehr gesetzt. Zweimal hatten sie die Märkte im Stadtviertel nach ihm abgesucht, und beim zweiten Mal hatten sie ihn zu den Sklavenhändlern geschleppt, um ihn schätzen zu lassen. Danach war er nicht mehr fortgelaufen, sondern hatten sich auf eine Missmutigkeit verlegt, von der Alexandria schon dachte, er würde sie nie wieder ablegen.
    Die Veränderung war in der Mitte der vierten Arbeitswoche eingetreten, als Tabbic ihm gezeigt hatte, wie man mit winzigen Tröpfchen geschmolzenen Metalls ein Muster auf ein Stück Silber machen konnte. Obwohl sich der Junge den Daumen verbrannt hatte, als er es anfassen wollte, hatte ihn der Vorgang fasziniert, und er hatte sogar das Abendessen versäumt, weil er sehen wollte, wie das Stück am Ende poliert wurde. Seine Mutter Atia war mit schuldbewusster Miene in der Werkstatt erschienen, wo es ihr die Sprache verschlug, als sie den kleinen Burschen sah, der immer noch mit unterschiedlichen Poliertüchern bei der Arbeit war. Als Alexandria am nächsten Morgen erwachte, fand sie ihre Kleider sauber und über Nacht ausgebessert vor. Weiterer Dank war zwischen den beiden Frauen nicht nötig. Obwohl sie sich jeden Tag nur eine oder zwei Stunden vor dem Schlafengehen sahen, war zwischen ihnen eine Freundschaft entstanden, die die beiden zurückhaltenden, eigenbrötlerischen Menschen überraschte. Sie hatten die ganze Zeit so schwer gearbeitet, dass ihnen gar nicht aufgefallen war, wie einsam sie waren.
    Octavian trabte pfeifend durch die Menschenmenge auf dem Viehmarkt. Wenn die Bauern ihr Vieh zum Versteigern und Schlachten in die Stadt brachten, war dort immer viel los, und der Geruch von warmem Dung und Blut lag in der Luft. Jeder schien jedem etwas zuzurufen und komplizierte Gesten zu vollführen, um auch dann noch mitzubieten, wenn man ihn längst nicht mehr hören konnte.
    Octavian hielt nach einem der Verkäufer Ausschau, den er nach Gethus fragen konnte. Er wollte den Ring abgeben und schneller zu Tabbics Laden zurückkehren, als die Erwachsenen es für möglich halten würden.
    Während er sich durch die geschäftige Menge schob, malte er sich Tabbics Überraschung über seine prompte Rückkehr aus.
    Plötzlich packte ihn eine Hand am Hals und riss ihn mit einem Ruck von den Füßen. Instinktiv versuchte er sich gegen den Angreifer zur Wehr zu setzen.
    »Du willst wohl jemandem seine Kuh klauen, was?«, ertönte eine harte, nasale Stimme neben seinem Ohr.
    Er riss den Kopf herum und stöhnte laut auf, als er das grobe Gesicht des Schlachterjungen erkannte, mit dem er schon oft aneinander geraten war. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Wie ein Trottel hatte er alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen, und sie hatten ihn ohne die geringste Mühe geschnappt.
    »Lass mich los! Hilfe!«, schrie er.
    Der ältere Junge schlug ihn hart auf die Nase, die sofort zu bluten anfing.
    »Halt bloß den Schnabel, du. Ich schulde dir sowieso noch eine Tracht Prügel für die, die ich gekriegt habe, weil ich dich das letzte Mal nicht rechtzeitig erwischt habe.« Der kräftige Arm umklammerte Octavians Hals und drückte ihm die Kehle zu, während er ihn rückwärts in eine enge Gasse zog. Er versuchte sich zu befreien, aber es war hoffnungslos, und die vorüberziehende Menge schaute nicht einmal in seine Richtung.
    Der Schlachterlehrling war nicht allein. Die anderen drei Jungen besaßen ebenfalls den kräftigen, langgliedrigen Körperbau von Kindern, die an harte körperliche Arbeit gewöhnt waren. Sie trugen die mit Blut befleckten Schürzen von ihrer Arbeit auf dem Markt, und Octavian geriet in Panik. Er wurde fast ohnmächtig vor Entsetzen, als er ihre grausamen Gesichter sah. Kaum waren sie um eine Ecke der Gasse gebogen, schlugen die Jungen johlend auf ihn ein. Hier wurde der Lärm des Marktes von den hohen Mietshäusern verschluckt, die so weit über ihnen aufragten, dass sie sich oben fast berührten und für eine unnatürliche Dunkelheit sorgten.
    Der Schlachterjunge warf Octavian in den schmierigen Dreck, der knöcheltief in der Gasse stand, eine Mischung aus Abfällen und menschlichen Ausscheidungen, die seit Jahren aus den schmalen Fenstern über ihnen heruntergekippt wurden. Octavian robbte zur Seite, um ihnen zu entkommen, aber einer von ihnen stieß ihn mit einem kräftigen Tritt wieder an seinen Platz zurück. Der kleine Körper wurde durch die Luft geschleudert und ächzte bei dem Aufprall laut. Als sich die beiden anderen Jungen dem ersten anschlossen und brutal nach jedem Körperteil traten, das sie treffen konnten, schrie Octavian vor Schmerz und Angst laut auf.
    Nach ungefähr einer Minute hörten die Jungen auf. Sie stützten die Hände auf die Knie und keuchten vor Anstrengung. Octavian war kaum noch bei Bewusstsein und hatte sich zu einer kleinen, erbärmlichen Kugel zusammengerollt, die kaum noch von dem Dreck, in dem sie lag, zu unterscheiden war.
    Der Schlachterjunge verzog den Mund zu einem hämischen Grinsen, hob die Faust und lachte roh, als Octavian vor ihm zurückzuckte.
    »Das geschieht dir recht, du kleiner Thuriner Drecksack. Jetzt wirst du es dir zweimal überlegen, ehe du meinem Herrn wieder etwas stiehlst, oder?« Er landete einen sorgfältig gezielten Tritt in Octavians Gesicht und grölte vor Freude, als dessen Kopf zurückgeschleudert wurde. Mit offenen Augen lag Octavian bewusstlos da, das Gesicht zur Hälfte im Dreck versunken. Schmutziges Wasser drang ihm zwischen die Lippen, und trotz seiner Ohnmacht begann er schwach zu husten und zu würgen. Die Finger, die ihn abtasteten, spürte er nicht, nahm auch nicht den erfreuten Ausruf wahr, als die älteren Jungen den Silberring in seinem schützenden Beutel fanden.
    Der Schlachterjunge pfiff leise, als er den Ring anprobierte. Der Stein war ein einfaches, halbrundes Stück schwerer Jade, das von winzigen silbernen Klauen festgehalten wurde.
    »Wem hast du den wohl geklaut?«, sagte er und blickte auf die daliegende Gestalt hinab. Jeder versetzte dem Jungen im Namen des Ringbesitzers noch einen Tritt, ehe sie zum Markt zurückliefen, vollauf zufrieden mit ihrem unverhofften Glück.
    Octavian erwachte erst Stunden später. Er setzte sich langsam auf, und als er ausprobierte, ob ihn seine Füße trugen, musste er sich minutenlang übergeben. Er fühlte sich schwach, und die Schmerzen waren so stark, dass es eine Weile dauerte, bis er sich wieder bewegen konnte, wobei er sich vornüber beugte und lange Fäden dunklen Blutes auf den Boden spuckte. Als sein Kopf langsam wieder klar wurde, suchte er zuerst in der Tasche, dann überall auf dem Boden um ihn herum nach dem Ring. Schließlich musste er sich eingestehen, dass er ihn verloren hatte, und frische Tränen rannen durch den Dreck und das verkrustete Blut in seinem Gesicht. Er stolperte zurück auf die Hauptstraße und verbarg die Augen vor dem schmerzenden Sonnenlicht. Immer noch weinend und auf wackligen Beinen machte er sich voller Verzweiflung auf den Rückweg zu Tabbics Werkstatt.
    Tabbic stampfte mit dem Fuß auf den hölzernen Boden des Ladens. Die Wut stand ihm in jeder Falte seines finsteren Gesichts geschrieben.
    »Zur Hölle, dafür bringe ich den Lümmel um. Er hätte schon vor Ewigkeiten wieder zurück sein müssen.«
    »Das sagst du jetzt schon seit einer Stunde, Tabbic. Vielleicht ist er aufgehalten worden, oder er konnte Meister Gethus nicht finden«, erwiderte Alexandria mit ruhiger Stimme.
    Tabbic schlug mit der Faust auf den Arbeitstisch. »Oder vielleicht hat er den Ring verkauft und ist abgehauen, das ist wohl wahrscheinlicher!«, knurrte er. »Du weißt, dass ich den Ring ersetzen muss. Und dann auch noch Jade! Es kostet mich einen ganzen Tag Arbeit und einen Aureus an Material, um Gethus einen neuen zu machen. Höchstwahrscheinlich behauptet er dann auch noch, er hätte ihn von seiner Mutter auf dem Sterbebett bekommen und verlangt eine Entschädigung dafür. Wo steckt dieser Bengel?«
    Die dicke Holztür des Ladens öffnete sich knarrend. Staub wirbelte von der Straße herein. Auf der Schwelle stand Octavian. Tabbic warf nur einen Blick auf die blauen Flecke und die zerrissene Tunika und eilte zu ihm hinüber. Alle Wut war verflogen.
    »Es tut mir Leid«, weinte der kleine Junge, als ihn Tabbic tiefer in den Laden hineinführte. »Ich habe versucht mich zu wehren, aber es waren drei, und niemand hat mir geholfen.« Er wimmerte auf, als Tabbic seine sich heftig hebende Brust auf gebrochene Rippen abtastete.
    Der Metallschmied grunzte und stieß pfeifend die Luft durch die geschlossenen Zähne.
    »Da haben sie ja wirklich ganze Arbeit geleistet. Kannst du richtig atmen?«
    Octavian wischte sich die laufende Nase vorsichtig mit dem Handrücken ab.
    »Es geht. Ich bin so schnell wie möglich hergekommen. Ich habe sie in der Menge nicht gesehen. Normalerweise passe ich immer auf, aber ich habe mich beeilt, und…« Er fing an zu schluchzen. Alexandria legte einen Arm um ihn und scheuchte Tabbic weg.
    »Nun ist es aber gut, Tabbic. Er kann jetzt kein Verhör ertragen. Er hat etwas Schlimmes erlebt und braucht Pflege und Ruhe.«
    Tabbic trat beiseite, und sie führte den Jungen in das Hinterzimmer und die Treppe hinauf in die Wohnung über dem Laden. Als er allein war, seufzte er, rieb sich mit einer Hand über das faltige Gesicht und kratzte sich die grauen Bartstoppeln, die seit der morgendlichen Rasur schon wieder nachgewachsen waren. Dann schüttelte er den Kopf, drehte sich zur Werkbank um und wählte die Werkzeuge aus, die er brauchte, um einen neuen Ring für Gethus anzufertigen.
    Schweigend arbeitete er ein paar Minuten lang, dann hielt er inne und blickte sich nach der engen Treppe um.
    »Ich glaube, ich muss dir ein vernünftiges Messer machen, mein Junge«, murmelte er vor sich hin, ehe er das Werkzeug wieder zur Hand nahm. Nachdem er sich mit Kreide eine Skizze gemacht hatte, fügte er hinzu: »Und dir beibringen, wie man damit umgeht.«
    Brutus stand auf dem Campus Martius, die Adlerstandarte der Primigenia neben sich in die Erde gerammt. Voller Freude hatte er gesehen, dass einige der anderen Legionen, die nach Rekruten suchten, Banner aus Stoff verwenden mussten, während man für ihn die alte Standarte aufgetrieben hatte, die Marius hatte anfertigen lassen. Sie bestand aus gehämmertem Gold auf Kupfer und blitzte in der Morgensonne. Er hoffte, sie würde mehr als nur ein paar der Jungen ins Auge stechen, die sich seit dem Morgengrauen versammelt hatten. Nicht alle von ihnen waren hier, um bei einer Legion zu unterschreiben. Einige waren nur zum Schauen gekommen. Für sie hatten die Essenverkäufer noch vor dem ersten Tageslicht ihre Stände aufgebaut. Der Duft von gegrilltem Fleisch und Gemüse ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, und er überlegte gerade, ob er sich ein frühes Mittagessen gönnen sollte, wobei er die Münzen in seinem Geldbeutel klingen ließ und die Menge betrachtete, die sich um die Reihe der Standarten gebildet hatte.
    Er hatte erwartet, dass es einfacher sein würde. Renius wirkte von Kopf bis Fuß wie ein Löwe des alten Rom, und die zehn Männer, die sie mitgebracht hatten, sahen prächtig aus in ihren neuen, auf Hochglanz polierten Rüstungen, die die Menge beeindrucken sollten. Trotzdem konnte Brutus nur stumm zusehen, wie sich überall entlang der Reihe Hunderte von jungen Römern als Legionäre verpflichteten, ohne dass auch nur einer von ihnen in die Nähe seines Postens gekommen wäre. Ein paar Mal hatten sich kleinere Gruppen versammelt, mit dem Finger herübergezeigt und geflüstert, waren dann jedoch weitergezogen. Er war in Versuchung geraten, ein paar von den Jungen zu packen und sie zu fragen, was sie da tuschelten, hatte sich aber zurückgehalten. Kurz vor der Mittagszeit war die Menge auf die Hälfte geschrumpft, und soweit er sehen konnte, war die Primigenia die einzige Standarte, um die sich noch keiner aus der neuen Generation geschart hatte.
    Er knirschte mit den Zähnen. Diejenigen, die sich schon gemeldet hatten, würden weitere zu diesen Adlern ziehen. Inzwischen fragten sich die Leute wahrscheinlich schon, was denn mit der Primigenia nicht stimmte, weil niemand sich ihr anschließen wollte. Hinter vorgehaltener Hand und mit kindischer Erregung würden sie über die Verräter-Legion flüstern. Er räusperte sich und spuckte auf den sandigen Boden. Bei Sonnenuntergang endeten die Prüfungen, aber bis dahin blieb ihm nichts anderes übrig, als auszuharren und auf das Ende zu warten, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein paar Nachzügler abzubekommen, wenn es dunkelte. Der Gedanke trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht. Wenn Marius hier gewesen wäre, das wusste er, so hätte er sich unter die jungen Leute gemischt, hätte auf sie eingeredet, Witze gerissen und sie dazu gebracht, sich seiner Legion anzuschließen. Natürlich hatte damals auch eine Legion existiert, der man sich anschließen konnte.
    Brutus nahm seine mürrische Betrachtung der Menge wieder auf und wünschte, er könnte sie dazu bringen, ihn zu verstehen. Drei junge Männer kamen auf die Standarte zugeschlendert, und er versuchte, sie so freundlich wie möglich anzulächeln.
    »Die Primigenia, nicht wahr?«, sagte einer von ihnen.
    Brutus sah, wie die anderen mühsam ihr Grinsen unterdrückten. Sie wollten sich also nur einen Spaß machen, vermutete er. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er ihnen die Köpfe aneinander schlagen sollte, doch er riss sich zusammen, weil er die Blicke seiner zehn Männer auf sich spürte. Er bemerkte, wie in Renius neben ihm der Zorn aufstieg, aber auch der ältere Mann blieb stumm.
    »Wir waren die Legion von Marius, dem römischen Konsul«, sagte er, »siegreich in Afrika und überall in allen Ländern Roms. Auf richtige Männer, die sich uns anschließen wollen, wartet hier viel Geschichte.«
    »Wie ist denn der Sold bei euch?«, fragte der größte von ihnen in gespielt ernstem Tonfall.
    Brutus atmete langsam ein. Sie wussten, dass der Senat den Sold für alle Legionen festsetzte. Mit Crassus im Hintergrund hätte er nur allzu gern mehr geboten, aber es war eine Obergrenze festgelegt worden, um zu verhindern, dass wohlhabende Geldgeber das ganze System unterminierten.
    »Fünfundsiebzig Denare, wie bei allen anderen auch«, erwiderte er schnell.
    »Einen Augenblick mal… die Primigenia? Waren das nicht die, die die Stadt zerstört haben?«, fragte der hoch gewachsene Bursche, als hätte er plötzlich eine Erleuchtung gehabt. Er drehte sich zu seinen grinsenden Freunden um, die sich nur zu gerne von ihm unterhalten ließen.
    »So ist es!«, sagte er erfreut. »Sulla hat sie vernichtet, oder? Sie wurden von irgend so einem Verräter angeführt.«
    Der Große hielt inne, als er den veränderten Gesichtsausdruck der Freunde sah und ihm klar wurde, dass er zu weit gegangen war. Als er sich wieder umdrehte, holte Brutus mit der Faust aus, aber Renius blockte den Schlag mit ausgestrecktem Arm ab. Die drei jungen Männer zuckten vor der Drohung zurück, aber ihr Anführer gewann seine Selbstsicherheit rasch zurück, und sein Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen.
    Ehe er etwas sagen konnte, trat Renius dicht vor ihn hin. »Wie heißt du?«
    »Germinius Cato«, erwiderte er überheblich. »Du wirst schon von meinem Vater gehört haben.«
    Renius drehte sich zu den Soldaten hinter ihm um.
    »Schreibt seinen Namen auf. Er ist dabei.«
    Die Arroganz wich der Verblüffung, als Germinius sah, wie sein Name auf die leere Schriftrolle gesetzt wurde.
    »Das kannst du nicht machen! Mein Vater wird dich…«
    »Du bist dabei, Junge. Vor Zeugen«, erwiderte Renius. »Diese Männer werden schwören, dass es freiwillig geschehen ist. Sobald wir es dir gestatten, kannst du gerne zu deinem Vater laufen und ihm erzählen, wie stolz du bist.«
    Catos Sohn funkelte die älteren Männer an, und seine Selbstsicherheit kehrte wieder.
    »Mein Name wird schon vor Sonnenuntergang wieder von dieser Rolle gelöscht sein«, sagte er.
    Wieder trat Renius dicht an ihn heran.
    »Sag ihm, Renius hätte deinen Namen aufgenommen. Er kennt mich. Sag ihm, du wirst stets als der Sohn bekannt sein, der sich davor drücken wollte, seiner Stadt in der Legion zu dienen. Wenn sich so etwas herumspricht, bedeutet das seinen Untergang, meinst du nicht auch? Glaubst du, du könntest nach einer solchen Schande noch in seine Fußstapfen treten? Der Senat mag keine Feiglinge, Junge.«
    Der junge Mann erbleichte vor Wut und Hilflosigkeit. »Ich werde…« Er verstummte, und ein schrecklicher Zweifel stieg in seinem Gesicht auf.
    »Du wirst dich jetzt neben diesen Adler stellen, bis wir so weit sind, dich den Eid ablegen zu lassen. Bis man mir etwas anderes sagt, bist du der erste Rekrut des Tages.«
    »Du kannst mich nicht daran hindern zu gehen!«, erwiderte Germinius mit überschnappender Stimme.
    »Einen rechtmäßigen Befehl missachten? Ich lasse dich auspeitschen, wenn du dich auch nur einen weiteren Schritt von mir entfernst. Nimm Haltung an, ehe ich die Geduld verliere!«
    Der gebellte Befehl ließ Germinius in ohnmächtiger Wut stehen bleiben. Unter Renius’ Blicken richtete er sich auf. Seine Freunde schickten sich an, sich unauffällig aus dem Staub zu machen.
    »Eure Namen!«, fuhr Renius sie an, und sie erstarrten. Sie blickten ihn stumm an, und er zuckte die Achseln.
    »Schreibt sie als Legionäre zwei und drei des heutigen Tages auf. Das reicht – jetzt, wo ich eure Gesichter kenne! Steht vor der Menge stramm, Männer.« Er drehte sich einen Augenblick zu den Soldaten der Primigenia um und beachtete ihre Verblüffung nicht weiter.
    »Falls sie weglaufen«, sagte er laut und deutlich, »werden sie zurückgeholt und noch hier auf dem Feld ausgepeitscht. Das kostet uns vielleicht ein paar Rekruten, aber die anderen können ebenso gut sehen, dass der strahlende Ruhm auch seine Schattenseiten hat.«
    Die drei jungen Römer standen stocksteif zur Menge gekehrt da, und Renius ließ sich überrascht von Brutus ein paar Schritte weit außer Hörweite ziehen.
    »Cato wird toben«, murmelte Brutus. »Er will seinen Sohn bestimmt nicht ausgerechnet in dieser Legion sehen.«
    Renius räusperte sich und spuckte in das staubige Gras des Feldes. »Er wird ihn aber auch nicht als Feigling gebrandmarkt sehen wollen. Es ist deine Entscheidung, aber du gewinnst nichts damit, wenn du ihn jetzt laufen lässt. Vielleicht versucht er, sich freizukaufen, vielleicht steht er es auch durch. In ein oder zwei Tagen werden wir es wissen.«
    Brutus sah den alten Gladiator an und schüttelte ungläubig den Kopf.
    »Du hast mir das eingebrockt, also werde ich es jetzt durchstehen.«
    Renius hielt seinem Blick stand. »Wenn du ihn geschlagen hättest, hätte sein Vater dich töten lassen.«
    »Du wusstest doch gar nicht, wer er war, als du mich aufgehalten hast!«, wandte Brutus ein.
    Renius seufzte. »Ich habe dir doch wirklich mehr beigebracht, mein Junge. Was soll ich denn sonst denken, wenn ein Junge das Wappen seines Vaters auf einem Goldring trägt, der groß genug ist, um damit ein Haus zu kaufen?«
    Brutus sah ihn blinzelnd an, ging dann zu den drei neuen Rekruten hinüber und warf einen unauffälligen Blick auf Germinius’ Hand. Gerade, als er zu Renius zurückgehen wollte, lösten sich drei junge Burschen aus der Menge und kamen auf den Adler der Primigenia zu.
    »Schreibt eure Namen auf die Rolle dort und stellt euch zu den anderen, Jungs«, sagte Renius zu ihnen. »Sobald wir genug beisammen haben, lassen wir euch den Eid ablegen.« Er winkte sie herüber, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel.

22

    Die Hitze Griechenlands und die ständigen Ausflüchte machten es Julius schwer, sein Temperament im Zaum zu halten. Er brauchte dringend Rekruten, aber die römische Stadt hinter den Mauern hatte ihre ureigenste Pflicht vergessen und begegnete jeder Forderung mit Verzögerungen und Verhandlungen.
    »Ich habe die jungen Männer. Jetzt bringt uns die Veteranen«, sagte Julius zum Stadtältesten.
    »Was denn? Willst du uns ganz ohne Schutz lassen?«, stieß der Mann entrüstet hervor.
    Julius schwieg und wartete einige Augenblicke, ehe er antwortete, so wie Renius es immer getan hatte. Er hatte festgestellt, dass die kleinen Pausen seinen Worten mehr Gewicht verliehen als alles andere.
    »Meine Männer ziehen direkt von hier aus los, um Mithridates anzugreifen. Ihr braucht euch vor niemandem sonst zu schützen. Ich habe keine Zeit mehr, um noch mehr Bauern zu Legionären auszubilden, und nach allem, was du gesagt hast, gibt es im Umkreis von hundert Meilen keine weitere römische Streitmacht.
    Ich möchte jeden Mann innerhalb eurer Mauern, der jemals im Dienste Roms ein Schwert gehalten hat, hier draußen sehen, so gut gerüstet und bewaffnet, wie ihr es vermögt.«
    Der bedrängte Älteste wollte abermals etwas entgegnen, doch Julius fiel ihm ins Wort, wobei er die Stimme nur wenig hob. »Ich hoffe, ich brauche hier nicht noch einmal die Voraussetzungen für ihren Ruhestand zu erörtern. Es wäre ein Angriff auf ihre Ehre, wenn ich sie daran erinnern müsste, dass ihnen unter der Bedingung Land überlassen wurde, dass sie jederzeit wieder antreten, sobald Rom nach ihnen ruft. Es ist so weit – die Stadt ruft. Schick sie heraus.«
    Der Älteste drehte sich um und rannte beinahe in den Ratssaal zurück. Julius wartete, während seine Männer hinter ihm stramm standen. Er hatte genug von der Verzögerungstaktik des Stadtrats, und allmählich verspürte er auch kein Mitgefühl mehr mit diesen Städtern. Sie lebten in einem eroberten Land, und die entfernte Gefahr eines Aufstands war nun Wirklichkeit geworden. Glaubten sie etwa, sie könnten ihn hinter ihren schönen Mauern aussitzen? Er fragte sich, was wohl geschehen wäre, wenn Mithridates vor ihm hier eingetroffen wäre. Er wäre jede Wette eingegangen, dass sie ihm aus Angst um ihre Familien die Treue geschworen, die Tore geöffnet und im Staub vor ihm gekniet hätten.
    »Da kommt jemand die Hauptstraße herauf«, sagte Gaditicus hinter ihm.
    Julius drehte den Kopf nach links und lauschte auf den gleichmäßigen Schritt von mindestens einer Zenturie Legionäre. Er fluchte leise. Eine Konfrontation mit einem anderen Offizier der regulären Legion hatte ihm gerade noch gefehlt.
    Als die Einheit in Sicht kam, machte Julius’ Herz einen Sprung.
    »Legionäre… halt!«, ertönte eine raue Stimme, und der Befehl hallte von den Mauern rings um den kleinen Platz wider.
    Einer von Julius’ Männern pfiff leise bei dem Anblick, der sich ihnen bot. Die Männer waren alt. Sie trugen Rüstungen, die teilweise aus der Zeit von vor fünfzig Jahren stammten, mit einfacheren Metall- und Kettenpanzern. Ihre Körper zeigten die Spuren jahrzehntelanger Kriege. Einigen fehlte ein Auge oder eine Hand. Andere hatten uralte, schlecht genähte Narben im Gesicht und auf den Gliedern, die ihre Haut in langen Halbkreisen überzogen.
    Der Kommandeur war ein kräftiger Mann mit kahl rasiertem Schädel und muskulösen Schultern. Sein Gesicht war voller Falten, aber er vermittelte immer noch einen Eindruck von Stärke, der Julius entfernt an Renius erinnerte. Instinktiv erkannte er in Julius, der sich ein Stück weit von den anderen entfernt hielt, den Befehlshaber und salutierte vor ihm.
    »Quertorus Far meldet sich zur Stelle, Herr. Wir dachten, ehe der Rat noch den ganzen Tag mit Reden verbringt, erteilen wir uns selbst den Befehl zum Ausrücken. Die Veteranen sind zur Musterung bereit, Herr.«
    Julius nickte und folgte ihm, während immer mehr Legionäre auf den Platz hinaustraten und sich in sauberer Formation aufstellten.
    »Wie viele sind es?«, fragte er und versuchte den Wert der Weißbärte einzuschätzen, die vor ihm in der Wintersonne strammstanden.
    »Insgesamt fast vierhundert, Herr, aber einige sind noch von weiter entfernt liegenden Höfen hierher unterwegs. Bis zum Einbruch der Dunkelheit müssten alle hier sein.«
    »Und das Durchschnittsalter?«, fuhr Julius fort.
    »Es sind Veteranen, Herr. Das heißt, sie sind alt. Aber sie haben sich alle freiwillig gemeldet, und sie sind so zäh und hart, wie du sie brauchst, wenn du Mithridates ausräuchern willst. Sie werden ein paar Tage zusammen exerzieren müssen, aber bedenke, sie haben alle mehr als eine Prüfung bestanden. Viele Männer sind im Lauf der Jahre für Rom gestorben. Diese hier haben überlebt.«
    Der Mann trug eine anmaßende Miene zur Schau, aber Julius hörte den Glauben in seinen Worten, mit denen der Glatzkopf den jungen Offizier, der auf der Suche nach einer Armee in ihre Stadt gekommen war, beruhigen wollte.
    »Und du, Quertorus? Befehligst du sie?«
    Der glatzköpfige Mann lachte, ein kurzes, rasselndes Geräusch, das sofort wieder abrupt endete.
    »Ich nicht, Herr. Der Rat denkt wahrscheinlich, er täte es, aber die meisten dieser Männer gehen schon seit langem ihre eigenen Wege. Aber nachdem Mithridates den Hafen erobert hatte, haben sie angefangen, ihre Schwerter zu polieren, wenn du weißt, was ich meine.«
    »Du redest, als würdest du nicht zu ihnen gehören«, sagte Julius und ließ es wie eine Frage klingen.
    Quertorus hob die Augenbrauen. »Aber nicht mit Absicht, Herr. Ich habe zwanzig Jahre bei der Ersten Cyrenaica gedient, zehn davon als Optio.«
    »Die letzten zehn?«, fragte Julius aus irgendeinem Instinkt heraus.
    Quertorus räusperte sich und wandte einen Moment den Blick ab.
    »Mehr so zehn in der Mitte, Herr. Gegen Ende habe ich meinen Rang wegen übermäßigem Glücksspiel verloren.«
    »Ich verstehe. Nun, Quertorus, es sieht ganz so aus, als hätten du und ich uns wieder auf ein Glücksspiel eingelassen«, entgegnete Julius leise.
    Quertorus strahlte ihn an und zeigte Zahnlücken im Unterkiefer. »Ich würde nicht gegen meine Männer wetten, Herr. Nicht, bevor du sie gesehen hast.«
    Julius betrachtete die dichten Reihen mit weniger Vertrauen, als er sich anmerken ließ.
    »Ich hoffe, du hast Recht. Und jetzt tritt ins Glied zurück, dann werde ich zu ihnen sprechen.«
    Einen Augenblick dachte er, Quertorus würde sich weigern, und er fragte sich, ob es außer dem Glücksspiel noch andere Gründe dafür gab, dass der Mann seinen Rang verloren hatte. Die meisten Legionäre spielten, wenn sie nicht im Dienst waren. Dann trat der Kahlkopf ins Glied zurück und nahm, die Augen interessiert auf Julius gerichtet, Haltung an. Julius holte tief Luft.
    »Veteranen Roms!«, donnerte er, so dass die dicht vor ihm Stehenden zusammenfuhren. Er hatte immer schon eine kräftige Stimme gehabt, jetzt jedoch fragte er sich, ob sie ausreichen würde, falls einige von ihnen taub waren.
    »Meine Männer und ich sind durch zwei Dörfer südlich von hier marschiert, ehe wir auf der Suche nach Rekruten hierher gekommen sind. Dort haben wir erfahren, dass Mithridates sein Lager ungefähr einhundert Meilen westlich aufgeschlagen hat. Ihr könnt sicher sein, dass in diesem Moment, in dem ich hier zu euch spreche, bereits römische Legionen auf dem Marsch sind und von den Häfen Dyrrachium und Apollonia aus in Richtung Osten vorrücken. Ich habe vor, ihn auf sie zuzutreiben und der Hammer für den römischen Amboss zu sein.«
    Jetzt hatte er ihr Interesse geweckt. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, die seiner eigenen Männer und die der ergrauten Veteranen. Er dankte den Göttern für die Entscheidung, die zehn Meilen nach Norden zu marschieren, um in der Stadt nach Rekruten zu suchen.
    »Mit euch habe ich eintausend Mann unter meinem Befehl, um Mithridates anzugreifen. Einige aus dieser Stadt und den Dörfern sind nicht ausgebildet. Andere, die ich mitgebracht habe, kennen sich nur im Kampf zur See auf römischen Galeeren aus. Ihr wart die Landlegionen, also müsst ihr auf dem Marsch unser Rückgrat bilden. Ich werde jedem von euch einen Schwertbruder von meinen Männern zuteilen, den ihr ausbilden werdet.«
    Er machte eine Pause. Als alles ruhig blieb, wusste er, dass sich die Veteranen immer noch an die alte Disziplin erinnerten. Er fragte sich, wie viele von ihnen die Meilen überstehen würden, ehe es überhaupt zum Kampf kam. Mit jungen, frischen Soldaten hätte er die Strecke in drei oder vier Tagen zurücklegen können, aber mit diesen hier? Das konnte man nicht vorhersagen.
    »Ich brauche einen von euch als Quartiermeister, der aus den Vorräten in der Stadt Marschgepäck, Ausrüstung und Verpflegung zusammenstellt.«
    Quertorus trat mit begeistert blitzenden Augen vor.
    »Quertorus?«, sagte Julius zu ihm.
    »Quartiermeister, Herr, mit deiner Erlaubnis. Ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, dem Rat eins auszuwischen.«
    »In Ordnung, aber ihre Beschwerden sollen sie an mich richten, und ich werde sie ernst nehmen. Nimm drei von meinen Männern mit und fang an, deine Vorkehrungen zu treffen. Wir brauchen einen Schild für jeden Mann, und alles an Speeren und Bögen, was ihr finden könnt. Eine Feldküche soll draußen vor den Mauern für alle eine Mahlzeit bereit haben, ehe es dunkel wird. Es ist immer noch hell genug, um zu exerzieren, und ich möchte sehen, wie gut sich die Männer bewegen können. Sie werden hungrig sein, wenn wir fertig sind.«
    Quertorus salutierte und marschierte zackig hinüber zu Gaditicus, der immer noch in Habachtstellung an der Stelle stand, wo Julius ihn mit den anderen zurückgelassen hatte. Julius sah zu, wie er zwei weitere Männer auswählte, die mit ihm gehen sollten, und versuchte das ungute Gefühl beiseite zu schieben, gerade den Bock zum Gärtner gemacht zu haben. Als sie davoneilten, erblickte Julius den Stadtältesten, der aus der Ratshalle gestürzt kam und direkt auf die versammelten Veteranen zuhielt. Julius wandte sich ohne Interesse von ihm ab. Was immer der Rat auch entschieden haben mochte, es war nicht mehr wichtig.
    »Ich habe gesehen, wie ihr steht, und an euren Narben kann ich erkennen, dass ihr kämpfen könnt!«, rief er über die Reihen. »Jetzt will ich sehen, ob ihr euch noch an die Formationen erinnert!«
    Auf seinen Befehl hin machten sie kehrt und marschierten die Hauptstraße entlang zu dem Tor, das aus der kleinen Stadt hinausführte. Diejenigen, die in den Nebenstraßen hatten warten müssen, fielen präzise hinter den anderen ein, und Julius gab Gaditicus ein Zeichen, den Schluss zu bilden. Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick, als sie sich der hinausmarschierenden Kolonne anschlossen. Der Stadtälteste rief ihnen irgendetwas hinterher, aber seine Stimme wurde immer leiser, bis ihm klar wurde, dass sie ohnehin nicht mehr auf ihn hörten.
    Es dauerte eine Weile, bis die Legionäre vier gleiche Reihen gebildet hatten, in denen sowohl die Veteranen als auch die jüngeren Männer standen. Julius schritt zackig vor den Reihen auf und ab und versuchte dabei die Qualität der Männer einzuschätzen, die sich in seinem Namen versammelt hatten. Während er sie finster anblickte, versuchte er sich verzweifelt an die Lektionen in Kampftaktik sowie an die Übungen zu erinnern, die ihm Renius vor so vielen Jahren eingepaukt hatte. In keiner davon war es darum gegangen, eine Legion von Null aufzubauen, aber vieles fiel ihm wieder ein, als er über die praktischen Probleme nachdachte, die es mit sich brachte, eine große Gruppe marschieren und Befehle befolgen zu lassen. Nur eine Sorge wollte nicht von ihm weichen: Würde einer der Veteranen merken, dass er noch nie Infanterie befehligt hatte? Sein Blick verfinsterte sich noch mehr. Er würde ihnen einfach etwas vorspielen müssen.
    Mit den Eckmännern beginnend, bildete er ein einfaches Viereck und ging im Kopf die Zahlen durch, während sie warteten. Er trennte die anderen in dreißig durchnummerierte Reihen und wies die Eckmänner an, ihre Posten einzunehmen. Als sie bereit waren, rief Julius den Befehl: »Langsamer Marsch ins Quadrat!«
    Es ging holprig, aber die Männer bewegten sich ernst und konzentriert, bis sie wieder schweigend dastanden.
    »Und jetzt seht euch um, meine Herren. Ich will so oft als möglich einen Veteranen neben einem jüngeren Mann stehen haben. Wir werden Geschwindigkeit mit Erfahrung mischen. Bewegt euch!«
    Wieder wechselten sie ihre Positionen, und das Geräusch der scharrenden Füße ohne begleitendes Gemurmel klang gespenstisch. Julius sah, wie seine Männer in ihrem Verhalten dem Beispiel der Veteranen folgten, und lächelte leicht, als ihm Renius’ Worte einfielen, ein Anführer müsse respektiert werden, aber kalt sein. Er durfte nicht lächeln. Sie durften ihn nicht mögen. Marius hatten sie geliebt, aber sie hatten jahrelang für ihn gekämpft, und so viel Zeit blieb Julius nicht.
    »Wir haben zwei Kohorten von vierhundertachtzig Mann. Trennt euch nach der fünfzehnten Reihe und lasst einen Abstand zwischen euch.« Wieder setzten sie sich in Bewegung, und in der staubigen Erde entstand ein breiter Durchgang.
    »Die erste Kohorte wird den Namen Accipiter tragen, der Habicht. Die andere wird Ventulus heißen, der Wind. Accipiter wird von meinem stellvertretenden Kommandeur Gaditicus angeführt, Ventulus von mir selbst. Sprecht die Namen vor euch hin. Wenn ihr sie im Kampf hört, müsst ihr ohne nachzudenken reagieren.« Die Tatsache, dass der eine Namensvetter ein Handelsschiff gewesen war und der andere auf dem Meeresgrund lag, verschwieg er ihnen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
    »Ehe wir mit dem Exerzieren beginnen, brauchen wir einen Namen.«
    Er machte eine Pause und dachte verzweifelt nach, während in seinem Kopf völlige Leere herrschte. Die Veteranen sahen ihn teilnahmslos an. Vielleicht spürten sie, dass es ihm plötzlich an Selbstvertrauen mangelte. Der richtige Name würde ihnen beim Angriff Mut machen, und Julius geriet in Panik, als ihm nichts einfallen wollte, überwältigt von der Bedeutsamkeit, es gleich beim ersten Versuch wirklich richtig zu machen.
    Komm schon!, trieb er sich an. Sprich den Namen aus und gib ihnen eine Identität. Wütend ob der eigenen Unentschlossenheit, blickte er ihre Reihen entlang. Sie waren Römer, jung und alt. Jetzt hatte er es.
    »Ihr seid die Wölfe Roms«, sagte er. Seine Stimme war ruhig, trotzdem drang sie bis zum letzten Mann durch. Einige Veteranen richteten sich auf, während er sprach, und er wusste, er hatte eine gute Wahl getroffen.
    »Also. Kohorte Ventulus, bildet vier Manipel rechts von mir. Accipiter, nach links wegtreten. Wir haben noch drei Stunden, ehe es dunkel ist. Exerziert, bis ihr umfallt.«
    Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, vor wilder Zufriedenheit die Faust zu ballen, als sie sich sauber trennten. Dann rief er Gaditicus aus den Reihen der Accipiter zu sich und erwiderte seinen Gruß.
    »Übe mit ihnen jede Formation, die du kennst, bis es dunkel wird. Lass ihnen keinen Augenblick Zeit zum Nachdenken. Ich werde mit meinen Männern das Gleiche tun. Wechsele die Gruppenführer aus, wenn sie offensichtlich nicht taugen oder die Disziplin nicht stärken, aber mit Umsicht. Bis zum Essen sollten sie gut zusammenarbeiten.«
    »Willst du morgen losmarschieren?«, fragte Gaditicus mit leiser Stimme, damit ihn die Männer in der Nähe nicht hören konnten.
    Julius schüttelte den Kopf.
    »Morgen werden wir ein Manövergefecht veranstalten, deine Männer gegen meine. Die Alten sollen sich erinnern und die Jungen sich daran gewöhnen, wie es ist, mitten im Kampf und unter Druck Befehle zu befolgen. Komm heute Abend zu mir, dann klären wir die Einzelheiten. Und noch etwas, Gaditicus…«
    »Jawohl, Herr.«
    »Nimm deine Leute hart ran, denn morgen wird die Ventulus sie auseinander nehmen, und dann musst du noch mal von vorne anfangen.«
    »Das möchte ich sehen, Herr«, erwiderte Gaditicus mit einem kleinen Lächeln, ehe er erneut salutierte und zu seinem neuen Kommando zurückkehrte.
    Als Julius zwei Tage später den Marschbefehl gab, verspürte er einen Stolz, der seine Füße wie von selbst über die fremde Erde trug. Sein rechtes Auge war fast zugeschwollen, weil ihn einer von Gaditicus’ Männern mit einem Axtstiel erwischt hatte, doch er wusste, dass der Schmerz vergehen würde.
    Nicht wenige Soldaten aus beiden Kohorten humpelten wegen der Prügel, die sie sich in den Scheinkämpfen gegenseitig verpasst hatten, aber sie hatten sich aus Fremden in Wölfe verwandelt, und Julius wusste, dass sie nicht leicht zu töten und noch schwerer zum Aufgeben zu bringen wären. Sie würden hundert Meilen durch Wälder und Ebenen marschieren, und Mithridates würde eine Menge aufständischer Bauern benötigen, um ihrem Ansturm standzuhalten, dessen war sich Julius sicher. Er fühlte sich, als hätte er guten Wein im Bauch, und hätte vor Aufregung am liebsten laut aufgelacht.
    Gaditicus neben ihm bemerkte seine gute Laune und lachte leise, zuckte jedoch zusammen, als seine geschwollenen Lippen wieder aufplatzten.
    »Ein Gutes hatten die Galeeren. Man musste nicht so viel Metall und Ausrüstung auf dem Rücken mit sich herumschleppen«, murrte er halb laut.
    Julius schlug ihm lachend auf die Schulter. »Du hast noch Glück. Die Legionäre meines Onkels wurden ›die Maulesel des Marius‹ genannt, weil sie so viel tragen konnten.«
    Gaditicus antwortete mit einem Knurren und verlagerte das Gewicht des schweren Tornisters, um seinen Muskeln Erleichterung zu verschaffen. Die Beine waren am schlimmsten dran. Viele der Veteranen hatten mächtige Waden, deren Kraft durch jahrelanges Marschieren entstanden war. Gaditicus schwor sich, seine Kohorte erst dann Rast machen zu lassen, wenn Julius es tat oder wenn einer der Veteranen umkippte. Er wusste nicht, was wahrscheinlicher war.
    Julius verlängerte seinen Schritt und ging durch die Reihen, bis er ganz vorne war. Er hatte das Gefühl, Tag und Nacht marschieren zu können, und die Römer in seinem Rücken würden ihm folgen. Hinter ihnen verlor sich die Stadt rasch in der Ferne.

23

    Ein Leben voller Kämpfe in fremden Ländern erforderte harte Männer, dachte Julius, als er gegen Ende des zweiten Tags dahinmarschierte und vor Schweiß und Staub kaum noch etwas sehen konnte. Hätten sich die Veteranen im Ruhestand gehen lassen, so hätten sie wohl kaum mit dem eifrigen Tempo der jüngeren Männer mithalten können. Die harte Arbeit, den Boden urbar zu machen, hatte sie anscheinend bei Kräften gehalten, auch wenn einige von ihnen unter ihren alten Rüstungen nur aus Haut und Sehnen zu bestehen schienen. Die Ledertuniken waren nach dem langen Liegen in Truhen und Schränken gesprungen und spröde, aber die eisernen Bänder und Platten ihrer Rüstungen glänzten vom Ölen und Polieren. Sie bezeichneten sich vielleicht als Bauern, aber die Geschwindigkeit, mit der sie auf seinen Ruf reagiert hatten, verriet ihre wahre Natur. Einst waren sie die diszipliniertesten Todesbringer der Welt gewesen, und jeder Schritt auf dem langen Marsch brachte etwas von ihrem alten Feuer zurück. Es zeigte sich an ihrer Haltung und in ihren Augen, in denen die Kriegsbegeisterung wieder entflammt war. Es waren Männer, für die der Ruhestand dem Tod gleichkam. In der Gemeinschaft der Soldaten, in der sie ihre schwindenden Energien in plötzlichen Schüben und in der Anspannung bei der Erwartung eines feindlichen Angriffs einsetzen konnten, fühlten sie sich am lebendigsten.
    Julius trug einen alten Schild auf dem Rücken, den Quertorus über irgendeiner Tür abgerissen hatte. Damit er nicht scheuerte, ruhte er auf einem schweren Wasserschlauch über den Schulterblättern, der bei jedem Schritt melodisch gluckerte. Wie die anderen Galeeren-Soldaten spürte er die fehlende Kondition, die von der mangelnden Bewegung an Deck herrührte. Aber seine Lunge war rein, und von den Anfällen, die ihn seit seiner Kopfverletzung geplagt hatten, war nichts mehr zu spüren. Er wagte nicht, darüber nachzudenken, doch er machte sich Sorgen, was aus seiner Autorität werden würde, falls sie wieder einsetzten. Auf einem Gewaltmarsch konnte man sich nirgendwo zurückziehen.
    Fast den gesamten ersten Tag über hatte Julius ein gemächliches Tempo vorgegeben. Sie hatten zu wenige Legionäre, um riskieren zu können, mehr Veteranen als unbedingt nötig zu verlieren, und alle hatten es bis zum ersten Lager geschafft. Julius hatte die jüngeren Männer als Wachen eingeteilt, und keiner beschwerte sich darüber, obwohl sich Suetonius offensichtlich eine Bemerkung verkneifen musste, ehe er mit mürrischem Gehorsam seinen Posten einnahm. Manchmal hätte Julius ihn am liebsten ausgepeitscht und zurückgelassen, aber er riss sich zusammen. Er wusste, dass er Bindungen zu seinen Männern aufbauen musste, Bindungen, die stark genug waren, um die ersten hektischen Augenblicke der Schlacht zu überstehen. Sie mussten in ihm das sehen, was er einst in Marius gesehen hatte – einen Mann, dem man bis in die Hölle folgte.
    Am zweiten Tag hatte Julius beinahe den ganzen Vormittag über sein Tempo dem von Gaditicus an der Spitze der beiden Kohorten angepasst. Ihnen blieb wenig Luft zum Reden, aber sie waren übereingekommen, sich an der Spitze abzuwechseln, damit der andere sich zwischen die Einheiten zurückfallen lassen und dort Schwächen und Stärken erkennen konnte. Für Julius waren diese Aufenthalte unter den Männern von großem Wert, denn dabei hatte er auch in den Gesichtern der Schwächsten die beginnende Erregung entdecken können. Sie hatten die kleinlichen Gesetze und Einschränkungen des Stadtlebens abgestreift und kehrten in die einfachste Welt zurück, die sie kannten.
    Fast eine Stunde lang marschierte Julius neben einer Reihe auf halber Höhe der Ventulus-Kohorte. Einer der Veteranen war ihm aufgefallen, der Einzige, der ihn nicht anblickte, als er an ihm vorbeikam. Der Mann musste einer der Ältesten sein und war in der Masse der Soldaten nicht einfach auszumachen, was, wie Julius vermutete, durchaus Absicht sein mochte. Statt eines Helms trug er ein abgewetztes altes Löwenfell, das seinen gesamten Kopf bedeckte und in einer sauberen Linie bis auf die Schultern reichte. Die Augen der toten Raubkatze waren dunkle Löcher, und wie der Besitzer schien die Kopfbedeckung fast nutzlos. Der alte Mann blickte beim Marschieren stur geradeaus, die Augen gegen den Staub zu faltigen Schlitzen zusammengekniffen. Julius musterte ihn interessiert. Ihm fielen die schroffen Konturen der Sehnen auf, die am Hals hervorstanden, und die geschwollenen Knöchel der Hände, die mehr nach Keulen aussahen als nach Fingern. Obwohl der Veteran den Mund ständig geschlossen hielt, konnte man an den eingefallenen Wangen erkennen, dass nur noch wenige Zähne in den alten Kiefern steckten. Julius fragte sich, welcher Geist wohl einen so alten Mann Meile um Meile marschieren ließ, die Augen stets auf ein Ziel gerichtet, das keiner von ihnen sehen konnte.
    Als sich der Mittag näherte und Julius gerade Halt machen lassen wollte, damit die Männer essen und sich ausruhen konnten, sah er, dass der Mann mit dem linken Bein zu humpeln begonnen hatte und sein linkes Knie in der kurzen Zeit, die er in seiner Nähe gewesen war, angeschwollen war. Er brüllte das Kommando zum Halten, und die Wölfe kamen in zwei Schritten gemeinsam zum Stehen.
    Während Quertorus die Kochutensilien zusammensuchte, sah Julius den alten Mann mit dem Rücken an einen verkrüppelten Baum gelehnt dasitzen. Er verzog das zerfurchte Gesicht, als er das geschwächte Knie mit einer Stoffbinde so fest umwickelte, bis er es kaum noch beugen konnte. Er hatte das Löwenfell abgenommen und vorsichtig zur Seite gelegt. Seine Haare waren dünn und grau und klebten ihm in schweißnassen Strähnen am Kopf.
    »Wie ist dein Name?«, fragte ihn Julius.
    Der alte Mann antwortete, während er weiter die Binde wickelte und das Knie ausprobierte. Bei jedem Versuch ächzte er.
    »Die meisten nennen mich Cornix, die alte Krähe. Ich bin Jäger und Fallensteller, in den Wäldern.«
    »Ich habe einen Freund, der dir mit dem Knie helfen könnte. Ein Heiler. Er ist wahrscheinlich noch älter als du«, sagte Julius leise.
    Cornix schüttelte den Kopf. »Den brauche ich nicht. Dieses Knie hat mich schon auf vielen Feldzügen begleitet. Diesen einen wird es auch noch aushalten.«
    Julius drängte nicht weiter, weil ihn die Hartnäckigkeit des Alten beeindruckte. Ohne ein weiteres Wort reichte er ihm etwas von dem warmen Brot und dem Bohneneintopf, den Quertorus aufgewärmt hatte. Es würde ihre letzte warme Mahlzeit sein, weil sie jetzt zu nahe an Mithridates herankamen und nicht riskieren konnten, dass der Rauch von Spähern entdeckt wurde. Cornix nahm die Ration und nickte dankbar.
    »Du bist ein seltsamer Befehlshaber«, meinte er mit vollem Mund. »Bringst mir Essen.«
    Julius sah ihm einen Augenblick beim Essen zu, ohne zu antworten.
    »Und du müsstest das Soldatenleben doch eigentlich längst hinter dir haben. Es muss doch zwanzig Jahre her sein, seit du bei der Legion warst?«
    »Eher dreißig, und das weißt du auch«, erwiderte Cornix mit einem Lächeln, das den Blick auf zerkautes Brot freigab. »Aber manchmal fehlt sie mir immer noch.«
    »Hast du eine Familie?«, fragte Julius, der sich immer noch wunderte, warum der Greis die Sicherheit der Hügel verlassen hatte, um seine letzte Kraft mit den anderen zu vergeuden.
    »Die Kinder sind nach Norden gezogen, und meine Frau ist gestorben. Ich bin jetzt allein.«
    Julius stand auf und blickte auf den friedlich vor sich hinkauenden Mann herab, der das Gesicht verzog, als er das bandagierte Knie beugte. Er sah hinüber zu der Stelle, wo Cornix Schild und Schwert gegen einen Baum gelehnt hatte. Der alte Mann folgte seinem Blick und beantwortete die unausgesprochene Frage.
    »Keine Angst, ich kann immer noch damit umgehen.«
    »Das wirst du auch müssen. Man sagt, Mithridates habe eine sehr große Armee.«
    Cornix schniefte verächtlich. »Ja, das sagt man immer.« Er schluckte den Bohneneintopf hinunter und nahm einen langen Zug aus dem Wasserschlauch. »Willst du mich nicht endlich fragen?«
    »Was denn fragen?«, erwiderte Julius.
    »Ich habe doch gesehen, wie es dich die ganze Zeit beschäftigt hat, während du neben mir hermarschiert bist. Warum zieht ein Mann in meinem Alter noch mal in den Krieg? Das war es doch, oder? Wahrscheinlich hast du dich sogar gefragt, ob ich überhaupt noch mein Schwert heben kann.«
    »Das ist mir durch den Kopf gegangen«, lachte Julius als Antwort auf den Humor, der in den dunklen Augen leuchtete.
    Cornix lachte mit ihm, mit harten, keuchenden Lauten. Dann schwieg er und blickte den hoch gewachsenen jungen Befehlshaber unverwandt an, der jugendliche Selbstsicherheit ausstrahlte und sein ganzes Leben noch vor sich hatte.
    »Ich will meine Schulden begleichen, Junge. Die alte Stadt hat mir viel mehr gegeben als ich ihr. Ich denke, nach diesem letzten Dienst müssten wir quitt sein.«
    Er zwinkerte Julius zu, als er geendet hatte, und dieser lächelte verhalten, als ihm klar wurde, dass Cornix zum Sterben mit ihm gekommen war. Vielleicht zog er ein schnelles Ende dem langwierigen, qualvollen Tod in einer entlegenen Jägerhütte vor. Er fragte sich, wie viel von den anderen wohl ebenfalls ihr Leben lieber mit ihrem letzten Mut wegwerfen wollten, als auf einen Tod zu warten, der sich bei Nacht an sie heranschlich. Als er zu den Lagerfeuern zurückging, schauderte Julius ein wenig, obwohl es nicht kalt war.
    Julius konnte nicht mit Sicherheit wissen, wo Mithridates mit seinen Aufständischen lagerte. Die Berichte, die er von römischen Überlebenden erhalten hatte, konnten falsch sein, oder vielleicht war der griechische König auch schon viele Meilen weitergezogen, während die Wölfe in das Gebiet einmarschierten. Seine größte Sorge war, dass die beiden Streitkräfte zufällig auf die Späher der jeweils anderen stießen und zum Handeln gezwungen würden, ehe Julius bereit war. Seine eigenen Späher wussten, dass ihrer aller Leben davon abhing, dass sie nicht entdeckt wurden. Julius hatte die schnellsten und kräftigsten Männer auf meilenweite Erkundungszüge geschickt, um nach frischen Spuren des Feindes Ausschau zu halten, während sich die Hauptstreitmacht der Wölfe im Dickicht des Waldes verborgen hielt. Es war eine nervenaufreibende Zeit. Ohne Feuer und ohne die Möglichkeit, im weiteren Umkreis zu jagen, verbrachten sie kalte und feuchte Nächte, und die schwache Sonne, die tagsüber durch die Bäume brach, vermochte sie kaum aufzuwärmen.
    Nach vier Tagen der Untätigkeit war Julius kurz davor, die Männer ins offene Gelände marschieren zu lassen und die Konsequenzen zu tragen. Bis auf drei waren alle Späher durch die äußere Postenkette zurückgekehrt und verzehrten gemeinsam mit den anderen trübsinnig schweigend eine kalte Mahlzeit.
    Gereizt wartete Julius auf die letzten drei Männer. Sie waren im richtigen Gebiet, das wusste er, seit sie fünf Meilen östlich auf eine niedergemetzelte römische Zenturie gestoßen waren, die man ihrer Waffen und Rüstungen beraubt hatte, nachdem sie in ihrem abgelegenen Fort überrascht worden war. Die Leichname hatten erbärmlich ausgesehen, und kein Wort von Julius hätte die Entschlossenheit der Männer mehr anstacheln können.
    Die Späher kehrten zusammen zurück und kamen in dem üblichen langsamen Trab, in dem sie viele Meilen ohne Pause zurücklegen konnten, durch das nasse Laub gelaufen. Sie ließen den kalten Eintopf, der auf sie wartete, links liegen und kamen direkt auf Julius zu. Die Männer waren müde, aber gleichzeitig sichtbar erregt. Sie waren vier Tage unterwegs gewesen, und Julius wusste sofort, dass sie den Feind endlich gefunden hatten.
    »Wo sind sie?«, fragte er und stand schnell auf.
    »Dreißig Meilen in Richtung Westen«, erwiderte einer, der es kaum erwarten konnte, die Nachricht zu überbringen. »Ein befestigtes Lager. Es sieht aus, als wollten sie sich dort gegen die Legionen verteidigen, die aus Oricum anrücken. Sie haben sich an einer schmalen Stelle zwischen zwei steilen Hängen verschanzt.« Er hielt inne, um Atem zu holen, und einer der anderen berichtete weiter.
    »Die Hänge und das Gebiet nach Westen haben sie mit spitzen Pfählen gesichert. Sie hatten eine Kette von Spähern und Wachen aufgestellt, deshalb konnten wir nicht sehr nahe heran, aber die Befestigungen sahen stabil genug aus, um Kavallerie aufzuhalten. Wir haben Bogenschützen üben sehen, und ich glaube, wir haben auch Mithridates selbst gesehen. Da war ein großer Mann, der seinen Einheiten Befehle gab. Er sah aus, als wäre er der Feldherr.«
    »Wie viele waren es?«, fragte Julius knapp, denn das interessierte ihn mehr als alle anderen.
    Die Späher schauten sich gegenseitig an, dann ergriff wieder der erste das Wort.
    »Wir denken, ungefähr zehntausend, grob geschätzt. Keiner von uns ist nahe genug herangekommen, um ganz sicher zu sein, aber das ganze Tal zwischen den Hügeln ist mit Lederzelten übersät. Wir sind von ungefähr acht bis zehn Mann je Zelt ausgegangen…« Die anderen beiden nickten und sahen Julius gespannt an. Julius versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, obwohl er enttäuscht war. Kein Wunder, dass sich Mithridates sicher genug fühlte, sich den Legionären zu stellen, die auf ihn zumarschierten. Das letzte Mal hatte der Senat nur Sulla entsandt, um gegen einen kleineren Aufstand vorzugehen. Wenn sie dieses Mal wieder nur eine Legion schickten, konnte Mithridates sie durchaus besiegen und damit ein weiteres Jahr Zeit gewinnen, ehe der Senat davon erfuhr und jeden verfügbaren Mann aus den anderen Gebieten zusammenzog. Selbst dann würden sie es vielleicht nicht wagen, die restlichen römischen Gebiete ohne Schutz zu lassen. Aber gewiss würden sie doch nicht das Risiko eingehen wollen, Griechenland zu verlieren? Jede von den Römern gehaltene Stadt, die sich hinter hohen Mauern gegen den König verschanzt hatte, könnte zerstört werden, ehe der Senat endlich eine vernichtende Streitmacht zusammengestellt hatte. Die Flüsse würden sich rot färben, ehe der letzte Römer im Land des Mithridates tot war, und wenn es ihm gelang, die Städte zu vereinen, konnte das auf einen langen Krieg hinauslaufen.
    Julius ließ die Späher wegtreten, damit sie sich etwas zu essen holen und ihre wohlverdiente Ruhe genießen konnten. Viel Zeit würde dafür sowieso nicht bleiben, das wusste er.
    Gaditicus kam näher, die Augenbrauen fragend erhoben, nachdem er die Späher gesehen hatte.
    »Wir haben ihn gefunden«, bestätigte Julius. »Es sind höchstens zehntausend. Ich denke, wir werden heute Nacht zehn Meilen weit marschieren und die restlichen zwanzig dann morgen, wenn es dunkel wird. Unsere Bogenschützen schalten die Wachen aus, dann greifen wir die Hauptstreitmacht vor Tagesanbruch an.«
    Gaditicus sah besorgt aus.
    »Die Veteranen werden erschöpft ankommen, wenn du sie im Dunkeln so weit marschieren lässt. Wir könnten abgeschlachtet werden.«
    »Sie sind jetzt viel besser in Form als beim Abmarsch aus der Stadt. Es wird nicht leicht werden; wir verlieren sicherlich den einen oder anderen Mann, aber wir haben den Überraschungsvorteil auf unserer Seite. Und sie sind ihr ganzes Leben lang marschiert. Sie sollen nicht über einen Kampf auf Leben und Tod gegen so viele nachdenken. Wir werden ihnen einen schnellen Schlag versetzen… rein, so viele töten wie möglich, und dann wieder raus. Wir ziehen uns so weit wie möglich zurück, ehe es hell wird, und dann werden wir ja sehen, wie gut wir in Form sind.« Er blickte durch die mit Moos bewachsenen Baumstämme zum Himmel.
    »Es wird bald dunkel, Gadi. Deine Männer sollen sich marschbereit machen. Ich führe sie so dicht wie möglich heran, damit es morgen Nacht nicht so weit ist, aber wir dürfen auf keinen Fall entdeckt werden. Die richtige Taktik arbeiten wir aus, wenn wir nahe genug am Feind stehen. Es hat keinen Sinn, Einzelheiten zu planen, ehe ich ihre Stellungen gesehen habe. Wir müssen sie nicht schlagen, sondern nur dazu zwingen, ihr Lager abzubrechen und Richtung Westen in die Arme der Legionen zu ziehen, die von der Küste herankommen.«
    »Falls sie kommen«, erwiderte Gaditicus leise.
    »Sie werden kommen. Ganz gleich, was in Rom nach Sullas Tod passiert ist, der Senat kann Griechenland nicht kampflos aufgeben. Lass sie antreten, Gadi.«
    Gaditicus salutierte, und seine Züge glätteten sich. Jeder Angriff gegen eine solche Übermacht war riskant, das wusste er, aber er hielt den nächtlichen Überfall, den Julius vorgeschlagen hatte, in Anbetracht der Männer, die ihnen zur Verfügung standen, für die beste Wahl. Außerdem hatte Mithridates eine Armee aus nicht ausgebildeten Aufständischen aufgestellt, die auf eine Streitmacht treffen würde, zu der einige der erfahrensten Schwertkämpfer gehörten. Gegen zehntausend Mann war das kein großer Vorteil, doch es konnte den Ausschlag geben.
    Nachdem er der Accipiter den Befehl gegeben hatte, das Lager abzubrechen, sah er zu, wie die Veteranen und die jungen Männer zusammenarbeiteten und schnell und leise eine lockere Formation bildeten, bis sie den Wald hinter sich gelassen hatten. Einige von ihnen waren wirklich zu Wölfen geworden.

24

    Mithridates hatte keine Wachposten rings um sein Lager mehr, aber er wusste es noch nicht. Julius hatte seine äußere Postenkette fast eine Stunde lang beobachtet, ehe er lächelnd erkannt hatte, was für ein einfaches System der griechische König verwendete. Jede der Wachen stand neben einer brennenden Fackel, die auf einer hölzernen Stange steckte. In unregelmäßigen Zeitabständen nahmen sie sie ab und winkten mit der Flamme über ihren Köpfen, was von dem inneren Ring und den anderen Posten um sie herum erwidert wurde.
    Mithridates mochte ein König sein, von Taktik jedoch verstand er nicht viel, wie Julius inzwischen wusste. Die Wölfe hatten den Verteidigungsring mit Bogenschützenpaaren überwunden: Einer hatte den Wächter ausgeschaltet, nachdem er sein Signal gegeben hatte, und der andere hatte seinen Posten eingenommen. Das war schnell erledigt gewesen, und danach hatten sie sich den inneren Ring vornehmen können. Hier standen die Posten dichter beieinander. Sie durch ihre eigenen Männer zu ersetzen, hatte fast eine Stunde gedauert. Julius hatte die anderen zur Vorsicht gemahnt, doch selbst er wurde nervös, als sie auf das Zeichen des Letzten warteten, der nicht ahnte, dass ihm nur noch Römer antworten konnten.
    Cabera schoss den letzten Pfeil ab, und der feindliche Soldat sank lautlos zu einem dunklen Haufen zusammen. Wenige Augenblicke später fiel das Licht auf eine andere dunkle Gestalt, die ruhig dastand, als sei nichts geschehen. Als kein Alarm ertönte, ballte Julius triumphierend die Faust.
    Das Lager am Fuß der Hügel wurde von den gleichen, auf Stangen aufgesetzten Fackeln beleuchtet, die auch die Wachen benutzt hatten. Aus der Ferne betrachtet, wurde die dunkle Winternacht von einem Meer goldener Punkte durchbrochen, die die Römer wie starre Augen anblickten, während sie auf Julius’ Signal warteten. Für den jungen Feldherrn schien die ganze Welt von seinem Wort abzuhängen. Er trat an den am nächsten Stehenden seiner falschen Wachposten heran und nickte Cabera zu, der einen in Öl getränkten Pfeil an der Fackel entzündete und sofort abschoss, ehe die Flammen seine Finger erreichten.
    Gaditicus sah den flammenden Splitter in den Himmel steigen und zeigte mit ausgestrecktem Schwert auf das vor ihnen liegende Lager. Die Männer gingen von ihren gestaffelten Positionen aus ohne einen einzigen Schrei oder Schlachtruf vor. Sie rannten in gespenstischer Stille auf die Lichtflecken zu, die das Lager markierten, und bildeten mit der Ventulus von zwei Seiten her eine Zange, um größtmögliche Panik und Verwirrung zu verbreiten.
    Die griechische Armee hatte sich im Vertrauen auf ihre weit gestaffelten Ringe von Wachposten, die sie bei einem Angriff rechtzeitig warnen würden, bei Einbruch der Nacht zur Ruhe gelegt. Viele bemerkten die Gefahr erst, als ihre Lederzelte aufgerissen wurden und unsichtbare Schwerter in ihre schlafenden Leiber fuhren. Auf diese Weise wurden in den ersten Sekunden viele Dutzende niedergemacht. Rufe mischten sich mit Schreien. Das schlafende Lager begann zu erwachen und nach den Waffen zu greifen.
    »Wölfe!«, brüllte Julius, der fand, dass die Zeit des Schweigens vorbei war. Die Begeisterung übermannte ihn wie ein Rausch, während er und seine Männer durch das Lager rannten und jeden töteten, der aus den Zelten gestolpert kam. Er hatte seinen Männern aufgetragen, jeweils zwei Feinde zu töten und sich dann den Rückweg freizukämpfen, doch er selbst hatte schon drei mit dem Schwert niedergestreckt, ehe der erste Rausch vorüber war. Er konnte die Panik unter Mithridates’ Männern spüren. Ihre Offiziere reagierten nur langsam auf den Angriff, und ohne Befehle waren es Hunderte von Einzelkämpfern, die sich den dunklen Angreifern stellten und in Massen durch die Schwerter der Veteranen starben. Julius’ Schrei wurde von Gaditicus’ Kohorte beantwortet, die mit Hunderten von Stimmen noch mehr Verwirrung und Angst unter den Feinden stifteten. Cabera feuerte seine restlichen Pfeile in die dunklen Zelte, und Julius streckte einen nackten Mann nieder, der gerade sein Schwert heben wollte. Es herrschte allgemeines Chaos, und in dem Durcheinander hätte Julius fast den Augenblick verpasst, den nicht zu missachten er geschworen hatte.
    Er kam nach ein paar Minuten, als Hörner erklangen und die durcheinander rennenden Griechen sich zu Einheiten zusammenzuschließen begannen. In den Zelten, die die Römer übersehen hatten, hatte sich der Feind bewaffnet und begann nun Widerstand zu leisten. Befehle auf Griechisch gellten durch den Lärm der Schwerter.
    Julius wirbelte herum und schlug einem Mann, der sich gerade auf ihn stürzte, die Hand am Gelenk ab. Jeder Streich seiner schweren Klinge richtete schreckliche Verwüstungen an, doch sein nächster Schlag wurde geschickt abgewehrt. Er sah sich zwei Männern gegenüber, und von allen Seiten kamen weitere angerannt. Sie hatten die Überraschung überwunden, und es wurde Zeit, sich zurückzuziehen, ehe seine Wölfe niedergemetzelt wurden.
    »Absetzen!«, schrie er, während er mit einem tiefen Hieb dem ihm am nächsten stehenden Mann einen schweren Treffer am Fußgelenk versetzte. Der Zweite stürzte im Herbeistürmen über den zusammenknickenden Körper, und Julius drehte sich um und rannte davon, wobei seine Sandalen im blutigen Staub rutschten. Seine Männer folgten seinem Beispiel, drehten sich um und flohen, sobald sie sich vom Feind lösen konnten.
    Abseits der Fackeln des Lagers bot die Nacht ein dunkles Versteck. Bei Julius’ Befehl zum Rückzug waren alle Fackeln der Wachen gelöscht worden, und sobald die Römer den Außenbezirk des Lagers, in dem sie Trümmer und Leichen zurückließen, hinter sich hatten, zerstreuten sie sich und wurden unsichtbar.
    Die griechischen Einheiten hielten am Rand des Lichtkreises an, weil sie sich nicht in die Dunkelheit hinauswagten, in der der Feind zu Tausenden zu lauern schien – ein Feind, der angeblich noch mehr als eine Woche entfernt war und sich aus einer anderen Richtung nähern sollte. Überall ertönten konfuse Befehle, während die Griechen noch zögerten und die Wölfe entkamen.
    Mithridates tobte vor Wut. Schreie am anderen Ende des Lagers hatten ihn aus dem Schlaf gerissen. Sein eigenes Zelt stand in der Mitte der schmalen Senke, und als der Schlummer langsam aus seinem Kopf wich, wurde ihm klar, dass sie von der sicheren Seite her angegriffen wurden, auf der seine Männer alle römischen Siedlungen zwischen dem Lager und den verängstigten Städten an der Ostküste ausgelöscht hatten.
    Seine zehntausend Mann waren weit über das Tal verteilt, und bis er mit seinen Offizieren zum Schauplatz des Angriffs gelangt war und die Ordnung wiederhergestellt hatte, waren die Römer schon wieder verschwunden.
    Grimmig überschlugen sie die Zahl der Toten. Nach Meinung der überlebenden Offiziere waren sie von mindestens fünftausend Mann überfallen worden, die mehr als tausend Griechen tot am Boden zurückgelassen hatten. Mithridates brüllte vor Kummer, als er die Haufen der Toten in den Zelten sah, die gestorben waren, ehe sie sich dem Feind hatten stellen können. Es war ein Blutbad, und ihn überkam dasselbe Gefühl der Ohnmacht, das er verspürt hatte, als Sulla vor Jahren Jagd auf ihn gemacht hatte.
    Wie konnten sie in seinen Rücken gelangt sein?, fragte er sich schweigend, während er zwischen den verdreht daliegenden Toten umherlief. Die Wut überkam ihn, als er in das dunkle Gestrüpp blickte, und er schleuderte sein Schwert in die Nacht, das sofort von der Dunkelheit verschluckt wurde.
    »Die Wachen sind tot, Herr«, meldete ein Offizier.
    Mithridates starrte ihn an. Seine Augen waren rot vom Rauch und vom unterbrochenen Schlaf.
    »Stellt noch mehr Posten auf und brecht das Lager ab, damit wir bei Tagesanbruch losmarschieren können. Ich will, dass sie zur Strecke gebracht werden.« Nachdem der Offizier losgerannt war, um seine Befehle auszuführen, betrachtete Mithridates die Verwüstung um sich herum. Er hatte tausend Mann verloren und dazwischen nur wenige tote Römer entdecken können. Warum hatten sie sich zurückgezogen? Welche Legion es auch immer gewesen sein mochte, es sah so aus, als hätten sie das gesamte Lager noch vor Tagesanbruch überrennen können, so groß war die Panik und Unordnung unter seinen Männern gewesen. Wo waren sie sicher, wenn nicht mitten in ihrem eigenen Land, in ihrem eigenen Lager?
    Als er an diesem Abend schlafen gegangen war, hatte er es in dem Gefühl getan, über die größte Armee zu gebieten, die er jemals versammelt, jemals gesehen hatte. Jetzt würde er nicht mehr ohne die Angst einschlafen können, dass man sich über ihre Stärke lustig machen und ihnen mit verwegener Leichtigkeit das Leben rauben konnte, das wusste er. Er sah in die Gesichter um sich herum, aus denen Angst und Entsetzen nur langsam wichen. Zweifel stiegen in ihm auf. Er hatte geglaubt, von Löwen umgeben zu sein, doch jetzt musste er feststellen, dass es nur Lämmer waren.
    Er versuchte die Verzweiflung abzuschütteln, aber sie lastete schwer auf ihm. Wie konnte er hoffen, es mit Rom aufzunehmen? Diese Männer hatten sich nach ein paar schnellen Siegen gegen die verhassten Römer seiner Fahne angeschlossen, doch es waren junge Männer, erfüllt von Träumen von Sparta, Theben und Athen. Träumen von Alexander, die er vielleicht nicht erfüllen konnte. Er senkte den Kopf und ballte die schweren Fäuste, während die Männer um ihn herumrannten und nicht wagten, den wütenden König anzusprechen.
    »Wir sollten noch einmal umkehren«, sagte Suetonius. »Ein schneller Angriff, während sie das Lager abbrechen. Damit rechnen sie niemals.«
    »Und wie sollen wir ihnen entkommen, wenn der Tag anbricht?«, fragte Julius gereizt. »Nein. Wir marschieren so lange, bis wir gute Deckung finden.« Er wandte den Blick ab, um den mürrischen Gesichtsausdruck nicht sehen zu müssen, den seine Worte unweigerlich hervorriefen. Doch selbst der wäre leichter zu ertragen als die bösartige Freude, die den jungen Offizier seit dem Überfall ergriffen hatte. Sie bereitete ihm Übelkeit. Für Julius war es eine kurze, ruhmlose Schlacht gewesen, eine einfache und praktische Methode, um den Gegner zu dezimieren. Der heiße Rausch, der während des Kampfs durch seine Adern geflossen war, war verebbt, sobald er wieder in Sicherheit war, Suetonius jedoch hatte das leichte Töten beinahe körperlich erregt wie eine Liebesnacht.
    Auch die Veteranen hatten sich so schnell wie möglich aus dem griechischen Lager zurückgezogen, und zwar ohne zu jubeln, wie Julius aufgefallen war, und ohne auf kleinere Verletzungen zu achten. Sie marschierten schweigend dahin, wie Julius es befohlen hatte. Nur Suetonius schnatterte unentwegt, und schien gar nicht mehr aufhören zu können, sich selbst zu loben.
    »Wir könnten unsere Bogenschützen hinschicken, sie aus der Deckung heraus feuern und sich wieder zurückziehen lassen«, schlug er vor. Sein Mund öffnete sich feucht bei dieser Vorstellung. »Hast du gesehen, wie ich den Wachposten erledigt habe? Genau in die Kehle, es war einfach perfekt.«
    »Sei still!«, fuhr Julius ihn an. »Zurück ins Glied, und halt den Mund.« Er hatte genug von ihm, und seine Freude über das Gemetzel widerte ihn an. Bei den Gefechten auf See war sie anscheinend nicht zum Vorschein gekommen, aber schlafende Männer zu töten hatte etwas Hässliches in dem jungen Offizier geweckt, das Julius so weit wie möglich von sich wegschieben wollte. Die Erinnerung an die Kreuzigungen kam ihm in den Sinn, und er schauderte und fragte sich, ob Suetonius wohl Gnade gezeigt oder bis zum letzten Mann weitergemacht hätte. Er argwöhnte, dass es unter Suetonius’ Befehl sehr lange gedauert hätte.
    Als der junge Wachoffizier nicht augenblicklich gehorchte, hätte ihn Julius beinahe geschlagen. Er schien zu glauben, dass zwischen ihnen eine besondere Beziehung bestände, die auf gemeinsamen Erinnerungen beruhte, auch auf denen in der Zelle auf Celsus’ Schiff. Julius sah ihm ins Gesicht, das vor Gehässigkeit verzerrt war. Der Mund bewegte sich, als wolle er etwas auf den Befehl erwidern.
    »Zurück, oder ich töte dich auf der Stelle!«, fauchte ihn Julius an, und die schlanke Gestalt trollte sich endlich zwischen die Männer, die in der Dunkelheit hinter ihm marschierten.
    Einer der Veteranen stolperte und fluchte. Ohne Mondlicht passierte das nur allzu leicht. Sie hatten von Anfang an ohne zu murren ein strammes Marschtempo angeschlagen. Jeder von ihnen wusste, dass Mithridates zur Verfolgung ansetzen würde, sobald es hell genug war, um etwas sehen zu können. Ihnen blieben weniger als zwei Stunden bis Tagesanbruch. Bei vollem Marschtempo konnten sie in dieser Zeit knapp zehn Meilen zurücklegen.
    Mit den Verwundeten würde es weniger sein. Die Männer, denen das Laufen schwer fiel, wurden von zwei anderen gestützt, ohne darum bitten zu müssen, aber die meisten waren nur leicht verwundet. Durch die Art des Kampfes waren die Römer entweder tot oder unversehrt geblieben. Julius hatte noch keine Zeit gehabt, ihre Verluste zu schätzen, aber seiner Vermutung nach hatten sie sich gut geschlagen, viel besser, als er zu hoffen gewagt hatte.
    Während er dahinmarschierte, überlegte er, wie er die griechische Armee verteidigt hätte, wenn er für sie verantwortlich gewesen wäre. Als Erstes hätte er ein besseres Wachsystem eingeführt. Diese Schwachstelle hatte sie bis ins Herz des Lagers gelangen lassen, ohne dass Alarm gegeben wurde. Die Wölfe hatten Glück gehabt, wie es schien, aber bei all seinen Fehlern war Mithridates kein Trottel. Das nächste Mal würde es nicht so leicht gehen. Mehr Römer würden sterben. An der Spitze der langen Kolonne blieb Julius in der Stille der Nacht endlich ein Augenblick Zeit, um den Erfolg einzuschätzen. Trotz seiner abstoßenden Begeisterung hatte Suetonius Recht gehabt. Der Überfall war perfekt gewesen.
    Als der Morgen graute, waren die meisten Männer erschöpft. Verbissen zwang Julius sie mit pausenlosen Befehlen und Drohungen, sich noch weiterzuschleppen. Nach einigen weiteren Meilen kamen sie zu einer Kette steiler, bewaldeter Hügel, in denen sie sich während des Tages verstecken konnten, ohne entdeckt zu werden. Dort konnten sie essen und schlafen, doch als er hörte, wie die Veteranen stöhnten und selbst ihr eiserner Wille bei dem endlosen Marsch nachließ, vermutete er, dass sie sich noch eine Weile versteckt würden halten müssen, bis sie ihre Kräfte wiedererlangten.
    Bei Tagesanbruch schickte Mithridates seine wenigen Reiter in Gruppen zu zwanzig Mann los, mit dem Befehl, ihm den Feind zu melden, sobald sie ihn entdeckten. Sein ursprünglicher Plan, das gesamte Lager abzubrechen, um sich auf die Suche zu machen, hatte ihm Sorgen bereitet. Vielleicht wollten sie ja genau das erreichen, ihn dazu bringen, den offensichtlichen Schutz des kleinen Tals zu verlassen und hinaus in die Ebene zu ziehen, auf der die verborgene Legion sie auseinander nehmen konnte. Von hilfloser Wut gequält, schritt er in seinem Zelt auf und ab und verfluchte seine Unentschlossenheit. Sollte er sich in eine Stadt zurückziehen? Sie gehörten alle den Römern, und die würden ihre Mauern bis zum letzten Mann verteidigen. Aber wo konnte er auf der Ebene Sicherheit finden? Es war durchaus möglich, dass weitere Legionen von Westen herankamen, um den Aufstand niederzuschlagen, das wusste er, und er spielte mit dem Gedanken, seine Armee aufzulösen und die Männer nach Hause zu schicken, zurück auf ihre Höfe und in ihre Täler. Nein, das konnte er nicht tun. Die Römer würden sie auf der Suche nach den Rebellen einen nach dem anderen finden. Damit wäre überhaupt nichts gewonnen.
    Er knirschte in ohnmächtiger Wut mit den Zähnen. Seit er in der vergangenen Nacht die Leichen seiner Männer gesehen hatte, brodelte es in ihm. Würde sich Alexander zwischen den Legionen in die Falle locken lassen?
    Plötzlich blieb er stehen. Nein, das würde Alexander auf keinen Fall tun. Alexander würde ihnen entgegenmarschieren und sie zur Schlacht herausfordern. Aber in welcher Richtung? Wenn er mit seiner Armee nach Osten aufbrach, konnten ihn die, die von der Küste kamen, immer noch einholen. Marschierte er nach Westen, auf die römischen Häfen zu, würden die nächtlichen Mörder seiner Nachhut keine ruhige Minute gönnen. Die Götter mochten ihm verzeihen, aber was würde Sulla tun? Wenn die Späher ohne Neuigkeiten zurückkehrten und er nicht handelte, würden seine Männer anfangen zu desertieren, davon war er überzeugt.
    Mit einem Seufzer goss er sich einen dritten Becher Wein ein, trotz des sauren Gefühls in seinem leeren Magen, der gegen eine solche Behandlung so früh am Tag rebellierte. Gereizt ignorierte er das unangenehme Gefühl und stürzte den Wein hinunter. Bald würde er seinen Söhnen sagen müssen, dass sie schuld am Tod vieler Männer waren, weil sie in der Nacht nicht schnell genug reagiert hatten.
    Er trank mehr und mehr, während der Tag verging und die Späher auf schweißnassen Pferden ohne Nachrichten zurückkehrten. Von allen Männern im Lager war Mithridates, der König, der Einzige, der sich bei Einbruch der Nacht in den Schlaf getrunken hatte.
    Julius wusste, dass die Einschätzungen des kurzen nächtlichen Überfalls ungenau oder übertrieben sein würden. Es lag in der Natur der Soldaten, größere Erfolge in Anspruch zu nehmen, als sie errungen hatten. Doch selbst eingedenk dieser Tatsache hatten sie Mithridates’ Streitmacht um achthundert bis tausend Mann dezimiert und dabei selbst nur elf Männer verloren. Diese Legionäre würden nicht unter den Augen der römischen Götter begraben werden. Sie hatten keine Zeit gehabt, ihre Toten mitzunehmen, trotzdem war es den Veteranen, die ihre eigenen Leute noch nie gerne in den Händen der Feinde zurückgelassen hatten, ein Dorn im Fleisch.
    Sobald sie den Schutz der Bäume auf den Hügeln erreicht hatten und Julius die Erlaubnis zum Wegtreten gab, mussten die jüngeren Männer einen Teil der nächtlichen Anspannung abreagieren. Sie schrieen und jubelten, bis sie heiser waren, während die Veteranen ihnen lächelnd zusahen und sich lieber mit dem Reinigen und Ölen ihrer Ausrüstung beschäftigten, als zu feiern.
    Quertorus hatte fünfzig der besten Jäger losgeschickt, um für Fleisch zu sorgen, und am frühen Vormittag stand ein dampfendes Mahl aus Igeln, Hasen und Rehen bereit, die über kleinen Feuern brieten. Jede Flamme bedeutete ein Risiko, doch die Bäume würden den Rauch verteilen. Julius wusste, wie sehr die Männer die Wärme des heißen Fleisches brauchten, um ihre Lebensgeister zu wecken, und bestand lediglich darauf, dass die Feuer gelöscht wurden, sobald die letzten Tiere, die die Jäger zur Strecke gebracht hatten, gebraten waren.
    Der Altersunterschied wurde an diesem Nachmittag besonders deutlich. Die jungen Rekruten hatten sich vollkommen erholt und liefen plaudernd und lachend im Lager umher. Die Veteranen schliefen wie Tote, ohne sich auch nur im Schlaf umzudrehen, und erwachten steif und verkrampft. Blutergüsse zeigten sich auf ihrer Haut, wo in der Nacht noch nichts zu sehen gewesen war. Die Jüngeren taten ihre Wunden mit einem Kopfschütteln ab, machten sich jedoch nicht über die Steifheit der Veteranen lustig. Sie sahen in erster Linie ihr Können, nicht ihr Alter.
    Julius hatte Cornix nahe der Feuerstellen gefunden, wo er fröhlich vor sich hinkaute und offensichtlich die Wärme in seinen alten Knochen genoss.
    »Du hast also überlebt«, sagte Julius, der sich ehrlich darüber freute, dass der alte Mann das Chaos des Angriffs überstanden hatte. Sein Knie war immer noch dick umwickelt und ruhte flach auf dem Boden.
    Cornix winkte zum Gruß lässig mit einem Stück Fleisch. »Sie haben mich nicht umbringen können, das stimmt«, pflichtete er Julius bei. Er saugte an dem Fleisch, ehe er es in die Backentasche schob, um es vor dem Kauen aufzuweichen. »Es waren eine ganze Menge, ist mir aufgefallen.« Seine Augen suchten Julius’ Blick, voller Interesse an dem jungen Mann.
    »Wir glauben, es sind noch acht- oder neuntausend übrig«, meinte Julius.
    Cornix runzelte die Stirn. »Es wird ewig dauern, so viele zu töten«, bemerkte er ernst, während er auf dem Stück Fleisch herumkaute und es im Mund hin und her schob.
    Julius grinste den alten Mann an. »Ja, nun. Gut Ding will Weile haben«, sagte er.
    Cornix nickte zustimmend, und gegen seinen Willen machte sich ein Lächeln auf seinem zerfurchten Gesicht breit.
    Julius ließ ihn essen und suchte nach Gaditicus. Gemeinsam gingen sie durch das Lager und schritten sämtliche Wachtposten ab, die immer zu dritt standen, damit bei einem drohenden Angriff einer sofort die Meldung ins Lager tragen konnte. Jede dieser um das gesamte Lager postierten Dreiergruppe befand sich in Sichtweite der nächsten. Das erforderte zwar viele Männer, aber Julius hatte kurze Wachen von nur zwei Stunden angeordnet, so dass die Männer bald abgelöst wurden.
    Die Nacht verging ohne Zwischenfälle. Als es am Abend des folgenden Wintertages wieder früh dunkel wurde, marschierten sie aus dem Wald hinaus und griffen Mithridates’ Lager erneut an.

25

    Antonidus ging mit vor Wut fleckigem Gesicht in dem luxuriös eingerichteten Raum auf und ab. Außer ihm befand sich nur die massige Gestalt des Senators Cato in dem Zimmer, die ausgestreckt auf einem purpurroten Sofa lag. Die Augen, die Antonidus beobachteten, wirkten in der fleischigen Fläche des schwitzenden Gesichts klein und gingen dort fast verloren. Sie glitzerten hinterhältig, während sie den Schritten von Sullas ehemaligem Oberbefehlshaber der Truppen auf dem Marmorboden folgten. Cato verzog ein wenig das Gesicht, als er den Straßenstaub sah, der an Antonidus haftete. Eigentlich hätte er klug genug sein müssen, sich erst zu waschen, bevor er bei ihm um eine Unterredung bat.
    »Ich habe keine neuen Informationen, Senator. Überhaupt keine«, sagte Antonidus.
    Cato seufzte theatralisch, griff mit einer feisten Hand nach der Lehne des Sofas und zog sich daran hoch. Die Finger, die das Holz ergriffen hatten, glänzten noch klebrig von den süßen Überresten der Mahlzeit, die von Antonidus’ Besuch unterbrochen worden war. Träge leckte Cato sie sauber und wartete darauf, dass sich der gereizte Mann beruhigte. Sullas Hund war noch nie ein geduldiger Mensch gewesen, das wusste er. Selbst als Sulla noch am Leben gewesen war, hatte Antonidus um mehr Einfluss und Handlungsspielraum geschmeichelt und intrigiert, auch wenn das überhaupt nicht nötig gewesen war. Nach dem ziemlich schäbigen Attentat hatte er geradezu empörend reagiert und bei der Suche nach den Mördern seine Befugnisse weit überschritten. Als seine Taten im Senat diskutiert worden waren, hatte Cato sich gezwungen gesehen, ihm seine Unterstützung zuteil werden zu lassen, sonst hätten diejenigen, die Antonidus gekränkt hatte, ihn zur Strecke gebracht. Es war auch so nur ein brüchiger Schutz gewesen, und Cato fragte sich, ob der auf und ab gehende Feldherr wohl wusste, wie dicht er am Abgrund stand. Antonidus hatte in den vergangenen Monaten fast jeden vor den Kopf gestoßen, der in der Stadt Rang und Namen hatte, indem er selbst diejenigen verhört hatte, die über jeden Verdacht erhaben waren.
    Cato überlegte, wie Sulla die grimmige Gesellschaft seines Feldherrn hatte ertragen können. Ihm wurde sie schon jetzt manchmal zu viel.
    »Hast du schon einmal in Betracht gezogen, dass du vielleicht den, der das Attentat befohlen hat, niemals finden wirst?«, fragte er.
    Antonidus blieb stehen, wirbelte herum und blickte den Senator an.
    »Ich gebe nicht auf. Es hat länger gedauert, als ich dachte, aber irgendwann wird jemand reden, und irgendwo wird sich jemand finden, der mit blutigem Finger auf jemanden zeigt, und dann habe ich meinen Täter.«
    Cato beobachtete ihn genau und sah das Funkeln des Wahnsinns in seinen Augen. Eine gefährliche Besessenheit, dachte er, und überlegte, ob er den Mann in aller Stille beseitigen lassen sollte, ehe er noch mehr Ärger machte. Man hatte alle angemessenen Anstrengungen unternommen, doch auch wenn Sullas Tod ungesühnt bleiben sollte, ging das Leben in der Stadt weiter, ob Antonidus nun Erfolg hatte oder nicht.
    »Es könnte noch Jahre dauern«, fuhr Cato fort. »Oder du könntest sterben, ohne den Schuldigen gefunden zu haben. Das wäre nicht außergewöhnlich. Hätte sich jemand freiwillig stellen wollen oder wäre durch einen anderen verraten worden, so wäre das kurz nach der Tat geschehen, denke ich, aber dein blutiger Finger ist nirgendwo aufgetaucht. Vielleicht wird er sich nie finden, und vielleicht ist es an der Zeit, die Jagd zu beenden, Antonidus.«
    Die schwarzen Augen schienen ihn zu durchbohren, aber Cato blieb vollkommen ruhig. Die Besessenheit des anderen war ihm fremd, auch wenn er es eine Zeit lang durchaus zufrieden gewesen war, ihn in den Häusern Roms wüten zu lassen. Sulla war tot und vergessen. Vielleicht wurde es jetzt Zeit, den Hund wieder an die Leine zu nehmen.
    Antonidus schien die Gedanken hinter dem gelangweilten Gesichtsausdruck zu erahnen, mit dem Cato seinen wütenden Blick beantwortete.
    »Gib mir noch etwas Zeit, Senator«, bat er. Sein zorniger Blick war mit einem Mal einer verhaltenen Vorsicht gewichen.
    Vielleicht war es ihm ja doch bewusst, dass ihn Cato vor der Rache der anderen Senatoren beschützt hatte, sinnierte der fette Mann. Gelangweilt wandte er den Blick ab, und Antonidus sprach hastig weiter.
    »Ich bin mir fast sicher, dass der Mord auf Befehl eines von drei Männern geschehen ist. Jeder von ihnen hätte die Mittel dazu gehabt, und vor dem Krieg waren sie alle Anhänger von Marius.«
    »Wer sind diese gefährlichen Männer?«, erkundigte Cato sich hochmütig, obwohl er die Namen ebenso leicht hätte aufzählen können wie der Feldherr. Nicht umsonst erstatteten die Informanten zuerst ihm Bericht, ehe sie zu Antonidus gingen, denn es war Catos Geld, das in ihren Geldbeuteln klingelte.
    »Am wahrscheinlichsten sind Pompeius und Cinna, denke ich. Am ehesten vielleicht Cinna, da sich Sulla… für seine Tochter interessiert hat. Und schließlich noch Crassus. Alle drei besitzen genug Geld und Einfluss, um einen Mord zu bezahlen, und sie waren keine Freunde von Sulla. Sie könnten auch gemeinsam gehandelt haben, zum Beispiel könnte Crassus für das Geld und Pompeius für die Kontakte gesorgt haben.«
    »Da hast du ein paar sehr mächtige Männer genannt. Ich hoffe, du hast deinen Verdacht noch niemand anderem gegenüber geäußert. Ich würde dich nicht gerne verlieren«, sagte Cato spöttisch.
    Antonidus schien den Spott nicht einmal zu bemerken. »Ich habe meine Gedanken so lange für mich behalten, bis ich genug Beweise zusammen hatte, um sie anklagen zu können. Sie haben von Sullas Tod profitiert und im Senat offen gegen seine Anhänger gestimmt. Mein Instinkt sagt mir, dass es einer von ihnen war, oder dass sie zumindest ins Vertrauen gezogen worden sind. Wenn ich sie doch nur verhören könnte, um sicher zu sein!« Er knirschte vor Wut mit den Zähnen, und Cato musste warten, bis die roten Flecke im Gesicht des Generals wieder verblassten und der Wutanfall verging.
    »Du darfst ihnen nicht zu nahe treten, Antonidus. Die drei sind durch die Traditionen des Senats und ihre Leibwachen zu gut beschützt. Selbst wenn du Recht haben solltest, könnten sie dir entkommen.«
    Er sagte das in erster Linie, um zu sehen, ob man Antonidus dazu bringen konnte, vollkommen die Kontrolle über sich zu verlieren, und mit Genugtuung sah er auf Stirn und Hals des anderen violette Adern anschwellen. Cato lachte, und der General vergaß vor lauter Überraschung über das plötzliche Geräusch seine Wut. Wie hatte ihn Sulla nur ertragen können?, fragte sich Cato. Der Mann war so naiv wie ein Kind und genauso leicht zu manipulieren.
    »Es gibt eine ganz einfache Lösung, Antonidus. Du heuerst selber Meuchelmörder an, wobei du natürlich dafür sorgen musst, dass sie nichts von dir erfahren.« Jetzt war ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit des Generals sicher, wie er mit Befriedigung bemerkte. Cato spürte, dass er von dem Wein Kopfschmerzen bekam, und wünschte, der wütende kleine Bursche würde endlich verschwinden.
    »Schick deine Mörder zu ihren Familien, Antonidus. Such dir eine geliebte Ehefrau aus, eine Tochter, einen Sohn. Hinterlass ein Zeichen, damit sie sehen, dass es im Andenken Sullas geschehen ist. Einer deiner Pfeile wird sein Ziel treffen, die anderen hingegen…? Nun, diese Männer waren noch nie Freunde von mir. Es wird von Vorteil sein, wenn sie eine Zeit lang ihre Verletzlichkeit spüren. Damit lass es gut sein. Stell dir dann vor, dass Sulla auf angemessene Weise ruht, so wie es einem guten Geist zusteht.«
    Er lächelte, während Antonidus sich die Idee durch den Kopf gehen ließ und sein Gesicht vor Grausamkeit zu strahlen begann. Die Sorgenfalten auf der Stirn des Generals, die sich dort in den Monaten seit dem Giftmord eingegraben hatten, glätteten sich. Cato nickte in dem Wissen, sein Ziel erreicht zu haben. Er überlegte, ob er vor dem Schlafen noch ein wenig kalten Braten essen sollte, und bemerkte kaum, wie Antonidus sich verbeugte und mit schnellen, erregten Schritten den Raum verließ.
    Als sich Cato wenig später langsam kauend den Mund voll stopfte, seufzte er verärgert, als sich seine Gedanken wieder dem Problem zuwandten, das ihm sein idiotischer Sohn und Renius bereiteten. Er erinnerte sich, den Mann in der Arena kämpfen gesehen zu haben, und erschauerte leicht, als er an die beherrschte Grausamkeit dachte, die sogar die johlende Menge Roms zum Verstummen gebracht hatte. Ein Mann, der sein Leben so billig aufs Spiel setzte, würde nicht leicht umzustimmen sein. Was konnte er für seinen Sohn anbieten? Der junge General Brutus war hoch verschuldet. Vielleicht war er mit Gold zu gewinnen. Macht war etwas so Launisches, und dort, wo Geld und Einfluss versagten – womit er stets rechnete–, brauchte er Werkzeuge wie Antonidus. Es wäre schade gewesen, ihn zu verlieren.
    Alexandria zögerte einen Augenblick, ehe sie an das Tor des Gutshofs klopfte, den sie so gut kannte. Die fünf Meilen aus der Stadt heraus waren ihr wie eine Reise in die Vergangenheit vorgekommen. Das letzte Mal hatte sie als Sklavin hier gestanden. Viele Erinnerungen stürzten auf sie ein… wie Renius sie ausgepeitscht, wie Julius sie in den Ställen geküsst hatte, wie sie bei Wind und Wetter bis zum Umfallen gearbeitet hatte, und wie sie auf dem Höhepunkt der Unruhen im Schatten der Mauern Männer mit dem Küchenmesser getötet hatte. Wenn Julius sie nicht mit in die Stadt genommen hätte, würde sie immer noch hier arbeiten, gebrochen unter der Last der Jahre.
    Alte Gesichter fielen ihr wieder ein, und die Zeit, die seitdem vergangen war, schien sich in Luft aufzulösen, so dass sie ihren gesamten Mut aufbringen musste, um die Hand zu heben und gegen das schwere Holz zu klopfen.
    »Wer ist da?«, rief eine fremde Stimme, begleitet von schnellen Schritten, die drinnen zur Mauerkrone hinaufeilten. Ein ihr unbekanntes Gesicht schaute absichtlich ausdruckslos auf sie herab. Der Sklave musterte sie und den kleinen Jungen, den sie an der Hand hielt. Trotzig hob sie unter diesem prüfenden Blick den Kopf und erwiderte ihn so selbstsicher, wie sie nur konnte, obwohl ihr Herz raste.
    »Alexandria. Ich möchte zu Tubruk. Ist er da?«
    »Warte bitte einen Augenblick, meine Dame«, erwiderte der Sklave und verschwand.
    Alexandria holte schnell Luft. Er hatte sie für eine freie Frau gehalten. Ihre Schultern reckten sich noch mehr, ihr Selbstvertrauen wuchs. Es fiel ihr nicht leicht, Tubruk gegenüberzutreten, und sie musste sich dazu zwingen, ruhig zu bleiben, während sie auf ihn wartete. Octavian schwieg trotzig. Er war mit der Entscheidung, die sie für ihn getroffen hatte, ganz und gar nicht einverstanden.
    Als Tubruk das Tor öffnete und zu ihr heraustrat, wäre sie fast in sich zusammengesunken. Sie drückte Octavians Hand so fest, dass er quietschte. Tubruk schien sich kein bisschen verändert zu haben, während sich die restliche Welt rasend schnell weitergedreht hatte. Er lächelte sie mit aufrichtiger Freundlichkeit an, und sie spürte, wie die Anspannung in ihr langsam nachließ.
    »Wie ich gehört habe, ist es dir gut ergangen«, sagte er. »Seid ihr hungrig? Soll ich euch etwas zu essen bringen lassen?«
    »Vielen Dank. Wir sind nur durstig von dem langen Marsch. Das ist Octavian.«
    Tubruk beugte sich hinab, um sich den kleinen Jungen anzusehen, der sich mit ängstlichem Gesicht hinter Alexandria zu verstecken versuchte.
    »Guten Tag, mein Junge. Du hast doch bestimmt mächtig Hunger?« Octavian nickte knapp, und Tubruk lachte. »Mir ist noch kein junger Bursche begegnet, der keinen Bärenhunger gehabt hätte. Kommt rein, ich lasse uns ein paar Erfrischungen bringen.«
    Tubruk hielt einen Augenblick nachdenklich inne.
    »Marcus Brutus ist hier«, sagte er, »zusammen mit Renius.«
    Alexandria zuckte kurz zusammen. Der Name Renius weckte bittere Erinnerungen. Auch Brutus war ein Name aus ihrer vergessenen Vergangenheit, süß und schmerzhaft zugleich. Sie hielt Octavian fest an der Hand, als sie zusammen durch das Tor traten, mehr um ihrer selbst als um seinetwillen.
    Die schattige Kühle des Innenhofs jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Dort hatte sie gestanden… und einen Mann erstochen, der sie packen wollte, und dort neben dem Tor war Susanna gestorben. Sie schüttelte den Kopf und holte tief Luft. Wie leicht man sich doch in der Vergangenheit verlor, vor allem hier.
    »Ist die Herrin daheim?«, fragte sie.
    Als Tubruk antwortete, veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und mit einem Mal sah er deutlich älter aus.
    »Aurelia geht es nicht gut. Du wirst nicht mit ihr sprechen können, falls du deswegen gekommen bist.«
    »Es tut mir Leid, das zu hören, aber ich bin hier, um mit dir zu reden.«
    Er führte sie in einen stillen Raum, den sie in ihrer Zeit als Sklavin nur selten betreten hatte. Der Boden war warm, und das Zimmer machte einen gemütlichen und bewohnten Eindruck. Tubruk verließ sie, um sich um das Essen zu kümmern, und Alexandria wurde noch ruhiger. Sie warteten. Octavian zappelte unruhig neben ihr herum und scharrte mit den Sandalen über den Teppich, bis sie seine schaukelnden Beine mit einem festen Griff um seine Knie zur Ruhe zwang.
    Als Tubruk zurückkehrte, stellte er ein Tablett mit einem Krug sowie Schüsseln mit frisch aufgeschnittenem Obst vor sie hin. Octavian machte sich gierig darüber her. Tubruk lächelte über den gesunden Appetit des Jungen. Er setzte sich hin und wartete, was Alexandria zu sagen hatte.
    »Ich möchte mit dir über Octavian sprechen«, sagte sie nach einer Pause.
    »Soll ihm jemand mal die Stallungen zeigen?«, fragte Tubruk schnell.
    Sie zuckte die Achseln. »Er weiß, was ich sagen werde.«
    Tubruk goss ihr einen Becher kühlen Apfelsaft ein, und sie trank, während sie ihre Gedanken sammelte.
    »Mir gehört ein Teil von einer Metallschmiede in der Stadt. Dort haben wir Octavian als Lehrling eingestellt. Ich will dich nicht anlügen und dir erzählen, er hätte keine Fehler. Eine Zeit lang war er ein recht wildes Kind, aber er hat sich sehr verändert.« Der Anblick Octavians, der sich gerade Melonenscheiben in den Mund zu stopfen versuchte, ließ sie verstummen.
    Tubruk sah ihren Blick und stand plötzlich auf.
    »Das reicht fürs Erste, mein Junge. Geh mal raus und sieh dich in den Ställen um. Nimm ein paar Apfelstücke für die Pferde mit.«
    Octavian sah Alexandria an. Als sie nickte, grinste er, nahm eine Hand voll Äpfel und verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Kurz darauf waren seine Schritte verklungen.
    »Er kann sich nicht mehr an seinen Vater erinnern, und er ist mehr oder weniger auf der Straße aufgewachsen, bevor wir ihn zu uns genommen haben. Du solltest sehen, wie sehr er sich verändert hat, Tubruk! Der Junge ist fasziniert von den Dingen, die ihm Tabbic beibringt. Er hat sehr geschickte Hände, und ich glaube, dass aus ihm mal ein guter Handwerker werden könnte.«
    »Und warum hast du ihn zu mir gebracht?«, hakte Tubruk sanft nach.
    »Seit einem Monat können wir ihn nicht mehr auf die Straßen lassen. Tabbic muss ihn jeden Abend nach Hause bringen und dann alleine im Dunkeln zurückkehren. Selbst für ihn sind die Straßen heutzutage nicht sicher, aber Octavian ist dreimal schlimm verprügelt worden, seit wir ihn bei uns aufgenommen haben. Das erste Mal ist ihm ein Silberring gestohlen worden, und wir glauben, dass sie ihm auflauern, um zu sehen, ob er noch etwas bei sich hat. Eine Bande von Jungen steckt dahinter. Tabbic hat sich bei ihren Herren beschwert, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, wer sie sind, aber gleich danach ist Octavian das dritte Mal verprügelt worden. Der Junge geht daran zugrunde, Tubruk. Tabbic hat ihm ein Messer gemacht, aber er will es nicht annehmen. Er sagt, wenn er vor ihnen ein Messer zieht, bringen sie ihn um, und ich glaube, er hat Recht.« Sie holte tief Luft, ehe sie fortfuhr.
    »Seine Mutter ist verzweifelt, und ich habe ihr versprochen, dass ich dich frage, ob du ihn aufnehmen und ihm ein Handwerk beibringen könntest. Wir haben gehofft, du könntest ihn ein oder zwei Jahre auf dem Gut arbeiten lassen, bis er alt genug ist, um in die Werkstatt zurückzukehren und seine Lehre fortzusetzen.« Sie hatte das Gefühl, wirr zu plappern, und hielt inne. Tubruk betrachtete seine Hände, und sie sprach schnell weiter, damit er ihr die Bitte nicht sofort abschlagen konnte.
    »Seine Familie ist entfernt mit der von Julius verwandt. Ihre Großväter waren Brüder oder verschwägert oder so etwas. Du bist der Einzige, den ich kenne, der ihn vor den Straßenbanden schützen kann, Tubruk. Du rettest ihm damit das Leben. Ich würde dich nicht bitten, wenn es jemand anderen gäbe, aber…«
    »Ich werde ihn aufnehmen«, sagte Tubruk plötzlich. Alexandria blinzelte überrascht, und er lachte leise. »Hast du etwa gedacht, ich würde es nicht tun? Ich kann mich noch daran erinnern, wie du dein Leben für dieses Haus riskiert hast. Du hättest weglaufen und dich im Stall verstecken können, aber du hast es nicht getan. Das ist für mich Grund genug. Auf einem Gut wie diesem gibt es immer Arbeit, auch wenn wir etwas von unserem Land verloren haben, seitdem du das letzte Mal hier warst. Keine Angst, er wird sich sein Essen schon verdienen. Willst du ihn gleich hier lassen?«
    Alexandria hätte den alten Gladiator am liebsten umarmt.
    »Ja, wenn es dir recht ist. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Vielen Dank. Darf ihn seine Mutter von Zeit zu Zeit besuchen kommen?«
    »Da muss ich Aurelia fragen, aber ich denke, das müsste möglich sein, wenn es nicht zu oft ist. Ich erzähle ihr von der Familienverbindung, das gefällt ihr bestimmt.«
    Alexandria stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
    »Vielen Dank«, sagte sie wieder.
    Sie drehten beide die Köpfe, als sie von draußen schnelle Schritte nahen hörten. Octavian kam aufgeregt und mit rotem Gesicht hereingestürzt.
    »Da sind Pferde im Stall!«, verkündete er, und die beiden Erwachsenen mussten lächeln.
    »Es ist lange her, dass wir Knaben in diesem alten Gemäuer hatten. Ich freue mich darauf, ihn hier zu haben«, sagte Tubruk.
    Octavians Blick wanderte zwischen ihnen hin und her, während er nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
    »Dann darf ich also bleiben?«, fragte er leise.
    Tubruk nickte. »Auf dich wartet hier jede Menge harte Arbeit, mein Junge.«
    Der Kleine sprang vor Freude in die Luft. »Es ist wunderschön hier!«, sagte er.
    »Er hat die Stadt seit seiner frühesten Kindheit nicht mehr verlassen«, sagte Alexandria verlegen. Sie umfasste Octavians Hände und hielt ihn mit ernstem Gesicht fest.
    »Also, tu alles, was man dir sagt. Deine Mutter kommt dich besuchen, sobald du dich eingelebt hast. Arbeite ordentlich und lerne, so viel du kannst. Hast du mich verstanden?«
    Octavian nickte und strahlte sie an.
    »Danke, Tubruk. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet.«
    »Hör mal, Mädchen«, sagte er knurrend. »Du bist jetzt eine freie Frau. Du hast den gleichen Weg hinter dir wie ich. Selbst wenn du bei dem Aufstand nicht mitgekämpft hättest, würde ich dir helfen, so gut ich kann. Ab und zu müssen wir uns um einander kümmern.«
    Sie sah ihn an und verstand mit einem Mal. Ihr ganzes junges Leben lang war er immer nur der Gutsverwalter gewesen. Sie hatte vergessen, dass er genauso viel über die Sklaverei wusste wie sie, dass zwischen ihnen eine Verbindung bestand, die ihr nie klar gewesen war. Sie ging mit ihm zum Tor, und alle Anspannung wich von ihr.
    Dort standen Brutus und Renius, hielten zwei junge Stuten am Zügel und unterhielten sich leise. Als Brutus Alexandria erblickte, schaute er sie überrascht an. Ohne ein Wort reichte er Renius die Zügel, stürzte auf sie zu, umarmte sie und hob sie hoch.
    »Bei den Göttern, Mädchen! Dich habe ich ja seit Jahren nicht mehr gesehen.«
    »Lass mich runter«, verlangte sie wütend, und Brutus hätte sie bei diesem eisigen Tonfall beinahe fallen lassen.
    »Was hast du denn? Ich dachte, du würdest dich freuen, mich zu sehen, nach all den…«
    »Ich lasse mich von dir nicht behandeln wie eines deiner Sklavenmädchen!« Ihre Wangen brannten. Am liebsten hätte sie selber über ihren plötzlichen Anfall von Stolz gelacht, doch das ging ihr alles zu schnell. Stumm vor Verlegenheit hielt sie die Hand hoch, an der der Ring fehlte, der sie als Sklavin auswies.
    Brutus lachte.
    »Ich wollte dich nicht kränken, Herrin«, sagte er und verbeugte sich tief.
    Sie hätte ihn am liebsten getreten, aber vor den Augen Octavians und Tubruks musste sie seinen fröhlichen Spott über sich ergehen lassen. Unausstehlich! So war er schon immer gewesen. Ihr fiel etwas ein, das ihr Julius erzählt hatte, und als sich Brutus wieder aufrichtete, holte sie zu einer Ohrfeige aus.
    Er wollte nach ihrem Handgelenk greifen, überlegte es sich dann jedoch anders und ließ sie zuschlagen. Er lächelte immer noch.
    »Wofür das auch immer gewesen sein mag, ich hoffe, die Sache ist damit erledigt. Ich…«
    »Julius hat mir erzählt, du hättest mit mir angegeben«, unterbrach sie ihn. Es lief alles so schrecklich verkehrt. Sie hätte sich am liebsten mit dem jungen Wolf von einem Mann, den sie früher gekannt hatte, hingesetzt und gemeinsam mit ihm gelacht, aber alles, was er sagte, schien sie nur noch wütender zu machen.
    Brutus’ Gesicht hellte sich auf, als er jäh begriff.
    »Er hat gesagt, ich hätte angegeben…? Oh. Dieser raffinierte Halunke. Er denkt voraus, unser Julius. Wenn wir ihn wiedersehen, erzähle ich ihm gleich, wie wunderbar sein Plan funktioniert hat. Das wird ihm gefallen. Eine Ohrfeige vor Renius’ Augen. Einfach großartig!«
    Renius räusperte sich.
    »Bis du mit Spielen fertig bist, bringe ich schon mal dein Pferd in den Stall«, knurrte er und führte die Stuten in die herabsinkende Dämmerung hinein.
    Alexandria schaute ihm mit gerunzelter Stirn nach und sah, wie er die beiden Zügel geschickt um sein Handgelenk wickelte. Er hatte sie nicht willkommen geheißen.
    Ohne Vorwarnung traten ihr die Tränen in die Augen. Bis auf die Anwesenheit Octavians schien sich seit der Nacht des Angriffs auf dem Gutshof nichts verändert zu haben. Alle waren noch da, und sie war die Einzige, die die Jahre, die hinter ihnen lagen, zu spüren schien.
    Tubruk trat von einem Fuß auf den anderen und betrachtete den kleinen Octavian, der Alexandria fasziniert anstarrte.
    »Mach den Mund zu, Junge. Vor dem Schlafengehen gibt es heute noch eine Menge Arbeit.« Er nickte Alexandria zu. »Ich lasse euch beide in Ruhe reden und weise Octavian in seine Aufgaben ein.« Er schüttelte den Kopf über Brutus und führte Octavian dann mit festem Griff davon.
    Brutus und Alexandria standen alleine in dem immer dunkler werdenden Hof. Dann setzten sie beide gleichzeitig zum Reden an, hielten inne und versuchten es erneut.
    »Es tut mir Leid«, sagte Brutus.
    »Nein, ich habe mich wie eine Idiotin benommen. Es ist so lange her, seit ich zum letzten Mal hier war, und als ich Tubruk und dich… und Renius gesehen habe, ist mir alles wieder eingefallen.«
    »Ich habe Julius nie erzählt, wir hätten miteinander geschlafen«, fuhr er fort und trat näher an sie heran. Ihm fiel auf, wie schön sie war, eine jener Frauen, die im Zwielicht am besten aussahen. Ihre Augen waren groß und dunkel, und als er sah, wie sie den Kopf hielt, hätte er sie am liebsten geküsst. Er erinnerte sich, dass sie sich einmal geküsst hatten, ehe ihm Marius die Papiere für die Legion in Griechenland gegeben hatte.
    »Tubruk hat gar nicht gesagt, ob Julius hier ist«, sagte sie.
    Er schüttelte den Kopf. »Wir warten immer noch auf Nachrichten. Er wurde in Afrika gefangen gehalten, aber das Lösegeld ist bezahlt worden, und er müsste inzwischen längst auf dem Rückweg sein. Eigentlich ist nichts mehr so wie früher, weißt du. Du bist eine freie Frau, ich bin Zenturio gewesen, und Renius kann nicht mehr jonglieren.«
    Bei der Vorstellung musste sie kichern, und er nutzte den Augenblick, um sie in die Arme zu nehmen. Dieses Mal erwiderte sie seine Umarmung, doch als er sie küssen wollte, drehte sie den Kopf zur Seite.
    »Darf ich dich denn nicht einmal anständig willkommen heißen?«, fragte er überrascht.
    »Du bist schrecklich, Marcus Brutus. Ich habe mich nicht gerade vor Sehnsucht nach dir verzehrt, weißt du«, sagte sie.
    »Ich schon. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst«, erwiderte er und schüttelte traurig den Kopf. »Ich möchte dich gerne besuchen kommen, und wenn ich das nicht darf, kann es sein, dass ich vollends vergehe.«
    Er seufzte wie ein beschädigter Blasebalg, und sie lachten beide, offen und ohne Verlegenheit.
    Ehe sie antworten konnte, ertönte ein Ruf von dem Wachposten auf dem Tor, der Alexandria aufschrecken ließ.
    »Da kommen Reiter und ein Karren!«, rief der Sklave hinunter.
    »Wie viele sind es?«, antwortete Brutus und löste sich von Alexandria. Alle Schäkerlaune war von ihm gewichen, und eigentlich gefiel er ihr so viel besser.
    »Drei Männer zu Pferde, und ein Karren, der von einem Ochsen gezogen wird. Die Männer sind bewaffnet.«
    »Tubruk! Renius! Primigenia zum Tor«, befahl Brutus. Soldaten kamen aus den Wohngebäuden des Gutes, eine Reihe von zwanzig Männern in Rüstung, die Alexandria den Atem verschlug.
    »Marius’ alte Legion ist jetzt also bei dir«, sagte sie erstaunt.
    Brutus sah sie kurz an. »Die, die überlebt haben. Julius wird einen Truppenführer brauchen, wenn er zurückkehrt«, sagte er. »Am besten gehst du nicht zu nah ans Tor, bis wir wissen, was los ist, in Ordnung?«
    Sie nickte, und er ließ sie einfach stehen. Ohne seine Nähe fühlte sie sich plötzlich einsam. Erinnerungen an Kampf und Blut brachen über sie herein. Sie schauderte und ging auf die Lichter der Gebäude zu.
    Tubruk kam aus den Stallungen. Octavian schien er völlig vergessen zu haben, er ließ den Jungen auf dem Pflaster im Hof stehen, stieg die Treppe neben dem Tor hinauf und blickte auf die Soldaten hinunter, die scheppernd Halt machten.
    »Es ist ein bisschen spät für einen Besuch, oder?«, rief er hinunter. »Was ist euer Begehr?«
    »Cato schickt uns, um mit Marcus Brutus und dem Gladiator Renius zu sprechen«, antwortete eine tiefe Stimme knurrend.
    Tubruk blickte in den Hof hinunter und nickte zufrieden, als er die Bogenschützen sah, die rings um den Hof Aufstellung genommen hatten. Sie waren gut ausgebildet, und jeder, der es wagte, das Haus anzugreifen, würde in Sekundenschnelle niedergestreckt werden. Hinter dem Tor hatte Brutus seine Soldaten in einem Verteidigungsring aufgestellt, und Tubruk gab ihm das Zeichen zum Öffnen.
    »Keine hastigen Bewegungen, wenn euch euer Leben und eure Gesundheit lieb sind«, warnte er Catos Männer.
    Das Tor ging auf und wurde schnell wieder geschlossen, nachdem Karren und Reiter es passiert hatten. Vor den gespannten Bogen stiegen die Reiter langsam und sichtlich nervös ab. Renius und Brutus traten auf sie zu, und ihr Anführer nickte, als er Renius erkannte.
    »Mein Herr Cato ist der Ansicht, dass ein Irrtum geschehen ist. Sein Sohn wurde fälschlicherweise bei der Primigenia vereidigt, obwohl er bereits einer anderen Legion versprochen war. Mein Herr versteht durchaus, dass seine jugendliche Begeisterung auf dem Campus Martius mit ihm durchgegangen ist, aber zu seinem größten Bedauern kann sein Sohn nicht bei euch dienen. Als Entschädigung für den Verlust schickt er diesen Karren voller Gold.«
    Brutus ging um den schwitzenden Ochsen herum und warf die Plane zur Seite, unter der zwei schwere Kisten zum Vorschein kamen. Er öffnete eine davon und stieß beim Anblick der Goldmünzen einen leisen Pfiff aus.
    »Dein Herr schätzt den Wert seines Sohnes für die Primigenia hoch ein«, bemerkte er.
    Der Soldat betrachtete das Vermögen gleichgültig.
    »Das Blut eines Cato ist unbezahlbar. Das da ist nur ein Zeichen der Anerkennung. Ist Germinius hier?«
    »Du weißt doch genau, dass er hier ist«, erwiderte Brutus und riss seinen Blick von dem Gold los. In Anbetracht der Schulden, die er bei Crassus hatte, war das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch es war trotzdem eine zu große Summe, um sie einfach zurückzuweisen. Er sah Renius an, der mit den Achseln zuckte; er wusste, dass die Entscheidung alleine bei Brutus lag. Es wäre ein Leichtes, die Tür von Germinius’ Kammer aufzuschließen und ihn auszuliefern. In Rom würde man Brutus für einen solchen Schachzug schätzen und ob seines Verhandlungsgeschicks achten, mit dem er Cato in diese Lage gebracht hatte. Er seufzte. Legionäre waren nicht das Eigentum ihrer Befehlshaber. Man konnte sie nicht kaufen und verkaufen.
    »Nehmt es wieder mit«, sagte er und warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das Gold. »Danke deinem Herrn für die Geste und sag ihm, dass sein Sohn bei uns gut behandelt wird. Ich will mir keine Feinde machen, aber Germinius hat einen Eid abgelegt, und der kann nur durch den Tod gelöst werden.«
    Der Soldat neigte steif den Kopf. »Ich werde ihm die Botschaft überbringen, aber mein Herr wird sehr ungehalten darüber sein, dass du dich nicht in der Lage siehst, diesem bedauerlichen Irrtum ein Ende zu bereiten. Gute Nacht, meine Herren.«
    Das Tor wurde wieder geöffnet, und ohne ein weiteres Wort zog der kleine Trupp in die Dunkelheit hinaus. Die Rinder brüllten traurig, als sie ihr Treiber mit dem Stock dazu antrieb, dem Gut den Rücken zu kehren.
    »Ich hätte das Gold genommen«, sagte Renius, als das Tor wieder geschlossen wurde.
    »Nein, das hättest du nicht getan, alter Freund. Und ich konnte es auch nicht tun«, erwiderte Brutus. Insgeheim fragte er sich, was Cato wohl tun würde, wenn er davon erfuhr.
    Als Pompeius sein Heim auf dem Aventinischen Hügel betrat, rief er sogleich nach seinen Töchtern. Das ganze Haus war vom Duft nach warmem Brot erfüllt, den er tief einatmete, als er das Anwesen auf der Suche nach ihnen durchstreifte und in den Garten ging. Ein langer, erschöpfender Tag voller Berichte über die fortschreitende Offensive gegen Mithridates lag hinter ihm. Wenn es nicht so verzweifelt ernst gewesen wäre, hätte er fast über die Absurdität der Lage gelacht. Nach wochenlangen Debatten hatte der Senat endlich zwei Befehlshabern gestattet, ihre Legionen nach Griechenland zu führen. Pompeius’ Meinung nach hatten sie die unfähigsten und am wenigsten ehrgeizigen Männer ausgewählt, die unter dem Befehl des Senats standen. Der Grund dafür war nur allzu offensichtlich, aber die übervorsichtigen Feldherren waren nur langsam in das Land vorgestoßen und nicht das geringste Risiko eingegangen. Auch die kleinste Siedlung hatten sie vorsichtig umstellt und nötigenfalls belagert, und waren dann erst weitergezogen. Allein beim Gedanken daran wurde Pompeius übel.
    Er hatte selbst das Kommando über eine Legion übernehmen wollen, ein Wunsch, der sofort auf den Widerstand der Sullaner gestoßen war. Sie hatten geschlossen gegen seine Ernennung gestimmt, als sein Name auf der Liste erschienen war. Ihr Bestreben, ihre Karrieren auf Kosten der Stadt zu sichern, war in Pompeius’ Augen ein obszönes Schauspiel; trotzdem hatten sie ihn bezwungen. Wenn er, von Crassus finanziert, eine Armee von »Freiwilligen« aufstellte, würden sie ihn zum Feind der Republik erklären, noch ehe er die Schiffe erreicht hätte. Die Enttäuschung wuchs mit jedem Tag, an dem die Berichte wieder nur den fast vollständigen Mangel an Erfolg der Entsatzkräfte verkündeten. Sie hatten noch nicht einmal die Hauptstreitmacht gefunden.
    Er rieb sich den Nasenrücken, um den Druck etwas zu lindern. Im Garten war es wenigstens kühl, auch wenn der Wind seine Nerven nicht beruhigen konnte. Dass solch kleine Hunde nach dem Gewand des Senats schnappten! Wütende kleine Terrier, ohne Visionen und ohne Sinn für Ruhm. Krämerseelen allesamt – und sie regierten Rom!
    Langsam schritt Pompeius durch den Garten, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, in Gedanken versunken. Er spürte, wie die Anspannung des Tages langsam von ihm wich. Seit Jahren hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, seinen Arbeitstag mit einem kurzen Spaziergang durch den friedlichen Garten von seinem Privatleben zu trennen. Anschließend konnte er sich erfrischt beim Abendessen zu seiner Familie gesellen und mit seinen Töchtern spielen und lachen, wobei er den elenden Senat bis zum nächsten Morgen vergaß.
    Beinahe hätte er seine jüngste Tochter, die mit dem Gesicht nach unten in den Büschen nahe der Außenwand lag, übersehen. Als er zu ihr hinüberblickte, musste er lächeln, denn er erwartete, dass sie in der nächsten Sekunde aufsprang und ihn umarmte. Sie erschreckte ihn immer gerne, wenn er nach Hause kam, und lachte dann hemmungslos, wenn sie sah, dass er vor Schreck zusammenzuckte.
    Dann erst sah er die dunkelbraunen Blutflecke. Sein Gesicht erschlaffte langsam in einem Kummer, dem er nichts entgegenzusetzen hatte.
    »Laura? Komm schon, Mädchen… steh auf.«
    Ihre Haut war unnatürlich blass, und er sah den blutigen Schnitt an der Stelle, wo ihr Hals auf den gemusterten Saum ihres Kinderkleides traf.
    »Komm schon, Liebling, steh doch auf«, flüsterte er.
    Er ging zu ihr hinüber und setzte sich in das feuchte Laub, das ihre kleinen Arme und Beine umgab.
    Lange strich er ihr über das Haar, während die Sonne unterging und die Schatten um sie herum immer länger wurden. Ihm war vage bewusst, dass er um Hilfe rufen, schreien und weinen sollte, doch er wollte sie nicht alleine lassen, nicht einmal so lange, wie es dauerte, um seine Frau zu holen. Er dachte daran, wie er sie im Sommer auf den Schultern getragen hatte, und wie sie stets alles, was er sagte, mit ihrer hellen, klaren Stimme nachplapperte. Er hatte bei ihr gewacht, als sie Zähne bekommen hatte und wenn sie krank gewesen war, und nun saß er das letzte Mal bei ihr, sprach leise mit ihr und zog den Kragen des Kleids höher, damit er die rot geränderte Wunde verdeckte, die das einzige Farbige an ihr war.
    Nach einer Weile stand er auf und ging steif zurück ins Haus. Die Zeit verging, und eine Frau schrie vor Schmerz laut auf.

26

    Mithridates spähte hinaus in den Morgennebel und fragte sich, ob noch ein weiterer Angriff erfolgen würde. Er zerrte sich den dicken Umhang enger um die Schultern und zitterte, wobei er sich einredete, dass es nur an der Morgenkühle lag. Es war schwer, keine Verzweiflung aufkommen zu lassen.
    Die nächtlichen Angriffe waren immer tollkühner geworden, und kaum einer der Soldaten in dem riesigen Feldlager konnte noch ruhig schlafen. Jeden Abend losten sie, wer Wache halten musste, und diejenigen, die das Los traf, blickten sich gegenseitig mit rot geränderten Augen an, zuckten die Achseln und rechneten bereits mit dem Tod. Wenn es sie nicht traf, kehrten sie in die Sicherheit des Hauptlagers zurück, mit wiedergewonnener Zuversicht, die so lange anhielt, bis sie das nächste Mal die falsche Marke aus dem herumgereichten Topf zogen.
    Zu oft kehrten sie nicht zurück. Jeden Morgen fehlten Hunderte von Wachposten beim Appell. Mithridates zweifelte nicht daran, dass sich die Hälfte davon still und leise aus dem Staub gemacht hatte, doch es sah so aus, als wäre das Lager von einem unsichtbaren Feind umgeben, der sich nach Lust und Laune aussuchen konnte, wen er umbrachte. Manche der Posten fand man mit Pfeilwunden; die Spitzen waren sorgfältig aus dem Fleisch geschnitten worden, damit man sie wieder verwenden konnte. Es schien keine Rolle zu spielen, wie viele Soldaten gemeinsam Wache standen, oder wo er sie aufstellte– jeden Tag kamen weniger Männer ins Lager zurück.
    Finster starrte der König in den feuchten Nebel, der seine Lunge mit der Kälte des Winters zu verstopfen schien. Manche seiner Männer glaubten, sie würden von den Geistern vergangener Schlachten angegriffen, und erzählten Geschichten von uralten, weißbärtigen Kriegern, die sie einen Augenblick lang erblickt hätten, ehe sie lautlos wieder verschwunden seien. Immer ohne jedes Geräusch.
    Mithridates begann die Reihe seiner Männer abzuschreiten. Sie waren ebenso erschöpft wie ihr König, aber trotzdem hielten sie die Waffen bereit und warteten darauf, dass sich der Nebel lichtete. Er versuchte zu lächeln und ihre Moral zu heben, aber es war schwer. Das Gefühl der Machtlosigkeit, Woche für Woche weniger zu werden, hatte vielen seiner Männer den letzten Mut geraubt. Er schauderte wieder und verfluchte den weißen Dunst, der noch über den Zelten zu hängen schien, während der Rest der Welt erwachte. Manchmal dachte er, wenn er nur auf ein Pferd steigen und schnell davonreiten würde, könnte er in den Sonnenschein hinausreiten, und wenn er sich umblickte, würde er erkennen, dass nur das Tal vom Schleier verhüllt war.
    Ein Leichnam lag unbeachtet zwischen den Zelten. Der König blieb stehen und betrachtete ihn, wütend und beschämt, weil der junge Krieger nicht beerdigt worden war. Mehr noch als die stumpfen Blicke seiner Männer bewies ihm dies, wie weit es mit ihnen gekommen war, seit sie die Hügel mit spitzen Pfählen gesichert und auf ihren Erfolg und die Vernichtung Roms angestoßen hatten. Wie er diesen Namen hasste.
    Vielleicht hätte er mit seiner Armee abziehen sollen. Doch das weckte immer wieder diesen quälenden Gedanken, dass der Feind genau darauf hoffte, dass sie in die Ebene hinauszogen. Irgendwo da draußen, den Blicken seiner Späher verborgen, stand eine Legion Männer, mit einem Befehlshaber, der anders war als alle anderen, mit denen es Mithridates bisher zu tun gehabt hatte. Er schien sie Stück für Stück vernichten zu wollen. Plötzlich heranfliegende Pfeilsalven durchbohrten die Körper eines jeden, der einen Offiziershelm oder eine Standarte trug. Es war so weit gekommen, dass sich Männer geweigert hatten, die Fahnen zu tragen, und sich lieber zur Strafe auspeitschen ließen, als den in ihren Augen sicheren Tod zu riskieren.
    Es war schlimm, die Moral der Armee aus solcher Höhe abstürzen zu sehen. Er hatte den Gruppen von Wachposten befohlen, jeden Mann zu töten, der zu desertieren versuchte, doch in der folgenden Nacht waren noch mehr verschwunden. Er wusste nicht einmal genau, ob sie gefallen oder davongelaufen waren. Manchmal fand er nur einen Haufen Rüstungen, als hätten sie sich des Metalls und ihrer Ehre einfach entledigt, manchmal jedoch waren die Haufen auch voller Blutflecken.
    König Mithridates rieb sich das müde Gesicht und brachte etwas Farbe in seine Wangen zurück. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal geschlafen hatte, weil er sich jetzt, wo während der Nacht jederzeit mit Angriffen zu rechnen war, nicht mehr zu betrinken wagte. Sie waren wirklich wie Geister, dachte er bleiern. Tödliche, flinke Gespenster, die weißes Fleisch hinter sich auf dem Gras zurückließen.
    Seine Söhne hatten Eingreiftruppen zusammengestellt, damit immer frische Kämpfer als Verstärkung zur Verfügung standen, aber es hatte nichts genützt. Mithridates fragte sich, ob seine Soldaten absichtlich langsam vorrückten, um nicht als Erste auf den Feind zu treffen und getötet zu werden. Wenn die Römer verschwunden waren, erschien die Verstärkung mit viel Gebrüll und unter dem Klirren von Schwertern und Schilden. Dann umringten sie die Verwundeten und schrieen Beleidigungen in die Nacht hinaus, doch das war nur eine hohle Geste des Trotzes, das letzte Rufen oder Lachen eines Feiglings, nachdem er sich in Sicherheit wusste.
    Nach und nach lichtete sich der Nebel, und Mithridates kniff sich mit den kräftigen Daumen in die Wangen, um die Kälte zu vertreiben. Bald würde er die Berichte über die in der Nacht verschwundenen Wachposten erhalten. Er hoffte innig, heute wäre einer der Morgen, an dem alle Männer zurückkehrten und ihr eigenes Glück kaum fassen konnten, während sie vor Erleichterung nach Stunden der Anspannung und Angst taumelten.
    Einmal hatte er versucht, den Feind mit einer Truppe von hundert Soldaten, die sich in der Nähe von zwei Wachtposten versteckten, in einen Hinterhalt zu locken. Jeden einzelnen dieser Männer hatten sie am nächsten Morgen tot und starr aufgefunden. Danach hatte er es nicht noch einmal versucht. Geister.
    Eine Brise erhob sich um ihn, und er zog den Umhang noch fester um sich. Nach wenigen Minuten hatte sich der Nebel in wehenden Wirbeln aufgelöst und gab den Blick auf die dunkle Ebene frei. Mithridates erstarrte vor Angst, als er die Reihen der Soldaten sah, die dort in vollkommener Stille warteten. Legionäre, in perfekter Schlachtordnung, in Reih und Glied. Das silberne Funkeln ihrer Rüstungen verschwamm schmerzhaft vor seinen Augen. Zwei Kohorten. Eintausend Mann. Sie standen in zweitausend Fuß Entfernung und warteten auf ihn.
    Sein Herz schlug schmerzhaft unter den kräftigen Muskeln seiner Brust. Ihm wurde ein wenig schwindelig. Er hörte, wie Rufe durch das Lager hallten, als die überlebenden Offiziere die Männer aus dem Schlaf rissen, damit sie aufstanden und ihre Positionen einnahmen. Da wallte Panik in ihm auf. Eintausend Mann auf einer Seite. Wo war der Rest?
    »Sendet die Späher aus!«, brüllte er.
    Männer rannten zu ihren Pferden und galoppierten durch das Lager.
    »Bogenschützen zu mir!«, fuhr er fort. Der Befehl wurde weitergegeben.
    Hunderte von Bogenschützen kamen auf die in den Umhang gehüllte Gestalt zugeströmt. Er versammelte ihre Offiziere um sich.
    »Das muss eine List sein, ein Trick. Ihr müsst diese Seite des Lagers schützen. Schießt alle Pfeile ab, die ihr habt, um sie auf Distanz zu halten. Tötet sie alle, wenn ihr könnt. Ich verteidige die andere Seite des Tals, wo der Hauptangriff stattfinden wird. Benutzt alle Pfeile, ohne Zögern. Sie dürfen uns nicht in den Rücken fallen, wenn die anderen angreifen. Das würde unsere Kampfmoral nicht überstehen.«
    Die Offiziere nickten, verbeugten sich und spannten noch beim Aufrichten geschickt ihre Bogen. In ihren Gesichtern waren die ersten Anzeichen der Erregung zu sehen, von der Freude an der Macht, den Tod in stechenden Schwärmen auszusenden, während sich die eigenen Männer in Sicherheit befinden.
    Mithridates ließ sie ihre Einheiten bilden, nahm sein Pferd von dem Burschen entgegen, der es bereithielt, und trabte durch das Lager zur anderen Seite des Tals. Die Verzweiflung fiel von ihm ab und er reckte sich im Sattel, als er seine Männer überall bereitstehen sah. Es war Tag, und bei Tag konnten sogar Geister getötet werden.
    Julius stand an der rechten Flanke der Veteranen, an der Spitze der Ventulus-Kohorte. Drei Reihen zu je einhundertsechzig Soldaten standen hinter ihm; sechs Zenturien zu je achtzig Mann, wobei die Veteranen in der ersten und dritten und die schwächsten Kämpfer in der zweiten Reihe standen, wo sie nicht zaudern oder weglaufen konnten. Zusammen mit Gaditicus und den Männern der Kohorte Accipiter nahmen sie fast eine Meile ein, schweigend und bewegungslos. Jetzt wurden keine Spiele mehr gespielt. Jeder der Wölfe wusste, dass er tot sein konnte, ehe die Sonne hoch am Himmel stand, doch sie hatten keine Angst. Sie hatten ihre Gebete gesprochen. Jetzt ging es ans Töten und Sterben.
    Es war bitterkalt. Einige Männer zitterten, während sie darauf warteten, dass sich der Nebel hob. Keiner sprach ein Wort, und die neu ernannten Optios brauchten nicht einmal ihre Stöcke einzusetzen, um die jungen Männer zum Schweigen zu bringen. Alle Soldaten schienen die Bedeutung des Augenblicks zu spüren, als der Dunst endlich vom auffrischenden Wind vertrieben wurde. Ihre Köpfe hoben sich wie die von Hunden, die Witterung aufgenommen haben, denn sie waren sich der Wirkung, die ihr Anblick haben würde, wohl bewusst.
    Ein paar Veteranen hatten den Angriff noch im Morgennebel beginnen wollen, aber Julius erklärte ihnen, dass sie dem Feind vor der letzten Attacke gehörig Angst einjagen wollten, woraufhin sich alle seinen Befehlen ohne Murren gebeugt hatten. Nach drei Wochen vernichtender Überfälle auf das Lager begegneten sie ihrem jungen Kommandeur mit einer Haltung, die an Ehrfurcht grenzte. Er schien jeden Schachzug des Mithridates im Voraus zu kennen und ihm gnadenlos zu begegnen. Wenn Julius sagte, die Zeit für einen letzten offenen Schlag sei gekommen, um die Griechen zu vernichten, dann würden sie ohne ein weiteres Wort mit ihm marschieren.
    Julius betrachtete die Zeltreihen mit Interesse und genoss den Augenblick. Er fragte sich, welche der aufgeregt hin und her laufenden Gestalten der König sein mochte, aber er war sich nicht sicher. Als das Licht der Sonne das Tal erleuchtete, überfielen ihn einen Moment lang Zweifel. Auch wenn in den letzten Nächten wieder Hunderte gestorben oder desertiert waren, sah das gegnerische Lager immer noch riesig aus und ließ seine eigene Streitmacht im Vergleich dazu winzig wirken. In Erwartung dessen, was da kommen sollte, bleckte er die Zähne und wischte seine Zweifel beiseite, denn er wusste, wie stark der Gegner wirklich war. Viele der Zelte standen leer.
    An jedem Tag des Abwartens war Julius von Unentschlossenheit gequält worden. Gefangen genommene Deserteure hatten von sinkender Moral und schlechter Organisation berichtet. Er wusste alles über ihre Offiziere, ihre Ausrüstung und ihre Kampfeslust. Zu Anfang hatte er sich mit den nächtlichen Angriffen zufrieden gegeben, mit denen er Stücke aus Mithridates’ Armee reißen wollte, bis dieser die Nerven verlor und den Legionen, die von der Küste kamen, in die Arme lief. Aber die Wochen vergingen, und die Griechen machten keinerlei Anstalten, das Lager abzubrechen, während von der römischen Verstärkung weiterhin nichts zu sehen war.
    Gegen Anfang der dritten Woche erwog Julius die Möglichkeit, dass die Legionen nicht kommen würden, ehe Mithridates aus seiner passiven Lethargie erwachte und anfing, wie ein richtiger Heerführer zu denken. In dieser Nacht, als griechische Wachposten zu Dutzenden desertierten und, ohne es zu ahnen, nur wenige Fuß entfernt an seinen eigenen Männern vorbeikamen, fing Julius an, Pläne für einen offenen Angriff zu schmieden.
    Jetzt bildete der Hauptteil der griechischen Armee zehn Mann tiefe Blöcke, und Julius nickte grimmig, als ihm die Lektionen seines alten Tutors einfielen. So würden sie nicht so viele Schwerter einsetzen können wie seine breit gestaffelte Linie, aber die zehn Reihen würden eine planlose Flucht verhindern, jetzt, da ihnen der Feind, der sie seit Ewigkeiten in der Dunkelheit umgebracht hatte, auf der Ebene gegenüberstand. Das Schlucken tat ihm weh, während er das Gelände genau betrachtete und auf den richtigen Augenblick wartete, um den Befehl zum Angriff zu geben. Er sah, wie ein hoch gewachsener Mann auf ein Pferd sprang und davongaloppierte und sich danach Hunderte von Bogenschützen zu Einheiten formierten. Ihre Pfeile würden die Morgenluft schon bald verdunkeln.
    »Das sind tausend Mann«, flüsterte er vor sich hin. Seine Männer hatten jetzt alle Schilde; viele stammten von den Griechen, die sie Nacht für Nacht getötet hatten. Trotzdem würde jede erfolgreiche Salve einige das Leben kosten, selbst wenn sie die Schilde zusammenhielten und darunter Schutz suchten.
    »Blas zum Vorrücken – schnell!«, fuhr er den Cornicen an, der ein verbeultes Horn ansetzte und die Doppelnote blies. Die beiden Kohorten setzten sich wie ein Mann in Bewegung, und die griechische Erde dröhnte unter ihrem Gleichschritt. Julius schaute kurz nach rechts und grinste wild, als er sah, wie die Veteranen mitten in der Bewegung die Linie begradigten, beinahe ohne es selbst zu merken. Keiner blieb zurück. Die alten Männer hatten sehnsüchtig auf einen solchen Angriff gewartet, dessen Notwendigkeit sie beinahe ebenso begriffen wie Julius, und jetzt hatte ihre Ungeduld ein Ende.
    Zuerst kamen sie nur langsam näher. Julius wartete darauf, dass die Bogenschützen feuerten, und erstarrte fast, als er Tausende langer, schwarzer Pfeile durch die Luft auf sich zukommen sah. Sie waren gut gezielt, aber diese Veteranen hatten schon in allen Ländern Roms gegen Bogenschützen gekämpft. Sie bewegten sich ohne Hast, kauerten sich nieder und zogen Arme und Beine ein, während ihre Schilde die ihrer Waffenbrüder neben sich berührten. So bildeten sie eine undurchdringliche Mauer, und die Pfeile prasselten wirkungslos gegen Holz und Messing.
    Einen Augenblick lang war alles still, dann erhoben sich die Veteranen wie auf ein Zeichen unter wildem Geschrei. Ihre Schilde steckten voller Pfeilschäfte, doch sie hatten keinen einzigen Mann verloren. Sie rückten erneut zwanzig schnelle Schritte vor, ehe erneut lautes Sirren die Luft erfüllte und sie sich wieder unter ihre Schilde duckten. Irgendwo schrie ein Römer vor Schmerz auf, aber sie rückten weitere drei Mal vor und ließen dabei nur wenige Tote hinter sich auf dem Feld zurück.
    Jetzt waren sie nah genug für einen Sturmangriff. Julius gab den Befehl, und die drei Töne des Signals hallten durch die Reihen. Die Wölfe rannten los. Plötzlich waren sie nur noch wenige hundert Fuß von den Bogenschützen entfernt, und die schwarze Wolke flog über sie hinweg.
    Die griechischen Bogenschützen hielten ihre Stellung zu lange, weil sie verbissen diejenigen zu töten versuchten, die ihnen so schwer zugesetzt hatten. Ihre erste Reihe wollte vor den heranstürmenden Römern fliehen, doch es geschah planlos. Die Wölfe stürzten sich auf sie, als sie in ihrer Verwirrung, die zu Entsetzen wurde, zu entkommen versuchten.
    Julius jubelte, als die Linie der Römer geradezu durch sie hindurchraste und sich mit blutiger Gewandtheit eine Bresche durch die Quadrate schlug. Die Reihen der Griechen lösten sich schon nach Sekunden in schreiendes Chaos auf. Julius befahl der Accipiter, sie weiter unter Druck zu setzen, und Gaditicus hielt sich mit seinen Männern etwas nach links, um den Winkel des vernichtenden Angriffs zu erweitern.
    Panik fegte wie ein Sturm durch die griechischen Linien. Als sie ihre eigenen Männer vor Entsetzen brüllen hörten und sie aus der vordersten Linie davonrennen sahen, als die Luft von den Schreien der Sterbenden widerhallte, begannen die Griechen vor den Linien der Wölfe zurückzuweichen. Sie lösten sich von ihren Einheiten und warfen ihre Waffen von sich, während die Offiziere sie hilflos anschrieen.
    Immer mehr begannen wegzulaufen, und irgendwann flohen so viele, dass selbst die Tapfersten kehrtmachten und sich der davonjagenden Menge anschlossen.
    Die Wölfe griffen an wie im Rausch. Die Veteranen droschen mit der Erfahrung und Geschicklichkeit aus hundert Schlachten auf die Feinde ein, und die jüngeren Männer streckten die Griechen mit jener rohen Energie und der Freude an der Jagd nieder, die ihre Hände beben und ihre Augen wild leuchten ließ, während sie, schrecklich anzuschauen, mit roten Gliedern ihrem tödlichen Handwerk nachgingen.
    Der Feind stürzte in alle Richtungen davon. Zwei Mal versuchten die Offiziere ihre Soldaten zu sammeln, und Julius sah sich gezwungen, die Accipiter beim Angriff auf die größte Gruppe zu unterstützen. Die verängstigten Haufen leisteten nicht einmal eine Minute Widerstand und stoben dann wieder auseinander.
    Das Lager wurde zu einer blutigen Walstatt aus zertrampelten Leichen und geborstenen Rüstungsteilen. Allmählich wurden die Veteranen müde, ihre Arme schmerzten nach Hunderten von Streichen.
    Julius befahl Ventulus, die Säge-Formation einzunehmen, bei der sich die mittlere Reihe zu den anderen versetzt nach links und rechts bewegte, um Lücken zu schließen und die schwächsten Stellen zu unterstützen. Seine Kohorte fegte durch das Lager, und es kam ihnen vor, als hätten sie schon den ganzen Tag getötet.
    Gaditicus war schon weiter vorgerückt, und es waren seine Männer, die auf Mithridates und seine Söhne stießen, die von fast tausend Mann umgeben waren. Sie schienen als Anker für die Deserteure zu wirken, die um sie herumrannten, langsamer wurden und dann endlich kehrtmachten, um sich dem letzten Gefecht anzuschließen. Julius gab den Befehl zum Keil, um die feindliche Linie zu durchbrechen. Seine Männer schüttelten ein letztes Mal ihre Müdigkeit ab; Julius selbst lief in der zweiten Reihe, hinter Cornix, der an der Spitze ging. Jetzt mussten sie den letzten Widerstand schnell brechen. Diese Männer waren nicht davongelaufen, sondern standen ausgeruht unter den Augen ihres Königs da und warteten.
    Die Soldaten der Ventulus-Kohorte bildeten den Keil, als hätten sie schon ihr ganzes Leben lang zusammen gekämpft. Sie hielten die Schilde hoch, um die Seiten der vielköpfigen Pfeilspitze zu schützen, und als sie in die griechischen Reihen einbrachen, schoben sie sie mit unbändiger Wucht ineinander. Nur der Mann an der Spitze war ungeschützt, und Cornix fiel unter den ersten Hieben. Blutüberströmt erhob er sich wieder und hielt sich mit einer Hand den Bauch zu, während er mit der anderen wieder und immer wieder zuschlug, bis er erneut zu Boden stürzte. Dieses Mal stand er nicht wieder auf. Julius übernahm die Spitze, und der Riese Ciro rückte an seine Seite. Jetzt konnte Julius Mithridates sehen, der mit manischem Blick durch die eigenen Reihen auf die Römer zukam. Julius spürte, wie die Vorwärtsbewegung ins Stocken geriet, und er hätte vor Freude aufschreien können, als er sah, wie der König seine Männer beiseite schob, um sich auf seine Feinde zu stürzen. Er wusste, dass sie den griechischen König niemals hätten erreichen können, wenn er sich im Hintergrund gehalten hätte. Stattdessen brüllte Mithridates Befehle, und die Soldaten in seiner Nähe machten ihm Platz, um ihn an den Feind heranzulassen.
    Der König war ein Baum von einem Mann, in einen purpurroten Umhang gehüllt. Er versuchte gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern holte weit über dem Kopf aus und schlug mit aller Kraft zu. Julius wich aus, und der Stoß, mit dem er erwiderte, wurde mit einem solchen Scheppern abgeblockt, dass sein Arm taub wurde. Sein Gegner war stark und schnell. Rings um sie herum gingen Griechen zu Boden, als die Veteranen mit lautem Kampfgebrüll erneut vorrückten, die Leibwache zurückwarfen und sie mit einem Regen von Hieben niedermetzelten. Mithridates schien gar nicht zu bemerken, wie sich die Linie an ihm vorbeischob, und er brüllte, als er einen weiteren brutalen Streich gegen Julius’ Brust führte, der den jungen Mann zurückstolpern ließ und seinen Brustpanzer zerbeulte. Beide Männer schnappten vor Erschöpfung und Wut keuchend nach Luft. Eine von Julius’ Rippen fühlte sich an, als wäre sie gebrochen, aber jetzt befand sich Mithridates weit hinter der Kampflinie. Julius wusste, dass er nur zu rufen brauchte, damit sich seine Männer von allen Seiten auf ihn stürzten.
    Als die Leibgarde sah, dass ihr König alleine und in Not war, versuchte sie verzweifelt zu ihm zu gelangen. Die Veteranen waren nun erschöpft und wichen zurück, weil ihre Kraft nachließ. Mithridates schien das zu spüren.
    »Zu mir, meine Söhne!«, rief er. »Kommt zu mir!« Und sie kämpften umso wütender.
    Julius wich einem Schlag durch eine Bewegung nach hinten aus, ging sofort zu einem schnellen Gegenangriff über und landete mit seiner schartigen Klinge einen Treffer an der Schulter. Mithridates wankte, als Ciro ihm das Schwert in die gewaltige Brust bohrte. Das Blut des Königs schoss hervor, und das Schwert glitt ihm aus den erschlaffenden Fingern. Einen Moment noch sah er Julius in die Augen, dann fiel er zwischen die im Schlamm liegenden Leichen. Julius streckte triumphierend seinen blutigen Gladius empor, und die Accipiter stürzte sich in die Flanke der Griechen, woraufhin der Widerstand endgültig zusammenbrach und die letzten Überlebenden die Flucht ergriffen.
    Weil sie nicht genügend Öl zum Verbrennen der Leichen hatten, ließ Julius hinter dem Lager große Gruben ausheben. Es dauerte eine Woche, bis sie tief genug waren, um die gefallenen Soldaten des Mithridates aufzunehmen. Julius hatte jede Siegesfeier verboten, da noch so viele Soldaten der geschlagenen Armee am Leben waren. Die Ironie, eine Kette von Wachposten um das Lager aufzustellen, das er so oft angegriffen hatte, war ihm vollkommen bewusst. Aber nun, da der charismatische König tot war, war das Risiko, dass sich die Überlebenden zu einem weiteren Angriff sammelten, nur gering. Ihnen würde die Lust am Kämpfen endgültig vergangen sein, hoffte Julius, doch obwohl auch Mithridates’ Söhne zuletzt gefallen waren, waren nach Gaditicus’ Schätzung mehr als viertausend Mann entkommen. Julius wollte das Tal verlassen, sobald die Verwundeten wieder auf den Beinen oder gestorben waren.
    Weniger als fünfhundert Wölfe hatten den Angriff auf das Lager überlebt. Die meisten Verluste hatte es bei dem letzten Gefecht um den griechischen König gegeben. Julius hatte die römischen Toten einzeln begraben lassen, und niemand hatte sich über die Arbeit beschwert. Die Bestattungsfeierlichkeiten dauerten fast einen ganzen Tag, und der stinkende schwarze Rauch, der von den Begräbnisfackeln aufstieg, schien ihrem Opfer angemessen.
    Nachdem alle Toten beerdigt waren und man sämtliche Trümmer im Lager weggeräumt hatte, versammelte Julius seine Offiziere um sich. Als Vertretung der Veteranen wählte er die zehn rangältesten Zenturios aus. Er war traurig, weil Cornix die Schlacht nicht überlebt hatte und nicht mehr dabei sein konnte, doch er wusste, dass der alte Krieger die Art seines Todes selbst und ohne Bedauern gewählt hatte. Quertorus kam mit den anderen, und erst als sie sich gesetzt hatten, bemerkte Julius, dass auch Suetonius unter ihnen war, obwohl er keine Befehlsgewalt hatte. Der junge Mann trug einen dicken Verband um den verwundeten Arm, und bei diesem Anblick beschloss Julius, ihn nicht wieder fortzuschicken. Vielleicht hatte er sich seinen Platz ja verdient, auch wenn sich Julius unwillkürlich fragte, ob ihm die Feldschlacht genauso viel Spaß gemacht hatte wie die nächtlichen Angriffe, die er so genossen hatte.
    »Ich möchte weiter zur Küste ziehen und mich dort mit Durus und Prax treffen. Falls der Senat inzwischen nicht vollkommen den Verstand verloren hat, muss sich eine Legion irgendwo auf dem Weg vom Meer hierher befinden. Wir werden ihnen Mithridates’ Leiche übergeben und dann nach Hause segeln. Hier hält uns nichts mehr.«
    »Wirst du die Armee auflösen?«
    Julius sah ihn an und lächelte.
    »Ja, aber erst an der Küste. Es haben zu viele von der griechischen Armee überlebt, um die Männer jetzt schon nach Hause zu schicken. Außerdem sind einige der Männer, mit denen ich in eure Stadt gekommen bin, im Kampf gefallen, und ihr Gold will ich unter den Überlebenden verteilen. Es scheint mir gerecht, allen, die mitgekämpft und überlebt haben, einen Anteil zu geben.«
    »Hast du vor, diese Anteile von deiner Hälfte zu nehmen?«, fragte Suetonius schnell.
    »Nein, das werde ich nicht tun. Die Lösegelder werden ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben, so, wie ich es versprochen habe. Was von dieser Hälfte übrig bleibt, wird unter den Wölfen aufgeteilt. Wenn dir das nicht gefällt, würde ich vorschlagen, du erklärst es ihnen. Sag ihnen, dass ihnen für ihre Taten nicht ein bisschen Gold zusteht, mit dem sie in ihre Stadt und ihre Dörfer zurückkehren können.«
    Suetonius zog ein finsteres Gesicht, aber er schwieg, während ihn die Veteranen gespannt ansahen. Er wich ihren Blicken aus.
    »Über wie viel Gold reden wir denn hier?«, fragte Quertorus neugierig.
    Julius zuckte die Achseln.
    »Über zwanzig, vielleicht dreißig Aurei pro Mann. Die genaue Summe rechne ich aus, wenn wir Durus treffen.«
    »Dieser Mann hat das ganze Gold auf seinem Schiff«, wandte ein anderer ein. »Und du glaubst, dass er zum verabredeten Treffpunkt kommt?«
    »Er hat mir sein Wort gegeben. Und ich habe ihm meins gegeben, dass ich ihn jage und ihn umbringe, wenn er es nicht hält. Er wird dort sein. Also, in einer Stunde sollen alle Männer marschbereit sein. Ich möchte nicht länger in diesem Lager bleiben. Und von Griechenland habe ich auch genug.«
    Er blickte Gaditicus wehmütig an.
    »Jetzt können wir nach Hause fahren«, sagte er.
    Nur achtzig Meilen von der Küste entfernt stießen sie auf die erste der zwei Legionen, die unter dem Kommando von Severus Lepidus stand. In dem schwer bewachten Lager übergaben Julius und Ciro die Leiche des Mithridates auf einer hölzernen Totenbahre. Ciro schwieg, während sie den Leichnam in einem leeren Zelt auf einen niedrigen Tisch legten, aber Julius sah, wie sich seine Lippen in einem stillen Gebet bewegten, mit dem er dem besiegten Feind seinen Respekt erwies. Als Ciro geendet hatte, spürte er Julius’ Blick auf sich ruhen und erwiderte ihn ohne Verlegenheit.
    »Er war ein tapferer Mann«, sagte er schlicht, und Julius fiel verblüfft auf, wie sehr er sich verändert hatte, seit sie sich das erste Mal in einem winzigen afrikanischen Dorf begegnet waren.
    »Hast du zu den römischen Göttern gebetet?«, fragte er ihn.
    Der große Mann zuckte die Achseln. »Die kennen mich noch nicht. Wenn ich nach Rom komme, werde ich zu ihnen sprechen.«
    Der römische Gesandte schickte eine Soldateneskorte, die die Wölfe zum Meer begleiten sollte. Julius protestierte nicht gegen diese Entscheidung, obwohl ihm die Begleitung mehr wie eine Gefangeneneskorte als wie ein Garant für eine sichere Reise vorkam.
    Durus war an Bord seines Schiffs, als sie endlich im Hafen ankamen und nach ihm riefen. Er schien sich nicht gerade übermäßig darüber zu freuen, dass sie noch am Leben waren, doch seine Laune besserte sich schnell, als Julius ihm anbot, ihm nicht nur seine Zeit, sondern auch eine Überfahrt nach Brundisium zu bezahlen, dem nächstgelegenen Hafen auf dem römischen Festland.
    Es war seltsam, wieder an Bord eines Schiffes zu sein. Julius verwendete einen Teil seines neuen Reichtums darauf, jedes Fass Wein im Hafen für eine große Abschlussfeier aufzukaufen. Ungeachtet der Einwände von Suetonius wurde der Piratenschatz unter den überlebenden Wölfen aufgeteilt, und viele von ihnen würden, gemessen an ihren vormaligen Lebensumständen, als reiche Männer nach Hause zurückkehren, selbst wenn sie sich eine teure Heimreise mit einer Karawane oder zu Pferd leisteten.
    Die Veteranen hatten Julius um eine letzte Unterredung gebeten, ehe sie in Richtung Osten in ihre Heimat aufbrachen. Er hatte ihnen Posten in Rom angeboten, aber sie hatten nur gelacht und sich gegenseitig zugezwinkert. Es war schwer, Männer in ihrem Alter anzuwerben, die Gold in ihren Beuteln hatten, und er hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie mitkommen würden. Quertorus hatte ihm im Namen aller seinen Dank ausgesprochen, dann hatten sie ihn hochleben lassen, dass es durch das ganze Schiff hallte. Anschließend waren sie gegangen.
    Durus segelte ohne große Vorankündigung mit der Morgenflut. Die jungen Überlebenden unter den Wölfen waren alle geblieben, und sie freuten sich mit der Begeisterungsfähigkeit junger Menschen über ihre kurze Erfahrung als Seeleute. Das Meer war ruhig, und schon nach wenigen Wochen legten sie im Hafen von Brundisium an und gingen von Bord.
    Diejenigen, die von Anfang an dabei gewesen waren, schauten sich einen langen Augenblick wie benommen an, während drei Zenturien der Wölfe eine Kolonne für den Marsch nach Rom bildeten. Der soeben zum Befehlshaber über fünfzig Mann beförderte Ciro richtete die Reihen aus und fragte sich verwundert, wie es wohl sein würde, die Stadt zu sehen, die ihn gerufen hatte. Er fröstelte und bewegte die Schultern. Hier war es kälter als auf seinem kleinen Hof in Afrika, aber das Land kam ihm trotzdem vertraut vor. Er spürte, wie die Geister seiner Vorfahren ihren Sohn begrüßten und ihn mit Stolz betrachteten.
    Julius fiel auf die Knie und küsste mit Tränen in den Augen den staubigen Boden. Er war zu überwältigt, um etwas sagen zu können. Er hatte Freunde verloren und Verletzungen davongetragen, die ihn für sein restliches Leben zeichnen würden, aber Sulla war tot und er war wieder zu Hause.

27

    Cato wischte sich mit der dicklichen Hand über die Stirn. Die Winterkälte hatte Rom fest im Griff, aber das Senatsgebäude war voll, und die Wärme von dreihundert Mitgliedern der Nobilitas auf beengtem Raum hing in der Luft. Cato hob um Ruhe bittend die Hand und wartete geduldig, bis der Lärm des Stimmengewirrs langsam verebbte.
    »Dieser Cäsar, dieser leichtsinnige junge Mann, hat dem Willen des Senats nichts als Verachtung entgegengebracht. Er hat auf eigene Faust gehandelt und hat den Tod Hunderter römischer Bürger verursacht, viele davon Veteranen unserer Legionen. Soweit ich gehört habe, hat er sich eine Befehlsgewalt angemaßt, die ihm nie verliehen worden ist, und sich im Großen und Ganzen genauso benommen, wie ich es von einem Neffen des Marius erwartet hätte. Ich rufe den Senat auf, diesen kleinen Gockel in seine Schranken zu verweisen – ihm zu zeigen, wie sehr sein sinnloses Opfer römischer Menschenleben und seine Missachtung unserer Autorität unseren Widerwillen erregt hat.«
    Mit einem zufriedenen Ächzen nahm er wieder Platz, und der Vorsitzende erhob sich gelassen. Er war ein dicker Mann mit gerötetem Gesicht, der sich nicht viel gefallen ließ. Obwohl seine Autorität nur eine nominelle war, schien er es zu genießen, die Kontrolle über die mächtigeren Männer des Senats innezuhaben.
    Cinna war bei Catos Worten mit zornrotem Gesicht aufgestanden. Der Vorsitzende erteilte ihm mit einem Nicken die Erlaubnis, zu reden, und Cinna ließ den Blick über die Reihen wandern, bis er sich ihrer Aufmerksamkeit sicher sein konnte.
    »Wie viele von euch wissen, bin ich durch seine Ehe mit meiner Tochter mit Cäsar verwandt«, hob er an. »Ich bin nicht hierher gekommen, um zu seiner Verteidigung zu sprechen, sondern weil ich mich den verdienten und angebrachten Glückwünschen anschließen wollte, die ich erwartet habe.« Unter Catos Anhängern erhob sich lautes Gemurmel, das ihn am Weitersprechen hinderte, doch er wartete mit eisiger Geduld, bis es wieder ruhig wurde.
    »Sollten wir einem Mann, der einen der Feinde Roms vernichtet hat, nicht gratulieren? Mithridates ist tot, seine Armee ist in alle Winde zerstreut, und einige von euch reden von Zurechtweisung? Es ist nicht zu glauben! Anstatt die Toten unter seinen Männern zu zählen, die im Kampf gegen eine Übermacht gefallen sind, solltet ihr lieber an die Unschuldigen denken, die jetzt weiterleben können, weil Mithridates vernichtend geschlagen wurde. Wie viele unserer Bürger wären wohl noch gestorben, bis sich unsere übervorsichtigen Legionen dem Feind endlich weit genug genähert hätten, um auch gegen ihn kämpfen zu können? Nach den Berichten zu schließen, sieht es so aus, als hätten sie die griechische Streitmacht niemals erreicht!«
    Wieder brach entrüstetes Gemurmel aus, durch das Hohngelächter und Rufe zu hören waren. Auf beiden Seiten erhoben sich viele Senatoren, um sich zu Wort zu melden, und traten unruhig hin und her. Der Leiter der Debatte warf Cinna einen Blick zu und hob fragend die Augenbrauen. Cinna räumte widerwillig das Feld und setzte sich wieder.
    Neben Cato stand jetzt Senator Prandus. Im Gegensatz zu seinem Gönner war er von hoch gewachsener, hagerer Gestalt. Er räusperte sich, als er die Erlaubnis zum Sprechen erhielt.
    »Mein Sohn Suetonius war einer der Männer, die zusammen mit diesem Cäsar von den Piraten gefangen genommen wurden. Ich habe mir meine Meinung nach seinen Berichten gebildet, und alles deutet darauf hin, dass dieser Römer eine Gefahr für alles darstellt, woran wir glauben. Er handelt, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er stürzt sich in Konflikte, ohne vorher zu überlegen, ob ein Problem auch auf andere Art zu lösen ist. Seine einzige Antwort auf alles ist blindwütiger Angriff. Mir liegen Einzelheiten über Hinrichtungen und Folterungen vor, die in seinem Namen durchgeführt wurden, ohne vom Senat gebilligt worden zu sein. Er hat alte Soldaten zur Schlacht gezwungen, nur um seinen persönlichen Ruhm zu mehren. Ich muss dem ehrenwerten Cato zustimmen, dass dieser Cäsar hierher zitiert werden sollte, um die gerechte Strafe für seine Taten zu empfangen. Außerdem sollten wir den Vorwurf der Piraterie gegen ihn nicht vergessen, den Quästor Pravitas erhoben hat. Wenn er eine Belobigung erhält, wie es manche für richtig zu halten scheinen, könnten wir leicht einen neuen Marius schaffen und unsere Großzügigkeit eines Tages bereuen.«
    Cato schob einen nervös wirkenden Mann auf die Füße. Senator Bibulus wäre fast gestolpert, als er sich unter dem Nachdruck der schweren Hände erhob. Sein Gesicht war blass, und Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er verstieß gegen die guten Sitten, indem er zu reden begann, ehe ihm die Erlaubnis dazu erteilt worden war, und seine ersten Worte gingen in den Hohnrufen unter, die darauf folgten.
    »…sollte den Entzug der Senatsmitgliedschaft in Betracht ziehen«, sagte er und schluckte seinen Speichel hinunter. »Oder vielleicht das Verbot, einen Rang in der Armee zu bekleiden. Soll er doch mit dem geraubten Gold, das er mitgebracht hat, sein Geld als Kaufmann verdienen.«
    Während er sprach, starrte ihn der Vorsitzende finster an, und nach einer kurzen Geste nahm Bibulus mit schamrotem Gesicht wieder Platz. Der verstimmte Vorsitzende drehte sich um und sah zu den gegenüberliegenden Bänken hinüber, offensichtlich entschlossen, mit seiner Wahl das Gleichgewicht wiederherzustellen. Crassus erhielt die Erlaubnis zu reden. Er nickte dankend und blickte sich ruhig in den randvollen Reihen um, bis wieder angemessene Stille herrschte.
    »Wie sehr ihr eure geheimen Ängste offenbart!«, stieß er hervor. »Einen zweiten Marius, sagt ihr. Sein Neffe! Wie wir da zittern müssen! Glaubt ihr etwa, unsere geliebte Republik könne ohne militärische Macht überleben? Wie viele von euch haben schon erfolgreich Männer in eine Schlacht geführt?« Sein Blick wanderte durch die Reihen. Er wusste, dass Cato nur die minimale Dienstzeit von zwei Jahren abgeleistet hatte, um die politische Karriereleiter erklimmen zu können. Andere nickten, während Cato ein Gähnen unterdrückte und den Blick abwandte.
    »Wir haben hier einen jungen Mann, der weiß, wie man Soldaten befehligt«, fuhr Crassus fort. »Er hat eine kleine Armee aufgestellt und damit eine Streitmacht besiegt, die acht oder neun Mal so groß war. Es stimmt, er hat gehandelt, ohne vorher unsere Zustimmung einzuholen, aber er hätte ja auch wohl kaum ein oder zwei Jahre warten können, bis wir die Angelegenheit ausdiskutiert hätten.«
    Der Vorsitzende fing seinen Blick auf, doch Crassus ignorierte ihn.
    »Nein, was in einigen von uns solch giftige Bosheit hervorruft, ist die Tatsache, dass dieser junge Mann gezeigt hat, dass unsere Wahl der Legionskommandeure falsch war. Sein Erfolg ist der Beweis dafür, dass wir nicht schnell und energisch genug reagiert haben, um unsere Besitzungen in Griechenland zu verteidigen. Das ist es, was diese Herren so ärgert. Das ist der einzige Grund, warum sie so wütend auf ihn sind. Er hat für seine Tapferkeit in Mytilene den Eichenkranz erhalten, wie ihr euch vielleicht erinnern werdet. Er ist ein begabter, treuer Soldat Roms, und es wäre eine Schande, wenn wir das nicht öffentlich anerkennen würden. Ich habe gehört, wie Bibulus forderte, ihn seines Rangs in der Legion zu berauben. Da frage ich mich unweigerlich, welche Siege Bibulus für uns errungen hat? Oder Cato? Und dann ist da noch Prandus, der Vorwürfe wegen Piraterie erhebt, obwohl er genau weiß, als wie unsinnig sich dieser Vorwurf erwiesen hat, sobald die Tatsachen ans Licht kamen. Es ist kein Wunder, dass er einen Bogen um ein solch schwieriges Thema macht, war doch sein Sohn einer der Angeklagten! Wir sollten Cäsar für seine ruhmvollen Taten ehren.«
    »Genug, Crassus«, sagte der Vorsitzende streng, aber zufrieden, weil er genügend Zeit gelassen hatte, um Bibulus’ Ausbruch wieder auszugleichen. »Beide Seiten haben ihre Meinung vertreten. Wir können jetzt zur Abstimmung schreiten.«
    Diejenigen, die noch standen, setzten sich widerwillig, schauten sich im Saal um und versuchten das Ergebnis abzuschätzen, ehe es offiziell ermittelt wurde. Bevor die Abstimmung beginnen konnte, schwangen die schweren Bronzetüren der Senatskammer auf, und Pompeius trat ein, was sofort allgemeines Interesse weckte. Seit dem Tod seiner Tochter hatte man ihn weder auf dem Forum noch im Senat gesehen, und viele flüsterten hinter vorgehaltener Hand Fragen über die Tragödie, die ihn ereilt hatte, und ihre möglichen Folgen.
    Der Vorsitzende gab Pompeius ein Zeichen und deutete auf einen Platz in den Reihen. Statt sich hinzusetzen, blieb Pompeius jedoch an seinem Platz stehen und wartete darauf, dass ihm das Wort erteilt wurde.
    Mit einem Seufzer hob der Debattenleiter die Hand und zeigte auf ihn. Alle Geräusche verstummten, alle Augen richteten sich auf den Neuankömmling.
    Besonders Cato beobachtete ihn scharf und achtete auf jede Einzelheit. Die Asche seiner Tochter konnte noch nicht lange in der Erde ruhen, aber in Pompeius’ Miene war kein Zeichen der Trauer zu finden. Er wirkte völlig ruhig, als er sich aufmerksam in den voll besetzten Bänken umsah.
    »Verzeiht mir meine Abwesenheit und meine Verspätung, Senatoren. Ich habe meine Tochter beerdigt«, sagte er leise, ohne eine Spur von Schwäche in der Stimme. »Ich lege vor euch einen Eid ab, dass diejenigen, die dafür verantwortlich sind, es bereuen werden, Unschuldige für ihre Machtspiele benutzt zu haben, aber das ist ein Problem, das an einem anderen Tag gelöst werden wird.« Er sprach gefasst, doch die, die in seiner Nähe standen, konnten sehen, dass jeder Muskel in seinen Schultern angespannt war, als zügele er nur mit Mühe einen gewaltigen Zorn.
    »Sag mir, worum geht es bei der Abstimmung heute Morgen?«, fragte er den Vorsitzenden.
    »Es geht darum, ob die Taten von Julius Cäsar in Griechenland Missbilligung oder Beifall finden sollten«, erwiderte dieser.
    »Ich verstehe. Und wie ist Catos Meinung dazu?«, fragte Pompeius, ohne zu der lässig zurückgelehnten Gestalt hinüberzusehen, die sich plötzlich gerade aufsetzte.
    Der Debattenleiter riskierte einen Blick auf Cato.
    »Er hat sich für eine Missbilligung ausgesprochen«, erwiderte er verwirrt.
    Pompeius verschränkte die Hände hinter dem Rücken, und die in seiner Nähe Sitzenden konnten sehen, wie seine Knöchel weiß wurden, als er sprach.
    »Dann werde ich gegen ihn stimmen.«
    Einen langen Augenblick hielt er in der absoluten Stille Catos Blick stand, bis jedem die neue Feindschaft zwischen ihnen deutlich geworden war. Überall brach Geflüster aus, und die Älteren richteten sich mit neuem Interesse in ihren Sitzen auf.
    »Außerdem rufe ich meine Anhänger dazu auf, gegen ihn zu stimmen. Ich fordere jede Stimme ein, mit der ihr noch in meiner Schuld steht. Begleicht sie jetzt, dann sind wir quitt.«
    Plötzlich wurde der Senat von allgemeinem Gemurmel erfüllt, weil alle über die Bedeutung dieses Schachzugs diskutierten. Er kam praktisch einer Kriegserklärung gleich, und als der Debattenleiter zur Abstimmung aufrief, verwandelte sich Catos fleischiger Mund in eine dünne Linie des Grolls. Indem er alle Verpflichtungen auf einmal einforderte, warf Pompeius Jahre der sorgfältigen Absprachen und Bündnisse über Bord, nur um seine Verachtung öffentlich zu zeigen.
    Crassus wurde ein wenig bleich. Pompeius’ Handeln war tollkühn, auch wenn er es zu verstehen glaubte. Keiner der Anwesenden würde jetzt noch daran zweifeln können, dass Pompeius auf raffinierte Weise den Mann offenbart hatte, der für den Tod seiner Tochter verantwortlich war. Cato würde viel von seiner Macht einbüßen, während die um ihn herum diese neue Bedrohung abwägen und sich überlegen mussten, ob es nicht ratsamer war, sich von ihm zu distanzieren. Crassus seufzte. Wenigstens würden sie diese Abstimmung gewinnen, und das Ergebnis würde Cato schaden. Obwohl die Zahlen viele langjährigen Verpflichtungen gegenüber Pompeius widerspiegelten, war es für den fetten Senator trotzdem schwierig, fast alleine dazustehen, während Hunderte seiner Kollegen sich gegen ihn stellten.
    Die Abstimmung war alsbald erledigt. Pompeius setzte sich und beteiligte sich an den Beratungen darüber, welcher Legionsrang Julius verliehen werden sollte, wenn er in den Senat zurückkehrte. Da die meisten der Senatoren nur noch so schnell wie möglich hinaus an die frische Luft wollten, ging auch dies überraschend schnell vonstatten. Cato nahm kaum Notiz davon; er war von der Erniedrigung, die ihm zuteil geworden war, immer noch wie vor den Kopf geschlagen.
    Als sie durch die Bronzetüren hinausgingen, verzog Cato das Gesicht und neigte den Kopf in Pompeius’ Richtung, um dessen Sieg anzuerkennen. Pompeius ignorierte ihn und machte sich eilig auf den Weg nach Hause, ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln.
    Tubruk stieg die Stufen zu den Mauern des Anwesens hinauf, dankbar für die frühe Warnung, die er von den Feldsklaven erhalten hatte. Von dort aus versuchte er, in der Marschkolonne, die auf der Landstraße auf sie zukam, Einzelheiten zu erkennen.
    »Es sind zwei oder drei Zenturien, so wie es aussieht!«, rief er zu Cornelia hinab, die aus einem der Wirtschaftsgebäude gekommen war, als sie die Rufe gehört hatte. »Ich kann die Standarten nicht erkennen, aber sie tragen volle Rüstung. Es könnte ein Teil der römischen Garnison sein.«
    »Wirst du die Männer antreten lassen?«, fragte Cornelia nervös.
    Tubruk antwortete zunächst nicht und konzentrierte sich darauf, die näher kommenden Soldaten zu beobachten. Sie waren diszipliniert und bewaffnet, doch das Fehlen der Standarten beunruhigte ihn. Der Mord an Pompeius’ Tochter hatte unter den alten Familien Roms wieder eine Anspannung aufkommen lassen, die seit Sullas Tod überwunden schien. Wenn ein so mächtiger Senator einen solchen Schlag gegen sein Haus erleiden konnte, dann war niemand sicher. Tubruk zögerte. Wenn er nach Brutus und seinen Soldaten rief, damit sie das Tor bewachten, konnte das als Provokation aufgefasst werden, oder als Beleidigung einer regulären Truppe. Seine Hände umfassten die harten Steine der Mauer, und er traf seine Entscheidung. Lieber würde er jemanden kränken, als unvorbereitet sein, und die anrückenden Zenturien ohne Legionszeichen konnten durchaus Meuchelmörder sein.
    »Ruf Brutus. Sag ihm, ich brauche seine Männer auf der Stelle hier draußen!«, rief Tubruk zu Cornelia hinunter.
    Sie schlug jegliche Würde in den Wind und rannte zurück ins Haus.
    Als die nahende Kolonne auf weniger als eintausend Schritte herangekommen war, waren Brutus’ Männer in Formation hinter dem Tor angetreten, bereit, jederzeit hinauszustürmen und anzugreifen. Er hatte nur zwanzig Männer dabei, und Tubruk wünschte, sie hätten genug Platz, um noch mehr unterzubringen, obwohl er zuerst über den jungen Kommandeur gelacht hatte, der mit so vielen Soldaten unterwegs war.
    Brutus spürte, wie die alte Erwartung seinen Magen zusammenkrampfte. Das Kind in ihm wünschte sich, er hätte Renius nicht in den Kasernen in der Stadt zurückgelassen, aber das war nur eine vorübergehende Schwäche. In dem Augenblick, als er seinen Gladius zog, kehrte sein Selbstvertrauen zurück, und seine Männer reagierten; ihre Anspannung machte einem knappen Lächeln Platz. Sie konnten alle den Marschschritt der Soldaten hören, die immer näher auf das Gut zukamen, aber ihnen war keinerlei Angst anzusehen.
    Eine kleine Gestalt stürzte aus dem Stall und kam schlitternd dicht vor Brutus’ Füßen zum Stehen.
    »Du bleibst hier!«, kam Brutus barsch der Bitte zuvor. Er wusste nur sehr wenig über den Gassenjungen, den Tubruk aufgenommen hatte, und im Augenblick hatte er keine Geduld für Streitereien. Octavian öffnete den Mund, und Brutus, den der Anblick eines glänzenden Dolchs in der Hand des Jungen wütend machte, fauchte ihm einen Befehl ins Gesicht.
    »Hau ab! Sofort!«
    Octavian erstarrte mit weit aufgerissenen Augen, machte dann auf dem Absatz kehrt und schlich ohne ein weiteres Wort davon. Brutus beachtete ihn nicht weiter und blinzelte stattdessen zu Tubruk hinauf, um zu erfahren, ob sich draußen etwas Neues tat. Hier zu warten, ohne selbst etwas sehen zu können, war nervenaufreibend, aber Brutus sah ein, dass man Soldaten, die der Senat schickte, nicht mit dem gezogenen Schwert empfangen konnte. Das würde in jedem Fall Blutvergießen nach sich ziehen, auch wenn das ursprüngliche Anliegen etwas ganz Harmloses gewesen sein mochte.
    Oben auf der Mauer kniff Tubruk die Augen zusammen, während die Armee mit gleichmäßigem Schritt näher kam. Er atmete tief aus, als die Anspannung, von den unten Stehenden unbemerkt, aus ihm wich.
    »Marcus Brutus«, rief er hinunter, »deine Männer sollen das Tor öffnen und ihnen entgegengehen!«
    Brutus blickte fragend zu ihm hinauf. »Bist du sicher? Wenn sie feindliche Absichten haben, können wir uns hinter den Mauern besser verteidigen.«
    »Mach das Tor auf«, antwortete Tubruk leise. Auf seinem Gesicht lag ein eigenartiger Ausdruck.
    Brutus zuckte die Achseln und gab den Männern der Primigenia, die im Vorwärtsschreiten ihre Schwerter zogen, den Befehl. Sein Herz hämmerte, und er spürte die wilde Freude, die aus seiner Gewissheit kam. Es gab niemanden auf der Welt, der ihn mit dem Schwert schlagen konnte, nicht seit jenem Tag mit Renius vor vielen Jahren, in ebendiesem Hof.
    »In Ordnung, du alter Teufel, aber wenn ich dabei umkomme, werde ich auf dich warten, wenn deine Zeit gekommen ist!«
    Julius sah die bewaffneten Männer aus dem Tor herauskommen und erstarrte. Was war geschehen?
    »Waffen bereithalten!«, befahl er, und die fröhlichen Mienen seiner Männer verschwanden augenblicklich. Was als siegreiche Heimkehr begonnen hatte, wurde plötzlich von Gefahr überschattet. Cabera fuhr bei dem Befehl zusammen und betrachtete die unbekannte Streitmacht mit zusammengekniffenen Augen. Er wollte schon die Hand nach Julius ausstrecken und ihn auf etwas aufmerksam machen, dann jedoch überlegte er es sich anders und grinste still vor sich hin. Dabei hob er seinen Dolch und fuchtelte wild damit herum. Er amüsierte sich köstlich, doch die Soldaten um ihn herum teilten seine Stimmung keineswegs. Nach den langen, harten Monaten des Herumziehens und Tötens hatten sie einen Empfang für Helden erwartet. Mit grimmigen Blicken zogen sie ihre Schwerter ein weiteres Mal.
    »Linienformation!«, befahl Julius kochend vor Wut. Wenn sein Heim erobert worden war, würde er sie vernichten und nichts am Leben lassen. Sein Herz schmerzte vor Sorge um seine Mutter und Tubruk.
    Mit geübtem Blick schätzte er den Gegner ab, der sich vor den Mauern formierte. Es waren nicht mehr als zwanzig, obwohl sich noch mehr Männer im Hof verbergen konnten. Legionäre. Sie bewegten sich sicher, aber seine Wölfe waren besser als alle anderen Soldaten, und sie waren in der Überzahl. Er verdrängte alle Gedanken an seine Familie und machte sich bereit, den Befehl zum Angriff zu geben.
    »Großer Mars! Sie wollen angreifen!«, rief Brutus, als er sah, wie die Kolonne eine Angriffsformation bildete. Als er die Übermacht der anderen sah, war er in Versuchung, seine Männer wieder hinter die Mauern zu beordern, aber die Zeit würde nicht reichen, um das Tor zu schließen, und der Feind würde sie beim Rückzug niedermetzeln.
    »Sichere das Tor, Tubruk!«, rief er. Der alte Narr hatte die Bedrohung vollkommen falsch eingeschätzt, und jetzt mussten sie dafür bezahlen.
    Brutus sah mit Stolz, dass die Männer der Primigenia nicht zurückwichen, als ihnen die Tatsache ihrer unvermeidlichen Vernichtung bewusst wurde. Sie nahmen ihre Positionen nahe der Mauer des Guts ein, hielten ihre Waffen bereit und schnallten die Speere ab, die sie werfen würden, sobald der Angriff begann. Jeder von ihnen trug vier der langen Speere bei sich, und viele Feinde würden sterben, ehe sie dicht genug herangekommen waren, um die Schwerter zu benutzen.
    »Warten…«, rief Brutus über die Köpfe seiner Männer hinweg. Nur noch ein paar Schritte, dann würden die vorrückenden Linien in Wurfweite sein.
    Ohne Warnung erschallte der Befehl zum Halten, und die gegnerischen Reihen kamen diszipliniert zum Stehen. Brutus hob überrascht die Augenbrauen und musterte die Gesichter der Feinde prüfend. Dann erblickte er Julius und lachte zur Überraschung der Umstehenden plötzlich laut auf.
    »Die Waffen weg!«, befahl er seinen zwanzig Mann und sah zu, wie sie ihre Speere wieder festschnallten und die Schwerter zurück in die Scheiden schoben. Als alles wieder an seinem Platz war, schritt er schmunzelnd auf die Soldaten zu.
    Julius sprach zuerst.
    »Hast du eigentlich eine Ahnung, wie dicht ich daran war, euch niederzumetzeln?«, fragte er grinsend.
    »Ich habe eben das Gleiche gedacht. Meine Männer hätten ein paar von euch mit Speeren aufgespießt, ehe ihr zehn Schritte näher gekommen wärt. Du hast also immer noch Glück, wie ich sehe.«
    »Ich habe dich erkannt«, warf Cabera verschmitzt ein.
    Brutus jauchzte, als er den alten Mann lebendig vor sich stehen sah. Alle drei umarmten sich, zur völligen Verwirrung der waffenstarrenden Legionäre, die sie umgaben. Julius löste sich als Erster und bemerkte die drei gekreuzten Pfeile auf Brutus’ Brustpanzer.
    »Bei den Göttern! Das ist die Primigenia, oder?«
    Brutus nickte mit leuchtenden Augen.
    »Ich habe den Oberbefehl, auch wenn wir noch ein bisschen unter der normalen Truppenstärke liegen.«
    »Um wie viel?«
    »Im Augenblick um ungefähr viertausend Mann, aber ich bin noch dabei, sie aufzustocken.«
    Julius stieß einen leisen Pfiff aus.
    »Wir müssen über vieles reden. Weiß Tubruk, dass ich wieder da bin?«
    Brutus warf einen Blick über die Schulter auf die weißen Mauern des Guts. Die Gestalt des Gutsverwalters hob von der Mauerkrone den Arm zum Gruß. Cabera winkte begeistert zurück.
    »Ja, er weiß es«, erwiderte Brutus mit einem trockenen Lächeln.
    »Ich muss in der Stadt Kasernen für meine Männer finden«, sagte Julius. »Sie können ihre Zelte hier auf dem Gut aufschlagen, während ich mich um das Nötigste kümmere, aber sie werden ein festes Quartier brauchen und einen Ort zum Exerzieren.«
    »Ich weiß schon, wo, und ich kenne auch den richtigen Ausbilder«, antwortete Brutus. »Renius ist mit mir zurückgekommen.«
    »Ich werde ihn brauchen, und dich auch«, erwiderte Julius, der bereits Pläne schmiedete.
    Brutus lächelte. Sein Herz war leicht, als er seinen alten Freund betrachtete. Dessen Gesicht wies etliche neue Narben auf, die ihn härter aussehen ließen, als er ihn in Erinnerung hatte, doch er war noch immer derselbe. Spontan streckte er den Arm aus, und Julius, der von ähnlichen Gefühlen bewegt wurde, packte ihn fest.
    »Ist meine Frau in Sicherheit?«, fragte Julius und suchte im Gesicht seines ältesten Freundes nach Neuigkeiten.
    »Sie ist hier, mit deiner Tochter.«
    »Ich habe eine Tochter?« Julius’ Lächeln zog sich in einem dümmlichen Strahlen über sein ganzes Gesicht. »Warum stehen wir denn dann noch hier herum? Eine Tochter! Komm mit!«
    Rasch gab er den Befehl, unterhalb der Mauern das Lager aufzuschlagen, und eilte davon. Brutus folgte ihm mit seinen zwanzig Mann, während sein Verstand wild arbeitete. Er hatte Julius so viel zu erzählen. Über die Morde an Sulla und Pompeius’ Tochter, die Gerüchte aus dem Senat, die ihm seine Mutter zugetragen hatte. Sein Freund musste Servilia kennen lernen! Nun, da Julius zurückgekehrt war, schien die Welt wieder stabil zu sein, und Brutus spürte, wie ihn alle seine Sorgen verließen. Jetzt würde er mit Julius’ Hilfe die Primigenia zu alter Stärke zurückführen, und mit den Männern, die dieser mitgebracht hatte, würden sie anfangen. In Julius’ Nähe schienen Probleme ganz einfach zu lösen zu sein. Außerdem würde gerade sein Jugendfreund verstehen, warum die »Verräterlegion« wiedergeboren werden musste.
    Brutus lachte, als er auf Tubruk traf, der mit belustigtem Gesichtsausdruck hinter dem Tor auf ihn gewartet hatte.
    »Für einen Mann deines Alters hast du gute Augen«, sagte er zu dem alten Gladiator.
    Tubruk lachte. »Ein Soldat achtet auf Einzelheiten, zum Beispiel darauf, wer den Befehl hat«, entgegnete er fröhlich.
    Brutus schüttelte seine Verlegenheit mit einem Achselzucken ab.
    »Wo ist denn Julius hingerannt?«
    »Er ist bei seiner Frau und seiner Tochter, Junge. Lass ihn ein bisschen mit ihnen allein.«
    Brutus’ Blick verfinsterte sich ein wenig. »Natürlich. Ich werde mit meinen Männern zurück in die Kaserne in der Stadt marschieren und dort die Nacht verbringen. Sag ihm, wo ich zu finden bin.«
    »So habe ich das nicht gemeint… du brauchst nicht zu gehen, Junge«, beteuerte Tubruk schnell.
    Brutus schüttelte den Kopf. »Nein. Du hast Recht. Er soll jetzt bei seiner Familie sein. Ich rede morgen mit ihm.« Steif drehte er sich um und befahl seinen Männern, vor dem Tor in Marschformation anzutreten.
    Cabera kam in den Hof gewandert und strahlte in alle Richtungen.
    »Tubruk!«, rief er. »Du sorgst doch bestimmt dafür, dass wir etwas Anständiges zu essen bekommen, oder? Es ist sehr lange her, seit ich das letzte Mal einen guten Wein getrunken und eins von diesen zivilisierten kleinen Gerichten gegessen habe, auf die ihr Römer so stolz seid. Soll ich schon mal zum Koch gehen? Ich mochte ihn gerne, er war ein guter Sänger. Bist du wohlauf?«
    Die Sorgenfalten, die Tubruks Stirn durchzogen hatten, seit Brutus davonmarschiert war, glätteten sich. Es war unmöglich, nicht von der Begeisterung ergriffen zu werden, die Cabera überall zu verbreiten schien, wo er auftauchte. Der alte Mann hatte ihm ebenso sehr gefehlt wie allen anderen, und er stieg die Treppe hinunter, um ihn zu begrüßen.
    Cabera sah, wie der alte Gladiator Brutus nachschaute, und klopfte ihm auf die Schulter.
    »Lass den Jungen ziehen. Er war immer schon ein bisschen schwierig, weißt du nicht mehr? Morgen werden sie wieder wie Brüder sein, aber Julius hat erst einmal eine Menge nachzuholen.«
    Tubruk ließ die Luft aus den Wangen entweichen und packte die Schultern des Heilers mit neuer Begeisterung.
    »Der Koch wird verzweifeln, wenn er sieht, wie viele Mäuler er zu stopfen hat, aber ich kann dir versprechen, dass er etwas Besseres zustande bringt als die Rationen, an die ihr gewöhnt seid.«
    »Viel, viel besser, will ich doch hoffen«, erwiderte Cabera ernst.
    Cornelia drehte sich hastig um, als sie eilige Schritte hörte. Einen Augenblick lang erkannte sie den Offizier nicht, der da nach seinen Irrfahrten abgemagert und braun gebrannt vor ihr stand. Dann leuchtete sein Gesicht vor Freude auf, und er trat vor, um sie in die Arme zu schließen. Sie drückte ihn an sich, atmete den Geruch seiner Haut ein und lachte, als er sie auf die Zehenspitzen hob.
    »Ich war so lange ohne dich«, sagte er, und seine Augen funkelten über ihrer Schulter, während er die Luft aus ihr herauspresste. Als er sie wieder losließ, taten ihr die Rippen weh, doch das kümmerte sie nicht.
    Lange gelang es Julius, alles außer der wunderschönen Frau in seinen Armen zu vergessen. Schließlich setzte er sie ab und wich einen Schritt zurück, wobei er ihre Hand festhielt, als wolle er sie nie wieder loslassen.
    »Du siehst immer noch betörend aus, Weib«, sagte er. »Und wir haben eine Tochter, habe ich gehört.«
    Cornelia verzog verärgert den Mund.
    »Ich hatte es dir eigentlich selbst sagen wollen. Clodia, bring sie jetzt herein«, rief sie, und ihre Amme trat schnell ein. Offensichtlich hatte sie draußen gestanden und nur auf ihren Auftritt gewartet.
    Das kleine Mädchen blickte sich neugierig um, als es auf Clodias Armen zu seinen Eltern getragen wurde. Seine Augen waren von dem gleichen sanften Braun wie die seiner Mutter, aber sein Haar war ebenso dunkel wie das von Julius. Er lächelte das Kind an, das mit einem Strahlen antwortete, wobei sich tiefe Grübchen auf seinen Wangen bildeten.
    »Sie ist jetzt fast zwei, und der Schrecken aller hier im Haus. Sie kennt schon eine Menge Wörter, wenn sie nicht zu schüchtern ist«, sagte Cornelia stolz und nahm Clodia das Kind ab.
    Julius legte die Arme um die beiden und drückte sie sanft.
    »Immer, wenn es ganz schlimm wurde, habe ich davon geträumt, dich wiederzusehen. Ich wusste nicht einmal, dass du schwanger bist, als ich fortmusste«, sagte er und ließ sie wieder los. »Kann sie schon laufen?«
    Clodia und Cornelia nickten und lächelten sich an. Cornelia setzte ihre Tochter ab, und sie sahen zu, wie sie durchs Zimmer trottete und alles genau untersuchte, was ihr in die Quere kam.
    »Ich habe sie Julia genannt, nach dir. Ich wusste nicht, ob du zurückkommst, und…« Cornelia schossen die Tränen in die Augen, und Julius nahm sie erneut in die Arme.
    »Schon gut, Weib. Ich bin wieder nach Hause gekommen. Jetzt ist alles wieder gut.«
    »Eine Weile war es… schwierig. Tubruk musste etwas von dem Land verkaufen, um das Lösegeld zu bezahlen.«
    Sie zögerte, ehe sie ihm alles erzählte. Sulla war tot, der Gnade der Götter sei Dank. Es würde Julius nur wehtun, wenn er erfuhr, was Sulla ihr angetan hatte. Sie würde Tubruk bitten, nichts zu sagen.
    »Tubruk hat Land verkauft?«, fragte Julius überrascht. »Ich hatte gehofft… nein, es spielt keine Rolle. Ich werde es zurückkaufen. Ich will alles hören, was in der Stadt passiert ist, seit ich weg war, aber das wird warten müssen, bis ich ein langes Bad genommen und mir frische Sachen angezogen habe. Wir sind direkt von der Küste hierher marschiert, ohne die Stadt zu betreten.« Er strich ihr über das Haar, und sie erzitterte bei der Berührung leicht. »Ich habe eine Überraschung für dich«, sagte er und rief seine Männer herein.
    Cornelia wartete geduldig mit Clodia und ihrer Tochter, während Julius’ Männer ihre Tornister hereinbrachten und sie in der Mitte des Zimmers aufstapelten. Ihr Gemahl war immer noch dasselbe Energiebündel, das sie in ihrer Erinnerung bewahrt hatte. Er rief nach den Dienern, damit sie den Männern den Weg zum Weinlager zeigten, wo diese sich so viel Wein holen sollten, wie sie brauchten. Andere wurden auf verschiedene Botengänge geschickt, und das ganze Haus erwachte um ihn herum zu geschäftigem Leben. Endlich schloss er die Tür und winkte Cornelia zu den Lederrucksäcken herüber.
    Ihr und Clodia stockte hörbar der Atem, als er die Verschlüsse öffnete und sie die Goldmünzen darin glänzen sahen. Er lachte vor Vergnügen und zeigte ihnen immer mehr und mehr Reichtümer, Barren und Münzen aus Silber und Gold.
    »Das ganze Lösegeld, und noch viermal so viel«, sagte er fröhlich, während er die Tornister wieder schloss. »Wir werden unser Land zurückkaufen.«
    Cornelia wollte ihn fragen, wo er diesen Reichtum her hatte, doch als ihr Blick über die weißen Narben auf seinen braunen Armen und die tiefe Kerbe an seiner Stirn glitt, schwieg sie. Er hatte teuer dafür bezahlen müssen.
    »Tata?«, ließ sich eine zarte Stimme vernehmen, und Julius lachte, als er hinunterblickte und die kleine Gestalt sah, die die Arme ausstreckte, um hochgehoben zu werden.
    »Ja, mein kleiner Liebling. Ich bin dein Vater, der von den Schiffen heimgekehrt ist. Und jetzt brauche ich vor dem Schlafen ein schönes Bad und eine gute Mahlzeit. Der Gedanke an mein eigenes Bett bereitet mir ein Vergnügen, das ich kaum beschreiben kann.«
    Seine Tochter lachte über seine Worte, und er drückte sie an sich.
    »Vorsichtig! Sie ist keiner von deinen Soldaten, weißt du«, sagte Clodia und nahm sie ihm ab.
    Julius verspürte einen Stich im Herzen, als das Kind seine Arme verließ, und er stieß einen zufriedenen Seufzer aus, als er sie alle betrachtete.
    »Es gibt so viel zu tun, mein Liebling«, sagte er zu seiner Frau.
    Schließlich war Julius doch zu ungeduldig gewesen, um zu warten und hatte nach Tubruk rufen lassen, damit dieser ihm Bericht erstattete, während er sich im Bad den Staub und Dreck der langen Reise vom Körper wusch. Das heiße Wasser hatte schon nach Augenblicken des Schrubbens eine dunkelgraue Farbe angenommen, und die Wärme vertrieb die Müdigkeit aus seinen Knochen.
    Tubruk stand am Ende des schmalen Beckens und berichtete über die Geschäfte des Landgutes während der letzten drei Jahre, so wie er es früher auch vor Julius’ Vater getan hatte. Als Julius endlich sauber war, sah er jünger aus als der dunkle Krieger, der an der Spitze einer Marschkolonne aufgetaucht war. Das Blau seiner Augen wirkte wie ausgewaschen, und als der Energieschub des warmen Wassers verging, schaffte er es kaum noch, wach zu bleiben und zuzuhören.
    Ehe der junge Mann in dem Becken einschlief, reichte ihm Tubruk ein paar Handtücher und ein weiches Gewand und verließ ihn. Er ging leichten Schrittes durch die Gänge des Gutshauses und lauschte den Gesängen der betrunkenen Soldaten draußen. Zum ersten Mal seit der Tat verließen ihn die Schuldgefühle, die ihn wegen seiner Rolle bei Sullas Tod geplagt hatten, als hätte es sie nie gegeben. Er hatte sich überlegt, Julius davon zu erzählen, wenn dieser richtig in Rom angekommen war und die Dinge wieder ihren normalen Gang gingen. Der Mord war schließlich in seinem Namen geschehen, und wenn Julius Bescheid wusste, konnte Tubruk den Familien von Casaverius, Fercus und den Eltern des jungen Soldaten, der ihn am Tor hatte aufhalten wollen, anonym etwas zukommen lassen. Vor allem der Familie von Fercus, die ohne ihn fast völlig mittellos war. Tubruk stand wegen des Mutes ihres Vaters tief in ihrer Schuld, und er wusste, dass Julius daselbe empfinden würde.
    Als er an Aurelias Tür vorbeikam, hörte er von drinnen leises Wehklagen. Tubruk zögerte. Julius war zu müde, um noch einmal geweckt zu werden, und er hatte sich noch nicht nach seiner Mutter erkundigt. Tubruk wünschte sich nichts sehnlicher, als selbst nach einem langen Tag in sein Bett zu steigen, doch dann seufzte er und ging hinein.

28

    Der Bote aus dem Senat traf am Anbruch des folgenden Tages ein. Tubruk brauchte eine Weile, bis er Julius geweckt hatte, und als der den Läufer endlich empfing, war er immer noch nicht richtig wach. Nach den vielen Monaten der Anspannung hatte diese eine Nacht im eigenen Haus nicht ausgereicht, um die Erschöpfung zu vertreiben, die tief in seinen Knochen steckte.
    Julius fuhr sich mit der Hand durchs Haar, gähnte und lächelte den jungen Mann aus der Stadt verschlafen an.
    »Ich bin Julius Cäsar. Welche Botschaft bringst du mir?«
    »Der Senat wünscht deine Teilnahme an einer Vollversammlung heute Mittag, Herr«, antwortete der Bote eilig.
    Julius blinzelte. »Das ist alles?«
    Der Bote trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.
    »So lautet die offizielle Nachricht, Herr. Allerdings weiß ich aus dem, was unter den Laufburschen so geredet wird, noch etwas mehr.«
    »Tubruk?«, sagte Julius und sah zu, wie der Gutsverwalter dem Mann eine Silbermünze reichte.
    »Nun?«, erkundigte sich Julius, nachdem die Münze in einem verborgenen Beutel verschwunden war.
    Der Bote lächelte.
    »Es heißt, dir soll für deine Arbeit in Griechenland das Amt eines Tribuns verliehen werden.«
    »Tribun?« Julius sah Tubruk an, der beim Antworten die Achseln zuckte.
    »Das wäre eine Stufe weiter auf der Leiter«, bemerkte der Gutsverwalter betont gelassen und sah den Boten viel sagend an. Julius verstand und schickte den Mann in die Stadt zurück.
    Sobald sie allein waren, schlug Tubruk seinem Schützling auf den Rücken.
    »Herzlichen Glückwunsch! Erzählst du mir jetzt auch, wie du zu dieser Ehre kommst? Im Gegensatz zum Senat habe ich keine Boten, die ich ständig durch die Gegend schicken kann. Mir ist lediglich zu Ohren gekommen, dass du Mithridates geschlagen und eine ums Zwanzigfache überlegene Armee überrannt hast.«
    Julius lachte überrascht auf.
    »Nächste Woche, wenn die Gerüchte erst einmal in Rom kursieren, wird sie ums Dreißigfache überlegen gewesen sein. Vielleicht sollte ich die Gerüchte gar nicht erst richtig stellen«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu. »Komm, wir gehen ein Stück spazieren und ich erzähle dir die Einzelheiten. Ich will sehen, wo die neue Grenze verläuft.«
    Er sah, wie sich Tubruks Stirn furchte, und lächelte, um den Mann aufzumuntern.
    »Ich war überrascht, als Cornelia es mir erzählt hat. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du Land verkaufst.«
    »Sonst hätten wir nicht genug Lösegeld zusammenbekommen, mein Junge. Und dieses Haus hat nur einen Sohn.«
    Julius drückte ihm in jäher Zuneigung die Schulter.
    »Ich weiß. Ich wollte dich nur foppen. Du hast das Richtige getan, und ich habe genügend Geld, um es zurückzukaufen.«
    »Ich habe es an Suetonius’ Vater verkauft«, sagte Tubruk grimmig.
    Julius blieb stehen.
    »Er muss gewusst haben, dass die Summe für das Lösegeld bestimmt ist. Schließlich musste auch er seinen Sohn auslösen. Hast du einen guten Preis bekommen?«
    »Ehrlich gesagt nicht«, erwiderte Tubruk mit schmerzlich verzogenem Gesicht. »Er hat hart verhandelt, so dass ich mich von mehr Land trennen musste, als ich eigentlich vorhatte. Ich bin sicher, dass er es für ein gutes Geschäft gehalten hat, aber es war…«, er verzog das Gesicht, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen, »…schändlich.«
    Julius atmete tief durch.
    »Zeig mir, wie viel wir an ihn verloren haben, dann überlegen wir, wie wir den Alten dazu bewegen, dass er es mir zurückgibt. Wenn er seinem Sohn auch nur annähernd ähnlich ist, dürfte das nicht einfach werden. Aber komm jetzt, ich will zurück sein, wenn meine Mutter aufsteht, Tubruk. Ich muss ihr… sehr viel erzählen.«
    Etwas hielt Julius davon ab, Tubruk von der Kopfverletzung und den Anfällen zu erzählen, die danach aufgetreten waren. Zum Teil lag es daran, dass er sich dafür schämte, dass er seiner Mutter in den vergangenen Jahren so wenig Verständnis entgegengebracht hatte. Das musste er wieder gutmachen, das war ihm klar. In erster Linie jedoch wollte er kein Mitleid in den Augen des alten Gladiators sehen. Das, so glaubte er, würde er nicht ertragen.
    Gemeinsam verließen sie die sicheren Mauern des Anwesens und schlenderten den Hügel hinauf und in die Wälder, die Julius als Junge so oft durchstreift hatte. Tubruk hörte zu, und Julius erzählte ihm alles, was in den Jahren, die er fernab von Rom verbracht hatte, geschehen war.
    Die neue Grenze war durch einen festen Holzzaun gekennzeichnet, der quer über den Pfad verlief, auf dem Julius, wie er sich noch gut erinnerte, vor Jahren die Wolfsfalle für Suetonius ausgehoben hatte. Beim Anblick des Zauns auf dem Land, das seit Generationen seiner Familie gehört hatte, hätte er ihn am liebsten niedergerissen, doch er stützte sich nur nachdenklich mit den Unterarmen darauf.
    »Ich kann ihm genug Gold anbieten, viel mehr, als das Land wert ist. Aber es ärgert mich, Tubruk. Ich mag es nicht, wenn ich betrogen werde.«
    »Er kommt bestimmt heute Mittag zur Senatsversammlung. Dort kannst du ihm auf den Zahn fühlen. Vielleicht beurteilen wir den Mann falsch, und er bietet dir an, das Land zum gleichen Preis zurückzukaufen«, gab Tubruk zu bedenken, doch seine Zweifel standen ihm ins Gesicht geschrieben.
    Julius klopfte mit den Knöcheln auf den stabilen Zaun und seufzte. »Da habe ich Zweifel. Suetonius müsste inzwischen zu Hause sein. Wir haben uns auf See und in Griechenland so manches Mal gestritten. Er tut mir bestimmt keinen Gefallen. Trotzdem hole ich mir das Land meines Vaters zurück. Mal sehen, was Marcus darüber denkt.«
    »Du weißt, dass er jetzt Brutus heißt. Wusstest du, dass er es in der Bronzefaust bis zum Zenturio gebracht hat? Bestimmt möchte er auch deinen Rat hören, was die Primigenia angeht.«
    Julius nickte, und bei dem Gedanken, sich wieder mit seinem alten Freund unterhalten zu können, zog ein Lächeln über sein Gesicht.
    »Er muss der jüngste Feldherr sein, den Rom jemals gesehen hat«, meinte er schmunzelnd.
    Tubruk schnaubte verächtlich. »Dann ist er ein Legat ohne Legion.« Plötzlich wurde er sehr ernst; seine Augen wurden kalt, als er sich erinnerte. »Nach Marius’ Tod hat Sulla den Namen aus den Annalen der Legion streichen lassen. Es war lange Zeit schrecklich in Rom. Niemand war mehr sicher, nicht einmal der Senat. Jeder, den Sulla als Staatsfeind bezeichnete, wurde aus seinem Haus gezerrt und ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich Cornelia und das Neugeborene wegbringen soll, aber…« Er verstummte und dachte daran, was Cornelia zu ihm gesagt hatte, als er in der vergangenen Nacht aus Aurelias Zimmer in sein eigenes zurückgekehrt war und Julius in tiefem Schlaf gelegen hatte.
    Der alte Gladiator war zwischen seiner Treue zu Julius und zu Cornelia hin und her gerissen. Seine Beziehung zu beiden war viel mehr von väterlicher Liebe geprägt als von seinen Pflichten als Verwalter des Gutes. Er hasste Geheimnisse, aber er wusste, dass Cornelia Julius das, was mit Sulla vorgefallen war, selbst erzählen musste.
    Julius schien nicht zu bemerken, dass Tubruk in Gedanken ganz woanders war. Er wälzte seine eigenen Probleme.
    »Den Furien sei Dank, dass dieser Bastard tot ist, Tubruk. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn er noch am Leben wäre. Ich hätte dir schreiben können, dass du mit meiner Familie das Land verlässt, aber ein Leben im Exil wäre mein Ende gewesen. Ich kann nicht beschreiben, wie es sich angefühlt hat, als meine Füße nach so langer Zeit wieder römischen Boden berührt haben. Die Stärke dieses Landes ist mir erst richtig bewusst geworden, nachdem ich es verlassen hatte, kannst du das verstehen?«
    »Du weißt, dass ich das verstehe, mein Junge. Ich weiß nicht, wie Cabera es aushält, ständig auf Wanderschaft zu sein. So ein wurzelloses Leben kann ich nicht begreifen, aber womöglich haben wir hier viel tiefere Wurzeln geschlagen als die meisten anderen.«
    Julius ließ den Blick über die grünen Schatten des Waldes wandern, der so viele Erinnerungen barg, und seine Entschlossenheit wurde stärker. Er würde sich zurückholen, was man ihm genommen hatte.
    Dann schoss ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf. »Was ist mit Marius’ Haus in der Stadt?«
    »Es ist verloren«, antwortete Tubruk, ohne ihn anzusehen. »Es wurde versteigert, nachdem Sulla zum Diktator ernannt wurde. Auf seinen Befehl hin haben sehr viele Grundstücke den Besitzer gewechselt. Crassus hat einen Teil davon gekauft, aber zum größten Teil waren diese Auktionen ein Mummenschanz, bei dem sich Sullas Parteigänger das Beste unter den Nagel gerissen haben.«
    »Weißt du, wer jetzt dort wohnt?« Julius’ Stimme klang gepresst vor Zorn.
    Tubruk zuckte die Achseln. »Es ging an Antonidus, Sullas Oberbefehlshaber, der aber nur einen Bruchteil seines Wertes dafür bezahlt hat. Wegen seiner Ergebenheit Sulla gegenüber wurde er überall ›Sullas Hund‹ genannt, aber er hat sehr viel Nutzen aus seinem Herrn gezogen.«
    Julius ballte langsam die Faust. »Dieses Problem kann ich noch heute lösen, nach der Senatssitzung. Hat dieser Antonidus irgendwelche Soldaten unter seinem Kommando?«
    Tubruk runzelte die Stirn, als er begriff, dann zuckte ein Lächeln um seine Mundwinkel. »Ein paar Wachen im Haus. Er besitzt einen Titularrang, den ihm niemand abgesprochen hat, aber er steht mit keiner bestimmten Legion in Verbindung. Du hast die Männer, um ihn hinauszuwerfen, wenn du schnell handelst.«
    »Dann werde ich schnell handeln«, erwiderte Julius, wandte sich vom Zaun ab und blickte zurück auf das Anwesen. »Wird meine Mutter inzwischen wach sein?«
    »Normalerweise ja. Sie schläft in letzter Zeit nicht sehr viel«, antwortete Tubruk. »Ihre Krankheit ist nicht schlimmer geworden, aber du solltest wissen, dass sie immer schwächer wird.«
    Julius musterte den alten Gladiator, dessen Gefühle stets dichter unter der Oberfläche saßen, als er vorgab, mit großer Zuneigung. »Ohne dich wäre sie verloren«, sagte er.
    Tubruk sah zur Seite und räusperte sich. Dann machten sie sich auf den Rückweg. Seine fortgesetzten Pflichten Aurelia gegenüber standen nicht zur Diskussion, trotz der Tatsache, dass er in den vorangegangenen paar Monaten immer öfter darüber nachgedacht hatte. Er dachte an sie, wenn er Clodia ansah und sich die Zuneigung eingestehen musste, die völlig überraschend wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Cornelias Amme war eine freundliche Frau, und sie hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sie ihm die gleiche stille Liebe entgegenbrachte, die er für sie empfand. Doch da war Aurelia, die versorgt werden musste, und er wusste, dass er sich niemals in ein kleines Haus in der Stadt zurückziehen konnte, solange es diese Verpflichtung in seinem Leben gab, selbst wenn sie Clodia aus der Sklaverei freikaufen konnten, woran er nicht zweifelte. Es hatte keinen Sinn, sich Gedanken um die Zukunft zu machen, überlegte er, als sie sich dem Hof näherten, denn die Zukunft machte sich immer wieder über alle Pläne lustig. Es blieb ihnen nicht viel anderes übrig, als sich so gut wie möglich auf die Wendungen und Veränderungen einzustellen, die sie naturgemäß mit sich brachte.
    Octavian erwartete sie am Tor. Julius sah ihn ausdruckslos an und blieb dann erstaunt stehen, als der kleine Junge sich tief vor ihm verneigte.
    »Wen haben wir denn da?«, fragte er an Tubruk gewandt und wunderte sich, diesen vor Verlegenheit erröten zu sehen.
    »Er heißt Octavian, Herr. Ich habe ihm versprochen, ihn dir vorzustellen, sobald es an der Zeit sei, aber es sieht ganz so aus, als hätte er schon wieder die Geduld verloren.«
    Bei diesen strengen Worten wurde Octavian ein wenig blass. Es stimmte, dass er nicht mehr hatte warten können, doch er war nur weniger ungehorsam gewesen, als dass er angenommen hatte, Tubruk hätte seine Meinung geändert, was, wie er fand, etwas völlig anderes war.
    »Tubruk kümmert sich um mich«, sagte er stolz zu Julius. »Ich lerne, wie man mit einem Gladius kämpft, wie man reitet und…«
    Tubruk gab ihm einen sanften Klaps, der ihn zum Verstummen brachte. Die Verlegenheit des Verwalters wurde noch größer. Er hatte Julius alles erklären wollen, und es war ihm peinlich, dass es ihm jetzt ohne Vorwarnung an den Kopf geworfen wurde.
    »Alexandria hat ihn mitgebracht«, sagte er und stieß Octavian mit einem kräftigen Schubs in Richtung der Ställe davon. »Er ist ein entfernter Verwandter von dir, aus der Familie der Schwester deines Großvaters. Aurelia hat ihn anscheinend ins Herz geschlossen, aber er muss immer noch lernen, wie man sich benimmt.«
    »Und wie man mit dem Gladius kämpft und reitet?«, fragte Julius, der sich über Tubruks Verwirrung amüsierte. Den Verwalter derart durcheinander zu sehen, war etwas völlig Neues für ihn, deshalb ließ er die Angelegenheit mit Vergnügen ihren Lauf nehmen.
    Tubruk kratzte sich hinter dem Ohr, zog eine Grimasse und schaute Octavian nach, der den Wink endlich verstanden hatte und sich trollte.
    »Es war meine Idee. Er ist von größeren Jungen verprügelt worden, von irgendwelchen Lehrlingen in der Stadt, und ich dachte, ich könnte ihm beibringen, wie man sich schützt. Ich wollte das alles noch mit dir besprechen, aber…«
    Jetzt platzte Julius laut heraus, und Tubruks verdutzter Gesichtsausdruck machte das Ganze auch nicht besser.
    »Ich habe dich noch nie so nervös gesehen«, meinte er. »Es sieht ganz so aus, als hättest du einen Narren an dem kleinen Welpen gefressen.«
    Irritiert von dem plötzlichen Stimmungswechsel zuckte Tubruk lediglich die Achseln. Es war typisch für Octavian, seine Anordnungen wieder einmal zu ignorieren. Jeder Tag schien für ihn ein neuer Anfang zu sein, der ihn sämtliche Lektionen und Strafen vergessen ließ.
    »Für einen so kleinen Burschen ist er sehr eigensinnig. Jetzt, nachdem wir ihn ein bisschen ins Lot gebracht haben, erinnert er mich manchmal an dich.«
    »Ich stelle nichts von dem in Frage, was du in meiner Abwesenheit getan hast, Tubruk. Wenn dein Urteil für meinen Vater gut genug war, dann ist es allemal gut genug für mich. Ich sehe mir den Jungen heute Abend genauer an, wenn ich wieder da bin. Ist er nicht ein bisschen zu klein, um sich auf den Gassen der Stadt zu prügeln?«
    Tubruk nickte, er war erfreut, dass Julius nichts dagegen einzuwenden hatte. Er fragte sich, ob dies der richtige Moment war, zu erwähnen, dass der Junge ein eigenes Zimmer im Haus und sein eigenes Pony im Stall hatte. Wahrscheinlich nicht.
    Immer noch lächelnd ging Julius auf das Hauptgebäude zu. Tubruk blieb allein im Hof stehen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine kurze Bewegung beim Stall und seufzte. Der Junge hatte schon wieder gelauscht, wahrscheinlich aus Angst, dass man ihm sein Pferdchen wegnehmen würde – die einzige Drohung, mit der man bei ihm etwas erreichen konnte.
    Julius saß schweigend im Ankleidezimmer seiner Mutter und sah zu, wie eine Sklavin die Salben und Farben auftrug, die ihren schlechten Zustand verbergen sollte. Die Tatsache, dass sie ihm erlaubte, sie ohne all dies zu sehen, erschreckte ihn ebenso sehr wie die Erkenntnis, wie dünn sie geworden war und wie krank sie aussah. Schon so lange hatte er sich geschworen, dass er mit ihr darüber reden wolle, wie gut er ihre Krankheit mittlerweile nachvollziehen konnte, und aus den Trümmern seiner Kindheit so etwas wie eine neue Freundschaft zu gewinnen. Jetzt, da es so weit war, wusste er nicht, wie er anfangen sollte. Die Frau, die dort vor dem Spiegel saß, war für ihn beinahe eine Fremde. Ihre Wangen waren zu tiefen Höhlen eingefallen, die sich der Farbe widersetzten, die die Sklavin dort verteilen wollte, und die durch die helleren Töne hindurchschimmerten wie ein über ihr schwebender Schatten des Todes. Ihre dunklen Augen waren matt und teilnahmslos, ihre Arme so mager, dass es ihn erbarmte, wenn er sie nur ansah.
    Zumindest hatte Aurelia ihn erkannt. Sie hatte ihn mit Tränen in den Augen und einer schwächlichen Umarmung begrüßt, die er mit unendlicher Vorsicht erwidert hatte, da er das Gefühl hatte, er könne das zerbrechliche Wesen, zu dem sie geworden war, jederzeit zermalmen. Doch sogar dabei hatte sie leicht aufgekeucht, als er sie in die Arme genommen hatte, und sofort hatte er ein schlechtes Gewissen verspürt.
    Nachdem die Sklavin die Gerätschaften in einem hübsch lackierten Kasten verstaut und sich mit einer Verbeugung zurückgezogen hatte, wandte sich Aurelia ihrem Sohn zu und versuchte sich an einem Lächeln, obwohl ihre Haut durch die Behandlung mit der Schminke knitterte wie Pergament.
    Julius rang mit seinen Gefühlen. Cabera hatte ihm gesagt, sein Leiden sei ein anderes als das seiner Mutter, außerdem wusste er, dass sie niemals eine Verletzung erlitten hatte wie die, die ihn beinahe getötet hätte. Trotzdem hatten sie endlich etwas gemeinsam, auch wenn die Kluft unüberbrückbar schien.
    »Ich… ich habe viel über dich nachgedacht, während ich weg war«, setzte er an.
    Sie gab ihm keine Antwort, war allem Anschein nach völlig gebannt vom Anblick ihres Gesichts in der polierten Bronze. Ihre langen, dünnen Finger wanderten zu ihrem Hals und zu den Haaren, während sie sich hierhin und dorthin drehte und dabei die Stirn runzelte.
    »Ich bin in der Schlacht verwundet worden und war lange krank«, versuchte Julius es weiter, »und danach hatte ich einen seltsamen Anfall. Er… hat mich an deine Krankheit erinnert, und ich war der Ansicht, dass ich es dir sagen sollte. Es tut mir Leid, dass ich dir nicht ein besserer Sohn gewesen bin. Ich habe damals nie begriffen, was du durchgemacht hast, aber als es mir selbst zugestoßen ist, war es, als hätte sich ein Fenster geöffnet. Es tut mir Leid.«
    Er sah, wie ihre zitternden Hände ihr Gesicht streichelten und liebkosten, während er sprach, und dass ihre Bewegungen immer lebhafter wurden. Besorgt erhob er sich halb von seinem Stuhl und lenkte sie damit ab, so dass sie ihm das Gesicht zuwandte.
    »Julius?«, flüsterte sie. Ihre Pupillen hatten sich geweitet, und ihre dunklen Augen schienen durch ihn hindurchzusehen.
    »Ich bin hier«, sagte er betrübt und fragte sich, ob sie ihn überhaupt gehört hatte.
    »Ich dachte, du hättest mich verlassen«, fuhr sie fort. Ihre Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken.
    »Nein. Ich bin zurückgekommen«, sagte er und spürte, wie seine Augen vor Kummer brannten.
    »Geht es Gaius gut? Er ist so ein eigensinniger Junge«, sagte sie, schloss die Augen und senkte den Kopf, als wollte sie die Welt nicht weiter an sich heranlassen.
    »Es… es geht ihm gut. Er hat dich sehr lieb«, antwortete Julius leise und hob die Hand, um sich die Tränen wegzuwischen.
    Aurelia nickte und wandte sich wieder dem Spiegel und ihren versunkenen Betrachtungen zu.
    »Das freut mich. Schickst du mir die Sklavin herein, damit sie sich um mich kümmert, mein Lieber? Ich glaube, ich brauche heute ein wenig Schminke, um den Tag zu ertragen.«
    Julius nickte, erhob sich vollends und sah sie einen Moment lang an.
    »Ich hole sie«, sagte er und ging hinaus.
    Als die Sonnenuhr auf dem Forum den Mittag anzeigte, betrat Julius mit seinen Leibwächtern den großzügig angelegten Platz und schlug den kürzesten Weg zum Senatsgebäude ein. Dabei fielen ihm die Veränderungen auf, die die Stadt erfahren hatte, seit er fortgegangen war. Die Befestigungen, die Marius entlang der Mauern hatte errichten lassen, waren entfernt worden; man sah nur wenige Legionäre, und auch die wirkten entspannt, schlenderten mit ihren Mätressen durch die Straßen oder standen plaudernd zusammen. Von der erwarteten Anspannung war nichts zu spüren. Rom war wieder eine Stadt im Frieden. Ein Schauer überlief ihn, als er über die flachen grauen Steine schritt. Er hatte zehn Soldaten, die seinem Kommando unterstanden, mit in die Stadt gebracht, weil er sich in seiner formellen Kleidung, so ganz ohne Rüstung, in ihrer Begleitung wohler fühlte. Eine solche Vorsichtsmaßnahme schien völlig unnötig zu sein, und er wusste nicht genau, ob er sich darüber freute oder ärgerte. Die Schlacht um die Stadtmauern war ihm noch lebhaft in Erinnerung, als wäre er nie weg gewesen, doch die Leute, die sich in der kraftlosen Wintersonne im Freien aufhielten, lachten und scherzten miteinander. Sie sahen die Szenen nicht, die in seiner Vorstellung aufblitzten. Wieder sah er den gefallenen Marius und den Zusammenprall dunkler Gestalten, als Sullas Streitmacht die Verteidiger rings um ihren Feldherrn niedermachte.
    Sein Mund zuckte vor Bitterkeit, als er daran dachte, wie jung und voller Lebensfreude er in jener Nacht gewesen war. Er war direkt aus seinem Hochzeitsbett herbeigeeilt, um zuzusehen, wie alle ihre Träume und Hoffnungen zerschlagen wurden und seine Zukunft eine unvorhersehbare Wendung nahm. Hätten sie Sulla besiegt, hätten sie Sulla doch nur besiegt, dann wären Rom so viele Jahre der Gewalt erspart geblieben, und die Republik hätte ihre ehemalige Würde wiedererlangt.
    Trotz der harmlosen Stimmung auf dem Forum ließ er seine Männer am Fuße der breiten Marmorstufen Aufstellung nehmen, und wies sie an, wachsam zu bleiben. Nach Marius’ Tod hatte er gelernt, dass es in jedem Falle sicherer war, mit Schwierigkeiten zu rechnen, sogar vor dem Senatsgebäude.
    Dann blickte Julius zu den bronzebeschlagenen Türen hinauf, die für die Versammlung entriegelt worden waren. Überall standen Senatoren zu zweien oder dreien beieinander, diskutierten die Themen des Tages und warteten darauf, dass die Sitzung einberufen wurde. Julius sah seinen Schwiegervater Cinna neben Crassus stehen und ging die Stufen hinauf, um sie zu begrüßen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt, und Julius sah Zorn und Enttäuschung in ihren Gesichtern. Crassus war immer noch die gleiche braune Bohnenstange, als die ihn Julius in Erinnerung hatte. Der Mann sprach seinem Reichtum mit dem einfachen weißen Gewand und den schlichten Sandalen Hohn. Cinna hatte er zuletzt bei seiner Vermählung mit Cornelia gesehen. Von den beiden Senatoren hatte er sich in den dazwischen liegenden Jahren am meisten verändert. Als er sich umwandte, um Julius zu begrüßen, erschrak der jüngere Mann angesichts der tiefen Falten, die sich als sichtbares Zeichen seiner Sorgen in sein Gesicht eingegraben hatten. Cinna schenkte ihm ein müdes Lächeln, das Julius beklommen erwiderte. Eigentlich hatte er diesen Mann nie näher kennen gelernt.
    »Der Wanderer kehrt zu uns zurück, sein Schwert und Bogen ruhen«, zitierte Crassus. »Dein Onkel wäre stolz auf dich, wenn er hier wäre.«
    »Ich danke dir. Gerade eben habe ich an ihn gedacht«, erwiderte Julius. »Es ist nicht leicht, die Stadt nach so langer Zeit wiederzusehen, besonders hier, an diesem Ort. Ich rechne ständig damit, seine Stimme zu hören.«
    »Solange Sulla am Leben war, durfte man seinen Namen nicht einmal erwähnen, wusstest du das?«, fragte Crassus und musterte ihn argwöhnisch. Nur ein leises Zucken um die Lippen verriet die Gefühle des jungen Mannes.
    »Sullas Wünsche haben mir schon zu seinen Lebzeiten nicht viel bedeutet, umso weniger jetzt«, konterte er barsch. »Nach der Senatssitzung würde ich gerne das Grab des Marius besuchen, um ihm meine Ehrerbietung zu erweisen.«
    Crassus und Cinna wechselten einen Blick, und Crassus berührte Julius mitfühlend am Arm.
    »Es tut mir Leid, aber seine sterblichen Überreste wurden verschleppt und irgendwo verstreut. Einige von Sullas Soldaten haben das getan, obwohl er selbst es immer abgestritten hat. Wahrscheinlich hat er deshalb veranlasst, dass er verbrannt werden sollte, auch wenn Marius’ Freunde nicht so tief herabsinken würden.«
    Er ließ die Hand sinken, als Julius sich zornig anspannte und sichtlich um seine Selbstbeherrschung kämpfte. Crassus redete ruhig weiter und gab ihm Zeit, sich wieder zu fassen.
    »Das Erbe des Diktators peinigt uns noch immer in Form seiner Anhänger im Senat. Cato ist der Erste unter ihnen, und Catalus und Bibulus sind entschlossen, ihm überallhin zu folgen. Ich glaube, du kennst auch Senator Prandus, mit dessen Sohn du in Gefangenschaft geraten bist?«
    Julius nickte. »Ich habe heute nach der Sitzung einiges mit ihm zu besprechen«, erwiderte er, jetzt nach außen hin wieder völlig ruhig. Verstohlen hielt er die rechte Hand mit der Linken fest, jäh besorgt, dass die in ihm brodelnden Gefühle ihm einen neuerlichen Anfall bescheren könnten, direkt hier auf den Stufen zum Senat, was ihn für alle Zukunft blamieren würde. Crassus tat so, als bemerke er es überhaupt nicht, wofür ihm Julius dankbar war.
    »Nimm dich vor Prandus in Acht, Julius«, sagte Crassus ernst und beugte sich weiter vor, damit die anderen Senatoren, die dem Gebäude zustrebten, ihn nicht hören konnten. »Er verfügt jetzt über wichtige Verbindungen zu den Sullanern, und Cato zählt ihn zu seinen Freunden.«
    Julius neigte den Kopf noch näher zu Crassus und flüsterte rau: »Diejenigen, die Sullas Freunde waren, sind meine Feinde.«
    Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von den beiden ab, stieg die letzten Stufen zu den Türen hinauf und verschwand in der Dunkelheit des Gebäudes.
    Crassus und Cinna sahen einander mit verhaltenem Argwohn an, während sie ihm langsameren Schrittes folgten.
    »Es scheint, als hätten wir die gleichen Ziele«, sagte Cinna leise.
    Crassus nickte kurz, war jedoch nicht gewillt, das Thema weiter zu vertiefen, als sie zwischen ihren Amtskollegen ihren Sitzen zustrebten und dabei an Freunden wie Feinden vorüberkamen.
    Sobald er die Versammlung betreten hatte, spürte Julius die vibrierende Energie in der Halle. Es gab nur wenige freie Plätze, so dass er sich mit einem Sitz in der dritten Reihe hinter dem Rednerpodium begnügen musste. Er nahm die Bilder und Geräusche mit großer Befriedigung in sich auf, denn er wusste, dass er endlich ins Herz der Macht zurückgekehrt war. Angesichts der vielen Fremden wünschte er, er wäre bei Crassus und seinem Schwiegervater geblieben, damit sie ihm Namen zu den neuen Gesichtern nennen könnten. Fürs Erste gab er sich jedoch damit zufrieden, zu beobachten und zu lernen, von den Raubtieren übersehen, bis er besser gerüstet war. Angesichts der Vorstellung von heftigen Kämpfen, die der Senat für ihn bedeutete, musste er in sich hineinlächeln. Es war ein falsches Bild, das wusste er. Hier konnten die Feinde diejenigen sein, die ihn am herzlichsten begrüßten, um dann, sobald er sich umgedreht hatte, Meuchelmörder auf ihn zu hetzen. Sein Vater hatte immer verächtlich von den meisten Mitgliedern dieser Nobilitas geredet, auch wenn er den wenigen, die ihre Ehre über die Politik stellten, einen widerwilligen Respekt entgegengebracht hatte.
    Nachdem Ruhe im Saal eingekehrt war, sprach ein älterer Konsul, den Julius nicht kannte, den Tageseid. Alle Anwesenden erhoben sich gleichzeitig und lauschten den feierlichen Worten.
    »Wir, die wir Rom sind, verpflichten unser Leben dem Frieden, unsere Kraft der Stadt selbst und unsere Ehre ihren Bürgern.«
    Gemeinsam mit den anderen wiederholte Julius die getragenen Worte und spürte, wie Erregung aufkam. Das Herz der Welt schlug noch. Er lauschte mit äußerster Konzentration der Liste der Themen, die heute besprochen werden sollte, und schaffte es, nach außen hin unbeteiligt zu wirken, als der Konsul vorlas: »Den Posten eines Tribuns, verliehen an Gaius Julius Cäsar für seine Taten in Griechenland.« Einige derjenigen, die ihn kannten, drehten sich zu ihm um, weil sie seine Reaktion sehen wollten, aber er zeigte ihnen nichts, erfreut über die Warnung, die er von dem Boten erkauft hatte. In diesem Augenblick beschloss er, Ratgeber anzuheuern, mit deren Hilfe er jeden Tagungspunkt richtig verstehen konnte. Um die Anklagen vorzubereiten, die er erheben würde, sobald er den ersten Posten in seiner politischen Karriere innehatte, brauchte er vor allem Rechtsgelehrte. Mit grimmiger Gewissheit nahm er sich vor, den ersten Prozess vor dem Magistrat gegen Antonidus anzustrengen, nachdem er sich das Haus seines Onkels zurückgeholt hatte. Dass dies mit einer öffentlichen Verteidigung des Marius einhergehen würde, verschaffte ihm besondere Genugtuung.
    Cato war an seiner massigen Gestalt leicht zu erkennen, doch Julius konnte sich nicht erinnern, ihn damals, bei seinem ersten Besuch im Senat, gesehen zu haben. Der Senator war geradezu obszön fettleibig, und seine Züge schienen in den wogenden Hautfalten zu versinken, so dass der Mann eigentlich von irgendwo tief hinter seinem Gesicht herausschaute. Er war von einer Schar von Freunden und Parteigängern umgeben, und an der Achtung, die man ihm entgegenbrachte, erkannte Julius, wie einflussreich dieser Mann war, genau wie Crassus ihn gewarnt hatte. Auch Suetonius’ Vater war anwesend, und ihre Blicke begegneten sich kurz, bevor der ältere Mann wegschaute und so tat, als hätte er Julius nicht bemerkt. Kurz darauf flüsterte er Cato etwas ins Ohr, woraufhin Julius Ziel eines eher amüsierten als besorgten Blickes wurde. Mit undurchdringlicher Miene prägte er sich den Mann als zukünftigen Feind ein und sah mit einigem Interesse, wie Catos Augen durch die Menge huschten und auf dem eintretenden Pompeius verharrten, bis dieser seinen Platz einnahm, der von seinen eigenen Anhängern freigehalten worden war.
    Auch Julius beobachtete Pompeius und überlegte, inwiefern er sich verändert hatte. Die Tendenz zur Weichheit war völlig von Pompeius’ Erscheinung gewichen. Er sah durchtrainiert und muskulös aus, wie es sich für einen Soldaten ziemte, ein Windhund im Vergleich zu Cato. Seine Haut war von der Sonne tief gebräunt, und Julius fiel wieder ein, dass er einige Zeit als Oberbefehlshaber der Legionen in Spanien verbracht hatte. Zweifellos hatte ihm seine Aufgabe, die aufrührerischen Stämme in den Provinzen in Schach zu halten, das Fett von den Knochen gebrannt.
    Pompeius erhob sich geschmeidig, um sich zum ersten Punkt zu Wort zu melden, und sprach von der Notwendigkeit, eine Streitmacht gegen die Piraten auszusenden, wobei er davon ausging, dass sie über eintausend Schiffe und zweitausend Dörfer geboten. Angesichts seiner eigenen bitteren Erfahrungen hörte ihm Julius mit Interesse zu, ein wenig schockiert darüber, dass man die Situation dermaßen außer Kontrolle hatte geraten lassen. Erstaunt sah er, wie sich andere erhoben, um die Zahlen des Pompeius zurückzuweisen und sich dagegen zu verwahren, ihre Streitkräfte noch weiter zu verteilen.
    »Wenn ich genügend Schiffe und Männer hätte, würde ich die Meere innerhalb von vierzig Tagen von diesem Gesindel säubern«, blaffte Pompeius zurück, doch er wurde überstimmt und setzte sich mit verstimmt gerunzelter Stirn wieder.
    Julius stimmte bei drei anderen Belangen mit ab, wobei ihm auffiel, dass Pompeius, Crassus und Cinna seine Ansichten jedes Mal teilten. Bei allen drei Angelegenheiten wurden sie überstimmt, und Julius spürte, wie sein Verdruss wuchs. Ein Sklavenaufstand in der Nähe des Vesuvius war schwierig niederzuschlagen gewesen, doch statt eine überlegene Streitmacht zu entsenden, gab der Senat lediglich die Erlaubnis, dass sich eine einzige Legion damit befassen sollte. Julius schüttelte ungläubig den Kopf. Zuerst war ihm nicht aufgefallen, wie übervorsichtig der Senat geworden war. Aus seiner Erfahrung mit Marius und seinen eigenen Schlachten wusste Julius, dass ein Imperium, das überleben wollte, stark sein musste, doch viele Senatoren waren blind gegenüber den Problemen, mit denen es ihre Heerführer rings um das Mare Internum zu tun hatten. Als über eine Stunde mit Reden vergangen war, verstand Julius die Ungeduld, die Männer wie Prax und Gaditicus den zaudernden Senatoren gegenüber empfanden, wesentlich besser. Er hatte erwartet, noble Ansichten und kühne Entscheidungen zu hören, die sich des Schwures als würdig erwiesen, den sie geleistet hatten, nicht ein derart kleinliches Gezänk und einander bekriegende Fraktionen.
    Während er noch diesen Gedanken nachhing, verpasste er den nächsten Punkt, und erst der Klang seines eigenen Namens riss ihn aus seinen Tagträumen.
    »…Cäsar, dem der Posten eines Militärtribuns verliehen werden soll, mit sämtlichen Rechten und Ehren, aus Dankbarkeit für den Sieg über Mithridates in Griechenland und die Inbesitznahme zweier Piratenschiffe.«
    Alle Senatoren erhoben sich, selbst Cato stemmte sich schwerfällig auf die Beine.
    Julius grinste jungenhaft, als sie ihm zujubelten, und tat, als bemerke er die Schweigenden unter ihnen nicht. Doch als sein Blick über die dichtbesetzten Reihen wanderte, prägte er sich jedes Gesicht ein.
    Als er sich wieder setzte, schlug sein Herz heftig vor Aufregung. Als Tribun war es ihm erlaubt, Truppen auszuheben, und er kannte dreihundert Mann in nicht allzu weiter Ferne, die sich nur zu gern seinem Kommando unterstellen würden. Cato suchte seinen Blick und nickte ihm prüfend zu. Julius erwiderte die Geste mit einem offenen Lächeln. Es wäre dumm, den Mann zu warnen, dass er einen neuen Feind hatte.
    Als die Bronzetore wieder aufgestoßen wurden, um das Tageslicht ins Haus des Senats einzulassen, beeilte sich Julius, um Suetonius’ Vater abzufangen, der soeben hinausging.
    »Auf ein Wort, Senator«, sagte er und unterbrach damit eine Unterhaltung.
    Senator Prandus drehte sich zu ihm um und hob erstaunt die Augenbrauen. »Ich wüsste nicht, was wir zu besprechen hätten, Cäsar«, erwiderte er.
    Julius ignorierte den abweisenden Ton und fuhr fort, als handelte es sich um eine Angelegenheit zwischen alten Freunden. »Es geht um das Land, das mein Gutsverwalter dir verkauft hat, um das Lösegeld für mich zu beschaffen. Du weißt, dass es mir gelungen ist, das Gold zurückzuholen, darunter auch das für deinen Sohn. Ich würde mich gern mit dir zusammensetzen und über den Preis reden, für den das Land an meine Familie zurückgeht.«
    Der Senator schüttelte kaum wahrnehmbar den Kopf. »Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich wollte meinen Besitz schon seit langem erweitern und habe vor, ein zweites Haus für meinen Sohn zu bauen, sobald dieser Wald gerodet ist. Tut mir Leid, aber ich kann dir nicht helfen.«
    Er schenkte Julius ein schmallippiges Lächeln und wandte sich wieder seinen Gefährten zu. Julius ergriff ihn am Arm, worauf Prandus sich mit einem Ruck losmachte und vor Zorn rot anlief.
    »Vorsicht, junger Mann. Du befindest dich im Senat, nicht in irgendeinem Dorf in der Wildnis. Wenn du mich noch einmal anfasst, lasse ich dich festnehmen. Nach allem, was mir mein Sohn berichtet hat, gehörst du nicht zu der Sorte, mit der ich Geschäfte machen möchte.«
    »Dann hat er vielleicht auch erwähnt, dass ich nicht zu der Sorte gehöre, die man gern zum Feind hat«, murmelte Julius. Er sprach so leise, dass ihn keiner der Umstehenden hören konnte.
    Der Senator erstarrte einen Augenblick lang, während er über diese Drohung nachsann, dann drehte er sich steif um und eilte hinter Cato her, der eben durch die Tür ging.
    Nachdenklich sah ihm Julius nach. Er hatte mit einer solchen Reaktion gerechnet, doch die Neuigkeit, dass Prandus ein neues Haus errichten lassen wollte, war ein schwerer Schlag für ihn. Von oben auf dem Hügel würde es auf sein eigenes Anwesen herabschauen, eine Position der Überlegenheit, die Suetonius mit Sicherheit gefallen würde. Er sah sich nach Crassus und Cinna um, weil er mit ihnen reden wollte, bevor sie wieder nach Hause gingen. In gewisser Hinsicht hatte Suetonius’ Vater nicht Unrecht. Wer in Rom Gewalt anwendete, schnitt sich rasch ins eigene Fleisch. Er würde umsichtig vorgehen müssen.
    »Aber zuerst kommt Antonidus dran«, murmelte er vor sich hin. In diesem Fall war Gewalt absolut geboten.

29

    Als er an der Spitze seiner zehn Soldaten zu Marius’ altem Haus durch die Stadt ging, wurden schmerzvolle Erinnerungen in Julius wach. Er dachte an die Erregung und die Spannung, die er empfunden hatte, als die Energie, die den Feldherrn umgab, ihn erfasst hatte. Jede Straße, jede Biegung erinnerte ihn an jenen ersten Gang zum Senat, umgeben von den kampferprobtesten Männern der Primigenia. Wie alt war er damals gewesen – vierzehn? Alt genug, um die Lektion zu lernen, dass sich das Gesetz der Stärke beugte. Sogar Sulla war angesichts der Soldaten auf dem Forum verzagt, sobald das Pflaster nass vom Blut der drängelnden Menge gewesen war. Marius war der von ihm eingeforderte Triumph zuerkannt worden, und in der Folge davon war er Konsul geworden, auch wenn Sulla ihn am Ende zu Fall gebracht hatte. Der Kummer senkte sich schwer auf Julius, und er wünschte sich, wenigstens noch einen Moment mit dem glorreichen Heerführer erleben zu dürfen.
    Keiner von Julius’ Männern war je in Rom gewesen; vier von ihnen stammten aus kleinen Dörfern irgendwo an der afrikanischen Küste. Sie gaben sich große Mühe, nicht allzu auffällig zu starren, aber es war ein vergeblicher Kampf, angesichts dieser sagenumwobenen Stadt, die hier vor ihren Augen Wirklichkeit wurde.
    Ciro empfand schon wegen der Vielzahl der Menschen Ehrfurcht, die ihnen in den überfüllten Straßen begegneten, und anhand seiner Reaktionen betrachtete auch Julius die Stadt mit neuen Augen. So etwas gab es nirgendwo sonst auf der Welt. Die Gerüche von Speisen und Gewürzen vermischten sich mit Rufen und lautem Hämmern, das Gewoge der Passanten war ein einziges Durcheinander aus blauen, roten und goldenen Togas und Tuniken. Es war ein Fest der Sinne, an dessen Wundern sich Julius erfreute, und ihm fiel wieder ein, wie er an Marius’ Seite auf einem vergoldeten Streitwagen durch die links und rechts von jubelnden Menschen gesäumten Straßen gerollt war. Diese süße Herrlichkeit vermischte sich mit der Erinnerung an den Schmerz, der danach gefolgt war… und dennoch, er war an jenem Tage hier gewesen, war dabei gewesen.
    Obwohl nur die längsten Straßen einen Namen trugen, fand sich Julius ohne Probleme zurecht und schlug beinahe unbewusst genau dieselbe Route ein, die er nach seinem ersten Besuch des Forums gewählt hatte. Nach und nach wurde es ringsum leerer und sauberer, als sie das Tal mit seinen Mietskasernen und verschlungenen Gassen verließen und auf der gepflasterten Straße den Hügel hinaufgingen. Hier verbargen auf beiden Seiten bescheidene Türen und Tore den Reichtum dahinter.
    Julius ließ seine Männer hundert Fuß vor dem Tor, an das er sich erinnerte, anhalten und ging allein weiter. Als er es erreicht hatte, trat eine kleine, stämmige Gestalt in einer einfachen Sklaven-Tunika und Sandalen an das Türgitter, um ihn zu begrüßen. Obwohl der Mann höflich lächelte, bemerkte Julius, wie seine Augen in unwillkürlicher Vorsicht nach links und rechts huschten.
    »Ich bin gekommen, um mit dem Eigentümer dieses Hauses zu reden«, sagte Julius und lächelte freundlich.
    »Antonidus ist nicht hier«, antwortete der Torwärter misstrauisch.
    Julius nickte, als hätte er mit dieser Nachricht gerechnet.
    »Dann muss ich wohl auf ihn warten. Er muss die Nachricht, die ich ihm bringe, unbedingt erhalten.«
    »Du kannst nicht herein, solange…«, setzte der Mann an.
    Mit einer raschen Bewegung griff Julius durch das Gitter, so wie er es einst Renius hatte tun sehen. Der Torwärter zuckte erschrocken zurück und wäre ihm fast entwischt, doch dann packten Julius’ Finger seine Tunika und rissen ihn mit einem Ruck zurück ans Gitter.
    »Mach das Tor auf«, raunte Julius dem zappelnden Mann ins Ohr.
    »Niemals! Wenn du den Mann, dem dieses Haus gehört, kennen würdest, würdest du das nicht wagen. Wenn du mich nicht sofort loslässt, bist du noch vor Sonnenuntergang tot!«
    Julius zog den Mann mit seinem ganzen Gewicht gegen die Metallstangen.
    »Ich kenne ihn. Dieses Haus gehört mir. Und jetzt mach die Tür auf, sonst töte ich dich.«
    »Dann töte mich… aber auch dann kommst du nicht herein«, knurrte der Mann und wehrte sich immer noch heftig.
    Als er tief Luft holte, um laut um Hilfe zu rufen, musste Julius plötzlich angesichts seines Mutes grinsen. Ohne ein weiteres Wort langte er mit der anderen Hand durch die Gitterstäbe und hakte den Schlüssel vom Gürtel des Mannes. Der Torwärter keuchte empört, und Julius rief mit einem leisen Pfeifen seine Männer herbei.
    »Hilfe!«, entfuhr es dem Torwächter gerade noch, bevor ihm Ciros breite Pranken den Mund verschlossen.
    Julius schob den Schlüssel in das Loch in der Eisenplatte und lächelte, als es leise darin klickte. Er hob den Riegel an, und das Tor schwang auf, gerade als auf der anderen Seite zwei Wächter mit erhobenen Schwertern in den Hof getrabt kamen.
    Rasch drängten Julius’ Männer hinein und entwaffneten sie. Gegen so viele hatten die Wachen keine Chance und ließen ihre Waffen fallen, sobald sie umzingelt waren; nur der Torwächter wurde vor Zorn dunkelrot im Gesicht, während er dies mit ansah. Er versuchte, Ciro in die Hand zu beißen, und bekam dafür einen derben Klaps.
    »Fesselt sie und durchsucht das Haus. Ich will aber kein Blutvergießen«, befahl Julius und sah ungerührt zu, wie seine Männer paarweise in das ihm so vertraute Haus ausschwärmten.
    Es hatte sich kaum etwas verändert. Der Brunnen war immer noch da, und auch den Garten hatte Antonidus so gelassen, wie er ihn vorgefunden hatte. Julius sah die Stelle, wo er Alexandria geküsst hatte, und er hätte ohne Führer den Weg zu ihrem Zimmer im Sklavenflügel gefunden. Es fiel ihm nicht schwer, sich vorzustellen, dass von irgendwoher Marius’ lautes Lachen ertönte, und in diesem Augenblick hätte er sehr viel dafür gegeben, den großen Mann noch einmal zu sehen. Mit einem Mal lasteten die traurigen Erinnerungen noch schwerer auf seinen Schultern.
    Von den Sklaven und Dienern, die von seinen Männern in den Hof gebracht und mit fröhlicher Gründlichkeit gefesselt wurden, erkannte er keinen wieder. Einer oder zwei seiner Legionäre hatten Kratzspuren im Gesicht, doch Julius war froh, dass offensichtlich keinem der Gefangenen Gewalt angetan worden war. Wenn er seine Beschwerde erfolgreich durchbringen und sein Recht auf das Haus als überlebender Erbe antreten wollte, musste er sein Ziel friedlich erreichen, das wusste er. Die Magistratsmitglieder gehörten bestimmt zur Nobilitas, und jedes Blutvergießen mitten in der Stadt würde sie von Anfang an gegen ihn einnehmen.
    Das Ganze nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Seine Männer trugen die verschnürten Gefangenen ohne weitere Diskussionen hinaus auf die Straße; der Torwärter kam ganz zum Schluss an die Reihe. Obwohl man ihm einen Knebel in den Mund gesteckt hatte, schäumte er noch immer vor Zorn, als Ciro ihn draußen absetzte. Julius schloss eigenhändig das Tor und sperrte es mit dem erbeuteten Schlüssel ab, dann blinzelte er der wütenden Gestalt zu und drehte sich um.
    Seine Männer standen in zwei Fünferreihen vor ihm. Das war nicht genug, um das Haus gegen einen entschlossenen Angriff zu halten, deshalb musste er zuallererst Melder zu seinem Gut schicken, um sofort fünfzig seiner besten Männer hierher in Bewegung zu setzen. Es war gut und schön, eine Strategie für den Rechtsstreit zu planen, letztendlich jedoch war derjenige, der tatsächlich im Besitz des Hauses war, eindeutig im Vorteil, und Julius hatte nicht vor, es bei Antonidus’ Rückkehr sogleich wieder zu verlieren.
    Schließlich entsandte er drei seiner schnellsten Läufer in Botengewändern aus den Beständen des Hauses. Seine größte Sorge war, dass sie sich in der ihnen fremden Stadt verirrten, und er machte sich Vorwürfe, dass er keinen Einheimischen mitgebracht hatte, der ihnen den Weg bis zur Tiberbrücke zeigen konnte.
    Als sie fort waren, wandte er sich mit einem verhaltenen Lächeln an seine Männer.
    »Hab ich nicht gesagt, dass ich euch eine Unterkunft in Rom besorge?«
    Sie lachten leise und sahen sich zufrieden um.
    »Drei von euch müssen am Tor Wache halten. Die anderen lösen sie alle zwei Stunden ab. Bleibt wachsam. Antonidus wird bald zurückkommen, da bin ich sicher. Ruft mich, wenn es so weit ist.«
    Der Gedanke an die bevorstehende Unterhaltung munterte ihn gewaltig auf. Die Wachen nahmen ihre Posten ein. Das Haus würde bis zum Abend sicher in seiner Hand sein, und dann konnte er sich darauf konzentrieren, Marius’ Namen in der Stadt wieder zu Ansehen zu verhelfen, selbst wenn er dazu gegen den ganzen Senat antreten musste.
    Brutus und Cabera nahmen zwei von Julius’ Boten auf dem Gut in Empfang. Der dritte war noch einige Meilen hinter ihnen. Der befehlsgewohnte Brutus stellte die fünfzig Mann rasch zusammen und setzte sich mit ihnen in Richtung Stadt in Bewegung. Julius hatte nicht wissen können, dass so vielen Soldaten der Einlass verwehrt werden würde, deshalb ließ Brutus sie Rüstung und Waffen ablegen und schickte sie zu zweien oder dreien in die Stadt, wo sie sich außer Sichtweite der Stadtwachen, die die Augen des Senats in Rom waren, wieder zusammenfanden. Als Letztes traf der Karren mit ihren Waffen ein, den Brutus selbst begleitete, um den Hauptmann am Tor zu bestechen. Cabera zog eine Flasche Wein unter der Plane hervor und drückte sie dem Mann zusammen mit ein paar Münzen in die Hand, woraufhin dieser sie mit einem verschwörerischen Zwinkern durchwinkte.
    »Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen oder aufregen soll, wie einfach das ging«, murmelte Brutus, als Cabera das Ochsenpaar, das den schweren Karren zog, mit einem Schnalzen der Zügel wieder antrieb. »Wenn das hier erledigt ist, hätte ich gut Lust, mir diesen Kerl am Tor mal vorzuknöpfen. Sich für so eine lächerliche Bestechung kaufen zu lassen!«
    Cabera kicherte und ließ die Zügel auf die Rücken der Zugtiere klatschen.
    »Andernfalls hätte er vielleicht Verdacht geschöpft. Nein, wir haben ihm gerade genug gegeben, dass er uns für Weinhändler hält, die den Stadtzoll umgehen wollen. Du siehst aus wie ein Leibwächter, und mich hat er wahrscheinlich für den reichen Geschäftsmann gehalten.«
    »Dich hat er für den Fuhrknecht gehalten«, schnaubte Brutus verächtlich. »Mit diesem billigen alten Kittel siehst du nicht gerade wie ein reicher Geschäftsmann aus.« Statt einer Antwort ließ Cabera gereizt erneut die Lederzügel knallen.
    Der Karren füllte die Straße gut aus; seine Räder passten genau zwischen die von den vielen Fußgängern benutzten Trittsteine. Sie konnten nirgends abbiegen oder eine Abkürzung einschlagen und kamen daher nur langsam zum Haus des Marius voran. Cabera hatte seinen Spaß daran, die anderen Fahrer anzubrüllen und jedem mit der Faust zu drohen, der vor ihnen die Straße kreuzte. Vier von Julius’ Männern schlossen sich ihnen an, offensichtlich erfreut, dass sie dem Wagen durch das verschlungene Labyrinth der Straßen nur zu folgen brauchten. Weder Brutus noch Cabera wagten es, sich nach ihnen umzudrehen, obwohl sich Brutus fragte, wie viele der Männer bei Sonnenuntergang wohl immer noch auf den Märkten umherirren würden. Er wusste, dass seine Anweisungen einfach und eindeutig gewesen waren, aber andererseits kannte er Rom inzwischen wieder recht gut, nachdem er ein paar Monate mit der Primigenia in ihren Unterkünften gearbeitet und seine Mutter einige Male besucht hatte. Er tat so, als werfe er einen prüfenden Blick auf die Karrenräder, und war erleichtert, dass ihr Gefolge inzwischen auf neun angewachsen war. Er hoffte, dass die Männer sich nicht allzu auffällig benahmen, sonst würden ihnen die neugierigen Römer rasch folgen, und eine spontane Prozession würde vor Marius’ altem Haus eintreffen, mit dem Wagen an der Spitze, und würde alle Versuche, heimlich zu Werke zu gehen, zunichte machen.
    Als sie zu dem Hügel abbogen, der zu dem großen Haus hinaufführte, an das er sich noch so gut erinnerte, bemerkte Brutus eine wild gestikulierende Gestalt, die auf jemanden hinter dem Tor einschrie. Zumindest war die Straße hier breit genug, dass man anhalten konnte, ohne den gesamten Verkehr im Umkreis zum Erliegen zu bringen, dachte er dankbar.
    »Steig ab und untersuch die Räder oder so«, zischte er Cabera zu, der widerwillig vom Kutschbock kletterte, um den Karren herumging und bei jedem Rad laut »Rad« sagte. Der schreiende Mann vor dem Tor schien den beladenen Karren überhaupt nicht zu bemerken, und Brutus riskierte einen zweiten Blick nach hinten. Beim Anblick der Truppe, die sich hinter ihnen versammelt hatte, musste er erstaunt blinzeln. Problematischer war, dass sie sich in einer langen Zweierreihe aufgestellt hatten, was sie trotz ihrer Zivilkleidung sehr verdächtig aussehen ließ– wie eine Gruppe Legionäre, die sich als harmlose Bürger verkleidet hatten. Brutus sprang vom Karren und rannte entrüstet auf sie zu.
    »Ihr sollt nicht in Habachtstellung stehen, ihr Tölpel! Jedes Haus im ganzen Viertel wird seine Wächter losschicken, um nachzusehen, was hier draußen vor sich geht!«
    Die Männer scharrten verlegen mit den Füßen, und Brutus hob verzweifelt den Blick gen Himmel. Da war einfach nichts zu machen. Schon waren die Diener und Wächter der angrenzenden Häuser an die Tore gekommen, um sich den unruhig durcheinander wimmelnden Trupp Soldaten anzusehen. Ringsumher hörte er aus der Ferne Alarmrufe.
    »Na schön. Die Heimlichtuerei können wir vergessen. Holt euch eure Rüstungen und Schwerter vom Wagen und folgt mir zum Tor. Rasch! Der Senat kriegt einen Anfall, wenn er herausfindet, dass wir eine Armee in die Stadt geschleust haben!«
    Alle Unsicherheit fiel von den Soldaten ab, die sich ohne weitere Umstände ihre Ausrüstung schnappten und sie anlegten. Nach wenigen Sekunden wies Brutus Cabera an, die Inspektion des Wagens zu beenden und endlich damit aufzuhören, die einzelnen Räder mit wachsendem Überdruss immer wieder zu benennen.
    »Und jetzt vorwärts«, knurrte Brutus, dessen Wangen angesichts der stetig anwachsenden Zuschauerzahlen brannten. Sie marschierten in perfekter Formation auf das Tor zu, und er wurde einen Augenblick dadurch von seiner Verlegenheit abgelenkt, dass er die ihm folgenden Männer rasch und professionell begutachtete. Sie würden sich hervorragend für die Primigenia eignen.
    Als Julius ihm seinen Standpunkt fertig dargelegt hatte, war Antonidus bleich vor Zorn.
    »Wie kannst du es wagen!«, brüllte er. »Ich werde mich an den Senat wenden! Dieses Haus gehört mir, ich habe es rechtmäßig erworben, und ich werde dich töten lassen, ehe du es mir stiehlst!«
    »Ich habe es niemandem gestohlen. Du hattest kein Recht, Geld für das Eigentum meines Onkels zu bieten«, wiederholte Julius gelassen; er genoss den Zorn des Mannes.
    »Ein Feind des Staates, dessen Ländereien und andere Besitztümer konfisziert wurden. Ein Verräter!«, schrie Antonidus. Am liebsten hätte er durch die Gitterstäbe gegriffen und den unverschämten jungen Mann an der Kehle gepackt, aber die Wachen, die ihn dort drinnen nicht aus den Augen ließen, hatten ihre Schwerter gezückt und waren seinen eigenen zwei Männern schon zahlenmäßig überlegen. Rasch überlegte er, was Julius in den Zimmern des Hauses alles finden konnte. Gab es irgendwelche Hinweise, die ihn mit Pompeius’ Tochter in Verbindung brachten? Er glaubte es nicht, aber der Gedanke plagte ihn und verlieh seiner Wut einen Anflug von Panik.
    »Ein Verräter, weil ihn Sulla so bezeichnet hat? Sulla, der seine eigene Stadt angegriffen hat?«, gab Julius mit zusammengekniffenen Augen zurück. »Dann trifft der Vorwurf wohl nicht zu! Marius hat den Senat vor einem Mann in Schutz genommen, der sich selbst zum Diktator ernannt hat. Er war ein Ehrenmann!«
    Antonidus spuckte angewidert auf den Boden, wobei sein Speichel beinahe den Saum des immer noch gefesselten Torwärters getroffen hätte.
    »Das für seine Ehre!«, brüllte er und packte das Torgitter mit beiden Händen.
    Julius winkte einen seiner Männer vorwärts, und Antonidus war gezwungen, die Stäbe loszulassen.
    »Lass deine Finger von meinem Eigentum«, sagte Julius.
    Antonidus wollte gerade etwas erwidern, als ein Stück weiter unten auf der Straße das Klappern von Legionärssandalen laut wurde. Er drehte sich um, und auf seinem Gesicht zeigte sich ein gehässiges Grinsen.
    »Jetzt werden wir ja sehen, du Verbrecher. Der Senat hat Soldaten hergeschickt, um die Ordnung wiederherzustellen. Ich werde dich verprügeln und dann auf der Straße liegen lassen, so wie du es mit meinen Männern getan hast.«
    Er trat vom Tor zurück, um die Ankömmlinge in Empfang zu nehmen.
    »Dieser Mann ist in mein Haus eingebrochen und hat meine Bediensteten misshandelt. Ich verlange, dass er sofort festgenommen wird«, sagte er zu dem nächstbesten Soldaten, wobei sich vor lauter Eifer weißer Schaum in seinen Mundwinkeln bildete.
    »Na ja, der Kerl hat ein ganz freundliches Gesicht. Lass es ihn doch behalten«, antwortete Brutus grinsend.
    Einige Sekunden lang begriff Antonidus überhaupt nichts mehr, erst dann sah er, wie viele bewaffnete Männer ohne Legionsinsignien da vor ihm standen.
    Langsam wich er zurück, wobei er verächtlich das Kinn reckte. Brutus lachte ihn aus.
    Antonidus trat zwischen die beiden Wachen, die angesichts so vieler möglicher Gegner jetzt, da er zeigte, dass sie zu ihm gehörten, nervös von einem Bein aufs andere traten.
    »Der Senat wird mich anhören«, krächzte er mit vom Schreien heiserer Stimme.
    »Sag deinen Herren, sie sollen einen Termin für eine Anhörung festlegen«, sagte Julius und ließ das Tor öffnen, damit Brutus mit seinen Männern hereinkonnte. »Ich werde meine Handlungen vor dem Gesetz rechtfertigen.«
    Antonidus funkelte ihn böse an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte mit seinen beiden Wachen im Schlepptau davon.
    Julius hielt Brutus mit einer Berührung am Arm zurück, als dieser an ihm vorbeigehen wollte.
    »Nicht ganz die stille und heimliche Zusammenkunft, die ich mir vorgestellt hatte, Brutus.«
    Sein Freund schürzte die Lippen und war einen Augenblick lang nicht in der Lage, seinem Blick zu begegnen.
    »Ich habe die Männer hergebracht, oder nicht? Du hast keine Ahnung, wie schwierig es ist, bewaffnete Männer in diese Stadt zu schleusen. Die Tage, in denen Marius eine halbe Hundertschaft hierhin und dorthin geschmuggelt hat, sind lange vorbei.«
    Cabera gesellte sich zu ihnen, als er mit den letzten Soldaten durch das offene Tor geschlendert kam.
    »Die Wachen am Stadttor haben mich für einen wohlhabenden Händler gehalten«, sagte er leichthin.
    Sowohl Julius als auch Brutus ignorierten ihn. Sie starrten sich an. Schließlich senkte Brutus leicht den Kopf.
    »Na schön, es hätte etwas unauffälliger verlaufen können.«
    Noch während er sprach, ließ die Spannung zwischen ihnen nach, und Julius grinste.
    »Es hat mir sehr gefallen, als er dachte, der Senat hätte euch geschickt«, sagte er lachend. »Dieser Augenblick war wohl allein schon den öffentlichen Auftritt der Männer wert.«
    Brutus sah immer noch ein wenig betreten aus, doch ein leises Lächeln stahl sich bereits über sein Gesicht.
    »Wahrscheinlich. Hör zu, der Senat erfährt jetzt von ihm, dass du so viele Männer hier hast. Das wird er nicht durchgehen lassen. Du solltest dir überlegen, ob du nicht einige von ihnen in die Unterkünfte der Primigenia verlegen willst.«
    »Das werde ich wohl tun, aber noch nicht gleich, denn zuerst müssen wir ein paar Pläne schmieden. Auch meine anderen Zenturien sollten vom Gut hierher gebracht werden.« Julius kam ein plötzlicher Gedanke. »Wieso hat der Senat eigentlich nichts dagegen, dass die Primigenia in der Stadt ist?«
    Brutus zuckte die Achseln. »Vergiss nicht, dass sie zwar in die Musterrollen der Legionen eingetragen sind, aber ihre Unterkünfte liegen eigentlich außerhalb der Mauern, im Norden, unweit des Quirinal-Tores. Ich habe einen der besten Ausbildungsplätze in ganz Rom und Renius als Schwertmeister. Du solltest es sehen.«
    »Du hast so viel erreicht, Brutus«, sagte Julius und packte ihn an der Schulter. »Jetzt, da wir zurück sind, wird sich Rom rasch verändern. Ich bringe meine Männer zu dir, sobald ich sicher sein kann, dass Antonidus es nicht noch einmal versucht.«
    Brutus ergriff den Arm des Freundes, und seine Begeisterung schäumte über.
    »Wir brauchen deine Männer. Die Primigenia muss wachsen. Ich werde nicht eher rasten, bevor sie nicht ihre alte Stärke wiedererlangt hat. Marius…«
    »Nein, Brutus.« Julius ließ den Arm fallen. »Du hast mich falsch verstanden. Meine Männer sind allein auf mich eingeschworen. Sie können nicht unter deinem Kommando dienen.« Er wollte seinen Freund nicht enttäuschen, doch es war besser, von Anfang an für Klarheit zu sorgen.
    »Was?«, erwiderte Brutus verblüfft. »Hör mal, sie gehören keiner regulären Legion an, und die Primigenia besteht aus weniger als tausend Mann. Du brauchst nur…«
    Julius schüttelte entschlossen den Kopf. »Ich helfe dir bei der Rekrutierung, so wie ich es versprochen habe, aber nicht mit diesen Männern. Tut mir Leid.«
    Brutus sah ihn ungläubig an. »Aber ich baue die Primigenia für dich auf. Ich sollte dein Schwert in Rom sein, erinnerst du dich nicht mehr?«
    »Ich erinnere mich genau«, antwortete Julius und nahm abermals seinen Arm. »Deine Freundschaft bedeutet mir mehr als alles andere, mit Ausnahme des Lebens meiner Frau und meiner Tochter. Dein Blut fließt durch meine Adern, erinnerst du dich noch daran? Mein Blut ist dein Blut.«
    Er hielt inne und umschloss den Arm mit kräftigem Griff.
    »Diese Männer hier sind meine Wölfe. Sie können nicht unter deinem Befehl dienen. Lass es dabei bewenden.«
    Brutus entzog ihm seinen Arm mit einem Ruck. Seine Züge verhärteten sich. »Na schön. Behalte du deine Wölfe, während ich um jeden neuen Rekruten kämpfe. Ich kehre zu meinen Unterkünften und meinen eigenen Männern zurück. Wenn du deine Soldaten bringen willst, findest du mich dort. Dann können wir uns auch über ihre Unterbringungskosten unterhalten.«
    Er wandte sich um und drehte den Schlüssel im Schloss, um das Tor zu öffnen.
    »Marcus!«, rief Julius ihn von hinten an.
    Brutus erstarrte einen Moment, dann öffnete er das Tor, ging davon und ließ es offen stehen.
    Selbst in der Begleitung seiner beiden verbliebenen Wachen behielt Antonidus auf dem Weg durch die dunklen Gassen die Hand an dem Dolch, der in seinem Gürtel steckte. Die Durchgänge waren so schmal, dass sie in der Dunkelheit viel zu viel Verstecke für die Raptores boten, als dass sich Antonidus in falscher Sicherheit gewiegt hätte. Er atmete durch die Nase und versuchte die Pfützen zu ignorieren, die seine Sandalen gleich nach den ersten Schritten abseits der großen Straßen ruiniert hatten. Einer seiner Männer stieß einen unterdrückten Fluch aus, als er auf einem Haufen ausrutschte, der noch frisch genug war, um noch nicht völlig kalt zu sein.
    Das Tageslicht drang ohnehin kaum in dieses Viertel Roms, bei Nacht jedoch waren die Schatten wahrhaft beängstigend. Hier gab es kein Gesetz, keine Soldaten, die zu Hilfe eilten, und auch keine Bürger, die beherzt auf einen Hilferuf herbeilaufen würden. Antonidus schloss die Finger noch fester um den Messergriff und zuckte zusammen, als etwas hastig vor ihren vorübereilenden Schritten davonhuschte. Er schaute nicht genauer hin, sondern stolperte fast blind weiter, zählte die Straßenecken, indem er sie mit den Händen ertastete. Drei Ecken von der Einmündung, dann vier weitere nach links.
    Sogar in der Nacht waren hier Menschen zu Fuß unterwegs, Menschen, die sich in anderen Vierteln der Stadt niemals würden blicken lassen. Die Passanten, denen sie begegneten, unterhielten sich kaum, und auch dann nur sehr gedämpft. Hastende Gestalten schoben sich grußlos vorbei und gingen mit gesenkten Köpfen um die schmutzigen Pfützen herum. Dort, wo vereinzelte Fackeln den Weg ein paar Schritte weit erleuchteten, wichen sie dem Licht aus, als würden sie das Verderben auf sich ziehen, sobald sie in seinen Kreis traten.
    Nur seine unbändige Wut ließ Antonidus weitergehen, aber auch das geschah nicht ohne Angst. Der Mann, den er kennen gelernt hatte, hatte ihn davor gewarnt, diese Straßen jemals ungebeten zu betreten, aber der Verlust seines Hauses verlieh ihm Mut, der aus Zorn geboren war. Doch sogar dieser drohte ihn in der Dunkelheit und dem wachsenden Unbehagen zu verlassen.
    Endlich erreichte er den Ort, den er schon einmal gefunden hatte, eine Kreuzung von vier Gassen zwischen moderigen Mauern, irgendwo tief im Herzen dieses Irrgartens. Er blieb stehen und sah sich nach dem Mann um, mit dem er sich hier verabredet hatte, starrte angestrengt in die Dunkelheit. Irgendwo ganz in der Nähe tropfte Wasser auf einen Stein, und ein plötzliches Scharren von Füßen ließ seine Männer nervös herumwirbeln und mit ihren Dolchen in der Luft herumfuchteln, als wollten sie böse Geister abwehren.
    »Man hat dir gesagt, dass du mich nicht vor der letzten Nacht des Monats aufsuchen sollst«, ließ sich eine zischende Stimme dicht am Ohr des Generals vernehmen.
    Antonidus wäre vor Schreck fast hingefallen, denn seine Füße rutschten auf den nassen Steinen aus, als er vor der ganz nahe ertönenden Stimme zusammenzuckte. Sofort verließ sein Dolch den Gürtel, doch sein Handgelenk wurde so fest umschlossen, dass er hilflos war.
    Der Mann, der ihm gegenüberstand, trug einen Kapuzenmantel aus dunklem, grobem Stoff, der seine Gesichtszüge verbarg, obwohl dies in der pechschwarzen Dunkelheit der Gassen kaum notwendig war. Bei dem eigenartigen, süßlichen Geruch, der ihm entströmte, hätte Antonidus beinahe gewürgt. Es war der Geruch von Krankheit und langsamer Fäulnis, der mit parfümiertem Öl überdeckt war, und er fragte sich einmal mehr, ob dieser Umhang nicht mehr verbergen sollte als nur eine Identität. Der dunkle Mann beugte sich so dicht an ihn heran, dass er sein Ohr mit den verborgenen Lippen beinahe berührte.
    »Warum bist du hier hereingepoltert und hast die Hälfte meiner Kundschafter mit deinem Krach in Aufruhr versetzt?«
    Die Stimme war ein zorniges Zischen, und so nahe, dass sie den süßlichen Geruch in einem warmen Atemschwall mitbrachte, bei dem Antonidus sich am liebsten übergeben hätte. Als die Kapuze seine Wange streifte, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter.
    »Ich musste kommen. Ich habe noch mehr Arbeit für dich. Arbeit, die schnell erledigt werden muss.«
    Der Griff um sein Handgelenk wurde fester, so dass es ihm fast wehtat. Antonidus konnte den Kopf nicht zur Seite drehen, um den Mann direkt anzusehen, aus Angst davor, dass sich ihre Gesichter berühren würden. Stattdessen schaute er weg und versuchte bei dem Übelkeit erregenden Gestank, der jeden seiner Atemzüge zu vergiften schien, nicht angewidert den Mund zu verziehen.
    Die dunkle Gestalt schnalzte geringschätzig mit der Zunge.
    »Ich habe noch keinen Weg zu Crassus’ Sohn gefunden. Es ist zu früh für einen weiteren Auftrag. Überstürzte Eile lässt meine Brüder sterben. Du hast nicht genug gezahlt, als dass ich meine Männer in deinen Diensten verlieren könnte.«
    »Vergiss Crassus. Er bedeutet mir nichts mehr. Ich will, dass du Cinnas Tochter ausfindig machst und sie tötest. Sie ist jetzt dein Ziel. Lass einen Hinweis mit Sullas Namen zurück, so wie du es bei Pompeius’ kleiner Hure getan hast.«
    Antonidus spürte, wie sein Handgelenk sanft an seinen Gürtel geführt wurde. Er begriff, was man von ihm verlangte, und schob, sobald der Druck sich verringerte, den Dolch in den Gürtel zurück. Dann wartete er ab und blieb still stehen, weil er nicht wagte, seine Abscheu offen zu zeigen, indem er sich eilig zurückzog. Er wusste, dass bei der kleinsten Beleidigung weder er noch seine Männer die großen Straßen jemals wieder erreichen würden.
    »Sie dürfte sehr gut bewacht sein. Du musst für die Leben derer bezahlen, die ich verlieren werde, um an sie heranzukommen. Zehntausend Sesterzen ist der Preis.«
    Antonidus sog vor Schreck die Luft ein und biss die Zähne zusammen. Cato würde für die Summe aufkommen, da war er sicher. War es nicht seine Idee gewesen, diese Männer zu engagieren? Er nickte krampfhaft.
    »Gut. Ich werde ihn zahlen. Ich lasse meine Wachen das Gold am verabredeten Tag hierher bringen, so wie beim letzten Mal.«
    »Du wirst dir andere Wächter suchen müssen. Komm nie wieder uneingeladen hierher, sonst fällt der Preis dafür noch höher aus«, flüsterte die Stimme und entfernte sich schnell von ihm.
    Rasche Schritte folgten, und im nächsten Augenblick spürte Antonidus, dass er allein war. Vorsichtig ging er zu der Stelle, wo eben noch seine Wachen gestanden hatten, fühlte mit seiner Hand nach unten und zuckte zurück, als er das Blut aus ihren durchtrennten Kehlen spürte. Er erschauerte und ging so rasch wie möglich den Weg zurück, den er gekommen war.

30

    Julius brachte seine Männer eine Stunde vor Morgengrauen in die Unterkünfte der Primigenia. Wie Brutus gesagt hatte, waren sowohl die Gebäude als auch der Exerzierhof sehr eindrucksvoll, und Julius pfiff leise durch die Zähne, als er unter dem äußeren Bogen des Haupttores hindurchmarschierte und die gut positionierten Wachposten und befestigten Stellungen dahinter erblickte.
    Die Wachen am Tor mussten angewiesen worden sein, ihn zu erwarten, denn sie winkten die Soldaten einfach durch. Sobald er drinnen war und sich das schwere Tor hinter ihnen geschlossen hatte, erkannte Julius, dass er sich in einem schmalen Hof befand, ganz ähnlich dem Bereich zwischen der äußeren und der inneren Mauer von Mytilene. Jedes der Gebäude, die den Hof umstanden, konnte mit Bogenschützen besetzt sein, und da ihnen der Rückweg versperrt war, gab es als einzigen Weg nach vorne nur einen sehr schmalen Pfad, der wiederum von Schießscharten für noch mehr Bogenschützen durchbrochen war. Julius zuckte die Achseln. Seine Zenturien blieben ordnungsgemäß stehen und richteten ihre Reihen aus, bis sie in dem Zwischenhof ein exaktes Quadrat bildeten.
    Julius fragte sich, wie lange ihn Brutus wohl warten lassen würde. Es war nicht leicht einzuschätzen, nachdem er so lange von seinem ältesten Freund getrennt gewesen war. Der Junge, den er einst gekannt hatte, wäre schon längst da gewesen, der Mann jedoch, der die Überreste der Primigenia anführte, hatte sich in der Zeit, da sie sich aus den Augen verloren hatten, sehr verändert – vielleicht so sehr, dass er den Jungen in sich begraben hatte. Noch wusste er das nicht zu sagen.
    Ohne sich seine Ungeduld anmerken zu lassen, stand Julius mit seinen Männern reglos da, während sich die Minuten dehnten. Er brauchte die Unterkünfte, und nach allem, was Tubruk gesagt hatte, waren sie so gut, wie Brutus behauptet hatte. Da Crassus hinter ihrem Erwerb stand, war der Geldbeutel wohl prall genug gefüllt gewesen, um das Beste zu kaufen, was die Stadt zu bieten hatte. Beim Warten dachte Julius darüber nach, ob er Crassus einen Teil der Baracken abkaufen sollte. Persönlich stimmte er Tubruk zu, dass die Beziehung, die der reiche Senator nährte, sich in der Zukunft zu einem Dorn entwickeln könnte, egal, wie freundlich er sich gegenwärtig gab.
    Brutus kam in Begleitung von Renius aus dem Hauptgebäude geschritten. Interessiert betrachtete Julius den mit einer Lederkappe bedeckten Stumpf von Renius’ linkem Arm, verzog jedoch keine Miene. Brutus sah wütend aus, und Julius’ Hoffnung erstarb.
    Als Brutus vor ihm stand, blieb er steif stehen und salutierte wie vor einem Mann gleichen Ranges. Julius erwiderte den Gruß ohne zu zögern. Einen Augenblick verspürte er Schmerz angesichts der Kluft, die sie trennte, bevor seine Entschlossenheit die Oberhand gewann. Er würde nicht nachgeben. Brutus war kein Mensch, den er mit seiner Klugheit umschmeicheln und beherrschen wollte. Diese Art der Manipulation sparte er sich für seine Feinde oder formelle Verbündete auf, nicht für den Jungen, mit dem er vor so vielen Jahren einen Raben gefangen hatte.
    »Ich heiße dich im Quartier der Primigenia willkommen«, sagte Brutus.
    Julius schüttelte den Kopf über den offiziellen Tonfall. Etwas stachelte ihn an, deshalb wandte er sich an Renius, ohne auf Brutus einzugehen. »Ich freue mich, dich wiederzusehen, alter Freund. Kannst du ihm nicht verständlich machen, dass diese Männer hier nicht zur Primigenia gehören?«
    Renius erwiderte seinen Blick einen Augenblick lang unberührt, bevor er antwortete.
    »Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um deine Kraft zu teilen, mein Junge. Der Wahltag auf dem Campus ist für dieses Jahr vorbei – es wird keine zusätzlichen Männer mehr für eine weitere Legion geben. Ihr beide solltet endlich damit aufhören, euch so voreinander aufzublasen, und Frieden schließen.«
    Julius schnaubte gereizt. »Bei den Göttern, Brutus, was soll ich deiner Meinung nach denn tun? Die Primigenia kann nicht zwei Befehlshaber haben, und meine Männer sind allein auf mich eingeschworen. Ich habe sie in kleinen Dörfern gefunden und sie von Grund auf zu Legionären gemacht. Du erwartest doch nicht im Ernst, dass ich sie jetzt, nach allem, was sie mit mir durchgemacht haben, einem anderen Kommandeur übergebe.«
    »Ich dachte… dass gerade dir etwas daran liegen würde, die Primigenia wieder stark zu sehen.«
    »Als Tribun kann ich Truppen für dich ausheben. Ich lasse das ganze Land danach durchkämmen. Ich schwöre dir, ich lasse die Primigenia wieder auferstehen. Ich schulde Marius ebenso viel wie du, wenn nicht mehr.«
    Brutus suchte in Julius’ Augen, urteilte über seine Worte.
    »Aber wirst du auch deine eigene Legion aufbauen? Wirst du um einen neuen Namen ersuchen, der den Verzeichnissen hinzugefügt wird?«
    Julius zögerte. Renius räusperte sich. Er wollte etwas sagen. Aus jahrelanger Gewohnheit warteten die beiden jüngeren Männer gehorsam auf seine Worte. Er blickte Julius streng in die Augen und hielt seinen Blick fest.
    »Treue ist ein seltenes Gut, mein Junge, aber Brutus hat sein Leben für dich riskiert, als er die Primigenia wieder in die Rollen hat eintragen lassen. Jetzt hat er Männer wie Cato gegen sich, und das alles hat er für dich getan. Da gibt es keinen Konflikt. Die Primigenia ist deine Legion, begreifst du das nicht? Deine Männer können ihren Diensteid neu schwören und immer noch dir verpflichtet sein.«
    Julius sah die beiden Männer an, und es war wie ein Blick zurück in seine Kindheit. Widerstrebend schüttelte er den Kopf.
    »Es kann nicht zwei Befehlshaber geben«, sagte er.
    Brutus starrte ihn an.
    »Verlangst du, dass ich den Eid auf dich schwören soll? Dass ich dir das Kommando übergebe?«
    »Wie sonst könntest du mein Schwert sein, Brutus? Aber ich kann nicht von dir verlangen, dass du den Rang niederlegst, von dem du schon immer geträumt hast. Das wäre zu viel verlangt.« Julius ergriff sanft seinen Arm.
    »Nein«, murmelte Brutus mit plötzlicher Entschlossenheit. »Es ist nicht zu viel verlangt. Zwischen uns bestehen ältere Schwüre, und ich habe dir geschworen, dass ich immer da sein werde, wenn du mich rufst. Rufst du mich jetzt?«
    Julius atmete tief und langsam ein, musterte seinen Freund und spürte, wie sein Herz in seiner Brust jäh schneller zu schlagen begann.
    »Ich rufe dich«, sagte er leise.
    Brutus nickte entschlossen. Seine Entscheidung war gefallen. »Dann werde ich gemeinsam mit deinen Wölfen hier den Eid leisten, und wir beginnen diesen Tag mit einer wiedergeborenen Primigenia.«
    Nur von einer fünfköpfigen Wache begleitet, schritt Julius durch die geschäftigen Straßen der Stadt und folgte dabei der Wegbeschreibung, die Tubruk ihm gegeben hatte. Froh gelaunt bewegte er sich durch die Menschenmengen. Er hatte das Haus seines Onkels sicher in seinen Besitz gebracht und wusste es von zwanzig Soldaten gut bewacht. Noch wichtiger war, dass er auch das Problem mit der Primigenia gelöst hatte. Insgeheim pries er Brutus und Renius ob ihrer Loyalität ihm gegenüber, doch sogar in seinem Stolz wusste er, dass er ihre Liebe zu ihm letztendlich ebenso eiskalt ausgenutzt hatte, wie es auch jeder Feind getan hätte. Er sagte sich, dass er keine andere Wahl gehabt hätte, doch seine innere Stimme wollte nicht verstummen.
    Tabbics Laden war nicht weit von Marius’ Haus entfernt. Julius fand ihn ohne Schwierigkeiten. Je näher er ihm kam, desto aufgeregter wurde er. Er hatte Alexandria seit seinem Hochzeitstag nicht mehr gesehen und hatte Tubruk ängstlich gefragt, ob sie die wüsten Kämpfe in der Stadt nach seiner eigenen Flucht überlebt hatte. Zögernd legte er die Hand auf die Tür und verspürte einen Anflug der alten Unsicherheit, die ihn in ihrer Gegenwart immer befallen hatte. Er schüttelte belustigt den Kopf, dann trat er ein. Seine Männer blockierten den schmalen Gehsteig vor dem Laden.
    Alexandria stand nur wenige Schritte von der Tür entfernt und drehte sich um, um den Eintretenden zu begrüßen. Sie lachte, als sie ihn erkannte, mit der schlichten Freude, mit der man einen alten Freund begrüßte. Eine Goldkette um den Hals, stand sie da, während Tabbic hinter ihr stand und an der Schließe arbeitete.
    Julius ließ ihren Anblick auf sich wirken. Der Glanz des Goldes ließ ihren Hals strahlen, und sie schien eine Gelassenheit oder ein Selbstvertrauen gewonnen zu haben, das er an ihr so noch nicht kannte.
    »Du siehst wunderschön aus«, sagte er und machte die Ladentür hinter sich zu.
    »Das liegt daran, weil ich so dicht neben Tabbic stehe«, erwiderte sie leichthin.
    Tabbic blickte knurrend von seiner Arbeit auf, musterte den Mann, der den Laden betreten hatte, und richtete sich auf, eine Hand ins Kreuz gedrückt.
    »Willst du kaufen oder verkaufen?«, fragte er und nahm dabei die Kette von Alexandrias Hals, was Julius bedauerte.
    »Weder noch, Tabbic. Julius ist ein alter Freund«, erklärte Alexandria.
    Tabbic nickte einen verhaltenen Gruß. »Ist das der, der sich um Octavian kümmert?«
    »Dem Jungen geht es gut«, sagte Julius.
    Tabbic schniefte. Es gelang ihm nicht ganz, ein kurzes, wohlwollendes Lächeln zu verbergen. »Das freut mich«, sagte er leise, bevor er mit der Kette in einem Hinterzimmer des Ladens verschwand und die beiden allein ließ.
    »Du siehst dünn aus, Julius. Gibt dir deine hübsche Frau nicht genug zu essen?«, fragte Alexandria frei heraus.
    Julius lachte. »Ich bin erst seit ein paar Tagen wieder zurück. Ich habe mir Marius’ altes Haus als Stadtvilla zurückgeholt.«
    Alexandria blinzelte erstaunt. »Das ging ja schnell«, sagte sie. »Ich dachte, dort wohnt jetzt Sullas Heerführer.«
    »Er hat dort gewohnt. Ich muss vor dem Gericht des Forums erscheinen, um es zu behalten, aber das Haus gibt mir die Möglichkeit, Marius’ Namen in dieser Stadt wieder reinzuwaschen.«
    Ihr Lächeln verschwand bei dieser Erinnerung an die schlimmen Zeiten, und sie beschäftigte sich damit, ihre Schürze auszuziehen, und fluchte, als der Knoten sich ihren Fingern widersetzte. Julius wollte ihr helfen, unterdrückte den Impuls jedoch mühsam. Es überraschte ihn, dass er sich sofort wieder so heftig wie ehedem zu ihr hingezogen fühlte, sobald er den Laden betreten hatte. Das beunruhigte ihn so sehr, dass er ihr lieber nicht näher kommen wollte. Also wartete er, bis sie die Bänder selbst gelöst hatte.
    Du bist ein verheirateter Mann, wies er sich streng zurecht, errötete aber unwillkürlich, als sie ihn wieder anschaute.
    »Und was führt dich in unseren bescheidenen kleinen Laden? Ich bezweifle, dass du lediglich vorhattest, mich zu besuchen.«
    »Trotzdem wäre das gut möglich. Es hat mich sehr gefreut, als ich von Tubruk erfahren habe, dass du überlebt hast. Ich habe gehört, dass Metella sich das Leben genommen hat.« Wie früher suchte er in ihrer Gegenwart ständig nach Worten und ärgerte sich dabei über seine Unbeholfenheit.
    »Hätte ich gewusst, was sie vorhatte, hätte ich sie niemals allein gelassen.« Alexandria sah ihn mit funkelnden Augen an. »Bei den Göttern, ich hätte sie mit hierher zu Tabbic gebracht. Sie war ein Opfer, ebenso wie die Männer, die dieser Hundesohn Sulla auf den Straßen hat umbringen lassen. Mir tut es nur Leid, dass er, wie man berichtet, schnell gestorben ist. Ich hätte ihm einen langsamen Tod gewünscht.«
    »Ich habe nichts vergessen, auch wenn der Senat anscheinend vergessen möchte«, sagte Julius mit bitterer Stimme. Sie wechselten einen Blick stummen Einvernehmens, eine Erinnerung an die, die sie verloren und an eine Vertrautheit, die zwischen ihnen noch lebendiger war, als sie vermutet hatten.
    »Wirst du sie bezahlen lassen, Julius? Mir wird immer noch übel bei dem Gedanken an den Abschaum, den ich damals in den Straßen habe toben sehen. Rom ist ein viel schmutzigerer Ort, als man es vom Forum aus sehen kann.«
    »Ich tue, was ich kann. Ich werde damit anfangen, dass ich sie Marius ehren lasse; eine Kröte, an der sie ziemlich zu schlucken haben dürften«, antwortete er ernst.
    Sie lächelte ihn wieder an. »Bei den Göttern, bin ich froh, dein Gesicht nach so langer Zeit wiederzusehen. Es bringt mir die ganze Vergangenheit wieder«, sagte sie, und er errötete abermals, woraufhin sie leise auflachte. Mit ihrem Selbstvertrauen als freie Frau war sie fast nicht wiederzuerkennen, trotzdem spürte er, dass sie jemand war, dem er einfach deshalb vertrauen konnte, weil sie ein Teil der Vergangenheit war. Die zynischere Stimme in ihm argwöhnte, dass er hoffnungslos naiv war. Sie alle hatten sich verändert, und Brutus hatte ihm das bereits deutlich genug gezeigt.
    »Ich habe dir nie für das Geld gedankt, das du bei Metella für mich zurückgelassen hast, für die Zeit, wenn ich frei sein würde«, sagte sie. »Ich habe mir einen Anteil an diesem Laden dafür gekauft. Es hat mir sehr viel bedeutet.«
    Er tat ihren Dank mit einer flüchtigen Handbewegung ab.
    »Ich wollte dir helfen«, erwiderte er.
    »Bist du hergekommen, um nachzusehen, wie ich es angelegt habe?«
    »Nein. Ich weiß, ich könnte sagen, dass ich dich nur um unserer alten Freundschaft willen wiedersehen wollte, aber ehrlich gesagt…« Er stockte.
    »Ich wusste es! Du suchst ein Ohrgehänge für deine Frau, oder eine schöne Brosche? Ich fertige dir etwas ganz Besonderes an, etwas, das zu ihren Augen passt.« Ihre Heiterkeit stand im krassen Gegensatz zu seiner ernsthafteren Stimmung. Er war ganz anders als der stammelnde Knabe, den sie gekannt hatte.
    »Nein, es ist für die Verhandlung, und danach. Ich möchte Bronzeschilde zu Ehren von Marius in Auftrag geben. Sie sollen sein Bild tragen, seine Schlachten darstellen, sogar seinen Tod, als die Stadt gefallen ist. Ich möchte, dass sie seine Lebensgeschichte erzählen.«
    Alexandria strich mit einer Hand über ihr zusammengebundenes Haar und hinterließ einen schmalen Streifen Goldspäne auf ihrer Wange. Wenn sie sich bewegte, fing sich das Licht darin, und er verspürte unwillkürlich den Drang, mit dem Daumen über ihre Haut zu fahren, um sie wegzuwischen. Seine Regungen verwirrten ihn, und er versuchte sich zu konzentrieren.
    Sie runzelte nachdenklich die Stirn, dann nahm sie einen Griffel und eine Wachstafel aus einem Regal.
    »Sie sollten groß sein, vielleicht drei Fuß im Durchmesser, damit man auch aus einiger Entfernung noch etwas erkennen kann.«
    Sie fing an, Skizzen in die Wachsfläche zu ritzen, wobei sie ein Auge fast zukniff. Julius sah zu, wie sie sich eine lose Haarsträhne aus der Stirn strich. Tubruk hatte gesagt, sie sei gut, und normalerweise konnte man sich auf das Urteil dieses Mannes verlassen.
    »Die Erste sollte ein Porträt sein. Wie findest du die Idee?«
    Sie drehte sich um, und Julius war erleichtert, als die Skizze ein Gesicht zeigte, das er wiedererkannte. In den Zügen lag etwas von der Strenge, an die er sich erinnerte, obwohl die einfachen Linien niemals mehr sein konnten als der Widerhall der Lebendigkeit, die Marius erfüllt hatte.
    »Das ist er. Ich wusste gar nicht, dass du das so gut kannst.«
    »Tabbic ist ein hervorragender Lehrer. Ich kann dir deine Schilde anfertigen, aber schon das Metall ist teuer. Ich möchte nicht mit dir handeln, Julius, aber wir reden hier über mehrere Monate Arbeit. Mit diesem Auftrag könnte ich mir in der ganzen Stadt einen Namen machen.«
    »Die Kosten spielen keine Rolle. Ich vertraue darauf, dass du mir einen angemessenen Preis machst, aber ich brauche sie in drei Wochen, nicht Monaten. Der Senat dürfte die Verhandlung nicht lange aufschieben, denn Antonidus tobt wegen dem Verlust seines Hauses. Ich brauche das Beste, was du herstellen kannst, und das so schnell wie möglich.«
    »Tabbic?«, rief Alexandria.
    Der ergraute Kunstschmied kam aus dem Hinterzimmer, die Werkzeuge immer noch in Händen. Sie erklärte ihm rasch die Lage, und Julius lächelte, als das Gesicht des Mannes vor Interesse aufleuchtete. Schließlich nickte er.
    »Ich kann die normale Arbeit im Laden übernehmen, aber die bestellten Broschen müssen wir dann verschieben. Aber denk dran«, er rieb sich nachdenklich über das Kinn, »das könnte den Preis für diejenigen in die Höhe treiben, die du bereits fertig hast, was ja nicht verkehrt wäre. Wir müssen ein größeres Lager anmieten, und eine viel größere Schmiede. Mal sehen…« Er holte noch eine Tafel aus dem Regal, woraufhin die beiden eine ganze Weile schrieben und sich leise unterhielten, während Julius ungeduldig zusah. Schließlich waren sie sich einig, und Alexandria drehte sich wieder zu ihm um. Das Gold in ihren Haaren funkelte immer noch.
    »Ich nehme den Auftrag an. Der Preis hängt davon ab, wie viel Ausschuss wir haben, und ob wir noch einmal neu gießen müssen. Wenn du ein paar Stunden Zeit hast, müssen wir uns darüber unterhalten, welche Szenen du haben willst.«
    »Du weißt, wo du mich findest«, sagte er. »Wenn du mich brauchst, kannst du jederzeit zu mir hinauskommen.«
    Alexandria hantierte mit ihrem Stylus herum, plötzlich fühlte sie sich unbehaglich.
    »Mir wäre es lieber, wenn du hierher kommst«, sagte sie, ohne ihm näher erklären zu wollen, wie sehr sie das alte Gut auf die Probe gestellt hatte, als sie das letzte Mal das Tor passiert hatte.
    Julius verstand, was sie nicht gesagt hatte.
    »In Ordnung. Vielleicht bringe ich sogar den Jungen mit, wenn ich komme. Tubruk sagt, er redet die ganze Zeit von dir und…äh… Tabbic.«
    »Tu das. Wir vermissen ihn beide sehr. Seine Mutter besucht ihn, so oft es geht, aber es muss schwer für ihn sein, von ihr getrennt zu sein«, antwortete Alexandria.
    »Er ist die reinste Landplage. Vor ein paar Tagen hat Tubruk ihn dabei erwischt, wie er auf meinem Pferd über die Wiesen geritten ist.«
    »Er hat ihn doch nicht etwa geschlagen?«, fragte Alexandria zu hastig.
    Julius schüttelte lächelnd den Kopf. »Das würde er nie tun. Der Junge hat Glück gehabt, dass ihn Renius nicht geschnappt hat, obwohl ich nicht weiß, wie der ihn mit einer Hand verprügeln könnte. Sag seiner Mutter, sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Er ist von meinem Blut. Ich kümmere mich um ihn.«
    »Er hat nie einen Vater gehabt, Julius. Ein Junge braucht einen Vater mehr als ein Mädchen.«
    Julius zögerte, unwillig, die Verantwortung zu übernehmen.
    »Unter den Fittichen von Renius und Tubruk dürfte er nicht schlecht geraten.«
    »Sie sind keine Blutsverwandten, Julius«, erwiderte sie und hielt seinem Blick so lange stand, bis er wegsah.
    »Na schön! Ich nehme ihn mit, obwohl ich keine einzige Sekunde lang meine Ruhe hatte, seit ich die Stadt betreten habe. Ich kümmere mich um ihn.«
    Sie grinste ihn spitzbübisch an. »›Es gibt im Leben eines Mannes keine größere Herausforderung als die Erziehung seines Sohnes‹«, zitierte sie.
    Julius seufzte. »Das hat mein Vater immer gesagt.«
    »Ich weiß. Und er hatte Recht. Es gibt keine Zukunft für den Jungen, wenn er sich auf den Straßen dieser Stadt herumtreibt. Überhaupt keine. Wo wäre Brutus, wenn deine Familie ihn nicht aufgenommen hätte?«
    »Ich habe mich einverstanden erklärt, Alexandria. Du brauchst nicht noch weiter darauf herumzureiten.«
    Ohne Warnung hob sie die Hand und berührte die weiße Narbe auf seiner Stirn.
    »Lass mich dich ansehen«, sagte sie, kam einen Schritt näher und pfiff leise. »Du hast Glück, dass du noch am Leben bist. Ist dein Auge deshalb anders?«
    Er zuckte die Achseln und wollte die Unterhaltung eigentlich abbrechen, doch dann sprudelte die Geschichte nur so aus ihm heraus: der Kampf auf der Accipiter, die Kopfwunde, die ihm monatelang zu schaffen gemacht hatte, die Anfälle, die ihm davon geblieben waren.
    »Seit ich weggegangen bin, ist nichts mehr so, wie es einmal war«, sagte er. »Oder aber doch, und nur ich habe mich so sehr verändert, dass ich es nicht mehr erkenne. Cabera meint, die Anfälle könnten bis zu meinem Lebensende bleiben oder schon morgen aufhören. Niemand kann das mit Gewissheit sagen.« Er hob die linke Hand und musterte sie, doch sie zitterte nicht einmal.
    »Manchmal glaube ich, das Leben ist nichts weiter als ein einziger Schmerz, unterbrochen von kurzen Augenblicken der Freude«, antwortete sie. »Du bist stärker als früher, Julius, sogar mit dieser Wunde. Ich habe mir angewöhnt, den Schmerz durchzustehen und die Momente des Glücks auszukosten, ohne mich um die Zukunft zu sorgen.«
    Er ließ die Hand fallen und schämte sich plötzlich dafür, dass er so freimütig von seinen Ängsten geredet hatte. Diese Last hatte weder sie noch sonst jemand zu tragen, sondern einzig und allein er. Er stand der Familie vor, er war römischer Tribun und Befehlshaber der Primigenia. Wie eigenartig, dass er sich nicht daran freuen konnte, obwohl er einst davon geträumt hatte.
    »Hast du… Brutus gesehen?«, fragte Julius nach einer Pause.
    Sie drehte sich weg und beschäftigte ihre Hände damit, die Werkzeuge von Tabbics Werkbank zu räumen.
    »Wir sehen uns gelegentlich«, sagte sie.
    »Oh. Ich habe ihm nicht gesagt, dass wir…ähm…«
    Alexandria lachte plötzlich und schaute ihn über die Schulter an.
    »Das lässt du auch besser bleiben. Ihr wetteifert auch so schon genug, auch ohne dass ich zwischen euch stehe.«
    Zu seiner Verwunderung stellte Julius fest, dass ein Stachel der Eifersucht sich in seine Gedanken bohrte. Er wehrte sich dagegen. Alexandria gehörte nicht ihm, und abgesehen von einer jahrealten, wie unter Glas aufbewahrten Erinnerung hatte sie ihm auch nie gehört. Als er sie ansah, schien sie das Durcheinander seiner innersten Gedanken nicht zu spüren.
    »Behalte ihn in deiner Nähe, Julius. Rom ist gefährlicher als du denkst«, sagte sie.
    Julius hätte bei dem Gedanken an die Gefahren, die er bereits überlebt hatte, beinahe gegrinst, doch die Tatsache, dass sie sich um sein Leben sorgte, ernüchterte ihn.
    »Ich behalte ihn in meiner Nähe«, versprach er.
    Julius stieg vom Pferd, um die letzten zwei Meilen bis zum Landgut außerhalb der Stadt zu Fuß zu gehen. Sein Kopf schwirrte vor Plänen, während er dahinschritt, die Zügel um den Arm geschlungen. Seit seiner Heimkehr hatten sich die Ereignisse förmlich überschlagen. Er hatte den Posten als Tribun bekommen, hatte sich das Haus des Marius zurückgeholt und das Kommando über die Primigenia übernommen. Und er hatte Alexandria wiedergetroffen. Octavian. Cornelia. Sie kam ihm vor wie eine Fremde. Er legte die Stirn in Falten und ging völlig in Gedanken versunken dahin, wie betäubt von dem gleichmäßigen Rhythmus der Hufe neben ihm im Staub. Die Erinnerung an sie hatte ihm über die schlimmsten Zeiten seiner Gefangenschaft hinweggeholfen. Das Verlangen, zu ihr zurückzukehren, war die geheime Kraft tief in ihm gewesen, die ihn Verletzungen, Krankheit und Schmerz hatten überstehen lassen. Und doch… als er sie schließlich in den Armen gehalten hatte, war es ihm vorgekommen, als sei sie eine andere. Er hoffte, dass sich das mit der Zeit gab, doch ein Teil von ihm sehnte sich immer noch nach der Gemahlin, die er liebte, obwohl sie nur eine Meile entfernt war und auf ihn wartete.
    Die juristische Auseinandersetzung, der er sich bald stellen musste, beunruhigte ihn nicht im Geringsten. Er hatte mehr als sechs Monate Monotonie in einer Schiffszelle zur Verfügung gehabt, um eine Verteidigung für Marius aufzubauen. Wenn Antonidus ihm nicht die Gelegenheit verschafft hätte, so hätte er die Angelegenheit auf irgendeine andere Weise zur Sprache gebracht. Jedenfalls war es ihm unmöglich, seinen Onkel weiterhin der Verachtung der Stadt ausgeliefert zu sehen.
    Cornelia kam ihm zur Begrüßung aus dem Tor entgegen. Er küsste sie. Verspätet wurde ihm bewusst, dass es noch andere Dinge zwischen Ehegatten gab, die er in den zwei Nächten seit seiner Rückkehr vernachlässigt hatte. Er war sicher, dass die körperliche Nähe auch seine Liebe zu ihr wieder aufleben lassen würde. Die Anstrengungen seiner Reisen wichen rasch von ihm; er küsste sie wieder, diesmal ausgiebig, und so mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, bemerkte er nicht, dass sie plötzlich wie in panischer Angst in seinen Armen erstarrte. Er gab das Pferd in die Obhut des Sklaven, der bereits im Hintergrund gewartet hatte.
    »Geht es dir gut?«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr. Der Duft ihres Parfüms drang kühl in seine Lunge. Sie nickte schweigend.
    »Schläft das Kind?«
    Sie lehnte den Kopf zurück und sah ihn an.
    »Was hast du denn vor?«, fragte sie und bemühte sich, gelassen zu bleiben.
    »Wenn du willst, zeige ich es dir«, erwiderte er und küsste sie wieder. Ihre Haut war blass und wunderschön. Gemeinsam gingen sie ins Haus, wo sie vor ungebetenen Blicken geschützt waren.
    Im Schlafzimmer kam er sich ungeschickt vor und überspielte seine Nervosität mit Küssen, zwischen denen er seine Kleider auf den Boden schleuderte. Etwas stimmte nicht dabei, wie sie seine Zärtlichkeiten erwiderte, doch er war sich nicht sicher, ob es nur an ihrer langen Trennung lag. Alles in allem kannten sie sich noch so gut wie überhaupt nicht, so dass er keine rückhaltlose Vertrautheit erwarten durfte. Also streichelte er ihren Hals, damit sie sich entspannte, und fuhr mit den Händen zärtlich ihren Rücken hinunter, als sie nackt beieinander saßen und das gedämpfte Licht der einzigen Lampe das Zimmer in Gold tauchte.
    Cornelia erwiderte seine Küsse und wollte das, was in ihr verletzt worden war, am liebsten herausschluchzen. Sie hatte niemandem erzählt, was Sulla getan hatte, nicht einmal Clodia. Sie hatte gehofft, die Schande vergessen zu können, hatte sie irgendwo tief in sich vergraben, bis es ihr vorkam, als wäre es nie geschehen. Als sie spürte, dass Julius immer erregter wurde, schloss sie sich seinem Rhythmus an, empfand jedoch nichts außer Angst, als die Erinnerungen an den letzten Besuch des Diktators ungewollt in ihr aufblitzten. Wieder hörte sie den Schrei ihrer Tochter in der Wiege neben ihrem Bett, während Sulla sie niederdrückte. Tränen rannen aus ihren Augen, als die Grausamkeit mit entsetzlicher Wucht an die Oberfläche ihrer Erinnerung stieg.
    »Ich glaube, ich kann nicht, Gaius«, sagte sie mit brechender Stimme.
    »Was hast du denn?«, fragte er, erschrocken über ihre Tränen.
    Cornelia schmiegte sich an ihn, und er schlang die Arme um ihren Körper, legte den Kopf auf den ihren, als sie von heftigem Schluchzen geschüttelt wurde.
    »Hat dir jemand etwas getan?«, flüsterte er, und eine große Leere breitete sich in seiner Brust aus, kaum dass er diesen schrecklichen Gedanken ausgesprochen hatte.
    Zuerst konnte sie ihm nicht antworten, aber dann begann sie mit fest geschlossenen Augen zu flüstern. Nicht das Schlimmste, sondern den Anfang, von den Schrecknissen ihrer Schwangerschaft, der grausamen Gewissheit, dass niemand in ganz Rom Sulla aufhalten konnte.
    Julius spürte, wie ihn eine große Traurigkeit niederdrückte, als er zuhörte. Ohne Vorwarnung liefen ihm Tränen des Zorns und der Ohnmacht über das Gesicht. Was hatte Cornelia durchmachen müssen! Er riss sich mit aller Macht zusammen, hielt die Frage zurück, die ihm auf den Lippen brannte, diese sinnlose, dumme Frage, die überhaupt nichts brachte, sondern sie beide nur noch schlimmer verletzen würde. Das alles zählte nichts, nur die Tatsache, dass er sie in den Armen hielt, so lange, bis ihr Schluchzen langsam zu schmerzlichem Zittern verebbte.
    »Er ist tot, Lia. Er kann dir nichts mehr tun«, sagte er.
    Er erzählte ihr, wie ihre Liebe ihn hatte durchhalten lassen, als er glaubte, in der dunklen Zelle wahnsinnig zu werden, wie stolz er bei der Hochzeit gewesen sei, wie viel sie ihm und seinem Leben bedeutete. Seine Tränen trockneten mit den ihren, und als der Mond schon fast untergegangen war, schliefen sie ein und glitten voneinander fort.

31

    Die Sonne stand erst zwei Spannen über dem Horizont, als Tubruk Julius an die Außenmauer des Gutes gelehnt fand, eine Decke gegen die Kälte um den nackten Oberkörper geschlungen.
    »Du siehst krank aus«, brummte der alte Gladiator. Zu seiner Verwunderung gab ihm Julius keine Antwort, ja er schien überhaupt nicht wahrzunehmen, dass er vor ihm stand. Die Augen des jungen Mannes waren gerötet von nur wenigen Stunden Schlaf, und der kühle Morgenwind ließ seine Haut frösteln, was er jedoch zu ignorieren schien. Tubruk sah die weißen Narben auf der dunkleren Bräune, ein lebhaftes Zeugnis alten Schmerzes und vieler Kämpfe.
    »Julius?« Wieder erhielt er keine Antwort, doch Julius ließ die Decke fallen und stand jetzt nur noch in Sandalen und den kurzen Bracae da, die ihm bis zur Mitte der Oberschenkel reichten.
    »Ich muss ein bisschen laufen gehen«, sagte Julius und blickte hinauf zum Wald auf dem Hügel über ihnen. Seine Stimme war so kalt wie der Wind, und Tubruk kniff besorgt die Augen zusammen.
    »Ich begleite dich, mein Junge, wenn es dir nichts ausmacht, einen Augenblick auf mich zu warten«, erwiderte er, und als Julius die Achseln zuckte, eilte Tubruk ins Haus, um sich der schweren Tunika und der Beinkleider zu entledigen.
    Als er zurückkam, war Julius bereits dabei, langsam seine Beinmuskeln zu dehnen, und der Verwalter tat es ihm gleich, nachdem er die Lederriemen seiner Sandalen bis zu den Waden hinaufgebunden hatte.
    Sobald sie damit fertig waren, trabten sie los, den Hügel hinauf, wobei Julius die Geschwindigkeit vorgab.
    Die erste Meile durch den Wald legte Tubruk mit Leichtigkeit zurück, froh darüber, dass er seine körperliche Verfassung nicht vernachlässigt hatte. Dann, als seine Brust zu brennen anfing, schielte er zu Julius hinüber, der unbeschwert über den unebenen Weg trabte und seine Lunge mit gleichmäßigen, langen Atemzügen blähte. Tubruk gab nicht nach und blieb dicht an seiner Schulter, ob sie nun kleine Sprints einlegten oder zwischendurch wieder in einen gemächlicheren Trab verfielen. Julius sagte kein einziges Wort, rannte nur immer weiter, bis ihm der Schweiß in dicken Tropfen über die Stirn lief und in den Augen brannte.
    Nach einer weiteren Meile kamen sie aus der kühlen, grünen Dunkelheit des Waldes heraus und rannten nun an der neuen Gutsgrenze entlang. Tubruk atmete in kurzen, schmerzhaften Stößen, seine Beine protestierten schon seit geraumer Zeit. So durchtrainiert er auch war, ein Mann in seinem Alter konnte dieses erbarmungslose Tempo nicht länger durchhalten, und Julius zeigte immer noch kein Anzeichen von Ermüdung, als hätte er die Strapazen, denen er seinen Körper aussetzte, einfach vergessen. Seine Augen fixierten einen Punkt irgendwo in der Ferne, seine Konzentration war nach innen gerichtet, und er merkte nicht einmal, dass Tubruk kaum mehr mithalten konnte. Der alte Gladiator begriff irgendwie, dass es wichtig war, bei ihm zu sein, doch die Anstrengung ließ bereits grelle Blitze vor seinen Augen tanzen, und sein Herz hämmerte vor Anstrengung in allen Pulsen, ließ Wogen von Hitze durch ihn wallen, was das wachsende Schwindelgefühl noch verstärkte.
    Ohne Vorwarnung blieb Julius stehen und stützte schwer atmend die Hände auf die Knie. Dankbar für die Pause hielt Tubruk sofort an. Mit kleinen Schritten trat er vor Julius und verstellte ihm so den Weg, in der Hoffnung, der junge Mann würde nicht gleich wieder losrennen.
    »Wusstest du, was mit Cornelia passiert ist?«, fragte ihn Julius.
    Tubruk wurde es mit einem Male kalt, seine Erschöpfung spielte keine Rolle mehr.
    »Ich wusste es«, sagte er grimmig. »Clodia hat es mir erzählt.«
    Julius fluchte jäh in rasendem Zorn, ballte die Fäuste und sein Gesicht lief unter seinen unbeherrschten Gefühlen noch dunkler an, als es das ohnehin schon war. Beinahe wäre Tubruk einen Schritt zurückgewichen. Verwundert sah er zu, wie der junge Mann auf und ab ging und zornig mit den Händen in der Luft herumfuchtelte, als würde er etwas packen und töten. Schließlich richteten sich seine Augen auf den Verwalter, und Tubruk musste seine ganze Willenskraft aufbringen, um dem Blick standzuhalten.
    »Du hast gesagt, du würdest sie beschützen!«, fauchte Julius ihn an und machte einen Schritt auf Tubruk zu, so dass sein Gesicht nur wenige Zentimeter vor dem des Älteren entfernt war. »Ich habe darauf vertraut, dass sie bei dir in Sicherheit ist!«
    Wie in einem plötzlichen Krampf hob Julius die Faust, und Tubruk hielt in Erwartung des Schlages still. Doch stattdessen schnaubte Julius nur und drehte sich abrupt zur Seite.
    Da Tubruk die aufwallenden Gefühle kannte, die Julius so aus der Fassung brachten, sagte er leise: »Als Clodia es mir sagte, habe ich gehandelt.«
    Zuerst hörte ihn Julius überhaupt nicht.
    »Dieses Schwein Sulla hat ihr Todesangst eingejagt. Er hat sie mit seinen dreckigen Fingern berührt«, stieß Julius hervor und fing an zu schluchzen. Dann sank er langsam auf dem struppigen Gras in die Knie und bedeckte mit einer Hand die Augen. Tubruk hockte sich neben ihn, legte die Arme um den jungen Mann und zog ihn mit einiger Mühe an seine Brust. Julius leistete keinen Widerstand mehr, seine Stimme war nur noch ein ersticktes Krächzen.
    »Sie dachte, ich würde sie deswegen hassen, Tubruk, kannst du dir das vorstellen?«
    Tubruk hielt ihn fest, ließ die Trauer ihr Werk verrichten. Als Julius sich schließlich beruhigt hatte, ließ er ihn los und sah in sein vor Kummer blasses Gesicht.
    »Ich habe ihn getötet, Julius. Nachdem ich davon gehört habe, habe ich Sulla umgebracht«, sagte er.
    Julius riss schockiert die Augen auf, doch Tubruk redete weiter, erleichtert, dass er es endlich aussprechen konnte. »Ich habe mir einen Platz als Sklave in seiner Küche verschafft und sein Essen mit Eisenhut gewürzt.«
    Julius kam sofort wieder zu sich, als er begriff, welcher Gefahr sie ausgesetzt waren, und packte Tubruks Arme mit festem Griff. »Wer weiß sonst noch davon?«
    »Nur Clodia. Cornelia habe ich nichts davon gesagt, um sie zu schützen«, antwortete Tubruk und widerstand dem Verlangen, sich loszumachen.
    »Sonst niemand? Bist du sicher? Könnte dich jemand erkennen?«
    Jetzt wurde Tubruk wütend, hob die Hände und löste knurrend Julius’ klamme Finger.
    »Jeder, der mich belasten könnte, ist tot. Mein Freund, den ich schon seit dreißig Jahren kenne, und der mich in Sullas Gesinde eingeschleust hat, ist unter der Folter gestorben, ohne meinen Namen preiszugeben. Außer Clodia und uns beiden gibt es niemanden, der eine Verbindung herstellen könnte, das schwöre ich.« Er blickte in Julius’ unerbittliche Augen und sprach langsam und gepresst durch die Zähne, als er dessen Gedanken erriet: »Du rührst Clodia nicht an, Julius. Denk nicht einmal daran.«
    »Solange sie lebt, sind meine Frau und meine Tochter in Gefahr«, erwiderte Julius unerschrocken.
    »Solange ich lebe, auch. Willst du mich auch töten? Das musst du nämlich tun, wenn du Clodia etwas antust, darauf gebe ich dir mein Wort, andernfalls bekommst du es mit mir zu tun.«
    Die beiden Männer standen dicht voreinander, beide starr vor innerlicher Anspannung. Das Schweigen zwischen ihnen breitete sich aus, doch keiner von beiden blickte zur Seite. Dann überlief Julius ein Schauer, und der irre Ausdruck wich aus seinen Augen. Tubruk starrte ihn weiter an, denn er wollte, dass Julius ihm in diesem Punkt nachgab. Schließlich ergriff der junge Mann wieder das Wort.
    »Na schön, Tubruk. Aber wenn Sullas Familie ihr oder dir jemals auf die Schliche kommt, darf es keine Verbindung zu meiner Familie geben!«
    »Verlang das nicht von mir!«, fuhr Tubruk zornig auf. »Ich diene deiner Familie seit Jahrzehnten. Ich gebe dir nicht auch noch mein und ihr Blut! Ich liebe sie, Julius, und sie liebt mich. Meine Pflicht, meine Liebe dir gegenüber geht nicht so weit, dass ich ihr etwas antun würde. Das wird nicht geschehen. Aber wie auch immer, ich weiß, dass es von Sulla zu mir keine Verbindung gibt, und zu dir auch nicht. Ich habe Blut an meinen Händen, um das zu beweisen.«
    Als Julius wieder sprach, war seine Stimme schwer vor Müdigkeit.
    »Dann musst du fortgehen. Ich habe genug Geld, um dir irgendwo zu einem neuen Anfang zu verhelfen, fern von Rom. Ich kann Clodia freilassen, und du nimmst sie mit.«
    Tubruks Wangenmuskeln traten hervor. »Und deine Mutter? Wer kümmert sich um deine Mutter?«
    Alle Leidenschaft wich von dem jungen Mann und ließ ihn erschöpft und leer zurück.
    »Cornelia ist auch noch da, außerdem kann ich eine andere Pflegerin einstellen. Was bleibt mir denn sonst übrig, Tubruk? Glaubst du, ich will es so? Du bist mein Leben lang bei mir gewesen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie das Gut ohne dich weiter bestehen soll, aber du weißt genauso gut wie ich, dass die Sullas immer noch nach den Attentätern suchen. Bei allen Göttern… Pompeius’ Tochter!«
    Er erstarrte vor Schreck, als ihm die Bedeutung dieses Todesfalles bewusst wurde. Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.
    »Sie haben blindlings zugeschlagen! Cornelia schwebt schon jetzt in Gefahr!«, sagte er. Ohne ein weiteres Wort setzte er sich wieder in Bewegung, rannte in Richtung des Anwesens zurück, wobei er die Abkürzung über die schmale Brücke nahm. Tubruk rannte ihm fluchend hinterher, doch mit seinen müden Beinen gelang es ihm nicht, zu Julius aufzuschließen. Sobald Julius die Worte ausgesprochen hatte, war dem alten Gladiator klar gewesen, wie Recht er damit hatte, und auch ihn hatte die Panik ergriffen. Cornelia jetzt zu verlieren, nach allem, was er zu ihrem Schutz getan hatte… Beinahe hätte er vor Wut geheult, als er sich zwang, die Schmerzen zu ignorieren und schneller zu rennen.
    Cornelia hatte ebenso leicht geschlafen wie ihr Gatte, und als die beiden Männer keuchend im Hof ankamen, saß sie gerade mit Clodia und Julia zusammen. Die Frauen überlegten, ob sie einen Ausflug in die Stadt machen sollten. Sie hörte Julius nach seinen Soldaten rufen und erhob sich von der Liege, ganz offensichtlich nervös. Trotz der zärtlichen Augenblicke, die er ihr geschenkt hatte, war er nicht mehr der Mann, der vor Jahren das brennende Rom verlassen hatte. Seine Unschuld war von ihm gewichen, vielleicht mit den Narben, über die er nicht sprechen wollte. Manchmal glaubte sie, dass sie keine Tränen mehr für das hatte, was Sulla ihnen beiden genommen hatte.
    Als er ins Zimmer gestürzt kam, wurden ihre Augen groß vor Angst.
    »Was ist los?«, fragte sie.
    Julius warf Clodia einen finsteren Blick zu; er wusste genauso gut wie Tubruk, dass es das Risiko nur noch vergrößern würde, Cornelia in das Geheimnis einzuweihen. Tubruk kam kurz nach ihm herein, wechselte einen Blick mit der alten Pflegerin und nickte kaum wahrnehmbar, um zu bestätigen, was sie vermutete. Julius sprach eindringlich, erleichtert, Cornelia wohlbehalten vorzufinden. Der Lauf nach Hause war eine Qual für ihn gewesen; er hatte sich mit Bildern von Attentätern gemartert, die durch das Haus schlichen, um ihr etwas anzutun.
    »Es könnte sein, dass dir Gefahr von Sullas Freunden droht. Pompeius hat seine Tochter verloren. Er stand Marius sehr nahe. Ich hätte früher daran denken sollen! Es wäre möglich, dass diejenigen, die den Diktator rächen wollen, es noch immer auf seine Feinde abgesehen haben, in der Hoffnung, dass ihnen dabei auch der tatsächliche Mörder ins Netz geht. Ich lasse Soldaten von der Primigenia kommen, damit sie dich hier beschützen, und ich schicke Boten zu Crassus. Er könnte ebenfalls eines ihrer Ziele sein. Bei den Göttern, sogar Brutus! Aber wenigstens er ist gut geschützt.«
    Er marschierte im Zimmer auf und ab, und seine nackte Brust hob und senkte sich noch immer von dem Lauf.
    »Ich muss mit List vorgehen, aber ich darf diese Männer nicht am Leben lassen. Auf die eine oder andere Weise muss ich ihrer Allianz in Sullas Namen das Rückgrat brechen. Wir können nicht in ständiger Furcht vor dem Messer eines Meuchelmörders leben.« Jäh drehte er sich um und zeigte auf den Verwalter, der schweißüberströmt an der Tür stand.
    »Tubruk, ich möchte, dass du auf meine Familie aufpasst, bis das alles hier vorbei ist. Wenn ich in Rom sein muss, brauche ich hier jemanden, dem ich vertraue, um meine Familie zu beschützen.«
    Der ältere Mann reckte sich würdevoll. Die wüsten Drohungen, die Julius unterwegs ausgesprochen hatte, würde er nicht wieder erwähnen, doch er konnte unmöglich erraten, welche Haken Julius’ ständig arbeitender Verstand als Nächstes schlagen würde.
    »Ich soll hier bleiben?«, fragte er. In seinen Worten lag etwas, das Julius in seinem Auf- und Abschreiten innehalten ließ.
    »Ja. Ich habe mich geirrt. Meine Mutter braucht dich. Ich brauche dich mehr als je zuvor. Wem kann ich denn sonst vertrauen?«
    Tubruk nickte. Er wusste, dass ihr Gespräch auf dem Hügel damit erledigt war. Der junge Mann, der wie ein Leopard auf und ab wanderte, gehörte nicht zu denen, die sich lange mit den Verfehlungen der Vergangenheit aufhielten.
    »Wer bedroht uns denn?«, wollte Cornelia wissen und hielt den Kopf hoch erhoben, um der Angst zu wehren, die in ihr aufgewallt war.
    »Cato ist ihr Anführer, mit seinen Gefolgsleuten. Vielleicht gehört auch Antonidus dazu. Sogar Suetonius’ Vater könnte zu ihnen gehören. Bestimmt stecken sie dahinter, oder sie wissen davon«, erwiderte Julius. Bei dem Namen des Generals, an den sie sich gut erinnerte, erschauerte Cornelia. Ihrem Gemahl kam ein neuer Gedanke, und er fluchte laut.
    »Ich hätte Sullas Hund gleich erledigen sollen, als ich die Möglichkeit dazu hatte. Er stand nur ein paar Fuß vor dem Tor zu Marius’ Haus. Wenn er etwas mit dem Mord an Pompeius’ Tochter zu tun hat, dann ist er gefährlicher, als ich dachte. Bei allen Göttern, wie blind bin ich gewesen!«
    »Dann musst du sofort zu Pompeius. Er ist dein Verbündeter, ob er sich nun dessen bewusst ist oder nicht«, sagte Tubruk rasch.
    »Und Crassus, und auch dein Vater Cinna«, fügte Julius hinzu und nickte zu Cornelia. »Ich muss mich mit allen dreien treffen.«
    Cornelia ließ sich wieder auf die Liege sinken. Julius kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hand.
    »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht, das verspreche ich. Mit fünfzig Mann mache ich aus diesem Gut eine Festung.«
    Sie sah den Wunsch, sie zu schützen, in seinen Augen. Nicht Liebe, sondern die Verpflichtung eines Ehemannes. Sie hatte geglaubt, für Verlust unempfindlich geworden zu sein, doch sein Gesicht so kalt und ernst zu sehen, war schlimmer als alles andere.
    Cornelia zwang sich zu einem Lächeln und presste seine vom Laufen noch erhitzte Hand an die Wange. Eine Festung… oder ein Gefängnis, dachte sie.
    Als zwei Tage später Reiter auf der Straße gesichtet wurden, die von der Stadt herführte, hatten Julius und Brutus das Landgut innerhalb weniger Minuten in Alarmbereitschaft versetzt. Renius hatte fünfzig Mann von der Primigenia hierher verlegt, und als die Reiter das Hoftor erreicht hatten, hätte es einer ganzen Armee bedurft, die Verteidigung zu durchbrechen. Auf jeder Mauer standen Bogenschützen, Cornelia war mit den anderen in einer neuen Unterkunft versteckt, die Julius zu genau diesem Zweck bestimmt hatte. Clodia hatte Julia ohne Gegenrede dort hinuntergeführt, doch durch Aurelia, die nichts von dem begriff, was um sie herum vorging, war wertvolle Zeit verloren gegangen.
    Julius stand allein im Hof und sah zu, wie Tubruk und Renius ihre Positionen einnahmen. Octavian war ungeachtet seines wütenden Protests mit den Frauen nach unten geschickt worden. Jetzt war alles ruhig, und Julius nickte zufrieden. Das Anwesen war gesichert.
    Das Schwert noch in der Scheide, stieg er die Stufen zu der Brustwehr über dem Tor hinauf und sah die Reiter in einiger Entfernung anhalten. Die unerwartete Machtdemonstration auf den Mauern hatte sie misstrauisch gemacht. Eine von zwei Pferden gezogene Kutsche rollte zwischen ihnen. Die Pferde spürten die Anspannung sofort und tänzelten bei den letzten, widerwilligen Schritten. Julius sah wortlos zu, wie einer der Reiter aus dem Sattel stieg und eine Seidendecke im Staub ausbreitete.
    Cato entstieg schwerfällig der Kutsche, trat auf die Decke und nestelte mit übertriebener Sorgfalt am Faltenwurf seiner Toga, die vom Staub der Straße unberührt geblieben war. Dann blickte er ausdruckslos zu Julius hinauf, bevor er seine Männer mit einer Handbewegung anwies, abzusteigen und sich dem Tor zu Fuß zu nähern.
    Julius spreizte die Finger hinter seinem Rücken, um die Anzahl der Fremden zu signalisieren. Es waren zu wenige für einen offenen Angriff, trotzdem fühlte sich Julius unbehaglich dabei, einen solchen Mann auch nur in der Nähe seiner Lieben zu wissen. Als die Soldaten den Schatten des Tores erreichten, spannte sich sein Kiefer. Brutus hatte ihm von der Sache mit Catos Sohn erzählt. Daran war jetzt nichts mehr zu ändern. Genau wie Brutus musste er die Angelegenheit einfach durchstehen.
    Eine Faust dröhnte gegen die schweren Balken des Tores.
    »Wer verlangt Zutritt zu meinem Haus?«, rief Julius und sah Cato von oben ins Gesicht. Der Mann erwiderte seinen Blick unbeeindruckt. Er würde warten, bis sie die Formalitäten erledigt hatten, denn er wusste wohl besser als jeder andere, was für ein Aufruhr in Julius’ Kopf herrschte. Einen Senator durfte man nicht abweisen.
    Ein Soldat an Catos Seite sprach laut genug, um im Haus verstanden zu werden: »Senator Cato erbittet Zutritt in einer privaten Angelegenheit. Lass deine Männer wegtreten und öffne das Tor!«
    Julius erwiderte nichts, sondern stieg stattdessen in den Hof hinunter und beriet sich rasch mit Brutus und Tubruk. Die Verteidiger wurden von den Mauern abgezogen und in die Gutsgebäude geschickt, wo sie auf Befehle warten sollten. Den anderen wurden Aufgaben zugewiesen, die es ihnen erlaubten, in der Nähe zu bleiben. Es war die reinste Posse, bewaffnete Männer Pferde aus den Ställen holen und im Freien striegeln zu lassen, doch Julius wollte kein Risiko eingehen. Als er eigenhändig das Tor öffnete, überlegte er, ob wohl innerhalb der nächsten Stunde Blut fließen würde.
    Cato kam durch das Tor geschritten und lächelte leise, als er die vielen bewaffneten Männer ringsum sah.
    »Erwartest du einen Krieg, Cäsar?«, fragte er.
    »Eine Legion muss in Übung bleiben, Senator. Ich würde mich nicht gern überraschen«, erwiderte Julius und runzelte die Stirn, als Catos Männer hinter ihrem Herrn in den Hof kamen. Er musste es ihnen erlauben, aber er dankte seinen Hausgöttern für seinen Weitblick, dafür, dass er so viele Soldaten seiner Primigenia aus der Stadtkaserne hierher gebracht hatte. Catos Männer wären innerhalb weniger Sekunden tot, wenn er den Befehl dazu gab. Als ihre Pferde weggeführt wurden, war in ihren Gesichtern zu lesen, dass ihnen dies durchaus klar war. Nun standen sie ungeschützt mitten auf dem Hof.
    Cato sah ihn an. »Bist du jetzt der Heerführer der Primigenia? Ich kann mich nicht erinnern, dass im Senat ein diesbezüglicher Antrag gestellt worden wäre.« Seine Stimme klang unbekümmert, ohne jede Drohung, aber Julius spannte sich; er wusste, dass er auf jedes Wort achten musste.
    »Es ist noch nicht offiziell bekannt gemacht worden, aber ich spreche für die Legion«, antwortete er. Die Höflichkeit verlangte, dass er dem Senator nach der Fahrt einen Sitzplatz und Erfrischungen anbot, doch er brachte es nicht über sich, sich auch nur den Anschein von Höflichkeit zu geben, obwohl er wusste, dass Cato das als kleinen Triumph werten würde.
    Renius und Brutus traten an Julius’ Seite, und Catos Blick wanderte von einem zum anderen, allem Anschein nach unbeeindruckt von den beiden Männern.
    »Na schön, Julius. Ich möchte mit dir über meinen Sohn reden«, sagte Cato. »Ich habe Gold für ihn geboten, aber mein Angebot wurde abgelehnt. Ich bin heute Abend hierher gekommen, um dich zu fragen, was du für ihn willst.«
    Er hob den Kopf, und Julius sah, dass seine tief liegenden Augen hell leuchteten. Er fragte sich, ob dieser Mann die Ermordung von Pompeius’ Tochter befohlen hatte. Würde sich sein eigenes Risiko verringern, wenn er Germinius seinem Vater zurückgab? Oder könnte es ihm als Schwäche ausgelegt werden, die Cato dazu benutzen würde, sein Haus in Schutt und Asche zu legen?
    »Er hat den Eid geleistet, Senator. Es gibt…«
    »Du hast doch noch nicht die volle Truppenstärke, oder doch?«, unterbrach ihn Cato. »Wenn ich will, stehen morgen früh tausend Mann hier zu deiner Verfügung. Gesunde Sklaven aus meinem eigenen Landgut, um das Rückgrat der Primigenia zu bilden.«
    Renius grollte plötzlich: »In den Legionen gibt es keine Sklaven, Senator. Die Primigenia besteht aus freien Männern.«
    Cato winkte flüchtig ab, als sei das für ihn kein Problem.
    »Dann lasst ihr sie eben frei, nachdem sie euren kostbaren Eid geleistet haben. Ich zweifle nicht daran, dass ein Mann wie du Mittel und Wege dazu findet, Renius. Du bist so… einfallsreich.« Beim Sprechen schimmerte ein Hauch seiner Gehässigkeit durch, und Julius wusste, dass es seinen Untergang bedeuten würde, ihm nachzugeben.
    »Meine Antwort lautet nein, Senator. Der Eid kann nicht zurückgekauft werden.«
    Cato musterte die drei einige Augenblicke, ohne etwas zu sagen.
    »Dann lässt du mir keine andere Wahl. Wenn mein Sohn zwei Jahre unter dir dienen muss, so will ich ihn nach diesen zwei Jahren lebendig zurückbekommen. Ich schicke dir die Männer…« Er legte eine kleine Pause ein. »Die befreiten Sklaven, Renius. Ich schicke sie dir, damit sie meinen Sohn beschützen.«
    »Es kann sein, dass sie nicht mehr tun, was du von ihnen verlangst, nachdem du sie freigelassen hast«, erwiderte Renius und hielt dem Blick des Senators eisern stand.
    »Sie werden kommen«, blaffte Cato. »Nur wenige Männer bereiten mir so viele Unannehmlichkeiten, wie ihr es getan habt.«
    »Wenn sie zur Primigenia kommen, dann nicht als Beschützer deines Sohnes, Cato«, sagte Julius. »Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich das nicht zulasse.«
    »Willst du mir denn überhaupt nichts zugestehen?«, fragte Cato mit vor Zorn lauter werdender Stimme. Die Stimmung im Hof schlug um; Hände tasteten nach den Schwertgriffen.
    »Wenn es die Götter zulassen, gebe ich dir deinen Sohn heute in zwei Jahren wieder zurück. Das ist alles«, entgegnete Julius unerbittlich.
    »Dann sieh zu, dass es sich so fügt, Cäsar. Sollte er nicht überleben…« Cato presste die Worte durch die zusammengebissenen Zähne. Seine falsche Gelassenheit war verschwunden. »Sorge dafür.«
    Dann machte er kehrt und gab seinen Männern ein Zeichen, das Tor zu öffnen. Die Soldaten der Primigenia erreichten es zuerst, und Cato stieg in seine Kutsche, ohne sich noch einmal umzublicken.
    Sobald das Tor wieder geschlossen war und den Blick auf Catos Männer versperrte, trat Brutus an Julius heran.
    »Was fällt dir ein? Was meinst du wohl, wie viele dieser ›frei gelassenen Sklaven‹ Spione sein werden? Wie viele werden gedungene Attentäter sein? Hast du daran gedacht? Bei den Göttern, du musst dir etwas einfallen lassen, um ihn davon abzubringen.«
    »Willst du keine zusätzlichen tausend Mann für die Primigenia?«, fragte Julius.
    »Um diesen Preis? Nein, ich glaube, lieber hätte ich Germinius seinem Vater zurückgegeben oder das Gold genommen. Ein kleineres Kontingent könnten wir überwachen lassen, aber keine tausend! Damit können wir der vollen Hälfte der Primigenia nicht trauen. Das ist doch verrückt.«
    »Du weißt, dass er Recht hat«, fügte Renius hinzu. »Schon hundert wären mir ein paar zu viel, aber tausend sind unmöglich.«
    Julius sah die beiden an. Sie waren nicht dabei gewesen, als er die Küsten nach Söhnen Roms abgesucht hatte, und sie waren auch nicht dabei gewesen, als er seine Veteranen in Griechenland gefunden hatte.
    »Wir machen sie zu den unseren«, sagte er, ohne auf seine eigenen Zweifel zu achten.
    Nachdem er so lange geschlafen hatte, bis die Sonne ihren höchsten Stand über der winterlichen Stadt erreicht hatte, erwachte Cato mit Kopfschmerzen, die sich nicht einmal mit heißem Wein vertreiben ließen. Sein Schädel pochte immer noch leicht, als er Antonidus zuhörte und sich dabei kaum aufrecht halten konnte.
    »Zehntausend Sesterzen sind viel, sogar für einen Tod, Antonidus«, sagte er. Mit einigem Vergnügen beobachtete er, wie sich auf der Stirn des Feldherrn eine Schweißperle bildete, denn er wusste ebenso gut wie sein Gegenüber, dass der Attentäter aus purer Gehässigkeit einen anderen Mord verüben würde, sollte das Geld nicht gezahlt werden. Ihn warten zu lassen, war, wie Cato wusste, eine schlechte Antwort, trotzdem ließ er die Zeit zäh verrinnen und trommelte mit den Fingern gelangweilt auf der Armlehne seiner Liege. Mit Pompeius’ offener Feindschaft hatten sie natürlich rechnen müssen, selbst wenn der Attentäter keine Tonmünze in der Hand des kleinen Mädchens zurückgelassen hätte, so wie es ihm berichtet worden war. Cato hätte nicht vermuten können, dass der Senator seine Gefälligkeiten einfach wegwerfen würde, nur um seinen Standpunkt deutlich zu machen, auch wenn er der Gerissenheit dieses Schachzuges durchaus Beifall zollte. Er hatte gehofft, Pompeius würde in seinem Kummer und seinem Wahn überstürzt handeln und Cato dadurch die Möglichkeit geben, ihn festnehmen und aus den Machtspielen des Senats entfernen zu lassen. Stattdessen hatte Pompeius eine Beherrschtheit an den Tag gelegt, die ihn als weitaus gefährlicheren Feind auswies, als ihm bewusst gewesen war. Cato seufzte und kratzte sich im Mundwinkel. Seine Feinde würden ihn sicherlich als einen der Mächtigen in Rom einschätzen.
    »Ich wäre versucht, deiner Rache mein Geld und meine Unterstützung zu entziehen, Antonidus, wenn wir nicht diesen gemeinsamen Prozess vor uns hätten. Ich habe Rufus Sulpicius als unseren Rechtsvertreter bestellt.«
    »Gegen Cäsar kann ich mich selbst zur Wehr setzen, Senator. Der Fall ist doch ganz einfach«, gab Antonidus erstaunt zurück.
    »Nein. Ich will diesen jungen Gockel demütigen. Nach allem, was ich gesehen habe, ist er jung und unbesonnen genug, um leicht zu Fall gebracht zu werden. Eine öffentliche Demütigung vor dem Magistrat und den Plebejern dürfte dafür sorgen, dass sein frisch erworbener Tribunenrang nicht mehr ganz so makellos glänzt. Für die Unverschämtheiten, die du erlitten hast, könnten wir sogar seinen Tod verlangen.« Cato rieb sich mit geschlossenen Augen und gespitztem Mund die Stirn. »Es gibt sehr wohl einen Preis für meinen Sohn, und er muss ihn bezahlen. Lass dich von Sulpicius vertreten. Es gibt kaum einen schlaueren Kopf in Rom als ihn. Er bestellt die Anwälte für dich und sucht Präzedenzfälle heraus. Ich zweifle nicht daran, dass dieser Cäsar sich sehr gut vorbereitet. Hast du die Boten losgeschickt?«
    »Nein, ich warte noch darauf, dass ein Termin vereinbart wird. Ich habe mich an den Prätor gewandt, aber bislang noch keine Antwort erhalten.«
    »Genau deshalb, Antonidus, brauchst du einen Mann wie Sulpicius. Triff dich mit ihm und übergib ihm deinen Fall. Er arrangiert dir in weniger als einem Monat einen Termin. Das ist sein Geschäft, verstehst du? Du bekommst das Haus im Handumdrehen zurück, wofür ich deine angemessene Dankbarkeit erwarte und du dich hoffentlich in meiner Schuld siehst.«
    »Allerdings, Senator. Und das Geld?«
    »Ja, ja«, sagte Cato gereizt, »du bekommst dein Geld, sowohl für die Verhandlung als auch… diese andere Sache. Und jetzt lass mich ruhen. Es war ein langer und ermüdender Tag.«
    Selbst in seinen eigenen vier Wänden sprach er nicht unüberlegt, und es machte ihm Spaß, Verschwörungen von der Sorte zu planen, die ihn zwangen, Männer wie Antonidus in seine Dienste zu nehmen. Er wusste, dass viele der Senatoren ihn lediglich als Mann der Worte ansahen, der einem scharfen Wortgefecht ihren kriegerischen Posen den Vorzug gab. Die Attentäter waren eine köstliche Abwechslung von seinen üblichen Intrigen, und er fand die Macht, die sie ihm verliehen, geradezu berauschend. Die Möglichkeit, auf jeden beliebigen Menschen zu zeigen und seinen Tod zu bestimmen, war sogar für seinen verwöhnten Gaumen ein ungewöhnlicher Kitzel. Nachdem der Feldherr gegangen war, rief er nach einem kühlen Tuch und legte es sich übers Gesicht.

32

    Die Verhandlung begann, als der Himmel im Osten Roms hell wurde, jene falsche Dämmerung, die die Arbeiter weckte und die Diebe und Huren zu Bett schickte. Der Abschnitt des Forums, der gerichtlichen Belangen vorbehalten war, war noch immer von Fackeln erleuchtet, und an seinen Rändern hatte sich eine beträchtliche Menschenmenge versammelt. Nur eine dichte Reihe Soldaten aus der Stadtkaserne hielt die Zuschauer zurück. Direkt dem Kommando des Prätor unterstellt, der der Verhandlung vorstand, war es ihre Aufgabe, im Falle eines unpopulären Urteilsspruchs für Ruhe und Ordnung zu sorgen, und die Menge sah sich vor, nicht in die Reichweite ihrer Knüppel zu geraten. Sogar die Bänke zu beiden Seiten des für die Advokaten reservierten Bereichs waren besetzt, was für eine scheinbar unbedeutende Angelegenheit ungewöhnlich war. Viele von denen, die Julius aus dem Senat kannte, waren gekommen; entweder auf seine Einladung hin oder auf die des Antonidus. Seine eigene Familie war auf dem Gut geblieben. Cornelia und seine Tochter mussten unter dem Schutz der Primigenia bleiben, außerdem wollte Julius Tubruk trotz all seiner Versicherungen, dass man ihn nicht erkennen würde, nicht in der Nähe von Antonidus oder den anderen Senatoren wissen.
    Julius’ suchender Blick fand Brutus in der zweiten der drei Reihen, direkt neben einer Frau, die den Kopf hob, um seinen Blick zu erwidern. Etwas in ihrem kühl taxierenden Blick war irritierend, und er fragte sich, wieso sie aus der Menge um sie herum herauszustechen schien, als säße sie ein wenig näher als alle anderen. In einem zeitlosen Augenblick lehnte sie sich ein wenig zurück und hielt seine Aufmerksamkeit gefangen. Sie trug das Haar offen, und bevor er die Willenskraft aufbrachte, den Blick abzuwenden, hob sie eine Hand, um eine Haarsträhne zurückzustreichen, die ihr über das Gesicht gefallen war.
    Er musste sich zwingen, sich zu entspannen und zu konzentrieren; tief atmete er die warme Luft ein und ging noch einmal die einzelnen Punkte durch, die er in den Wochen nach den offiziellen Vorladungen mit den Rechtsgelehrten ausgearbeitet hatte. Wenn der Fall gerecht verhandelt wurde, hatte er eine hervorragende Chance, zu gewinnen, doch wenn einer der drei Richter von einem seiner Feinde bezahlt worden war, konnte die Verhandlung rasch in ein lächerliches Spektakel umschlagen, bei dem alles gewonnen wurde, nur nicht das abschließende Urteil. Sein Blick wanderte über die noch immer anwachsende Menge, die genau zu wissen schien, was heute für ihn auf dem Spiel stand. Sie waren der Unterhaltung wegen gekommen, bereit, kluge Argumente zu bejubeln oder niederzumachen. Julius hoffte, dass einige von ihnen auch der Gerüchte wegen gekommen waren, die seine Anwälte in der Stadt gestreut hatten, dass die Verhandlung nichts anderes sei als der Versuch, die Ehre des Marius wiederherzustellen. Es schienen sehr viele Plebejer darunter zu sein, und die Händler, die gebratenen Fisch und warmes Brot feilboten, machten schon jetzt hervorragende Geschäfte, während die Leute ungeduldig auf das Erscheinen der Magistrate und des Prätors warteten.
    Julius sah noch einmal zu den mit Stoff verhüllten Schilden hinüber, die Alexandria fertig gestellt hatte, und bemerkte, dass viele aus der Menge die Hälse reckten, um ebenfalls einen Blick darauf zu erhaschen und dabei eifrig mit den Fingern zeigten und sich unterhielten. Nur Alexandria, Tabbic und er selbst wussten, was sich unter den schweren Stofffalten verbarg, und Julius verspürte eine leise Erregung bei dem Gedanken an die Reaktionen, die sie auslösen würden, wenn er sie schließlich enthüllte.
    Hinter ihm gingen seine drei Anwälte noch einmal mit gebeugten Köpfen und unter leisem Gemurmel ihre Unterlagen und Notizen durch. Es hatte ihn zwei Talente Gold gekostet, Quintus Scaevola damit zu beauftragen, den Fall für ihn vorzubereiten, aber es gab nur wenige Männer in Rom, die sich in den Zwillingsverordnungen der Zwölftafelgesetze und des Gewohnheitsrechts besser auskannten als er. Es hatte bereits einer beträchtlichen Summe bedurft, um ihn aus dem Ruhestand zu locken, doch trotz seiner steifen Gelenke hatte sich der Verstand hinter den Augen mit den schweren Lidern als ebenso scharf erwiesen, wie man es Julius berichtet hatte. Er sah zu, wie Quintus den Unterlagen für die Verhandlung eine Fußnote beifügte, und fing seinen Blick auf, als er nachdenklich aufschaute.
    »Nervös?«, fragte Quintus und wedelte mit dem Bündel Pergamente zu dem Gericht und der dunklen Menge dahinter hinüber.
    »Ein wenig schon«, gestand Julius. »Es steht viel auf dem Spiel.«
    »Denk an den Streitwert. Diesen Punkt lässt du immer aus.«
    »Ich weiß, Quintus. Wir sind es oft genug durchgegangen«, erwiderte Julius. Der alte Rechtsgelehrte war ihm ans Herz gewachsen, auch wenn der Mann nur für das Gesetz zu leben schien und sich um die anderen Belange der Stadt nicht zu scheren schien. Julius hatte ihn in der ersten Woche ihrer Zusammenarbeit scherzhaft gefragt, was er täte, wenn er erführe, dass sein Sohn ein Haus in der Stadt angezündet hatte. Nachdem er eine ganze Weile schweigend überlegt hatte, hatte Quintus erwidert, dass er den Fall nicht annehmen könne, da das Gesetz es verböte, sich selbst als Zeugen aufzurufen.
    Quintus drückte Julius mit strenger Miene die Unterlagen in die Hand. »Scheue dich nicht, um Rat zu fragen. Sie werden versuchen, dich zu vorschnellen Äußerungen zu verleiten. Wenn du das Gefühl hast, dass dir die Argumente entgleiten, wende dich ab, und ich werde dich beraten, so gut ich kann. Erinnerst du dich noch an den Abschnitt aus den Zwölftafelgesetzen?«
    Julius hob gereizt die Augenbrauen. »Der, den wir alle schon als Kinder auswendig gelernt haben? Ja, den kenne ich.«
    Quintus rümpfte angesichts dieses Sarkasmus die Nase. »Vielleicht solltest du ihn noch einmal aufsagen, um sicherzugehen.«
    Julius wollte etwas entgegnen, wurde aber vom fröhlichen Jubel der Menge unterbrochen.
    »Der Magistrat und der Prätor. Nur eine Stunde zu spät, Meister Scaevola«, zischte einer der jüngeren Anwälte Quintus zu. Julius folgte ihren Blicken und sah die Gruppe aus dem Senatsgebäude kommen, in dem sie sich vorbereitet hatte.
    Als die vier Männer mit ihren Leibwachen in den Gerichtsbereich schritten, verstummte die Menge wieder. Julius musterte sie eingehend. Der Prätor war ihm nicht bekannt, ein kleiner, rotgesichtiger Mann mit Halbglatze. Er ging mit geneigtem Kopf, wie ins Gebet vertieft, und nahm auf dem erhöhten Podium Platz, das eigens für die Verhandlung aufgebaut worden war. Julius sah, wie der Prätor dem Zenturio der Wachen zunickte und den Magistrates das Zeichen gab, sich neben ihm niederzulassen.
    Diese Männer waren ihm vertraut, und er stieß einen stummen Seufzer der Erleichterung aus, als er sah, dass ihm keines der Gesichter aus den Fraktionen des Senats bekannt war. Seine schlimmste Furcht war die, dass sie Catos Handlanger sein könnten, doch als einer von ihnen ihm zulächelte, hellte sich seine Stimmung auf. Der Volkstribun nahm als ältester der Richter seinen Platz als Letzter ein. Die Menge ließ vielstimmigen Jubel für ihren Vertreter vernehmen, und der Mann lächelte zurück und hob kurz die Hand. Sein Name war Servius Pella, viel mehr konnte sich Julius über ihn nicht in Erinnerung rufen. Sein Haar war bis dicht an den knochigen Schädel geschoren, die tief liegenden Augen sahen im trüben Licht der Fackeln fast schwarz aus. Julius bedauerte flüchtig, dass er sich nicht die Zeit genommen hatte, den Mann am Rande einer Senatssitzung kennen zu lernen, schob den Gedanken aber sofort wieder beiseite. Er wusste, dass es sinnlos war, sich der Magistrates wegen Sorgen zu machen. Wenn es ihm gelang, mit dem gespreizten Auftreten von Antonidus’ Advokat Rufus fertig zu werden, so hatte er gute Aussichten. Sollte er gedemütigt werden, verlor er nicht nur das Haus, das einmal Marius gehört hatte, sondern auch einen Großteil seines Ansehens im Senat und in der Stadt selbst. Doch er bereute keines der Risiken, die er eingegangen war, um diese Verhandlung zu erzwingen. Marius hätte nicht weniger erwartet.
    Julius warf einen Blick zu Cato hinüber und sah, dass dessen starrer Blick auf ihm ruhte. Wie immer war Bibulus an Catos Seite, ebenso Catalus. Julius sah, dass Suetonius neben seinem Vater saß, das gleiche überhebliche Lächeln auf beiden Gesichtern. Selbst wenn sie ihm nicht bekannt gewesen wären, hätten ihre Mienen sie als Verwandte ausgewiesen.
    Julius wollte seinen Zorn nicht zeigen und schaute weg. Catos Anhänger würden noch rechtzeitig lernen, ihn zu fürchten, wenn er die Pfeiler ihres Einflusses einen nach dem anderen einriss.
    Quintus klopfte Julius auf die Schulter und setzte sich zu den anderen Anwälten. Die Menge scharrte mit den Füßen und flüsterte, da sie spürte, dass die Verhandlung jeden Augenblick beginnen musste. Julius warf noch einmal einen Blick auf die Schilde, ob keine der Hüllen verrutscht und auch nur ein Teil der Bronzeplatten zu sehen war.
    Der Prätor erhob sich langsam und strich die Falten seiner Toga glatt. Auf seine Handbewegung hin wurden die Fackeln erstickt, und alle warteten darauf, bis alle verloschen waren und das Forum nurmehr vom grauen Licht des jungen Tages erhellt wurde.
    »Dieses erhabene Gericht ist am vierundneunzigsten Tag des konsularischen Jahres zusammengetreten. So soll es in den Annalen verzeichnet werden. Vor dem Angesicht der Götter fordere ich alle Anwesenden auf, hier nichts als die Wahrheit zu sprechen, unter Androhung der Verbannung. Wer auch immer vor diesem Gericht falsches Zeugnis ablegt, dem wird Feuer, Salz und Wasser verweigert, und er wird weit von dieser Stadt fortgeschickt, auf dass er nie wieder zurückkehre, so wie es die Edikte vorschreiben.«
    Der Prätor hielt inne und drehte sich zur Seite, um zunächst Antonidus und dann Julius ins Auge zu fassen. Beide Männer verneigten sich zum Zeichen ihres Einverständnisses, und er fuhr mit schneidender Stimme fort, die bis in die